Das esoterische Christentum und die
geistige Führung der Menschheit
GA 130
29 Januar 1911, Köln
21. Die Bedeutung Des Jahres 1250
[ 1 ] Warum brauchen wir Theosophie? Als lebende Wesen auf dem physischen Plan sind wir auf einem Abstieg. Unser Körper ist nicht derselbe wie in alten Zeiten, unsere Leiber sind weniger durchseelt, weniger vom Geist unterhalten. Wie die Pflanze durchsetzt ist von Wasser, so auch war in alten Zeiten der Ätherleib in uns tätig. Er durchdrang mit seinen aufbauenden Kräften den physischen Leib. Heute hat er die Macht über den Körper verloren. Rettung ist nur möglich, wenn wir das Geistige in uns stärker machen. Wenn der Astralleib sich mit dem Geistigen durchdringt, dann wird auch das Menschengeschlecht gesünder werden. Schicksal ist es, dass der menschliche physische Körper abbröckelt, aber der Ätherleib kann kräftiger werden und auf ihn zurückwirken. Jetzt steuern die Menschen jedoch direkt in die Dekadenz hinein. Theosophie arbeitet zur Belebung, zur Gesundung von Leib und Seele. Gesundend wirkt besonders das, was nicht allein mit den Sinnen oder dem Gehirn wahrgenommen werden kann. Es erscheint der Welt als Unsinn, wenn wir sagen, dass wir unsere Gedanken richten sollen auf Dinge, die nicht äußerlich nachzuweisen sind. Aber es ist kindisch, mit Mitteln der heutigen Wissenschaft die Theosophie beweisen zu wollen.
[ 2 ] Im Denken über die Außenwelt liegt ein notwendig abbauendes Element, das auf den physischen Leib zerstörend wirkt. Der Schlaf bessert das aus. Viele Erscheinungen des heutigen Kulturlebens wirken zerstörend, zum Beispiel insbesondere auch die Lichtbilder, die den Ätherleib durchaus schädigen. Lichtbilder erregen auch die Sinnlichkeit. Echte Kunst kann das, was aus den höheren Welten kommt, zum Heile der Menschen versinnlichen. In der theosophischen Weltanschauung arbeiten wir im Verein mit übersinnlichen Mächten. Nichts gibt einen festen Stützpunkt im Innern als die Theosophie. Irgendein Sklave mit festem geistigem Stützpunkt in der Zeit der Pharaonen und ägyptischen Priesterherrschaft stand sicherer im Leben darin als mancher Mensch der jetzigen Zeit. Die Menschen streben heute nach dem Schablonenmäßigen, nach der Autorität. Doch nur durch eigene innere Tätigkeit im wachen Innern kann die Seele einen festen Stützpunkt finden. Theosophische Stimmung gibt den Menschen einen Halt und macht sie zufrieden, denn sie haben eine feste Stütze im eigenen Innern durch das, was Theosophie ihnen gibt, die der Seele so nötig ist wie dem Leibe das tägliche Brot.
[ 3 ] Wir stehen auf einer Erde, die der Auflösung entgegengeht. Allmählich wird es dahin kommen, dass Seen, Flüsse austrocknen. Durch solche Umlagerungen ändert sich das Bild der Erde. Die Geologie gibt schon an, wie wir bereits in einer zerfallenden Epoche darinnen sind. Der namhafte Geologe Sucß bestätigt es, dass statt steigender, belebender Prozesse in der Erde Verwesungsprozesse stattfinden. Das geht bereits durch die große letzte Entwicklungsepoche der Erde hindurch. Besonders intensiv äußert es sich in der kleinen, seit dem Jahre 1250. Einige Forscher und in ihrem Fach geniale Menschen zeigen manches Fünkchen von Einsicht. Zum Beispiel Burdach. Er bemerkt einen Umschwung seit der Renaissance, doch weiß er nichts von der Richtungsänderung der Erdachse zur Zeit, da sich die Geister der Persönlichkeit zurückzogen.
[ 4 ] Verschiedene geistige Wesenheiten greifen in verschiedener Art zu verschiedenen Zeiten ein. Dadurch hat jedes Zeitalter einen eigenen Charakter, wie auch jedes Lebensalter seine besondere Aufgabe hat. Es würde zerstörend, untergrabend wirken, wenn man einführen wollte, was nicht zeitgemäß ist, zum Beispiel alte ägyptische Lehren, die im atavistischen Schauen des Volkes verankert waren und als Glaube an eine übersinnliche Welt sich in umgewandelter Gestalt erhalten haben. Nicht, was der Verstand sieht, nicht das Äußere in der Welt ist Gegenstand des Glaubens; dieser hat seine starken Wurzeln in früheren Erfahrungen der Seele. Die Geister der Persönlichkeit, die Archai, sind nicht sichtbar, und doch sind sie da und greifen ein. Ein besonders starkes Eingreifen der Archai war vorhanden in der ägyptisch-babylonischen Zeit. Die Geister der Persönlichkeit waren damals besonders angezogen durch die Erdensphäre. Jetzt ist es anders. Jetzt sind sie am wenigsten angezogen oder sympathisch berührt von dem, was auf Erden geschieht. Sie greifen nicht mehr ein, auch nicht in den Charakter der Menschen. Seit dem Jahre 1250 ist es anders geworden. Im dreizehnten Jahrhundert fand eine wichtige, bedeutende Umwandlung der Erdenverhältnisse statt. Seitdem ließen die Archai nach, so stark einzugreifen. Sie zogen sich zurück zu Taten in den höheren Welten. Vorher war ihre Wirksamkeit mehr auf der Erde selbst gewesen. Solche Ereignisse sind entsprechend zu würdigen, denn es walten seitdem andere Gesetze.
[ 5 ] Allen fortschrittlichen Geistern im Weltenall stehen Gegner gegenüber, in diesem Falle jene, die zurückgebliebene Geister der Persönlichkeit sind. Diese Gegner, die schlimmen Geister der Persönlichkeit, gewinnen nun das Feld. Das hängt zusammen mit der Änderung der Stellung der Erdachse um 1250. Die Erde beschreibt ja im Laufe von Jahrtausenden eine Kegelbewegung, eine tanzende Bewegung. Seit dem fünften, sechsten Jahrtausend vor Christus hat die Erdachse sich immer mehr gewendet. Man nennt das wissenschaftlich das Vorrücken des Frühlingspunktes, des Äquinoktiums. Auch die Verteilung von Frühling, Sommer, Herbst und Winter war früher anders, gleichmäßiger.
[ 6 ] Die Liebe zur Persönlichkeit, alles was damit zusammenhängt, hat seine guten und schlechten Seiten. Das brachte auch die Renaissance mit, als sie Menschen hervorbrachte, die ganz in der Persönlichkeit lebten. Es war alles vehement gegen das dreizchnte Jahrhundert hin und noch lange nachher, bis in die Renaissance hinein, sowohl bei Künstlernaturen wie auch bei Cesare Borgia und Papst Alexander VI. Auch bei den Führern der Kreuzzüge war es so gewesen. Es hat sich in jener Zeit alles abgespielt im Zeichen der Geister der Persönlichkeit. Die ganze Geschichte ist damals durchsetzt von den schlimmen Geistern der Persönlichkeit. Der Mensch war gleichsam besessen von den Geistern der Persönlichkeit.
[ 7 ] Die im dreizehnten Jahrhundert inkarnierten Seelen wussten, dass die Menschen nicht loskonnten von ihrer Persönlichkeit, und die gegnerischen Mächte machten allmählich die Menschen so materiell gesinnt als möglich. Die von den schlimmen Geistern der Persönlichkeit durchsetzten Menschen konnten nicht mehr hinaufblicken in die geistigen Welten. Da wird nun in jener Zeit die Verbindung mit der geistigen Welt hergestellt durch den Glauben, und darauf wurde auch Gewicht gelegt vonseiten der scholastischen Kirchengelehrten. Glaube und Wissen waren nun streng voneinander getrennt. Durch die Jahrhunderte hindurch hat dieses weitergewirkt. Ein letzter Nachzügler jener Zeit war noch Kant, seine Anhänger waren nur Nachbeter. Luther aber empfand noch dumpf diese Einwirkung der schlimmen Geister der Persönlichkeit. Er warf das Tintenfass gegen den materialistischen Geist der Zeit.
[ 8 ] Diese Epoche ist vorbei. Wir leben in der Zeit der Erzengel, mit Gedanken, die hinaufreichen können in die Region, wo die Erzengel und die Gegner der Erzengel sind. Die Gegner der Erzengel durchsetzen nicht mehr so wie früher die Archai große Persönlichkeiten. Es gibt keine Persönlichkeiten mehr, die wie Leonardo da Vinci in Verbindung stehen mit den guten Geistern der Persönlichkeit oder wie Papst Alexander VI. in Verbindung mit den schlimmen. Heute sind die Menschen mehr schablonenhaft. Jetzt wird abstrakten Idealen nachgejagt. Immer mehr sind es Ideen, Meinungen, Empfindungen, durch welche die Menschen wie besessen sind von den Gegnern der Erzengel. Dadurch schwärmen die Menschen für abstrakte Ideale, werden Phantasten, sie lieben nicht mehr ihr eigenes ewiges Ich, werden aber durch allerlei Lüste und Leidenschaften getrieben. Sie haften bloß an der irdischen Persönlichkeit, sie schwärmen für irgendein unreales Phantasiegebilde. Doch nur das Streben nach der geistigen Welt kann die Seelen wirklich mit Inhalt ausfüllen.
[ 9 ] Eine sekundäre Wirkung der schlimmen Geister der Persönlichkeit entsteht durch den Wein. Wein wird zum Gegner im eigenen Leibe des Menschen. Die Enthaltung vom Weinc ergibt sich als Konsequenz für denjenigen, der in die geistigen Welten eindringen will. Aber schwärmerischer Antialkoholismus und Vegetarismus gehören zu den partiellen Idealen. So ist es auch zum Beispiel mit dem Schwärmen für griechische Körperkultur, für olympische Spiele und so weiter. Auch die heutige Marotte der kalten Abwaschungen gehört dazu, alles Schwärmen für das physisch Greifbare und das physisch weniger Greifbare. Das steigert sich von der Träumerei trunkener Menschen bis hin zum wilden Hang zum Verbrechen, weil die Gegner der Archai in dieser Art in der sinnlichen Welt wirken.
[ 10 ] Jeder Mensch muss seinen Platz in der Welt erfühlen, muss etwas erleben von dem, was in der charakterisierten Weise in die Menschheit hereinstürmt. Haltlosigkeit, Unsicherheit, Verlieren des Gleichgewichts werden sonst allgemein werden. Menschen, die zwischen Schwärmerei und Materialismus schwanken, finden sich nirgends zurecht. Da war zum Beispiel ein Wagner-Verehrer - man kann für Wagner schwärmen und nichts davon verstehen -, der barfuß nach Bayreuth ging, dann wurde er Asket, er schlief auf einem Holzbrett mit Kieselsteinen, zuletzt wurde er mit Nietzsche zusammen ein Gegner Wagners. Haltlosigkeit der Seele drückt sich aus in Neurasthenie, demgegenüber ist eine feste Stütze im Innern der Seele nötig.
[ 11 ] Wir brauchen aber etwas anderes als die Menschen im Mittelalter, denen der Glaube genügte. Ein Kind von sieben Jahren braucht etwas anderes als ein Mensch von sieben mal sieben Jahren. Theosophie kann uns herausreißen aus der uns passiv tragenden Schablone, ohne dass wir dadurch haltlos werden. Mit Sturmschritt wird der äußerliche Glanzbau unserer Zivilisation zerfallen. Künste, Wissenschaften, alles wird auseinanderfallen. Die Formen können nicht bleiben, sie zerstieben: Die Zeit und der Geist sind stärker als der Mensch mit seinen Wünschen und Leidenschaften. Theosophie ist eine Notwendigkeit, und der Theosoph sollte in sich gewahr werden, dass sie eine Notwendigkeit ist.
