Paths and Goals of Spiritual Man
GA 125
4 June 1910, Copenhagen
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Paths and Goals of Spiritual Man, tr. SOL
4. Wege und Ziele des geistigen Menschen II
4. The Paths and Goals of Spiritual Man II
[ 1 ] Wenn man von den Wegen und Zielen des geistigen Menschen spricht, wird einem immer wieder die Frage entgegentreten: Warum soll man daran denken, solche besonderen Wege zu gehen? Warum werden wir durch die Geisteswissenschaft darauf hingewiesen, uns derartige Ziele zu stellen? - Was wir als Antwort zu geben haben, muß sich für uns in Empfindung und Gefühl verwandeln. Es wurde immer wieder darauf hingewiesen, daß in der menschlichen Wesenheit und Natur Kräfte schlummern, welche zur Entwickelung streben, welche entfaltet werden können. Jeder Mensch hat in sich außer dem Menschen, der in der physischen Welt sieht und hört, einen höheren Menschen. Dieser ist als eine Art Samen keimhaft vorhanden. Das bringt uns die Geisteswissenschaft immer eindringlicher zum Bewußtsein. Es ist ein Mensch, von dem das gewöhnliche Bewußtsein nicht viel weiß.
[ 1 ] When speaking of the paths and goals of the spiritual human being, one is repeatedly confronted with the question: Why should one consider following such special paths? Why does spiritual science urge us to set such goals for ourselves? — The answer we must give must become a matter of feeling and intuition for us. It has been pointed out time and again that there are forces slumbering within the human being and in human nature that strive toward development and can be unfolded. Every human being has within them, besides the human who sees and hears in the physical world, a higher human. This higher human exists as a kind of seed. Spiritual science brings this to our consciousness with ever greater urgency. It is a human of whom ordinary consciousness knows very little.
[ 2 ] Wir müssen uns folgendes klar zur Empfindung bringen: Was wir jetzt überschauen können, das ist unser gewöhnlicher alltäglicher Mensch. Derjenige aber, der in uns schlummert, der als Same in uns veranlagt ist, ist ein geistiger Mensch. Ob dieser sich entwickelt oder nicht, hängt von unserem gewöhnlichen Menschen ab. Wir können mit den Kräften unseres gewöhnlichen Menschen den Boden vorbereiten, wir können ihn aber auch unbebaut lassen und uns nicht um ihn kümmern. Dann versäumen wir unserem geistigen Menschen gegenüber unsere Pflicht. Durch die Geisteswissenschaft selber, durch das, was sie uns als Lehren und Mitteilungen geben kann, können wir für diesen höheren Menschen den Boden bereiten. Wenn wir diese Einsicht in Empfindung und Gefühl verwandeln, wird uns das die Antwort auf die Frage geben: Ist es nicht ein höherer Egoismus, uns in dieser Art mit uns selbst zu beschäftigen? — Solange wir nichts von Geisteswissenschaft erfahren haben, ist es unser Karma, zu warten. Haben wir aber einmal von dem in uns schlummernden höheren Menschen gehört, ist es unsere Pflicht, dasjenige zu tun, was seine Kräfte zur Entwickelung bringen kann, um unsere Aufgaben in der Welt besser zu erfüllen. Wir können also hier nicht von Egoismus sprechen, sondern nur von Verpflichtung unserem geistigen Menschen gegenüber.
[ 2 ] We must clearly grasp the following: What we can currently perceive is our ordinary, everyday human being. But the one who slumbers within us, who is planted within us as a seed, is a spiritual human being. Whether this spiritual human being develops or not depends on our ordinary human being. We can use the powers of our ordinary human being to prepare the ground, but we can also leave it uncultivated and neglect it. Then we fail in our duty toward our spiritual human being. Through spiritual science itself, through what it can offer us in the form of teachings and insights, we can prepare the ground for this higher human being. If we transform this insight into feeling and emotion, it will give us the answer to the question: Is it not a form of higher self-interest to engage with ourselves in this way? — As long as we have not learned anything about spiritual science, it is our karma to wait. But once we have heard of the higher human being slumbering within us, it is our duty to do whatever can bring its powers to development, so that we may better fulfill our tasks in the world. We cannot therefore speak here of egoism, but only of a duty toward our spiritual human being.
[ 3 ] Dies ist der richtige Standpunkt des Theosophen gegenüber dem äußeren Leben. Theosophie gibt uns eine Anzahl von Mitteilungen, welche durch die Geistesforschung gewonnen sind. Doch deshalb braucht nicht jeder, welcher Theosophie leben will, ein Geistesforscher zu sein. Je mehr wir den Weg unserer inneren Entwickelung gehen können, desto besser ist es. Aber bevor wir selbst Resultate auf dem Gebiete der Geistesforschung erzielen, müssen wir uns ihre Inhalte von anderen erzählen lassen. Wenn wir uns genügend lange Zeit die Frage vorgelegt haben, bestätigt uns das äußere Leben die Mitteilungen der Geistesforscher. Haben wir diese Mitteilungen durch gesunde Logik begriffen, so ist uns die Möglichkeit gegeben, zu höheren Welten aufzusteigen. Vernunft und Logik sind dazu die sichersten Führer.
[ 3 ] This is the correct attitude of the theosophist toward external life. Theosophy provides us with a number of insights gained through spiritual research. However, this does not mean that everyone who wishes to live theosophy must be a spiritual researcher. The more we are able to follow the path of our inner development, the better. But before we ourselves achieve results in the field of spiritual research, we must have others tell us about its contents. If we have considered the question long enough, external life will confirm the findings of the spiritual researchers. Once we have grasped these findings through sound logic, we are given the opportunity to ascend to higher worlds. Reason and logic are the surest guides to this end.
[ 4 ] Die Frage kann entstehen: Wie sollen wir diese Mitteilungen verwenden? Wie uns zu ihnen verhalten? — Nehmen wir die Wahrheit, welche wir als das Gesetz von Karma bezeichnen. Es besagt, daß wir in späteren Erdenleben Ereignisse finden, die auf frühere Inkarnationen zurückweisen. Je mehr wir ein solches Gesetz der geistigen Forschung im Leben anwenden, um so mehr werden wir sehen, wie wahr es ist. Wie wir in der Sinneswelt niemals ein Dreieck finden, dessen Winkel nicht in der Totalsumme 180 Grad ergeben, so müssen uns die Verhältnisse des Lebens immer bestätigen, was in der geistigen Forschung als Gesetz erkannt wird. Und wenn die karmischen Wirkungen uns nicht übereinstimmend erscheinen, so wird dies allenfalls der geringfügigen Abweichung entsprechen, die sich beim Ausmessen eines Kreises mit Hilfe des Planimeters ergeben mag. Das Resultat wird vielleicht das eine Mal 361 Grad ergeben und das zweite Mal 359, aber das hebt nicht das Gesetz in sich selber auf. Ebensowenig wird das Gesetz der Schwerkraft umgestoßen, weil man durch einen Stoß das Lot einer Fallmaschine zur Seite schwingen läßt. Das beweist nur, daß ein anderes Resultat erreicht wird, wenn eine neue Kraft hinzutritt.
[ 4 ] The question may arise: How should we use this information? How should we relate to it? — Let us take the truth we refer to as the law of karma. It states that in later earthly lives we encounter events that can be traced back to earlier incarnations. The more we apply such a law of spiritual research to life, the more we will see how true it is. Just as we never find a triangle in the sensory world whose angles do not add up to 180 degrees, so the circumstances of life must always confirm what is recognized as a law in spiritual research. And if the karmic effects do not appear to us to be consistent, this will at most correspond to the slight deviation that may arise when measuring a circle with the aid of a planimeter. The result may be 361 degrees one time and 359 the next, but this does not negate the law itself. Nor is the law of gravity overturned because a jolt causes the plumb line of a falling-body apparatus to swing to one side. This merely proves that a different result is achieved when a new force is introduced.
[ 5 ] Die Geistesforschung zeigt ferner, wie uns innerhalb des Lebens zwischen Geburt und Tod Wiederholungen vorangegangener Zeitabschnitte entgegentreten. Was wir uns zum Beispiel in der ersten Kindheit zwischen dem dritten und siebenten Jahr aneignen, tritt uns in seiner karmischen Auswirkung im höchsten Lebensalter entgegen. Untersucht man, wie jemand seine erste Kindheit zubringen durfte, wird man in seinem Alter einen merkwürdigen Zusammenhang mit diesen Kindheitsjahren entdecken. Wenn er, statt unter dem äußeren Zwange gewisser Regeln gestanden zu haben, gesunde Bedürfnisse entwickelt hat, wird sich sein Alter anders gestalten. Vielfach pfropft man aber hinein, stopft hinein in die kindliche Seele, was man für richtig hält. Darauf kommt es jedoch nicht an, sondern das Kind muß das Bedürfnis bekommen, aus freiem Antrieb dies oder jenes zu tun. Es stellt sich dann heraus, daß der Mensch sich im Alter seine Gesundheit erhalten kann, daß er sich bis in seinen letzten Lebensabschnitt Frische und innere Kraft bewahrt.
[ 5 ] Spiritual research also shows how, in the course of life between birth and death, we encounter repetitions of earlier periods. For example, what we acquire in early childhood—between the ages of three and seven—manifests in its karmic effects in our old age. If one examines how a person was allowed to spend their early childhood, one will discover a remarkable connection with those childhood years in their old age. If, instead of having been subjected to the external constraints of certain rules, they developed healthy needs, their old age will take a different course. In many cases, however, people impose upon the child’s soul, cramming into it what they consider to be right. Yet this is not what matters; rather, the child must feel the need to do this or that of their own free will. It then turns out that a person can maintain their health in old age, preserving freshness and inner strength right into the final stage of life.
[ 6 ] Es gibt indessen noch viel bedeutsamere Zusammenhänge. Aus der Schrift der Menschen können Sie viel von dem erfahren, wie sich ihre Vergangenheit gestaltet hat.
[ 6 ] However, there are even more significant connections. From people’s writings, you can learn a great deal about how their past unfolded.
[ 7 ] Während des Alters von sieben bis vierzehn Jahren ist es nötig, daß der Mensch nicht zum vorzeitigen Gebrauch seiner Vernunft erzogen wird. Die Autorität muß bewirken, daß Wahrheit uns da als solche erscheint. Wenn wir die Menschen bewundern können, die uns in diesem Lebensabschnitt umgeben, kommt uns dies in unserem vorletzten Lebensabschnitt merkwürdig zustatten. Andächtiges Hinaufschauen zu Naturwundern, Stimmung zum Gebet sind segensreiche Faktoren für später. Frohe Anerkennung der Autorität kommt zurück, gewandelt in einer Weise, die selbstverständlich macht, daß ein solcher Mensch Autorität hat. Andacht, die Kinder in diesem Zeitabschnitt zu entwickeln imstande sind, hat zur Folge, daß sie zu Menschen werden, die ohne etwas zu tun, bloß in der Gemeinschaft anderer zu sein brauchen, um wie segnend zu wirken. Die Hand, die sich niemals in Andacht mit der anderen falten konnte, wird nie segnen können. Wer niemals gelernt hat, die Knie zu beugen, wird nie segnen können. Wenn Sie ein solches Gesetz durchdrungen haben, werden Sie es bestätigt finden. Auf diese Weise kann man die Wirkung des Karmagesetzes bereits im Zeitraum eines Menschenlebens verfolgen. So liefert uns das Leben überall Beweise für eine auf allen Gebieten wirkende Gesetzmäßigkeit.
[ 7 ] Between the ages of seven and fourteen, it is essential that a person not be taught to use their reason prematurely. Authority must ensure that truth appears to us as such. If we can admire the people who surround us during this stage of life, this will serve us well in the penultimate stage of our lives. Contemplating the wonders of nature and cultivating a disposition toward prayer are beneficial factors for later in life. Joyful acceptance of authority returns, transformed in a way that makes it self-evident that such a person possesses authority. The devotion that children are capable of developing during this period results in them becoming people who, without doing anything, need only be in the company of others to have a blessing-like effect. The hand that could never be folded in devotion with another will never be able to bless. Whoever has never learned to bend the knees will never be able to bless. If you have penetrated such a law, you will find it confirmed. In this way, one can already trace the effect of the law of karma within the span of a human lifetime. Thus, life provides us everywhere with evidence of a lawfulness at work in all areas.
[ 8 ] Es können natürlich Umstände eintreten, welche das Gesetz kaschieren. In der Physik kennen wir zum Beispiel das Gesetz des Falles. Denken wir uns einen Gegenstand, der in einem beliebigen Augenblick ohne Stütze, ganz sich selbst überlassen sich durch den Raum bewegt. Infolge des erwähnten Gesetzes wird sich dieser Gegenstand mit zunehmender Schnelligkeit der Erde nähern, bis er auf die Erde stößt. Der Gegenstand wird sich nach ganz bestimmten Gesetzen in der Richtung nach dem Mittelpunkt der Erde zu bewegen, er wird fallen. Denken wir uns weiter, daß plötzlich der im Fallen begriffene Gegenstand von einem horizontal gerichteten Schlag getroffen wird. Der naive Beobachter, der an der betreffenden Stelle der Erde die Ankunft des infolge des Gravitationsgesetzes senkrecht fallenden Gegenstandes erwartet, wird in diesem Falle vergebens warten. Der Gegenstand bleibt weg. Ist darum das Gesetz des Falles aufgehoben? Durchaus nicht. Durch den horizontal geführten Schlag ist nur eine neue Kraft hinzugetreten, und der Gegenstand bewegt sich unter deren Wirkung nunmehr in einer Kurve, welche dem Resultat der Schwerkraft und der später hinzugekommenen Kraft ganz gesetzmäßig entspricht, der Erde zu. An der Stelle, wo der Gegenstand unter diesen Umständen den Boden trifft, wird sein Fallen von einem beliebigen Beobachter als etwas ganz Zufälliges, Unberechenbares betrachtet. Dem ist aber nicht so. Die Gesetzmäßigkeit ist vollständig und unbestechlich.
[ 8 ] Of course, circumstances may arise that obscure the law. In physics, for example, we are familiar with the law of falling bodies. Let us imagine an object that, at any given moment, moves through space without support, entirely on its own. As a result of the aforementioned law, this object will approach the Earth with increasing speed until it strikes the Earth. The object will move toward the center of the Earth according to very specific laws; it will fall. Let us further imagine that the object in the process of falling is suddenly struck by a horizontally directed blow. The naive observer, who expects the arrival of the object falling vertically due to the law of gravity at the relevant point on Earth, will wait in vain in this case. The object does not arrive. Does this mean the law of falling has been suspended? Not at all. The horizontal impact has merely introduced a new force, and under its influence the object now moves in a curve that corresponds entirely, in accordance with the laws of physics, to the result of gravity and the subsequently added force, toward the Earth. At the point where the object strikes the ground under these circumstances, its fall is regarded by any observer as something entirely random and unpredictable. But this is not the case. The lawfulness is complete and incorruptible.
[ 9 ] Dasselbe gilt in vollem Maße für das Karmagesetz, obwohl wir ihm nur selten in allen seinen zusammengesetzten und verwickelten Wirkungen folgen können. Darum ist der Mensch stets geneigt, an seinem Karma zu zweifeln. Aber wie uns auch die äußere Maja verwirrt, wir sollen uns nur von dem belehren lassen, was Gesetz in unserer Seele geworden. Viele, welche in sich die Kräfte des Geistigen entwickeln wollen, werden es nicht für leicht halten, denn immer drängt sich das Leben, das physische, hinein. Da braucht nur etwas in unserem Dasein ein Hemmnis zu sein, wie leicht werden wir uns durch verkehrtes Urteil etwa zu Beleidigungen hinreißen lassen, ohne an die Folgen unseres Handelns zu denken. Wir geben einem Menschen einen Schlag und wissen nicht, daß wir die Hand gegen uns selbst erhoben, denn dieser Schlag wird uns zu seiner Stunde wieder treffen. Überall wirkt das Karmagesetz. Alles was uns im Leben trifft, geschieht unter dem Gesetz des Karma. Aber dadurch, daß wir dieses Gesetz bloß als eine Lehre, als Theorie betrachten, werden wir noch nicht Theosophen.
[ 9 ] The same applies fully to the law of karma, although we can rarely trace it in all its complex and intricate effects. That is why human beings are always inclined to doubt their karma. But no matter how much external Maya confuses us, we should allow ourselves to be guided only by what has become law within our soul. Many who wish to develop the spiritual powers within themselves will not find it easy, for physical life constantly intrudes. It takes only a minor obstacle in our existence for us to be easily led, through misjudgment, to commit acts of insult, for example, without thinking of the consequences of our actions. We strike a person and do not realize that we have raised our hand against ourselves, for this blow will strike us back in due time. The law of karma is at work everywhere. Everything that befalls us in life occurs under the law of karma. But merely viewing this law as a doctrine, as a theory, does not yet make us theosophists.
[ 10 ] Es gibt zwei Gefühle, welche wir uns aneignen müssen, wenn wir an unserem geistigen Menschen arbeiten wollen. Auf der einen Seite müssen wir uns sagen: Alles an uns kann noch vollkommener sein, nirgends ist eine Grenze im Aufsteigen. — In jedem Augenblick muß das Gefühl der Unvollkommenheit uns anspornen, höher und höher steigen zu wollen auf der Leiter der Vollkommenheit, die keine höchste Sprosse kennt. Das müssen wir uns immer wieder vor die Seele führen, sonst kommen wir in unserer Arbeit an unserem geistigen Menschen keinen Schritt weiter. Andererseits sollen wir uns sagen: Noch ein zweiter Schritt ist notwendig. — In jedem Augenblick sollen wir fühlen, daß eine unendliche Möglichkeit zur Vervollkommnung in uns liegt. Wir sollen unseren verborgenen Menschen so groß als möglich machen. Das ist ein scheinbarer Widerspruch, und der Mensch muß ihn als solchen fühlen. Zwischen diesen beiden Punkten, dem Gefühl der eigenen Unvollkommenheit und dem Streben, den verborgenen Menschen so groß als möglich zu machen, liegt die Entwickelung eingeschlossen.
[ 10 ] There are two attitudes we must adopt if we wish to work on our spiritual self. On the one hand, we must tell ourselves: Everything about us can be even more perfect; there is no limit to our ascent. — At every moment, the feeling of imperfection must spur us on to want to climb higher and higher on the ladder of perfection, which has no highest rung. We must constantly keep this before our minds; otherwise, we will not make any progress in our work on our spiritual self. On the other hand, we should tell ourselves: A second step is necessary. — At every moment we should feel that an infinite possibility for perfection lies within us. We should make our hidden self as great as possible. This is an apparent contradiction, and one must feel it as such. Development lies between these two points: the feeling of one’s own imperfection and the striving to make the hidden self as great as possible.
[ 11 ] Derjenige, der als Mystiker strebt, der in sein eigenes Innere hineinsteigt, der durch eine innere Vertiefung vorwärts will, muß durch den ersten Punkt hindurchgehen. Er muß sich die Demut aneignen. Die beste Regel, welche ein Mystiker sich setzen kann, ist die: sich alles, was ihm im eigenen Inneren entgegentritt, so unvollkommen wie möglich zu denken, ganz und gar abzusehen von der eigenen Persönlichkeit. Denn wer in sein eigenes Innere hineinsteigt, muß darauf vorbereitet sein, furchtbare Dinge zu erleben. Geschichten tragischen Erlebens spielen sich in der inneren Welt des Menschen ab, der sich in die Tiefen seines eigenen Wesens wagt. Ein Tauler, ein Eckhart, ein Paulus können davon Kunde geben. Und wie war die Hilfe, welche diese gegen die Gefahren suchten? Paulus sagt: Nicht ich, sondern der Christus in mir will handeln. - Nehmen Sie mit sich den Meister, das Ideal, aber empfinden Sie daneben, daß die Egoität ausgetrieben werden muß. Nicht von ihrem eigenen Ich sollte alles gefühlt, gewollt und ausgedacht sein. Ihr unwürdiges Ich mußte hinausgetrieben werden. Dieses Gefühl ist sehr ähnlich dem Schamgefühl beim gewöhnlichen Menschen. Ein anderer sein wollen, ein anderes in die eigene Seele hineinorganisieren wollen, das ist der Weg der Mystik.
[ 11 ] Anyone who strives to be a mystic, who delves into their own inner self, who seeks to advance through inner contemplation, must pass through the first stage. They must cultivate humility. The best rule a mystic can set for himself is this: to regard everything that confronts him within himself as imperfect as possible, and to completely set aside his own personality. For whoever descends into his own inner self must be prepared to experience terrible things. Stories of tragic experiences unfold in the inner world of the person who ventures into the depths of their own being. A Tauler, an Eckhart, a Paul can bear witness to this. And what help did they seek against these dangers? Paul says: Not I, but Christ in me will act. - Take the Master, the Ideal, with you, but realize at the same time that egoism must be driven out. Not everything should be felt, willed, and conceived by one’s own ego. One’s unworthy ego had to be driven out. This feeling is very similar to the sense of shame experienced by the ordinary person. To want to be someone else, to want to organize something else into one’s own soul—that is the path of mysticism.
[ 12 ] Und was gehört zum Weg des Okkultismus? Der Weg der Okkultisten führt in die Außenwelt. Will der Mensch den okkulten Weg verfolgen, muß er so leben, daß er sich allmählich gewöhnen lernt, wenn er während des Schlafes aus seinem Körper herausgetreten ist, die höhere Welt zu ertragen. Er muß sich ein Gefühl aneignen, ins Unendliche sich zu vervollkommnen. Aber auch hier kommt ihm eine Gefahr entgegen, wie dem Mystiker, wenn er in sein eigenes Innere hinuntersteigt. Die Gefahren, welche den Mystiker treffen, durften wir nennen; der Mystiker selbst berichtet darüber. Von den Wegen des Okkultisten wird nicht erzählt. Ein jeder muß sich selbst mit dieser Gefahr bekanntmachen.
[ 12 ] And what does the path of occultism entail? The path of the occultist leads into the outer world. If a person wishes to follow the occult path, he must live in such a way that he gradually learns to endure the higher world when he has stepped out of his body during sleep. He must cultivate a sense of perfecting himself in the infinite. But here, too, a danger confronts him, just as it does the mystic when he descends into his own inner self. We have been permitted to name the dangers that befall the mystic; the mystic himself reports on them. Nothing is said about the paths of the occultist. Everyone must familiarize himself with this danger.
[ 13 ] Wenn wir in unser eigenes Innere blicken, so wäre es schlimm, wenn wir nicht gelernt hätten, uns als eine Einheit zu empfinden, die ausgegossen über unser ganzes Wesen ist. Dieses Sich-halten-Können an eine Einheit wird durch jede Leidenschaft, die uns überkommt, zerrissen. Zorn, Neid, Haß zerstören unsere Kraft, den Blick auf die Einheit richten zu können. Und am schlimmsten ist es, wenn wir nicht gelernt haben, uns zu konzentrieren, wenn wir bald hierhin, bald dorthin getrieben werden. Fest und unbeeinflußt müssen wir lernen, uns als Einheit zu fühlen.
[ 13 ] When we look within ourselves, it would be tragic if we had not learned to perceive ourselves as a unity that pervades our entire being. This ability to hold onto that unity is torn apart by every passion that overwhelms us. Anger, envy, and hatred destroy our ability to focus on that unity. And the worst thing is when we have not learned to concentrate, when we are driven here and there. We must learn to feel ourselves as a unity, steadfast and uninfluenced.
[ 14 ] Suchen wir aber als Okkultist den Weg in die Außenwelt, so müssen wir unsere Persönlichkeit, wie sie eben charakterisiert wurde, ausscheiden. Hier darf man nicht eine Einheit suchen, welche der ganzen Außenwelt zugrunde liegt. Denn wenn wir uns in die geistige Welt hinauswenden, treffen wir auf eine unendliche Mannigfaltigkeit von Wesen und Verhältnissen. Wollte der Okkultist versuchen, in die Alleinheit einzudringen, welche hinter der ganzen manifestierten Welt liegt, so würde er zugrunde gehen. Denke man sich den Tropfen einer roten Flüssigkeit, und dieser Tropfen würde hineingegossen in ein großes Bassin mit Wasser. Flüssig, wie der Tropfen ist, würde er sich sofort in der Wassermasse auflösen, er würde zerfließen. So ergeht es dem ungefestigten Ich, wenn es in die Welt der Alleinheit eintreten will. Wir dürfen nicht wagen, allein dort eindringen zu wollen, denn wir verlieren uns, wie der rote Tropfen sich in der Wassermasse verliert. Wenn wir in das Astralreich eintreten wollen, werden wir auf eine Vielheit hingewiesen. Bei der Vielheit müssen wir anfragen, bei den Wesen, die höher stehen als wir, bei denen, die stufenweise selbst eine höhere Entwickelung durchgemacht haben, bei den Hierarchien jener Welt. Wir dürfen nichts überspringen wollen, denn eine Vermessenheit würde es sein, gleich bis zum Höchsten vordringen zu wollen. Wir müssen stufenweise lernen, mit Hilfe der höheren Wesen zu studieren, wenn wir die Alleinheit begreifen wollen. Der Hochmut zum Höchsten vordringen zu wollen, bringt sicher zu Fall. Wir müssen nicht aus unseren monotheistischen Vorstellungen heraus uns verleiten lassen zu glauben, daß wir, wenn der Schleier, der uns von der geistigen Welt trennt, zur Seite gleitet, nur eine einzige göttliche Alleinheit sehen. Es ist die Vielfältigkeit, in welche wir schauen, und auf die Vielfältigkeit müssen wir unseren Blick richten.
[ 14 ] But if, as occultists, we seek a path into the external world, we must set aside our personality, as it has just been characterized. Here, one must not seek a unity that underlies the entire external world. For when we turn toward the spiritual world, we encounter an infinite variety of beings and conditions. If the occultist were to attempt to penetrate the oneness that lies behind the entire manifested world, he would perish. Imagine a drop of a red liquid, and this drop were poured into a large basin of water. Being liquid, the drop would immediately dissolve into the mass of water; it would melt away. This is what happens to the ungrounded ego when it seeks to enter the world of Oneness. We must not dare to attempt to penetrate there alone, for we lose ourselves just as the red drop loses itself in the mass of water. When we wish to enter the astral realm, we are directed toward a multiplicity. In the face of this multiplicity, we must inquire—of the beings who stand higher than we do, of those who have themselves undergone a higher development step by step, of the hierarchies of that world. We must not try to skip anything, for it would be presumption to wish to advance straight to the Highest. We must learn step by step, with the help of the higher beings, if we wish to comprehend Oneness. The arrogance of wanting to advance to the Highest will surely lead to downfall. We must not allow ourselves to be led astray by our monotheistic conceptions into believing that, when the veil separating us from the spiritual world is drawn aside, we will see only a single divine Oneness. It is the multiplicity into which we look, and it is upon this multiplicity that we must direct our gaze.
[ 15 ] Aber wie sollen wir uns zurechtfinden? Pythagoras hat gesagt: Suchet die Vielfältigkeit nicht mit euren Augen, Ohren und Sinnen, suchet sie durch die Zahl! — Gerüstet mit der Zahl, sollen wir uns der Vielfältigkeit nähern. Wie der Mystiker das Ideal der höheren Vervollkommnung' in sein Inneres gießen muß, so muß der Okkultist an die Zahl appellieren. Und hier ist eine Eigenschaft absolut notwendig, nämlich die Sicherheit. Wir müssen uns sicher fühlen. Denn wenn der Mensch schwankt, was ist er da? Ein Irrlicht, ein flackerndes Licht, und die Welt ist ein Labyrinth. Wir brauchen einen Ariadnefaden, um zurückfinden zu können. Die Zahl macht uns fest, sie müssen wir im Auge haben. — Wenn du in die geistige Welt eintreten willst, mußt du aus dir selbst heraustreten, du mußt zunächst in das Chaos des Vielen gehen. — Wie finden wir den Faktor? Wo ein ordnendes Prinzip? Durch die Zahl, durch die Gesetzmäßigkeit der Zahl finden wir es. Wir müssen in das Wesen der Zahl eindringen und ihren wirklichen Wert kennenlernen. Die Zahl allein kann uns in dem Labyrinth zum Führer werden. Die Zahl kann uns vieles lehren, und gewissen Zahlen liegen tiefe Geheimnisse zugrunde.
[ 15 ] But how are we to find our way? Pythagoras said: Do not seek diversity with your eyes, ears, and senses; seek it through numbers! — Armed with numbers, we must approach diversity. Just as the mystic must pour the ideal of “higher perfection” into his inner self, so must the occultist appeal to numbers. And here one quality is absolutely necessary: certainty. We must feel secure. For when a person wavers, what is he? A will-o’-the-wisp, a flickering light, and the world is a labyrinth. We need Ariadne’s thread to find our way back. Numbers anchor us; we must keep them in sight. — If you wish to enter the spiritual world, you must step outside yourself; you must first enter the chaos of multiplicity. — How do we find the factor? Where is an organizing principle? Through the number, through the lawfulness of the number, we find it. We must penetrate the essence of the number and come to know its true value. The number alone can become our guide in the labyrinth. The number can teach us many things, and certain numbers are based on deep secrets.
[ 16 ] Nehmen wir die Zahl Zwei. Alles was ins Leben tritt, offenbart sich in der Zweizahl. Rechts nicht ohne Links, Licht nicht ohne Dunkel. Alles was nach außen sich manifestiert, steht unter der Zweizahl. Die Zweizahl ist die Zahl der Offenbarung, die Zahl der Manifestation.
[ 16 ] Let us take the number two. Everything that comes into being reveals itself through the number two. Right cannot exist without left, light cannot exist without darkness. Everything that manifests itself outwardly is governed by the number two. The number two is the number of revelation, the number of manifestation.
[ 17 ] Die Dreizahl ist die Zahl der Gesetzmäßigkeit des Seelischen: Denken, Fühlen und Wollen. Insofern etwas sich im Seelischen organisiert und gliedert, steht es unter der Dreizahl. Wo die Dreizahl sich als ein Gesetzmäßiges enthüllt, liegt ein Seelisches zugrunde. In unzähligen Beziehungen können wir die Dreizahl finden. In den drei Logoi haben wir die drei Grundkräfte, die auf etwas Göttlich-Seelisches zurückweisen.
[ 17 ] The number three is the number of the laws governing the soul: thinking, feeling, and willing. Insofar as something is organized and structured within the soul, it is subject to the number three. Where the number three reveals itself as a law, there lies a soul-related element at its foundation. We can find the number three in countless relationships. In the three Logoi, we have the three fundamental forces that point back to something divine-psychic.
[ 18 ] In bezug auf alles Zeitliche gilt die Siebenzahl: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan, welche die sieben aufeinanderfolgenden Evolutionszustände bezeichnen.
[ 18 ] With regard to all temporal matters, the number seven applies: Saturn, the Sun, the Moon, Earth, Jupiter, Venus, and Vulcan, which denote the seven successive stages of evolution.
[ 19 ] Wo wir etwas gleichzeitig zusammenwirken sehen, bekommen wir die Zwölfzahl: die zwölf Götter, die zwölf Apostel und so weiter. Hiermit hängt auch die Reduktion der Fixsterne auf die zwölf Zeichen des Tierkreises zusammen. Die Zwölfzahl lehrt uns noch eine andere Gesetzmäßigkeit. Denken wir an den Materialismus. Ist der Materialismus falsch? Er braucht es nicht zu sein, solange der Mensch ihn nicht in das Seelische hineinträgt. Will man Materialist sein, so muß man dem Vitalismus huldigen, dann lernt man das materielle Leben begreifen. Einen anderen Gesichtspunkt muß man aber für das Seelische und für das Geistige wählen. Wollen wir die Welt in ihrer Fülle begreifen, so müssen wir in der Lage sein, uns auf verschiedene Standpunkte zu stellen. Wir müssen den praktischen Geistesweg gehen.
[ 19 ] Wherever we see things working together simultaneously, we encounter the number twelve: the twelve gods, the twelve apostles, and so on. This is also connected to the reduction of the fixed stars to the twelve signs of the zodiac. The number twelve teaches us yet another principle. Let us consider materialism. Is materialism wrong? It need not be, as long as human beings do not carry it into the realm of the soul. If one wishes to be a materialist, one must pay homage to vitalism; then one learns to understand material life. However, one must adopt a different perspective for the soul and for the spirit. If we wish to comprehend the world in its fullness, we must be able to take different standpoints. We must walk the practical spiritual path.
[ 20 ] Nun hört man wohl einen Menschen den Grundsatz aussprechen: Du mußt dir ein gewisses System machen, wenn du in die höheren Welten eindringen willst. — Das ist aber der schlechteste Weg, den man gehen kann. Man soll dagegen erst aus seiner eigenen Persönlichkeit heraustreten: von dem Mittelpunkt, den diese Persönlichkeit in ihrem Dasein einnimmt, bis an den Horizont unseres physischen Daseins, und erst hier im Horizont sollen wir uns auf einen bestimmten Standpunkt stellen, zunächst den materialistischen, und diesen von innen heraus, von dem einen Gesichtspunkt betrachten, wodurch wir, wie schon erwähnt, das materielle Leben kennenlernen. Dann erst können wir um den Horizont herumschreiten und uns zwölf verschiedene Gesichtspunkte wählen. Das ist der einzige Weg, der zur eigentlichen Erkenntnis führen kann. Der praktische Okkultist muß sehr selbstlos werden, ehe er den Horizont im Kreise abschreiten kann. Dadurch, daß er zwölfmal sein persönliches Ich vergessen muß, erhält er die Einheitlichkeit im Äußeren wie im Inneren.
[ 20 ] One often hears people say: “You must develop a certain system if you wish to penetrate the higher worlds.” — But that is the worst possible path to take. Instead, one must first step out of one’s own personality: from the center that this personality occupies in its existence, all the way to the horizon of our physical existence; and only here, at the horizon, should we take a specific standpoint—initially the materialistic one—and view it from within, from that single perspective, through which, as already mentioned, we come to know material life. Only then can we walk around the horizon and choose twelve different viewpoints. This is the only path that can lead to true knowledge. The practical occultist must become very selfless before he can walk around the horizon in a circle. By having to forget his personal ego twelve times, he attains unity both externally and internally.
