Necessity and Freedom
in World History and Human Action
GA 166
1 February 1916, Berlin
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Necessity and Freedom in World History and Human Action, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Wir sind zu sehr gewöhnt, so große Fragen wie diejenigen, die wir jetzt als die Fragen der Notwendigkeit und Freiheit in Betracht ziehen, zu behandeln so, daß wir mit einfachen Begriffen, mit möglichst einfachen Begriffen, im Handumdrehen gewissermaßen, vieles auf einmal überspannen wollen. Wir berücksichtigen zumeist nicht, wenn es sich um solche Fragen handelt, daß diese Fragen notwendig machen, darauf zu achten, wie die Zusammenhänge der Welt mannigfaltig sind, wie dasjenige, was an einer Stelle der Welt geschieht, in eine ganz andere Beleuchtung gerückt werden muß, wenn wir es verstehen wollen, als das ganze Ähnliche, das an einer anderen Stelle des Weltgeschehens sich abspielt.
[ 1 ] We are too accustomed to dealing with such grand questions as those we are now considering—the questions of necessity and freedom—in such a way that we seek to encompass many things at once with simple concepts, with the simplest possible concepts, as it were, in the blink of an eye. When dealing with such questions, we usually fail to consider that they require us to pay attention to how multifaceted the interconnections of the world are—how what happens in one part of the world must be viewed in a completely different light if we are to understand it in the same way as similar events unfolding elsewhere in the world.
[ 2 ] Ich möchte zuerst noch einmal erinnern an etwas, das ich in anderem Zusammenhange vor ganz kurzer Zeit hier auch schon erwähnt habe. Ich sagte: Wenn wir so bedeutsame Ereignisse, wie nun wiederum die gegenwärtigen, durch das Weltgeschehen fluten sehen, dann sind wir so sehr geneigt, rasch, gewissermaßen am Nächstliegenden die Ursachen zu suchen, und auch wiederum rasch in demjenigen, was unmittelbar schon in der allernächsten Zeit darauf folgt, die Wirkungen zu erwarten. Wir tun mit einer solchen Betrachtung den Tatsachen durchaus unrecht. Ich machte damals, als ich dies erwähnte, darauf aufmerksam, daß einmal gegenüberstand die Welt des Römertums der Welt des heutigen Mitteleuropas im Beginne der mittelalterlichen Zeit. Man kann nun leichten Herzens geschichtlich sich sagen: Nun ja, man versucht zu erkennen, wie aus gewissen politischen Motiven des alten Roms heraus diese Römer sich gedrängt fühlten, ihre Kriegszüge gegen den — also ihren — Norden zu unternehmen, gegen das, was heute Mitteleuropa ist. Und man kann dann in dem, was sich dann herausbildete, die Folgen suchen.
[ 2 ] First, I would like to reiterate something I mentioned here very recently in a different context. I said: When we see such significant events—such as the current ones—flooding the world stage, we are so inclined to quickly seek the causes in what is, so to speak, most obvious, and also to quickly expect the effects in what immediately follows in the very near future. With such an approach, we do the facts a great disservice. When I mentioned this at the time, I pointed out that, at the beginning of the Middle Ages, the world of Roman civilization stood in contrast to the world of present-day Central Europe. One can now say with a clear conscience, from a historical perspective: Well, one tries to understand how, driven by certain political motives of ancient Rome, the Romans felt compelled to launch their military campaigns against the—that is, their—north, against what is today Central Europe. And one can then look for the consequences in what subsequently took shape.
[ 3 ] Aber mit einer solchen Betrachtung erschöpft man keinesfalls dasjenige, was in Betracht kommt. Denn denken Sie nur einmal, irgend etwas wäre dazumal anders geschehen in dem Vorrücken der Völkerschaften von Osten nach Westen herüber in Europa, anders geschehen etwas im Zusammenprall des Römertums mit dem Germanentum — und die ganze folgende Entwickelung Mitteleuropas, auch bis in die Neuzeit herauf, würde ein anderes Gesicht bekommen haben. Alle Einzelheiten, die wir haben sich abspielen sehen im Laufe der Jahrhunderte bis zu unserer Zeit, würden sich anders abgespielt haben, wenn dazumal nicht jene Volkssubstanz, die wir eben in den alten Römern haben — die sich nicht ganz durchdringen konnte, ich möchte sagen eben wegen ihrer welthistorischen Qualität, wegen ihrer Eigenschaften, mit dem Christentum —, wenn diese Welt nicht zusammengeflossen wäre mit welthistorisch jungen Völkern, die mit junger Kraft das Christentum aufgenommen haben. Durch die Art und Weise, wie der Zusammenstoß erfolgt ist, aus einem, man möchte sagen geistig überreifen Volke, wie es die Römer waren, mit einem welthistorisch jungen Volke, wie es dazumal die Germanen waren, ist all dasjenige entstanden, was später entstanden ist, bis heran, könnte man sagen, zu Goethes «Faust» und alledem, was die Kultur des 19. Jahrhunderts gebracht hat. Hätten die Dinge sich abspielen können, wie sie sich abgespielt haben, wenn das nicht dazumal geschehen wäre? Wir sehen da hinein in eine Strömung, erfüllt von einer inneren, gesetzmäßigen Notwendigkeit, die hinflutet im Weltgeschehen und die sich über weite, weite Gebiete ausdehnt. Wie hätte denn irgend jemand wollen können dazumal seine Handlungen einrichten nach dem, was nunmehr auf dem physischen Plane im Laufe der Jahrhunderte bis heute sich vollzogen hat?
[ 3 ] But such a perspective by no means exhausts all that is relevant. For just imagine if, back then, anything had happened differently during the advance of the peoples from the East to the West across Europe, or if something had unfolded differently in the clash between Roman and Germanic cultures—the entire subsequent development of Central Europe, right up to modern times, would have taken on a different character. All the events we have witnessed unfolding over the centuries up to our own time would have unfolded differently if, back then, that ethnic substance which we find in the ancient Romans—which was unable to fully permeate, I would say precisely because of its world-historical quality, because of its characteristics—had not that world-historical substance merged with peoples who were young in world-historical terms and who embraced Christianity with youthful vigor. Through the manner in which this clash took place—between a people one might call spiritually overripe, as the Romans were, and a people young in world-historical terms, as the Germanic peoples were at that time—everything that later emerged came into being, extending, one might say, all the way to Goethe’s Faust and all that 19th-century culture brought forth. Could things have unfolded as they did if that had not happened back then? We are looking into a current, filled with an inner, law-governed necessity, which flows through world events and extends across vast, vast regions. How could anyone back then have wanted to direct their actions according to what has now unfolded on the physical plane over the course of the centuries up to the present day?
[ 4 ] Was sich heute vollzieht, ist wiederum der Ausgangspunkt der Weltgestaltungen, welche notwendig selbstverständlich mit dem, was heute geschieht, zusammenhängen, die aber zunächst, soweit es sich um das Geschehen auf dem physischen Plan handelt, sehr unähnlich sind dem, was zusammengedrängt in kleinem Zeitraume sich abspielt. Ich will dieses nur erwähnen aus dem Grunde, damit Sie sehen, wie tief begründet das ist, was ich im Zusammenhange gerade dieser Betrachtungen schon erwähnte: daß man nicht weit kommt mit dem Grübeln, mit dem Spekulieren über Zusammenhänge in der Welt. Denken Sie, wenn ein Römer oder auch ein Germane im 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert sich hätte einspinnen wollen in eine Spekulation über die möglichen Folgen der Kämpfe, die dazumal stattgefunden haben, wie weit er gekommen sein würde. Gar nicht weit!
[ 4 ] What is taking place today is, in turn, the starting point for world-shaping processes that are, of course, necessarily connected to what is happening today, but which—as far as events on the physical plane are concerned—are initially very dissimilar to what is unfolding in a concentrated manner over a short period of time. I mention this only so that you may see how deeply grounded is what I have already mentioned in connection with these very reflections: that one does not get very far by brooding or speculating about the interrelationships in the world. Just think: if a Roman or even a Germanic person in the 3rd or 4th century A.D. had wanted to lose himself in speculation about the possible consequences of the battles that took place at that time, how far would he have gotten? Not very far at all!
[ 5 ] Notwendig ist es, daß wir uns bewußt werden, daß über dasjenige, was geschehen soll, damit wir es erkennen als wirklich Geschehen-Sollendes, anderes entscheidet als solche Grübeleien über die möglichen Folgen oder über das, was unmittelbar daraus hervorgeht; daß hereinflutet in die Strömung des Geschehens, wie sie auf dem physischen Plane fließt, eben dasjenige, was wir als hereinflutend empfinden aus geistigen Welten: Impulse, für deren Auswirkung im einzelnen wir keine Grübelei brauchen über das, was auf dem physischen Plane geschehen soll. Wir müssen schon uns klar sein darüber, daß gerade der Blick auf das menschliche Geschehen, auf das weltgeschichtliche Geschehen, es notwendig macht, daß man erweitert die Betrachtungsweise über dasjenige hinaus, was auf dem physischen Plane liegt. Und nachdem wir diese Notwendigkeiten nur angeschlagen haben, wollen wir wiederum den Menschen als solchen in Betracht ziehen.
[ 5 ] It is essential that we realize that what is to happen—so that we may recognize it as truly meant to happen—is determined by something other than such musings about the possible consequences or about what immediately results from it; that what we perceive as flowing in from the spiritual worlds—impulses whose specific effects on the physical plane do not require us to speculate about what is to happen there—actually flows into the current of events as it unfolds on the physical plane. We must be clear that it is precisely the view of human events, of world-historical events, that makes it necessary to broaden our perspective beyond what lies on the physical plane. And now that we have merely touched upon these necessities, let us once again consider the human being as such.
[ 6 ] Ich habe schon das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, wie unmöglich es ist, ein richtiges Verhältnis zu bekommen zu den Handlungen, die man verrichtet hat, die für einen also in der Vergangenheit liegen, wenn man über diese Handlungen fortwährend nur in Grübeleien, in Spekulationen sich ergeht. Man muß vielmehr einsehen, daß das, was vergangen ist, auch das Vergangene der eigenen Handlungen, zum Gebiete der Notwendigkeit gehört, und muß lernen, sich hineinzufinden in den Gedanken: Was geschehen ist, mußte geschehen. Das heißt, ein richtiges Verhältnis zu seinen Handlungen gewinnt man dann, wenn man Objektivität gewinnt gegenüber dem, was man in der Vergangenheit getan oder geleistet hat, wenn man anschauen kann, ich will sagen, eine gelungene und eine mißlungene Handlung, die von einem selber ausgegangen ist, mit gleicher Objektivität.
[ 6 ] I already pointed out last time how impossible it is to develop a proper perspective on the actions one has performed—actions that thus lie in the past—if one constantly indulges in mere brooding and speculation about them. Rather, one must realize that what is past—including one’s own past actions—belongs to the realm of necessity, and one must learn to come to terms with the idea that what has happened had to happen. That is to say, one gains a proper perspective on one’s actions when one achieves objectivity toward what one has done or accomplished in the past, when one can view—I mean—both a successful and a failed action that originated from oneself with equal objectivity.
[ 7 ] Nun werden Sie selbstverständlich schwerwiegende Einwände haben müssen sogar gegen dasjenige, was ich gerade gesagt habe, denn es gibt solche schwerwiegende Einwände. Denken Sie doch, daß also eben gesagt wurde: wenn wir irgend etwas getan haben, ist es vorbei. Wir finden, wurde gesagt, dadurch ein richtiges Verhältnis zu diesem Getanen, daß wir uns objektiv dazu stellen, daß wir nicht hinterher es anders getan haben wollen. Der schwerwiegende Einwand ist der: Ja, wo bleibt denn eigentlich dann alles dasjenige, was im Menschenleben eine so große Rolle spielen muß, nämlich das Bereuen einer Handlung, die wir vollzogen haben? Selbstverständlich hat derjenige ganz recht, der sagt: Das Bereuen ist notwendig, das Bereuen muß sein. Würde man das Bereuen irgendwie aus der menschlichen Seelenentwickelung ausschalten, so würde man selbstverständlich einen moralischen Impuls von höchstem Werte ausschalten. Schaltet man ihn denn aber nicht aus, wenn man sich einfach so zu alledem stellt, was geschehen ist, daß man es objektiv betrachtet, richtig objektiv betrachtet?
[ 7 ] Now, of course, you must have serious objections even to what I have just said, because such serious objections do exist. Just consider that it was just said: if we have done something, it is over. It was said that we find a proper relationship to what we have done by taking an objective stance toward it, by not wishing afterward that we had done things differently. The serious objection is this: Yes, but where, then, does all that which must play such a major role in human life actually fit in—namely, the regret over an action we have carried out? Of course, the person who says, “Regret is necessary; regret must exist,” is quite right. If one were to somehow eliminate regret from the development of the human soul, one would, of course, be eliminating a moral impulse of the highest value. But isn’t one eliminating it when one simply approaches everything that has happened in such a way that one views it objectively—truly objectively?
[ 8 ] Nun, hier liegt in der Tat eine neue Schwierigkeit, eine Schwierigkeit, die der Ausgangspunkt sein kann von unendlich vielen Mißverständnissen. Wir müssen schon auf das Zentrum des Freiheitproblems eingehen, wenn wir diese Schwierigkeit aus dem Wege schaffen wollen. Sehen Sie, der große Spinoza hat gesagt: Im Grunde genommen kann man in der Welt nur von Notwendigkeit sprechen. Freiheit ist im Grunde genommen eine Art Illusion. Denn wenn eine Kugel von einer anderen getroffen wird, so fliegt sie mit Notwendigkeit ihre Bahn. Würde sie ein Bewußtsein haben, so würde sie den Glauben haben — meint Spinoza, ich habe das in meiner «Philosophie der Freiheit» erwähnt —, daß sie ihre Bahn freiwillig geht. — So meint Spinoza. «Und so kommt es denn, daß der Mensch, während er in die Notwendigkeit eingesponnen ist, weiler ein Bewußtsein hat desjenigen, was da geschieht, sich für frei hält.»
[ 8 ] Well, here indeed lies a new difficulty—one that can be the starting point for an infinite number of misunderstandings. We must address the very heart of the problem of freedom if we are to overcome this difficulty. You see, the great Spinoza said: “Fundamentally, one can speak only of necessity in the world.” Freedom is, in essence, a kind of illusion. For when one ball is struck by another, it necessarily follows its trajectory. If it had consciousness, it would believe—so says Spinoza, as I mentioned in my Philosophy of Freedom—that it follows its trajectory of its own free will. —That is Spinoza’s view. “And so it comes to pass that human beings, while entangled in necessity, consider themselves free because they are conscious of what is happening.”
[ 9 ] Aber Spinoza hat doch ganz total unrecht, wirklich ganz unrecht. Die Sache verhält sich nämlich ganz anders. Wenn der Mensch wirklich so fortflöge irgendwohin, wie die Kugel, die nur der Notwendigkeit des Antriebes folgt, so müßte er mit Bezug auf alles das, was sein Fortfliegen ist und wo er nur der Notwendigkeit folgt, das Bewußtsein verlieren. Er müßte unbewußt werden dafür. Es müßte sich das Bewußtsein ausschalten. Das tut es auch. Denken Sie doch nur einmal, mit welcher Schnelligkeit Sie sich nach der Wissenschaft der Astronomie durch den Weltenraum bewegen! Das tun Sie ganz sicher nicht bewußt. Da schaltet sich das Bewußtsein aus. Sie können es gar nicht einmal einschalten, denn es würde Ihnen nicht gelingen, sich in dieser Weise sausend durch den Weltenraum zu bewegen, wie die Wissenschaft der Astronomie es Ihnen zeigt. Was also von einem Menschen mit Notwendigkeit vollzogen wird, dafür muß das Bewußtsein ausgeschaltet werden, und bei so groben Sachen wie das Fliegen durch den Weltenraum merken wir sehr bald, daß dasjenige, was der Notwendigkeit unterliegt, das Bewußtsein ausschaltet. Aber die Sachen sind nicht immer so grob bewußt, sie sind mehr oder weniger nicht bewußt. Sie grenzen nämlich im wirklichen Leben hart aneinander. An den Grenzlinien läßt sich die Sache nicht so ganz grob begreifen wie für den Fall, den ich jetzt eben angeführt habe. Man kann vielmehr sagen: In allem, wofür wir wirklich ein Bewußtsein haben, wovon wir ein unbedingtes Bewußtsein haben, können wir nur frei handeln. Wenn eine Kugel Bewußtsein hätte und ich stieße sie, so würde sie, wenn sie nun eben wirklich Bewußtsein hätte, nur dann in einer bestimmten Richtung fliegen, wenn sie den Impuls in ihr Bewußtsein aufnimmt, den ich ihr gebe, und wenn sie sich nun nach diesem Impulse selber die Bahn gäbe. Die Kugel müßte erst unbewußt werden, das Bewußtsein erst ausschalten, wenn sie bloß dem Impuls folgen sollte.
[ 9 ] But Spinoza is completely wrong—truly, completely wrong. The matter is, in fact, quite different. If a person were truly flying off somewhere like a ball that merely follows the necessity of its momentum, then—with regard to everything that constitutes his flight, where he is merely following necessity—he would have to lose consciousness. He would have to become unconscious of it. Consciousness would have to shut down. And indeed, it does. Just think for a moment about the speed at which you are moving through outer space, according to the science of astronomy! You certainly do not do this consciously. That is when consciousness switches off. You cannot even switch it on, because you would not be able to move through outer space at such breakneck speed, as the science of astronomy shows you. So for anything a person does out of necessity, consciousness must be switched off, and with such gross phenomena as flying through outer space, we very quickly realize that whatever is subject to necessity switches off consciousness. But these phenomena are not always so grossly conscious; they are more or less unconscious. For in real life, they are closely intertwined. At these boundaries, the matter cannot be grasped quite as crudely as in the case I have just cited. Rather, one can say: In everything of which we are truly conscious—of which we have unconditional consciousness—we can act only freely. If a ball had consciousness and I were to push it, then—if it truly did have consciousness—it would fly in a certain direction only if it absorbed into its consciousness the impulse I gave it, and if it then determined its own trajectory based on that impulse. The ball would first have to become unconscious—it would first have to shut off its consciousness—if it were to follow the impulse alone.
[ 10 ] Wenn Sie dieses bedenken, dann werden Sie einen Unterschied machen, den man sonst im Leben gegenüber den Handlungen leider nicht macht. Denn daß man ihn nicht macht, das hat nicht nur eine theoretische Bedeutung, sondern eine tief praktische Bedeutung. Nämlich man macht im Leben den Unterschied nicht zwischen Dingen, die einem mißlingen, und Dingen, die schlecht sind, die unmoralisch sind. Dieser Unterschied ist ein ganz bedeutsamer, ein ganz außerordentlich wichtiger. Was eine mißlungene Handlung ist, was nicht den Absichten gemäß ausgefallen ist als mißlungene Handlung, für das gilt unbedingt, daß wir nur dann das Rechte daraus wissen, wenn wir es objektiv so anschauen können, als ob es absolut notwendig gewesen wäre. Denn es ist, sobald es vergangen ist, im Reiche der absoluten Notwendigkeit. Wenn uns irgend etwas mißlungen ist, und wir empfinden nachher Unbehagen darüber, daß diese Tat mißlungen ist, so gilt es durchaus, daß dieses Unbehagen aus dem Egoismus stammt: wir haben eigentlich ein besserer Mensch sein wollen oder möchten ein besserer Mensch gewesen sein, ein Mensch, der die Sache besser gekonnt hätte. Das ist eben der Egoismus, der drinnensteckt. Und solange dieser Egoismus nicht mit der Wurzel ausgerottet ist, so lange kann das Erlebnis unserer Weiterentwickelung als Seele nicht die schwerwiegende Bedeutung haben, die es haben sollte.
[ 10 ] If you keep this in mind, you will make a distinction that, unfortunately, people otherwise fail to make in life when it comes to their actions. For the fact that we do not make this distinction has not only theoretical significance, but also profound practical significance. Namely, in life we do not distinguish between things that fail and things that are bad or immoral. This distinction is a very significant one, an extraordinarily important one. As for a failed action—one that did not turn out as intended—it is absolutely true that we can only know the right course of action from it if we can view it objectively, as if it had been absolutely necessary. For as soon as it has passed, it belongs to the realm of absolute necessity. If we have failed at something, and we subsequently feel unease about the fact that this action failed, it is certainly true that this unease stems from egoism: we actually wanted to be a better person or would have liked to have been a better person—a person who could have handled the matter better. That is precisely the egoism that lies at the heart of it. And as long as this egoism is not eradicated at its root, the experience of our further development as a soul cannot have the profound significance that it should have.
[ 11 ] Aber wenn wir eine Handlung verrichtet haben, so kommt ja nicht immer in Betracht, daß die Handlung eine mißlungene Handlung ist, sondern es kann eine schlechte Handlung vorliegen, das, was man moralisch schlechte Handlung nennt. Aber schauen wir uns einmal die moralisch schlechten Handlungen an. Schauen wir uns zum Beispiel nun folgende Handlung an, um gleich irgend etwas ganz Sprechendes zu haben. Nehmen wir an, irgend jemand habe nichts zu essen oder hätte irgend etwas gerne aus einem anderen Grunde als Hunger, und er stiehlt. Also «stehlen», nicht wahr, ist eine schlechte Handlung. Nun, schließt dasjenige, was wir gesagt haben, aus, daß irgend jemand, der gestohlen hat, Reue hat über seine Tat? Das schließt es nicht aus! Denn warum nicht, meine lieben Freunde? Aus dem sehr einfachen Grunde nicht, weil im Ernste, in vollem Ernste, derjenige, der gestohlen hat, gar nicht hat stehlen wollen, sondern er hat dasjenige besitzen wollen, was er gestohlen hat. Das Stehlen hätte er fein gelassen, wenn Sie ihm das geschenkt hätten, was er gewollt hat, oder wenn er es auf eine andere Weise hätte kriegen können als durch das Stehlen.
[ 11 ] But when we have performed an action, it is not always the case that the action is a failed one; rather, it may be a bad action—what is called a morally bad action. But let’s take a look at morally bad actions. Let’s take a look, for example, at the following action, just to have something very telling right away. Let’s assume that someone has nothing to eat or would like something for a reason other than hunger, and so he steals. So “stealing,” isn’t it, is a bad action. Now, does what we’ve said rule out the possibility that someone who has stolen might feel remorse for their action? It does not rule it out! For why not, my dear friends? For the very simple reason that, in all seriousness, in all earnest, the person who stole did not actually want to steal, but rather wanted to possess what they stole. He would have refrained from stealing if you had given him what he wanted, or if he could have obtained it in some other way than by stealing.
[ 12 ] Es ist ein eklatanter Fall. Aber in einer gewissen Weise gilt das für alles, was eigentlich als schlechte Tat in Betracht kommt. Die schlechte Tat als solche, unmittelbar so, wie sie ist, ist eigentlich nie gewollt. Die Sprache hat ein feines Gefühl für die Sache: wenn die schlechte Handlung vorbei ist, «regt sich das Gewissen». Warum regt sich das Gewissen? Weil jetzt erst die schlechte Tat zum Wissen erhoben wird. Sie geht hinauf ins Wissen. Da, wo sie sich vollzogen hat, da war eigentlich im Wissen drinnen das andere, um dessentwillen die schlechte Tat vollzogen worden ist. Die schlechte Tat liegt nicht im Wollen. Und auch die Reue hat den Sinn, daß der Betreffende zum Wissen heraufhebt, wie er sich das Bewußtsein hat trüben lassen in dem Moment, wo er die schlechte Tat ausgeführt hat. Wir müssen immer davon sprechen: Wenn jemand eine schlechte Tat ausübt, so ist dasjenige, um was es sich handelt, das, daß sein Bewußtsein für diese Tat getrübt war, herabgestimmt war, und daß es sich für ihn darum handelt, eben ein Bewußtsein für solche Fälle zu gewinnen, wie der einer war, für den das Bewußtsein herabgestimmt war. Alles Bestrafen hat nur den Sinn, solche Kräfte in der Seele aufzurufen, daß das Bewußtsein sich auch auf solche Fälle erstreckt, die sonst bewirken, daß das Bewußtsein sich ausschaltet.
[ 12 ] It is a striking case. But in a certain sense, this applies to everything that can actually be considered a bad deed. The bad deed as such—immediately, just as it is—is actually never intended. Language has a subtle sense of this: once the evil act is over, “the conscience stirs.” Why does the conscience stir? Because only now is the evil act elevated to the level of knowledge. It ascends into knowledge. Where it took place, there was actually something else within knowledge—the very thing for which the evil act was committed. The evil deed does not lie in the will. And remorse, too, serves the purpose of enabling the person concerned to raise it to the level of knowledge—to realize how he allowed his consciousness to be clouded at the very moment he committed the evil deed. We must always speak of it this way: When someone commits a wrong deed, what is at issue is that their consciousness was clouded and dampened for that deed, and that their task is precisely to gain an awareness of cases such as the one in which their consciousness was dampened. The sole purpose of any punishment is to summon such forces within the soul that consciousness extends even to those situations which would otherwise cause consciousness to shut down.
[ 13 ] Unter denjenigen Dissertationen, die an den Universitäten von Philosophen gemacht worden sind, die sich zu gleicher Zeit mit juristischen Problemen beschäftigen, ist besonders häufig die Dissertation über «das Recht, zu strafen». Nun hat man über die Gründe, warum gestraft werden soll, viele Theorien aufgestellt. Die einzig mögliche findet man nur, wenn man weiß, daß es sich darum handelt, mit der Strafe die Kräfte der Seele so anzuspannen, daß das Bewußtsein sich erweitert über Kreise, über die es sich vorher nicht erstreckt hat. Und dies ist auch die Aufgabe der Reue. Die Reue soll gerade darinnen bestehen, die Tat so anzuschauen, daß sie durch ihre Gewalt ins Bewußtsein heraufgehoben wird, so daß das Bewußtsein nun den Zusammenhang so überschaut, daß es das nächste Mal nicht wiederum ausgeschaltet werden kann. Sie sehen, worauf es ankommt: darauf, daß man lernt, im Leben genau zu unterscheiden, wenn man etwas verstehen will, daß man wirklich lernt, zu unterscheiden zwischen vollbewußtem Tun und demjenigen, wofür das Bewußtsein herabgestimmt ist.
[ 13 ] Among the dissertations written at universities by philosophers who also deal with legal issues, the dissertation on “the right to punish” is particularly common. Many theories have been put forward regarding the reasons why punishment is necessary. The only possible explanation can be found only when one realizes that the purpose of punishment is to strain the powers of the soul in such a way that consciousness expands into spheres beyond which it had not previously extended. And this is also the task of repentance. Repentance should consist precisely in viewing the act in such a way that its force raises it into consciousness, so that consciousness now grasps the context in such a way that it cannot be shut out again the next time. You see what matters: that one learns to distinguish precisely in life, if one wishes to understand something—that one truly learns to distinguish between fully conscious action and that for which consciousness has been lowered.
[ 14 ] Wenn Sie nun dagegen eine Handlung haben, der gegenüber gar nicht in Betracht kommt, ob sie eine schlechte oder gute ist, sondern die eine mißlungene Handlung ist, wobei uns nur etwas nicht gelungen ist, was wir beabsichtigt hatten, da handelt es sich darum, daß wir nun gerade uns unsere Anschauung der Handlung trüben können, wenn wir sie so beurteilen, daß wir einmischen den Gedanken, die Empfindung: Ja, wäre es vielleicht nicht anders geschehen, wenn wir dies oder jenes besser gemacht hätten, oder wenn wir selber anders gewesen wären? Da kommt in Betracht, daß man wirklich ins Auge zu fassen hat: Wenn das Auge einen Gegenstand sehen soll, so kann es sich nicht selber sehen. Es kann sich nicht einen Spiegel vorhalten, denn im Augenblicke, wo das Auge sich den Spiegel vorhält, um sich selbst zu sehen, kann es den Gegenstand nicht sehen. In dem Augenblicke, wo der Mensch darüber spintisiert, wie er hätte anders sein sollen gegenüber einer Tat, die er getan hat, kann diese Tat nicht mit derjenigen Gewalt auf ihn wirken, die ihn vorwärtsbringt in der seelischen Entwickelung. Denn in dem Augenblicke, wo man zwischen sich und seine Tat den Egoismus hineinstellt, der darinnen liegt, daß man eigentlich die Tat hätte anders machen wollen, in dem Augenblicke tut man genau dasselbe, was man macht, wenn man vor das Auge den Spiegel hält, so daß das Auge den Gegenstand nicht sehen kann.
[ 14 ] If, on the other hand, you are dealing with an action that is not even open to consideration as to whether it is good or bad, but is simply a failed action—in which we have merely failed to achieve what we had intended—then the issue is that we can actually cloud our own view of the action if we judge it in such a way that we introduce the thought, the feeling: “Yes, perhaps it wouldn’t have turned out this way if we had done this or that better, or if we ourselves had been different?” Here it is important to truly consider the following: When the eye is meant to see an object, it cannot see itself. It cannot hold up a mirror to itself, for the moment the eye holds up the mirror to see itself, it cannot see the object. The moment a person speculates about how they should have acted differently in response to an action they have taken, that action cannot exert upon them the force that propels them forward in their spiritual development. For the moment one interposes between oneself and one’s action the selfishness inherent in the fact that one actually would have wanted to act differently—at that very moment, one is doing exactly the same thing as when one holds a mirror before one’s eye, so that the eye cannot see the object.
[ 15 ] Man kann auch den Vergleich noch anders stellen. Sie wissen, es gibt sogenannte astigmatische Augen. Es sind Augen, bei denen die Bogen der Hornhaut in senkrechter und in Querrichtung verschieden stark gekrümmt sind. Solche Augen haben eine eigentümliche Art des ungenauen Sehens. Man sieht Gespenster, was nur davon herrührt, daß die Hornhaut in unregelmäßiger Weise gebogen ist. Man sieht Gespenster, aber das rührt davon her, daß man eigentlich sein Auge wahrnimmt und nicht das, was draußen ist. Wenn man sein Auge wahrnimmt, weil es unrichtig konstruiert ist, weil es nicht ein Auge geworden ist, das sich selber ganz ausschalten kann und nur den Gegenstand wirken lassen kann im Auge, dann kann man nicht den Gegenstand wahrnehmen. Wenn man seine Seele anfüllt mit dem Gedanken: «Du hättest anders sein können, du hättest dies oder jenes anders machen sollen, dann wäre dir die Sache gelungen», dann ist das geradeso, wie wenn man ein astigmatisches Auge hat: man sieht gar nicht die wirkliche Tatsache, man fälscht sie sich. Aber man muß die wirklichen Tatsachen sehen, die einem zugeteilt sind, dann wirken sie auch wirklich. Wie der Gegenstand, der draußen ist, auf ein gesundes Auge wirkt, so wirken sie auch auf eine Seele, die nicht angefüllt ist mit dem Gefühl über Tatsachen, sondern welche die Tatsachen selbst auf sich wirken läßt. Dann wirken diese Tatsachen in der Seele weiter.
[ 15 ] You can also frame the comparison differently. As you know, there are what are called astigmatic eyes. These are eyes in which the curvature of the cornea differs between the vertical and horizontal directions. Such eyes exhibit a peculiar type of blurred vision. One sees ghosts, which is simply due to the fact that the cornea is curved irregularly. One sees ghosts, but this stems from the fact that one is actually perceiving one’s own eye and not what is outside. When one perceives one’s own eye—because it is incorrectly constructed, because it has not become an eye that can completely shut itself out and allow only the object to take effect within the eye—then one cannot perceive the object. If one fills one’s soul with the thought: “You could have been different; you should have done this or that differently, then you would have succeeded,” then this is just like having an astigmatic eye: one does not see the real facts at all; one distorts them. But one must see the real facts that have been given to one; only then do they truly take effect. Just as the object outside affects a healthy eye, so do they affect a soul that is not filled with feelings about facts, but rather allows the facts themselves to take effect upon it. Then these facts continue to take effect within the soul.
[ 16 ] Man kann sagen: Jemand, welcher noch nicht die Objektivität gefunden hat gegenüber verflossenen Tatsachen, in die man verwickelt war, der kann diese Tatsachen nicht in ihrer Objektivität sehen und daher von diesen Tatsachen auch nicht dasjenige haben, was er für seine Seele haben soll. Es wäre geradeso, wie wenn unsere Augen stehenbleiben würden im sechsten, siebenten Monat ihrer Embryonal-Entwickelung, wenn die Augen aufhören würden in ihrer Entwickelung und wir dann würden geboren werden zur rechten Zeit: wir würden die ganze Welt falsch sehen. Wenn die Augen sich nicht weiter im sechsten, siebenten, achten, neunten Monat mit uns entwickeln würden, sondern wenn sie stehenblieben: sie würden sich nicht ausschalten. Wir würden etwas ganz anderes sehen als wir in Wirklichkeit sehen.
[ 16 ] One might say: Someone who has not yet attained objectivity toward past events in which they were involved cannot see those events in their objectivity and therefore cannot derive from them what they should gain for their soul. It would be just as if our eyes were to stop developing in the sixth or seventh month of their embryonic development—if the eyes were to cease developing and we were then born at the right time—we would see the whole world incorrectly. If the eyes did not continue to develop with us in the sixth, seventh, eighth, and ninth months, but instead stopped developing—they would not shut down. We would see something completely different from what we actually see.
[ 17 ] So bekommt dasjenige, was wir getan haben, erst dann für uns den rechten Wert, wenn wir so weit sind, daß wir es einreihen können in die Strömung der Notwendigkeit, wenn wir es als etwas Notwendiges ansehen können. Aber wie gesagt, wir müssen uns klarsein darüber, daß wir eben dann die Unterscheidung machen müssen zwischen dem, was gelungen und mißlungen ist, und demjenigen, was in moralischer Beziehung mit «gut» oder «schlecht» belegt wird.
[ 17 ] What we have done only acquires its true value for us when we have reached the point where we can place it within the flow of necessity, when we can regard it as something necessary. But as I said, we must be clear that it is precisely then that we must distinguish between what has succeeded and what has failed, and that which is labeled “good” or “bad” in a moral sense.
[ 18 ] Im Grunde genommen finden Sie die Auseinandersetzungen über alles das, wenn auch in mehr philosophischer Weise gewendet, in meiner «Philosophie der Freiheit» drinnen, denn in dieser «Philosophie der Freiheit» wird ausdrücklich auseinandergesetzt, wie der Mensch frei wird dadurch, daß er dasjenige sich erringt, was ihm möglich macht, Impulse aus der geistigen Welt heraus zu entnehmen. Es wird an einer Stelle sogar ausdrücklich gesagt: Die freien Impulse gehen aus der geistigen Welt heraus. — Das schließt aber nicht aus, daß der Mensch gerade dann gewissermaßen am freiesten handelt mit Bezug auf gewisse Geschehnisse, warum er ganz besonders der Notwendigkeit wiederum folgt. Denn man muß unterscheiden zwischen der rein äußeren physischen Notwendigkeit und der geistigen Notwendigkeit, obwohl beide im Grunde genommen ziemlich einerlei sind. Aber sie unterscheiden sich, man möchte sagen, in bezug auf die Schichtung im Weltendasein, in der sie sich befinden.
[ 18 ] Essentially, you will find the discussions on all of this—albeit framed in a more philosophical manner—in my Philosophy of Freedom, for in this Philosophy of Freedom it is explicitly explored how human beings become free by attaining that which enables them to draw impulses from the spiritual world. At one point it is even explicitly stated: Free impulses emanate from the spiritual world. — But this does not preclude the fact that human beings act, so to speak, most freely with regard to certain events precisely because they are following necessity in a very particular way. For one must distinguish between purely external physical necessity and spiritual necessity, although both are, in essence, quite the same. But they differ, one might say, in terms of the stratification within world existence in which they are situated.
[ 19 ] Das ist so: Betrachten Sie wiederum solch eine Gestalt wie zum Beispiel Goethe, die in die Weltgeschichte hineintritt und von der man sagen kann: Wir können die Erziehung eines solchen Menschen wie Goethe verfolgen, wir können sehen, wie er zu dem geworden ist, was er ist, können dann die Impulse verfolgen, die ihn angeleitet haben, seinen «Faust», seine anderen Dichtungen zustande zu bringen. Wir können gewissermaßen alles dasjenige, was Goethe geleistet hat, als ein Ergebnis der Erziehung Goethes ansehen. Und nun sehen wir eben das Goethe-Genie hingestellt. Gewiß, das können wir. Da bleiben wir ganz in Goethe drinnen stehen. Aber sehen Sie, wir können es anders machen. Wir können die geistige Entwickelung im 18. Jahrhundert verfolgen. Nehmen Sie Einzelheiten daraus. Nehmen Sie das zum Beispiel, daß, bevor Goethe an einen «Faust» gedacht hat, Lessing einen «Faust» projektiert hat, daß ein «Faust» schon da war. Man kann sagen, aus den geistigen Problemen, mit denen sich die Zeit beschäftigt hat, aus den geistigen Impulsen ist der Gedanke des «Faust» entstanden. Man kann nun sagen, wenn man den Lessingschen «Faust» und eine Menge anderer solcher «Faust»-Dichtungen prüft: es hat alles zu Faust hingeleitet. Man kann gewissermaßen Goethe auslassen, und man kommt auch zu Faust hin wie zu einer Notwendigkeit. Faust ist aus dem Früheren entstanden. Man kann also Goethes Entwikkelung verfolgen und kommt in seinen «Faust» hinein. Man kann Goethe mehr entwickelungsgemäß vor sich hinstellen, man kann ihn aber ganz auslassen, kann nun streng verfolgen, wie in Europa eine solche Dichtungsart eingetreten ist wie die Nibelungen, wie sich das verdichtet hat zur Parzival-Dichtung, wie Parzival ein strebender Mensch ist, aus einem gewissen Zeitabschnitte der Entwickelung heraus, wie dann eine andere Entwickelung heraufgekommen ist, wie durch eine andere Entwickelung die ParzivalIdee ja ganz vergessen worden ist und jene merkwürdige Idee Platz gegriffen hat, die im Volksbuch des Faust zum Ausdrucke gekommen ist, und die dann das hervorruft, daß ein «Faust» entsteht, man möchte sagen ein Parzival in einem späteren Zeitalter. Man kann Goethe ganz auslassen. Selbstverständlich muß man da nicht pedantisch sein, da tun fünfzig Jahre nichts. Die Zeit ist elastisch, sie kann sich dehnen nach vorn und hinten, also darauf kommt es nicht an. In dieser Weise bestimmt, daß die Zeit eine Rolle spielt, sind nur die ahrimanischen Dinge, die in der Welt vorgehen. Das, was von den guten Göttern herrührt, ist durchaus in der Zeit verschiebbar nach vorne undrückwärts. Aber man kann im allgemeinen sagen: auch wenn der Frankfurter Rat Kaspar Goethe und die Frau Aja nicht den Sohn Wolfgang gehabt hätten, oder wenn der Sohn Wolfgang, der ja, wie Sie wissen, ohnedies schwarz geboren worden ist und nahe daran war, gleich nach der Geburt zu sterben, wenn der gleich nach der Geburt gestorben wäre, so wäre ganz gewiß eben durch einen anderen auch so etwas entstanden, wie die Faust-Dichtung ist. Oder wenn Goethe im 14. Jahrhundert gelebt hätte, würde er sicher keinen «Faust» geschrieben haben. Das sind allerdings unreale Gedanken. Aber man muß sie sich manchmal vor die Seele stellen, um dasjenige, was real ist, einzusehen.
[ 19 ] Here’s the thing: Consider, for example, a figure like Goethe, who made his mark on world history and of whom one can say: We can trace the upbringing of a person like Goethe; we can see how he became what he is, and then trace the impulses that guided him to create his Faust and his other poetic works. In a sense, we can regard everything Goethe accomplished as a result of his upbringing. And now we see Goethe’s genius presented before us. Certainly, we can do that. In doing so, we remain entirely within Goethe himself. But you see, we can do it differently. We can trace the intellectual development of the 18th century. Take specific details from it. Take, for example, the fact that before Goethe even conceived of a Faust, Lessing had already planned a Faust—that a Faust already existed. One could say that the idea of Faust arose from the intellectual problems the era was grappling with, from the intellectual impulses of the time. One can now say, upon examining Lessing’s Faust and a host of other such Faust-like works: it all led to Faust. One can, so to speak, leave Goethe out of the picture, and one still arrives at Faust as a matter of necessity. Faust emerged from what came before. One can thus trace Goethe’s development and arrive at his Faust. One can place Goethe in the context of this development, but one can also omit him entirely; one can then rigorously trace how a poetic genre such as the Nibelungen emerged in Europe, how this crystallized into the Parzival epic, how Parzival is a striving human being, emerging from a certain phase of development, how another phase of development then arose, how, through that other development, the Parzival idea was indeed completely forgotten and that remarkable idea took hold—the one that found expression in the folk tale of Faust—and which then gave rise to Faust, one might say a Parzival of a later age. One can leave Goethe out entirely. Of course, one need not be pedantic here; fifty years make no difference. Time is elastic; it can stretch forward and backward, so that is not what matters. In this sense—that time plays a role—only the Ahrimanic forces at work in the world are affected. That which originates from the good gods can certainly be shifted forward or backward in time. But one can generally say: even if Kaspar Goethe and his wife Aja, members of the Frankfurt City Council, had not had a son named Wolfgang—or if their son Wolfgang, who, as you know, was born out of wedlock and was close to dying immediately after birth—had died right after birth, then something like the Faust poem would certainly have come into being through someone else. Or if Goethe had lived in the 14th century, he certainly would not have written Faust. These are, of course, unrealistic thoughts. But one must sometimes hold them before one’s mind in order to grasp what is real.
[ 20 ] Also man kann nun die Frage aufwerfen: Hat denn nun Goethe aus seiner Freiheit heraus den «Faust» oder überhaupt dasjenige, was sein Lebenswerk ist, gemacht, oder liegt da eine unbedingte Notwendigkeit vor? Die größte Freiheit liegt dann vor, wenn man das welthistorisch Notwendige macht! Denn wer glaubt, daß jemals die Freiheit gefährdet sein könnte durch dasjenige, was als Notwendigkeit in der Welt existiert, der soll nur auch gleich sagen: Ich will eine Dichtung schaffen, aber ich bin ein Mensch, der absolut frei wirken will! Also ich will einmal absehen von allen anderen Dichtern, die unfrei waren; ich will eine freie Dichtung schaffen. Aber frei könnte ich nicht sein, wenn ich die Worte benützen wollte, die in der Sprache sind, denn die sind ja durch uralte Notwendigkeit bewirkt. Na ja, das geht natürlich nicht! Ich will ein vollständiger Freiheitsheld sein. Ich mache mir also meine eigene Sprache. — Und nun beginnt er zunächst, sich seine Sprache zu machen. Ja, er würde natürlich das erreichen, daß er mit der Dichtung, die dann in einer noch nicht vorhandenen Sprache auftreten würde, zurückgestoßen würde von der ganzen Welt, daß er mit seiner Freiheit die Widerstandskraft der ganzen Welt entwickeln müßte, die sich ja zunächst selbstverständlich nur im Nichtverstehen äußern würde. Sie sehen daraus, daß gar nicht die Rede davon sein kann, daß Freiheit, die eingreift in den Strom des Geschehens, irgendwie sich beeinträchtigt fühlen kann von der Notwendigkeit, die in der fortgehenden Strömung des Weltengeschehens vorliegt.
[ 20 ] So one might now ask: Did Goethe create Faust—or indeed his life’s work as a whole—out of his own freedom, or was there an absolute necessity at work here? The greatest freedom exists when one does what is historically necessary! For anyone who believes that freedom could ever be endangered by what exists as necessity in the world should just go ahead and say: I want to create poetry, but I am a person who wants to work with absolute freedom! So I will set aside all other poets who were unfree; I want to create free poetry. But I could not be free if I wanted to use the words that exist in language, for they are, after all, the result of age-old necessity. Well, that’s not possible, of course! I want to be a complete hero of freedom. So I’ll create my own language.—And now he begins, first of all, to create his own language. Yes, he would, of course, end up being rejected by the whole world for his poetry—which would then appear in a language that does not yet exist—and he would have to use his freedom to provoke the resistance of the entire world, which, naturally, would initially manifest itself only as a lack of understanding. You can see from this that there can be no question of freedom—which intervenes in the flow of events—feeling in any way compromised by the necessity inherent in the ongoing current of world events.
[ 21 ] Man könnte sich auch einen Maler denken, der durchaus frei sein wollte, und der sagen würde: Ja, malen will ich schon, aber ich will nicht auf Leinwand malen oder überhaupt nicht auf eine Fläche malen; ich will frei malen. Versuche ich erst auf einer Grundlage zu malen, die mir gegeben wird? Das werde ich nicht tun! Denn dann bin ich gezwungen, überall der Fläche dieser Grundlage zu folgen. — Diese Grundlage aber hat eine ganz bestimmte Gesetzmäßigkeit. Man folgt ihr, aber das beeinträchtigt durchaus nicht, daß man die Freiheit entwickle.
[ 21 ] One could also imagine a painter who wanted to be completely free, and who would say: Yes, I do want to paint, but I don’t want to paint on canvas or on any surface at all; I want to paint freely. Should I first try to paint on a surface that is given to me? I will not do that! For then I am forced to follow the contours of that surface everywhere. — But this surface has a very specific set of rules. One follows them, but that in no way prevents one from developing freedom.
[ 22 ] Gerade bei den großen weltgeschichtlichen Ereignissen tritt es einem so recht entgegen, wie dasjenige, was man Notwendigkeit nennen kann, dann, wenn Bewußtsein im Spiele ist, mit Freiheit unmittelbar zusammentreten kann, wo Bewußtheit im Spiele ist. Ich sagte schon: Goethe würde im 14. Jahrhundert nicht haben den «Faust» schaffen können, denn daß im 14. Jahrhundert der «Faust» hätte entstehen können, ist absolut unmöglich. Er würde nicht den «Faust» haben schreiben können. Warum denn.nicht? Ja, weil es etwas gibt, was man bezeichnen muß als Leerheit des Weltgeschehens mit Bezug auf gewisse Entwickelungsimpulse. Geradeso, wie Sie in ein Faß nicht Wasser hineintun können, wenn das Faß schon voll Wasser ist, oder wie Sie nur ein gewisses QJuantum Wasser in ein Faß hineinschütten können, wenn das Faß eben teilweise schon mit Wasser gefüllt ist, so können Sie nicht in eine erfüllte Zeit etwas in beliebiger Weise hineingießen. Im 14. Jahrhundert ist für so etwas, wie es im Faust aus der geistigen Welt heruntergeflossen ist durch einen Menschen in die physische Welt, nicht Leerheit dagewesen, sondern Erfülltheit. Das Geschehen verläuft in Zyklen, und wenn ein Zyklus erfüllt ist, dann tritt Leerheit ein für neue Impulse, die sich dann hineinstellen können in das Weltengeschehen. Es muß erst ein Zyklus inhaltlich erfüllt werden und wiederum Leerheit eintreten in bezug auf diesen Zyklus. Dann können sich in die Leerheit neue Impulse hineinbegeben. Mit Bezug auf dasjenige, was an Impulsen aus der geistigen Welt durch Goethe heruntergeflossen ist in die physische Welt, war Leerheit eingetreten innerhalb der Kulturentwickelung, in der Goethe gestanden hat. Und die Entwickelung verläuft so, daß sie wirklich wellenartig verläuft: Leerheit — höchste Erfülltheit — abflutend wiederum Leerheit. Dann kann Neues hineinkommen.
[ 22 ] It is precisely in the context of major events in world history that one truly encounters how what one might call “necessity,” when consciousness is at play, can come into direct conflict with freedom, where self-awareness is at play. As I have already said: Goethe could not have created Faust in the 14th century, for it is absolutely impossible that Faust could have come into being in the 14th century. He could not have written Faust. Why not? Because there is something that must be described as a void in world history with regard to certain developmental impulses. Just as you cannot pour water into a barrel if the barrel is already full of water, or as you can pour only a certain amount of water into a barrel if it is already partially filled with water, so you cannot pour anything into a time that is already fulfilled in any arbitrary way. In the 14th century, there was no emptiness for something like what flowed down from the spiritual world into the physical world through a human being in Faust; rather, there was fullness. Events unfold in cycles, and when a cycle is fulfilled, emptiness sets in to make way for new impulses, which can then enter into the course of world events. A cycle must first be fulfilled in terms of content, and emptiness must then set in with regard to that cycle. Only then can new impulses enter into that emptiness. With regard to the impulses that flowed down from the spiritual world through Goethe into the physical world, emptiness had set in within the cultural development in which Goethe was embedded. And development proceeds in such a way that it truly unfolds in waves: emptiness—supreme fulfillment—then ebbing back into emptiness. Then something new can enter.
[ 23 ] Darnach richtet nun der Mensch, der zwischen dem Tod und einer neuen Geburt steht, seine Inkarnation ein. Er richtet seine Inkarnation so ein, daß er in der physischen Welt denjenigen Grad von Leerheit oder Erfülltheit trifft, der für seine Impulse das Richtige ist. Jemand, der aus seinen früheren Inkarnationen solche Impulse mitbringt, die als Impulse allerersten Ranges wirken können, also ins Leere hineinfallen müssen, der muß in einem Zeitraume erscheinen, wo in der Welt Leerheit ist. Wer solche Impulse hat, die erst wiederum empfangen werden müssen von der Welt, der muß in einen solchen Zeitraum hineinfallen mit seiner neuen Inkarnation, wo Erfüllung für die Leerheit sein kann. Natürlich ist das für die verschiedensten Gebiete so, daß sie sich durchkreuzen. Das ist ja ganz selbstverständlich. Also wir sehen daraus, daß in gewisser Beziehung wir uns — wenn wir das Wort gebrauchen dürfen — den Zeitpunkt wählen, in dem wir hinunterkommen in die Welt, nach unseren inneren Qualitäten, die wir in uns haben. Und danach richtet sich die innere Notwendigkeit, mit der wir wirken.
[ 23 ] A person standing between death and a new birth then arranges his incarnation accordingly. He arranges his incarnation in such a way that, in the physical world, he encounters the degree of emptiness or fulfillment that is right for his impulses. Someone who brings with them from their previous incarnations impulses that can act as impulses of the very highest order—and thus must fall into emptiness—must appear during a period when there is emptiness in the world. Those who have impulses that must first be received anew by the world must, with their new incarnation, enter a period where fulfillment can be found for that emptiness. Of course, this applies to a wide variety of fields, which intersect with one another. That goes without saying. So we see from this that, in a certain sense—if we may use the term—we choose the moment when we descend into the world according to the inner qualities we possess. And the inner necessity with which we act is determined by this.
[ 24 ] Wenn Sie dies jetzt ins Auge fassen, dann wird Ihnen kein Widerspruch mehr bestehen, wenn Sie die aufeinanderfolgenden Ereignisse in der Zeitströmung beobachten und sich sagen: Parzival und so weiter, Faust, das geht so fort, und dann kommt Goethe, und aus seinem Innern heraus kommt dasjenige, was aber ebensogut begriffen werden kann in der aufeinanderfolgenden Zeitströmung. Sie werden keinen Widerspruch mehr empfinden, weil von oben Goethe hinunterschaute und sich oben das in seinem Innern vorbereitete, was dann außen in einem Werke werden konnte. Er läßt also aus seinem Innern dann, indem er auf dem physischen Plane ist, das hervorströmen, was er aufgenommen hat gerade in den vorhergehenden Jahrhunderten, in denen sich die fortflutenden Ereignisse abgespielt haben. Es ist zwischen diesen zwei Behauptungen «Goethes Werk hat in einer bestimmten Zeit hervorgebracht werden müssen» und «Goethe hat es frei hervorgebracht» ebensowenig ein Widerspruch, als wenn ich hier ein Brett hätte, und hier hätte ich 1, 2, 3, 4, 5, 6 Kugeln, also eine Reihe von Kugeln. Dann komme ich mit einem kleinen Becher und sage: die erste Kugel fülle ich in den Becher, die zweite Kugel fülle ich in den Becher, die dritte Kugel fülle ich in den Becher, die vierte Kugel und so weiter, und hier lade ich sie aus. Da sagt einer aber: Die Kugeln, die jetzt da liegen, das sind doch dieselben Kugeln, die dagewesen sind. Nein, sagt ein anderer, das sind die Kugeln, die drinnengewesen sind in dem Becher; aus dem habe ich sie herausgetan.
[ 24 ] If you now take this into account, you will no longer find any contradiction when you observe the successive events in the flow of time and say to yourself: Parzival and so on, Faust—it goes on like that—and then comes Goethe, and from within him emerges that which can, however, just as well be understood within the successive flow of time. You will no longer perceive any contradiction, because Goethe looked down from above, and what was then taking shape within him was prepared there, which could then become a work on the outside. Thus, while on the physical plane, he allows what he has absorbed—precisely during the preceding centuries in which the flowing events took place—to stream forth from within him. There is just as little contradiction between these two statements—“Goethe’s work had to be produced at a specific time” and “Goethe produced it freely”—as if I had a board here, and here I had 1, 2, 3, 4, 5, 6 balls—that is, a row of balls. Then I come along with a small cup and say: I’ll pour the first ball into the cup, the second ball into the cup, the third ball into the cup, the fourth ball, and so on, and here I’ll empty them out. But then someone says: The balls lying there now are surely the same balls that were there before. “No,” says another, “those are the marbles that were inside the cup; I took them out of there.”
[ 25 ] Beide Behauptungen können durchaus nebeneinander bestehen. Was in der Zeit sich abgespielt hat, was zuletzt zum «Faust» geführt hat, das ist dasjenige, was sich eingelebt hat in die Seele Goethes, und aus der Seele Goethes kommt es, weil es sich in der Seele Goethes durch die Beobachtung aus der geistigen Welt herunter eben angehäuft hat. Denn wir nehmen immer teil an der gesamten Entwickelung der Welt. Wenn wir nun das so betrachten, so werden wir uns sagen können: In dem Augenblicke , wo wir in die Vergangenheit blicken, müssen wir das Vergangene selbst als ein Notwendiges ansehen. Und wenn wir auf uns blicken und auch das Vergangene gegenwärtig wieder hervorbringen, wenn wir es nur bewußt hervorbringen, so stellen wir in die Gegenwart das in der Vergangenheit notwendig Vorbereitete dennoch durch Freiheit hinein. So kann derjenige der Allerfreieste sein, der das volle Bewußtsein entwickeln kann: Mit dem, was ich tue, tue ich nichts anderes als dasjenige, was geistig notwendig ist. Die Dinge lassen sich nicht mit einer pedantischen Logik entwickeln, sondern die Dinge lassen sich eben nur durch völlig lebendiges Auffassen der Wirklichkeit erschauen.
[ 25 ] Both claims can certainly coexist. What unfolded over time—what ultimately led to Faust—is precisely what took root in Goethe’s soul, and it comes from Goethe’s soul because it accumulated there through observations drawn down from the spiritual world. For we always participate in the entire development of the world. If we now consider this, we will be able to say to ourselves: At the very moment we look back into the past, we must regard the past itself as something necessary. And when we look at ourselves and bring the past back into the present—provided we bring it forth consciously—we nevertheless introduce into the present, through freedom, that which was necessarily prepared in the past. Thus, the one who can develop the full awareness that “with what I do, I do nothing other than what is spiritually necessary” can be the freest of all. Things cannot be understood through pedantic logic; rather, they can only be perceived through a fully living grasp of reality.
[ 26 ] Wir können uns noch in einer Weise helfen, um die Sache vollständig zu durchschauen. Wir können uns einmal fragen: Nun ja, schauen wir also zum Beispiel die Tiere an. Für sie ist das Bewußtsein herabgestimmt. Wir wissen, sie haben ein herabgestimmtes Bewußtsein. Das ist öfter von mir ausgeführt. Schauen wir uns den Menschen an: er hat einen Grad von Bewußtsein, der so ist, daß eben Freiheit sich geltend machen kann. Wie ist es denn nun mit dem Bewußtsein der Engel, also derjenigen Wesen, die unmittelbar über dem Menschen stehen? Wie ist es mit dem Bewußtsein der Engel?
[ 26 ] There is one more way we can help ourselves to fully understand the matter. Let’s ask ourselves: Well, let’s take a look at animals, for example. Their consciousness is lowered. We know they have a lower level of consciousness. I have explained this many times. Let’s look at human beings: they have a level of consciousness that allows freedom to assert itself. What, then, about the consciousness of the angels—that is, those beings who stand immediately above human beings? What about the consciousness of the angels?
[ 27 ] Es ist sogar sehr schwierig, gleich zu durchschauen das Bewußtsein der Angeloi. Sehen Sie, wenn man als Mensch etwas tun will, dann überlegt man, wie das, was man tun will, sein soll. Und es ist einem mißlungen, wenn auf dem physischen Plane nicht dasjenige eintritt, wovon man sich vorgestellt hat, daß es auf dem physischen Plane eintreten soll. Wenn jemand zwei Stücke Zeug zusammennäht, und, wenn er sie zusammengenäht hat, sie dann auseinandergehen, so ist ihm die Tat mißlungen. Ja, bei der Nähmaschine kann es schon passieren. Dann ist die Tat mißlungen. Also, wenn dasjenige nicht eintritt, was man als eine Vorstellung vorausfaßt für den physischen Plan, dann sagt man: die Tat ist mißlungen. Das heißt, man geht mit seinem Wollen aus auf etwas, das man sich dem Bilde nach ausmalt, wie es auf dem physischen Plan sein soll. So geschieht das Wollen beim Menschen. Nicht so bei den Angeloi.
[ 27 ] It is actually very difficult to immediately grasp the consciousness of the Angeloi. You see, when a human being wants to do something, they think about how what they want to do should be. And one has failed if the mental image one had of what would happen on the physical plane does not actually occur there. If someone sews two pieces of fabric together, and once they’re sewn, they come apart, then the action has failed. Yes, that can happen even with a sewing machine. Then the action has failed. So, if the mental image one has conceived for the physical plane does not come to pass, then one says: the act has failed. That is to say, one directs one’s will toward something that one imagines, based on the image of how it should be on the physical plane. This is how willing occurs in human beings. It is not so with the angels.
[ 28 ] Bei den Angeloi liegt alles in der Absicht. Eine Absicht eines Angeloi kann in der verschiedensten Weise zur Ausführung kommen und es kann doch der Effekt ganz derselbe sein. Es ist einmal wahr, aber es ist natürlich etwas, das, ich möchte sagen, sich im Begriffe gegenüber der gewohnten Logik spießen will. Nur beim Künstlerischen, wenn man das Künstlerische aber menschlich nimmt, da kann man sich diesem Bewußtsein angenähert fühlen. Denn Sie werden immer finden, daß, wenn der Künstler also die Sache menschlich nehmen kann — er braucht ja nicht immer in der Lage zu sein, sein Künstlerisches menschlich zu nehmen, aber wenn er sein Künstlerisches menschlich nehmen kann —, dann kann er unter Umständen dasjenige, was ihm ins Gegenteil gelungen ist, was ihm sogar mißlungen ist, für mehr wert halten als das, was ihm in der Weise gelungen ist, daß er es gerade so ausgeführt hat, wie es hätte werden sollen. Da nähert man sich ein wenig dem außerordentlich schwer Denkbaren, daß beim Bewußtsein der Angeloi, beim Wollen der Angelo: alles ankommt auf die Absichten, und daß diese Absichten in der verschiedensten Weise, ja sogar in der entgegengesetztesten Weise sich auf dem physischen Plane realisieren können. Das heißt, wenn sich ein Engel etwas vornimmt, so nimmt er sich etwas ganz Bestimmtes vor, aber nicht so, daß er sagt: Auf dem physischen Plane muß es so und so aussehen. Das liegt noch gar nicht drinnen. Das wird er erst wissen, wenn es da ist.
[ 28 ] With the Angeloi, everything lies in intention. An Angeloi’s intention can be carried out in a wide variety of ways, and yet the effect can be exactly the same. This is certainly true, but it is, of course, something that—I would say—seems to defy conventional logic. Only in the realm of art—if one approaches art from a human perspective—can one feel a sense of connection to this awareness. For you will always find that when the artist is able to approach his work from a human perspective—he need not always be in a position to do so, but when he can— then, under certain circumstances, he may consider that which he has achieved in the opposite way—or which has even failed him—to be of greater value than that which he has achieved precisely by executing it exactly as it should have been. Here one comes a little closer to the extraordinarily difficult-to-conceive idea that, in the consciousness of the angels, in the will of the angels, everything depends on intentions, and that these intentions can be realized on the physical plane in the most diverse ways, indeed even in the most opposite ways. That is to say, when an angel sets out to do something, he sets out to do something quite specific, but not in the sense that he says: “On the physical plane, it must look like this or that.” That is not part of it at all. He will only know that once it is there.
[ 29 ] Wir haben gesehen, und ich habe darauf aufmerksam gemacht: sogar bei den Elohim ist ein solches der Fall. Die Elohim schufen das Licht und sie sahen, daß das Licht gut war. Das heißt, dasjenige, was beim Menschen das erste ist, die Vorstellung dessen, was auf dem physischen Plane da ist, das ist im Bewußtsein der geistigen Wesen, die über dem Menschen stehen, gar nicht das erste, sondern da ist das erste die Absicht, und wie es ausgeführt wird, das ist eine ganz andere Frage. Nun ist ja der Mensch in dieser Beziehung natürlich das Mittelgeschöpf zwischen Tier und Engel. Daher neigt er auf der einen Seite mehr in die Bewußtlosigkeit des Tieres hinunter. Überall da, wo Verbrecherisches zutage tritt, ist es jaim wesentlichen die Tierheit, die das im Menschen verursacht. Aber er neigt auf der anderen Seite schon auch hinauf, ich möchte sagen, zum Bewußtsein der Angeloi. Das ist schon so, daß der Mensch die Möglichkeit in sich trägt, über das gewöhnliche Bewußtsein hinaus ein höheres Bewußtsein zu entwickeln, wo ihm die Absichten in einer anderen Weise vors Auge treten, als es sonst beim gewöhnlichen Bewußtsein der Fall ist.
[ 29 ] We have seen, and I have pointed out, that this is true even of the Elohim. The Elohim created the light, and they saw that the light was good. This means that what is primary for human beings—the mental image of what exists on the physical plane—is not at all the primary concern in the consciousness of the spiritual beings who stand above humanity; rather, the primary concern is the intention, and how it is carried out is an entirely different matter. Now, in this regard, human beings are, of course, the intermediate beings between animals and angels. Therefore, on the one hand, they tend to lean more toward the unconsciousness of animals. Wherever criminal behavior comes to light, it is essentially the animal nature that causes this in human beings. But on the other hand, they also tend upward—I would say—toward the consciousness of the angels. It is indeed true that human beings carry within themselves the potential to develop a higher consciousness beyond ordinary consciousness, in which intentions present themselves to them in a different way than is usually the case with ordinary consciousness.
[ 30 ] Da kann man eben sagen: Nehmen wir einmal an, man läßt sich als ein Mensch auf wichtige Lebensprobleme ein. Dann kann man nicht so mit seinen Absichten gehen, wie man es gewöhnlich macht. Nehmen wir zum Beispiel an, man bekommt als Erzieher — aber jetzt Erzieher im richtigen Sinne — irgendein Kind zu erziehen. Nicht wahr, der Durchschnittsmensch hat seine Erziehungsprinzipien, seine pädagogischen Prinzipien. Der weiß, wann er prügeln soll oder nicht prügeln soll, vielleicht auch, daß er gar niemals prügeln soll und so weiter. Er weiß, wie man das macht, wie man jenes macht. Aber wer die Sache von dem Standpunkte eines höheren Bewufßtseins aus betrachtet, der wird nicht immer in dieser Weise urteilen, sondern er wird alles dem Leben überlassen. Er wird warten, was er beobachten kann. Er wird sich nur das eine vorsetzen: die Absicht, dasjenige zu erreichen, was ihm veranlagt erscheint. Aber dieses veranlagt Erscheinende kann auf vieldeutige Weise erreicht werden. Das ist dasjenige, um was es sich handelt.
[ 30 ] One might simply say: Let’s assume that, as a human being, one engages with important life issues. Then one cannot proceed with one’s intentions the way one usually does. Let’s assume, for example, that as an educator—but an educator in the true sense of the word—one is tasked with raising a child. Isn’t it true that the average person has their own principles of upbringing, their own pedagogical principles? They know when to use corporal punishment and when not to, and perhaps even that they should never use it at all, and so on. They know how to do this and how to do that. But anyone who views the matter from the standpoint of a higher consciousness will not always judge in this way; rather, they will leave everything to life itself. They will wait to see what they can observe. They will set only one goal for themselves: the intention to achieve what seems to them to be the child’s natural disposition. But what appears to be his destiny can be achieved in many different ways. That is what this is all about.
[ 31 ] So werden wir, wenn wir alle diese Dinge zusammennehmen, jetzt auch einsehen, wie wir, um den ganzen Menschen in bezug auf Notwendigkeit und Freiheit zu verstehen, das äußerlich Physische am Menschen beachten müssen und das Innerliche, also zunächst das Ätherische. Wenn wir bloß auf den Ätherleib des Menschen sehen: ich habe Sie schon darauf aufmerksam gemacht, wie der Ätherleib des Menschen ganz andere Wege geht als der physische Leib. Der physische Leib des Menschen — so sagte ich Ihnen einmal —, er ist zuerst jung. Er entwickelt sich dann, wird älter, wird endlich greisenhaft. Der Ätherleib macht das Gegenteil. Wenn wir sagen, wir «altern» in bezug auf den physischen Leib, so müssen wir eigentlich sagen, wir «jüngern» in bezug auf den Ätherleib. Denn der Ätherleib ist in der Tat, wenn wir das Wort «alt» und jung« anwenden wollen, ein Greis, wenn wir geboren werden, denn da ist er ganz zusammengerunzelt, so klein, daß er nur für uns paßt. Wenn wir nun ein normales Alter erreichen und sterben, dann ist dieser Ätherleib wiederum soweit verjüngt, daß wir ihn der ganzen Welt übergeben können, und daß er außen wiederum jung wirken kann. Während der physische Leib altert, «jüngt» der Ätherleib. Der wird immer jünger.
[ 31 ] So, when we take all these things together, we will now also see how, in order to understand the whole human being in terms of necessity and freedom, we must consider both the outwardly physical aspect of the human being and the inner aspect—that is, first and foremost, the etheric. If we look solely at the human etheric body: I have already drawn your attention to how the human etheric body follows entirely different paths than the physical body. The human physical body—as I once told you—is young at first. It then develops, grows older, and finally becomes senile. The etheric body does the opposite. When we say we “age” with regard to the physical body, we must actually say that we “grow younger” with regard to the etheric body. For the etheric body is, in fact—if we wish to use the words “old” and “young”—an old man when we are born, for then it is all wrinkled up, so small that it fits only us. When we reach a normal age and die, this etheric body has once again become so rejuvenated that we can hand it over to the whole world, and it can once again appear young to the outside world. While the physical body ages, the etheric body “rejuvenates.” It becomes younger and younger.
[ 32 ] Wenn wir zu einer abnormen Zeit sterben, Jung sterben, so kann ja der Ätherleib solche Bedeutungen haben wie diejenigen, die ich Ihnen angeführt habe. Aber nicht nur in bezug zum Beispiel auf dieses Altern müssen wir auf diese Verschiedenheit von physischem Leib und Ätherleib sehen, sondern auch in bezug auf Notwendigkeit und Freiheit. Dann, wenn der Mensch am allermeisten in die Notwendigkeit eingespannt ist mit Bezug auf das, was er mit seinem physischen Leibe oder überhaupt als Wesen auf dem physischen Plane vollzieht, dann ist sein Ätherleib am freiesten, dann ist sein Ätherleib ganz sich selbst überlassen. Mit Bezug auf alles dasjenige, wohinein wir in die Notwendigkeit gespannt sind, ist der Ätherleib sich selbst überlassen. Mit Bezug auf alles das, wo der Ätherleib sich in eine Notwendigkeit hineinspannt, ist dasjenige, was der Mensch auf dem physischen Plane entwickelt, in Freiheit begriffen. Während also der physische Leib der Notwendigkeit unterliegt, hat der Ätherleib ein gleiches Maß von Freiheit, und während der Ätherleib einer Notwendigkeit unterliegt, hat dasjenige, was den physischen Leib betrifft, ein gewisses Maß von Freiheit. Was bedeutet das?
[ 32 ] If we die at an abnormal time—if we die young—then the etheric body can indeed have meanings such as those I have mentioned to you. But we must consider this distinction between the physical body and the etheric body not only in relation to aging, for example, but also in relation to necessity and freedom. Then, when a human being is most bound by necessity with regard to what they accomplish with their physical body—or indeed as a being on the physical plane in general—their etheric body is at its freest; their etheric body is entirely left to its own devices. With regard to everything in which we are bound by necessity, the etheric body is left to its own devices. With regard to everything in which the etheric body becomes bound by necessity, that which the human being develops on the physical plane is encompassed by freedom. Thus, while the physical body is subject to necessity, the etheric body possesses an equal measure of freedom; and while the etheric body is subject to necessity, that which concerns the physical body possesses a certain measure of freedom. What does this mean?
[ 33 ] Also nehmen Sie einmal an: Sie werden nicht sagen können, daß es Ihnen ganz freisteht, aufzustehen und sich schlafen zu legen, wann Sie wollen. Man steht morgens auf und legt sich abends schlafen. Von einer Freiheit kann da gar nicht die Rede sein. Das hängt zusammen mit eisernen Notwendigkeiten des Lebens. Und selbst wenn Sie irgendwie variieren lassen die Zeit des Aufstehens und Schlafengehens, kann von einer Freiheit gar nicht die Rede sein. Auch essen Sie jeden Tag. Von einer Freiheit kann da nicht die Rede sein. Sie können sich nicht dazu entschließen, diese Notwendigkeit zu durchbrechen und sich Ihre Freiheit dadurch zu suchen, daß Sie zum Beispiel nicht essen, weil Sie das als Zwang empfinden würden, zu essen. In bezug auf alle diese Dinge ist der Mensch in Notwendigkeiten eingespannt. Warum ist er in Notwendigkeiten eingespannt? Weil der Begleiter — wie ich das letzte Mal gesagt habe —, der in seinem Innern ist, der mitgeht während des Lebens hier auf dem physischen Plane mit allem, was mit dem physischen Plane zusammenhängt, was in eine Notwendigkeit eingespannt ist, weil der mittlerweile in Freiheit lebt. Wenn wir uns aber nun mit dem Innern, mit dem Ätherleib in die Notwendigkeit begeben, wodurch kann das geschehen? Gerade dadurch, daß wir uns dem, was wir als eine Notwendigkeit erkennen, bewußt hingeben. Also so, daß wir uns zum Beispiel sagen: Gegenwärtig ist die Zeit, wo derjenige, der dazu reif ist, der das einsehen kann, sich mit der Geisteswissenschaft befassen soll. Selbstverständlich ist niemand äußerlich notwendig dazu gezwungen. Aber man kann es einsehen als eine innere Notwendigkeit, weil es im gegenwärtigen Menschheitszyklus notwendig ist. Man unterwirft sich so erst aus Freiheit der Notwendigkeit. Nichts zwingt einen äußerlich auf dem physischen Plan. Innerlich muß man aus Freiheit gewissermaßen der Nötigung folgen. Da macht sich der Ätherleib selber den Impuls, der ihn mit Notwendigkeit durchdringt. Da macht sich der Ätherleib selber die Notwendigkeit und versetzt sich dadurch in die Möglichkeit, das, was mit Bezug auf den physischen Plan geschieht, in Freiheit zu entwickeln. Das heißt, man lernt die geistige Notwendigkeit kennen und macht sich dadurch immer mehr und mehr frei für alles dasjenige, was das Leben auf dem physischen Plane ist.
[ 33 ] So let’s suppose for a moment: You cannot say that you are completely free to get up and go to sleep whenever you want. You get up in the morning and go to sleep at night. There can be no question of freedom here. This is tied to the ironclad necessities of life. And even if you were somehow able to vary the times you get up and go to sleep, there can be no question of freedom at all. You also eat every day. There can be no question of freedom there either. You cannot decide to break through this necessity and seek your freedom by, for example, not eating, because you would perceive that as a compulsion to eat. In all these respects, the human being is bound by necessities. Why is he bound by necessities? Because the companion—as I said last time—who is within him, who accompanies him throughout life here on the physical plane with everything connected to the physical plane, is bound by necessity, because he now lives in freedom. But if we now enter into necessity with our inner being, with the etheric body, how can this happen? Precisely by consciously surrendering ourselves to what we recognize as a necessity. For example, by saying to ourselves: “Now is the time when those who are ready for it, who can see this, should engage with Spiritual Science.” Of course, no one is outwardly compelled to do so. But one can recognize it as an inner necessity, because it is necessary in the present cycle of humanity. In this way, one submits to necessity out of freedom. Nothing compels one externally on the physical plane. Internally, one must, so to speak, follow the compulsion out of freedom. There, the etheric body creates for itself the impulse that permeates it with necessity. In this way, the etheric body creates the necessity for itself and thereby places itself in a position to freely develop whatever occurs in relation to the physical plane. This means that one comes to know spiritual necessity and thereby becomes more and more free for everything that constitutes life on the physical plane.
[ 34 ] Nun werden Sie sagen: Also müßte man eigentlich dadurch, daß man sich in eine geistige Notwendigkeit hineinfindet, freier werden für das Leben auf dem physischen Plane. Das ist tatsächlich auch so. Dadurch, daß man sich mit der Strömung des Geistigen in der Welt verbindet, daß man den Strom des Geistigen durch sich durchgehen läßt, nimmt man in der Tat Elemente auf, die einen losreißen von dem Verkettetsein mit der physischen Welt. Selbstverständlich, von dem kann man sich nicht losreißen, was einem zugeteilt ist durch seine vorhergehende Inkarnation, durch sein Karma. Aber wenn man sich nicht in der geschilderten Weise durch Erkenntnis der geistigen Notwendigkeit frei macht von den notwendigen Bedingungen des physischen Planes, so bleibt man nach dem Tode mit diesen notwendigen Bedingungen des physischen Planes verbunden, und man schleppt sie mit. Man schleppt die Notwendigkeiten des physischen Planes durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit. Man wird nicht frei davon. In jedem Augenblicke wird man immer freier und freier von den Notwendigkeiten des physischen Planes, in dem man sich verbindet mit seinem Ätherleib mit den Notwendigkeiten des geistigen Planes. Das ist wirklich so, daß, wenn man in freier Entschließung einem rein im Geistigen erkannten Impulse folgen kann, man immer freier wird für alles dasjenige, was einen sonst an das physische Leben kettet, kettet weit über den Tod hinaus. Dagegen für alles dasjenige, an was man im physischen Leben gekettet ist, was nicht zu ändern ist, für das wird gerade der Ätherleib als solcher immer freier und freier.
[ 34 ] Now you might say: So, by finding oneself in a spiritual necessity, one should actually become freer for life on the physical plane. That is indeed the case. By connecting with the spiritual current in the world, by allowing the stream of the spiritual to flow through oneself, one does in fact absorb elements that free one from being chained to the physical world. Of course, one cannot break free from what has been assigned to one through one’s previous incarnation, through one’s karma. But if one does not free oneself from the necessary conditions of the physical plane in the manner described—through an awareness of spiritual necessity—then after death one remains bound to these necessary conditions of the physical plane and carries them along. One carries the necessities of the physical plane with one through the life between death and a new birth. One does not become free of them. At every moment, one becomes freer and freer from the necessities of the physical plane to the extent that one connects, through one’s etheric body, with the necessities of the spiritual plane. It is indeed true that when one can, of one’s own free will, follow an impulse recognized purely in the spiritual realm, one becomes ever freer from all that would otherwise chain one to physical life—a chain that extends far beyond death. Conversely, with regard to all that to which one is chained in physical life—that which cannot be changed—the etheric body itself becomes ever freer and freer.
[ 35 ] Und so können wir sehen, wie zusammenwirken auf dem physischen Plane Freiheit und Notwendigkeit, aber auch für den Ätherleib Freiheit und Notwendigkeit. Der Ätherleib bekommt seine Freiheit durch die Notwendigkeit des physischen Planes, und seine Notwendigkeit muß er selber einsehen. Der physische Leib bekommt eben gerade seine Freiheit dadurch, daß der Ätherleib seine Notwendigkeit einsieht, und seine Notwendigkeit ist ihm gegeben durch die Art und Weise, wie er karmisch sich hineingestellt hat in den ganzen Verlauf des physischen Planes.
[ 35 ] And so we can see how freedom and necessity interact on the physical plane, but also how freedom and necessity interact within the etheric body. The etheric body derives its freedom from the necessity of the physical plane, and it must recognize this necessity for itself. The physical body, in turn, derives its freedom precisely from the fact that the etheric body recognizes its necessity, and this necessity is given to it by the way in which it has karmically positioned itself within the entire course of the physical plane.
[ 36 ] So wirken organisch ineinander der frei-notwendige physische Mensch und der notwendig-freie geistig-seelische Mensch. Freiheit und Notwendigkeit gehen immer ineinander. Aber unmöglich ist es, daß wir einer reinen Notwendigkeit hingegeben sind, wenn wir voll bewußt sind. Dadurch, daß wir etwas mit Bewußtheit durchdringen, daß wir es also so aufnehmen, wie wir voll bewußt davon sein können, dadurch waltet Freiheit in unserer Seele. Dadurch heben wir uns heraus mit unserer Seele aus der Notwendigkeit und machen uns für dasjenige, dessen wir uns bewußt sind, frei. Ja, aber wenn wir nun geistig eine Notwendigkeit erkennen, wenn wir gerade erkennen, daß notwendig ist in der gegenwärtige Zeit, die Strömung der Geisteswissenschaft aufzunehmen, wenn wir uns also gewissermaßen frei in eine Notwendigkeit hineinfügen? Machen wir uns auch dadurch unbewußst? In gewissem Sinne ja! Wir machen uns in gewissem Sinne unbewußstt, denn wir entschließen uns dazu, unser Bewußtsein gerade so weit zu entfalten, bis wir am Tore ankommen, in das hineinströmt, in das hineinleuchtet dasjenige, was aus der geistigen Welt kommen soll. Dann aber nehmen wir das, was aus der geistigen Welt kommen soll, auf, neigen uns den waltenden, wirkenden Mächten, die in der geistigen Welt sich zu uns herniedersenken. Deshalb sprechen wir ja davon, daß wir uns hinaufarbeiten, indem wir uns in die geistige Notwendigkeit hineinarbeiten, zu den Wesen, die sich zu uns neigen. Deshalb werden wir es immer betonen: Wir schweben mit unserem Bewußtsein entgegen den Wesen, die uns durchdringen, die uns durchpulsen aus der geistigen Welt heraus, und wir erwarten, indem wir uns sagen: Notwendig fügen wir uns ein in die Impulse, die aus der geistigen Welt kommen, — wir erwarten, daß dadurch in diese unsere Impulse sich zugleich die Impulse höherer geistiger Wesen hineinsenken. Und dadurch tritt jene relative, jene tiefe Unbewußtheit zutage, wo wir wirksam dasjenige, was geistig in uns wirkt, so empfinden, wie sonst eben eine unbewußte Handlung, wo wir wirklich sicher sind: Der Geist ist in uns, und wo wir ihm folgen dürfen. Ja, wo wir ihm folgen dürfen.
[ 36 ] Thus, the freely necessary physical human being and the necessarily free spiritual-soul human being interact organically with one another. Freedom and necessity are always intertwined. But it is impossible for us to be subject to pure necessity when we are fully conscious. By penetrating something with consciousness—that is, by taking it in in a way that allows us to be fully aware of it—freedom reigns in our soul. In this way, we lift ourselves out of necessity with our soul and make ourselves free for that of which we are conscious. Yes, but what if we now recognize a necessity spiritually—if we recognize precisely that it is necessary at the present time to embrace the current of Spiritual Science—if, in a sense, we freely submit ourselves to a necessity? Does this also make us unconscious? In a certain sense, yes! We make ourselves unconscious in a certain sense, for we resolve to unfold our consciousness just far enough to reach the gateway into which flows and shines that which is to come from the spiritual world. But then we receive what is to come from the spiritual world, and we incline ourselves toward the ruling, active forces that descend to us from the spiritual world. That is why we speak of working our way upward by working our way into spiritual necessity, toward the beings who incline toward us. That is why we will always emphasize this: We soar with our consciousness toward the beings who permeate us, who pulse through us from the spiritual world, and we expect—as we tell ourselves: “We must necessarily align ourselves with the impulses coming from the spiritual world”—we expect that through this, the impulses of higher spiritual beings will simultaneously sink into our own impulses. And through this, that relative, that deep unconsciousness comes to light, where we effectively perceive what is spiritually at work within us in the same way as an unconscious action, where we are truly certain: The Spirit is within us, and where we may follow it. Yes, where we may follow it.
[ 37 ] Jetzt kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Wenn man bewußt grübeln würde, was alles folgt aus solchen bedeutsamen Ereignissen, wie die der Gegenwart zum Beispiel sind — ich habe sie vorhin verglichen mit den römisch-germanischen Kriegen —, wenn man nun grübelt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein, so kommt man zu nichts. In dem Augenblicke aber, wo man sich sagen kann, man will das Rechte nicht durch Grübeln erreichen, sondern man will das Rechte dadurch erreichen, daß das Geistige einströmt, daß man sich dem geistigen Impuls überläßt, dann braucht man nicht zu grübeln. Dann weiß man, diese geistigen Impulse führen, wenn man sich nur von ihnen ergreifen läßt, zum Rechten, die führen zu Strömungen, die auch über die Jahrhunderte, die auch über die Jahrtausende hinausgehen. Das ist dasjenige, was wichtig ist.
[ 37 ] Now we return to our starting point. If one were to consciously ponder what follows from such significant events as those of the present, for example—I compared them earlier to the Roman-Germanic wars—if one were to ponder them with ordinary consciousness, one would come to nothing. But the moment one can say to oneself, “I do not want to attain the truth through brooding, but rather by allowing the spiritual to flow in, by surrendering to the spiritual impulse,” then there is no need to brood. Then one knows that these spiritual impulses, if one simply allows oneself to be carried away by them, lead to what is right; they lead to currents that extend beyond the centuries and even beyond the millennia. That is what is important.
[ 38 ] Dann sagt man: Man braucht jetzt nicht zu denken, die Dinge müssen heute so und morgen so verlaufen, damit das und das und das geschehen kann, sondern dann sagt man sich: Wir leben gegenwärtig in demjenigen Zeitabschnitt der Menschheit, in der Epoche, wo die Weiterentwickelung des irdischen Daseins nur dadurch in der rechten Weise vor sich gehen kann, daß geistige Impulse aus der geistigen Welt unmittelbar ergriffen werden. Also müssen sie ergriffen werden. Und dasjenige, was äußerlich auf dem physischen Plan geschieht, das muß sich damit notwendigerweise verbinden, in der richtigen Weise verbinden. Dann wird das Rechte geschehen. Dann weiß man, ohne daß man nachgrübelt, was morgen und übermorgen sein wird, daß das sich vollziehen wird, daß da die Seelen, die jetzt durch die Todespforte gehen, sowohl in ihrem Ätherleib wie als Seelen, wirken werden, soweit mit ihnen vereinigt werden die Gedanken derjenigen, die in der Zukunft auf den blutgedüngten Feldern die Erde bevölkern werden, daß daraus etwas entstehen wird, was durch die Jahrhunderte hindurch wirken wird. Aber man muß unmittelbar das Bewußtsein haben, dieses Bewußtsein so haben, wie wir das eben öfters ausgedrückt haben mit den Worten:
[ 38 ] Then one says: There is no need to think that things must go this way today and that way tomorrow so that this, that, and the other can happen; rather, one tells oneself: We are currently living in that period of human history, in that epoch, where the further development of earthly existence can proceed in the right way only by directly receiving spiritual impulses from the spiritual world. So they must be received. And what happens outwardly on the physical plane must necessarily connect with this—connect in the right way. Then what is right will happen. Then one will know, without having to ponder what tomorrow or the day after tomorrow will bring, that this will come to pass—that the souls now passing through the gate of death will be at work, both in their etheric bodies and as souls, insofar as the thoughts of those who will in the future populate the earth on the blood-fertilized fields are united with them, so that something will arise from this that will work through the centuries. But one must have this consciousness directly, possess this consciousness just as we have often expressed it with the words:
Aus dem Mut der Kämpfer,
Aus dem Blut der Schlachten,
Aus dem Leid Verlassener,
Aus des Volkes Opfertaten
Wird erwachsen Geistesfrucht
Lenken Seelen geistbewußt
Ihren Sinn ins Geisterreich.
From the courage of the fighters,
From the blood of the battles,
From the suffering of the forsaken,
From the sacrifices of the people
The fruit of the spirit grows
Guiding souls, spiritually aware,
Toward the realm of the spirit.
[ 39 ] Das also ist es, um was es sich handelt: daß wir einsehen, daß von einem gewissen Punkte an in der Gegenwart Seelen geistbewußt werden müssen, die willens sind, den Sinn geisterwärts lenken zu können. Dann wird aus dem, was jetzt geschieht, das Rechte werden für die Zukunft. Dazu gehört, um sich mit diesem Gedanken zu durchdringen, ein festes Vertrauen, wie es diejenigen Wesen haben, die wir zur Hierarchie der Angeloi zählen. Denn aus solchem Vertrauen wirken die Angeloi. Sie wissen, wenn sie die rechten Absichten haben, dann entsteht aus diesen rechten Absichten dasjenige, was das Richtige ist. Nicht dadurch, daß sie sich eine bestimmte Gestaltung von zukünftigen Ereignissen vornehmen, sondern dadurch, daß sie die rechten Absichten haben. Diese rechten Absichten sind aber nur geistig zu ergreifen. Wie etwas geistig ergriffen werden soll, dazu kann uns in dem Stile, wie wir das versucht haben, eben wirklich nur ein Denken im Sinne der Geisteswissenschaft Anleitung geben.
[ 39 ] So this is what it is all about: that we come to realize that, from a certain point onward in the present, souls who are willing to direct their consciousness toward the spiritual realm must become spiritually conscious. Then what is happening now will become what is right for the future. To be imbued with this thought requires a firm trust, such as that possessed by the beings we count among the hierarchy of the Angeloi. For the Angeloi act out of such trust. They know that if they have the right intentions, then what is right will arise from those right intentions. Not by planning a specific course of future events, but by having the right intentions. These right intentions, however, can only be grasped spiritually. As for how something is to be grasped spiritually, only thinking in the spirit of Spiritual Science—in the manner we have attempted here—can truly provide us with guidance.
