Paths to Spiritual Insight and
the Renewal of an Artistic Worldview
GA 161
5 February 1915, Dornach
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Paths to Spiritual Insight and the Renewal of an Artistic Worldview, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Ich möchte jetzt, in der Zeit, in der uns der Tod so viel heimgesucht hat, einige geisteswissenschaftliche Fragen im Zusammenhang mit dem Problem des Todes berühren, und zwar in der Weise, daß ich heute eine Art Einführung in diese Probleme geben werde, morgen des Nähern über manches, was mit dem Thema zusammenhängt, sprechen werde, und am Sonntag dann den Übergang finden werde von diesem Probleme auch zu allgemeineren Fragen der künstlerischen Auffassung des Lebens, was uns dann wiederum zu einigen Betrachtungen über unseren Bau zurückführen wird.
[ 1 ] Now, at a time when death has afflicted us so deeply, I would like to touch upon some questions from Spiritual Science related to the problem of death; specifically, I will offer a sort of introduction to these issues today, tomorrow I will speak in more detail about various aspects related to the topic, and on Sunday I will then make the transition from this problem to more general questions regarding the artistic conception of life, which will in turn lead us back to some reflections on our building.
[ 2 ] Wir müssen, wenn wir jene Erlebnisse ins Auge fassen wollen, die mit dem Problem des Todes zusammenhängen, uns vor allen Dingen darüber klar sein, daß der Mensch über seine eigentliche Wesenheit, dasjenige, was in ihm waltet und webt, im Grunde genommen recht unwissend ist. Nicht nur unwissend in bezug auf die tiefere Seite des eigenen verborgenen Daseins, sondern auch in bezug auf vielerlei, was in die alltäglichen Erlebnisse eigentlich recht bedeutungsvoll hereinspielt. Wir müssen ja durchaus uns klar sein darüber, daß wir uns eigentlich sozusagen mit den allerwichtigsten Erkenntnisorganen, die wir für die physische Welt haben, mit den Sinnen, fast ausschließlich nur von außen anschauen, und daß bei diesem Anschauen von außen in der Tat dasjenige, was wir unsere Haut nennen können, uns abtrennt von der Anschauung unseres eigentlichen wahren menschlichen Wesens. Und sobald wir urteilen über unser wahres menschliches Wesen, sobald wir uns ein Bild machen wollen von diesem wahren menschlichen Wesen, müssen wir unseren Verstand, unser Vorstellungsvermögen anwenden. Dieser Verstand, dieses Vorstellungsvermögen aber ist im Laufe unserer Entwickelung, die wir vollbringen in dem physischen Leib, sehr stark beeinflußt, sowohl von ahrimanischer Seite her wie von luziferischer Seite her, und alle diese Einflüsse — die von ahrimanischer und von luziferischer Seite auf unseren Verstand, insofern er an das Gehirn gebunden ist, ausgeübt werden, die sind geeignet, im höchsten Maße das Urteil zu trüben, das wir uns über uns selber machen.
[ 2 ] If we wish to consider those experiences connected with the problem of death, we must first and foremost be clear that human beings are, in essence, quite ignorant of their true nature—that which reigns and weaves within them. Not only ignorant regarding the deeper aspects of their own hidden existence, but also regarding many things that actually play a significant role in everyday experiences. We must indeed be fully aware that we actually observe, so to speak, almost exclusively from the outside using the most important organs of perception we have for the physical world—the senses—and that in this observation from the outside, what we might call our skin indeed separates us from the perception of our true human being. And as soon as we judge our true human being, as soon as we want to form a picture of this true human being, we must apply our intellect, our power of imagination. But this intellect, this power of imagination, is, in the course of our development within the physical body, very strongly influenced by forces from both the Ahrimanic and the Luciferic sides, and all these influences—those exerted from the Ahrimanic and Luciferic sides upon our intellect, insofar as it is bound to the brain—are capable of clouding to the highest degree the judgment we form of ourselves.
[ 3 ] Es ist ja wirklich heute mit aller menschlichen Selbsterkenntnis so, wie in dem äußersten Falle, den ich das vorige Mal während unserer Betrachtung angeführt habe, mit jenem Universitätsprofessor, der selber erzählt, wie er als junger Mann über die Straße ging und plötzlich an sich herankommen sah einen jungen Menschen mit einem ihm furchtbar unsympathischen Gesicht, und wie er erschrak, als er sah, daß er sich selbst gesehen hatte durch die Zusammenstellung zweier Spiegel, die ihm seine eigene Physiognomie entgegenkommend zeigten; so daß man sieht, daß er also keine Ahnung hatte, wie er seiner äußeren Physiognomie nach, die ihm außerordentlich unsympathisch war, ausschaute. Wie er einen zweiten ähnlichen Fall von sich erzählt, ich habe es angeführt. Es steht aber wirklich nicht anders mit dem, was wir unsere genauere Selbsterkenntnis nennen. Dasjenige, was mit uns den Weg der Weltenwanderung antritt, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, unser Ich, unser Astralleib, das entzieht sich ja der Betrachtung während unseres physischen Lebens; denn wenn wir aufwachen, so zeigt sich uns ja nicht dieses Ich und dieser Astralleib. Sie zeigen sich uns nicht in ihrer wahren Gestalt, sondern sie zeigen sich uns so, wie sie gespiegelt werden durch die Bilder, die der Ätherleib und der physische Leib von dem Ich und Astralleib entwerfen. Wir würden zwar zwischen dem Einschlafen und Aufwachen unser astralisches Wesen und unser Ich in der wahren Gestalt sehen können, wenn wir dann nicht in bewußtlosem Schlafzustand wären. Auch die Träume, wie sie im gewöhnlichen Leben sich abspielen, sind nur im mangelhaften Sinne wirkliche Ausleger unseres Wesens, weil sie ja Spiegelungen sind desjenigen, was sich in unserem Astralleib vollzieht aus unserem Ätherleib heraus, und weil wir erst notwendig haben, die Sprache der Träume gewissermaßen zu verstehen, um die richtige Deutung zu vollziehen. Dann können wir ja allerdings, wenn wir die Sprache der Träume verstehen, aus den Traumvorgängen Erkenntnis gewinnen über unser wahres Wesen. Aber in unserem gewöhnlichen Leben sind wir gewöhnt, die Bilder des Traumes einfach hinzunehmen. Das aber ist nicht gescheiter, als wenn wir eine Schrift nicht wirklich lesen würden, sondern sie nach den Zeichen der Buchstaben nehmen, die Buchstaben beschreiben würden.
[ 3 ] The situation with all human self-knowledge today is really just like the extreme case I cited last time during our discussion—that of the university professor who himself recounts how, as a young man, he was walking down the street and suddenly saw a young person approaching him with a face he found terribly unsympathetic, and how he was startled when he realized he had seen himself through the reflection of two mirrors placed opposite each other, which showed him his own physiognomy; so that one sees he had no idea what he looked like based on his outward appearance, which he found extraordinarily unappealing. I have already mentioned how he recounts a second similar incident involving himself. But it is really no different with what we call our more precise self-knowledge. That which sets out with us on the journey through the worlds once we have passed through the gate of death—our I, our astral body—eludes our observation during our physical life; for when we wake up, this I and this astral body do not reveal themselves to us. They do not reveal themselves to us in their true form, but rather as they are reflected through the images that the etheric body and the physical body project of the I and the astral body. We would indeed be able to see our astral being and our I in their true form between falling asleep and waking up, were we not then in a state of unconscious sleep. Even the dreams that unfold in ordinary life are, in a limited sense, only true expressions of our being, because they are reflections of what takes place in our astral body from within our etheric body, and because we must first, so to speak, understand the language of dreams in order to arrive at the correct interpretation. Then, of course, if we understand the language of dreams, we can gain insight into our true nature from the dream processes. But in our ordinary life, we are accustomed to simply accepting the images of the dream. Yet this is no wiser than if we were not really reading a text, but were taking it according to the signs of the letters that the letters describe.
[ 4 ] Dasjenige, was unser wahres Wesen ist, entzieht sich uns während unseres Lebens zwischen der Geburt und dem Tode. Wir müssen uns dabei klar sein, daß in unserem Astralleib und in unserem Ich alle jene Gefühle und alle jene Willensemotionen liegen, die uns zu unseren Handlungen, zu unseren Taten, aber auch zu unseren Urteilen, zu unseren Auffassungen über die Welt verleiten. Da, in den Tiefen unseres Wesens, wo unser Astralleib und unser wahres Ich sitzen, da haben wir eine ganze Welt von Emotionen, eine ganze Welt von Gefühlen, von Willensimpulsen. Dasjenige aber, was wir uns als unsere eigene Ansicht über diese unsere Emotionen, Willensimpulse und Gefühle im Alltagsleben bilden, das steht zumeist, wirklich zumeist, mit dem, was wir in Wahrheit im innersten unseres Wesens sind, in einem recht entfernten Zusammenhang.
[ 4 ] That which constitutes our true being eludes us during our life between birth and death. We must be clear that within our astral body and our ego lie all those feelings and all those impulses of will that lead us to our actions, to our deeds, but also to our judgments and our views of the world. There, in the depths of our being, where our astral body and our true self reside, there we have a whole world of emotions, a whole world of feelings, of impulses of the will. But what we form as our own view of these emotions, volitional impulses, and feelings in everyday life is, for the most part—truly for the most part—in a rather distant connection to what we truly are in the innermost depths of our being.
[ 5 ] Nehmen wir etwa das Folgende. Es kann im Leben durchaus vorkommen, daß zwei Menschen sich gegenüberstehen, zwei Menschen längere Zeit miteinander leben, und daß durch die eigentümlichen Kräfte, welche aus dem Unbekannten des Astralleibes und des Ich der einen Person in den Astralleib und das Ich der anderen Person hineinspielen — diese Kräfte bleiben ja im Verborgenen —, daß aus diesen Kräften heraus die eine Person gegenüber der anderen geradezu ein Quälgelüste hat, eine Art Grausamkeitsbedürfnis. Es kann nun sein, daß diejenige Persönlichkeit, die ein solches Quälgelüste, ein solches Grausamkeitsbedürfnis hat, gar nichts ahnt von diesen Emotionen im Astralleib und Ich, und daß sie über diese Dinge, die sie vornimmt aus dem Grausamkeitstriebe heraus, sich eine ganze Summe von Vorstellungen aufbaut, welche die Handlungen von ganz anderen Gründen aus erklären, als aus dem Grausamkeitstrieb heraus. Es kann eine solche Persönlichkeit einem erzählen, daß sie aus diesem oder jenem Grunde gegenüber der anderen Persönlichkeit dies oder jenes getan hat. Diese Gründe können sehr scharfsinnig sein, und dennoch sind sie nicht da, um die Wahrheit auszudrücken. Denn die Begriffe, die wir uns im gewöhnlichen Leben über die Motive unserer eigenen Handlungen, ja sogar unserer eigenen Gefühle machen, die stehen, wie gesagt, oft in sehr, sehr entferntem Zusammenhang mit dem, was wirklich in unserem Inneren lebt und webt. Ja, es kann sein, daß die luziferische Macht die betreffende Persönlichkeit geradezu verhindert, richtig verhindert, sich klarzuwerden über ihr Grausamkeitsbedürfnis, über ihr Bedürfnis, der anderen Persönlichkeit alles mögliche zuzufügen, und daß unter dem Einfluß dieser luziferischen Macht all dasjenige, was diese Persönlichkeit redet über die Gründe ihres Handelns, nur da ist, um eine Decke, eine Maske zu breiten über dasjenige, was in der Seele wirklich vorhanden ist.
[ 5 ] Let us take the following example. It can certainly happen in life that two people face each other, that two people live together for a long time, and that through the peculiar forces which play into the astral body and the ego of one person from the unknown aspects of the astral body and the ego of the other person —for these forces remain hidden—that, as a result of these forces, one person develops a veritable desire to torment the other, a kind of need for cruelty. It may well be that the person who harbors such a desire to torment, such a need for cruelty, is completely unaware of these emotions in the astral body and the ego, and that regarding these things they do out of the impulse toward cruelty, they construct a whole set of mental images that explain their actions on grounds entirely different from the impulse toward cruelty. Such a person might tell you that they did this or that to the other person for this or that reason. These reasons can be very astute, and yet they are not there to express the truth. For the concepts we form in ordinary life about the motives of our own actions, indeed even of our own feelings, are, as I said, often in a very, very distant connection with what truly lives and weaves within us. Indeed, it may be that the Luciferic power actually prevents—truly prevents—the personality in question from becoming clear about its need for cruelty, about its need to inflict all manner of things upon the other personality, and that under the influence of this Luciferic power, everything this personality says about the reasons for their actions is there only to spread a veil, a mask, over what is truly present in the soul.
[ 6 ] Die Gründe, die wir angeben im Bewußtsein, können oftmals gerade dazu bestimmt sein, vor uns zu verdecken, vor uns zu vertuschen dasjenige, was wirklich in der Seele lebt und webt. Oftmals tragen diese Gründe auch den Charakter, daß wir uns gegenüber uns selbst verteidigen wollen, denn wir würden uns so unsympathisch vorkommen wie jenem Professor seine eigene Physiognomie. So würden wir uns in der Seele unsympathisch vorkommen, wenn wir uns gestehen müßten, welche Triebe, welche Emotionen eigentlich in der Seele walten. Und weil wir notwendig haben, uns zu schützen vor dem Anblick unserer eigenen seelischen Wesenheit, so erfinden wir mit Hilfe Luzifers allerlei, das uns wirklich Schutz gewährt, Schutz gewährt dadurch, daß es uns betäubt über dasjenige, was wirklich in unserer Seele waltet. So wahr es ist, daß dasjenige, was in der äußeren Welt uns erscheint, durch die Eigenart unseres Vorstellungsvermögens uns zur Maja wird, so wahr ist es auch, daß dasjenige, was wir uns über uns selbst erzählen, zum allergrößten Teil im gewöhnlichen Leben eine Maja ist.
[ 6 ] The reasons we give in our conscious mind are often intended precisely to conceal from ourselves, to cover up from ourselves, what truly lives and stirs within our soul. Often these reasons also have the character of a defense against ourselves, for we would find ourselves as unsympathetic as that professor found his own physiognomy. Thus we would find ourselves unsympathetic in our soul if we had to admit to ourselves which impulses, which emotions actually reign in the soul. And because we feel the need to protect ourselves from the sight of our own spiritual being, we invent all manner of things with Lucifer’s help that truly grant us protection—protection by numbing us to what truly reigns in our soul. Just as it is true that what appears to us in the outer world becomes a maya through the nature of our imagination, so it is also true that what we tell ourselves about ourselves is, for the most part, a maya in ordinary life.
[ 7 ] Insbesondere verleiten uns gewisse innere Triebe und Bedürfnisse unserer inneren Wesenheit, uns immer wieder und wieder über diese Wesenheit zu täuschen. Nehmen wir einmal an, eine Persönlichkeit sei eitel, leide an einer gewissen eitlen Großmannssucht. Es soll ja solche Persönlichkeiten in gar nicht geringer Anzahl in der Welt geben. Man gibt das zu. Würde man aber nicht in der eben geschilderten Weise eine Maske legen über das, was man in seiner Seele eigentlich trägt, so würde man noch viel mehr zugeben, daß es eitle Großmannssucht in vielenSeelen gibt, in vielen Seelen, die nichts, aber auch gar nichts davon ahnen.
[ 7 ] In particular, certain inner drives and needs of our inner being lead us to deceive ourselves about this being time and time again. Let us suppose that a person is vain, suffering from a certain vain megalomania. There are said to be quite a number of such people in the world. One admits this. But if one did not, in the manner just described, put on a mask over what one actually carries in one’s soul, one would admit even more readily that there is vain megalomania in many souls—in many souls that suspect nothing, absolutely nothing, of it.
[ 8 ] Solche Großmannssucht wünscht vieles; aber wenn. ich sage «wünscht», so verstehen Sie mich wohl: dieser Wunsch kommt nicht zum Bewußtsein, dieser Wunsch bleibt ganz in den Untergründen. Solch eine Persönlichkeit kann wünschen, auf die eine oder auf die andere Persönlichkeit einen gewissen beherrschenden Einfluß zu haben, aber weil sie sich gestehen müßte, daß aus diesem Trieb nach beherrschendem Einfluß über die andere Persönlichkeit eitle Großmannssucht spricht, deshalb gesteht sich diese betreffende Persönlichkeit das nicht. Nun hat sie, natürlich unbewußt, zu appellieren an jene Verführungskräfte, die Luzifer unausgesetzt auf die menschliche Seele auszuüben vermag. Und unter dem unbewußten Einfluß Luzifers kommt dann eine solche Persönlichkeit niemals dazu, sich zu sagen: Das, was in mir ist, was den Wunsch nach Beherrschung anderer in mir erzeugt, das ist eitle Großmannssucht. Das sagt sie sich nicht; dagegen erfindet sie sich oftmals unter dem Einfluß Luzifers ein ganzes System für die Erklärung ihrer Gefühle, die sie dunkel empfindet, aber deren wahren Charakter sie sich nicht gestehen will. So empfindet dieser Mensch gewisse Gefühle für diese oder jene Persönlichkeit, aber er kann sich nicht eingestehen, daß er diese Persönlichkeit eigentlich beherrschen will und nicht kann, weil sich diese vielleicht nicht beherrschen läßt. Da erfindet die Seele unter dem Einflusse Luzifers ein System. Sie erfindet das System, daß die betreffende Persönlichkeit etwas Böses gegen sie im Schilde führt, und malt sich die betreffenden Dinge, welche sie im Schilde führen soll, in Einzelheiten aus; sie fühlt sich verfolgt von dieser oder jener Persönlichkeit. Aber dieses ganze System von Urteilen und Begriffen ist eine Maske, ist nur dazu da, um dasjenige, was nicht herauf soll aus dem inneren Seelenleben, zu verdecken, zu verhüllen in eine Hülle, eine wirkliche Maja.
[ 8 ] Such megalomania desires many things; but when I say “desires,” please understand me correctly: this desire does not rise to consciousness; it remains entirely in the subconscious. Such a personality may wish to exert a certain dominant influence over one personality or another, but because it would have to admit that this drive for dominant influence over the other personality stems from vain megalomania, this particular personality does not admit it to itself. Now, naturally unconsciously, they must appeal to those seductive forces that Lucifer is constantly able to exert upon the human soul. And under Lucifer’s unconscious influence, such a personality never comes to say to themselves: What is within me, what generates the desire to dominate others within me, is vain megalomania. They do not say this to themselves; instead, under the influence of Lucifer, they often invent an entire system to explain their feelings, which they sense vaguely but whose true nature they do not wish to admit to themselves. Thus, this person feels certain emotions toward this or that individual, but cannot admit to themselves that they actually wish to dominate this person and cannot do so, perhaps because the person cannot be dominated. So the soul, under the influence of Lucifer, invents a system. It invents the system that the person in question is plotting something evil against them, and imagines in detail the specific things that person is supposedly plotting; they feel persecuted by this or that person. But this entire system of judgments and concepts is a mask; it exists solely to conceal that which is not meant to rise from the inner life of the soul, to shroud it in a veil, a true maya.
[ 9 ] Ein Mann sagte mir einmal über eine Reihe seiner Handlungen, daß er diese Handlungen alle vornehme aus dem eisernsten Pflichtgefühl heraus, aus einer unendlichen Hingabe an die Sache, die er zu vertreten habe. Ich hatte ihm zu erwidern: Dasjenige, was Sie als Meinung haben über die Motive Ihres Vorgehens, Ihres Handelns, das ist ganz und gar nicht maßgebend. Maßgebend für ein Urteil über das Verhalten eines Menschen ist allein die Wirklichkeit, nicht das, was er als Meinung über dieses sein Handeln hat. — Die Wirklichkeit aber zeigte in diesem Falle, : daß die Ursache auch zu diesem Handeln der Trieb, der Hang war, nach einer bestimmten Richtung hin einen bestimmenden Einfluß zu gewinnen. Ich sagte der betreffenden Persönlichkeit ganz offen: Während Sie glauben, unter dem eisernen Pflichtgefühl zu handeln, handeln Sie unter dem Triebe, unter dem egoistischen Drange, Einfluß zu gewinnen, und deuten diese Handlungsweise um in eine rein pflichtgemäße, in eine selbstlose. Sie tun das, was Sie tun, nicht aus dem Grunde, weil es so ist, sondern weil das Ihnen so gefällt, weil das Ihnen eine gewisse Wollust bereitet, also wiederum aus einem egoistischen Triebe heraus.
[ 9 ] A man once told me, regarding a series of his actions, that he had undertaken them all out of the most solemn sense of duty, out of an infinite devotion to the cause he was representing. I had to reply to him: What you think about the motives behind your conduct, your actions, is not at all decisive. The only thing that determines a judgment of a person’s behavior is reality, not what he believes about his own actions. — But reality showed in this case that the cause of this action, too, was the impulse, the inclination, to gain a decisive influence in a certain direction. I told the person in question quite openly: While you believe you are acting out of an iron sense of duty, you are acting out of an impulse, out of a selfish urge to gain influence, and you reinterpret this course of action as purely dutiful, as selfless. You do what you do not because that is the way it is, but because it pleases you, because it gives you a certain pleasure—in other words, again out of a selfish impulse.
[ 10 ] So kann äußerst kompliziert sein das, was in unserer Seele waltet und webt, und was unserer Meinung, unserer Vorstellung über uns selber auch nicht im entferntesten ähnlich ist. Das kann sehr, sehr kompliziert sein. Daß man solches wissen muß, wenn es sich darum handelt, in einer Welt von Wahrheit zu leben, nicht in einer Welt der Maja, das werden Sie von vorneherein zugeben, und daß es auch nötig ist, bisweilen solches in radikaler Weise auszusprechen. Die Gründe, die uns als wirkliche, als wahrhaftige Gründe zu unserem Handeln treiben, die können uns erst allmählich und langsam klar werden, wenn wir wirklich die geheimen Zusammenhänge des Menschen mit der Welt durch die Geisteswissenschaft erkennen lernen.
[ 10 ] Thus, what reigns and weaves within our soul can be extremely complicated, and bears not the slightest resemblance to our opinions or our mental image of ourselves. That can be very, very complicated. You will admit from the outset that one must know this if one is to live in a world of truth, not in a world of maya, and that it is also necessary to express this in a radical way from time to time. The reasons that drive us to act—the real, true reasons—can only gradually and slowly become clear to us as we truly learn to recognize the secret connections between the human being and the world through Spiritual Science.
[ 11 ] Nehmen wir einen ganz bestimmten Fall. Sie werden alle gehört haben, daß es solche Menschen in der Welt gibt, die man Schwätzer nennt. Sie werden alle gehört haben, daß es irgendwo in der Welt Menschen gibt, die Schwätzer genannt werden können. Wenn man solche Schwätzer frägt, warum sie in ihrem Kaffeeklatsche oder sonstwo zusammenkommen und so unendlich viel reden — sie sollen sogar oftmals viel mehr reden, als sie verantworten können —, wenn man solche Menschen frägt, wird man viele Gründe hören, warum sie dies oder jenes besprechen müssen. Man kann Menschen kennenlernen, denen man auf der Straße begegnet, wie sie da- oder dorthin eilen, um schnell dort anzukommen; und wenn man erfährt, was sie vorhaben, so sieht man, daß es oft nur der Drang ist, das eitelste, unnützeste, dümmste Geschwätz dort auszuführen. Wenn man solche Persönlichkeiten nach den Gründen fragt, so werden diese Gründe oftmals außerordentlich schön, nett, herrlich klingen, mindestens werden sie aber sehr geeignet sein, den wahren Sachverhalt eigentlich zu verhüllen. Nun wollen wir einmal auf diesen wahren Sachverhalt hindeuten.
[ 11 ] Let’s take a very specific case. You’ve all heard that there are people in the world who are called chatterboxes. You’ve all heard that somewhere in the world there are people who can be called chatterboxes. If you ask such chatterboxes why they gather at their coffee klatches or elsewhere and talk so endlessly—they are even said to talk far more than they can account for—if you ask such people, you will hear many reasons why they must discuss this or that. You can meet people on the street who are hurrying here or there to get there quickly; and when you find out what they’re up to, you see that it’s often just the urge to engage in the most vain, useless, and foolish chatter there. If one asks such individuals for their reasons, these reasons will often sound extraordinarily beautiful, nice, and wonderful; at the very least, however, they will be very effective at actually concealing the true facts. Now let us point to these true facts.
[ 12 ] Was geschieht denn, wenn wir schwätzen — wenn wir reden, geschieht selbstverständlich dasselbe —, was geschieht denn da? Nun, sehen Sie, da setzen wir durch unsere Atmungsorgane, durch unsere Sprachorgane, die Luft in eine den Formen der Worte entsprechende Bewegung. Wir erzeugen in uns jene physischen Wellen, und selbstverständlich auch die entsprechenden Ätherwellen, denn indem wir sprechen, geht ja immer in dem Ätherleib etwas sehr Bedeutsames vor. Wir erzeugen physische Wellen, die Luftwellen, und dann die Ätherwellen, die unseren Worten entsprechen, die unseren Worten Ausdruck verleihen. Stellen Sie sich das einmal ganz genau vor: Während Sie so sitzen — nein, Sie nicht, pardon! während ein Mensch so sitzt und das Kaffeetäßchen vor ihm auf dem Tische steht, da setzt er einen ganzen inneren Organimus in Bewegung, jenen inneren Organismus, der da entspricht der Ausdrucksform, der äußeren physischen und ätherischen Ausdrucksform seiner Worte. Er hat da in der Tat etwas, was wellt und webt, in sich; das erzeugt er in sich, aber das verspürt er auch, das empfindet er. Dieses Sich-Bewegen des physischen und Ätherleibes empfindet er, weil der Astralleib und das Ich fortwährend daran stoßen. Der Astralleib stößt fortwährend an die Ätherwelle und wird die Ätherwelle gewahr, und das Ich stößt sogar fortwährend an die physische Welle der Luft, so daß Astralleib und Ich fortwährend, während wir sprechen, etwas berühren, etwas angreifen.
[ 12 ] What happens, then, when we chatter—when we speak, of course the same thing happens—what happens then? Well, you see, through our respiratory organs, through our speech organs, we set the air in motion in a way that corresponds to the forms of the words. We generate those physical waves within us, and of course also the corresponding etheric waves, for when we speak, something very significant is always taking place in the etheric body. We generate physical waves—the air waves—and then the etheric waves that correspond to our words, that give expression to our words. Just imagine this very clearly: While you sit there like this—no, not you, pardon me!—while a person sits there like this with a coffee cup on the table in front of them, they set a whole inner organism in motion, that inner organism which corresponds to the form of expression, the outer physical and etheric form of expression of their words. He indeed has something within him that undulates and weaves; he generates this within himself, but he also senses it, he feels it. He feels this movement of the physical and etheric bodies because the astral body and the ego are constantly interacting with them. The astral body is constantly bumping against the etheric wave and becomes aware of it, and the ego is even constantly bumping against the physical wave of the air, so that the astral body and the ego are constantly, while we speak, touching something, coming into contact with something.
[ 13 ] In diesem Berühren, in diesem Angreifen werden wir unseres Ich und unseres Astralleibes gewahr, und das ist das höchste Wohlgefühl des Menschen: wenn er sich selbst genießen kann. In diesem Berühren des Astralleibes und des Ich mit dem Ätherleib und dem physischen Leib geht in der Tat etwas Ähnliches vor, wie im kleinen, wenn das Kind an dem Bonbon schleckt, denn das Erfreuliche, Sympathische des Bonbonschleckens besteht ja darin, daß der Astralleib sich berührt mit dem, was im physischen Leib vorgeht, und der Mensch so seiner selbst gewahr wird. Man wird ja seiner selbst gewahr in diesem Vorgang, man genießt sich selbst.
[ 13 ] In this contact, in this interaction, we become aware of our ego and our astral body, and this is the highest sense of well-being a human being can experience: when they can enjoy themselves. In this contact between the astral body and the ego with the etheric body and the physical body, something similar indeed takes place to what happens on a small scale when a child licks a candy, for the joy and pleasure of licking candy lies in the fact that the astral body comes into contact with what is happening in the physical body, and the human being thus becomes aware of himself. One becomes aware of oneself in this process; one enjoys oneself.
[ 14 ] Selbstgenuß ist es in Wahrheit, zu dem diejenigen hineilen, die sich vor das Kaffeetäßchen hinsetzen, um so recht einmal eine Stunde, zwei Stunden zu verschwätzen. Selbstgenuß ist es also, was der Mensch da sucht.
[ 14 ] In truth, it is self-indulgence that draws those who sit down with a cup of coffee to chat away for an hour or two. It is self-indulgence, then, that people are seeking there.
[ 15 ] Diese Dinge kann man nicht gewahr werden, wenn man nicht weiß, daß der Mensch eigentlich ein viergliedriges Wesen ist, und daß bei allen Betätigungen in der äußeren Welt alle vier Glieder mitbeschäftigt sind.
[ 15 ] One cannot become aware of these things unless one knows that human beings are actually fourfold beings, and that all four aspects are engaged in every activity in the outer world.
[ 16 ] Es kann noch etwas anderes vorliegen in verschiedener Weise. Wir haben aus dem eben angeführten Schwatzbeispiel gesehen, wie der Mensch den Trieb hat, sich selbst zu genießen durch das Anstoßen seines Astralleibes und seines Ich an den Ätherleib und den physischen Leib. Aber der Mensch hat auch oftmals das Bedürfnis, mit seinem Astralleib bloß anzustoßen an den Ätherleib. Da muß der Ätherleib in einer gewissen Weise Bewegung erzeugen, innere Tätigkeit erzeugen, damit der Astralleib daran stoßen kann. Solche Dinge vollziehen sich noch viel mehr im Unterbewußten als andere Dinge. Es liegt ein Trieb im Menschen, mit seinem Astralleib — dessen ist er sich ja nicht bewußt — an den Ätherleib anzustoßen. Bei den kuriosesten Sachen lebt sich dieser Trieb aus: Wir erleben es, daß der eine oder andere junge Mann — in der neueren Zeit soll es auch schon bei jungen Damen vorkommen —, daß der oder jener junge Mann nicht ruhen kann, bis er gedruckt ist. Das ist zuweilen ein ungeheuer wohliges Gefühl, sich gedruckt zu sehen, aber hauptsächlich ist es deshalb ein wohliges Gefühl, weil man bei diesem Sich-gedruckt-Sehen einer allerärgsten Illusion sich hingibt, nämlich der, daß man auch gelesen wird! Nun, das letztere ist ja nicht immer der Fall, daß man auch gelesen wird, wenn man gedruckt ist, aber man glaubt es zum mindesten, und das bereitet ein ungeheuer wohliges Gefühl. Und mancher junge Mann, und wie gesagt, auch manche junge Dame, sie können es nicht aushalten, sind immerfort beunruhigt, bis sie gedruckt sind. Was bedeutet das?
[ 16 ] There may be something else at work in various ways. We have seen from the example just given how human beings have an instinct to derive pleasure from the contact of their astral body and their ego with the etheric body and the physical body. But human beings also often feel the need to simply touch their etheric body with their astral body. In this case, the etheric body must, in a certain way, generate movement, generate inner activity, so that the astral body can touch it. Such things take place much more in the subconscious than other things. There is an impulse in human beings to touch their etheric body with their astral body—of which they are, of course, unaware. This impulse manifests itself in the most curious ways: we observe that one or another young man—and in recent times it is said to occur among young women as well—that this or that young man cannot rest until he has been pressed against someone. It is sometimes an immensely pleasant feeling to see oneself in print, but it is mainly a pleasant feeling because, in seeing oneself in print, one indulges in one of the worst illusions of all, namely, that one is also being read! Well, the latter is not always the case—that one is actually read when one is in print—but one believes it at the very least, and that produces an immensely pleasant feeling. And many a young man, and as I said, many a young woman as well, cannot bear it; they are constantly anxious until they are in print. What does that mean?
[ 17 ] Ja, sehen Sie, das bedeutet, daß, wenn wir gedruckt sind und wirklich gelesen werden — was ja bekanntlich heutzutage nur in den seltensten Fällen geschieht —, dann gehen unsere Gedanken in andere Menschen über, dann leben unsere Gedanken in anderen Menschenseelen weiter. Aber diese Gedanken leben in den Ätherleibern der anderen Menschen. Bei uns selbst aber setzt sich der Gedanke fest: Das, was du selber in deinem Ätherleib als Gedanke hattest, das lebt jetzt draußen in der Welt. Man hat das Gefühl, da draußen in der Welt, da leben unsere eigenen Gedanken. Wenn sie wirklich da draußen leben, wenn sie wirklich da draußen vorhanden sind, das heißt mit anderen Worten, wenn wirklich unser Gedrucktes auch gelesen wird, dann übt es einen Einfluß aus auf unseren eigenen Ätherleib, und dann stoßen wir an das, was da draußen in der Welt lebt. Indem es in unserem eigenen Ätherleib lebt, stoßen wir_ zusammen mit unserem eigenen Astralleib. Das ist ein ganz anderes Zusammenstoßen, als wenn wir nur mit unseren eigenen Gedanken zusammenstoßen; dazu hat ja der Mensch nicht immer die Kraft, weil diese Gedanken mit einer gewissen Energie geholt werden müssen aus der eigenen Wesenheit. Wenn aber die Gedanken draußen leben, wenn wir das Bewußtsein haben können: da draußen leben die Gedanken, die von dir stammen —, dann stößt unser Astralleib, wenigstens in unserem Glauben, zusammen mit dem, was von uns in der Außenwelt ist. Das ist aber ein eminenter Selbstgenuß. Dieser Selbstgenuß liegt aller Ruhmessucht, aller Sucht nach Bekanntwerden, aller Sucht nach Geltunghaben in der Welt zugrunde. Diesem Trieb nach Selbstgenuß liegt nichts anderes zugrunde als ein Bedürfnis, mit unserem Astralleib auf objektive Gedanken unseres Ätherleibes aufzustoßen und uns so selbst gewahr zu werden im Aufstoßen. Sie sehen, welch komplizierter Vorgang, ein Vorgang zwischen Astralleib und Ätherleib, zugrunde liegt bei dem, was eine gewisse Rolle spielt in der äußeren Welt.
[ 17 ] Yes, you see, that means that when we are published and actually read—which, as we know, happens only very rarely these days—our thoughts pass into other people, and our thoughts live on in other human souls. But these thoughts live in the etheric bodies of other people. But within ourselves, the thought takes root: what you yourself had as a thought in your etheric body now lives out there in the world. One has the feeling that out there in the world, our own thoughts are living. If they truly live out there, if they truly exist out there—in other words, if what we have printed is actually read—then it exerts an influence on our own etheric body, and then we come into contact with what lives out there in the world. Because it lives in our own etheric body, we collide with it—together with our own astral body. This is a very different kind of collision than when we merely collide with our own thoughts; after all, human beings do not always have the strength for that, because these thoughts must be drawn from one’s own being with a certain energy. But when thoughts live out there, when we can have the awareness: out there live the thoughts that originate from you—then our astral body, at least in our belief, collides with what of us is in the outer world. But this is an eminent self-indulgence. This self-indulgence underlies all craving for fame, all craving to become known, all craving for recognition in the world. Underlying this drive toward self-indulgence is nothing other than a need to collide with our astral body against the objective thoughts of our etheric body and thus to become aware of ourselves in the collision. You see what a complex process—a process between the astral body and the etheric body—lies at the root of what plays a certain role in the outer world.
[ 18 ] Diese Dinge werden ja selbstverständlich nicht gesagt, um sie gleichsam als Vogelscheuche der moralischen Menschheitsbeurteilung vor Ihre Seele hinzustellen. Das sollen sie gewiß nicht sein, denn alles das, was jetzt angeführt worden ist, gehört zu den ganz normalen Eigentümlichkeiten des Lebens. Es ist einfach selbstverständlich, daß, indem wir reden, wir uns auch selbst genießen, auch wenn das Reden nicht in Schwatzen besteht. Es ist auch ganz selbstverständlich, daß, wenn wir nicht aus Ruhmessucht, sondern weil wir uns verpflichtet fühlen, der Welt etwas zu sagen, etwas drucken lassen, wir auch an die Gedanken unseres Ätherleibes stoßen; dann ist derselbe Vorgang vorhanden. Man darf also nicht etwa den Schluß ziehen, daß man diese Vorgänge immer fliehen solle, daß man diese Vorgänge absolut immer als etwas Unmoralisches anzusehen habe, denn ich meine all das nur symbolisch. Wenn der Mensch all dasjenige fliehen sollte, was von luziferischer und ahrimanischer Seite auf ihn eindringt, so müßte er — ich meine das symbolisch —, sobald er das gewahr wird, aus seiner Haut fahren. Es ist ganz selbstverständlich, daß Luzifer und Ahriman keine anderen Wirksamkeiten auf uns ausüben als die, die auch vollberechtigte normale Wirksamkeiten im Menschenleben sind, nur daß Luzifer und Ahriman sie verstellt ausführen, wie ich es ja in verschiedenen Vortragszyklen zum Ausdruck gebracht habe.
[ 18 ] Of course, these things are not mentioned in order to hold them up before your soul as a scarecrow, so to speak, to ward off humanity’s moral judgment. They are certainly not meant to be that, for everything that has just been mentioned is part of the perfectly normal peculiarities of life. It is simply a matter of course that, as we speak, we also enjoy ourselves, even if the speaking does not consist of idle chatter. It is also quite natural that when we have something printed—not out of a desire for fame, but because we feel obligated to say something to the world—we also come into contact with the thoughts of our etheric body; then the same process is at work. One must not, therefore, conclude that one should always flee from these processes, that one must always regard these processes as something immoral, for I mean all this only symbolically. If a person were to flee from everything that impinges upon them from the Luciferic and Ahrimanic sides, they would have to—I mean this symbolically—jump out of their skin the moment they become aware of it. It goes without saying that Lucifer and Ahriman exert no other influences on us than those that are also fully legitimate, normal influences in human life; it is only that Lucifer and Ahriman carry them out in a distorted manner, as I have indeed expressed in various lecture cycles.
[ 19 ] Wenn Sie sich aber das alles vor die Seele führen, dann werden Sie sehen, wie unendlich mannigfaltig, wie unendlich kompliziert jene Fäden sind im Leben, welche von Menschenseele zu Menschenseele spielen, und welche von der Menschenseele hinaus wiederum in die Welt spielen, wie unendlich kompliziert das alles ist. Aber zugleich werden Sie sich sagen, wie wenig, wie gar wenig der Mensch mit dem, was er wahrnimmt und vorstellt, über dies sein Verhältnis zum Menschen und zur Welt wirklich weiß. Was wir uns vorstellen von uns, es ist wirklich ein ganz kleiner Ausschnitt von dem, was wir erleben. Und diese Vorstellung ist zumeist eine Maja. Nur indem wir uns die Geisteswissenschaft zu einem wirklichen Lebensgut, nicht zu einer Theorie machen, kommen wir eigentlich hinter die Maja, können wir uns einigermaßen aufklären über das, was im Grunde genommen fortwährend in uns spielt. Aber dadurch, daß wir nur einen kleinen, noch dazu meist unwahren Ausschnitt haben von dem Gewebe, in das wir eingesponnen sind in bezug auf die Welt, werden die Dinge ja nicht anders; die Dinge sind doch so, wie sie sind. Alle diese verborgenen Kräfte, dieses verborgene Gewebe von Menschenseele zu Menschenseele, von dem Menschen zu den verschiedenen Agenzien der Welt, all das ist da, all das spielt in jeder Minute des Schlafens und Wachens in die Menschenseele herein. Und wieviel zu tun ist, um zu einer wirklichen Erkenntnis der Menschenwesenheit zu kommen, das werden Sie daraus ermessen.
[ 19 ] But if you bring all this to mind, you will see how infinitely varied, how infinitely complex those threads in life are that run from one human soul to another, and that extend from the human soul back out into the world—how infinitely complex it all is. But at the same time, you will realize how little—how very little—human beings truly know about their relationship to other people and to the world through what they perceive and imagine. What we imagine about ourselves is really only a tiny fragment of what we experience. And this mental image is mostly a maya. Only by making Spiritual Science a true asset in our lives, rather than a theory, can we actually see beyond the maya; only then can we gain some understanding of what is, in essence, constantly at work within us. But the fact that we have only a small, and moreover mostly untrue, fragment of the fabric into which we are woven in relation to the world does not change things; things are still as they are. All these hidden forces, this hidden web from human soul to human soul, from human beings to the various agencies of the world—all of this is there, all of this plays into the human soul every minute of sleep and wakefulness. And you will be able to gauge from this how much work is required to arrive at a true understanding of the human being.
[ 20 ] Aber es gehört zu den Gefühlsnuancen, die wir brauchen, wenn wir richtig empfinden wollen über dasjenige, was nicht der irdischen Inkarnation, sondern der Ewigkeit angehört, daß wir solche Betrachtungen anstellen, wie wir sie eben angestellt haben. Denn dadurch, daß wir solche Empfindungsnuancen uns verschaffen, werden wir gewahr, worauf die Konflikte, die im Leben auftreten, eigentlich beruhen. Diese Konflikte, die das Leben hereinbringt und die mit Recht Inhalt der Dichtung und der übrigen Kunst werden, diese Konflikte beruhen eben darauf, daß eine unbekannte, verborgene Welle der Zusammengehörigkeit ausgedehnt ist, in der wir schwimmen im Leben, und daß nur ein kleiner Ausschnitt zu unserem Bewußtsein kommt, und dieser Ausschnitt zumeist noch schief ist.
[ 20 ] But it is one of the emotional nuances we need if we are to truly feel what belongs not to earthly incarnation but to eternity—namely, that we engage in reflections such as those we have just made. For by cultivating such emotional nuances, we become aware of what the conflicts that arise in life are actually based upon. These conflicts, which life brings about and which rightly become the subject matter of poetry and other art forms, are based precisely on the fact that an unknown, hidden wave of togetherness extends, in which we swim through life, and that only a small fragment reaches our consciousness, and this fragment is usually still distorted.
[ 21 ] Aber leben können wir nicht nach diesem kleinen Ausschnitt, leben müssen wir mit unserer ganzen Seele nach den großen, mannigfaltigen Verzweigungen, die im Leben sind. Und damit kommen die Konflikte. Wie soll der kleine Ausschnitt, der dann noch schief ist in vielen Fällen, wie soll der sich in ein richtiges Verhältnis stellen zum Menschenleben, wie soll der richtig verstehen, was eigentlich im Menschenleben vorliegt? Weil er es nicht kann, so kommt es vor, daß der Mensch mit dem Leben in Konflikt geraten muß. Aber da, wo die Wirklichkeit spielt, da spielt auch die Wahrheit. Die Wirklichkeit richtet sich nicht nach den Vorstellungen, die wir uns von dieser Wirklichkeit machen. Und in dem Augenblick, wo irgendwie Gelegenheit ist, daß die Wirklichkeit hereinspielt, da sehen wir auch in unzähligen Fällen, wie diese Wirklichkeit, ich möchte sagen, oftmals erbarmungslos unsere Vorstellungsmaja korrigiert. Und diese Art der Korrektur, welche die Wirklichkeit unserer Vorstellungsmaja angedeihen läßt, die bietet die bedeutendsten Vorwürfe für die Kunst, für die Dichtung.
[ 21 ] But we cannot live according to this small fragment; we must live with our whole soul according to the vast, manifold ramifications that exist in life. And with that come the conflicts. How can this small fragment—which is, in many cases, distorted—how can it relate properly to human life? How can it truly understand what human life actually entails? Because it cannot, it happens that human beings inevitably come into conflict with life. But where reality plays out, there truth also plays out. Reality does not conform to the mental images we form of it. And the moment there is some opportunity for reality to come into play, we see in countless cases how this reality—I would say—often mercilessly corrects our conceptual Maya. And this kind of correction that reality bestows upon our conceptual Maya provides the most significant challenges for art, for poetry.
[ 22 ] Ich möchte, gemäß dem Gedankengang der heutigen Betrachtung, jetzt von etwas Künstlerischem ausgehen, zunächst von etwas Dichterischem, um dann einzumünden in dem morgigen Vortrag in eine Betrachtung über das Leben zwischen Tod und neuer Geburt und dann am Sonntag im weiteren Sinn zu dem Künstlerischen, das mit unserem Bau zusammenhängt, kommen.
[ 22 ] In keeping with the line of thought in today’s reflection, I would now like to begin with something artistic—specifically, something poetic—so that tomorrow’s lecture can lead into a reflection on life between death and new birth, and then, on Sunday, move on to the artistic aspects related to our building in a broader sense.
[ 23 ] Ich möchte nicht von etwas beliebig Künstlerischem ausgehen, sondern von etwas, das im eminentesten Sinne veranschaulicht dasjenige, was ich Ihnen als Erkenntnis der Wirklichkeit des geistigen Lebens darzustellen haben werde. Aber das Beispiel, das ich wähle, wähle ich aus dem Grunde, weil wirklich einmal in einem ausgezeichneten kleinen Kunstwerke die Wirklichkeit getroffen ist. Das kann nur der Okkultist beurteilen, ob das geschehen ist, weil wir an dem kleinen Kunstwerke sehen, wie da, wo der Mensch als Künstler in die tieferen Probleme des Lebens einzudringen versucht, er oftmals gar nicht anders kann als die okkulten Seiten des Lebens berühren, die in den Konflikten, von denen ich gesprochen habe, aus den Untergründen wellenartig heraufspielen in das Leben, das wir dann mit unserer Bewußtseinsmaja oftmals so wenig tief durchdringen.
[ 23 ] I do not wish to start from something merely artistic, but from something that, in the most eminent sense, illustrates what I am to present to you as an understanding of the reality of spiritual life. But I choose the example I have chosen for the reason that reality is truly captured in an excellent little work of art. Only the occultist can judge whether this has happened, because we see in the little work of art how, when the human being as an artist attempts to penetrate the deeper problems of life, he often has no choice but to touch upon the occult aspects of life, which, in the conflicts I have spoken of, surge up from the depths like waves into the life that we, with our veil of consciousness, so often fail to penetrate deeply.
[ 24 ] Dasjenige, was künstlerisch-okkultistisch mir wichtig ist, das ist eigentlich erst am Schlusse einer Novelle enthalten, von der ich bloß wie von einem Beispiel sprechen will. Deshalb will ich den Anfang nur erzählend skizzieren und dann die Schlußworte vorlesen. Es handelt sich darum, nicht bloß von einer Dichtung zu sprechen, sondern von dieser Dichtung deshalb zu sprechen, weil hier ein Dichter einmal dasjenige, was sein könnte, nach wahrsten okkulten Gesetzen eben zur Darstellung gebracht hat.
[ 24 ] What is artistically and occultly important to me is actually contained only at the end of a novella, which I wish to discuss merely as an example. Therefore, I will only sketch out the beginning in narrative form and then read the closing lines. The point is not merely to speak of a work of fiction, but to speak of this work of fiction precisely because here a poet has, in accordance with the truest occult laws, brought to life that which could be.
[ 25 ] Da die Novelle schon in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts geschrieben ist, so werden Sie aus. den Tatsachen, die ich anzuführen habe, entnehmen, wie im menschlichen Bewußtsein eigentlich immer in einer gewissen Weise sich gespiegelt hat, sich vorbereitet hat dasjenige, wovon wir als Geisteswissenschaft sprechen, was in unsere Kulturbewegung der Erde notwendigerweise kommen muß, und wie das, was durch die Geisteswissenschaft zum volleren Bewußtsein kommen soll, sich wenigstens unbewußt in mancher Seele gespiegelt hat. Vielleicht hat eine solche Seele auch schon etwas davon gewußt, aber weil die Zeit noch nicht reif war, sich nicht getraut, dieses Wissen in einer anderen Weise zum Ausdruck zu bringen als in der anspruchslosen Form der Dichtung. Verzeiht man doch in der Gegenwart viel eher, wenn jemand okkulte Tatsachen in Novellenform oder in Dichtungsform vorbringt. Das verzeiht man auch im materialistischen Zeitalter viel eher, als wenn jemand direkt mit der Wahrheit auftritt und sagt, daß diese Dinge Realitäten sind. Wenn sie sich sagen können: Na, das ist ja nur erdichtet —, dann nehmen die Leute noch manchmal die Dinge hin.
[ 25 ] Since the novella was written as early as the 1860s, you will see from the facts I am about to present, you will see how what we refer to as Spiritual Science—that which must necessarily come into our cultural movement on Earth—has in a certain way always been reflected and prepared for in human consciousness, and how that which is to come into fuller consciousness through Spiritual Science has been reflected, at least unconsciously, in many a soul. Perhaps such a soul already knew something of it, but because the time was not yet ripe, did not dare to express this knowledge in any other way than in the unassuming form of poetry. After all, people are much more forgiving nowadays when someone presents occult facts in the form of a novella or poetry. Even in this materialistic age, people are much more forgiving of that than if someone were to come forward directly with the truth and say that these things are realities. If they can tell themselves, “Well, that’s just fiction,” then people will sometimes still accept these things.
[ 26 ] Die Novelle enthält etwa das Folgende. Sie ist geschrieben, wie wenn eine der Personen, von denen die Novelle handelt, selber erzählen würde. Es ist eine sogenannte «Ich-Novelle». Der Betreffende erzählt, wie er befreundet ist mit Mademoiselle Manon de Gaussin — die Novelle spielt in Paris —, und wie er zu einer gewissen Zeit Tag für Tag verkehrt in dem Hause jener Mademoiselle de Gaussin, die eine gefeierte Sängerin ist. Er erzählt, wie er dort die verschiedensten Menschen, Bewunderer der betreffenden Herrin des Hauses kennenlernt, unter anderem auch einen Menschen, welcher im Grunde genommen immer da ist, wenn man in den Salon der Mademoiselle de Gaussin kommt. Aber derjenige, der das erzählt, was in der Novelle vorgeht, bemerkt, daß der Betreffende mehr als bloß freundschaftliche Gefühle zu der Dame hat, und er wird auch gewahr, daß diese Gefühle nicht von der Sängerin erwidert werden. Und das, was sich da abspielt, abspielt in der mannigfaltigsten Weise, das ist eigentlich ein Konflikt, der dadurch entsteht, daß ein die Sängerin glühend Liebender da ist, dessen Liebe nicht erwidert wird, der aber auch nicht einfach abgestoßen wird, der eigentlich im Grund genommen immer mehr und mehr herangezogen wird, der dadurch aber immer mehr und mehr in Unruhe, in Aufregung hineinkommt.
[ 26 ] The novella is roughly as follows. It is written as if one of the characters in the story were narrating it themselves. It is what is known as a “first-person novella.” The narrator recounts how he is friends with Mademoiselle Manon de Gaussin—the novella is set in Paris—and how, for a certain period, he visits the home of Mademoiselle de Gaussin, who is a celebrated singer, day after day. He describes how he meets a wide variety of people there—admirers of the lady of the house—including a man who is, in fact, always present whenever one enters Mademoiselle de Gaussin’s salon. But the narrator of the novella’s events notices that this man harbors more than just friendly feelings toward the lady, and he also realizes that these feelings are not reciprocated by the singer. And what is unfolding there, unfolding in the most manifold ways, is actually a conflict that arises from the fact that there is a man who ardently loves the singer, whose love is not reciprocated, but who is also not simply rejected, who is actually, at the very least, drawn to her more and more, but who thereby becomes increasingly restless and agitated.
[ 27 ] Dies bemerkt derjenige, der da erzählt, was in der Novelle geschildert wird, der nicht der Autor der Novelle ist — es ist eine sogenannte «Ich-Novelle» —, und er meint es gut mit dem ‘anderen. Man muß noch erwähnen, daß das eigentliche Ich der Novelle verlobt ist und sich in den nächsten Wochen verheiraten will, so daß ausgeschlossen ist, selbstverständlich, daß eine Eifersucht vorliegen würde. Das Ich der Novelle meint es gut mit dem anderen und stellt ihm eines Tages vor, wie die Dinge liegen. Dadurch werden dem anderen gleichsam die Augen geöffnet, und er fühlt sich gedrängt, eine Aussprache mit der Sängerin herbeizuführen. Diese Aussprache hat zur Folge, daß er das Haus verläßt und sich zurückzieht in eine Gegend außerhalb der Stadt. Aber trotzdem er versprochen hat, nicht mehr an diese Dame zu denken, die Dame zu vergessen und sich mit allem möglichen anderen zu beschäftigen: er ist nicht mehr fähig dazu, ist nicht mehr fähig, aus dieser Unruhe herauszukommen. Die Gedanken spielen immer wieder und wieder, die während seiner Bekanntschaft mit der Dame gespielt haben. Er verläßt die Stadt und wohnt einige Zeit draußen. In dieser Zeit hat sich das Ich der Novelle vermählt, mußte dann eine Reise unternehmen. Auf dieser. Reise trifft er den anderen, trifft ihn in einem furchtbaren Zustand in einem Hotel. Der andere erzählt — das kommt heraus, während sie sprechen —, wie er sich eben zurückgezogen hat von Paris, wie er eine Weile versucht hat, allein zu leben, wie er dann einen Ausritt unternahm nach außerhalb seines Gutes, wie er unglücklicherweise gerade die Reisegesellschaft der Dame, die auch außerhalb von Paris war, getroffen hat, wie alle Gefühle wieder aufgelebt sind, und wie er jetzt eigentlich mit zwei Revolvern herumgeht, um seinem Leben bei der ersten Gelegenheit ein Ende zu machen.
[ 27 ] This is noted by the narrator of the novella—who is not the author of the novella (it is a so-called “first-person novella”)—and he means well by the “other.” It should also be mentioned that the actual “I” of the novella is engaged and intends to marry in the coming weeks, so that it is, of course, out of the question that there could be any jealousy. The “I” of the novella means well by the other man and one day explains the situation to him. This, as it were, opens the other man’s eyes, and he feels compelled to have a talk with the singer. This confrontation results in him leaving the house and retreating to an area outside the city. But even though he has promised not to think of this lady anymore, to forget her, and to occupy himself with all sorts of other things: he is no longer capable of doing so, is no longer able to escape this turmoil. The thoughts that had occupied him during his acquaintance with the lady keep running through his mind again and again. He leaves the city and lives outside it for some time. During this time, the protagonist of the novella has married and then had to undertake a journey. On this journey, he meets the other man, finding him in a terrible state in a hotel. The other man tells him—this comes out as they speak—how he has just withdrawn from Paris, how he tried for a while to live alone, how he then took a ride outside his estate, how he unfortunately happened to encounter the lady’s traveling party, who were also outside Paris, how all his feelings were rekindled, and how he is now actually carrying two revolvers around with him, intending to end his life at the first opportunity.
[ 28 ] Das Ich der Novelle meint es mit diesem anderen noch immer gut und lädt ihn zu sich, dahin wo er sich ein Heim gegründet hat: er hofft, ihn auf andere Gedanken bringen zu können. Der Betreffende folgt der Einladung, die geeignet wäre, ihm ein sympathisches Milieu in dem gastlichen Hause zu gewähren. Er kann aber nicht zu sich kommen, er kommt vielmehr immer weiter und weiter herunter und ist endlich soweit, daß er den Selbstmord beschlossen hat. Die beiden Freunde sprechen miteinander, und das Ich der Novelle bringt es dahin, daß der andere wenigstens einen kleinen Aufschub gewährt. Das Ich der Novelle sagt, er müsse verreisen, und weil er nicht sagen wollte: Warte solange, bis ich zurückkomme — das würde der andere vielleicht nicht getan haben, er würde sich inzwischen erschossen haben —, nimmt er ihm ein für den anderen bindendes Versprechen ab. Er sagt: Schütze meine Frau, bis ich zurückkommen werde.
[ 28 ] The narrator of the novella still means well by this other man and invites him to his home, where he has made a life for himself: he hopes to take his mind off things. The man in question accepts the invitation, which would seem to offer him a pleasant environment in the hospitable home. But he cannot pull himself together; rather, he sinks deeper and deeper into despair and finally reaches the point where he has decided to commit suicide. The two friends talk, and the narrator of the novella manages to persuade the other man to grant at least a brief reprieve. The narrator of the novella says he must go away, and because he did not want to say, “Wait until I return”—the other man might not have done so; he might have shot himself in the meantime—he extracts a promise from him that is binding on the other. He says: “Protect my wife until I return.”
[ 29 ] Er reist, nachdem der andere das Versprechen gegeben hat, nunmehr nach Paris, mit dem Gedanken, die Sängerin zu veranlassen, auf das Land hinauszukommen, damit irgend etwas geschehen könne, was den Freund aus der elenden Situation herausbringe. Er fährt also in die Stadt und kommt mit der Sängerin zurück aufs Land hinaus. Sie fahren zu dem Zaune des Landhauses des Ich der Novelle. In dem Moment, wo der Zaun es gestattet, bemerkt das Ich der Novelle, wie ein Mensch, der an dem Tore gestanden hatte, nun zurückgelaufen ist. Sie fahren weiter auf das Haus zu, da fällt ein Schuß. Der andere hat sein Versprechen gehalten, die Frau getreulich bewacht. Er hat aber einen Wächter aufgestellt, der ihm sofort melden sollte, wenn der Reisende zurückkomme. Der sagt ihm: Jetzt kommt er zurück. — Da hat er sich erschossen.
[ 29 ] After the other man has made the promise, he travels to Paris, intending to persuade the singer to come out to the country so that something might happen to rescue his friend from his miserable situation. So he goes to the city and returns to the country with the singer. They drive up to the fence of the narrator’s country house. Just as the fence allows them to pass, the narrator notices a man who had been standing at the gate running back. They continue toward the house, and then a shot rings out. The other man has kept his promise, faithfully guarding the woman. But he has posted a sentry to report to him immediately if the traveler returns. The sentry tells him: “He’s coming back now.” — And then he shot himself.
[ 30 ] So bringt das Ich der Novelle die Sängerin nun ins Haus, und von diesem Punkte an will ich Ihnen die Worte nun lesen.
[ 30 ] So the narrator of the novella now brings the singer into the house, and from this point on I will read the text to you.
«... Am Abend erreichten wir das Schloß. Es fiel mir auf, daß, als ich in den Park einfuhr, ein Bauer, welcher uns erwartete, mit Blitzesschnelle auf das Schloß zulief und daß, als wir kaum die halbe Allee durchfahren, ein Schuß fiel. So sehr war ich indes von dem Gelingen meiner Unternehmung erfüllt, daß mir gar nicht in den Sinn kam, was er bedeute. Die Überraschung sollte mir nicht lange vorenthalten bleiben; wir fuhren vor, es kam niemand herbei; der Kutscher knallte, ich sprang heraus, die Gaussin mir nach; das erste, was wir hören, ist der Schrei der Kammerjungfer meiner Frau, welche totenbleich auf uns zukommt und mit dem Ausruf: «Er hat sich totgeschossen» vor uns niedersank. Wir eilten nach dem Zimmer des Marquis, die Stube war voll Menschen, ich wies sie alle hinaus, schloß die Tür und stand mit Manon allein neben der Leiche des jungen Mannes, die auf der Erde lag. Sie sah ihn einige Momente starr an, darauf stieß sie einenSchrei aus, sank in die Knie und neben ihm zu Boden. Ohnmächtig ward sie nicht. Sie ergriff seine Hände, legte die ihren auf seine Stirn — er hatte die Wunde mitten in der Brust —, sah zu mir auf, zu ihm nieder und fing plötzlich mit lauter Stimme zu singen an. Daserfülltemich mit Grausen; ich glaubte, sie wäre wahnsinnig geworden.
“... We reached the castle in the evening. It struck me that, as I drove into the park, a farmer who had been waiting for us ran toward the castle at lightning speed, and that, as soon as we had driven halfway down the avenue, a shot rang out. However, I was so filled with the success of my undertaking that it did not even occur to me what it might mean. The surprise was not to be kept from me for long; we drove up, no one came out; the coachman cracked his whip, I jumped out, the maid followed me; the first thing we heard was the scream of my wife’s chambermaid, who came toward us deathly pale and, with the cry, ‘He has shot himself,’ sank down before us. We rushed to the Marquis’s room; the room was full of people. I sent them all out, closed the door, and stood alone with Manon beside the young man’s body, which lay on the floor. She stared at him for a few moments, then let out a scream, sank to her knees, and fell to the floor beside him. She did not faint. She took his hands, placed hers on his forehead—he had a wound right in the middle of his chest—looked up at me, down at him, and suddenly began to sing in a loud voice. This filled me with horror; I thought she had gone mad.
Unterdessen kam einer meiner Verwalter herbei, welcher etwas Arzneikunst verstand und gewöhnlich das Amt eines Doktors versah, wo nicht viel zu riskieren war. Nie werde ich den Todesschrecken vergessen, der sich auf seinem Gesichte malte, als er das Paar erblickte, den toten Marquis und die singende Gaussin daneben. Sie schwieg jetzt, stand auf, sah mich noch einmal lange an und verließ das Zimmer. Ich folgte ihr nach, um ihre Befehle entgegenzunehmen. Sie sagte: «Ich muß ein Zimmer für mich allein haben! Ich führte sie in das erste beste, ließ ihre Kammerjungfer holen und eilte zu meiner Frau. Ich hörte zu meinem Glück, daß sie auf einem Spaziergange begriffen sei, ging ihr entgegen und teilte ihr das Geschehene mit. Da wir beide oft über den Marquis gesprochen und unter allen Möglichkeiten auch ein solches Ende sattsam erwogen hatten, war sie weniger erschrocken als betrübt. Ich geleitete sie zum Schlosse und gab wegen des Marquis meine Befehle. Die Leiche hatte man aufs Bert gelegt, sein Bedienter saß daneben und weinte bitterlich, indem er sprach: «Mein Herr sagte mir, er dürfe sich nicht eher totschießen, als bis Sie wieder da wären. Das beruhigte mich. Da hat er heimlich mit dem Jean ausgemacht, dieser sollte aufpassen auf den Wagen. Das hat er nun getan, und kaum kommt er mit der Nachricht angerannt, der Wagen wäre in den Park eingefahren, so steht mein Herr auf, macht ein Zeichen in das Buch, in dem er las, greift in die Tasche, gibt ihm einen Louisdor, nimmt die Pistole vom Tisch und geht in die andere Stube; keinen Augenblick, daß er die Tür hinter sich zugedrückt, so war er tot.» Ich machte mir Vorwürfe. Vielleicht hätte ich ihn retten können, wenn ich energischer aufgetreten wäre. Wäre die Gaussin zur rechten Zeit angekommen, so hätten wir dies Unglück vielleicht nicht erlebt. Auch dachte ich: Vielleicht hat ihn die Vorsehung vor etwas bewahren wollen, das noch schrecklicher war; denn wenn sich auch die Sängerin entschloß, ihn zu heiraten, und das glaube ich ihr, obgleich sie es mir erst hinterher versicherte, die Verhängnisse, welche ein solcher Schritt mit sich führen mußte, wären nicht ausgeblieben und hätten ein Elend im Gefolge haben können, gegen das alles andere erwünscht schien.
Meanwhile, one of my stewards came over; he knew a little about medicine and usually acted as a doctor in cases where there wasn’t much at stake. I will never forget the terror of death that was written on his face when he saw the pair—the dead marquis and the singing gypsy girl beside him. She was silent now; she stood up, looked at me once more for a long moment, and left the room. I followed her to receive her orders. She said, “I must have a room to myself!” I led her to the first available one, had her chambermaid summoned, and hurried to my wife. Fortunately, I heard that she was out for a walk; I went to meet her and told her what had happened. Since we had both often spoken of the Marquis and had thoroughly considered such an end among all possibilities, she was less frightened than saddened. I escorted her to the castle and gave my orders regarding the Marquis. The body had been laid on the bier; his servant sat beside it, weeping bitterly, and said: ‘My master told me he must not shoot himself until you were back. That reassured me.’ So he had secretly arranged with Jean that he should keep watch over the carriage. He did just that, and no sooner had he come running with the news that the carriage had entered the park than my master stood up, made a note in the book he was reading, reached into his pocket, gave him a louis d’or, took the pistol from the table, and went into the other room; no sooner had he closed the door behind him than he was dead.” I blamed myself. Perhaps I could have saved him if I had been more forceful. Had the woman from Gauss arrived at the right moment, we might not have experienced this misfortune. I also thought: Perhaps Providence wanted to spare him from something even more terrible; for even if the singer had decided to marry him—and I believe her, though she only assured me of this afterward—the misfortunes that such a step would inevitably have entailed would not have been avoided and might have brought in their wake a misery against which everything else would have seemed desirable.
Ich ging zu ihr. Sie war gefaßt; man sah ihr, sozusagen, nicht viel an. Sie besprach mit mir die Seelenstimmung des Marquis und seine natürliche Anlage zu einem so traurigen Lebensende. Doch so gefaßt sie war, fühlte ich doch, daß die innerliche Erschütterung, die sie empfangen, sehr stark gewesen sei und fürchtete die Nachwirkung. Ich stellte sie meiner Frau vor, wir aßen zusammen und zogen uns zurück.
I went to see her. She was composed; one could not, so to speak, tell much by her appearance. She discussed with me the Marquis’s state of mind and his natural predisposition toward such a sad end to his life. Yet, as composed as she was, I sensed that the emotional shock she had received must have been very strong, and I feared the aftereffects. I introduced her to my wife; we ate together and then retired.
Am anderen Morgen ward mir die mit ihr vorgegangene Veränderung auffallend. Sie sagte, sie befände sich wohl, ihr Aussehen hatte aber etwas so Abgespanntes, ihr Wesen etwas so Zerstörtes, daß der Augenschein ihre Behauptung Lügen strafte. Sie sprach davon, bald aufzubrechen und bat, ihr für die nächste Nacht ein anderes Zimmer anzuweisen. Dies geschah; wir brachten den Tag still hin und sie ging nicht eher zur Ruhe, als bis alle Anordnungen zur Abreise gemacht waren.
The next morning, I noticed the change that had come over her. She said she was feeling well, but there was something so strained about her appearance and something so broken about her demeanor that her looks belied her claim. She spoke of leaving soon and asked that another room be assigned to her for the following night. This was done; we spent the day in silence, and she did not retire until all the arrangements for her departure had been made.
Am nächsten Tage kam sie nicht zum Frühstück. Die Kammerjungfer bat mich, zu ihrer Herrin ans Bett zu kommen. Sie empfing mich mit einem matten Lächeln und war so bleich und hohlblickend, daß ich meine Überraschung nicht zu verbergen vermochte.
The next day, she did not come down for breakfast. Her maid asked me to come to her mistress’s bedside. She greeted me with a faint smile and looked so pale and hollow-eyed that I could not hide my surprise.
Lieber Freund, sagte sie, Sie finden mich übel aussehend und wollen es nicht Wort haben?
“Dear friend,” she said, “you think I'm ugly and won't even talk to me?”
Finden Sie das nicht natürlich?
Don't you think that's natural?
Ja, Sie sind immer der Gefühlvolle, Zurückhaltende. Aber es hilft hier kein Verstecken. Ich fühle den Tod in mir.
Yes, you're always the sensitive, reserved one. But hiding won't help here. I feel death within me.
Beste Freundin! — rief ich entsetzt aus. Ich fühle ihn; denn ich habe seit zwei Nächten den Marquis gesehen. Wachend! Hier herantretend! — Er zieht mich nach sich!
“My dearest friend!” I cried out in horror. “I can feel him; for I have seen the Marquis for the past two nights. Standing watch! Coming right up to me! — He is drawing me toward him!”
Ich betrachtete sie mit Aufmerksamkeit. Es lag nichts Überspanntes in ihren Augen, nichts Wahnsinniges in ihrer Stimme.
I looked at her closely. There was nothing frantic in her eyes, nothing mad in her voice.
Als ich ihn in seinem Blute liegen sah, fuhr sie fort, ward das Gefühl, dies Unglück verschuldet zu haben, so mächtig in mir, daß ich aufschrie, weil ich es nicht länger ertragen konnte. Mir war, als riefe mir Etwas unglaublich dringend ins Ohr: Du trägst die Schuld! Du hast ihn gemordet! Deshalb, nur um diese Stimme nicht zu hören, fing ich an zu singen, immer lauter und lauter, doch ich übertäubte die Stimme nicht. Ich höre sie immer und immer. Nachts konnte ich nicht schlafen, ich lag und sah mir die Schatten an, welche die Möbel im Lichte der Nachtlampe warfen. Da springt die Tür auf, es entstand nur ein feiner dunkler Streifen. Durch diesen schob sich wie ein papierdünner Rauch der Marquis herein; er hatte die Augen geschlossen, er schwebte oder ging langsam auf mich zu, stand neben meinem Bette, leibhaftig wie Sie und mit geschlossenen Augen. Ich wollte ihn nicht ansehen, aber er zwang mich dazu, ich mußte die Augen auf ihn richten; da schlug er plötzlich die seinigen auf und sah mich an; das ertrug ich nicht, ich verlor die Besinnung. Vorige Nacht dasselbe Spiel. Ich ertrage es nicht lange mehr! Ich fühle, wie er mit seinen Augen das Leben aus mir saugt.
“When I saw him lying in his own blood,” she continued, “the feeling that I was to blame for this tragedy became so overwhelming that I cried out, because I could no longer bear it.” It was as if something were shouting into my ear with incredible urgency: You are to blame! You murdered him! So, just to stop hearing that voice, I began to sing, louder and louder, but I couldn’t drown it out. I hear it over and over again. At night I could not sleep; I lay there watching the shadows cast by the furniture in the light of the night lamp. Then the door flew open, leaving only a thin dark strip of light. Through it, the Marquis slipped in like paper-thin smoke; his eyes were closed; he floated or walked slowly toward me, stood beside my bed, as real as you are and with his eyes closed. I didn’t want to look at him, but he forced me to; I had to fix my eyes on him; then he suddenly opened his and looked at me; I couldn’t bear it, I lost consciousness. Last night the same thing happened. I can’t take it much longer! I feel how he sucks the life out of me with his eyes.
Ich suchte ihr die Erscheinung mit allen Gründen der Physik, Philosophie und Religion auszureden, sie blieb fest... Ich bin entschlossen abzureisen, sagte sie, vielleicht ist sein Schatten nur an dies Haus gebannt. Dagegen opponierte ich. Ich konnte sie nicht so allein reisen lassen und auch meine Frau nicht wieder verlassen, welche ihrer Niederkunft entgegensah. Ich machte ihr deshalb den Vorschlag, in das Haus meines Verwalters zu ziehen, und versprach, die nächste Nacht an ihrem Bette zu wachen. Dazu ließ sie sich endlich bereden, stand auf und wankte wie ein Schatten umher.
I tried to dissuade her from believing in the apparition, citing every argument from physics, philosophy, and religion, but she remained steadfast... “I am determined to leave,” she said. “Perhaps his shadow is merely bound to this house.” I objected. I could not let her travel alone like that, nor could I leave my wife again, who was about to give birth. I therefore suggested that she move into my steward’s house and promised to watch over her bed the following night. She finally allowed herself to be persuaded, stood up, and staggered about like a shadow.
Am Abend, als sie sich niedergelegt hatte, rief mich die Kammerjungfer zu ihr. Ich ließ einen Tisch mit Lichtern nahe an ihr Bett setzen, eine spanische Wand darum stellen und begann, nachdem ich einige Zeit mit ihr gesprochen, in einem Buche zu lesen. Sie schien zu schlafen, die Lichter brannten dunkel; ich putzte sie, trank etwas Wein und Wasser und sah die Tür an. Plötzlich — sie war von altem Holze und nicht fest — sprang sie auf; die Klinke mochte nicht recht gefaßt haben. Ich wollte leise hingehen, um sie lautlos zuzudrücken, als ich, mich nach Mademoiselle de Gaussin umwendend, sie aufrecht mit starren Augen im Bette sitzen sah. Sie streckte die Arme nach mir aus, klammerte sich an die meinigen und wies mit dem Finger gerade aus:
That evening, after she had gone to bed, the chambermaid called me to her. I had a table with lamps set up close to her bed, a folding screen placed around it, and, after talking with her for a while, began to read a book. She seemed to be asleep; the lamps were burning dimly. I trimmed the wicks, drank some wine and water, and kept an eye on the door. Suddenly—it was made of old wood and not very sturdy—it sprang open; the latch must not have been properly secured. I was about to go over quietly to close it silently when, turning toward Mademoiselle de Gaussin, I saw her sitting upright in bed with staring eyes. She stretched out her arms toward me, clung to mine, and pointed straight ahead:
Da kommt er!
Here he comes!
Es war durchaus nichts zu erblicken.
There was absolutely nothing to be seen.
Wo? sagte ich.
“Where?” I said.
Dort!
There!
Ich machte mich von ihr los und trat an den Fleck.
I broke free from her and stepped forward.
Hier?
Here?
Kommen Sie, schrie sie auf, er steht vor Ihnen!
“Come on,” she cried, “he's right in front of you!”
Ich war mit einem Sprunge neben ihr.
I was right next to her.
Halten Sie mir die Augen zu, ich kann es nicht ertragen! Da steht er! Er berührt Ihre Knie!
Cover my eyes, I can't stand it! There he is! He's touching your knees!
Ich drückte ihr beide Hände auf die Augen, sie atmete mit Anstrengung, aber zu sehen war nichts.
I pressed both her hands over her eyes; she was breathing heavily, but she couldn't see a thing.
Nach einer Weile schob sie die Hände zurück. Ich muß sehen, ob er noch da ist, sagte sie leise.
After a moment, she pulled her hands back. “I have to see if he's still there,” she said quietly.
Es ist gar nichts hier, beste Freundin! antwortete ich und ließ sie los. Sie blickte umher.
“There's nothing here, best friend!” I replied and let go of her. She looked around.
Er ist wieder fort! Oh, wenn er noch einige Male so kommt, kann er es bald bequemer haben. Wir werden dann Arm in Arm durch die Türen schleichen.
He's gone again! Oh, if he keeps coming like this a few more times, things will soon be more comfortable for him. Then we'll sneak through the doors arm in arm.
Diese Idee machte mich schaudern. Sie legte sich zurück und erklärte, daß sie am nächsten Tage sicher abreisen und in ein Kloster gehen würde. Ich suchte ihr das auszureden. Gehen Sie nach Paris, sagte ich, dort werden Sie vergessen ...
The thought made me shudder. She leaned back and declared that she would certainly leave the next day and go to a convent. I tried to talk her out of it. “Go to Paris,” I said, “there you will be forgotten...”
Ich habe es verdient! unterbrach sie mich; ich habe es auch verdient, daß Sie mir einen solchen Vorschlag machen. Das vergesse ich niemals! Ihn vielleicht, wenn er mich zu quälen aufhörte, aber meine Schuld — das bleibt festgeschmiedet!
“I deserve it!” she interrupted me; “I also deserve for you to make such a proposal to me. I will never forget that! Him, perhaps, if he stopped tormenting me, but my guilt—that remains set in stone!”
Ihre Schuld ist so gut wie keine, sagte ich. Daß er Sie liebte, war eine Fügung, daß Sie ihn nicht liebten, lag nicht in Ihrer Macht zu ändern; daß Sie ihn geheilt glaubten, war bei seiner Verstellung nur zu natürlich.
“You are hardly to blame,” I said. “That he loved you was a twist of fate; that you did not love him was beyond your control; and that you believed him cured was only natural, given his pretense.”
Oh, rief sie, kann eine Mutter sich jemals trösten, die ihr Kind ins Wasser fallen ließ? Meinen Sie, nur der böse Wille machte die Schuld aus? Könnte man da nicht alle Reue mit dem Gedanken an höhere Notwendigkeit fortspülen? Macht Gott uns schuldig, so will er auch, daß wir die Folgen tragen. Es ist gesagt, daß ich diese Ketten ewig werde rasseln hören.
“Oh,” she cried, “can a mother ever find comfort after letting her child fall into the water? Do you think it was merely ill will that caused the guilt? Couldn’t all remorse be washed away by the thought of a higher necessity? If God makes us guilty, then He also wants us to bear the consequences. It is said that I will hear these chains rattling for all eternity.”
Ich hatte meine Gründe bald erschöpft. Sie verließ das Schloß, ich begleitete sie nicht. Die Geburt eines Sohnes riß mich aus allen trüben Gedanken. Ich gab diesem glücklichen Ereignisse zu Ehren Feste; die Taufe, die erste Erziehung, die Sorge um meine Frau nahmen mich so vollständig in Anspruch, daß jeder es begreiflich finden wird, wenn ich nach dem unglücklichen schönen Wesen, an das ich freilich zu Zeiten dachte, keine Nachforschungen anstellte. Eines Tages erhielt ich ein Paket von Paris, das bei meinem dortigen Geschäftsführer unter meiner Adresse abgegeben war. Es enthielt ein Etui und einen Brief, beides versiegelt. Ich erbrach den letztern zuerst; er enthielt nur wenige Zeilen.
I had soon run out of excuses. She left the castle; I did not accompany her. The birth of a son tore me away from all my gloomy thoughts. I held celebrations in honor of this happy event; the christening, his early upbringing, and caring for my wife occupied me so completely that everyone will find it understandable that I made no inquiries about the unfortunate, beautiful creature, whom I did, of course, think of from time to time. One day I received a package from Paris that had been delivered to my manager there under my address. It contained a case and a letter, both sealed. I opened the latter first; it contained only a few lines.
Liebster Freund!
Wenn Sie dies erhalten, bin ich nicht mehr. Ich wußte, daß mich der Marquis zu sich rufen würde. Kam er auch nicht mehr, meine Nächte zu stören, ich trug etwas in der Seele, das seine Stelle vertrat. Sagen Sie
_ Ihrer Gemahlin, ich hätte mich an nichts so gern erinnert, als an ihre Güte gegen mich. Bewahren Sie Ihren Sohn vor meinesgleichen. Gönnen Sie beiliegendem Bilde ein ruhiges Plätzchen. Sie brauchen das Siegel nicht zu erbrechen. Zerstören mochte ich es nicht; in falsche Hände kommen sollte es nicht. Sehen Sie es an, so denken Sie, ich hätte doch vielleicht ein Herz gehabt.
Manon de Gaussin.
Ich öffnete das Etui und das unglückliche, mir zugleich als kürzlich verstorben gemeldete Mädchen strahlte mir mit allem Zauber entgegen, welchen sie in ihren schönsten Tagen besaß. Die Tränen traten mir in die Augen und ich gedachte aller glücklichen Stunden, die ich in ihrem Hause verlebt hatte.»
Dearest friend!
If you are reading this, I am no longer here. I knew the Marquis would summon me to him. Even though he no longer came to disturb my nights, I carried something in my soul that took his place. Tell me
_ To your wife: There is nothing I would have liked to remember more than her kindness toward me. Protect your son from people like me. Please find a quiet place for the enclosed portrait. You need not break the seal. I could not bring myself to destroy it; I did not want it to fall into the wrong hands. When you look at it, think that perhaps I did have a heart after all.
Manon de Gaussin.
I opened the case, and the poor girl—whose death I had recently been informed of—beamed at me with all the charm she had possessed in her finest days. Tears welled up in my eyes, and I thought of all the happy hours I had spent in her home.»
Nun, wir haben hier eine ganz sachgemäße Schilderung, wie der Ätherleib eines Verstorbenen einem anderen Menschen erscheint, eine ganz sachgemäße Schilderung. Unmittelbar nach dem Tode sah Manon de Gaussin den wandelnden Ätherleib des Verstorbenen. Von dieser Erscheinung — ich wollte Ihnen nur zeigen ihre Verarbeitung in einer Novelle schon aus den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts —, also von der Erscheinung des Ätherleibes eines Toten, und von dem, was wir von einer solchen Tatsache über die geheime, verborgene Beziehung, die zwischen Menschen walten kann, lernen können, wollen wir dann morgen zu weiteren Betrachtungen übergehen. Versuchen Sie zu fühlen, wie hinter dem, was in dem Maja-Ausschnitt in dem Bewußtsein der Manon de Gaussin zugegen war, ein weites Reich spielt, und wie aus diesem weiten Wellenreiche heraufkam in den Stunden, die sie unmittelbar nach dem Tode des Marquis durchmachte, dasjenige, was sich als Begegnung mit dem Ätherleib des Verstorbenen abspielte.
Well, here we have a very accurate description of how the etheric body of a deceased person appears to another human being—a very accurate description. Immediately after death, Manon de Gaussin saw the walking etheric body of the deceased. From this apparition—I simply wanted to show you how it was rendered in a novella dating back to the 1860s—that is, from the apparition of a dead person’s etheric body, and from what we can learn from such an event about the secret, hidden relationships that can exist between people, we shall then proceed to further reflections tomorrow. Try to sense how, behind what was present in Manon de Gaussin’s consciousness in the excerpt from Maya, a vast realm is at play, and how, from this vast realm of waves, that which unfolded as an encounter with the etheric body of the deceased arose during the hours she experienced immediately following the Marquis’s death.
Ja, dieser Ätherleib des Menschen, er steht in innigerer Beziehung zu dem, was die mannigfachen Verhältnisse sind, in die wir einverwoben sind in dem Weltall, als das, was wir von ihm in unserer Selbsterkenntnis und unserem Bewußtsein tragen.
Yes, this etheric body of the human being is more intimately connected to the manifold relationships into which we are woven in the universe than what we carry within us of it in our self-knowledge and consciousness.
