Human Destinies and the Destinies of Nations
GA 157
10 June 1915, Berlin
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Human Destinies and the Destinies of Nations, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Wir gedenken wiederum zuerst derjenigen, die draußen auf den großen Feldern der Ereignisse der Gegenwart stehen:
[ 1 ] Once again, we first remember those who stand out in the vast fields of current events:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Erdenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Spirits of your souls, watchful guardians,
May your wings bring
The pleading love of our souls
To the earthly people entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine with helping light
Upon the souls it lovingly seeks.
[ 2 ] Und für diejenigen, die infolge dieser Ereignisse schon durch die Pforte des Todes gegangen sind:
[ 2 ] And for those who have already passed through the gates of death as a result of these events:
Geister eurer Seelen, wirkende Wächter,
Eure Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Eurer Hut vertrauten Sphärenmenschen,
Daß, mit eurer Macht geeint,
Unsre Bitte helfend strahle
Den Seelen, die sie liebend sucht.
Spirits of your souls, watchful guardians,
May your wings carry
The pleading love of our souls
To the beings of the spheres entrusted to your care,
So that, united with your power,
Our plea may shine forth in aid
To the souls it lovingly seeks.
[ 3 ] Der Geist, den wir durch unsere erstrebte Geist-Erkenntnis suchen, der Geist, der zu der Erde Heil, zu der Menschheit Freiheit und Fortschritt durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, der sei mit euch und euren schweren Pflichten!
[ 3 ] May the Spirit we seek through our striving for spiritual knowledge—the Spirit who brought healing to the Earth and freedom and progress to humanity through the Mystery of Golgotha—be with you and your heavy responsibilities!
[ 4 ] Meine leben Freunde, wenn das Karma der Zeit, das Karma unserer Bewegung einmal es gestatten werden, daß der Bau, der zur Pflege unserer Bewegung in Dornach aufgerichtet werden soll, fertiggestellt werden kann, dann wird an einem bedeutungsvollen Orte, an dem Orte, der nach dem Osten zu gerichtet ist, eine plastische Gruppe stehen.
[ 4 ] My dear friends, when the karma of the times and the karma of our movement allow the building intended to serve our movement in Dornach to be completed, a sculptural group will stand in a significant location—a location facing east.
[ 5 ] Es ist ja das Bestreben, durch künstlerischen, und zwar im geisteswissenschaftlichen Sinne künstlerischen Ausdruck, innerhalb unseres Baues uns auch wirklich vor die Augen, vor die physischen Augen hinzustellen, was Inhalt und Substanz unserer geistigen Bewegung sein soll, und vor allen Dingen dasjenige, was sie bedeuten soll der Zeit und der Fortentwickelung der Menschheit auf geistigem und kulturellem Gebiet überhaupt. Ich möchte sagen: alles einzelne soll so eingerichtet werden, daß es erscheint als Teil nicht nur einer geisteswissenschaftlichen Gesamtheit, sondern erscheint als Teil von künstlerischen Formen, aber auch sogar von künstlerischen Einrichtungen. So versuchen wir ja das Problem der Akustik in diesem Bau zu lösen. Gewiß werden solche Probleme nicht gleich auf den ersten Anhieb gelöst werden, aber Richtung wird wenigstens gegeben werden, indem gezeigt werden wird, wie man durch geometrische Berechnung oder durch die gewöhnlichen architektonischen äußeren künstlerischen Regeln das Problem der Akustik nicht lösen kann, sondern nur auf dem Wege des geisteswissenschaftlichen Denkens.
[ 5 ] The aim is, through artistic expression—and specifically artistic expression in the sense of Spiritual Science—to truly present before our eyes, before our physical eyes, within our building, what is to be the content and substance of our spiritual movement, and above all that which it is meant to signify for the times and for the further development of humanity in the spiritual and cultural spheres in general. I would like to say: every individual element should be arranged in such a way that it appears not only as part of a whole of Spiritual Science, but also as part of artistic forms, and even of artistic installations. This is how we are attempting to solve the problem of acoustics in this building. Certainly, such problems will not be solved at the first attempt, but at least a direction will be set by showing how the problem of acoustics cannot be solved through geometric calculation or through the usual architectural and external artistic rules, but only through Spiritual Science thinking.
[ 6 ] Der kuppelförmige Überbau wird ein doppelter sein, und er wird nach dem Prinzip des Violinresonanzbodens wirken und damit einen Teil des akustischen Gedankens des Raumes zum Ausdruck bringen. Vieles einzelne würde in Betracht kommen, wenn man die Einrichtungen klarlegen wollte gerade mit Bezug darauf, daß das Wort oder auch der Ton in einer anderen Weise zur Geltung kommen, als sie so häufig zur Geltung kommen können in unserer Zeit, wo ja zuallermeist nicht Rundbauten, die für das Akustische gedacht sind, geschaffen werden, sondern Bauten, wo vor allen Dingen die Geltung des einzelnen Tones neben seinem Vor- und Nachton gar nicht zur Geltung kommen kann, weil dabei an gewissen Punkten der Räume immer der eine in den anderen hineinschwimmen kann. Es wird versucht werden, daß ein Ton klar auseinandergelegt zur Geltung kommen kann von allen Punkten des Raumes, und auch zur Geltung kommen kann das klar gesprochene Wort. Aber das will ich nur andeuten. Hauptsächlich möchte ich sprechen über die Gruppe, welche gegen Osten zu an einer wichtigen Stelle des Baues stehen wird. Sie soll darstellen zunächst eine Gruppe von drei Wesenheiten. Was noch dazukommt, das wird vielleicht bei einer späteren Gelegenheit einmal erwähnt werden können, weil diese Dinge ja nicht nach einem von vornherein gefaßten abstrakten Gedanken gearbeitet werden, sondern nach den Intuitionen der geistigen Welt, wie sie sich im Laufe der Arbeit ergeben.
[ 6 ] The dome-shaped superstructure will be a double one, and it will function according to the principle of a violin soundboard, thereby expressing part of the room’s acoustic concept. Many individual elements would come into consideration if one were to clarify the design, particularly with regard to the fact that the word or even the sound is brought to bear in a different way than is so often the case in our time, when, for the most part, it is not circular buildings designed for acoustics that are but rather buildings where, above all, the individual sound—along with its overtones and undertones—cannot come into its own at all, because at certain points in the rooms one sound can always bleed into the other. An effort will be made to ensure that a sound can be clearly distinguished and heard from all points in the room, and that the clearly spoken word can also be heard. But I will only hint at that. I would like to speak primarily about the group that will stand toward the east at a key point of the building. It is intended to represent, initially, a group of three beings. What else will be added may perhaps be mentioned at a later opportunity, because these things are not created according to an abstract idea conceived from the outset, but according to the intuitions of the spiritual world as they arise in the course of the work.
[ 7 ] Zunächst kommen drei Wesenheiten in Betracht. Eine steht aufrecht da. Sie drückt aus, wenn ich so sagen darf — aber nun nicht auf sinnbildliche, symbolische Weise, wie man das so oft auch in unseren Kreisen auszulegen versucht hat, sondern sie drückt aus in einer wirklichen künstlerischen Weise dasjenige, was der Mensch als solcher ist.
[ 7 ] First, three entities come into consideration. One stands upright. It expresses—if I may say so—not in a figurative or symbolic way, as has so often been attempted in our circles, but in a truly artistic way, what the human being is as such.
[ 8 ] Gewiß wird man in dieser Gestalt sehen können, daß das Irdisch-Menschliche am konzentriertesten in derjenigen Gestalt zum Ausdruck gekommen ist, in welcher gewohnt hat während dreier Jahre der Christus — gewiß wird man in dieser Gestalt auch sehen können, der Ausdruck sei der des Christus. Aber man wird die ganze Sache nicht pressen dürfen, nicht mit der Idee vor die Gruppe treten können: ich werde jetzt mir den Christus ansehen. Wenn jemand auf die Idee kommt, aus seinem eigenen Empfinden heraus und aus künstlerischer Intuition heraus, so wird es gut sein; aber richtig ist es nicht, gleich mit der Idee, das sei der Christus, an die Gruppe heranzutreten. Nicht darauf kommt es an, gleich wiederum mit der Symbolik an die Sache heranzutreten, das sei der Christus.
[ 8 ] Certainly, one will be able to see in this form that the earthly-human aspect is most intensely expressed in the form in which Christ lived for three years—certainly, one will also be able to see in this form that the expression is that of Christ. But one must not force the issue; one cannot approach the group with the idea: I am now going to look at Christ. If someone arrives at this idea based on their own feelings and artistic intuition, that is fine; but it is not correct to approach the group with the preconceived notion that this is Christ. It is not a matter of approaching the subject immediately with the symbolism that this is Christ.
[ 9 ] Da steht diese Figur an einem kleinen Hang eines Felsens; hinter ihr erhebt sich der Fels in die Höhe. Sie steht mit den Füßen an einer Ausladung des Felsens. Diese Ausladung hat eine tief hineingehende Höhle. In dieser Höhle sitzt eine andere Wesenheit; ich möchte sagen, sie ist dort hingekauert; eine Wesenheit, die zum Ausdruck bringen soll etwas, was zusammenhängt mit der Wesenheit, die darüber steht. Diese Wesenheit, die sieht man so, daß sie etwas wie Kräfte von ihren Händen ausstrahlen, ausströmen läßt. Man sieht dann noch in der Felsenhöhle, wie diese Kräfte hineinstrahlen. Es ist die Hand in der Felsenhöhle drinnen; Kräfte strahlen aus und drücken sich in der Form einer Hand in dem Felsen ab. Es ist die Hand noch zu sehen, aber es ist nicht die Hand, es sind die Kräfte da und drücken sich in Form einer Hand ab.
[ 9 ] There stands this figure on a small slope of a rock; behind her, the rock rises high into the air. She stands with her feet on a ledge of the rock. This ledge has a cave that goes deep inside. In this cave sits another being; I would say she is crouched there; a being who is meant to express something connected to the being standing above her. This being can be seen as radiating, or letting flow out, something like forces from her hands. One can then see these forces radiating into the rock cave. It is the hand inside the rock cave; forces radiate out and imprint themselves in the form of a hand on the rock. The hand is still visible, but it is not the hand; the forces are there and imprint themselves in the form of a hand.
[ 10 ] Es ist eine Wesenheit, die eigentlich nur dem Kopf nach eine an den Menschen erinnernde, eine dem Menschen ähnliche Gestalt hat. Sonst hat sie große, mächtige fledermausartige Flügel und einen drachen- oder wurmförmigen Leib. Man sieht etwas, was sich um die Gestalt herumwindet und unter dem sich die Gestalt selbst windet. Und man sieht, daß das, was sich um die Gestalt herumwindet, zusammenhängt mit der aufrechtstehenden Gestalt, daß es mit der ausgestreckten Hand der Gestalt in Verbindung steht. Von der strahlen Kräfte hinein, und die bringen etwas zum Umwinden. Man wird, wenn man ein wenig den Eindruck auf die eigene Seele spielen läßt, zu der Empfindung kommen, daß das das Gold ist, das da innen in den Klüften der Erde fließt, und daß die Gestalt da innen durch das Gold in den Klüften der Erde gefesselt ist.
[ 10 ] It is a being that, strictly speaking, only resembles a human in the head—a form similar to that of a human. Otherwise, it has large, powerful bat-like wings and a dragon- or worm-shaped body. One sees something winding around the figure, beneath which the figure itself is writhing. And one sees that what winds around the figure is connected to the upright figure, that it is linked to the figure’s outstretched hand. Forces radiate from it, and these cause something to wind around. If one allows this impression to sink into one’s own soul for a moment, one will come to the sensation that this is the gold flowing there within the crevices of the earth, and that the figure there within is bound by the gold in the crevices of the earth.
[ 11 ] Die andere Hand ist nach aufwärts gerichtet. Und dort oben auf dem Felsen ist nun wieder eine, dem Kopf nach menschliche Gestalt, nicht mit Fledermausflügeln, sondern mit zu Boden hängenden Flügeln; und der Körper ist in einer Weise gestaltet, daß man eine Ahnung haben kann: ja, was ist dieser Körper? Der Körper ist so etwas, als wenn der ganze Mensch Gesicht geworden wäre; als wenn ein Gesicht in die Länge gezogen wäre, elastisch ausgezogen und dadurch Körperformen entstanden wären. Diese Gestalt ist oben auf dem höchsten Gipfel des Felsens, und sie stürzt hinunter. Im Hinuntersturz werden die Flügel gebrochen. Und man sieht, daß die von der Hauptgestalt hinauflangende Hand sich abdrückt im Flügel.
[ 11 ] The other hand is pointing upward. And up there on the rock is another figure, human in the head, not with bat wings, but with wings hanging down to the ground; and the body is shaped in such a way that one gets a sense of: yes, what is this body? The body is something like the whole human being having become a face; as if a face had been stretched out lengthwise, elastically extended, and body forms had thereby come into being. This figure is up on the highest peak of the rock, and it is plunging downward. In the plunge downward, the wings are broken. And one sees that the hand reaching upward from the main figure is pressing into the wing.
[ 12 ] So haben wir drei Gestalten: der Mensch steht da in seiner Wesenheit; unter ihm, Sie ahnen es wohl, Ahriman, der in den Klüften der Erde gefesselt wird durch jene Wirkung, die ausgeübt wird von der ausgestreckten Hand der Hauptgestalt auf das in den Klüften der Erde befindliche Gold, durch das er sich selbst fesselt. Die andere Hand greift nach oben, und sie bringt die Flügel Luzifers zum Bruch, der dadurch in die Tiefe stürzt.
[ 12 ] So we have three figures: the human being stands there in his true nature; beneath him, as you may have guessed, Ahriman, who is bound in the depths of the earth by the effect exerted by the outstretched hand of the central figure upon the gold lying in the earth’s depths, through which he binds himself. The other hand reaches upward, and it breaks the wings of Lucifer, who thereby plunges into the depths.
[ 13 ] Nun kommt es darauf an, daß niemand — wie das auch ein bißchen gleich versucht worden ist, als in einem Vortrag diese Idee ausgesprochen war — in der Gegenwart schon aus den Gesetzen der Bildhauerkunst heraus diese Sache macht. Auf bloße Versinnbildlichung kommt es nicht an, sondern darauf, daß jeder einzelne Zug in den drei Wesenheiten in den aller-, allerminutiösesten Einzelheiten aus der geisteswissenschaftlichen Anschauung heraus geschaffen ist. Da wird man zu sehen haben an der Bildung der zwei ans Menschliche erinnernden Antlitze von Ahriman und Luzifer, wie man diesen Gegensatz zu denken hat. Bei Luzifer wird man es zu tun haben mit einer eigentümlichen Art der oberen Kopfbildung, an die die menschliche nur erinnert. Da ist alles Bewegung des Geistigen, da ist nichts, was uns zwingt, die einzelnen Glieder der Stirn in festen Grenzen zu halten, wie das beim Menschen der Fall ist, sondern da ist jedes einzelne am oberen Kopf so beweglich, wie die Finger und die Hände an dem Arm beweglich sind. Selbstverständlich kann man das nur hinstellen, wenn die Bewegungen die wirklichen Bewegungen sind, wie sie sich bei Luzifer finden. Und dann ist vor allem zu bemerken, daß an dieser Gestalt dasjenige da ist, was in dem Luziferwesen von dem Mondendasein zurückgeblieben ist. Das stülpt sich über das eigentliche Antlitz, das sehr tief hinein zurücktritt.
[ 13 ] It is now essential that no one—as was attempted to some extent when this idea was first presented in a lecture—attempt to create this work in the present based solely on the laws of sculpture. It is not a matter of mere symbolization, but rather that every single feature in the three beings is created in the most minute of details from the perspective of Spiritual Science. Here one will have to see, in the formation of the two faces of Ahriman and Lucifer that resemble the human, how this contrast is to be conceived. In the case of Lucifer, one will be dealing with a peculiar type of upper head formation, which the human form merely recalls. There is nothing but the movement of the spiritual; there is nothing that compels us to keep the individual features of the forehead within fixed boundaries, as is the case with humans, but rather every single feature on the upper head is as mobile as the fingers and hands on the arm. Of course, one can only conceive of this if the movements are the actual movements as they are found in Lucifer. And then it must be noted above all that in this figure there is that which has remained in the Lucifer being from the lunar existence. This overlays the actual face, which recedes very deeply into the background.
[ 14 ] Sie können sich aus dieser Beschreibung schon denken, daß wir es mit ganz anderem zu tun haben als mit dem gewöhnlichen menschlichen Antlitz. Es ist, wie wenn der Schädelkopf für sich wäre und unten hineingesteckt dasjenige, was beim Menschen das Antlitz ist. Und dann kommt noch etwas hinzu: daß eine gewisse Verbindung gerade bei Luzifer hinzutritt zwischen dem Ohr und dem Kehlkopf. Ohr und Kehlkopf sind ja beim Menschen erst seit seinem Erdendasein auseinandergeschnitten; sie waren im Mondendasein ein einziges Organ. Was die kleinen Flügel am Kehlkopf sind, das waren mächtige Verbreiterungen, die dann die untere Ohrmuschel bildeten. Mächtige Ohrmuscheln bildeten sich etwa da, während das obere Ohr, was jetzt nach außen geht, von der Stirn aus gebildet ist. Und was heute getrennt ist, so daß, wenn wir sprechen und singen, dieses nach außen geht und wir nur mit dem Ohr zuhören, das ging während der Mondenzeit nach innen und von da in die Sphärenmusik. Der ganze Mensch war Ohr. Das kommt daher, daß das Ohr die Flügel waren; so daß Sie haben Ohr, Kehlkopf und Flügelbildungen, die nach den Schwingungen des Weltenäthers sich harmonisch-melodisch bewegen, die dann hervorbringen die eigentümliche Erscheinung des Luzifer; die heranbringen, was makrokosmisch ist, denn Luzifer hat nur lokalisiert, was eigentlich nur kosmisch ist.
[ 14 ] From this description, you can already surmise that we are dealing with something quite different from the ordinary human face. It is as if the skull were a separate entity, with what constitutes the human face inserted into it from below. And then there is something else: that in Lucifer’s case, a certain connection arises between the ear and the larynx. In humans, the ear and the larynx have only been separated since their earthly existence; in their lunar existence, they were a single organ. What the small wings on the larynx are, were once powerful expansions that then formed the lower auricle. Mighty auricles formed there, so to speak, while the upper ear—which now projects outward—is formed from the forehead. And what is separate today, so that when we speak and sing, this projects outward and we listen only with the ear, went inward during the Lunar period and from there into the music of the spheres. The whole human being was an ear. This is because the ears were the wings; so that you have ear, larynx, and wing formations that move harmonically and melodically according to the vibrations of the world ether, which then bring forth the peculiar appearance of Lucifer; which bring forth what is macrocosmic, for Lucifer has only localized what is actually only cosmic.
[ 15 ] Sie werden da sehen, daß man Konzessionen machen muß, damit die Menschen nicht erschrecken, wenn sie ein Gesicht sehen, das uns nicht Menschengestalt zeigt. Dann werden Sie sehen, daß sein Gesicht langgestreckt sein muß. Luzifer muß aussehen wie ein in die Länge gezogenes Antlitz, denn er ist ja ganz Ohr, die Flügel sind ja ganz Ohr, eine in die Länge gezogene Ohrmuschel. Der Ahriman dagegen ist genau das Gegenteil, und natürlich ist, daß in der Modellierung überall da, wo bei Luzifer etwas mächtig ausgedehnt ist, wo wir bei Luzifer völlig ausgestalten, bei Ahriman nur Andeutungen sind. Während bei Luzifer der Stirnflügel mächtig ausgebildet ist, ist es bei Ahriman der Unterkiefer. Der ganze Materialismus der Welt drückt sich in der Bildung des Kau- und Zahnsystems aus.
[ 15 ] You will see there that concessions must be made so that people are not frightened when they see a face that does not take on a human form. Then you will see that his face must be elongated. Lucifer must look like an elongated face, for he is, after all, all ear; the wings are, after all, all ear—an elongated ear. Ahriman, on the other hand, is exactly the opposite, and it is only natural that in the modeling, wherever something is powerfully expanded in Lucifer—where we fully develop it in Lucifer—in Ahriman there are only hints. While in Lucifer the forehead is powerfully developed, in Ahriman it is the lower jaw. The entire materialism of the world is expressed in the formation of the masticatory and dental system.
[ 16 ] Natürlich kann man das alles nicht nach der Beschreibung machen, sondern man muß die Beschreibung hinterher geben. Dasjenige aber, was besonders wichtig ist, meine lieben Freunde, das ist: es hat sich die Notwendigkeit ergeben, bei der Hauptgestalt einmal abzugehen von dem, was jedem so natürlich erscheint, daß man ein menschliches Antlitz symmetrisch macht. In der Regel erscheint ein Antlitz symmetrisch. Im kleinen sind ja Asymmetrien bei jedem vorhanden, es ist nur nicht so stark sichtbar, daß man es bemerkt. Aber bei dieser Hauptgestalt kommt das in Betracht, daß die ganze linke Seite hinauftendiert zu Luzifer, und daß die linke Stirnbildung eine andere ist als die rechte Stirnbildung, die nach Ahriman hintendiert. Es folgt die linke Hälfte des Gesichtes der nach oben bewegten Hand und die rechte Hälfte der nach unten bewegten Hand. Und das kommt nun zum Ausdruck, daß in die Hauptgestalt eine größere innere Beweglichkeit gelegt werden mußte, als für den Menschen da sein kann.
[ 16 ] Of course, you can’t do all this based on the description; instead, you have to provide the description afterward. But what is particularly important, my dear friends, is this: it has become necessary, when depicting the main figure, to depart from what seems so natural to everyone—namely, making a human face symmetrical. As a rule, a face appears symmetrical. On a small scale, everyone has asymmetries; they are just not so clearly visible that one notices them. But in this main figure, it is significant that the entire left side tends upward toward Lucifer, and that the shape of the left forehead is different from that of the right, which tends toward Ahriman. This is followed by the left half of the face of the hand moving upward and the right half of the hand moving downward. And this is now expressed in the fact that a greater inner mobility had to be placed into the main figure than can exist in a human being.
[ 17 ] Über dieser plastischen Gestalt wird das ganze Motiv malerisch dargestellt sein, so daß man beides nebeneinander sehen kann und einsehen, wie nach der Verschiedenheit der Künste die Malerei nicht in derselben Weise das geben kann, sondern alles, alles anders sein muß in der Ausgestaltung.
[ 17 ] Above this sculptural figure, the entire motif will be depicted in a painterly manner, so that one can see both side by side and understand how, given the differences between the arts, painting cannot convey the same thing in the same way, but rather everything—everything—must be different in its execution.
[ 18 ] Was ich hervorheben will, ist das Folgende: Etwas ganz Wesentliches wird sein, daß wir bildhauerisch herausbekommen die Handbewegung der Hauptgestalt, diese Hinaufbewegung der linken Hand nach oben und die andere Handbewegung nach unten. Denn das, was jeder beim ersten Blick als selbstverständlich empfinden könnte, daß die Hauptfigur mit der Linken nach Luzifer hinauflangt und durch seine Ausstrahlung dem Luzifer die Flügel bricht und mit der Rechten dem Ahriman die Goldadern umwindet, das muß vermieden werden, und zwar gerade aus dem Grunde, weil wir, besonders in unserer Zeit, durch die Geisteswissenschaft erst daran sind, den Christus wirklich zu begreifen. Der Christus ist weder ein Hassender noch ein ungerecht Liebender. Er streckt nicht die Hand aus, um dem Luzifer die Flügel zu brechen, sondern der Christus ist derjenige, der die Hand ausstreckt, weil er es muß aus seiner inneren Wesenheit heraus. Er zerbricht nicht dem Luzifer die Flügel, aber Luzifer oben verträgt nicht das, was von dieser Hand ausstrahlt und bricht sich selbst die Flügel. Es muß daher in der Gestalt des Luzifer ausgedrückt werden, daß ihm nicht von dem Christus die Flügel gebrochen werden, sondern daß er sich selbst die Flügel bricht. Es ist im Leben eine häufige Erscheinung, daß Menschen, die in der Umgebung von guten Menschen leben, es nicht aushalten können, weil sie sich durch das, was von guten Menschen ausgeht, unbehaglich berührt fühlen. Luzifer fühlt in seinem Innern etwas, was macht, daß er sich selber die Flügel bricht. Selbsterkenntnis in Luzifer, Selbsterlebnis ist dies. Ebenso in Ahriman. Christus tut den beiden nichts, so daß weder die linke noch die rechte Hand so ausgestreckt ist, als wenn er dem Luzifer oder Ahriman etwas täte. Er tut ihnen nichts, sondern sie tun sich selbst, was mit ihnen geschieht.
[ 18 ] What I want to emphasize is this: It will be essential that we sculpturally capture the hand movements of the main figure—the upward movement of the left hand and the downward movement of the other hand. For what anyone might take for granted at first glance—that the central figure reaches upward toward Lucifer with his left hand and, through his radiance, breaks Lucifer’s wings, while with his right hand he wraps around Ahriman’s golden veins—must be avoided, precisely because, especially in our time, it is only through Spiritual Science that we are beginning to truly understand Christ. Christ is neither one who hates nor one who loves unjustly. He does not stretch out his hand to break Lucifer’s wings, but Christ is the one who stretches out his hand because he must do so out of his inner being. He does not break Lucifer’s wings, but Lucifer above cannot bear what radiates from this hand and breaks his own wings. It must therefore be expressed in the figure of Lucifer that it is not Christ who breaks his wings, but that he breaks his own wings. It is a common occurrence in life that people who live in the company of good people cannot bear it, because they feel uncomfortably touched by what emanates from good people. Lucifer feels something within himself that causes him to break his own wings. This is self-knowledge in Lucifer, a self-experience. The same is true of Ahriman. Christ does nothing to either of them, so that neither the left nor the right hand is outstretched as if he were doing something to Lucifer or Ahriman. He does nothing to them; rather, they do to themselves what happens to them.
[ 19 ] Und damit stehen wir auf dem Boden, auf dem Geisteswissenschaft eingreift in unserer Zeit, um eine erst richtig geartete Christus-Auffassung zu geben. Und wenn man so etwas versteht, so muß man folgendes sagen. Es werden diese Dinge in aller Bescheidenheit gesagt, denn dieser Bau ist nur ein Anfang, ein allererster Anfang, ein schwacher, fehlerhafter Anfang, der nur zeigen soll, wohin der Weg, der in keiner Hinsicht vollkommen sein will, geht. Daher soll, was gesagt wird, nicht als etwas Hochmütiges, sondern nur als ein rein Sachliches aufgefaßt werden.
[ 19 ] And this brings us to the point where Spiritual Science intervenes in our time to provide a truly authentic understanding of Christ. And once one understands this, one must say the following. These things are said in all humility, for this work is only a beginning, a very first beginning, a weak, imperfect beginning, intended merely to show where the path—which in no way claims to be perfect—is leading. Therefore, what is said should not be taken as something arrogant, but only as a purely factual statement.
[ 20 ] Die Weltgeschichte hat viele Christus-Darstellungen gesehen; unter anderen ist eine der größten diejenige, die in der Sixtinischen Kapelle sich befindet: Michelangelos «Jüngstes Gericht». Wenn Sie den Christus studieren in diesem «Jüngsten Gericht», wie er da oben in seiner napoleonischen Größe, aber zugleich mit einer ungeheuren Kraft in den Lüften schwebt und nach einer Seite weist die Guten und nach der anderen Seite die Bösen, da haben Sie einen Christus, der in der Zukunft kein Christus sein kann, weil er auf der einen Seite die Guten belohnt und auf der anderen Seite die Bösen verdammt; während es für den Christen der Zukunft so sein muß, daß jeder sich durch das, was durch den Christus da ist, selber lohnt und selber verdammt. Michelangelo lebte eben in einer Zeit, wo man etwas Tiefstes in bezug auf den Christus noch gar nicht ausdrücken konnte. Die Gestalt, die Michelangelo zeichnet, hat vielmehr auf der einen Seite Luziferisches, auf der anderen Seite etwas Ahrimanisches. Das ist heute ausgesprochen etwas wie ein schmerzhaftes Wort. Aber nur dadurch schreitet die Menschenentwickelung in ihrer Kultur weiter, indem man zeigt, wie die Ideale vergangener Zeiten nicht mehr die Ideale der Zukunft sein können. Es wird über die Ideale der Zukunft kommen, daß man die Christus-Wesenheit auffaßt nach dem, was sie ist, nicht nur nach dem, was sie tut oder tun wird, wenn das Ende der Erdenentwickelung dasein wird: Eine Wesenheit, die durch ihr Sein bewirkt, was in den Seelen selbst geschehen muß. Insofern ist die Gruppe, die wir hinstellen an den bedeutsamen Ort unseres Baues, ein Ausdruck dafür, daß die bisherige Christus-Auffassung keine in die Zukunft hineingehende sein kann, weil man das richtige Verhältnis zwischen Christus, Luzifer und Ahriman gar nicht eingesehen hat. Man kann den Christus nicht verstehen, wenn man nicht das richtige Verhältnis zu den Mächten hat, die man auf der einen Seite als luziferische, auf der anderen Seite als ahrimanische ins Auge faßt, und die wirkliche Weltenmächte sind.
[ 20 ] World history has seen many depictions of Christ; among them, one of the greatest is the one found in the Sistine Chapel: Michelangelo’s “Last Judgment.” If you study the Christ in this “Last Judgment,” as he hovers up there in his Napoleonic grandeur, yet at the same time with immense power in the air, pointing the good to one side and the wicked to the other, there you have a Christ who cannot be the Christ of the future, because on the one hand he rewards the good and on the other he condemns the wicked; whereas for the Christian of the future, it must be the case that each person, through what is present in Christ, rewards and condemns themselves. Michelangelo lived at a time when it was not yet possible to express something of the deepest significance regarding Christ. The figure Michelangelo depicts has, rather, something Luciferic on the one hand and something Ahrimanic on the other. Today, this is, to put it bluntly, something of a painful truth. But it is only through this that human development in its culture moves forward—by showing how the ideals of past times can no longer be the ideals of the future. It will be a feature of the ideals of the future that the Christ-being is understood for what it is, not merely for what it does or will do when the end of Earth’s development comes: a being who, through his very being, brings about what must happen within the souls themselves. In this respect, the group we are placing in the significant location of our building is an expression of the fact that the previous conception of Christ cannot be one that looks toward the future, because the correct relationship between Christ, Lucifer, and Ahriman has not been understood at all. One cannot understand Christ unless one has the right relationship to the forces that are regarded, on the one hand, as Luciferic and, on the other, as Ahrimanic, and which are real world forces.
[ 21 ] Man kann diese Sache durch einen Vergleich klarmachen, indem man immer wieder auf das Pendel hinweist. Das Pendel schwingt nach links und rechts. Indem es nach einer Seite ausschlägt, ist es nicht in der Gleichgewichtslage, und indem es nach der anderen Seite ausschlägt, ist es nicht in der Gleichgewichtslage. Aber es wäre nur in Nichtstun, in Trägheit, im Faulenzen, wollte es immer in der Gleichgewichtslage sein, wollte es nicht ausschlagen. Die richtige Lage hat es, wenn es in der Mitte steht; aber es kann nicht bloß in der Mitte stehen, es muß nach rechts und links ausschlagen.
[ 21 ] This can be made clear through an analogy, by repeatedly referring to a pendulum. The pendulum swings to the left and to the right. When it swings to one side, it is not in its position of equilibrium, and when it swings to the other side, it is not in its position of equilibrium. But it would be doing nothing, being inert, idling away, if it always wanted to be in the position of equilibrium, if it did not want to swing. It is in the correct position when it is in the middle; but it cannot simply remain in the middle—it must swing to the right and to the left.
[ 22 ] So ist das Menschenleben. Es ist nicht so, daß man sagen kann: Ich fliehe Luzifer, ich fliehe Ahriman. — Wollte man sagen, ich fliehe Luzifer, ich fliehe Ahriman, das wäre nicht Leben. Das wäre wie ein Pendel, das nicht ausschlägt. Das Menschenleben schlägt wirklich aus; auf der einen Seite nach Luzifer, auf der anderen Seite nach Ahriman. Und daß man nicht Furcht hat davor, das ist das Wichtige. Würde man Luzifer fliehen, so gäbe es keine Kunst; würde man Ahriman fliehen, gäbe es keine äußere Wissenschaft. Denn alle Kunst, die nicht von Geisteswissenschaft durchdrungen ist, ist luziferisch, und alle äußere Wissenschaft, insofern sie nicht Geisteswissenschaft ist, ist ahrimanisch. So pendelt der Mensch hin und her. Und daf3 er einsieht, daß er im Gleichgewicht und nicht in der Ruhe sein will, das ist das Wichtige. Es hat eine Zeit gegeben, wo man gesagt hat: man muß das Luziferische fliehen und asketisch sich frei davon machen. Das Luziferische nicht fliehen, sondern wirklich dem luziferischen Antlitz gegenüberstehen, das ist es, worauf es ankommt, wirklich nach der einen Seite hin zu Luzifer, nach der anderen Seite hin zu Ahriman ausschlagen. Das ist es, daß es wirklich einander entgegengesetzte Kräfte sind, wie andere Naturkräfte, zum Beispiel die beiden Elektrizitäten oder die beiden Pole des Magnetismus und so weiter. Also darauf wird es ankommen, daß man diese Dreiheit, das Luziferische, das Ahrimanische und das, was die Christus-Wesenheit ist, erkennt, und daß man innerlich die wirkliche in sich gebaute Größe des Christus erkennt, die der Michelangelosche Christus noch nicht hat. Das, meine lieben Freunde, ist die Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Arbeit. Aber wir stehen damit erst am Anfang einer Erkenntnis, die wirklich erst die gewöhnliche werden muß.
[ 22 ] Such is human life. It is not as though one could say: I flee from Lucifer, I flee from Ahriman. — If one were to say, “I flee from Lucifer, I flee from Ahriman,” that would not be life. It would be like a pendulum that does not swing. Human life truly swings; on one side toward Lucifer, on the other toward Ahriman. And the important thing is not to be afraid of that. If one were to flee from Lucifer, there would be no art; if one were to flee from Ahriman, there would be no external science. For all art that is not permeated by Spiritual Science is Luciferic, and all external science, insofar as it is not Spiritual Science, is Ahrimanic. Thus does the human being swing back and forth. And for him to realize that he wants to be in balance and not at rest—that is what matters. There was a time when people said: one must flee from the Luciferic and free oneself from it through asceticism. Not to flee from the Luciferic, but to truly face the Luciferic countenance—that is what matters: to truly swing toward Lucifer on one side and toward Ahriman on the other. That is precisely why they are truly opposing forces, like other natural forces, for example the two types of electricity or the two poles of magnetism, and so on. So what will matter is that one recognizes this triad—the Luciferic, the Ahrimanic, and that which is the Christ-being—and that one recognizes inwardly the true greatness of Christ built within oneself, which the Christ of Michelangelo does not yet possess. That, my dear friends, is the task of Spiritual Science work. But we are only at the beginning of a realization that must truly first become commonplace.
[ 23 ] Sehen Sie, es ist ja von mir auch in den letzten Wochen an diesem Orte erwähnt worden, daß man von gewissen Gesichtspunkten aus von keiner größeren Dichtung sprechen kann als von Goethes Faust-Dichtung. Goethes «Faust» drückt ja wirklich, weil er das Menschliche aus einer solchen Tiefe herausholt, ein Größtes aus, was die Menschheit je hervorgebracht hat. Nun hat ja Goethe versucht, in dem Faust einen wirklichen Repräsentanten der Menschheit darzustellen.
[ 23 ] You see, I have also mentioned here in recent weeks that, from certain perspectives, one cannot speak of any greater work of poetry than Goethe’s *Faust*. Goethe’s “Faust,” precisely because it draws out the human condition from such a profound depth, truly represents one of the greatest works humanity has ever produced. Now, Goethe did indeed attempt to portray Faust as a true representative of humanity.
[ 24 ] Ich habe ja schon öfters ausgeführt, daß Mephisto im Grunde nichts anderes ist als Luzifer und Ahriman durcheinandergemischt. Aber wie lag die Sache bei Goethe? Bei Goethe lag die Sache so, daß er noch nichts gewußt hat von dieser Zweiheit des Luzifer und Ahriman und daß er in dem Mephistopheles Ahriman und Luzifer zusammengebraut hat. Beides ist in seinem Mephisto darin, und dadurch ist dieser ganze Goethesche «Faust» trotzdem nicht dasjenige geworden, was er hätte werden können, wenn Goethe in der Lage gewesen wäre, neben Faust auf der einen Seite den Luzifer, auf der anderen Seite den Ahriman hinzustellen, so daß man die durch die ganze Menschheit gehende Dreiheit hätte sehen können. Darin lag ja die ganze Schwierigkeit, die Goethe in bezug auf seinen «Faust» hatte. Sehen Sie, als Goethe seinen «Faust» begann, da hat er diesen «Faust» nur so weit bringen können, als er in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts selber war. Er fühlte: mit dieser äußeren Wissenschaft, die sich ausdrückt in der Vierheit Philosophie, Juristerei, Medizin und, wie er sagt, leider auch Theologie, geht es nicht. Dieses ahrimanische Wissen, das befriedigt Faust nicht; er kommt dadurch nur in eine ahrimanisch-verstandesmäßige Verbindung mit dem Weltenzusammenhang, er will diesen Weltenzusammenhang wirklich haben, durch die Quellen des Lebens erleben das Lebendige, was nicht ein Erdachtes ist. Das Lebendige: der Erdgeist kommt. Allein, Faust kann ihn nicht ertragen. Und nachher kommt durch die Tür herein — im allerersten Entwurf ist es so —, durch die Tür herein kommt Wagner. Ja, wenn heute viele Leute oftmals über den Faust reden, auch über Wagner reden, dann hat man so das Gefühl, der Wagner redet über den Wagner, denn über den Bühnen-Faust wird in unserer Gegenwart zumeist «wagnerisch» geredet. Was ist denn eigentlich dieser Wagner? Ja, was kommt denn in dem Erdgeist herein?
[ 24 ] I have often pointed out that Mephisto is, in essence, nothing other than a mixture of Lucifer and Ahriman. But what was the situation with Goethe? With Goethe, the situation was that he knew nothing yet of this duality of Lucifer and Ahriman, and that in Mephistopheles he concocted Ahriman and Lucifer together. Both are present in his Mephisto, and as a result, Goethe’s entire “Faust” did not become what it could have been if Goethe had been able to place Lucifer on one side and Ahriman on the other alongside Faust, so that one could have seen the triad running through all of humanity. That was, after all, the whole difficulty Goethe faced with regard to his “Faust.” You see, when Goethe began his “Faust,” he was only able to take this “Faust” as far as he himself had come by the 1770s. He felt: with this external science, which expresses itself in the fourfold of philosophy, law, medicine, and, as he says, unfortunately also theology, it is not possible. This Ahrimanic knowledge does not satisfy Faust; through it he enters only into an Ahrimanic, intellectual connection with the fabric of the world; he truly wants to experience this fabric of the world, to experience the living through the sources of life—that which is not merely a figment of the imagination. The living: the Earth Spirit comes. But Faust cannot bear him. And afterwards, through the door comes in—in the very first draft it is so—through the door comes in Wagner. Yes, when many people today often speak of Faust, and also of Wagner, one gets the feeling that Wagner is speaking of Wagner, for in our time the stage Faust is mostly discussed in “Wagnerian” terms. What, then, is this Wagner? Yes, what is it that enters with the Earth Spirit?
[ 25 ] Wir wissen ja, daß alle Welterkenntnis Selbsterkenntnis ist. Es ist ein Stück von Faust selber, was in dem Erdgeist hereinkommt, allerdings von der erweiterten Seele, die sich mit dem Kosmos identifiziert. Aber Faust kann sie noch nicht begreifen. Er langt noch nicht hinauf zu dem, was auch Teil seines Selbstes ist. Nun wird gezeigt, bis wohin er gekommen ist. Und wenn man den Faust einmal richtig darstellen würde, richtiger als das vielleicht Goethe selbst getan hat, so würde man heute Wagner als ein etwas karikiertes Konterfei mit der Maske und dem Kostüm des Faust hereinkommen lassen müssen, denn ein anderes Glied, ein anderer Teil des Faust kommt in dem Wagner herein. Faust spricht selber nachdem: er war «ein furchtsam weggekrümmter Wurm». Jetzt begreift er sich selbst. «Du gleichst dem Geist, den du begreitst, nicht mir!» hat ihm der Erdgeist zugerufen. Jetzt kommt der Geist, den er begreift, der Wagner kommt. Und so geht es, ich möchte sagen, fort. Und nachdem der Erdgeist nicht begriffen worden ist, kommt eigentlich nur eine andere Gestalt des Erdgeistes: der Mephisto, der jetzt auftritt sowohl als Luzifer — wenn er Faust führt durch alles, was der Mensch durchleben kann, indem er bloß seiner Leidenschaft folgt, niederen Leidenschaften in Auerbachs Keller, edleren Leidenschaften, die aber bis ins Hexenwesen und in schwarze Magie hineingeführt werden — bis im zweiten Teil an Stelle von Luzifer Ahriman treten müßte. Alles dies kann man ja sehen, wenn man den «Faust» wirklich verständig liest. Aber es gibt auch äußere Beweise genug dafür. Ich habe das schon gesagt, daß es unter den Dingen, die Goethe später ausgeschaltet hat, eine Stelle gab, wo Mephisto einmal Luzifer genannt wird.
[ 25 ] We know, of course, that all knowledge of the world is self-knowledge. It is a part of Faust himself that enters the Earth Spirit—albeit of the expanded soul that identifies with the cosmos. But Faust cannot yet comprehend it. He has not yet reached up to that which is also part of his own self. Now it is shown how far he has come. And if one were to portray Faust correctly—more correctly than perhaps Goethe himself did—one would have to allow Wagner to enter today as a somewhat caricatured likeness wearing the mask and costume of Faust, for a different aspect, a different part of Faust enters through Wagner. Faust himself says afterward: he was “a fearfully twisted worm.” Now he understands himself. “You resemble the spirit you comprehend, not me!” the Earth Spirit called out to him. Now the spirit he comprehends arrives—Wagner arrives. And so it goes on, I might say. And since the Earth Spirit has not been comprehended, what actually appears is merely another form of the Earth Spirit: Mephisto, who now appears both as Lucifer—when he leads Faust through everything a human being can experience by merely following his passions, base passions in Auerbach’s Cellar, nobler passions that are, however, led into witchcraft and black magic—until, in the second part, Ahriman must take Lucifer’s place. All of this can indeed be seen if one reads “Faust” with true understanding. But there is also ample external evidence for it. I have already mentioned that among the elements Goethe later removed, there was a passage where Mephisto is once referred to as Lucifer.
[ 26 ] Goethe hatte immer ein Unbehagliches in seinem Gefühl, wenn er diese Gestalt hinstellt, die eigentlich aus zweien besteht. Insbesondere sieht man das Luziferische da, wo auch die religiösen Empfindungen des Faust auftreten, die in den Wagner-Gesprächen als etwas besonders Kurioses in die Höhe geschraubt werden. Wenn Faust, von Gretchen katechisiert, in den Gesprächen über Gott sagt:
[ 26 ] Goethe always felt a sense of unease when he portrayed this figure, who is actually composed of two distinct entities. In particular, one sees the Luciferian aspect where Faust’s religious sentiments also emerge—sentiments that are elevated to something particularly curious in the *Wagner-Gespräche*. When Faust, catechized by Gretchen, says in the conversations about God:
Gefühl ist alles,
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut!
Feeling is everything,
A name is but smoke and mirrors,
A haze obscuring the sky's glow!
[ 27 ] so wird das als die höchste Darstellung des Göttlichen angesehen, als die höchste Darstellung des Religiösen gefeiert. Man braucht nicht nachzudenken: «Gefühl ist alles»; damit sagt man, das einzige, was man als Religiöses haben will, ist das, was ein Gretchen fassen kann, und vergißt nur immer, daß Faust diesen Unterricht dem sechzehnjährigen Gretchen gibt und daß er darin nur gibt, was Gretchen fassen kann. Nicht für Philosophen ist das da, was Faust sagt über «Umnebelnd Himmelsglut», und das wird nur schlecht verstanden, wenn man die Gretchen-Wissenschaft im professoralen Gewande immer wiederum sieht.
[ 27 ] Thus it is regarded as the highest representation of the divine, celebrated as the highest representation of the religious. There is no need to think: “Feeling is everything”; by saying this, one implies that the only thing one wants as religious is what a Gretchen can grasp, and one simply always forgets that Faust gives this lesson to the sixteen-year-old Gretchen and that in it he gives only what Gretchen can grasp. What Faust says about “the mist-shrouded heavenly blaze” is not meant for philosophers, and it is poorly understood when one repeatedly encounters Gretchen’s “science” in professorial garb.
[ 28 ] Das alles zeigt, daß Goethe zunächst die luziferische Wesenheit in seiner Doppelmaske zum Ausdruck gebracht hat. Im zweiten Teil ist es mehr die ahrimanische, wo Mephisto zur Zeugung des Homunculus führt, zur Heraufbeschwörung der Helena und zu alledem, was Faust nun wirklich zur Kenntnis der Welt bringt, die ganz anders ist als alles das, was Faust «durchaus studiert mit heißem Bemühn».
[ 28 ] All of this shows that Goethe initially expressed the Luciferic entity through its dual mask. In the second part, it is more the Ahrimanic aspect, where Mephisto leads to the creation of the homunculus, to the conjuring up of Helena, and to all that Faust now truly brings to the world’s attention—a world that is entirely different from everything Faust “studies thoroughly with fervent effort.”
[ 29 ] Nun muß man sagen: mancherlei ist ja schon in den Einzelheiten immer wiederum und wiederum schlecht verstanden auch in unserer Zeit. So, wenn ausdrücklich hingedeutet wird, daß Homunculus etwas im Inneren des Menschen will, das entwickelt werden muß zur vollen Menschlichkeit: «und bis zum Menschen hast du Zeit», da es ja durch Niederes erst geht; es wird ja gesagt: «Nur strebe nicht nach höheren Orden.» Was da schon erklärt worden ist, ist ganz kurios. In Wirklichkeit heißt es ja selbstverständlich — denn Goethe hat da mal wieder Frankfurterisch gesprochen — «Nur strebe nicht nach höheren Orten» und ist nicht ein Hinweis, daß solche Wesen wie Homunculus mit menschlichen Ehrenzeichen geschmückt werden.
[ 29 ] Now it must be said: even in our time, many things are still repeatedly misunderstood in the details. For example, when it is explicitly suggested that the homunculus desires something within the human being that must be developed into full humanity: “and you have time until you become human,” since one must first pass through the lower realms; it is said: “Just do not strive for higher orders.” What has already been explained there is quite curious. In reality, it naturally means—for Goethe was once again speaking in the Frankfurt dialect—“Just do not strive for higher places,” and is not an indication that beings such as the Homunculus are adorned with human honors.
[ 30 ] Ein anderes ist, wo Homunculus erzeugt wird, wo Wagner beschreibt, wie sich etwas regt in der Retorte:
[ 30 ] Another is the scene where the homunculus is created, in which Wagner describes how something stirs in the retort:
Es wird! Die Masse regt sich klarer,
Die Überzeugung wahrer, wahrer!
It is happening! The masses are becoming more aware,
Their conviction more genuine, more genuine!
[ 31 ] Überzeugung ist von Zeugung gebildet, wie Übermensch von Mensch. Erst seit Nietzsche vom Übermenschen gesprochen hat, reden die Menschen davon, daß es einen Übermenschen gibt, Goethe hat schon lange vorher vom Übermenschen gesprochen. Und so lesen sie, die Menschen, hier Überzeugung, aber im Gegenteil von Zeugung ist es eine Überzeugung, wie man sagt: Mensch und Übermensch.
[ 31 ] Conviction is derived from generation, just as the Übermensch is derived from man. It is only since Nietzsche spoke of the Übermensch that people have been talking about the existence of a superhuman; Goethe had spoken of the Übermensch long before that. And so people read “conviction” here, but in contrast to “generation,” it is a conviction, as one says: man and Übermensch.
[ 32 ] Das sind Dinge, die erst im einzelnen begriffen werden müssen, damit man einsieht, was Goethe hat sagen wollen. Aber man muß den großen, freien Standpunkt gewinnen, man muß wirklich die Sendung unserer Zeit in bezug auf Geisteswissenschaft einsehen und einsehen, daß ein Geist wie Goethe gesucht hat, seine Zeit vorzubereiten auf diese Sendung.
[ 32 ] These are matters that must first be understood in detail before one can grasp what Goethe meant to say. But one must adopt a broad, open perspective; one must truly comprehend the mission of our time with regard to Spiritual Science and recognize that a spirit like Goethe sought to prepare his time for this mission.
[ 33 ] Als Schiller ihn im Jahre 1797 aufmerksam gemacht hat, daß er den «Faust» vollenden soll, da sagt Goethe, er habe den alten Tragelaphen — das ist ein Wesen, halb Tier, halb Mensch — wieder hervorgeholt. Goethe nennt ihn einen Tragelaphen, und er nennt ihn am Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine barbarische Komposition. Das muß man sehr ernst nehmen, denn Goethe hat schon verstanden, wie gut und wie schlecht sein «Faust» war. Das alles gehört zu dem, was Geisteswissenschaft heranziehen soll, daß wir uns zu einem freien Standpunkt gegenüber diesen Dingen erheben. Daß Goethe darstellen wollte das Arbeiten des spirituellen Selbstes, des Unsterblichen im Menschen hinauf zum Höheren, das zeigt er dadurch, daß er eine Skizze gemacht hat um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts zu dem, was der Faust werden sollte, wo er zuerst gesagt hat: «Lebensgenuß der Person, von außen gesehen»; dann schreibt er auf: «Schöpfungsgenuß von innen», und zum Schluß, nachdem er den ganzen Weg des Faust genommen hat, hat er aufgeschrieben: «Epilog im Chaos auf dem Weg zur Hölle.»
[ 33 ] When Schiller urged him in 1797 to finish *Faust*, Goethe said he had brought back the old Tragelaph—a creature that is half-animal, half-human. Goethe calls it a Tragelaph, and at the end of the eighteenth century he calls it a barbaric composition. This must be taken very seriously, for Goethe already understood how good and how bad his *Faust* was. All of this is part of what Spiritual Science should draw upon, so that we may rise to a free standpoint regarding these matters. That Goethe wanted to depict the work of the spiritual self, of the immortal in man, ascending toward the higher, is shown by the fact that he made a sketch at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries of what Faust was to become, where he first wrote: “The person’s enjoyment of life, seen from the outside”; then he writes: “The enjoyment of creation from within,” and finally, after tracing Faust’s entire path, he wrote: “Epilogue in chaos on the way to hell.”
[ 34 ] Was alles ich da an Diskussionen habe anhören müssen, das ist wirklich etwas, was einem innerste Überraschung bereiten kann; denn die Leute haben darüber nachgedacht: Ja, hat denn Goethe noch geglaubt um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, daß sein Faust zur Hölle fahren muß? Die Lösung ist einfach die, daß es nicht Faust ist, der spricht, sondern daß der abziehende Mephisto den Epilog hält, nachdem Faust den Weg zu seinem unsterblichen Selbst gegangen ist.
[ 34 ] The discussions I’ve had to listen to on this subject are truly something that can cause one deep surprise; for people have pondered: Did Goethe, at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries, still believe that his Faust had to go to hell? The answer is simply that it is not Faust who speaks, but rather the departing Mephisto who delivers the epilogue after Faust has walked the path to his immortal self.
[ 35 ] So sehen wir auch in Goethes «Faust» etwas, was auf dem Wege liegt, aber erst auf dem Wege zu dem, was durch die Hauptgruppe unseres Baues zum Ausdruck gebracht werden soll: eine wirklich konkrete Auffassung der menschlichen Gestalt, indem auf der einen Seite erscheint, wonach die Seele immer ausschlagen muß, und auch auf der anderen Seite, wonach die Seele ausschlagen muß. Solange man alles zusammenhält oder nur eine Zweiheit sucht, kann man zu einer wirklichen Erkenntnis des Menschen nicht kommen. Das ist das Wesentliche, was festzuhalten ist. Festzuhalten ist, daß es wirklich aus der deutschen Kultur heraus sich ergibt, gerade diese Idee zu verkörpern. Es gibt auf der Erde zwei Gegenpole der Kultur, die ihre Berechtigung haben, die nicht in ihrer Unberechtigung dargestellt werden, sondern in ihrer Berechtigung, wenn man hinweist auf sie. Da haben wir auf der einen Seite die rein orientalische Kultur. Worin besteht diese orientalische Kultur? Das Orientalische in der Kultur besteht darin, daß gesucht wird eine bloß innerliche Vertiefung, mit Abstreifung alles dessen, was äußerer Prozeß des Daseins ist. Und so sehen wir, wie in der höchsten Blüte dieser orientalischen Kultur, in der indischen Kultur, alle Anweisungen, alles Wissen dahin geht, die Seele so zu bilden, daß sie frei wird von dem, was physischer Leib ist. Es ist eine rein luziferische Kultur, eine bloß luziferische Kultur. Je weiter wir nach dem Osten kommen, kommen wir zu dem Luziferischen.
[ 35 ] Thus, in Goethe’s *Faust*, we also see something that lies along the path, but only on the path toward what is to be expressed through the main group of our building: a truly concrete conception of the human form, in which, on the one hand, appears that toward which the soul must always strive, and, on the other hand, that toward which the soul must also strive. As long as one holds everything together or seeks only a duality, one cannot arrive at a true understanding of the human being. This is the essential point to be noted. It must be noted that it is truly from German culture that the embodiment of precisely this idea arises. There are two cultural poles on earth that have their own justification; they are not presented as unjustified, but rather in their justification when one points to them. On the one hand, we have purely Oriental culture. What does this Oriental culture consist of? The Oriental aspect of culture consists in the pursuit of a purely inner deepening, with the shedding of everything that is the outer process of existence. And so we see how, in the highest flowering of this Oriental culture, in Indian culture, all instructions, all knowledge, are directed toward shaping the soul so that it becomes free from what the physical body is. It is a purely Luciferic culture, a purely Luciferic culture. The further east we go, the more we encounter the Luciferic.
[ 36 ] Und kommen wir nach dem Westen, wohin kommen wir da? Nehmen wir gleich den äußersten Westen. Uns ist es natürlich, namentlich, wenn wir etwas von Geisteswissenschaft aufgenommen haben — und ich möchte es Ihnen an einem Beispiel zeigen —, uns ist es klar, daß, wenn wir sehen, daf3 ein Mensch aus einer mehr materialistischen Weltanschauung in eine mehr spirituelle Weltanschauung kommt, wir uns fragen: was geht in der Seele eines solchen Menschen vor? Wir müssen gerade dann, wenn wir bei einem solchen Menschen einen solchen Umschwung in seiner Seele wahrnehmen, uns in das Innere dieses Menschen begeben, um das, was er in seiner Seele durchgemacht hat, mit ihm mitzuerleben. Und nichts erscheint uns bedeutsamer, als solches mitzuerleben mit einem Menschen.
[ 36 ] And when we turn to the West, where do we end up? Let’s take the farthest West. It is natural to us—especially if we have taken in something of Spiritual Science—and I would like to show you this with an example—it is clear to us that when we see a person moving from a more materialistic worldview to a more spiritual one, we ask ourselves: what is going on in the soul of such a person? It is precisely when we perceive such a transformation in a person’s soul that we must enter into the innermost being of that person to experience with them what they have gone through in their soul. And nothing seems more significant to us than to experience this together with a person.
[ 37 ] Sehen Sie, in Amerika hat man auch gesehen, daß? Menschen etwas durchmachen, was man dort Bekehrung nennt, daß heißt einen Umschwung von einer materialistischen Anschauung zu einer spirituellen. Was tut man da? Man setzt sich hin — wenn ich auch die Sache etwas radikal erzähle, es ist schon so —, man setzt sich hin und schreibt an die Menschen, die so etwas durchgemacht haben, einen Brief und läßt sich die Frage beantworten, aus welchen Gründen sie diesen Umschwung durchgemacht haben. Und dann, na dann macht man ein Schema, dann stellt man Kategorien auf, zum Beispiel:
[ 37 ] You see, in America they’ve also observed that people go through what is called a “conversion” there—that is, a shift from a materialistic worldview to a spiritual one. What do you do in that case? You sit down—even if I’m describing it a bit radically, that’s how it is—you sit down and write a letter to people who have gone through something like that, asking them to explain the reasons behind their shift. And then, well, then you create a framework, you establish categories, for example:
1. Kategorie: Furcht vor dem Tode und der Hölle (und legt solche Briefe auf einen Haufen zusammen).
2. Kategorie: Altruistische Beweggründe, Selbstlosigkeit.
3. Kategorie: Egozentrische Motive.
4. Kategorie: Streben nach dem sittlichen Ideal.
5. Kategorie: Gewissensbisse und Sündenbewußtsein. 1, 2, 3 Briefe.
6. Kategorie: Befolgung von Lehren. 1, 2, 3 Briefe.
7. Kategorie: daß Leute gekommen sind in dieses oder jenes Alter. 1, 2, 3 Briefe. Dann
8. Nachahmung. 1, 2, 3 Briefe. Wieder eine Kategorie Leute, die gesehen haben, daß Menschen an einen Gott geglaubt haben, und dies nachgeahmt haben. Dann
9. Hiebe.14% Furcht vor der Hölle.
6% andere Motive.
7% Streben nach dem Ideal.
8% Sündenbewußtsein.
13% Nachahmung und Beispiel.
19% Hiebe.
1. Category: Fear of death and hell (and puts such letters in a pile).
2. Category: Altruistic motives, selflessness.
3. Category: Egocentric motives.
4. Category: Striving for the moral ideal.
5th category: Remorse and a sense of sin. 1, 2, 3 letters.
6th category: Following teachings. 1, 2, 3 letters.
7th Category: that people have reached this or that age. 1, 2, 3 letters. Then
8. Imitation. 1, 2, 3 letters. Again, a category of people who saw that others believed in a god and imitated them. Then
9. Punishment.14% Fear of hell.
6% Other motives.
7% Striving for the ideal.
8% Sense of sin.
13% Imitation and example.
19% Beatings.
[ 38 ] Jetzt hat man eine Bekehrung.
[ 38 ] Now there has been a conversion.
[ 39 ] So haben wir das Gegenteil. Im Indischen keine Rücksicht auf das, was außen vorgeht. Einem Inder würde das verkehrt vorkommen; er würde das Wort «verrückt» gebrauchen, wenn man äußerlich Prozente derer angeben wollte, die sich bekehrt haben; daß sie aus diesen oder jenen Motiven sich bekehrt haben. Im Westen kümmert man sich nicht um das Innere, da im Westen ist alles ausgewischt von diesem Inneren. Äußerlichstes Äußerliches zusammengestellt, rein ahrimanisch. Gehen wir nach dem Osten: Innerlichstes Inneres, rein luziferisch. So stellt uns, ich möchte sagen, die Erdkugel selber dar den Gegensatz des Ahrimanischen und Luziferischen. Und zwischen diesem Ahrimanischen und Luziferischen ist man nicht in einer Ruhe, sondern im Gleichgewichte. Es handelt sich nicht darum, daß man das eine oder das andere bloß abweist, sondern daß man sich bewußt wird, daß eine wirklich in die Zukunft hineinreichende Kultur darin besteht, daß man beides in das richtige Maß zu bringen weiß, was eines haben muß gegen das andere.
[ 39 ] So we have the opposite. In India, there is no regard for what is happening on the outside. An Indian would find this absurd; he would use the word “crazy” if one were to cite percentages of those who have converted; that they have converted for this or that reason. In the West, people do not concern themselves with the inner life, for in the West everything has been wiped out from this inner life. The outermost of the outer, purely Ahrimanic. Let us turn to the East: the innermost of the inner, purely Luciferic. Thus, I would say, the globe itself presents us with the contrast between the Ahrimanic and the Luciferic. And between this Ahrimanic and Luciferic, one is not at rest, but in equilibrium. It is not a matter of merely rejecting one or the other, but of becoming aware that a culture that truly reaches into the future consists in knowing how to bring both into the right balance, what one must have in relation to the other.
[ 40 ] Und da sehen Sie ausgedrückt, ich möchte sagen, das ganze Erdenschicksal in unserer Gruppe. Es ist einmal Aufgabe Europas, den Ausgleich zu bringen zwischen dem Osten und dem Westen. Im Osten schlägt das Pendel nach der einen Seite aus, im Westen nach der anderen Seite. Uns in Europa kommt es nicht bloß zu, etwa die Affen des Ostens oder die Affen des Westens zu sein, sondern uns kommt es zu, ganz selbständig auf dem eigenen Boden zu stehen und die Berechtigung des einen wie die Berechugung des anderen voll anzuerkennen. Das ist ausgedrückt in unserer Gruppe. Und so hängt das, was an besonderem Orte unseres Baues aufgestellt ist, auch in geographischer Weise mit unserer Aufgabe zusammen. Es ist aufgestellt nach dem Osten, aber mit dem Rücken nach dem Osten, es blickt nach dem Westen, aber es steht im Gleichgewicht da, trägt in sich das, was es auf langer Wanderung im Osten erfahren hat, und läßt sich nicht genügen an dem, was der Westen an rein ahrimanischer Kultur über die Menschheit bringen kann.
[ 40 ] And there, you see expressed, I would say, the entire fate of the world in our group. It is, after all, Europe’s task to bring about a balance between the East and the West. In the East, the pendulum swings to one side; in the West, to the other. It is not merely our role in Europe to be, so to speak, the monkeys of the East or the monkeys of the West, but rather it is our role to stand quite independently on our own ground and to fully acknowledge the legitimacy of both sides. This is expressed in our group. And so what is placed in a special location within our building is also connected, in a geographical sense, to our task. It is positioned toward the East, yet with its back to the East; it looks toward the West, yet stands in balance, carrying within itself what it has experienced on a long journey in the East, and does not content itself with what the West, in its purely Ahrimanic culture, can bring to humanity.
[ 41 ] Wenn unsere Zeit, meine lieben Freunde, diese Dinge einmal einsehen wird, aber denkend, fühlend, mit Empfinden durchdringen wird — es braucht ja kein Hochmut dabei zu sein —, dann wird es dieser Zeit klar sein, wie auch die schmerzlichsten, niederdrückendsten Ereignisse der Gegenwart eben nur da sind, um an die Menschheit heranzubringen das Gefühl von der Aufgabe, die diese Menschheit für die nächste Zukunft zu erfüllen haben wird. Man möchte nur hoffen, daß Großes, Schmerzliches, das die Menschheit erlebt, auch eine wirkliche und auch wahre Vertiefung der Gemüter hervorbringen kann. Wahr ist es schon, daß man leider in dem, was zum Ausdruck gebracht wird, namentlich in dem gesprochenen und literarisch Geschriebenen, den großen Ernst, den unsere Zeit von uns fordert, keineswegs erkennt, daß da noch vieles, vieles in die Menschengemüter hinein muß, damit dieser große Ernst, ich möchte sagen, dieser trostvolle Ernst die Gemüter wirklich so erfülle, daß der Mensch getragen werden kann durch die Aufgaben, die ihm gestellt werden. Ernst ist es auf der einen Seite, was uns zur Aufgabe gestellt wird, aber es ist ein trostvoller, hoffnungsvoller, Zuversicht einflößender Ernst von der anderen Seite. Man braucht nur einzusehen, daß wir in einer Zeit leben, in der Großes von uns gefordert wird, daß aber auch dieses Große von uns erfüllt werden kann. Und man wird auch in dieser Zeit zu einer pessimistischen Weltanschauung nicht kommen können.
[ 41 ] When our time, my dear friends, comes to understand these things—but to understand them through thought, feeling, and deep insight—there need be no arrogance in this— then it will become clear to this age that even the most painful, most oppressive events of the present are there only to bring to humanity a sense of the task that humanity will have to fulfill in the near future. One can only hope that the great and painful things humanity experiences can also bring about a genuine and true deepening of the spirit. It is certainly true that, unfortunately, in what is expressed—namely in the spoken and written word—one does not at all recognize the great seriousness that our time demands of us; that much, much more must yet enter into people’s minds so that this great seriousness, I would say, this comforting gravity, truly fills people’s minds so that they can be sustained by the tasks set before them. On the one hand, the task set before us is a serious one, but on the other hand, it is a comforting, hopeful, confidence-inspiring seriousness. One need only realize that we live in a time when great things are demanded of us, but that these great things can also be accomplished by us. And even in this time, one will not be able to arrive at a pessimistic worldview.
[ 42 ] Um alle diese Dinge in intimerer, in eindringlicherer Weise auseinanderzusetzen, und was die nächste Zukunftsaufgabe der Menschheit ist, und wie Geisteswissenschaft diese Aufgabe zu lösen helfen wird, werde ich am Dienstag, den 22. Juni, das heute Besprochene fortsetzen.
[ 42 ] To explore all these matters in greater depth and with greater intensity—and to discuss what humanity’s next task for the future is, and how Spiritual Science will help solve this task—I will continue the discussion from today on Tuesday, June 22.
