The Occult Significance of the Bhagavad Gita
GA 146
28 May 1913, Helsinki
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The Occult Foundations of the Bhagavad Gita, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Es ist etwas mehr als ein Jahr, daß ich hier an diesem Orte sprechen durfte über diejenigen Dinge, welche uns allen so tief im Herzen liegen, über diejenigen Dinge, von denen wir der Meinung sind, daß sie sich der menschlichen Erkenntnis in der Gegenwart einfügen müssen, weil von unserer Zeit an die menschlichen Seelen immer mehr und mehr fühlen werden, daß das Wissen um diese Dinge wirklich zu den Bedürfnissen, zu den tiefsten Sehnsuchten der Menschenseele gehört. Und mit einer tiefen Befriedigung begrüße ich Sie zum zweiten Male an diesem Orte, zugleich mit allen denjenigen, welche hier heraufgekommen sind, um in Ihrer Mitte zu zeigen, wie ihr Herz und ihre Seele mit unserer heiligen Sache über den ganzen Erdkreis hin verbunden sind.
[ 1 ] It has been a little over a year since I was allowed to speak here in this place about those things that lie so deeply in all our hearts, about those things that we believe must now be incorporated into human understanding, because from this time onward, human souls will feel more and more that knowledge of these things truly belongs to the needs, to the deepest longings of the human soul. And it is with deep satisfaction that I welcome you for the second time to this place, together with all those who have come here to show, in your midst, how their hearts and souls are connected to our sacred cause across the entire globe.
[ 2 ] Als ich das letzte Mal hier zu Ihnen sprechen durfte, da erhoben wir unseren geistigen Blick zu weiten Wanderungen in die Regionen des Weltenalls. Diesmal wird es unsere Aufgabe sein, mehr in den Regionen der irdischen Entwickelung uns aufzuhalten. Aber wir werden in solche Regionen uns zu vertiefen haben, welche uns nicht minder hinführen werden zu den Pforten der ewigen Offenbarung des Geistigen in der Welt. Wir werden über einen Gegenstand zu sprechen haben, der uns in der Zeit und in dem Raum scheinbar weit von dem Jetzt und von dem Hier hinwegführen wird, der uns aber darum nicht minder zu demjenigen führen wird, das im Jetzt und im Hier ebenso lebt wie in allen Zeiten und in allen Räumen, der uns führen wird in intimer Weise zu den Geheimnissen des Ewigen in allem Sein, der uns führen wird zu dem unaufhörlichen menschlichen Suchen nach den Quellen der Ewigkeit, nach denjenigen Quellen, innerhalb welcher auch der Heilsaft zu finden ist für alles, was die Menschen, seit sie Verständnis dafür gewonnen haben, die allgewaltige Liebe nennen. Denn wo wir auch versammelt sind, da sind wir versammelt im Namen des Strebens nach Weisheit und des Strebens nach Liebe, da sind wir versammelt in der Sehnsucht nach den Quellen dieser Liebe. Und dasjenige, was ausgebreitet ist und betrachtet werden kann im weiten Umkreis des ganzen kosmischen Alls, das kann auch betrachtet werden in der ringenden Menschenseele allüberall. Und das tritt uns dann ganz besonders entgegen, wenn wir den Blick hinwenden zu einer jener gewaltigen Kundgebungen dieses ringenden Menschengeistes, wie sie gegeben sind in solchen Leistungen menschlichen Lebens, von denen wir eine zugrunde legen den gegenwärtigen Betrachtungen. Sprechen wollen wir von einer der größten, der eindringlichsten Kundgebungen des menschlichen Geistes, von der uralten, aber in ihren Grundlagen gerade in unserer Zeit sich uns von erneuter Wichtigkeit erweisenden Bhagavad Gita.
[ 2 ] The last time I had the opportunity to speak to you here, we turned our spiritual gaze toward vast journeys into the regions of the universe. This time, our task will be to focus more on the realms of earthly development. But we will have to delve into regions that will lead us no less to the gates of the eternal revelation of the spiritual in the world. We will have to speak of a subject that will seemingly carry us far away from the here and now in time and space, but which will nonetheless lead us to that which which lives in the here and now just as it does in all times and all spaces, which will lead us in an intimate way to the mysteries of the Eternal in all being, which will lead us to the ceaseless human search for the sources of eternity, for those sources within which the life-giving sap is also to be found for all that people, since they have gained an understanding of it, call almighty love. For wherever we are gathered, there we are gathered in the name of the striving for wisdom and the striving for love; there we are gathered in the longing for the sources of this love. And that which is spread out and can be contemplated within the vast expanse of the entire cosmic universe can also be contemplated in the struggling human soul everywhere. And this comes to meet us all the more powerfully when we turn our gaze to one of those mighty manifestations of this struggling human spirit, as they are found in such achievements of human life, one of which we take as the basis for our present reflections. Let us speak of one of the greatest, most powerful manifestations of the human spirit, of the ancient Bhagavad Gita, which, in its foundations, is proving to be of renewed importance to us precisely in our time.
[ 3 ] Es ist noch nicht lange her, da haben die Völker Europas, die Völker des Westens überhaupt, noch wenig gewußt von dieser Bhagavad Gita. Erst heute, ein Jahrhundert lang, verbreitet sich im Westen der Ruhm dieser wunderbaren Dichtung und die Kenntnis dieses wunderbaren Sanges. Aber gerade das soll der Gegenstand dieses unseres Vortragszyklus diesmal sein, daß die Erkenntnis — nicht die bloße Kenntnis —, daß die Erkenntnis der wundervollen morgenländischen Gita im Grunde erst wird kommen können, wenn die Grundlagen dieses herrlichen Sanges sich immer mehr und mehr den Menschenseelen enthüllen werden, diejenigen Grundlagen, welche man die okkulten Grundlagen desselben nennen kann. Denn entsprungen ist dasjenige, was uns in der Bhagavad Gita entgegentritt, noch einem Zeitalter, von dem wir im Zusammenhange unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen öfter schon gesprochen haben, entsprungen sind die gewaltigen Empfindungen, Gefühle und Ideen der Bhagavad Gita einem Zeitalter, in das noch hereingeleuchtet haben die Kundgebungen alten menschlichen Hellsehertums. Für denjenigen, der empfinden will, was Seite für Seite die Bhagavad Gita aushaucht, wenn sie zu uns spricht, für den gibt sich auch Seite für Seite etwas kund wie ein Hauch uralten Hellsehertums der Menschheit.
[ 3 ] It was not long ago that the peoples of Europe—indeed, the peoples of the West in general—knew very little about this Bhagavad Gita. Only in the last century has the fame of this wonderful poem and knowledge of this marvelous song begun to spread in the West. But this is precisely what is to be the subject of our lecture series this time: that the understanding—not mere knowledge—that the understanding of the wonderful Eastern Gita can essentially only come about when the foundations of this magnificent song are revealed more and more to human souls, those foundations which may be called its occult foundations. For what we encounter in the Bhagavad Gita sprang from an age of which we have often spoken in the context of our reflections on Spiritual Science; the mighty sensations, feelings, and ideas of the Bhagavad Gita sprang from an age into which the manifestations of ancient human clairvoyance still shone. For those who wish to feel what the Bhagavad Gita breathes out, page by page, as it speaks to us, something reveals itself, page by page, like a breath of humanity’s ancient clairvoyance.
[ 4 ] Es war die erste Bekanntschaft der westlichen Welt mit der Bhagavad Gita in einem Zeitalter gekommen, in dem diese westliche Welt nur mehr geringes Verständnis hatte für die ursprünglichsten ersten hellsichtigen Quellen dieser Bhagavad Gita. Dennoch schlug dieses hohe Lied der Gottheit oder, besser gesagt, von dem Göttlichen, wie ein Blitz in diese abendländische Welt ein, so daß ein Mann Mitteleuropas dazumal, als er zuerst bekannt wurde mit dem wunderbaren morgenländischen Sang, unumwunden aussprach, er müsse sich glücklich preisen, noch den Zeitpunkt erlebt zu haben, an dem er hat bekannt werden können mit jenem Wunderbaren, das in der Bhagavad Gita ausgesprochen ist. Und dieser Mann war nicht einer, der unbekannt war mit dem Geistesleben der Menschheit in den Jahrhunderten, ja Jahrtausenden; dieser Mann war einer, der tief hineingeschaut hat in das Geistesleben der Völker: es war Wilhelm von Humboldt, der Bruder des berühmten Kosmos-Schreibers Humboldt. Auch andere Angehörige des Abendlandes, Menschen der verschiedensten Sprachgebiete, sie alle haben ähnlich empfunden. Wie bedeutsam aber wirkt doch dieses Empfinden, wenn man — es sei dieses einmal von dieser Seite her erwähnt — die Bhagavad Gita zunächst in ihren ersten Gesängen auf sich wirken läßt.
[ 4 ] This marked the Western world’s first encounter with the Bhagavad Gita at a time when that same Western world had little understanding of the most primordial, clairvoyant sources of the Bhagavad Gita. Nevertheless, this hymn to the deity—or, rather, to the divine—struck the Western world like a bolt of lightning, so that a man from Central Europe at that time, when he first became acquainted with this wondrous Eastern song, openly declared that he must count himself fortunate to have lived to see the time when he could become acquainted with that marvel expressed in the Bhagavad Gita. And this man was not one who was unfamiliar with the spiritual life of humanity over the centuries, indeed millennia; this man was one who had looked deeply into the spiritual life of the peoples: it was Wilhelm von Humboldt, the brother of the famous author of *Cosmos*, Humboldt. Other members of the Western world as well, people from the most diverse linguistic regions, all felt similarly. But how significant this feeling appears when one—let this be mentioned from this perspective—allows the *Bhagavad Gita* to take effect upon oneself, beginning with its first cantos.
[ 5 ] Man muß vielleicht gerade in unserem Kreise doch wohl oft sich erst zur vollen Unbefangenheit durcharbeiten, weil ja, trotzdem die Bhagavad Gita im Abendlande seit so kurzer Zeit bekannt ist, der heilige Sturm, mit dem sie die Seelen ergriffen hat, so gewirkt hat, daß man von vornherein an sie herangeht mit dem Gefühl, etwas wie ein Heiliges vor sich zu haben und sich nicht mehr ganz klar macht, wovon eigentlich der Ausgangspunkt genommen wird. Es sei einmal, vielleicht sogar etwas grotesk nüchtern, zunächst dieser Ausgangspunkt vor unsere Seele hingestellt.
[ 5 ] Perhaps, especially in our circle, one often has to work one’s way toward complete impartiality, because, despite the fact that the Bhagavad Gita has been known in the West for such a short time, the holy storm with which it has seized people’s souls has had such an effect that one approaches it from the outset with the feeling of having something like a sacred object before one and no longer makes it entirely clear to oneself what the actual starting point is. Let us, perhaps even somewhat grotesquely soberly, first place this starting point before our soul.
[ 6 ] Ein Gedicht stellt sich vor uns hin, das uns von den ersten Seiten an in den wildesten, stürmischsten Kampf hineinversetzt. Wir werden auf einen Schauplatz geführt, der kaum weniger wild als derjenige ist, in den uns Homer in der Ilias sogleich hineinversetzt. Ja, wir verfolgen weiter, wie dieser Schauplatz uns darstellt etwas, was eine der wichtigsten Persönlichkeiten, die da auftreten, ja vielleicht die wichtigste sogar, als einen Bruderkampf von vornherein empfindet, Arjuna. Vor uns tritt auf dieser Arjuna wie einer, dem vor dem Kampfe graut, denn er sieht drüben unter den Feinden seine Blutsverwandten. Der Bogen entsinkt ihm, indem er sich klar darüber wird, daß er eintreten soll in einen Kampf, in einen mörderischen Kampf mit Menschen, die abstammen von denselben Ahnen, von denen er sich selber herleitet, durch deren Adern das gleiche Blut fließt, wie es in den seinigen rinnt. Und wir fangen fast an mitzufühlen mit diesem Sinkenlassen des Bogens, mit diesem Zurückbeben vor dem furchtbaren Bruderkampf. Und aufsteigt vor unserem Blick der große geistige Lehrer dieses Arjuna, Krishna. Und eine großartige, eine erhabene Lehre wird uns von Krishna in den wundervollsten Farben so vorgeführt, daß dies alles als ein spiritueller Unterricht an Arjuna erscheint, der sein Schüler ist. Aber worauf will das alles zuletzt heraus? Das ist es, was man sich im Grunde genommen erst einmal nüchtern vor Augen führen muß, was man nicht übersehen darf. Worauf will das eigentlich heraus? Ja, es genügt eben nicht, wenn man bloß sich einläßt auf die große, heilig erscheinende Lehre, die Krishna dem Arjuna gibt. Auch die Umstände, in denen sie gegeben wird, müssen ins Auge gefaßt werden. Ins Auge müssen wir fassen, in welcher Situation Krishna den Arjuna auffordert, im Bruderkampf nicht zu bangen, aufzunehmen den Bogen und mit voller Kraft sich hineinzustürzen in den verheerenden Kampf. Das muß man sich auch vor Augen führen. Wie eine zunächst unverständliche geistige Lichtwolke tauchen mitten im Kampfe Krishnas Lehren auf, und sie gelten der Aufforderung, nicht zurückzubeben in diesem Kampfe, sondern darinnen zu stehen, die Pflicht zu tun in diesem Kampfe. Wenn man dies sich vor Augen führt, so verwandelt sich fast diese Lehre gewissermaßen durch den Rahmen. Aber dieser Rahmen führt ja weiter hinaus in das ganze Gewebe des «Mahabharata», des großen, gewaltigen Sanges, von dem wiederum die Bhagavad Gita ein Teil ist. Es führt uns die Lehre Krishnas heraus in die Stürme der Alltäglichkeit, in die wirren Stürme menschlicher Kämpfe, menschlichen Irrtums, irdischen Streites. Es erscheint uns fast diese Lehre wie eine Rechtfertigung dieser Stürme der menschlichen Kämpfe. Wenn wir dieses uns zunächst gewissermaßen nüchtern vor Augen führen, entstehen vielleicht doch noch ganz andere Fragen gegenüber der Bhagavad Gita, als diejenigen sind, die dann entstehen, wenn man in mancherlei, dem man ein Verständnis glaubt entgegenbringen zu können, etwas findet wie bei den gewöhnlichen menschlichen Werken. Und vielleicht ist es nötig hinzuweisen auf jenen Rahmen der Bhagavad Gita, um wirklich die welthistorische Bedeutung dieses grandiosen Sanges vor Augen führen zu können, und dann aufmerksam machen zu können auf dasjenige, wodurch uns die Bhagavad Gita immer mehr und mehr gerade in der Gegenwart von ganz besonderer Wichtigkeit werden kann.
[ 6 ] A poem unfolds before us, plunging us from the very first pages into the wildest, most turbulent battle. We are led to a scene that is scarcely less wild than the one into which Homer immediately plunges us in the *Iliad*. Indeed, we continue to observe how this scene presents to us something that one of the most important figures appearing there—perhaps even the most important one—perceives from the outset as a battle among brothers: Arjuna. Before us, this Arjuna appears as one who dreads the battle, for he sees his blood relatives among the enemies over there. His bow slips from his grasp as he realizes that he is to enter into a battle, a murderous battle with people who are descended from the same ancestors from whom he himself is descended, through whose veins flows the same blood that runs in his own. And we almost begin to empathize with this lowering of the bow, with this recoiling before the terrible fratricidal battle. And before our eyes rises Arjuna’s great spiritual teacher, Krishna. And a magnificent, a sublime teaching is presented to us by Krishna in the most wonderful colors, so that all this appears as a spiritual lesson to Arjuna, who is his disciple. But what is the ultimate point of all this? That is what one must first soberly bring to mind, what one must not overlook. What is the actual point of this? Yes, it is simply not enough to merely engage with the great, seemingly sacred teaching that Krishna gives to Arjuna. The circumstances in which it is given must also be taken into account. We must take into account the situation in which Krishna urges Arjuna not to fear the battle against his brother, to take up his bow, and to throw himself with full force into the devastating battle. One must also keep this in mind. Like a spiritual cloud of light that is at first incomprehensible, Krishna’s teachings emerge in the midst of the battle, and they serve as a call not to shrink back in this battle, but to stand firm within it, to do one’s duty in this battle. When one keeps this in mind, this teaching is, so to speak, transformed by its context. But this framework leads further out into the entire fabric of the “Mahabharata,” the great, mighty epic of which the Bhagavad Gita is in turn a part. It leads us out from Krishna’s teaching into the storms of everyday life, into the chaotic storms of human struggles, human error, and earthly strife. This teaching almost appears to us as a justification of these storms of human struggles. If we first bring this before our eyes in a sober manner, so to speak, quite different questions may yet arise regarding the Bhagavad Gita than those that arise when one finds in various things—which one believes one can understand—something akin to what is found in ordinary human works. And perhaps it is necessary to point out the context of the Bhagavad Gita in order to truly bring to light the world-historical significance of this magnificent song, and then to draw attention to that which makes the Bhagavad Gita increasingly important to us, especially in the present day.
[ 7 ] Ich sagte schon: wie etwas völlig Neues kam in die westliche Welt die Bhagavad Gita hinein, fast auch wie völlig neu dasjenige, was an Gefühlen, Empfindungen und Gedanken der Bhagavad Gita zugrunde liegt. Was kannte denn im Grunde genommen das, was westländische Kultur ist, von morgenländischer Kultur bis in diese Zeit herein, in welche die Bekanntschaft mit der Bhagavad Gita fiel? Abgesehen von mancherlei gerade in dem letzten Jahrhundert bekannt gewordenen, sehr wenig! Abgesehen von gewissen geheim gebliebenen Bestrebungen, kannte die westliche Kultur gerade das nicht unmittelbar in seiner Bedeutung, was als Grundnerv, als wichtigster Impuls die ganze Bhagavad Gita durchzieht. Wenn man herankommt an solche Dinge wie die Bhagavad Gita, dann fühlt man, wie wenig eigentlich menschliche Sprache, menschliche Philosophie, menschliche Ideen, die dem Alltag gelten und ihn beherrschen und für ihn ja auch genügen, wie wenig dieselben ausreichend sind, um zu charakterisieren solche Spitzen, solche Gipfelpunkte des menschlichen Geisteslebens auf der Erde. Man braucht ja noch etwas ganz anderes als die gewöhnlichen Schilderungen, um das zum Ausdruck zu bringen, was uns entgegenleuchtet aus einer solchen Offenbarung des menschlichen Geistes.
[ 7 ] As I have already said: the Bhagavad Gita entered the Western world as something entirely new, and the feelings, sensations, and thoughts underlying the Bhagavad Gita were also almost entirely new. What, after all, did Western culture—from Eastern culture up to the very time when it first encountered the Bhagavad Gita—actually know about it? Apart from a few things that became known specifically in the last century, very little! Apart from certain efforts that remained secret, Western culture was not immediately aware of the significance of what runs through the entire Bhagavad Gita as its central nerve, as its most important impulse. When one approaches such things as the Bhagavad Gita, one feels how little human language, human philosophy, and human ideas—which apply to, dominate, and indeed suffice for everyday life—how little these are sufficient to characterize such pinnacles, such summit points of human spiritual life on earth. One needs something quite different from ordinary descriptions to express what shines out at us from such a revelation of the human spirit.
[ 8 ] Zwei Bilder möchte ich, damit sie eine Unterlage bilden für die weiteren Schilderungen, zunächst vor unsere Seelen hinstellen. Das eine Bild aus der Bhagavad Gita selber, das andere aus dem westländischen Geistesleben, und zwar so, daß es diesem westländischen Geistesleben verhältnismäßig nahe liegt, während das Bild, das wir aus der Bhagavad Gita selber nehmen wollen, vorläufig dem abendländischen Geistesleben recht fern zu liegen scheint. Jetzt sei ein Bild vor unsere Seele zunächst hingestellt, das wir in der Bhagavad Gita selber finden: So verläuft ja der große erhabene Gesang, daß uns geschildert wird, wie mitten in der Schlacht Krishna auftaucht und Weltengeheimnisse, gewaltige, große Lehren vor seinem Schüler Arjuna enthüllt. Dann überkommt diesen Schüler der Drang, gestaltenhaft, geistig gestaltet, diese Seele zu sehen, denjenigen wirklich zu erkennen, der so Erhabenes zu ihm spricht. Er bittet den Krishna, er möge sich ihm zeigen, so wie er sich ihm zeigen kann in seiner wahren Geistgestalt. Und da erscheint ihm denn Krishna und wir werden noch auf diese Schilderung zurückkommen —, da erscheint er in seiner Gestalt, die alles umfaßt, eine große, erhabene, herrliche Schönheit, eine Erhabenheit, die Weltgeheimnisse darstellt. Wir werden sehen, daß es weniges gibt auf der Welt, das herrlich ist gleich dieser Schilderung, wie sich die erhabene Geistgestalt des Lehrers dem Seherauge seines Schülers offenbart. Ausbreitet sich vor dem Auge Arjunas das wüste, wirre Kampfesfeld, auf dem viel Blut fließen soll, auf dem der Bruderkampf sich entwickeln soll. Entrückt soll werden von diesem wüsten, wirren Kampfesfeld die Seele des Schülers des Krishna, und erblicken soll die Seele dieses Schülers eine Welt, eintauchen soll sie in eine Welt, in der Krishna in seiner wahren Gestalt lebt, die entrückt ist allem Kampf, allem Streit, eine Welt hehrster, erhabenster Seligkeit, eine Welt, in der sich enthüllen die Geheimnisse des Daseins, eine Welt, entrückt der Alltäglichkeit, dem Kampf und Streit, eine Welt, der die Menschenseele ihrer innersten, eigensten Wesenheit nach eigentlich aber angehört. Von dieser Welt soll die Menschenseele wissen, wissen lernen soll sie von dieser Welt, und dann soll es ihr möglich werden, wiederum herabzusteigen, wieder einzugreifen in die wirren, wüsten Kämpfe der diesseitigen Welt. Wahrhaftig, wenn wir fühlend der Schilderung dieses Bildes folgen, dann sagen wir uns: Was geht denn eigentlich vor in der Seele des Arjuna? Wie ist sie denn, diese Seele? Sie steht mitten im Kampfgewühl, und zwar so, wie wenn dieses Kampfgewühl ihr aufgedrängt wäre. So fühlt sich diese Seele wie verwandt mit einer seligen Welt, in der es nicht gibt menschliches Leiden, menschlichen Kampf, menschliches Sterben. So sehnt sich diese Arjunaseele herauf in eine Welt des Ewigen, des Seligen. Aber mit einer Notwendigkeit, die sich nur ergeben kann aus dem Impuls des erhabenen Krishna, muß diese Seele niedergezwungen werden zu dem wüsten, wirren, alltäglichen Kampf. Sie will den Blick abwenden von diesem wirren, wüsten Kampf. Wie ein Fremdes, wie ein ihr ganz und gar nicht Verwandtes, so erscheint das Leben der Erde, wie es ringsherum ist, für diese Arjunaseele. Wir fühlen förmlich: Diese Seele ist noch eine solche, die sich in die oberen Welten hinaufsehnt, als ob sie mit den Göttern noch leben wollte, und das Leben der Menschen noch wie ein Fremdes, ein Unverwandtes, ein Unverständliches empfindet. Wahrhaftig, ein wunderbares Bild, das größte und erhabenste Momente enthält: ein Held, Arjuna, umgeben von anderen Helden, von Kämpferscharen, ein Held, der alles, was sich ihm vor Augen ausbreitet, wie ein Fremdes, Jenseitiges, Unverwandtes empfindet, der erst hingewiesen werden muß auf diese Welt durch einen Gott, und der nicht versteht die diesseitige Welt, ohne daß ein Gott sie ihm verständlich macht, Krishna.
[ 8 ] I would like to begin by presenting two images to our minds, so that they may serve as a foundation for the descriptions that follow. One image is from the Bhagavad Gita itself, the other from Western spiritual life—and in such a way that it lies relatively close to this Western spiritual life, whereas the image we wish to take from the Bhagavad Gita itself seems, for the time being, to lie quite far from Western spiritual life. Let us now first place before our soul an image that we find in the Bhagavad Gita itself: The great, sublime song unfolds in such a way that it describes to us how, in the midst of battle, Krishna appears and reveals the mysteries of the world—powerful, great teachings—to his disciple Arjuna. Then this disciple is overcome by the urge to see this soul in a form, spiritually formed, to truly recognize the one who speaks such sublime things to him. He asks Krishna to reveal himself to him, just as he can reveal himself in his true spiritual form. And then Krishna appears to him—and we will return to this description later—he appears in his all-encompassing form, a great, sublime, magnificent beauty, a sublimity that embodies the mysteries of the world. We shall see that there is little in the world as magnificent as this description of how the teacher’s sublime spiritual form reveals itself to the seeing eye of his disciple. Before Arjuna’s eyes spreads the desolate, chaotic battlefield where much blood is to flow, where the fratricidal struggle is to unfold. The soul of Krishna’s disciple is to be transported away from this desolate, chaotic battlefield, and the soul of this disciple is to behold a world, is to be immersed in a world in which Krishna lives in his true form, a world removed from all struggle, all strife, a world of the most sublime, exalted bliss, a world in which the mysteries of existence are revealed, a world removed from everyday life, from battle and strife, a world to which the human soul, in its innermost, most essential being, actually belongs. The human soul is to know of this world; it is to learn to know of this world, and then it shall be possible for it to descend once more, to intervene again in the chaotic, desolate struggles of the world of this life. Truly, when we follow the description of this image with feeling, we ask ourselves: What is actually going on in Arjuna’s soul? What is this soul like? It stands in the midst of the turmoil of battle, as if this turmoil were being forced upon it. Thus this soul feels as if it belongs to a blissful world where there is no human suffering, no human struggle, no human death. Thus this soul of Arjuna yearns upward toward a world of the eternal, of the blissful. But with a necessity that can arise only from the impulse of the sublime Krishna, this soul must be compelled to engage in the wild, chaotic, everyday struggle. It wants to turn its gaze away from this chaotic, wild struggle. Like something foreign, like something entirely unrelated to it, so does the life of the earth, as it is all around, appear to this Arjuna-soul. We can literally feel: This soul is still one that yearns upward toward the higher worlds, as if it still wished to live with the gods, and still perceives human life as something foreign, unrelated, and incomprehensible. Truly, a wondrous image, containing the greatest and most sublime moments: a hero, Arjuna, surrounded by other heroes, by hosts of warriors, a hero who perceives everything that spreads out before his eyes as something foreign, otherworldly, and alien, who must first be pointed to this world by a god, and who does not understand the world of this life unless a god makes it understandable to him, Krishna.
[ 9 ] Scheinbar recht paradox mag es klingen, aber ich weiß doch, daß diejenigen, die tiefer auf die Sache eingehen können, es verstehen werden, wenn ich das Folgende sage. Arjuna steht da vor uns wie eine Menschenseele, der erst verständlich gemacht werden soll das Diesseits der Welt, das Irdische der Welt. Und nun sollte die Bhagavad Gita in den westlichen Kulturländern wirken auf Menschen, die sehr wohl ein Verständnis haben für alles Irdische, die es im Materialismus so weit gebracht haben, daß sie ein sehr gutes Verständnis haben für alles Irdische, für alles Materielle. Verständlich werden sollte die Bhagavad Gita für Seelen, die durch eine tiefe Kluft geschieden sind von alle dem, was sich bei einer wahrhaftigen Betrachtung als die Arjunaseele darstellt. Alles das, wozu die Arjunaseele, die durch Krishna erst herangebändigt werden muß zum Irdischen, keinen Trieb zeigt, das scheint den Abendländern sehr verständlich zu sein. Die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, sich zu erheben zu der Arjunaseele, zu jener Seele, der erst Verständnis beigebracht werden soll für alles das, wozu in den westlichen Ländern sehr viel Verständnis vorhanden ist: für das Sinnliche, für das Materiell-Irdische. Ein Gott, Krishna, muß dem Arjuna ein Verständnis beibringen für alles dasjenige, was uns als unsere Kultur umgibt. Wie leicht wird es in unserer Zeit, dem Menschen Verständnis beizubringen für dasjenige, was ihn umgibt. Dazu bedarf es keines Krishna. Man tut gut daran, einmal klar den Blick hinzuwenden auf die Abgründe, welche zwischen menschlichen Naturen liegen können, und nicht allzuleicht das Verständnis zu nehmen, das eine abendländische Seele gewinnen kann für eine Natur, wie sie Krishna oder Arjuna ist. Arjuna ist ein Mensch, aber ein so ganz anderer als die Menschen, die in der abendländischen Kultur nach und nach sich herangebildet haben.
[ 9 ] It may sound quite paradoxical, but I know that those who can delve deeper into the matter will understand what I mean when I say the following. Arjuna stands before us like a human soul who must first be made to understand the earthly realm of the world, the material aspects of the world. And now the Bhagavad Gita is meant to have an effect in Western cultures on people who do indeed have an understanding of all that is earthly, who have advanced so far in materialism that they have a very good understanding of all that is earthly, of all that is material. The Bhagavad Gita is meant to become understandable to souls who are separated by a deep chasm from all that, upon true contemplation, presents itself as the Arjuna soul. All that toward which the Arjuna soul—which must first be tamed by Krishna to the earthly—shows no inclination seems to be very understandable to the Western world. The difficulty seems to lie in rising to the level of the Arjuna soul, to that soul which must first be taught to understand all that for which there is a great deal of understanding in Western countries: the sensual, the material-earthly. A god, Krishna, must teach Arjuna an understanding of all that which surrounds us as our culture. How easy it is in our time to teach people an understanding of that which surrounds them. This requires no Krishna. One would do well to take a clear look at the chasms that can lie between human natures, and not take too lightly the understanding that a Western soul can gain for a nature such as that of Krishna or Arjuna. Arjuna is a human being, but one so very different from the people who have gradually developed themselves within Western culture.
[ 10 ] Das ist das eine Bild, von dem ich sprechen will, denn Worte können nur wenig in diese Dinge hineinführen. Bilder, die wir erfassen wollen mit unseren Seelen, können das mehr, da sie nicht nur zum Verständnis sprechen, sondern zu dem, was ewig auf der Erde tiefer sein wird als alles Verständnis, zu der Empfindung und dem Gefühl.
[ 10 ] This is the one image I want to talk about, for words can do little to convey these things. Images that we seek to grasp with our souls can do so more effectively, since they speak not only to understanding, but to that which will forever be deeper on earth than any understanding—to sensation and feeling.
[ 11 ] Nun möchte ich ein anderes Bild hinstellen vor unsere Seelen, ein Bild, von dem ich nicht sagen will, daß es weniger erhaben sei als dieses Bild der Bhagavad Gita, das aber unendlich viel näher steht demjenigen, was westländische Kultur ist. Da gibt es ein erhabenes Bild, ein schönes, poetisches Bild, von dem der Westländer sogar weiß, und das für ihn viel bedeutet. Was meine ich damit eigentlich? Ein Bild habe ich hingestellt: die Erscheinung des Krishna vor dem Arjuna. Fragen wir nun: Wieviel in der westländischen Entwickelung stehende Menschen glauben an die Wirklichkeit dieses Bildes, glauben, daß einmal dieser Krishna vor Arjuna erschien und so gesprochen hat? Fragen wir einmal, wieviel westländische Seelen an die Wirklichkeit dieses Bildes glauben. — Allerdings stehen wir am Ausgangspunkte einer Weltanschauung, die es dahin bringen wird, daß das nicht nur ein Glaube, sondern ein Wissen sein wird. Aber wir stehen eben am Ausgangspunkte dieser Weltanschauung, am Ausgangspunkte der anthroposophischen Weltanschauung. Das andere Bild steht uns viel näher. Es liegt wirklich in ihm etwas, für das die westländische Kultur einen Sinn hat.
[ 11 ] Now I would like to present another image to our souls, an image that I do not wish to say is any less sublime than this image from the Bhagavad Gita, but which is infinitely closer to what Western culture is. There is a sublime image, a beautiful, poetic image, which Westerners are even familiar with and which means a great deal to them. What do I actually mean by this? I have presented an image: the appearance of Krishna before Arjuna. Let us now ask: How many people in the West believe in the reality of this image, believe that Krishna once appeared before Arjuna and spoke in this way? Let us ask how many Western souls believe in the reality of this image. — Admittedly, we stand at the starting point of a worldview that will lead to this being not merely a belief, but a knowledge. But we are just at the starting point of this worldview, at the starting point of the anthroposophical worldview. The other image is much closer to us. There is truly something in it that makes sense to Western culture.
[ 12 ] Wir schauen hin einige Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums auf eine Seele, die ein halbes Jahrtausend vor der Begründung des Christentums einer der größten Geister des Abendlandes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gezogen hat. Auf Sokrates schauen wir hin und schauen hin im Geiste auf den sterbenden Sokrates. Sokrates, der sterbende Sokrates, wie ihn Plato im Kreise der Schüler schildert in seinem berühmten Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele. In diesem Bilde wird nur spärlich angedeutet das andere, das Jenseitige, dargestellt als der Dämon, der zu Sokrates spricht. Sokrates stehe vor uns in den Stunden, die vorangegangen sind seinem Hineingehen in die spirituellen Welten, umgeben von seinen Schülern. Er spricht im Angesichte des Todes von der Unsterblichkeit der Seele. Viele lesen dieses wunderbare Gespräch von der Unsterblichkeit, das Plato uns gegeben hat, um gerade diese Szene seines sterbenden Lehrers zu schildern. Aber es lesen heute die Menschen nur Worte, Begriffe und Ideen. Es gibt sogar Menschen — und sie sollen nicht getadelt werden — die sich gegenüber dieser herrlichen Schilderung Platos fragen nach den logischen Berechtigungen desjenigen, was der sterbende Sokrates seinen Schülern auseinandersetzt. Es sind das diejenigen Menschen, die nicht empfinden können, daß es mehr gibt für die Menschenseele, daß Wichtigeres, Bedeutungsvolleres als logische Beweise, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen in unseren Seelen lebt. Lassen wir ganz dasjenige, was Sokrates über die Unsterblichkeit sagt, lassen wir den allergebildetsten, den allertiefsten, den allerfeinsten Menschen im Kreise seiner Schüler in einer anderen Situation das sagen, was Sokrates seinen Schülern sagt, lassen wir es ihn unter anderen Umständen sagen, ja lassen wir hundertmal mehr das, was dieser feinste, logischste, gebildetste Mensch sagt, besser logisch begründet sein, als dies bei Sokrates ist: und trotzdem hat es vielleicht einen hundertmal geringeren Wert! Dies wird man erst voll einsehen, wenn man beginnen wird gründlich zu verstehen, daß es etwas für die Menschenseele gibt, was mehr wert ist, wenn es auch unscheinbarer scheint, als die stichhaltigsten logischen Beweise. Wenn irgendein gebildeter, feiner Mensch in irgendeiner Stunde zu seinen Schülern von der Unsterblichkeit der Seele spricht, so kann das wohl sehr bedeutsam sein. Aber die eigentliche Bedeutung wird nicht enthüllt durch das, was gesagt wird — ich weiß, ich spreche jetzt etwas sehr Paradoxes aus, aber etwas sehr Wahres —, sondern es wirkt der Umstand mit, daß dieser Lehrer seinen Schülern etwas sagt, hinterher aber die gewöhnlichen Angelegenheiten seines Lebens weiter besorgt und seine Schüler auch. Sokrates sagt die Dinge seinen Schülern in der Stunde, die seinem Durchschreiten der Todespforte vorangeht. Er spricht die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele aus in dem Augenblicke, da in dem nächsten sich seine Seele von dem äußeren Leibe trennen wird. Es ist etwas anderes, in der Todesstunde, die nicht als unbestimmt vom Schicksal ihm entgegenkommt, zu den zurückbleibenden Schülern von der Unsterblichkeit zu sprechen, etwas anderes, nach diesem den gewöhnlichen Tagesgeschäften nachzugehen. Es ist etwas anderes, nach einem solchen Gespräche auch wirklich einzugehen in die Welten, die hinter der Todespforte liegen. Nicht die Worte des Sokrates sollen vorzugsweise auf uns wirken, die Situation soll es tun. Aber nehmen wir alle Stärke desjenigen, was eben versucht worden ist zu charakterisieren, nehmen wir all das, was uns in dem Gespräch des Sokrates zu seinen Schülern über die Unsterblichkeit wie ein Hauch entgegentritt, nehmen wir die ganze, unmittelbare Kraft dieses Bildes, was haben wir da vor uns? Die griechische Welt, die Welt der griechischen Alltäglichkeit haben wir vor uns, jene Welt, in der des Lebens Alltagskämpfe dazu geführt haben, den besten der Söhne des Landes mit dem Schierlingsbecher zu bedenken. Wir haben vor uns die letzten Erdenworte dieses edlen Griechen, die letzten Worte, die er nur dazu bestimmte, die Menschen, die um ihn herumstehen, dahin zu bringen, daß ihre Seelen glauben an dasjenige, von dem sie ein Wissen nicht mehr haben können, daß ihre Seelen glauben an das, was für sie ein Jenseits ist, an die geistige Welt. Daß ein Sokrates notwendig ist, um mit den stärksten Gründen, nämlich durch die Tat, Erdenseelen dazu zu bringen, daß sich für sie ein Ausblick ergibt in die spirituellen Welten, in denen die Seele lebt, wenn sie durch die Todespforte gegangen ist, das zaubert vor unsere Seele ein Bild hin, das westländischen Seelen wohl verständlich ist. Sokrateskultur ist westländischen Seelen wohl verständlich. Sokrates vor seinen Schülern stehend, die so unmittelbar vor der Wirklichkeit des Todes stehen: dieses Bild ist allerdings abendländischen Seelen verständlich. Wir begreifen abendländische Kultur nur dann recht, wenn wir wissen, daß sie in diesem Sinne doch sokratische Kultur durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende war.
[ 12 ] We look back several centuries before the founding of Christianity to a soul whom, half a millennium before the founding of Christianity, one of the greatest minds of the Western world placed at the center of his reflections. We look to Socrates and, in spirit, to the dying Socrates. Socrates, the dying Socrates, as Plato depicts him among his disciples in his famous dialogue on the immortality of the soul. In this image, the other, the beyond, is only sparsely hinted at, represented as the daemon who speaks to Socrates. Socrates stands before us in the hours preceding his entry into the spiritual worlds, surrounded by his students. In the face of death, he speaks of the immortality of the soul. Many read this wonderful dialogue on immortality, which Plato has given us, precisely to depict this scene of his dying teacher. But today people read only words, concepts, and ideas. There are even people—and they should not be blamed—who, faced with this magnificent depiction by Plato, question the logical validity of what the dying Socrates is explaining to his students. These are the people who cannot sense that there is more for the human soul, that something more important, more meaningful than logical proofs, than scientific debates, lives within our souls. Let us set aside entirely what Socrates says about immortality; let us have the most educated, the most profound, the most refined person among his students say in a different situation what Socrates says to his students; let us have him say it under different circumstances; indeed, let us allow what this most refined, most logical, most educated person says to be a hundred times better logically grounded than it is with Socrates: and yet it may be a hundred times less valuable! One will only fully realize this when one begins to thoroughly understand that there is something for the human soul that is of greater value, even if it seems more inconspicuous, than the most sound logical proofs. If some educated, refined person speaks to his students at some point about the immortality of the soul, that can certainly be very significant. But the true significance is not revealed by what is said—I know I am now expressing something very paradoxical, but something very true—rather, it is the fact that this teacher says something to his students, but afterwards continues to attend to the ordinary affairs of his life, and his students do the same. Socrates speaks these things to his students in the hour preceding his passing through the gates of death. He proclaims the doctrine of the immortality of the soul at the very moment when, in the next instant, his soul will separate from his physical body. It is one thing to speak of immortality to the students left behind in the hour of death, which does not come upon him as an indeterminate fate; it is another to go about one’s ordinary daily business afterward. It is yet another to actually enter the worlds that lie beyond the gates of death after such a conversation. It is not Socrates’ words that should primarily affect us; it is the situation that should do so. But let us take all the strength of what has just been attempted to characterize, let us take all that which meets us like a breath in Socrates’ conversation with his students about immortality, let us take the full, immediate power of this image—what do we have before us? We have before us the Greek world, the world of Greek everyday life, that world in which the daily struggles of life led to the best of the country’s sons being given the cup of hemlock. We have before us the last earthly words of this noble Greek, the last words he intended solely to lead the people standing around him to a point where their souls believe in that of which they can no longer have knowledge, where their souls believe in what is for them an afterlife, in the spiritual world. That a Socrates is necessary to lead earthly souls, through the strongest of reasons—namely, through action—to a vision of the spiritual worlds in which the soul lives once it has passed through the gate of death: this conjures before our soul an image that is well understood by Western souls. The culture of Socrates is well understood by Western souls. Socrates standing before his students, who stand so directly before the reality of death: this image is indeed comprehensible to Western souls. We can only truly understand Western culture if we know that, in this sense, it has indeed been Socratic culture through the centuries, through the millennia.
[ 13 ] Vergleichen wir aber einen der Schüler des Sokrates, der wahrhaftig keinen Zweifel haben konnte an demjenigen, was ihn umgab denn er war ja ein Grieche —, vergleichen wir, wie dieser eingeführt werden muß in die übersinnliche Welt, vergleichen wir das mit dem Schüler des Krishna, mit Arjuna, der gar keine Zweifel haben kann an der übersinnlichen Welt, der aber irre wird an seiner Verwandtschaft, an dem ganzen Bestande, ja, an der Möglichkeit fast der Sinnenwelt.
[ 13 ] But let us compare one of Socrates’ disciples, who truly could have no doubt about the world around him—for he was, after all, a Greek— let us compare how this person must be introduced to the supersensible world; let us compare this with the disciple of Krishna, with Arjuna, who can have no doubts whatsoever about the supersensible world, but who becomes bewildered by his kinship, by the entire existence, indeed, by the very possibility of the sensory world.
[ 14 ] Ich weiß sehr gut, daß historische Wissenschaft, philosophische Wissenschaft, alle möglichen Arten von Wissenschaften jetzt kommen können und mit scheinbar recht guten Gründen sagen könnten: Ja, aber schau doch nur hin, was da in der Bhagavad Gita steht, und was bei Plato steht. Man kann von alle dem ebensogut das Gegenteil beweisen, das Gegenteil von dem, was du eben ausgesprochen hast. — Aber ich weiß auch, daß diejenigen, die so sprechen, nicht empfinden wollen die tieferen, grandiosen Impulse, die auf der einen Seite jenem Bilde der Bhagavad Gita entlehnt sind, auf der anderen Seite dem Bilde des sterbenden Sokrates, wie Plato ihn schildert. Ein Abgrund liegt doch zwischen diesen zwei Welten bei alle dem, was man an Ähnlichkeit wiederum herausfinden könnte. Warum ist dieses so?
[ 14 ] I am well aware that historians, philosophers, and scholars of all kinds might now come forward and say, with seemingly sound reasoning: “Yes, but just look at what is written in the Bhagavad Gita and what Plato says.” One could just as easily prove the opposite of all that, the opposite of what you have just said. — But I also know that those who speak this way do not wish to perceive the deeper, magnificent impulses that are drawn, on the one hand, from that image in the Bhagavad Gita, and on the other hand, from the image of the dying Socrates as Plato depicts him. Yet a gulf lies between these two worlds, despite all the similarities one might find. Why is this so?
[ 15 ] Es ist so, weil die Bhagavad Gita am Ende des alten hellseherischen menschlichen Zeitalters steht, weil in der Bhagavad Gita etwas herauftönt zu uns, wie der letzte Nachklang alten menschlichen Hellsehertums; weil auf der anderen Seite in dem sterbenden Sokrates uns einer der ersten jener Menschen entgegentritt, die da rangen durch Jahrtausende mit jener menschlichen Erkenntnis, mit jenen menschlichen Ideen, Gedanken und Empfindungen, die wie herausgeworfen sind aus dem alten Hellsehertum, die sich entwickelten in der Zwischenzeit, da sie sich vorzubereiten hatten zu einem neuen Hellsehertum, dem wir heute zustreben durch die Verkündigung und Aufnahme dessen, was wir die anthroposophische Weltanschauung nennen. Es ist in einer gewissen Beziehung keine Kluft tiefer als diejenige, die sich auftut zwischen Arjuna, dem Krishnaschüler, und einem Sokratesschüler. Aber wir leben in einer Zeit, in welcher die menschlichen Seelen, nachdem sie jahrhundertelang in ihrem Laufe durch verschiedene Verwandlungen, durch ihre Inkarnationen hindurch gesucht haben das Leben in äußerer Erkenntnis, den Zusammenschluß wieder suchen mit den spirituellen Welten. Im Grunde genommen ist, daß Sie hier sitzen, der lebendigste Beweis, daß in Ihnen solche Seelen leben, die den Zusammenschluß suchen, jenen Zusammenschluß, der hinaufführen soll in erneuerter Weise die Seelen zu solchen Welten, die uns, wie in einer wunderbaren Offenbarung, entgegenklingen in demjenigen, was Krishna seinem Schüler Arjuna verkündet. Deshalb kann wie etwas, was tiefsten Sehnsuchten unserer Seelen entspricht, vieles zu uns klingen, was der Bhagavad Gita okkult zugrunde liegt.
[ 15 ] This is because the Bhagavad Gita stands at the end of the ancient clairvoyant age of humanity; because in the Bhagavad Gita something resounds to us like the final echo of ancient human clairvoyance; because, on the other hand, in the dying Socrates we encounter one of the first of those people who struggled through millennia with that human insight, with those human ideas, thoughts, and feelings that seem to have been cast out of the old clairvoyant age, which developed in the intervening period as they had to prepare for a new clairvoyant age, toward which we are striving today through the proclamation and reception of what we call the anthroposophical worldview. In a certain sense, no gulf is deeper than that which opens up between Arjuna, the disciple of Krishna, and a disciple of Socrates. But we live in a time in which human souls, after having sought for centuries in their course through various transformations, through their incarnations, a life of external knowledge, are once again seeking union with the spiritual worlds. Fundamentally, the fact that you are sitting here is the most vivid proof that within you live such souls that seek this union—that union which is meant to lead the souls, in a renewed way, to those worlds that resonate with us, as in a wondrous revelation, in what Krishna proclaims to his disciple Arjuna. That is why, as something that corresponds to the deepest longings of our souls, much of what lies at the occult foundation of the Bhagavad Gita resonates with us.
[ 16 ] In alten Zeiten war der Seele das Band vertraut, das sie verbindet mit dem Geistigen. Das Übersinnliche, das Jenseitige, das Spirituelle war ihr wohlvertraut. Am Ausgangspunkte einer Zeit stehen wir, in der die Menschenseele wieder sucht den Zugang, jetzt in erneuter Weise, zu den übersinnlichen, spirituellen Welten. Wie eine Aneiferung zu diesem Suchen muß es uns erscheinen, wenn wir uns sagen können, wie das, was wir suchen, ja schon einmal da war in einer gewissen Weise, die allerdings nicht mehr die unsrige sein kann, aber doch eben einmal da war. Und zwar werden wir in ganz besonders hohem Grade dieses, was schon einmal da war, in den Offenbarungen des heiligen Sanges des Morgenlandes finden, in den Offenbarungen der erhabenen Gita, von Krishna an seinen großen Schüler Arjuna gerichtet.
[ 16 ] In ancient times, the soul was familiar with the bond that connects it to the spiritual realm. The supernatural, the beyond, and the spiritual were well known to it. We stand at the beginning of an era in which the human soul is once again seeking access, now in a new way, to the supersensible, spiritual worlds. It must seem to us like a spur to this seeking when we can tell ourselves that what we are seeking was indeed once there in a certain way—a way that can no longer be our own, but which was nevertheless once there. Indeed, we will find this that was once there to a particularly high degree in the revelations of the sacred songs of the East, in the revelations of the sublime Gita, addressed by Krishna to his great disciple Arjuna.
[ 17 ] Ja, bedeutungsvoll, wie in der Regel bei großen menschlichen Schöpfungen gleich die ersten Worte erscheinen — erscheinen uns die ersten Worte der Ilias, der Odyssee doch bedeutungsvoll —, so erscheinen auch bedeutungsvoll die ersten Worte der Bhagavad Gita. Erzählt wird dasjenige, was da dargestellt werden soll, von seinem Wagenlenker an den blinden König und das Haupt der Kurupartei, der eben im Bruderkampfe liegt mit der Pandavapartei. Ein blindes Oberhaupt! Dieses erscheint uns schon wie symbolisch. Die Menschen der alten Zeit hatten ja eben den Blick hinein in die geistigen Welten, sie lebten gleichsam mit ihrem ganzen Gemüte, mit ihrer ganzen Seele, mit Göttern und Geistern in Zusammenhang. Alles, was hier auf dem Erdkreise sie umgab, erschien ihnen nur unter fortwährendem Zusammenhange mit dem göttlich-geistigen Dasein. Dann kam eine andere Zeit. Und ebenso, wie uns Homer von der griechischen Sage als blind geschildert wird, so wird uns auch als blind geschildert das Haupt der Kurupartei, dem erzählt werden die Gespräche, die Krishna zu seinem Schüler spricht und die diesen Mann über dasjenige, was sich in der sinnlichen Welt abspielt, unterrichten. Ja, erzählt muß ihm sogar dasjenige werden, was hereinragt von der geistigen Welt in die sinnliche Welt hinein. Bedeutsam ist das Symbol, wie gegenüber einer unmittelbaren Umwelt blind waren die alten Menschen, deren Seelen hinaufreichten mit aller Erinnerung, mit allem geistigen Zusammenhange in uralte Zeiten. Sehend waren sie im Geiste, schauend in der Seele, diejenigen, die wie in höheren Bildern erleben konnten alles, was als geistige Geheimnisse lebte. Diejenigen, die in tieferem Sinne verstehen sollten, was sich in der Welt abspielt, die dieses verstehen sollten in seinem geistigen Zusammenhange, die werden uns in den alten Sagen und Sängen als blind dargestellt. So begegnen wir demselben Symbol ebenso bei dem griechischen Sänger Homer wie bei jener Gestalt, die uns gleich im Eingange der Bhagavad Gita entgegentritt. Und in welche Zeit werden wir hineingeführt? In die Zeit, die uns auch in anderer Art als die Zeit des Überganges der Urmenschheit in die gegenwärtige Menschheit öfters dargestellt worden ist. Warum aber wirkt auf Arjuna so stark der Umstand, daß der Bruderkampf stattfinden soll?
[ 17 ] Yes, just as the opening words of great human works usually seem significant—the opening words of the Iliad and the Odyssey certainly seem significant to us—so too do the opening words of the Bhagavad Gita seem significant. What is to be depicted is narrated by his charioteer to the blind king and leader of the Kuru faction, who is currently engaged in a fratricidal war with the Pandava faction. A blind leader! This already strikes us as symbolic. The people of ancient times did indeed have a vision into the spiritual worlds; they lived, as it were, with their whole mind, with their whole soul, in connection with gods and spirits. Everything that surrounded them here on the earth seemed to them only in constant connection with the divine-spiritual existence. Then came a different age. And just as Homer is described to us in Greek legend as blind, so too is the leader of the Kuru party described to us as blind; it is to him that the conversations Krishna speaks to his disciple are recounted, conversations that instruct this man about what takes place in the sensory world. Indeed, even that which extends from the spiritual world into the sensory world must be recounted to him. Significant is the symbol of how blind the ancient people were to their immediate surroundings, their souls reaching back with all their memories and spiritual connections to primeval times. They were sighted in spirit, beholding in the soul—those who, as in higher visions, could experience all that lived as spiritual mysteries. Those who were meant to understand in a deeper sense what is taking place in the world, who were meant to understand this in its spiritual context, are depicted as blind in the ancient legends and songs. Thus we encounter the same symbol in the Greek poet Homer as well as in that figure who confronts us right at the beginning of the Bhagavad Gita. And into what era are we led? Into the time that has often been presented to us in a different way as the time of the transition of primeval humanity into present-day humanity. But why does the fact that the battle between brothers is to take place have such a strong effect on Arjuna?
[ 18 ] Wir wissen es ja, daß das alte Hellsehen gewissermaßen gebunden war an den äußeren Blutzusammenhang. Blutzusammenhang, das Fließen des gleichen Blutes in den Adern einer Menschenschar, war in alten Zeiten mit Recht etwas heilig Verehrtes. Denn daran war gebunden das alte Wahrnehmen einer gewissen Gruppenseele. Die Menschen, die blutsverwandt sich nicht nur fühlten, sondern sich wußten, in denen lebte eigentlich noch nicht ein solches Ich wie im gegenwärtigen Menschen. Wo wir auch hinschauen, finden wir in den uralten Zeiten überall Zusammenhänge, in denen der einzelne Mensch sich gar nicht mit einem solchen Ich fühlte, wie es heute der Mensch tut, sondern als allein bestehend in der Gruppe, in einer Gemeinschaft, die die Gemeinschaft des Blutes darstellte. Was bedeutet dem Menschen heute Stammesseele, Nationalseele, Volksseele? Gewiß, manchmal ist diese Nationalseele zum Beispiel, oder Volksseele, Gegenstand größter Begeisterung, aber wir dürfen sagen: gegenüber dem menschlichen einzelnen Ich kommt sie doch nicht auf, diese Volksseele, diese Stammesseele. — Es mag ein harter Ausspruch sein, aber wahr ist er. Denn es ist so, daß der Mensch einstmals nicht zu sich «Ich» gesagt hat, sondern zu der Gruppe seines Stammes oder Volkes. Dieses Gefühl für Gruppenseelenhaftigkeit lebt aber noch in Arjuna, da er den Bruderkampf um sich wüten sieht. Er versteht noch nicht zu sich «Ich» zu sagen, er versteht es noch besser, jenes Gruppen-Ich zu fühlen, das sich in allen jenen Seelen äußerte. Das macht es, daß ihm so grauenvoll der Kampf ist, der um ihn tobt.
[ 18 ] We know, of course, that ancient clairvoyance was, in a sense, bound to the external bond of blood. The bond of blood—the flow of the same blood through the veins of a group of people—was rightly held in sacred reverence in ancient times. For it was to this that the ancient perception of a certain group soul was bound. The people who not only felt but knew themselves to be blood relatives did not yet possess an “I” as it exists in modern human beings. Wherever we look, we find in ancient times connections in which the individual human being did not feel at all that such an “I” existed, as it does for people today, but rather existed solely within the group, within a community that constituted the community of blood. What do tribal soul, national soul, and folk-souls mean to people today? Certainly, sometimes this national soul, for example, or people’s soul, is the object of the greatest enthusiasm, but we may say: in the face of the individual human “I,” this people’s soul, this tribal soul, does not hold up. — It may be a harsh statement, but it is true. For it is the case that human beings once did not say “I” to themselves, but to the group of their tribe or people. This sense of group soulhood, however, still lives in Arjuna as he watches the fratricidal battle rage around him. He does not yet know how to say “I” to himself; he understands even better how to feel that group “I” which expressed itself in all those souls. That is why the battle raging around him is so horrific to him.
[ 19 ] Versetzen wir uns in diese Arjunaseele, so daß wir empfinden, daß da etwas wie ein Grauen lebt, daß sich da etwas morden will, was zusammengehört, eine Seele, die empfindet, was in allen Seelen lebt und was sich töten will. Versetzen wir uns in diese Arjunaseele, die empfindet, wie sich Brüder töten, in Stücke reißen wollen, die empfindet, wie wenn eine Seele empfinden würde, daß dasjenige, was doch zu ihr gehört, der Leib, in Stücke gerissen wird. So empfindet die Arjunaseele, wie wenn die Glieder eines Leibes, das Herz mit dem Haupte kämpfen würde, die linke Hand gegen die rechte Hand. Bedenken wir, daß diese Seele so dem Kampfe, der da stattfinden soll, gegenübersteht, daß dieser Kampf als ein Kampf gegen die eigene Leiblichkeit erscheint. Bedenken wir, was diese Seele fühlt in dem Augenblicke, wo sie den Bogen sinken läßt, wo der Kampf der Brüder ihr erscheint wie ein Kampf der rechten gegen die linke Hand des Menschen: dann fühlen wir die Stimmung des Einganges der Bhagavad Gita, dann fühlen wir — ich muß da etwas sagen, was wiederum scheinbar, aber nur scheinbar, paradox, grotesk sich hinstelli, was scheinbar gegen allerheiligste Empfindungen spricht —: Arjuna steht da, begreift noch nicht recht das Einzel-Ich, begreift aber das alte, das Gruppen-Ich, das sich ihm so unnatürlich im Kampfe darstellt. In dieser Stimmung tritt ihm gegenüber Krishna, der große Lehrer. — Wir müssen es einmal aussprechen, wie mit der größten Kunst, mit der unvergleichlichsten Kunst Krishna, der heilige Gott, dasteht dem Arjuna gegenüber, indem er dem Arjuna beibringt, was der Mensch sich abgewöhnen soll und wollen muß, wenn er im rechten Sinne in seiner Evolution aufsteigen will.
[ 19 ] Let us put ourselves in the place of this soul of Arjuna, so that we may sense that there lives within it something like a horror, that there is something within it that wants to kill what belongs together—a soul that senses what lives in all souls and what wants to kill itself. Let us put ourselves in the place of this soul of Arjuna, who feels how brothers are killing one another, want to tear one another to pieces, who feels as if a soul were sensing that that which belongs to it—the body—is being torn to pieces. Thus the soul of Arjuna feels as if the limbs of a body were fighting—the heart against the head, the left hand against the right hand. Let us consider that this soul faces the battle that is to take place in such a way that this battle appears as a battle against its own physicality. Let us consider what this soul feels at the moment when it lowers the bow, when the battle of the brothers appears to it like a battle of the right hand against the left hand of a human being: then we feel the mood of the opening of the Bhagavad Gita, then we feel—I must say something here that again appears, but only appears, paradoxical, grotesque, that seemingly speaks against the most sacred feelings—: Arjuna stands there, not yet fully grasping the individual self, but grasping the old, the group self, which presents itself to him so unnaturally in battle. In this mood, Krishna, the great teacher, steps before him. — We must say it once and for all: with the greatest art, with the most incomparable art, Krishna, the holy God, stands before Arjuna, teaching him what a human being must renounce and must will if he wishes to ascend in his evolution in the true sense.
[ 20 ] Verfolgen wir diesen Krishna und seine Lehre weiter. Was sagt er denn eigentlich? Wovon spricht er? Von Ich und Ich und Ich und immer nur von Ich. Ich bin in der Erde, Ich bin im Wasser, Ich bin in der Luft, Ich bin im Feuer, Ich bin in allen Seelen, Ich bin in allen Lebensäußerungen, selbst noch im heiligen Aum, Ich bin der Wind, der durch die Wälder geht, Ich bin der wertvollste unter den Bergen, Ich bin unter den Flüssen der wertvollste, Ich bin der wertvollste der Menschen, Ich bin unter den Seligen der alte Seher Kapila. — Wahrhaftig, dieser Krishna sagt ja nichts geringeres, als: Ich erkenne nichts anderes an als mich selber, und ich lasse die Welt nur gelten, insofern sie Ich ist. — Ich und Ich und Ich und nichts anderes spricht aus den Lehren des Krishna.
[ 20 ] Let us continue to follow this Krishna and his teachings. What does he actually say? What is he talking about? About “I” and “I” and ‘I’—always and only “I.” I am in the earth, I am in the water, I am in the air, I am in fire, I am in all souls, I am in all manifestations of life, even in the sacred Aum, I am the wind that blows through the forests, I am the most precious of the mountains, I am the most precious of the rivers, I am the most precious of men, I am the ancient seer Kapila among the blessed. — Truly, this Krishna says nothing less than: I acknowledge nothing other than myself, and I accept the world only insofar as it is I. — I and I and I and nothing else speaks from the teachings of Krishna.
[ 21 ] Machen wir uns das einmal ganz unverblümt klar, wie Arjuna dasteht, der das Ich noch nicht begreift, der es aber begreifen soll, und wie ihm gleich einem umfassenden, universellen kosmischen Egoisten entgegentritt der Gott, der nichts gelten läßt als sich selber, und sogar verlangt, daß auch die anderen nichts gelten lassen als ihn selber, ja, daß man in allem, was in Erde, Wasser, Feuer, Luft, in allem, was auf der Erde lebt, ja in allem, was in der Dreiwelt lebt, nichts anderes sieht als ihn.
[ 21 ] Let us be perfectly clear about this: Arjuna stands there, not yet comprehending the Self, though he is meant to do so, and facing him—like a comprehensive, universal cosmic egoist—is the God who accepts nothing but Himself, and even demands that others accept nothing but Him, indeed, that in everything in earth, water, fire, air, in everything that lives on earth, indeed in everything that lives in the three worlds, one should see nothing other than him.
[ 22 ] Merkwürdig tritt uns entgegen, wie jemandem, der das Ich noch nicht begreifen kann, ein Wesen wie im Unterrichte entgegengeführt wird, das in Anspruch nimmt, nur als sein eigenes Selbst anerkannt zu werden. Wer im Lichte der Wahrheit dies sich ansehen will, lese die Bhagavad Gita durch und suche die Frage zu beantworten, mit welchem Worte man dasjenige, was der Krishna von sich sagt und wovon er verlangt, daß man es anerkennen soll, mit welchem Worte man das bezeichnen soll. Universeller Egoismus, das ist es, was aus Krishna spricht. Und so scheint uns denn, daß aus der erhabenen Gita allüberall der Refrain an unser geistiges Ohr tönt: Nur wenn ihr anerkennt, ihr Menschen, meinen allumfassenden Egoismus, dann ist Heil für euch.
[ 22 ] It is strange to us how, to someone who cannot yet comprehend the “I,” a being is presented—as if in a lesson—that claims to be recognized solely as one’s own self. Whoever wishes to examine this in the light of truth should read through the Bhagavad Gita and seek to answer the question: with what word should one describe that which Krishna says of himself and which he demands be acknowledged? Universal egoism—that is what speaks through Krishna. And so it seems to us that from the sublime Gita the refrain resounds everywhere in our spiritual ear: Only when you, O people, acknowledge my all-encompassing egoism, will there be salvation for you.
[ 23 ] Die größten Leistungen des menschlichen Geisteslebens geben uns immer Rätsel auf; nur dann sehen wir sie im rechten Lichte, wenn wir auch anerkennen und erkennen, daß sie uns die großen Rätsel aufgeben. Wahrhaftig, ein hartes Rätsel scheint uns aufgegeben zu sein, wenn wir jetzt vor der Aufgabe stehen, zu begreifen das, was wir nennen können eine erhabenste Lehre, verbunden mit der Verkündigung des universellen Egoismus. Nicht durch Logik, sondern in geschauten großen Widersprüchen des Lebens enthüllen sich uns die okkulten Geheimnisse. Es wird unsere Aufgabe sein, auch über jenes Merkwürdige hinweg innerhalb der Maya zu der Wahrheit zu kommen, so daß wir erkennen, was das eigentlich ist, was wir, wenn wir innerhalb der Maya sprechen, zu Recht einen universellen Egoismus nennen. Aus der Maya heraus müssen wir durch dieses Rätsel gelangen in die Wirklichkeit, in das Licht der Wahrheit. Wie es sich damit verhält, wie wir über dieses hinwegkommen werden in die Wirklichkeit, das soll die Aufgabe unserer nächsten Vorträge sein.
[ 23 ] The greatest achievements of human intellectual life always present us with riddles; we see them in their proper light only when we also acknowledge and recognize that they pose great riddles for us. Truly, a difficult riddle seems to be set before us when we now face the task of comprehending what we might call a most sublime teaching, linked to the proclamation of universal egoism. It is not through logic, but in the great contradictions of life that we perceive, that the occult mysteries reveal themselves to us. It will be our task to move beyond that which is strange within Maya to arrive at the truth, so that we may recognize what it actually is that we, when speaking within Maya, rightly call universal egoism. From within Maya, we must pass through this enigma into reality, into the light of truth. How this works, and how we will transcend this to reach reality—that will be the subject of our next lectures.
