The Spiritual Unification of Humanity
through the Christ Impulse
GA 165
1 January 1916, Dornach
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Festivals of the Seasons, tr. Collison
Neujahrsbetrachtungen II
Meditations on the New Year: On the Duty of Clear, Sound Thinking
[ 1 ] Konnte es gestern zu Silvester gut sein, sich in mancherlei Geheimnisse des Daseins zu vertiefen in solchen Dingen, die mit großen übersinnlichen Geheimnissen zusammenhängen, wie das alljährliche Übergehen des einen Jahres in das andere, und das große Weltensilvester und Weltenneujahr, konnte es, wie gesagt, gestern gut sein, sich in diese, zu den Tiefen unserer Seele sprechenden, von der äußeren Welt weit abliegenden Geheimnisse zu vertiefen, so müßte es vielleicht, gerade im Beginne eines Jahres, von besonderer Bedeutung sein, wenigstens einiges von unseren großen, bedeutsamen Pflichten vor die Seele ziehen zu lassen. Diese Pflichten hängen allerdings mit dem zusammen, was uns über den Entwickelungsgang der Menschheit durch die Geisteswissenschaft bekanntwerden kann. Sie hängen zusammen mit den Erkenntnissen über den Weg, den die Menschheit machen muß, indem sie ihrer Zukunft entgegenschreitet. Man kann die Pflichten, von denen da die Rede ist, nicht erkennen, wenn man nicht versucht, einen offenen Blick in seine Zeit auf den verschiedensten Gebieten zu werfen. Wir haben das auch im Laufe unserer Betrachtungen immer wieder getan. Allein einiges von dem, was uns da geläufig sein könnte, uns schon heute vor die Seele zu rufen, ziemt sich vielleicht beim Eintritt in ein neues Jahr.
[ 1 ] It seemed well yesterday, on the last night of the year, to enter deeply into many of the secrets of existence connected with the great supersensible mysteries, such as the annual passing of one year into another—and of the great cosmic New Year’s Eve and New Year. It seemed good to enter yesterday into those things which speak to the depths of our souls, mysteries far removed from the outer world; so, at the beginning of a New Year, it may perhaps be important to let a few at least of our great and important duties be brought before our souls. These duties are connected above all with that which is made known to us in the course of human evolution, through Spiritual Science. They are associated with the knowledge of the road humanity must travel as it advances towards its future. A man cannot recognise the duties here mentioned, if he does not, in his own way, keep an open view in many directions. We have again and again endeavoured to do this in the course of our studies. To call up a few only of such duties before our souls may perhaps be fitting at this time, at the opening of a New Year.
[ 2 ] Gewiß, meine lieben Freunde, alles dasjenige, was uns angesichts der materialistischen Zeitlage mit allen ihren Folgen vor die Seele tritt, so daß wir wissen: Geisteswissenschaft muß die Unterlagen liefern, um in einer höheren Weise einzutreten für den richtigen Fortschritt der Menschheit, gewiß, alles dasjenige, was da uns erscheint als zu tun notwendig, es ist so ungeheuer, es ist so einschneidend, es ist so bedeutsam, es wäre, trivial gesprochen, in der Gegenwart so viel zu tun, daß nicht daran gedacht werden kann, daß wir mit unseren schwachen Kräften in die Lage kommen könnten, viel von dem zu tun, was getan werden muß. Allein eines ist wichtig: daß wir mit dem zu 'Tuenden unsere Interessen verbinden, daß wir immer mehr Interesse bekommen für dasjenige, was der Menschheit gerade in unserer Zeit not tut. Denn davon muß es ausgehen, daß ein, wenn auch noch so kleiner Kreis Interesse bekommt für dasjenige, was der Menschheit not tut; daß, sei es ein noch so kleiner Kreis, klare Einsicht bekommt in dasjenige, was in der Entwickelung der Zeit nach abwärts führende Kräfte, schädigende Kräfte sind. Gerade am Beginne eines neuen Jahres könnte es gut sein, unseren Interessenkreis ein wenig auf die objektiven, von unseren persönlichen Angelegenheiten ganz absehenden großen Menschheitsinteressen zu lenken.
[ 2 ] It is true, that in view of this material age and all that it brings in its train, we recognise that Spiritual Science must form the basis from which we can work in a higher way for the progress of mankind. It is true, that all that seems to us necessary is so enormous, so incisive—there is (to put it mildly) so much to do at the present time, that we cannot believe that with our feeble powers we should ever be in a position to do much of what has to be done. One thing at least is important, that we should connect our interest with what has to be done, that we should acquire ever more and more interest in those things of which humanity in our time has need. As a beginning, a group of people, however small, must be interested in that of which humanity has need, and gain a clear insight into those forces which in the evolution of time have a downward tendency, those that are harmful forces. At the opening of a New Year it is specially good to turn the interest of our circle somewhat from our own personal concerns and to direct them to the great objective interests of the whole of humanity.
[ 3 ] Dazu, wie gesagt, bedarf es klarer Einsichten in dasjenige, was sich namentlich auf der abschüssigen Bahn in der Menschheitsentwickelung bewegt. Wir brauchen nur Gedanken, die uns gerade in den letzten Tagen wiederum vor die Seele getreten sind, ins Aktuelle herüber zu versetzen, so werden wir vieles von dem finden, oder wenigstens manches von dem, was gerade in der Gegenwart der Menschheit besonders not tut. Wir haben gesehen, wie geradezu eine weitgehende Weisheit in einem gewissen Entwickelungsmoment der Menschheit verschwunden ist, wie diese gnostische Weisheit versunken ist, und wie jetzt darauf hingearbeitet werden muß, damit, allerdings entsprechend der fortgeschrittenen Zeit, das Wissen über das Geistige wiederum heraufkommt. Wir haben auch im Laufe dieses Herbstes geradezu darauf aufmerksam gemacht, welches die tieferen Gründe dafür sind, daß gerade im 19. Jahrhundert die Welle des Materialismus so hoch gegangen ist, und ich mußte immer wieder betonen, daß die geisteswissenschaftliche Einsicht in dieses Hochgehen der Welle des Materialismus durchaus nicht dazu führt, die großen Fortschritte der äußeren materialistischen Naturwissenschaft zu verkennen oder mißzuverstehen. Die sollen durchaus anerkannt werden, und immer wieder wird es betont, daß diese materialistischen Fortschritte der Naturwissenschaft von uns anerkannt werden müssen. Aber das obliegt uns insbesondere, zu durchschauen, daß im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein der große Fortschritt auf dem äußeren materiellen Gebiete verbunden war mit einem Zurückgehen der Denkkraft, des klaren, sicheren Denkens. Das klare, sichere Denken, das ist zurückgegangen insbesondere in der Wissenschaft. Wo Wissenschaft getrieben wird, ist insbesondere das klare, und namentlich das sichere, das inhalterfüllte Denken zurückgegangen. Und da der Autoritätsglaube, trotzdem es die Menschen nicht glauben, in keiner Zeit so stark ist wie in unserer Zeit, so hat sich mitgeteilt jene Trostlosigkeit in bezug auf die Denksicherheit auch den weitesten Kreisen, dem ganzen populären Denken. Wir leben geradezu in dem Zeitalter des verwahrlosten Denkens, und zu gleicher Zeit in dem Zeitalter des blindesten Autoritätsglaubens. Wie steht doch der Mensch heute durchaus unter dem Eindruck: er müsse glauben, er müsse die Autoritäten anerkennen, die von den äußeren Mächten sanktioniert sind. Man will wissen, ob man zu diesem oder jenem berechtigt ist. Man denkt heute zumeist gar nicht darüber nach, daß das eine individuelle Angelegenheit sein könnte, daß man sich damit eventuell beschäftigen könnte! Nein, man geht zu denjenigen, bei denen sich «Recht und Gesetz wie eine ewige Krankheit forterben», und läßt sich Aufschluß geben, ohne daß man den Anspruch darauf macht, über die Dinge, über die man Aufschluß bekommt, irgendwie selber nachzudenken. Denn man hält es so für richtig, die Autorität blindlings anzuerkennen. Man wird krank, man überhebt sich ganz und gar der Mühe, dabei irgendwie auch über die einfachsten Dinge etwas zu wissen. Wozu? Dazu haben wir ja die staatsabgestempelten Mediziner, und die haben sich mit unserem Leib zu beschäftigen. Uns geht dieser unser Leib eigentlich nicht das geringste an! Man will über irgendeine andere Frage entscheiden, man geht zu denen, die es wissen sollen: zu den Theologen, zu den Philosophen, zu dem oder jenem.
[ 3 ] To do this requires, as I have said, clear insight into that which is moving along the downward path in the human evolution of today. We need only carry those very thoughts which have been ours during the last few days over into the realm of the actual, there to find many of the things of which the men of the present day have need. We have seen how at a certain moment of evolution, a far-reaching wisdom was actually lost to man; how this wisdom of the Gnostics perished; and how it is now necessary to work, so that an understanding of spiritual things may again be established, though of course in accordance with the progress of the time. During the past autumn we have considered the deeper causes of the flood tide of materialism which took place in the nineteenth century, and I have again and again emphasised that the view of Spiritual Science in regard to this flood of materialism, in no way tends to a lack of appreciation, or want of understanding of the great progress of external, material science. This has always been recognised by us. But what we must keep specially before us is this, that the great progress made in the materialistic realms of natural science during the nineteenth century and on into the present time, has been accomplished with a falling off in the power of thought—of clear, precise thinking. This decline in the power of thinking has taken place more especially in the domain of science. There—however much people may disbelieve it—the faith in authority has never been so strong as in our day, so that want of confidence as regards the certainty of thinking has spread widely through all the realms of popular thought. We live in an age of the most careless thinking and at the same time it is an age of the blindest trust in authority. People live today entirely under the impression that they must believe in, they must recognise authority, that they must have the sanction of outside powers. They desire a warrant for this or that. For the most part men do not consider today that it is an individual concern, that they will eventually have to take up the matter for themselves I So, they go to whom ‘right and law is bequeathed like a hereditary sickness’ and accept conclusions without weighing how those conclusions were reached; for they consider it right to accept authority blindly. A man is ill—he takes not the least trouble to learn the simplest thing about the illness. Why should he? We have recognised and certified physicians whose business it is to look after our bodies; we need not trouble in the least about them! If information on any subject be desired, people go to those who ought to know, to the theologian, to the philosopher, to this one or to that.
[ 4 ] Wer diesen Gedankengang bei sich selber weiter fortsetzt, wird wirklich bei sich selbst noch Unzähliges finden, das aufgeht in dem allerallerblindesten Autoritätsglauben. Und kann er nichts finden, meine lieben Freunde, dann, nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich ihm gerade dann sage, daß er von diesem Autoritätsglauben eine um so größere Dosis hat, je weniger er bei sich davon findet! Ich möchte zunächst aber zeigen, wie ein unzureichendes, unzulängliches Denken gerade in die feinsten Gebiete des Geisteslebens in aller Welt — ohne Unterschied von Nation, Rasse und Farbe — sich eingeschlichen hat, wie ein gewisses Element von unzulänglichem Denken gerade in den feinsten Gebieten des geistigen Kulturlebens vorhanden ist. Nehmen wir ein Stück Philosophie, wie es sich entwickelt hat. Wer würde nicht heute auf Grundlage eines durch viele, viele Kanäle gehenden Autoritätsglaubens davon überzeugt sein, daß die Menschen eben nicht irgendwie an «das Ding an sich» herankommen können, sondern nur die äußeren Erscheinungen, die Eindrücke auf die Sinne, die Eindrücke auf die Seele von den Dingen empfangen können. «Wirkungen» von den Dingen kann man nur haben, man kann an «das Ding an sich» nicht heran. Das ist etwas, was geradezu Grundtypus geworden ist im Denken des 19. Jahrhunderts. Ich habe die ganze Misere geschildert in dem Kapitel meiner «Rätsel der Philosophie», das ich überschrieben habe «Die Welt als Illusion». Wer dieses Kapitel studiert, wird eine Überschau über diese ganze Misere finden können. Wirkungen könnte der Mensch nur haben, er kann nicht an das Ding an sich heran, das Ding an sich bleibt unbekannt. Infiziert von diesem unbekannt bleiben müssenden Ding an sich sind gerade eben die feinsten Denker des 19. Jahrhunderts — wenn man da von fein sprechen kann.
[ 4 ] Anyone following up this line of thought for himself, will find that on numberless points he himself is sunk in blindest belief in authority. If he cannot find them—do not take it ill of me, if I say—that the less he finds of this belief in authority in himself, the larger the dose he must have swallowed! But I would now like, to show how a narrow, cramped and impoverishing mode of thought has slipped even into the finest domain of spiritual life, all the world over—without distinction of nation, race or colour; that a certain element of cramped thinking is to be found where the life of spiritual culture exists in its finest form. Let us take a philosophical idea and watch how it has developed. Who is not convinced today, on the grounds of a belief in an authority which has come down to him through very many channels—who is not convinced that one cannot by any means arrive at ‘the thing in itself,’ but can only catch the outward phenomena, the impression on the senses, the impression made on the soul by the thing. Man can but arrive at the ‘results’ of things, but not at ‘the thing in itself.’ This is indeed the fundamental type of the thought of the nineteenth century. I have described the whole wretched business in that chapter in my book The Riddles of Philosophy, which is called ‘The World of Illusion.’ Anyone who studies this chapter will find a resume of the whole matter. Man can only perceive ‘effects,’ he cannot attain to ‘the thing in itself;’ this remains unknown. The most capable thinkers of the nineteenth century, if we can speak of them as capable in this connection, are infected by this necessary ignorance regarding the ‘thing in itself.’
[ 5 ] Wenn man nun die Gedankengänge ansieht, die dem, was ich eben gesagt habe, zugrunde liegen, so stellt sich das in der folgenden Weise heraus. Es wird bewiesen, streng bewiesen: Das Auge kann nur dasjenige wiedergeben, was es vermöge seines Nervenprozesses und seines sonstigen Prozesses aus sich hervorrufen kann. Wenn also ein äußerer Eindruck kommt, so antwortet es in seiner spezifischen Weise. Man kann nur zu dem Eindrucke kommen, nicht zu dem, was auf das Auge einen Eindruck macht. Man kann durch das Ohr nur zu dem Gehöreindrucke kommen, nicht zu dem, was den Eindruck macht und so weiter. Und so wirken nur die Eindrücke der Außenwelt auf die Sinne der Seele. Seit Lange, der glaubte, es zunächst für ein bestimmtes Gebiet, für Farben und Töne und dergleichen festgestellt zu haben, geht das nun durch das Gesamtdenken der Menschen, daß der Mensch nur die Eindrücke der Welt bekommen kann, Wirkungen nur bekommen kann. Ist das unrecht? Gewiß ist es nicht unrecht, denn, wie ich oftmals betont habe, handelt es sich gar nicht darum, ob eine Sache recht oder unrecht ist, sondern ganz andere Dinge kommen noch in Betracht. Ist das richtig, daß nur Bilder, nur Eindrücke auf unsere Sinne von den Dingen hervorgerufen werden können? Gewiß ist das richtig. Es ist gar nicht zu bezweifeln. Aber etwas ganz anderes liegt da vor.
[ 5 ] If we now turn to the trend of thought which is at the base of what I have just described, it presents itself thus: It is wrongly insisted on, that the eye can only reflect that which it can evoke within itself by means of its nervous or other activities. When an external impression comes, it responds to it in its own specific way. One only gets as far as the impression—not to that which causes the impression on the eye. Through his ear a man only gets as far as the impression made on the ear—not to the thing that makes the impression, and so on. It is, therefore, only the impressions of the outer world that act on the senses of the soul. That which was at first established as regards a certain realm, that of colour, tone and the like, has now for a long time been extended to the whole thinking world—that can receive only the impression or effects of what is in the world. Is this incorrect? Certainly it is not incorrect, but the point—as has often been said—is not in the least whether a matter is correct or not, quite other things come into consideration. Is it correct that only pictures, only impressions of things, are called forth by our senses? Certainly it is correct, that cannot be doubted; but something very different is connected with this.
[ 6 ] Das will ich durch einen Vergleich klarmachen. Wenn wir vor einem Spiegel stehen und ein zweiter Mensch auch noch vor einem Spiegel steht, so ist ganz und gar nicht zu leugnen, daß dasjenige, was man darin sieht, das Bild von einem selber und das Bild von dem andern Menschen ist. Bilder sind das, was man im Spiegel sieht, ganz zweifellos. Und insoweit sind wirklich auch alle unsere Sinnenwahrnehmungen Bilder, denn der Gegenstand muß zunächst auf uns einen Eindruck machen, und unser Eindruck, die Reaktion, würde man sagen, kommt zum Bewußtsein. Wir können das also ganz richtig vergleichen mit den Bildern, die wir da im Spiegel drinnen haben, denn das sind eben auch Bilder. Wir haben es bei diesem Lange-Kantschen Gedankengang mit einer ganz richtigen Behauptung zu tun, daß es der Mensch mit Bildern zu tun hat. Wir haben es dann mit der Schlußfolgerung zu tun, daß der Mensch deshalb, weil er es nur mit Bildern zu tun hat, nicht mit irgend etwas Realerem wirklich an etwas «Dingliches an sich» herankommen könne. Worauf beruht das? Es beruht lediglich darauf, daß man nicht weiterdenken kann von einer Voraussetzung aus, daß man bei einer richtigen Voraussetzung bleibt. Nicht unrichtig ist das Denken; aber richtig eingefroren ist es. Denn es sind richtige Bilder, die wir da im Spiegel darin haben. Aber der Betreffende, der neben mir steht, mit dem ich in den Spiegel hineinschaue, der gibt mir nun da im Spiegel eine Ohrfeige. Werde ich dann sagen, obwohl das alles nur Bilder sind: Das eine Spiegelbild hat dem andern Spiegelbild eine Ohrfeige gegeben? — Da deutet mir dasjenige, was unter den Bildern geschieht, auf etwas sehr Reales hin. Wenn man kein eingefrorenes Denken, sondern ein lebendiges Denken hat, das wirklich mit den Dingen verbunden ist, mit Realitäten verbunden ist, so weiß man, daß die Lange-Kantsche Voraussetzung richtig ist, daß wir es überall mit Bildern zu tun haben. Wenn aber diese Bilder in lebendige Verhältnisse kommen, dann drükken diese lebendigen Verhältnisse wirklich das aus, was erst hineinführt in das Dingliche an sich. Also nicht darum handelt es sich, daß die betreffenden Herren, die da das Denken irregeführt haben, von unrichtigen Voraussetzungen ausgegangen sind, sondern darauf beruht die ganze Sache, daß man es mit einem eingefrorenen Denken zu tun hat, mit einem Denken, mit dem man nun dasteht und sagt: Richtig, richtig, richtig — und nicht mehr weiter kann. Es fehlt diesem verwahrlosten Denken des 19. Jahrhunderts die Beweglichkeit, die Lebendigkeit. Es ist das Denken im 19. Jahrhundert eingefroren, richtig eingefroren.
[ 6 ] This I will explain by means of a comparison. If someone stands before a mirror and another person also stands there beside him, it cannot be denied that what is seen in the mirror is the image of the one man and also of the other. What is seen in the mirror is without doubt images—merely images. From this point of view all our sense perceptions are in fact mere images: for the object must first make an impression on us and our impression—the reaction as one might say—evokes consciousness. We can quite correctly compare this with the images which we see in the mirror; for the impressions are also images. Thus in the Lange and Kant train of thought we have a quite correct assertion—that man is concerned with images and that therefore, he cannot come into touch with anything real, with any actual ‘thing in itself.’ Why is this? It is solely because man cannot think things out further than one assumption, he remains at one correct assumption. The thought is not incorrect, but as such it is frozen in—it can go no further—it is really frozen in. Just consider; The images that we see in the mirror are true images, but suppose the other person who stands beside me and looks into the mirror too, gives me a box on the ear, would I then say (as these are but images I see in the mirror) that one reflection has given the other reflection a box on the ear? The action points to something real behind the images I And so it is. When our thoughts are alive and not frozen, when they are connected with realities, we know that the Lange-Kantian hypothesis is correct, that we have everywhere to do with images; but when the images come in touch with living conditions, these living conditions reveal what first leads us to tho thing in itself. It is not so much the case here that certain gentlemen who have thus led thoughts astray, have started from a wrong hypothesis; the whole matter hangs on the fact that we have to reckon with thoughts that were frozen, with thoughts which when at last they are reached, make people say: true, true, true—and get no further. This unworthy thinking of the nineteenth century is wanting in flexibility, in vitality. It is frozen in, truly ice-bound.
[ 7 ] Nehmen wir ein anderes Beispiel. Ich habe Ihnen im Laufe dieses verflossenen Jahres öfter einzelne Dinge mitgeteilt von einem ehrlichen Denker, Mauthner, dem großen Sprachkritiker. Bei Kant war es eine «Kritik der Begriffe». Mauthner geht weiter, immer muß ja das Spätere weitergehen: er macht eine «Kritik der Sprache». Ich habe Ihnen einige Pröbchen aus dieser «Kritik der Sprache» im Laufe des Herbstes, überhaupt im Laufe des Jahres, mitgeteilt, Sie werden sich erinnern. Heute hat ein solcher Mann viele Anhänger. Er war Journalist, bevor er unter die Philosophen gegangen ist. Ein altes Sprichwort sagt: Eine Krähe hackt der andern kein Auge aus. — Sie hackt ihr nicht nur kein Auge aus, sondern blinden Krähen werden dann sogar von den andern Krähen, wenn die Krähen Journalisten sind, noch Augen eingesetzt! Wie gesagt, ich will durchaus nicht irgend etwas gegen die Ehrlichkeit, ja sogar gegen die Gründlichkeit und Tiefe — im Sinne unserer Zeit «Tiefe» — solcher Denker einwenden, denn ich muß immer wieder betonen, daß es unrichtig ist, zu sagen, daß hier Kritik geübt wird etwa an der Naturwissenschaft oder irgendwelchen andern Bestrebungen — nur charakterisiert soll werden. Darum sage ich ausdrücklich: Mauthner ist ein ehrenwerter Mann — und «ehrenwerte Männer sind sie alle» —, aber fassen wir einmal einen Gedankengang, der so im Sinne der Sprachkritik ist, ins Auge. Da wird zum Beispiel gesagt: Die menschliche Erkenntnis ist beschränkt — so sagt Mauthner. Beschränkt — warum beschränkt in seinem Sinne? Nun, weil dasjenige, was der Mensch von der Welt erfährt, durch seine Sinne in seine Seele hereinkommt. Gewiß keine sehr tiefsinnige, aber auch eine unbezweifelbare Wahrheit. Von der Außenwelt, von der sinnlichen Welt kommt alles durch die Sinne herein. Nun ist aber Mauthner zu dem Gedanken gekommen, daß diese Sinne Zufallssinne wären, das heißt, daß der Mensch statt der Augen und Ohren und der Sinne, die er schon einmal hat, diese vielleicht auch nicht haben könnte und andere Sinne haben könnte. Dann würde diese Welt da draußen ganz anders aussehen. Ein sehr beliebter Gedanke überhaupt bei manchen Philosophen unserer Zeit! Und so ist es eigentlich zufällig, daß wir gerade diese Sinne haben, und damit auch diese Welt. Hätten wir andere Sinne, so hätten wir eine andere Welt. Zufallssinne! — Einer, der dem Fritz Mauthner nachgebeter hat, sagt zum Beispiel ungefähr folgenden Satz: Die Welt ist unermeßlich, aber wie kann der Mensch etwas wissen von dieser unermeßlichen Welt? Er hat ja nur Eindrücke durch seine Zufallssinne. Durch diese Zufallssinne, durch die Tore dieser Zufallssinne fällt manches in unsere Seele herein, und da gruppiert es sich, während draußen die unermeßliche Welt weitergeht, und der Mensch nichts wissen kann von den Gesetzen, nach denen diese unermeßliche Welt weitergeht. Wie kann der Mensch ‚glauben, daß dasjenige, was er durch seine Zufallssinne von der Welt erfährt, irgend etwas zu tun habe mit den großen Weltengeheimnissen draußen? — So sagt ein Nachbeter von Fritz Mauthner, der sich aber für keinen Nachbeter, sondern für einen der gescheitesten Menschen der Gegenwart hält. Man kann diesen Gedankengang in einen andern übersetzen. Ich will ganz bei dem Charakter der Gedankenform bleiben, nur den Gedanken in einen andern übersetzen.
[ 7 ] Let us take another example. During the past year I have often communicated certain things to you from a celebrated thinker—Mauthner, the great critic of language. Kant occupies himself with Critique of Idea. Mauthner went further, (things that follow must always go further)—he wrote a Critique of Speech. You will remember that during the autumn I gave you examples from the Critique of Speech. Such a man has many followers at the present day. Before he took up philosophy he was a journalist. There is an old saw which says: ‘One crow does not peck out the eyes of another.’ Not only do they not peck out each other’s eyes, but the others even give eyes to the crows that are blind, especially when these are journalists! And thus this critic of language—but as I said I wish in no way to raise any question as regards the honesty of such a thinker, even as regards his solidity and depth, for I must always insist again and again that it is incorrect to say that criticism of natural or of any other science is practised here, its characteristics are only defined. So I say expressly, that Mauthner is an honourable man, ‘so are they all honourable men’—but just let us consider one process of thought which is along the lines of this Critique of Language. For example it is stated there: Human knowledge is limited. Limited—why limited according to Mauthner? Well, because all that man experiences of the world enters his soul by way of his senses. Certainly there is nothing very profound in this thought, but yet it is an undeniable fact. Everything comes to us from the outer world through the senses. But now the thought came to Mauthner that these senses are merely accidental-senses, which means that supposing that we had not our eyes and ears and other senses, we might have other senses instead, then the world around us would appear quite different. An exceedingly popular thought, especially among many philosophers of our day! So it is actually by chance that we have these particular senses, and therewith our conception of the world about us. Had we different senses we should have a different world! Accidental senses! One of the followers of Fritz Mauthner has said roughly as follows: ‘The world is infinite; but how can man know anything of this infinite world? He can but gain impressions through his accidental senses. Through the door of these chance senses many things enter our souls and group themselves, while without, the infinite world goes on, and man can learn nothing of the laws in accordance with which it progresses. How can man believe, that what he experiences through these chance-senses of his, can have any connection with the great cosmic mysteries beyond? So speaks a follower of Mauthner, who did not, however, look upon himself as an adherent of his, but as a clever man of his day. Yes, so he said. But you can transpose this line of thought into another. I will absolutely retain the form and character of the thought, but translate it into another. I will now state this other thought.
[ 8 ] Man kann eigentlich niemals irgendeinen Begriff bekommen von demjenigen, was eigentlich solch ein Genius wie Goethe der Menschheit gegeben hat, denn solch ein Genius wie Goethe kann doch eigentlich nichts anderes, als das, was er der Menschheit zu geben hatte, so auszudrücken, daß er es gewissermaßen in die zweiundzwanzig oder dreiundzwanzig Zufallsbuchstaben gruppiert, die wir haben und die sich nach ihren eigenen Gesetzen auf dem Papier gruppieren. Wie kann man aber aus dem, was da durch die dreiundzwanzig Zufallsbuchstaben auf dem Papier gruppiert ist, jemals irgend etwas von dem Inhalt des Genius Goethe bekommen? So gescheit derjenige wäre, der glaubte: Weil Goethe seine ganze Genialität durch die dreiundzwanzig Buchstaben A, B und so weiter ausdrücken mußte, kann man dadurch nichts von dem Genius und seinen Ergebnissen bekommen —, so gescheit wäre derjenige, der sagt: Da draußen die Welt ist unermeßlich, man kann sie nicht erkennen, denn wir haben nichts in uns, als dasjenige, was durch unsere Zufallssinne hereinkommt.
[ 8 ] One cannot form any idea of what such a genius as Goethe really has given to mankind, for he has no other means of expressing what he had to say to men, than by the use of twenty-two or twenty-three chance letters of our alphabet which must be grouped in accordance with their own laws and set down on paper. This goes still further. How is it possible to learn anything of the genius of Goethe, through the chance grouping of letters on paper? Clever such a man might be who believes that because Goethe had to express his whole genius by means of twenty-three letters, A.B.C. and so on—we could learn nothing of his genius or of his ideas,—clever he might be who used such an excuse and still maintained that he had before him nothing but the twenty-three chance letters grouped in various ways! ‘Away with your explanations,’ he would say, ‘they are but fancy, I see nothing before me but letters!’ Clever, in the same way, is he who says: The world beyond is infinite, we cannot learn anything of it, for we know only what comes to us through our chance-senses.
[ 9 ] Aber es ist so, daß dieses verwahrloste Denken nicht allein etwa auf den Gebieten vorhanden ist, von denen ich jetzt spreche. Da tritt es nur besonders kraß zutage, vorhanden ist es überüberall. Es wirkt in unserem ganzen menschlichen Zusammenleben. Es wirkt in den tieftraurigen Ereignissen der Gegenwart, denn die wären nicht so, wie sie sind, wenn nicht alles Denken der Menschen durchdrungen wäre von dem, was sich auf einem solchen Gebiete, wie es angedeutet ist, eben nur ganz kraß ausspricht. Man wird niemals das richtige Interesse fassen können auf diesem Gebiete — ich meine: auf dem Gebiete des richtig im Sinne der Geisteswissenschaft gehaltenen menschlichen Wirkens zu einem wahren Fortschritte —, wenn man nicht den Willen hat, auf diese Dinge einzugehen, wenn man nicht schauen will, was der Menschheit not tut. Immer wieder hören wir von da oder dort den Einwand gegen die Ergebnisse der Geisteswissenschaft: Diese sind nur denen zugänglich, die hellseherisch in die geistigen Welten hineinschauen. — Und niemals wird man glauben, daß das nicht wahr ist, sondern daß es sich darum handelt, daß man durch das Denken wirklich hineinkommen kann in das Verstehen desjenigen, was der Seher aus der geistigen Welt herausholt. Man sollte sich aber nicht wundern, daß man heute nicht durch das Denken begreifen kann, was der Seher aus der geistigen Welt herausholt, wenn dieses Denken so beschaffen ist, wie es charakterisiert worden ist. Dieses Denken ist Trumpf. Dieses Denken ist eingeflossen auf allen Gebieten. Und nicht deshalb, weil man nicht durch Denken verstehen könnte alles dasjenige, was durch die Geisteswissenschaft verkündet wird, wird es nicht verstanden, sondern weil man sich infizieren läßt von dem schwachmütigen, von dem verwahrlosten Denken der Gegenwart. Daß uns Geisteswissenschaft anrege zu intensivem, zu starkmütigem Denken, darauf kommt es an! Und Geisteswissenschaft ist ganz dazu geeignet, meine lieben Freunde. Natürlich, solange wir Geisteswissenschaft so aufnehmen, daß wir uns nur sagen lassen dasjenige, um was es sich handelt, werden wir es in dem Denken, das wir gerade, ich möchte sagen, stiften sollten für die Menschheitszukunft, nicht sehr weit bringen. Wenn wir uns aber bemühen, die Dinge wirklich zu verstehen, wirklich zu erfassen, dann werden wir schon weiterkommen.
[ 9 ] The fact is that such inaccurate thinking does not only exist in the domain of which I am speaking, where it comes very crudely into evidence, it is present everywhere. It is active in the profoundly unhappy events of the present day, for these would not be what they are if the thinking of all humanity was not permeated with what has been pointed out in a somewhat crude form. People will never be able to take the right interest in such things, I mean the things concerned with the true efforts of man for his real progress—true effort in the sense of Spiritual Science—if they have not the will really to enter into such matters, if they have not the desire to recognise the things of which man stands in need. Objections are ever being raised from this side and from that, to the teaching of Spiritual Science, that it is only accessible to those who have clairvoyant perception of the spiritual worlds. People will not believe that this is not true, that what is required is, that by thought they should really be able to attain understanding of that which the seer is able to bring forth out of the spiritual world. It is not to be wondered at that people cannot today grasp with their thought what the seer derives from the spiritual world, when thought is built up in this way I have described. This kind of thought is ‘trumps’ and rules life in every department. It is not because man is unable to understand with his thoughts all that Spiritual Science teaches, that it fails to be understood, but because he permits himself to be infected with the slip-shod thinking of the present day. Spiritual Science should stimulate us to intensive, courageous thinking; that is what matters: and it is well able to do this. Of course, as long as we take Spiritual Science in such a way that we only talk about the things with which it is concerned, we shall not advance very much in the establishing of the thought for the future of humanity, which is exactly the mission of our movement to establish. When, however, we take the trouble really to understand—really to grasp the things, the matter taught—we shall certainly make progress.
[ 10 ] Aber gerade in die Auffassung der Geisteswissenschaft wirkt etwas hinein von dem verwahrlosten Denken der Gegenwart. Ich habe Ihnen vorgeführt, wie dieses verwahrloste Denken eigentlich wirkt. Ich sagte: Wirkungen haben wir nur von der Außenwelt, also kann man nicht an das Ding an sich kommen. Jetzt gefriert gleich der Gedanke ein. Weiter wollen die Leute nicht gehen. Jetzt sehen sie nicht mehr, daß dasjenige, was die Bilder im lebendigen Zusammenwirken sind, weiterführt als zum bloßen Bildcharakter. Das wird nun übertragen auf die Auffassung der Geisteswissenschaft. Weil die Menschen ganz infiziert sind von einem solchen Denken, so sagen sie sich: Was der Geisteswissenschafter auf der Seite a, b, c erzählt, sind geisteswissenschaftliche Tatsachen. Die kann man nicht vor sich haben, wenn man eben nicht die Sehergabe erreicht hat. Und da denken sie nicht mehr nach, ob sie nicht auch in dem gegenseitigen Sich-Aufeinanderbeziehen dessen, was der Geisteswissenschafter sagt, hineinkommen könnten, machen denselben Fehler, den heute alle Welt macht. Das Schlimme ist, daß dieser Grundfehler des zeitgenössischen Denkens so wenig eingesehen, so wenig durchschaut wird. Und er wird wirklich furchtbar wenig durchschaut. Er greift hinein in unser alleralltäglichstes Denken, macht sich da ebenso geltend wie bei dem vorgeschobenen Posten des philosophischen oder wissenschaftlichen Denkens. Und man macht sich nur selten klar, was für eine ungeheure Pflicht eigentlich aus der Einsicht in diesen Tatbestand erwächst, wie bedeutsam es ist, für diese Dinge Interesse zu haben, wie unverantwortlich es ist, sein Interesse für diese Dinge abzustumpfen.
[ 10 ] Even the conceptions of Spiritual Science are affected by the careless thinking of the present day. I have explained to you how this careless thinking acts; I quoted: ‘results only do we have in the external world, so we cannot attain to the thing in itself.’ This thought is as it were immediately frozen in; people do not wish to go any further, the thought is frozen in, they no longer see that the living interchanging activity of the reflected images leads further than to the mere image-character. This method is then applied to the conceptions of Spiritual Science. Because people are fully infected by such kind of thoughts, they say: Yes, what Spiritual Science tells on page a,b,c, are facts of Spiritual Science; these facts we cannot have before us, if we have not acquired the seer’s gift. Therefore, they do not go on to think whether in their present attitude to what Spiritual Science teaches they are not making the same mistake that the whole world makes today. The worst of it is, that this fundamental failing of contemporary thought is so little recognised. It is dreadful how little it is recognised. It enters into our everyday thinking, and makes itself felt there, just as in the more advanced thinking of the philosophers and scientists. It is but seldom that people recognise what a really tremendous duty springs from an insight into this fact, how important it is to be interested in such things, how lacking in responsibility to permit our interest in them to be blunted.
[ 11 ] Nun liegt die Tatsache vor, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte die rein äußere Sinnesbeobachtung in der Wissenschaft tonangebend geworden ist, daß die Leute den Hauptwert allein auf dasjenige legen welcher Wert dem zuzuerkennen ist, habe ich oftmals betont —, was sie im Laboratorium oder in der Klinik oder im zoologischen Garten beobachten; daß sie bei dem stehenbleiben wollen. Gewiß, durch diese naturwissenschaftliche Methode sind ganz ungeheure Fortschritte gemacht worden, aber gerade unter diesem Fortschritte ist das Denken vollständig verwahrlost. Und daraus erwächst die Pflicht: nicht zur Macht kommen zu lassen in der Welt diejenigen, die diese Macht anstreben auf Grundlage eines bloßen materialistischen Experimentalwissens — und um Macht ist es diesen Leuten zu tun, und heute sind wir schon so weit, daß durch die brutalsten Machtsprüche der materialistischen Gelehrsamkeit aus der Welt geschafft werden solle alles dasjenige, was nicht materialistische Gelehrsamkeit ist. Eine Machtfrage ist es bereits geworden. Und unter denjenigen, die heute am schroffesten auch an die äußeren Mächte appellieren, um ihren äußeren Materialismus privilegiert und patentiert zu bekommen, sehen wir gerade diejenigen, die auf dem Boden der materialistischen Wissenschaft allein stehen. Darum handelt es sich, einzusehen, wie die Machtverhältnisse in der Welt walten. Es genügt nicht, daß wir uns bloß für unsere persönlichen Verhältnisse interessieren, sondern daß wir für die großen Menschheitsangelegenheiten Interesse entwickeln. Gewiß, wir werden als einzelne und auch als kleine Gesellschaft heute nicht besonders viel machen können, allein von solch kleinen Keimen muß die Sache ausgehen. Was nützt es, wenn heute viele sind, die über die offizielle Medizin sagen, sie haben kein Vertrauen zu ihr, und suchen auf allen andern Wegen dasjenige, zu dem sie Vertrauen haben. Darum handelt es sich zunächst nicht. Das alles ist nur persönliches Betreiben seiner eigenen Angelegenheiten. Worum es sich handelt, ist: ein Interesse dafür zu haben, daß neben der heutigen materialistischen Medizin berechtigt wird dasjenige, wozu man Vertrauen hat. Sonst hieße es, die Sache von Tag zu Tag schlimmer machen. Nicht darum kann es sich bloß handeln, daß derjenige, der zur heutigen sogenannten wissenschaftlichen Medizin kein Vertrauen hat, sich nun jemand andern aufsucht. Dadurch bringt er den andern gerade in eine mißlicheLage, wenn er sich nicht dafür interessiert, daß der andere auch gesetzmäßig berechtigt ist, sich für den allgemeinen menschheitlichen Gang der Angelegenheiten der Menschheit zu interessieren. Gewiß, wir können vielleicht heute und morgen noch nicht mehr tun, als Interesse für die Sache haben. Aber dieses Interesse für die großen Menschheitsangelegenheiten, das müssen wir in unseren Seelen tragen, wenn wir im wahren Sinne des Wortes die geisteswissenschaftliche Bewegung verstehen wollen. Wir glauben noch vielfach, wir verstünden die großen Interessen der Menschheit, weil wir uns unsere persönlichsten Interessen oftmals so interpretieren, als wären sie gerade große Menschheitsinteressen.
[ 11 ] The fact is now apparent, that in the course of the last century purely external sense-observation obtained and gave its tone to science; people laid the greatest value on the results of observation in the laboratory, or in the clinic, in the Zoological Gardens and the like, (the value of which observation must be recognised, as I have often remarked) but they desired to hold to these only and go no further. It is true that extraordinary progress has been made by these methods of natural science, quite extraordinary progress; but it is just through this progress that thought has become quite unreliable. Therefore it becomes a duty not to allow those persons to attain power in the world, who exercise this power from the standpoint of a purely materialistic experimental knowledge,—and it is power that such people want. At the present day we have reached the point, when all that is non-materialistic learning is to be driven out of the world by the brutal language of force which is used in materialistic erudition. It has already become a question of force. Among those who appeal most eagerly to the external powers to gain their external privileges, we have to recognise those who stand on the foundation of material science alone. Therefore, it is our duty to understand that force rules in the world. It is not enough that we should be interested only in what concerns ourselves personally, we must develop interest in the great concerns of the whole of humanity. It is true that as individuals and even as a small society we cannot do much today, but from small germs like these a beginning must be made. What is the use of people saying today that they have no faith in doctors; that they have no confidence in the system, and seek by every other means, something in which they can feel confidence? Nothing is affected by this, all that is but personal effort for their own advantage. We should be interested in establishing, alongside the material medicine of today, something in which we can have confidence. Otherwise things will get worse from day to day. This does not only mean that those who have no faith in the medical science of the day should seek out someone whom they can trust; for this would put the latter in a false position, unless he interests himself in seeing that he too should be suitably qualified to interest himself in the progress of the general condition of humanity. It is true that today and to-morrow we cannot perhaps be more than interested in the matter, but we must bear in our souls such interest for the affairs of humanity if we wish to understand in their true meaning the teaching of Spiritual Science. We still often think that we understand the great interests of humanity, because we frequently interpret our personal interests as if they were the greatest interests of mankind.
[ 12 ] Wir müssen bis tief, tief in die Untergründe unserer Seele suchen, wenn wir bei uns selber auffinden wollen, wie wir eigentlich abhängig sind von dem blinden Autoritätsglauben der Gegenwart, wie gründlich wir abhängig davon sind. Unser Schlendern, unsere Bequemlichkeit, das ist es, was uns verhindert, für die großen Interessen der Menschheit wenigstens zunächst innerlich entzündet und entflammt zu sein. Das ist es aber, was wir uns als besten Neujahrsgruß in die eigene Seele schreiben können: entflammt zu werden, begeistert zu werden für die großen Interessen des menschlichen Fortschritts, der wahren menschlichen Freiheit. Solange wir auf dem Boden stehen, daß uns doch noch immer irgendwo etwas sitzt, was uns glauben läßt: derjenige, der von der Welt als ein großer Mann ausposaunt wird, müsse über irgend etwas auch etwas Richtiges denken können — solange wir diesen Glauben, der namentlich mit dem verwahrlosten Denkorganismus der Gegenwart zusammenhängt und von diesem großgezogen wird, nicht gründlich aus unserer Seele herausgerissen haben, so lange haben wir uns noch nicht diese Interessen für die allgemeinen großen Angelegenheiten der Menschheit erworben.
[ 12 ] We must search deeply, within the profoundest depths of our soul, if we wish to discover in ourselves how dependent we are on the blind faith in authority of the present day—how profoundly we are dependent on it. It is our indolence, our love of ease that withholds us from being inwardly kindled, and set aflame by the great needs of humanity. The best New Year greeting that we can inscribe in our souls is that we may be enkindled and inspired by the great interests of the progress of mankind—of the true freedom of humanity. So long as we allow ourselves to believe that he who blows his trumpet before the world must also be able to think correctly,—so long as we hold beliefs derived from the carelessly organised thinking of the present day,—we have not developed within ourselves true interests in the great universal cause of mankind.
[ 13 ] Was ich spreche, ist nicht in irgendeiner Weise gegen einzelne große Männer gerichtet. Ich weiß, daß es viele gibt, namentlich wenn in öffentlichen Vorträgen von solchen Sachen die Rede ist, die da sagen: Da wird von der Geisteswissenschaft die gegenwärtige Naturwissenschaft angegriffen, da werden Autoritäten angegriffen. — Ich wähle gerade solche Autoritäten, von denen ich auf der andern Seite sagen kann: sie sind bedeutende Autoritäten für die Gegenwart, sie sind große Männer —, um gerade zu zeigen, wie sich in den großen Persönlichkeiten der Gegenwart dasjenige geltend macht, was die Geisteswissenschaft mit Stumpf und Stiel auszurotten hat. Und man kann schon ein wenig ein Auge darauf haben, auch wenn man kein großer Mann ist, bei großen Männern das verwahrloste Denken zu sehen, das gerade durch die Fortschritte, durch die Licht- und Glanzseiten der gegenwärtigen Experimentalwissenschaft großgezogen wird.
[ 13 ] What I have just said is in no way directed against any great man in particular; I know that when such things are said especially in a public lecture, there are many who say: Natural Science and the authorities of the day were attacked by Spiritual Science; and the like. I specially quote instances from those of whom I can say, on the other hand, that they are great authorities of the present day, that they are great men,—to show that they support things which Spiritual Science has to extirpate, root and branch. Even without being a great man, one can recognise the careless thinking of great men, which has been so greatly enhanced just because of the brilliant advance in the experimental science of the day.
[ 14 ] Ein Beispiel, aber wahrhaftig ein Beispiel für viele: Ich nehme ein Buch, das von einem der bedeutendsten Männer der Gegenwart herrührt — es ist auch ins Deutsche übersetzt —, also wie gesagt, es soll niemand sagen, daß ich irgendwie jemanden in seiner Größe nicht anerkennen will. Ich sage ausdrücklich: Das Buch rührt von einem bedeutenden Menschen der Gegenwart auf dem Gebiete der Experimentalnaturforschung her. Ich schlage eine Seite auf, die Einleitung zu dem zweiten Bande, der, nachdem spezielle Fragen der gegenwärtigen Kosmologie von diesem großen Manne behandelt sind, auf die EntwickeJung der Weltanschauungen eingeht, auf die Geschichte der Weltanschauungsentwickelung, und ungefähr ausspricht: Da haben die Menschen in den Zeiten des alten Ägyptertums, in den Zeiten des alten Griechentums, des Römertums auf diese oder jene Weise sich ein Bild der Welt, eine Weltanschauung zu machen gesucht, aber dann ist die Naturwissenschaft der Gegenwart gekommen in den letzten vier Jahrhunderten; die hat alles Frühere weggeräumt, die hat nun endlich das große Los gezogen und ist zu der wirklichen Wahrheit gekommen, die jetzt nur ausgebaut zu werden braucht.
[ 14 ] One example, one among many,—I choose a book written by one of the best known men of the day and which is translated into German. No one can say that greatness is unrecognised by me. I repeat, I choose a book by a celebrated man of the day, in the domain of experimental Natural Science. I look up a passage in the introduction to the second volume, which deals specially with the question of the cosmology of the day; in which the great man goes into the history of the development of cosmo-conception. It runs somewhat as follows: In the times of the ancient Egyptians, the Greeks and the Romans, men tried to form a picture of the world in such and such a way; then in the last four hundred years there arose the Natural Science of today, which has at last drawn the great prize, which has swept all previous ideas aside and has attained to actual truth, which now has but to be further built up.
[ 15 ] Ich habe schon öfter betont: nicht so sehr ist es dasjenige, was die Leute im einzelnen behaupten, als daß sie dann gleich der dämonische luziferische oder ahrimanische Charakter packt, sie gleich luziferisch oder ahrimanisch werden. Und so lesen wir denn am Schlusse dieser Einleitung das Folgende, höchst Merkwürdige. Geben Sie jetzt recht acht auf das, was sich uns darbieten kann bei einem ganz zweifellos großen, bedeutenden Mann der Gegenwart, der sagt, nachdem er also sich ungefähr so ausgesprochen hat, wie großartig die naturwissenschaftliche Erkenntnis sei: «Die Zeiten des traurigen Verfalls währten bis zu dem Wiedererwachen der Menschheit im Anfang der neuen Zeit. Diese stellte die Buchdruckerkunst in den Dienst der Gelehrsamkeit, und die Verachtung der experimentellen Arbeit verschwand aus den Anschauungen der Gebildeten. Aber langsam ging es anfangs bei dem Widerstand der alten vorgefaßten Meinungen und dem Mangel an Zusammenwirken unter den verschiedenen Forschern. Diese hindernden Umstände sind seither geschwunden, und zugleich vermehrte sich die Anzahl der Arbeiter und ihrer Hilfsmittel im Dienst der Naturwissenschaft in rascher Folge. Daher der großartige Fortschritt der letzten Zeiten.»
[ 15 ] I have often laid stress on the fact that it is not so much the individual assertions that people make, it is the Ahrimanic or Luciferic characteristics which at once lay hold on people, so that they become Ahrimanic or Luciferic. Thus at the close of this introduction we read the following, which is in the highest degree noteworthy. Take a special note of what is presented to us by one who is without doubt a great and celebrated man of the day. After remarking how grand the knowledge of Natural Science is today, he says: ‘The time of sad decline endured until the awakening of humanity at the beginning of the new age. The new age placed the art of printing at the service of learning, and contempt of experimental work disappeared from the minds of educated people. Opposition to old opinions as expressed in the writings of various investigators, advanced at first but slowly. These hindering conditions have since disappeared, and immediately the number of workers and the means of furthering Natural Science increased in rapid succession. Hence the extraordinary progress of recent years.’
[ 16 ] Und jetzt die letzten Sätze dieser Einleitung: «Zuweilen hört man sagen, daß wir in der «besten der Welten» leben; darüber läßt sich schwer etwas Wohlbegründetes aussagen, aber wir — wenigstens die Naturforscher — können mit aller Sicherheit behaupten, daß wir in der besten der Zeiten leben. Wir können in der festen Hoffnung, daß die Zukunft nur noch besser werden wird...», und jetzt kommt dasjenige, wo man — verzeihen Sie den harten Ausdruck! — entweder vom Stengel fallen kann, wenn man es liest, oder auf die Wände heraufkriechen sollte! Der Betreffende will ja dasjenige, was über die Natur und die Welt gedacht worden ist in den Forschungen großer Männer, jetzt, in diesen Zeiten, an seinem Geist vorüberziehen lassen. Deshalb sagt er: «Wir können in der festen Hoffnung, daß die Zukunft nur noch besser werden wird, mit dem großen Natur- und Menschenkenner Goethe sagen:
[ 16 ] There then follows the last sentence of this introduction—‘We sometimes hear it said that we live in the best of all possible worlds: there might be some objection raised to this, but we scientists at least can assert with all certainty, that we live in the best of times. And we can look forward with confidence to a still better future...’ Now follows what really is astounding! This author attaches to himself, and to his age, that which great men have discovered and thought, regarding nature and the world. Therefore he says: ‘In the firm hope that the future may be better, we can say with Goethe—the great authority on man and nature:
... Es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen.
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.»
‘Es ist ein gross Ergötzen
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.’
[ 17 ] In vollem Ernste, meine lieben Freunde, ein großer Mann weist da in seinen Betrachtungen auf den Ausspruch des «großen Natur- und Menschenkenners Goethe» hin, also auf die Worte Wagners, den Goethe bekanntlich im «Faust» sagen läßt:
[ 17 ] [It is a great delight, to enter into the spirit of the age, to see how wise men thought before our time, and how splendidly we have advanced things.] In all seriousness a great man closes his remarks with these words, the pronouncement of Goethe, the great authority on nature and on man; words to which Faust replies—for it is Wagner who says:
Verzeiht, es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen,
Zu schauen, wie vor uns ein weiser Mann gedacht,
Und wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht.
‘By your leave it is a great delight,
To enter into the spirit of the age,
etc.’
[ 18 ] Wagner sagt es! Aber Faust erwidert ihm — und vielleicht darf er das, was Faust sagt, im Sinne des «großen Natur- und Menschenkenners» Goethe sagen:
[ 18 ] But Faust answers: (and perhaps we may accept what Faust says as the thought of Goethe, the great authority on nature and on man.)
O ja! Bis an die Sterne weit!
‘O yes! As far as to the stars!’
[ 19 ] Es paßt gerade auf den Mann, der es auch «bis an die Sterne weit» gebracht hat! Nämlich:
[ 19 ] This is exactly fitted for a man who can reach as far as to the stars, thus:
O ja! Bis an die Sterne weit!
Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln;
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
Da ist’s denn wahrlich oft ein Jammer!
Man läuft euch bei dem ersten Blick davon.
Ein Kehrichtfaß und eine Rumpelkammer,
Und höchstens eine Haupt- und Staatsaktion
Mit trefflichen pragmatischen Maximen,
Wie sie den Puppen wohl im Munde ziemen!
‘O yes! As far as to the stars!
The ages that are past, my Friend,
Are for us a book with seven seals;
What we call the spirit of the age,
Is in fact the spirit of ourselves
In which the times are mirrored.
This is in truth, often but a wail!
Men fly from the first glance of it.
A rubbish heap, a lumber room,
At most some act or state of law
With excellent pragmatic maxims
Such as are put in puppets’ mouths!’
[ 20 ] und so weiter. «Sei er kein schellenlauter Tor» heißt es vorher auch noch. So schreibt 1907 einer der «größten Männer der Gegenwart», der es allerdings «bis zu den Sternen weit» gebracht hat, und der es auch dazu gebracht hat, indem er zurückblickt auf all die andern, die vor ihm gewirkt haben, als Ausspruch des «großen Natur- und Menschenkenners Goethe» die Worte zu gebrauchen:
[ 20 ] And so on... Thus in 1907 wrote one of the greatest men of the day who had surely got ‘as far as to the stars,’ and who looking back on all those who had worked before him had also got so far as to make use of the saying ‘of Goethe, the great authority on man and nature.’
Es ist ein groß Ergetzen,
Sich in den Geist der Zeiten zu versetzen.
It is a great delight
To enter into the spirit of the age.
[ 21 ] Sie haben gelacht. Aber man wünschte nur, daß dieses Lachen wirklich auch immer angewendet würde, wo innerhalb desjenigen, was heute gerade die Macht hat, solches verwahrloste Denken geltend gemacht wird. Denn das ist ein Beispiel, das uns so recht beweist, wie gerade diejenigen, die fest stehen, sicher stehen auf dem Boden der heutigen wissenschaftlichen Weltanschauungen, die sogar verbunden sind mit "großen Fortschritten auf diesem Gebiete, die selber große Fortschritte gemacht haben, wie sie verwahrlostes Denken produzieren können. Und das beweist, daß das, was man heute materialistische Naturwissenschaft nennt, durchaus nicht ausschließt das alleroberflächlichste Denken. Man kann ein ganz verwahrlostes Denken haben und heute ein großer Mann auf dem Gebiete der äußeren Naturwissenschaft sein. Das muß man aber wissen, und in diesem Sinne muß man sich verhalten können. Das ist eine Signatur unserer Zeit. Wenn es aber so fortdauert, daß jemand, wenn er einmal als großer Mann abgestempelt wird, eben als eine große Autorität gilt, und man dasjenige, was er auf diesem oder jenem Gebiete zu sagen hat, ungeprüft anführt als irgend etwas, was Geltung haben dürfte, dann wird man niemals über die große Misere unserer Zeit hinauskommen. Ich bin überzeugt davon, daß über die Stelle, die ich Ihnen vorgelesen habe, unzählige Menschen heute hinweglesen, gar nicht darüber lachen, wenn sie sie lesen, trotzdem diese Stelle gerade eine solche ist, die uns im eminentesten Sinne darauf hinweist, wo die tiefsten Schäden unserer Zeit liegen, die die Entwickelung der Menschheit in der Gegenwart in den Niedergang hineinführt. Und wo anzusetzen ist mit demjenigen, was der Menschheit not tut, das muß man einsehen; und daß trotz der unermeßlich großen Fortschritte der äußeren Naturwissenschaft das möglich geworden ist, daß gerade die größten Naturforscher des 19. Jahrhunderts, und bis in unsere Tage herein, die schlimmsten Dilettanten geworden sind in bezug auf alle Weltanschauungsfragen, und daß das der große Schaden der Zeit ist, daß unsere gegenwärtigen Menschen das nicht durchschauen — nicht durchschauen, daß die größten Naturforscher des 19. Jahrhunderts gerade die schlimmsten Dilettanten in Weltanschauungsfragen sein müssen, wenn sie sich ganz demjenigen überlassen, was als Geist in der materialistischen Naturanschauung waltet —, und daß die Menschen jenen großen Persönlichkeiten auch dann nachlaufen, wenn diese großen Persönlichkeiten nicht nur die Ergebnisse ihrer Laboratoriumsversuche und ihrer Klinikenuntersuchungen von sich geben, sondern wenn sie dies oder jenes von den Weltengeheimnissen sagen.
[ 21 ] You smile! One could wish that this smile always might be directed against those who are capable at the present day of making such carelessness valid; for the example I have given shows that it is those who are firmly established on the ground of the scientific outlook of the day, and who are associated with progress in this domain, who are able to put forth such negligent thinking. It just proves that what is called Natural Science today by no means excludes the most superficial thinking. A man may be a thoroughly careless thinker today, and yet be held to be a great man in the realm of natural science. This has to be recognised, and in this sense we must approach it. It is a sign of our time. If this were to continue; if any one is labelled as a great man, and given out as a great authority and if people put forward what he says in this or that domain without proof, as of something of great worth—then we should never surmount the great misery of our time. I am fully convinced that countless people pass over the sentence I read out to you today, without a smile, although it shows forth in the most eminent degree, where the greatest faults of our day lie, which are bringing about the decline of the evolution of humanity. We must see clearly where to make a beginning with those things necessary for man; and also see that in spite of the immense advance in external natural science, the greatest scientists of the nineteenth century, even down to our own day, have shown themselves the worst dilettantists in regard to all questions of world-outlook. The great fault of our day is, that this is not recognised—that people do not recognise that the greatest investigators in natural science in the nineteenth century proved themselves the worst of dilettantists in the question of world-outlook, when they entirely left out that which as spirit rules in the realm of natural science. People blindly followed after these great persons, not only when they gave out the results of investigations in the laboratory, or of clinical research, but also when they asserted things regarding the secrets of the universe.
[ 22 ] Daher haben wir parallelgehend mit einer Popularisierung der Wissenschaft, die im höchsten Sinne nützlich ist, im höchsten Sinne vorteilhaft ist, zu gleicher Zeit ein Herunterkommen in allen Weltanschauungsfragen, ein verwahrlostes Denken, das epidemienartig, seuchenartig überhand nimmt, weil es sich in alles, alles hineinfrißt, und weil es zuletzt zurückgeht auf die schlimmen Dilettantentume gerade derjenigen, die große Männer sind.
[ 22 ] So, parallel with the popularising of science which is useful and beneficial in the highest degree, we have at the same time a deterioration as regards all questions of wide import and a heedlessness of thought which is infectious and very harmful, because it is founded on the very worst kind of dilettantism of great men.
[ 23 ] Hier liegen die Aufgaben, mit denen sich zunächst wenigstens, wenn wir auch nichts ausführen können, meine lieben Freunde, unsere Interessen verbinden müssen. Wir müssen wenigstens durchschauen, wie die Dinge liegen, und wir müssen uns eine klare Vorstellung davon machen, daß es vor allen Dingen zu viel, viel traurigeren Zeiten führen würde, als wir in der Gegenwart haben, wenn dasjenige, was hier angedeutet worden ist, von den Menschen nicht durchschaut würde, wenn nicht an die Stelle des verwahrlosten Denkens wiederum ein klares und gediegenes Denken in die Menschheit hineingebracht werden könnte. Alles geht zurück auf dieses verwahrloste Denken. Dasjenige, was uns als äußere, oftmals höchst traurige Erscheinung entgegentritt, das wäre nicht da, wenn dieses verwahrloste Denken nicht da wäre.
[ 23 ] Here are to be found the tasks with which our interests must be closely associated, even if we ourselves are not able to produce anything. We must at least look things in the face, we must see clearly that it will above all lead to far, far more unhappy times than we are at present passing through, if mankind does not realise what has been here pointed out;—if, in place of careless, inexact thinking, a clear and genuine method of thought be not established again among men. Everything can be traced back to this careless thinking. All those external, often very unhappy phenomena which we encounter would not exist if this inexact, negligent thought were not there.
[ 24 ] Es schien mir, als müßte man am Neujahrsbeginn gerade über diese Dinge sprechen, die mit dem Gesinnungscharakter unserer ganzen Aufgabe zusammenhängen müssen. Denn wenn wir uns angewöhnen, mit einem unbefangenen Blicke hinzuschauen auf die Art und Weise, wie heute gedacht wird, und wie dieses Denken in alle, alle Verhältnisse hinein mächtig ist, dann wird man erst ein Bild von dem bekommen, was zu tun ist und was der Menschheit besonders not tut. Da müssen wir allerdings manche Sehnsucht nach Schlendrian, manche Sehnsucht nach Faulheit und Trägheit überwinden, müssen uns wirklich wenigstens zunächst vorstellen können, daß einer geisteswissenschaftlichen Bewegung Aufgabe auch noch eine andere ist, als bloß Vorträge anzuhören oder zu lesen. Sich mit entsprechenden Vorstellungen bekanntmachen — ich muß es immer wieder betonen! Selbstverständlich können wir zunächst als einzelne und als kleine Gesellschaft nicht viel tun. Aber unser eigenes Denken muß sich in der richtigen Richtung bewegen, muß wissen, um was es sich handelt, muß nicht selber der Gefahr ausgesetzt sein, wenn ich den trivialen Ausdruck gebrauchen darf, hineinzufallen auf den Weltanschauungsdilettantismus gerade derjenigen, die die größten Männer der Zeit sind in bezug auf die äußeren Wissenschaften. Große Männer, die aber Dilettanten in Weltanschauungsfragen sind, begründen allerlei Weltanschauungsgesellschaften, monistische und weiß Gott was für Gesellschaften, ohne daß der richtige Widerspruch sich erhebt, der darinnen bestehen würde, daß man sich wenigstens darüber klar ist, daß, wenn solche Menschen Weltanschauungsgesellschaften begründen, es eben so ist, als wenn man sagen würde: Ich lasse mir bei dem Manne meinen Rock anmessen, denn es hat sich gezeigt, daß das ein vorzüglicher Schuster ist! — Es ist ein Unsinn, aber eben solch ein Unsinn ist es, wenn ein großer Chemiker oder ein großer Psychologe als Weltanschauungsautoritäten hingenommen werden. Daß sie es selber tun, das kann man ihnen nicht verübeln, denn sie können selbstverständlich nicht wissen, wie unzulänglich sie sind. Aber daß sie hingenommen werden, das hängt zusammen mit den großen Schäden unserer Zeit.
[ 24 ] It seems to me specially necessary to speak of these matters at the beginning of a New Year, for they are connected with the character and attitude of our whole task. For when we accustom ourselves to consider without prejudice the method and nature of modern thought, and see how powerful it is in all the varied conditions of life, we can then form some picture of what we have to do and of what mankind stands in need. We must in the first place overcome all tendency to slackness, all love of sloth and laziness, we must see clearly that a spiritual-scientific movement has duties other than that of merely listening to lectures or reading books I must continually remind you to make yourselves acquainted with the necessary ideas. It is clear to all that as a few individuals,—as a small society—we cannot do much. But our own thought must move in the right direction; we must know what is in question, we must not ourselves be exposed to the danger (to put it trivially) of succumbing to the different conceptions of the world, of those who are the great men of the day in the external sciences. Great men, but dilettante thinkers as regards questions of universal import, found numerous associations of monistic or other nature without the opposition that would arise if at least it were realised that, when such societies are founded, it is as if one said: ‘I am letting this man make a coat, because he is a celebrated cobbler!’ This is foolishness, is it not? but it is just as foolish when a great chemist or a great psychologist is accepted as an authority on a conception of the world. We cannot blame them if they claim it for themselves, for naturally they cannot know how inadequate they are; but that they are so accepted is connected with the great evils of the present day.
[ 25 ] Es scheint mir so, meine lieben Freunde, als wenn mit unseren Gefühlen ins Ewige hinein eine Silvesterbetrachtung zusammenhängen könnte, und als ob mit demjenigen, was unmittelbar obliegt in bezug auf die Aufgabe des Tages, mit dem, was uns obliegt in bezug auf die unmittelbare Verpflichtung, eine Neujahrsbetrachtung zusammenhängen könnte. So scheint mir schon, daß sich der Ton einer Neujahrsbetrachtung zu dem Ton einer Silvesterbetrachtung so verhalten darf, wie sich die Worte, die ich heute gesprochen habe, zu den Worten verhalten, die ich gestern gesprochen habe.
[ 25 ] To me it seems as if a thought for New Year’s Eve must ever be associated with our feelings; whereas it seems to me that that which faces us as the more immediate duty of the day, must be directly associated with our reflections on New Year’s Day; I thought therefore, that the tone of what has been said today might, be fitly associated with what was said yesterday.
