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World Being and I-ness
GA 169

20 June 1916, Berlin

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World Being and I-ness, tr. SOL
  1. Toward Imagination, tr. Seiler
  2. Weltwesen und Ichheit

3. Die zwölf Sinne des Menschen

3. The Twelve Senses of Man

[ 1 ] Bevor ich heute zu dem Gegenstand unserer Betrachtungen zu kommen habe, drängt es mich, ein Wort zu sagen über jenen großen, schmerzlichen Verlust, den wir für den physischen Plan in diesen Tagen erfahren haben. Sie wissen es ja, Herrn von Moltkes Seele ist am vorgestrigen Tage durch die Todespforte gegangen. Dasjenige, was der Mann seinem Volke war, die überragende Rolle, die er gespielt hat innerhalb der großen schicksaltragenden Ereignisse unserer Zeit, und die bedeutsamen, tiefen Impulse aus dem Menschengeschehen heraus, von denen sein Tun, sein Wirken getragen war, das alles zu würdigen, wird zunächst die Aufgabe anderer sein, wird sein die Aufgabe der kommenden Geschichte. In unseren Tagen ist es ja unmöglich, über alle Dinge, die gerade diese unsere Tage betreffen, ein vollständig erschöpfendes Bild zu geben. Aber wie gesagt, in bezug auf dasjenige, was andere und die Geschichte sagen werden, soll heute hier nicht gesprochen werden, obwohl es die innigste Überzeugung desjenigen ist, der zu Ihnen hier spricht, daß die kommende Geschichte sehr viel gerade über diesen Mann zu sagen haben wird. Aber einiges von dem, was vor meiner Seele in diesem Augenblicke steht, das darf und soll hier gesagt werden, wenn es auch nötig ist, daß ich das eine oder das andere Wort so sage, daß es mehr sinnbildlich klingt als im eigentlichen Sinne, der ja erst nach und nach verständlich werden wird. Es steht vor meiner Seele dieser Mann und dieses Mannes Seele wie ein aus der Entwickelung unserer Zeit herausgeborenes Symbolum unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft selber, wahrhaftig ein Symbolum für dasjenige, was geschehen soll und geschehen muß in einem sehr, sehr wirklichen, sehr wahren Sinne des Wortes.

[ 1 ] Before I turn to the subject of our discussion today, I feel compelled to say a few words about the great, painful loss we have suffered on the physical plane in recent days. As you know, Mr. von Moltke’s soul passed through the gates of death the day before yesterday. To give due recognition to what this man meant to his people, to the preeminent role he played within the great, fateful events of our time, and to the significant, profound impulses arising from human history that sustained his actions and his work—all of this will initially be the task of others; it will be the task of future history. In our own time, it is, of course, impossible to provide a completely exhaustive picture of all the matters that pertain specifically to our own days. But as I said, what others and history will say is not to be discussed here today, although it is the deepest conviction of the one speaking to you here that future history will have a great deal to say precisely about this man. But some of what stands before my soul at this very moment may and should be said here, even if it is necessary for me to express one word or another in a way that sounds more symbolic than literal—a meaning that will, after all, only gradually become understandable. Before my soul stands this man and this man’s soul as a symbol—born out of the development of our time—of our present and the immediate future itself, truly a symbol of that which is to happen and must happen in a very, very real, very true sense of the word.

[ 2 ] Wir betonen es immer wieder und wiederum, daß es wahrhaftig nicht eine Willkür dieser oder jener Menschen ist, das der Gegenwarts- und nächsten Zukunftskultur einzuverleiben, was wir die Geisteswissenschaft nennen, daß diese Geisteswissenschaft eine Notwendigkeit der Zeit ist, daß die Zukunft nicht wird bestehen können, wenn nicht die Substanz dieser Geisteswissenschaft in das Menschenwerden hineinfließt. Und hier, meine lieben Freunde, haben Sie das Große, Bedeutsame, das uns jetzt vor Augen treten soll, indem wir gedenken der Seele Herrn von Moltkes. Wir hatten mit ihm einen Mann, eine Persönlichkeit unter uns, welche im allerwirksamsten, im alleräußerlich-tätigsten Leben der Gegenwart stand, demjenigen Leben, das sich aus der Vergangenheit heraus entwickelt hat und in unserer Zeit zu einer der allergrößten Krisen gekommen ist, welche die Menschheit im Verlaufe ihrer bewußten Geschichte zu durchleben hat, einen Mann, der mit die Heere führte, mitten in den Ereignissen stand, die den Ausgangspunkt bilden unserer schicksaltragenden Gegenwart und Zukunft. Und zugleich haben wir in ihm eine Seele, einen Mann, eine Persönlichkeit, die das alles war, und Erkenntnis suchend, Wahrheit suchend hier unter uns gesessen hat mit dem heiligst-heißesten Erkenntnisdrang, der nur irgendeine Seele der Gegenwart durchseelen kann.

[ 2 ] We emphasize time and again that it is truly not a matter of the arbitrary will of this or that individual to incorporate what we call spiritual science into the culture of the present and the near future; that this spiritual science is a necessity of our time; and that the future will not be able to exist unless the substance of this spiritual science flows into the process of human development. And here, my dear friends, lies the great and significant matter that we must now bring before our eyes as we commemorate the soul of Herr von Moltke. In him we had a man, a personality among us, who stood at the very heart of the most active, most outwardly active life of the present—that very life which has developed out of the past and has, in our time, reached one of the greatest crises that humanity has had to endure in the course of its conscious history—a man who led armies and stood at the very center of the events that form the starting point of our fateful present and future. And at the same time, we have in him a soul, a man, a personality who was all of that, and who sat here among us, seeking knowledge, seeking truth, with the most sacred and ardent thirst for knowledge that any soul of the present can possess.

[ 3 ] Das ist dasjenige, was vor unsere Seele treten soll. Denn damit ist diese Seele der eben durch die Todespforte geschrittenen Persönlichkeit neben allem anderen, was sie geschichtlich ist, ein überragendes geschichtliches Symbolum. Daß er unter denjenigen war, die im äußeren Leben unter den Ersten stehen, daß er diesem äußeren Leben diente und doch die Brücke fand zu dem Geistesleben, das durch diese Geisteswissenschaft gesucht wird, das ist ein tiefgehend bedeutsames historisches Symbolum; das ist das, was die Empfindung eines Wunsches in unsere Seele legen kann, der aber nicht ein persönlicher Wunsch ist, sondern der herausgeboren ist aus dem Drange der Zeit, der die Empfindung, die wünschende Empfindung in unsere Seele legen kann: Mögen viele und immer mehr, die in seiner Lage sind, es so machen wie er! Darinnen liegt das bedeutsam Vorbildliche, das Sie fühlen sollen, das Sie empfinden sollen. Wie wenig auch im äußeren Leben von dieser Tatsache gesprochen werden mag, darauf kommt es nicht an, am besten, wenn gar nichts davon gesprochen wird; aber eine Realität ist sie, und auf die Wirkungen kommt es an, nicht auf dasjenige, was gesprochen wird. Eine Realität des geistigen Lebens ist diese Tatsache. Denn diese Tatsache führt uns dazu, einzusehen: Diese Seele hatte in sich die Empfindung der richtigen Deutung der Zeichen der Zeit. Mögen viele dieser Seele folgen, die vielleicht heute in der einen oder in der anderen Richtung noch sehr fern stehen demjenigen, was wir hier Geisteswissenschaft nennen.

[ 3 ] This is what should come before our soul. For in this way, the soul of the personality who has just passed through the gate of death becomes, alongside everything else that defines her historically, a towering historical symbol. The fact that he was among those who ranked among the foremost in outward life, that he served this outward life and yet found the bridge to the spiritual life sought by this spiritual science—that is a profoundly significant historical symbol; this is what can plant in our souls a sense of longing—not a personal desire, but one born of the impulse of the times, which can instill this feeling, this longing, in our souls: May many, and ever more, who are in his situation, follow his example! Therein lies the significant example that you should feel, that you should sense. No matter how little this fact may be spoken of in outward life, that is not what matters; indeed, it is best if nothing at all is said about it; but it is a reality, and what matters are the effects, not what is spoken. This fact is a reality of spiritual life. For this fact leads us to realize: This soul possessed within itself the sense of the correct interpretation of the signs of the times. May many follow this soul, who today may still be very far removed, in one direction or another, from what we here call spiritual science.

[ 4 ] Deshalb ist es wahr, daß dasjenige, was fließt und pulsiert durch diese unsere geisteswissenschaftliche Strömung, von dieser Seele ebensoviel empfangen hat, als wir ihr geben konnten. Und das sollten wir gut im Gedächtnis behalten, denn oftmals habe ich hier gesprochen davon. Es bedeutet, daß jetzt in unserer Zeit in die geistige Welt Seelen gehen, die dasjenige in sich tragen, was sie hier in der Geisteswissenschaft aufgenommen haben. Wenn nun eine im tätigsten Leben stehende Seele durch die Todespforte zieht und nunmehr oben ist in der lichten Welt, die uns durch unsere Erkenntnis ermittelt werden soll, wenn wir sie da oben wissen, wenn mit anderen Worten dasjenige, was wir suchen, durch eine solche Seele durch die Todespforte getragen wird, dann ist es durch die Vereinigung, die es eingegangen ist gerade mit einer solchen Seele, eine tief bedeutsame, wirkende Macht in der Geisteswelt. Und diejenigen Seelen, die hier sind und mich verstehen in diesem Augenblick, werden niemals wieder vergessen dasjenige, was ich hier in diesem Augenblicke gemeint habe über die Bedeutung der Tatsache, daß diese Seele dasjenige, was durch Jahre durch unsere Geisteswissenschaft geflossen ist, nun mit hinaufnimmt in die geistige Welt, daß das in ihr Kraft und Wirksamkeit wird.

[ 4 ] That is why it is true that what flows and pulsates through our spiritual scientific movement has received from this soul just as much as we were able to give it. And we should keep this firmly in mind, for I have often spoken of it here. It means that in our time, souls are entering the spiritual world who carry within themselves what they have absorbed here through spiritual science. When a soul in the midst of its most active life passes through the gate of death and is now in the world of light—which we are to discover through our knowledge—when we recognize it there, when, in other words, what we seek is carried through the gate of death by such a soul, then it is through the union it has entered into with precisely such a soul that that it becomes a profoundly significant, active force in the spiritual world. And those souls who are here and understand me at this very moment will never again forget what I have meant here at this very moment regarding the significance of the fact that this soul now takes with it into the spiritual world that which has flowed through our spiritual science over the years, and that this becomes power and effectiveness within it.

[ 5 ] Das alles kann ja selbstverständlich nicht dazu da sein, den Schmerz, den wir empfinden über einen solchen Verlust auf dem physischen Plane, in trivialem Sinne hinwegzudämpfen. Leid und Schmerz sind in solchem Falle berechtigt. Aber Leid und Schmerz werden erst groß und gewichtig und selber wirksame Kräfte, wenn sie durchzogen sind von vernünftigem Begreifen desjenigen, was dem Schmerz und dem Leide zugrunde liegt. Und so nehmen Sie dasjenige, was ich gesprochen habe, als den Ausdruck des Schmerzes über den Verlust auf dem physischen Plane, den das deutsche Volk und die Menschheit erfahren hat.

[ 5 ] Of course, none of this can be intended to merely alleviate, in a trivial sense, the pain we feel over such a loss on the physical plane. Suffering and pain are justified in such a case. But suffering and pain only become great and significant—and themselves effective forces—when they are permeated by a rational understanding of what underlies the pain and suffering. And so please take what I have said as an expression of the pain over the loss on the physical plane that the German people and humanity have experienced.

[ 6 ] Noch einmal, meine lieben Freunde, erheben wir uns:

[ 6 ] Once again, my dear friends, let us rise:

Geist Deiner Seele, wirkender Wächter!
Deine Schwingen mögen bringen
Unserer Seelen bittende Liebe
Deiner Hut vertrautem Sphärensohn,
Daß, mit Deiner Macht geeint
Unsre Bitte helfend strahle
Der Seele, die sie liebend sucht.

Spirit of your soul, active guardian!
May your wings bring
The imploring love of our souls
To the son of the spheres entrusted to your care,
So that, united with your power
Our plea may shine forth in aid
To the soul that seeks it with love.

[ 7 ] Meine lieben Freunde, in den letzten Zeiten habe ich öfter zu Ihnen gesprochen davon, wie dasjenige, was als okkulte Substanz gewissermaßen durch das Menschenwerden, durch die Menschenentwickelung fließt, einen äußeren Ausdruck gefunden hat — und ich habe ja diesen äußeren Ausdruck genauer charakterisiert in den letzten Betrachtungen —, einen Ausdruck, der heute schon vielfach recht äußerlich ist in allerlei mehr oder weniger okkulten oder symbolischen Verbrüderungen und Vereinigungen. Wir leben nun in der Zeit, in welcher dasjenige, was an okkulter Erkenntnis aus der geistigen Welt gewonnen werden kann, in einer anderen Weise, in der Weise, die wir zu betätigen versuchen seit Jahren, an die Menschheit herangebracht werden muß, in welcher die anderen Wege gewissermaßen veraltet sind. Gewiß, sie werden sich eine Zeitlang noch fortpflanzen, aber sie sind in einer gewissen Beziehung veraltet. Es kommt viel darauf an, daß man gerade diese Tatsache in der richtigen Weise versteht.

[ 7 ] My dear friends, in recent times I have often spoken to you about how that which, as an occult substance, flows, so to speak, through human incarnation and human evolution, has found an outward expression—and I have, in fact, characterized this outward expression more precisely in my recent reflections— an expression that is already, in many cases, quite external today in all sorts of more or less occult or symbolic fraternities and associations. We now live in an age in which what can be gained as occult knowledge from the spiritual world must be brought to humanity in a different way—the way we have been striving to practice for years—and in which the other paths have, so to speak, become outdated. Certainly, they will continue to exist for a while longer, but in a certain sense they are outdated. It is of great importance that this very fact be understood correctly.

[ 8 ] Nun erinnern Sie sich, daß einer derjenigen Namen, die ich unserer Geisteswissenschaft gern gebe, dieser ist: Anthroposophie, und daß ich Ja vor Jahren hier schon gerade von diesem Orte aus Vorträge gehalten habe, die ich dazumal Vorträge über Anthroposophie nannte. Bei unserer letzten Betrachtung habe ich bei einer gewissen Gelegenheit wiederum angespielt auf diese Vorträge über Anthroposophie, namentlich darauf, daß ich dazumal betont habe, der Mensch habe eigentlich zwölf Sinne. Und ich habe ja das letztemal ausgeführt, daß dasjenige, was verbreitet ist über die Nervensubstanz des Menschen im Zusammenhange mit seinen Sinnen, nach der Zwölfzahl geordnet ist, weil der Mensch einmal in diesem tiefsten Sinne ein Mikrokosmos ist und den Makrokosmos abbildet. Zwölf Sternbilder, durch die der Sonne Kreislauf im Jahre geht, draußen im Makrokosmos — zwölf Sinne, in denen das Ich des Menschen eigentlich lebt hier auf dem physischen Plan! Gewiß, die Dinge sind draußen, in der Zeit aufeinanderfolgend etwas anders: Die Sonne bewegt sich vom Widder durch den Stier und so weiter bis wieder zurück durch die Fische zum Widder. Der jährliche Sonnenkreislauf geht durch diese zwölf Sternbilder. Alles, auch was wir in uns tragen, was wir in uns seelisch erleben, steht im Verhältnis zur Außenwelt durch unsere zwölf Sinne. Diese zwölf Sinne habe ich dazumal aufgezählt: der Tastsinn, der Lebenssinn, der Bewegungssinn, der Gleichgewichtssinn, der Geruchssinn, der Geschmackssinn, der Sehsinn, der Wärmesinn, der Gehörsinn, der Sprachsinn, der Denksinn, der Ichsinn. Im Umkreise gleichsam dieser zwölf Sinne bewegt sich unser ganzes Seelenleben, gerade so, wie die Sonne sich im Umkreis der zwölf Sternbilder bewegt. Aber der äußere Vergleich schon geht auch noch viel weiter. Bedenken Sie, daß die Sonne während des Jahres durch die Sternbilder vom Widder gehen muß bis hin gegen die Waage, daß die Sonne gleichsam im Lichte des Tages durch die oberen Sternbilder, während der Nacht durch die unteren Sternbilder geht, und daß dieses Gehen der Sonne durch die unteren Sternbilder zunächst dem äußeren Lichte verborgen ist. So ist es auch mit dem Leben der Menschenseele in diesen zwölf Sinnen. Tagessinne sind eigentlich nur annähernd die eine Hälfte davon, wie die eine Hälfte der Sternbilder nur Tag-Sternbilder sind, die anderen Nacht-Sternbilder.

[ 8 ] Now, please recall that one of the names I like to give to our spiritual science is this: Anthroposophy, and that, yes, years ago I already gave lectures right here in this very place, which I called at the time “Lectures on Anthroposophy.” In our last discussion, I alluded once again to these lectures on anthroposophy on a certain occasion, specifically to the fact that I had emphasized at the time that human beings actually have twelve senses. And I explained last time that the nervous substance distributed throughout the human being in connection with his senses is organized according to the number twelve, because the human being is, in this deepest sense, a microcosm and reflects the macrocosm. Twelve constellations through which the Sun’s annual cycle passes, out there in the macrocosm—twelve senses in which the human “I” actually lives here on the physical plane! Certainly, things are somewhat different out there, in their temporal sequence: The Sun moves from Aries through Taurus and so on, until it returns through Pisces to Aries. The annual solar cycle passes through these twelve constellations. Everything—including what we carry within us and what we experience soulfully—is related to the external world through our twelve senses. I listed these twelve senses back then: the sense of touch, the sense of life, the sense of movement, the sense of balance, the sense of smell, the sense of taste, the sense of sight, the sense of warmth, the sense of hearing, the sense of speech, the sense of thought, and the sense of the “I.” Our entire soul life moves, as it were, within the sphere of these twelve senses, just as the sun moves through the twelve constellations. But the external comparison goes even further. Consider that during the course of the year the sun must pass through the constellations from Aries all the way to Libra; that the sun, as it were, passes through the upper constellations in the light of day and through the lower constellations at night; and that this passage of the sun through the lower constellations is initially hidden from the outer light. So it is with the life of the human soul within these twelve senses. The daytime senses are actually only approximately half of them, just as one half of the constellations are daytime constellations, while the others are nighttime constellations.

[ 9 ] Sehen Sie, der Tastsinn ist wirklich etwas, wovon wir sagen können, er drängt den Menschen schon hinein in das Nachtleben des Seelischen; denn mit dem Tastsinn tappen wir grobsinnlich an die äußere Welt an. Und versuchen Sie nur einmal, sich zu erklären, wie wenig der Tastsinn im Grunde genommen mit dem Tages-, das heißt mit dem wirklichen bewußten Seelenleben zusammenhängt. Das können Sie daraus sehen, daß Sie die Eindrücke der anderen Sinne leicht werden im Gedächtnisse aufbewahren können, aber versuchen Sie selbst, wie wenig Sie die Erfahrungen des Tastsinnes im Gedächtnisse aufbewahren können. Versuchen Sie, wie wenig Sie sich erinnern, wie irgendein Stoff sich angefühlt hat, den Sie vor Jahren anfühlten, ja, wie wenig Sie sogar das Bedürfnis haben, sich daran zu erinnern. Das taucht schon hinunter, so wie das Licht aufhört und in die Dämmerung versinkt, wenn die Sonne in dem Sternbild der Waage hinuntergeht in die Nacht, in die Region der NachtSternbilder hinein. Und völlig verborgen, möchte ich sagen, für das wache, offene Seelenleben sind dann die anderen Sinne.

[ 9 ] You see, the sense of touch is truly something about which we can say that it draws a person into the nocturnal life of the soul; for through the sense of touch, we grope our way through the external world in a coarse, sensory manner. And just try to explain to yourself how little the sense of touch is actually connected to daily life—that is, to real, conscious soul life. You can see this from the fact that you can easily retain the impressions of the other senses in your memory, but try for yourself how little you can retain the experiences of the sense of touch in your memory. Try to see how little you remember how a particular fabric felt when you touched it years ago—indeed, how little you even feel the need to remember it. It sinks down, just as the light fades and sinks into twilight when the sun sets in the constellation of Libra, descending into the night, into the realm of the night constellations. And completely hidden, I would say, from the waking, open life of the soul are the other senses.

[ 10 ] Der Lebenssinn: In den wenigsten Seelenbetrachtungen der äußeren Wissenschaft finden Sie überhaupt von diesem Lebenssinn gesprochen. Gewöhnlich redet man ja nur von den fünf Sinnen, den Sinnen des Tages, des wachen Bewußtseins. Aber das braucht uns ja nicht weiter anzugehen. Es ist dieser Lebenssinn der Sinn, durch den wir unser Leben in uns fühlen, aber eigentlich nur, wenn es gestört wird, wenn es krank wird, wenn uns dies oder jenes schmerzt oder gerade weh tut; dann kommt der Lebenssinn und zeigt uns an: Dir tut es da oder dort weh. Wenn das Leben gesund ist, ist es getaucht in die Untergründe, so wie das Licht nicht da ist, wenn die Sonne im Skorpion steht, überhaupt in einem NachtSternbild steht.

[ 10 ] The sense of life: In very few of the external sciences’ reflections on the soul will you find any mention at all of this sense of life. Usually, people speak only of the five senses—the senses of the day, of waking consciousness. But that need not concern us further. It is this sense of life that allows us to feel our life within us—but really only when it is disturbed, when it becomes ill, when this or that aches or actually hurts us; then the sense of life steps in and tells us: “It hurts you here or there.” When life is healthy, it is submerged in the depths, just as light is absent when the sun is in Scorpio—or, indeed, in any night constellation.

[ 11 ] Ebenso ist es beim Bewegungssinn. Dieser Bewegungssinn ist ja dasjenige, wodurch wir wahrnehmen, wie in uns die Tatsachen verlaufen dadurch, daß wir irgend etwas in Bewegung bringen. Jetzt erst spricht die äußere Wissenschaft etwas von diesem Bewegungssinn. Sie weiß jetzt erst, daß von der Art und Weise, wie die Gelenke aufeinander drücken — dadurch, daß ich zum Beispiel den Finger beuge, drückt diese Gelenkfläche auf die andere —, die Bewegung, die unser Körper ausführt, wahrgenommen wird. Wir gehen, aber wir gehen unbewußt. Dem liegt ein Sinn zugrunde: die Wahrnehmung der Bewegungsfähigkeit, wiederum in Nacht des Bewußstseins gegossen.

[ 11 ] The same is true of the sense of movement. This sense of movement is, after all, what enables us to perceive how events unfold within us when we set something in motion. Only now is external science beginning to address this sense of movement. It has only now come to realize that the movement our body performs is perceived through the way the joints press against one another—for example, when I bend my finger, one joint surface presses against the other. We walk, but we walk unconsciously. Underlying this is a sense: the perception of the ability to move, which is, in turn, cast into the darkness of consciousness.

[ 12 ] Nehmen Sie weiter den Gleichgewichtssinn. Wir erringen ihn uns ja eigentlich im Leben erst allmählich. Aber wir denken nicht daran, weil er in der Nacht des Bewußstseins liegt. Das Kind hat ihn noch nicht, es kriecht auf dem Boden. Der Gleichgewichtssinn wird erst erworben. Die Wissenschaft hat erst in den letzten Jahrzehnten das Sinnesorgan für den Gleichgewichtssinn entdeckt. Ich habe davon gesprochen, daß im Ohre die drei halbzirkelförmigen Kanäle sind, die in den drei Richtungen des Raumes aufeinander senkrecht stehen. Wenn diese beschädigt sind in uns, dann bekommen wir Schwindel, das heißt, wir haben das Gleichgewicht nicht mehr. So wie wir für das Gehör das äußere Ohr haben, für das Sehen das Auge, so haben wir für das Gleichgewicht die drei halbzirkelförmigen Kanäle, die nur durch einen besonderen Verwandtschaftsrest von Ton und Gleichgewicht an das Ohr gebunden sind. Aber sie sind da drinnen in der Felsenbein-Höhle des Ohres. Es sind drei Halbkreise aus kleinen, winzigkleinen Knöchelchen gebildet. Aber sie brauchen nur beschädigt zu sein, und die Möglichkeit, das Gleichgewicht zu halten, ist dahin. Wir erwerben uns die Empfänglichkeit für diesen Gleichgewichtssinn erst im Laufe unserer ersten Kindheit; aber er ist in Nacht des Bewußtseins getaucht. Wir merken ihn nicht.

[ 12 ] Take, for example, the sense of balance. We actually acquire it only gradually throughout our lives. But we don’t think about it because it lies in the darkness of consciousness. A child does not yet have it; it crawls on the floor. The sense of balance must first be acquired. It was only in the last few decades that science discovered the sensory organ responsible for the sense of balance. I have spoken of the three semicircular canals in the ear, which are perpendicular to one another in the three directions of space. If these are damaged within us, we experience dizziness—that is, we no longer have our balance. Just as we have the outer ear for hearing and the eye for seeing, so we have the three semicircular canals for balance, which are linked to the ear only through a special connection between sound and balance. But they are located inside the temporal bone cavity of the ear. They consist of three semicircles formed by small, tiny little bones. But if they are even slightly damaged, the ability to maintain balance is lost. We acquire sensitivity to this sense of balance only during early childhood; yet it remains shrouded in the darkness of unconsciousness. We are not aware of it.

[ 13 ] Dann kommt die Dämmerung und dämmert herauf ins Bewußtsein. Denken Sie aber, wie wenig eigentlich diejenigen Sinne, die nun auch noch etwas verborgen sind — Geruchssinn und Geschmackssinn — mit unserem Seelenleben in höherem Sinne zu tun haben. Wir müssen schon untertauchen in das Körperleben, um so recht uns hineinleben zu können in den Geruch. Geschmackssinn ist ja nun schon eine starke Dämmerung für die Menschen, da dämmert es schon herauf ins Bewußtsein. Aber Sie können noch immer gleichsam das Seelenexperiment machen, das ich vorhin angeführt habe für den Tastsinn: Sie werden sich sehr schwer erinnern an die Wahrnehmungen des Geruchs- und des Geschmackssinnes. Und nur dann, wenn das Seelenleben mehr ins Unbewußte hinuntertaucht, kommt gewissermaßen der Geruchssinn für das bewußte Seelenleben ein wenig zur Geltung. So wissen Sie ja vielleicht, daß es Tonkünstler gegeben hat, die besonders inspiriert wurden dadurch, daß sie in die Nähe desselben Wohlgeruchs kamen, den sie einmal bei einer anderen Tonschöpfung erlebt haben. Es dämmert gar nicht der Wohlgeruch im Gedächtnis herauf, aber dieselben Seelenvorgänge dämmern herauf ins volle Bewußtsein, die mit dem Geruchssinn zusammenhängen. Geschmackssinn, nun, das ist ja schon für die meisten Menschen starke Dämmerung. Aber es zeigen doch die meisten Menschen, daß der Geschmackssinn doch noch mindestens in der Dämmerung des Seelenlebens, noch nicht im vollen Tag des Seelenlebens liegt; denn die wenigsten Menschen geben sich zufrieden mit dem rein seelischen Eindruck des Geschmackssinnes, sonst müßten wir, wenn uns etwas recht geschmeckt hat, ebenso froh sein, wenn wir uns daran erinnern, wie wenn wir es wieder zu schmecken kriegen. Und das ist Ja, wie Sie wissen, für die meisten Menschen nicht so. Sie wollen es wieder haben, sind nicht zufrieden damit, sich nur zu erinnern an dasjenige, was ihnen gut geschmeckt hat.

[ 13 ] Then twilight comes and dawns upon our consciousness. But consider how little those senses that are still somewhat hidden—the senses of smell and taste—actually have to do with our inner life in the higher sense. We must immerse ourselves in bodily life in order to truly experience the sense of smell. The sense of taste is already a strong twilight for human beings; there it is already dawning into consciousness. But you can still, as it were, perform the soul experiment I mentioned earlier regarding the sense of touch: you will find it very difficult to recall the perceptions of the senses of smell and taste. And only when the soul life delves deeper into the unconscious does the sense of smell, so to speak, come into play a little in conscious soul life. You may know, for example, that there have been composers who were particularly inspired by coming into the presence of the same pleasant scent they had once experienced while creating a piece of music. The fragrance does not even dawn in their memory, but the same soul processes associated with the sense of smell dawn into full consciousness. The sense of taste—well, for most people that is already a faint glimmer. Yet most people demonstrate that the sense of taste still lies at least in the twilight of the soul’s life, not yet in the full light of day; for very few people are satisfied with the purely spiritual impression of the sense of taste—otherwise, when something has tasted good to us, we would be just as happy recalling it as we would be if we were able to taste it again. And that, as you know, is not the case for most people. They want it again; they are not content merely to remember what tasted good to them.

[ 14 ] Dann aber kommen wir mit dem Gesichtssinn da herauf, wo die Sonne des Bewußtseins aufgeht, wir kommen in das volle Wachbewußtsein mit dem Gesichtssinn. Die Sonne geht immer höher und höher. Zum Wärmesinn kommt sie, zum Tonsinn, vom Tonsinn in den Sprachsinn. Die Sonne steht am Mittag. Zwischen Tonsinn und Sprachsinn ist die Mittagszeit des Seelenlebens. Nun kommen Denksinn, Ichsinn. Der Ichsinn ist nicht der Sinn für das eigene Ich, sondern für die Wahrnehmung des Ich im andern, natürlich es ist ja Wahrnehmung, es ist ja Sinn! Das Bewußtsein vom Ich, vom eigenen Ich, ist etwas ganz anderes. Das habe ich dazumal in den Anthroposophie-Vorträgen auseinandergelegt. Es kommt hierbei nicht darauf an, daß man von seinem eigenen Ich weiß, sondern daß man dem anderen Menschen gegenübersteht und daß er einem sein Ich öffnet. Die Wahrnehmung für das Ich des anderen, das ist der Ichsinn, nicht das eigene Ich-Wahrnehmen.

[ 14 ] But then, through the sense of sight, we ascend to where the sun of consciousness rises; we enter full waking consciousness through the sense of sight. The sun rises higher and higher. It reaches the sense of warmth, then the sense of sound, and from the sense of sound into the sense of speech. The sun is at its zenith. Between the sense of sound and the sense of speech lies the midday of soul life. Now come the sense of thought and the sense of the I. The sense of the I is not the sense for one’s own I, but for the perception of the I in the other—of course, it is perception; it is, after all, a sense! Consciousness of the “I,” of one’s own “I,” is something entirely different. I explained this in detail back then in the lectures on anthroposophy. What matters here is not that one is aware of one’s own “I,” but that one stands face to face with another human being and that the other opens their “I” to one. The perception of the other’s “I”—that is the sense of the “I,” not the perception of one’s own “I.”

[ 15 ] Das sind die zwölf Sinne, vor denen sozusagen das Seelenleben des Menschen erscheint wie die Sonne vor je einem der zwölf Sternbilder. Das bezeugt Ihnen, wie der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes wirklich ein Mikrokosmos ist. Gegenüber solchen Dingen ist unsere gegenwärtige Wissenschaft vielfach noch ganz und gar unwissend. Unsere gegenwärtige Wissenschaft wird noch den Tonsinn gelten lassen, aber nicht mehr den Sprachsinn, obwohl niemals das gesprochene Wort in seiner höheren Bedeutung durch den bloßen Tonsinn erfaßt werden könnte. Dazu muß der Sprachsinn kommen, der Sinn für die Bedeutung desjenigen, was im Worte sich ausdrückt. Und der Sprachsinn wiederum ist nicht einerlei mit dem Denksinn, und der Denksinn nicht mit dem Ichsinn. Wie unsere Zeit sich irrt in bezug darauf, dafür möchte ich Ihnen ein Beispiel anführen. Eduard von Hartmann, der wirklich sehr, sehr stark gesucht hat, beginnt sein Buch «Grundriß der Psychologie» gleich mit den folgenden Worten — wie mit Selbstverständlichkeit setzt er diese Worte hin —: «Der Ausgangspunkt der Psychologie sind die psychischen Phänomene, und zwar für jeden die eigenen, da nur diese ihm unmittelbar gegeben sind, und niemand in das Bewußtsein eines anderen hineinzuschauen vermag.» Die ersten Sätze einer Seelenkunde eines der bedeutendsten Philosophen der unmittelbaren Gegenwart gehen davon aus, daß man ableugnet die Sinne: Sprachsinn, Denksinn, Ichsinn. Man weiß nichts davon. Und denken Sie doch, daß hier ein Fall vorliegt, wo geradezu die Absurdität, der absoluteste Unsinn wissenschaftlich werden muß, damit man die Dinge ableugnen kann! Gerade wenn man nicht verworren gemacht ist durch diese Wissenschaft, kann man sehr leicht die Fehler einsehen, die diese Wissenschaft macht. Denn diese Seelenkunde sagt: In die Seele des anderen siehst du nicht hinein, die deutest du dir nur aus ihren Äußerungen. Also denken Sie einmal, die Seele des anderen soll man sich deuten durch ihre Äußerungen! Wenn jemand einem ein liebes Wort sagt, das soll man erst deuten! Ist das wahr? Nein, es ist nicht wahr! Das liebe Wort wirkt unmittelbar, wie die Farbe, die auf Ihr Auge wirkt! Und dasjenige, was als Liebe in der Seele lebt, wird auf den Flügeln des Wortes in Ihre Seele getragen, so wie die Farbe in Ihr Auge getragen wird. Unmittelbare Wahrnehmung ist es, von einer Deutung ist da nicht die Rede. Die Wissenschaft muß uns erst in unserer Egoität abschließen durch ihren Unsinn, um nicht aufmerksam darauf zu machen, daß wir, indem wir mit unseren Mitmenschen leben — und ich habe gesagt: beim Ichsinn, Denksinn, Sprachsinn kommt es darauf an —, wir unmittelbar mit ihren Seelen leben. Wir leben mit den Seelen der anderen, wie wir mit den Farben und mit den Tönen leben, und wer das nicht einsieht, weiß überhaupt nichts vom seelischen Leben. Das ist das Wichtigste, daß man gerade solche Dinge durchschaut. Es werden heute ausführliche Theorien verbreitet darüber, daß eigentlich alle Eindrücke, die wir von anderen Menschen bekommen, nur symbolisch seien und gedeutet würden aus den Äußerungen. Es ist aber gar nichts wahr daran.

[ 15 ] These are the twelve senses before which, so to speak, the inner life of the human being appears just as the sun appears before each of the twelve constellations. This demonstrates to you how the human being is, in the truest sense of the word, truly a microcosm. When it comes to such matters, our current science is in many ways still completely ignorant. Our current science still acknowledges the sense of sound, but no longer the sense of language, even though the spoken word, in its higher meaning, could never be grasped by the mere sense of sound alone. For this, the sense of language must be added—the sense for the meaning of what is expressed in words. And the sense of language, in turn, is not the same as the sense of thought, nor is the sense of thought the same as the sense of the “I.” To illustrate how our age is mistaken in this regard, I would like to give you an example. Eduard von Hartmann, who truly sought the truth with great intensity, begins his book Outline of Psychology right away with the following words—which he sets down as if they were self-evident: “The starting point of psychology is psychological phenomena—and specifically, one’s own, since only these are immediately given to one, and no one is able to look into the consciousness of another.” The opening sentences of a treatise on the soul by one of the most significant philosophers of our time assume that one denies the senses: the sense of language, the sense of thought, and the sense of the self. One knows nothing of them. And just think: here we have a case where sheer absurdity—the most utter nonsense—must become “scientific” so that one can deny these things! It is precisely when one is not confused by this science that one can very easily see the errors it commits. For this psychology says: You do not look into the soul of another; you merely interpret it from their expressions. So just think about it: one is supposed to interpret another person’s soul through their expressions! If someone says a kind word to you, you’re supposed to interpret it first! Is that true? No, it’s not true! That kind word has an immediate effect, just like color that affects your eye! And that which lives as love in the soul is carried on the wings of the word into your soul, just as color is carried into your eye. It is immediate perception; there is no question of interpretation here. Science must first shut us off in our egotism through its nonsense, so as not to draw our attention to the fact that, as we live with our fellow human beings—and I have said: it all comes down to the sense of the “I,” the sense of thought, and the sense of language—we live immediately with their souls. We live with the souls of others just as we live with colors and sounds, and anyone who fails to see this knows absolutely nothing about spiritual life. The most important thing is to see through precisely such matters. Today, elaborate theories are being propagated claiming that all the impressions we receive from other people are merely symbolic and are interpreted based on their outward expressions. But there is absolutely no truth to this.

[ 16 ] Aber nun formen Sie das Bild vor Ihrer Seele: Aufgang der Sonne, Erscheinen des Lichtes, wiederum Untergang der Sonne. Es ist das makrokosmische Bild für das Mikrokosmische des Seelenlebens des Menschen, das sich bewegt, allerdings jetzt nicht im Kreislauf, sondern so, wie es Bedürfnis ist für das menschliche Seelenleben, innerhalb der zwölf Sternbilder des Seelenlebens, das heißt der zwölf Sinne. Jedesmal, wenn wir das Ich eines anderen wahrnehmen, sind wir auf der Tagesseite der Seelensonne. Wenn wir in uns selbst eintauchen, unser inneres Gleichgewicht, unsere Bewegung wahrnehmen würden — wir nehmen sie nicht wahr, weil es die Nachtseite ist —, sind wir eben auf der Nachtseite des Seelenlebens. Und jetzt wird es Ihnen nicht mehr so unwahrscheinlich scheinen, wenn ich Ihnen sage: Indem der Mensch geht durch die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, werden für ihn besonders diejenigen Sinne von einer großen Bedeutung — weil sie sich dann vergeistigen —, die hier in sein Inneres hineinziehen, die hier untergehen, und die Sinne gehen mehr unter, die hier aufgehen. So wie die Sonne heraufkommt, so kommt die Menschenseele herauf, ich möchte sagen, zwischen dem Geschmackssinn und dem Sehsinn, und geht wiederum im Tode unter. Wenn wir, das können Sie aus verschiedenen Beschreibungen, die ich früher gegeben habe, die Sie ja nachlesen können in den Zyklen, ersehen, in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt eine Seele drüben finden, so finden wir sie — sogar in der «Geheimwissenschaft» finden Sie das schon angedeutet — wie innerlich mit uns vereint. Nicht indem wir ihr äußerlich gegenüberstehen und den Eindruck ihres Ich von außen her empfangen, sondern durch Vereinigung nehmen wir sie wahr. Da wird der Tastsinn ganz geistig. Und was jetzt unterbewußt, nachthaft könnte ich sagen, bleibt: Gleichgewichtssinn, Bewegungssinn, das alles spielt vergeistigt die größte Rolle in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 16 ] But now form this image in your mind’s eye: the rising of the sun, the appearance of light, and then the setting of the sun. This is the macrocosmic image of the microcosm of human soul life, which moves—not in a cycle, however, but as is necessary for human soul life—within the twelve constellations of soul life, that is, the twelve senses. Every time we perceive another person’s “I,” we are on the daytime side of the soul’s sun. When we dive into ourselves—if we were to perceive our inner balance, our movement—we do not perceive them, because it is the nighttime side—we are then on the nighttime side of soul life. And now it will no longer seem so improbable to you when I tell you: As the human being passes through the time between death and a new birth, those senses—because they then become spiritualized—that recede into his inner being and fade away here take on particular significance for him, while the senses that rise up here fade away more. Just as the sun rises, so does the human soul rise—I would say, between the sense of taste and the sense of sight—and sets again in death. If, as you can see from various descriptions I have given earlier—which you can read in the cycles—we find a soul over there in the time between death and a new birth, we find it—as is already hinted at in Occult Science—as if inwardly united with us. Not by standing opposite it externally and receiving the impression of its “I” from the outside, but through union do we perceive it. There, the sense of touch becomes entirely spiritual. And what now remains subconscious—I might say nocturnal—the sense of balance, the sense of movement—all of this, in its spiritualized form, plays the greatest role in the life between death and a new birth.

[ 17 ] Es ist wirklich so, daß wir uns bewegen durch das Gesamtleben, wie die Sonne sich bewegt durch die zwölf Sternbilder. Wir treten in unser Leben ein, indem unser Bewußtsein für die Sinne gewissermaRen aufgeht bei der einen Weltensäule und untergeht bei der anderen Weltensäule. An diesen Säulen gehen wir vorüber, wenn wir am Sternenhimmel gewissermaßen von der Nachtseite in die Tagseite hineingehen. Darauf suchten denn nun auch diese okkulten oder symbolischen Gesellschaften immer hinzuweisen, indem sie die Säule der Geburt, die der Mensch passiert, wenn er eintritt in das Leben der Tagseite, Jakim nannten. Sie müssen diese Säule letzten Endes am Himmel suchen Und dasjenige, was während des Lebens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt Außenwelt ist, sind die Wahrnehmungen des über die ganze Welt verbreiteten Tastsinnes, wo wir nicht tasten, sondern getastet werden, wo wir fühlen, wie uns die geistigen Wesen überall berühren, während wir hier das andere berühren. Während des Lebens zwischen Tod und neuer Geburt leben wir in der Bewegung darinnen, so daß wir diese Bewegung so fühlen, wie wenn hier in uns ein Blutkörperchen oder ein Muskel seine Eigenbewegung fühlen würde. Im Makrokosmos fühlen wir uns uns bewegend zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, das Gleichgewicht fühlen wir, und im Leben des Ganzen fühlen wir uns darinnen. Hier ist unser Leben in unserer Haut abgeschlossen, dort aber fühlen wir uns im Gesamt-, im All-Leben drinnen und fühlen uns in jeder Lage uns selbst unser Gleichgewicht gebend. Hier gibt uns die Schwerkraft der Erde und unsere besondere Körperkonstitution das Gleichgewicht, und wir wissen eigentlich in der Regel nichts davon. Jederzeit fühlen wir das Gleichgewicht in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das ist eine unmittelbare Empfindung, die andere Seite des Seelenlebens. Der Mensch tritt durch Jakim in das Erdenleben ein, versichernd durch Jakim: Dasjenige, was draußen im Makrokosmos ist, das lebt jetzt in dir, du bist jetzt ein Mikrokosmos, denn das heißt das Wort «Jakim»: In dir das über die Welt ausgegossene Göttliche.

[ 17 ] It is truly the case that we move through the whole of life just as the sun moves through the twelve constellations. We enter our lives as our sensory consciousness, so to speak, rises at one pillar of the world and sets at the other. We pass these pillars as we move, so to speak, from the night side to the day side of the starry sky. This is precisely what these occult or symbolic societies always sought to point out, calling the pillar of birth—which a person passes through upon entering the life of the day side—Jakim. Ultimately, you must seek this pillar in the heavens. And what constitutes the external world during the life between death and a new birth are the perceptions of the sense of touch spread throughout the entire world—where we do not touch, but are touched; where we feel how spiritual beings touch us everywhere, while here we touch the other. During the life between death and a new birth, we live within that movement, so that we feel this movement just as if a blood cell or a muscle within us were feeling its own movement. In the macrocosm, we feel ourselves moving between death and a new birth; we feel the balance, and within the life of the whole, we feel ourselves to be part of it. Here, our life is confined within our skin; there, however, we feel ourselves within the total, universal life and feel ourselves maintaining our own balance in every situation. Here, the Earth’s gravity and our particular physical constitution provide us with balance, and we are generally unaware of it. At all times, we feel this balance in the life between death and a new birth. This is an immediate sensation, the other side of the soul’s life. The human being enters earthly life through “Jakim,” affirming through “Jakim”: That which is out there in the macrocosm now lives within you; you are now a microcosm, for that is what the word “Jakim” means: within you, the Divine poured out over the world.

[ 18 ] Boas, die andere Säule: der Eintritt durch den Tod in die geistige Welt. Dasjenige, was mit dem Worte Boas zusammengefaßt ist, bedeutet ungefähr: Das, was ich bisher in mir gesucht habe, die Stärke, die werde ich ausgegossen finden über die ganze Welt, in ihr werde ich leben. — Aber man kann solche Dinge nur verstehen, wenn man durch geistige Erkenntnis in sie eindringt. In den symbolischen Brüderschaften werden sie symbolisch angedeutet. Mehr werden sie angedeutet in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum aus dem Grunde, damit sie nicht der Menschheit ganz verloren gehen, damit später wiederum Menschen kommen können, die dasjenige, was dem Wort nach aufbewahrt ist, auch verstehen werden.

[ 18 ] Boaz, the other pillar: entry into the spiritual world through death. What is summed up by the word Boaz means roughly this: What I have sought within myself until now—that strength—I will find poured out over the entire world; in it I will live. — But one can understand such things only by penetrating them through spiritual knowledge. In the symbolic brotherhoods, they are symbolically alluded to. They are alluded to more extensively in our fifth post-Atlantean epoch so that they are not lost to humanity entirely, so that people may come later who will also understand what has been preserved in the word.

[ 19 ] Aber sehen Sie, alles dasjenige, was sich äußerlich in unserer Welt darlebt, das ist auch wiederum ein Abbild desjenigen, was im Makrokosmos draußen vorhanden ist. Wie unser Seelenleben ein Mikrokosmos ist in dem Sinne, wie ich es Ihnen angedeutet habe, so ist auch das Seelenleben der Menschheit gewissermaßen aus dem Makrokosmos hereingebildet. Und für unsere Zeit ist es sehr bedeutsam, gewissermaßen die zwei Abbilder der beiden Säulen, von denen ich gesprochen habe, in unserer Geschichte geliefert zu bekommen. Diese Säulen stellen das Leben einseitig dar, denn nur im Gleichgewichtszustand zwischen den beiden ist das Leben. Weder ist Jakim das Leben — denn es ist der Übergang von dem Geistigen zum Leibe —, noch ist Boas das Leben, denn es ist der Übergang vom Leibe zu dem Geist. Das Gleichgewicht ist dasjenige, worauf es ankommt. Und das verstehen die Menschen so schwer. Die Menschen suchen immer die eine Seite, immer das Extrem, sie suchen nicht das Gleichgewicht. Deshalb stehen gewissermaßen zwei Säulen wirklich auch für unsere Zeit aufgerichtet, aber wir müssen, wenn wir unsere Zeit richtig verstehen, mitten durchgehen, uns weder die eine Säule, noch die andere Säule gewissermaßen zu der Grundkraft der Menschheit zurechtphantasieren, sondern mitten durchgehen! Wir müssen schon wirklich dasjenige, was in der Realität vorhanden ist, auffassen, nicht in jenem gedankenlosen Leben hinbrüten, in dem der heutige Materialismus hinbrütet. Suchen Sie die Jakim-Säule heute, so haben Sie sie in unserer Gegenwart, die Jakim-Säule ist vorhanden in einem sehr bedeutenden Mann, der jetzt nicht mehr lebt, der schon gestorben ist, aber sie ist vorhanden: Sie ist vorhanden im Tolstoiismus.

[ 19 ] But you see, everything that manifests itself outwardly in our world is, in turn, a reflection of what exists out there in the macrocosm. Just as our inner life is a microcosm in the sense I have indicated to you, so too is the inner life of humanity, in a certain sense, formed from the macrocosm. And for our time, it is very significant to have, as it were, the two images of the two pillars I spoke of presented to us in our history. These pillars represent life one-sidedly, for life exists only in a state of balance between the two. Neither is Jakim life—for it is the transition from the spiritual to the physical—nor is Boas life, for it is the transition from the physical to the spiritual. Balance is what matters. And this is so difficult for people to understand. People always seek one side, always the extreme; they do not seek balance. That is why, in a sense, two pillars truly stand erect for our time as well, but if we are to understand our time correctly, we must walk right through the middle—neither imagining one pillar nor the other as the fundamental force of humanity, so to speak—but walking right through the middle! We really must grasp what actually exists in reality, not brood in that thoughtless existence in which today’s materialism broods. If you seek the pillar of Jakim today, you will find it in our own time; the pillar of Jakim is present in a very significant man who is no longer alive—who has already died—but it is present: it is present in Tolstoyanism.

[ 20 ] Bedenken Sie, daß in Tolstoi ein Mann aufgetreten ist, der im Grunde genommen alle Menschen ablenken wollte von dem äußeren Leben, ganz auf das Innere verweisen wollte — ich habe in den ersten Zeiten unserer anthroposophischen Bewegung über Tolstoi gesprochen —, der ganz verweisen wollte auf dasjenige, was im Innern des Menschen nur vorgeht. Also den Geist in dem äußeren Wirken sah Tolstoi nicht, eine Einseitigkeit, die sich mir insbesondere charakteristisch ausgesprochen hat, als ich dazumal — es war einer der allerersten Vorträge der allerersten Jahre, die hier gehalten worden sind über Tolstoi sprach. Dieser Vortrag konnte Tolstoi dazumal noch durch eine uns befreundete Seite gezeigt werden. Tolstoi verstand die ersten zwei Drittel, das letzte Drittel nicht mehr, weil da gesprochen war über Reinkarnation und Karma; das verstand er nicht. — Er stellte die Einseitigkeit dar, das vollständige Abdämpfen des äußeren Lebens. Und wie unendlich schmerzlich empfindet man es, daß er eine solche Einseitigkeit darstellt! Man denke sich den ungeheuren Kontrast, der da besteht zwischen den Tolstoischen Anschauungen, von denen ein großer Teil der Intellektuellen Rußlands beherrscht ist, und demjenigen, was sich jetzt in diesen Tagen wiederum von dort herüberwälzt. Oh, es ist einer der furchtbarsten Kontraste, die nur zu denken sind! Das ist Einseitigkeit.

[ 20 ] Consider that in Tolstoy there appeared a man who, in essence, wanted to divert all people from external life and direct their attention entirely to the inner life—I spoke about Tolstoy in the early days of our anthroposophical movement—who wanted to direct attention entirely to what takes place within the human being. So Tolstoy did not see the spirit in external activity—a one-sidedness that struck me as particularly characteristic when I spoke about Tolstoy back then—it was one of the very first lectures given here in the very early years. At that time, this lecture on Tolstoy could still be presented by a group friendly to us. Tolstoy understood the first two-thirds, but not the last third, because it dealt with reincarnation and karma; he did not understand that. — He exemplified this one-sidedness, this complete suppression of external life. And how infinitely painful it is to realize that he embodies such one-sidedness! Just imagine the immense contrast that exists between Tolstoy’s views—which dominate a large portion of Russia’s intellectuals—and what is now once again sweeping over from there. Oh, it is one of the most terrible contrasts imaginable! That is one-sidedness.

[ 21 ] Die andere, die Boas-Säule, kommt auch geschichtlich zum Ausdruck in unserer Zeit. Sie stellt ebenso eine Einseitigkeit dar. Es ist das Suchen der Geistigkeit allein in der äußeren Welt. Vor einigen Jahrzehnten trat es auf in Amerika drüben, wo, ich möchte sagen, der Antipode Tolstois zum Vorschein kam in Keely, vor dessen Seele das Ideal stand, einen Motor zu konstruieren, der nicht durch Dampf, nicht durch Elektrizität, sondern durch jene Wellen bewegt wird, die der Mensch selbst erregt in seinem Ton, in seiner Sprache. Denken Sie sich einen Motor, der so eingerichtet ist, daß er durch jene Wellen, die man erregt im Sprechen etwa, oder überhaupt als Mensch erregen kann mit seinem seelischen Leben, in Bewegung gesetzt wird. Es war noch ein Ideal, Gott sei Dank, daß es damals ein Ideal war, denn was wäre dieser Krieg geworden, wenn wirklich dieses Keelysche Ideal sich dazumal verwirklicht hätte! Verwirklicht sich das einmal, dann wird man erst sehen, was das Zusammenstimmen der Schwingungen an äußerer motorischer Kraft bedeutet. Das ist die andere Einseitigkeit. Das ist die BoasSäule. Zwischen beiden muß durchgegangen werden.

[ 21 ] The other, the Boas pillar, is also historically reflected in our time. It, too, represents a one-sidedness: the search for spirituality solely in the external world. A few decades ago, this manifested itself in America, where—I would say—Tolstoy’s antithesis came to light in Keely, whose ideal was to construct a motor powered not by steam, not by electricity, but by the very waves that human beings themselves generate through their voice and speech. Imagine an engine designed to be set in motion by those waves that one generates, for example, when speaking—or that a human being can generate in general through his or her inner life. It was still an ideal—thank God it was just an ideal back then—for what would have become of this war if Keely’s ideal had actually been realized at that time! Once that is realized, only then will we see what the harmonization of vibrations means in terms of external motive power. That is the other one-sidedness. That is the Boas Pillar. One must pass between the two.

[ 22 ] In den Symbolen, die aufbewahrt sind, ist viel, viel enthalten. Unsere Zeit ist dazu berufen, diese Dinge zu verstehen, in diese Dinge einzudringen. Der Kontrast, der einmal empfunden werden wird zwischen allem wahrhaft Geistigen und demjenigen, was sich heranwälzen wird, wenn der Keelysche Motor Realität sein wird, vom Westen, das wird noch ein ganz anderer Kontrast sein als derjenige, der da besteht zwischen Tolstois Anschauungen und dem, was sich vom Östen heranwälzt. Oh, darüber kann nicht weiter gesprochen werden!

[ 22 ] The symbols that have been preserved contain much, much more. Our time is called upon to understand these things, to delve into them. The contrast that will one day be felt between everything that is truly spiritual and that which will sweep in from the West once the Keely motor becomes a reality—that will be a very different contrast indeed from the one that exists between Tolstoy’s views and what is sweeping in from the East. Oh, there is no need to speak further on this!

[ 23 ] Aber es ist notwendig, daß wir uns nach und nach ein wenig in die Geheimnisse des Werdeganges der Menschheit vertiefen, daß wir einsehen, wie wirklich in der Menschenweisheit durch die Jahrtausende hindurch symbolisch oder sonst dasjenige ausgedrückt ist, was einmal in verschiedenen Stufen Realität wird. Heute ist man bloß bei einem Tasten, und ich habe Sie in einer der letzten Betrachtungen aufmerksam gemacht darauf, wie ein Mensch wie Hermann Bahr, mit dem ich in der Jugend vielfach zusammenwar, jetzt, nachdem er dreiundfünfzig Jahre alt geworden ist und so viele Schriften geschrieben hat, auf der einen Seite in Goethe tappend, tastend sucht und gesteht, daß er jetzt erst anfängt, an Goethe heranzukommen, und auf der anderen Seite anfängt etwas davon zu begreifen, daß es noch so etwas wie eine Geisteswissenschaft neben den äußeren Wissenschaften gibt. Ich habe Ihnen angeführt, wie die Persönlichkeit des Franz in seinem Roman «Himmelfahrt», den er eben jetzt hat erscheinen lassen, gewissermaßen Bahrs eigenen Entwickelungsgang darstellt, darstellt, wie er durchgegangen ist durch die äußere Wissenschaft. Er war bei dem Botaniker Wiesner in Wien, war bei Ostwald im chemischen Laboratorium in Leipzig, war bei Schmoller im nationalökonomischen Seminar in Berlin, war bei Richet in Frankreich, um Psychologie und Psychiatrie zu studieren, war bei Freud in Wien — selbstverständlich, ein Mensch der Gegenwart ist auch bei Freud in Wien gewesen, wenn er durch die verschiedenen wissenschaftlichen Sensationen durchgeht —, war bei den Theosophen in London und so weiter. Sie wissen, ich habe Ihnen die betreffende Stelle ja vorgelesen: «So hat er die Wissenschaften abgesucht, erst Botaniker bei Wiesner, dann Chemiker bei Ostwald, in Schmollers Seminar, auf Richets Klinik, bei Freud in Wien, gleich darauf bei den Theosophen in London; und so die Kunst, als Maler, Radierer ...» und so weiter. Ja, aber nun sehen Sie, zu welchem Glauben ringt sich dieser Franz durch, der wirklich einer der tastenden Menschen der Gegenwart ist? Es ist sehr interessant, er tappt und tastet, da dämmert ihm so etwas auf, was dann mit den Worten ausgedrückt wird:

[ 23 ] But it is necessary that we gradually delve a little deeper into the mysteries of humanity’s development, that we come to understand how what is expressed in human wisdom throughout the millennia—whether symbolically or otherwise—will one day become reality in various stages. Today we are merely groping in the dark, and in one of my recent reflections I drew your attention to how a man like Hermann Bahr—with whom I spent a great deal of time in my youth— is now, having reached the age of fifty-three and having written so many works, on the one hand groping his way through Goethe, searching tentatively, and admitting that he is only now beginning to grasp Goethe, and on the other hand beginning to comprehend that there is such a thing as a spiritual science alongside the external sciences. I have pointed out to you how the character of Franz in his novel Himmelfahrt (Ascension), which he has just published, represents, in a sense, Bahr’s own developmental path—how he has made his way through the external sciences. He studied under the botanist Wiesner in Vienna, worked with Ostwald in the chemistry laboratory in Leipzig, attended Schmoller’s seminar on political economy in Berlin, studied psychology and psychiatry under Richet in France, and worked with Freud in Vienna — of course, a person of our time would also have been with Freud in Vienna while exploring the various scientific sensations —, was with the Theosophists in London, and so on. You know, I did read the relevant passage to you: “Thus he explored the sciences—first as a botanist with Wiesner, then as a chemist with Ostwald, in Schmoller’s seminar, at Richet’s clinic, with Freud in Vienna, and immediately afterward with the Theosophists in London; and then the arts, as a painter, etcher...” and so on. Yes, but now do you see what belief this Franz—who is truly one of the groping souls of our time—is struggling to arrive at? It is very interesting: he stumbles and gropes, and then something dawns on him, which is then expressed in the words:

[ 24 ] «Er war nicht mehr im Stande der geistigen Unschuld. Aber gab es nicht vielleicht eine Art zweiter Unschuld, wiedergewonnener Unschuld? Gab es nicht eine Frömmigkeit des seine Grenzen erkennenden, des gedemütigten Verstandes, einen Glauben der Wissenden, eine Hoffnung aus Verzweiflung? Lebten nicht in allen Zeiten einsame verborgene weise Männer, der Welt abgewendet, einander durch geheime Zeichen verbunden, im Stillen wunderbar wirkend mit einer fast magischen Kraft, in einer höheren Region über den Völkern, über den Bekenntnissen, im Grenzenlosen, im Raum einer reineren, Gott näheren Menschlichkeit? Gab es nicht auch heute noch, überall in der Welt zerstreut und versteckt, eine Ritterschaft des heiligen Grals? Gab es nicht Jünger einer vielleicht unsichtbaren, nicht zu betretenden, bloß empfundenen, aber überall wirkenden, alles beherrschenden, schicksalbestimmenden weißen Loge? Gab es nicht immer auf Erden eine sozusagen anonyme Gemeinschaft der Heiligen, die einander nicht kennen, nichts voneinander wissen und doch aufeinander, ja miteinander wirken, bloß durch die Strahlen ihrer Gebete? Schon in seiner theosophischen Zeit hatten ihn solche Gedanken viel beschäftigt, aber er hatte offenbar immer nur falsche Theosophen kennengelernt, vielleicht ließen sich die wahren nicht kennenlernen», und so weiter.

[ 24 ] “He was no longer in a state of intellectual innocence. But was there not, perhaps, a kind of second innocence—a regained innocence? Was there not a piety of the mind that recognizes its limits, of the humbled intellect; a faith of the knowledgeable; a hope born of despair? Have there not always been solitary, hidden, wise men, turned away from the world, connected to one another through secret signs, working wonders in silence with an almost magical power, in a higher realm above the peoples, above the creeds, in the boundless, in the realm of a purer humanity closer to God? Is there not even today, scattered and hidden throughout the world, a knighthood of the Holy Grail? Are there not disciples of a perhaps invisible, inaccessible, merely sensed, yet omnipresent, all-governing, fate-determining White Lodge? Was there not always on earth, so to speak, an anonymous community of saints who do not know one another, know nothing of one another, and yet influence one another—indeed, work together—merely through the rays of their prayers? Even during his theosophical period, such thoughts had occupied him greatly, but he had apparently only ever encountered false theosophists; “perhaps the true ones could not be known,” and so on.

[ 25 ] Diese Gedanken kommen dem Franz, nachdem er die Welt durchsaust hat, er überall war, wovon ich Ihnen gesagt habe, und dann wiederum zurückgekommen ist in seine Heimat — es ist wahrscheinlich Salzburg, um das es sich handelt. Also in seiner salzburgischen Heimat, da kommen ihm diese Gedanken. Es ist vielleicht nicht unbescheiden und soll nicht unbescheiden sein: Bei uns war er nicht, der Franz; aber man kann so ein bißchen die Gründe finden, warum er nicht bei uns war. Indem er so suchte nach Menschen, welche streben nach dem Geistesgut, erinnerte er sich eines Engländers, den er einmal kennengelernt hat in Rom. Er schildert auch diesen Engländer, den er in Rom kennengelernt hat:

[ 25 ] These thoughts occur to Franz after he has raced across the world, been everywhere I’ve told you about, and then returned to his homeland—it’s probably Salzburg we’re talking about. So, in his Salzburg homeland, these thoughts come to him. It may not be modest, and it is not meant to be: Franz wasn’t here with us; but one can perhaps understand a little why he wasn’t here with us. As he searched for people who strive for spiritual enrichment, he recalled an Englishman he had once met in Rome. He also describes this Englishman he met in Rome:

[ 26 ] «Es war ein kluger Mann in reifen Jahren, von guter Familie, reich, unabhängig, Junggeselle und ein richtiger Engländer, nüchtern, praktisch, unsentimental, ganz unmusikalisch, unkünstlerisch, ein derber, vergnügter Sinnenmensch, Angler, Ruderer, Segler, starker Esser, fester Zecher, ein Lebemann, den in seinem Behagen nur eine einzige Leidenschaft störte, die Neugierde, alles zu sehen, alles kennenzulernen, überall einmal gewesen zu sein, eigentlich in keiner anderen Absicht, als um schließlich, von welchem Ort immer man sprach, befriedigt sagen zu können: O ja!, das Hotel zu wissen, in dem ihn dort Cook untergebracht, und die Sehenswürdigkeiten, die er aufgesucht, die Menschen von Rang oder Ruhm, mit denen er verkehrt hatte. Um bequemer zu reisen und überall Zutritt zu haben, war ihm geraten worden, Freimaurer zu werden. Fr lobte die Nützlichkeit dieser Verbindung, bis er entdeckt zu haben glaubte, es müsse noch eine ähnliche, doch besser geleitete, mächtigere Verbindung höherer Art geben, der er nun durchaus beitreten wollte, wie er ja, wenn irgendwo noch ein anderer, besserer Cook aufzufinden gewesen wäre, sich natürlich an diesen gewendet hätte. Er ließ sich nicht ausreden, die Welt werde von einer ganz kleinen Gruppe geheimer Führer beherrscht, die sogenannte Geschichte von diesen verborgenen Männern gemacht, die selbst ihren nächsten Dienern unbekannt seien, wie diese wieder den ihren, und er behauptete, den Spuren dieser geheimen Weltregierung, dieser wahren Freimaurerei, von der die andere bloß eine höchst törichte Kopie mit unzulänglichen Mitteln, folgend, ihren Sitz in Rom gefunden zu haben, eben bei den Monsignori, von denen aber freilich auch wieder die meisten ahnungslose Statisten wären, deren Gedränge bloß die vier oder fünf wirklichen Herren der Welt zu verbergen hätte. Und Franz mußte heute noch über die komische Verzweiflung seines Engländers lachen, der nun das Pech hatte, niemals an den richtigen zu kommen, sondern immer wieder bloß an Statisten, aber sich dadurch nicht irremachen ließ, sondern immer nur noch mehr Respekt vor einer so wohlbehüteten, undurchdringlichen Verbindung bekam, in die er schließlich doch noch eingelassen zu werden wettete, und wenn er bis ans Ende seines Lebens in Rom bleiben und wenn er die Kutte nehmen oder etwa gar sich beschneiden lassen müßte, denn da er überall den unsichtbaren Fäden einer über die ganze Welt gesponnenen Macht nachgespürt hatte, war er nicht abgeneigt, auch die Juden sehr zu schätzen, und er sprach gelegentlich stockernst den Verdacht aus, ob nicht vielleicht im letzten, innersten Kreise dieses verborgenen Weltgewebes Rabbiner und Monsignori höchst einträchtig beisammen säßen, was ihm übrigens gleichgültig gewesen wäre, wenn sie nur auch ihn mitzaubern ließen.»

[ 26 ] “He was a clever man of mature years, from a good family, wealthy, independent, a bachelor, and a true Englishman—sober, practical, unsentimental, completely unmusical, unartistic, a coarse, cheerful hedonist, an angler, rower, sailor, a hearty eater, a heavy drinker, a bon vivant whose contentment was disturbed by only one passion: the curiosity to see everything, to get to know everything, to have been everywhere—really with no other purpose than to be able to say, with satisfaction, about whatever place was being discussed: Oh yes!, to know the hotel where Cook had put him up there, and the sights he had visited, and the people of rank or fame with whom he had associated. To travel more comfortably and have access everywhere, he had been advised to become a Freemason. Fr praised the usefulness of this organization until he believed he had discovered that there must be another similar, yet better-led, more powerful organization of a higher order, which he now absolutely wanted to join—just as, if there had been another, better Cook to be found anywhere, he would naturally have turned to him. He would not be dissuaded; the world, he insisted, was ruled by a very small group of secret leaders; so-called history was made by these hidden men, who were unknown even to their closest servants, just as those servants were unknown to theirs, and he claimed that, following the trail of this secret world government—this true Freemasonry, of which the other was merely a highly foolish copy with inadequate means—he had found its seat in Rome, specifically among the monsignors, though of course most of them, too, were unsuspecting extras whose throng served merely to conceal the four or five true masters of the world. And Franz still had to laugh today at the comical desperation of his Englishman, who now had the misfortune of never encountering the right person, but instead always coming across mere extras—yet he did not let this throw him off, but instead gained even more respect for such a well-protected, impenetrable society, into which he vowed he would eventually be admitted, even if he had to remain in Rome until the end of his life, and even if he had to take the habit or perhaps even undergo circumcision; for, having traced the invisible threads of a power spun across the entire world everywhere, he was not averse to holding the Jews in high esteem as well, and he would occasionally voice, in all seriousness, the suspicion that perhaps, in the innermost circle of this hidden world-web, rabbis and monsignors sat together in perfect harmony—which, incidentally, would have been of no consequence to him, if only they would let him share in their magic.”

[ 27 ] Da haben Sie eine Karikatur von dem, was ich Ihnen ja gesagt habe, wie es gleichsam ein Imperium in Imperio gibt, einen kleinen Kreis, der in die anderen seine Macht ausstrahlt. Nur stellt sich ihn der Engländer vor, und der Franz mit ihm, als eine Gemeinschaft der Rabbiner und Monsignori; das sind nun gerade diejenigen, die nicht darinnen sind! Aber Sie sehen, er tappt sich nur so durch. Warum tappt er denn eigentlich? Ja, er erinnert sich einmal wieder der schwärmerischen Schrullen des Engländers:

[ 27 ] There you have a caricature of what I told you—how there is, as it were, an “empire within an empire,” a small circle that projects its power onto the others. Only the Englishman—and the Frenchman along with him—imagines it as a community of rabbis and monsignors; those are precisely the ones who aren’t part of it! But you see, he’s just stumbling his way through. Why is he stumbling, anyway? Ah, he recalls once again the Englishman’s fanciful ramblings:

[ 28 ] «Und viel später erst war er auf den Gedanken gekommen, ob denn nicht vielleicht auch jemand, dem derlei Fähigkeiten nicht angeboren wären, ihrer teilhaftig werden, ob man sich zu solchen Kräften erziehen, ob man sie durch Training erlernen könnte. Aber die theosophischen Übungen hatten ihn bald enttäuscht ...»

[ 28 ] “And it was not until much later that it occurred to him to wonder whether someone who was not born with such abilities might also acquire them—whether one could train oneself to develop such powers, or learn them through practice. But the theosophical exercises soon disappointed him ...”

[ 29 ] Die hat er aufgegeben! Sehen Sie, es gibt in unserer Gegenwart ein solches Tappen, Tasten. Menschen wie Bahr, sie kommen ins höhere Alter, da kommen sie darauf, und dann machen sie sich groteske Vorstellungen. Eine solche groteske Vorstellung ist da noch enthalten. Ja, sehen Sie, da ist nun dieser Franz eingeladen in seiner Heimat bei einem Domherrn. Dieser Domherr ist eine ganz geheimnisvolle Persönlichkeit, Salzburger Domherr, der in Salzburg eine große Wichtigkeit hat — die Stadt Salzburg ist nicht genannt, man erkennt sie nur —, eine größere Wichtigkeit als der Kardinal; denn die ganze Stadt spricht nicht mehr von dem Kardinal, aber von dem Domherrn: Der Dombherr, obwohl es dort ein Dutzend Domherren gibt, aber von dem Domherrn spricht man, so daß der Franz manchmal so die Idee hat, ob der nicht selber so einer ist von der weißen Loge. Sie wissen ja, man kann leicht zu solchen Anschauungen kommen. Nun, da ist er einmal in eine Gesellschaft beim Domherrn eingeladen, der Franz. Da sind manche Leute, und der Domherr ist wirklich ein sehr toleranter Mann, denn denken Sie, er ist katholischer Domherr und hat sich den jüdischen Bankier mit einem Jesuiten, dem Franz und einigen anderen und mit einem Franziskanermönch zusammen eingeladen. Es ist ein lustiges Mittagsmahl. Der jüdische Bankier ist notabene ein Bankier, dem fast alle Leute zu irgendwelchem klingenden Dank verpflichtet sind, der das aber wirklich alles selbstlos tut, denn er fordert in der Regel gar nicht, daß man ihm das wieder zurückgibt, was man sich scheinbar ausleiht von ihm, sondern er will nur alle Jahre bei so einem Herrn, wie der Domherr ist, eingeladen sein; das macht ihm Freude. Und bald sind der Jesuit und dieser jüdische Bankier in einem Gespräch darinnen, daß es dem Franz zu stark wird. Er geht weg, weil sie nun wirklich schon schändliche Witze machen, geht an die Bibliothek, und der Domherr geht ihm nach.

[ 29 ] He’s given that up! You see, in our time there’s a lot of fumbling and groping around. People like Bahr—as they reach old age, they come to realize this, and then they come up with grotesque ideas. One such grotesque idea is still present here. Yes, you see, Franz has now been invited to his hometown to stay with a canon. This canon is a very mysterious figure, a canon of the Salzburg Cathedral who holds great importance in Salzburg—the city of Salzburg isn’t named, but you can tell it’s there—greater importance than the cardinal; for the whole city no longer speaks of the cardinal, but of the canon: The canon—even though there are a dozen canons there—but people speak of the canon, so that Franz sometimes wonders whether he himself might be one of those from the White Lodge. You know, it’s easy to come to such conclusions. Well, Franz is invited to a gathering at the canon’s house. There are quite a few people there, and the canon is truly a very tolerant man—just imagine: he’s a Catholic canon, and he’s invited a Jewish banker, a Jesuit, Franz, a few others, and a Franciscan monk. It’s a lively luncheon. The Jewish banker, incidentally, is a banker to whom almost everyone owes some kind of heartfelt gratitude, but who does all this truly selflessly, for he generally doesn’t demand that people pay him back what they seem to be borrowing from him; rather, he simply wants to be invited every year by a gentleman like the canon—that’s what brings him joy. And soon the Jesuit and this Jewish banker are engaged in a conversation that becomes too much for Franz. He leaves because they’re now really making obscene jokes, goes to the library, and the canon follows him.

[ 30 ] «Sie» — die Bibliothek — «war nicht groß, aber gewählt. Von Theologie nur gerade das Nötigste, die Bollandisten, viel Franziskanisches, Meister Eckhart, die geistlichen Übungen, Katharina von Genua, die Mystik von Görres und Möhlers Symbolik. Philosophie schon mehr: der ganze Kant, samt den Schriften der Kantgesellschaft, Deussens Upanischaden und seine Geschichte der Philosophie, Vaihingers Philosophie des Als Ob, und sehr viel Erkenntniskritisches. Dann die griechischen und römischen Klassiker, Shakespeare, Calderon, Cervantes, Dante, Macchiavell und Balzac im Original, aber von Deutschen nur Novalis und Goethe, dieser in verschiedenen Ausgaben, seine naturwissenschaftlichen Schriften in der Weimarer. Einen Band davon nahm Franz und fand viele Randbemerkungen von der Hand des Domherrn, der in diesem Augenblick den jungen Mönch und den Jesuiten verließ und zu ihm trat. Er sagte: «Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand>.»

[ 30 ] “It”—the library—“was not large, but well-chosen. On theology, only the bare essentials: the Bollandists, a great deal on the Franciscans, Meister Eckhart, the Spiritual Exercises, Catherine of Genoa, the mysticism of Görres, and Möhler’s Symbolism. There was more in philosophy: the complete works of Kant, including the writings of the Kant Society; Deussen’s Upanishads and his History of Philosophy; Vaihinger’s Philosophy of the As If; and a great deal on the critique of knowledge. Then the Greek and Roman classics, Shakespeare, Calderón, Cervantes, Dante, Machiavelli, and Balzac in the original, but of German authors only Novalis and Goethe—the latter in various editions, his scientific writings in the Weimar edition. Franz picked up one of these volumes and found many marginal notes in the canon’s hand; at that very moment, the canon left the young monk and the Jesuit and approached him. He said, “Yes, nobody knows Goethe’s scientific writings.”

[ 31 ] Nun ist es charakteristisch, was der Domherr an den naturwissenschaftlichen Schriften Goethes findet, charakteristisch sowohl nach der einen Seite, nach dem, was nun wirklich drinnen ist und dem Domherrn nun auch davon aufleuchtet, wie demjenigen, was dem Domherrn nun aufleuchtet, weil er wirklich ein katholischer Domherr ist.

[ 31 ] It is characteristic what the canon finds in Goethe’s scientific writings—characteristic both in terms of what is actually contained therein and what becomes clear to the canon, as well as in terms of what becomes clear to him precisely because he is, in fact, a Catholic canon.

[ 32 ] «Ja die naturwissenschaftlichen Schriften Goethes kennt niemand. Leider! Da sieht der alte Heide, der er doch durchaus gewesen sein soll, auf einmal ganz anders aus und dann versteht man doch auch den Schluß des Faust erst.»

[ 32 ] “Yes, nobody knows Goethe’s scientific writings. Unfortunately! Suddenly, the old pagan—which he is said to have been, after all—looks quite different, and only then does one truly understand the ending of Faust.”

[ 33 ] Da hat er recht, der Domherr. Man kann den Schluß des «Faust» nicht verstehen, wenn man nicht die naturwissenschaftlichen Anschauungen Goethes kennt!

[ 33 ] The canon is right about that. You can't understand the ending of Faust unless you're familiar with Goethe's views on the natural sciences!

[ 34 ] «Ich habe mir ja nie vorstellen können, Goethe tue da bloß auf einmal katholisch, nur zur malerischen Wirkung.»

[ 34 ] “I could never have imagined that Goethe was just suddenly pretending to be Catholic, just for the sake of dramatic effect.”

[ 35 ] Also der Domherr schlägt ihm natürlich immer ins Genick, aber das macht ja nichts.

[ 35 ] So, of course, the canon always hits him on the back of the neck, but that doesn't matter.

[ 36 ] «Dazu ist doch mein Respekt vor dem Dichter zu groß, vor jedem Dichter, um zu glauben, daß einer, gerade wenn er sein letztes Wort sagt, ein Kostüm anlegen sollte.»

[ 36 ] “My respect for the poet—for every poet—is simply too great for me to believe that anyone, especially when speaking their final words, should put on a costume.”

[ 37 ] Das glauben nämlich wirklich die meisten Leute, daß Goethe nun wirklich nur ein Kostüm anlegte, wie er die großartige, grandiose Schlußszene seines «Faust» geschrieben hat! «Aber in den naturwissenschaftlichen Schriften steht ja auf jeder Seite, wie katholisch Goethe war ...»

[ 37 ] That’s what most people really believe—that Goethe was simply putting on a costume when he wrote the magnificent, grandiose final scene of his Faust! “But in his scientific writings, every page shows just how Catholic Goethe was ...”

[ 38 ] Nun, der Domherr nennt alles dasjenige, was er versteht und ihm liegt — das braucht uns ja nicht weiter zu genieren — katholisch.

[ 38 ] Well, the canon calls everything he understands and is comfortable with—and that needn’t bother us any further—Catholic.

[ 39 ] «... wie katholisch Goethe war, unwissentlich vielleicht und jedenfalls ohne den rechten Mut dazu. Es liest sich, als hätte da jemand, mit den katholischen Wahrheiten unbekannt, sie sozusagen unversehens auf eigene Faust aus sich selber entdeckt, wobei es freilich ohne manche Gewaltsamkeiten und Wunderlichkeiten nicht abgeht, aber doch im großen Ganzen nichts Entscheidendes, Notwendiges und Wesentliches fehlt, selbst der Schuß von Aberglauben, Magie oder wie man das nennen will, was den richtigen geborenen Protestanten an unserer heiligen Lehre stets so verdächtig bleibt, selbst das nicht! Ich habe ja oft meinen eigenen Augen kaum getraut! Ist man aber bei Goethe dem kryptogamen Katholiken nur erst einmal auf der Spur, so sieht man ihn bald überall. Sein Vertrauen zum Heiligen Geiste, den er freilich lieber «Genius> nennt, sein tiefes Gefühl für die Sakramente, deren ihm nur noch zu wenige sind, sein Sinn für das «Ahndevolle, seine Begabung zur Ehrfurcht, gar aber, daß er, ganz unprotestantisch, sich niemals mit dem Glauben begnügt, sondern überall auf die Anerkennung Gottes durch die lebendige Tat, durch das fromme Werk dringt, gar dieses so seltene, höchste, schwierigste Begreifen, daß der Mensch nicht von Gott geholt werden kann, wenn er nicht selbst sich Gott holt, das Begreifen dieser furchtbaren menschlichen Freiheit, selber wählen zu müssen und die dargebotene Gnade nehmen, aber auch ausschlagen zu können, durch welche Freiheit allein die Gnade Gottes dem Menschen, der sich für sie entscheidet, der sie sich nimmt, erst zum eigenen Verdienste wird, das alles ist auch in seinen Übertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so stockkatholisch ...»

[ 39 ] “... how Catholic Goethe was—perhaps unwittingly, and in any case without the true courage to embrace it. It reads as if someone, unfamiliar with Catholic truths, discovered them, so to speak, unexpectedly on his own, though of course not without a certain amount of contrivance and eccentricity; yet on the whole, nothing decisive, necessary, or essential is missing—not even that touch of superstition, magic, or whatever one might call it, which always remains so suspect to the true, born Protestant regarding our holy doctrine—not even that! I have often scarcely believed my own eyes! But once you’re on the trail of Goethe, the cryptic Catholic, you soon see him everywhere. His trust in the Holy Spirit—whom he, of course, prefers to call “Genius”—his deep feeling for the sacraments, of which there are still too few for him, his sense of the “spiritual,” his gift for reverence, and even more so the fact that he, in a thoroughly un-Protestant way, never content with mere faith, but pressing everywhere for the acknowledgment of God through living action, through pious works—and even that rare, supreme, and most difficult understanding that a person cannot be brought to God unless he brings himself to God—the understanding of this terrible human freedom to have to choose for oneself and to accept the grace offered, but also to be able to reject it—a freedom through which alone God’s grace becomes a personal merit for the person who chooses it and takes it for himself—all of this remains, even in his exaggerations and distortions, so thoroughly Catholic …»

[ 40 ] Uns würde insbesondere das, was der Domherr Übertreibung nennt, interessieren; aber der Domherr nennt das katholisch.

[ 40 ] We would be particularly interested in what the canon calls an exaggeration; but the canon calls it Catholic.

[ 41 ] «... das alles ist auch in seinen Übertreibungen, auch in seinen Verzerrungen noch so stockkatholisch, daß ich, wie du siehst,» — der Domherr duzt nämlich alle Leute, die er gern hat — «oft genug an den Rand die Stellen aus dem Tridentinum schreiben konnte, wo zuweilen fast mit denselben Worten dasselbe steht.»

[ 41 ] “... all of this—even in its exaggerations, even in its distortions—is still so staunchly Catholic that, as you can see,”—the canon, you see, addresses everyone he likes informally—“I’ve often been able to write in the margins passages from the Council of Trent where the same thing is stated, at times in almost the exact same words.”

[ 42 ] Denken Sie sich einen katholischen Domherrn, der Beschlüsse aus dem Tridentinischen Konzil neben die Worte Goethes schreibt! Da haben Sie dasjenige, was durch die Menschheit geht, und was man nennen kann den Kern des geistigen Lebens, der allen Menschen gemeinschaftlich ist. Man darf das nur nicht als Phrase nehmen, sondern man muß es nehmen, wie die Sache gemeint sein kann. Und dann sagt der Domherr weiter:

[ 42 ] Imagine a Catholic canon who writes down resolutions from the Council of Trent alongside the words of Goethe! There you have what runs through humanity, and what one might call the core of spiritual life, which is common to all people. One must not take this as mere rhetoric, but must take it as it is intended. And then the canon continues:

[ 43 ] «Und wenn Zacharias Werner erzählt hat, er sei durch einen Satz in den Wahlverwandtschaften katholisch gemacht worden, so glaube ich ihm das aufs Wort. Womit ich natürlich nicht leugnen will,» — jetzt schlägt der Domherr wieder durch! — «daß es daneben auch einen heidnischen, einen protestantischen, ja sogar einen beinahe jüdischen Goethe gibt,» — uns geniert das gar nicht, uns ist das gerade recht — «und ihn durchaus nicht als das Muster eines Katholiken reklamieren will ...»

[ 43 ] “And if Zacharias Werner said that a sentence in Elective Affinities converted him to Catholicism, I take him at his word. Which is not to say, of course,”—now the canon is going overboard again! — “that there is also a pagan, a Protestant, and even an almost Jewish Goethe,” — that doesn’t bother us at all; it suits us just fine — “and I certainly don’t want to hold him up as the model of a Catholic...”

[ 44 ] Aber was jetzt der Domherr noch dazu sagt, kann uns schon ganz angenehm sein, wenigstens — ich will es niemand anderem aufdrängen, aber mir ist es ganz sympathisch —: Wenn er selbst katholisch wäre, «was er übrigens immer noch eher war, als der plattvergnügte Wald- und Wiesenmonist, den die neudeutschen Oberlehrer unter seinem Namen paradieren lassen ...»

[ 44 ] But what the canon has to say on this matter can be quite pleasing to us, at least—I don’t want to impose this on anyone else, but I find it quite appealing—: If he himself were Catholic, “which, incidentally, he still was more so than the shallow, pleasure-seeking monist of the woods and meadows that the New German schoolmasters parade under his name...”

[ 45 ] Damit sind selbstverständlich Richard M. Meyer, Albert Bielschowsky, Engel, die neudeutschen Oberlehrer, die ihre neudeutschen Werke über Goethe geschrieben haben, gemeint.

[ 45 ] This, of course, refers to Richard M. Meyer, Albert Bielschowsky, Engel, and the New German scholars who have written their New German works on Goethe.

[ 46 ] Also Sie sehen, daß wir im Grunde genommen schon etwas treiben, wohin das geheime dunkle Sehnen der Zeit geht, und wohin es im Grunde gehen muß — eine ernste Sache.

[ 46 ] So you see that, deep down, we are already doing something that reflects where the secret, dark longing of our time is headed—and where it must ultimately lead—a serious matter.

[ 47 ] Und nun erinnern Sie sich an etwas anderes noch. Erinnern Sie sich an einige der ersten Vorträge, die ich während dieser schicksaltragenden Zeit in unseren Zweigen gehalten habe, wo ich von einem erschütternden okkulten Erlebnis gesprochen habe, von jenem Erlebnis, daß die Seele des in Serajewo ermordeten Franz Ferdinand eine besondere Rolle spielt in der geistigen Welt. Die meisten von Ihnen werden sich erinnern, wie ich erzählt habe, daß sie dort gleichsam eine kosmische Bedeutung erlangt hat. Und jetzt erscheint dieser Roman, in diesen Wochen kauft man ihn, und da steht dieser Erzherzog Franz Ferdinand charakterisiert von einem Mann, der sich unter der Maske eines Blödlings als Knecht verdingt hat bei einem salzburgischen Gutsbesitzer, bei dem Bruder des Franz, der störrisch dort war und geprügelt werden mußte zur Arbeit. Als der Mord in Serajewo geschieht, da führt er sich so auf, daß ihn die Leute wiederum verprügeln, diesen Blasl, diesen Blödling. Denken Sie, er sagt, als er die Ermordung des Franz Ferdinand an der Kirchentüre angeschlagen findet: «Ja, so mußte er enden, anders kann’s nicht sein!» Na, was konnten die Leute anderes annehmen, als daß er mit in der Verschwörung ist, trotzdem der Mord in Serajewo stattgefunden hat, und der Blasl in Salzburg ist; aber das stört ja solche Leute nicht weiter, die in der Sache nachsuchen: Selbstverständlich ist er mit in der Serajewoer Verschwörung. Und da man spanisch geschriebene Bücher bei ihm findet, ist er selbstverständlich ein spanischer Anarchist! Nun kriegt dieses spanische Heft der Landesgerichtsrat oder was er ist, der natürlich kein Spanisch kann und der so schnell wie möglich, nachdem der Blasl gefesselt und ihm zugebracht worden ist, die ganze Sache loshaben will. Er soll nach Wien, dort sollen sie ausmachen, was zu geschehen hat mit diesem spanischen Anarchisten — er kann sich doch nicht blamieren! Er ist auch ein eifriger Almgänger und es ist vielleicht der letzte schöne Tag: also nur geschwind los! Er versteht nichts davon. Sicher ist es ja doch, daß es ein spanischer Anarchist ist. — Da erinnert er sich, daß ja der Franz in Spanien war — ich habe Ihnen erzählt, Bahr war ja auch in Spanien —, der kann das lesen, der soll ihm einen Auszug daraus machen. Nun nimmt der Franz dieses Manuskript, und was entdeckt er? Tiefste Mystik! Ganz und gar nichts Anarchistisches — tiefste Mystik. Es ist wirklich sehr viel Wunderschönes in diesem Manuskript. Also dieser Blasl, der Blödling, hat das geschrieben, weil er nämlich durch seine Mystik selber so geführt worden ist, daß er der Welt absterben wollte. Ich will diesen Weg selbstverständlich nicht verteidigen. Der Blasl ist eigentlich ein spanischer Infant. Da fließt nun zusammen diese Charakteristik des spanischen Infanten mit derjenigen des Erzherzogs Johann, der einmal vom österreichischen Kaiserhause weggegangen und in die Welt gegangen ist. Er konnte nicht den Österreicher charakterisieren, aber man sieht da die Gestalt durch; da kommt er darauf zu sagen, es ist ein spanischer Infant. Sie können sich denken, was das in Salzburg ist, Sie können sich den Umstand denken im armen Salzburg! Sie hatten einen Anarchisten eingefangen, in Fesseln gelegt gehabt — und jetzt ist es ein spanischer Infant! Aber der Mann, der den Thronfolger kannte, was sagt er nun vom Thronfolger, als er jetzt schon als Infant auftrat und als Mystiker?

[ 47 ] And now, please recall something else. Do you recall some of the first lectures I gave in our branches during that fateful time, in which I spoke of a deeply moving occult experience—the experience that the soul of Franz Ferdinand, who was assassinated in Sarajevo, plays a special role in the spiritual world? Most of you will remember how I explained that his soul had, as it were, attained a cosmic significance there. And now this novel has been published; people have been buying it in recent weeks, and in it Archduke Franz Ferdinand is portrayed as a man who, under the guise of a simpleton, hired himself out as a servant to a Salzburg landowner—Franz’s brother—who was stubbornly stuck there and had to be beaten into working. When the assassination in Sarajevo takes place, he behaves in such a way that people beat him up again—this Blasl, this simpleton. Just imagine, he says, when he finds the news of Franz Ferdinand’s assassination posted on the church door: “Yes, that’s how he had to end up; it couldn’t be any other way!” Well, what else could people assume but that he was part of the conspiracy, even though the assassination took place in Sarajevo and Blasl was in Salzburg? But that doesn’t bother people who are investigating the matter: of course he’s part of the Sarajevo conspiracy. And since they find books written in Spanish in his possession, he’s obviously a Spanish anarchist! Now this Spanish booklet ends up in the hands of the regional court judge—or whatever he is—who, of course, doesn’t speak Spanish and who wants to wrap the whole thing up as quickly as possible after Blasl has been handcuffed and brought before him. He’s to go to Vienna, where they’ll decide what to do with this Spanish anarchist—he can’t very well make a fool of himself! He’s also an avid hiker, and this might be the last beautiful day: so let’s get going! He doesn’t understand any of it. One thing is certain, though: he is indeed a Spanish anarchist. — Then he remembers that Franz was in Spain—I’ve told you, Bahr was in Spain too—Franz can read this; he should make an excerpt from it for him. So Franz takes this manuscript, and what does he discover? The deepest mysticism! Absolutely nothing anarchistic—the deepest mysticism. There really is a great deal of beauty in this manuscript. So this Blasl, that simpleton, wrote it because his own mysticism had led him to the point where he wanted to renounce the world. Of course, I don’t mean to defend this path. Blasl is actually a Spanish infante. Here, the character traits of the Spanish infante converge with those of Archduke Johann, who once left the Austrian imperial house and set out into the world. He couldn’t characterize the Austrian, but you can see the figure through it all; that’s when he comes to say, “He’s a Spanish infante.” You can imagine what that means in Salzburg; you can imagine the situation in poor Salzburg! They had captured an anarchist, put him in chains—and now he’s a Spanish infante! But the man who knew the heir to the throne—what does he now say about the heir to the throne, now that he was already appearing as an infante and as a mystic?

[ 48 ] «Der verwunschene, jetzt entzauberte Prinz, noch in seinen alten Kleidern und auch sonst ganz der alte, dennoch aber ein anderer, seit Franz wußte, daß es eine Verkleidung war, sagte lächelnd: «Vergeben Sie mir den Betrug, der ja für mein Gefühl eigentlich keiner war. Der Infant Don Tadeo bin ich längst nicht mehr. Wenn mich Umstände nötigen, ihn jetzt wieder eine Zeit vorzustellen, so fällt mir diese Rolle viel schwerer. Für mich war ich der alte Blasl wirklich, und wenn ich überhaupt log, so hätte ich mich belogen, nicht Sie. Daß ich Ihnen Ungelegenheiten bereiten würde, konnte ich nicht wissen. Es tut mir leid genug. Natürlich war’s das albernste Mißverständnis. Ich habe den Thronfolger, ohne freilich ihm je begegnet zu sein, genau gekannt, er ist mir sehr wert gewesen, wir waren in Verbindung, wenn auch nicht auf die hiesige Art.» — «Hiesige» meint er in bezug auf die Verbindung auf dem physischen Plan. — «Er hatte längst die Grenzen der irdischen Wirksamkeit überschritten und stand mit einem Fuß schon in dem anderen Raum des rein geistigen Tuns. Er mußte nun ganz hinüber, das wußte ich: um in Erfüllung zu gehen, hat er nicht mehr bleiben können. Von dort aus erst wird seine Tat geschehen. Ich wunderte mich nur, daß das Schicksal so lange mit ihm zögerte. Und als ich an jenem Sonntag aus der Kirche tretend, wo ich eben im Gebet wieder von neuem versichert worden war, die beklommene Menge fand, wußte ich gleich, daß er endlich befreit war. Was durch ihn zu geschehen hat, kann er von drüben erst verrichten. Hier hat er es nur versprechen können, sein Leben war nur eine Voranzeige. Jetzt erst kann es sich begeben. Ich habe mir ihn nie als einen konstitutionellen Monarchen denken können, mit Parlamentarismus und dem ganzen Humbug. Dafür war sein Format zu groß. Aber so hat er nun mit einem Schlag die Tat an sich gerissen. Dieser Tote wird jetzt erst leben, und von Grund auf. Das empfand ich bei der Nachricht, das meinten meine Worte.

[ 48 ] “The enchanted prince, now freed from the spell—still in his old clothes and in every other way exactly the same as before, yet different now that Franz knew it was a disguise—said with a smile: ‘Please forgive me for the deception, which, as far as I’m concerned, wasn’t really one at all. I have long since ceased to be the Infante Don Tadeo. If circumstances now compel me to impersonate him again for a time, this role is much harder for me to play. To myself, I truly was the old Blasl, and if I lied at all, I would have been lying to myself, not to you. I could not have known that I would cause you any inconvenience. I’m truly sorry. Of course, it was the silliest misunderstanding. I knew the heir to the throne well—though I’d never actually met him—and he was very dear to me; we were in contact, though not in the way people do here.” — “Here,” he meant in reference to contact on the physical plane. —“He had long since crossed the boundaries of earthly activity and already had one foot in the other realm of purely spiritual action. He now had to cross over completely; I knew that: in order for his mission to be fulfilled, he could no longer remain. Only from there will his deed be accomplished. I was only surprised that fate had hesitated so long with him. And when, stepping out of church that Sunday—where I had just been reassured anew through prayer—I found the anxious crowd, I knew at once that he was finally free. What is to be accomplished through him can only be carried out from the other side. Here, he could only promise it; his life was merely a foretaste. Only now can it come to pass. I could never have imagined him as a constitutional monarch, with parliamentarianism and all that nonsense. He was too great a figure for that. But now, in a single stroke, he has seized the initiative. This dead man will now truly live—and from the ground up. That is what I felt upon hearing the news; that is what my words meant.

[ 49 ] «So mußte er einmal enden!» hat er gesagt bei dem Anschlag.

[ 49 ] “This is how it was bound to end!” he said at the time of the attack.

[ 50 ] Ich muß sagen, ich war außerordentlich merkwürdig berührt, als ich vor einigen Tagen diese Sache hier in Bahrs «Himmelfahrt» las. Vergleichen Sie das, was uns jetzt im Roman entgegentritt, mit dem, was hier aus der Realität der geistigen Welt heraus gesagt worden ist! Versuchen Sie damit zu erkennen, wie tief in der Realität man mit der Geisteswissenschaft drinnensteckt! Wie diejenigen, die nach Erkenntnis suchen, wenn auch erst tappend, tapsend, doch auf diesen Wegen gehen, wie sie, die auf diese Wege kommen wollen, bis auf Einzelheiten hin an dasjenige herankommen, was hier entwickelt wird. Denn es ist kaum anzunehmen, daß nun auch das, was damals gesagt worden ist, durch irgendeines unserer Mitglieder dem Hermann Bahr verraten worden sein könnte. Aber selbst wenn das geschehen wäre, so ist es immerhin nicht zurückgewiesen, sondern angenommen worden.

[ 50 ] I must say, I was deeply and strangely moved when I read this passage a few days ago in Bahr’s Himmelfahrt. Compare what we now encounter in the novel with what has been said here, drawn from the reality of the spiritual world! Try to recognize through this just how deeply one is immersed in reality through spiritual science! How those who seek knowledge—even if only groping and stumbling at first—still walk these paths; how those who wish to embark on these paths come to understand, down to the finest details, what is being developed here. For it is hardly conceivable that what was said back then could have been revealed to Hermann Bahr by any of our members. But even if that had happened, it was not rejected but accepted.

[ 51 ] Wir wollen nichts in Wirklichkeit umsetzen, was nur irgendeiner Liebhaberei entspricht. Wir wollen in Wirklichkeit umsetzen, was eine Notwendigkeit der Zeit ist und als eine Notwendigkeit sich aufs deutlichste ausprägt. Und wenn sich in der jüngsten Zeit so manches geltend macht, was Verleumdung ist, so ist man ja in unserer Zeit sehr geneigt, gerade sein Mitleid dorthin zu wenden, wo verleumdet wird. Viel weniger wendet man heute nach den berechtigten Seiten sein Mitgefühl hin, sondern gerade dort, wo Unrechtes getan wird, findet man, daß eigentlich diejenigen, die das Rechte getan hatten, zunächst die Hand zu reichen haben und denjenigen, die das Unrecht getan haben, zu kajoliieren ist. Wir erfahren es immer wieder und wiederum. Gerade innerhalb unserer Gemeinschaft erfahren wir das immer wieder. Meine lieben Freunde, heute ist nicht die Stimmung, und es ist mir auch nicht zu tun darum, auf derlei Dinge einzugehen. Ich gehe ja immer nur auf diese Dinge ein, wenn eine gewisse Notwendigkeit vorliegt. Aber mit einem lassen Sie mich noch schließen.

[ 51 ] We do not want to put into practice anything that is merely a hobby. We want to put into practice what is a necessity of our time and what manifests itself most clearly as a necessity. And even if, in recent times, many things have been put forward that are nothing but slander, people in our time are very inclined to direct their sympathy precisely toward those who are being slandered. Today, people are far less inclined to direct their sympathy toward what is just; rather, precisely where wrongdoing occurs, it is believed that those who had done what was right must be the first to extend a hand, and that those who have committed the wrongdoing must be appeased. We experience this time and time again. We experience it time and time again right within our own community. My dear friends, today is not the right mood for this, and I am not concerned with addressing such matters. I only ever address these matters when there is a certain necessity to do so. But let me conclude with one more point.

[ 52 ] Ich habe in dem Büchelchen, das erschienen ist, aufmerksam darauf gemacht, wie einheitlich dasjenige ist, was in unserer Geisteswissenschaft gesucht wird vom Anfange unseres Wirkens an. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, welch starke Verleumdung es ist, wenn von irgendeiner Schwenkung die Rede ist, von irgend etwas, was im Widerspruch stünde mit dem, was im Anfange unserer Bewegung von uns geschehen ist. Sie finden da auf Seite 37 charakterisiert:

[ 52 ] In the little book that has been published, I drew attention to how consistent the goals of our spiritual science have been from the very beginning of our work. And I have pointed out what a grave slander it is to speak of any shift, of anything that would contradict what we did at the beginning of our movement. You will find this characterized on page 37:

[ 53 ] «Auf diese Aussprüche ]J. H. Fichtes» — die mir der Ausdruck einer neuzeitlichen Geistesströmung schienen, nicht bloß eines Einzelnen Meinung — «wies ich in einem Vortrage hin, den ich 1902 im Giordano Bruno-Bund hielt; damals, als der Anfang gemacht wurde mit dem, was gegenwärtig als anthroposophische Vorstellungsart sich darstellt,» und so weiter.

[ 53 ] “I referred to these statements by J. H. Fichte”—which seemed to me to be the expression of a modern intellectual current, not merely the opinion of a single individual—“in a lecture I gave in 1902 at the Giordano Bruno Society; at that time, when the beginnings were being laid for what is now known as the anthroposophical worldview,” and so on.

[ 54 ] Da führe ich an, wie ich, bevor die Deutsche Sektion der Theosophical Society begründet worden ist, in Berlin einen Vortrag gehalten habe, in dem ich nicht aus Blavatsky und Besant, sondern aus dem neueren Geistesleben heraus, das unabhängig ist von Blavatsky und Besant, im Giordano Bruno-Bund in Anknüpfung an Goethe dieser Bewegung den Ausgangspunkt geben wollte. Und da wagen es heute Leute, zu sagen, daß der Name «Anthroposophie» bloß erfunden worden wäre, als wir uns, wie sie sagen, trennen wollten von der Theosophischen Gesellschaft!

[ 54 ] There I recount how, before the German Section of the Theosophical Society was founded, I gave a lecture in Berlin in which I sought to provide the starting point for this movement—not based on Blavatsky and Besant, but rather on the newer spiritual life that is independent of Blavatsky and Besant—within the Giordano Bruno Society, in connection with Goethe. And yet today people dare to say that the name “Anthroposophy” was merely invented when, as they claim, we wanted to separate from the Theosophical Society!

[ 55 ] «Man sieht daraus, daß eine Erweiterung des neuzeitlichen Weltanschauungsstrebens zu einer wahrhaften Betrachtung der geistigen Wirklichkeit ins Auge gefaßt war. Nicht ein Herausholen irgend welcher Anschauungen aus den Veröffentlichungen, die man damals aheosophische nannte (auch gegenwärtig noch so nennt) ward angestrebt, sondern eine Fortsetzung des Strebens, das bei den neueren Philosophen seinen Anfang genommen; aber bei diesen im Begrifflichen stecken geblieben war, und dadurch den Zugang in die wirkliche geistige Welt nicht erreicht hat» und so weiter. Es bringen die Dinge doch auch günstige Verhältnisse des Karmas. Und so brauche ich heute dasjenige, was ich vor einigen Wochen geschrieben habe, so daß Sie es jetzt gedruckt lesen können, nicht mehr bloß auf das Gedächtnis der einzelnen Wenigen zu stützen, die dazumal im Jahre 1902 noch meinen Vortrag im Giordano Bruno-Bund gehört haben, bevor die Deutsche Sektion begründet worden ist, sondern heute kann ich Ihnen das dokumentarisch nachweisen. Wie so die Dinge gehen, in diesen Tagen sind mir durch die Freundlichkeit eines lieben Mitgliedes, Fräulein HübbeSchleidens, die Briefe zugegangen, die ich dazumal vor und bei der Begründung der Deutschen Sektion an Dr. Hübbe-Schleiden geschickt habe. Jetzt nach seinem Tode sind mir diese Briefe zugegangen.

[ 55 ] “It is evident from this that the aim was to expand the modern quest for a worldview into a genuine contemplation of spiritual reality. The aim was not to extract any particular views from the publications that were called “theosophical” at the time (and are still called that today), but rather to continue the quest that had begun with the modern philosophers; yet with them, this quest had become stuck at the conceptual level and thus had failed to gain access to the real spiritual world,” and so on. After all, these things also bring about favorable karmic conditions. And so today I no longer need to rely solely on the memories of the few individuals who, back in 1902, heard my lecture at the Giordano Bruno Society—before the German Section was founded—to present what I wrote a few weeks ago, so that you can now read it in print; rather, today I can provide you with documentary evidence of it. As things go, I have recently received—thanks to the kindness of a dear member, Miss Hübbe-Schleiden—the letters I sent to Dr. Hübbe-Schleiden at that time, before and during the founding of the German Section. These letters have now come into my possession following his death.

[ 56 ] Im Oktober 1902 ist die Deutsche Sektion erst begründet worden. Dieser Brief ist vom 16. September 1902. In diesem Brief finden sich einige Worte, die ich Ihnen gern vorlesen würde. Verzeihen Sie, aber ich muß irgendwo meinen Ausgangspunkt nehmen. Es war ja damals vielfach die Rede davon, daß man sich verbinden soll mit dem Theosophen Franz Hartmann, und der hat dazumal gerade so etwas wie einen Kongreß abgehalten. Es soll wirklich nichts gegen Franz Hartmann heute gesagt werden, aber ich muß schon das vorlesen, was ich dazumal geschrieben habe:

[ 56 ] The German Section was not founded until October 1902. This letter is dated September 16, 1902. There are a few lines in this letter that I would like to read to you. Please forgive me, but I have to start somewhere. At that time, there was much talk of joining forces with the theosophist Franz Hartmann, who had just held something like a congress. I really don’t mean to say anything against Franz Hartmann today, but I must read aloud what I wrote back then:

[ 57 ] «Friedenau-Berlin, 16. September 1902.

[ 57 ] “Friedenau-Berlin, September 16, 1902.

[ 58 ] ... Mag Hartmann sein Blech seinen Leuten erzählen; ich will einstweilen unsere Theosophie dorthin tragen, wo ich Leute zu finden glaube, die urteilsfähig sind. Haben wir erst die Verbindung mit der akademischen Jugend» — das ist ja natürlich noch mäßig erreicht! — «dann haben wir viel. Ich möchte bauen, nicht Ruinen ausflicken.» — So erschien mir diese theosophische Bewegung dazumal. — «Im Winter hoffe ich dann in der Theosophischen Bibliothek einen Kursus zu halten: «Elementare Theosophie.» — Diesen habe ich auch gehalten, und einer der Vorträge war gerade während der Begründung der Deutschen Sektion, und dieser Kursus, der Titel dieses Kursus, ist hier angeführt. — «Außerdem werde ich noch irgendwo einen fortlaufenden Kursus halten: ‹Anthroposophie oder die Verbindung von Moral, Religion und Wissenschaft›. Im Bruno-Bund hoffe ich ebenfalls einen Vortrag zu halten über ‹Brunos Monismus und die Anthroposophie›, Das ist nur so vorläufig Projektiertes. So müssen wir, nach meiner Ansicht, durchdringen.»

[ 58 ] ... Let Hartmann tell his people about his trinkets; for now, I intend to take our theosophy to where I believe I can find people capable of sound judgment. Once we have established a connection with “academic youth”—which, of course, has only been achieved to a limited extent so far!—then we will have achieved a great deal. “I want to build, not patch up ruins.” — That is how this theosophical movement appeared to me at the time. — “In the winter, I hope to hold a course at the Theosophical Library: ‘Elementary Theosophy.’ — I did indeed hold this course, and one of the lectures took place precisely during the founding of the German Section; the title of this course is listed here. — “In addition, I will hold an ongoing course somewhere else: ‘Anthroposophy, or the Union of Morality, Religion, and Science.’ I also hope to give a lecture at the Bruno Society on ‘Bruno’s Monism and Anthroposophy.’ These are just preliminary plans. This, in my view, is how we must press forward.”

[ 59 ] Das am 16. September 1902. Hier haben Sie das Dokument, meine lieben Freunde, das Ihnen beweisen kann, daß die Dinge nicht bloß hinterher behauptet werden, sondern daß sie wirklich so geschehen sind. Das ist auch immerhin ein günstiges Karma, daß in dieser Zeit, wo sich so viele Verleumdung gerade an unsere Sache knüpfte und immer mehr und mehr knüpfen wird, man wird zeigen können, wo das Recht ist.

[ 59 ] That was on September 16, 1902. Here you have the document, my dear friends, that can prove to you that these things are not merely being claimed after the fact, but that they actually happened this way. This is, after all, a favorable turn of events: at a time when so much slander has been directed specifically at our cause—and will continue to be directed at it more and more—we will be able to show where the truth lies.