Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
26 September 1920, Dornach
30. Ansprache zur Rezitation aus «Der Seelen Erwachen» bei der Eröffnungshandlung der anthroposophischen Hochschulkurse
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden! Es soll nun zur Rezitation kommen eine Szene aus meinem dramatischen Mysterium «Der Seelen Erwachen», und zwar diejenige Szene, in der ich versucht habe, wiederzugeben – ich möchte sagen – aus der modernen Seele heraus wiederzugeben dasjenige, was innerhalb der alten Mysterien gelebt hat, eben gelebt hat in jenem instinktiven Zusammenwirken von Kunst, Religion, Wissenschaft, wie ich das mir erlaubte heute anzudeuten. Ich möchte vorausbemerken, dass es sich gewiss niemals hier bei alle dem, was von hier ausgehen soll, darum wird handeln können, irgendeine der alten, sei es auch für ihre Zeit noch so berechtigten Weltanschauungsströmungen oder Kulturimpulse wieder zu erneuern. Das können wir doch ruhig anderen überlassen, was versucht wird – etwa aus dem alten oder auch gefälschten alten Indiertum – für die abendländische Zivilisation wiederum aufzuwärmen. All dieses Aufwärmen kann keine heilsame Wirkung haben. Dasjenige, was von hier aus versucht wird, ist vielmehr das Eröffnen wirklich neuer, dem gegenwärtigen Entwicklungszustande der Menschheit angemessener Geistesquellen. Aber deshalb ist es doch gerade so wichtig für solche geistige Impulse und ihr Inkrafttreten-Lassen, sich zu versenken in dasjenige, was in früheren Zeiten aus instinktiver Urweltweisheit heraus und aus von dieser Urweltweisheit durchtränkter Kunst, Religion geschaffen und erstrebt worden ist, sich da hineinzuversenken, so wie es [wichtig] ist für die äußere Weltbetrachtung, sich in das geschichtliche Werden der Menschheit zu vertiefen. Deshalb habe ich unter manchem anderen, was eben in der Gegenwart steht, auch gegeben in meinen Mysteriendramen Rückblicke auf solche Bestrebungen innerhalb der alten Mysterien, durch deren Tätigkeiten man sehen kann, wie aus ihnen heraus inspiriert wurden Regierungen, sonstige die Welt bewegende Kräfte. Und dasjenige, was jetzt zur Rezitation kommen soll, ist die Wiederbelebung einer Szene aus den ägyptischen Mysterien, die Wiederbelebung nicht so, wie sie der Archäologe etwa versucht. Dagegen hat sich ja schon der so einsichtige Kunsthistoriker Herman Grimm gewendet, dass man aus irgendwelchen paläontologisch oder philologisch erhaltenen Überresten so etwas wieder herzustellen versucht. Derjenige, der geisteswissenschaftlich zu forschen vermag, für den stellt sich die Möglichkeit heraus, in einer wirklich modernen Sprache und in moderner künstlerischer Form dasjenige wiederzugeben, was aus dem Geiste heraus erkannt werden kann an ehemaligem Mysterieninhalt oder anderem geistigen Inhalt. Und so ist versucht worden, aus den Mysterienhandlungen des alten Ägyptens heraus gerade dasjenige vor die moderne Seele wieder hinzustellen, was darauf hinweist, wie aus einem gewissen Umschwunge des ägyptischen Mysterienwesens sich herausgebildet hat der Übergang der ägyptischen Kultur zur griechischen Kultur, wie aus Schuld und Strafe, aus Sühne und Erlösung, aus Wollen und Betrachten des Aristokratismus, Konservatismus und radikalem Vorwärtsstreben entstanden ist unter geistigem Einfluss aus dem alten Ägyptertum heraus das Griechentum, das sollte in dieser Szene zur Darstellung kommen. Und diese Szene, die ja deshalb künstlerisch eine gewisse Modulation erfahren musste, weil in ihr viele Persönlichkeiten spielen, diese Szene soll eine Probe derjenigen Rezitations- und Deklamationskunst geben, über die auch noch hier gesprochen werden soll, über die weitere Proben geliefert werden sollen, über diejenige Deklamations- und Rezitationskunst, wie wir sie gerade hier gepflegt haben wollen.
