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Truths Regarding Humans Development
The Karma of Materialism
GA 176

10 July 1917, Berlin

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Sie müssen es schon hinnehmen, daß ich in diesen Stunden etwas, ich möchte sagen, elementarere Begriffe und Ideen auseinandersetze, weil sie uns dienen sollen beim Aufbau einiger weiterer Ausblicke, die ich noch in dieser Betrachtung und das nächste Mal geben will.

[ 1 ] You’ll just have to accept that, in these sessions, I’m exploring—I would say—some more fundamental concepts and ideas, because they’re meant to help us develop some further perspectives that I intend to present both in this discussion and next time.

[ 2 ] Ich begann schon das letzte Mal damit, solche, ich möchte sagen, mehr prinzipielle Auseinandersetzungen zu geben, die, um eine Perspektive zu gewinnen, notwendig sind, die eben dasjenige, was mit dieser Perspektive erscheinen soll, vorbereiten und zu dem führen sollen, was wir dann das nächste Mal besprechen wollen.

[ 2 ] I already began last time to engage in what I would call more fundamental discussions—discussions that are necessary to gain a perspective, that prepare the ground for what is to emerge from this perspective, and that lead to what we intend to discuss next time.

[ 3 ] Es ist ja naheliegend für den Menschen, der sich gewissermaßen in seinem eigenen Lebenslauf bewußt auffindet, der gewissermaßeri bewußt zu seinem Ich erwacht, daß er sich über dieses Ich und seine Stellung zur Welt klarwerden will. Nun müssen wir ja bemerken, daß eigentlich das Streben gerade nach dieser eben bezeichneten Klarheit als eine Sehnsucht in unserer Zeit außerordentlich stark vorhanden ist, daß diese Sehnsucht, über sich selbst sich aufzuklären, gewissermaßen so recht schon erwacht ist, daß diese Sehnsucht eben in der Gegenwart eine weit, weit verbreitete ist. Indem die Menschen der Gegenwart diese Sehnsucht erleben, machen sie aber zugleich Bekanntschaft mit all den außerordentlichen Klippen und Klüften, in die man hineinkommt, wenn man sich selber suchen will. Man kann ja sagen, daß die Menschen, indem sie Selbsterkenntnis anstreben, mit Recht den Glauben haben, sie gingen richtig, wenn sie als den Inhalt dieser Selbsterkenntnis ein mehr oder weniger einfaches Wesen in sich vermuten. Allein gerade dieser Glaube, daß das menschliche Selbst, das menschliche Ich, ein recht einfaches Wesen ist, der ist es, der in der Gegenwart vielen Menschen schwere, schwere Enttäuschungen bringt. Unter diesem Glauben beginnen die Menschen, ich will sagen, sich mit solchen Führungen, wie sie gegeben sind in Waldo Trines oder in anderen Auseinandersetzungen und Betrachtungen, zu befassen. Es sind ja viele Menschen der Gegenwart, die auf solchen Wegen suchen. Sie glauben gewissermaßen sich dadurch besser zu erkennen, daß sie in sich eindringen, und sie glauben, dadurch mehr Klarheit und mehr Sicherheit für das Leben zu gewinnen. Wenn man sich nicht damit bekannt macht, daß man zunächst schon die starke Enttäuschung erleben kann, daß die Selbsterkenntnis fürs erste einen von sich selber weiter wegbringt, als man früher gewesen ist, bevor man diese Selbsterkenntnis angestrebt hat, wenn man diese Enttäuschung schon schwer ertragen kann, wenn man es nicht ertragen kann, dann werden die Klippen und Klüfte um so größer.

[ 3 ] It is, after all, only natural for a person who, in a sense, finds himself consciously within the course of his own life—who, in a sense, is consciously awakening to his “I”—to want to gain clarity about this “I” and its relationship to the world. Now we must note that the very striving for this clarity we have just described is, in fact, an extraordinarily strong longing in our time; that this longing to gain insight into oneself has, in a sense, truly already awakened; and that this longing is, in the present, a far, far-reaching one. But as people today experience this yearning, they simultaneously encounter all the extraordinary pitfalls and chasms one falls into when seeking oneself. One might say that people, in striving for self-knowledge, rightly believe they are on the right path when they assume that the content of this self-knowledge is a more or less simple being within themselves. Yet it is precisely this belief—that the human self, the human “I,” is a rather simple being—that brings severe, severe disappointments to many people today. Armed with this belief, people begin—so to speak—to engage with guides such as those found in Waldo Trine’s works or in other treatises and reflections. There are, after all, many people today who seek along such paths. They believe, in a sense, that they come to know themselves better by delving into their inner selves, and they believe that through this they will gain greater clarity and certainty in life. If one does not come to terms with the fact that, at first, one may experience the profound disappointment that self-knowledge initially takes one further away from oneself than one was before one sought this self-knowledge—if one finds this disappointment difficult to bear, or if one cannot bear it at all—then the cliffs and chasms become all the greater.

[ 4 ] Es ist nun gut, sich klarzumachen, gewissermaßen prinzipiell klarzumachen, worauf denn eigentlich diese Schwierigkeit der Selbsterkenntnis beruht. Man kann im Grunde gar nicht auf einem einfachen, unkomplizierten Wege, so ohne weiteres Selbsterkenntnis anstreben. Denn das Selbst, das Ich, man kann es finden, oder wenigstens man kann es suchen, denkend, fühlend, wollend. Man findet gewissermaßen immer etwas, was man als Ich ansprechen kann. Ob man versucht, sich in seine Gedanken, seine Vorstellungen einzuleben, ob man versucht, sich in seine Gefühle einzuleben, ob man versucht, sich in seine Willensimpulse einzuleben: man bekommt immer die Empfindung, es müsse sich da ein Weg ergeben, durch den man an das eigene Selbst näher herankommt.

[ 4 ] It is now important to clarify—in a sense, to clarify in principle—what this difficulty of self-knowledge actually stems from. Basically, one cannot strive for self-knowledge in a simple, uncomplicated way, just like that. For the self, the “I”—one can find it, or at least one can seek it, through thinking, feeling, and willing. In a sense, one always finds something that one can address as the “I.” Whether one tries to immerse oneself in one’s thoughts and ideas, whether one tries to immerse oneself in one’s feelings, or whether one tries to immerse oneself in one’s impulses of will: one always gets the sense that a path must emerge through which one can come closer to one’s own self.

[ 5 ] Nun liegt die Sache so, daß der Mensch zunächst ja gehen kann den Weg des Vorstellungslebens; er kann versuchen, sich das Ich vorzustellen. Und gerade philosophisch geartete Menschen haben in der letzten Zeit darin einen sicheren Weg zu finden geglaubt, indem sie sich einfach sagen: Ja, das, was wir als unser eigentliches Ich bezeichnen, bleibt ja unser ganzes Leben hindurch, von unserer Geburt bis zu unserem Tode, ein und dasselbe Wesen. Ich bin immer dasselbe gewesen, wenn ich mich zurückerinnere an mich selbst. — So sagen die Menschen. Ich habe schon öfter erwähnt, daß dies für jeden normalen Menschen jeden Tag widerlegt wird, denn er kann gar nicht wissen, bloß durch die äußere Betrachtung, wie es sich verhält mit diesem Ich, dieser Ich-Vorstellung, in der Zeit vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Er kann eigentlich von diesem Ich in den Vorstellungen nur für alle die Wachzustände, die er durchgemacht hat, reden und muß immer die Kette für alle die Schlafzustände unterbrochen denken. Das werden Sie leicht einsehen können, denn es ergibt sich das aus einer einfachen Überlegung. Derjenige, der also glaubt, das Ich, das lebe in dem Vorstellungsleben so, daß man es in den Vorstellungen finden könne, der sollte sich vor allen Dingen ganz klarmachen: Ja, meine Vorstellungen gehen mir eigentlich mit jedem Einschlafen verloren; da geht mir auch das Vorstellungs-Ich, für das Bewußtsein wenigstens, verloren. Etwas, was jeder Tag in die Nacht des Nichtwahrnehmbaren hinuntertauchen kann, das kann man eigentlich nicht so bezeichnen, wie wenn es ein sicheres Sein, ein sicheres Dasein wäre. So daß der Mensch, wenn er auf dem Wege des Vorstellens sein Ich sucht, sich philosophisch recht klar sein kann: so und so ist der Ich-Gedanke. Aber dieser Ich-Gedanke wird ihn nicht glücklich machen. Dieser Ich-Gedanke kann ihm auch keine besondere Sicherheit geben, auch wenn er nicht darauf kommt durch die einfache Überlegung, daß dieser Ich-Gedanke jeden Tag abreißt. Das ganze innere Wesen des Menschen, das wahrer ist als unser Vorstellen, das bringt es schon zum Ausdruck, daß man zunächst bei der bloßen Ich-Vorstellung unbefriedigt ist, wenn man das Ich sucht. Es ist einem zu wenig, ich möchte sagen, etwas zu Dünnes, was man da findet, wenn man das Ich bloß im Vorstellungsleben sucht. Woher kommt das?

[ 5 ] The fact is that a person can, at first, indeed follow the path of the life of the imagination; they can try to imagine the “I.” And people of a philosophical bent, in particular, have recently believed they have found a sure path in this, simply by telling themselves: Yes, what we call our true “I” remains one and the same being throughout our entire life, from birth to death. I have always been the same, as far as I can recall. — That is what people say. I have mentioned on several occasions that this is refuted every day for every normal person, for they cannot possibly know, merely through external observation, what happens to this “I,” this concept of the “I,” during the time between falling asleep and waking up. In fact, they can only speak of this “I” in their perceptions for all the waking states they have experienced, and must always conceive of the chain as broken for all the states of sleep. You will easily be able to see this, for it follows from a simple line of reasoning. Anyone who believes, therefore, that the “I” lives in the life of the imagination in such a way that it can be found in one’s mental images should, above all, make it perfectly clear to themselves: Yes, my mental images are actually lost to me every time I fall asleep; at that moment, the “I” of the imagination—at least as far as consciousness is concerned—is also lost to me. Something that can plunge into the night of the imperceptible every day cannot really be described as if it were a secure being, a secure existence. So that when a person seeks their “I” through the process of imagination, they can be quite clear philosophically: this is what the “I”-concept is. But this concept of the “I” will not make him happy. Nor can this concept of the “I” give him any particular sense of security, even if he does not realize this through the simple consideration that this concept of the “I” breaks off every day. The whole inner being of the human being—which is truer than our imagination—already expresses this in the fact that one is initially unsatisfied with the mere concept of the “I” when seeking the “I.” It is too little—I would say, something too insubstantial—what one finds there when one seeks the “I” merely in the realm of imagination. Where does this come from?

[ 6 ] Sehen Sie, diejenigen Ideen und Erkenntnisse, welche scharf die Tatsachen des geistigen Lebens beleuchten, sind eigentlich nicht so leicht zu finden; aus dem ganz einfachen Grunde nicht leicht zu finden, weil wirklich uns unsere Sprache da große Schwierigkeiten macht. Man kann eigentlich immer die Erfahrung machen, daß man sich in das Gewebe der Sprachvorstellungen wie verfängt, wenn man an der Hand der Sprachvorstellungen über allerlei nachgrübelt und nachsinnt. Das ist das Fatale des bloßen gedanklichen Philosophierens, daß man so schwer von den Sprachvorstellungen loskommt. Aber eine hinter all diesem Spintisieren in den Sprachvorstellungen liegende Empfindung läßt einen doch unbefriedigt sein bei dem, was einem die Sprachvorstellungen geben. Namentlich bleibt man unbefriedigt, wenn man gerade das Ich im Vorstellungsleben sucht. Man kann schon diese Erfahrung machen. Versuchen Sie es nur einmal, sich so recht mit Philosophen, die viel über das Ich reden, zu befassen, so werden Sie verspüren, daß diese Gedanken recht dünn sind, und daß Sie die Empfindung immer im Hintergrund haben werden: Ja, kann man sich denn eigentlich doch darauf verlassen? Hat man ein sicheres Sein? — Es gibt Menschen, die glauben, so wie man das Ich denkt, so verbürgt dieser Gedanke auch, daß dieses Ich durch die Pforte des Todes geht und in die geistige Welt hineingeht. Aber die Empfindung sagt einem: Wenn das Ich jede Nacht eigentlich auslöscht, könnte es nicht auch so sein, daß es mit dem Tode auslöschte? Und diese Empfindung gibt dann erst recht eine gewisse Unsicherheit; sie ist eine Klippe. Woher rührt denn gerade diese Klippe’ Wenn man das Ich wirklich kennenlernt, durch Geistesforschung wirklich kennenlernt, jenes Ich, das nicht auslöscht mit dem Einschlafen, wenn auch das Bewußtsein davon auslöscht, dann lernt man es allmählich vergleichen mit dem Ich, das in den Vorstellungen erhascht werden kann, und dann lernt man die wirkliche Natur dieses Ich kennen. Da kann man dann für eine Weile — wohlgemerkt: für eine Weile — solch einem Philosophen wie dem Ernst Mach nicht ganz unrecht geben, wenn er sagt: Das Ich ist unrettbar; es ist eigentlich ein Nichtwirkliches. Wir haben durch unser Leben hindurch Erlebnisse, die reihen sich an einem Faden auf wie Perlen. Und weil wir finden, daß sie zusarmmengehören, so abstrahieren wir von ihnen die Ich-Vorstellung, aber es ist nichts Wirkliches. — Das ist, wozu solche Philosophen kommen. Sie halten das Ich für einen bloßen Gedanken, und bei einem Gedanken kann sich der Mensch als einem Wirklichen, als einem wirklich Seienden nicht beruhigen. Nun haben wir aber im Vorstellen kein anderes Ich als das Ich, das jedesmal beim Einschlafen auslöscht. Wir haben im Vorstellen kein anderes; aber es ist wirklich so dünn, es ist eben bloß vorstellungsgemäß, so daß wir uns eben geisteswissenschaftlich fragen müssen: Wie ist es denn eigentlich mit dieser Ich-Vorstellung? Wie verhält es sich mit dieser Ich-Vorstellung?

[ 6 ] You see, those ideas and insights that shed sharp light on the realities of spiritual life are actually not so easy to find; they are not easy to find for the very simple reason that our language really does pose great difficulties for us in this regard. One can, in fact, always experience the sensation of becoming entangled in the web of linguistic concepts when one ponders and reflects on all sorts of things using those concepts as a guide. That is the fatal flaw of mere intellectual philosophizing: it is so difficult to break free from linguistic concepts. But a feeling lying behind all this intellectual speculation in linguistic concepts leaves one dissatisfied with what these concepts provide. One remains dissatisfied, in particular, when one is specifically seeking the “I” in the realm of concepts. You can already have this experience. Just try, for once, to really engage with philosophers who talk a lot about the “I,” and you will sense that these thoughts are quite shallow, and that you will always have this feeling in the background: “Yes, but can one actually rely on that? Does one have a secure existence?” — There are people who believe that just as one conceives of the “I,” so does this thought guarantee that this “I” passes through the gate of death and enters the spiritual world. But one’s intuition tells us: If the “I” actually ceases to exist every night, could it not also be the case that it ceases to exist with death? And this intuition only serves to heighten a certain sense of uncertainty; it is a pitfall. Where, then, does this very pitfall come from? When one truly comes to know the “I”—through spiritual research—that “I” which does not cease to exist upon falling asleep, even if awareness of it does, then one gradually learns to compare it with the “I” that can be glimpsed in one’s perceptions, and then one comes to know the true nature of this “I.” Then, for a while—mind you, for a while—one cannot entirely disagree with a philosopher like Ernst Mach when he says: The “I” is beyond salvation; it is, in fact, unreal. Throughout our lives, we have experiences that string together like pearls on a thread. And because we feel that they belong together, we abstract the “I” concept from them, but it is not real. — That is the conclusion such philosophers reach. They regard the “I” as a mere thought, and with a thought, a person cannot find peace in seeing it as something real, as something that truly exists. Yet in our imagination we have no other “I” than the “I” that fades away every time we fall asleep. We have no other in our imagination; but it is truly so tenuous—it is merely a figment of the imagination—that we must ask ourselves, from a spiritual scientific perspective: What is the actual nature of this concept of the “I”? What is the reality of this concept of the “I”?

[ 7 ] Und da bekommt man geisteswissenschaftlich als Ergebnis dieses: daß das vorgestellte Ich überhaupt gar nicht dieses Ich ist, das wir jetzt haben. — Das ist ein sehr wichtiges, bedeutsames Resultat: Das vorgestellte Ich, das ist gar nicht dasjenige, das wir jetzt haben, sondern dieses vorgestellte Ich, das entbehrt in der Gegenwart des inneren wirksamen Seins. Wollen wir uns den Gedanken aus dem bloßen Vorstellungs-Ich heraus bilden: Du bist in der Gegenwart, so können wir, wenn wir real, wirklichkeitsgemäß denken, uns diesen Gedanken gar nicht bilden. Denn niemals kann uns das bloß vorgestellte Ich garantieren, daß wir in der Gegenwart sind. Wir sind immer der Gefahr ausgesetzt, daß uns irgendwie ein Zusammenwirken unserer Vorstellungen das Ich selber, die Ich-Vorstellung, bloß vorgaukelt. Und das ist das Unsichere, das wir fühlen, daß wir eigentlich einem bloßen Bilde, daß wir keiner Wirklichkeit gegenüberstehen. Woher kommt das? Das kommt davon her, daß dieses Ich, das wir vorstellen, so sein muß, wie es in der Vorstellung ist, weil in diesem Ich, in diesem vorgestellten Ich, schon die Kräfte für die nächstfolgende Inkarnation liegen. Also denken Sie, wenn wir das Ich bloß vorstellen, so haben wir uns nicht als Kraft in der Gegenwart, sondern wir haben uns da schon als Kraft für die nächste Inkarnation. Es ist gerade so, wie wenn die Pflanze, die den Keim in sich fühlt, sich vorstellen müßte: Dieser Keim, der bist eigentlich nicht du, sondern das ist die Pflanze, die erst im nächsten Frühling wachsen will. — So lebt in dem, was wir uns vom Ich vorstellen, die Kraft, die in der nächsten Inkarnation sich erst entfalten wird. Und sie muß sich so ausleben, diese Kraft; denn würden wir mehr haben in der gegenwärtigen Inkarnation, so würde das, was wir haben, nicht keimhaft, sondern es würde eine gegenwärtige Wirklichkeit sein; wir trügen keine Keimanlagen in uns für die nächste Inkarnation. Es muß also das vorgestellte Ich so abgeschwächt sein, daß es für die Gegenwart nicht wirksam ist, sondern die Keimkräfte für die nächste Inkarnation enthält.

[ 7 ] And from a humanities perspective, this leads to the following conclusion: that the imagined self is not at all the self we currently possess. — This is a very important, significant result: The imagined “I” is not at all the one we have now, but rather this imagined “I” lacks the inner, active being in the present. If we try to form the thought—based solely on the imagined “I”—that “You are in the present,” then, if we think realistically and in accordance with reality, we cannot form this thought at all. For the merely imagined “I” can never guarantee that we are in the present. We are always exposed to the danger that, in some way, an interplay of our ideas is merely deceiving us into believing in the “I” itself, the idea of the “I.” And that is the uncertainty we feel—that we are actually facing a mere image, not reality. Where does this come from? It comes from the fact that this “I” we imagine must be exactly as it is in our imagination, because within this “I”—this imagined “I”—the forces for the next incarnation already lie. So consider this: when we merely imagine the “I,” we do not exist as a force in the present, but we already exist there as a force for the next incarnation. It is just as if a plant, sensing the seed within itself, were to imagine: “This seed—you are not actually you; rather, it is the plant that will grow only next spring.” — Thus, within what we conceive of as the “I,” lives the force that will only unfold in the next incarnation. And this force must play out in this way; for if we were to possess more of it in the present incarnation, what we have would not be in a germinal state but would be a present reality; we would carry no germinal potential within us for the next incarnation. The imagined “I” must therefore be so attenuated that it has no effect on the present, but rather contains the germinal forces for the next incarnation.

[ 8 ] Also denken Sie, was das eigentlich für ein wichtiges Ergebnis ist. Wenn man es so abstrakt ausspricht, so hat man gar nicht gleich die Empfindung, daß das ein Ergebnis von ungeheurer Tragweite ist; denn man hat eigentlich das Schattenhafte der nächsten Inkarnation vor sich. Und wenn man nichts tut, um dieses Schattenhafte der nächsten Inkarnation irgendwie reicher zu machen, als es im gewöhnlichen Leben ist, so bleibt es immer unbefriedigend; denn es bleibt sozusagen bei der Punktvorstellung: Ich, Ich, Ich, Ich. Man kommt nicht über diesen bloßen Ich-Punkt hinaus. Aber reicher machen dieses Ich, als eine bloße Punktvorstellung ist — das ist eben die Frage, wie man das kann.

[ 8 ] So think about just how important this result actually is. When you put it in such abstract terms, you don’t immediately get the sense that this is a result of immense significance; for what you actually have before you is the shadowy aspect of the next incarnation. And if one does nothing to somehow enrich this shadowy aspect of the next incarnation beyond what it is in ordinary life, it always remains unsatisfying; for it remains, so to speak, a mere point-like conception: I, I, I, I. One cannot move beyond this mere “I”-point. But how can one enrich this “I” beyond a mere point-like concept? That is precisely the question.

[ 9 ] Nun, sehen Sie, das kann man nicht, wenn man bloß in sich hineinbrütet. Denn wenn man immer so in sich hineinbrütet, dann findet man, was man jetzt in dieser Inkarnation ist. Aber dieser Ich-Punkt ist das einzige, was man als Keimanlage für die nächste Inkarnation hat, so daß man noch so stark, meinetwillen noch so tief mystisch in sich hineinbrüten, noch so schöne Lehren sich selbst geben mag, man kommt nie an sein Ich heran, denn dieses Ich, dieses vorgestellte Ich, das gehört im Grunde genommen gar nicht uns, insofern wir Wesen in dieser Inkarnation sind, sondern es gehört jetzt noch — innerhalb dieser jetzigen Inkarnation — der Welt an. Die Welt wird aus dem, was in uns als Bild-Ich, als Gedankenbild-Ich erscheint, für die nächste Inkarnation das machen, was dann in unserer Seele mehr wirksam sein wird. Daher kann dieses Ich auch nur an dem äußeren Leben bereichert werden. Ich habe manchem unserer Freunde, die mich gebeten haben, in irgendein Stammbuch das oder jenes zu schreiben, immer wieder versucht, wenn ich gerade das für das Geeignete fand, die Worte aufzuschreiben: «Suchst du dich selbst, so suche draußen in der Welt; suchst du die Welt, so suche in dir selbst.» Suchst du dich selbst, suchst du mehr in deinen Vorstellungen lebend Reicheres zu haben, als du haben kannst im gewöhnlichen Leben, so mußt du diesen Reichtum durch Erweiterung deiner Beobachtungen über die Welt machen. Aber das kann nicht die äußere Sinnesbeobachtung sein; denn die hängt ja auch nur mit unserer gegenwärtigen Inkarnation zusammen, weil sie eigentlich nur unserem Leibe anhängt, der mit dem Tode verloren geht. Wir müssen schon eine andere Betrachtung anstellen. Wir müssen gewissermaßen eingehen können auf den feineren Sinn des Lebens. Nur dadurch werden wir wirklich das Ich als Vorstellung bereichern, daß wir uns darauf einlassen, nicht bloß so, ich möchte sagen, abstrakt, so gradlinig zu denken, wie man gerade in der Gegenwart gerne denken möchte, sondern man muß sich bemühen, wenn man dieses Ich bereichern will, ich möchte sagen, geheimnisvollere Zusammenhänge des Lebens, als sie sich so ohne weiteres darbieten, aufzusuchen. Mißverstehen Sie nur ja diese Bemerkung nicht! Solche geheimnisvollen Zusammenhänge im Leben aufzusuchen, das betrachten die Menschen der Gegenwart womöglich als eine sehr unnütze Sache, weil sie gar nicht anstreben, das Ich zu bereichern. Die Menschen in der Gegenwart streben an, sich solche Vorstellungen zu bilden, durch die man entweder etwas Äußeres erkennt, oder die einem im Handeln nützen. Aber das ist alles für die gegenwärtige Inkarnation. Das Aufsuchen dieser geheimnisvollen Zusammenhänge, die das Ich bereichern sollen, das müssen wir schon eine Art Selbstzweck der Seele, müssen es eine intime Handlung der Seele sein lassen, eine solche intime Handlung, durch die wir auch auf, ich möchte sagen, nichts anderes Anspruch machen, als unsere Seele beziehungsweise das Gedanken-Ich zu bereichern. Es ist für das, was die Gegenwart von uns fordert, wichtig, daß wir geradezu unsere Zuflucht zu dem Weitauseinanderliegenden im Leben nehmen, das aber doch eigentlich zusammengehört, daß wir über Zusammenhänge sinnen, die nicht an der Oberfläche des Daseins liegen, die, ich möchte sagen, unter der Oberfläche des Daseins liegen, und die daher für den, der nur an der Oberfläche des Daseins sich betätigen will, denken will, im Grunde genommen auch frappierend sind. Nun, je weiter man es bringt im, ich möchte sagen, Sichenträtseln ferner liegender und doch zu unserer Seele mächtig sprechender Lebenszusammenhänge, die außer uns liegen, desto mehr wird man finden, daß dieses Vorstellungs-Ich reicher und reicher wird. Man kann nicht gleich abstrakt einen Zusammenhang angeben, so wie man einen Zusammenhang zwischen dem Stein, der warm wird, und dem Sonnenstrahl, der ihn erwärmt, angibt. Aber man erfährt das im Leben; man erfährt, daß, je mehr man verborgene Lebenszusammenhänge aufsucht, desto stärker fühlt man sich gerade im Vorstellungs-Ich, desto mehr wächst man im Vorstellungs-Ich mit dem inneren Leben, das dann dieses Vorstellungs-Ich hinüberträgt in die nächste Inkarnation, zusammen.

[ 9 ] Well, you see, you can’t do that if you just brood over yourself. Because if you’re always brooding over yourself like that, then you’ll discover what you are in this incarnation. But this “I”—this point—is the only thing you have as a seed for the next incarnation, so that no matter how intensely—or, for that matter, how deeply mystically—you brood within yourself, no matter how beautiful the teachings you give yourself may be, you will never come close to your “I,” for this “I,” this imagined “I,” does not actually belong to us at all—insofar as we are beings in this incarnation—but rather it still belongs—within this present incarnation—to the world. The world will take what appears within us as the “image-self,” as the “mental image-self,” and shape it for the next incarnation into whatever will then have a greater effect on our soul. Therefore, this “I” can only be enriched through external life. I have repeatedly tried, whenever some of our friends have asked me to write this or that in a guestbook and I found it appropriate, to write down the words: “If you seek yourself, seek outside in the world; if you seek the world, seek within yourself.” If you are seeking yourself—if you are seeking to have a richer inner life in your imagination than you can have in ordinary life—then you must attain this richness by broadening your observations of the world. But this cannot be mere external sensory observation; for that, too, is connected only to our present incarnation, since it is actually attached only to our body, which is lost at death. We must adopt a different perspective. We must, so to speak, be able to attune ourselves to the finer meaning of life. Only in this way will we truly enrich the “I” as a concept—by allowing ourselves not merely to think, I might say, abstractly and in such a straightforward manner as people tend to prefer in the present day, but by striving, if we wish to enrich this “I,” to seek out, I might say, the more mysterious connections of life than those that present themselves so readily. Please do not misunderstand this remark! Seeking out such mysterious connections in life is something that people today might well regard as a very useless endeavor, because they do not strive at all to enrich the “I.” People today strive to form concepts that either enable them to recognize something external or that are useful to them in their actions. But all of that is for the present incarnation. Seeking out these mysterious connections, which are meant to enrich the “I”—we must allow this to be a kind of end in itself for the soul, an intimate act of the soul, an act so intimate that, I would say, we claim nothing more than to enrich our soul, or rather, the thinking “I.” It is important for what the present demands of us that we take refuge, as it were, in the widely divergent aspects of life that nevertheless actually belong together; that we reflect on connections that do not lie on the surface of existence—that, I would say, lie beneath the surface of existence, and which are therefore, in essence, also startling to those who wish to act and think only at the surface of existence. Now, the further one goes in—I would say—unraveling the mysteries of life’s connections that lie farther away yet speak powerfully to our soul, connections that exist outside of us, the more one will find that this “I” of the imagination becomes richer and richer. One cannot immediately specify a connection in the abstract, just as one specifies a connection between the stone that becomes warm and the sunbeam that warms it. But one experiences this in life; one experiences that the more one seeks out hidden connections in life, the stronger one feels precisely within the “I of imagination,” and the more one grows together with the inner life within the “I of imagination,” which then carries this “I of imagination” over into the next incarnation.

[ 10 ] Was meine ich für Zusammenhänge? Ich meine ganz reale Zusammenhänge, nur solche Zusammenhänge, die man gewöhnlich nicht sucht. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen. Ein Geistlicher ging einmal des Weges und fand eine Zigeunerin mit einem recht schmutzigen Kinde. Zigeuner — der Weltkrieg hat sie ja auch hinweggefegt —, aber jeder, der sie kennt, der weiß: es waren Leute, welche auf Vieles wenig gaben, und unter diesem Vielen ist vor allen Dingen die Reinlichkeit. Die Kinder der Zigeuner waren mit ganzen Schichten von Schmutz bedeckt. Aber auch vieles andere wird diesen Kindern nicht zuteil außer der Reinlichkeit. Nun, dieser Geistliche war ein guter Mann und er dachte eine gute Tat zu tun, indem er ein so verlorenes Kind gewissermaßen rettete. Er sprach die Zigeunerin an und sagte ihr, er wolle eine kleinere Summe Geldes aussetzen, wenn dieses Zigeunerkind dafür ordentlich erzogen, zu einem ordentlichen Menschen gemacht würde. Es war ein recht guter Vorsatz dieses Geistlichen. Die Zigeunerin, die ja als ein gewöhnliches Almosen selbstverständlich die Gabe gerne hingenommen hätte, antwortete aber darauf etwas sehr Bedeutsames. Und ich möchte Ihnen diese Worte, die die Zigeunerin antwortete, wörtlich sagen. Sie sagte, nein, das wolle sie nicht tun, ihr Kind erziehen oder erziehen lassen, denn ihre Art zu leben mache die Menschen glücklicher als Wissenschaft, Ansehen, gegenseitige Hochschätzung und alle Genüsse, welche die sogenannte Kultur verschafft. So sagte die Zigeunerin. — Diese Sache hat ein Mann, der sie selbst erlebt hat, dem Fercher von Steinwand mitgeteilt. Und in dem schönen, bedeutungsvollen Aufsatz, den Fercher von Steinwand — Sie kennen ihn aus meinem Buche «Vom Menschenrätsel» — über die Zigeuner geschrieben hat, da finden Sie diese Bemerkung darin. Die Bemerkung glaubt jeder, der das Zigeunerleben genau kennt. Ich selber habe die Zigeuner genügend kennengelernt und weiß, daß solches unter den Zigeunern durchaus nicht nur möglich, sondern auch in zahllosen Fällen wirklich ist; sie sind der Ansicht, die diese Zigeunerin ausgesprochen hat, daß alle Kultur, alle Erziehung, alle unter den anderen Menschen vorhandene gegenseitige Hochschätzung der Menschen, und alles, was man überhaupt lernen kann, weniger glücklich mache als das ursprüngliche, elementare Leben, das der Zigeuner eben in seinem Zigeunerdasein führt, wo er ein Naturkind ist. Diese Antwort der Zigeunerin spricht ungeheuer viel aus. Man kann sie zunächst schon als Tatsache hinnehmen; das werden die meisten Menschen tun. Aber man kann nun auch gerade in diesem Ausspruch der Zigeunerin einen solchen Lebenszusammenhang herausfinden, wie die sind, auf welche ich eben hingedeutet habe. Es kann einem nämlich etwas einfallen — und dem Fercher von Steinwand ist es eben eingefallen —, das in sehr merkwürdigem Verhältnis zu diesem Ausspruch der Zigeunerin steht. Denken Sie sich einmal, es wäre ein anderer Mensch, der bekommt von einer gelehrten Körperschaft die Frage vorgelegt, ob die menschliche Kultur die Menschen glücklicher oder unglücklicher mache in ihrer Entwickelung, und dieser Mann hat, wenn auch in einer langen Abhandlung, eine Antwort gegeben, die aber genau dasselbe ist wie die Antwort dieser Zigeunerin an den Geistlichen. Und dieser Mann ist Rousseau, und die Abhandlung, in der Rousseau diese Zigeunerantwort gegeben hat, die ist ja von der Pariser Akademie der Wissenschaften preisgekrönt worden. Denken Sie, welch merkwürdiger Lebenszusammenhang: dasjenige, was seelisch ganz gleich vorhanden ist in dieser Zigeunerin, das führt Rousseau aus in einer Abhandlung, und er ist gerade durch diese Ansicht, der ungeheuer wirkungsvolle Rousseau geworden. Da haben Sie einen merkwürdigen Lebenszusammenhang. Sie finden bei Rousseau eine Gesinnung, eine Anschauung, die ganz gleich ist mit der Anschauung der Zigeunerin; nur just, daß diese Anschauung der Zigeunerin nicht von der Pariser Akademie der Wissenschaften preisgekrönt werden würde. Aber in beiden Fällen haben Sie genau dieselbe Anschauung. Die Zigeunerin hätte auch nicht gerade eine wissenschaftliche Abhandlung geschrieben; aber es ist genau dasselbe.

[ 10 ] What kind of connections am I referring to? I mean very real connections—but the kind of connections people don’t usually look for. Let me give you an example. A clergyman was once walking along a path when he came across a Gypsy woman with a rather dirty child. Gypsies—the World War had swept them away, after all—but anyone who knows them knows that they were people who cared little for many things, and among those things, cleanliness was at the very bottom of the list. The Gypsy children were covered in layers of dirt. But there are many other things these children are deprived of besides cleanliness. Well, this clergyman was a good man, and he thought he was doing a good deed by, so to speak, rescuing such a lost child. He approached the Gypsy woman and told her that he would offer a small sum of money if this Gypsy child were properly raised and turned into a decent person. It was a very good intention on the part of this clergyman. The Gypsy woman, who of course would have gladly accepted the gift as a mere alms, replied with something very significant. And I would like to quote to you, word for word, the words the Gypsy woman replied. She said, no, she did not want to do that—to raise her child or have it raised—because her way of life made people happier than knowledge, prestige, mutual esteem, and all the pleasures that so-called culture provides. That is what the Gypsy woman said. — This story was recounted to Fercher von Steinwand by a man who had experienced it firsthand. And in the beautiful, meaningful essay that Fercher von Steinwand—whom you know from my book *The Enigma of Man*—wrote about the Gypsies, you will find this remark there. Anyone who knows Gypsy life intimately believes this remark. I myself have come to know the Gypsies well enough to know that such a thing is not only possible among them but is, in countless cases, actually true; they share the view expressed by this Gypsy woman—that all culture, all education, all mutual respect among people that exists among other peoples, and everything one can learn at all, makes one less happy than the primal, elemental life that the Gypsy leads precisely in his Gypsy existence, where he is a child of nature. This response from the Gypsy woman speaks volumes. One can accept it at first as a fact; most people will do so. But one can also discern in this very statement by the Gypsy woman a context of life such as those I have just alluded to. For something may occur to one—and it did occur to Fercher von Steinwand—that stands in a very curious relationship to this statement by the Gypsy woman. Just imagine if it were someone else who were asked by a scholarly body whether human culture makes people happier or unhappier in the course of their development, and this man had given an answer—albeit in a long treatise—that is exactly the same as the gypsy woman’s reply to the clergyman. And that man is Rousseau, and the treatise in which Rousseau gave this Gypsy’s answer was, in fact, awarded a prize by the Paris Academy of Sciences. Just think what a remarkable connection in life this is: what is spiritually present in exactly the same way in this Gypsy woman, Rousseau elaborates upon in a treatise, and it is precisely through this view that he became the immensely influential Rousseau. There you have a remarkable connection in life. In Rousseau you find a mindset, a perspective, that is exactly the same as the Gypsy woman’s perspective; the only difference is that the Gypsy woman’s perspective would not have been awarded a prize by the Paris Academy of Sciences. But in both cases, you have exactly the same perspective. The Gypsy woman wouldn’t exactly have written a scientific treatise either; but it is exactly the same.

[ 11 ] Sie sehen, es ist etwas, wie es sich sehr häufig im Leben findet, wie man es nur nicht beachtet. Wenn man den Dingen, die man immer nur von einem Gesichtspunkte aus anschaut, nachgehen würde, und sie unter einem anderen Gesichtspunkte aufsuchte, so würde man ganz merkwürdige Berührungspunkte finden, wie hier den Berührungspunkt zwischen Rousseau und der Zigeunerin. Das Leben ist eben ungemein vieldeutig, und nur wenn man sich auf solche Vieldeutigkeit des Lebens einläßt, dann ist man imstande, das Ich in dem Sinne, wie ich es auseinandergesetzt habe, zu bereichern, es immer stärker und stärker zu machen. Denn durch solche Zusammenhänge, die man draußen in der Welt aufsucht, aber im gewöhnlichen Leben nicht findet, wächst gewissermaßen dieses Ich auch als Vorstellung. Das ist sehr wichtig, daß man das beachte. Man wird dann finden, daß man gerade dadurch, daß man solche unter der Oberfläche des Daseins liegenden Zusammenhänge sucht, nicht in sich hineinbrütet, sondern gewissermaßen in die Welt hineinbrütet, nach solchen Zusammenhängen brütet. Man wird dann finden, daß das Vorstellen, das mit dem Ich verknüpft ist, immer reger und reger, immer beweglicher und beweglicher wird, und daß einem viele, viele andere Dinge einfallen, als einem sonst einfallen. Und das ist nun eigentlich erst so recht wichtig. Denn dasjenige, woran wir so leicht kranken, woraus wir so viele Unbefriedigtheit im Leben ziehen, das besteht gerade darin, daß uns bei den Dingen dieser Welt so wenig einfällt, daß wir mit unseren Gedanken gewissermaßen einen engen, engen Kreis ziehen. Kommen wir in die Lage, dasjenige, was uns im Leben erscheint, mit vielem, vielem zu verbinden, weite Fäden zwischen den Ereignissen und Erfahrungen und Erlebnissen zu suchen, dann wird unser Ich stärker, dann fühlt es sich auch zuletzt dem Leben mehr gewachsen, auch als Gedanken-Ich. Daher ist alle Erziehung des Menschen schädlich, die die Menschen nur auf einseitige Gedanken über ein und dasselbe Ding hinweist. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, das, ich möchte sagen, in derselben Region gewachsen ist, wie das eben angegebene.

[ 11 ] You see, it’s something that happens very often in life—something you just don’t pay attention to. If one were to examine things that one usually views from only one perspective and look at them from a different angle, one would find quite remarkable points of connection, such as the connection here between Rousseau and the Gypsy woman. Life is, after all, immensely multifaceted, and only by embracing this multifaceted nature of life can one enrich the “I”—in the sense I have explained—and make it stronger and stronger. For through such connections—which one seeks out in the world but does not find in everyday life—this “I” also grows, so to speak, as a concept. It is very important to bear this in mind. One will then find that, precisely by seeking such connections lying beneath the surface of existence, one does not brood inwardly, but rather, in a sense, broods outward into the world, searching for such connections. One will then find that the imagination linked to the “I” becomes ever more active, ever more agile, and that many, many more things come to mind than would otherwise occur to one. And that is actually what is truly important. For what so easily ails us—the source of so much dissatisfaction in life—consists precisely in the fact that so little comes to mind regarding the things of this world, that our thoughts, so to speak, move in a narrow, narrow circle. If we are able to connect what appears to us in life with many, many other things—to seek broad connections between events, experiences, and occurrences—then our sense of self grows stronger, and ultimately it feels better equipped to cope with life, even as a thinking self. That is why any form of human education that directs people only toward one-sided thoughts about one and the same thing is harmful. I’d like to give you an example that, I might say, stems from the same source as the one just mentioned.

[ 12 ] Viele Menschen huldigen einem sogenannten Pantheismus. Dieser Pantheismus besteht — Sie wissen, ich habe öfters diesen Pantheismus zurückgewiesen — im wesentlichen darin, daß die Menschen sagen: Wir suchen überall den Geist. — Geist, Geist, Geist ist alles, und damit befriedigen sie sich. Pantheismus — manche nennen ihn heute auch Panpsychismus, weil sie den Theismus nicht haben wollen —, ich erläutere das gewöhnlich dadurch, daß ich sage: Der Mensch, der das für die Sinneswelt machen würde, der würde nicht besonders weit kommen. Denn wenn er auf eine Wiese geht und sagt: Blume, Blume, Blume, so ist das eben eine Abstraktion für alles. Er will nicht sagen: Lilie, Tulpe und so weiter. Aber das wäre ganz dasselbe, wenn er da nur immer sagen würde: Blume, Blume, Blume, Blume, als wenn man sagen würde: Geist, Geist, Geist, Geist. Aber das finden die Menschen durchaus nötig, immer nur Geist, Geist, Geist zu sagen; und sie weisen es doch ab, wenn man von wirklichen Geistern, von Angeloi, Archangeloi, Archai redet, so wie von einzelnen geistigen Wesenheiten, die ihr bestimmtes, ihr konkretes geistiges Dasein haben, wie man von einzelnen Wesenheiten der Sinneswelt redet. Aber es liegt gewissermaßen etwas im menschlichen Geiste, das dahin zielt, so pantheistisch zu denken, sich alles, alles zu vereinfachen, überall den abstraktesten Gedanken zu suchen. Da ist es interessant, daß wir nun auch ein Zigeunerbeispiel anführen können, welches uns so recht zeigt, wie zigeunerhaft es eigentlich ist, überall diese abstrakten Gedanken zu suchen.

[ 12 ] Many people adhere to what is called pantheism. This pantheism—as you know, I have often rejected it—essentially consists of people saying: We seek the Spirit everywhere. — Spirit, spirit, spirit is everything, and that satisfies them. Pantheism—some people today also call it panpsychism, because they don’t want to acknowledge theism—I usually explain this by saying: A person who applied this to the sensory world wouldn’t get very far. For if he walks into a meadow and says, “Flower, flower, flower,” that is simply an abstraction for everything. He does not want to say: lily, tulip, and so on. But it would be exactly the same if he were to say nothing but “flower, flower, flower, flower” over and over again as if one were to say: “Spirit, Spirit, Spirit, Spirit.” Yet people find it absolutely necessary to keep saying “spirit, spirit, spirit”; and yet they reject it when one speaks of real spirits—of angeloi, archangeloi, archai—that is, of individual spiritual beings who have their own specific, concrete spiritual existence, just as one speaks of individual beings in the sensory world. But there is, in a sense, something in the human spirit that tends toward such pantheistic thinking—toward simplifying everything, everything, and seeking the most abstract ideas everywhere. It is interesting, then, that we can now also cite a Gypsy example that truly shows us just how “Gypsy-like” it actually is to seek these abstract ideas everywhere.

[ 13 ] Da fand derselbe Herr, der das andere erlebt hat, einen Zigeuner, welcher ein krepiertes Tier, das er auf der Straße oder auf dem Felde gefunden hatte, mit vollem Appetit verzehrte. Das tun nämlich die Zigeuner; sie verzehren krepierte 'Tiere, machen sich nichts daraus, können sie auch gut vertragen. Da wollte ihm der Betreffende klarmachen: Ja, ein krepiertes Tier ißt man doch nicht, man ißt doch nur geschlachtete Tiere. — Jetzt erwies sich der Zigeuner als ein Abstraktling, indem er sagte: Ja, aber das Tier, das ich jetzt esse, das ist von Gott geschlachtet! — Sie sehen, er bekommt einen Gottes-Begriff, den er auf alles anwendet, ganz nach dem Muster der Pantheisten. Selbstverständlich kann man denken wie die Pantheisten; dann denkt man ganz richtig, wenn man denkt: ein krepiertes Tier hat Gott geschlachtet. Wie soll man nicht essen, meinte er, was Gott geschlachtet hat.

[ 13 ] Then the same gentleman who had witnessed the other incident came across a Gypsy who was devouring a dead animal he had found on the street or in a field with great appetite. That is what Gypsies do; they eat dead animals, don’t think twice about it, and can digest them just fine. So the man in question tried to make it clear to him: “But you don’t eat a dead animal—you only eat slaughtered animals.” — Now the Gypsy proved to be a man of abstractions when he said: “Yes, but the animal I’m eating now—it was slaughtered by God!” — You see, he has a concept of God that he applies to everything, just like the pantheists. Of course, one can think like the pantheists; then one is thinking quite correctly when one says: God has slaughtered a dead animal. How could one not eat, he reasoned, what God has slaughtered?

[ 14 ] Weite Zusammenhänge kann man zur Bereicherung des Ich entdecken, und die beleben dann das Ich weiter, insofern es ein GedankenIch ist. Gewiß, es werden sich jetzt manche finden, die werden sagen: Also was wird da verlangt? Kombinationsfähigkeit! Aber das ist sehr abstrakt. Das was ich meine, ist viel lebendiger als die Kombinationsfähigkeit. Gewöhnliche Kombinationsfähigkeit verhält sich wirklich zu dem, was ich meine, wie eine Maschine zu einem Organismus, zu einem lebendigen Wesen.

[ 14 ] One can discover broader connections that enrich the self, and these in turn further enliven the self, insofar as it is a thinking self. Certainly, there will now be some who will say: So what is being asked for here? The ability to make connections! But that is very abstract. What I mean is much more alive than the ability to make connections. Ordinary combinatorial ability really stands in the same relationship to what I mean as a machine does to an organism, to a living being.

[ 15 ] So werden wir dann mehr die Kraft, die jetzt schon in uns lebt von unserer nächsten Inkarnation, gewahr, wenn wir uns so bemühen, voneinander liegende Dinge zu denken, in Beziehung zu setzen, um unser Ich zu bereichern. Wir geben uns eben sehr der Täuschung hin, daß wir unser Ich bereichern, wenn wir, nun, sagen wir, in uns hineinbrüten. Aber da bereichern wir unser Ich gar nicht, wenn wir also nur in uns hineinbrüten, sondern wir bereichern unser Ich, wenn wir uns in die Welt, die unter der Oberfläche des gewöhnlichen Daseins liegt, wie angedeutet, hineinfinden, und wenn wir wirklich dieses Sinnen über das Leben im Gegensatz zu dem bloßen Sinnen, das in einem Hineinbrüten in sich selbst besteht, pflegen. Liebevoll das Leben ergreifen und nicht philiströs Zusammenhänge ablehnen, die keine andere Bedeutung haben, als daß sie eben weit Auseinanderliegendes zusammenfassen, nur um das Ich zu bereichern, das bringt uns Stärke. Versuchen Sie es einmal im allergewöhnlichsten Leben — Sie werden sehen, Gelegenheit dazu gibt Ihnen jede Stunde —, versuchen Sie es im gewöhnlichen Leben, die Dinge, die Sie erleben, in solche geheimnisvolle Anknüpfungen ausklingen zu lassen. Nur muß man selbstverständlich nicht zum Phantasten werden. Zum Phantasten wird man dann, wenn man in solchen geheimnisvollen Zusammenhängen mehr sucht, als sie sind, wenn man durch sie etwas erkennen will. Aber nicht darauf kommt es an, durch sie etwas zu erkennen, sondern sie in sich wirken zu lassen. So daß man wirklich angeben kann, wie man sich in die Kraft einleben kann, die jetzt gedankenmäßig in einem ist, während ihre Wirklichkeit erst unserer nächsten Inkarnation entspricht.

[ 15 ] In this way, we become more aware of the power that already lives within us from our next incarnation when we make an effort to think about things that are separate from one another and connect them in order to enrich our sense of self. We simply give in to the illusion that we are enriching our sense of self when we—well, let’s say—brood within ourselves. But we do not enrich our sense of self at all by merely brooding within ourselves; rather, we enrich our sense of self when we find our way into the world that lies beneath the surface of ordinary existence, as indicated, and when we truly cultivate this reflection on life—as opposed to the mere brooding that consists in turning inward. Embracing life with love and not philistinely rejecting connections that have no other meaning than to bring together things that are far apart—simply to enrich the self—that is what gives us strength. Try it once in the most ordinary of lives—you will see that every hour offers you the opportunity—try it in ordinary life: let the things you experience find their resolution in such mysterious connections. Of course, one must not become a dreamer. One becomes a fantasist when one seeks more in such mysterious connections than they actually are, when one wants to gain insight through them. But the point is not to gain insight through them, but to let them take effect within oneself. So that one can truly describe how one can attune oneself to the power that is now present within one in thought, even though its reality corresponds only to our next incarnation.

[ 16 ] So gibt es aber auch eine Möglichkeit, nicht nur das Ich, das die unserem Leben zugrunde liegende Kraft in der nächsten Inkarnation sein wird, nicht nur dieses Ich als Vorstellungs-Ich zu erfassen, sondern es gibt auch eine Möglichkeit, zu erfassen, wie dieses Ich zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lebt. Da müssen wir allerdings dann mehr auf das sehen, wie wir uns selbst in das Leben hineinstellen, oder wie sich der Mensch überhaupt in das Leben hineinstellt. Aber die groben Einstellungen auf das Leben, die führen wiederum nicht in jene feine Art des inneren Erlebens, die man braucht, wenn man eine Wahrnehmung haben soll von der Art, wie man ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, wie man ist nach dem Tode. Heute suchen ja die Menschen nur auf groben Wegen; aber auf groben Wegen kann man die Dinge nicht finden, die als Dinge in der Geisteswelt, als Wesen in der Geisteswelt gesucht werden. Da muß man sich auf feinere Zusammenhänge einlassen. Sie können sich eigentlich nicht wundern, daß man sich da auf feinere Zusammenhänge einlassen muß, denn schließlich ist das Leben in der geistigen Welt eben doch ein anderes als dasjenige, in dem wir hier in der sinnlichen Welt sind. Deshalb brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn das, was wir denken, fühlen und wollen, nicht unmittelbar anwendbar ist auf die geistige Welt, wenn es da einer Verfeinerung unseres ganzen Lebens bedarf.

[ 16 ] However, there is also a way not only to grasp the “I”—which will be the force underlying our life in the next incarnation—not only to grasp this “I” as a conceptual “I,” but there is also a way to grasp how this “I” lives between death and a new birth. To do this, however, we must pay closer attention to how we position ourselves within life—or rather, how human beings position themselves within life in general. But these broad attitudes toward life do not lead to that subtle kind of inner experience that is necessary if one is to gain an understanding of what it is like to exist between death and a new birth, or what it is like after death. Today, people seek only through coarse means; but through coarse means one cannot find the things that are sought as entities in the spiritual world. There, one must engage with more subtle interrelationships. You really shouldn’t be surprised that one must engage with these more subtle connections, for after all, life in the spiritual world is indeed different from the life we lead here in the sensory world. Therefore, you need not be surprised if what we think, feel, and will is not immediately applicable to the spiritual world, if a refinement of our entire life is required there.

[ 17 ] Nun, für die Pflege des Reichtums des Vorstellungslebens, da ist dieses Zusammensuchen, wie ich es jetzt charakterisiert habe, dasjenige, was uns stärkt; für die Pflege des Ich, wie es lebt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, überhaupt für die Pflege dieses Drinnenstehens in der Welt, in der wir sind zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, da ist notwendig, daß man dieses Suchen von Zusammenhängen an den Menschen selbst anknüpft. Da muß man sagen: Es bietet das Leben Geheimnisvolles genug, wenn man dieses Geheimnisvolle nur nicht so nehmen will, daß man etwas Handgreifliches dadurch erhält, sondern, ich möchte sagen, wenn man es unphiliströs, in einer gewissen Zartheit nimmt; dann kommt man schon auf das Rechte. Gewiß, man wird heute, wenn man solche Dinge hinstellt, ich möchte sagen, beim materialistischen Wort genommen. Dadurch kommt man in eine gewisse Verlegenheit, wenn man so beim materialistischen Wort genommen wird. Ich will durch ein Beispiel klarmachen, was ich meine.

[ 17 ] Now, when it comes to nurturing the richness of the life of the imagination, this process of gathering—as I have just described it—is what strengthens us; for the cultivation of the “I,” as it lives between death and a new birth—indeed, for the cultivation of this very state of being in the world, in which we find ourselves between death and a new birth—it is necessary to link this search for connections to human beings themselves. One must say: Life offers enough mystery, provided one does not approach this mystery with the intention of obtaining something tangible from it, but rather—I would say—if one approaches it without philistinism, with a certain delicacy; then one is already on the right track. Certainly, today, when one puts forward such ideas, one is, I would say, taken at one’s word in a materialistic sense. This leads to a certain awkwardness when one is taken at one’s word in this materialistic way. I will illustrate what I mean with an example.

[ 18 ] Besonders charakteristisch kann sich dasjenige, was ich jetzt sagen will, an Menschen ergeben, welche in ihrer ganzen Charakteranlage dasjenige haben, was ich nennen möchte eine Art traumhaftes Seelenleben, nicht, daß sie vollständige Träumer sind, aber sie haben eine Art traumhaftes Seelenleben. Daher wird man das, was ich meine, ganz besonders stark ausgebildet finden bei Menschen, die mehr gegen den Osten hin leben. Je weiter man nach Westen geht, desto weniger leben sich durch die Menschen diejenigen Zusammenhänge aus, welche auf dieses geheimnisvolle geistige Reich, das ich meine, deuten. Deshalb wird auch der Westen Europas zum Beispiel, der mehr angewiesen ist auf grobe Zusammenhänge, die Seeleneigentümlichkeit des russischen Volkes so außerordentlich schwer verstehen, trotzdem in der Gegenwart auch dieses Verständnis ganz besonders notwendig wäre. Ich möchte sagen, das russische Volk ist heute noch um eine Nuance weniger wach als die westeuropäischen und sogar die mitteleuropäischen Völker. Daher knüpfen sich diejenigen Dinge, von denen wir jetzt sprechen, leichter an das Seelenleben eines russischen als an das Seelenleben eines westeuropäischen Menschen. Sie knüpfen sich schon auch an das Seelenleben eines westeuropäischen Menschen, aber sie sind eben nicht so auffällig, sie fallen einem nicht so auf, möchte ich sagen. Da hat ein deutscher Schriftsteller, Eduard Bernstein, eine ganz interessante Darstellung gegeben, die ich als Beispiel geben möchte. Er würde mir gewiß ganz übelnehmen, wenn ich das, was er erzählt, was er erlebt, für mystisch nähme. Aber deshalb ist das, was ich anführen will, doch ein gutes Beispiel für einen Lebenszusammenhang, der für den materialistisch denkenden Menschen nichts weiter ist als ein gewöhnlicher Zufall. Da erzählt der Betreffende, daß er in London viel verkehrt hat in dem Hause von Engels, des Freundes von Marx. Das Haus von Engels war ein sehr gastfreundliches, wo viele Menschen viel verkehrt haben, wo sich eine internationale Gesellschaft zusammenfand. Und da lernte Eduard Bernstein unter den Menschen, die dort verkehrten, auch den Sergius Kratschinsky kennen, der als Schriftsteller den Namen Stepniak geführt hat. Er ist ja unter diesem Namen sehr bekannt. Nun, er beschreibt ihn außerordentlich interessant, diesen Stepniak, und zunächst das äußere Leben dieses Stepniak:

[ 18 ] What I am about to say may be particularly characteristic of people whose entire disposition is marked by what I would like to call a kind of dreamlike inner life—not that they are complete dreamers, but they do possess a kind of dreamlike inner life. Therefore, what I mean will be found to be particularly strongly developed in people who live closer to the East. The further one goes west, the less people live out those connections that point to this mysterious spiritual realm I am referring to. That is why, for example, Western Europe—which relies more on coarse connections—finds it so extraordinarily difficult to understand the spiritual character of the Russian people, even though such understanding would be particularly necessary at the present time. I would say that the Russian people are still, by a slight degree, less awake today than the peoples of Western Europe and even those of Central Europe. Consequently, the things we are now discussing connect more easily to the inner life of a Russian than to that of a Western European. They do relate to the inner life of a Western European as well, but they are simply not as conspicuous; they do not strike one as so noticeable, I would say. A German writer, Eduard Bernstein, has provided a very interesting account of this, which I would like to cite as an example. He would certainly take great offense if I were to regard what he recounts—what he has experienced—as mystical. But that is precisely why what I am about to cite is a good example of a life context that, to the materialistically minded person, is nothing more than an ordinary coincidence. The person in question recounts that he spent a great deal of time in London at the home of Engels, Marx’s friend. Engels’s home was a very hospitable place, where many people gathered and an international circle came together. And there, among the people who frequented the house, Eduard Bernstein also met Sergius Kratschinsky, who wrote under the pen name Stepniak. He is, of course, very well known by that name. Well, Bernstein describes this Stepniak in an extraordinarily interesting way, beginning with Stepniak’s outward life:

[ 19 ] «Ein kräftig gebauter Mann mit einem machtvollen Kopf entsprach er in seinem Wesen ganz dem Bild, das man sich bei uns vom Slawen macht. Er, der in Rußland Mann der Aktion und an der Befreiung Peter Krapotkins aus dem Gefängnis, sowie an dem geglückten Attentat auf den Petersburger Polizeidiktator Mesenzow, hervorragend beteiligt gewesen, war stark träumerisch veranlagt und sehr gefühlsweich. Er war die Seele der in England gegründeten Vereinigung Free Russia, die sich die Sammlung von Unterstützungsgeldern für russische Freiheitskämpfer zur Aufgabe gesetzt hatte. Für sie hat Stepniak wiederholt Vortragsreisen in England sowie auch eine Rundreise in Amerika gemacht, bei der ihm insbesondere der amerikanische Humorist Mark Twain sehr freundschaftlich entgegenkam. In bestimmten literarischen Kreisen Englands nahm Stepniak, der sich auch als Romanschriftsteller mit Erfolg betätigt hatte, eine geachtete Stellung ein.»

[ 19 ] “A strongly built man with a commanding head, he perfectly embodied the image we have here of a Slav. He, who in Russia had been a man of action and had played a prominent role in the liberation of Peter Krapotkin from prison, as well as in the successful assassination attempt on the St. Petersburg police dictator Mesenzov, had a strongly dreamy disposition and was very tender-hearted. He was the driving force behind the Free Russia association, founded in England, which had set itself the task of raising funds to support Russian freedom fighters. On behalf of the association, Stepniak repeatedly undertook lecture tours in England as well as a tour of America, during which the American humorist Mark Twain, in particular, treated him with great friendship. In certain literary circles in England, Stepniak—who had also enjoyed success as a novelist—held a position of respect.”

[ 20 ] «An der Engelsschen Tafel wie überhaupt in Gesellschaft war er gewöhnlich ein stiller Gast, der fast nur sprach, wenn man sich unmittelbar an ihn wandte. Aber man merkte ihm doch an, daß er gern zu Engels kam und auf die Freundschaft mit ihm großen Wert legte. Auch zwischen ihm und mir» — also das meinte Eduard Bernstein von sich und Stepniak — «entwickelte sich ein recht freundschaftliches Verhältnis.»

[ 20 ] “At Engels’s dinner table, as indeed in any social setting, he was usually a quiet guest who spoke almost exclusively when addressed directly. But one could still tell that he enjoyed visiting Engels and placed great value on their friendship. “Between him and me as well”—that is, Eduard Bernstein was referring to himself and Stepniak—“a quite friendly relationship developed.”

[ 21 ] Nun gab es einmal in der Gesellschaft, wo Bernstein und auch Stepniak waren, einen Streit, wie es solch einen Streit bei Menschen, die sich mit gewissen Emotionen für das große Leben interessieren, leicht geben kann. Man stritt sich über eine Frage, die das Verhältnis der Russen zu den Polen betraf. Man könnte vielleicht darauf wetten in einem solchen Falle, daß der normale Mitteleuropäer sich selbstverständlich zu den Polen hält. Und da gab es denn einen ganz derben Streit. Bernstein und andere waren auf der Seite der Polen, Stepniak nahm die Russen gegen die Polen in Schutz. Es gab einen derben Streit, der dazu führte, daß Stepniak nicht mehr in der Gesellschaft erschien. Durch Jahre hindurch hörte Bernstein nichts von Stepniak. Er, Stepniak, war ganz auseinandergekommen mit den Leuten, mit denen er sonst in der Gesellschaft zusammengewesen war. Eines Tages bekam nach langer Zeit der Bernstein einen Brief, worinnen ihm ein ganz anderer, der nicht zu der Gesellschaft gehörte, schrieb, ob er nicht an einem Abend der nächsten Tage zu ihm kommen möchte; aber er wisse, daß er mit Stepniak nicht gut stünde, daß sie vor längerer Zeit einmal eine Differenz gehabt hätten, und er möge nur kommen, wenn er sich nicht scheute, den Stepniak da zu treffen. Bernstein fand das nicht nur nicht hindernd, sondern er fand es sogar sehr schön, daß er Stepniak treffen könne, und so fanden sie sich dort zusammen. Nun, man könnte ja natürlich zunächst nichts Besonderes darin finden, daß zwei Leute, die sich ganz gern gesehen haben, längere Zeit auseinandergekommen sind, sich nach Jahren wiederfinden, man könnte nichts weiter als einen bloßen Zufall darin finden. Selbstverständlich, das materialistische Denken wird darin einen bloßen Zufall suchen. Nun, so wie der Bernstein die Sache schildert, muß man sagen, daß wirklich das Wiedertreffen an diesem Abend schon zeigt, daß insbesondere dem Stepniak die Sache außerordentlich wichtig war. Die Schilderung der Stimmung ergibt das, daß es Stepniak doch wichtig war, daß er an jenem Abend mit dem Bernstein noch zusammentraf. Sie waren sehr heiter, sehr froh. Und am übernächsten Tage, nachdem Stepniak am vorigen Abend gesagt hatte, nun sei er sehr froh, daß sie sich wiederum gefunden haben, er hoffe vieles mit ihm zusammen zu haben — am übernächsten Tage las der Bernstein in der Zeitung, daß Stepniak tot war. Er ging in einem Buche oder in der Zeitung lesend auf der Straße, ging über eine Eisenbahn, der Zug überfuhr ihn. Es war alles so klar, daß es sich um keinen Selbstmord handeln konnte, und daß man nur an ein Unglück denken konnte. Wiederum ein Zufall. Aber diese Dinge hören auf, sehen Sie, ein bloßer Zufall zu sein. Ich wähle eben ein eklatantes Beispiel, wie man sie im Leben suchen soll, für die nicht ganz offenbaren, die etwas verborgenen Zusammenhänge, in die die Menschen mit ihrem Seelenleben verstrickt sind. Diese Dinge hören auf, ein bloßer Zufall zu sein, wenn man in Erwägung zieht, daß eigentlich unser feineres Seelenleben, das vorzugsweise in Vorstellungen, in etwas gefühlsgefärbten Vorstellungen verläuft, dann, wenn es etwas träumerisch ist, in ganz eminentestem Maße nach der Zukunft hinweist, prophetisch ist. Es ist eigentlich jeder Traum prophetisch. Wenn Sie träumen, träumen Sie eigentlich immer Zukunft, nur können Sie sich über die Zukunft nicht Vorstellungen bilden, und daher tauchen Sie das, was Sie eigentlich über die Zukunft träumen, in die Vorstellungen der Vergangenheit. Die ziehen Sie wie ein Kleid über dasjenige darüber, was eigentlich in Ihrer Seele erlebt wird. Weil das Zukünftige mit dem Vergangenen im Zusammenhang steht, weil da Karma wirkt, ist ein tieferer Zusammenhang zwischen dem, was man für die Zukunft träumt, und dem Kleide, das man anzieht, wenn man sich des Traumes bewußt wird. Das, was man weiß, man kleidet es in Bilder der Vergangenheit, in Bilder, die einem schon bekannt sind. Man träumt ja immer vom Einschlafen bis zum Aufwachen, nur weiß man es nicht; man weiß nur das wenigste. Ist man nun im Leben träumerisch, dann wirkt dieses Träumerische, und wirkt in das Karma hinein. Daher wird derjenige, welcher solch einen geheimnisvollen Zusammenhang, wie ich ihn vorgeführt habe, richtig versteht, ich möchte sagen, Karma mit Händen ergreifen können. Gewiß, wäre der Stepniak nicht dieser gefühlsweiche und zugleich träumerische Mensch gewesen, so würde der Zusammenhang zwischen seinem bewußten Leben und der geheimnisvollen Karmaströmung nicht so stark gewirkt haben, daß noch am allerletzten Abend, sozusagen in den letzten Stunden, diese Wirkung, das Zusammentreffen, das ich Ihnen geschildert habe, herbeigeführt hat. Aber je mehr das abstrakte, das alltägliche Vorstellen heruntergeträumt wird, desto mehr Anziehungskräfte besitzt der Mensch dafür, karmische Zusammenhänge herbeizuführen. Ich hoffe, daß Sie diesen feinen Zusammenhang richtig verstehen. Man kann auch im Leben für Dinge, die einem begegnen, unaufmerksam sein. Wäre man aufmerksam gewesen, so hätte man vielleicht unter dem betreffenden Eindruck diese oder jene Handlung vollzogen. Hier liegt das vor, daß der Betreffende, der mehr träumerisch war, nicht im vollen Bewußtsein, aber in diesem träumerischen Bewußtsein, dazu gebracht wird, die Gelegenheit herbeizuziehen, die ihn, bevor er durch die Pforte des Todes geht, noch einmal mit dem anderen zusammenbringt.

[ 21 ] Now, there was once a dispute in the circle where Bernstein and Stepniak were present—the kind of dispute that can easily arise among people who are passionately interested in the grand issues of life. They argued over a question concerning the relationship between Russians and Poles. One might perhaps wager that in such a case, the average Central European would naturally side with the Poles. And so a rather heated argument ensued. Bernstein and others were on the Poles’ side, while Stepniak defended the Russians against the Poles. There was a heated argument, which led to Stepniak no longer appearing in society. For years, Bernstein heard nothing from Stepniak. Stepniak had completely fallen out with the people with whom he had otherwise socialized. One day, after a long time, Bernstein received a letter in which a complete stranger—someone who did not belong to the social circle—wrote asking if he would like to come over one evening in the coming days; but he noted that Bernstein was not on good terms with Stepniak, that they had had a disagreement some time ago, and that he should only come if he wasn’t afraid of running into Stepniak there. Bernstein not only saw this as no obstacle, but actually found it very pleasing that he would be able to meet Stepniak, and so they met there. Now, of course, one might at first see nothing special in the fact that two people who had been quite fond of each other, having been apart for a long time, found each other again after years; one might see nothing more in it than a mere coincidence. Of course, materialistic thinking would see this as a mere coincidence. Well, the way Bernstein describes the situation, one must say that their reunion that evening alone shows that the matter was exceptionally important to Stepniak in particular. The description of the atmosphere makes it clear that it was indeed important to Stepniak that he met up with Bernstein again that evening. They were very cheerful, very happy. And two days later—after Stepniak had said the previous evening that he was very glad they’d found each other again and hoped to do many things together—two days later, Bernstein read in the newspaper that Stepniak was dead. He was walking down the street reading a book or the newspaper, crossed a railroad track, and the train ran him over. It was all so clear that it could not have been suicide, and that one could only think of an accident. Yet another coincidence. But these things cease, you see, to be mere coincidences. I am simply choosing a striking example of how one should look for them in life—for those connections that are not entirely obvious, those somewhat hidden connections in which people are entangled with their inner lives. These things cease to be mere coincidences when one considers that, in fact, our more subtle inner life—which unfolds primarily in images, in images tinged with emotion—points toward the future to a most eminent degree, especially when it is somewhat dreamlike; it is prophetic. In fact, every dream is prophetic. When you dream, you are actually always dreaming of the future; it’s just that you cannot form mental images of the future, and so you cloak what you are actually dreaming about the future in images of the past. You pull these over what is actually being experienced in your soul, like a garment. Because the future is connected to the past—because karma is at work there—there is a deeper connection between what one dreams of for the future and the “garment” one puts on when one becomes aware of the dream. What one knows, one clothes in images of the past, in images that are already familiar to one. After all, one is always dreaming from the moment one falls asleep until one wakes up; one just doesn’t know it—one is aware of only the very least. If one is dreamy in life, then this dreaminess takes effect and influences karma. Therefore, the person who correctly understands such a mysterious connection, as I have described it, will, I might say, be able to grasp karma with their own hands. Certainly, had Stepniak not been this emotionally sensitive and at the same time dreamy person, the connection between his conscious life and the mysterious flow of karma would not have been so powerful that, even on the very last evening—in the final hours, so to speak—this effect, this convergence that I have described to you, would have come about. But the more abstract, everyday imagination is lost to daydreaming, the greater a person’s capacity becomes to bring about karmic connections. I hope you understand this subtle connection correctly. One can also be inattentive in life to things that come one’s way. Had one been attentive, one might perhaps have carried out this or that action under the impression in question. What is happening here is that the person in question, who was more dreamlike—not in full consciousness, but in this dreamlike state of consciousness—is led to bring about the opportunity that brings him together with the other person once more before he passes through the gate of death.

[ 22 ] Solche feineren Zusammenhänge im Leben, die man auch nicht als etwas anderes nehmen muß, als das, was sie sein sollen: Bereicherung unseres Innenlebens, die sollten an dem, der sein Innenleben bereichern will, als eine Perspektive auf das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, nicht vorübergehen. Man sollte wirklich auch diese, das Menschenleben selbst in weitere Netze aufnehmenden, unter der Oberfläche des Lebens liegenden Fäden, aufsuchen. Gewiß, es darf einen niemand sozusagen an der materialistischen Hand nehmen und sagen: Also behauptest du, daß der Stepniak diese Zusammenkunft mit Bernstein am Abend durch anziehende Kräfte seiner Seele herbeigezogen hat. Ja, wenn man so materialistisch an der Hand genommen wird, als ob man etwas hätte sagen wollen von einen materialistisch-naturwissenschaftlichen Beweis, dann ist das nichts. Denn so grob liegen die Dinge nicht. Die Dinge liegen eben viel feiner. Es muß jemand gar nicht auf den Gedanken kommen, einen gewissermaßen materialistisch auf diese Dinge festnageln zu wollen, sondern er muß zufrieden sein, daß man oder daß einer sich ergeht in der Schilderung solcher Zusammenhänge; er muß gar nicht das Bedürfnis haben, sie so grob anzufassen, wie die Dinge des gewöhnlichen materiellen Lebens. Wenn man sich einläßt, das Leben auf solche feineren Zusammenhänge hin so zu betrachten, dann wird wiederum die Seele bereichert. Im Grunde sind alle Zusammenhänge, die die Geisteswissenschaft gibt, solche feinere Zusammenhänge. Daher wird das Leben auch bereichert durch diese Zusammenhänge; wenn dieses Leben nicht gerade in dem Körper des Max Dessoir ist.

[ 22 ] Such subtle connections in life—which one need not regard as anything other than what they are meant to be: an enrichment of our inner life—should not be overlooked by those who wish to enrich their inner life, as a perspective on life between death and a new birth. One really ought to seek out these threads as well—those that lie beneath the surface of life and weave human existence itself into broader networks. Certainly, no one should, so to speak, take one by the hand in a materialistic way and say: “So you’re claiming that Stepniak brought about this evening meeting with Bernstein through the attractive forces of his soul.” Yes, if one is taken by the hand in such a materialistic way, as if one had wanted to speak of some materialistic-scientific proof, then that is meaningless. For things are not so crude. Things are, in fact, much more subtle. One need not even think of trying to pin these matters down in a materialistic sense, but must be content that one—or someone—is indulging in the description of such connections; one need not feel the need to approach them as crudely as the things of ordinary material life. When one allows oneself to view life in light of such finer interrelationships, the soul is enriched in turn. Fundamentally, all the interrelationships revealed by spiritual science are of this finer nature. That is why life is also enriched by these interrelationships—even if that life is not currently residing in the body of Max Dessoir.

[ 23 ] Also Zusammenhänge, die mehr vom Menschen absehen, wie ich sie vorhin charakterisiert habe, die bereichern das Ich, das wir jetzt in uns tragen, aber eigentlich nur als eine Keimanlage für die nächste Inkarnation, so daß wir in bezug auf dieses Schatten-Ich größere Stärke haben. Zusammenhänge von der Art, daß wir vom Menschen nicht absehen, sondern Menschen hineinstellen, die bereichern das Leben in der Weise, daß sie die Seele reicher machen in dem Erfühlen, Erwahrnehmen jener Region, die wir durchgehen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Es ist höchst merkwürdig, daß man eigentlich manches bei Menschen, die darauf veranlagt sind, solche Zusammenhänge zu suchen, gar nicht richtig versteht, wenn man die Dinge, ich möchte sagen, materialistisch anfassen will. Goethes Stil zum Beispiel, der an sehr vielen außerordentlich wichtigen Stellen seiner Werke so zu nehmen ist, daß Goethe an diesen Stellen eigentlich niemals materialistisch festgenagelt sein will, der kann nur richtig verstanden werden, wenn man ihn so nimmt, daß Goethe sich niemals anders aussprechen will, als über etwas, was gewissermaßen unter der Oberfläche des Lebens liegt; an bestimmten Stellen seiner Werke natürlich.

[ 23 ] So, connections that look beyond the human being—as I characterized them earlier—enrich the “I” that we now carry within us, but really only as a seed for the next incarnation, so that we have greater strength in relation to this “shadow-I.” Connections of the kind in which we do not look beyond human beings but rather include them—these enrich life by making the soul richer in its experience and perception of that region we pass through between death and a new birth. It is highly remarkable that one actually fails to properly understand many things in people who are predisposed to seek out such connections if one attempts to approach these matters, I would say, from a materialistic perspective. Goethe’s style, for example—which, in many extraordinarily important passages of his works, must be understood in such a way that Goethe never actually wants to be pinned down to a materialistic view in these passages—can only be properly understood if one interprets it as meaning that Goethe never wishes to speak of anything other than what lies, so to speak, beneath the surface of life; in certain passages of his works, of course.

[ 24 ] Sie sehen, man irrt, wenn man auf grobe Weise glaubt — und zum Beispiel Waldo Trines Weise ist grob —, durch Hineinarbeiten in sich jene Bereicherung des Ich zu finden, welche eine stark machende Selbsterkenntnis ist. Man muß versuchen gerade loszukommen von sich, um sich stärker zu machen. Daher sind diejenigen im Grunde schlechte Führer zur Selbsterkenntnis, die einen auf sich verweisen, die einen nicht wegweisen von sich selber, die einen nicht mit der Welt und ihren nicht auf der flachen Hand liegenden Zusammenhänge zusammenbringen.

[ 24 ] You see, one is mistaken if one naively believes—and Waldo Trine’s approach, for example, is naive—that by working inwardly one can find that enrichment of the self which is a self-knowledge that makes one strong. One must try to break free from oneself in order to become stronger. Therefore, those who direct one’s attention back to oneself, who do not lead one away from oneself, who do not bring one into contact with the world and its connections—which are not immediately obvious—are, at heart, poor guides to self-knowledge.

[ 25 ] Wie man sich solchen Irrtümern und Klippen und Klüften hingeben kann mit Bezug auf das vorstellende Ich, so kann man sich, ich möchte sagen, auch hingeben mit Bezug auf das wollende Ich. Das Wollen, das beachten wir eigentlich im gewöhnlichen Leben ebensowenig richtig — das wollende Ich, meine ich —, wie das denkende Ich. Sie können das schon daraus entnehmen, daß Leute, wie der von mir vor einiger Zeit angeführte Theodor Ziehen, auf das Wollen überhaupt nicht kommen. Sie finden im gegenwärtigen Menschen wiederum das Wollen nicht und sie haben, wie ich in öffentlichen Vorträgen jetzt an vielen Orten ausgeführt habe, damit nicht unrecht. Franz Brentano schaltet sogar das Wollen ganz aus von den Seelenkräften, unterscheidet nur Vorstellen, Urteilen und die Gefühlsphänomene des Liebens und des Hassens, so daß er das Wollen gar nicht in der Seele eigentlich anschaut. Er schaltet es auch als Psychologe aus. Und daran ist das richtig, daß, wenn man wiederum den Menschen, wie er in der gegenwärtigen Inkarnation ist, auf sein Wollen hin prüft, man das Wollen gar nicht findet. Man findet von dem Wollen im gegenwärtigen Menschen bloß, daß es einen befriedigt oder unbefriedigt läßt, daß es einem Freude macht, Trauer macht und dergleichen. Man findet sozusagen wirklich von dem Wollen nur den Gefühls-, den Gemütseindruck, aber das Wollen selber, es bleibt im Geheimnisvollen. Sie wissen nicht einmal, warum Sie eine Hand erheben; Sie wissen, warum, welches Gefühl Sie dazu verleitet hat, welche Vorstellung, aber wie Sie es machen, was eigentlich als Wille wirkt: Sie können es nicht im gegenwärtigen Menschen finden. Warum? Weil es nicht im gegenwärtigen Menschen drinnen ist. Das wollende Ich ist gar nicht im gegenwärtigen Menschen drinnen, sondern es ist das Ergebnis der vorigen Inkarnation. Was in der vorigen Inkarnation war, das lebt sich jetzt aus als Wille, der aus dem Ich herausfließt. Sage ich «Ich bin», so lebe ich in diesem Gedanken «Ich bin» in dem Keim der nächsten Inkarnation. Sage ich: «Ich will», dann lebe ich in dem, was herauswirkt aus der vorhergehenden Inkarnation in die gegenwärtige hinein.

[ 25 ] Just as one can succumb to such errors, pitfalls, and chasms with regard to the imagining self, so too, I would say, can one succumb with regard to the willing self. In fact, in everyday life we pay just as little proper attention to volition—the volitional self, I mean—as we do to the thinking self. You can already infer this from the fact that people like Theodor Ziehen, whom I mentioned some time ago, do not consider volition at all. They, in turn, do not find volition in modern human beings, and—as I have now explained in public lectures in many places—they are not wrong in this regard. Franz Brentano even completely excludes volition from the powers of the soul, distinguishing only between representation, judgment, and the emotional phenomena of love and hate, so that he does not actually consider volition to be part of the soul at all. He excludes it as a psychologist as well. And what is correct about this is that, if one examines human beings—as they are in their present incarnation—with regard to their volition, one does not find volition at all. All one finds of volition in present-day human beings is that it leaves one satisfied or unsatisfied, that it brings joy, causes sorrow, and so on. One finds, so to speak, only the emotional or psychological impression of the will, but the will itself remains shrouded in mystery. You do not even know why you raise a hand; you know why—which feeling led you to do it, which idea—but how you do it, what actually functions as the will: you cannot find it in the present human being. Why? Because it is not within the present human being. The willing “I” is not at all within the present human being; rather, it is the result of the previous incarnation. What existed in the previous incarnation now manifests as will flowing from the “I.” When I say, “I am,” I live within this thought, “I am,” in the seed of the next incarnation. When I say, “I will,” I am living in what is working its way from the previous incarnation into the present one.

[ 26 ] Das ist außerordentlich interessant, weil es begreiflich erscheinen läßt, daß hier leicht Lebensenttäuschungen liegen können. Das Befriedigtsein oder Nicht-Befriedigtsein, das hängt ab von der Gegenwart, das liegt an dem gegenwärtigen Menschen, aber der Wille führt hinein aus dem Menschen der vorigen Inkarnation. Jedesmal, wenn ich irgend etwas vollführe, was mit den Worten ausgedrückt wird: ich will das oder jenes —, fährt der Wille aus der vorigen Inkarnation in meinen gegenwärtigen Gemütszustand hinein. Denken Sie, was das für ein geheimnisvoller Zusammenhang ist. Aber der Mensch im gewöhnlichen Leben wirft das alles durcheinander. Er glaubt: dieses Ich, das ist so irgendein geheimnisvolles Substantielles in seinem Innern, und einmal sagt es: «Ich denke», einmal «Ich war», einmal «Ich bin», einmal «Ich will». So ist es aber nicht; sondern wenn ich sage: «Ich bin», so entwickele ich eine Kraft, die jetzt in mir so ist wie die Keimkraft in der heurigen, in der diesjährigen Pflanze, die sich aber erst im nächsten Jahr entfaltet. Sowie ich sage «Ich bin», bin ich in einer Kraft, die Mensch wird in einer nächsten Inkarnation. Wenn ich sage: «Ich will», wirke ich aus einer Kraft heraus, die in mir war in einem vorhergehenden Erdenleben.

[ 26 ] This is extremely interesting because it makes it understandable that disappointments in life can easily arise here. Whether one is satisfied or dissatisfied depends on the present; it is up to the person as they are now, but the will stems from the person of the previous incarnation. Every time I do something that is expressed with the words “I want this or that,” the will from the previous incarnation enters into my present state of mind. Just think what a mysterious connection this is. But in everyday life, people confuse all of this. They believe that this “I” is some kind of mysterious, substantial entity within them, and that at one moment it says, “I think,” at another, “I was,” at another, “I am,” and at yet another, “I want.” But that is not how it is; rather, when I say, “I am,” I develop a force that is now within me like the germinative force in this year’s plant, but which will not unfold until next year. As soon as I say, “I am,” I am in a force that will become human in a future incarnation. When I say, “I will,” I act out of a force that was within me in a previous earthly life.

[ 27 ] Wenn man dies gehörig begriffen hat, dann weiß man, daß man eigentlich nur in seinem Fühlen — wie der Philosoph sagt —, im modus praesens lebt, in der Gegenwartsform lebt. Real in der Gegenwartsform ist eigentlich nur das Gefühlserlebnis; und wir sind wirklich zeitlich gewissermaßen eine dreifach ineinandergeschachtelte Wesenheit. Wir sind so zusammengeschachtelt, daß in uns lebt das, was herüberwirkt.aus der vorigen Inkarnation, dasjenige, was jetzt erfühlt wird, und dasjenige, was herüberwirkt in die nächste Inkarnation. Wie die Pflanze herauswächst aus dem, was Same des vorigen Jahres war, der vertrocknet, so ist das Vertrocknende der vorigen Inkarnation, das allmählich in die übrige Welt Übergehende, das Wollen, das aus dem Ich quillt. Der Keim für die nächste Inkarnation ist dasjenige, was wir als Ich denken. Aus diesem Grunde, weil das so ist, schrieb ich in dem Aufsatze, der von mir im April-Heft 1916, dem ersten Heft vom «Reich», der Bernusschen Zeitschrift enthalten ist: «Der Weg in die geistige Welt wird also zurückgelegt durch die Bloßlegung dessen, was im Denken und Wollen enthalten ist», weil das Denken und Wollen, so wie es in uns lebt, in der Tat nicht in uns als bloß gegenwärtig lebt, sondern durch den geistigen Zusammenhang hinüberweist aus früherem Erdenleben in späteres Erdenleben. Man kann dann wirklich sagen: Es kann nicht in einer ähnlichen Art das Gefühlserleben durch einen inneren Seelenanstoß entwickelt werden, weil das Gefühlserleben als geistiges Gefühlserleben auch wirklich erfahren wird. Daher ist dasjenige, was dem Gefühl entspricht, drüben in der geistigen Welt etwas, was selbst an einen herankommen muß. Man kann meditierend, sich konzentrierend, Wollen und Denken ausleben, aber man kann nicht das Gefühlsleben kultivieren. Das muß man führen lassen, und das ergibt sich dann.

[ 27 ] Once one has truly grasped this, one realizes that one actually lives only in one’s feelings—as the philosopher says—in the *modus praesens*, in the present tense. In reality, only the emotional experience is truly in the present tense; and in a sense, we are, temporally speaking, a being composed of three interlocking layers. We are structured in such a way that within us lives what carries over from the previous incarnation, what is currently being felt, and what carries over into the next incarnation. Just as a plant grows out of what was last year’s seed—which withers away—so too is the withering aspect of the previous incarnation, which gradually passes into the rest of the world, the will that springs from the “I.” The seed for the next incarnation is what we think of as the “I.” For this reason—because this is so—I wrote in the essay of mine included in the April 1916 issue, the first issue of *Reich*, Bernus’s journal: “The path into the spiritual world is thus traversed through the unveiling of what is contained in thinking and willing,” because thinking and willing, as they live within us, do not in fact exist within us merely as present realities, but point, through the spiritual connection, from earlier earthly lives to later earthly lives. One can then truly say: Emotional experience cannot be developed in a similar way through an inner impulse of the soul, because emotional experience is also truly experienced as a spiritual emotional experience. Therefore, that which corresponds to emotion is, over in the spiritual world, something that must itself come to one. One can live out one’s will and thought through meditation and concentration, but one cannot cultivate one’s emotional life. One must allow it to unfold, and it will then arise.

[ 28 ] Viele fragen immer wieder und wiederum: Ja, wie komme ich in ein näheres Verhältnis zu jener Wesenheit, die wir als den Christus ansprechen? — Man kann nicht eine einfache Formel geben: Mache es so oder so! — sondern gewisse wichtigere Dinge der ganzen Geisteswissenschaft sind heute so, daß sie einen in die Region des Christus führen, so wie er vorhanden ist. Nehmen Sie nur die Tatsache, die wir ja gut kennen: Als physischer Mensch ist der Christus doch nur zur Zeit des Mysteriums von Golgatha auf der Erde herumgewandelt. Also so ihn erleben, daß man ihn wie einen physischen Menschen in physischen Ereignissen erlebt, konnte man nur damals. Will man ihm heute nahekommen, dann muß man ihn suchen, wie er in der Erdensphäre lebt. Aber er lebt nicht in den groben Zusammenhängen, sondern er lebt in feineren Zusammenhängen. So daß gerade das, was ich Ihnen heute erzählt habe: Das Suchen nach feineren, entlegenen Zusammenhängen, das Sich-Schulen an feineren, entlegenen Zusammenhängen, die Menschen in jene Region des Bewußtseins hereinbringen kann, wo sie den Christus wirklich erleben. Freilich kann man da wiederum, ich möchte sagen, unsanft von einer materlalistischen Hand angefaßt werden. Es kann einer sagen: Nun ja, dann erzählst du uns, daß man den Christus eben nicht im gewöhnlichen Vorstellen erfassen kann, wie man es auf Naturdinge anwendet! — Menschen, die überhaupt einen solchen Gedanken anwenden, die also eigentlich aus der Empfindung heraus sprechen: es ist nur das berechtigt, was nach dem Muster der Naturdinge vorgestellt wird — das machen ja alle Materialisten —, die können überhaupt nicht so geführt werden, daß sie das Geistige wahrnehmen.

[ 28 ] Many people ask again and again: “Yes, how can I develop a closer relationship with that being we refer to as the Christ?” — There is no simple formula to offer: “Do it this way or that way!” — but certain key aspects of spiritual science today are such that they lead one into the realm of the Christ, just as he exists. Just consider the fact we know so well: As a physical human being, Christ walked the earth only at the time of the Mystery of Golgotha. So experiencing him as a physical human being in physical events was only possible back then. If one wants to draw near to him today, one must seek him as he lives within the earthly sphere. But he does not live within the coarse contexts; rather, he lives within finer contexts. So precisely what I have told you today—the search for finer, more remote contexts, and training oneself in these finer, more remote contexts—can bring people into that region of consciousness where they can truly experience the Christ. Of course, one can then, I might say, be roughly seized by a materialistic hand. Someone might say: “Well then, you’re telling us that Christ simply cannot be grasped through ordinary imagination, as one applies it to natural phenomena!” — People who entertain such a thought in the first place—who are, in fact, speaking from a feeling that only what is conceived according to the pattern of natural phenomena is valid—which is, after all, what all materialists do—cannot be guided in such a way that they perceive the spiritual.

[ 29 ] Es ist vielleicht gewagt, aber denken Sie sich einmal, es wäre ein Wesen so geartet, daß man es nur wahrnehmen könnte, wenn man es träumt. Den Augen, den Ohren zeigt es sich nicht, sogar dem gewöhnlichen Alltagsdenken zeigt es sich nicht; aber es zeigt sich dem Traum. Ja, da müßte halt der Mensch, der etwas von diesem Wesen erleben will, sich darauf einlassen, die Kunst des Träumens zu entwickeln, sonst kann das Wesen nicht für ihn da sein. Nun, wenn einer sagt: Träume, die geben mir nichts Wirkliches! —, dann ist an ihm die Schuld, daß er diesem Wesen nicht nahekommen kann. In dieser Beziehung denken die Menschen eben verkehrt, indem sie eigentlich von sich aus Forderungen aufstellen; und wenn irgend etwas diese Forderungen nicht erfüllt, dann gilt es ihnen nicht. Ja, aber wenn das Ding von der Art ist, daß es für diese Forderung nicht da ist, dann muß es eben den Menschen, die solche Forderungen aufstellen, entgehen. So muß man sich schon auch klar darüber sein, daß man eben eine besondere Art des Denkens oder des Innenlebens überhaupt ausbilden muß, für die sich dasjenige, was nicht in der äußeren Natur liegt, zeigen kann. Wir müssen zu diesen Wesen hingehen: nicht sie kommen zu uns. Das ist das Wichtige!

[ 29 ] It may be a bit of a stretch, but just imagine there were a being of such a nature that one could only perceive it in a dream. It does not reveal itself to the eyes or the ears, nor does it reveal itself to ordinary, everyday thinking; but it does reveal itself in a dream. Yes, a person who wants to experience something of this being would simply have to commit to developing the art of dreaming; otherwise, the being cannot be present for them. Now, if someone says, “Dreams don’t give me anything real!”—then it is their own fault that they cannot come close to this being. In this regard, people simply think the wrong way, in that they actually make demands of their own accord; and if anything fails to meet these demands, then it counts for nothing to them. Yes, but if the thing is of such a nature that it does not exist to meet that demand, then it must simply elude the people who make such demands. So one must also be clear that one must develop a special kind of thinking or inner life in order for that which does not lie in external nature to reveal itself. We must go to these beings: they do not come to us. That is the important thing!

[ 30 ] Immer wieder und wiederum möchte ich sagen: Man möchte so gerne mehr als Worte finden, daß die Menschen der Gegenwart wirklich aus ihrem groben materialistischen Empfinden heraus den Weg fänden zu solchen subtilen Dingen. Denn selbst die Besten in unserer Zeit finden den Weg nicht leicht zu solchen Dingen, wie ich sie jetzt auseinandergesetzt habe. Sie halten das für Phantasie und lachen einen aus, wenn man etwa gar sagen würde: Nun, schön, laß es Phantasie sein, aber die Wesen sind eben so, daß du die Kraft der Phantasie haben mußt, sonst erscheinen sie dir nicht. — Sie lassen sich eben nur herbei, als reale Wesen zu erscheinen, wenn man auch die Kraft der Phantasie hat. Ich sagte, man möchte etwas mehr als Worte haben, um plausibel zu machen, wie notwendig es gerade in der Gegenwart ist, sich auf solche subtilen Vorstellungen einzulassen. Die Vorstellungen sind subtil, aber die Seele wird durch diese subtilen Vorstellungen stark, so stark, daß sie Verständnis für die Wirklichkeit findet, daß sie wirklich tiefer hineinschauen kann in die wirklichen Zusammenhänge, als das Vorstellen hineinschauen kann, das sich nur schulen will an den materialistischen, naturwissenschaftlichen Vorstellungen der Gegenwart. Selbst bei ausgezeichneten Geistern findet man heute, daß das Denken, ich möchte sagen, wirklich verlernt hat, sich in der notwendigen Subtilität zu ergehen. Ich habe Ihnen das letzte Mal wirklich, ich glaube, mit ganz eindringlichen Worten begreiflich gemacht, daß ich Franz Brentano außerordentlich schätze, gerade deshalb, weil er durch sein AristotelesStudium das Denken bei sich zu einer gewissen Subtilität ausgebildet hat. Aber ich sagte: er ist nicht zur Geisteswissenschaft gekommen. Daran war manches schuld, vor allen Dingen aber auch, daß er doch nun jene Subtilität des Denkens nicht gehabt hat, welche man haben muß als erstes, um in die wirkliche geistige Welt hineinzudringen; wenigstens anstreben muß man es. Lesen Sie die letzten Kapitel meiner «Theosophie» oder im zweiten Teil der «Geheimwissenschaft». Da kann man, ich möchte sagen, manchmal die Leute abfassen dabei, wie sie mit dem gegenwärtigen Denken stolpern. Man kann sie abfassen. So kann man auch Brentano abfassen. Ich muß sagen, ich würde es rätselhaft finden, daß ein so feinsinniger Mensch wie der Brentano gewisse Wege nicht gefunden hat, wenn es mir nicht gelänge, solch einen Menschen dann abzufassen an dem Punkte, woran es liegt. Und, man kann ihn an vielen Stellen abfassen, aber ich will eine solche Sache anführen.

[ 30 ] Time and again, I would like to say: One would so dearly like to find more than just words, so that people today might truly find their way from their crude, materialistic sensibilities to such subtle things. For even the best among us today do not easily find their way to such things as I have now explained. They consider this to be fantasy and laugh at you if, for example, you were to say: “Well, fine, let it be fantasy, but these beings are such that you must have the power of imagination; otherwise, they will not appear to you.” — They only allow themselves to appear as real beings if one also possesses the power of imagination. I said that one would need more than just words to make it plausible just how necessary it is, especially in the present, to engage with such subtle concepts. These concepts are subtle, but the soul is strengthened by them—so much so that it gains an understanding of reality, enabling it to look more deeply into the true interconnections than can be achieved by a way of thinking that seeks to train itself solely on the materialistic, scientific concepts of the present. Even among outstanding minds today, one finds that thinking—I would say—has truly forgotten how to engage in the necessary subtlety. Last time, I believe I made it clear to you in very forceful terms that I hold Franz Brentano in the highest regard, precisely because, through his study of Aristotle, he developed his own thinking to a certain subtlety. But I said: he did not come to spiritual science. There were many reasons for this, but above all, he lacked that subtlety of thought which one must possess first and foremost in order to penetrate the true spiritual world; at the very least, one must strive for it. Read the final chapters of my *Theosophy* or the second part of *The Secret Science*. There, I might say, one can sometimes catch people stumbling over their current way of thinking. One can catch them. One can catch Brentano in the same way. I must say, I would find it puzzling that a man as subtle as Brentano did not find certain paths, if I were unable to pinpoint exactly where the problem lies with such a person. And while one can pinpoint him in many places, I will cite one such instance.

[ 31 ] Er sagt: Das seelische Leben, das muß in bezug auf die Materie, in der dieses seelische Leben ist, individualisiert sein, denn man kann gewisse niedere Tiere zerschneiden, und jeder Teil zeigt wiederum dasselbe Leben wie das Ganze, das man in Teile zerschnitten hat. Sie wissen, gewisse niedere Tiere kann man zerschneiden, sie machen sich nichts daraus, es leben dann eben zwei weiter. Nun sagt er: Ja, da können wir uns keine andere Vorstellung bilden, als daß nunmehr in jedem der Teile ein selbständiges Seelisches lebt. Habe ich also einen niederen Wurm in zwei Stücke zerschnitten und jeder lebt wiederum, so ist in jedem Teilstück eine Seele. Er schließt daraus, daß das Seelische als ganz Einheitliches in dieser Weise mit dem Körperlichen verbunden ist. Und er gebraucht nun einen Vergleich, denken Sie, er sagt: So ist es doch auch bei dem Dreieck. Wenn wir einen Strich machen, so zerfällt es in zwei Dreiecke, da haben wir es geteilt, jedes ist ein Dreieck. Ich will jetzt nur dieses sagen: Er vergleicht also den Gedanken, den er beim Zweiteilen eines Wurmes hat mit dem Gedanken, den er beim Zweiteilen eines Dreiecks hat und macht sich das eine durch das andere klar. Zweiteilen eines Dreiecks ist ein einfacherer Gedanke als das Zweiteilen eines Wurmes; also man kann sich das eine durch das andere verdeutlichen. Aber gilt das? Brentano kommt es außerordentlich wichtig vor. Aber gilt das? Es gilt nicht! Denn, nehmen Sie an, Sie haben hier ein Dreieck. Gewiß, wenn Sie hier eine Linie ziehen, teilen Sie es in zwei Dreiecke. Jeder Teil ist wiederum ein Dreieck, wie beim Wurm, wenn er in zwei Teile zerschnitten wird. Aber teilen Sie das dann so ab, dann entstehen nicht zwei Dreiecke, sondern eines ist ein Viereck. Das heißt, Sie bekommen nur unter gewissen Voraussetzungen zwei Dreiecke; eines ist hier ein Viereck.

[ 31 ] He says: Spiritual life must be individualized in relation to the matter in which that spiritual life exists, for one can cut up certain lower animals, and each part in turn exhibits the same life as the whole that has been cut into parts. You know, certain lower animals can be cut up; it doesn’t bother them—two simply continue to live. Now he says: Yes, we can form no other conception than that an independent soul now lives in each of the parts. So if I have cut a lower worm into two pieces and each one continues to live, then there is a soul in each part. He concludes from this that the soul, as a wholly unified entity, is connected to the physical body in this way. And he now uses a comparison—just think—he says: “It’s the same with a triangle. If we draw a line through it, it breaks into two triangles; we’ve divided it, and each is a triangle.” I just want to say this: He compares the thought he has when dividing a worm in two with the thought he has when dividing a triangle in two, and uses one to clarify the other. Dividing a triangle in two is a simpler concept than dividing a worm in two; so one can use the one to clarify the other. But is that true? Brentano considers it extraordinarily important. But is that true? It isn’t! For suppose you have a triangle here. Certainly, if you draw a line here, you divide it into two triangles. Each part is, in turn, a triangle, just as with the worm when it is cut into two parts. But if you divide it in this way, you do not get two triangles; rather, one of them is a quadrilateral. That is to say, you only get two triangles under certain conditions; one of them is a quadrilateral here.

[ 32 ] Der Vergleich gilt also nicht. Ein sehr scharfsinniger Mensch macht einen Vergleich. Aber der Vergleich gilt nicht. Sein Denken ist also nicht beweglich genug, nicht lebendig genug, um einen gültigen Vergleich zu finden. Er stolpert. Aber das hat Folgen. Denn würde er sich nicht durch einen solchen Vergleich täuschen lassen, daß man einen Wurm ebenso in zwei Teile teilt wie ein Dreieck, so würde er auf das Richtige kommen. Und er kommt nicht auf das Richtige. Wenn ich nämlich einen Wurm in zwei Teile teile, hat das nichts mit zwei Seelen zu tun, sondern die Gruppenseele wirkt in die zwei Teile hinein ebenso, wie wenn ich mein Bild im Spiegel ansehe, und den Spiegel in der Mitte in zwei Teile breche, so habe ich zwei Bilder, und ich habe mich doch nicht geteilt. Ich habe wohl zwei Bilder erhalten, aber ich habe mich nicht geteilt, sondern den Spiegel, dadurch sind es zwei Bilder geworden. Ebensowenig kann ich die Seele des Wurmes teilen; sie ist eine geblieben, wie ich einer geblieben bin, wenn ich in zwei Spiegeln mich spiegele, so ist die eine Seele in den zwei Wurmstücken vorhanden. Er konnte nicht zu dieser Vorstellung kommen, die der Realität entspricht, weil er sich in einem nicht genug beweglichen Denken durch einen falschen Vergleich hat täuschen lassen. Hätte er nämlich den Vergleich richtig gemacht, da, wo wirklich zwei Dreiecke sind, dann würde er sich gesagt haben: Ja, aber das bloße Teilen macht es nicht, daß da zwei Dreiecke sind, sondern es muß etwas dazu kommen. Wenn ich geteilt habe, muß wiederum die Idee des Dreieckes auf die beiden Teile anwendbar sein. Bloßes Teilen von außen gibt nicht zwei Dreiecke. Hier muß ich zwei Ideen anwenden: die Idee des Dreieckes und die Idee des Viereckes. Wäre er darauf gekommen, daß er ein und dieselbe Idee bei diesem Teilen anwenden muß, und daß nur diese ein und dieselbe Idee ihm die Garantie gibt, er habe in zwei Dreiecke geteilt, dann wäre der Vergleich richtig. Aber darauf war er nicht gekommen, daß die eine Wurmseele in beiden Teilen drinnen ist, aber von außen hineinschaut, wie derjenige, der vor dem Spiegel steht und in die beiden Teile des Spiegels hineinschaut.

[ 32 ] So the comparison does not hold. A very astute person makes a comparison. But the comparison does not hold. His thinking is therefore not flexible enough, not lively enough, to find a valid comparison. He stumbles. But this has consequences. For if he were not misled by such a comparison—that a worm can be divided into two parts just as a triangle can—he would arrive at the correct conclusion. And he does not arrive at the correct conclusion. For when I divide a worm into two parts, this has nothing to do with two souls; rather, the group soul acts upon the two parts just as when I look at my reflection in a mirror and break the mirror in two in the middle—I then have two images, yet I have not divided myself. I have indeed obtained two images, but I have not divided myself; rather, I have divided the mirror, and that is why there are two images. Nor can I divide the worm’s soul; it has remained one, just as I have remained one when I am reflected in two mirrors; thus, the single soul is present in the two pieces of the worm. He could not arrive at this conception, which corresponds to reality, because he allowed himself to be misled by a false comparison due to a lack of flexibility in his thinking. For if he had made the comparison correctly—where there are truly two triangles—he would have said to himself: Yes, but mere division does not make there be two triangles; something else must be added. Once I have divided it, the idea of the triangle must again be applicable to both parts. Mere division from the outside does not produce two triangles. Here I must apply two ideas: the idea of the triangle and the idea of the quadrilateral. Had he realized that he must apply one and the same idea in this division, and that only this one and the same idea guarantees that he has divided it into two triangles, then the comparison would be correct. But he had not realized that the single worm’s soul is inside both parts, yet looks in from the outside, like someone standing in front of a mirror and looking into the two parts of the mirror.

[ 33 ] Wir stehen wirklich in einem solchen Zeitpunkt, wo alles nach Subtilisierung des Denkens schreit. Wir kommen wirklich nicht weiter, wenn solche Subtilisierung des Denkens nicht eintritt, wenn das Denken nicht beweglicher wird, wenn es immer kleben will an dem grob Äußerlichen. Und wenn auch heute der Widerstand gegen diese Subtilisierung des Denkens am stärksten ist, so muß um so mehr stark gearbeitet werden in der Sache der Geisteswissenschaft, denn die kommt ohnedies nicht zustande, wenn man nicht zu subtileren Vorstellungen seine Zuflucht nimmt; die ist aber auch geeignet, das Ich des Menschen durch das, was sie ist, stärker zu machen. Alles übrige kann ja den Menschen auf den Weg führen, nach dem die heutige Sehnsucht hinstrebt; aber wirkliche Kraft geben kann nur die Geisteswissenschaft, gerade durch das, was man ihr besonders vorwirft: daß sie ja lauter Vorstellungen erweckt, die eigentlich nicht so recht anwendbar sind, sich im Leben nicht äußerlich darstellen lassen. Aber gerade durch das, daß sie sich nicht äußerlich darstellen lassen im Leben, machen sie uns innerlich stark und kräftig, das heißt, wirklichkeitsbefreundet.

[ 33 ] We truly find ourselves at a point in time when everything cries out for a refinement of thought. We really cannot make any progress unless such a refinement of thought takes place, unless thinking becomes more flexible, unless it ceases to cling to the coarse external. And even if resistance to this refinement of thought is strongest today, we must work all the more diligently in the cause of spiritual science, for it cannot come about anyway unless we take refuge in more refined concepts; yet it is also capable of strengthening the human “I” through what it is. Everything else can, of course, lead people along the path toward which today’s longing is directed; but only spiritual science can provide true strength—precisely through what is most often held against it: that it awakens ideas that are not really applicable and cannot be manifested outwardly in life. But precisely because they cannot be manifested outwardly in life, they make us strong and vigorous inwardly—that is, in harmony with reality.

[ 34 ] Davon wollen wir dann das nächste Mal in einer weiteren Perspektive auf wichtige Verhältnisse des Lebens weiter reden.

[ 34 ] We’ll continue discussing this next time, taking a broader look at important aspects of life.