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Paths and Goals of Spiritual Man
GA 125

5 June 1910, Copenhagen

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Paths and Goals of Spiritual Man, tr. SOL
  1. Wege und Ziele des geistigen Menschen, 2nd ed.

5. Wege und Ziele des geistigen Menschen III

5. The Paths and Goals of Spiritual Man III

[ 1 ] Wenn man aus dem alltäglichen Bewußtsein heraus den Menschen fragt: Was ist es, was man das Ich nennen kann? — so würde einem die Antwort werden, dieses Selbstbewußtsein müßte man innerhalb der Grenzen suchen, welche die Haut umschließt. Unsere Auffassung kann bewiesen werden durch den Umstand, daß der Sitz der Seele im Kopf und im Herzen zu suchen ist. Aber im Sinne der Geisteswissenschaft ist das anders, nur ist dies nicht leicht zu erkennen.

[ 1 ] If one were to ask a person, from the perspective of everyday consciousness: What is it that we can call the “I”? — the answer would be that this sense of self must be sought within the boundaries enclosed by the skin. Our view can be substantiated by the fact that the seat of the soul is to be found in the head and the heart. But in the sense of spiritual science, the situation is different; it is just not easy to recognize this.

[ 2 ] Man kommt der geistigen Wirklichkeit näher, wenn man versucht, die übersinnlichen Tatsachen sich klar zu machen. Mit den Begriffen und Worten, die sich der Mensch ohne diese Forschungen macht, kommt er der Wahrheit nicht näher. Man wird einen guten Begriff bekommen, wenn man an ein einheitliches Bild anknüpft.

[ 2 ] One comes closer to spiritual reality by attempting to grasp the supersensible facts. The concepts and words that people form without such research do not bring them closer to the truth. One will arrive at a good understanding by building on a unified picture.

[ 3 ] Denken wir an einen Schiffer, der das Meer befährt. Da bildet alles Außerliche das Wesentliche, das Bestimmende; da kommt es für die Leitung des Schiffes darauf an, ob das Meer still oder bewegt ist, ob im Meere Inseln auftauchen, ob der Himmel sich bewölkt und anderes mehr. Auf alle diese äußeren Tatsachen hin ergreifen sowohl Kapitän wie Matrosen ihre Maßnahmen, alle äußeren Tatsachen sind das Wesentliche für sie. Nun könnte mancher meinen, wenn das Schiff in den Hafen eingelaufen ist, ruhe es, da wäre alle Arbeit für eine Zeitlang aus. Das ist aber nicht so. Da beginnt eine andere Arbeit. Da verrichtet das Schiff nicht mehr die Arbeit, sondern es wird an dem Schiff gearbeitet. Es wird ausgebessert, was während der Fahrt gelitten hat. Der Schiffsraum wird mit neuer Ladung gefüllt und so weiter. So kann die Fahrt und das Stilleliegen des Schiffes im Hafen verglichen werden mit dem Menschenleben, mit dem Leben während des Tages und dem Leben während der Nacht. Nur gibt es einen einzigen Unterschied, und das ist der, daß der Mensch sich um die Nachtarbeit nicht kümmert. Das Schiff muß während der Hafenarbeit für die Weiterfahrt durch Arbeiter und Matrosen brauchbar gemacht werden. Alles aber, was während der Tagesarbeit den Menschen durch die Sinne zum Handeln treibt, hört nachts auf zu wirken. Unsere Sinne, die während des Tages in unserem Körper die Arbeit ausgeführt haben, ruhen während der Nacht. Die Arbeit des Tages ruht wie das Schiff im Hafen. Und doch geht im Menschen eine Arbeit vor, die ihn fähig macht, eine neue Tagesarbeit zu beginnen.

[ 3 ] Let us consider a sailor navigating the sea. There, everything external constitutes the essential, the determining factor; for steering the ship, it matters whether the sea is calm or rough, whether islands appear in the sea, whether the sky is clouding over, and so on. Based on all these external factors, both the captain and the sailors take their measures; all external factors are what matter most to them. Now, some might think that once the ship has entered the harbor, it rests, and all work is done for a while. But that is not the case. That is when another kind of work begins. Now the ship no longer performs the work; instead, work is done on the ship. What has been damaged during the voyage is repaired. The hold is filled with new cargo, and so on. Thus, the voyage and the ship’s stay in port can be compared to human life—to life during the day and life during the night. There is only one difference, and that is that humans do not concern themselves with the work of the night. During port operations, the ship must be made ready for the onward journey by workers and sailors. But everything that drives humans to act through their senses during the day ceases to have an effect at night. Our senses, which have carried out their work in our bodies during the day, rest during the night. The work of the day rests like the ship in the harbor. And yet a process is taking place within the human being that enables him to begin a new day’s work.

[ 4 ] Dadurch kommen wir dem Begriff näher, was das eigentliche Geistige im Menschen ist. Es wird nicht umschlossen von der Haut des Menschen, sondern es reicht über den physischen Menschen hinaus. Das eigentlich Geistige erstreckt seine Fühlhörner in den Menschen hinein, es sendet das Wesentliche, das Geistige in den Menschen hinein.

[ 4 ] This brings us closer to understanding what the true spiritual aspect of the human being is. It is not enclosed within the human skin, but extends beyond the physical human being. The true spiritual aspect reaches its feelers into the human being; it sends the essential, the spiritual, into the human being.

[ 5 ] Wo sitzt das eigentliche Ich im Menschen? Außerhalb des Menschen, um den physischen Menschen herum findet man den geistigen Menschen, den übersinnlichen Ich-Menschen. Und wenn wir die menschliche Aura betrachten, die wie ein Ei geformt ist, so wird das Ich-Bewußtsein am wirksamsten in der Schale, in dem aurischen Ei zur Geltung kommen. Diese Tatsache führt erst zur richtigen Lösung des Problems.

[ 5 ] Where is the true self located within a human being? Outside of the human being, surrounding the physical human, we find the spiritual human, the supersensory “I”-human. And when we consider the human aura, which is shaped like an egg, the “I”-consciousness comes into its fullest effect within the shell, within the auric egg. This fact alone leads to the correct solution to the problem.

[ 6 ] Ich habe auf zwölf Punkte im Horizont hingewiesen. Sie muß der Okkultist kennen. Sie existieren dort, selbst wenn sie nicht von einem jeden erkannt werden. Diese zwölf Punkte senden ununterbrochen ihre Kräfte in den Menschen hinein; er wird von diesen zwölf Punkten aus in den verschiedenen Punkten seiner Aura angegriffen. Nur dadurch, daß sein Ich ihn umgibt, ist er imstande, die kosmischen Kräfte eins mit sich zu machen. Der Mensch muß fühlen, daß er dem Weltall angehört. Dadurch kommt er in die Wahrnehmungsfähigkeit hinein, und dadurch wird es ihm möglich, sich die mit den genannten Punkten korrespondierenden Auffassungsfähigkeiten anzueignen. Er ist eingebettet in diese zwölf Punkte. Die göttlich-geistigen Kräfte wirken durch diese Punkte auf den Menschen herein. Wenn Sie das ins Auge fassen und betrachten können, werden Sie die Wege und Ziele des geistigen Menschen begreifen.

[ 6 ] I have pointed out twelve points on the horizon. The occultist must be familiar with them. They exist there, even if they are not recognized by everyone. These twelve points continuously send their forces into the human being; he is affected by these twelve points at various points in his aura. Only because his ego surrounds him is he able to make the cosmic forces one with himself. Human beings must feel that they belong to the universe. Through this, they enter into the capacity for perception, and through this, it becomes possible for them to acquire the faculties of perception corresponding to the points mentioned. They are embedded in these twelve points. The divine-spiritual forces act upon the human being through these points. If you can take this in and contemplate it, you will understand the paths and goals of the spiritual human being.

[ 7 ] Der Mensch muß dieses Gefühl in sein Leben einfügen können. Durch Geisteswissenschaft wird er bekannt werden mit einer Summe von Kräften, durch welche er diese Umwandlungen in sich selbst vollbringen kann. Denken wir einmal an das ganz alltägliche Leben. Da hastet einer durch die Welt hin, und vieles kommt ihm in den Weg, über das er nachdenken könnte, was er verarbeiten könnte in seinem Geiste, aber er bemüht sich nicht im geringsten, das Erlebte in Arbeit umzusetzen oder auch nur tiefer darüber nachzudenken. Nur «erleben» will er und von einer Sensation zur anderen jagen.

[ 7 ] Human beings must be able to integrate this feeling into their lives. Through spiritual science, they will become acquainted with a range of forces through which they can bring about these transformations within themselves. Let us consider everyday life. There is a person rushing through the world, and many things come his way that he could reflect upon, that he could process in his mind, but he makes not the slightest effort to transform his experiences into work or even to think about them more deeply. He merely wants to “experience” and chases from one sensation to the next.

[ 8 ] Eine andere Sorte Menschen gibt es, die durchs Leben gehen, ohne im mindesten auf die äußere Welt achtzugeben. Sie grübeln und spekulieren über ihre eigenen Gedanken. Was um sie her vorgeht, bemerken sie nicht; immer und immer grübeln sie. Beide Extreme sind dem Menschen nicht zum Heil. Aber es gibt eine Mitte und das ist die: Alles Erlebte mit eigenen Gedanken zu durchweben. Dieser Mittelzustand ist der heilsamste für den Menschen der Außenwelt.

[ 8 ] There is another kind of person who goes through life without paying the slightest attention to the outside world. They brood and speculate over their own thoughts. They do not notice what is happening around them; they brood on and on. Neither of these extremes is beneficial to a person. But there is a middle ground, and it is this: to weave one’s own thoughts through everything one experiences. This middle state is the most beneficial for a person in the outer world.

[ 9 ] Nehmen Sie an, ein junger Mann bereitet sich zum Examen vor. Er hat fleißig gearbeitet, die Examenszeit kommt heran und mit ihr die Examensangst. Immer wieder tritt dem jungen Menschen vor Augen, daß an dem Examenstage gerade das gefragt werden könnte, worin er sich am wenigsten fest fühlt, das, was er nicht sicher weiß. Das arbeitet in seinen Gedanken. Das Examen ist glatt gegangen, es ist ausschlaggebend für das ganze Leben. Es ist das Tor zu seinem ferneren Leben. Nun kann es kommen, daß er im weiteren Verlauf seines Daseins von einem 'I'raum verfolgt wird, und in diesem Traum taucht die Examensangst seiner Jugend in ihm auf, alles, was er damals nicht zu wissen glaubte. Innig verbunden ist die Seele damit, und der okkulte Beobachter sieht das Gewebe, das im Traum gesponnen wird. Was da eingewebt wird, hat gar nicht zum Leben, das verflossen ist, beigetragen. Der Okkultist weiß aber, daß es im nächsten Leben zu nützlichen Kräften werden kann.

[ 9 ] Suppose a young man is preparing for an exam. He has studied diligently, but exam time is approaching, and with it comes exam anxiety. Time and again, the young man is struck by the thought that on exam day, he might be asked precisely about the topics he feels least confident about—the things he doesn’t know for sure. This weighs on his mind. The exam went smoothly; it is decisive for his entire life. It is the gateway to his future life. Now it may happen that, in the course of his life, he is haunted by a dream, and in this dream the exam anxiety of his youth resurfaces within him—everything he believed he did not know back then. The soul is intimately connected to this, and the occult observer sees the fabric being woven in the dream. What is woven into it did not contribute at all to the life that has passed. The occultist knows, however, that in the next life it can become a source of useful strength.

[ 10 ] Es kann auch anders kommen. Vom fünfundvierzigsten Jahr ab hört der Traum auf. Der sich selbst Beobachtende findet heraus, daß ganz neue Charaktereigenschaften zutage treten. Da kann es zum Beispiel erlebt werden, daß er in vorgeschrittenen Jahren über weit mehr Mut verfügt, als er je in seiner Jugend besessen hat. Die Angstzustände seiner Jugend und der damit verbundene Wille, sie zu besiegen, haben im inneren Menschen ihre stille Arbeit getan; nach fünfundvierzig Jahren haben sich diese Kräfte verwandelt in umgekehrte Kräfte. Im Inneren des Menschen webt und arbeitet stets etwas, und was da arbeitet, ist der astralische Leib. Er arbeitet so lange im Ätherleib, bis sich das Erlebte in den Ätherleib eingesponnen hat und wirklich zu einer Eigenschaft geworden ist. Unter gewöhnlichen Verhältnissen tritt es erst im nächsten Leben als Eigenschaft auf, aber es können auch ganz abnorme Fälle, wie der eben genannte, vorkommen.

[ 10 ] Things can also turn out differently. From the age of forty-five onward, the dream comes to an end. The self-observer discovers that entirely new character traits come to the fore. For example, one may find that in later years one possesses far more courage than one ever had in one’s youth. The anxieties of his youth and the associated will to overcome them have done their quiet work within the inner being; after forty-five years, these forces have transformed into their opposites. Something is always weaving and working within the human being, and what is at work there is the astral body. It works within the etheric body until the experience has become woven into the etheric body and has truly become a characteristic. Under normal circumstances, it only manifests as a characteristic in the next life, but there can also be quite abnormal cases, such as the one just mentioned.

[ 11 ] So verarbeitet der Mensch seine äußeren Erlebnisse, und ebenso verhält es sich mit den außersinnlichen Verhältnissen des Lebens, die fordern, daß wir sie mit dem Ich verarbeiten sollen. Wie arbeitet der geistige Mensch in bezug auf seine äußeren Verhältnisse? Die äußeren Verhältnisse treten an uns heran, von innen heraus aber wird das Gewebe gesponnen, das unsere Fähigkeiten umwandelt. Wir weben dem Menschen ein, was aus dem Ewig-Geistigen stammt. Zu dem Äußeren müssen wir hingehen, das Geistige aber kommt an uns heran.

[ 11 ] This is how human beings process their external experiences, and the same applies to the supersensory aspects of life, which demand that we process them through the ego. How does the spiritual human being work in relation to external circumstances? External circumstances approach us, but from within, the fabric is woven that transforms our abilities. We weave into the human being that which originates from the eternal-spiritual. We must go out to the external, but the spiritual comes to us.

[ 12 ] Nehmen wir an, daß der Mensch aus dem einen oder anderen Grunde Interesse für eine Sache faßt, zum Beispiel, daß er einen Baum näher betrachten will. Er muß sich dann dem Baume nähern, er muß zu dem Baume hingehen, um zu einem Resultat zu gelangen. Mit geistigen Resultaten ist das aber anders. Diese kommen zu uns, wir müssen ihr Kommen abwarten.

[ 12 ] Let us suppose that, for one reason or another, a person takes an interest in something—for example, that he wants to take a closer look at a tree. He must then approach the tree; he must go to the tree in order to achieve a result. With intellectual results, however, it is different. These come to us; we must wait for them to arrive.

[ 13 ] Das Wesentliche bei äußeren Erfahrungen ist, daß sie vergänglicher Art sind. Aber diejenigen, die auf dem Wege der 'Theosophie zu uns kommen, stehen auf geistigem Grunde. Sie weben wir als etwas Unvergängliches in unser Inneres ein. Zu dem Äußeren müssen wir hingehen, das Geistige aber muß an uns herankommen, und je mehr wir uns fähig machen, das Geistige in uns aufzunehmen, um so mehr kommt aus den geistigen Welten zu uns herangewogt und wird unser Eigentum. Die Menschen, welche als Dichter unter uns leben und etwas geschaffen und hervorgebracht haben, sind immer solche, die in vergangenen Zeiten das Übersinnliche in sich einfließen haben lassen. Wir müssen lernen, mehr nachzudenken. Logisch und vernünftig müssen wir denken können und dann unsere Seele ganz still machen. Dann werden wir nicht umsonst zu warten haben. Es wird in unsere Seele das entsprechende Geistige einströmen, zu dem wir selbst den Weg gebahnt haben. Wir müssen lernen, die erwartungsvolle Stimmung einzuhalten. Nicht das, worüber wir grübeln, ist das Beste. Wir sollen durch unser Gedankenarbeiten, nicht durch uns selbst alles erlangen wollen. Nur durch scharfes Denken und darauf folgendes Warten können wir unseren Geist befruchten. Es muß zu uns einströmen, wenn wir die richtigen Vorgänge beobachten gelernt haben, und diese Vorgänge müssen zusammenwirken mit Denken, Fühlen und Wollen.

[ 13 ] The essential thing about external experiences is that they are of a transitory nature. But those that come to us through theosophy are based on the spiritual. We weave them into our inner being as something imperishable. We must go out to the external world, but the spiritual must come to us, and the more we make ourselves capable of receiving the spiritual within us, the more flows toward us from the spiritual worlds and becomes our own. The people who live among us as poets and have created and produced something are always those who, in times past, have allowed the supersensible to flow into themselves. We must learn to think more deeply. We must be able to think logically and rationally, and then quiet our soul completely. Then our waiting will not be in vain. The corresponding spiritual substance will flow into our soul, for which we ourselves have paved the way. We must learn to maintain an expectant mood. What we are pondering is not the best. We should seek to attain everything through our mental work, not through ourselves. Only through sharp thinking and the subsequent waiting can we enrich our spirit. It must flow into us once we have learned to observe the right processes, and these processes must interact with thinking, feeling, and willing.

[ 14 ] Drei Glieder unseres Seelenlebens gibt es: Denken, Fühlen und Wollen. Ein Mensch sieht eine Rose. Durch sein Gedankenleben erkennt er sie als eine solche. Er bewundert die Form und die Farbe; dadurch werden gewisse Gefühle in ihm wachgerufen. Er streckt seine Hand aus, um die Rose zu greifen, und drückt dadurch einen Willensakt aus. Auf welche Weise der Mensch nun aber diese Eigenschaften behandelt, davon hängen wichtige Resultate ab, die für sein ganzes Leben ausschlaggebend sein können.

[ 14 ] There are three aspects of our inner life: thinking, feeling, and willing. A person sees a rose. Through his thought life, he recognizes it as such. He admires its form and color; this evokes certain feelings within him. He reaches out his hand to grasp the rose, thereby expressing an act of will. However, the way in which a person deals with these qualities determines important outcomes that can be decisive for his entire life.

[ 15 ] Zum Beispiel: Ein Mensch begegnet einem anderen, der ihm eine ausgesprochene Antipathie einflößt. Er sieht, daß er sich von dem antipathischen Menschen nicht befreien kann, und das Gefühl, das ihm durch den Zwang bereitet wird, macht ihn zornig. An diesem Vorgang sind beteiligt Denken, Fühlen und Wollen.

[ 15 ] For example: A person encounters another who arouses a strong aversion in him. He realizes that he cannot free himself from this aversive person, and the feeling caused by this compulsion makes him angry. Thinking, feeling, and willing are all involved in this process.

[ 16 ] Im täglichen Leben kann man oftmals beobachten, wie verschieden diese Vorgänge verlaufen. Der Zorn des einen ist schnell verflogen, er mag sich nicht lange mit derartigen Gefühlen tragen, und die besseren Gefühle gewinnen in ihm die Oberhand. Ein anderer hingegen trägt seinen Zorn den ganzen Tag mit sich herum, er findet nicht die Elastizität, ihn abzuschütteln. Der erste Mensch, der seine Erregungen schnell bekämpft, wird ein seelisch gesunder Mensch bleiben, er wird vielleicht ein hohes Alter erreichen. Der andere, der bei jeder Nichtigkeit in Zorn gerät und lange diesen Zorn mit sich herumträgt, wird früh altern. Die steten andauernden Erregungen werden an seinem Körper zehren.

[ 16 ] In daily life, one can often observe how differently these processes unfold. One person’s anger quickly dissipates; he does not dwell on such feelings for long, and his better feelings gain the upper hand. Another, however, carries his anger around with him all day; he lacks the resilience to shake it off. The first person, who quickly overcomes his emotional turmoil, will remain mentally healthy and may live to a ripe old age. The other, who flies into a rage over every trifle and carries this anger with him for a long time, will age prematurely. The constant, lingering emotional turmoil will take its toll on his body.

[ 17 ] Ein Sprichwort sagt: Man soll den Zorn nicht mit in seinen Schlaf nehmen. — Da fangen die Affekte an der Seele zu weben an, und wir weben die Leidenschaften in den Menschen hinein. Was wir aus dem Geiste heraus erleben, das wird auf unsere Seele wirken, und es ist ein wesentlich Verschiedenes, ob unsere Erfahrungen nur Theorie bleiben oder ob sie auf das Gefühl übergehen.

[ 17 ] There is a saying: One should not take anger to bed with them. — That is when emotions begin to weave themselves into the soul, and we weave passions into people. What we experience through the spirit will affect our soul, and there is a fundamental difference between whether our experiences remain mere theory or whether they pass into feeling.

[ 18 ] Nehmen wir an, ein Mensch nimmt viel Geistiges in sich auf, und das Aufgenommene dringt in den Menschen ein. Wirklich fruchtbringend wird es für den geistigen Menschen erst dann sein, wenn er das Aufgenommene mit Enthusiasmus und Liebe umfaßt. Da erst wird die Arbeit auch eine Arbeit des inneren Menschen, da saugt er das’ Geistige heraus und macht es zu einem Teil seines geistigen Ich. Das Gefühl ist es, das uns hilft, das geistig Erworbene zu unserem Eigentum zu machen.

[ 18 ] Let us suppose that a person takes in a great deal of spiritual content, and that what is taken in penetrates the person. It will only truly bear fruit for the spiritual person when they embrace what they have absorbed with enthusiasm and love. Only then does the work become the work of the inner self; only then does the inner self draw out the spiritual substance and make it a part of their spiritual self. It is feeling that helps us make what we have acquired spiritually our own.

[ 19 ] Der Mensch lebt in seiner Aura, und wenn die theosophischen Wahrheiten vom geistigen Menschen aufgenommen werden, kommt die Aura in starke Bewegung. Das Ich ist der Motor dieser Bewegung. Wie stellt sich dieser Vorgang dem hellseherischen Auge dar? Wenn die Liebe und der Enthusiasmus für die großen geistigen Gedanken den Menschen ergreifen, wird in der Aura alles lebendig, und das Resultat dieses höheren Gedankenlebens ist so, daß es reinigend auf die Aura wirkt. Alles materielle Wünschen und Sinnen, das in der menschlichen Aura zum Ausdruck kommt, ballt sich zu Kugeln zusammen, und die Kugeln verdichten sich bei zunehmender geistiger Arbeit mehr und mehr, werden kleiner und kleiner, bis das reinigende Licht des geistigen Denkens sie aufgelöst und vertrieben hat.

[ 19 ] Human beings live within their aura, and when theosophical truths are absorbed by the spiritual self, the aura is set in intense motion. The ego is the driving force behind this movement. How does this process appear to the clairvoyant eye? When love and enthusiasm for the great spiritual ideas take hold of a person, everything in the aura comes alive, and the result of this higher life of thought is that it has a purifying effect on the aura. All material desires and passions that find expression in the human aura clump together into balls, and as spiritual work increases, these balls condense more and more, becoming smaller and smaller, until the purifying light of spiritual thought has dissolved and dispelled them.

[ 20 ] Wenn das hellseherische Auge einen Menschen beobachtet, welcher einem Sonnenaufgang zusieht, können ähnliche Erscheinungen beobachtet werden. Da geht bei der andächtigen Freude, welche der Mensch an dem Naturschauspiel fühlen kann, in der Aura des Schauenden ein Ähnliches vor. Solange ein solcher Mensch das Schöne auf sein Inneres wirken läßt, so lange ist die Wirkung dieses Vorganges eine auflösende in der Aura, und viel Schlechtes wird in Gutes verwandelt. Das SichFreuen- und Sich-versenken-Können wirkt reinigend auf die Seele, und in solchen Augenblicken ist die Seele imstande, Geistig-Neues in sich aufzunehmen, weil der Strom der höheren Kräfte einen Eingang gefunden hat.

[ 20 ] When the clairvoyant eye observes a person watching a sunrise, similar phenomena can be observed. For in the devout joy that a person can feel at this natural spectacle, something similar takes place in the aura of the observer. As long as such a person allows this beauty to work upon their inner being, the effect of this process is one of dissolution in the aura, and much that is bad is transformed into good. The ability to rejoice and to become absorbed has a purifying effect on the soul, and in such moments the soul is able to take in new spiritual things, because the stream of higher forces has found an entrance.

[ 21 ] Aber es kann auch das Gegenteil stattfinden. Wenn ein Mensch ein großes Naturschauspiel, das auf ihn gewirkt hat, in seinen Gedanken nicht nachklingen läßt, wenn nichts von all der Schönheit in ihm haften bleibt und er sich nach flüchtigem Genuß anderen Dingen zuwendet, kann das Folgende eintreten: In der Aura eines solchen Menschen ballt sich alles zusammen. Eine geistig-seelische Aufgabe, die ihm in den Weg trat, ist achtlos beiseite gelegt worden und arbeitet sich jetzt im Dunkeln aus. Da kann es kommen, daß die Lüge in sein Inneres Eingang findet. Die Fähigkeit ausarbeiten, nachklingen zu lassen und nachfühlen zu können, das ist die Arbeit des geistigen Menschen.

[ 21 ] But the opposite can also happen. If a person does not allow a magnificent natural spectacle that has moved them to linger in their thoughts, if none of that beauty remains within them, and if, after a fleeting moment of enjoyment, they turn their attention to other things, the following may occur: Everything clumps together in the aura of such a person. A spiritual-soul task that stood in their way has been carelessly set aside and is now working itself out in the dark. It may then happen that a lie finds its way into their inner being. Developing the ability to reflect, to let things linger in one’s mind, and to empathize—that is the work of the spiritual person.

[ 22 ] Wenn wir alle das lernten, würde die Geisteswissenschaft zu Wegen und Zielen führen, die weithin Segen schafften. Wenn nur Verstandesarbeiten getrieben würden, wenn Streit und Zwietracht unter den Theosophen herrschten, würde wenig Schlechtes in Gutes verwandelt werden. Das Karmagesetz wird dem Menschen zeigen, auf richtige Weise zu arbeiten.

[ 22 ] If we all learned this, spiritual science would lead to paths and goals that would bring widespread blessings. If only intellectual pursuits were pursued, if strife and discord reigned among theosophists, little evil would be transformed into good. The Law of Karma will show humanity how to work in the right way.

[ 23 ] Wer mit Enthusiasmus die Theosophie empfinden kann und Trost aus ihr zu schöpfen versteht, für den sind die höheren Geisteswissenschaften segenbringend, denn sie bringen Trost und Kraft in alle Verhältnisse, Keiner geht ohne Trost aus diesen Wissenschaften fort. Je größer unsere Ziele, um so mehr wird unser Streben von Idealen durchdrungen sein, und der Mensch trägt sie hinaus in die Welt. Wir treiben Geisteswissenschaft und durchweben mit ihr unseren inneren Menschen. Sie durchdringt uns, und wir können sie unter andere hinaustragen.

[ 23 ] For those who can embrace theosophy with enthusiasm and know how to draw comfort from it, the higher spiritual sciences are a blessing, for they bring comfort and strength to every situation; no one leaves these sciences without comfort. The greater our goals, the more our striving will be imbued with ideals, and humanity carries them out into the world. We pursue spiritual science and weave it into our inner being. It permeates us, and we can carry it out to others.

[ 24 ] Wir müssen an diesen Zielen arbeiten, soviel wir vermögen. Wir haben kein Recht, die Wege und Ziele des geistigen Menschen unbeobachtet zu lassen. Es ist unsere Pflicht, das Seelische in die physische Welt einzuweben. Der Mensch ist das Eingangstor, das einzige Geistestor in der physisch-materiellen Welt, in welche der Himmel einfließen soll. Lösen können wir das Blei des Materialismus dadurch, daß wir die geistigen Wahrheiten eindringen lassen. Erst dadurch, daß der Mensch arbeitet an der Menschheitsentwickelung, trägt er zum Leben und nicht zum Tode bei. Die Wege und Ziele des geistigen Menschen gehen, heißt: die Aufgabe verfolgen, das Übersinnliche zum Seelischen zu machen.

[ 24 ] We must work toward these goals to the best of our ability. We have no right to leave the paths and goals of the spiritual human being unobserved. It is our duty to weave the spiritual into the physical world. Humanity is the gateway, the sole spiritual gateway in the physical-material world, through which heaven is to flow. We can dissolve the lead of materialism by allowing spiritual truths to penetrate. Only by working toward the development of humanity does a person contribute to life rather than to death. To walk the paths and pursue the goals of the spiritual human being means: to pursue the task of making the supersensible part of the soul.