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The Rudolf Steiner Archive

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Artistic and Existential Questions
in the Light of Spiritual Science
GA 162

24 July 1915, Dornach

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Achter Vortrag

Eighth Lecture

[ 1 ] Im Grunde streben die Menschen zunächst, indem sie an die geisteswissenschaftliche Weltanschauung herankommen, nach der Beantwortung von Fragen, nach der Lösung von Rätseln. Das ist ganz begreiflich und natürlich, und man kann auch sagen, gerechtfertigt. Aber ein anderes muß noch hinzukommen, wenn die geisteswissenschaftliche Bewegung wirklich das Lebendige werden soll, das sie nach dem allgemeinen Gang der Erden- und Menschheitsentwickelung eigentlich werden muß. Es muß hinzukommen vor allen Dingen ein gewisses Gefühl, eine gewisse Empfindung, daß sich, je mehr man strebt in die geistige Welt hineinzukommen, um so mehr die Rätsel häufen; daß die Rätsel geradezu mehr werden, als sie vorher für die menschliche Seele gewesen sind, und daß sie in gewisser Beziehung heiliger werden, diese großen Lebensrätsel, deren Vorhandensein wir ja vorher schon ahnen, die uns aber, so wie sie sind, selbst erst aufgehen, auch als Rätsel, wenn wir in die geisteswissenschaftliche Weltanschauung hineinkommen.

[ 1 ] Essentially, when people first approach the Spiritual Science worldview, they are seeking answers to questions and solutions to mysteries. This is entirely understandable and natural, and one might even say justified. But something else must be added if the Spiritual Science movement is truly to become the living force that, according to the general course of Earth’s and humanity’s development, it must actually become. Above all, there must be a certain feeling, a certain sense that the more one strives to enter the spiritual world, the more the mysteries multiply; that the mysteries actually become more than they previously were for the human soul, and that, in a certain sense, they become more sacred—these great mysteries of life, whose existence we already sense beforehand, but which, as they are, only truly reveal themselves to us—even as mysteries—when we enter into the Spiritual Science worldview.

[ 2 ] Nun ist ja eines der größten Rätsel, die mit der Erden- und Menschheitsentwickelung zusammenhängen, das Christus-Rätsel, das Rätsel des Christus Jesus. Und in bezug auf dieses Rätsel können wir allerdings ja nur hoffen, gewissermaßen langsam vorwärts zu dringen zu seiner eigentlichen Tiefe und Heiligkeit. Das heißt, wir können hoffen, nach und nach, in unseren zukünftigen Inkarnationen immer mehr und mehr zu empfinden, in welch hohem Sinne, in welch außerordentlichem Sinne dieses Christus-Rätsel ein Rätsel ist. Wir müssen nicht nur hoffen, daß uns manches in bezug auf das Christus-Rätsel gelöst werde, sondern wir müssen auch hoffen, daß manches von dem, was wir bisher als rätselhaft empfunden haben gegenüber dem Eintreten der Christus-Wesenheit in die Menschheitsentwickelung, noch schwieriger wird, daß sich zu dem noch manches andere hinzu ergibt, was uns in bezug auf das Mysterium von Golgatha neue Rätsel oder, wenn man lieber will, neue Seiten dieses großen Rätsels bringt.

[ 2 ] Now, one of the greatest mysteries connected with the evolution of the Earth and humanity is the mystery of Christ, the mystery of Christ Jesus. And with regard to this mystery, we can indeed only hope to advance, so to speak, slowly toward its true depth and sanctity. That is to say, we can hope that, little by little, in our future incarnations, we will come to sense more and more the lofty and extraordinary nature of this mystery of Christ. We must not only hope that some aspects of the Mystery of Christ will be resolved for us, but we must also hope that some of what we have hitherto perceived as enigmatic regarding the entry of the Christ Being into human evolution will become even more difficult, and that many other things will be added to this, bringing us new mysteries—or, if you prefer, new aspects of this great mystery—regarding the Mystery of Golgotha.

[ 3 ] Nun kann auch hier immer nur darauf Anspruch gemacht werden, gewissermaßen von da oder dort her dieses große Rätsel zu beleuchten, und ich bitte Sie durchaus, sich klar zu sein darüber, daß das nur immer, ich möchte sagen, einzelne Lichtströmungen sind, die aus dem Umkreise menschlicher Anschauung auf dieses größte Rätsel des menschlichen Erdendaseins geworfen werden, und daß sie wirklich nicht dieses Rätsel erschöpfen wollen, sondern es nur von verschiedenen Seiten her beleuchten sollen. Und so sei zu dem, was schon gesagt worden ist, auch hier noch einiges hinzugefügt, das uns wiederum eine Seite des Rätsels vom Mysterium von Golgatha nahelegen kann.

[ 3 ] Here, too, one can only ever claim to shed light on this great mystery from one angle or another, so to speak, and I ask you to be fully aware that these are always, I might say, individual rays of light cast from the sphere of human perception upon this greatest mystery of human existence on Earth, and that they truly do not intend to exhaust this mystery, but are meant only to shed light on it from various angles. And so, in addition to what has already been said, let us add a few more points here that may in turn shed light on one aspect of the mystery of Golgotha.

[ 4 ] Sie erinnern sich an den weithin leuchtenden Ausspruch des Jahve-Gottes, der im Beginne der biblischen Urkunde steht, nachdem der Sündenfall geschehen war. Da wird gesagt, daß nunmehr die Menschen genossen haben von dem Baume der Erkenntnis des Guten und des Bösen, und daß sie aus ihrem bisherigen Aufenthaltsorte deshalb entfernt werden müssen, damit sie nicht auch von dem Baume des Lebens essen. Der Baum des Lebens muß geschützt werden gewissermaßen vor dem Angefressenwerden von den Menschen, die schon von dem Baume der Erkenntnis genossen haben.

[ 4 ] You will recall the widely cited words of Yahweh, which appear at the beginning of the biblical account, after the Fall had taken place. It is said there that human beings have now eaten from the tree of the knowledge of good and evil, and that they must therefore be removed from their previous dwelling place so that they do not also eat from the tree of life. The tree of life must be protected, so to speak, from being devoured by human beings who have already eaten from the tree of the knowledge of good and evil.

[ 5 ] Nun verbirgt sich hinter diesem Doppelursprung von dem Genusse des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen einerseits, und von dem Genusse des Baumes des Lebens andererseits, etwas tief in das Leben Einschneidendes. Wir wollen heute einmal eine der vielen Anwendungen dieses Ausspruches auf das Leben ins Auge fassen, wir wollen uns einmal vor die Seele führen, was wir längst wissen: daß? das Mysterium von Golgatha, so wie es sich innerhalb der irdischen Geschichtsentwickelung vollzogen hat, in den vierten nachatlantischen Zeitraum hineingefallen ist, hineingefallen ist in die griechisch-lateinische Zeit.

[ 5 ] Now, behind this dual origin—the eating from the tree of the knowledge of good and evil on the one hand, and the eating from the tree of life on the other—lies something that profoundly shapes our lives. Today, let us consider one of the many applications of this saying to life; let us bring to mind what we have long known: that the Mystery of Golgotha, as it unfolded within the course of earthly history, fell within the fourth post-Atlantean epoch—the Greco-Latin era.

[ 6 ] Wir wissen ja, dieses Mysterium von Golgatha liegt so ungefähr nach der Vollendung des ersten Drittels der griechisch-lateinischen Zeit, und zwei Drittel dieser griechisch-lateinischen Zeit folgen hinterher, um der ersten Einverleibung des Geheimnisses des Mysteriums von Golgatha in die Menschheitsentwickelung zu dienen.

[ 6 ] As we know, the Mystery of Golgotha occurred roughly after the completion of the first third of the Greco-Latin epoch, and the remaining two-thirds of this Greco-Latin epoch followed in order to facilitate the initial incorporation of the Mystery of Golgotha into human evolution.

[ 7 ] Nun müssen wir zweierlei in bezug auf dieses Mysterium von Golgatha unterscheiden. Das eine ist dasjenige, was geschehen ist an reinen Tatsächlichkeiten; kurz, dasjenige, was geschehen ist als der Eintritt des kosmischen Wesens Christus in das Gebiet der Erdenentwickelung. Es wäre hypothetisch möglich, können wir sagen, es wäre denkbar, daß sich dieses Mysterium von Golgatha, das heißt der Eintritt des Impulses des Christus in die Erdenentwickelung, abgespielt hätte, ohne daß irgend jemand von den Menschen auf der Erde verstanden hätte oder vielleicht sogar nur gewußt hätte, was da geschehen ist. Es hätte ganz gut sein können, daß das Mysterium von Golgatha geschehen wäre, aber den Menschen unbewußt geblieben wäre, daß kein Mensch hätte daran denken können, sich zu enträtseln, was da eigentlich geschehen ist.

[ 7 ] Now we must distinguish between two aspects of this Mystery of Golgotha. The first is what actually took place in terms of pure facts; in short, what occurred as the entry of the cosmic being Christ into the realm of Earth’s evolution. It would be hypothetically possible—we might say it would be conceivable—that this Mystery of Golgotha, that is, the entry of the Christ impulse into Earth’s evolution, could have taken place without any human being on Earth having understood, or perhaps even merely known, what had happened there. It could very well have been the case that the Mystery of Golgotha would have taken place, yet remained unknown to humanity—that no one would have been able to conceive of unraveling what had actually happened.

[ 8 ] So sollte es ja eben nicht sein. Es sollte allmählich der Erdenmenschheit auch das Verständnis für dasjenige aufgehen, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Aber daraus müssen wir doch ersehen, daß es zweierlei ist: dasjenige, was der Mensch als Wissen, als innere Verarbeitung in seine Seele aufnimmt, und das, was objektiv im Menschengeschlechte geschehen ist und was sich von diesem Menschengeschlechte, insofern es dem Wissen dieses Menschengeschlechtes angehört, unabhängig weiß. Nun, es versuchten die Menschen dasjenige, was da geschehen war durch das Mysterium von Golgatha, zu begreifen.

[ 8 ] That is not how it was meant to be. Humanity on Earth should gradually come to understand what took place through the Mystery of Golgotha. But from this we must recognize that there are two distinct things: that which human beings take into their souls as knowledge, as an inner process, and that which has objectively occurred within the human race and which exists independently of that human race, insofar as it belongs to the knowledge of that human race. Now, people tried to comprehend what had taken place through the Mystery of Golgotha.

[ 9 ] Wir wissen ja, daß die Evangelisten nicht nur aus einer gewissen Hellsichtigkeit die Aufzeichnungen über das Mysterium von Golgatha gemacht haben, die wir in den Evangelien finden, wir sollten wissen, daß auch versucht worden ist, mit den Mitteln der Erkenntnis, die die Menschen vor dem Mysterium von Golgatha gehabt haben, dieses Mysterium von Golgatha zu begreifen. Wir wissen, daß seit dem Mysterium von Golgatha nicht nur die Mitteilungen über die Sache unter die Menschen gekommen sind, sondern auch eine neutestamentliche Theologie in ihren verschiedenen Verzweigungen. Diese neutestamentliche Theologie hat, wie das selbstverständlich ist, die Begriffe, die die Menschen gehabt haben, verwendet, um sich zu fragen: was ist da eigentlich geschehen mit dem Mysterium von Golgatha, was hat sich da vollzogen?

[ 9 ] We know, of course, that the evangelists did not merely record the Mystery of Golgotha—as we find in the Gospels—through a certain clairvoyance; we should also be aware that attempts were made to comprehend this Mystery of Golgotha using the means of knowledge that people possessed prior to the Mystery of Golgotha. We know that since the Mystery of Golgotha, not only have accounts of the event spread among people, but also New Testament theology in its various branches. This New Testament theology, as is only natural, has used the concepts that people had to ask themselves: What actually happened with the Mystery of Golgotha? What took place there?

[ 10 ] Wir haben es öfter betrachtet, wie insbesondere die griechische Philosophie, dasjenige, was als griechische Philosophie sich ausgebildet hat, namentlich in Plato und Aristoteles, wie die Vorstellungen der griechischen Philosophie bemüht waren — ebenso, wie sie bemüht waren, die Natur um sich herum zu begreifen —, auch das zu begreifen, was durch das Mysterium von Golgatha geschehen ist. Und so, können wir sagen, tritt auf der einen Seite objektiv das Mysterium von Golgatha ein, und auf der anderen Seite, ihm entgegenkommend, sind die verschiedenen Weltanschauungen, die man seit Urzeiten ausgebildet hatte und die bis zu der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha stattfand, eine gewisse Ausbildung erfahren haben und sich dann weiterentwickeln.

[ 10 ] We have often considered how Greek philosophy in particular—that which developed as Greek philosophy, notably in Plato and Aristotle—sought not only to understand the nature around them but also to comprehend what took place through the Mystery of Golgotha. And so, we can say, on the one hand, the Mystery of Golgotha occurs objectively, and on the other hand, coming to meet it, are the various worldviews that had been developed since time immemorial and that, by the time the Mystery of Golgotha took place, had undergone a certain development and continued to evolve.

[ 11 ] Woher waren diese Vorstellungen denn gekommen? Wir wissen ja, daß alle diese Vorstellungen, auch noch diejenigen, die in der griechischen Philosophie lebten und von der Erde aus dem Mysterium von Golgatha entgegengingen, von uralten Wissenschaften herrühren, von jenen Wissenschaften, welche sich den Menschen nicht hätten bieten können, wenn nicht, sagen wir, eine Uroffenbarung vorhanden gewesen wäre. Denn es ist nicht nur eine materialistische, sondern geradezu eine unsinnige Vorstellung, daß das, was in der Zeit des Mysteriums von Golgatha zur Philosophie verdünnt vorhanden war, an seiner Ausgangsstelle von den Menschen selber hätte gebildet werden können. Es ist Uroffenbarung, welche, wie wir wissen, gebildet worden ist in einer Zeit, in welcher die Menschen noch die Reste des uralten Hellsehens hatten; Uroffenbarung, welche zum großen Teile in alten Zeiten in bildhafter, in imaginativer Form den Menschen gegeben worden war, und welche sich eben zu Begriffen verdünnt hatte in der Zeit, in der das Mysterium von Golgatha eintrat, in der griechisch-lateinischen Zeit. Da konnte man entstehen sehen in uralten Zeiten einen intensiven Strom von Uroffenbarung, der den Menschen gegeben werden konnte aus dem Grunde, weil diese Menschen noch die letzten Reste des alten Hellsehens hatten, das zu dem alten Verständnisse der Menschen sprach, und das dann allmählich verstrohte, das heißt vertrocknete in der Philosophie.

[ 11 ] Where did these mental images come from, then? We know, after all, that all these mental images—even those that lived on in Greek philosophy and, from the earth, reached toward the Mystery of Golgotha—stem from ancient sciences, from those sciences that could not have been made available to humanity had there not been, so to speak, a primordial revelation. For it is not only a materialistic but downright absurd mental image that what existed in a diluted form as philosophy at the time of the Mystery of Golgotha could have been formed by human beings themselves at its very source. It is primordial revelation which, as we know, was formed in a time when human beings still possessed the remnants of ancient clairvoyance; primordial revelation which, for the most part, had been given to human beings in ancient times in pictorial, imaginative form, and which had precisely been diluted into concepts at the time of the Mystery of Golgotha, during the Greco-Latin era. In those ancient times, one could see an intense stream of primordial revelation emerging, which could be given to people because they still possessed the last remnants of the ancient clairvoyance that spoke to their ancient understanding, and which then gradually scattered—that is, withered away—in philosophy.

[ 12 ] So war also eine Philosophie eben da, eine Weltanschauung war da in vielen, vielen Schattierungen und Nuancen, und diese Schattierungen und Nuancen versuchten in ihrer Art, das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Wenn wir die letzten Ausläufer ins Auge fassen wollen, sehen wollen, was dazumal also zu einer Weltanschauung sich verdünnte, die mehr philosophisch war, wenn wir die letzten Ausläufer davon betrachten wollen, so kommen wir etwa auf dasjenige, was im alten Römertum, in der römischen Zeit gelebt hat.

[ 12 ] So there was a philosophy, a worldview, existing in many, many shades and nuances, and these shades and nuances sought, in their own way, to understand the mystery of Golgotha. If we wish to consider its final offshoots—to see what, at that time, had diluted into a worldview that was more philosophical—if we wish to examine these final offshoots, we arrive, for example, at what existed in ancient Rome, during the Roman era.

[ 13 ] Mit dieser römischen Zeit meine ich diejenige Zeit, die etwa mit dem Mysterium von Golgatha, also mit der Regierung des Kaisers Augustus beginnt und die allmählich über die römische Kaiserzeit hin abflutet, bis die Völkerwanderung und dasjenige, was als Wirkung der Völkerwanderung eintritt, der europäischen Welt ein anderes Antlitz gegeben hat. Was wir in dieser Zeit aufflackern sehen wie ein letztes großes Licht der von der Uroffenbarung herkommenden Strömung, das ist die bis in unsere Zeit im Jugendunterricht eine so große Rolle spielende lateinisch-römische Poesie; das ist alles dasjenige, was sich als Fortsetzung dieser lateinisch-römischen Poesie bis zum Untergange des alten Römertums entwickelt hat. In dieses Römertum hinein hatten sich alle möglichen Nuancen von Weltanschauungen geflüchtet. Dieses Römertum war keine Einheit. Es breitete sich aus über zahlreiche Sekten, über zahlreiche religiöse Anschauungen und konnte eine gewisse Gemeinsamkeit dieser Vielheit nur dadurch entwickeln, daß sich das eigentliche Römertum gewissermaßen bis in die äußerlichen Abstraktionen zurückzog.

[ 13 ] By this Roman period, I mean the era that begins roughly with the Mystery of Golgotha—that is, with the reign of Emperor Augustus—and gradually extends through the Roman Empire until the Migration Period and its consequences gave the European world a different face. What we see flaring up during this period like a final great light of the current flowing from primordial revelation is the Latin-Roman poetry that has played such a major role in the education of young people right up to our own time; it is everything that developed as a continuation of this Latin-Roman poetry until the decline of ancient Rome. All manner of nuances of worldviews had taken refuge within this Roman culture. This Roman culture was not a unified whole. It spread across numerous sects and religious views and was able to develop a certain commonality within this diversity only by retreating, as it were, into external abstractions.

[ 14 ] Das aber ist es auch, was uns erkennen läßt, wie sich in diesem Römertum, in das sich das Christentum hineinbewegte als ein neuer Impuls, wie sich in diesem sich hinziehenden Römertum eben etwas Verstrohendes zum Ausdrucke bringt. Wir sehen, wie dieses Römertum bemüht ist, intensiv bemüht ist, hereinzubekommen in seine Begriffe dasjenige, was hinter dem Mysterium von Golgatha steht, wie man versucht, auf jede mögliche Art heranzuholen von dem ganzen, breiten Gebiete der Weltanschauung, das man überschauen kann, alle möglichen Begriffe, um zu verstehen, was hinter diesem Mysterium von Golgatha steckt. Und man kann sagen, wenn man genau zusieht: es war wie ein verzweifeltes Ringen nach einem Verständnisse, nach einem eigentlichen Verständnisse des Mysteriums von Golgatha. Und dieses Ringen setzt sich im Grunde genommen in einer gewissen Strömung das ganze erste Jahrtausend noch fort.

[ 14 ] But this is also what allows us to recognize how, within this Roman culture—into which Christianity moved as a new impulse—something that is fading away finds expression. We see how this Roman world is striving—striving intensely—to incorporate into its concepts what lies behind the Mystery of Golgotha; how it attempts, in every possible way, to draw upon the entire, broad realm of worldview that it can survey, gathering all possible concepts in order to understand what lies behind this Mystery of Golgotha. And one can say, if one looks closely: it was like a desperate struggle for understanding, for a true understanding of the Mystery of Golgotha. And this struggle essentially continued throughout the entire first millennium as part of a certain current.

[ 15 ] Man sehe, wie zum Beispiel Augustinus zuerst aufnimmt alle Elemente der alten verstrohenden Weltanschauung, und wie er versucht durch das, was er so aufnimmt, zu begreifen dasjenige, was als lebendiges Seelenblut hereinfließt, da er jetzt das Christentum wie einen lebendigen Impuls in seine Seele hineinfließen fühlt. Augustinus ist eine große und bedeutende Persönlichkeit; aber man sieht es jeder Seite seiner Schriften an, wie er ringt, um in sein Verständnis hineinzubringen, was aus dem Christus-Impulse heranflutet. So geht es fort, und so ist das ganze romanische Bemühen: hineinzubekommen in die abendländische Begriffswelt, in diese Weltanschauungswelt, die lebendige Substanz desjenigen, was in dem Mysterium von Golgatha zum Ausdruck kommt.

[ 15 ] Consider, for example, how Augustine first takes in all the elements of the old, scattered worldview, and how he attempts, through what he takes in, to comprehend that which flows in as the living blood of the soul, since he now feels Christianity flowing into his soul like a living impulse. Augustine is a great and significant figure; but one can see on every page of his writings how he struggles to bring into his understanding what is surging in from the Christ impulse. This is how it continues, and this is the nature of the entire Romanic endeavor: to bring into the Western conceptual world—into this worldview—the living substance of what is expressed in the Mystery of Golgotha.

[ 16 ] Was ist denn das, was sich da so bemüht, was da so ringt, was in dem Römertum, in dem Lateinertum die ganze gebildete Welt überflutet, was im Lateinertum verzweifelt ringt, in die Begriffe, die in der lateinischen Sprache pulsieren, hineinzubringen das Mysterium von Golgatha? Was ist denn das? Das ist auch ein Teil desjenigen, was gegessen haben die Menschen im Paradiese. Das ist ein Teil des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und ich möchte sagen, wir können sehen, wie ursprünglich in den Uroffenbarungen, als noch zu den Menschen alte, hellseherische menschliche Wahrnehmungen sprechen konnten, lebendig in dieser alten Zeit die Begriffe leben, die noch Imaginationen sind, und wie sie immer mehr und mehr vertrocknen und ersterben, dünner werden. Sie sind so dünn, daß um die Mitte des Mittelalters, als die Scholastik blühte, die größte Seelenanstrengung dazu gehörte, um die Begriffe, die schon so dünn geworden waren, so weit noch in sich zuzuspitzen, daß man in diese Begriffe dasjenige hereinbekam, was als lebendiges Leben im Mysterium von Golgatha vorhanden ist. Diesen Begriffen war geblieben die destillierteste Form der alten römischen Sprache mit ihrer so außerordentlich schön in sich gefügten Logik, aber mit ihrem fast ganz verlorenen Leben. Diese lateinische Sprache wird erhalten mit ihrer strammgeschürzten Logik, aber mit ihrem innerlich fast ganz erstorbenen Leben, wie eine Erfüllung des Urgötterspruches: Die Menschen sollen nicht essen vom Baume des Lebens.

[ 16 ] What is it, then, that is striving so hard, that is wrestling so fiercely—this force that, through Roman culture and Latin culture, is flooding the entire civilized world, this force that is desperately struggling within Latin culture to bring the mystery of Golgotha into the concepts that pulse within the Latin language? What is that? It is also a part of what the people ate in Paradise. It is a part of the Tree of the Knowledge of Good and Evil. And I would like to say that we can see how, in the earliest revelations—when ancient, clairvoyant human perceptions could still speak to people—these concepts lived vividly in that ancient time, still as imaginations, and how they gradually wither and die off, becoming ever more tenuous. They are so thin that by the middle of the Middle Ages, when Scholasticism flourished, it required the greatest mental effort to refine these concepts—which had already become so thin—to such an extent that one could bring into them that which exists as living life within the Mystery of Golgotha. These concepts had retained the most distilled form of the ancient Roman language, with its extraordinarily well-structured logic, but with its life almost entirely lost. This Latin language is preserved with its tightly disciplined logic, but with its inner life almost entirely extinguished, as if fulfilling the primordial divine decree: “People shall not eat from the Tree of Life.”

[ 17 ] Wenn es möglich gewesen wäre, daß dasjenige, was sich aus dem alten Lateinertum ausgebildet hat, voll hätte begreifen können, was mit dem Mysterium von Golgatha sich vollzogen hat, wäre es möglich gewesen, daß das Lateinertum, einfach wie durch einen Stoß, das Verständnis hätte gewinnen können von dem Mysterium von Golgatha, dann wäre dies gewesen ein Essen vom Baume des Lebens. Das aber war verboten, nach dem Ausschluß aus dem Paradiese. Diejenige Erkenntnis, die in die Menschheit gekommen war im Sinne der alten Uroffenbarung, die sollte nicht dazu dienen, jemals lebendig zu wirken. Daher konnte sie nur mit toten Begriffen das Mysterium von Golgatha erfassen.

[ 17 ] If it had been possible for that which developed out of ancient Latin culture to have fully comprehended what took place with the Mystery of Golgotha, it would have been possible for Latin culture to have gained an understanding of the Mystery of Golgotha as if by a sudden impulse; then this would have been like eating from the Tree of Life. But that was forbidden after the expulsion from Paradise. The knowledge that had come to humanity in the sense of the ancient primordial revelation was not meant to ever have a living effect. Therefore, it could only grasp the Mystery of Golgotha with dead concepts.

[ 18 ] «Ihr sollt nicht essen vom Baume des Lebens», das ist auch ein Ausspruch, der durch alle Äonen der Erdenentwickelung gilt mit Bezug auf gewisse Erscheinungen, und eine Erfüllung dieses Ausspruches war auch die, daß mit ihm gesagt war: Es wird herantreten der Baum des Lebens in seiner anderen Form als das auf Golgatha errichtete Kreuz, und es wird ausströmen von ihm das Leben. Aber diese alte Erkenntnis soll nicht essen von dem Baume des Lebens.

[ 18 ] “You shall not eat of the Tree of Life”—this is also a saying that applies throughout all the eons of Earth’s evolution with regard to certain phenomena, and one fulfillment of this saying was that it also implied: The Tree of Life will appear in its other form—that of the cross erected on Golgotha—and life will flow forth from it. But this ancient knowledge must not partake of the Tree of Life.

[ 19 ] Und so sehen wir denn eine hinsterbende Erkenntnis sich abmühen mit dem Leben, sehen, wie sie verzweifelt ringt, das Leben von Golgatha hereinzubekommen in ihre Begriffe.

[ 19 ] And so we see a dying insight struggling with life, see how it desperately strives to bring the life of Golgotha into its concepts.

[ 20 ] Nun gibt es eine eigentümliche Tatsache, eine Tatsache, welche hinweist darauf, daß gewissermaßen dem Ausgangspunkte, dem Orient gegenüber in Europa eine Art Uropposition gemacht war. Es gibt so etwas wie eine Art Uropposition gegen dasjenige, was verhängt war über die Menschheit in bezug auf die Uroffenbarung. Damit berührt man allerdings, ich möchte sagen, den Rand eines ungeheuer tief liegenden Geheimnisses, und man kann manches von dem, was darüber zu sagen ist, wirklich nur in Bildern sagen. Aber ich glaube, die Bilder können verstanden werden.

[ 20 ] Now there is a peculiar fact, a fact that suggests that, in a sense, a kind of primordial opposition was established in Europe vis-à-vis the point of departure, the Orient. There is something like a primordial opposition to what was imposed upon humanity in connection with the primordial revelation. In saying this, however—I would say—one touches upon the edge of an immensely deep mystery, and much of what needs to be said about it can truly only be expressed in images. But I believe these images can be understood.

[ 21 ] In Europa gibt es ja eine ganz andere Sage, die allerdings später Umgestaltungen erfahren hat; aber trotzdem ist auch in den Umgestaltungen ihr Wesentliches noch zu erkennen. Es gibt eine andere Sage von der Entstehung des Menschen als die in der Bibel enthaltene. Nun ist nicht das das Charakteristische, daß es diese Sage gibt, sondern daß diese Sage sich in Europa länger erhalten hat als in anderen Gegenden der Erde. Aber das Bedeutsame ist, daß auch als im Orient drüben sich das Mysterium von Golgatha vollzogen hatte, in den Gemütern der Europäer noch lebendig war diese andersartige Sage. Da werden wir auch an einen Baum geführt, oder wenigstens an Bäume geführt, die von den Göttern Wotan, Wili, We gefunden werden am Strande des Meeres. Und aus zwei Bäumen werden die Menschen geschaffen: aus der Esche und aus der Ulme. Es werden also von der Dreiheit der Götter — wenn das auch später verchristianisiert worden ist, so deutet es doch auf die europäische Uroffenbarung hin —, es werden von der Dreiheit der Götter die Menschen geschaffen, indem die beiden Bäume umgestaltet werden zu Menschen: Wotan gibt den Menschen Geist und Leben, Wili gibt den Menschen Bewegung und Verstand, und We gibt den Menschen die äuBere Gestalt, die Sprache, die Kraft des Sehens, die Kraft des Hörens.

[ 21 ] In Europe, there is, in fact, a completely different legend, which has, however, undergone later alterations; yet even in these alterations, its essential elements can still be recognized. There is a legend about the origin of humankind that differs from the one found in the Bible. What is significant, however, is not merely the existence of this legend, but the fact that it has survived longer in Europe than in other parts of the world. But what is truly significant is that even after the Mystery of Golgotha had been fulfilled in the East, this different legend was still alive in the minds of Europeans. There we are also led to a tree—or at least to trees—found by the gods Wotan, Wili, and We on the seashore. And human beings are created from two trees: the ash and the elm. Thus, by the triad of gods—even if this was later Christianized, it still points to the European primordial revelation— humans are created by the triad of gods, as the two trees are transformed into humans: Wotan gives humans spirit and life, Wili gives humans movement and intellect, and We gives humans their outward form, language, the power of sight, and the power of hearing.

[ 22 ] Man beachtet gewöhnlich nicht den ganz großen Unterschied, der zwischen dieser Schöpfungssage des Menschen vorhanden ist und der biblischen. Aber Sie brauchen ja nur die Bibel zu lesen — und das ist immer nützlich, die Bibel zu lesen —, schon wenn Sie die ersten Kapitel lesen, merken Sie den ganz grandiosen Unterschied, der zwischen der Schöpfungssage des Menschen hier und dort besteht. Ich möchte nur auf das eine hinweisen, und das ist: daß in die Menschen, nach der Sage, einfließt ein dreigliedriges Göttliches. Das muß ein Seelenhaftes sein, das sich in seiner äußeren Gestalt ausdrückt und das im Grunde genommen von den Göttern herrührt, das die Götter in ihn gelegt haben. Man ist sich also in Europa dessen bewußt, daß indem man auf der Erde herumgeht, man ein Göttliches in sich trägt. Man ist sich dagegen im Orient bewußt, daß man ein Luziferisches in sich trägt. Mit dem Essen vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen ist etwas verbunden, das den Menschen sogar den Tod gebracht hat, etwas, das alle von den Göttern abgebracht hat, und wofür man eine göttliche Strafe verdient hat. In Europa ist man sich bewußt, daß in der Menschenseele ein Dreifaches lebt, daß die Götter eine Kraft hineingesenkt haben in die Menschenseele. Das ist sehr bedeutsam.

[ 22 ] People usually don’t notice the huge difference between this creation myth about humankind and the biblical one. But you need only read the Bible—and it is always beneficial to read the Bible—and even as you read the first few chapters, you will notice the truly magnificent difference that exists between the creation myth of humankind here and there. I would like to point out just one thing, and that is: according to the myth, a threefold divine essence flows into human beings. This must be a soul-like quality that expresses itself in its outer form and that, fundamentally, originates from the gods—something the gods have placed within him. In Europe, therefore, people are aware that as they walk the earth, they carry something divine within themselves. In the East, on the other hand, people are aware that they carry something Luciferic within themselves. Connected to eating from the Tree of the Knowledge of Good and Evil is something that has even brought death to humanity, something that has turned everyone away from the gods, and for which one deserves divine punishment. In Europe, people are aware that a threefold nature lives within the human soul, that the gods have infused a power into the human soul. This is very significant.

[ 23 ] Wie gesagt, man berührt damit den Rand eines großen Geheimnisses, eines tiefen Mysteriums. Aber es wird wohl verstanden werden: Es sieht ja so aus, als ob in diesem alten Europa eine Anzahl von Menschen aufbewahrt worden wären, die nicht so abgebracht “ worden sind von der Teilnahme am Baume des Lebens, in denen fortlebte sozusagen der Baum oder die Bäume des Lebens: Esche und Ulme. Und damit steht in innigem Einklang: daß diese europäische Menschheit — und würde man zurückgehen zur europäischen Urbevölkerung, so würde sich das mit einer großen Klarheit in allen Einzelheiten zeigen — eigentlich nichts gehabt hat von der höheren, weitgehenderen Erkenntnis, die man im Oriente und in der griechisch-lateinischen Welt hatte.

[ 23 ] As I said, this touches on the edge of a great secret, a profound mystery. But it will surely be understood: It does indeed appear as though, in this ancient Europe, a number of people were preserved who had not been so “deterred” from partaking of the Tree of Life, in whom the Tree or Trees of Life—the ash and the elm—lived on, so to speak. And this is in intimate harmony with the fact that this European humanity—and if one were to go back to the indigenous population of Europe, this would become clear in every detail—actually possessed none of the higher, more far-reaching knowledge that existed in the East and in the Greco-Roman world.

[ 24 ] Man sollte sich nur einmal den ungeheuer einschneidenden Gegensatz vorstellen zwischen den naiven Vorstellungen der europäischen Menschheit, die noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha alles in Bildern hatte, und den hochentwickelten, feinen philosophischen Begriffen der griechisch-lateinischen Welt. In Europa war alles «Leben», dort war alles «Erkenntnis des Guten und Bösen». In Europa war gleichsam etwas übrig geblieben, wie ein aufbewahrter Rest von den ursprünglichen Kräften des Lebens; aber es konnte nur übrig bleiben dadurch, daß diese Menschheit gewissermaßen bewahrt war, irgend etwas zu verstehen von dem, was in so wunderbar fein geschürzten Begriffen im Lateinertum enthalten war. Von einer Wissenschaft der alten europäischen Bevölkerung zu sprechen, wäre ein Unding. Man kann nur sprechen davon, daß diese Leute lebten mit alledem, was in ihrem Inneren, in ihrer Seele sprießte, sie durchvitalisierte. Was sie glaubten zu wissen, war etwas, was unmittelbares Erleben war. Radikal verschieden war diese Art, in der Seele gestimmt zu sein, von jener Stimmung, die sich fortpflanzte im Lateinertum. Und das gehört eben zu den großen, zu den wunderbaren Geheimnissen des geschichtlichen Werdens: daß, ich möchte sagen, aus der Vollendung der Wissenskultur, der Weisheitskultur, hervorgehen sollte das Mysterium von Golgatha; allein die Tiefen dieses Mysteriums von Golgatha sollten nicht begriffen werden durch die Weisheit, sie sollten begriffen werden durch das unmittelbare Leben.

[ 24 ] One need only imagine the enormously stark contrast between the naive mental images of European humanity—which, even at the time of the Mystery of Golgotha, still perceived everything in images—and the highly developed, subtle philosophical concepts of the Greco-Latin world. In Europe, everything was “life”; there, everything was “knowledge of good and evil.” In Europe, something had, as it were, remained—like a preserved remnant of the original forces of life—but it could only remain because this humanity was, in a sense, preserved in such a way as to understand something of what was contained in the wonderfully refined concepts of Latin culture. To speak of a “science” among the ancient European peoples would be an absurdity. One can only say that these people lived with everything that sprouted within them, in their souls, and vitalized them. What they believed they knew was something that was immediate experience. This way of being attuned in the soul was radically different from the disposition that was perpetuated in the Latin world. And this is precisely one of the great, one of the wondrous mysteries of historical development: that, I might say, out of the culmination of the culture of knowledge, the culture of wisdom, the Mystery of Golgotha was to emerge; yet the depths of this Mystery of Golgotha were not to be grasped through wisdom, but through direct experience.

[ 25 ] Daher war es wie ein vorbestimmtes Karma, daß, als in Europa bis zu einem bestimmten Punkte erstarkt war das Leben, ich möchte sagen, die Ich-Kultur rein naiv, rein lebendig, rein vitalistisch auftrat da, wo die tiefste Finsternis war; während dort, wo die tiefste Weisheit war, das Mysterium von Golgatha aufstieg. Das ist wie eine prästabilierte Harmonie. Aus der Wissenskultur, die da begann strohern zu werden, steigt dieses Mysterium von Golgatha auf; verstanden aber soll dieses Mysterium von Golgatha werden von denjenigen, die durch ihr ganzes Wesen und ihr ganzes Sein nicht haben kommen können bis zu dieser feinen Auskristallisierung des lateinischen Wissens. Und so sehen wir in der Geschichte der Menschheitsentwickelung sich begegnen ein lebenloses, immer mehr und mehr ersterbendes Wissen und ein noch wissenloses Leben, ein wissenloses Leben, das aber innerlich, ich möchte sagen, das Fortwirken des die Welt belebenden Göttlichen erfühlt.

[ 25 ] It was therefore as if it were predestined that, once life in Europe had grown strong to a certain point—I would say that the “I-culture” emerged in a purely naive, purely lively, purely vitalistic manner precisely where the deepest darkness reigned; whereas, where the deepest wisdom reigned, the Mystery of Golgotha arose. This is like a pre-established harmony. From the culture of knowledge, which was beginning to wither there, this Mystery of Golgotha arises; but this Mystery of Golgotha is to be understood by those who, through their entire being and their whole existence, have not been able to reach this subtle crystallization of Latin knowledge. And so, in the history of human development, we see a lifeless, ever-more-fading body of knowledge encountering a life that is still devoid of knowledge—a life devoid of knowledge, yet one that inwardly, I would say, senses the continuing influence of the Divine that animates the world.

[ 26 ] Diese zwei Strömungen mußten sich begegnen, mußten aufeinander wirken in der sich fortentwickelnden Menschheit. Was wäre geschehen, wenn nur das lateinische Wissen sich fortentwickelt hätte? Nun, dieses lateinische Wissen würde sich haben ergießen können über die Nachkommen der europäischen Urbevölkerung. Das hat es auch sogar bis zu einer gewissen Zeit getan. Hypothetisch denkbar ist es, aber nicht wirklich hätte es werden können, daß die europäische Urbevölkerung die Nachwirkung des sich verstrohenden Wissens erlebt hätte. Denn dann würde dasjenige, was diese Seelen durch dieses Wissen aufgenommen hätten, allmählich dazu geführt haben, daß die Menschen immer dekadenter und dekadenter geworden wären. Mit den die Menschheit lebendig erhaltenden Kräften hätte dieses vertrocknende, dieses verstrohende Wissen sich nicht vereinigen können. Es hätte dies die Menschen ausgedörrt. Gewissermaßen würde unter dem Einflusse der nachwirkenden |lateinischen Kultur die europäische Menschheit ausgedörrt sein, vertrocknet sein. Man würde immer mehr dazu gekommen sein, raffinierte Begriffe zu haben, immer mehr würde man spintisiert haben, immer mehr und mehr würde man gedacht haben; aber es würde das Menschenherz, das ganze menschliche Leben kalt geblieben sein unter diesen verfeinerten, raffinierten Begriffen.

[ 26 ] These two currents were bound to meet and interact within the evolving human race. What would have happened if only Latin knowledge had continued to develop? Well, that Latin knowledge would have been able to spread among the descendants of the indigenous European population. In fact, it did so to a certain extent. It is hypothetically conceivable—though it could not have actually come to pass—that the indigenous European population might have experienced the aftereffects of this dissipating knowledge. For then, what these souls would have absorbed through this knowledge would gradually have led to people becoming more and more decadent. This withering, this dissipating knowledge could not have united with the forces that keep humanity alive. It would have dried people up. In a sense, under the influence of the lingering |Latin culture, European humanity would have been dried up, withered away. People would have come to possess ever more sophisticated concepts; they would have become ever more intellectualized; they would have thought more and more; but the human heart, the whole of human life, would have remained cold amid these refined, sophisticated concepts.

[ 27 ] Ich sage, hypothetisch wäre das denkbar, aber es hat nicht wirklich werden können. Wirklich geworden ist vielmehr ein anderes. Wirklich geworden ist dasjenige, daß der Teil der Menschheit, der ein wissenloses Leben hatte, einströmte in jene Menschen, welche sozusagen davon bedroht waren, nur die Überreste des Lateinertums zu empfangen.

[ 27 ] I say that, hypothetically, that would be conceivable, but it could not really have come to pass. What actually happened was something else entirely. What actually happened was that the segment of humanity that had led a life devoid of knowledge poured into those people who were, so to speak, in danger of receiving only the remnants of Latin culture.

[ 28 ] Fassen wir die Frage von einer anderen Seite an. Wir treffen ja zu einer bestimmten Zeit über Europa verteilt, man kann sagen, auf der italienischen Halbinsel, auf der spanischen Halbinsel, in der Gegend des heutigen Frankreich, in der Gegend der heutigen britischen Inseln, gewisse Überreste einer europäischen Urbevölkerung an: im Norden die Nachkommen der alten keltischen Bevölkerung, im Süden die Nachkommen der alten römischen Bevölkerung. Die treffen wir dort an, in die fließt zunächst dasjenige hinein, was wir jetzt charakterisiert haben als lateinische Strömung. Dann treffen wir an, zu einer bestimmten Zeit, über verschiedene Territorien Europas verteilt: die Ostgoten, die Westgoten, die Langobarden, die Sueven, die Vandalen und so weiter. Es gibt eine Zeit, wo wir die Ostgoten finden im Süden des heutigen Rußland, die Westgoten im östlichen Ungarn, die Langobarden da, wo heute die Elbe ihren unteren Lauf hat; die Sueven in der Gegend, wo heute Mähren und Schlesien liegen und so weiter. Wir treffen da verschiedene von denjenigen Völkerschaften, von denen man sagen kann: sie haben wissenloses Leben.

[ 28 ] Let’s approach the question from a different angle. At a certain point in time, we encounter—across Europe, specifically on the Italian Peninsula, the Iberian Peninsula, in the region of present-day France, and in the region of the present-day British Isles—certain remnants of a European indigenous population: in the north, the descendants of the ancient Celtic people; in the south, the descendants of the ancient Roman people. We encounter them there, and it is into these groups that what we have just characterized as the Latin influence first flows. Then, at a certain time, we encounter—spread across various territories of Europe—the Ostrogoths, the Visigoths, the Lombards, the Suevi, the Vandals, and so on. There was a time when we find the Ostrogoths in the south of present-day Russia, the Visigoths in eastern Hungary, the Lombards where the Elbe River has its lower course today; the Suevi in the region where Moravia and Silesia lie today, and so on. There we encounter various peoples of whom one can say: they lead a life devoid of knowledge.

[ 29 ] Nun können wir die Frage aufwerfen: Wohin sind diese Völkerschaften gekommen? Wir wissen, sie sind verschwunden zum großen Teile aus der tatsächlichen Entwickelung der europäischen Menschheit. Wohin sind die Ostgoten, wohin die Westgoten, wohin die Langobarden gekommen? Das können wir fragen. In gewisser Beziehung sind sie als Völker nicht mehr vorhanden; aber dasjenige, was sie als Leben gehabt haben, ist vorhanden, ist etwa in der folgenden Weise vorhanden. Betrachten wir die italienische Halbinsel, betrachten wir sie noch besetzt von den Nachkommen der alten römischen Bevölkerung, denken wir uns, es hätte sich auf dieser alten italienischen Halbinsel dasjenige ausgebreitet, was ich als lateinisches Wissen, als lateinische Kultur gekennzeichnet habe: es wäre die ganze Bevölkerung vertrocknert.

[ 29 ] Now we can ask the question: Where did these peoples go? We know that, for the most part, they have disappeared from the actual development of European humanity. Where did the Ostrogoths go, where did the Visigoths go, where did the Lombards go? We can ask that. In a certain sense, they no longer exist as peoples; but what they once embodied as a way of life still exists, in roughly the following way. Let us consider the Italian peninsula, let us imagine it still inhabited by the descendants of the ancient Roman population, and let us suppose that what I have described as Latin knowledge, as Latin culture, had spread across this ancient Italian peninsula: the entire population would have withered away.

[ 30 ] Wenn man genau untersuchen würde, so würde man es als unglaublichen Dilettantismus ansehen müssen, zu glauben, daß heute irgend etwas von Blutsverwandtschaft mit dem alten Römertum noch vorhanden ist. Eingezogen sind Ostgoten, Westgoten, Langobarden, und über diese strömte hinüber dasjenige, was das Lateinertum war — aber bloß geistig als Wissenskeim —, über das wissenlose Leben, und das wissenlose Leben gab weiterhin die Substanz dazu. In den südlicheren Gegenden war es ein normannisch-germanisches Element. So strömte in die italienische Halbinsel das ein, was an lebentragender Bevölkerung vorhanden war, aus dem europäischen Mittelland und dem Osten. In Spanien strömte ein, um sich später mit dem rein verstandesmäßigen Elemente des Arabertums, des Maurentums zu verbinden, das Westgoten- und das Sueventum; in der Gegend von Frankreich strömte ein das Frankentum, und in der Gegend der britischen Inseln das Angelsachsentum.

[ 30 ] If one were to examine the matter closely, one would have to regard it as incredible amateurism to believe that anything of a bloodline connection to ancient Rome still exists today. The Ostrogoths, Visigoths, and Lombards moved in, and through them flowed what was known as “Latin culture”—but only spiritually, as a seed of knowledge—over the life devoid of knowledge, and that life devoid of knowledge continued to provide the substance for it. In the more southern regions, it was a Norman-Germanic element. Thus, what remained of the life-sustaining population from the European heartland and the East flowed into the Italian Peninsula. In Spain, the Visigothic and Suebi cultures flowed in, later to merge with the purely intellectual element of Arab and Moorish culture; in the region of France, the Frankish culture flowed in, and in the region of the British Isles, the Anglo-Saxon culture.

[ 31 ] Man trifft das Richtige, wenn man das Folgende sagt: Insbesondere waren die Gegenden des Südens vor der Gefahr, vollständig zu verlieren — wenn sie Nachkommen der alten Römer geblieben wären und die lateinische Kultur in ihnen fortgewirkt hätte — die Möglichkeit, ein Ich-Bewußtsein auszubilden. Daher wurde hinweggenommen die Nachkommenschaft des alten Römertums, und es wurde hineingeströmt in dieses Gebiet, wo sich ausbreiten sollte das Lateinertum, dasjenige, was von dem ostgotischen, von dem langobardischen Elemente kam. Ostgotisches, langobardisches Blut und auch Normannenblut nahm auf dasjenige, was verstrohende lateinische Kultur wurde. Vor der Gefahr wäre nämlich die Bevölkerung gewesen, wenn sie römisch geblieben wäre, nicht entwickeln zu können jemals das Element der Bewußitseinsseele.

[ 31 ] One is correct in saying the following: In particular, the regions of the South were in danger of completely losing—had they remained descendants of the ancient Romans and had Latin culture continued to influence them—the possibility of developing a sense of self. Therefore, the legacy of ancient Roman culture was removed, and what flowed into this region—where Latin culture was to spread—was that which came from the Ostrogothic and Lombard elements. Ostrogothic, Lombard, and Norman blood were absorbed into what had become a scattered Latin culture. For had the population remained Roman, it would have faced the danger of never being able to develop the element of the conscious soul.

[ 32 ] So ging in den Langobarden und in den Ostgoten nach dem Süden dasjenige, was wir nennen können: das Wotan-Element, Geist und Leben. Da wurde sozusagen getragen im Blute der Langobarden, im Blute der Ostgoten, das Wotan-Element, und das machte die weitere Entwickelung, die weitere Entfaltung dieser südlichen Kultur möglich.

[ 32 ] Thus, among the Lombards and the Ostrogoths, what we might call the “Wotan element”—spirit and life—spread southward. The Wotan element was, so to speak, carried in the blood of the Lombards and the Ostrogoths, and this made the further development and unfolding of this southern culture possible.

[ 33 ] Nach Westen ging mit den Franken das Wili-Element, Verstand und Bewegung, was wiederum abhanden gekommen wäre, wenn die Nachkommenschaft der europäischen Urbevölkerung, die in diesen Gegenden gesessen hatte, sich bloß weiter entwickelt hätte unter dem Einfluß des Römertums.

[ 33 ] The Wili element—reason and movement—went westward with the Franks; this would have been lost again if the descendants of the indigenous European population that had settled in these regions had simply continued to develop under the influence of Roman culture.

[ 34 ] Nach den britischen Inseln ging dasjenige, was man nennen kann: Gestaltung und Sprache, und namentlich die Fähigkeit, zu sehen und zu hören, was dann im englischen Empirismus seine spätere Ausbildung erfahren hat: in Physiognomik, Sprache, Gesicht, Gehör.

[ 34 ] What might be called “form and language”—and, in particular, the ability to see and hear—made its way to the British Isles, where it later found its expression in English empiricism: in physiognomy, language, the face, and hearing.

Diagram 1Diagram 1

[ 35 ] So sehen wir, indem wir tatsächlich im neuen italienischen Elemente das Sprechen der Volksseele in der Empfindungsseele haben, wie wir das anders ausdrücken können dadurch, daß wir sagen: das Wotan-Element strömt in die italienische Halbinsel ein. So wie wir den Zug der Franken nach Westen ausdrücken können dadurch, daß wir sagen: das Wili-Element strömt nach dem Westen, nach Frankreich. Und wie wir das in bezug auf die britischen Inseln ausdrükken können dadurch, daß wir sagen: das We-Element strömt da hinein.

[ 35 ] Thus, since the new Italian element truly embodies the voice of the Folk-souls within the soul of feeling, we can express this differently by saying: the Wotan element flows into the Italian peninsula. Just as we can describe the Franks’ march westward by saying: the Wili element flows westward, toward France. And just as we can describe this in relation to the British Isles by saying: the We element flows into them.

[ 36 ] So ist auf der italienischen Halbinsel gar nichts mehr von dem Blute der europäischen Urbevölkerung vorhanden; das ist ganz ersetzt. Im Westen, in der Gegend des heutigen Frankreich, ist etwas mehr von der Urbevölkerung vorhanden, ungefähr so, daß sich die Waage halten das Frankenelement und die Urbevölkerung. Am meisten von der Urbevölkerung ist noch auf den britischen Inseln.

[ 36 ] Thus, on the Italian Peninsula, there is no trace left of the blood of the indigenous European population; it has been completely replaced. In the west, in the region of present-day France, there is a slightly larger presence of the indigenous population, such that the Frankish element and the indigenous population are roughly balanced. The largest remnant of the indigenous population is still found on the British Isles.

[ 37 ] Das alles aber, was ich jetzt gesagt habe, ist im Grunde genommen nur eine andere Art, auf das Verständnis desjenigen hinzuweisen, was aus dem Süden kam durch Europa: hinzuweisen auf das Eingehülltsein des Mysteriums von Golgatha in eine untergehende Weisheit und auf dessen Aufgenommenwerden durch ein noch weisheitsloses Leben.

[ 37 ] But everything I have just said is, in essence, merely another way of pointing to an understanding of what came from the South through Europe: pointing to the way the Mystery of Golgotha was enveloped in a wisdom that was fading away, and to its being received by a life that was still devoid of wisdom.

[ 38 ] Man kann Europa nicht verstehen, wenn man diesen Zusammenhang nicht ins Auge faßt; man kann aber Europa in allen Einzelheiten verstehen, wenn man dieses europäische Leben erfaßt wie einen fortlaufenden Prozeß. Denn vieles von dem, was ich gesagt habe, vollzieht sich noch bis in unsere Tage herein. So zum Beispiel wäre es interessant, selbst so etwas wie die Philosophie Kants aus diesen zwei Urgegensätzen des europäischen Lebens heraus einmal ins Auge zu fassen und zu zeigen, wie Kant auf der einen Seite das Wissen absetzen will, dem Wissen alle Gewalt nehmen will, um auf der anderen Seite dem Glauben Platz zu machen. Das ist nur ein Fortwirken des dunklen, geheimen Bewußtseins: mit dem Wissen, das da von unten heraufgekommen ist, kann man ja eigentlich nichts anfangen; man kann nur etwas anfangen mit dem, was als ursprüngliches wissenloses Leben von oben herunter kommt. Der ganze Gegensatz der reinen und praktischen Vernunft liegt da darinnen: Ich mußte das Wissen wegräumen, um dem Glauben Platz zu machen. Der Glaube, für den die protestantische Theologie kämpft, ist ein letztes Überbleibsel des wissenlosen Lebens, denn das Leben will nichts wissen von einer auseinandergezogenen abstrakten Weisheit.

[ 38 ] One cannot understand Europe without taking this connection into account; however, one can understand Europe in all its details if one grasps this European life as a continuous process. For much of what I have said is still unfolding right up to the present day. For example, it would be interesting to examine even something like Kant’s philosophy in light of these two primordial opposites of European life and to show how Kant, on the one hand, seeks to set knowledge aside—to strip knowledge of all power—in order, on the other hand, to make room for faith. This is merely a continuation of that dark, secret consciousness: after all, one cannot really do anything with the knowledge that has risen from below; one can only do something with what comes down from above as original, knowledgeless life. The entire contrast between pure and practical reason lies therein: I had to set knowledge aside to make room for faith. The faith for which Protestant theology fights is a final remnant of life devoid of knowledge, for life wants nothing to do with a disjointed, abstract wisdom.

[ 39 ] Aber auch ältere Erscheinungen kann man betrachten. Man kann zum Beispiel ins Auge fassen, wie gerade bei den geistig führenden Persönlichkeiten das Bemühen auftritt, gewissermaßen einen Einklang zu schaffen zwischen diesen zwei Strömungen, auf die aufmerksam gemacht worden ist. Denn das zeigt die heutige Physiognomie Europas, daß bis in unsere Tage nachwirkt das lateinische "Wissen in dem europäischen Leben, und daß man geradezu die Karte Europas mit dem nach Süden und Westen ausstrahlenden lateinischen Wissen und dem in der Mitte Europas noch sich bewahrenden Leben ins Auge fassen kann. Man kann sehen, wie man einmal sich Mühe gegeben hat — ich möchte ein Beispiel anführen —, dieses ersterbende Wissen zu überwinden. Gewiß, es tritt auf den verschiedenen Gebieten des Lebens in verschieden starker Weise auf, dies ersterbende Wissen; aber es war schon im 8. bis 9. Jahrhundert die europäische Entwickelung so weit, daß diejenigen, welche die Nachkommen waren der europäischen Bevölkerung, nichts Rechtes mehr machen konnten mit dem, was noch als gewisse Bezeichnungen für kosmische oder irdische Verhältnisse gebildet war aus alten römischen Zeiten. So konnte man schon im 8. bis 9. Jahrhundert einsehen, daß es dem ursprünglichen Leben der Seele nichts besonderes gibt, wenn man sagt: Januar, Februar, März, April, Mai. Damit konnten die Römer etwas anfangen, aber die nördlichere europäische Bevölkerung konnte nicht viel damit anfangen; es ergoß sich so über diese europäische Bevölkerung hin, daß es nicht in die Menschenseele, sondern vielfach nur in die Sprache hineinfloß und daher ersterbend, verstrohend war. Daher gab man sich Mühe, namentlich über Mittel- und Westeuropa hin...über den ganzen Strich, den man bezeichnen könnte als von der Elbe angefangen bis zum Atlantischen Ozean und bis zu den Apenninen gehend Bezeichnungen durchzubringen für die Monate, welche erfühlt werden können von der europäischen Menschheit. Solche Monatsbezeichnungen sollten sein:

[ 39 ] But we can also consider earlier phenomena. For example, we can examine how, particularly among intellectual leaders, there is an effort to create, so to speak, a harmony between these two currents that have been brought to our attention. For the current physiognomy of Europe shows that Latin “knowledge” continues to exert an influence in European life to this very day, and that one can virtually visualize a map of Europe with Latin knowledge radiating southward and westward, while life in the center of Europe still persists. One can see how efforts were once made—I would like to cite an example—to overcome this dying knowledge. Certainly, this dying knowledge manifests itself with varying intensity in different spheres of life; but as early as the 8th to 9th centuries, European development had progressed to such an extent that the descendants of the European population could no longer make proper use of what had been formed in ancient Roman times as certain designations for cosmic or earthly conditions. Thus, as early as the 8th to 9th centuries, it was evident that there is nothing of particular significance to the soul’s original life in saying: January, February, March, April, May. The Romans could make sense of this, but the more northerly European populations could not make much of it; it poured over these European populations in such a way that it flowed not into the human soul but, in many cases, only into the language, and was therefore withering and dispersing. Consequently, efforts were made, particularly across Central and Western Europe—across the entire region that could be described as stretching from the Elbe to the Atlantic Ocean and as far as the Apennines—to introduce names for the months that could be felt by the European people. Such month names were to be:

1. Wintarmanoth.
2. Hornung.
3. Lenzinmanoth.
4. Ostarmanoth.
5. Winnemanoth (auch Nannamanoth).
6. Brachmanoth.
7. Heuimanoth (zusammengesetzt mit Heu).
8. Aranmanoth (Aran = die Ernte).
9. Widumanoth (Wide = das, was stehen geblieben ist, nachdem man über den Acker gegangen ist).
10. Windumemanoth (lateinisch = vindemia: Weinlese).
11. Herbistmanoth.
12. Heiligmanoth.

1. Wintarmanoth.
2. Hornung.
3. Lenzinmanoth.
4. Ostarmanoth.
5. Winnemanoth (also Nannamanoth).
6. Brachmanoth.
7. Heuimanoth (derived from “Heu,” meaning “hay”).
8. Aranmanoth (Aran = “the harvest”).
9. Widumanoth (Wide = “what remains after walking across the field”).
10. Windumemanoth (Latin = vindemia: grape harvest).
11. Herbistmanoth.
12. Heiligmanoth.

[ 40 ] Derjenige, der sich bemüht hat, diese Bezeichnungen allgemein zu machen, ist Karl der Große.

[ 40 ] The person who sought to make these terms commonplace was Charlemagne.

[ 41 ] Es ist bezeichnend dafür, wie bedeutsam der Geist Karls des Großen war, denn er versuchte damit etwas einzuführen, was bis heute kaum Eingang gefunden hat. Wir haben immer noch in den Monatsbezeichnungen die letzten Reste der verstrohenden lateinischen Wissenskultur. Karl der Große war überhaupt eine Persönlichkeit, welche vieles gewollt hat, das über die Möglichkeit des zu Verwirklichenden hinausgegangen ist. Es hat sich gerade nach ihm, im 9. Jahrhundert, die Welle des Lateinertums so recht hinübergezogen über Europa. Es wäre interessant, wenn ins Auge gefaßt würde, was Karl der Große gewollt hat, indem er die Ausstrahlungen des Wile-Elementes nach Westen bringen wollte. Denn die Latinisierung trat dort erst nachher auf.

[ 41 ] This is indicative of just how significant Charlemagne’s vision was, for he sought to introduce something that has scarcely taken root even to this day. We still see the last remnants of the far-reaching Latin culture of learning in the names of the months. Charlemagne was, in general, a figure who sought to achieve much that went beyond what was actually feasible. It was precisely after his time, in the 9th century, that the wave of Latinization truly swept across Europe. It would be interesting to consider what Charlemagne intended by seeking to bring the influence of the Wile element to the West. For Latinization did not occur there until later.

[ 42 ] So können wir sagen, daß derjenige Teil der Menschheit, der Rasse gewesen ist, der als Rasse die Nachfolgerschaft war des alten Europa, des Europa, aus dem das Römertum hervorgegangen ist, und der die Nachkommenschaft des Römertums selber gewesen ist, für den südlichen Teil ganz — und für den nördlicheren Teil zum großen Teile — einfach ausgestorben ist. Von dem ist im Blute nichts mehr vorhanden. Es hat sich in den leeren Raum, der da gelassen worden ist, hineinergossen, was von Mitteleuropa und dem europäischen Osten gekommen ist. So daß man sagen kann: das rassenhafte Element, auch des europäischen Südens und des europäischen Westens, ist das germanische Element, das nur in den verschiedenen Schattierungen in den britischen Inseln, in Frankreich, in Spanien und aber dort auch völlig überflossen vom Lateinertum — auf der italienischen Halbinsel vorhanden ist.

[ 42 ] Thus we can say that the part of humanity that was a race—which, as a race, was the successor to ancient Europe, the Europe from which Roman civilization emerged, and which was itself the descendant of Roman civilization—has simply died out entirely in the southern part and, to a large extent, in the northern part as well. Nothing of it remains in the blood. What came from Central Europe and Eastern Europe has poured into the void that was left behind. So one can say: the racial element, even in the European South and the European West, is the Germanic element, which is present only in various shades in the British Isles, in France, and in Spain—though there, too, it has been completely overwhelmed by Latin culture—on the Italian Peninsula.

[ 43 ] Das Rassenelement ist also dasjenige, was sich von Osten nach Westen und nach Süden hin bewegt, während das Wissenselement vom Süden nach Norden sich bewegt. Das Rassenelement ist es, welches sich von Osten nach Westen und Süden und längs des europäischen Westens nach Norden bewegt und allmählich abflutet nach dem Norden zu. So daß, wenn man richtig sprechen will, von einem germanischen Rassenelement, aber nicht von einer lateinischen Rasse gesprochen werden kann. Von einer lateinischen Rasse zu sprechen ist ebenso gescheit, wie von einem hölzernen Eisen zu sprechen; weil das Lateinertum, wie es geworden ist, nichts ist, was einer Rasse anhaftet, sondern etwas, was sich als blutloses Wissen über einen Teil der europäischen Urbevölkerung ergossen hat. Aber von einer lateinischen Rasse sprechen kann nur der Materialismus, denn Latinität hat nichts zu tun mit etwas Rassenhaftem.

[ 43 ] The racial element, then, is that which moves from east to west and south, while the element of knowledge moves from south to north. It is the racial element that moves from east to west and south, and along the western part of Europe toward the north, gradually spreading out toward the north. Thus, to speak accurately, one can speak of a Germanic racial element, but not of a Latin race. To speak of a Latin race is just as sensible as speaking of wooden iron; for Latin culture, as it has come to be, is not something inherent to a race, but rather something that has poured out as bloodless knowledge over a portion of the indigenous European population. But only materialism can speak of a Latin race, for Latinness has nothing to do with anything racial.

[ 44 ] So sehen wir, wie gewissermaßen der Bibelspruch fortwirkt in diesem Teile der europäischen Geschichte, wie das Schicksal der Latinität Erfüllung ist des Spruches: «Von dem Baume des Lebens sollt ihr nicht essen», und wie das Leben, das der Erde gegeben worden ist mit dem Mysterium von Golgatha, nicht völlig in Einklang kommen konnte mit dem alten Wissen; sondern wie in das, was geblieben ist von der Urweisheit und was versickert war, neues Leben hineinkommen mußte. Wenn wir sachlich die Frage beantworten sollen: Wo bleibt das, was aus solchem neuen Leben sich nicht erhalten hat in seiner besonderen Eigenart, sondern in der Geschichte verschwunden ist: das westgotische, das suevische, das langobardische, das ostgotische Element und so weiter? — so müssen wir zur Antwort geben: Es lebt als Leben fort innerhalb der lateinischen Kultur. Das ist der wahre Tatbestand, den man allerdings kennen muß mit Bezug auf dasjenige, was ausgeht von dem uralten Bibel-Doppelspruche und was in alten Zeiten mit Bezug auf die Entwickelung Europas wirkt, um diese Entwickelung Europas zu verstehen.

[ 44 ] Thus we see how, in a sense, the biblical saying continues to have an effect in this part of European history, how the fate of Latin culture is the fulfillment of the saying: “You shall not eat of the tree of life,” and how the life that was given to the earth through the Mystery of Golgotha could not fully harmonize with the ancient knowledge; but how new life had to enter into what remained of the primordial wisdom and what had faded away. If we are to answer the question objectively: Where is that which, from such new life, has not been preserved in its distinctive character but has vanished into history—the Visigothic, Suebi, Lombard, Ostrogothic elements, and so on?—then we must answer: It lives on as life within Latin culture. This is the true state of affairs, which one must, of course, be aware of in relation to what stems from the ancient biblical double-edged saying and what, in ancient times, influenced the development of Europe, in order to understand this development of Europe.

[ 45 ] Ich mußte Ihnen heute gleichsam diese geschichtliche Auseinandersetzung geben, weil ich Ihnen Dinge zu sagen haben werde, welche voraussetzen, daß man über diese geschichtliche Entwickelung nicht die falschen Begriffe des heutigen Materialismus und Formalismus habe.

[ 45 ] I had to provide you with this historical overview today, so to speak, because I will have things to say that require you not to hold the false notions of today’s materialism and formalism regarding this historical development.