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Chance, Necessity, and Providence
Imaginative Insight and Processes after Death
GA 163

28 August 1915, Dornach

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Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Ich will, wie ich schon erwähnt habe, in diesen Tagen zusammentragen dasjenige, was wir brauchen, um die Vorstellungen von Vorsehung, Notwendigkeit, Zufall in das richtige Licht zu setzen. Ich werde aber nötig haben, gerade heute gewissermaßen wie ein abstraktes Gegenbild der eben gesehenen, schönen, konkreten Bilder einige Vorbegriffe vorzubringen. Und wenn wir, wie das ja sein muß, gründlich zu Werke gehen wollen, so können wir die Betrachtung nicht anders anstellen, als wenn wir auch diesmal dann am Montag noch einen Vortrag anschließen, so daß ich also heute noch, dann morgen nach der eurythmischen Aufführung, und am Montag um sieben Uhr sprechen werde. Morgen wird um drei Uhr die Eurythmieaufführung sein, und daran werden wir einen weiteren Vortrag anschließen.

[ 1 ] As I have already mentioned, I intend to compile over the next few days the material we need to shed the proper light on the mental images of providence, necessity, and chance. However, today in particular, I will need to introduce some preliminary concepts—as it were, as an abstract counterpoint to the beautiful, concrete images we have just seen. And if we wish to proceed thoroughly—as we must—we have no choice but to structure our discussion in such a way that we follow up with another lecture on Monday, so that I will speak today, then tomorrow after the eurythmy performance, and on Monday at seven o’clock. Tomorrow the eurythmy performance will take place at three o’clock, and we will follow it with another lecture.

[ 2 ] Die Begriffe «Notwendigkeit» und «Zufall» fallen für jenes Bewußtsein, das sich bis zu unserer Zeit allmählich herausgebildet hat, und das unter dem Einfluß materialistischer Vorstellungen entstanden ist, in einer gewissen Weise zusammen. Ich meine das so, daß viele Menschen, deren Bewußtseinsverfassung unter dem Einflusse der materialistischen Vorstellungen entstanden ist, heute schon nicht mehr unterscheiden können den Begriff der Notwendigkeit und den Begriff des Zufalls.

[ 2 ] For the consciousness that has gradually developed up to our time—and which has emerged under the influence of materialistic mental images—the concepts of “necessity” and “chance” coincide in a certain way. What I mean is that many people whose mindset has developed under the influence of materialistic mental images are already unable to distinguish between the concept of necessity and the concept of chance today.

[ 3 ] Nun gibt es eine Anzahl von Tatsachen, denen gegenüber selbst materialistisch verwirrte Köpfe den Begriff der Notwendigkeit, wenigstens in einem gewissen eingeschränkten Sinne, noch gelten lassen. Auch materialistisch eingeschränkte Leute lassen heute noch gelten, daß mit einer gewissen Notwendigkeit die Sonne morgen wiederum aufgehen werde. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Sonne morgen aufgehen werde, ist eine so große nach Ansicht dieser Leute, daß man diese große Wahrscheinlichkeit schon wie eine Notwendigkeit bezeichnen kann. Solche Tatsachen, die sich draußen in der weiteren Natur, in der relativ weiteren Natur unseres Erdgeschehens abspielen, lassen solche Köpfe als Notwendigkeit gelten. Dagegen finden sie sich schon gewissermaßen beengt mit ihren Begriffen von Notwendigkeit, wenn sie an dasjenige herantreten, was in der Geschichte sich zugetragen hat, was sich, wie man sagt, historisch abgespielt hat. Und sehr bezeichnend ist da gerade ein Geist, wie der schon öfter jetzt vor Ihnen genannte Fritz Mauthner, der nicht nur seine «Kritik der Sprache» geschrieben hat, um Kant zu «überkanten», sondern der auch ein philosophisches Wörterbuch geschrieben hat. In diesem philosophischen Wörterbuch hat er auch einen Artikel «Geschichte». Und wie er da versucht, mit dem, was Geschichte ist, zurechtzukommen, das ist recht interessant. Er sagt sich: Wenn die Sonne aufgeht, da sehe ich eine Tatsache. Nehmen wir zum Beispiel an, heute am 28. August 1915 habe man die Tatsache sehen können, daß die Sonne aufgegangen ist. Dieses ist eine Tatsache. Daß diesem Aufgehen der Sonne ein Gesetz, eine gewisse Notwendigkeit zugrunde liegt, das kann man nur dadurch einsehen, meint Fritz Mauthner, daß gestern auch die Sonne aufgegangen ist, vorgestern auch und überhaupt, solange Menschen dies beobachten, ist die Sonne aufgegangen. Man hat es nicht mit einer Tatsache zu tun, sondern man kann von der einen Tatsache zu den gleichen oder ähnlichen Tatsachen gehen in der Natur draußen und kommt dadurch zur Einsicht in die Notwendigkeit. Aber nun in bezug auf Geschichte sagt sich Fritz Mauthner: Cäsar zum Beispiel ist doch nur einmal dagewesen, da kann man nicht von einer Notwendigkeit sprechen. Denn man könnte von einer Notwendigkeit, daß Cäsar hat kommen müssen, nur dann sprechen, wenn ein solches Faktum sich wiederholen würde. Nun wiederholen sich aber die geschichtlichen Tatsachen nicht. Also kann man da nicht von einer Notwendigkeit sprechen. Das heißt, die ganze Geschichte muß man dann ansehen als eine Art Zufall. — Und Mauthner ist ein ehrlicher Mann — das habe ich Ihnen schon gesagt —, er ist wirklich ein ehrlicher Mensch. Im Gegensatz zu anderen, die weniger ehrlich sind, ist er ein Mensch, der eben die Konsequenzen aus gewissen Voraussetzungen zieht. Und so sagt er zum Beispiel mit Bezug auf die geschichtliche Notwendigkeit: «Daß Napoleon sich übernahm und auch noch nach Rußland marschierte, daß ich in dieser Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst, sind zwei wirklich geschehene Tatsachen, beide notwendig, beide — was man für die größten und für die lächerlich kleinsten Tatsachen der Geschichte mit Recht fordert — nicht ohne Folgen.» Aus seiner Ehrlichkeit heraus sind ihm etwas, das man eine Geschichtstatsache nennt, etwa Napoleons Zug nach Rußland — es könnte ebensogut etwas anderes sein —, und die Tatsache, daß er, wie er sagt, in dieser Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst, beides notwendige Tatsachen, wenn man das Geschichtliche überhaupt als «notwendig» bezeichnet.

[ 3 ] There are, however, a number of facts in regard to which even those with a materialistically clouded mind still accept the concept of necessity, at least in a certain limited sense. Even people with a materialistic mindset still accept today that the sun will rise again tomorrow with a certain degree of necessity. The probability that the sun will rise tomorrow is, in the view of these people, so great that one can already describe this high probability as a necessity. Such facts, which take place out there in the wider natural world, in the relatively broader natural context of our earthly existence, are accepted as necessities by such minds. In contrast, they find themselves somewhat constrained by their concepts of necessity when they approach what has occurred in history, what has, as one says, played out historically. And very telling in this regard is a thinker like Fritz Mauthner, who has been mentioned to you several times now—a man who not only wrote his *Critique of Language* to “outdo” Kant, but who also wrote a philosophical dictionary. In this philosophical dictionary, he also has an entry on “History.” And the way he attempts to come to terms with what history is is quite interesting. He says to himself: When the sun rises, I see a fact. Let us assume, for example, that today, August 28, 1915, one could observe the fact that the sun has risen. This is a fact. That this rising of the sun is based on a law, a certain necessity, can only be understood, according to Fritz Mauthner, by the fact that the sun also rose yesterday, the day before yesterday, and in general, as long as people have observed this, the sun has risen. One is not dealing with a fact in and of itself, but one can move from that single fact to the same or similar facts in nature and thereby come to an understanding of the necessity. But now, with regard to history, Fritz Mauthner says to himself: Caesar, for example, was only there once; one cannot speak of a necessity here. For one could speak of a necessity—that Caesar had to come—only if such a fact were to repeat itself. But historical facts do not repeat themselves. So one cannot speak of necessity here. That means one must then view the whole of history as a kind of coincidence. — And Mauthner is an honest man — I have already told you that — he is truly an honest person. In contrast to others who are less honest, he is a person who simply draws the consequences from certain premises. And so, for example, with regard to historical necessity, he says: “That Napoleon overreached himself and even marched into Russia, that I smoked one more cigar than usual at this very moment, are two facts that actually happened, both necessary, both—as one rightly demands of the greatest and the ridiculously smallest facts of history—not without consequences.” Out of his honesty, he regards something called a historical fact—such as Napoleon’s march on Russia (it could just as well be something else)—and the fact that, as he says, he smoked one more cigar than usual at that moment, as both necessary facts, if one describes the historical at all as “necessary.”

[ 4 ] Sie werden es erstaunlich finden, daß ich Ihnen gerade diesen Satz aus dem Artikel «Geschichte» von Fritz Mauthner anführe. Ich führe ihn an, weil in diesem Satz ein ehrlicher Mensch sich ehrlicherweise etwas gestanden hat, was die anderen, die weniger ehrlich sind, aus dem Untergrunde der heutigen wissenschaftlichen Gesinnung heraus sich eben nicht gestehen. Er hat sich gestanden: Mit den Mitteln, die wir haben, und die heute in der Wissenschaft gelten, kann man nicht unterscheiden die Tatsache, daß Cäsar gelebt hat, von der Tatsache, daß ich «in dieser Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst». Man findet keinen Unterschied durch die Mittel, die die Wissenschaft heute gelten läßt! Nun stellt er sich positiv auf den Boden, keinen Unterschied gelten zu lassen, nicht so töricht zu sein, eine Geschichte aufzustellen als Wissenschaft, da es eine Geschichte als Wissenschaft nach den heutigen Voraussetzungen der Wissenschaft gar nicht geben kann. Er ist wirklich ehrlich; denn er sagt zum Beispiel, und zwar mit einem gewissen Recht, etwa das Folgende: Wundt hat ein Schema für die «Gliederung der Einzelwissenschaften» aufgestellt. Darin ist natürlich auch die Geschichte. Aber man findet eigentlich keinen objektiveren Grund, daß Wundt in seinem Schema der Wissenschaften auch die Geschichte angeführt hat, als daß es üblich geworden ist, das heißt, daß die zufällige Tatsache da ist, an den Universitäten für Geschichte eine ordentliche Professur zu haben. Würde man die Reitlehre zur ordentlichen Professur machen — so meint Fritz Mauthner von seinem Standpunkte aus mit Recht —, so würden Professoren wie Wundt auch das Thema der Reitkunst in einem Schema als «Wissenschaft» aufführen, nicht aus irgendeiner Notwendigkeit des heutigen wissenschaftlichen Begreifens heraus, sondern aus ganz etwas anderem heraus.

[ 4 ] You will find it surprising that I am quoting this particular sentence from Fritz Mauthner’s article “History.” I quote it because in this sentence an honest man has honestly admitted to himself something that others, who are less honest, simply do not admit to themselves from the depths of today’s scientific mindset. He has admitted to himself: With the means we have, and which are accepted in science today, one cannot distinguish the fact that Caesar lived from the fact that I “smoked one more cigar than usual at this hour.” One finds no difference through the means that science accepts today! Now he takes a positive stance on not accepting any distinction, on not being so foolish as to establish history as a science, since history as a science cannot exist at all under the current premises of science. He is truly honest; for he says, for example—and with a certain justification—something like the following: Wundt established a schema for the “classification of the individual sciences.” History is naturally included in this as well. But one can actually find no more objective reason for Wundt having included history in his scheme of the sciences than that it has become customary—that is, that the fortuitous fact exists that universities have a full professorship for history. If one were to elevate the art of riding to the status of a full professorship—as Fritz Mauthner rightly argues from his standpoint—then professors like Wundt would also list the subject of horsemanship in a schema as a “science,” not out of any necessity of contemporary scientific understanding, but for an entirely different reason.

[ 5 ] Man muß sagen: Die gegenwärtige Zeit ist weit, weit schon abgekommen von dem, was einem so entgegentritt aus dem Goetheschen «Faust», daß es, wenn man die Sache ganz ernst nimmt, einen doch eben recht tief erschüttern kann. Vieles, vieles ist ja in diesem Goetheschen «Faust», das uns auf tiefste Rätsel in der Menschenbrust hinweist. Man nimmt die Dinge heute nur nicht mehr ernst genug. Was sagt doch Faust gleich im Anfang, nachdem er sich zu der Nichtigkeit dessen bekannt hat, was ihm Philosophie, Juristerei, Medizin und auch Theologie seinerzeit haben geben können, nachdem er gegenüber diesen vier Fakultäten sich ausgesprochen hat? Er sagt: Das, was ihm aus dieser Wissenschaft heraus und auch sonst das Leben gebracht hat für seine Seele, das hätte ihn zu dem Bewußtsein gebracht:

[ 5 ] It must be said: The present age has strayed far, far indeed from what confronts us in Goethe’s *Faust*, so that, if one takes the matter quite seriously, it can indeed shake one to the core. There is indeed much, much in Goethe’s *Faust* that points to the deepest mysteries within the human heart. People simply no longer take things seriously enough today. What does Faust say right at the beginning, after he has acknowledged the futility of what philosophy, law, medicine, and even theology could offer him at the time, after he has spoken out against these four disciplines? He says: What these sciences and life in general have brought to his soul has led him to the realization:

Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund<
Nicht manch Geheimnis würde kund,
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß,
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß,
Daß ich erkenne, was die Welt<
Im Innersten zusammenhält.
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

No dog would want to live like this any longer!
So I have surrendered to magic,
In the hope that through the power of my mind and my mouth<
Many a secret might be revealed to me,
So that I no longer need, with bitter sweat,
To say what I do not know,
So that I may recognize what the world<
Holds together at its very core.
Behold all creative power and seeds,
And no longer rummage through words.

[ 6 ] Also, was will Faust erkennen? «Wirkenskraft und Samen»! Damit ist nämlich aus der Tiefe des menschlichen Herzens heraus hingedeutet auch auf die Frage nach «Notwendigkeit» und «Zufall» im Leben.

[ 6 ] So, what does Faust seek to understand? “Active power and seed”! For this also points, from the depths of the human heart, to the question of “necessity” and “chance” in life.

[ 7 ] Notwendigkeit! Man denke sich nur eine solche Menschenwesenheit wie Faust vor die Frage der Notwendigkeit in dem geschichtlichen Leben der Menschheit hingestellt. Warum bin ich da — fragt sie —, an diesem Zeitpunkt des menschlichen Werdens? Was hat mich hereingestellt in diese Welt? Welche Notwendigkeit, die da läuft durch das, was wir Geschichte nennen, hat mich hereingestellt gerade in diesem Augenblicke in das geschichtliche Werden? — Aus der ganzen Tiefe der Seele heraus stellt Faust diese Frage. Und er glaubt, sie nur dann beantworten zu können, wenn er einsieht, wie «Wirkenskraft und Samen» sind, wie also dasjenige, was uns entgegentritt äußerlich, in sich verbirgt dasjenige, an dem man erkennt, wie der Faden notwendigen Werdens durch alles hindurchgeht.

[ 7 ] Necessity! Just imagine a human being like Faust confronted with the question of necessity in the historical life of humanity. Why am I here—he asks—at this point in human development? What has brought me into this world? What necessity, running through what we call history, has brought me into historical development at this very moment? — From the very depths of his soul, Faust poses this question. And he believes he can answer it only if he understands how “active force and seed” are—that is, how that which confronts us externally conceals within itself that by which one recognizes how the thread of necessary becoming runs through everything.

[ 8 ] Man denke sich nur, daß eine Natur wie Faust aus irgendwelchen Untergründen heraus kommen müßte zu einem ähnlichen Bekenntnisse wie Fritz Mauthner. Fritz Mauthner ist selbstverständlich nicht faustisch genug, um jene Konsequenz zu empfinden, die Faust empfinden würde, wenn er sich eines Tages gestehen müßte: Ich kann keinen Unterschied erkennen zwischen der Tatsache, daß Cäsar an seinen Platz in der Geschichte hingestellt worden ist, und der Tatsache, daß ich «in einer Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst». — Denken Sie sich nur einmal in das Faust-Gemüt hinein die Frage gestellt von dem Gesichtspunkte aus, der hier durch Fritz Mauthner geltend gemacht worden ist gerade fürs geschichtliche Werden. Ich bin so notwendig im Gang der Entwickelung der Welt — hätte sich Faust sagen müssen —, wie es notwendig ist, daß Fritz Mauthner einmal in einer Stunde eine Zigarre mehr raucht. Man nimmt eben die Dinge gewöhnlich nicht ernst genug, sonst würde man einsehen, was das für das menschliche Leben für eine Bedeutung hat, daß einer, der alles wissenschaftliche Gewissen der Gegenwart zusammennimmt, sagt: Man kann heute mit den Mitteln der gegenwärtigen Wissenschaft nicht unterscheiden zwischen der Tatsache, daß Cäsar gelebt hat, und der Tatsache, daß Mauthner in einer Stunde eine Zigarre mehr als sonst geraucht hat; man kann nicht den Notwendigkeitswert des einen von dem Notwendigkeitswert des anderen unterscheiden.

[ 8 ] Just imagine that a character like Faust were to emerge from some underground realm and make a confession similar to that of Fritz Mauthner. Fritz Mauthner is, of course, not Faustian enough to feel the same sense of inevitability that Faust would feel if he were one day forced to admit: I can see no difference between the fact that Caesar has been placed in his rightful place in history and the fact that I “smoked one more cigar in an hour than usual.” — Just imagine, for a moment, the question posed to the Faustian mind from the perspective that Fritz Mauthner has asserted here specifically regarding historical development. “I am just as necessary to the course of the world’s development,” Faust would have had to say to himself, “as it is necessary that Fritz Mauthner smoke one more cigar in an hour.” People simply do not take things seriously enough; otherwise, they would realize what significance it has for human life when someone who embodies the entire scientific conscience of the present says: With the means of contemporary science, one cannot today distinguish between the fact that Caesar lived and the fact that Mauthner smoked one more cigar than usual in an hour; one cannot distinguish the degree of necessity of one from the degree of necessity of the other.

[ 9 ] Wenn die Menschen einmal dahin gekommen sein werden, dieses mit aller faustischen Intensität zu empfinden, dann werden sie reif sein zu verstehen, wie notwendig es ist, daß man geschichtliche Tatsachen in ihrer Notwendigkeit so begreift, wie wir es versucht haben für mancherlei geschichtliche Tatsachen durch die Geisteswissenschaft.

[ 9 ] Once people have come to feel this with all their Faustian intensity, they will be ready to understand how necessary it is to grasp historical facts in their necessity, just as we have attempted to do for various historical facts through Spiritual Science.

[ 10 ] Denn diese hat uns gezeigt, wie gewissermaßen die Tatsache der aufeinanderfolgenden Epochen durch den großen Werdegang des Geistigen, ich möchte sagen, hineingespritzt sind in die Welt der äusseren Wirklichkeit. Und das, was wir sagen könnten über die Notwendigkeit, daß zu irgendeinem Zeitpunkt dies oder jenes geschieht, das unterscheidet sich ganz beträchtlich von der Tatsache, daß Fritz Mauthner «in einer Stunde eine Zigarre mehr rauchte». Wir haben erwähnt den Zusammenhang zwischen dem Alten und Neuen Testament oder zwischen der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha und nach dem Mysterium von Golgatha, und dann wiederum haben wir erwähnt, wie sich in der nachatlantischen Zeit die einzelnen Kulturperioden folgen, wie in den Kulturperioden die einzelnen Tatsachen geschehen aus geistigen Untergründen heraus. Das erst gibt die Möglichkeit einer geschichtlichen Betrachtung.

[ 10 ] For this has shown us how, in a sense, the fact of successive epochs has been, so to speak, injected into the world of external reality through the great development of the spiritual. And what we might say about the necessity that this or that happen at some point differs quite considerably from the fact that Fritz Mauthner “smoked one more cigar in an hour.” We have mentioned the connection between the Old and New Testaments, or between the time before the Mystery of Golgotha and after the Mystery of Golgotha, and then again we have mentioned how, in the post-Atlantean era, the individual cultural periods follow one another, and how, within these cultural periods, individual events arise from spiritual foundations. This alone makes a historical perspective possible.

[ 11 ] Wie man die Dinge nimmt, darauf kommt unendlich viel an. Darauf kommt es an, daß man einsieht, wozu die Voraussetzungen führen, die man gegenwärtig allein als wissenschaftlich gelten läßt.

[ 11 ] How one views things matters immensely. What matters is that one recognizes where the premises—which are currently regarded as the only scientific ones—lead.

[ 12 ] Ich möchte sagen, jeder solcher Tag, wie der gestrige oder der heutige ist, der Geburtstag Hegels, der Geburtstag Goethes, sollte einem in einer festlichen Weise zu Gemüte führen, wie notwendig es ist, sich an die großen Willensimpulse der älteren Zeiten zu erinnern, sich Goethes und der Hegelschen Willensimpulse zu erinnern, um zu sehen, wie weit in das materialistische Fahrwasser die Menschheit seit jener Zeit hineingezogen ist. Sehen Sie, Flachlinge — wenn ich das Wort bilden darf — hat es ja immer gegeben. Und der Unterschied zwischen, sagen wir zum Beispiel, der Goethe-Zeit und unserer Zeit besteht nicht darin, daß es zu Goethes Zeit oder zu Hegels Zeit keine Flachlinge gegeben hätte, sondern nur darin besteht der Unterschied, daß dazumal die Flachlinge nicht ihre Gesinnung als die allein maßgebliche angeben konnten. Dazumal war die Sache doch noch etwas anders.

[ 12 ] I would like to say, that every day like yesterday or today—Hegel’s birthday, Goethe’s birthday—should serve as a festive reminder of how necessary it is to recall the great impulses of will from earlier times, to recall Goethe’s and Hegel’s impulses of will, in order to see how far humanity has been drawn into the materialistic current since that time. You see, shallow people—if I may coin the term—have always existed. And the difference between, say, Goethe’s time and our time does not lie in the fact that there were no shallow-minded people in Goethe’s time or Hegel’s time, but rather in the fact that back then, the shallow-minded could not present their outlook as the only authoritative one. Back then, things were still somewhat different.

[ 13 ] Gestern war Hegels Geburtstag, der 1770 am 27. August in Stuttgart geboren ist. Dieser Hegel versuchte, da er in seiner Zeit noch nicht eindringen konnte in das wirkliche spirituelle Leben, wie wir es heute versuchen durch die Geisteswissenschaft, in seiner Art das Geistige in der Idee, im Begriff zu haben, er versuchte von der Idee, von dem Begriff auszugehen. Wie wir suchen hinter den Erscheinungen des äußeren Lebens das spirituelle Leben, das lebendige Leben im Geiste, so suchte Hegel, weil er nur bis dahin kommen konnte, hinter allem Äußeren die unsichtbare Idee, ein Ideengewebe, zunächst das Ideengewebe der reinen Logik, dann das Ideengewebe, das hinter der Natur ist, und dann das, was hinter allem Geschehen als Geistiges ist. So suchte Hegel auch hinter der Geschichte, so daß er wirklich, wenn auch in der abstrakten Form des Ideellen, nicht in der konkreten Form des Spirituellen, doch manches Bedeutsame geleistet hat in bezug auf historische Betrachtungen.

[ 13 ] Yesterday was Hegel’s birthday; he was born on August 27, 1770, in Stuttgart. Since Hegel could not yet penetrate the true spiritual life in his time—as we attempt to do today through Spiritual Science—he sought, in his own way, to grasp the spiritual in the idea, in the concept; he sought to proceed from the idea, from the concept. Just as we seek, behind the appearances of external life, the spiritual life, the living life in the spirit, so Hegel—because he could only go so far—sought, behind all that is external, the invisible idea, a web of ideas: first the web of ideas of pure logic, then the web of ideas that lies behind nature, and then that which lies behind all events as the spiritual. Thus Hegel also sought behind history, so that he truly, albeit in the abstract form of the ideal, not in the concrete form of the spiritual, nevertheless accomplished much of significance with regard to historical considerations.

[ 14 ] Was tut ein Mensch, der heute ehrlich auf dem Standpunkte steht, den auch Fritz Mauthner einnimmt, und der, sagen wir, die Entwickelung der Kunst von den alten Ägyptern durch die Griechen bis herauf in unsere Zeit schildert? Er nimmt dasjenige, was die Urkunden gebracht haben, registriert diese Dinge und wird dann glauben, um so wissenschaftlicher zu sein, je weniger Ideen ihm bei dieser Sache aufgehen, je mehr er sich nach seiner Art objektiv an das rein äußere Tatsachenmaterial hält. Hegel hat doch anders versucht, etwa Kunstgeschichte zu schreiben, und er sagte zum Beispiel schon, was wir heute selbstverständlich viel spiritueller ausdrücken können: Wenn man sich hinter der äußeren Kunstentwickelung denkt die fließende, die werdende Welt des Ideellen, dann wird die Idee zuerst gleichsam versuchen, wie noch sich verbergend, hervorzukommen durch das äußere Material hindurch, sich geheimnisvoll zu offenbaren aus dem äußeren Material. Das heißt, die Idee wird sich zuerst noch nicht das Material ganz erobert haben, sie wird symbolisch sich durch das Material ausdrücken; sie wird sich noch erraten lassen, sphinxmäßig, meint Hegel. Dann wird die Idee, wenn sie weiterschreitet, sich das Material mehr erobern. Es wird eine Harmonie bestehen zwischen dem äußeren Ausdruck im Material und der Idee, die sich das Material erobert: Die klassische Ausdrucksform! Dann wird, wenn die Idee sich durchgearbeitet hat, das Material sich erobert hat, eine Zeit kommen, wo man gleichsam die Überfülle der Ideenwelt heraustropfen sieht aus dem Material, wo die Idee dann überwiegt. Beim Symbolischen kann die Idee noch nicht recht durch durchs Material. Beim Klassischen kommt sie durch, so daß sie sich mit ihm vereint. Bei der romantischen Ausdrucksform dringt, tropft sie gleichsam heraus, da ist die Idee in Überfülle. — Und nun sagt Hegel, jetzt suche man in der Außenwelt, wo sich diese Begriffe verwirklichen: Symbolische, sphinxartige Kunst im Ägyptertum, klassische Kunst im Griechentum, romantische Kunst in der Neuzeit. So geht Hegel davon aus: Wir sind im menschlichen Geiste beim Geiste der Welt. Der Geist der Welt muß uns gestatten, uns Gedanken zu machen, wie der Gang der Kunstentwickelung ist. Und dann müssen wir in der äußeren Welt das wiederfinden, was uns der Geist zuerst an Gedanken eingegeben hat.

[ 14 ] What does a person do today who honestly holds the same view as Fritz Mauthner and who, let us say, describes the development of art from the ancient Egyptians through the Greeks up to our own time? He takes what the historical records have yielded, catalogs these things, and then believes that the fewer ideas this subject inspires in him, the more he adheres—in his own way—objectively to the purely external factual material, the more scientific he is. Hegel, however, attempted to write art history differently, and he already said, for example, what we can of course express much more spiritually today: If one conceives, behind the external development of art, the flowing, the emerging world of the ideal, then the idea will first, as it were, attempt—while still concealing itself—to emerge through the external material, to reveal itself mysteriously from the external material. That is to say, the idea will not yet have fully conquered the material; it will express itself symbolically through the material; it will still allow itself to be guessed at, sphinx-like, Hegel maintains. Then, as the idea progresses, it will increasingly conquer the material. A harmony will exist between the external expression in the material and the idea that conquers the material: the classical form of expression! Then, once the idea has worked its way through and conquered the material, a time will come when one sees, as it were, the overflow of the world of ideas dripping out of the material, where the idea then prevails. In the symbolic, the idea cannot yet fully penetrate the material. In the Classical, it breaks through, so that it unites with it. In the Romantic form of expression, it penetrates, drips out, as it were; there the idea is in superabundance. — And now Hegel says, let us now look in the external world to see where these concepts are realized: Symbolic, sphinx-like art in Egyptian civilization, Classical art in Greek civilization, Romantic art in modern times. Thus Hegel proceeds from the premise: We are, in the human spirit, with the spirit of the world. The spirit of the world must allow us to reflect on the course of artistic development. And then we must find in the external world what the spirit first inspired in us as thoughts.

[ 15 ] So aber «konstruiert», wie man sagt, Hegel auch die äußere Geschichte. Er sucht zuerst den Werdegang der Ideen und läßt ihn dann bestätigen durch das, was äußerlich geschehen ist. Das ist etwas, was die Philister gar nicht haben begreifen können — ich meine die Flachlinge —, was sie ihm ganz furchtbar vorgeworfen haben. Denn so wie derjenige, der innerhalb einer geisteswissenschaftlichen Bewegung ein Flachling ist, vor allen Dingen wird wissen wollen, welches seine eigene Inkarnation ist, so gab es natürlich in ihrer Art diese Flachlinge auch in der Zeit, als Hegel gelebt hat. Und daß ein solcher Flachling existiert hat, sehen Sie zum Beispiel aus einer Anmerkung, die Hegel gemacht hat. Also Sie sehen, bei Hegel liegt zugrunde das Prinzip, zuerst sich in die Welt der Ideen aufzuschwingen, und dann das, was in der Idee erkannt ist, wiederzufinden da draußen. — Nun, gegen diese Sache haben sich natürlich die kritischen Flachlinge gefunden, und Hegel mußte folgendes anmerken: «Herr Krug hat in diesem und zugleich nach anderer Seite hin ganz naiven Sinne einst die Naturphilosophie aufgefordert, das Kunststück zu machen, nur seine Schreibfeder zu deduzieren.» Deduzieren nannte man das Wiederfinden in der Außenwelt all desjenigen, was man in der Ideenwelt gefunden hatte. Diese Anmerkung bezieht sich nämlich auf den dazumal in Leipzig lehrenden Wilhelm Traugott Krug. Komischerweise hat allerdings Wilhelm Traugott Krug auch ein «Philosophisches Wörterbuch» geschrieben wie Fritz Mauthner, war also der Vorgänger von Fritz Mauthner. Aber tonangebend konnte Wilhelm Traugott Krug eben doch nicht gerade werden in der damaligen Zeit! Aber er hat gesagt: Wenn solche Menschen wie Hegel zuerst in der Idee das Wirkliche finden wollen und dann aus der Notwendigkeit der Idee zeigen wollen, wie sich das, was da draußen ist, einreiht in die Idee, dann soll mal so einer kommen wie der Hegel und soll zeigen, wie er zuerst in seiner Idee meine Schreibfeder hat. Hegel mit seiner Idee — so meint Krug —, überzeugt mich gar nicht, wie er aufzeigt, wie sich die ägyptische Kunst zur griechischen und zur neueren Kunst entwickelt hat. Wenn er aber aus seiner Idee heraus meine Schreibfeder deduzieren kann, dann imponiert er mir! — Nun sagt Hegel dazu in der genannten Anmerkung: «Man hätte ihm etwa zu dieser Leistung und respektiven Verherrlichung seizer Schreibfeder Hoffnung machen können, wenn dereinst die Wissenschaft so weit vorgeschritten und mit allem Wichtigen im Himmel und auf Erden in der Gegenwart und Vergangenheit im Reinen sei, daß es nichts Wichtigeres mehr zu bezweifeln gebe» — als die Schreibfeder des Herrn Krug. — Aber wirklich, in der heutigen Gesinnung ist ja dasjenige, was Gesinnung der Flachlinge ist, tonangebend. Und Fritz Mauthner müßte ehrlicherweise sagen: Es gibt keine Möglichkeit, zu unterscheiden zwischen der Notwendigkeit, daß in irgendeinem Zeitpunkt die griechische Kunst entstanden ist, und der Notwendigkeit der Schreibfeder des Herrn Krug, oder der Notwendigkeit, daß Fritz Mauthner «in einer Stunde eine Zigarre mehr rauchte als sonst».

[ 15 ] But Hegel “constructs”—as they say—external history in the same way. He first traces the development of ideas and then has it confirmed by what has happened externally. This is something the philistines—I mean the shallow-minded—could not grasp at all, and for which they reproached him terribly. For just as someone who is shallow-minded within a movement in Spiritual Science will want above all to know what his own incarnation is, so too were there, naturally, such shallow-minded people in their own way during the time Hegel lived. And that such a shallow-minded person existed can be seen, for example, from a remark Hegel made. So you see, Hegel’s underlying principle is first to soar into the world of ideas, and then to rediscover out there what has been recognized in the idea. — Well, naturally the critical shallow-minded people took issue with this, and Hegel had to remark the following: “Mr. Krug, in this and at the same time in another, quite naive sense, once challenged natural philosophy to perform the feat of deducing nothing but his quill pen.” “Deduction” was the term used to describe the process of rediscovering in the external world everything that had been found in the world of ideas. This remark refers specifically to Wilhelm Traugott Krug, who was teaching in Leipzig at the time. Curiously enough, however, Wilhelm Traugott Krug also wrote a “Philosophical Dictionary” like Fritz Mauthner, and was thus Fritz Mauthner’s predecessor. But Wilhelm Traugott Krug certainly could not become a leading figure at that time! Yet he said: If people like Hegel first want to find the real in the idea and then, out of the necessity of the idea, want to show how what is out there fits into the idea, then let someone like Hegel come along and show how he first has my quill pen in his idea. Hegel, with his idea—so Krug argues—does not convince me at all when he demonstrates how Egyptian art developed into Greek and then into modern art. But if he can deduce my quill from his idea, then he impresses me! — Now Hegel says the following in the aforementioned note: “One might have given him some hope of this achievement and the respective glorification of his pen, if science were one day so advanced and at peace with everything important in heaven and on earth, in the present and the past, that there were nothing more important left to doubt”—than Mr. Krug’s pen. — But really, in today’s mindset, what constitutes the mindset of the shallow-minded is the prevailing tone. And Fritz Mauthner would have to admit honestly: There is no way to distinguish between the necessity that Greek art arose at some point in time and the necessity of Mr. Krug’s quill, or the necessity that Fritz Mauthner “smoked one more cigar in an hour than usual.”

[ 16 ] Nun habe ich Sie schon aufmerksam gemacht darauf, daß es gegenüber diesen hohen Begriffen des Menschenlebens noch zuvor darauf ankommt, die richtigen Ausgangspunkte, die richtigen Gesichtspunkte zu finden, um diese Begriffe zu beleuchten. Es wird sich also darum handeln, daß wir gegenüber den Begriffen Notwendigkeit, Zufall und Vorsehung die richtigen Gesichtspunkte finden.

[ 16 ] I have already drawn your attention to the fact that, when it comes to these lofty concepts of human life, it is even more important first to find the right starting points and the right perspectives from which to examine these concepts. The task, therefore, will be to find the right perspectives regarding the concepts of necessity, chance, and providence.

[ 17 ] Ich habe Ihnen gesagt, man denke sich Faust so hineingestellt in die Welt, daß er verzweifeln müßte an der Möglichkeit, einen Notwendigkeitszusammenhang zu finden. Man denke sich aber jetzt das Umgekehrte: Man denke sich, daß Faust sich hineingestellt sehen müßte in eine Welt, in der es nur Notwendigkeit gibt, so daß er sich eines Tages sagen müßte: Ich bin hereingestellt in diese Welt, und alles, was ich tue, bis in das Kleinste hinein, ist Notwendigkeit. Da würde Faust erst recht sagen — jetzt nicht wegen seiner Erkenntnis, sondern wegen der Weltordnung: Es möchte kein Hund so länger leben, könnte es gar keinen Zufall geben, könnte nichts Zufälliges sein, könnte nichts so entstehen, daß es nicht notwendig ist! Und was wäre denn dieser ganze Mensch wirklich, wenn die Behauptung des Spinoza wahr wäre, daß alles dasjenige, was der Mensch tut und erlebt, so notwendig wäre, wie, wenn eine Billardkugel von einer anderen getroffen wird, diese andere, zweite, mit einer gewissen Notwendigkeit nach gewissen Gesetzen weiterfliegt. Wenn das so wäre, dann könnte der Mensch nimmermehr ertragen eine solche Weltordnung. Wie wenig sie zu ertragen wäre, das würden insbesondere diejenigen Naturen zu empfinden haben, die «alle Wirkenskraft und Samen» schauen!

[ 17 ] I told you to imagine Faust placed in the world in such a way that he would despair of ever finding a connection of necessity. But now imagine the opposite: Imagine that Faust must see himself placed in a world where there is only necessity, so that one day he would have to say to himself: I am placed in this world, and everything I do, down to the smallest detail, is necessity. Then Faust would say all the more—not because of his insight, but because of the order of the world: “No dog would want to live like this any longer, if there could be no chance at all, if nothing could be accidental, if nothing could come into being that is not necessary!” And what would this whole human being really be, if Spinoza’s assertion were true, that everything a human being does and experiences is as necessary as when one billiard ball strikes another, causing that other, second ball to fly on with a certain necessity according to certain laws. If that were the case, then a human being could never endure such a world order. Just how unbearable it would be, those natures who perceive “all active power and seeds” would feel most keenly!

[ 18 ] Notwendigkeit und Zufälligkeit stehen so in der Welt drinnen, daß sie zugleich einer gewissen menschlichen Sehnsucht entsprechen. Der Mensch fühlt, daß er sie gewissermaßen nicht entbehren kann, weder Notwendigkeit noch Zufälligkeit. Aber man muß sie in einer richtigen Weise verstehen; man muß den richtigen Gesichtspunkt bekommen, um sie zu beurteilen. Natürlich muß man jetzt absehen beim Zufallsbegriff von all den Vorurteilen, die wir ihm gegenüber haben können. Wir werden uns den Begriff sehr genau ansehen müssen, damit wir vielleicht anstelle dieser Redensart, das oder jenes wäre Zufall — was wir ja oftmals genötigt sind zu sagen —, da, wo wir ernst leben wollen, etwas Besseres zu setzen vermögen. Aber wir werden den richtigen Gesichtspunkt zu suchen haben. Den werden wir nur finden, wenn wir die erst gestern begonnene Betrachtung etwas fortsetzen.

[ 18 ] Necessity and chance are so embedded in the world that they simultaneously correspond to a certain human longing. Human beings feel that, in a sense, they cannot do without either necessity or chance. But one must understand them in the right way; one must adopt the correct perspective in order to judge them. Of course, when considering the concept of chance, one must now set aside all the prejudices we may have against it. We will have to examine the concept very closely so that, where we wish to live seriously, we may be able to substitute something better for this way of speaking—that this or that is a coincidence—which we are, after all, often compelled to say. But we will have to seek the right perspective. We will find it only if we continue the reflection we began just yesterday.

[ 19 ] Sie kennen die Wechselzustände des Menschen zwischen Schlafen und Wachen. Aber wir haben schon gesagt, daß im Grunde genommen auch das Wachbewußtsein wiederum nuanciert ist, daß wir gewissermaßen verschiedene Stärken des Wachseins unterscheiden können. Aber wir können noch weiter gehen, wenn wir das Wachbewußtsein studieren. Im Grunde genommen führt uns ja das Wachbewußtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen zunächst zu nichts anderem als dazu, die Dinge der Welt anzuschauen, ihr Wirken zu empfinden, uns Vorstellungen, Begriffe und Ideen zu bilden. Und dann führt uns das Schlafbewußtsein, dieses noch auf der Stufe des Pflanzenbewußtseins stehende Schlafbewußtsein, dazu, uns selbst anzuschauen in der Art, wie ich das gestern gesagt habe, und, weil es Pflanzenbewußtsein ist, uns eigentlich selbst zu genießen.

[ 19 ] You are familiar with the states of transition between sleep and wakefulness. But we have already said that, fundamentally speaking, waking consciousness itself is also nuanced, that we can, so to speak, distinguish between different degrees of wakefulness. But we can go even further in our study of waking consciousness. Basically, from the moment we wake up until we fall asleep, waking consciousness leads us to nothing other than observing the things of the world, sensing their effects, and forming mental images, concepts, and ideas. And then sleep consciousness—this sleep consciousness that still stands at the level of plant consciousness—leads us to look at ourselves in the way I described yesterday, and, because it is plant consciousness, to actually enjoy ourselves.

[ 20 ] Wenn man nun recht gründlich eingeht auf die Natur des menschlichen Seelenlebens, so paßt etwas, was wir haben, weder in das Wesen des Tagesbewußtseins noch in das Wesen des Nachtbewußtseins hinein, das ist: die ganz deutliche Erinnerung an irgend etwas früher Erlebtes. Denken Sie doch: Schlafbewußtsein könnten Sie haben, ohne sich an irgend etwas zu erinnern. Wenn Sie immerfort schlafen würden, so würden Sie sich während des Schlafes nicht zu erinnern brauchen an dasjenige, was Sie vorher erlebt haben, es wäre wenigstens nicht notwendig. Im Traum erinnert man sich schon etwas, aber im tiefen Schlafe erinnert sich der Mensch in seinem Pflanzenbewußtsein an das Frühere nicht. Für das Schlafbewußtsein ist es ohnehin klar, daß die Erinnerung keine besondere Rolle spielt. Für das Tagesbewußtsein müssen wir aber auch sagen: Wir erleben durch das gewöhnliche Tagesbewußtsein das, was um uns herum ist, aber das Erleben desjenigen, was wir schon früher erlebt haben, das ist eigentlich eine Steigerung des gewöhnlichen Tagesbewußtseins. Da erleben wir nicht nur das, was um uns herum ist, sondern das, was war, aber in seiner Spiegelung in uns selber. — So daß Sie sagen können, wenn Sie hier gleichsam das Niveau des Menschenbewußtseins haben (siehe Zeichnung, waagerechte Linie), so schauen Sie während des Schlafes in sich selbst hinein: «In sich schauen». Aber wir können dieses In-sich-Schauen unterbewußt nennen. Das Tagesbewußtsein können wir dann so schematisieren, daß wir sagen: Wir sehen in die Welt hinaus: «Bewußt in die Welt schauen». Eine dritte Art des innerlichen Erlebens, die sich nicht deckt mit dem «In-die-Welt-Schauen», ist wirklich das bewußte «In-sich-Schauen» in der Erinnerung. Also «Bewußt in sich schauen» = Erinnerung. «Bewußt in die Welt schauen» = Tagesbewußtsein. «Unterbewußt in sich schauen» = Schlaf.

[ 20 ] If we examine the nature of human inner life quite thoroughly, we find that there is something we possess that fits neither into the nature of daytime consciousness nor into the nature of nighttime consciousness, namely: the very clear memory of something experienced in the past. Just think: you could have sleep consciousness without remembering anything. If you were to sleep continuously, you would not need to remember during sleep what you had previously experienced; at least, it would not be necessary. In a dream, one does remember something, but in deep sleep, a person in their plant-like consciousness does not remember the past. For sleep consciousness, it is clear in any case that memory plays no special role. But for waking consciousness we must also say: Through ordinary waking consciousness we experience what is around us, but the experience of what we have already experienced before is actually an intensification of ordinary waking consciousness. There we experience not only what is around us, but what was, yet reflected within ourselves. — So that you can say: if you have, so to speak, the level of human consciousness here (see diagram, horizontal line), then during sleep you look within yourself: “Looking within.” But we can call this looking within “subconscious.” We can then schematize daytime consciousness by saying: We look out into the world: “Consciously looking into the world.” A third type of inner experience, which does not coincide with “looking into the world,” is truly the conscious “looking within oneself” in memory. Thus, “Consciously looking within oneself” = memory. “Consciously looking out into the world” = waking consciousness. “Subconsciously looking within oneself” = sleep.

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[ 21 ] So daß wir eigentlich nicht bloß zwei scharf ausgeprägte Bewußtseinsunterschiede haben, sondern drei. Die Erinnerung ist wirklich ein vertieftes, ein verstärktes Tagesbewußtsein. Denn in der Erinnerung erkennen wir nicht bloß etwas, sondern wir erkennen etwas wieder, und das ist das Wichtige. Erinnerung hat ja nur einen Sinn, wenn wir etwas wiedererkennen. Denken Sie sich nur einmal: Wenn ich einen von Ihnen, den ich früher gesehen habe, heute wieder treffe, und ich sehe ihn nur, ich weiß aber nicht, daß er derselbe ist, den ich schon getroffen habe, dann ist es keine wirkliche Erinnerung. Erinnerung ist Wiedererkennen. Und die Geisteswissenschaft zeigt uns auch: Während unser gewöhnliches Tagesbewußtsein, also dieses Erkennen der Außenwelt, auf der höchsten Stufe der Vollkommenheit ist, ist unser Erinnern eigentlich gerade im Anfang seiner Entwickelung. Das Erinnern muß sich immer weiter und weiter ausbilden. Das Erinnern ist, wenn wir vergleichsweise sprechen dürfen, eine noch recht schläfrige Eigenschaft des menschlichen Bewußtseins, und wenn die Erinnerungskraft weiter ausgebildet sein wird, dann wird zu dem jetzigen Erleben etwas anderes hinzukommen, nämlich das Erleben, das innerliche Erleben früherer Inkarnationen. Das Erleben früherer Inkarnationen beruht auf einer Erhöhung des Erinnerungsvermögens, denn das muß unter allen Umständen ein Wiedererkennen sein. Es muß dieses Wiedererkennen unter allen Umständen den Weg durch das Innere durchmachen. Die Erinnerung ist eine Seelenkraft, die erst im Anfang ist.

[ 21 ] So we actually have not just two distinct differences in consciousness, but three. Memory is truly a deepened, intensified form of everyday consciousness. For in memory, we do not merely recognize something; rather, we recognize something again, and that is the important point. Memory only makes sense if we recognize something. Just think about it: If I meet one of you today whom I have seen before, and I merely see him but do not know that he is the same person I have already met, then it is not a true memory. Memory is recognition. And Spiritual Science also shows us: While our ordinary daily consciousness—that is, this perception of the external world—is at the highest level of perfection, our memory is actually just at the beginning of its development. Memory must continue to develop further and further. Memory is, if we may speak comparatively, a still rather dormant faculty of human consciousness, and when the power of memory is further developed, then something else will be added to our present experience, namely the experience, the inner experience, of past incarnations. The experience of past incarnations is based on an enhancement of the power of memory, for this must under all circumstances be a process of recognition. This recognition must, under all circumstances, make its way through the inner self. Memory is a soul power that is only just beginning.

[ 22 ] Nun wollen wir einmal fragen: Welches ist denn die Natur dieser Seelenkraft, gerade dieser Erinnerungskraft? Wie geht denn eigentlich das Erinnern vor sich? — Da müssen Sie sich zuerst die Frage beantworten: Wie kommen wir denn überhaupt in der Gegenwart zu einem richtigen Begriff? — Sie bekommen eine Vorstellung, was ein richtiger Begriff ist, wenn Sie sich keine geringe Vorstellung machen von einem richtigen Begriff; denn die meisten Menschen haben ja nicht Begriffe, sondern haben nur Anschauungen. Die meisten Menschen glauben, sie wüßten, was ein Kreis ist. Wenn jemand frägt: Was ist ein Kreis? — so gibt man ihm zur Antwort: Ein Kreis ist eben so etwas. (Es wird ein Kreis gezeichnet.) Gewiß, das ist die Vorstellung des Kreises; aber darauf kommt es nicht an. Der hat noch keinen Begriff vom Kreis, der nur weiß, daß das hier ein Kreis ist, und dem nur das einfällt, was an der Tafel steht. Vom Kreis hat nur der einen Begriff, der zu sagen vermag: Ein Kreis ist eine krumme Linie, bei der jeder Punkt vom Mittelpunkt gleich weit entfernt ist. — Ich brauche allerdings eine Unendlichkeit von Punkten, aber ich kann den Kreis innerlich als Begriff finden. Das wollte Hegel sagen. Zunächst einmal den Begriff haben, auch für die äußere Tatsache, und dann die äußere Tatsache wiedererkennen aus dem Begriff.

[ 22 ] Now let us ask: What is the nature of this power of the soul, specifically this power of memory? How does the process of remembering actually take place? — First you must answer this question: How do we arrive at a true concept in the present at all? — You will gain a mental image of what a true concept is if you do not form a mere superficial mental image of a true concept; for most people do not have concepts, but only have perceptions. Most people believe they know what a circle is. If someone asks: What is a circle? — one answers: A circle is just something like this. (A circle is drawn.) Certainly, that is the mental image of the circle; but that is not the point. One who merely knows that this is a circle, and to whom only what is on the blackboard comes to mind, has not yet formed a concept of the circle. Only the person who can say: “A circle is a curved line in which every point is equidistant from the center—” has a concept of the circle. — I do, of course, need an infinity of points, but I can find the circle internally as a concept. That is what Hegel meant. First, have the concept, even for the external fact, and then recognize the external fact again from the concept.

[ 23 ] Versuchen Sie nun, was für ein Unterschied besteht zwischen dem «Halbschläfrigen» der bloßen Vorstellung, mit dem die meisten Menschen zufrieden sind, und dem aktiven Einen-Begriff-Haben. Ein Begriff ist immer ein innerliches Werden, eine innerliche Tätigkeit. Man hat nicht einen Begriff von einem Tisch, wenn man nur die Vorstellung hat, sondern man hat einen Begriff von einem Tisch, wenn man etwa zu sagen vermag: Ein Tisch ist ein auf einer bloßen Unterlage Aufgesetztes, das etwas anderes tragen kann. Der Begriff ist ein innerliches Rege- und Tätigsein, das man in die Realität umzusetzen vermag.

[ 23 ] Now try to discern the difference between the “half-asleep” state of a mere mental image, with which most people are content, and the active act of forming a concept. A concept is always an inner becoming, an inner activity. One does not have a concept of a table merely by having a mental image of it; rather, one has a concept of a table when one is able to say, for example: A table is something placed on a mere base that can support something else. The concept is an inner stirring and activity that one is able to translate into reality.

[ 24 ] Man ist versucht, wenn man unseren heutigen Zeitgenossen so etwas erklären will, ich möchte sagen, schon herumzuspringen. Man möchte am liebsten herumspringen, damit man zeigen kann, wie ein wahrer Begriff sich unterscheidet von dem schläfrigen Haben der Vorstellung. Am liebsten möchte man, um die Menschen einmal ein wenig in Bewegung zu bringen, dies furchtbar träge Vorstellungsvermögen von heute in Regsamkeit bringen, möchte den Begriffen überall nachspringen, möchte sich der Unterscheidung hingeben zwischen der gewöhnlichen Vorstellung und dem, wo man wirklich herum muß um den Mittelpunkt. Nun ja, warum möchte man das? Weil man weiß aus der Geisteswissenschaft, daß, sobald etwas zum Begriff heraufkommt, der Ätherleib wirklich diese Bewegung machen muß. Der Ätherleib ist in dieser Bewegung drinnen, so daß man sich eben nicht scheuen darf, den Ätherleib in Schwung zu bringen, wenn man Begriffe konstruieren will. Das darf man nicht scheuen.

[ 24 ] One is tempted, when trying to explain something like this to our contemporaries, to—I would say—jump around. One would love to jump around so as to show how a true concept differs from the lethargic holding of a mental image. One would most like, in order to get people moving a little, to stir up this terribly sluggish mental image of today, to leap after the concepts everywhere, to devote oneself to the distinction between the ordinary mental image and that which truly requires one to circle around the center. Well, why would one want to do that? Because one knows from Spiritual Science that as soon as something rises to the level of a concept, the etheric body must actually make this movement. The etheric body is involved in this movement, so that one must not shy away from setting the etheric body in motion when one wants to construct concepts. One must not shy away from that.

[ 25 ] Was ist nun aber Erinnerung? Was ist erinnern? Wenn ich gelernt habe: Ein Kreis ist eine krumme Linie, bei der jeder Punkt vom Mittelpunkt gleich weit entfernt ist —, und wenn ich mich erinnern soll an diesen Begriff, so muß ich im Ätherleib wiederum diese Bewegung ausführen. Dann ist, vom Standpunkte des Ätherleibes aus gesprochen, etwas zur Erinnerung geworden, wenn die Ausführung der betreffenden Bewegung im Ätherleibe Gewohnheit geworden ist. Erinnerung ist Gewohnheit des Ätherleibes. Wir erinnern uns an irgendeine Sache, wenn unser Ätherleib gewöhnt worden ist, die der Sache entsprechende Bewegung auszuführen. An nichts erinnern Sie sich als an dasjenige, was Ihr Ätherleib an Gewohnheiten angenommen hat. Ihr Ätherleib muß, wenn Sie ihn häufig bewegen und ihn wieder erinnern lassen, aus sich heraus die Gewohnheit entwickeln, durch die Annäherung an den Gegenstand die Gewohnheit entwickeln, dieselben Bewegungen auszuführen, die er ausgeführt hat, veranlaßt durch die erste Annäherung an den Gegenstand. Und weil die Gewohnheit sich immer mehr und mehr einnistet, so wird die Erinnerung immer fester und fester, je öfter sich das Ereignis wiederholt.

[ 25 ] But what, then, is memory? What does it mean to remember? If I have learned that a circle is a curved line in which every point is equidistant from the center—and if I am to recall this concept—I must perform this movement again in the etheric body. Then, speaking from the standpoint of the etheric body, something has become a memory when the execution of the movement in question has become a habit in the etheric body. Memory is a habit of the etheric body. We remember a particular thing when our etheric body has become accustomed to performing the movement corresponding to that thing. You remember nothing other than what your etheric body has adopted as habits. Your etheric body must, if you move it frequently and cause it to recall again, develop from within the habit of performing the same movements—prompted by the first approach to the object—through the act of approaching the object. And because the habit becomes more and more ingrained, the memory becomes stronger and stronger the more often the event is repeated.

[ 26 ] Nun sagte ich aber: Wenn wir wirklich denken, nicht bloß vorstellen, so nimmt der Ätherleib allerlei Gewohnheiten an. Aber dieser Ätherleib ist ja dasjenige, was zugrunde liegt dem physischen Leibe. Sie werden finden, daß Menschen, die einen Begriff klarmachen wollen, manchmal versuchen, in ihren äußeren Gebärden den Begriff nachzuahmen, selbst die Sprache zu begleiten mit einer solchen Gebärde. Aber der Mensch hat überhaupt Gebärden, ihm eigene Gebärden. Dadurch unterscheiden sich die Menschen, daß sie ihnen eigene Gebärden haben, wenn Sie nur den Ausdruck Gebärde weit genug nehmen. — Die Menschen haben ihre eigenen Gesten — Gebärde oder Geste ist ja dasselbe. Wenn man etwas Sinn für Gebärden hat, dann erkennt man einen Menschen schon, wenn man hinter ihm geht, an der Art und Weise, wie seine Gebärden sind, zum Beispiel mit dem Absatz auf dem Boden aufzutreten. Die Art, wie Sie jetzt denken, die ist also eigentlich, wenn dieses Denken Erinnerung wird, Gewohnheit des Ätherleibes. Dieser Ätherleib dressiert sich nun das Leben hindurch den physischen Leib. Das heißt, vielleicht besser gesagt, er versucht ihn zu dressieren, aber es gelingt ihm nicht recht. So daß wir sagen können: Hier ist der physische Leib, nun, meinetwillen die Hand.

[ 26 ] But then I said: If we truly think, and not merely create mental images, the etheric body takes on all sorts of habits. But this etheric body is, after all, what underlies the physical body. You will find that people who want to clarify a concept sometimes try to imitate that concept in their outward gestures, even accompanying their speech with such a gesture. But human beings have gestures in general—gestures that are unique to them. This is what distinguishes people from one another: that they have their own unique gestures, if you take the term “gesture” broadly enough. — People have their own gestures — a gesture is, after all, the same thing. If one has a sense for gestures, then one can recognize a person even when walking behind them, by the way their gestures are, for example, the way they strike the ground with their heel. The way you think right now—that is actually, when this thinking becomes memory, a habit of the etheric body. This etheric body now trains the physical body throughout life. That is to say, or perhaps better put, it tries to train it, but it doesn’t quite succeed. So that we can say: Here is the physical body—well, for my part, the hand.

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[ 27 ] Wir versuchen nun, wenn wir denken, fortwährend in den Ätherleib hineinzusenden das, was dann Gewohnheit wird. Aber an dem physischen Leibe haben wir eine Grenze. Unser Ätherleib kann wirklich nicht alles in den physischen Leib hineinsenden. Daher spart er sich diese Kräfte auf, für die ihm der physische Leib ein Hindernis ist; und die trägt er hindurch durch das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wie Sie jetzt denken, wie Sie dem Ätherleib die Erinnerungen aufprägen, so kommt das in der nächsten Inkarnation als Ihr verborgenes Gebärdenspiel, als Ihre angeborene Geste zum Vorschein. Und wenn wir jetzt finden: Ach, dieser Mensch nimmt seit der Kindheit diese bestimmte Geste an, dann ist das aus dem Grunde, weil er in dem vorigen Leben, in der vorigen Inkarnation. seinem Ätherleib eingeprägt hat ganz bestimmte Arten durch sein Denken. Das heißt, wenn ich eines Menschen Gesten, so weit ihm diese Gesten angeboten sind, studiere, so können mir diese zu einem Lesezeichen werden für die Art und Weise, wie er in früheren Leben mit dem Denken sich abgefunden hat. Denken Sie aber, was das heißt! Das heißt: Der Gedanke drückt sich gleichsam so in die menschliche Wesenheit ein, daß er als Geste wieder erscheint in der neuen Inkarnation. Wir schauen da hinein in dieses Werden und Weben des Gedanklichen zum Festen, zum Daseienden, zum äußerlich Daseienden. Was erst innerlich Gedanke ist, es wird äußerlich Geste.

[ 27 ] When we think, we constantly try to send into the etheric body what will then become a habit. But the physical body sets a limit. Our etheric body cannot, in fact, send everything into the physical body. Therefore, it conserves these forces for which the physical body is an obstacle; and it carries them through the entire life between death and a new birth. Just as you think now, just as you imprint memories on the etheric body, so does this emerge in the next incarnation as your hidden gestural language, as your innate gesture. And if we now observe: Ah, this person has adopted this particular gesture since childhood, then the reason is that in the previous life, in the previous incarnation, they imprinted very specific patterns upon their etheric body through their thinking. That is to say, when I study a person’s gestures—to the extent that these gestures are revealed to me—they can serve as a marker for the way in which they came to terms with thinking in earlier lives. But consider what this means! It means: The thought, as it were, imprints itself upon the human being in such a way that it reappears as a gesture in the new incarnation. We are looking into this process of the thought becoming solid, becoming something that exists, becoming something that exists externally. What is first a thought within becomes a gesture without.

[ 28 ] Geschichte, Historie empfindet man heute als etwas Zufälliges in der Wissenschaft, die eben nichts weiß über Notwendigkeit und ihren Unterschied von Zufälligkeit. In einem Vokabular vom Jahre 1482, Mauthner selber registriert das, steht: «geschicht oder geschehen ding, historia res gesta». «Res gesta» hat man nämlich früher die Geschichte genannt! Jetzt ist nur noch zurückgeblieben das abstrakte Wort «Regeste». Wenn man sich Notizen anlegt für Geschehenes, nennt man das Regeste! «Res gestaa»! Warum denn? Das ist dasselbe Wort wie die «Geste». Der Sprachgenius, der diese Worte «res gesta» gebildet hat, er wußte noch, daß man auch in dem, was historisch sich darlebt, etwas zu sehen hat, was stehengeblieben ist. Wenn man in der Geste des einzelnen Menschen, die mit ihm geboren ist, das Residuum, das Rückgebliebene von Gedanken in vorigen Inkarnationen zu sehen hat, dann wird es nicht mehr ein völliges Unding sein, vorauszusetzen, daß man in dem, was einem in den Tatsachen der Geschichte entgegentritt, auch etwas wie Gesten sieht. Wenn ich gehe, so sind das eine Reihe von Tatsachen: das sind die Gesten für mein Denken in der früheren Inkarnation.

[ 28 ] Today, history is perceived as something random in academia, which knows nothing about necessity and how it differs from randomness. In a vocabulary from 1482—Mauthner himself notes this—it reads: “geschicht or geschehen ding, historia res gesta.” “Res gesta” is, in fact, what history used to be called! Now all that remains is the abstract word “regeste.” When one makes notes about events, one calls them a regeste! “Res gesta”! Why is that? It is the same word as “gesture.” The linguistic genius who coined the words “res gesta” still knew that even in what unfolds historically, one must see something that has remained. If one is to see in the gesture of the individual human being—which is born with him—the residue, the remnant of thoughts from previous incarnations, then it will no longer be a complete absurdity to assume that one also sees something like gestures in what confronts one in the facts of history. When I walk, these are a series of facts: these are the gestures for my thinking in my previous incarnation.

[ 29 ] Wo haben wir denn die Gedanken für die Geschichte zu suchen? Das ist die Frage, die sich uns nun aufwirft. Für das einzelne menschliche Leben haben wir für die Geste die Gedanken in der vorigen Inkarnation zu suchen. Schauen wir das, was in der Geschichte geschieht, als Geste an, wo haben wir dafür die Gedanken zu suchen?

[ 29 ] Where, then, should we look for the thoughts behind the story? That is the question that now presents itself to us. For the individual human life, we must look for the thoughts behind the gesture in the previous incarnation. If we regard what happens in the story as a gesture, where should we look for the thoughts behind it?

[ 30 ] Mit diesen Betrachtungen wollen wir dann morgen beginnen.

[ 30 ] We will begin with these considerations tomorrow.