Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Necessity and Freedom
in World History and Human Action
GA 166

25 January 1916, Berlin

Translate the original German text into any language:

Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Es wird in diesen Tagen, da wir wieder zusammensein können, meine Aufgabe sein, über wichtige, allerdings etwas schwierige Fragen des menschlichen und des Weltenlebens zu sprechen, über Fragen, deren Betrachtung ja selbstverständlich nicht mit diesem Vortrage abgeschlossen, sondern im Gegenteil nur eingeleitet werden kann. Es wird sich im Verlaufe dieser Betrachtung ergeben, wie unendlich wichtig gerade diese Fragen auch sind mit Bezug auf ein seelisches Sich-Verbinden mit den großen, die Menschheit heute so bewegenden Ereignissen. Wenn ich zunächst in zwei abstrakten Worten das zusammenfassen sollte, wovon ich in dieser Zeit zu Ihnen sprechen soll, so könnte ich das zusammenfassen in die zwei Worte: «Notwendigkeit des Welt- und Menschengeschehens» und «Freiheit des Menschen innerhalb des Welt- und Menschengeschehens.»

[ 1 ] Now that we are able to be together again, my task will be to speak about important—though somewhat difficult—questions concerning human life and the life of the world—questions whose consideration, of course, cannot be concluded with this lecture, but on the contrary, can only be introduced. In the course of this reflection, it will become clear just how infinitely important these very questions are in relation to a spiritual connection with the great events that are so deeply moving humanity today. If I were to summarize in two abstract terms what I am to speak to you about during this time, I could do so with the following two phrases: “The necessity of world and human events” and “Human freedom within world and human events.”

[ 2 ] Es gibt im Grunde genommen kaum einen Menschen, der sich nicht mehr oder weniger intensiv gerade mit diesen Fragen beschäftigt, und es gibt vielleicht kaum Ereignisse auf dem physischen Plane, welche die Beschäftigung mit diesen Fragen so nahelegen als diejenigen, die jetzt über Europas Völker hin durch die Seelen der Menschen Europas hindurchziehen. Wenn wir das Weltgeschehen und unser eigenes Handeln, Fühlen, Wollen und Denken innerhalb des Weltgeschehens betrachten und es betrachten zunächst im Zusammenhange mit dem, was wir die göttliche, die weisheitsvolle Weltenregierung nennen, so sagen wir uns, diese weisheitsvolle Weltregierung waltet in allem. Und wenn wir auf irgend etwas hinblicken, was geschehen ist, in das wir vielleicht selber hineingestellt gewesen sind, dann können wir hinterher die Frage aufwerfen: War das, was geschehen ist, in das wir selber hineingestellt waren, innerhalb der ganzen weisheitsvollen Weltenregierung so begründet, daß wir sagen können, es war notwendig, es habe nicht anders geschehen können, und wir selber haben nicht anders innerhalb dieses Geschehens handeln können? Oder aber können wir sagen, wenn wir mehr auf das Zukünftige blicken: Es wird sich in dieser oder jener zukünftigen Zeit dieses oder jenes abspielen, von dem wir glauben, daß wir vielleicht hineingestellt sein könnten? Müssen wir nicht etwa annehmen gegenüber der von uns vorausgesetzten weisheitsvollen Weltenregierung, daß dasjenige, was in der Zukunft geschieht, auch notwendig, oder, wie man oftmals sagt, vorhergesehen sei? Kann aber dabei unsere Freiheit bestehen? Können wir uns vornehmen, daß wir irgendwie eingreifen wollen durch die Ideen, durch die Geschicklichkeiten, die wir uns erworben haben? Kann durch die Art, wie wir eingreifen, dasjenige geändert werden, wovon wir vielleicht wollen, daß es nicht in der Weise eintritt, wie es eintreten müßte, wenn unser Eingreifen nicht geschieht?

[ 2 ] There is, in fact, hardly a person who is not, to a greater or lesser extent, grappling with precisely these questions, and there are perhaps hardly any events on the physical plane that suggest engaging with these questions as strongly as those that are now sweeping across the peoples of Europe and through the souls of the people of Europe. When we consider world events and our own actions, feelings, will, and thoughts within the context of world events—and view them first and foremost in connection with what we call the divine, wise world government—we tell ourselves that this wise world government reigns in all things. And when we look back at something that has happened—in which we ourselves may have been placed—we can then ask the question: Was what happened, in which we ourselves were placed, grounded within the entire wise world government in such a way that we can say it was necessary, that it could not have happened any other way, and that we ourselves could not have acted any differently within that event? Or, looking more toward the future, can we say: At this or that future time, this or that will unfold, and we believe we might be placed within it? Must we not assume, in light of the wise world government we presuppose, that what happens in the future is also necessary—or, as is often said, foreseen? But can our freedom still exist in this context? Can we resolve to intervene in some way through the ideas and skills we have acquired? Can the way we intervene change what we might wish would not occur in the manner it would have to occur if we did not intervene?

[ 3 ] Wenn der Mensch mehr zurückblickt auf das Vergangene, dann hat für ihn mehr Eindruck die Idee, alles sei notwendig gewesen, es hätte nicht anders geschehen können. Wenn der Mensch mehr auf die Zukunft hinblickt, dann hat für ihn mehr Eindruck die Idee, es müsse möglich sein, daß er selber, der Mensch, da wo es ihm gegönnt ist, mit seinem Willen eingreifen könne. Kurz, der Mensch wird immer in eine Art von Zwiespalt kommen zwischen der Annahme einer unbedingten Notwendigkeit, die durch alle Dinge geht, und auf der anderen Seite der notwendigen Voraussetzung der Freiheit, ohne die er eigentlich nicht bestehen kann in seiner Weltanschaung, weil er sonst annehmen müßte, daß er wie eine Art Rad in dem großen Räderwerk des Daseins eingewoben sei, welches durch die dieses Räderwerk durchwaltenden Mächte so bestimmt ist, daß auch die Verrichtungen eben seines Rad-Daseins vorausgenommen sind.

[ 3 ] When people look back more on the past, they are more strongly struck by the idea that everything was necessary—that it could not have happened any other way. When a person looks more toward the future, the idea that it must be possible for him—the person himself—to intervene with his will wherever he is permitted to do so makes a stronger impression on him. In short, a person will always find himself in a kind of conflict between the assumption of an unconditional necessity that pervades all things, and, on the other hand, the necessary prerequisite of freedom, without which they cannot truly maintain their worldview, because otherwise they would have to assume that they are woven into the great machinery of existence like a cog, determined by the forces governing this machinery in such a way that even the functions of their very existence as a cog are predetermined.

[ 4 ] Sie wissen ja auch, daß der Zwiespalt, sich für das eine oder für das andere zu entscheiden, gewissermaßen durch alles Geistesstreben der Menschheit durchgeht, daß es immer Philosophen gegeben hat, man nennt sie Deterministen, die annahmen, daß alles Geschehen, in das wir mit unserem Handeln, mit unserem Wollen eingesponnen sind, streng vorausbestimmt sei, daß es Indeterministen gegeben hat, welche das Gegenteil annahmen: daß der Mensch eingreifen kann durch sein Wollen, durch seine Ideen, in den Gang der Entwickelung. Sie wissen auch, daß das äußerste Extrem des Determinismus der Fatalismus ist, der so streng an einer die Welt durchwaltenden geistigen Notwendigkeit festhält, daß er voraussetzt, daß nichts, gar nichts irgendwie anders geschehen könne, als es eben vorausbestimmt ist, und daß sich der Mensch nur passiv zu fügen habe in das Fatum, das über die Welt ergossen ist dadurch, daß eben alles vorausbestimmt ist.

[ 4 ] You know, of course, that the dilemma of choosing one thing over another runs, so to speak, through all of humanity’s intellectual endeavors; that there have always been philosophers, known as determinists, who assumed that all events in which we are entangled through our actions and our will are strictly predetermined, and that there have been indeterminists who assumed the opposite: that human beings can intervene in the course of development through their will and their ideas. You also know that the ultimate extreme of determinism is fatalism, which clings so rigidly to a spiritual necessity pervading the world that it presupposes that nothing—absolutely nothing—could happen in any way other than as it is predetermined, and that human beings must merely submit passively to the fate that has been poured out upon the world precisely because everything is predetermined.

[ 5 ] Vielleicht wissen einige von Ihnen auch, daß Kant eine Antinomientafel aufgestellt hat, in der er immer auf die. eine Seite eine bestimmte Behauptung, auf die andere Seite deren Gegenteil gestellt hat, zum Beispiel auf die eine Seite die Behauptung: «Die Welt ist dem Raume nach unendlich», auf die andere Seite die Behauptung: «Die Welt ist dem Raume nach endlich», und daß er dann gezeigt hat, daß man das eine ebensogut wie das andere mit den dem Menschen zur Verfügung stehenden Begriffen beweisen kann. Man kann in demselben Sinne streng beweisen: Die Welt ist dem Raume oder der Zeit nach unendlich —, oder: Die Welt sei dem Raum nach endlich, begrenzt, mit Brettern verschlagen, der Zeit nach habe sie einen Anfang genommen.

[ 5 ] Perhaps some of you also know that Kant drew up a table of antinomies, in which he always placed a certain proposition on one side and its opposite on the other; for example, on one side the proposition: “The world is infinite in space,” and on the other side the proposition: “The world is finite in space,” and that he then demonstrated that one can prove one statement just as well as the other using the concepts available to human beings. In the same sense, one can rigorously prove: The world is infinite in space or time—or: The world is finite in space, bounded, enclosed by boards, and in time it had a beginning.

[ 6 ] Zu diesen Fragen, die Kant in die Antinomientafel geschrieben hat, gehört auch diese, die wir eben berührt haben. Er hat also gewußt und hat die Menschen darauf aufmerksam gemacht, daß man ebenso streng beweisen kann, richtig streng beweisen so, wie man nur streng logisch beweisen kann, daß alles Weltengeschehen einschließlich des Menschengeschehens einer starren Notwendigkeit unterliege, wie man beweisen kann nun wiederum genau so streng, daß der Mensch ein freies Wesen ist und daß er die Dinge, in die er mit seinem Wollen eingreift, durch sein Wollen irgendwie bestimmt. Kant hielt diese Fragen eben für das menschliche Erkenntnisvermögen für unentscheidbar, für Fragen, die über die Grenze des menschlichen Erkenntnisvermögens hinausgehen, weil man das eine ebensogut wie sein Gegenteil streng beweisen kann mit menschlichen Mitteln.

[ 6 ] Among the questions Kant included in his Table of Antinomies is the one we have just touched upon. He was thus aware of—and drew people’s attention to—the fact that one can prove just as rigorously, strictly—in the only way one can prove strictly logically—that all events in the world, including human events, are subject to rigid necessity, just as one can prove, with exactly the same rigor, that human beings are free beings and that they somehow determine, through their will, the things in which they intervene with their will. Kant considered these questions to be undecidable for human cognitive faculties—questions that go beyond the limits of human cognitive faculties—because one can rigorously prove one position just as well as its opposite using human means.

[ 7 ] Nun haben Sie bereits in den Auseinandersetzungen, die wir die Jahre her gepflogen haben, gewissermaßen die Grundlagen, um hinter dieses merkwürdige Rätsel, das da vorliegt, zu kommen. Denn man möchte doch wirklich sagen: Rätselhaft ist schon die Frage, ob denn der Mensch nun in eine Notwendigkeit eingesponnen ist oder ob er frei ist. Rätselhaft ist diese Frage. Aber noch rätselhafter ist doch ganz gewiß dasjenige, daß man beides streng beweisen kann. Sie werden nicht Grundlagen finden, überhaupt auf diesem Gebiet über den Zweifel hinauszukommen, wenn Sie diese Grundlagen suchen außerhalb dessen, was wir Geisteswissenschaft nennen. Nur innerhalb dieser Grundlagen, die die Geisteswissenschaft geben kann, kann man etwas erfahren über dieses Geheimnis, über dieses Rätsel, das den genannten Fragen eigentlich zugrunde liegt.

[ 7 ] Now, in the discussions we have had over the years, you already have, so to speak, the foundations for getting to the bottom of this strange mystery that lies before us. For one really does want to say: The question of whether human beings are bound by necessity or whether they are free is indeed a mystery. This question is a mystery. But what is certainly even more mysterious is the fact that both positions can be rigorously proven. You will not find the foundations to rise above doubt in this area at all if you seek them outside of what we call Spiritual Science. Only within the framework of these foundations—which Spiritual Science can provide—can one gain insight into this mystery, into this enigma that actually underlies the questions mentioned.

[ 8 ] Wir werden diesmal recht langsam in unseren Betrachtungen vorwärtsschreiten. Vorwegnehmend möchte ich nur sagen: Wie kommt es denn überhaupt, daß so etwas sein kann, daß der Mensch eine Sache und deren Gegenteil beweisen kann? Da werden wir doch, wenn wir überhaupt an eine solche Sache herangeführt werden, etwas aufmerksam gemacht auf eine gewisse Beschränktheit des gewöhnlichen menschlichen Begriffsvermögens, der gewöhnlichen menschlichen Logik. Aber wir werden noch bei manchen anderen Dingen auf diese Beschränktheit der menschlichen Logik hingewiesen. Sie tritt immer überall da auf, wo der Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran will.

[ 8 ] This time, we will proceed quite slowly in our reflections. To begin with, I would just like to say: How is it even possible that a person can prove both a proposition and its opposite? When we are confronted with such a situation—if we are confronted with it at all—we are made somewhat aware of a certain limitation of ordinary human conceptual capacity, of ordinary human logic. But we will be reminded of this limitation of human logic in connection with many other things as well. It always arises wherever a person attempts to approach the infinite with their concepts.

[ 9 ] Ich kann Ihnen das an einem sehr einfachen Beispiele zeigen. Sobald der Mensch mit seinen Begriffen an das Unendliche heran will, tritt etwas ein, was man nennen kann: eine Verwirrung in den Begriffen. Ich will es Ihnen an einem sehr einfachen Beispiel klarmachen. Sie müssen mir nur etwas geduldig in einem Ihnen sonst vielleicht ungewohnten Gedankengange folgen. Denken Sie sich, ich schriebe auf die Tafel hintereinander die Zahlen: 1, 2, 3, 4, 5 und so weiter. Ich könnte, nicht wahr, in die Unendlichkeit schreiben: 1, 2, 3, 4, 5, 6 und so weiter. Nun kann ich eine zweite Reihe von Zahlen aufschreiben: von jeder der Zahlen, die ich aufgeschrieben habe, rechts daneben das Doppelte, also:

[ 9 ] I can show you this using a very simple example. As soon as a person tries to approach the infinite with their concepts, something occurs that can be described as a confusion of concepts. I want to make this clear to you using a very simple example. You just need to follow me patiently through a line of reasoning that may be unfamiliar to you. Imagine that I were to write the numbers 1, 2, 3, 4, 5, and so on, one after another, on the blackboard. I could, couldn’t I, write them on into infinity: 1, 2, 3, 4, 5, 6, and so on. Now I can write down a second series of numbers: to the right of each number I’ve written, its double, that is:

AltNameAltName

[ 10 ] Nun kann ich wieder ins unendliche schreiben. Aber Sie werden mir zugeben: jede Zahl, die rechts steht in der Reihe, ist auch in der linken Reihe vorhanden. Ich kann unterstreichen 2, 4, 6, 8 und so weiter. Sehen Sie sich jetzt einmal die linke Zahlenreihe an: es sind unendlich viele Zahlen möglich. In diesen unendlich vielen Zahlen stecken genau die Zahlen, die rechts stehen in der rechten Reihe: 2, 4, 6 und so weiter stecken drinnen. Ich kann immer mehr unterstreichen. Wenn Sie die unterstrichenen Zahlen nehmen in der linken Reihe, so sind diese unterstrichenen Zahlen jedesmal genau die Hälfte aller Zahlen. Jede zweite ist unterstrichen. Wenn ich sie aber jetzt rechts schreibe, so kann ich: 2, 4, 6, 8 und so weiter ins unendliche fortschreiben. Ich habe links eine Unendlichkeit und rechts eine Unendlichkeit, und man kann nicht sagen, daß ich rechts weniger Zahlen habe als links. Es ist gar keine Frage, daß ich rechts genau so viele Zahlen haben muß wie links. Und dennoch: da alle Zahlen links durch Ausstreichen entstehen können, ist die linke Unendlichkeit nur die Hälfte von der rechten Unendlichkeit. Es ist ganz klar: ich habe rechts genau so viele Zahlen, nämlich unendlich viele, wie links, denn zu jeder Zahl rechts gehört je eine Zahl links — und dennoch kann die Anzahl der Zahlen rechts nur die Hälfte sein von dem, was die Anzahl links ist.

[ 10 ] Now I can write to infinity again. But you’ll have to admit: every number on the right side of the sequence is also present on the left side. I can underline 2, 4, 6, 8, and so on. Now take a look at the left-hand sequence of numbers: there are infinitely many possible numbers. Among these infinitely many numbers are exactly the numbers that appear on the right in the right-hand sequence: 2, 4, 6, and so on are included. I can keep underlining more and more. If you take the underlined numbers in the left-hand sequence, these underlined numbers are always exactly half of all the numbers. Every other one is underlined. But if I now write them on the right, I can continue writing: 2, 4, 6, 8, and so on to infinity. I have an infinity on the left and an infinity on the right, and you can’t say that I have fewer numbers on the right than on the left. There’s no question that I must have exactly as many numbers on the right as on the left. And yet: since all the numbers on the left can be created by crossing out, the infinity on the left is only half of the infinity on the right. It’s quite clear: I have exactly as many numbers on the right—namely, an infinite number—as on the left, because every number on the right corresponds to a number on the left—and yet the number of numbers on the right can only be half of the number on the left.

[ 11 ] Es ist gar keine Frage, daß, sobald man ins Unendliche übergeht, man mit dem Denken in die Verwirrung kommt. Die Frage, die sich da ergibt, ist jetzt auch nicht aufzulösen, denn es ist ebenso wahr, daß rechts halb so viele Zahlen wie links, wie es wahr ist, daß rechts genau so vielen Zahlen stehen wie links. Hier haben Sie das in der allereinfachsten Weise.

[ 11 ] There is no question that, as soon as one moves into infinity, one’s thinking becomes confused. The question that arises here cannot be resolved, for it is just as true that there are half as many numbers on the right as on the left as it is true that there are exactly as many numbers on the right as on the left. Here you have this in the simplest possible way.

[ 12 ] Dadurch wird der Mensch schon in einer gewissen Weise darauf geführt, sich für seine Begriffe zu sagen: Also darf ich sie eigentlich nicht fürs Unendliche anwenden, für dasjenige, was über die Sinneswelt hinausgeht — und das Unendliche geht über die Sinneswelt hinaus —, ich darf sie nicht auf das Unendliche anwenden. Glauben Sie, nicht bloß auf das unbegrenzt Unendliche, sondern Sie können sie auch auf das begrenzte Unendliche nicht anwenden, denn im begrenzten Unendlichen ergibt sich dieselbe Verwirrung.

[ 12 ] This leads a person, in a certain sense, to say to himself regarding his concepts: “So I really must not apply them to the infinite—to that which lies beyond the sensory world—and the infinite does lie beyond the sensory world—I must not apply them to the infinite.” Do you believe that you cannot apply them not only to the unbounded infinite, but also to the bounded infinite, for the same confusion arises in the bounded infinite.

[ 13 ] Denken Sie sich, Sie zeichnen ein Drei-, Vier-, Fünf-, Sechseck und so weiter. Wenn Sie beim Hunderteck angekommen sind, dann werden Sie schon einem Kreis sehr nahe sein. Sie werden die kleinen Linien nicht mehr gut voneinander unterscheiden können, insbesondere wenn Sie weit weggehen. Sie können daher sagen: Ein Kreis ist ein Vieleck von unendlich vielen Seiten. Wenn Sie einen kleinen Kreis haben, sind unendlich viele Seiten darinnen; wenn Sie einen doppelt so großen Kreis haben, sind auch unendlich viele Seiten darinnen — und doch genau doppelt so viel! Sie brauchen also nicht zum unbegrenzten Unendlichen zu gehen, sondern wenn Sie einen kleinen Kreis nehmen, der unendlich viele Seiten hat, und einen doppelt so großen Kreis, der unendlich viele Seiten hat, können Sie da schon in dem überschaubaren Unendlichen auf etwas stoßen, was Ihnen Ihre Begriffe vollständig verwirrt. Dieses, was ich eben gesagt habe, ist außerordentlich wichtig. Denn die Menschen beachten gar nicht, daß sie ein gewisses Feld nur haben, nämlich das Feld des physischen Planes, für die Begriffe, die anwendbar sind, und daß dies so sein muß aus einem gewissen Grunde.

[ 13 ] Imagine drawing a triangle, a quadrilateral, a pentagon, a hexagon, and so on. By the time you get to a hundred-sided polygon, you’ll be very close to a circle. You won’t be able to distinguish the small lines from one another very well anymore, especially if you step back. You can therefore say: A circle is a polygon with an infinite number of sides. If you have a small circle, there are an infinite number of sides inside it; if you have a circle twice as large, there are also an infinite number of sides inside it—and yet exactly twice as many! So you don’t need to go to the boundless infinite; rather, if you take a small circle that has an infinite number of sides and a circle twice as large that also has an infinite number of sides, you can already encounter something within the manageable infinite that completely confuses your concepts. What I have just said is extraordinarily important. For people do not realize at all that they have only a certain realm—namely, the realm of the physical plane—for the concepts that are applicable, and that this must be so for a certain reason.

[ 14 ] Sehen Sie, an einem Orte, wo man uns jetzt ein bißchen scharf entgegentritt — was ja jetzt an vielen Orten der Fall ist, bei vielen Menschen —, da hielt ein Pastor eine Rede gegen unsere Geisteswissenschaft, die er schloß, weil er glaubte, daß das ganz besonders wirksam sein könnte, mit einem Ausspruche von Matthias Claudius. Dieser Ausspruch von Matthias Claudius hat ungefähr den Inhalt, daß die Menschenkinder eigentlich arme Sünder sind und gar nicht viel wissen können, und daß sie sich hübsch bescheiden sollen mit dem, was sie wissen, und nicht forschen sollen nach dem, was sie nicht wissen können, Der Mann hat diese Strophe aus einem Gedicht von Matthias Claudius gewählt, weil er gedacht hat, er könne uns das anhängen, daß wir hinauswollten über die Sinneswelt, aber schon Matthias Claudius habe gesagt: der Mensch sei doch ein eitler Sünder, der nicht hinauskann über diese Sinneswelt.

[ 14 ] You see, in a place where people are now taking a rather hostile stance toward us—which is, after all, the case in many places these days, among many people—a pastor gave a sermon against our Spiritual Science, which he concluded, believing it might be particularly effective, with a quote from Matthias Claudius. This quote from Matthias Claudius essentially states that human beings are, in fact, poor sinners who cannot know very much, and that they should be quite content with what they know and not seek to discover what they cannot know, The man chose this stanza from a poem by Matthias Claudius because he thought he could pin on us the accusation that we wanted to go beyond the sensory world, but that Matthias Claudius himself had already said: man is, after all, a vain sinner who cannot go beyond this sensory world.

[ 15 ] Ja, «zufällig», wie man so sagt, hat ein Freund von uns dieses Gedicht bei Matthias Claudius nachgeschaut und auch die vorhergehende Strophe gelesen. In der gleich vorhergehenden Strophe steht, daß der Mensch hinausgehen kann auf das Feld und, trotzdem der Mond immer eine volle Scheibe ist, sieht er, wenn nicht gerade Vollmond ist, bloß einen Teil des Mondes, während der andere doch da ist, und so gäbe es in der Welt sehr vieles, wovon man, wenn man es nur im rechten Augenblick anschaut, wissen könne, daß es da ist. Und da Matthias Claudius darauf aufmerksam machen wollte, daß man sich nicht beschränken solle auf dasjenige, was der Sinnenschein unmittelbar ist, sondern daß der ein armer Sünder ist, der sich durch das täuschen lasse, was der Sinnenschein unmittelbar gibt, so fiel dasjenige, was der gute Mann aus dem Matthias Claudius zitiert hat, auf ihn selbst zurück.

[ 15 ] Yes, “by chance,” as they say, a friend of ours looked up this poem in Matthias Claudius and also read the preceding stanza. The stanza immediately preceding it states that a person can go out into the field and, even though the moon is always a full disk, if it is not a full moon, he sees only a part of the moon, while the other part is still there; and so there are many things in the world that, if one looks at them at just the right moment, one can know are there. And since Matthias Claudius wanted to point out that one should not limit oneself to what is immediately apparent to the senses, but that one is a poor sinner who allows oneself to be deceived by what the senses immediately present, what the good man quoted from Matthias Claudius ended up applying to himself.

[ 16 ] Die Sinneswelt — wenn wir nur nicht eben gerade so sind wie dieser Pastor —, die macht uns darauf aufmerksam zu Zeiten, daß, wo wir den Blick irgendwohin wenden, wir ihn auch auf das andere, auf die andere Seite zu lenken und die eine Seite durch die andere Seite zu korrigieren haben. In bezug auf dasjenige, was über die Sinneswelt hinaus liegt, gibt es aber nicht ein unmittelbares Korrigieren durch die Sinneswelt. Da kann man nicht gleich aufzeigen die andere Strophe, und daher stellt sich das ein, daß der Mensch dann drauflos philosophiert und selbstverständlich auch überzeugt sein muß, daß das wahr ist, denn — es ist streng logisch zu beweisen. Aber das Gegenteil ist eben auch streng logisch zu beweisen. Wir können uns nämlich heute die Frage vorlegen, und die ganzen Betrachtungen, die wir jetzt anstellen, werden dann diese Frage genauer beantworten: Woher kommt es denn, daß, wenn wir über die Sinneswelt hinausgehen, unser Denken so in Verwirrung kommt? Woher kommt denn das überhaupt, daß wir das eine und sein Gegenteil beweisen können? Wir werden finden, wie das zusammenhängt damit, daß das Menschenleben hineingestellt ist wie in die Mitte, wie in die Gleichgewichtslage zwischen zwei entgegengesetzte Kräfte, zwischen die ahrimanischen und die luziferischen Kräfte.

[ 16 ] The sensory world—unless, of course, we happen to be just like this pastor—sometimes draws our attention to the fact that, wherever we turn our gaze, we must also direct it toward the other side and correct one side through the other. With regard to that which lies beyond the sensory world, however, there is no immediate correction through the sensory world. One cannot immediately point to the other aspect, and so it happens that people then proceed to philosophize and, of course, must be convinced that this is true, because—it can be proven strictly logically. But the opposite can also be proven strictly logically. We can, in fact, ask ourselves this question today, and all the considerations we are now undertaking will then answer this question more precisely: Why is it that, when we go beyond the sensory world, our thinking becomes so confused? How is it, in the first place, that we can prove both one thing and its opposite? We will discover how this is connected to the fact that human life is situated, as it were, in the middle—in a state of equilibrium—between two opposing forces: the Ahrimanic and the Luciferic forces.

[ 17 ] Gewiß, man kann über die Freiheit und Notwendigkeit nachdenken, und man kann glauben, daß zwingender Beweis ist: Es gibt nur eine Notwendigkeit in der Welt. Aber das Zwingende dieses Beweises hat nämlich Ahriman bewirkt. Auf der einen Seite, wenn man das eine beweist, ist immer Ahriman, der einen verführt; und wenn man das andere beweist, ist immer Luzifer, der einen verführt. Diesen beiden Mächten ist man nämlich immer ausgesetzt, und wenn man nicht berücksichtigt, daß man zwischen diese zwei Mächte hineingestellt ist, so wird man niemals dahinter kommen, woher solche Zwiespalte kommen in der menschlichen Natur, wie der, welcher angeschaut worden ist.

[ 17 ] Certainly, one can reflect on freedom and necessity, and one can believe that there is compelling evidence: There is only one necessity in the world. But it is Ahriman who has brought about the compelling nature of this evidence. On the one hand, when one proves one thing, it is always Ahriman who leads one astray; and when one proves the other, it is always Lucifer who leads one astray. One is, in fact, always exposed to these two forces, and if one does not take into account that one is placed between these two forces, one will never understand where such conflicts in human nature—such as the one that has been examined—come from.

[ 18 ] Nun ist aber allerdings sogar das Gefühl davon, daß im ganzen Weltenwalten neben der Gleichgewichtslage auch der Ausschlag des Pendels nach rechts und nach links, der ahrimanische und der luziferische Ausschlag vorhanden ist, verlorengegangen im 19. Jahrhundert. Vollständig erstorben ist dieses Gefühl. Heute gilt man ja schon im Grunde genommen für einen nicht mehr ganz geistig gesunden Menschen, wenn man von Ahriman und Luzifer spricht, nicht wahr? So schlimm ist es eigentlich erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts geworden, denn ein sehr geistvoller Philosoph, Thrandorff, hat noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine sehr hübsche Schrift geschrieben, hier in Berlin, in der er die Ausführungen eines Geistlichen zu widerlegen versuchte. Ein Geistlicher hat hier verbreitet — man darf das in unseren Kreisen hoffentlich schon sagen —, daß es keinen Teufel gibt und daß es eigentlich ein furchtbarer Aberglaube ist, von einem Teufel zu sprechen. Wir sprechen von Ahriman. Da hat der Philosoph Thrandorff gegen den Geistlichen das Wort ergriffen in einer Schrift, die sehr interessant ist: «Der Teufel — kein dogmatisches Hirngespinst.» Noch in der Mitte der fünfziger Jahre versuchte er sozusagen das Dasein von Ahriman streng philosophisch zu beweisen.

[ 18 ] However, even the sense that, in the workings of the world as a whole, alongside the state of equilibrium there also exist the pendulum’s swings to the right and to the left—the Ahrimanic and the Luciferic swings—was lost in the 19th century. This sense has completely died out. Today, after all, you’re basically considered to be mentally unstable if you speak of Ahriman and Lucifer, aren’t you? Things actually didn’t get this bad until the mid-19th century, for a very insightful philosopher, Thrandorff, wrote a very fine treatise here in Berlin in the mid-19th century in which he attempted to refute the arguments of a clergyman. A clergyman had been spreading the idea here—I hope we can say this openly in our circles—that there is no devil and that speaking of a devil is actually a terrible superstition. We are speaking of Ahriman. The philosopher Thrandorff took up the cause against the clergyman in a treatise that is very interesting: “The Devil—No Dogmatic Pipe Dream.” As late as the mid-1850s, he attempted, so to speak, to prove the existence of Ahriman from a strictly philosophical standpoint.

[ 19 ] Ich hoffe, im Laufe der öffentlichen Vorträge, die ich in nächster Zeit hier halten werde, gerade auch über diesen verklungenen Ton im Geistesleben sprechen zu können, über das Theosophische, das in der Mitte des 19. Jahrhunderts völlig verschwindet. Man hat schon bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von diesen Dingen, wenn auch unter anderem Namen, gesprochen. Das Gefühl selbst davon ist verlorengegangen, aber dieses Gefühl war im Grunde genommen in einer feinen Weise vorhanden bis ins 14., 15. Jahrhundert herein, bis es eben auf naturgemäße Weise eine Zeitlang in den Hintergrund treten mußte. Wir wissen ja, daß Geisteswissenschaft, wie ich oft betont habe, ganz und gar nicht etwa leugnet den großen Wert und die große Bedeutung des naturwissenschaftlichen Aufschwungs. Aber daß dieser naturwissenschaftliche Aufschwung kommen konnte, das war bedingt dadurch, daß die Empfindung, das Gefühl für diesen nur im Geistigen zu findenden Gegensatz, Ahriman und Luzifer, verlorengegangen sind. Jetzt müssen sie wiederum herauftauchen über die Schwelle des menschlichen Bewußtseins. Ein feines Gefühl war vorhanden bis in das 15. Jahrhundert herein.

[ 19 ] I hope that, in the course of the public lectures I will be giving here in the near future, I will be able to speak specifically about this faded tone in intellectual life—about theosophy, which disappeared entirely in the mid-19th century. People had already been speaking of these things—albeit under a different name—as far back as the mid-19th century. The very feeling for them has been lost, but this feeling was, in essence, present in a subtle way all the way back into the 14th and 15th centuries, until it naturally had to recede into the background for a time. We know, of course, that Spiritual Science—as I have often emphasized—in no way denies the great value and significance of the rise of the natural sciences. But the fact that this rise of the natural sciences could occur was due to the loss of the sense, the feeling for this contrast—Ahriman and Lucifer—which can be found only in the spiritual realm. Now they must once again emerge across the threshold of human consciousness. A subtle sense of this existed right up into the 15th century.

[ 20 ] Ich möchte Ihnen an einem Beispiel zeigen, wie sich die Dinge gestalteten in bezug auf Ahriman und Luzifer, als schon nur mehr ein Gefühl davon vorhanden war, daß das zwei Mächte sind, die da walten. Ich möchte es an einem Beispiel erläutern:

[ 20 ] I would like to use an example to show you how things unfolded with regard to Ahriman and Lucifer, when there was already only a sense that these were two forces at work. I would like to illustrate this with an example:

[ 21 ] In Prag, am Altstädtischen Rathaus, gibt es eine sehr merkwürdige Uhr, die im 15. Jahrhundert entstanden ist. Diese Uhr ist wirklich eine Art Wunderwerk. Äußerlich sieht sie sich zunächst an wie eine Art von Sonnenuhr, aber sie ist so kompliziert konstruiert, daß die Folge der Stunden auf zweifache Weise angezeigt wird, auf altböhmische Weise und nach der neueren Zeitrechnung. Die Folge der Stunden in der altböhmischen Weise ging von 1 beziehungsweise O bis 24, und die andere, spätere Zeit nur bis 12. Immer bei Sonnenuntergang stand der Schattenzeiger — es war da Schatten — auf 1. Und die Uhr war so eingerichtet, daß wirklich immer bei Sonnenuntergang der Zeiger auf 1 stand. Also trotz all der Verschiedenheit der Sonnenuntergänge stand immer der Zeiger auf 1.

[ 21 ] In Prague, at the Old Town Hall, there is a very remarkable clock that was built in the 15th century. This clock is truly a marvel. At first glance, it looks like a kind of sundial, but its design is so complex that the sequence of hours is displayed in two ways: according to the old Bohemian system and according to the modern calendar. The sequence of hours in the old Bohemian system ran from 1 (or O) to 24, while the other, later system only went up to 12. At sunset, the shadow hand—there was a shadow—always pointed to 1. And the clock was designed so that the hand truly always pointed to 1 at sunset. So despite all the variations in sunset times, the hand always pointed to 1.

[ 22 ] Diese Uhr zeigte außerdem aber noch immer an, wenn eine Sonnen- und Mondesfinsternis eintrat. Sie zeigte auch an den Gang der verschiedenen Planeten durch die Himmelszeichen, es war ein Planetenkreis daran. Sie zeigte sogar an — sie ist wirklich wunderbar konstruiert — die beweglichen Feste. Also sie deutete an, wann Ostern in einem bestimmten Jahre war. Sie war zugleich ein Kalender. Man sah den Fortgang von Januar bis Dezember. Die Beweglichkeit von Ostern war eingeschlossen. An einem bestimmten Zeiger sah man, wann Ostern fiel, trotzdem es ein bewegliches Fest ist, ebenso Pfingsten.

[ 22 ] This clock also indicated when a solar or lunar eclipse occurred. It showed the paths of the various planets through the zodiac signs; it had a planetary circle on it. It even indicated—it is truly marvelously constructed—the movable feasts. So it indicated when Easter fell in a given year. It served as a calendar as well. One could see the progression from January through December. The variable date of Easter was factored in. A specific hand indicated when Easter fell, even though it is a movable feast, as is Pentecost.

[ 23 ] Die Uhr war also außerordentlich bedeutsam konstruiert im 15. Jahrhundert. Nun ist ja die Geschichte, wie sie konstruiert worden ist, erforscht. Aber außer dieser erforschten Geschichte, die also dokumentarisch daliegt, die Sie nachlesen können — es gibt ja viele Beschreibungen davon —, gibt es eine Sage, welche versucht, nun auch das Merkwürdige zu erklären, das mit dieser Uhr vorlag, erstens, indem sie eine so wunderbare Konstruktion ist, und auf der anderen Seite das andere zu erklären, nämlich daß diese Uhr, nachdem sie von dem genialen Mann, der sie eben machen konnte, konstruiert war, immer aufgezogen wurde, solange er lebte. Nach seinem Tode konnte keiner die Sache aufziehen, und man suchte überall Leute, die sie herrichten könnten, daß sie ginge. Man erreichte in der Regel nichts, als daß die Betreffenden sie ruinierten. Dann fand sich wiederum einmal der eine oder andere, der sagte, er könne sie zusammenrichten. Er richtete sie auch her, aber die Uhr kam immer wiederum und wiederum in Unordnung.

[ 23 ] The clock was, therefore, exceptionally well-designed for the 15th century. The history of how it was constructed has now been researched. But aside from this researched history—which is documented and which you can read about—there are, after all, many descriptions of it— there is a legend that attempts to explain the peculiarities surrounding this clock—first, the fact that it is such a marvelous piece of engineering, and second, that after it was constructed by the brilliant man who was able to build it, it was wound up continuously for as long as he lived. After his death, no one could wind it, and people were sought far and wide who could fix it so that it would run. As a rule, nothing was achieved except that those involved ruined it. Then, once again, one person or another would come along who claimed he could fix it. He would fix it, but the clock would repeatedly fall out of order again and again.

[ 24 ] Diese Tatsachen ergossen sich alle in eine Art von Volkssage, und diese Volkssage ist so: Ein einfacher Mann habe durch eine besondere Himmelsgabe die Fähigkeit bekommen, diese Uhr einmal herzustellen. Nur er allein konnte wissen, wie man diese Uhr behandeln muß. Die Sage legte einen großen Wert darauf, daß es ein einfacher Mann war, der durch eine besondere Gnade das erhalten hat, also Genialität, die ihm von der geistigen Welt kam. Dann aber wollte der Herrscher diese Uhr nur für Prag allein haben, und er wollte es unmöglich machen, daß diese Uhr auch irgendeine andere Stadt haben könnte. Daher ließ er den genialen Uhrmacher, der sie bereitet hatte, blenden, er ließ ihm die Augen ausstechen. Nun zog sich der Betreffende zurück. Nur vor seinem Tode erbat er sich noch einmal nur für einen Augenblick die Gnade, diese Uhr wieder in Ordnung bringen zu können, und diesen Augenblick benützte er dazu — so erzählt die Sage —, durch einen schnellen Handgriff die Uhr in Unordnung zu bringen, so daß keiner sie mehr in Ordnung bringen konnte.

[ 24 ] All these facts came together to form a kind of folk legend, and this folk legend goes as follows: A simple man is said to have received, through a special gift from heaven, the ability to build this clock once. He alone knew how to care for this clock. The legend placed great emphasis on the fact that it was a simple man who, through a special grace—that is, genius—had received this gift from the spiritual world. But then the ruler wanted this clock for Prague alone, and he wanted to make it impossible for any other city to possess it. Therefore, he had the brilliant clockmaker who had crafted it blinded; he had his eyes gouged out. The man then withdrew from public life. Only before his death did he ask, just once more and for a single moment, for the grace to be able to repair the clock again; and he used that moment—so the legend goes—to throw the clock into disarray with a quick flick of his wrist, so that no one could ever set it right again.

[ 25 ] Diese Sage sieht zunächst sehr anspruchslos aus. Aber in dieser Sage lebt so, wie sie konstruiert ist, ein gutes Gefühl von dem Vorhandensein von Ahriman und Luzifer und der Gleichgewichtslage zwischen beiden. Denken Sie, wie feinsinnig diese Sage gebildet ist. Man könnte in unzähligen solcher Volkssagen dieselbe feinsinnige Konstruktion finden. Sie ist nämlich mit einem guten Gefühl für Luzifer und Ahriman gebildet. Zunächst, nicht wahr, die Gleichgewichtslage: der Betreffende bekommt durch einen Gnadenakt der geistigen Welt die Fähigkeit, so etwas Außerordentliches zu konstruieren. Da ist nichts von Egoismus drinnen. Denn, nicht wahr, der Egoismus könnte über jeden kommen. Da ist eine Gnadengabe. Er hat sie wirklich nicht aus seinem Egoismus heraus gemacht. Aber es ist auch nichts von Spintisiererei dabei, denn es wird ausdrücklich gesagt, es war ein einfacher Mann. Mit dieser Beschreibung — daß man also aufmerksam machte auf einen Gnadenakt, also nichts von Egoismus, und es ist ein einfacher Mann, also nichts von Spintisiererei dabei — wollte man andeuten, daß in dem Manne, in des Mannes Seele nichts lebte von Ahriman und Luzifer, sondern daß er ganz unter dem Einflusse guter, fortschreitender göttlicher Mächte war.

[ 25 ] At first glance, this legend seems very unassuming. But the way it is constructed conveys a keen sense of the presence of Ahriman and Lucifer and the balance between them. Consider how subtly this legend is crafted. One could find the same subtle structure in countless such folk legends. For it is shaped with a keen sense of Lucifer and Ahriman. First of all, isn’t there a state of equilibrium: the person in question receives, through an act of grace from the spiritual world, the ability to create something so extraordinary. There is no selfishness involved here. For, after all, selfishness could overcome anyone. This is a gift of grace. He truly did not create it out of selfishness. But there is also no trace of mysticism here, for it is explicitly stated that he was a simple man. With this description—that is, by drawing attention to an act of grace (and thus nothing of selfishness) and to the fact that he was a simple man (and thus nothing of fanciful speculation)—the intention was to suggest that nothing of Ahriman or Lucifer dwelt in this man, in his soul, but rather that he was entirely under the influence of good, progressive divine powers.

[ 26 ] In dem Herrscher lebte der Luzifer. Aus dem Egoismus heraus wollte er die Uhr für seine Stadt allein haben, und er blendete also den Mann. Da wird Luzifer auf die eine Seite gestellt. Dadurch aber, daß Luzifer da ist, verbindet er sich immer mit seinem Bruder Ahriman. Und dadurch, daß der Mann geblendet ist, bekommt der andere die Fähigkeit, von außen, durch einen geschickten Griff, zerstörend einzugreifen. Das ist das Werk Ahrimans.

[ 26 ] Lucifer dwelt within the ruler. Out of selfishness, he wanted the clock for his city alone, and so he blinded the man. Thus, Lucifer is set aside. But because Lucifer is there, he is always connected to his brother Ahriman. And because the man is blinded, the other gains the ability to intervene destructively from the outside through a skillful maneuver. This is the work of Ahriman.

[ 27 ] Hier wird also die gute Macht zwischen Luzifer und Ahriman hineingestellt. Diese feinsinnige Konstruktion können Sie bei vielen Volkssagen, bei den einfachsten Volkssagen finden. Aber das Gefühl dafür, daß in das ganze große Leben Ahriman und Luzifer eingreifen, das konnte verlorengehen in der Zeit, in der immer mehr und mehr ein Sinn dafür aufkommen mußte, daß positive und negative Elektrizität, positiver und negativer Magnetismus und so weiter die Grundkräfte der materiellen Welt sind. Daß das naturwissenschaftliche Forschen groß werden konnte, war bedingt dadurch, daß zurücktrat selbst dieses Empfinden für das geistige Durchschauen der Welt.

[ 27 ] Here, then, the benevolent power is placed between Lucifer and Ahriman. You can find this subtle construct in many folk tales, even the simplest ones. But the sense that Ahriman and Lucifer intervene in the whole of life—that sense could have been lost in an age when an understanding of positive and negative electricity, positive and negative magnetism, and so on, as the fundamental forces of the material world, had to take hold more and more. The fact that scientific research was able to flourish was due to the fact that even this sense of spiritual insight into the world receded.

[ 28 ] Wir werden sehen, wie Ahriman und Luzifer eingreifen in dasjenige, was der Mensch Erkennen nennt, was der Mensch überhaupt sein Verhältnis zur Welt nennt, so daß gerade die Verwirrung entsteht, von der wir gesprochen haben. Insbesondere in der Frage, die wir angeregt haben, tritt uns diese Verwirrung ja ganz klar zutage. Setzen wir hypothetisch ein einfaches Beispiel. Dieses Beispiel könnte ich ebensogut von den großen Weltereignissen wie von den alleralltäglichsten Ereignissen genommen haben. Ich werde ein sehr einfaches Beispiel nehmen, könnte es aber ebensogut von dem großen Weltengeschehen hernehmen. Nehmen wir an, drei, vier Menschen richten sich her zur Ausfahrt. Sie wollen irgendeine Fahrt unternehmen durch, sagen wir, einen gebirgigen Einschnitt. Wenn man so durchfährt durch diesen Einschnitt, da ist oben ein überhangender Felsen. Die Leute haben sich hergerichtet zur Ausfahrt, wollen abfahren zu einer bestimmten Zeit. Der Kutscher aber hat sich eben noch ein Seidel bestellt, ein Krügelchen bestellt, und das wird etwas zu spät gebracht. Er versäumt um fünf Minuten die Abfahrtszeit. Dann fährt er ab mit der Gesellschaft. Sie fahren durch die Gebirgsschlucht. Gerade als sie dahin kommen, wo der überhängende Felsen ist, rutscht der Felsen, stürzt auf den Wagen und zerschmettert die ganze Gesellschaft. Sie geht zugrunde. Vielleicht — geht nur die Gesellschaft zugrunde; der Kutscher, der bleibt übrig.

[ 28 ] We will see how Ahriman and Lucifer intervene in what human beings call “knowledge”—in what human beings call their very relationship to the world—in such a way that the very confusion we have spoken of arises. This confusion becomes particularly clear to us in the question we have raised. Let’s take a simple hypothetical example. I could just as easily have taken this example from major world events as from the most everyday occurrences. I will take a very simple example, but I could just as easily have taken it from major world events. Let’s suppose three or four people are getting ready to go on a trip. They want to take a trip through, say, a mountain pass. When you drive through this pass, there’s an overhanging rock at the top. The people have gotten ready for the trip and want to leave at a specific time. But the coachman has just ordered a small mug of beer, and it’s brought a little too late. He misses the departure time by five minutes. Then he sets off with the party. They drive through the mountain gorge. Just as they reach the spot where the overhanging rock is, the rock slips, crashes down onto the carriage, and crushes the entire party. They perish. Perhaps—only the party perishes; the coachman survives.

[ 29 ] Da haben wir nun solch einen Fall. Da können Sie die Frage aufwerfen: Hat der Kutscher nun die Schuld, oder herrscht da eine absolute Notwendigkeit? War es absolut notwendig, daß diese Leute in diesem Augenblicke betroffen wurden von diesem Unglücke? Und war des Kutschers Saumseligkeit nur eingesponnen in diese Notwendigkeit? Oder könnte man sich der Idee hingeben: wenn der Kutscher nur ordentlich gewesen wäre, so würden sie natürlich, da er ja, während der Felsen rutschte, längst hindurchgefahren wäre, nicht getroffen worden sein.

[ 29 ] So here we have such a case. You might ask: Is the coachman to blame, or is this a case of absolute necessity? Was it absolutely necessary for these people to be struck by this misfortune at that very moment? And was the coachman’s sluggishness merely a part of this necessity? Or might one entertain the idea that if the coachman had only been diligent, they would naturally not have been struck—since he would have long since driven through the area by the time the rock began to slide.

[ 30 ] Da haben Sie mitten im alltäglichen Leben drinnen diese Frage nach Freiheit und Notwendigkeit, die innig zusammenhängt mit «schuldig» oder «unschuldig». Natürlich, wenn alles einer absoluten Notwendigkeit unterliegt, dann kann man von einer Schuld im höheren Sinne bei diesem Kutscher ja gar nicht sprechen, so war es eben notwendig, daß diese Menschen den Tod erlitten haben.

[ 30 ] There, in the midst of everyday life, you have this question of freedom and necessity, which is intimately connected with “guilty” or “innocent.” Of course, if everything is subject to absolute necessity, then one cannot speak of guilt in the higher sense in the case of this coachman; it was simply necessary that these people meet their deaths.

[ 31 ] Diese Frage tritt uns auf Schritt und Tritt im Leben entgegen. Sie gehört, wie gesagt, zu den schwierigsten Fragen, zu den Fragen, in die sich, wenn wir sie lösen wollen, am leichtesten Ahriman und Luzifer einmischen. Zunächst mischt sich Ahriman ein, wenn versucht werden soll, diese Frage zu lösen. Das wird sich uns im Laufe der Betrachtungen ergeben.

[ 31 ] This question confronts us at every turn in life. As I said, it is one of the most difficult questions—one of those questions into which Ahriman and Lucifer most easily interfere when we try to resolve them. First of all, Ahriman intervenes whenever an attempt is made to resolve this question. This will become clear to us as we proceed with our reflections.

[ 32 ] Nun müssen wir aber einen ganz anderen Weg einschlagen als den, an den man vielleicht gewöhnlich denkt, wenn man nahekommen will einer Lösung gerade dieser Frage. Sehen Sie, wenn der Mensch sich daran begibt, solch eine Frage zu lösen, wenn er zunächst denkt: Nun ja, das Ereignis, das kann ich verfolgen, der Felsen ist herabgestürzt, das ist geschehen —, wenn er so etwas verfolgt und sich die Frage stellt: Liegt da nun Notwendigkeit oder Freiheit zugrunde? Hätte das auch anders sein können? — dann sieht er zunächst nur auf die äußeren Ereignisse. Er sieht die Ereignisse, wie sie vor sich gehen auf dem physischen Plan. Nun, dies tut der Mensch aus demselben Antriebe heraus, aus dem er zum Beispiel der menschlichen Wesenheit gegenüber, wenn er nur materialistisch gesinnt sein kann, bei dem physischen Leib des Menschen stehenbleibt. Nicht wahr, derjenige Mensch, der nichts weiß von Geisteswissenschaft, wird heute zunächst bei dem physischen Leib des Menschen stehenbleiben. Er sagt: Dasjenige, was man am Menschen sieht, erfühlt, das ist eben da. Er geht nicht vom physischen Leib über bis zum sogenannten Ätherleib. Und wenn er ein rechter, starrköpfiger Materialist ist, dann lacht er, höhnt er, wenn davon die Rede ist, daß dem dichten physischen Leib noch ein feinerer Ätherleib zugrunde liegt. Dennoch, Sie wissen, wie gut begründet diese Anschauung ist, daß zunächst dem physischen Leibe neben den anderen Gliedern der menschlichen Natur noch dieser Ätherleib zugrunde liegt, und wir haben uns im Laufe der Jahre daran gewöhnt, zu wissen, daß wir nicht bloß sprechen dürfen von des Menschen physischem Leib, sondern daß wir sprechen müssen auch von des Menschen Ätherleib und so weiter.

[ 32 ] But now we must take a completely different approach than the one one might usually think of when trying to find a solution to this very question. You see, when a person sets out to solve such a question, when they first think: “Well, I can follow the event—the rock fell, that’s what happened”—when they follow something like that and ask themselves: “Is this based on necessity or freedom? Could it have been any different?”—then at first they look only at the external events. They see the events as they unfold on the physical plane. Well, people do this out of the same impulse that leads them, for example, when it comes to the human being—if they are purely materialistic in their outlook—to stop at the human physical body. Isn’t it true that a person who knows nothing of Spiritual Science will, today, initially stop at the human physical body? He says: What one sees and feels in a human being is simply there. He does not go beyond the physical body to the so-called etheric body. And if he is a true, stubborn materialist, then he laughs and scoffs when it is suggested that a finer etheric body underlies the dense physical body. Nevertheless, you know how well-founded this view is—that, alongside the other aspects of human nature, this etheric body underlies the physical body—and over the years we have become accustomed to knowing that we must not speak merely of the human physical body, but must also speak of the human etheric body and so on.

[ 33 ] Vielleicht haben sich manche von Ihnen aber noch nicht die Frage vorgelegt: Wie ist es denn nun mit der anderen Welt, die außerhalb des Menschen lebt, mit der Welt, in welcher die gewöhnlichen Weltvorgänge sind? Zwar haben wir da auch von vielem gesprochen. Wir haben davon gesprochen, daß der Mensch, wenn er zunächst durch seine physischen Sinne die äußeren Vorgänge des physischen Planes sieht, ja keine Ahnung davon hat, daß wir zunächst überall da, wo wir hinschauen, auch Elementarwesen haben, daß also gewissermaßen da, wo wir hinschauen, die Sache gerade so ist, wie beim Menschen selber. Beim Menschen haben wir den Ätherleib, wir haben ihn ja früher oftmals auch elementarischen Leib genannt. In der Natur draußen, überhaupt im äußeren physischen Geschehen, haben wir die Aufeinanderfolge der physischen Ereignisse, und dann die Welt des elementarischen Daseins. Es geht das ganz parallel: Mensch — physischer Leib, Ätherleib; die physischen Vorgänge, und überall hineinerflossen in die physischen Vorgänge die Geschehnisse innerhalb der elementarischen Welt. Ebenso wahr, wie es höchst einseitig ist, wenn wir beim Menschen sagen, er habe nur den physischen Leib wir müßten sagen, er habe auch seinen Ätherleib —, können wir voraussetzen, daß es ebenso ist bei den äußeren Vorgängen: Was wir hier zunächst mit unseren physischen Sinnen und mit unserem physischen Verstand wahrnehmen, das ist das eine. Dem liegt aber etwas zugrunde, was analog ist dem menschlichen Ätherleib. Jedem äußeren physischen Geschehen liegt wirklich etwas zugrunde, was ein höheres, ein feineres Geschehen ist.

[ 33 ] Perhaps some of you have not yet asked yourselves this question: What about the other world that exists outside of human beings—the world in which ordinary worldly events take place? We have, of course, spoken at length about this as well. We have spoken of the fact that when human beings first perceive the external events of the physical plane through their physical senses, they have no idea that wherever we look, there are also elemental beings; that is to say, in a sense, wherever we look, the situation is exactly the same as it is with human beings themselves. In human beings, we have the etheric body, which we have often referred to in the past as the elemental body. Out in nature, and indeed in all external physical events, we have the succession of physical events, and then the world of elemental existence. This runs entirely parallel: human being—physical body, etheric body; the physical processes, and flowing into these physical processes everywhere are the events within the elemental world. Just as it is true—and yet highly one-sided—to say of a human being that he has only the physical body (we must say that he also has his etheric body), so we can assume that the same is true of external processes: what we initially perceive here with our physical senses and our physical intellect is one thing. Underlying this, however, is something analogous to the human etheric body. Every external physical event is in fact underpinned by something that is a higher, more subtle process.

[ 34 ] Es gibt Menschen, die haben eine gewisse Empfindung für so etwas. Auf zweifache Weise kann Ihnen diese Empfindung entgegentreten. Sie werden bei sich selber oder bei anderen Menschen schon zum Teil folgendes wahrgenommen haben: ein Mensch hat irgend etwas durchgemacht. Aber nachher kommt er zu Ihnen, oder Sie können es auch selber sein und es sich sagen: Ja, ich habe aber doch das Gefühl, daß während der Zeit, wo sich dies oder jenes jetzt äußerlich mit mir abgespielt hat, mir noch etwas ganz anderes geschehen ist; meinem feineren Menschen ist noch etwas ganz anderes geschehen. — Ich meine, sehen Sie: tiefere Naturen können ein solches Gefühl haben, daß Ereignisse, die sich gar nicht auf dem physischen Plan abspielen, doch für den Fortgang ihres Lebens wichtig sein können. Daß etwas geschehen ist mit ihnen, das ist das eine. Andere Menschen kommen sogar weiter: ihnen zeigen sich solche Dinge symbolisch im Traum. Irgend jemand träumt, daß er dies oder jenes erlebt. Zum Beispiel träumt jemand, er wäre, sagen wir, von einem Felsen erschlagen worden. Er wacht auf. Er kann sich sagen: Das ist ein symbolischer, ein sinnbildlicher Traum; mit meiner Seele ist etwas vorgegangen. Man kann oftmals im Leben bewahrheitet finden, daß da in der Seele etwas vorgegangen ist, was viel mehr ist als dasjenige, was sich eben in der äußeren Welt mit dem betreffenden Menschen auf dem physischen Plane abgespielt hat. Der Mensch kann um eine Stufe höher geschritten sein, sei es in der Erkenntnis, sei es in der Verbesserung seiner Willensnatur, sei es in der Verfeinerung seiner Gefühle und so weiter.

[ 34 ] There are people who have a certain sensitivity to such things. This sensitivity can manifest itself in two ways. You may have already noticed the following, either in yourself or in others: a person has gone through something. But afterward, they come to you—or it might be you yourself—and say: “Yes, but I have the feeling that while this or that was happening to me on the outer level, something entirely different was happening to me; something entirely different was happening to my inner self.” — I mean, you see: deeper souls can have this feeling that events which do not take place on the physical plane at all can nevertheless be important for the course of their lives. That something has happened to them—that is one thing. Other people go even further: such things reveal themselves to them symbolically in dreams. Someone dreams that they are experiencing this or that. For example, someone dreams that they have been, let’s say, struck dead by a rock. They wake up. They can say to themselves: This is a symbolic, allegorical dream; something has taken place within my soul. One can often find confirmation in life that something has taken place in the soul that is much more than what has just occurred in the outer world to the person in question on the physical plane. The person may have advanced a step higher, whether in knowledge, in the improvement of their volitional nature, in the refinement of their feelings, and so on.

[ 35 ] Ich habe in Vorträgen, die vor kurzem hier gehalten worden sind, aufmerksam gemacht, daß der Mensch mit dem, was er mit seinem Ich weiß, eigentlich nur einen Teil dessen weiß, was mit ihm vorgeht, und daß da unten der astralische Leib ein viel, viel wissenderer ist. Sie erinnern sich, wie ich darauf aufmerksam gemacht habe. Der astralische Leib weiß allerdings von vielem, was mit uns vorgeht im Übersinnlichen, was nicht im Sinnlichen vorgeht. Jetzt sind wir von einer anderen Seite darauf geführt, daß im Übersinnlichen fortwährend mit uns etwas vorgeht. So wahr, als, wenn ich eine Hand bewege, die physische Bewegung nur ein Teil des ganzen Prozesses ist und darunter ein ätherischer Prozeß liegt, ein Vorgang meines Ätherleibes, so wahr ist jeder physische Vorgang da draußen durchsetzt von einem feineren elementarischen Vorgang, von etwas, was damit parallel geht und was im Übersinnlichen verläuft. Nicht nur die Wesen sind von einem Übersinnlichen durchdrungen, sondern alles Sein ist von einem Übersinnlichen durchdrungen.

[ 35 ] In lectures recently given here, I pointed out that what a person knows through their “I” is actually only a part of what is happening within them, and that the astral body, down below, is far, far more knowledgeable. You will recall how I drew attention to this. The astral body, however, is aware of much of what happens to us in the supersensible realm—things that do not occur in the sensible realm. Now we are led from another angle to realize that something is constantly happening to us in the supersensible realm. Just as when I move a hand, the physical movement is only a part of the entire process and beneath it lies an etheric process—a process of my etheric body—so too is every physical process out there permeated by a finer elemental process, by something that runs parallel to it and takes place in the supersensible realm. Not only are beings permeated by the supersensible, but all existence is permeated by the supersensible.

[ 36 ] Nun erinnern Sie sich an etwas anderes, worauf ich wiederholt hingewiesen habe, was zum Teil sogar paradox erscheint. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie im Geistigen oftmals das Gegenteil von dem besteht, was hier im Physischen besteht, nicht immer, aber oftmals, so daß also, wenn hier für das Physische irgend etwas richtig ist, für das Geistige die Wahrheit sich ganz anders ausnehmen kann. Ich sage: nicht immer. Aber ich habe viele Fälle im Laufe der Jahre aufgezählt, wo man sich sagen muß: im Geistigen kommt gerade das Gegenteil von dem heraus, was man hier im Physischen voraussetzen würde.

[ 36 ] Now, recall something else I have repeatedly pointed out, which in some respects even seems paradoxical. I have pointed out how, in the spiritual realm, the opposite of what exists here in the physical realm often holds true—not always, but often—so that if something is true here in the physical realm, the truth in the spiritual realm can look quite different. I say: not always. But over the years I have cited many cases where one must conclude: in the spiritual realm, the exact opposite of what one would assume here in the physical realm turns out to be true.

[ 37 ] Mit Bezug auf die übersinnlichen Ereignisse, die parallel laufen den sinnlichen Ereignissen, ist es zuweilen — nun sogar sehr häufig auch so. Und nun muß gefragt werden: wenn wir sehen, eine Gesellschaft hat sich aufgemacht, in eine Kutsche gesetzt, ist gefahren, das Felsstück ist heruntergefallen, hat die Gesellschaft zerschmettert — das ist das physische Ereignis. Diesem physischen Ereignis geht parallel, in ihm drinnen, so wie unser Ätherleib in uns drinnen ist, ein übersinnliches Ereignis. Das muß man nun hinzuerkennen: das kann das genaue Gegenteil sein von dem, was im Physischen hier vorgeht. Und es ist sogar sehr häufig das genaue Gegenteil.

[ 37 ] With regard to the supersensible events that run parallel to the sensible events, it is sometimes—indeed, very often—the case. And now we must ask: when we see that a group of people set out, got into a carriage, drove off, and then a rock fell and crushed the group—that is the physical event. Parallel to this physical event, within it—just as our etheric body is within us—there is a supersensible event. One must now recognize this: it can be the exact opposite of what is happening here in the physical realm. And very often, in fact, it is the exact opposite.

[ 38 ] Es ist hier zugleich eine Quelle vieler Verirrungen, wenn man nicht achtgibt. Denn denken Sie, es kann zum Beispiel folgendes passieren. Wenn irgend jemand es zu atavistischem Hellsehen gebracht hat und eine Art second sight, eine Art zweites Gesicht hat, so kann das Folgende mit ihm geschehen : Nehmen wir an, eine Gesellschaft hat sich aufgemacht, aber im letzten Augenblicke entschließt sich jemand, der zu der Gesellschaft gehört, zurück zubleiben. Und das ist gerade, sagen wir, eine Person mit second sight, mit dem zweiten Gesicht. Sie fährt nicht mit, diese Person. Sie zieht sich zurück. Nach einiger Zeit hat sie ein Gesicht. In diesem Gesichte kann sich ihr nun vorstellen irgendein Ereignis. Es kann sich natürlich ebensogut vorstellen, daß die Betreffenden überschüttet worden sind vom Felsen, aber es könnte sich ihr auch vorstellen — das kann von der Disposition abhängen —, zum Beispiel, daß irgend etwas besonders Beglückendes für die Gesellschaft geschehen ist. Das Bild eines besonders für die Gesellschaft beglückenden Ereignisses könnte sich ergeben. Und die betreffende Persönlichkeit könnte nachher hören, daß die Gesellschaft auf die Weise, wie ich es angenommen habe, zugrunde gegangen ist. Das würde dann geschehen, wenn die betreffende Somnambule sehen würde nicht gerade das, was sich auf dem physischen Plane abspielt, was ja auch sein könnte, sondern wenn sie gesehen hätte, was sich als parallel gehendes Ereignis auf der Astralebene abgespielt hat: daß vielleicht diese Personen in dem Momente, wo sie von dem physischen Plane weggegangen sind, zu etwas Besonderem in der geistigen Welt berufen waren, und daß dieses Besondere sie auch mit einem besonderen neuen Leben für die geistige Welt erfüllt. Kurz, das nach einer genau entgegengesetzten Richtung hin gehende Ereignis der übersinnlichen Welten könnte die betreffende Persönlichkeit wahrgenommen haben, und dieses genau Entgegengesetzte könnte dasein. Es könnte in der Tat der Fall sein, daß hier auf dem physischen Plane das Unglück vor sich geht, und dieses Unglück in der übersinnlichen Welt einem großen Glück entspricht für die betreffenden Seelen.

[ 38 ] This is also a source of many errors if one is not careful. For consider, for example, that the following could happen. If someone has developed atavistic clairvoyance and possesses a kind of “second sight,” the following could happen to them: Let’s assume a group has set out, but at the last moment, someone belonging to the group decides to stay behind. And this is precisely, let’s say, a person with “second sight.” This person does not go along; they withdraw. After some time, they have a vision. In this vision, a mental image of an event may now appear to them. Of course, they might just as easily form a mental image of the people in question being buried by a rockfall, but they might also form a mental image—depending on their disposition—for example, that something particularly joyful has happened to the group. The image of an event that is especially joyful for the group could arise. And the person in question might later hear that society had perished in the way I have assumed. This would happen if the somnambulist in question had not seen exactly what was taking place on the physical plane—which, of course, could also be the case—but if she had seen what was unfolding as a parallel event on the astral plane: that perhaps these individuals, at the very moment they departed from the physical plane, were called to something special in the spiritual world, and that this special calling also fills them with a special new life for the spiritual world. In short, the individual in question might have perceived the event in the supersensible worlds proceeding in a direction exactly opposite to that on the physical plane, and this exact opposite might indeed exist. It could indeed be the case that here on the physical plane misfortune is unfolding, and that this misfortune corresponds to great happiness in the supersensible world for the souls in question.

[ 39 ] Nun könnte jemand — und es gibt ja solche Leute —, der sich selbst für gescheiter hält als die weise Weltenregierung, sagen: Wenn ich Weltenregierer wäre, so würde ich das nicht so machen, daß ich Seelen zu einem Glück in der geistigen Welt aufrufe und sie hier auf dem physischen Plan mit einem Unglück beehre. Ich würde das besser machen! — Nun ja, solchen Menschen kann man nur immer sagen: Man kann ja begreifen, daß man hier auf dem physischen Plane eben auch von Ahriman verwirrt werden kann. Aber die Weltenweisheit weiß es doch noch immer besser. Was hier vorliegen kann, kann nämlich dieses sein: daß für die Aufgabe, die nun den Seelen erwächst in der geistigen Welt, notwendig ist dieses Erleben hier auf dem physischen Plan, daß sie immer sozusagen zurückblicken zu ihrem irdischen Leben auf dieses physische Ereignis, um aus diesem Anblicke die entsprechenden Kräfte zu gewinnen. Das heißt, es können diese beiden Ereignisse, das physische Ereignis und das geistige Ereignis, notwendig zusammengehören für die Seelen, die das durchlebt haben.

[ 39 ] Now, someone—and there are indeed such people—who considers himself smarter than the wise world government might say: If I were the Ruler of the Worlds, I wouldn’t go about it by calling souls to happiness in the spiritual world while bestowing misfortune upon them here on the physical plane. I would do it better! — Well, to such people one can only always say: It is understandable that here on the physical plane one can indeed be led astray by Ahriman. But cosmic wisdom still knows better. For what may be at work here is this: that for the task now arising for the souls in the spiritual world, this experience here on the physical plane is necessary—so that they may, as it were, always look back on their earthly life and this physical event, in order to draw the corresponding strength from that perspective. In other words, these two events—the physical event and the spiritual event—may necessarily belong together for the souls who have lived through them.

[ 40 ] So könnten wir von jeder Art hypothetisch Beispiele dafür anführen, wie hier auf dem physischen Plane etwas vor sich geht und gleichsam ein ätherischer Leib dieses Ereignisses vorhanden ist, ein elementarisches, ein übersinnliches Ereignis, das dazu gehört. Wir müssen nicht nur bei der allgemeinen Behauptung der Pantheisten verharren, indem wir sagen, der physischen Welt liege eine geistige zugrunde, sondern wir müssen ins Konkrete eingehen. Wir müssen uns wirklich auch bei jedem einzelnen physischen Ereignis klar darüber sein: ihm liegt ein geistiges Ereignis zugrunde, ein richtiges geistiges Ereignis, und erst das physische und das geistige Ereignis zusammen bilden das Ganze.

[ 40 ] Thus, we could hypothetically cite examples from every realm of how something takes place here on the physical plane and, as it were, an ethereal body of this event exists—an elemental, supersensible event that is associated with it. We must not merely stick to the general assertion of the pantheists, saying that a spiritual world underlies the physical world; rather, we must go into the specifics. We must truly be clear about this with regard to every single physical event: it is underlaid by a spiritual event—a genuine spiritual event—and only the physical and spiritual events together form the whole.

[ 41 ] Wenn man nun aber die Geschehnisse auf dem physischen Plan verfolgt, dann kann man sagen: man kommt dazu, diese Geschehnisse auf dem physischen Plan in Gedanken einzuspinnen. Und da kommt man ja wirklich dazu, wenn man auf dem physischen Plane die Ereignisse verfolgt, zu jeder Wirkung eine Ursache zu finden. Das geht schon einmal nicht anders. Überall findet man zu einer Wirkung eine Ursache. Wenn etwas geschehen ist — man wird immer die Ursache finden. Das heißt aber, man findet die Notwendigkeit. Sie könnten an dem einfachen Beispiele, das ich gewählt habe, wenn Sie mit notwendiger Pedanterie vorgehen, sich sagen: Nun ja, diese Gesellschaft war beisammen. Sie hat zwar die Abfahrt sich bestimmt gehabt für eine bestimmte Zeit. Aber wenn ich jetzt verfolge, warum der Kutscher saumselig war, so werde ich verschiedene Ursachenwege verfolgen. Zuerst, nicht wahr, werde ich mir vielleicht den Kutscher selber anschauen, werde mir anschauen, wie er erzogen worden ist, wie er saumselig geworden ist. Dann werde ich mir anschauen die verschiedene Umstände, durch die er sein Krügel zu spät bekommen hat. Ich werde da überall eine bloße Ursachenkette finden können. Ich habe aufzeigen können, wie eins in das andere so eingreift, daß die Sache sich gar nicht anders hätte entwickeln können. Ich werde nach und nach dazu kommen, den freien Willen des Kutschers ganz auszuschalten, denn wenn man zu jeder Wirkung eine Ursache hat, so schaltet sich da alles das, was der betreffende Mensch tut, auch ein. Nicht wahr, der Kutscher hat ja nur deshalb noch ein Krügel gewollt, weil er vielleicht in seiner Jugend zu wenig durchgewichst worden ist. Wenn er mehr durchgewichst worden wäre, wofür er nichts kann, so wäre das nicht so gekommen. Also man kann überall den Zusammenhang von Ursache und Wirkung finden.

[ 41 ] But if one follows the events on the physical plane, one might say that one ends up weaving these events into one’s thoughts. And indeed, when one follows the events on the physical plane, one inevitably finds a cause for every effect. There is simply no other way. Everywhere you look, you find a cause for every effect. When something has happened—you will always find the cause. But that means you find the necessity. Using the simple example I’ve chosen, if you approach it with the necessary pedantry, you might say to yourself: Well, this group was together. They had certainly set a specific time for their departure. But if I now investigate why the coachman was slow, I will trace various chains of causality. First, won’t I, perhaps, look at the coachman himself—examine how he was raised, how he came to be slow? Then I will examine the various circumstances that caused him to receive his mug of beer too late. I’ll be able to find a mere chain of causes throughout all of this. I’ll have been able to show how one thing interlocks with another in such a way that the situation could not have unfolded any other way. I’ll gradually come to completely rule out the coachman’s free will, because if there’s a cause for every effect, then everything the person in question does also comes into play. Isn’t it true that the coachman wanted another mug only because he was perhaps not sufficiently disciplined in his youth? If he had been disciplined more—for which he is not to blame—it would not have turned out this way. So one can find the connection between cause and effect everywhere.

[ 42 ] Das hängt damit zusammen, daß man überhaupt nur auf dem physischen Plan mit Begriffen etwas anfängt. Denn bedenken Sie nur: wenn Sie etwas begreifen wollen, so muß ein Gedanke aus dem anderen folgen können, das heißt, Sie sind darauf angewiesen, daß Sie ein Glied aus dem anderen entwickeln können. Es liegt in der Natur des Begriffes, daß eins aus dem anderen folgt. Das muß sein.

[ 42 ] This is because concepts only come into play on the physical plane. Just consider this: if you want to understand something, one thought must be able to follow from another—that is, you are dependent on being able to develop one link from the next. It is in the nature of a concept that one follows from the other. That is a necessity.

[ 43 ] Aber das, was sich auf dem physischen Plane überschaubar, begriffsmäßig, notwendig zusammenschließen läßt, gleich wird es anders, sobald man in die nächste übersinnliche Welt hinaufkommt. Da hat man es nicht zu tun mit Ursachen und Wirkungen, sondern mit Wesenheiten. Da greifen Wesenheiten ein. In jedem Momente greift eine andere geistige Wesenheit ein oder läßt eine Verrichtung fallen. Da hat man es gar nicht zu tun mit dem, was man so im gewöhnlichen Sinne durch Begriffe verfolgen kann. Wenn Sie nämlich das, was da in der geistigen Welt geschieht, mit Begriffen verfolgen wollten, so könnte das Folgende passieren. Sie könnten nachdenken: Nun also, da stehe ich. Gewiß, ich bin schon so weit, hineinzuschauen, daß da etwas geistig vor sich geht. Bald kommt irgendein Gnomenwesen heran, bald kommt ein Sylphenwesen heran, bald kommt ein anderes Wesen heran. Nun habe ich da die ganze Summe von Wesenheiten. Nun strenge ich mich an, die Wirkungen zu ergründen, die da herauskommen müssen. Freilich, auf dem physischen Plane geht das zuweilen leicht: wenn einer eine Billardkugel so hinstößt, so weiß er, wie die andere fliegt; er kann das herausrechnen. Aber auf dem geistigen Plane kann einem folgendes passieren: Wenn Sie gesehen haben Ihre Wesen und nun wissen: Ah, das ist ein Gnomenwesen, das schickt sich so an, das wird dies tun, das wirkt mit einem anderen zusammen, so muß dieses geschehen. — Nun haben Sie dies ergründet. Im nächsten Augenblick springt ein Wesen hervor und ändert das Ganze, oder ein Wesen, das Sie in Ihre Rechnung einbezogen haben, geht fort, verschwindet, tut nicht mehr mit. Da ist alles auf Wesenheit begründet. Da können Sie gar nicht auf gleiche Weise wie auf dem physischen Plan alles in Ihre Begriffe einspinnen. Das ist ganz unmöglich. Da gibt es nicht Erklären einer Sache nach der anderen aus dem Begriffe heraus. Ganz andere Art und Weise des Zusammenwirkens geschieht in dieser geistigen Welt, in dieser, den physischen Ereignissen parallelgehenden Folge oder Strömung der geistigen Ereignisse.

[ 43 ] But what can be comprehended, conceptualized, and logically connected on the physical plane changes as soon as one ascends to the next supersensible world. There, one is not dealing with causes and effects, but with beings. There, beings intervene. At every moment, a different spiritual being intervenes or carries out an action. There, one has nothing at all to do with what can be grasped through concepts in the ordinary sense. For if you were to try to follow what happens in the spiritual world using concepts, the following might happen. You might think: Well then, here I stand. Certainly, I am already able to perceive that something spiritual is taking place there. Sometimes a gnome-like being approaches, sometimes a sylph-like being approaches, sometimes another being approaches. Now I have the entire array of spiritual beings before me. Now I strive to fathom the effects that must result from this. Of course, on the physical plane this is sometimes easy: when someone strikes a billiard ball in a certain way, they know how the other one will fly; they can calculate it. But on the spiritual plane, the following can happen: Once you have observed your beings and now know: “Ah, that is a gnome-like being; it is behaving in such a way that it will do this; it is interacting with another—so this must happen.”—Now you have fathomed this. The very next moment, a being leaps forward and changes the whole situation, or a being you had included in your calculations leaves, disappears, and no longer participates. Everything there is based on the nature of the beings themselves. You simply cannot weave everything into your conceptual framework in the same way as on the physical plane. That is completely impossible. There is no explaining one thing after another based on concepts. A completely different kind of interaction takes place in this spiritual world, in this sequence or flow of spiritual events that runs parallel to physical events.

[ 44 ] Damit muß man sich bekannt machen, daß unserer Welt eine solche zugrunde liegt, für die wir nicht nur voraussetzen müssen, daß sie unserer Welt gegenüber eine geistige ist, sondern für die wir voraussetzen müssen, daß eine ganz andere Art des Zusammenhanges in den Geschehnissen ist: daß wir mit der Art, die wir gewohnt sind für unsere Begriffswelt, mit der wir erklären und beweisen, gar nichts machen können da drinnen in der geistigen Welt, im einzelnen Konkreten dieser geistigen Welt.

[ 44 ] We must come to terms with the fact that our world is based on a realm for which we must not only assume that it is a spiritual one in contrast to our own world, but for which we must also assume that there is an entirely different kind of connection between events: that the methods we are accustomed to using in our conceptual world—the methods with which we explain and prove things—are of no use whatsoever within the spiritual world, in the specific, concrete details of that spiritual world.

[ 45 ] So sehen wir, wie zwei Welten sich durchdringen: die eine Welt, welche in Begriffe eingesponnen werden kann, die andere Welt, welche nicht in Begriffe eingesponnen werden kann, sondern nur angeschaut werden kann. Was ich damit andeute, das geht sehr weit. Aber die Menschen sind nicht aufmerksam darauf, wie weit das geht. Denken Sie nur einmal, wenn jemand glaubt, er könne alles beweisen und nur das Beweisbare gilt, so kann er ja in den folgenden Fall kommen. Er kann sagen: Nun ja, alles muß bewiesen werden, und was nicht bewiesen ist, das gilt nicht. Also muß} man im Verlauf der Weltgeschichte alles beweisen können. Also muß ich nur meine Gedanken gründlich anstrengen, dann werde ich beweisen können müssen zum Beispiel, ob es ein Mysterium von Golgatha gegeben hat oder nicht! Und es liegt den Menschen in der heutigen Zeit so unendlich nahe, zu sagen: Wenn man nicht beweisen kann, daß es ein Mysterium von Golgatha gegeben hat, dann ist das eben ein Unsinn, dann hat es kein Mysterium von Golgatha gegeben.

[ 45 ] Thus we see how two worlds interpenetrate: one world that can be woven into concepts, and the other world that cannot be woven into concepts but can only be contemplated. What I am implying here goes very far. But people are not aware of just how far it goes. Just think for a moment: if someone believes they can prove everything and that only what is provable is valid, they may well end up in the following situation. They might say: Well, everything must be proven, and what is not proven is not valid. So one must be able to prove everything in the course of world history. So I just have to strain my mind thoroughly, and then I’ll be able to prove, for example, whether or not there was a Mystery of Golgotha! And it’s so incredibly easy for people today to say: If you can’t prove that there was a Mystery of Golgotha, then it’s just nonsense; then there was no Mystery of Golgotha.

[ 46 ] Was meinen die Menschen aber von den Beweisen? Sie meinen, man geht von einem bestimmten Begriffe aus und immer zu anderen Begriffen über, und wenn das so möglich ist, dann hat man es eben bewiesen. Aber diesen Beweisen folgt keine andere Welt als nur die physische Welt. Eine andere Welt folgt dieser Beweisführung gar nicht. Denn könnte man beweisen, mit Notwendigkeit beweisen, daß ein Mysterium von Golgatha hat stattfinden müssen, würde das aus unseren Begriffen folgen können, dann wäre das ja keine freie Tat! Dann hätte ja Christus von dem Kosmos aus auf die Erde kommen müssen, weil es ihm die menschlichen Begriffe einfach beweisen, befehlen dadurch. Das Mysterium von Golgatha muß aber eine freie Tat sein, das heißt, es muß eine Tat sein, die sich eben gerade nicht beweisen läßt. Es kommt darauf an, daß man das einmal durchschaut.

[ 46 ] But what do people make of these proofs? They believe that one starts from a certain concept and moves on to other concepts, and if that is possible, then the matter has been proven. But these proofs lead to no other world than the physical world. No other world follows from this line of reasoning at all. For if one could prove—prove with necessity—that a Mystery of Golgotha had to take place, and if that could follow from our concepts, then it would not be a free act! Then Christ would have had to come to Earth from the cosmos, because human concepts would simply prove it to him and thereby command it. But the Mystery of Golgotha must be an act of free will—that is, it must be an act that, by its very nature, cannot be proven. It is essential to see this through.

[ 47 ] Ebenso ist es ja schließlich damit, wenn die Menschen beweisen wollen, Gott habe einmal die Welt erschaffen, oder: er habe sie nicht erschaffen. Das spinnen sie auch in ihren Begriffen fort. Aber «die Welt erschaffen» wird doch wenigstens eine freie Tat der göttlichen Wesenheit sein! Woraus folgt, daß man sie nicht aus der Notwendigkeit der Begriffsfolge beweisen kann, daß man sie schauen muß, wenn man darauf kommen will.

[ 47 ] The same is true, after all, when people want to prove that God once created the world—or that He did not create it. They spin this out in their concepts as well. But “creating the world” must at least be a free act of the divine essence! It follows, then, that one cannot prove it from the necessity of the sequence of concepts; one must perceive it if one wishes to arrive at that conclusion.

[ 48 ] Also, es ist etwas sehr Bedeutsames damit gesagt, daß in der nächsten Welt schon, welche die unsere als eine übersinnliche durchdringt, gar nicht diejenige Ordnung herrscht, die wir mit Begriffen und ihrer Beweiskraft durchdringen können, sondern daß da ein Schauen Platz greift, in dem eine ganz andere Ordnung zu den Ereignissen waltet.

[ 48 ] So, what is being said here is something very significant: that in the next world—which permeates ours as a supersensible realm—the order that prevails is not at all the one we can grasp through concepts and their power of proof, but rather that a form of perception takes hold there in which a completely different order governs events.

[ 49 ] Heute möchte ich nur noch dieses mit ein paar Worten sagen. Ich habe hier zu Weihnachten darauf aufmerksam gemacht, wie gerade in unserer Zeit solche gegensätzliche Dinge auftreten, an denen das menschliche Denken sich verwirrt. Denken Sie doch nur einmal, daß jetzt ein Buch erschienen ist von dem als Naturforscher so großen Ernst Haeckel: «Ewigkeitsgedanken». Ich habe schon darauf aufmerksam gemacht. Diese «Ewigkeitsgedanken» enthalten genau das Gegenteil von dem, wozu viele andere Menschen jetzt aus einem tiefen Mitempfinden mit den Weltereignissen kommen. Denken Sie doch, daß es heute viele Menschen gibt — wir werden über dieses Faktum gerade in unseren jetzigen Zusammenhängen noch zu sprechen haben, ich wollte heute nur eine Einleitung geben —, daß es viele Menschen gibt, die gerade aus der Tatsache heraus, die jetzt in so furchtbarer, in so überwältigender Art auf unsere Seelen wirkt, aus dieser Weltentatsache heraus wiederum zu einer Vertiefung ihres seelisch-religiösen Empfindens gekommen sind, viele Menschen, weil sie sich sagen: Läge unserer physischen Welt nicht eine übersinnliche Ordnung zugrunde, wie könnte sich dann erklären dasjenige, was in der Gegenwart geschieht? Zu einer religiösen Empfindung sind wieder viele . gekommen. Ich brauche Ihnen den Gedankengang nicht vorzuhalten; er liegt so nahe, und er ist heute bei so vielen bemerkbar.

[ 49 ] Today I would just like to say a few words about this. At Christmas, I pointed out how, especially in our time, such contradictory phenomena arise that confuse human thinking. Just consider that a book has now been published by Ernst Haeckel, who was such a great natural scientist: Thoughts on Eternity. I have already drawn attention to this. These “Thoughts on Eternity” contain exactly the opposite of what many other people are now arriving at out of a deep empathy with world events. Just consider that there are many people today—we will have to speak about this fact specifically in our current context, I only wanted to offer an introduction today—that there are many people who, precisely because of the fact that is now affecting our souls in such a terrible, such an overwhelming way, have, out of this world event, once again come to a deepening of their spiritual and religious sensibility; many people, because they say to themselves: If our physical world were not based on a supersensible order, how could we explain what is happening at present? Many have returned to a religious sensibility. I need not spell out this line of thought for you; it is so obvious, and it is evident in so many people today.

[ 50 ] Haeckel kommt zu einem anderen Gedankengange. Er spricht das in seinem Büchelchen aus, das eben erschienen ist: Da glauben die Menschen an Unsterblichkeit der Seele. Die gegenwärtigen Ereignisse beweisen ja klar, daß solch ein Glaube an die Unsterblichkeit der Seele eine Unmöglichkeit ist, denn wir sehen täglich Tausende durch den reinen Zufall zugrunde gehen. Wie kann denn da noch ein vernünftiger Mensch glauben, daß gegenüber solchen Ereignissen irgend die Rede von der Unsterblichkeit der Seele sein könne. Wie kann da eine höhere Ordnung drinnen sein? — Für Haeckel ist also dasjenige, was jetzt in so erschütternder Weise geschieht, ein Beweis für sein Dogma, daß man von einer Unsterblichkeit der Seele nicht sprechen könne. Da haben Sie wiederum Antinomien: ein großer Teil der Menschheit vertieft sich religiös, aber an demselben Ereignisse veroberflächlicht sich Haeckel religiös in ungeheurer Weise.

[ 50 ] Haeckel takes a different line of thought. He expresses this in his little book, which has just been published: People believe in the immortality of the soul. Current events clearly prove that such a belief in the immortality of the soul is impossible, for we see thousands perish every day by sheer chance. How, then, can any reasonable person still believe that, in the face of such events, there can be any question of the immortality of the soul? How can there be a higher order at work here? — For Haeckel, then, what is now happening in such a shattering way is proof of his dogma that one cannot speak of the immortality of the soul. Here again you have antinomies: a large part of humanity is deepening its religious commitment, but in the face of the very same events, Haeckel is becoming incredibly superficial in his religious views.

[ 51 ] Alle diese Dinge hängen damit zusammen, daß die Menschen es heute zu keiner Klarheit bringen können über den Zusammenhang zwischen der Welt, die ihren Sinnen und ihrem an das Gehirn gebundenen Verstand vorliegt, und der Welt, die als eine übersinnliche zugrunde liegt, daß sie, sobald sie an diese Dinge herankommen, mit ihrem Denken in die Verwirrung hineinkommen. Diese unsere Zeit wird aber noch trotz allem, was sie auch an Enttäuschendem bietet, doch in gewissem Sinne eine Vertiefung der Seele bringen, doch eine Umkehr vom Materialismus bringen. Aber es wird schon notwendig sein, daß aus der reinen Anstrengung der Seele heraus, die sich der unbefangenen Forschung der Welt hingibt, daß aus dieser Anschauung herausein Wissen entsteht von der Ergänzung der sinnlichen Ereignisse durch die übersinnlichen Ereignisse, und daß wenigstens eine kleine Schar von Menschen da ist, welche vermag vorauszusetzen, daß all die Leiden, all die Schmerzen, die gegenwärtig auf dem physischen Plane durchgemacht werden, im Gesamtfortschritt der Menschheit die eine Seite einer anderen, einer übersinnlichen Seite sind.

[ 51 ] All these things are connected to the fact that people today are unable to gain any clarity regarding the relationship between the world that presents itself to their senses and their intellect—which is bound to the brain—and the world that underlies it as a supersensible realm; that as soon as they approach these matters, their thinking becomes confused. Yet despite all the disappointments it offers, our time will, in a certain sense, bring about a deepening of the soul—a turning away from materialism. But it will be necessary that, out of the pure effort of the soul—which devotes itself to the unbiased exploration of the world—and from this perspective, a knowledge arise of how sensory events are complemented by supersensory events; and that there be at least a small group of people who are able to assume that all the sufferings, all the pain currently endured on the physical plane are, in the overall progress of humanity, one side of another—a supersensible side.

[ 52 ] Wir haben von den verschiedensten Seiten her auf diese übersinnliche Seite schon hingewiesen. Wir werden es noch von anderen Gesichtspunkten aus tun. Aber immer wieder wird uns das entgegentreten, daß da sein muß, wenn Europas blutgedüngter Boden wiederum Frieden haben wird, eine Schar von Menschen, welche imstande ist, zu hören, geistig zu hören, geistig zu ahnen das, was dann aus den geistigen Welten zu der wiederum den Frieden erlebenden Menschheit wird gesprochen werden. Denn es wird wahr, tief wahr sein und sich als Wahrheit bewähren, was wir jetzt oftmals und immer wieder und wiederum uns in die Seele schreiben müssen.

[ 52 ] We have already pointed out this supernatural aspect from a wide variety of perspectives. We will continue to do so from other perspectives. But time and again we will be confronted with the fact that, when Europe’s blood-fertilized soil once again knows peace, there must be a group of people capable of hearing—spiritually hearing, spiritually sensing—what will then be spoken from the spiritual worlds to humanity, which will once again be experiencing peace. For what we must now inscribe upon our souls—often, again and again, and time and again—will be true, deeply true, and will prove itself to be the truth.

Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.

From the courage of the fighters,
From the blood of the battles,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows
Guiding souls, spiritually aware,
Toward the realm of the spirit.