The Occult Significance of the Bhagavad Gita
GA 146
4 June 1913, Helsinki
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The Occult Foundations of the Bhagavad Gita, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Wenn es sich darum handelt, volles Verständnis einer solchen Schöpfung entgegenzubringen, wie es die Bhagavad Gita ist, das erhabene Lied, dann ist es notwendig, seine Seele in einer gewissen Beziehung erst geeignet zu machen, erst sie hinzuführen zu jener Art des Empfindens und Fühlens, die da eigentlich zugrunde liegt. Doch gilt dasjenige, was ich eben jetzt ausgesprochen habe, im Grunde nur für die Lage, in der Menschen sind, die mit ihrem eigenen Fühlen und Empfinden zunächst so weit entfernt sein müssen von der Bhagavad Gita wie die westländische Bevölkerung. Es ist selbstverständlich, daß wir eine zeitgenössische, geistige Leistung unmittelbar aufnehmen können. Es ist auch natürlich, daß ein Volk oder die Zugehörigen eines Volkes eine geistige Leistung, die unmittelbar aus der Volkssubstanz entspringt, wenn sie auch älteren Zeiten angehört, immer unmittelbar empfindet. Allein der Bhagavad Gita stehen die westländischen Bevölkerungen, nicht die südasiatischen Bevölkerungen, ganz fern in Fühlen und Empfinden. Will man ohne seelische Vorarbeit sich dieser Dichtung nähern, so muß man sich auf diese ganz andere Geistes- und Seelenstimmung präparieren, wenn man die Bhagavad Gita verstehen will. Deshalb muß so unendlich viel Mißverständnis entspringen. Eine geistige Leistung, die herüberragt aus ganz fremdem Volksstamme, aus dem 9., 10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, vor der Begründung des Christentums, kann von der westländischen Bevölkerung nicht so unmittelbar verstanden werden wie, sagen wir, von dem finnischen Volke Kalevala oder von den Griechen die homerischen Dichtungen, oder vielmehr von der ganzen westländischen Bevölkerung diese homerischen Dichtungen. Wir müssen, wenn wir auf diesen Punkt uns weiter einlassen wollen, schon einiges wiederum zusammentragen, was uns den Weg zur Bhagavad Gita weisen könnte.
[ 1 ] When it comes to fully understanding a work such as the Bhagavad Gita, that sublime song, it is necessary, in a certain sense, to first prepare one’s soul, to first guide it toward the kind of perception and feeling that actually underlies it. Yet what I have just said applies, in essence, only to the situation of people whose own feelings and sensibilities must initially be as far removed from the Bhagavad Gita as those of the Western population. It goes without saying that we can immediately grasp a contemporary spiritual achievement. It is also natural that a people, or the members of a people, always immediately feel a spiritual achievement that springs directly from the substance of the people, even if it belongs to earlier times. But when it comes to the Bhagavad Gita, it is the Western populations—not the South Asian populations—who are completely distant in feeling and sensibility. If one wishes to approach this work of poetry without prior spiritual preparation, one must prepare oneself for this entirely different spiritual and emotional mood if one is to understand the Bhagavad Gita. That is why so many misunderstandings must arise. A spiritual achievement that stands out from a completely foreign people, from the 9th and 10th centuries B.C., before the founding of Christianity, cannot be understood as immediately by Western populations as, say, the Finnish people understand the Kalevala, or the Greeks the Homeric poems—or rather, the entire Western population these Homeric poems. If we wish to delve further into this point, we must once again gather together certain elements that might point the way to the Bhagavad Gita.
[ 2 ] Da möchte ich vor allen Dingen auf eines aufmerksam machen. Die Gipfelpunkte des geistigen Lebens sind eigentlich zu allen Zeiten für die weiteren Horizonte des menschlichen Verständnisses Geheimnisse gewesen. Und so ist es auch bis in unser Zeitalter herein in gewissem Sinne geblieben. Zu den besonderen Eigentümlichkeiten unseres Zeitalters, das wir ja, insofern wir in der Morgenröte dieses Zeitalters stehen, mit einigem charakterisiert haben, wird es allerdings gehören, daß gewisse Dinge, die im weiteren Umkreise Geheimnisse geblieben sind, die nur bei einigen ganz wenigen bekannt waren, wirklich bekannt waren, daß diese populär werden, mehr heraus sich verbreiten in die weiteren Schichten unserer Menschheit. Und weil das so ist, sitzen Sie ja hier. Mit unserer Bewegung soll ja der Anfang gemacht werden dieses Heraustragens solcher Dinge, die eigentlich immer bisher Geheimnisse geblieben sind für den weiteren Umkreis der Menschheit. Und manche vielleicht unbewußten Gründe, die Sie zur anthroposophischen Weltanschauung, zur anthroposophischen Geistesströmung drängten, kamen eben von diesem unbewußten Verständnis, daß sich heute gewisse Geheimnisse in alle Seelen, in alle Herzen hineinergießen müssen.
[ 2 ] I would like to draw attention to one thing above all else. The pinnacles of spiritual life have, in fact, always been mysteries to the broader horizons of human understanding. And in a certain sense, this has remained true right up to our own age. Among the distinctive characteristics of our age—which we have, insofar as we stand at the dawn of this age, described in some detail—it will certainly be the case that certain things that have remained mysteries in the wider world, known only to a very few, will truly become known, that they will become popular and spread more widely into the broader strata of humanity. And because this is so, you are sitting here. Our movement is intended to mark the beginning of this bringing forth of such things, which have actually always remained secrets to the wider circle of humanity. And some perhaps unconscious reasons that drew you to the anthroposophical worldview, to the anthroposophical spiritual current, stemmed precisely from this unconscious understanding that certain secrets must now pour into every soul, into every heart.
[ 3 ] Aber bis in unsere Zeit war es von anderen Gesichtspunkten aus doch so, daß gewisse Dinge Geheimnisse geblieben sind, nicht weil man sie geheim gehalten hat, sondern weil es in der natürlichen Entwickelung der Menschheit liegt, daß sie Geheimnisse bleiben mußten. Man spricht davon, daß durch ganz bestimmte, strenge Regeln die Geheimnisse der alten Mysterien geschützt waren vor der äußeren Menschheit. Aber noch mehr als durch die Regeln waren diese Geheimnisse eigentlich geschützt durch gewisse Grundeigenschaften der allgemeinen Menschheit der alten Zeiten, indem ja die allgemeine Menschheit sie nicht hätte verstehen können. Dadurch blieben diese Mysterien geschützt, und das war ein viel stärkerer Schutz, dieser Unverstand, als irgendwelche äußere Regel. Im Grunde ist, gerade durch gewisse Eigentümlichkeiten der materialistischen Zeit, dies für gewisse Dinge in einem erhöhten Maße der Fall, daß sie eigentlich Geheimnis bleiben. Man spricht damit etwas sehr Ketzerisches aus gegenüber unserem Zeitalter. Es gibt zum Beispiel nichts Geschützteres in mittleren Gegenden Europas als die Fichtesche Philosophie. Nicht daß sie durch strenge Regeln geschützt wird, nicht daß sie Geheimnis geblieben ist, denn die Fichteschen Lehren sind gedruckt, werden auch gelesen; aber verstanden werden sie nicht, sie sind Geheimnisse. Und so ist vieles, was sich der allgemeinen Entwickelung einfügen muß, Geheimwissen, so gibt es vieles, das Geheimnis bleibt, obwohl es öffentlich an den Tag tritt.
[ 3 ] But even up to the present day, from other points of view, certain things have remained secrets—not because they were kept secret, but because it is inherent in the natural development of humanity that they had to remain secrets. It is said that the secrets of the ancient mysteries were protected from the outside world by very specific, strict rules. But even more than by these rules, these secrets were actually protected by certain fundamental characteristics of humanity in ancient times, since humanity in general would not have been able to understand them. This is how these mysteries remained protected, and this lack of understanding provided a much stronger protection than any external rule. In fact, precisely because of certain peculiarities of the materialistic age, this is the case to a greater degree for certain things, in that they actually remain secrets. This expresses something very heretical regarding our age. There is, for example, nothing more protected in central Europe than Fichte’s philosophy. Not that it is protected by strict rules, not that it has remained a secret, for Fichte’s teachings are in print and are also read; but they are not understood; they are secrets. And so much of what must conform to general development is secret knowledge; there is much that remains a secret, even though it is publicly revealed.
[ 4 ] Nun gibt es aber nicht nur in dieser Beziehung eine Eigentümlichkeit in der Menschheitsevolution, sondern auch in einer ganz anderen Beziehung — und dies ist für diejenigen Gesichtspunkte wichtig, mit denen wir uns der Bhagavad Gita zu nähern haben —: Alles, was man nennen kann die Gefühls-, Gemüts-, Empfindungsstimmung des alten Indien, aus der erwachsen ist die Bhagavad Gita, war im Grunde in seiner völligen Geistigkeit auch nur dem Verständnis von wenigen zugänglich. Nun bleibt — und da ist wiederum eine Eigentümlichkeit der menschlichen Entwickelung, die ganz weisheitsvoll ist, wenn man sie zunächst auch paradox findet —, nun bleibt dasjenige, was ein Zeitalter durch wenige Menschen hervorgebracht hat, auch dann, wenn es mehr übergeht in die allgemeine Bevölkerung, seiner eigentlichen Tiefe nach ein Geheimnis. Auch für die Zeitgenossen, für die Anhänger, ja für das ganze Volk, welches zugehörig diesem Geistesgipfel ist, blieb die Lehre und namentlich gerade die, welche durch die Bhagavad Gita enthüllt wird, ein Geheimnis, und auch der Nachwelt blieb die eigentliche Tiefe dieser Geistesströmung unbekannt. Man entwickelte zwar in der Folgezeit einen gewissen Glauben daran, vielleicht auch eine große Begeisterung, aber man entwickelte nicht ein wirklich tiefer eingehendes Verständnis. Weder die Zeitgenossen noch die Nachwelt entwickelten ein eigentliches Verständnis. Wiederum hatten nur einige wenige in den Zwischenzeiten ein wirkliches Verständnis. Das bewirkt aber, daß in dem Urteil der Nachwelt sich in einem ungeheuren Maße fälscht dasjenige, was einmal als eine solche besondere Geistesströmung da war.
[ 4 ] However, there is a peculiarity in human evolution not only in this regard, but also in a completely different one—and this is important for the perspectives from which we must approach the Bhagavad Gita—: Everything that can be called the emotional, mental, and sensorial atmosphere of ancient India, from which the Bhagavad Gita arose, was, in its complete spirituality, essentially accessible only to the understanding of a few. Now, what remains—and here again is a peculiarity of human development that is quite wise, even if it initially seems paradoxical—is that what an age has produced through a few people remains, in its true depth, a mystery even as it spreads more widely among the general population. Even for contemporaries, for followers, indeed for the entire people who belong to this spiritual pinnacle, the teaching—and specifically that revealed through the Bhagavad Gita—remained a mystery, and the true depth of this spiritual current also remained unknown to posterity. Although a certain faith in it, and perhaps even great enthusiasm, developed in the subsequent period, a truly deep and thorough understanding was not developed. Neither the contemporaries nor posterity developed a genuine understanding. Again, only a few in the intervening periods had a true understanding. This, however, means that in the judgment of posterity, what once existed as such a special spiritual current is distorted to an immense degree.
[ 5 ] Man kann in der Regel bei den Nachkommen eines Volkes nicht suchen den Zugang zum Verständnis dessen, um was es sich handelt. Man kann zum Beispiel heute in den Grundempfindungen und Gefühlen der Inder nicht das wirkliche Verständnis suchen für die geistige Strömung, welche die Bhagavad Gita im tiefsten Sinne durchdringt. Begeisterung, einen mit Gemüt und Empfindung durchdrungenen Glauben dafür, wird man im reichsten Maße finden, aber das tiefe Verständnis nicht. Das gilt aber nicht nur für diese alten Zeiten, sondern besonders auch für das eben abgelaufene Zeitalter vom 14., 15. Jahrhundert an bis ins 19. Jahrhundert. Da gilt es in besonderem Maße sogar gerade für die Bekenner, für die Anhänger. Es ist ja eine Anekdote, die aber eine tiefe Wahrheit enthält — wie es oft bei Anekdoten ist —, daß ein großer Denker Europas gesagt haben soll bei seinem Tode: Nur einer hat mich verstanden, und der hat mich mißverstanden. — Eine Anekdote, aber eine tiefe Wahrheit! So kann man sagen: Es gibt auch für dieses abgelaufene Zeitalter etwas an geistiger Substanz, das eine Höhe darstellt, das aber im weitesten Umkreise seiner eigentlichen Natur nach unbekannt geblieben ist schon bei den Zeitgenossen. Das hängt zusammen mit etwas, worauf ich gerne aufmerksam machen möchte.
[ 5 ] As a rule, one cannot look to the descendants of a people to gain an understanding of what is at stake. For example, one cannot look today to the basic sentiments and feelings of the Indians to find a true understanding of the spiritual current that permeates the Bhagavad Gita in its deepest sense. One will find enthusiasm—a belief imbued with heart and feeling—in the richest measure, but not deep understanding. This applies not only to those ancient times, but especially also to the era that has just passed, from the 14th and 15th centuries through to the 19th century. This is particularly true even for the professed believers, for the followers. It is, after all, an anecdote, but one that contains a profound truth—as is often the case with anecdotes—that a great European thinker is said to have remarked upon his death: “Only one person understood me, and he misunderstood me.” — An anecdote, but a profound truth! So one might say: Even for this bygone era, there is a spiritual substance that represents a height, yet which, in the broadest sense, remained unknown in its true nature even to its contemporaries. This is connected to something to which I would like to draw your attention.
[ 6 ] Es wird ganz gewiß heute im Umkreise der morgenländischen, indischen Bevölkerung mancher sehr gescheite Kopf zu finden sein, ganz außerordentlich gescheite Köpfe, aber die ganze Konfiguration ihres Fühlens und Empfindens hat sie schon entfernt von dem Verständnis derjenigen Gefühle, die von der Bhagavad Gita ausgeströmt sind. Das sind die einen. Auf der anderen Seite kommt zu diesen Menschen von der westländischen Kultur nur dasjenige, was nicht die Tiefen enthält, was nur ein oberflächlich gewordenes Verständnis darbietet. Dadurch kommt zweierlei zustande. Das eine, was kommen kann, ist, daß bei der morgenländischen Bevölkerung, und namentlich bei den Nachkommen der Bhagavad Gita-Menschen, sich entwickeln kann etwas, das ihnen ganz gut das Gefühl geben kann, wenn sie ansehen, was aus der veroberflächlichten westländischen Kultur kommt: Diese Kultur steht weit hinter dem zurück, was in der Bhagavad Gita schon gegeben ist. Denn für die Bhagavad Gita haben sie doch noch mehr Zugänge als für dasjenige, was tiefer in dem abendländischen Geistesleben liegt. Deswegen müssen wir begreifen das Urteil vieler Inder, für die dasjenige, was wir an Geisteskultur haben, etwas ungeheuer Überraschendes ist. Es gibt aber auch noch andere Inder, welche gerade die Tiefen der westländischen Geisteskultur aufnehmen möchten. Es gibt ganz gewiß indische Köpfe, welche gerne bereit wären, aufzunehmen solche Geistessubstanz, wie sie uns entgegentreten kann, wenn wir zusammenfassen — wir könnten viele Denker oder sonstige geistige Menschen nennen —, wenn wir zusammenfassen Solovieff, Hegel und Fichte. Viele indische Denker gibt es, die diese Geistessubstanz aufnehmen möchten. An einem besonderen Punkte konnte ich selbst eine gewisse Erfahrung machen. Ganz im Anfange der Zeit, als wir unsere deutsche Sektion gegründet hatten, schickte mir, und auch vielen anderen Europäern, ein indischer Denker eine Abhandlung. In dieser Abhandlung suchte er sozusagen dasjenige, was indische Philosophie darbietet, in einer gewissen Weise zu verbinden mit gewichtigen europäischen Vorstellungen, wie man sie gewinnen könnte in ihrer Wahrheit, wenn man tiefer eingehen würde auf Fichte und Hegel. Aber mit der ganzen Abhandlung war nichts anzufangen, denn trotz alles ehrlichen Strebens dieser Persönlichkeit — es soll gar nichts gegen dieses Streben gesagt werden, nein, es soll gelobt werden, aber die Tatsachen sind einmal so —, trotz alles ehrlichen Strebens stellte sich für denjenigen, der den Zugang hat zu den wirklichen Fichteschen und Hegelschen Vorstellungen, das, was der indische Denker da hervorbrachte, wie ein rechter Dilettantismus heraus. Es war nichts anzufangen mit der Abhandlung, und das ist eine ganz natürliche Erscheinung.
[ 6 ] There are certainly many very intelligent minds to be found today among the Eastern, Indian population—indeed, exceptionally intelligent minds—but the very nature of their feelings and sensibilities has already distanced them from an understanding of the sentiments that emanate from the Bhagavad Gita. These are the ones. On the other hand, what reaches these people from Western culture is only that which lacks depth, offering merely a superficial understanding. This results in two things. One possible outcome is that among the Eastern population, and particularly among the descendants of the Bhagavad Gita people, something may develop that gives them a clear sense, when they observe what comes from the superficialized Western culture: This culture lags far behind what is already given in the Bhagavad Gita. For they still have more access to the Bhagavad Gita than to that which lies deeper in Western spiritual life. That is why we must understand the judgment of many Indians, for whom what we have in terms of spiritual culture is something tremendously surprising. But there are also other Indians who would like to take in precisely the depths of Western spiritual culture. There are certainly Indian minds that would be quite willing to take in such spiritual substance as might meet us when we bring together—we could name many thinkers or other spiritual people—when we bring together Soloviev, Hegel, and Fichte. There are many Indian thinkers who would like to take in this spiritual substance. On one particular point, I myself was able to gain some experience. Quite early on, when we had founded our German Section, an Indian thinker sent me—and also many other Europeans—a treatise. In this treatise, he sought, so to speak, to connect what Indian philosophy offers in a certain way with weighty European ideas, such as one might grasp in their truth if one delved more deeply into Fichte and Hegel. But the entire treatise was of no use, for despite all the honest striving of this individual—nothing at all is to be said against this striving, no, it should be praised, but the facts are what they are—despite all his sincere efforts, to anyone familiar with the actual mental images of Fichte and Hegel, what the Indian thinker produced turned out to be sheer dilettantism. The treatise was of no use, and that is a perfectly natural phenomenon.
[ 7 ] Wir können sagen: Da haben wir eine Persönlichkeit vor uns, die sich ehrlich bemüht, einzudringen in eine ganz andere, für sie spätere Geistesrichtung, aber sie kann nicht durch die Hindernisse hindurch, welche die zeitliche Entwickelung geschaffen hat. Wenn sie aber ein Eindringen doch versucht, so kommt unwahres und unmögliches Zeug zustande. Ich habe später von einer anderen Persönlichkeit, die unbekannt ist mit demjenigen, was eigentlich europäische Geistesentwickelung in ihren Tiefen ist, einen Vortrag gehört, der in Anlehnung an diesen indischen Denker gehalten war. Es war dies eine europäische Persönlichkeit, die, ganz unbekannt mit den Tiefen europäischer Entwickelung, gelernt hatte dasjenige, was von diesem indischen Denker vorgebracht worden war, und als besondere Weisheit dieses unter ihren Anhängern vorbrachte. Die Anhänger haben natürlich auch nicht gewußt, daß man es zu tun hatte mit etwas, was auf ganz verkehrter verstandesmäßiger Grundlage beruhte. Für denjenigen, der aber eindringen konnte, für den war, was da mitgeteilt wurde von einer europäischen Persönlichkeit, die gelernt hatte von dem Inder, zum An-die-Wände-Heraufkriechen — verzeihen Sie den Ausdruck —, es war einfach schrecklich! Es war ein Mißverständnis, aufgepfropft auf einem anderen Mißverständnis. So schwierig ist es, ein Verständnis zu gewinnen für alles, was die Menschenseele hervorbringen kann. Unser Ideal muß es sein, alle geistigen Gipfelpunkte wirklich zu verstehen. Wenn man dies ins Auge faßt und es durchempfindet, dann wird man auf der einen Seite einen gewissen Lichtstrahl empfangen, wie schwer die Zugänge zur Bhagavad Gita eigentlich sind; auf der anderen Seite aber gibt es Mißverständnisse über Mißverständnisse, die nicht weniger verhängnisvoll sind. Wir begreifen es vollständig im Abendlande, wenn man im Morgenlande aufsieht zu all den alten schöpferischen Geistern der früheren Zeiten, deren Tätigkeit durch die Vedantaphilosophie, durch den Tiefsinn der Sankhyaphilosophie strömt; wir begreifen, wenn der morgenländische Geist mit Inbrunst hinaufsieht zu dem, was sieben, acht Jahrhunderte nach Begründung des Christentums wie in einem Gipfelpunkt in Shankaracharya erscheint; wir begreifen das alles, aber wir müssen es anders begreifen, wenn wir wirklich zu einem tiefen Verständnis kommen wollen. Wir haben es nötig, noch mehr zu begreifen — und das müssen wir jetzt wie eine Art Hypothese aufstellen, denn verwirklicht hat es sich noch nicht —, in der menschlichen Evolution. Nehmen wir einmal an, diejenigen, die da Schöpfer gewesen sind jener großen hohen Geistigkeit, welche die Veden durchströmt, den Vedanta und die Philosophie des Shankaracharya, nehmen wir an, diese Geister würden in unserer Zeit wieder erscheinen mit derselben Geistesbegabung, mit demselben Scharfsinn, mit dem sie dazumal in der Welt gestanden haben, und sie würden erlebt haben geistige Schöpfungen wie die des Solovieff, Hegel und Fichte. Was würden sie gesagt haben? Wir setzen uns also in den Fall, daß es uns nicht darauf ankommt, was die Bekenner der Vedantaphilosophie, des Shankaracharya sagen, sondern was diese Geister selber gesagt haben würden. Ich bin mir vollkommen bewußt, daß ich etwas sehr Paradoxes jetzt ausspreche, aber wenn man das tut, muß man an das denken, was einmal Schopenhauer geäußert hat: Es ist einmal das Schicksal der armen Wahrheit, daß sie immer paradox werden muß in der Welt, denn sie kann sich nun einmal nicht auf den Thron des Irrtums setzen. Da setzt sie sich denn auf den Thron der Zeit, da wendet sie sich an den Schutzengel der Zeit. Der hat so große, lange Flügelschläge, daß das Individuum darüber hinwegstirbt. — Daher darf man nicht zurückschrecken davor, daß die Wahrheit paradox klingen muß. Das ist paradox, aber eben wahr.
[ 7 ] We can say: Here we have a person who is making a sincere effort to penetrate a completely different school of thought—one that came later in her own time—but she cannot get past the obstacles created by historical development. Yet when she does attempt to penetrate it, the result is false and implausible nonsense. I later heard a lecture by another individual—who was unfamiliar with the true depths of European spiritual development—that was based on this Indian thinker. This was a European figure who, being entirely unfamiliar with the depths of European development, had learned what had been put forward by this Indian thinker and presented it as special wisdom to his followers. The followers, of course, also did not know that they were dealing with something based on a completely erroneous intellectual foundation. But for those who could penetrate to the heart of the matter, what was communicated by a European figure who had learned from the Indian was enough to make one’s hair stand on end—pardon the expression—it was simply dreadful! It was a misunderstanding grafted onto another misunderstanding. That is how difficult it is to gain an understanding of everything the human soul is capable of producing. Our ideal must be to truly understand all spiritual pinnacles. If one takes this to heart and feels it deeply, then on the one hand one will receive a certain ray of light regarding how difficult the approaches to the Bhagavad Gita actually are; but on the other hand, there are misunderstandings upon misunderstandings that are no less fateful. We in the West fully grasp this when we look up in the East to all the ancient creative spirits of earlier times, whose activity flows through Vedanta philosophy and the profundity of Sankhya philosophy; we understand when the Eastern spirit looks up with fervor to what appears, seven or eight centuries after the founding of Christianity, as a culmination in Shankaracharya; we understand all this, but we must understand it differently if we truly wish to arrive at a deep understanding. We need to understand even more—and we must now posit this as a kind of hypothesis, for it has not yet come to pass—in human evolution. Let us suppose, for a moment, that those who were the creators of that great, lofty spirituality which flows through the Vedas, the Vedanta, and the philosophy of Shankaracharya, let us assume that these spirits were to reappear in our time with the same spiritual gifts, with the same acumen with which they stood in the world back then, and that they had experienced spiritual creations such as those of Soloviev, Hegel, and Fichte. What would they have said? So let us assume that what matters to us is not what the adherents of Vedanta philosophy, of Shankaracharya, say, but what these spirits themselves would have said. I am fully aware that I am now expressing something very paradoxical, but when one does so, one must think of what Schopenhauer once said: It is the fate of poor truth that it must always become paradoxical in the world, for it simply cannot sit upon the throne of error. So it takes its seat on the throne of time; it turns to the guardian angel of time. That angel’s wingbeats are so vast and long that the individual perishes beneath them. — Therefore, one must not shrink from the fact that the truth must sound paradoxical. That is paradoxical, but it is precisely true.
[ 8 ] Wenn aufstehen würden die Vedendichter, die Begründer der Sankhyaphilosophie, ja, ich möchte sagen, wenn Shankaracharya selber erlebt hätte im 19. Jahrhundert die Schöpfungen Solovieffs, Hegels, Fichtes, dann würden alle diese Geister gesagt haben: Was wir damals angestrebt haben, wovon wir hofften, daß es uns in unserer hellsichtigen Begabung erscheint, das haben im 19. Jahrhundert Solovieff, Hegel und Fichte geleistet durch die Art selbst ihres Geistes. Wir glaubten, wir müßten hinaufsteigen in hellseherische Höhen. Da hatten wir damals erscheinend, was wie selbstverständlich durch die Seele Hegels, Fichtes, Solovieffs gedrungen ist. — Paradox, aber wahr! Das klingt paradox für die westländischen Menschen, die in einer naiven Unbewußtheit nach den Morgenländern schauen und sich neben sie stellen und dadurch mißverstehen, was im Abendlande ist. Dadurch entsteht folgendes sonderbare, groteske Bild. Wir denken uns die Vedendichter, wir denken uns die Begründer der Sankhyaphilosophie, ja wir denken uns Shankaracharya selber, in Begeisterung hinaufschauend zu Fichte und anderen Geistern, und daneben denken wir uns eine Anzahl von Leuten heute, welche nicht achten die Geistessubstanz Europas und im Staube liegen vor Shankaracharya und seinen Vorgängern, sich aber nicht kümmern um das, was Hegel, Fichte, Solovieff und andere geleistet haben! Das ist ein groteskes Bild, aber ein Bild, das in vollem Ernst der Wahrheit entspricht. Warum ist das so? Wenn wir alles, was die historischen Tatsachen uns darbieten, betrachten, so können wir diese Tatsachen nicht anders verstehen als durch eine solche Hypothese. Warum ist das so?
[ 8 ] If the Vedic poets, the founders of Sankhya philosophy, were to rise up—indeed, I would say, if Shankaracharya himself had witnessed the works of Soloviev, Hegel, and Fichte in the 19th century—then all these minds would have said: What we strove for back then, what we hoped would appear to us through our clairvoyant gift, Soloviev, Hegel, and Fichte accomplished in the 19th century through the very nature of their minds. We believed we had to ascend to clairvoyant heights. Yet what appeared to us then had, as a matter of course, already penetrated the souls of Hegel, Fichte, and Soloviev. — Paradoxical, but true! This sounds paradoxical to Westerners who, in a naive unawareness, look to the Easterners and place themselves alongside them, thereby misunderstanding what is in the West. This gives rise to the following strange, grotesque image. We imagine the Vedic poets, we imagine the founders of Sankhya philosophy, indeed we imagine Shankaracharya himself, looking up in enthusiasm to Fichte and other minds, and alongside them we imagine a number of people today who do not respect the spiritual substance of Europe and lie prostrate in the dust before Shankaracharya and his predecessors, yet do not care about what Hegel, Fichte, Soloviev, and others have accomplished! This is a grotesque picture, but one that corresponds to the truth in all seriousness. Why is this so? When we consider all that historical facts present to us, we cannot understand these facts in any other way than through such a hypothesis. Why is this so?
[ 9 ] Es wird uns erklärlich, wenn wir den Gang der Menschheitsentwickelung betrachten, hinaufschauen zu jenen Zeiten, aus deren Geistessubstanz die Bhagavad Gita strömte. Wie müssen wir uns da den Menschen eigentlich vorstellen? Etwa so können wir seine Seelenverfassung darstellen: Dasjenige, was der Mensch heute in mannigfacher Beziehung vor sich hat im Traumbewußtsein, dieses Vorstellen, dieser Inhalt der Seele, dieses Vorstellen in Bildern, war dazumal das gewöhnliche Vorstellen, das Natürliche, Alltägliche. Wir können also dieses gewöhnliche Bewußtsein der damaligen Zeit Traumbewußtsein nennen, oder besser eigentlich traumhaftes Bewußtsein, traumhaftes Bilderbewußtsein; durchaus nicht so wie auf dem alten Monde, sondern entwickelt. Das war sozusagen die Seelenverfassung, aus der die Seelen hergekommen waren, in der absteigenden Entwickelungslinie. Vorher lag das, was für uns heute schon ganz verdeckt ist als allgemeines Bewußtsein: das Schlafbewußtsein, aus dem aber in alten Zeiten die wie traumhafte Inspiration kam, jenes Bewußtsein, das für die Sphäre unseres Bewußtseins während des Schlafes zugedeckt ist. Es war dieses Bewußtsein etwas, was in das gewöhnliche Bilderbewußtsein dieser alten Menschen sich etwa so hineinstellte, und zwar etwas seltener, wie für uns das Traumbewußtsein. Aber es war noch in einer anderen Weise verschieden in jenen alten Zeiten. Unser Traumbewußtsein heute gibt ja im allgemeinen Reminiszenzen an das gewöhnliche Leben. In jenen alten Zeiten aber, als dieses Bewußtsein noch hineinragte in die oberen Welten, da bot es auch Reminiszenzen der oberen, höheren geistigen Welten. Dann kam dieses immer mehr herunter.
[ 9 ] It becomes clear to us when we consider the course of human development and look back to those times from whose spiritual substance the Bhagavad Gita flowed. How, then, should we actually picture the people of that time? We can describe their state of mind something like this: What people today experience in many ways within their dream consciousness—this mental image, this content of the soul, this visual mental image—was, back then, the ordinary way of forming mental images, the natural, everyday state. We can therefore call this ordinary consciousness of that time dream consciousness, or rather, dreamlike consciousness, dreamlike pictorial consciousness; by no means as it was on the ancient Moon, but developed. That was, so to speak, the state of the soul from which the souls had come, in the descending line of development. Before that lay what is now completely veiled from us as general consciousness: sleep consciousness, from which, however, in ancient times came dreamlike inspiration—that consciousness which is veiled from the sphere of our consciousness during sleep. This consciousness was something that entered into the ordinary pictorial consciousness of these ancient people in much the same way, though somewhat more rarely than dream consciousness is for us. But it was different in yet another way in those ancient times. Our dream consciousness today generally offers reminiscences of ordinary life. In those ancient times, however, when this consciousness still reached into the higher worlds, it also offered reminiscences of the higher, spiritual worlds. Then it came down more and more.
[ 10 ] Wer damals strebte in dem Sinne, wie wir es heute durch unsere okkulte Entwickelung tun, der strebte nach etwas ganz anderem. Wenn wir heute unsere okkulte Entwickelung durchmachen, dann sind wir uns bewußt, daß wir einen Weg nach abwärts gemacht haben zum alltäglichen Bewußtsein, und streben nun nach aufwärts. Diese alten Strebenden strebten auch nach aufwärts. Das Traumbewußstsein stellte für sie den Alltag vor, von da aus strebten sie herauf. Was erreichten sie denn da? Mit aller Anstrengung erreichten sie damals etwas ganz anderes, als wir erreichen wollen. Wenn man dazumal diesen Menschen dargeboten hätte das Buch, das ich in unserer Zeit zu schreiben versuchte: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», dann hätten diese Menschen mit diesem Buche nicht das geringste anzufangen gewußt. Das wäre in der damaligen Zeit eine Torheit gewesen, das hat nur einen Sinn für den heutigen Menschen. Dazumal bezweckte alles, was diese Leute mit ihrem Yoga, mit ihrem Sankhya taten, zu einer Höhe zu gelangen, die wir heute haben in den tiefsten Leistungen der heutigen Zeit, die wir heute haben eben bei Solovieff, Hegel und Fichte. Alles strebte herauf zum ideenhaften Erfassen der Welt. Das macht es, daß derjenige, der die Sache eigentlich durchschaut, keinen rechten Unterschied findet, wenn man absieht von Empfindungen, Einkleidungen und Gemütsstimmung und vom Zeitkolorit, zwischen Solovieff, Hegel, Fichte und der Vedantaphilosophie. Nur war die Vedantaphilosophie damals dasjenige, zu dem man heraufstrebte, heute hat sich das heruntergesenkt für das alltägliche Bewußtsein.
[ 10 ] Those who strove back then in the same way that we do today through our occult development were striving for something entirely different. When we undergo our occult development today, we are aware that we have taken a path downward into everyday consciousness, and we are now striving upward. Those ancient seekers also strove upward. For them, the dream state represented everyday life; from there they strove upward. What did they achieve there? With all their effort, they achieved something entirely different back then than what we seek to achieve. If, back then, one had presented to these people the book I have attempted to write in our time: “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”, then these people would not have known what to make of this book. That would have been folly in those days; it makes sense only to people today. Back then, everything these people did with their yoga and their Sankhya aimed at reaching a height that we find today in the deepest achievements of our time, which we find precisely in Soloviev, Hegel, and Fichte. Everything strove toward an ideal conception of the world. This is why anyone who truly sees through the matter finds no real difference—setting aside feelings, expressions, moods, and the spirit of the times—between Soloviev, Hegel, Fichte, and Vedanta philosophy. Only, back then, Vedanta philosophy was what people aspired to; today, it has descended into everyday consciousness.
[ 11 ] Wenn wir eine Schilderung dieser unserer Seelenverhältnisse geben wollen, dann können wir es in folgender Weise tun. Zunächst haben wir dasjenige, was für den Inder noch hellseherisch durchleuchtet war, für uns aber zugedeckt ist: das Schlafbewußtsein. Dasjenige, was wir anstreben, lag in der Zukunftsdunkelheit für jene alten Zeiten. Das ist die in unserem Sinne zu charakterisierende imaginative Erkenntnis, das vollbewußte, Ich-durchdrungene Bilderbewußtsein, die vollbewußte Imagination, wie ich sie gemeint habe in meinem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist zunächst das Abstrakte, was hier hineingefügt werden sollte. Aber es liegt etwas viel Wichtigeres in all dem Abstrakten, es liegt das darinnen, daß sozusagen für den Menschen, wenn er heute nur wirklich energisch sich der in seiner Seele vorhandenen Kräfte bedient, dasjenige, was mit allen Kräften die Menschen der Bhagavad Gita-Zeit anstrebten, auf der Straße zu finden ist. Das ist wirklich auf der Straße zu finden, allerdings nur für einen Solovieff, Fichte, Hegel. Das liegt darinnen; aber es liegt noch etwas anderes darinnen. Das, was heute auf der Straße gefunden wird, wurde damals mit aller Anwendung des Sankhyascharfsinnes und der Yogavertiefung erreicht. Dazu gelangte man mit aller Anstrengung der Seele, mit aller Erhebung des Gemüts.
[ 11 ] If we wish to describe the state of our souls, we can do so in the following way. First, we have that which was still illuminated clairvoyantly for the Indian, but which is veiled from us: the consciousness of sleep. What we strive for lay in the darkness of the future for those ancient times. This is what we might characterize as imaginative knowledge: the fully conscious, ego-permeated pictorial consciousness, the fully conscious imagination, as I described it in my book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*. That is, first of all, the abstract element that should be inserted here. But there is something far more important in all this abstractness; it lies in the fact that, so to speak, for the human being today—if only he makes truly energetic use of the powers existing within his soul—that which the people of the Bhagavad Gita era strove for with all their might can be found right on the street. This can truly be found on the street, though only for a Soloviev, Fichte, or Hegel. That is what lies within it; but there is something else within it as well. What is found on the street today was achieved back then through the full application of Sankhya’s acuity and the depth of yoga. This was attained through the soul’s utmost effort, through the mind’s highest elevation.
[ 12 ] Und jetzt stellen Sie sich vor, wie eine Sache anders wird für einen Menschen, welcher zum Beispiel auf dem Gipfel eines Berges, auf dem ein Haus ist, lebt und einen herrlichen Ausblick immerfort genießt, und wie ganz anders dieser Ausblick wird für einen Menschen, der ihn noch nie gesehen hat, der ihn vom Tale aus erst mit aller Anstrengung erreichen muß. Wenn man jeden Tag den Ausblick hat, so gewöhnt man sich daran. Nicht im Begriffsinhalt liegt der Unterschied zwischen dem, was Shankaracharya, die Vedendichter und ihre Nachfolger geleistet haben, und dem, was Hegel und Fichte geleistet haben, nicht bei dem Inhalt, sondern darinnen, daß Shankaracharyas Vorgänger vom Tale nach dem Gipfel strebten, und daß ihr Scharfsinn, ihr Sankhyascharfsinn, ihre Yogavertiefung sie dahin führten. In dieser Arbeit, in dieser Überwindung der Seele, liegt das Erlebnis, und dieses Erlebnis machte die Sache, nicht der Inhalt. Das ist das ungeheuer Bedeutsame, das ist dasjenige, was einem in einer gewissen Beziehung zum Troste gereichen kann. Denn das, was der Europäer auf der Straße finden kann, das achtet er nicht. Die Europäer nehmen das lieber in der Form, wie es in der Vedantaoder Sankhyaphilosophie ihnen entgegentritt, weil sie dann unbewußt doch schätzen die Anstrengungen, die dazu führen. Das ist das Persönliche an der Sache.
[ 12 ] Now create a mental image of how things look different to someone who lives, for example, on the summit of a mountain where there is a house and who constantly enjoys a magnificent view, and how completely different that view is to someone who has never seen it before and who must first make the arduous climb from the valley to reach it. If you have that view every day, you get used to it. The difference between what Shankaracharya, the Vedic poets, and their successors accomplished, and what Hegel and Fichte accomplished, does not lie in the conceptual content—not in the content itself—but in the fact that Shankaracharya’s predecessors strove from the valley toward the summit, and that their acumen, their Sankhya acumen, their yogic immersion led them there. In this work, in this overcoming of the soul, lies the experience, and this experience made the matter, not the content. That is what is immensely significant; that is what, in a certain sense, can serve as a comfort. For what the European can find on the street, he does not respect. Europeans prefer to take it in the form in which it presents itself to them in Vedanta or Sankhya philosophy, because then they unconsciously appreciate the efforts that lead to it. That is the personal aspect of the matter.
[ 13 ] Es ist ein Unterschied, ob man zu einem Inhalte kommt an dem oder jenem Orte, oder ob man aus dem angestrengten Bemühen der Seele dahin kommt. Es ist etwas ganz anderes, ob man zu einem Inhalte auf diese oder jene Weise gelangt, denn die Arbeit der Seele ist es, was der Sache das Leben gibt. Das müssen wir bedenken. Heute ist auf der Straße zu finden, allerdings nur von Menschen wie die genannten Geister, was dazumal durch Shankaracharya und durch Yogavertiefung allein erlangt wurde. Da brauchen wir keine abstrakten Kommentare, da brauchen wir nur die Möglichkeit, uns umzustellen, erst hinein uns zu versetzen in das lebendige Empfinden von dazumal. Dann aber beginnen wir auch zu verstehen, daß die äußeren Ausdrücke selbst, das Äußere der Ideen ganz anders noch erlebt wurde von den Menschen jener Zeit, als es noch von uns durchlebt werden kann. Nicht um abstrakte Kommentare zu geben, die pedantisch und schulmesisterlich sind, sondern um zu zeigen, wie die ganze Konfiguration des Fühlens und Empfindens anders war in der Bhagavad Gita als jetzt, muß, jedoch nicht äußerlich philologisch, studiert werden, wie das eigentlich sich ausnimmt, was dem Empfinden, dem Fühlen, der Gemütsstimmung einer Seele angehört aus der Zeit, in die wir die Bhagavad Gita zu versetzen haben, einer Seele, die sich dazumal in die Bhagavad Gita hineinlebte. Trotzdem das ideenhafte Erklären der Welt, graphisch gesprochen, heute unten liegt — das, was damals oben gelegen hat —, trotzdem beides dasselbe ist: die Ausdrucksform ist eine andere, der Gedankeninhalt ist derselbe. Wer bei dem abstrakten Gedankeninhalte stehenbleiben mag, der wird finden, daß das Verständnis ganz leicht ist. Wer aber das Erleben nacharbeiten will, der wird das nicht finden, der wird sich bemühen müssen, den Weg mitzumachen, mitzufühlen. Auf diesem alten Wege erst entstanden solche Begriffe, deren Verständnis wir uns heute nur zu leicht machen: das sind die drei Begriffe — und ich lege gar keinen Wert darauf, wie sie als Begriffsideal enthalten sind in der Bhagavad Gita —, das sind die drei Begriffe, die in die Worte eingeflossen sind: Sattva, Rajas, Tamas.
[ 13 ] There is a difference between arriving at a certain understanding in one place or another, and arriving at it through the soul’s strenuous effort. It is quite another matter whether one arrives at a certain understanding in this or that way, for it is the work of the soul that gives life to the matter. We must bear this in mind. Today, what was once attained solely through Shankaracharya and deep yoga practice can be found on the street—though only by people like the spirits mentioned. We do not need abstract commentaries; we need only the opportunity to shift our perspective, to first immerse ourselves in the living experience of that time. Then, however, we also begin to understand that the external expressions themselves, the outward form of the ideas, were experienced quite differently by the people of that time than they can be lived through by us today. Not to offer abstract commentaries that are pedantic and schoolmasterly, but to show how the entire configuration of feeling and sensibility was different in the Bhagavad Gita than it is now, we must study—not in an external, philological way—how things actually appeared in terms of the sensibility, the feeling, and the mood of a soul from the time into which we must place the Bhagavad Gita, a soul that lived itself into the Bhagavad Gita back then. Even though the conceptual explanation of the world, figuratively speaking, is at the bottom today—what was at the top back then—even though both are the same: the form of expression is different, the content of thought is the same. Those who wish to remain with the abstract content of thought will find that understanding is quite easy. But those who wish to re-experience the experience will not find it so; they will have to make an effort to follow the path, to empathize. It was only along this ancient path that such concepts arose, the understanding of which we today take far too lightly: these are the three concepts—and I attach no importance whatsoever to how they are contained as conceptual ideals in the Bhagavad Gita—these are the three concepts that have flowed into the words: Sattva, Rajas, Tamas.
[ 14 ] Was liegt eigentlich in diesen Worten? Ohne daß man lebendig mitfühlt mit dem, was in diesen Worten empfunden wurde, kann man keiner Zeile der Bhagavad Gita, namentlich der späteren Partien, mit dem richtigen Gefühlston folgen. Es ist auf einer höheren Stufe das Nicht-sich-hinein-fühlen-Können in diese Begriffe ungefähr so, wie wenn man ein Buch in einer Sprache lesen wollte, die man gar nicht versteht. Da handelt es sich nicht darum, durch einen Kommentar einen Begriff aufzusuchen, sondern daß man die Sprache lernt. So handelt es sich hier nicht darum, auf kommentarhafte, schulmeisterliche Art zu interpretieren die Worte Sattva, Rajas und Tamas. In diesen Worten liegt das Empfinden der Bhagavad GitaZeit, etwas ungeheuer Bedeutsames, gleichsam ein Weg, der zum Verständnis der Welt und ihrer Erscheinungen führte. Wenn man diesen Weg charakterisieren will, muß man sich von vielem frei machen, was nicht bei den genannten Geistern zu finden ist, bei Solovieff, Hegel und Fichte, aber was in dem verknöcherten sonstigen abstrakten abendländischen Denken liegt. Mit Sattva, Rajas, Tamas ist gemeint eine Art, wie man sich hineinleben kann in die verschiedenen Zustände des Weltendaseins, wie man auf den verschiedensten Gebieten dieses Weltendaseins sich hineinleben kann. Es würde falsch, abstrakt sein, wenn man ganz auf der Basis des alten indischen Empfindens diese Worte interpretieren wollte. Es macht sich leichter, wenn man sie im wahren Sinne des damaligen Lebens nimmt, aber möglichst aus Erfahrungen unseres eigenen Lebens. Es ist besser, das äußere Kolorit dieser Begriffe in freier Weise aus unserem eigenen Erleben zu nehmen.
[ 14 ] What do these words actually mean? Unless one actively empathizes with the feelings expressed in these words, one cannot follow a single line of the Bhagavad Gita—especially the later sections—with the proper emotional tone. On a higher level, the inability to empathize with these concepts is roughly akin to trying to read a book in a language one does not understand at all. It is not a matter of looking up a term in a commentary, but rather of learning the language. Thus, the point here is not to interpret the words sattva, rajas, and tamas in a pedantic, schoolmasterly manner. In these words lies the sensibility of the Bhagavad Gita era—something immensely significant, as it were, a path leading to an understanding of the world and its phenomena. If one wishes to characterize this path, one must free oneself from much that is not to be found in the minds of Soloviev, Hegel, and Fichte, but which lies in the ossified, otherwise abstract Western thinking. By Sattva, Rajas, and Tamas is meant a way in which one can immerse oneself in the various states of worldly existence, how one can immerse oneself in the most diverse realms of this worldly existence. It would be wrong and abstract to attempt to interpret these words solely on the basis of ancient Indian sensibilities. It is easier to take them in the true sense of life as it was then, but as much as possible from experiences of our own lives. It is better to draw the outer coloring of these concepts freely from our own experience.
[ 15 ] Sehen wir einmal auf die Art des Hineinlebens, die der Mensch vollzieht, wenn er verständnisvoll eingehen will auf die drei Naturreiche um ihn herum. Das ganze erkennende Verhalten zu den drei Naturreichen ist ja bei jedem einzelnen Naturreich verschieden. Ich will kein erschöpfendes Begreifen dieser Worte, ich will ein Sich-Nähern zu diesen Begriffen hervorrufen. Wenn der Mensch dem Mineralreich heute gegenübersteht, so bekommt er ein Gefühl, daß er durch sein Denken dieses Mineralreich mit seinen Gesetzen durchdringt, er lebt mit ihm gewissermaßen zusammen. Dieses Verständnis würde man in den alten Zeiten der Bhagavad Gita ein Sattvaverständnis des Mineralreiches nennen. Verständnis des Mineralreiches würde also ein Sattvaverständnis sein. — Heute ist es bei dem Pflanzenreich schon anders; da wird uns immer der Widerstand geleistet, daß wir mit unserem heutigen Verständnis nicht in das Leben dringen können. Die Naturreiche physisch und chemisch zu untersuchen und zu analysieren, das zu begreifen bedeutet heute ein Ideal. Einige Phantasten glauben allerdings heute, indem sie beliebig viel nach der äußeren Form hervorbringen, so daß das ähnlich ausschaut dem Generationsprozeß, daß sie der Idee des Lebens nähergekommen seien. Das ist aber eine Phantasterei. Nicht bis zum Leben heran dringt der Mensch erkennend ein in das Pflanzenreich; er dringt also nicht so absolut ein in das Pflanzenreich wie in das Mineralreich. Das Leben im Pflanzenreich kann man heute nur anschauen. Was man aber nur anschauen kann, worauf man mit seinem Verständnis nicht eingehen kann, das ist Rajasverständnis. — Wenn wir zu den Tieren kommen, ist die Sache wieder anders. Jene Form des Bewußtseins, die im Tier ist, entzieht sich uns weit mehr noch für das gewöhnliche Verständnis als das Leben der Pflanze. Was das Tier eigentlich lebt, wird nicht mit dem Erkennen erreicht. Das Verständnis, das der Mensch heute mit seiner Wissenschaft der Tierheit entgegenbringt, ist ein Tamasverständnis.
[ 15 ] Let us consider the way in which a person immerses themselves when they seek to engage meaningfully with the three kingdoms of nature around them. The entire approach to these three kingdoms differs, of course, for each individual kingdom. I do not seek an exhaustive understanding of these words; I wish to evoke an approach to these concepts. When a person faces the mineral kingdom today, they get the feeling that through their thinking they penetrate this mineral kingdom with its laws; they live together with it, so to speak. In the ancient times of the Bhagavad Gita, this understanding would be called a sattvic understanding of the mineral kingdom. An understanding of the mineral kingdom would thus be a Sattva understanding. — Today, however, the situation is different with the plant kingdom; there we constantly encounter resistance, in that we cannot penetrate into life with our present understanding. To investigate and analyze the kingdoms of nature physically and chemically, and to comprehend them, is an ideal today. Some fantasists, however, believe today that by arbitrarily producing as much as they like based on external form—so that it resembles the generative process—they have come closer to the idea of life. But that is mere fantasy. Human beings do not penetrate the plant kingdom with their understanding to the point of life; they do not, therefore, penetrate the plant kingdom as absolutely as they do the mineral kingdom. Today, one can only observe life in the plant kingdom. But what one can only observe, what one cannot grasp with one’s understanding, is rajasic understanding. — When we come to the animals, the situation is different again. That form of consciousness which is in the animal eludes our ordinary understanding far more than the life of the plant. What the animal actually lives cannot be grasped through cognition. The understanding that human beings today bring to the animal world through their science is a Tamasic understanding.
[ 16 ] Es sei in bezug auf das Verständnis des Menschen, wie er sich zu verhalten hat zu den Worten Sattva, Rajas und Tamas, noch ein Charakteristisches angeführt. Es gibt noch eine andere Seite des Verständnisses für den heutigen Menschen. Allerdings muß da ein Verständnis eintreten, das nicht nur nach Begriffen charakterisiert. Wenn man die wissenschaftlichen Vorstellungen von den Tätigkeitsformen der lebenden Wesen herannimmt, kommt man niemals zu einem Verständnis. Schlaf zum Beispiel ist nicht dasselbe beim Menschen und im Tierreich. Wenn man den Schlaf definiert, hat man nicht viel mehr getan, als wenn man ein Messer, das zum Rasieren oder Bleistiftspitzen gebraucht wird, für dasselbe hält wie ein Messer, das man zum Fleischschneiden braucht. Wenn wir uns aber ein Verständnis offenhalten und uns noch von anderer Seite her den Begriffen Tamas, Rajas und Sattva nähern, so können wir aus unserem heutigen Leben noch etwas anderes anführen. Die Menschen nähren sich von verschiedenen Dingen, von Tieren, Pflanzen und Mineralien. Diese verschiedenen Nahrungsmittel wirken natürlich auch verschieden auf die Konstitution des Menschen. Wir nähern uns wirklich dem Verständnis von Tamas, Rajas und Sattva, wenn wir bedenken, daß der Mensch sich mit Sattvazuständen durchdringt, wenn er Pflanzen ißt. Wenn er sie aber begreifen will, sind sie für ihn ein Rajaszustand. Für die Ernährung ist also das Aufnehmen des Pflanzlichen der Sattvazustand; das Aufnehmen des Mineralischen, der Salze und so weiter ist der Rajaszustand; der Zustand, der durch das Fleischessen bewirkt wird, ist der Tamaszustand. Wir können also die Reihenfolge nicht beibehalten, wenn wir ausgehen von einer abstrakten Definition. Wir müssen uns unsere Begriffe beweglich erhalten. Das ist nicht gesprochen, um bei denen einen Horror zu bewirken, die gezwungen sind, Fleisch zu essen. Ich werde Ihnen auch gleich ein anderes Gebiet nennen, wo das wieder anders ist.
[ 16 ] One more characteristic point should be mentioned regarding the understanding of how a person should relate to the terms Sattva, Rajas, and Tamas. There is another aspect of understanding for people today. However, this understanding must go beyond mere conceptual characterizations. If one relies on scientific concepts of the forms of activity in living beings, one will never arrive at a true understanding. Sleep, for example, is not the same in humans as it is in the animal kingdom. If one defines sleep, one has done little more than if one were to regard a knife used for shaving or sharpening pencils as the same as a knife used for cutting meat. But if we keep our minds open to understanding and approach the concepts of Tamas, Rajas, and Sattva from another angle, we can cite something else from our present-day lives. People nourish themselves with various things—animals, plants, and minerals. These different foods naturally have different effects on the human constitution. We truly approach an understanding of Tamas, Rajas, and Sattva when we consider that a person imbues themselves with Sattva states when they eat plants. But if they seek to comprehend them, they become a Rajas state for them. So, in terms of nutrition, the consumption of plant matter is the Sattva state; the consumption of minerals, salts, and so on is the Rajas state; the state brought about by eating meat is the Tamas state. We cannot, therefore, maintain the order if we start from an abstract definition. We must keep our concepts flexible. This is not said to cause horror among those who are forced to eat meat. I will also mention another area shortly where the situation is different again.
[ 17 ] Nehmen wir an, jemand will aufnehmen die Außenwelt nicht durch gewöhnliche Wissenschaft, sondern durch das für unsere Zeit richtige Hellsehen, und nehmen wir an, ein solcher Mensch sei im Zustande des Hellsehens, und bringe dann die Erscheinungen und Tatsachen der Umwelt in sein hellsichtiges Bewußtsein hinein. Da müssen diese Erscheinungen und Tatsachen einen Zustand hervorrufen wie die Erscheinung des gewöhnlichen Verständnisses für die drei Naturreiche: also Sattva-, Rajas- und Tamaszustände. So rufen die Erlebnisse, die in das hellsichtige Erkennen kommen, Zustände in der Menschenseele hervor. Und zwar dasjenige, was in das reinste hellsichtige Erkennen kommen kann, was schon dem geläuterten Hellsehen entspricht, das ruft den Tamaszustand hervor. Tamaszustand wird hervorgerufen durch das geläuterte — nicht im moralischen Sinne geläuterte — Hellsehen. Und ein Mensch, der wirklich rein äußerlich schauen will die geistigen Dinge, mit dem von uns heute zu erlangenden Hellsehen, der muß sich durch die hellsichtige Tätigkeit den Tamaszustand herstellen. Und dann fühlt er, wenn er mit der Erkenntnis wieder zurückkommt in die gewöhnliche Welt, in der er jetzt augenblicklich auch seine hellseherische Erkenntnis vergißt, und dann in einen neuen Zustand der Erkenntnis kommt, daß er in diesem Zustande in dem Sattvazustande ist. Sattvazustand ist also das alltägliche Erkennen in unserer heutigen Zeit. Und in dem Zwischenzustande des Glaubens, des Bauens auf Autorität, ist man im Rajaszustand. Wissen in hohen Welten bewirkt in den Menschenseelen den Tamaszustand; Wissen in der gewöhnlichen Umwelt den Sattvazustand, Glaube, Bauen auf Autorität, Bekenntnis bewirkt Rajaszustand. Wir sehen: Wer durch seine Organisation gezwungen ist, Fleisch zu essen, braucht sich wirklich nicht davor zu entsetzen, daß das Fleisch ihn in einen Tamaszustand versetzt, denn das wird man auch durch das geläuterte Hellsehen.
[ 17 ] Let us suppose that someone wishes to perceive the external world not through ordinary science, but through clairvoyance appropriate to our time, and let us suppose that such a person is in a state of clairvoyance and then brings the phenomena and facts of the environment into their clairvoyant consciousness. Then these phenomena and facts must evoke a state similar to that of ordinary understanding of the three kingdoms of nature: namely, the Sattva, Rajas, and Tamas states. Thus, the experiences that enter into clairvoyant perception evoke states in the human soul. Specifically, that which can enter into the purest form of clairvoyant perception—which already corresponds to purified clairvoyance—evokes the Tamas state. The Tamas state is evoked by purified—not in the moral sense—clairvoyance. And a person who truly wishes to perceive spiritual things purely from the outside, through the clairvoyance we are to attain today, must bring about the Tamas state through clairvoyant activity. And then, when he returns with this knowledge to the ordinary world—where he momentarily forgets his clairvoyant insight—and enters a new state of awareness, he finds himself in the Sattva state. The Sattva state is thus the everyday cognition of our present time. And in the intermediate state of faith, of relying on authority, one is in the Rajas state. Knowledge in the higher worlds brings about the Tamas state in human souls; knowledge in the ordinary environment brings about the Sattva state; faith, reliance on authority, and creed bring about the Rajas state. We see: Those who are forced by their organization to eat meat need not be alarmed that the meat will put them into a Tamas state, for this is also achieved through purified clairvoyance.
[ 18 ] Was ist der Tamaszustand für ein Zustand? Der Tamaszustand ist derjenige Zustand, in dem durch naturgemäße Vorgänge irgendein Äußeres am meisten von dem Geiste befreit ist. Wenn wir den Geist als Licht bezeichnen, so ist der Tamaszustand der lichtlose Zustand, der finstere Zustand. So lange unser Organismus nun auf naturgemäße Weise von Geist erfüllt ist, sind wir im Sattvazustand, dem Zustand, in dem auch unsere Erkenntnis der äußeren Welt ist. Wenn wir schlafen, sind wir im Tamaszustand, aber wir müssen diesen Zustand im Schlaf herbeiführen, damit eben unser Geist von unserem Leibe sich entfernen kann, damit er in die höhere Geistigkeit um uns eindringen kann. Will man zu den höheren Welten kommen — das sagt schon der Evangelist —, was die Finsternis des Menschen ist, so muß die Natur des Menschen im Tamaszustande sein. Weil die Menschen aber im Sattvazustand sind, nicht im Tamas-, im finsteren Zustand, sind die Worte des Evangelisten: «Das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen», etwa zu übersetzen: Und das höhere Licht drang heran an den Menschen. Der war aber von einem naturgemäßen Sattva erfüllt und ließ es nicht heraus, deshalb konnte das höhere Licht nicht hinein, denn das höhere Licht kann nur in die Finsternis scheinen. — Weil das so ist, daß sich sozusagen die Begriffe fortwährend umdrehen, wenn wir bei so lebendigen Begriffen wie Sattva, Rajas und Tamas nach Erkenntnis suchen, deshalb müssen wir uns daran gewöhnen, diese Zustände nicht absolut zu nehmen. Es gibt kein absolutes Tiefer oder Höher bei der richtigen Auffassung der Welt, sondern nur im relativen Sinne.
[ 18 ] What kind of state is the Tamas state? The Tamas state is the state in which, through natural processes, some aspect of the external world is most deprived of the spirit. If we describe the spirit as light, then the Tamas state is the lightless state, the dark state. As long as our organism is filled with spirit in a natural way, we are in the Sattva state, the state in which our perception of the external world also resides. When we sleep, we are in the Tamas state, but we must bring about this state in sleep so that our spirit can detach itself from our body and penetrate the higher spirituality around us. If one wishes to reach the higher worlds—as the Evangelist already says—which is the darkness of humanity, then human nature must be in the Tamas state. But because people are in the Sattva state, not in the Tamas, the dark state, the Evangelist’s words are: “The light shines in the darkness, and the darkness has not understood it,” can be translated roughly as: And the higher light drew near to the human being. But the human being was filled with a natural Sattva and did not let it out; therefore, the higher light could not enter, for the higher light can only shine into the darkness. — Because it is the case that, so to speak, the concepts are constantly being reversed when we seek understanding through such vivid concepts as Sattva, Rajas, and Tamas, we must therefore accustom ourselves not to take these states as absolute. There is no absolute lower or higher in the correct understanding of the world, but only in a relative sense.
[ 19 ] Ein europäischer Gelehrter hat Anstoß daran genommen. Es war ein Gelehrter, der selbst Tamas mit «Finsternis» übersetzte, er hat Anstoß daran genommen, daß ein anderer Sattva mit «Licht» übersetzte. Er übersetzt Sattva mit «Güte». In solchen Dingen drücken sich alle Quellen der Mißverständnisse richtig aus, denn wenn der Mensch im Tamaszustand, gleichgültig ob er schläft oder im hellsichtigen Erkennen ist — wir wollen nur diese zwei Fälle nehmen, wo der Mensch im Tamaszustande ist —, dann ist er in der Tat in bezug auf das Äußere in der Finsternis. Daher hatte das alte Indertum recht. Es konnte aber nicht ein Wort nehmen wie «Licht» statt des Wortes «Sattva». Man darf immer Tamas mit «Finsternis» übersetzen, doch ist in bezug auf die äußere Welt der Sattvazustand kein solcher, der immer einfach mit «Licht» interpretiert werden könnte. Wenn wir davon sprechen, daß wir das Licht charakterisieren wollen, so ist es ganz richtig, daß man die hellen Farben im Sinne der Sankhyaphilosophie — Rot, Orange, Gelb — die Sattvafarben nennt. Man muß aber in diesem Sinne die Farbe Grün eine Rajasfarbe und die Farben Blau, Indigo, Violett Tamasfarben nennen. Das ist absolut richtig. Man kann sagen: Lichtwirkungen, Helligkeitserscheinungen gehören im allgemeinen unter den Begriff der Sattvawirkung, aber unter den Begriff der Sattvaerscheinungen gehört zum Beispiel auch Güte des Menschen, liebevolles Verhalten des Menschen. Licht gehört zwar unter den Sattvabegriff, dieser Begriff ist aber weiter, Licht ist nicht eigentlich mit ihm identisch. Daher ist es falsch, Sattva mit «Licht» zu übersetzen, aber durchaus möglich ist es, Tamas mit «Finsternis» zu übersetzen. Es ist auch nicht richtig zu sagen, daß «Licht» den Sattvabegriff nicht trifft. Aber der Tadel, den der andere Gelehrte angedeihen läßt einem Menschen, der vielleicht ganz gut sich dessen bewußt ist, ist auch wieder nicht berechtigt, aus dem einfachen Grunde, weil schließlich, wenn jemand sagt: Hier ist ein Löwe —, niemand ihn in der Weise belehren würde, daß er ihm auseinandersetzt: Nein, hier ist ein Raubtier. — Beides ist richtig. Das trifft den Nagel auf den Kopf. Es ist durchaus wahr, wenn einer sagt: Hier steht ein Löwe —, daß er auch ein Raubtier vor sich sieht. Ebenso ist es richtig, wenn jemand in bezug auf die äußere Erscheinung Sattva zu dem Lichtvollen zählt, aber falsch ist es, nur zu dem Lichte «Sattva» zu sagen. Sattva ist ein übergeordneter Begriff zu Licht, wie Raubtier ein übergeordneter Begriff zu Löwe ist. Von der Finsternis gilt ein Ähnliches nur aus dem Grunde nicht, weil in dem Zustande des Tamas das, was sonst in den anderen Zuständen, in dem Rajas- und Sattvazustand sich spezifiziert, sich zu etwas mehr Allgemeinem ausgleicht. Schließlich sind ein Lamm und ein Löwe zwei sehr verschiedene Wesen, und will ich sie charakterisieren in bezug auf ihre Sattvaeigenschaften, wie das naturgemäß kraftvolle Geistige lebendig im Lamm und Löwen besteht, so muß ich diese beiden Tiere sehr verschieden charakterisieren. Will ich aber den Tamaszustand charakterisieren, so kommt das Verschiedene nicht in Betracht, denn der Tamaszustand ist eben einfach da, wenn das Schaf oder der Löwe faul daliegt. Im Sattvazustande sind Lamm und Löwe recht verschieden, aber für das Weltverstehen ist Löwenfaulheit und Lammfaulheit schließlich doch dasselbe. Die Möglichkeit, auf die Begriffe wirklich zu sehen, wird ganz anders werden müssen. Es gehören in der Tat diese drei Begriffe mit den Gefühlstönen, die darinnen sind, zu dem Allerlichtvollsten des Sankhya. Und in allem, was Krishna dem Arjuna vorbringt, so daß er sich darstellt als der Begründer des selbstbewußten Zeitalters, in alldem muß er sprechen in Worten, die ganz durchdrungen sind von den Gefühlstönen, die hergenommen werden von den Begriffen Sattva, Rajas, Tamas. Von diesen drei Begriffen und von demjenigen, was dann zu einem Gipfel führt in der Bhagavad Gita, sei dann noch im letzten Vortrage dieses Zyklus genauer gesprochen.
[ 19 ] A European scholar took offense at this. It was a scholar who himself translated Tamas as “darkness”; he took offense at the fact that another scholar translated Sattva as “light.” He translates Sattva as “goodness.” In such matters, all sources of misunderstanding are accurately expressed, for when a person is in the Tamas state—whether asleep or in clairvoyant perception—let us take only these two cases where a person is in the Tamas state—then he is indeed in darkness with regard to the external world. Therefore, ancient Indian thought was correct. However, it could not use a word like “light” instead of the word “sattva.” One may always translate tamas as “darkness,” yet with regard to the external world, the sattva state is not one that could always simply be interpreted as “light.” When we speak of characterizing light, it is quite correct to call the bright colors—red, orange, yellow—the Sattva colors in the sense of Sankhya philosophy. However, in this sense, the color green must be called a Rajas color, and the colors blue, indigo, and violet must be called Tamas colors. This is absolutely correct. One can say: effects of light and phenomena of brightness generally fall under the concept of Sattva effects, but the concept of Sattva phenomena also includes, for example, human goodness and loving behavior. Although light falls under the concept of Sattva, this concept is broader; light is not actually identical with it. Therefore, it is incorrect to translate Sattva as “light,” but it is certainly possible to translate Tamas as “darkness.” It is also not correct to say that “light” does not capture the concept of Sattva. But the criticism that the other scholar directs at a person who may well be fully aware of this is also unjustified, for the simple reason that, after all, if someone says, “Here is a lion,” no one would correct him by explaining: “No, here is a predator.” Both are correct. That hits the nail on the head. It is certainly true that when someone says, “Here stands a lion,” they also see a predator before them. Likewise, it is correct for someone to classify Sattva as belonging to the light based on its outward appearance, but it is wrong to say “Sattva” only in reference to the light. Sattva is a superordinate concept to light, just as predator is a superordinate concept to lion. A similar principle does not apply to darkness for the sole reason that, in the state of Tamas, what is otherwise specified in the other states—in the Rajas and Sattva states—evens out into something more general. After all, a lamb and a lion are two very different beings, and if I wish to characterize them in terms of their Sattva qualities—since the naturally powerful spiritual force exists vividly in both the lamb and the lion—I must characterize these two animals very differently. But if I wish to characterize the Tamas state, the difference does not come into play, for the Tamas state is simply present when the sheep or the lion lies there lazily. In the Sattva state, the lamb and the lion are quite different, but for the understanding of the world, lion laziness and lamb laziness are ultimately the same. The way of truly looking at these concepts will have to be quite different. Indeed, these three concepts, with the emotional tones they contain, belong to the most luminous aspects of Sankhya. And in everything Krishna presents to Arjuna, so that he presents himself as the founder of the self-aware age, in all of this he must speak in words that are completely imbued with the emotional tones derived from the concepts of Sattva, Rajas, and Tamas. These three concepts, and what ultimately leads to a culmination in the Bhagavad Gita, will be discussed in greater detail in the final lecture of this series.
