The Occult Significance of the Bhagavad Gita
GA 146
28 May 1913, Helsinki
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The Occult Significance of the Bhagavad Gita, tr. Bugby, et. al.
Erster Vortrag
Lecture One
[ 1 ] Es ist etwas mehr als ein Jahr, daß ich hier an diesem Orte sprechen durfte über diejenigen Dinge, welche uns allen so tief im Herzen liegen, über diejenigen Dinge, von denen wir der Meinung sind, daß sie sich der menschlichen Erkenntnis in der Gegenwart einfügen müssen, weil von unserer Zeit an die menschlichen Seelen immer mehr und mehr fühlen werden, daß das Wissen um diese Dinge wirklich zu den Bedürfnissen, zu den tiefsten Sehnsuchten der Menschenseele gehört. Und mit einer tiefen Befriedigung begrüße ich Sie zum zweiten Male an diesem Orte, zugleich mit allen denjenigen, welche hier heraufgekommen sind, um in Ihrer Mitte zu zeigen, wie ihr Herz und ihre Seele mit unserer heiligen Sache über den ganzen Erdkreis hin verbunden sind.
[ 1 ] It is more than a year since I was able to speak here about those things that lie so deeply on our hearts, those things that we believe must enter more and more into human knowledge because, from our time onward, the human soul will feel increasingly that these things belong to its requirements, to its deepest longings. And it is with great pleasure that I greet you here in this place for the second time, along with all those who have traveled here in order to show in your midst how their hearts and souls are dedicated to our sacred work the whole world over.
[ 2 ] Als ich das letzte Mal hier zu Ihnen sprechen durfte, da erhoben wir unseren geistigen Blick zu weiten Wanderungen in die Regionen des Weltenalls. Diesmal wird es unsere Aufgabe sein, mehr in den Regionen der irdischen Entwickelung uns aufzuhalten. Aber wir werden in solche Regionen uns zu vertiefen haben, welche uns nicht minder hinführen werden zu den Pforten der ewigen Offenbarung des Geistigen in der Welt. Wir werden über einen Gegenstand zu sprechen haben, der uns in der Zeit und in dem Raum scheinbar weit von dem Jetzt und von dem Hier hinwegführen wird, der uns aber darum nicht minder zu demjenigen führen wird, das im Jetzt und im Hier ebenso lebt wie in allen Zeiten und in allen Räumen, der uns führen wird in intimer Weise zu den Geheimnissen des Ewigen in allem Sein, der uns führen wird zu dem unaufhörlichen menschlichen Suchen nach den Quellen der Ewigkeit, nach denjenigen Quellen, innerhalb welcher auch der Heilsaft zu finden ist für alles, was die Menschen, seit sie Verständnis dafür gewonnen haben, die allgewaltige Liebe nennen. Denn wo wir auch versammelt sind, da sind wir versammelt im Namen des Strebens nach Weisheit und des Strebens nach Liebe, da sind wir versammelt in der Sehnsucht nach den Quellen dieser Liebe. Und dasjenige, was ausgebreitet ist und betrachtet werden kann im weiten Umkreis des ganzen kosmischen Alls, das kann auch betrachtet werden in der ringenden Menschenseele allüberall. Und das tritt uns dann ganz besonders entgegen, wenn wir den Blick hinwenden zu einer jener gewaltigen Kundgebungen dieses ringenden Menschengeistes, wie sie gegeben sind in solchen Leistungen menschlichen Lebens, von denen wir eine zugrunde legen den gegenwärtigen Betrachtungen. Sprechen wollen wir von einer der größten, der eindringlichsten Kundgebungen des menschlichen Geistes, von der uralten, aber in ihren Grundlagen gerade in unserer Zeit sich uns von erneuter Wichtigkeit erweisenden Bhagavad Gita.
[ 2 ] When I was able to speak to you here last time we let our spiritual gaze journey far into the wide regions of the universe. This time it will be our task to stay more in the regions of earthly evolution. Our thoughts, however, will penetrate to regions that will lead us nonetheless to the portals of the eternal manifestation of the spiritual in the world. We shall speak about a subject that will apparently lead us far away in time and in space from the here and now. It will not on that account lead us less to what lives in the here and now, but rather to what lives just as much in all times and in all the places of the earth because it will bring us near to the secrets of the eternal in all existence. It will lead us to the ceaseless search of man for the wells of eternity where he may drink for the healing and refreshment of something in him which, ever since they gained understanding of it, men have considered all-powerful in life, namely, love. For wherever we are gathered together we are gathered in the name of the search for wisdom and the search for love. What we seek is extended out into space and can be observed in the far horizon of the Cosmic All, but it can also be observed in the wrestling soul of man wherever he may be. It meets us especially when we turn our gaze to one of those mighty manifestations of the wrestling spirit of man such as are given us in some great work like the one that is to form the basis of our present studies. We are going to speak of one of the greatest and most penetrating manifestations of the human spirit—the Bhagavad Gita, which, ancient as it is, yet in its foundations comes before us with renewed significance at the present time.
[ 3 ] Es ist noch nicht lange her, da haben die Völker Europas, die Völker des Westens überhaupt, noch wenig gewußt von dieser Bhagavad Gita. Erst heute, ein Jahrhundert lang, verbreitet sich im Westen der Ruhm dieser wunderbaren Dichtung und die Kenntnis dieses wunderbaren Sanges. Aber gerade das soll der Gegenstand dieses unseres Vortragszyklus diesmal sein, daß die Erkenntnis — nicht die bloße Kenntnis —, daß die Erkenntnis der wundervollen morgenländischen Gita im Grunde erst wird kommen können, wenn die Grundlagen dieses herrlichen Sanges sich immer mehr und mehr den Menschenseelen enthüllen werden, diejenigen Grundlagen, welche man die okkulten Grundlagen desselben nennen kann. Denn entsprungen ist dasjenige, was uns in der Bhagavad Gita entgegentritt, noch einem Zeitalter, von dem wir im Zusammenhange unserer geisteswissenschaftlichen Betrachtungen öfter schon gesprochen haben, entsprungen sind die gewaltigen Empfindungen, Gefühle und Ideen der Bhagavad Gita einem Zeitalter, in das noch hereingeleuchtet haben die Kundgebungen alten menschlichen Hellsehertums. Für denjenigen, der empfinden will, was Seite für Seite die Bhagavad Gita aushaucht, wenn sie zu uns spricht, für den gibt sich auch Seite für Seite etwas kund wie ein Hauch uralten Hellsehertums der Menschheit.
[ 3 ] A short time ago the peoples of Europe and those of the West generally, knew little of the Bhagavad Gita. Only during the last century has the fame of this wonderful poem extended to the West. Only lately have Western peoples become familiar with this marvelous song. But these lectures of ours will show that a real and deep knowledge of this poem, as against mere familiarity with it, can only come when its occult foundations are more and more revealed. For what meets us in the Bhagavad Gita sprang from an age of which we have often spoken in connection with our anthroposophical studies. The mighty sentiments, feelings and ideas it contains had their origin in an age that was still illumined by what was communicated through the old human clairvoyance. One who tries to feel what this poem breathes forth page by page as it speaks to us, will experence, page by page, something like a breath of the ancient clairvoyance humanity possessed.
[ 4 ] Es war die erste Bekanntschaft der westlichen Welt mit der Bhagavad Gita in einem Zeitalter gekommen, in dem diese westliche Welt nur mehr geringes Verständnis hatte für die ursprünglichsten ersten hellsichtigen Quellen dieser Bhagavad Gita. Dennoch schlug dieses hohe Lied der Gottheit oder, besser gesagt, von dem Göttlichen, wie ein Blitz in diese abendländische Welt ein, so daß ein Mann Mitteleuropas dazumal, als er zuerst bekannt wurde mit dem wunderbaren morgenländischen Sang, unumwunden aussprach, er müsse sich glücklich preisen, noch den Zeitpunkt erlebt zu haben, an dem er hat bekannt werden können mit jenem Wunderbaren, das in der Bhagavad Gita ausgesprochen ist. Und dieser Mann war nicht einer, der unbekannt war mit dem Geistesleben der Menschheit in den Jahrhunderten, ja Jahrtausenden; dieser Mann war einer, der tief hineingeschaut hat in das Geistesleben der Völker: es war Wilhelm von Humboldt, der Bruder des berühmten Kosmos-Schreibers Humboldt. Auch andere Angehörige des Abendlandes, Menschen der verschiedensten Sprachgebiete, sie alle haben ähnlich empfunden. Wie bedeutsam aber wirkt doch dieses Empfinden, wenn man — es sei dieses einmal von dieser Seite her erwähnt — die Bhagavad Gita zunächst in ihren ersten Gesängen auf sich wirken läßt.
[ 4 ] The Western world's first acquaintance with this poem came in an age in which there was little understanding for the original clairvoyant sources from which it sprang. Nevertheless, this lofty song of the Divine struck like a wonderful flash of lightning into the Western world, so that a man of Central Europe, when he first became acquainted with this Eastern song, said that he must frankly consider himself happy to have lived in a time when he could become acquainted with the wondrous things expressed in it. This man was not one who was unacquainted with the spiritual life of humanity through the centuries, indeed through thousands of years. He was one who looked deeply into spiritual life—Wilhelm von Humboldt, the brother of the celebrated astronomer. Other members of Western civilization, men of widely different tongues, have felt the same. What a wonderful feeling it produces in us when we let this Bhagavad Gita work upon us, even in its opening verses!
[ 5 ] Man muß vielleicht gerade in unserem Kreise doch wohl oft sich erst zur vollen Unbefangenheit durcharbeiten, weil ja, trotzdem die Bhagavad Gita im Abendlande seit so kurzer Zeit bekannt ist, der heilige Sturm, mit dem sie die Seelen ergriffen hat, so gewirkt hat, daß man von vornherein an sie herangeht mit dem Gefühl, etwas wie ein Heiliges vor sich zu haben und sich nicht mehr ganz klar macht, wovon eigentlich der Ausgangspunkt genommen wird. Es sei einmal, vielleicht sogar etwas grotesk nüchtern, zunächst dieser Ausgangspunkt vor unsere Seele hingestellt.
[ 5 ] It seems that in our circle, my dear friends, perhaps particularly in our circle, we often have to begin by working our way through to a fully unprejudiced position. For in spite of the fact that the Bhagavad Gita has been known for so short a time in the West, yet its holiness has so taken our hearts by storm, so to say, that we are inclined to approach it from the start with this feeling of holiness without making it clear to ourselves what the starting-point of the poem really is. Let us for once place this before us quite dispassionately, perhaps even a little grotesquely.
[ 6 ] Ein Gedicht stellt sich vor uns hin, das uns von den ersten Seiten an in den wildesten, stürmischsten Kampf hineinversetzt. Wir werden auf einen Schauplatz geführt, der kaum weniger wild als derjenige ist, in den uns Homer in der Ilias sogleich hineinversetzt. Ja, wir verfolgen weiter, wie dieser Schauplatz uns darstellt etwas, was eine der wichtigsten Persönlichkeiten, die da auftreten, ja vielleicht die wichtigste sogar, als einen Bruderkampf von vornherein empfindet, Arjuna. Vor uns tritt auf dieser Arjuna wie einer, dem vor dem Kampfe graut, denn er sieht drüben unter den Feinden seine Blutsverwandten. Der Bogen entsinkt ihm, indem er sich klar darüber wird, daß er eintreten soll in einen Kampf, in einen mörderischen Kampf mit Menschen, die abstammen von denselben Ahnen, von denen er sich selber herleitet, durch deren Adern das gleiche Blut fließt, wie es in den seinigen rinnt. Und wir fangen fast an mitzufühlen mit diesem Sinkenlassen des Bogens, mit diesem Zurückbeben vor dem furchtbaren Bruderkampf. Und aufsteigt vor unserem Blick der große geistige Lehrer dieses Arjuna, Krishna. Und eine großartige, eine erhabene Lehre wird uns von Krishna in den wundervollsten Farben so vorgeführt, daß dies alles als ein spiritueller Unterricht an Arjuna erscheint, der sein Schüler ist. Aber worauf will das alles zuletzt heraus? Das ist es, was man sich im Grunde genommen erst einmal nüchtern vor Augen führen muß, was man nicht übersehen darf. Worauf will das eigentlich heraus? Ja, es genügt eben nicht, wenn man bloß sich einläßt auf die große, heilig erscheinende Lehre, die Krishna dem Arjuna gibt. Auch die Umstände, in denen sie gegeben wird, müssen ins Auge gefaßt werden. Ins Auge müssen wir fassen, in welcher Situation Krishna den Arjuna auffordert, im Bruderkampf nicht zu bangen, aufzunehmen den Bogen und mit voller Kraft sich hineinzustürzen in den verheerenden Kampf. Das muß man sich auch vor Augen führen. Wie eine zunächst unverständliche geistige Lichtwolke tauchen mitten im Kampfe Krishnas Lehren auf, und sie gelten der Aufforderung, nicht zurückzubeben in diesem Kampfe, sondern darinnen zu stehen, die Pflicht zu tun in diesem Kampfe. Wenn man dies sich vor Augen führt, so verwandelt sich fast diese Lehre gewissermaßen durch den Rahmen. Aber dieser Rahmen führt ja weiter hinaus in das ganze Gewebe des «Mahabharata», des großen, gewaltigen Sanges, von dem wiederum die Bhagavad Gita ein Teil ist. Es führt uns die Lehre Krishnas heraus in die Stürme der Alltäglichkeit, in die wirren Stürme menschlicher Kämpfe, menschlichen Irrtums, irdischen Streites. Es erscheint uns fast diese Lehre wie eine Rechtfertigung dieser Stürme der menschlichen Kämpfe. Wenn wir dieses uns zunächst gewissermaßen nüchtern vor Augen führen, entstehen vielleicht doch noch ganz andere Fragen gegenüber der Bhagavad Gita, als diejenigen sind, die dann entstehen, wenn man in mancherlei, dem man ein Verständnis glaubt entgegenbringen zu können, etwas findet wie bei den gewöhnlichen menschlichen Werken. Und vielleicht ist es nötig hinzuweisen auf jenen Rahmen der Bhagavad Gita, um wirklich die welthistorische Bedeutung dieses grandiosen Sanges vor Augen führen zu können, und dann aufmerksam machen zu können auf dasjenige, wodurch uns die Bhagavad Gita immer mehr und mehr gerade in der Gegenwart von ganz besonderer Wichtigkeit werden kann.
[ 6 ] A poem is here before us that from the very first sets us in the midst of a wild and stormy battle. We are introduced to a scene of action that is hardly less wild than that into which Homer straightway places us in the Iliad. We go further and are confronted in this scene with something which Arjuna—one of the foremost, perhaps the foremost of the personalities in the Song—feels from the start to be a fratricidal conflict. He comes before us as one who is horror-stricken by the battle, for he sees there among the enemy his own blood relations. His bow falls from his grasp when it becomes clear to him that he is to enter a murderous strife with men who are descended from the same ancestors as himself, men in whose veins flows the same blood as his own. We almost begin to sympathize with him when he drops his bow and recoils before the awful battle between brothers. Then before our gaze arises Krishna, the great spiritual teacher of Arjuna, and a wonderful, sublime teaching is brought before us in vivid colors in such a way that it appears as a teaching given to his pupil. But to what is all this leading? That is the question we must first of all set before us, because it is not enough just to give ourselves up to the holy teaching in the words of Krishna to Arjuna. The circumstances of its giving must also be studied. We must visualize the situation in which Krishna exhorts Arjuna not to quail before this battle with his brothers but take up his bow and hurl himself with all his might into the devastating conflict. Krishna's teachings emerge amid the battle like a cloud of spiritual light that at first is incomprehensible, and they require Arjuna not to recoil but to stand firm and do his duty in it. When we bring this picture before our eyes it is almost as though the teaching becomes transformed by its setting. Then again this setting leads us further into the, whole weaving of the Song of the Mahabharata, the mighty song of which the Bhagavad Gita is only a part. The teaching of Krishna leads us out into the storms of everyday life, into the wild confusion of human battles, errors and earthly strife. His teaching appears almost like a justification of these human conflicts. If we bring this picture before us quite dispassionately, perhaps the Bhagavad Gita will suggest to us altogether different questions from those that arise when—imagining we can understand them—we alight upon something similar to what we are accustomed to find in ordinary works of literature. So it is perhaps necessary to point first to this setting of the Gita in order to realize its world-historic significance, and then be able to see how it can be of increasing and special significance in our own time.
[ 7 ] Ich sagte schon: wie etwas völlig Neues kam in die westliche Welt die Bhagavad Gita hinein, fast auch wie völlig neu dasjenige, was an Gefühlen, Empfindungen und Gedanken der Bhagavad Gita zugrunde liegt. Was kannte denn im Grunde genommen das, was westländische Kultur ist, von morgenländischer Kultur bis in diese Zeit herein, in welche die Bekanntschaft mit der Bhagavad Gita fiel? Abgesehen von mancherlei gerade in dem letzten Jahrhundert bekannt gewordenen, sehr wenig! Abgesehen von gewissen geheim gebliebenen Bestrebungen, kannte die westliche Kultur gerade das nicht unmittelbar in seiner Bedeutung, was als Grundnerv, als wichtigster Impuls die ganze Bhagavad Gita durchzieht. Wenn man herankommt an solche Dinge wie die Bhagavad Gita, dann fühlt man, wie wenig eigentlich menschliche Sprache, menschliche Philosophie, menschliche Ideen, die dem Alltag gelten und ihn beherrschen und für ihn ja auch genügen, wie wenig dieselben ausreichend sind, um zu charakterisieren solche Spitzen, solche Gipfelpunkte des menschlichen Geisteslebens auf der Erde. Man braucht ja noch etwas ganz anderes als die gewöhnlichen Schilderungen, um das zum Ausdruck zu bringen, was uns entgegenleuchtet aus einer solchen Offenbarung des menschlichen Geistes.
[ 7 ] I have already said that this majestic song came into the Western world as something completely new, and almost equally new were the feelings, perceptions and thoughts that lie behind it. For what did Western civilization really know of Eastern culture before it became acquainted with the Bhagavad Gita? Apart from various things that have only become known in this last century, very little indeed! If we accept certain movements that remained secret, Western civilization has had no direct knowledge of what is actually the central nerve impulse of the whole of this great poem. When we approach such a thing we feel how little human language, philosophy, ideas, serving for everyday life, are sufficient for it; how little they suffice for describing such heights of the spiritual life of man upon earth. We need something quite different from ordinary descriptions to give expression to what shines out to us from such a revelation of the spirit of man.
[ 8 ] Zwei Bilder möchte ich, damit sie eine Unterlage bilden für die weiteren Schilderungen, zunächst vor unsere Seelen hinstellen. Das eine Bild aus der Bhagavad Gita selber, das andere aus dem westländischen Geistesleben, und zwar so, daß es diesem westländischen Geistesleben verhältnismäßig nahe liegt, während das Bild, das wir aus der Bhagavad Gita selber nehmen wollen, vorläufig dem abendländischen Geistesleben recht fern zu liegen scheint. Jetzt sei ein Bild vor unsere Seele zunächst hingestellt, das wir in der Bhagavad Gita selber finden: So verläuft ja der große erhabene Gesang, daß uns geschildert wird, wie mitten in der Schlacht Krishna auftaucht und Weltengeheimnisse, gewaltige, große Lehren vor seinem Schüler Arjuna enthüllt. Dann überkommt diesen Schüler der Drang, gestaltenhaft, geistig gestaltet, diese Seele zu sehen, denjenigen wirklich zu erkennen, der so Erhabenes zu ihm spricht. Er bittet den Krishna, er möge sich ihm zeigen, so wie er sich ihm zeigen kann in seiner wahren Geistgestalt. Und da erscheint ihm denn Krishna und wir werden noch auf diese Schilderung zurückkommen —, da erscheint er in seiner Gestalt, die alles umfaßt, eine große, erhabene, herrliche Schönheit, eine Erhabenheit, die Weltgeheimnisse darstellt. Wir werden sehen, daß es weniges gibt auf der Welt, das herrlich ist gleich dieser Schilderung, wie sich die erhabene Geistgestalt des Lehrers dem Seherauge seines Schülers offenbart. Ausbreitet sich vor dem Auge Arjunas das wüste, wirre Kampfesfeld, auf dem viel Blut fließen soll, auf dem der Bruderkampf sich entwickeln soll. Entrückt soll werden von diesem wüsten, wirren Kampfesfeld die Seele des Schülers des Krishna, und erblicken soll die Seele dieses Schülers eine Welt, eintauchen soll sie in eine Welt, in der Krishna in seiner wahren Gestalt lebt, die entrückt ist allem Kampf, allem Streit, eine Welt hehrster, erhabenster Seligkeit, eine Welt, in der sich enthüllen die Geheimnisse des Daseins, eine Welt, entrückt der Alltäglichkeit, dem Kampf und Streit, eine Welt, der die Menschenseele ihrer innersten, eigensten Wesenheit nach eigentlich aber angehört. Von dieser Welt soll die Menschenseele wissen, wissen lernen soll sie von dieser Welt, und dann soll es ihr möglich werden, wiederum herabzusteigen, wieder einzugreifen in die wirren, wüsten Kämpfe der diesseitigen Welt. Wahrhaftig, wenn wir fühlend der Schilderung dieses Bildes folgen, dann sagen wir uns: Was geht denn eigentlich vor in der Seele des Arjuna? Wie ist sie denn, diese Seele? Sie steht mitten im Kampfgewühl, und zwar so, wie wenn dieses Kampfgewühl ihr aufgedrängt wäre. So fühlt sich diese Seele wie verwandt mit einer seligen Welt, in der es nicht gibt menschliches Leiden, menschlichen Kampf, menschliches Sterben. So sehnt sich diese Arjunaseele herauf in eine Welt des Ewigen, des Seligen. Aber mit einer Notwendigkeit, die sich nur ergeben kann aus dem Impuls des erhabenen Krishna, muß diese Seele niedergezwungen werden zu dem wüsten, wirren, alltäglichen Kampf. Sie will den Blick abwenden von diesem wirren, wüsten Kampf. Wie ein Fremdes, wie ein ihr ganz und gar nicht Verwandtes, so erscheint das Leben der Erde, wie es ringsherum ist, für diese Arjunaseele. Wir fühlen förmlich: Diese Seele ist noch eine solche, die sich in die oberen Welten hinaufsehnt, als ob sie mit den Göttern noch leben wollte, und das Leben der Menschen noch wie ein Fremdes, ein Unverwandtes, ein Unverständliches empfindet. Wahrhaftig, ein wunderbares Bild, das größte und erhabenste Momente enthält: ein Held, Arjuna, umgeben von anderen Helden, von Kämpferscharen, ein Held, der alles, was sich ihm vor Augen ausbreitet, wie ein Fremdes, Jenseitiges, Unverwandtes empfindet, der erst hingewiesen werden muß auf diese Welt durch einen Gott, und der nicht versteht die diesseitige Welt, ohne daß ein Gott sie ihm verständlich macht, Krishna.
[ 8 ] I should like first to place two pictures before you so you may have a foundation for further descriptions. The one is taken from the book itself, the other from the spiritual life of the West. This can be comparatively easily understood, whereas the one from the book appears for the moment quite remote. Beginning then with the latter, we are told how, in the midst of the battle, Krishna appears and unveils before Arjuna cosmic secrets, great immense teachings. Then his pupil is overcome by the strong desire to see the form, the spiritual form of this soul, to have knowledge of him who is speaking such sublime things. He begs Krishna to show himself to him in such manner as he can in his true spirit form. Then Krishna appears to him (later we shall return to this description) in his form—a form that embraces all things, a great, sublime, glorious beauty, a nobility that reveals cosmic mysteries. We shall see there is little in the world to approach the glory of this description of how the sublime spirit form of the teacher is revealed to the clairvoyant eye of his pupil. Before Arjuna's gaze lies the wild battlefield where much blood will have to flow and where the fratricidal struggle is to develop. The soul of Krishna's disciple is to be wafted away from this battlefield of devastation. It is to perceive and plunge into a world where Krishna lives in his true form. That is a world of holiest blessedness, withdrawn from all strife and conflict, a world where the secrets of existence are unveiled, far removed from everyday affairs. Yet to that world man's soul belongs in its most inward, most essential being. The soul is now to have knowledge of it. Then it will have the possibility of descending again and re-entering the confused and devastating battles of this our world. In truth, as we follow the description of this picture we may ask ourselves what is really taking place in Arjuna's soul? It is as though the raging battle in which it stands were forced upon it because this soul feels itself related to a heavenly world in which there is no human suffering, no battle, no death. It longs to rise into a world of the eternal, but with the inevitable force that can come only from the impulse of so sublime a being as Krishna, this soul must be forced downward into the chaotic confusion of the battle. Arjuna would gladly turn away from all this chaos, for the life of earth around him appears as something strange and far away, altogether unrelated to his soul. We can distinctly feel this soul is still one of those who long for the higher worlds, who would live with the Gods, and who feel human life as something foreign and incomprehensible to them. In truth a wondrous picture, containing things of sublime import! A hero, Arjuna, surrounded by other heroes and by the warrior hosts—a hero who feels all that is spread before him as unfamiliar and remote—and a God, Krishna, who is needed to direct him to this world. He does not understand this world until Krishna makes it comprehensible to him. It may sound paradoxical, but I know that those who can enter into the matter more deeply will understand me when I say that Arjuna stands there like a human soul to whom the earthly side of the world has first to be made comprehensible.
[ 9 ] Scheinbar recht paradox mag es klingen, aber ich weiß doch, daß diejenigen, die tiefer auf die Sache eingehen können, es verstehen werden, wenn ich das Folgende sage. Arjuna steht da vor uns wie eine Menschenseele, der erst verständlich gemacht werden soll das Diesseits der Welt, das Irdische der Welt. Und nun sollte die Bhagavad Gita in den westlichen Kulturländern wirken auf Menschen, die sehr wohl ein Verständnis haben für alles Irdische, die es im Materialismus so weit gebracht haben, daß sie ein sehr gutes Verständnis haben für alles Irdische, für alles Materielle. Verständlich werden sollte die Bhagavad Gita für Seelen, die durch eine tiefe Kluft geschieden sind von alle dem, was sich bei einer wahrhaftigen Betrachtung als die Arjunaseele darstellt. Alles das, wozu die Arjunaseele, die durch Krishna erst herangebändigt werden muß zum Irdischen, keinen Trieb zeigt, das scheint den Abendländern sehr verständlich zu sein. Die Schwierigkeit scheint darin zu liegen, sich zu erheben zu der Arjunaseele, zu jener Seele, der erst Verständnis beigebracht werden soll für alles das, wozu in den westlichen Ländern sehr viel Verständnis vorhanden ist: für das Sinnliche, für das Materiell-Irdische. Ein Gott, Krishna, muß dem Arjuna ein Verständnis beibringen für alles dasjenige, was uns als unsere Kultur umgibt. Wie leicht wird es in unserer Zeit, dem Menschen Verständnis beizubringen für dasjenige, was ihn umgibt. Dazu bedarf es keines Krishna. Man tut gut daran, einmal klar den Blick hinzuwenden auf die Abgründe, welche zwischen menschlichen Naturen liegen können, und nicht allzuleicht das Verständnis zu nehmen, das eine abendländische Seele gewinnen kann für eine Natur, wie sie Krishna oder Arjuna ist. Arjuna ist ein Mensch, aber ein so ganz anderer als die Menschen, die in der abendländischen Kultur nach und nach sich herangebildet haben.
[ 9 ] Now this Bhagavad Gita comes to men of the West who undoubtedly have an understanding for earthly things! It comes to men who have attained such a high degree of materialistic civilization that they have a very good understanding for all that is earthly. It has to be understood by souls who are separated by a deep gulf from all that a genuine observation shows Arjuna's soul to be. All that to which Arjuna shows no inclination, needing Krishna to tame him down to earthly things, seems to the Westerner quite intelligible and obvious. The difficulty for him lies rather in being able to lift himself up to Arjuna, to whom has to be imparted an understanding of what is well understood in the West, the sense matters of earthly life. A God, Krishna, must make our civilization and culture intelligible to Arjuna. How easy it is in our time for a person to understand what surrounds him! He needs no Krishna. It is well for once to see clearly the mighty gulfs that can lie between different human natures, and not to think it too easy for a Western soul to understand a nature like that of Krishna or Arjuna. Arjuna is a man, but utterly different from those who have slowly and gradually evolved in Western civilization.
[ 10 ] Das ist das eine Bild, von dem ich sprechen will, denn Worte können nur wenig in diese Dinge hineinführen. Bilder, die wir erfassen wollen mit unseren Seelen, können das mehr, da sie nicht nur zum Verständnis sprechen, sondern zu dem, was ewig auf der Erde tiefer sein wird als alles Verständnis, zu der Empfindung und dem Gefühl.
[ 10 ] That is one picture I wanted to bring you, for words cannot lead us more than a very little way into these things. Pictures that we can grasp with our souls can do better because they speak not only to understanding but to that in us which on earth will always be deeper than our understanding—to our power of perception and to our feeling.
[ 11 ] Nun möchte ich ein anderes Bild hinstellen vor unsere Seelen, ein Bild, von dem ich nicht sagen will, daß es weniger erhaben sei als dieses Bild der Bhagavad Gita, das aber unendlich viel näher steht demjenigen, was westländische Kultur ist. Da gibt es ein erhabenes Bild, ein schönes, poetisches Bild, von dem der Westländer sogar weiß, und das für ihn viel bedeutet. Was meine ich damit eigentlich? Ein Bild habe ich hingestellt: die Erscheinung des Krishna vor dem Arjuna. Fragen wir nun: Wieviel in der westländischen Entwickelung stehende Menschen glauben an die Wirklichkeit dieses Bildes, glauben, daß einmal dieser Krishna vor Arjuna erschien und so gesprochen hat? Fragen wir einmal, wieviel westländische Seelen an die Wirklichkeit dieses Bildes glauben. — Allerdings stehen wir am Ausgangspunkte einer Weltanschauung, die es dahin bringen wird, daß das nicht nur ein Glaube, sondern ein Wissen sein wird. Aber wir stehen eben am Ausgangspunkte dieser Weltanschauung, am Ausgangspunkte der anthroposophischen Weltanschauung. Das andere Bild steht uns viel näher. Es liegt wirklich in ihm etwas, für das die westländische Kultur einen Sinn hat.
[ 11 ] Now I would like to place another picture before you, one not less sublime than that from the Bhagavad Gita but that stands infinitely nearer to Western culture. Here in the West we have a beautiful, poetic picture that Western man knows and that means much for him. But first let us ask, to what extent does Western mankind really believe that this being of Krishna once appeared before Arjuna and spoke those words? We are now at the starting-point of a concept of the world that will lead us on until this is no mere matter of belief, but of knowledge. We are however only at the beginning of this anthroposophical concept of the world that will lead us to knowledge. The second picture is much nearer to us. It contains something to which Western civilization can respond.
[ 12 ] Wir schauen hin einige Jahrhunderte vor der Begründung des Christentums auf eine Seele, die ein halbes Jahrtausend vor der Begründung des Christentums einer der größten Geister des Abendlandes in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen gezogen hat. Auf Sokrates schauen wir hin und schauen hin im Geiste auf den sterbenden Sokrates. Sokrates, der sterbende Sokrates, wie ihn Plato im Kreise der Schüler schildert in seinem berühmten Gespräch über die Unsterblichkeit der Seele. In diesem Bilde wird nur spärlich angedeutet das andere, das Jenseitige, dargestellt als der Dämon, der zu Sokrates spricht. Sokrates stehe vor uns in den Stunden, die vorangegangen sind seinem Hineingehen in die spirituellen Welten, umgeben von seinen Schülern. Er spricht im Angesichte des Todes von der Unsterblichkeit der Seele. Viele lesen dieses wunderbare Gespräch von der Unsterblichkeit, das Plato uns gegeben hat, um gerade diese Szene seines sterbenden Lehrers zu schildern. Aber es lesen heute die Menschen nur Worte, Begriffe und Ideen. Es gibt sogar Menschen — und sie sollen nicht getadelt werden — die sich gegenüber dieser herrlichen Schilderung Platos fragen nach den logischen Berechtigungen desjenigen, was der sterbende Sokrates seinen Schülern auseinandersetzt. Es sind das diejenigen Menschen, die nicht empfinden können, daß es mehr gibt für die Menschenseele, daß Wichtigeres, Bedeutungsvolleres als logische Beweise, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen in unseren Seelen lebt. Lassen wir ganz dasjenige, was Sokrates über die Unsterblichkeit sagt, lassen wir den allergebildetsten, den allertiefsten, den allerfeinsten Menschen im Kreise seiner Schüler in einer anderen Situation das sagen, was Sokrates seinen Schülern sagt, lassen wir es ihn unter anderen Umständen sagen, ja lassen wir hundertmal mehr das, was dieser feinste, logischste, gebildetste Mensch sagt, besser logisch begründet sein, als dies bei Sokrates ist: und trotzdem hat es vielleicht einen hundertmal geringeren Wert! Dies wird man erst voll einsehen, wenn man beginnen wird gründlich zu verstehen, daß es etwas für die Menschenseele gibt, was mehr wert ist, wenn es auch unscheinbarer scheint, als die stichhaltigsten logischen Beweise. Wenn irgendein gebildeter, feiner Mensch in irgendeiner Stunde zu seinen Schülern von der Unsterblichkeit der Seele spricht, so kann das wohl sehr bedeutsam sein. Aber die eigentliche Bedeutung wird nicht enthüllt durch das, was gesagt wird — ich weiß, ich spreche jetzt etwas sehr Paradoxes aus, aber etwas sehr Wahres —, sondern es wirkt der Umstand mit, daß dieser Lehrer seinen Schülern etwas sagt, hinterher aber die gewöhnlichen Angelegenheiten seines Lebens weiter besorgt und seine Schüler auch. Sokrates sagt die Dinge seinen Schülern in der Stunde, die seinem Durchschreiten der Todespforte vorangeht. Er spricht die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele aus in dem Augenblicke, da in dem nächsten sich seine Seele von dem äußeren Leibe trennen wird. Es ist etwas anderes, in der Todesstunde, die nicht als unbestimmt vom Schicksal ihm entgegenkommt, zu den zurückbleibenden Schülern von der Unsterblichkeit zu sprechen, etwas anderes, nach diesem den gewöhnlichen Tagesgeschäften nachzugehen. Es ist etwas anderes, nach einem solchen Gespräche auch wirklich einzugehen in die Welten, die hinter der Todespforte liegen. Nicht die Worte des Sokrates sollen vorzugsweise auf uns wirken, die Situation soll es tun. Aber nehmen wir alle Stärke desjenigen, was eben versucht worden ist zu charakterisieren, nehmen wir all das, was uns in dem Gespräch des Sokrates zu seinen Schülern über die Unsterblichkeit wie ein Hauch entgegentritt, nehmen wir die ganze, unmittelbare Kraft dieses Bildes, was haben wir da vor uns? Die griechische Welt, die Welt der griechischen Alltäglichkeit haben wir vor uns, jene Welt, in der des Lebens Alltagskämpfe dazu geführt haben, den besten der Söhne des Landes mit dem Schierlingsbecher zu bedenken. Wir haben vor uns die letzten Erdenworte dieses edlen Griechen, die letzten Worte, die er nur dazu bestimmte, die Menschen, die um ihn herumstehen, dahin zu bringen, daß ihre Seelen glauben an dasjenige, von dem sie ein Wissen nicht mehr haben können, daß ihre Seelen glauben an das, was für sie ein Jenseits ist, an die geistige Welt. Daß ein Sokrates notwendig ist, um mit den stärksten Gründen, nämlich durch die Tat, Erdenseelen dazu zu bringen, daß sich für sie ein Ausblick ergibt in die spirituellen Welten, in denen die Seele lebt, wenn sie durch die Todespforte gegangen ist, das zaubert vor unsere Seele ein Bild hin, das westländischen Seelen wohl verständlich ist. Sokrateskultur ist westländischen Seelen wohl verständlich. Sokrates vor seinen Schülern stehend, die so unmittelbar vor der Wirklichkeit des Todes stehen: dieses Bild ist allerdings abendländischen Seelen verständlich. Wir begreifen abendländische Kultur nur dann recht, wenn wir wissen, daß sie in diesem Sinne doch sokratische Kultur durch die Jahrhunderte, durch die Jahrtausende war.
[ 12 ] We look back some five centuries before the founding of Christianity to a soul whom one of the greatest spirits of Western lands made the central figure of all his thought and writing. We look back to Socrates. We look to him in the spirit in the hour of his death, even as Plato describes him in the circle of his disciples in the famous discourse on the immortality of the soul. In this picture there are but slight indications of the beyond, represented in the “daimon” who speaks to Socrates. Now let him stand before us in the hours that preceded his entrance into the spiritual worlds. There he is, surrounded by his disciples, and in the face of death he speaks to them of the immortality of the soul. Many people read this wonderful discourse that Plato has given us in order to describe the scene of his dying teacher. But people in these days read only words, only concepts and ideas. There are even those—I do not mean to censure them—in whom this wonderful scene of Plato arouses questions as to the logical justification of what the dying Socrates sets forth to his disciples. They cannot feel there is something more for the human soul, that something more important lives there, of far greater significance than logical proofs and scientific arguments. Let us imagine all that Socrates says on immortality to be spoken by a man of great culture, depth and refinement, in the circle of his pupils, but in a different situation from that of Socrates, under different circumstances. Even if the words of this man were a hundred times more logically sound than those of Socrates, in spite of all they will perhaps have a hundred times less value. This will only be fully grasped when people begin to understand that there is something for the human soul of more value, even if less plausible, than the most strictly correct logical demonstrations. If any highly educated and cultured man speaks to his pupils on the immortality of the soul, it can indeed have significance. But its significance is not revealed in what he says—I know I am now saying something paradoxical but it is true—its significance depends also on the fact that the teacher, having spoken these words to his pupils, passes on to look after the ordinary affairs of life, and his pupils do the same. But Socrates speaks in the hour that immediately precedes his passage through the gates of death. He gives out his teaching in a moment when in the next instant his soul is to be severed from his bodily form. It is one thing to speak about immortality to the pupils he is leaving behind in the hour of his own death—which does not meet him unexpectedly but as an event predetermined by destiny—and another thing to return after such a discourse to the ordinary business of living. It is not the words of Socrates that should work on us as much as the situation under which he speaks them. Let us take all the power of this scene, all that we receive from Socrates' conversation with his pupils on immortality, the full immediate force of this picture. What do we have before us? It is the world of everyday life in Greek times; the world whose conflicts and struggles led to the result that the best of the country's sons was condemned to drink the hemlock. This noble Greek spoke these last words with the sole intention of bringing the souls of the men around him to believe in what they could no longer have knowledge; believe in what was for them “a beyond,” a spiritual world. That it needs a Socrates to lead the earthly souls until they gain an outlook into the spiritual worlds, that it needs him to do this by means of the strongest proofs, that is, by his deed, is something that is indeed comprehensible to Western souls. They can gain an understanding for the Socratic culture. We only grasp Western civilization in a right sense when we recognize that in this respect it has been a Socratic civilization throughout the centuries.
[ 13 ] Vergleichen wir aber einen der Schüler des Sokrates, der wahrhaftig keinen Zweifel haben konnte an demjenigen, was ihn umgab denn er war ja ein Grieche —, vergleichen wir, wie dieser eingeführt werden muß in die übersinnliche Welt, vergleichen wir das mit dem Schüler des Krishna, mit Arjuna, der gar keine Zweifel haben kann an der übersinnlichen Welt, der aber irre wird an seiner Verwandtschaft, an dem ganzen Bestande, ja, an der Möglichkeit fast der Sinnenwelt.
[ 13 ] Now let us think of one of the pupils of Socrates who could certainly have no doubt of the reality of all that surrounded him, being a Greek, and compare him with Krishna's disciple Arjuna. Think how the Greek has to be introduced to the super-sensible world, and then think of Arjuna who can have no doubt whatever about it but becomes confused instead with the sense-world, almost doubting the possibility of its existence.
[ 14 ] Ich weiß sehr gut, daß historische Wissenschaft, philosophische Wissenschaft, alle möglichen Arten von Wissenschaften jetzt kommen können und mit scheinbar recht guten Gründen sagen könnten: Ja, aber schau doch nur hin, was da in der Bhagavad Gita steht, und was bei Plato steht. Man kann von alle dem ebensogut das Gegenteil beweisen, das Gegenteil von dem, was du eben ausgesprochen hast. — Aber ich weiß auch, daß diejenigen, die so sprechen, nicht empfinden wollen die tieferen, grandiosen Impulse, die auf der einen Seite jenem Bilde der Bhagavad Gita entlehnt sind, auf der anderen Seite dem Bilde des sterbenden Sokrates, wie Plato ihn schildert. Ein Abgrund liegt doch zwischen diesen zwei Welten bei alle dem, was man an Ähnlichkeit wiederum herausfinden könnte. Warum ist dieses so?
[ 14 ] I know that history, philosophy and other branches of knowledge may say with apparently good reason, “Yes, but if you will only look at what is written in the Bhagavad Gita, and in Plato's works, it is just as easy to prove the opposite of what you have just said.” I know too that those who speak like this do not want to feel the deeper impulses, the mighty impulses that arise on the one hand from that picture out of the Bhagavad Gita, and on the other from that of the dying Socrates as described by Plato. A deep gulf yawns between these two worlds In spite of all the similarity that can be discovered.
[ 15 ] Es ist so, weil die Bhagavad Gita am Ende des alten hellseherischen menschlichen Zeitalters steht, weil in der Bhagavad Gita etwas herauftönt zu uns, wie der letzte Nachklang alten menschlichen Hellsehertums; weil auf der anderen Seite in dem sterbenden Sokrates uns einer der ersten jener Menschen entgegentritt, die da rangen durch Jahrtausende mit jener menschlichen Erkenntnis, mit jenen menschlichen Ideen, Gedanken und Empfindungen, die wie herausgeworfen sind aus dem alten Hellsehertum, die sich entwickelten in der Zwischenzeit, da sie sich vorzubereiten hatten zu einem neuen Hellsehertum, dem wir heute zustreben durch die Verkündigung und Aufnahme dessen, was wir die anthroposophische Weltanschauung nennen. Es ist in einer gewissen Beziehung keine Kluft tiefer als diejenige, die sich auftut zwischen Arjuna, dem Krishnaschüler, und einem Sokratesschüler. Aber wir leben in einer Zeit, in welcher die menschlichen Seelen, nachdem sie jahrhundertelang in ihrem Laufe durch verschiedene Verwandlungen, durch ihre Inkarnationen hindurch gesucht haben das Leben in äußerer Erkenntnis, den Zusammenschluß wieder suchen mit den spirituellen Welten. Im Grunde genommen ist, daß Sie hier sitzen, der lebendigste Beweis, daß in Ihnen solche Seelen leben, die den Zusammenschluß suchen, jenen Zusammenschluß, der hinaufführen soll in erneuerter Weise die Seelen zu solchen Welten, die uns, wie in einer wunderbaren Offenbarung, entgegenklingen in demjenigen, was Krishna seinem Schüler Arjuna verkündet. Deshalb kann wie etwas, was tiefsten Sehnsuchten unserer Seelen entspricht, vieles zu uns klingen, was der Bhagavad Gita okkult zugrunde liegt.
[ 15 ] This is because the Bhagavad Gita marks the end of the age of the ancient clairvoyance. There we can catch the last echo of it; while in the dying Socrates we meet one of the first of those who through thousands of years have wrestled with another kind of human knowledge, with those ideas, thoughts and feelings that, so to say, were thrown off by the old clairvoyance and have continued to evolve in the intervening time, because they have to prepare the way for a new clairvoyance. Today we are striving toward this new clairvoyance by giving out and receiving what we call the anthroposophical conception of the world. From a certain aspect we may say that no gulf is deeper than the one that opens between Arjuna and a disciple of Socrates. Now we are living in a time when the souls of men, having gone through manifold transformations and incarnations in the search for life in external knowledge, are now once more seeking to make connection with the spiritual worlds. The fact that you are sitting here is most living proof that your own souls are seeking this reunion. You are seeking the connection that will lead you up in a new way to those worlds so wondrously revealed to us in the words of Krishna to his disciple Arjuna. So there is much in the occult wisdom on which the Bhagavad Gita is founded that resounds to us as something responding to our deepest longings.
[ 16 ] In alten Zeiten war der Seele das Band vertraut, das sie verbindet mit dem Geistigen. Das Übersinnliche, das Jenseitige, das Spirituelle war ihr wohlvertraut. Am Ausgangspunkte einer Zeit stehen wir, in der die Menschenseele wieder sucht den Zugang, jetzt in erneuter Weise, zu den übersinnlichen, spirituellen Welten. Wie eine Aneiferung zu diesem Suchen muß es uns erscheinen, wenn wir uns sagen können, wie das, was wir suchen, ja schon einmal da war in einer gewissen Weise, die allerdings nicht mehr die unsrige sein kann, aber doch eben einmal da war. Und zwar werden wir in ganz besonders hohem Grade dieses, was schon einmal da war, in den Offenbarungen des heiligen Sanges des Morgenlandes finden, in den Offenbarungen der erhabenen Gita, von Krishna an seinen großen Schüler Arjuna gerichtet.
[ 16 ] In ancient times the soul was well aware of the bond that unites it with the spiritual. It was at home in the super-sensible. We now are at the beginning of an age wherein men's souls will once more seek access in a new way to the spiritual worlds. We must feel ourselves stimulated to this search when we think of how we once had this access that it once was there for man. Indeed, we shall find it to an unusual degree in the revelations of the holy song of the East.
[ 17 ] Ja, bedeutungsvoll, wie in der Regel bei großen menschlichen Schöpfungen gleich die ersten Worte erscheinen — erscheinen uns die ersten Worte der Ilias, der Odyssee doch bedeutungsvoll —, so erscheinen auch bedeutungsvoll die ersten Worte der Bhagavad Gita. Erzählt wird dasjenige, was da dargestellt werden soll, von seinem Wagenlenker an den blinden König und das Haupt der Kurupartei, der eben im Bruderkampfe liegt mit der Pandavapartei. Ein blindes Oberhaupt! Dieses erscheint uns schon wie symbolisch. Die Menschen der alten Zeit hatten ja eben den Blick hinein in die geistigen Welten, sie lebten gleichsam mit ihrem ganzen Gemüte, mit ihrer ganzen Seele, mit Göttern und Geistern in Zusammenhang. Alles, was hier auf dem Erdkreise sie umgab, erschien ihnen nur unter fortwährendem Zusammenhange mit dem göttlich-geistigen Dasein. Dann kam eine andere Zeit. Und ebenso, wie uns Homer von der griechischen Sage als blind geschildert wird, so wird uns auch als blind geschildert das Haupt der Kurupartei, dem erzählt werden die Gespräche, die Krishna zu seinem Schüler spricht und die diesen Mann über dasjenige, was sich in der sinnlichen Welt abspielt, unterrichten. Ja, erzählt muß ihm sogar dasjenige werden, was hereinragt von der geistigen Welt in die sinnliche Welt hinein. Bedeutsam ist das Symbol, wie gegenüber einer unmittelbaren Umwelt blind waren die alten Menschen, deren Seelen hinaufreichten mit aller Erinnerung, mit allem geistigen Zusammenhange in uralte Zeiten. Sehend waren sie im Geiste, schauend in der Seele, diejenigen, die wie in höheren Bildern erleben konnten alles, was als geistige Geheimnisse lebte. Diejenigen, die in tieferem Sinne verstehen sollten, was sich in der Welt abspielt, die dieses verstehen sollten in seinem geistigen Zusammenhange, die werden uns in den alten Sagen und Sängen als blind dargestellt. So begegnen wir demselben Symbol ebenso bei dem griechischen Sänger Homer wie bei jener Gestalt, die uns gleich im Eingange der Bhagavad Gita entgegentritt. Und in welche Zeit werden wir hineingeführt? In die Zeit, die uns auch in anderer Art als die Zeit des Überganges der Urmenschheit in die gegenwärtige Menschheit öfters dargestellt worden ist. Warum aber wirkt auf Arjuna so stark der Umstand, daß der Bruderkampf stattfinden soll?
[ 17 ] As is generally the case with the great works of man, we find the opening words of the Bhagavad Gita full of meaning. (Are not the opening words of the Iliad and the Odyssey most significant?) The story is told by his charioteer to the blind king, the chief of the Kurus who are engaged in fratricidal battle with the Pandavas. A blind chieftain! This already seems symbolical. Men of ancient times had vision into the spiritual worlds. With their whole heart and soul they lived in connection with Gods and Divine Beings. Everything that surrounded them in the earthly sphere was to them in unceasing connection with divine existence. Then came another age, and just as Greek legend depicts Homer as a blind man, so the Gita tells us of the blind chief of the Kurus. It is to him that the discourses of Krishna are narrated in which he instructs Arjuna concerning what goes on in the world of the senses. He must even be told of those things of the sense-world that are projections into it from the spiritual. There is a deeply significant symbol in the fact that old men who looked back with perfect memory and a perfect spiritual connection into a primeval past, were blind to the world immediately around them. They were seers in the spirit, seers in the soul. They could experience as though in lofty pictures all that lived as spiritual mysteries. Those who were to understand the events of the world in their spiritual connections were pictured to us in the old songs and legends as blind. Thus we find this same symbol in the Greek singer Homer as in that figure that meets us at the beginning of the Bhagavad Gita. This introduces us to the age of transition from primeval humanity to that of the present day. Now why is Arjuna so deeply moved by the impending battle of the brothers?
[ 18 ] Wir wissen es ja, daß das alte Hellsehen gewissermaßen gebunden war an den äußeren Blutzusammenhang. Blutzusammenhang, das Fließen des gleichen Blutes in den Adern einer Menschenschar, war in alten Zeiten mit Recht etwas heilig Verehrtes. Denn daran war gebunden das alte Wahrnehmen einer gewissen Gruppenseele. Die Menschen, die blutsverwandt sich nicht nur fühlten, sondern sich wußten, in denen lebte eigentlich noch nicht ein solches Ich wie im gegenwärtigen Menschen. Wo wir auch hinschauen, finden wir in den uralten Zeiten überall Zusammenhänge, in denen der einzelne Mensch sich gar nicht mit einem solchen Ich fühlte, wie es heute der Mensch tut, sondern als allein bestehend in der Gruppe, in einer Gemeinschaft, die die Gemeinschaft des Blutes darstellte. Was bedeutet dem Menschen heute Stammesseele, Nationalseele, Volksseele? Gewiß, manchmal ist diese Nationalseele zum Beispiel, oder Volksseele, Gegenstand größter Begeisterung, aber wir dürfen sagen: gegenüber dem menschlichen einzelnen Ich kommt sie doch nicht auf, diese Volksseele, diese Stammesseele. — Es mag ein harter Ausspruch sein, aber wahr ist er. Denn es ist so, daß der Mensch einstmals nicht zu sich «Ich» gesagt hat, sondern zu der Gruppe seines Stammes oder Volkes. Dieses Gefühl für Gruppenseelenhaftigkeit lebt aber noch in Arjuna, da er den Bruderkampf um sich wüten sieht. Er versteht noch nicht zu sich «Ich» zu sagen, er versteht es noch besser, jenes Gruppen-Ich zu fühlen, das sich in allen jenen Seelen äußerte. Das macht es, daß ihm so grauenvoll der Kampf ist, der um ihn tobt.
[ 18 ] We know that the old clairvoyance was in a sense bound up with external blood relationship. The flowing of the same blood in the veins of a number of people was rightly looked upon as something sacred in ancient times because with it was connected the ancient perception of a particular group-soul. Those who not only felt but knew their blood-relationship to one another did not yet have such an ego as lives in men of the present time. Wherever we look in those ancient times we find everywhere groups of people who did not at all feel themselves as having an individual “I” as man does today. Each felt his identity only in the group, in a community based upon the blood-bond. What does the folk-soul, the nation-soul, signify to a man today? Certainly it is often an object of the greatest enthusiasm. Yet we may say that, compared with the individual “I” of a man, this nation-soul does not really count. This may be a hard saying but it is true. Once upon a time man did not say “I” to himself but to his tribal or racial group. This group-soul feeling was still living in Arjuna when he saw the fratricidal battle raging around him. That is the reason why the battle that raged about him filled him with such horror.
[ 19 ] Versetzen wir uns in diese Arjunaseele, so daß wir empfinden, daß da etwas wie ein Grauen lebt, daß sich da etwas morden will, was zusammengehört, eine Seele, die empfindet, was in allen Seelen lebt und was sich töten will. Versetzen wir uns in diese Arjunaseele, die empfindet, wie sich Brüder töten, in Stücke reißen wollen, die empfindet, wie wenn eine Seele empfinden würde, daß dasjenige, was doch zu ihr gehört, der Leib, in Stücke gerissen wird. So empfindet die Arjunaseele, wie wenn die Glieder eines Leibes, das Herz mit dem Haupte kämpfen würde, die linke Hand gegen die rechte Hand. Bedenken wir, daß diese Seele so dem Kampfe, der da stattfinden soll, gegenübersteht, daß dieser Kampf als ein Kampf gegen die eigene Leiblichkeit erscheint. Bedenken wir, was diese Seele fühlt in dem Augenblicke, wo sie den Bogen sinken läßt, wo der Kampf der Brüder ihr erscheint wie ein Kampf der rechten gegen die linke Hand des Menschen: dann fühlen wir die Stimmung des Einganges der Bhagavad Gita, dann fühlen wir — ich muß da etwas sagen, was wiederum scheinbar, aber nur scheinbar, paradox, grotesk sich hinstelli, was scheinbar gegen allerheiligste Empfindungen spricht —: Arjuna steht da, begreift noch nicht recht das Einzel-Ich, begreift aber das alte, das Gruppen-Ich, das sich ihm so unnatürlich im Kampfe darstellt. In dieser Stimmung tritt ihm gegenüber Krishna, der große Lehrer. — Wir müssen es einmal aussprechen, wie mit der größten Kunst, mit der unvergleichlichsten Kunst Krishna, der heilige Gott, dasteht dem Arjuna gegenüber, indem er dem Arjuna beibringt, was der Mensch sich abgewöhnen soll und wollen muß, wenn er im rechten Sinne in seiner Evolution aufsteigen will.
[ 19 ] Let us enter the soul of Arjuna and feel the horror that lived in him when he realized how those who belonged together are about to murder each other. He felt what lived in all the souls at that time and is about to kill itself. He felt as a soul would feel if its body, which is its very own, were being torn in pieces. He felt as though the members of one body were in conflict, the heart with the head, the left hand with the right. Think how Arjuna's soul confronted the impending battle as a battle against its own body, when, in the moment he drops his bow, the conflict of the kinsmen seems to him a conflict between a man's right hand and his left. Then you will feel the atmosphere of the opening verses of the Bhagavad Gita. When Arjuna is in this mood he is met by the great teacher Krishna. Here we must call attention to the incomparable art with which Krishna is pictured in this scene: The holy God, who stands there teaching Arjuna what man shall and will discard if he would take the right direction in his evolution.
[ 20 ] Verfolgen wir diesen Krishna und seine Lehre weiter. Was sagt er denn eigentlich? Wovon spricht er? Von Ich und Ich und Ich und immer nur von Ich. Ich bin in der Erde, Ich bin im Wasser, Ich bin in der Luft, Ich bin im Feuer, Ich bin in allen Seelen, Ich bin in allen Lebensäußerungen, selbst noch im heiligen Aum, Ich bin der Wind, der durch die Wälder geht, Ich bin der wertvollste unter den Bergen, Ich bin unter den Flüssen der wertvollste, Ich bin der wertvollste der Menschen, Ich bin unter den Seligen der alte Seher Kapila. — Wahrhaftig, dieser Krishna sagt ja nichts geringeres, als: Ich erkenne nichts anderes an als mich selber, und ich lasse die Welt nur gelten, insofern sie Ich ist. — Ich und Ich und Ich und nichts anderes spricht aus den Lehren des Krishna.
[ 20 ] Of what does Krishna speak? Of I, and I, and I, and always only of I. “I am in the earth, I am in the water, I am in the air, I am in the fire, in all souls, in all manifestations of life, even in the holy Aum. I am the wind that blows through the forests. I am the greatest of the mountains, of the rivers. I am the greatest among men. I am all that is best in the old seer Kapila.” Truly Krishna says nothing less than this, “I recognize nothing else than myself, and I admit the world's existence only in so far as it is I!” Nothing else than I speaks from out the teaching of Krishna.
[ 21 ] Machen wir uns das einmal ganz unverblümt klar, wie Arjuna dasteht, der das Ich noch nicht begreift, der es aber begreifen soll, und wie ihm gleich einem umfassenden, universellen kosmischen Egoisten entgegentritt der Gott, der nichts gelten läßt als sich selber, und sogar verlangt, daß auch die anderen nichts gelten lassen als ihn selber, ja, daß man in allem, was in Erde, Wasser, Feuer, Luft, in allem, was auf der Erde lebt, ja in allem, was in der Dreiwelt lebt, nichts anderes sieht als ihn.
[ 21 ] Let us once [and] for all see quite plainly how Arjuna stands there as one not yet understanding himself as an ego but who now has to do so. How the God confronts him like an all-embracing cosmic egoist, admitting of nothing but himself, even requiring others to admit of nothing but themselves, each one an “I.” Yes, in all that is in earth, water, fire or air, in all that lives upon the earth, in the three worlds, we are to see nothing but Krishna.
[ 22 ] Merkwürdig tritt uns entgegen, wie jemandem, der das Ich noch nicht begreifen kann, ein Wesen wie im Unterrichte entgegengeführt wird, das in Anspruch nimmt, nur als sein eigenes Selbst anerkannt zu werden. Wer im Lichte der Wahrheit dies sich ansehen will, lese die Bhagavad Gita durch und suche die Frage zu beantworten, mit welchem Worte man dasjenige, was der Krishna von sich sagt und wovon er verlangt, daß man es anerkennen soll, mit welchem Worte man das bezeichnen soll. Universeller Egoismus, das ist es, was aus Krishna spricht. Und so scheint uns denn, daß aus der erhabenen Gita allüberall der Refrain an unser geistiges Ohr tönt: Nur wenn ihr anerkennt, ihr Menschen, meinen allumfassenden Egoismus, dann ist Heil für euch.
[ 22 ] It is full of significance for us that one who cannot yet grasp the ego is brought for his instruction before a Being who demands to be recognized only as his own Self. Let him who wants to see this in the light of truth read the Bhagavad Gita through and try to answer the question, “How can we designate what Krishna says of himself and for which he demands recognition?” It is universal egoism that speaks in Krishna. It does indeed seem to us as though through the whole of the sublime Gita this refrain resounds to our spiritual hearing, “Only when you recognize, you men, my all-embracing egoism, only then can salvation be for you!”
[ 23 ] Die größten Leistungen des menschlichen Geisteslebens geben uns immer Rätsel auf; nur dann sehen wir sie im rechten Lichte, wenn wir auch anerkennen und erkennen, daß sie uns die großen Rätsel aufgeben. Wahrhaftig, ein hartes Rätsel scheint uns aufgegeben zu sein, wenn wir jetzt vor der Aufgabe stehen, zu begreifen das, was wir nennen können eine erhabenste Lehre, verbunden mit der Verkündigung des universellen Egoismus. Nicht durch Logik, sondern in geschauten großen Widersprüchen des Lebens enthüllen sich uns die okkulten Geheimnisse. Es wird unsere Aufgabe sein, auch über jenes Merkwürdige hinweg innerhalb der Maya zu der Wahrheit zu kommen, so daß wir erkennen, was das eigentlich ist, was wir, wenn wir innerhalb der Maya sprechen, zu Recht einen universellen Egoismus nennen. Aus der Maya heraus müssen wir durch dieses Rätsel gelangen in die Wirklichkeit, in das Licht der Wahrheit. Wie es sich damit verhält, wie wir über dieses hinwegkommen werden in die Wirklichkeit, das soll die Aufgabe unserer nächsten Vorträge sein.
[ 23 ] The greatest achievements of human spiritual life always set us riddles. We only see them in the right light when we recognize that they set us the very greatest riddles. Truly, a hard one seems to be given us when we are now confronted with the task of understanding how a most sublime teaching can be bound up with the announcement of universal egoism. It is not through logic but in the perception of the great contradictions in life that the occult mysteries unveil themselves to us. It will be our task to get beyond what seems so strange and come to the truth within the Maya. When we are speaking within Maya we must recognize what it really is that we may rightly call a universal egoism. Through this very riddle we must reach out from illusion into reality, into the light of truth. How this is possible, and how we may surmount this riddle and reach reality, will form the subject of the following lectures.
