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The Occult Significance of the Bhagavad Gita
GA 146

29 May 1913, Helsinki

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Wenn man sich in die okkulten Urkunden der verschiedenen Zeiten und Völker, das heißt in die wirklich okkulten Urkunden vertieft, so fällt einem unter anderm eines immer wieder und wiederum auf. Das ist etwas, worauf ich schon hinweisen konnte bei der Besprechung des Johannes-Evangeliums, worauf ich später hinweisen konnte bei der Besprechung des Markus-Evangeliums. Es ist die Tatsache, daß, wenn man tiefer in diese okkulten Urkunden eindringt, man immer mehr und mehr sich klar wird darüber, daß eigentlich diese okkulten Urkunden in einer wunderbaren, künstlerischen Komposition abgefaßt sind. Ich könnte nachweisen — und Sie können das nachlesen in dem Zyklus, den ich einstmals in Kassel gehalten habe, der ja auch gedruckt ist, über «Das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien, besonders zu dem Lukas-Evangelium» —, ich könnte zeigen, wie dieses Johannes-Evangelium, wenn man in die Tiefen dringt, eine wunderbare Komposition darstellt, eine wunderbare, künstlerisch dramatische Steigerung des Dargestellten zunächst bis zu einem Punkte herauf, dann wiederum von diesem Punkte aus wie eine Erneuerung der dramatischen Kraft bis zum Schlusse hin. Wunderbarste Steigerung dieser inneren, künstlerisch-dramatischen Komposition, die in dem Johannes-Evangelium dadurch zutage tritt, daß von sogenannten wunderbaren Taten oder von sogenannten Zeichen das Übersinnliche von Zeichen zu Zeichen dargestellt wird und von Zeichen zu Zeichen eine fortwährende Steigerung stattfindet bis zu jenem Zeichen, das uns entgegentritt in der Initiation des Lazarus. Die Art, wie uns dies entgegentritt, läßt uns ersehen, daß auf dem Grunde dieser okkulten Urkunden immer eine wunderbare künstlerische Schönheitskomposition überall zu finden ist. Ich konnte auch dasselbe nachweisen für die Gliederung und Komposition des Markus-Evangeliums. Wenn dann solche Urkunden auf ihre Schönheitskomposition hin, auf ihre dramatische Kraft hin angesehen werden, dann kann man wohl zu der Anschauung kommen, daß diese großen, okkulten Urkunden gar nicht anders sein können, als, indem sie wahr sind, zugleich im tiefsten Sinne künstlerisch schön komponiert. Zunächst sei auf diesen Umstand als auf eine Tatsache nur hingewiesen. Wir werden vielleicht im Verlaufe dieser Vorträge noch einmal auf diese Bemerkung zurückkommen.

[ 1 ] When one delves into the occult documents of various times and peoples—that is, into the truly occult documents—one thing, among others, strikes one time and again. This is something I was already able to point out in my discussion of the Gospel of John, and which I was able to point out later in my discussion of the Gospel of Mark. It is the fact that, as one delves deeper into these occult documents, it becomes increasingly clear that these occult documents are actually composed in a marvelous, artistic manner. I could demonstrate—and you can read about this in the lecture series I once gave in Kassel, which has also been published, on “The Gospel of John in Relation to the Three Other Gospels, Especially the Gospel of Luke”— I could show how this Gospel of John, when one delves into its depths, represents a marvelous composition, a marvelous, artistically dramatic intensification of what is depicted, first rising to a certain point, then again from that point onward like a renewal of dramatic power all the way to the end. The most wondrous intensification of this inner, artistically dramatic composition, which comes to light in the Gospel of John through the fact that the supersensible is depicted from sign to sign in the so-called miraculous deeds or so-called signs, and a continuous intensification takes place from sign to sign up to that sign which confronts us in the initiation of Lazarus. The way this confronts us allows us to see that at the heart of these occult documents, a wondrous artistic composition of beauty is always to be found everywhere. I was also able to demonstrate the same for the structure and composition of the Gospel of Mark. When such documents are then viewed in terms of their artistic composition and their dramatic power, one may well come to the conclusion that these great, occult documents cannot be anything other than, insofar as they are true, at the same time artistically beautiful in the deepest sense. For now, let us merely point to this circumstance as a fact. We may return to this remark again in the course of these lectures.

[ 2 ] Das Merkwürdige ist nun, daß uns auch bei der Bhagavad Gita wiederum dasselbe entgegentritt, eine wunderbare Steigerung, man möchte sagen, eine verborgene künstlerische Schönheit, so daß, wenn auch gar nichts anderes wirken würde auf die Seele, die sich vertieft in diese Bhagavad Gita, wirken müßte diese wunderbare, künstlerische Komposition. Auf einige der Hauptpunkte sei zunächst aufmerksam gemacht — und ich werde mich heute beschränken auf die vier ersten Gesänge —, auf einige Hauptpunkte sei deshalb aufmerksam gemacht, weil diese Hauptpunkte zugleich betreffen die künstlerische Komposition der Bhagavad Gita und tiefe innere okkulte Wahrheiten.

[ 2 ] The remarkable thing is that in the Bhagavad Gita, too, we encounter the same phenomenon: a wondrous intensification, one might say, a hidden artistic beauty, such that even if nothing else were to affect the soul immersed in this Bhagavad Gita, this wondrous, artistic composition would have to have an effect. Let us first draw attention to some of the main points—and today I will limit myself to the first four cantos—let us draw attention to these main points because they concern both the artistic composition of the Bhagavad Gita and profound inner occult truths.

[ 3 ] Zuerst tritt uns entgegen Arjuna. Im Angesicht des Blutvergießens, in das er eintreten soll, wird er schwach. Er sieht seine Blutsverwandten, alles dasjenige, was als Bruderkampf um ihn herum sich abspielen soll. Er bebt zurück, er will nicht gegen seine eigenen Blutsverwandten kämpfen. Und während er in dieser Stimmung ist, während ihn also Angst, Furcht, Schauder, ja ein Grauen befällt vor demjenigen, was da kommen soll, entpuppt sich ihm sein Wagenlenker als das Instrument, durch das Krishna, sagen wir zunächst der Gott, zu ihm spricht. Schon in diesem ersten Faktum wird erstens ein künstlerisches Spannungsmoment, dann aber auch ein tiefgründiges, okkultes Wahrheitsmoment angedeutet.

[ 3 ] First, Arjuna comes before us. Faced with the bloodshed he is about to enter into, he grows weak. He sees his kinsmen, all that is to unfold around him as a fratricidal struggle. He recoils; he does not want to fight against his own kinsmen. And while he is in this state of mind—while fear, dread, shuddering, indeed horror, seizes him at the thought of what is to come—his charioteer reveals himself to be the instrument through which Krishna, let us say for now the God, speaks to him. Already in this first fact, a moment of artistic tension is suggested, but also a profound, occult moment of truth.

[ 4 ] Derjenige, der in irgendeiner Weise den Weg findet hinein in die geistigen Welten, und wenn es auch nur wenige Schritte des Weges sind, ja selbst wenn das, was er erleben kann, nur eine Ahnung des Weges ist, der bemerkt die tiefe Bedeutung gerade dieses Momentes. Wir kommen in der Regel nicht in die geistigen Welten hinein, ohne daß wir durch eine tiefe Erschütterung unserer Seele schreiten. Etwas müssen wir erfahren in der Regel, etwas, das all unsere Kraft der Seele durchrüttelt, sie durchströmt in Gefühl und Empfindung. Gefühl und Empfindung, die sonst nur über viele Momente, über weite Zeitläufe des Lebens verteilt sind und deshalb nur schwach fortdauernd auf die Seele wirken, beim Eingang in die okkulten Welten drängen sie sich zusammen und durchwühlen und durchkraften die Seele in einem einzigen Moment, so daß man so etwas Erschütterndes erlebt, das der Furcht, der Angst, der Bestürzung, dem Zurückbeben vor irgend etwas, vielleicht auch dem Grauen verglichen werden kann. Das gehört einmal sozusagen zu dem Ausgangspunkte okkulter Entwickelung, zu dem Eintreten in die geistigen Welten. Daher muß ja auch so große Sorgfalt verwendet werden auf jene Ratschläge, die demjenigen gegeben werden müssen, der durch eine Schulung in die geistigen Welten eintreten will. Denn wer durch Schulung in die geistigen Welten eintreten will, der muß so vorbereitet werden, daß er die eben charakterisierte Erschütterung als seelisches Ereignis, als notwendiges Erlebnis so durchlebt, daß es nicht übergreift auf seine Leiblichkeit, auf seine Gesundheit, insofern das Leibliche mit einbegriffen ist, daß dieses nicht mit erschüttert werde. Das ist das Wesentliche, daß wir nicht in bezug auf das äußere, physische Leben in Erschütterungen kommen, daß wir ertragen lernen mit äußerem Gleichmut, mit äußerer Gelassenheit Erschütterungen der Seele. Dann aber dürfen auch die gewöhnlichen Seelenkräfte, die wir im Alltagsleben brauchen, unsere gewöhnliche Intellektualität, ja, selbst die für das Alltagsleben notwendigen Phantasiekräfte, die Kräfte des Empfindens, die Kräfte des Willens im alltäglichen Leben, auch sie dürfen nicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden. In viel tieferen Schichten muß vorgehen die Seelenerschütterung, die der Ausgangspunkt sein kann für das okkulte Leben, so daß der Mensch durch das äußere Leben geht, wie er immer gegangen ist, ohne daß irgend etwas ihm angemerkt wird in der äußeren physischen Welt, während er im Innern ganze Welten von Seelenerschütterungen durchlebt. Das heißt reif sein für die okkulte Entwickelung, so innerlich Erschütterndes erleben zu können, ohne das äußere Gleichmaß, die äußere Gelassenheit zu verlieren.

[ 4 ] Anyone who finds their way into the spiritual worlds in any way—even if it is only a few steps along the path, or even if what they experience is merely a glimpse of the path—will realize the profound significance of that very moment. We do not usually enter the spiritual worlds without passing through a profound upheaval of our soul. We must generally experience something—something that shakes the very core of our soul, flooding it with feeling and sensation. Feelings and sensations that are otherwise spread out over many moments, over long stretches of life, and therefore have only a faint, lingering effect on the soul, but upon entering the occult worlds, they converge and rouse and overwhelm the soul in a single moment, so that one experiences something so shattering that it can be compared to fear, anxiety, consternation, recoiling from something, perhaps even horror. This, so to speak, is part of the starting point of occult development, of entering the spiritual worlds. That is why such great care must be taken with the advice that must be given to those who wish to enter the spiritual worlds through training. For whoever wishes to enter the spiritual worlds through training must be prepared in such a way that they experience the shock just described—as a soul event, as a necessary experience—in such a way that it does not spill over into their physical being, into their health, insofar as the physical is included, so that the physical is not shaken as well. That is the essential point: that we do not experience upheavals in relation to our outer, physical life; that we learn to endure upheavals of the soul with outward equanimity and composure. But then the ordinary powers of the soul that we need in everyday life—our ordinary intellect, indeed even the powers of imagination necessary for daily life, the powers of feeling, the powers of the will in everyday life—must not be thrown out of balance either. The soul-shaking experience that can be the starting point for the occult life must take place in much deeper layers, so that the human being goes through outer life as he always has, without anything being noticeable about him in the outer physical world, while inwardly he lives through whole worlds of soul-shaking experiences. This is what it means to be ready for occult development: to be able to experience such inner upheavals without losing one’s outward composure and serenity.

[ 5 ] Dazu ist notwendig, daß der Mensch in der Zeit, in der er reif zu werden sich bestrebt für die okkulte Entwickelung, vor allem seine Interessenkreise erweitert, daß er von dem gewöhnlichen, alltäglichen Leben abkommt mit seinem Interessenkreise, von dem, woran man sonst vom Morgen bis zum Abend hängt, abkommt, und daß er zu Interessen gelangt, die sich auf dem großen Horizont der Welt bewegen. Denn wer nicht erleben kann das Erschütternde des Zweifels an aller Wahrheit, an aller Erkenntnis und allem Wissen, und dieses Erschütternde nicht erleben kann mit jener Stärke, in der sonst von dem Menschen nur empfunden werden die Interessen des alltäglichen Lebens, wer nicht mitfühlen kann mit dem Schicksal der ganzen Menschheit und diesem Schicksale der ganzen Menschheit nicht ein solches Interesse entgegenbringt, wie es im alltäglichen Leben entgegengebracht wird dem Schicksale, das einen selbst unmittelbar berührt, das vielleicht noch die nächsten Stammes-, Familien- und Volkszusammenhänge berührt, der ist im Grunde noch nicht ganz geeignet für eine okkulte Entwickelung. Daher ist ja auch die moderne Geisteswissenschaft, wenn sie in Ernst und Würde getrieben wird, die richtige Vorbereitung in unserer Zeit für eine wahrhafte, okkulte Entwickelung. Mögen die Menschen, die kein Interesse gewinnen können für dasjenige, was des Anthroposophen Blick verfolgt über Welten hin, über planetarische Schicksale, über Menschenrassen und Menschenepochen hin, mögen die Menschen mit den kleinen materiellen Interessen des heutigen Tages auch darüber spötteln: für denjenigen, der sich vorbereiten will in würdiger Weise für eine okkulte Entwickelung, ist dies die Vorbereitung, dieses Heraufheben des Blickes zu jenen Gipfelpunkten, wo die Interessen der Menschheit, der Erde, des ganzen planetarischen Systems ihm zu eigenen Interessen erwachsen. Denn wo die Interessen allmählich geschärft, erweitert werden durch das Studium der Geisteswissenschaft, das dann zum Begreifen der okkulten Wahrheiten führt, auch ohne okkulte Schulung, da ist die richtige Vorbereitung für einen okkulten Weg. Gewiß, in unserer Zeit gibt es viele Menschen — diejenigen, die in den Reihen der Intellektuellen stehen, sind es oftmals gar nicht, diejenigen, die scheinbar in einem einfachen Leben an einem einfachen Orte stehen, sind es gerade oftmals —, gewiß, es gibt viele Menschen, die heute, auf einfacher Stelle stehend, wie durch einen natürlichen Instinkt diese Interessen für die Gesamtmenschheit haben: und weil dies so ist, deshalb ist die Anthroposophie etwas so Zeitgemäßes.

[ 5 ] To this end, it is necessary that, during the period in which he strives to mature for occult development, a person above all broadens his sphere of interests; that he turns away from ordinary, everyday life with its narrow concerns—from that which one is otherwise attached to from morning till night—and that he arrives at interests that move within the broad horizon of the world. For whoever cannot experience the shattering impact of doubt regarding all truth, all insight, and all knowledge—and cannot experience this shattering impact with the same intensity with which people otherwise feel the concerns of everyday life— who cannot empathize with the fate of all humanity and does not bring to this fate of all humanity the same kind of interest that is brought in everyday life to the fate that directly affects oneself, that perhaps still affects the closest tribal, family, and national connections—such a person is, in essence, not yet fully suited for occult development. That is why modern Spiritual Science, when pursued with seriousness and dignity, is the proper preparation in our time for a true occult development. May those people who cannot take an interest in what the anthroposophist’s gaze follows across worlds, across planetary destinies, across human races and human epochs—may those people, with the petty material interests of the present day, even mock it: for those who wish to prepare themselves in a dignified manner for occult development, this is the preparation—this lifting of the gaze to those highest points where the interests of humanity, of the Earth, of the entire planetary system grow into their own interests. For where interests are gradually sharpened and broadened through the study of Spiritual Science—which then leads to an understanding of occult truths, even without occult training—there lies the proper preparation for an occult path. Certainly, in our time there are many people—those who stand in the ranks of the intellectuals are often not among them, while those who seemingly lead a simple life in a simple place are often precisely those who are—certainly, there are many people today, living in humble circumstances, who, as if by a natural instinct, have these interests for the whole of humanity: and because this is so, that is why anthroposophy is so timely.

[ 6 ] Erst muß man also dasjenige lernen, was wie eine gewaltige Erschütterung der Seele am Ausgangspunkte okkulten Erlebens stehen muß. Mit wunderbarer Wahrheit wird nun ein solcher Moment hingestellt an den Ausgangspunkt des Erlebens von Arjuna; nur daß er nicht durch eine Schulung geht, sondern hineingestellt wird durch sein Schicksal. Hineingestellt wird er in den Kampf, ohne daß er Notwendigkeit, Zweck, Ziel dieses Kampfes erkennen kann. Er sieht nur, daß Blutsverwandte gegen Blutsverwandte kämpfen wollen, und es kann im Innersten erschüttert werden eine solche Seele, die wie Arjuna sich sagt: Bruder gegen Bruder kämpft. Ist es dann nicht klar, daß alle Stammessitten schwanken, daß dann auch der Stamm dahinsiechen muß, daß er vernichtet werden muß, daß die Moralität des Stammes dahinsinkt? Dann müssen die Gesetze wanken, die nach dem ewigen Schicksal die Menschen in die Kasten hineinstellen, dann müssen die Gesetze der Kasteneinteiltung wanken, dann wankt der Mensch, wankt der Stamm, dann wankt das Gesetz, dann wankt die ganze Welt, die ganze Bedeutung des Menschentums. — Das ist sein Empfinden, es ist so, wie wenn der Boden sich ihm unter den Füßen hinwegziehen wollte, wie wenn ein Abgrund sich auftun wollte für all sein Empfinden. Ein solcher Mensch wie Arjuna hat es mit seinem Gefühle aufgenommen, was heute die Menschen nicht mehr wissen, was in alten Zeiten aber uralte Überlieferung und Lehre war: daß dasjenige, was sich fortpflanzt von Geschlecht zu Geschlecht, von Generation zu Generation in der Menschheit, gebunden ist an die Natur der Frau, während das individuell Persönliche, dasjenige, was den Einzelmenschen als Individualität herausreißt aus dem Zusammenhang des Blutes, der Generation, gebunden ist an die Natur des Mannes. Dasjenige, was den Menschen mehr hineinstellt in die Reihe der Generationen, was sich als gemeinsame Natur, als Artnatur des Menschen vererbt, das ist der Teil, den die Frau vererbt auf die Nachkommen. Dasjenige, was die Menschen zu einem Besonderen, Individuellen gestaltet, was sie herausreißt aus der Generationenreihe, das ist der Teil, den der Mann gibt. Muß nicht in die Gesetzmäßigkeit der Frauennatur, so sagt sich Arjuna, Übles hineinkommen, wenn Blut gegen Blut kämpfen muß?

[ 6 ] First, one must learn what must stand at the starting point of occult experience as a tremendous shock to the soul. With remarkable accuracy, such a moment is now placed at the starting point of Arjuna’s experience; only that he does not undergo a process of training, but is thrust into it by his fate. He is placed in the battle without being able to recognize the necessity, purpose, or goal of this battle. He sees only that blood relatives wish to fight against blood relatives, and such a soul—who, like Arjuna, says to himself: “Brother fights against brother”—can be shaken to the core. Is it not then clear that all tribal customs are faltering, that the tribe itself must then wither away, that it must be destroyed, that the morality of the tribe is sinking? Then the laws must falter—the laws that, according to eternal destiny, place people into castes; then the laws of caste division must falter; then man falters, the tribe falters, then the law falters, then the whole world falters, the very meaning of humanity. — That is his feeling; it is as if the ground were about to give way beneath his feet, as if an abyss were about to open up for all his feelings. A man like Arjuna has taken to heart with his feelings what people no longer know today, but which in ancient times was an age-old tradition and teaching: that that which is passed down from generation to generation, from one generation to the next in humanity, is bound to the nature of the woman, whereas the individual personality—that which draws the individual human being out of the context of blood and generation as an individuality—is bound to the nature of the man. That which places the human being more firmly within the line of generations, that which is inherited as a common nature, as the species nature of humanity, is the part that the woman bequeaths to her descendants. That which shapes human beings into something special and individual, that which sets them apart from the line of generations—that is the part that the man imparts. Must not evil enter into the laws of woman’s nature, Arjuna asks himself, when blood must fight against blood?

[ 7 ] Und weiter: Eine andere Empfindung, ein anderes Gefühl, das aufgenommen hat Arjuna, das bei ihm zusammenhängt mit alle dem, was er als Heil der gesamten Menschheitsentwickelung empfindet, es ist das Gefühl: Die Ahnen, die Väter sind ehrwürdig, und ihre Seelen wachen über den nachfolgenden Geschlechtern, und ein hoher, heiliger Dienst ist es, den Manen, den heiligen Seelen der Ahnen zu opfern, Opferfeuer darzubringen. — Was aber muß Arjuna sehen? Statt daß Altäre vor ihm stehen, auf denen die Opferfeuer brennen für die Ahnen, fallen diejenigen sich gegenseitig an, die für die gemeinsamen Ahnen die Opferfeuer anzünden sollten. Kämpfend fallen sie sich an.

[ 7 ] And further: Arjuna has come to feel something else, a different sentiment, one that is connected to everything he perceives as the salvation of humanity’s entire development; it is the feeling: The ancestors, the fathers, are venerable, and their souls watch over the generations that follow, and it is a lofty, sacred duty to make offerings to the Manes, the sacred souls of the ancestors, to kindle sacrificial fires. — But what must Arjuna see? Instead of altars standing before him on which the sacrificial fires burn for the ancestors, those who should be kindling the sacrificial fires for the common ancestors are attacking one another. Fighting, they attack one another.

[ 8 ] Wenn man verstehen will eine Seele, dann muß man sich in die Gedanken dieser Seele vertiefen, dann muß man noch mehr in die Empfindung dieser Seele sich hineinversetzen. Denn mit den Empfindungen hängt die Seele innig zusammen, innig zusammen mit dem, was ihr Leben ist. Und nun denke man den Kontrast, den unendlichen Kontrast zwischen dem, was Arjunas Empfindung sein sollte, und dem, was rings herum als blutiger Bruderkampf sich ausbreiten sollte. Das heißt, das Schicksal rüttelt an die Seele des Arjuna. Ein Ereignis tiefster Erschütterung findet statt, das für diese Seele so ist, wie wenn sich ihr der Boden unter den Füßen entzöge und sie in den schauerlichsten Abgrund hinunterblicken müßte. Solche Erschütterung ist Kraft der Seele, ruft die ersten Kräfte der Seele wach, solche Erschütterung bringt die Seele zum Schauen desjenigen, was sonst wie durch einen Schleier verborgen ist: der okkulten Wirklichkeit. Das ist gleich das bedeutsame Spannungsmoment in der Bhagavad Gita, daß uns nicht nur in abstrakter Weise, schulmäßig, pedantisch gewissermaßen ein Unterricht im Okkultismus entgegengebracht wird, sondern daß in höchster Weise künstlerisch uns dargestellt wird, wie aus dem Schicksal des Arjuna heraus sich entwickeln muß, was nun entsteht.

[ 8 ] If one wishes to understand a soul, one must immerse oneself in that soul’s thoughts; one must, even more so, put oneself in that soul’s shoes. For the soul is intimately connected to its feelings, intimately connected to what constitutes its life. And now consider the contrast, the infinite contrast between what Arjuna’s feelings should be and what was about to unfold all around him as a bloody fratricidal battle. That is to say, fate is shaking Arjuna’s soul. An event of the deepest upheaval takes place, which for this soul is as if the ground were being pulled out from under its feet and it were forced to look down into the most terrifying abyss. Such a shock is a source of strength for the soul; it awakens the soul’s deepest powers; such a shock enables the soul to perceive what is otherwise veiled: the occult reality. This is precisely the significant moment of tension in the Bhagavad Gita: that we are not merely presented with a lesson in the occult in an abstract, academic, and, one might say, pedantic manner, but that it is portrayed to us in the most artistic way how what is now emerging must develop out of Arjuna’s fate.

[ 9 ] Und nun, nachdem es gerechtfertigt ist, daß die tieferen okkulten Kräfte in der Seele des Arjuna hervorkommen können, daß innerlich erschaut werden können diese Kräfte, da tritt ein, was jetzt für jeden, der schauen kann, selbstverständlich ist: sein Wagenlenker wird zum Instrument, durch das der Gott Krishna zu ihm spricht. Und nun merken wir in den vier ersten Gesängen drei Etappen, drei Stufen, jede folgende höher als die vorhergehende, jede folgende etwas Neues. Gleich in den vier ersten Gesängen eine wunderbare künstlerisch dramatische Steigerung, neben dem, daß diese Steigerung einer tiefen okkulten Wahrheit entspricht. Was ist das erste? Das erste ist eine Lehre, die im Grunde genommen, so wie sie gegeben wird, manchem abendländischen Menschen sogar trivial vorkommen könnte. Das sei ohne weiteres zugegeben. Ich bemerke in Parenthese, daß ich mit abendländisch oder westländisch — und gerade mit Rücksicht auf meine hiesigen lieben Freunde möchte ich dies sagen —, daß ich mit westländisch alles verstehe, was westlich von Ural, Wolga, Kaspischem Meer sogar und Kleinasien liegt, also ganz Europa selbstverständlich. Das Ostländische liegt im wesentlichen in Asien drüben. Natürlich gehört Amerika zu dem Westländischen.

[ 9 ] And now, since it is justified that the deeper occult powers within Arjuna’s soul may emerge—that these powers may be perceived inwardly—what follows is something that is now self-evident to anyone who can see: his charioteer becomes the instrument through which the god Krishna speaks to him. And now we observe in the first four cantos three stages, three levels, each one higher than the previous, each one bringing something new. Right in the first four cantos there is a wonderful artistic and dramatic intensification, besides the fact that this intensification corresponds to a deep occult truth. What is the first? The first is a teaching which, as it is presented, might even seem trivial to some Westerners. That must be readily admitted. I note in parentheses that by “Western”—and I say this specifically out of consideration for my dear friends here—I mean everything west of the Urals, the Volga, even the Caspian Sea, and Asia Minor, that is, all of Europe, of course. The Eastern world lies essentially over in Asia. Of course, America belongs to the Western world.

[ 10 ] Da ist zunächst also eine merkwürdige, gerade für manches philosophische Gemüt, man könnte sagen, triviale Lehre. Was sagt denn zunächst Krishna dem Arjuna wie ein Wort der Anfeuerung zum Kampf? Siehe hinüber auf diejenigen, die durch euch getötet werden sollen, siehe auf diejenigen, die aus euren Reihen getötet werden sollen, siehe auf diejenigen, die getötet werden sollen, und auf diejenigen, die leben bleiben sollen, berücksichtige das eine: Was stirbt oder was am Leben bleibt bei den Feinden und bei euch, das ist die äußere physische Leiblichkeit. Der Geist ist ewig. Und wenn die Deinigen töten jene, die drüben in den anderen Reihen sind, dann töten sie ja nur den äußeren Leib, dann töten sie nicht den Geist, der ewig ist. Und diejenigen, die von euch getötet werden, sie werden nur dem Leibe nach getötet, der Geist aber geht von Verwandlung zu Verwandlung, von Inkarnation zu Inkarnation, er ist ewig. Das ewige, tiefste Wesen des Menschen berührt ihr gar nicht in diesem Kampf. Erhebe dich, Arjuna, zu dem Standpunkte des Geistes, und du wirst hinschauen können auf dasjenige, was nicht getötet werden kann, was am Leben bleibt. Du kannst dich deiner Pflicht opfern, du brauchst nicht zu schaudern, du brauchst nicht trostlos zu sein, da du das Wesentliche nicht tötest, wenn du die Feinde tötest.

[ 10 ] So, to begin with, there is a strange—and, one might say, trivial—teaching, especially for some philosophical minds. What does Krishna say to Arjuna at the outset, as a word of encouragement for battle? Look across at those who are to be killed by you, look at those who are to be killed from your ranks, look at those who are to be killed and at those who are to remain alive, and consider this one thing: whatever dies or remains alive among the enemies and among you is merely the outer physical body. The spirit is eternal. And when your men kill those who are over there in the other ranks, they are killing only the outer body; they are not killing the spirit, which is eternal. And those who are killed by you are killed only in body, but the spirit passes from transformation to transformation, from incarnation to incarnation; it is eternal. You do not touch the eternal, deepest essence of man at all in this battle. Rise, Arjuna, to the vantage point of the spirit, and you will be able to look upon that which cannot be killed, that which remains alive. You may sacrifice yourself to your duty; you need not tremble, you need not be desolate, for you do not kill the essential when you kill the enemies.

[ 11 ] Zunächst ist dies in gewissem Sinne eine Trivialität, nur ist es eine Trivialität von ganz besonderer Art. Der Abendländer hat in vieler Beziehung ein recht kurzes Denken, ein recht kurzes Bewußtsein. Er bedenkt gar nicht, daß alles in Entwickelung ist. Davon zu sprechen, daß dasjenige, was ich eben jetzt als eine Unterweisung des Krishna ausgesprochen habe, davon zu sprechen, daß das trivial sei, das kommt etwa dem gleich, wie wenn jemand sagen würde: Ja, da verehrt man den Pythagoras als einen so großen Geist, aber seinen Lehrsatz kennt ja jeder Schulbub und jedes Schulmädchen. — Das wäre doch ein sehr törichtes Urteil, wenn man von dem Umstand, daß jeder Schulbub den Pythagoräischen Lehrsatz kennt, schließen würde, daß Pythagoras eben kein großer Mann gewesen sei, weil er den Pythagoräischen Lehrsatz gefunden hat. Da merkt man das Törichte nur; man merkt es aber nicht mehr, wenn man nicht empfindet, daß dasjenige, was heute alle westländischen Philosophen plappern können als Krishnaweisheit: von der Ewigkeit des Geistes, von der Unsterblichkeit des Geistes, daß das in der Zeit, als es Krishna verkündete, eine hohe Weisheit war.

[ 11 ] At first glance, this is in a certain sense a triviality, but it is a triviality of a very special kind. In many respects, Westerners have a rather limited way of thinking, a rather limited consciousness. He does not even consider that everything is in a state of development. To speak of what I have just stated as a teaching of Krishna—to speak of that as trivial—is roughly equivalent to someone saying: “Yes, Pythagoras is revered as such a great mind, but every schoolboy and schoolgirl knows his theorem.” — That would be a very foolish judgment, if one were to conclude from the fact that every schoolboy knows the Pythagorean theorem that Pythagoras was not a great man precisely because he discovered the Pythagorean theorem. There one merely notices the folly; but one no longer notices it if one does not realize that what all Western philosophers today can parrot as Krishna’s wisdom—about the eternity of the spirit, about the immortality of the spirit—was, at the time Krishna proclaimed it, a profound wisdom.

[ 12 ] Solche Seelen wie Arjuna fühlten zwar: Blutsverwandte dürfen sich nicht bekämpfen, empfanden zwar noch das gemeinsame Blut in einer Mehrheit von Menschen, aber etwas völlig Neues, etwas, was ganz neu, epochal neu in seine Seele tönte, war der in abstrakten Worten, in Verstandesworten ausgesprochene Satz: Der Geist ist ewig — der Geist als dasjenige betrachtet, was gewöhnlich abstrakt im Zentrum des Menschen gedacht wird —, der Geist ist ewig und geht durch Verwandlungen hindurch, schreitet von Inkarnation zu Inkarnation. Im Konkreten glaubte jeder Mensch in der Umgebung des Arjuna an die Wiederverkörperung. In der Allgemeinheit, in der Abstraktheit, wie es Krishna lehrte, war es, besonders angesichts der Situation für Arjuna, etwas völlig Neues.

[ 12 ] Souls like Arjuna did indeed feel that blood relatives should not fight one another, and they did indeed still sense the shared blood in the majority of people; but something entirely new, something that resounded in his soul as something completely new and epoch-making, was the sentence expressed in abstract terms, in intellectual language: The spirit is eternal—the spirit considered as that which is usually thought of abstractly at the center of the human being—the spirit is eternal and passes through transformations, proceeding from incarnation to incarnation. In concrete terms, everyone in Arjuna’s circle believed in reincarnation. In the general, abstract sense, as Krishna taught it, it was, especially given Arjuna’s situation, something entirely new.

[ 13 ] Das ist das eine, warum das, was eben ausgesprochen worden ist, eigentlich in einem ganz besonderen Sinne eine triviale Wahrheit genannt werden mußte. Es gilt aber auch noch in einem anderen Sinne. Dasjenige, was wir heute, selbst wenn wir populäre Wissenschaft treiben, als dem Menschen etwas ganz Natürliches ansehen, unser Denken, unser abstraktes Denken, das war ganz und gar nicht immer bei dem Menschen etwas Selbstverständliches und Natürliches. Es ist gut, wenn man, um so etwas zu charakterisieren, gleich zu den radikalen Fällen seine Zuflucht nimmt. Ihnen allen wird es sonderbar vorkommen, wenn man folgendes sagt: Für Sie alle ist es ein natürliches Faktum, zum Beispiel von einem Fisch zu sprechen. Bei primitiven Völkern ist das ganz und gar nicht ein natürliches Faktum. Primitive Völker kennen wohl Forellen, Lachse, Stockfische, Heringe, aber «Fisch» kennen sie nicht. Sie haben gar nicht das Wort «Fisch», weil sie bis zu solcher Abstraktheit, bis zu solcher Allgemeinheit mit dem Denken gar nicht gehen. Birkenbäume, Kirschenbäume, Orangenbäume, einzelne Bäume kennen sie, aber «Baum» kennen sie nicht. Dasjenige, was uns ganz natürlich ist, das Denken in allgemeinen Begriffen, das ist heute noch bei primitiven Völkern gar nicht etwas Natürliches.

[ 13 ] That is one reason why what has just been said must, in a very special sense, be called a trivial truth. But it also applies in another sense. What we today, even when engaging in popular science, regard as something entirely natural to human beings—our thinking, our abstract thinking—was by no means always something self-evident and natural to human beings. It is helpful, when characterizing such a thing, to turn immediately to the most extreme cases. It will seem strange to all of you if I say the following: For all of you, it is a natural fact, for example, to speak of a fish. Among primitive peoples, this is by no means a natural fact. Primitive peoples are certainly familiar with trout, salmon, stockfish, and herring, but they do not know “fish.” They do not even have the word “fish,” because their thinking does not extend to such abstractions, to such generalities. They know birch trees, cherry trees, orange trees, individual trees, but they do not know “tree.” What is entirely natural to us—thinking in general terms—is still not at all natural among primitive peoples today.

[ 14 ] Wenn man sich dieses Faktum vor Augen führt, dann muß man sich klar sein, daß auch dasjenige, was man im heutigen Sinne «Denken in allgemeinen Begriffen» nennt, daß dieses besondere Denken erst im Laufe der Entwickelung in die Menschheit eingetreten ist. Ja, für denjenigen, der ein wenig darüber nachdenkt, warum Logik erst im alten Griechenland entstanden ist, könnte es gar nicht besonders auffällig sein, wenn gesagt wird aus okkulter Erkenntnis heraus, daß logisches Denken eigentlich überhaupt erst seit jener Zeit existiert, die nach der ursprünglichen Abfassung der Bhagavad Gita verflossen ist. Auf logisches Denken, auf Denken in Abstraktionen weist gewissermaßen als auf etwas Neues, was jetzt erst in die Menschheit eintreten soll, Krishna den Arjuna hin. Aber dieses Denken, das der Mensch so entwickelt, dieses Denken, das nimmt man zwar heute als etwas ganz Natürliches, aber man hat die schiefesten, unnatürlichsten Ansichten über dieses Denken. Und gerade die westländischen Philosophen haben über dieses Denken die allerschiefsten Anschauungen, denn man hält gewöhnlich dieses Denken für eine bloße Photographie der äußeren sinnlichen Wirklichkeit, man glaubt, die Begriffe, Ideen entstehen im Menschen, dieses ganze innere Denken überhaupt entstehe im Menschen von der physischen Außenwelt herein. Ganze Bibliotheken von philosophischen Werken sind geschrieben worden in der abendländischen Literatur, um nachzuweisen, daß dieses Denken eigentlich nichts anderes sei als etwas, was durch die physische Außenwelt angeregt entstanden sei. Wir erst leben in der Zeit, wo dieses Denken in der richtigen Weise gewürdigt werden kann.

[ 14 ] When one considers this fact, one must realize that even what we today call “thinking in general terms”—that is, this particular form of thinking—only emerged in humanity in the course of its development. Indeed, for anyone who reflects a little on why logic first arose in ancient Greece, it should come as no surprise when it is stated, based on occult knowledge, that logical thinking has actually existed only since the time that has elapsed since the original composition of the Bhagavad Gita. Krishna points out to Arjuna that logical thinking, thinking in abstractions, is, so to speak, something new that is only now to enter humanity. But this way of thinking that human beings have developed—this way of thinking—is taken today as something entirely natural, yet people hold the most distorted, unnatural views about it. And Western philosophers in particular have the most distorted views of this thinking, for they usually regard it as a mere photograph of external sensory reality; they believe that concepts and ideas arise within the human being, that this entire inner thinking arises in the human being from the physical external world. Entire libraries of philosophical works have been written in Western literature to prove that this thinking is actually nothing other than something that has arisen through stimulation from the physical external world. We are the first to live in an age where this thinking can be properly appreciated.

[ 15 ] Hier komme ich auf einen Punkt zu sprechen, der ganz und gar wichtig ist gerade für diejenigen, die mit der eigenen Seele eine okkulte Entwickelung durchmachen wollen. Ich möchte wirklich alles versuchen, um gerade über dasjenige, was ich jetzt aussprechen will, Klarheit hervorzurufen. Gewiß, mittelalterliche Alchimisten haben gesagt — und ich kann heute nicht auseinandersetzen, was sie eigentlich damit gemeint haben —, sie haben gesagt, man könne aus allen Metallen Gold machen, Gold in so großer Menge, wie man will, nur muß man zunächst unbedingt ein Winziges an Gold haben. Ohne daß man das hat, kann man kein Gold machen. Aber wenn man ein Winzigstes an Gold hat, kann man beliebige Mengen Goldes machen. — So ist es nämlich, wenn auch nicht mit dem Gold machen, so ist es mit dem Hellsehen. Kein Mensch könnte eigentlich zu wirklichem Hellsehen kommen, wenn er nicht zunächst ein Winziges an Hellsehen in der Seele hätte. Wenn es wahr wäre, was ein allgemeiner Glaube ist, daß die Menschen, wie sie sind, nicht hellsichtig seien, dann könnten sie überhaupt nicht hellsichtig werden. Denn wie der Alchimist meint, daß man etwas Gold haben muß, um viele Mengen Goldes hervorzuzaubern, so muß man unbedingt etwas hellsehend schon sein, damit man dieses Hellsehen immer weiter und weiter ins Unbegrenzte hinein ausbilden kann.

[ 15 ] Here I would like to address a point that is of the utmost importance, especially for those who wish to undergo an occult development of their own soul. I truly want to do everything I can to bring clarity to precisely what I am about to say. Certainly, medieval alchemists said—and I cannot explain today exactly what they meant by this—they said that one could make gold from all metals, as much gold as one wishes, but one must first absolutely have a tiny amount of gold. Without that, one cannot make gold. But if one has the tiniest amount of gold, one can make any amount of gold. — That is precisely how it is; even if not with making gold, so it is with clairvoyance. No one could actually attain true clairvoyance unless they first had a tiny bit of clairvoyance in their soul. If it were true—as is commonly believed—that people, as they are, are not clairvoyant, then they could never become clairvoyant at all. For just as the alchemist believes that one must have some gold in order to conjure up large quantities of gold, so one must already possess some degree of clairvoyance in order to develop this ability further and further into the infinite.

[ 16 ] Nun könnten Sie ja die Alternative aufstellen und sagen: Also glaubst du, daß wir schon alle hellsichtig sind, wenn auch nur ein Winziges, oder daß diejenigen unter uns, die nicht hellsichtig sind, es auch nie werden können? — Sehen Sie, darauf kommt es an, daß man versteht, daß der erste Fall der Alternative richtig ist: Es gibt wirklich keinen unter Ihnen, der nicht — wenn er sich dessen auch nicht bewußt ist — diesen Ausgangspunkt hätte. Sie haben ihn alle. Keiner von Ihnen ist in der Not, weil Sie alle ein gewisses Quantum Hellsehen haben. Und was ist dieses Quantum? Das ist dasjenige, was gewöhnlich gar nicht als Hellsehen geschätzt wird.

[ 16 ] Now you might pose the alternative and ask: So do you believe that we are all already clairvoyant, even if only to a tiny degree, or that those among us who are not clairvoyant will never be able to become so? — You see, the point is to understand that the first part of the alternative is correct: There really is no one among you who does not—even if they are not aware of it—possess this starting point. You all have it. None of you are in need, because you all possess a certain degree of clairvoyance. And what is this degree? It is that which is usually not even recognized as clairvoyance.

[ 17 ] Verzeihen Sie einen etwas groben Vergleich: Wenn eine Perle am Wege liegt und ein Huhn findet sie, so schätzt das Huhn die Perle nicht besonders. Solche Hühner sind die modernen Menschen zumeist. Sie schätzen die Perle, die ganz offen daliegt, gar nicht, sie schätzen etwas ganz anderes, sie schätzen nämlich ihre Vorstellungen. Niemand könnte abstrakt denken, wirkliche Gedanken und Ideen haben, wenn er nicht hellsichtig wäre, denn in den gewöhnlichen Gedanken und Ideen ist die Perle der Hellsichtigkeit von allem Anfange an. Diese Gedanken und Ideen entstehen genau durch denselben Prozeß der Seele, durch den die höchsten Kräfte entstehen. Und es ist ungeheuer wichtig, daß man zunächst verstehen lernt, daß der Anfang der Hellsichtigkeit etwas ganz Alltägliches eigentlich ist: man muß nur die übersinnliche Natur der Begriffe und Ideen erfassen. Man muß sich klar sein, daß aus den übersinnlichen Welten die Begriffe und Ideen zu uns kommen, dann erst sieht man recht. Wenn ich Ihnen erzähle von Geistern der höheren Hierarchien, von den Seraphim, Cherubim, von den Thronen herunter bis zu den Archangelo: und Angeloi, so sind das Wesenheiten, die aus geistigen, höheren Welten zu der Menschenseele sprechen müssen. Aus eben diesen Welten kommen der Seele die Ideen und Begriffe, sie kommen geradezu in die Seele aus höheren Welten herein und nicht aus der Sinnenwelt.

[ 17 ] Please forgive a somewhat crude comparison: If a pearl lies on the path and a chicken finds it, the chicken does not particularly value the pearl. Most modern people are like such chickens. They do not value the pearl lying there in plain sight at all; they value something entirely different—namely, their own mental images. No one could think abstractly or have real thoughts and ideas if they were not clairvoyant, for the pearl of clairvoyance is present in ordinary thoughts and images from the very beginning. These thoughts and ideas arise through exactly the same process of the soul through which the highest powers arise. And it is immensely important that one first learns to understand that the beginning of clairvoyance is actually something quite ordinary: one need only grasp the supersensible nature of concepts and ideas. One must be clear that concepts and ideas come to us from the supersensible worlds; only then does one see correctly. When I speak to you of spirits of the higher hierarchies—of the Seraphim, Cherubim, and Thrones down to the Archangels and Angeloi—these are beings who must speak to the human soul from spiritual, higher worlds. It is from precisely these worlds that ideas and concepts come to the soul; they enter the soul directly from higher worlds and not from the sensory world.

[ 18 ] Es wurde als ein großes Wort eines großen Aufklärers gehalten, das dieser gesagt hat im 18. Jahrhundert: Mensch, erkühne dich, deiner Vernunft dich zu bedienen. — Heute muß ein größeres Wort in die Seelen klingen, das heißt: Mensch, erkühne dich, deine Begriffe und Ideen als die Anfänge deines Hellsehertums anzusprechen. — Das, was ich jetzt ausgesprochen habe, habe ich schon vor vielen Jahren ausgesprochen, ausgesprochen in aller Öffentlichkeit, nämlich in meinen Büchern «Wahrheit und Wissenschaft» und «Philosophie der Freiheit», wo ich gezeigt habe, daß die menschlichen Ideen aus übersinnlichem, geistigem Erkennen kommen. Man hat es dazumal nicht verstanden; das ist ja auch kein Wunder, denn diejenigen, die es hätten verstehen sollen, die gehörten, nun ja, halt zu den Hühnern. Wir müssen uns aber klar sein, daß in dem Augenblick, wo Krishna vor dem Arjuna steht, er ihm sozusagen zum ersten Male in der ganzen Menschheitsentwikkelung den Ausgangspunkt für die Erkenntnis der höheren Welten in der Durchdringung des abstrakten Urteilens gibt. Der Geist kann gesehen werden ganz in der Oberfläche der Verwandlungen innerhalb der äußeren Sinnenwelt. Die Leiber können sterben, der Geist, das Abstrakte, das Wesentliche ist ewig. Ganz in der Oberfläche der Erscheinungen kann das Geistige gesehen werden. Das ist es, was Krishna dem Arjuna als den Anfang eines neuen Hellsehertums des Menschen klar machen will.

[ 18 ] It was regarded as a great statement by a great Enlightenment thinker, who said in the 18th century: “Man, have the courage to use your own reason.” — Today, a greater call must resound in our souls, namely: Man, have the courage to address your concepts and ideas as the beginnings of your clairvoyance. — What I have just said, I said many years ago, and I said it in full public view, namely in my books *Truth and Science* and *The Philosophy of Freedom*, where I showed that human ideas come from supersensible, spiritual knowledge. People did not understand it back then; which is no wonder, for those who should have understood it belonged, well, to the chickens. But we must be clear that at the moment when Krishna stands before Arjuna, he gives him, so to speak, for the first time in the entire development of humanity, the starting point for the knowledge of the higher worlds through the penetration of abstract judgment. The spirit can be seen right on the surface of the transformations within the outer sensory world. Bodies may die, but the spirit, the abstract, the essential, is eternal. The spiritual can be seen right on the surface of phenomena. This is what Krishna wants to make clear to Arjuna as the beginning of a new clairvoyance for humanity.

[ 19 ] Für den heutigen Menschen ist eines notwendig, wenn er zu einer innerlich erlebten Wahrheit kommen will. Wenn er wirklich einmal innerlich Wahrheit erleben will, dann muß der Mensch einmal durchgemacht haben das Gefühl der Vergänglichkeit aller äußeren Verwandlungen, dann muß der Mensch die Stimmung der unendlichen Trauer, der unendlichen Tragik und das Frohlocken der Seligkeit zugleich erlebt haben, erlebt haben den Hauch, den Vergänglichkeit aus den Dingen ausströmt. Er muß sein Interesse haben fesseln können an diesen Hauch des Werdens, des Entstehens und der Vergänglichkeit der Sinnenwelt. Dann muß der Mensch, wenn er höchsten Schmerz und höchste Seligkeit an der Außenwelt hat empfinden können, einmal so recht allein gewesen sein, allein gewesen sein nur mit seinen Begriffen und Ideen; dann muß er einmal empfunden haben: Ja, in diesen Begriffen und Ideen, da fassest du doch das Weltengeheimnis, das Weltgeschehen an einem Zipfel — derselbe Ausdruck, den ich einstmals gebraucht habe in meiner «Philosophie der Freiheit». — Aber erleben muß man dieses, nicht bloß verstandesmäßig begreifen, und wenn man es erleben will, erlebt man es in völligster Einsamkeit.

[ 19 ] For people today, one thing is essential if they wish to arrive at a truth experienced from within. If they truly wish to experience truth inwardly, then they must have gone through the feeling of the transience of all external transformations; they must have experienced the mood of infinite sorrow, infinite tragedy, and the exultation of bliss all at once; they must have experienced the breath of transience that emanates from things. They must have been able to capture their interest in this breath of becoming, of emergence, and of the transience of the sensory world. Then, having been able to feel the highest pain and the highest bliss in the external world, a person must have been truly alone at some point, alone only with their concepts and ideas; then they must have felt: Yes, in these concepts and ideas, you do grasp the mystery of the world, the course of world events by a thread—the same expression I once used in my *Philosophy of Freedom*. — But one must experience this, not merely grasp it intellectually, and if one wishes to experience it, one experiences it in the most complete solitude.

[ 20 ] Und man hat dann noch ein Nebengefühl. Auf der einen Seite erlebt man die Grandiosität der Ideenwelt, die sich ausspannt über das All, auf der anderen Seite erlebt man mit der tiefsten Bitternis, daß man sich trennen muß von Raum und Zeit, wenn man mit seinen Begriffen und Ideen zusammensein will. Einsamkeit! Man erlebt die frostige Kälte. Und weiter enthüllt sich einem, daß die Ideenwelt sich jetzt wie in einem Punkte zusammengezogen hat, wie in einem Punkte dieser Einsamkeit. Man erlebt: Jetzt bist du mit ihr allein. — Man muß das erleben können. Man erlebt dann das Irrewerden an dieser Ideenwelt, ein Erlebnis, das einen tief aufwühlt in der Seele. Dann erlebt man es, daß man sich sagt: Vielleicht bist du das alles doch nur selber, vielleicht ist an diesen Gesetzen nur wahr, daß es lebt in dem Punkte deiner eigenen Einsamkeit. — Dann erlebt man, ins Unendliche vergrößert, alle Zweifel am Sein.

[ 20 ] And then there is a secondary feeling. On the one hand, one experiences the grandeur of the world of ideas, which stretches across the universe; on the other hand, one experiences with the deepest bitterness that one must separate oneself from space and time if one wishes to be with one’s concepts and ideas. Solitude! One experiences the icy cold. And further, it is revealed to one that the world of ideas has now contracted into a single point, as if into a single point of this loneliness. One experiences: Now you are alone with it. — One must be able to experience this. One then experiences the bewilderment of this world of ideas, an experience that deeply stirs the soul. Then one experiences saying to oneself: Perhaps you are all of this yourself after all; perhaps the only truth in these laws is that they live in the point of your own solitude. — Then one experiences, magnified to infinity, all doubts about existence.

[ 21 ] Wenn man dieses Erlebnis in seiner Ideenwelt hat, wenn sich aller Zweifel am Sein schmerzlich und bitter abgeladen hat auf die Seele, dann erst ist man im Grunde reif dazu, zu verstehen, wie es doch nicht die unendlichen Räume und die unendlichen Zeiten der physischen Welt sind, die einem die Ideen gegeben haben. Jetzt erst, nach dem bitteren Zweifel, öffnet man sich den Regionen des Spirituellen und weiß, daß der Zweifel berechtigt war, und wie er berechtigt war. Denn er mußte berechtigt sein, weil man geglaubt hat, daß die Ideen aus den Zeiten und Räumen in die Seele gekommen seien. Aber was empfindet man jetzt? Als was empfindet man die Ideenwelt, nachdem man sie erlebt hat aus den spirituellen Welten heraus? Jetzt fühlt man sich zum ersten Male inspiriert, jetzt beginnt man, während man früher wie einen Abgrund die unendliche Öde um sich ausgedehnt empfunden hat, jetzt beginnt man sich zu fühlen wie auf einem Felsen stehend, der aus dem Abgrunde emporwächst, und man fühlt sich so, daß man weiß: Jetzt bist du in Verbindung mit den geistigen Welten, diese und nicht die Sinnenwelt haben dich mit der Ideenwelt beschenkt. — Das ist eine nächste Etappe für die sich entwikkelnde Seele. Das ist diejenige Etappe, wo es beim Menschen beginnt mit dem, was heute schon eine triviale Wahrheit geworden ist, recht ernst zu werden. Daß man dieses Fühlen im Herzen trägt, das ist die Vorbereitung dazu, daß man überhaupt im richtigen Sinne empfindet, was jetzt, nach der gewaltigen, großen Erschütterung der Seele des Arjuna, von Krishna dem Arjuna als erste Wahrheit gegeben wird: die Wahrheit von dem ewigen Geiste, der in den Verwandlungen lebt. In Begriffen und Ideen wird zum abstrakten Verstande gesprochen, Krishna spricht zum Herzen des Arjuna, und was ganz trivial für den Verstand sein mag, ist etwas unendlich Tiefes, Erhabenes für das Herz.

[ 21 ] Only when one has had this experience in one’s world of ideas, when all doubt about existence has weighed painfully and bitterly upon the soul, is one truly ready to understand that it is not the infinite spaces and infinite times of the physical world that have given us these ideas. Only now, after the bitter doubt, does one open oneself to the realms of the spiritual and know that the doubt was justified, and how it was justified. For it had to be justified, because one believed that the ideas had come into the soul from time and space. But what does one feel now? How does one perceive the world of ideas, having experienced it from the spiritual worlds? Now, for the first time, one feels inspired; now one begins—whereas before one perceived the infinite wasteland spreading around oneself like an abyss—to feel as if standing on a rock rising from the abyss, and one feels in such a way that one knows: Now you are in connection with the spiritual worlds; these, and not the sensory world, have gifted you with the world of ideas. — This is the next stage for the evolving soul. It is the stage where, for human beings, what has already become a trivial truth today begins to be taken quite seriously. To carry this feeling in one’s heart is the preparation for perceiving, in the true sense, what is now—after the tremendous, great upheaval of Arjuna’s soul—given to Arjuna by Krishna as the first truth: the truth of the eternal Spirit that lives within transformations. Concepts and ideas speak to the abstract intellect; Krishna speaks to Arjuna’s heart, and what may be quite trivial to the intellect is something infinitely deep and sublime for the heart.

[ 22 ] Wir sehen, wie sich die erste Etappe sogleich als etwas ergibt, was mit Notwendigkeit hervorgeht aus der tiefen Lebenserschütterung, die wir am Ausgangspunkte der Bhagavad Gita sehen. Und nun die nächste Etappe. Man spricht sehr leicht von demjenigen, was man oftmals dem Okkultismus gegenüber als Dogma bezeichnet, als etwas, was man auf Treu und Glauben hinnimmt und wie ein Evangelium verkündet. Um mich zu erklären, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß es unendlich billig wäre, wenn jemand auftreten würde und sagen würde: Da hat einer eine «Geheimwissenschaft» veröffentlicht und spricht darin von einer Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung. Das kann man nicht kontrollieren, das kann man nur als Dogma hinnehmen. — Ich würde es begreifen, wenn so etwas gesagt würde, denn begreiflich ist so etwas aus der Oberflächlichkeit unserer Zeit heraus; denn oberflächlich ist unsere Zeit doch. Ja, es ist unter gewissen Voraussetzungen sogar wahr, aber nur unter der Voraussetzung, daß man aus dem Buche alle Seiten wegreißt, die dem Kapitel über die Saturnentwickelung zum Beispiel vorangehen. In dem Augenblick ist dieses Kapitel Dogma, wenn jemand mit diesem Kapitel das Buch beginnen würde. Würde direkt in diesem Buch bei der Saturnentwickelung begonnen, so wäre der Schreiber ein Dogmatiker. Wenn er aber voraussetzt die andern Kapitel, so ist er ganz und gar kein Dogmatiker, denn er zeigt, welchen Weg diese Seele durchzumachen hat, um zu solchen Anschauungen zu kommen. Darauf kommt es an. Es kommt darauf an, daß gezeigt wird, wie jede einzelne Seele, wenn sie sich in den Tiefen erfaßt, zu solchen Anschauungen kommen muß. Dadurch hört aller Dogmatusmus auf.

[ 22 ] We see how the first stage immediately emerges as something that necessarily arises from the profound upheaval in life that we observe at the outset of the Bhagavad Gita. And now the next stage. It is very easy to speak of what is often referred to as dogma in relation to the occult—as something that is accepted on faith and proclaimed like a gospel. To explain myself, I would like to draw your attention to the fact that it would be infinitely cheap if someone were to come forward and say: “Someone has published a ‘secret science’ and speaks in it of a Saturn, Sun, and Moon evolution.” You can’t verify that; you can only accept it as dogma. — I would understand if something like that were said, for such a thing is understandable given the superficiality of our time; for superficial our time certainly is. Yes, under certain conditions it is even true, but only on the condition that you tear out of the book all the pages that precede the chapter on the Saturn evolution, for example. At that moment, this chapter becomes dogma if someone were to begin the book with this chapter. If the book were to begin directly with the Saturn evolution, the writer would be a dogmatist. But if he presupposes the other chapters, he is by no means a dogmatist, for he shows the path this soul must traverse to arrive at such views. That is what matters. What matters is that it is shown how every single soul, when it grasps itself in the depths, must arrive at such insights. Through this, all dogmatism ceases.

[ 23 ] Man kann es daher als natürlich empfinden, daß Krishna dem Arjuna gegenüber, indem er ihn hineinführen will in die okkulte Welt und nachdem er ihm die Ideenwelt klar gemacht hat, ihm jetzt die nächste Stufe zeigt, zeigt, wie jede Seele, wenn sie den richtigen Ausgangspunkt findet, in die okkulten Welten kommen kann. Was muß also Krishna tun? Dazu muß Krishna allen Dogmatismus ablehnen. Und radikal lehnt er allen Dogmatismus ab. Ein hartes Wort finden wir sogleich bei dieser nächsten Stufe. Dasjenige, was den höchsten Menschen jener Zeiten durch Jahrhunderte hindurch heilig war, der Inhalt der Veden, wird radikal abgelehnt: Halte dich nicht an die Veden, halte dich nicht an das Vedawort, halte dich an Yoga. — Das heißt, halte dich an das Innere deiner eigenen Seele. Fassen wir ins Auge, was da gesagt werden soll.

[ 23 ] It may therefore seem natural that Krishna, in his dealings with Arjuna—having sought to guide him into the occult world and having clarified the world of ideas for him—now shows him the next stage, demonstrating how every soul, if it finds the right starting point, can enter the occult worlds. So what must Krishna do? To do this, Krishna must reject all dogmatism. And he radically rejects all dogmatism. We immediately encounter a harsh word at this next stage. That which had been sacred to the highest human beings of those times for centuries—the content of the Vedas—is radically rejected: Do not adhere to the Vedas, do not adhere to the Vedic word, adhere to yoga. — That is to say, adhere to the innermost depths of your own soul. Let us take a close look at what is being said here.

[ 24 ] Die Veden enthalten im Sinne des Krishna nicht Unwahrheit, aber Krishna will nicht, daß Arjuna dasjenige, was in den Veden gegeben ist, dogmatisch hinnimmt wie die Vedenschüler, sondern Krishna will ihn heranerziehen, daß er von dem ursprünglichsten Entwickelungspunkt der Menschenseele ausgehe. Da muß alle dogmatische Weisheit beiseite gesetzt werden. Dann könnte Krishna etwa sprechen, wie beiseite — wir können uns ja vorstellen, daß Krishna zu sich beiseite spricht —, dann könnte er sich sagen: Und wenn Arjuna auch zuletzt zu all demselben kommen soll, was in den Veden steht, ich muß ihn ablenken von den Veden, denn er soll den eigenen Weg aus den Ursprüngen seiner Seele machen. — Von Krishna werden die Veden abgelehnt, gleichgültig, ob sie Wahrheit oder Unwahrheit enthalten. Denn vom Ursprünglichen der Seele soll Arjuna den Weg nehmen, er soll aus sich, aus einer inneren Eigenheit den Krishna kennenlernen. Für Arjuna muß vorausgesetzt werden, was vorausgesetzt werden kann, wenn man in die konkreten Wahrheiten der oberen übersinnlichen Welten wirklich eintreten kann. So daß also, nachdem Krishna den Arjuna aufmerksam gemacht hat auf etwas, was von diesem Zeitraum der Verkündung der Bhagavad Gita an, allgemein menschlich ist, nachdem er ihn darauf geführt hat, er ihn auch dahin führen muß, zu erkennen, was er bekommen soll durch den Yoga. Denn Yoga muß Arjuna erst durchmachen. Das ist die Steigerung zu einer nächsten Etappe hinauf.

[ 24 ] According to Krishna, the Vedas do not contain falsehood, but Krishna does not want Arjuna to accept what is given in the Vedas dogmatically, as the followers of the Vedas do; rather, Krishna wants to guide him so that he starts from the most primordial stage of the human soul’s development. All dogmatic wisdom must be set aside. Then Krishna might speak to himself—we can create a mental image of Krishna speaking to himself—and say: Even if Arjuna is ultimately to arrive at the same conclusions as those found in the Vedas, I must divert him from the Vedas, for he must forge his own path from the origins of his soul. — Krishna rejects the Vedas, regardless of whether they contain truth or falsehood. For Arjuna is to take the path from the origin of the soul; he is to come to know Krishna from within himself, from an inner quality of his own. For Arjuna, what can be presupposed must be presupposed if one can truly enter into the concrete truths of the higher supersensible worlds. So that, after Krishna has drawn Arjuna’s attention to something that is generally human from this period of the proclamation of the Bhagavad Gita onward, after he has guided him to this, he must also lead him to recognize what he is to receive through yoga. For Arjuna must first undergo yoga. This is the ascent to the next stage.

[ 25 ] Wir sehen, wie — als zweite Stufe — mit wichtiger dramatischer Steigerung zu dem Allerindividuellsten hin die Bhagavad Gita weiterschreitet in diesen vier ersten Gesängen. Nun schildert Krishna dem Arjuna den Yogaweg — darüber werden wir morgen noch genauer zu sprechen haben —, er schildert diesen Weg, den Arjuna durchzumachen hat, um zu der nächsten Stufe heraufzukommen, von dem alltäglichen Hellsehen der Begriffe und Ideen zu dem, was nur durch Yoga erlangt werden kann. Die Begriffe und Ideen brauchen nur in das richtige Licht gestellt zu werden, zu Yoga muß er geführt werden. Das ist die zweite Stufe.

[ 25 ] We see how—as a second stage—the Bhagavad Gita progresses through these first four songs with a significant dramatic intensification toward the most deeply individual. Now Krishna describes the path of yoga to Arjuna—we will discuss this in greater detail tomorrow— he describes this path that Arjuna must follow to ascend to the next stage, from the everyday clairvoyance of concepts and ideas to that which can only be attained through yoga. The concepts and ideas need only be placed in the right light; he must be led to yoga. That is the second stage.

[ 26 ] Die dritte Stufe: wiederum eine dramatische Steigerung, wiederum ein Aussprechen einer tiefen okkulten Wahrheit. Worin besteht diese dritte Stufe?

[ 26 ] The third stage: once again a dramatic intensification, once again the articulation of a profound occult truth. What does this third stage consist of?

[ 27 ] Nehmen wir an, jemand gehe wirklich einmal den Yogaweg. Wenn er das tut, dann kommt er dazu — diese Dinge werden wir noch genauer darstellen —, von seinem gewöhnlichen Bewußtsein zu einer höheren Bewußtseinsstufe hinaufzusteigen, zu derjenigen Bewußtseinsstufe, die nicht bloß das Ich umfaßt, welches zwischen Geburt und Tod liegt, sondern jenes Ich umfaßt, das von Inkarnation zu Inkarnation geht. In einem erweiterten Ich erkennt sich die Seele, in ein erweitertes Ich, in ein erweitertes Bewußtsein, wächst die Seele hinein. Die Seele macht einen Prozeß durch, der im Grunde auch alltäglich ist, aber der in der Alltäglichkeit eben nicht voll erlebt wird. Der Mensch schläft ja an jedem Abend ein. Dann erstirbt um ihn herum die Sinnenwelt, er wird für diese Sinnenwelt bewußtlos. Es ist nun eine Möglichkeit für die Seele, die Sinnenwelt wie beim Einschlafen verschwinden zu lassen, aber um in höheren Welten wie in einer Wirklichkeit zu leben. Da ersteigt der Mensch eine hohe Bewußtseinsstufe. Wenn der Mensch allmählich — und wir werden eben von dem Yoga und auch von modernen Übungen zu sprechen haben —, wenn der Mensch dazu gelangt, nicht mehr mit seinem Bewußtsein in sich zu leben, zu fühlen und zu wissen, sondern mit der ganzen Erde zu leben, zu fühlen und zu wissen, dann wächst er auf zu einer höheren Bewußtseinsstufe, wenn die gewöhnlichen Sinnesdinge für ihn verschwinden wie im Schlaf. Dazu aber ist notwendig, daß der Mensch sich zu identifizieren vermag mit seiner Planetenseele, mit der Erdenseele. Wir werden sehen, daß er das kann. Wir wissen, daß der Mensch nicht nur einschläft und aufwacht, sondern auf der anderen Seite erlebt auch noch andere Rhythmen der Erde: Winter, Sommer. Wenn der Mensch den Yogaweg geht oder moderne okkulte Übungen ausführt, dann kann er sich erheben über das gewöhnliche Bewußtsein, das die Zyklen Wachen und Schlafen, Winter und Sommer erlebt, dann kann er sich erheben, indem er lernt, sich selber von außen anzuschauen. Dann wird der Mensch gewahr, daß er auf sich zurückschauen kann so, wie er sonst auf die Dinge nach außen schaut. Jetzt betrachtet er auch die Dinge, die Zyklen im äußeren Leben. Dann sieht er abwechselnde Zustände. Er sieht, wie sein Leib, solange er außerhalb seiner selbst ist, eine Gestalt annimmt, welche gleicht der Erde mit ihrer Vegetation im Sommer. Was die materielle physische Wissenschaft als Nerven konstatiert, beginnt der Mensch dann wahrzunehmen wie ein Aufsprossen von etwas Pflanzlichem beim Einschlafen, und wenn er wieder in das alltägliche Bewußtsein sich zurückversetzt, dann fühlt er, wie dieses Pflanzliche wiederum zusammenschrumpft und das Instrument des Denkens, Fühlens und Wollens wird im tagwachen Bewußtsein des Menschen. Er fühlt sein Herausgehen und Wiederhineingehen in den Leib analog dem Wechsel von Winter und Sommer auf der Erde, und zwar fühlt er ein Sommerliches beim Einschlafen, ein Winterliches beim Aufwachen. Nicht etwa ist das Umgekehrte der Fall, wie man nach äußeren, oberflächlichen Begriffen leicht denken könnte. Er lernt aber von diesem Augenblicke an verstehen, was der Erdgeist ist, daß dieser im Sommer schläft und im Winter wacht, und nicht umgekehrt.

[ 27 ] Let us suppose that someone actually sets out on the path of yoga. If they do so, then they will come to—we will describe these things in greater detail later—ascend from their ordinary consciousness to a higher level of consciousness, to that level of consciousness which encompasses not merely the “I” that lies between birth and death, but that “I” which passes from incarnation to incarnation. In an expanded self, the soul recognizes itself; into an expanded self, into an expanded consciousness, the soul grows. The soul undergoes a process that is, in essence, also an everyday one, but one that is not fully experienced in everyday life. After all, every evening a person falls asleep. Then the sensory world around them fades away; they become unconscious to this sensory world. It is now a possibility for the soul to let the sensory world disappear, as it does when falling asleep, but to live in higher worlds as in a reality. There the person ascends to a higher level of consciousness. When a person gradually—and we will be speaking of yoga and also of modern exercises—when a person comes to no longer live, feel, and know with their consciousness within themselves, but to live, feel, and know with the whole Earth, then they grow into a higher level of consciousness, as the ordinary sensory things disappear for them as in sleep. For this, however, it is necessary that the human being be able to identify with his planetary soul, with the soul of the Earth. We shall see that he can do this. We know that the human being not only falls asleep and wakes up, but also experiences other rhythms of the Earth: winter, summer. When a person follows the path of yoga or performs modern occult exercises, they can rise above ordinary consciousness, which experiences the cycles of waking and sleeping, winter and summer; they can rise by learning to view themselves from the outside. Then the person becomes aware that they can look back at themselves just as they otherwise look at things in the external world. Now they also observe the things, the cycles of outer life. Then they see alternating states. They see how their body, as long as they are outside of themselves, takes on a form that resembles the earth with its vegetation in summer. What material physical science identifies as nerves, the human being then begins to perceive as the sprouting of something plant-like when falling asleep, and when he returns to everyday consciousness, he feels how this plant-like quality shrinks back again and becomes the instrument of thinking, feeling, and willing in the human being’s waking consciousness. They feel their going out and coming back into the body analogous to the alternation of winter and summer on Earth; specifically, they feel something summer-like as they fall asleep and something winter-like as they wake up. It is not the case that the opposite is true, as one might easily think based on external, superficial concepts. But from this moment on, he learns to understand what the Earth Spirit is, that it sleeps in summer and wakes in winter, and not the other way around.

[ 28 ] Das lernt der Mensch kennen, er lernt kennen das große Erlebnis, sich zu identifizieren mit dem Erdgeist. Er sagt sich von diesem Augenblicke an: Ich lebe nicht nur in meiner Haut, ich lebe, wie die Zelle in meinem Organismus, so ich im Organismus der Erde. Die Erde schläft im Sommer und wacht im Winter, wie ich schlafe und wache im Tageswechsel. Und wie die Zelle zu meinem Bewußtsein steht, so stehe ich zum Bewußtsein der Erde.

[ 28 ] This is what the human being comes to know; he comes to know the great experience of identifying with the Earth Spirit. From this moment on, he says to himself: I do not live merely in my own skin; I live, just as the cell lives in my organism, so do I live in the organism of the Earth. The Earth sleeps in summer and wakes in winter, just as I sleep and wake with the changing of the day. And just as the cell relates to my consciousness, so do I relate to the consciousness of the Earth.

[ 29 ] Der Yogaweg, namentlich im modernen Sinne, führt zu dieser Erweiterung des Bewußtseins, führt zu der Identifizierung unseres eigenen Wesens mit einem umfassenderen Wesen. Wir fühlen uns dann so mit der ganzen Erde verwoben. Aber indem wir das tun, fühlen wir uns nicht mehr als Menschen an eine bestimmte Zeit und an einen bestimmten Ort gefesselt, sondern wir fühlen unser Menschentum, wie es sich entwickelt hat vom Erdenursprung bis zum Erdenende. Wir fühlen die ganze unendliche Reihe unserer Entwickelungen durch die Erdenevolution hindurch. So schreitet Yoga weiter zu dem Sich—eins—Fühlen mit dem, was von Verkörperung zu Verkörperung, von Inkarnation zu Inkarnation in der Erdenentwickelung geht. Das muß die nächste, die dritte Stufe sein. Das ist es auch, was zu der schönen, künstlerischen Komposition der Bhagavad Gita führt, daß dieser erhabene Sang in seiner inneren künstlerischen, sich steigernden Komposition okkulte tiefe Wahrheiten spiegelt: erstens Unterweisung in den gewöhnlichen, dazumal alltäglichen Begriffen, zweitens Anleitung zum Yogaweg, drittens die Beschreibung der wunderbaren Ausbreitung des Horizontes über die ganze Erde hin, da wo Krishna vor Arjuna die Vorstellung entwickelt: Alles, was in deiner Seele lebt, hat oftmals gelebt, du weißt es nur nicht. Aber ich habe in mir dies Bewußtsein, wenn ich zurückschaue in die Verwandlungen, die ich durchlebte, und ich will dich heraufführen, damit du lernst dich fühlen, wie ich mich fühle. — Ein neues dramatisches Moment! Ebenso schön, wie auf der anderen Seite tief okkult wahr. Die Entwickelung der Menschheit vom Alltagsbewußtsein heraus, von der Perle am Wege, die nur erst bekannt sein muß, von der in der jeweiligen Zeit alltäglichen Gedanken— und Begriffswelt, bis herauf zur Überschau dessen, was in Wahrheit in uns ist und von Erdeninkarnation zu Erdeninkarnation lebt.

[ 29 ] The path of yoga, particularly in the modern sense, leads to this expansion of consciousness, leading to the identification of our own being with a more comprehensive being. We then feel so interwoven with the entire Earth. But in doing so, we no longer feel bound as human beings to a specific time and place; rather, we feel our humanity as it has developed from the Earth’s origin to its end. We feel the entire infinite sequence of our developments throughout Earth’s evolution. Thus, yoga progresses further toward feeling at one with that which moves from embodiment to embodiment, from incarnation to incarnation, in Earth’s development. This must be the next, the third stage. This is also what leads to the beautiful, artistic composition of the Bhagavad Gita, that this sublime song, in its inner artistic, crescendoing composition, reflects occult, profound truths: first, instruction in the common, everyday concepts of that time; second, guidance on the path of yoga; third, the description of the marvelous expansion of the horizon across the entire earth, where Krishna develops a mental image before Arjuna: Everything that lives in your soul has lived many times before; you simply do not know it. But I have this awareness within me when I look back on the transformations I have lived through, and I want to lead you up so that you may learn to feel as I feel. — A new dramatic moment! Just as beautiful as it is, on the other hand, deeply occultly true. The development of humanity out of everyday consciousness, from the pearl along the path that must first be recognized, from the world of thoughts and concepts that is everyday in the respective time, up to the overview of what is truly within us and lives from earthly incarnation to earthly incarnation.