Nachträge zur Abteilung öffentliche Vorträge
GA 85
27 Januar 1922, Hamburg
112. Das Wesen der Anthroposophie
[ 1 ] Dunkel, bartlos, ein geistvolles scharf geschnittenes Schauspielergesicht; auf schmalem, fast zierlichem Körper ein etwas zu großer Kopf, so trat Rudolf Steiner vor seine Gemeinde. Und er hub an zu reden, und also sprach er zu seinem Volke: Lasst euch nicht irren von solchen, die Philosophen heißen und sich erhaben dünken über die Welt ihrer Sinne! Ich sage es euch, ein Kerl, der spekuliert, ist wie ein Tier auf dürrer Heide. Von einem bösen Geist im Kreis umhergeführt. Und ringsherum ist schöne grüne Weide. – Traut auch den Mystikern nicht! Wie jene in die Weite, so überschreiten diese in die Tiefe die Grenzen, die der menschlichen Erkenntnisfähigkeit gezogen sind. Allein die Naturwissenschaften zeigen den Weg, auf dem der Mensch zu sicherem Wissen gelangen kann. Durch ihre Methoden, durch Übung und Experiment sollt ihr das Licht eurer Sinne heller machen, sollt ihr eure Seelenkräfte steigern, sollt ihr euch so weit konzentrieren, dass das Ganze eurer Substanz gleich einem selbstständig gewordenen, von seinem Körper losgelösten Auge zum Übersinnesorgan werde und euch das Übersinnliche offenbare. Dann zeigt euch, dreifach gestuft, imaginative, inspiratorische und intuitive Erkenntnis den subjektiven «Zeitorganismus» eures Lebens- oder Ätherleibes, lässt euren Blick zurück bis in die letzten Unendlichkeiten eures vorweltlichen Sinnes schweifen und enthüllt eurer Schau den Punkt, wo sich das aus Sonnenhaftem und Mondhaftem gewirkte Gespinst des Körperlichen in eurem Ich individualisiert zum Kosmischen verwebt. Wie – ihr seht dies alles nicht? Tut nichts: Ihr ahnt es wenigstens. So folgt denn gläubig dem, der die Gabe des Schauens in alle Weltweiten und alle Welttiefen empfangen hat, der, Kopernikus und Galilei gleich, künftigen Jahrhunderten und Jahrtausenden eine Welterkenntnis erschlossen hat, zu deren Höhe sich die Mitwelt im Ganzen noch nicht zu erheben vermag. Folgt also mir! Und ihr könnt, ihr werdet, ihr sollt sehend werden – wie ich. Und seid ihr nicht willig, so brauch ich Gewalt. – Und er hub an zu rufen. Und sein Ruf erklang wie schmetternder Fanfarenlaut, als wolle er die Trägen und die Müden aufschrecken und jeglichen zögernden Widerstand durch die Kraft seiner Lungen akustisch zerschmettern. […].
