Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
15 September 1921, Berlin
111. Die Bedeutung der Anthroposophie in Wissenschaft und Leben der Gegenwart
[ 1 ] Ich schätze Dr. Rudolf Steiner als Idealisten, als einen Menschen, in dem ein zielsicherer Idealismus zur Ethik wird. In einer Zeit, in der trotz aller gegenteiligen Phrasen der Materialismus weite Volkskreise vergiftet, ist es wohltuend, einen Mann wie Rudolf Steiner im Vortragssaal zu hören, eine Persönlichkeit, die mit heiligem Fanatismus für ihren Lebensglauben eintritt. Obwohl Steiner den Grafen Hermann Keyserling bekämpft, so nimmt seine Lebensphilosophie doch ihre Kräfte aus dem gleichen Urgrund. Die altindische Weisheit ist die Mutter beider Systeme. Nur dass Steiner urwüchsiger und volkstümlicher wirkt als Keyserling, der in gewissen geistigen Traditionen lebt. Und dennoch stößt mitunter das Unbeherrschte in dem Überzeugungswillen Steiners ab. Dann verlieren die feinen inneren Schwingungen plötzlich die Gewalt über ihn, und das gesteigerte Lautmaß in der Stimme des Vortragenden tritt allein in Erscheinung. Die Überzeugungskraft leidet unter dem Aufgebot an Stimmmitteln. Nichtsdestoweniger rief Steiner mit dem ersten Teil seines Vortrages über die Bedeutung der Anthroposophie einen tiefen Eindruck bei den Zuhörern hervor, die am Donnerstagabend den großen Saal der Philharmonie bis auf den letzten Platz füllten. Weniger durch die Neuartigkeit seiner Gedanken – den meisten waren sie vertraut – als durch die hingebende Art seines Eintretens für seine Lebensidee. Nach einer kurzen geschichtlichen Einleitung entwickelte er seine programmatischen Sätze. Als seinen Vorgänger erkennt er Goethe an, in dessen Streben nach der Erkenntnis des göttlichen Geistes in allem, was sich den Sinnen darbietet. Aber die Anthroposophie Steiners geht über die Weltanschauung Goethes hinaus und sucht weiter zu bauen. Nicht mit dem Verstand und der reinen Naturwissenschaft allein können wir in das innerste Wesen des Menschen eindringen, in den Inhalt des Seelenlebens. Aber die Naturwissenschaft wird nicht abgelehnt, sie wird willkommener Mitarbeiter, wenn sie sich mit der Geisteswissenschaft vermählt. Weder auf schwärmerische Naturphilosophie noch auf die Mystik des Okkultismus darf sich die Anthroposophie einlassen. Durch die Erweckung der wertvollen Kräfte des Seelenlebens führt ihr Weg über eine höhere Stufe des Denkens. Die Meditation, die Innenschau, wird das Mittel, die übersinnliche Welt, das Unbewusste in das Bewusstsein zu erheben und ein höheres Ich zu erwecken. Die Überwindung der materialistischen Gebundenheit durch die Überwindung des Leibes führt zur Erkenntnis der Zusammenhänge des menschlichen Inneren mit der äußeren Welt, der Beginn der ethischen Befreiung. Man lebt sich allmählich in den Astralleib. Hier beginnt die Spekulation, die mit Ethik vermischt wird. Die Präexistenz der Seele wird kurz berührt. Aber man fühlt mit einer gewissen Peinlichkeit, gleichgültig wie man zu diesem Problem steht, dass ein Vortrag mit einer knapp bemessenen Zeit nicht geeignet ist, sich mit dem Für und Wider dieser Fragen auseinanderzusetzen. – Mit den praktischen Auswirkungen seiner Ideen schließt Steiner seine Ausführungen. Einflüsse auf die Soziologie, seine «Dreigliederung des sozialen Organismus», die im vorigen Jahre nach den Grundsätzen Steiners in Süddeutschland gegründete Aktiengesellschaft «Der Kommende Tag» werden gestreift. Leider nur im Telegrammstil, sodass nur der Eingeweihte zu folgen vermag. – Was Steiner in den zwei Stunden des Vortrags gab, war eine Übersicht über seine Lebensanschauung und sein Lebenswerk. Es fehlte die beherrschende Beschränkung. Er gab zu viel, um in allem in die Tiefe dringen zu können, was im Grunde der Vorwurf des Vortrags erforderte. Aber wer die unermüdliche Schaffenskraft des Sechzigjährigen und den Ernst kennt, mit dem er sich seinem Apostelamt hingibt, wird über die Schwächen dieses Vortragsabends hinwegsehen, auch wenn er den Lehrsätzen dieses bedeutsamen Mannes nicht immer zustimmen kann.
