Historical Necessity and Freedom
The Influence of Fate from the World of the Dead
GA 179
10 December 1917, Dornach
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Historical Necessity and Freedom, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Ich will kurz einige Tatsachen, die angeführt worden sind, noch einmal einleitungsweise berühren, weil wir sie für den Fortgang unserer Betrachtungen brauchen werden. Ich habe gesagt, daß im Menschen selber, auch seelisch, dasjenige liegt, was wir die Schwelle der gewöhnlichen sinnlich-physischen Welt und der seelisch-geistigen Welt nennen können. Und zwar so, daß wir im gewöhnlichen Wachbewußtsein, mit dem der Mensch ausgerüstet ist zwischen der Geburt und dem Tode, eigentlich nur in bezug auf die sinnlichen Wahrnehmungen völlig wachen, in bezug also auf die Wahrnehmung alles desjenigen, was durch unsere Sinne an uns herankommt, ferner in bezug auf alles das, was wir an Vorstellungen entwickeln, seien es Vorstellungen, die wir uns machen über das sinnlich Wahrgenommeng, seien es Vorstellungen, die aus unserem Innern auftauchen zum Begreifen, zum Beleben der Welt. Schon eine ganz gewöhnliche Selbstbesinnung lehrt uns — keineswegs ist dazu hellseherische Begabung notwendig —, daß das gewöhnliche Menschheitsbewußtsein völlig wachend nicht mehr umfassen kann als das Gebiet des Vorstellungslebens und das Gebiet der Sinneswahrnehmungen. In unserer Seele selbst erleben wir außerdem unsere Gefühlswelt und unsere Willenswelt. Aber wir haben gesagt, daß wir unsere Gefühlswelt nur so durchleben, wie wir etwa einen Traum durchleben, daß das Traumleben sich in das gewöhnliche Wachbewußtsein herein erstreckt, und wir eigentlich, indem wir fühlende Menschen sind, Träumer des Lebens sind. Denn auf dem Grunde des Gefühlslebens gehen Dinge vor, von denen das Wachbewußtsein im Vorstellen und im Sinneswahrnehmen nichts weiß. Noch weniger weiß das wache Bewußtsein etwas von den wirklichen Vorgängen des Willenslebens. Das Gefühlsleben verträumt der Mensch im gewöhnlichen Wachbewußtsein, das Willensleben verschläft er. So daß also unter unserem Vorstellungsleben ein Reich lebt, in das wir selber eingebettet sind, und das uns nur zum Teil bekannt ist, uns nur bekannt ist durch die Wogen, die heraufschlagen über seine Oberfläche.
[ 1 ] I would like to briefly touch on a few facts that have been mentioned as an introduction, because we will need them as we proceed with our discussion. I have said that within the human being himself—including on the soul level—lies what we might call the threshold between the ordinary sensory-physical world and the soul-spiritual world. And this is so in the sense that in the ordinary waking consciousness with which human beings are endowed between birth and death, we are actually fully awake only in relation to sensory perceptions—that is, in relation to the perception of everything that comes to us through our senses— and also with regard to everything we develop in the form of ideas—whether these are ideas we form about what we have sensed, or ideas that arise from within us to comprehend and bring the world to life. Even a very ordinary act of self-reflection teaches us—and no clairvoyant gift is necessary for this—that ordinary human consciousness, even when fully awake, cannot encompass more than the realm of the life of the imagination and the realm of sensory perceptions. Within our own soul, moreover, we experience our world of feelings and our world of will. But we have said that we experience our emotional world only in the same way that we experience a dream, that the life of dreams extends into ordinary waking consciousness, and that, in fact, by being sentient human beings, we are dreamers of life. For at the very foundation of emotional life, things are taking place of which waking consciousness knows nothing through imagination or sensory perception. Waking consciousness knows even less about the actual processes of the life of the will. In ordinary waking consciousness, a person dreams away their emotional life and sleeps through their volitional life. Thus, beneath our life of imagination lies a realm in which we ourselves are embedded, and which is only partially known to us—known to us only through the waves that wash over its surface.
[ 2 ] Ferner haben wir betont, daß in diesem Reich, das also der Mensch verträumt, verschläft, mit uns gemeinschaftlich leben die Menschenseelen in dem Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Wir sind also von den sogenannten Toten nur dadurch getrennt, daß wir nicht in der Lage sind, mit dem gewöhnlichen Bewußtsein wahrzunehmen, wie die Kräfte der Toten, das Leben der Toten, die Handlungen der Toten in unser eigenes Leben hereinspielen. Denn diese Kräfte, diese Handlungen der Toten durchdringen unser Gefühlsleben und unser Willensleben fortwährend. Wir leben also mit den Toten. Und es ist schon von Bedeutung, sich klarzumachen in dieser unserer Gegenwart, wie Geisteswissenschaft die Aufgabe hat, dieses Bewußtsein des Zusammengehörens mit den Totenseelen zu entwikkeln.
[ 2 ] Furthermore, we have emphasized that in this realm—which human beings thus dream away and sleep through—the human souls live together with us in the state of existence between death and a new birth. We are thus separated from the so-called dead only in that we are unable, with our ordinary consciousness, to perceive how the forces of the dead, the life of the dead, and the actions of the dead interplay with our own lives. For these forces, these actions of the dead, continually permeate our emotional and volitional lives. We therefore live with the dead. And it is indeed significant to realize, in our present time, how spiritual science has the task of developing this awareness of our connection with the souls of the dead.
[ 3 ] Der Rest der Erdenentwickelung wird nicht verfließen können, wenn er zum Heile der Menschheit verfließen soll, ohne daß die Menschheit dieses lebendige Gefühl von dem Zusammensein mit den Toten entwickelt. Denn das Leben der Toten spielt auf mannigfaltigen Umwegen herein in das Leben der sogenannten Lebendigen.
[ 3 ] The rest of Earth’s evolution cannot unfold—if it is to unfold for the benefit of humanity—without humanity developing this vivid sense of connection with the dead. For the lives of the dead influence the lives of the so-called living in manifold and indirect ways.
[ 4 ] Und eben nicht umsonst ist im Verlauf der öffentlichen Vorträge aufmerksam darauf gemacht worden, wie das geschichtliche Leben, wie das, was der Mensch historisch durchlebt, sozial durchlebt, wie das, was er in bezug auf die ethischen Vorgänge unter den Menschen durchlebt, eigentlich den Wert eines Traumes, eines Schlafes hat; daß die Impulse, welche der Mensch entwickelt, wenn er aus seiner Persönlichkeit herausgeht, wenn er also in der menschlichen Gemeinschaft wirkt, Traumes-, Schlafesimpulse sind.
[ 4 ] And it is not without reason that, in the course of the public lectures, attention has been drawn to how historical life—that is, what a person experiences historically and socially, and what they experience in relation to ethical processes among human beings—actually has the nature of a dream or sleep; that the impulses a person develops when they step outside their own personality—that is, when they act within the human community—are impulses of dreaming and sleep.
[ 5 ] Die Menschen werden Geschichte ganz anders ansehen, wenn ihnen dies zum lebendigen Bewußtsein gekommen ist. Sie werden als Geschichte nicht mehr jene Fable convenue ansehen, welche man heute allgemein Geschichte nennt, sondern sie werden einsehen, daß geschichtliches Leben nur verstanden werden kann, wenn in diesem geschichtlichen Leben dasjenige gesucht wird, was für das gewöhnliche Bewußtsein verträumt, verschlafen wird, in das aber hineinspielen zunächst, wie wir gesehen haben, die Impulse, die Taten, die Handlungen der sogenannten Toten. Es verweben sich die Handlungen der Toten mit dem Fühlen, mit den Willensimpulsen der sogenannten Lebendigen. Und das ist eigentlich Geschichte.
[ 5 ] People will view history quite differently once they have come to a vivid awareness of this. They will no longer regard history as that “fable convenue” which is generally called history today, but they will realize that historical life can only be understood if one seeks within that historical life what is, to ordinary consciousness, dreamlike and overlooked—but into which, as we have seen, the impulses, deeds, and actions of the so-called dead first come into play. The actions of the dead are interwoven with the feelings and the impulses of the will of the so-called living. And that is, in fact, history.
[ 6 ] Der Mensch hört nicht auf, tätig zu sein innerhalb der menschlichen Gemeinschaft, wenn er durch des Todes Pforte gegangen ist. Er fährt fort, tätig zu sein, wenn auch in einer andern Weise, als er hier im physischen Leib tätig sein muß. Aber vieles von dem, wovon der Mensch wegen seiner Illusionen glaubt, daß er es tue, weil es aus seinen Gefühlen, aus seinen Willensimpulsen fließt, fließt in Wahrheit bis in unsere eigenen Tage, wo wir die entsprechenden Handlungen vollziehen, aus den Handlungen derer, die hinübergegangen sind.
[ 6 ] A person does not cease to be active within the human community once they have passed through the gate of death. They continue to be active, albeit in a different way than they must be active here in the physical body. But much of what a person, due to their illusions, believes they are doing—because it flows from their feelings and impulses of will—actually flows down to our own time, where we carry out the corresponding actions, from the actions of those who have passed on.
[ 7 ] Zu wissen, daß der Mensch in dem Augenblicke, wo es sich um sein Leben in menschlicher Gemeinschaft handelt, auch in Gemeinschaft mit den Toten handelt, das wird ein Bedeutsames sein in der Entwickelung der Menschen in der Zukunft. Nur muß selbstverständlich ein solches Bewußtsein, das sich im wesentlichen auf das Gefühls-, auf das Willensleben bezieht, auch vom Fühlen und Willen erfaßt werden. Die abstrakten, die trockenen Vorstellungen werden das niemals erfassen können, aber Vorstellungen, die genommen sind aus dem Umfange der Geisteswissenschaft, die werden das erfassen können. Über vieles allerdings werden sich die Menschen gewöhnen müssen, ganz andere Begriffe zu bilden.
[ 7 ] The realization that, at the very moment when one’s life within human community is at stake, one is also acting in communion with the dead—this will be a significant factor in the future development of humanity. Of course, such an awareness—which essentially relates to the life of feeling and will—must also be grasped through feeling and will. Abstract, dry concepts will never be able to grasp this, but concepts drawn from the realm of spiritual science will be able to do so. In many respects, however, people will have to get used to forming entirely different concepts.
[ 8 ] Sie wissen ja alle, daß derjenige, der fest drinnensteht im Erfassen der geisteswissenschaftlichen Impulse, versuchen kann, mit denjenigen in Verbindung zu bleiben, die hingegangen sind durch die Pforte des Todes. Und an den Gedanken der Geisteswissenschaft, an den Ideen, die wir uns bilden über die Vorgänge in den geistigen Welten, haben wir solche Gedanken, die uns Erdenmenschen verständlich sind, die aber auch den toten Seelen verständlich sind. Und daraus ergibt sich dasjenige, was wir nennen: Vorlesen den Toten. Wenn wir gerade über Materien der Geisteswissenschaft im Gedanken an die Toten vorlesen, dann ist das ein wirkliches Gemeinschaftsleben mit den Toten. Denn die Geisteswissenschaft spricht eine Sprache, die den lebenden und den toten Seelen gemeinschaftlich ist. Aber es handelt sich darum, immer mehr und mehr gerade mit dem Gefühlsleben, mit dem durchleuchteten Gefühlsleben an diese Dinge heranzukommen.
[ 8 ] As you all know, anyone who is deeply immersed in grasping the impulses of spiritual science can try to remain in contact with those who have passed through the gate of death. And among the thoughts of spiritual science—the ideas we form about the processes in the spiritual worlds—there are certain thoughts that are comprehensible to us earthlings, but which are also comprehensible to the souls of the dead. And from this arises what we call “reading aloud to the dead.” When we read aloud from spiritual science texts while thinking of the dead, this is a true communal life with the dead. For spiritual science speaks a language that is common to both living and dead souls. But the point is to approach these things more and more through our emotional life—through an emotional life that has been illuminated.
[ 9 ] Denn bedenken Sie einiges von dem, was ich gestern gesagt habe. Der Mensch lebt zwischen Tod und einer neuen Geburt in einer Umgebung, die im wesentlichen ganz durchsetzt ist nicht nur von Lebendigkeit, sondern von fühlender Lebendigkeit. Das ist schon sein unterstes Reich, habe ich gesagt. Wie für uns das fühllose Mineralreich dasjenige ist, was uns während unseres Sinnenlebens umgibt, ist um den Toten ein so geartetes Reich, daß, wenn er nur irgend etwas darin berührt, er Schmerz oder Freude hervorruft. So ist es bei den Toten, wie wenn wir im Leben wissen müßten, sobald wir irgendeinen Stein berühren, ein Baumblatt berühren, so rufen wir Gefühle hervor. Nichts kann der Tote tun, ohne daß er in seiner Umgebung Gefühle der Freude, Gefühle des Schmerzes, Gefühle der Spannung, Gefühle der Entspannung und so weiter hervorbringt. Indem wir mit dem Toten in einer Verbindung stehen, wie sie durch das Vorlesen gegeben ist, tritt dann für den Toten selbst jene Gemeinschaft auf, von der wir auch schon gesprochen haben, aber eben für diesen besonderen Fall des Vorlesens. Dadurch tritt der Tote in Verbindung mit der Seele, die ihm hier vorliest, mit der Seele, die ihm irgendwie karmisch besonders verbunden ist. Und so wie der Tote in seinem untersten Reiche, das wir mit dem Tierreich in Verbindung bringen mußten, in einem solchen Verhältnisse steht, daß alles, was er tut, Freude, Leid und so weiter hervorbringt, so steht er mit alledem, was Zusammenhang mit Menschenseelen hervorruft — seien es Menschenseelen, die hier auf der Erde leben, seien es Menschenseelen, die schon entkörpert sind und zwischen dem Tod und einer neuen Geburt leben —, in einer solchen Verbindung, daß er durch dasjenige, was in andern Seelen vorgeht, entweder ein gehobenes oder ein abgelähmtes Lebensgefühl erhält.
[ 9 ] For consider some of what I said yesterday. Between death and a new birth, human beings live in an environment that is essentially permeated not only by life, but by sentient life. That, I said, is already their lowest realm. Just as the insensate mineral kingdom is what surrounds us during our sensory life, so too is there a realm of this nature surrounding the dead, such that if they touch anything within it, they evoke pain or joy. Thus it is with the dead: it is as if, in life, we knew that as soon as we touch a stone or a tree leaf, we evoke feelings. There is nothing the dead person can do without evoking feelings of joy, feelings of pain, feelings of tension, feelings of relaxation, and so on in their surroundings. By being in connection with the dead person—as is the case when reading aloud—that communion we have already spoken of then arises for the dead person themselves, but specifically in this particular instance of reading aloud. Through this, the deceased enters into connection with the soul who is reading to him here, with the soul to whom he is somehow particularly connected karmically. And just as the deceased, in his lowest realm—which we had to associate with the animal kingdom—exists in such a relationship that everything he does evokes joy, suffering, and so on, so, too, is he connected to everything that arises in connection with human souls—whether they are human souls living here on Earth or human souls who have already shed their physical bodies and are living between death and a new birth—in such a way that, through what is taking place in other souls, he experiences either an uplifted or a numbed sense of life.
[ 10 ] Machen Sie sich das einmal klar. Wenn Sie hier einem sogenannten Lebenden vorlesen, so wissen Sie, der versteht in dem Sinne, wie man vom menschlichen Verständnisse spricht, dasjenige, was Sie ihm vorlesen. Der Tote lebt darinnen, der Tote lebt in jedem Wort, das Sie ihm vorlesen, der Tote dringt ein in dasjenige, was durch Ihr eigenes Gemüt zieht. Der Tote lebt mit Ihnen, er lebt intensiver mit Ihnen, als er jemals in dem Leben zwischen der Geburt und dem Tode hat leben können. Das kann sich Ihnen steigern zum Verständnisse der Gemeinschaft mit dem Toten. Und diese Gemeinschaft mit dem Toten ist eigentlich, wenn sie gesucht wird, eine recht innige, und es steigert sich dieses Zusammensein mit dem Toten durch schauendes Bewußtsein.
[ 10 ] Think about this for a moment. When you read aloud to a so-called living person here, you know that—in the sense of human understanding—he understands what you are reading to him. The dead person lives within it; the dead person lives in every word you read to them; the dead person penetrates what passes through your own mind. The dead person lives with you; he lives more intensely with you than he ever could have lived during his life between birth and death. This can lead you to an understanding of communion with the dead. And this communion with the dead is actually, when sought, quite intimate, and this togetherness with the dead is deepened through contemplative consciousness.
[ 11 ] Tritt der Mensch wirklich bewußt in jenes Reich, das wir mit den Toten gemeinschaftlich bewohnen, dann ist der Verkehr mit den Toten so: Wenn Sie dem Toten zum Beispiel vorlesen oder vorsprechen, so hören Sie von ihm wie von einem Geisterecho das, was Sie selber vorlesen. Mit solchen Begriffen muß man sich bekanntmachen, wenn man eine wirkliche Vorstellung von der konkreten geistigen Welt gewinnen will. Die Dinge sind in der geistigen Welt anders als hier. Hier hören Sie sich sprechen, oder wissen sich denkend, wenn Sie sprechen, oder wenn Sie denken. Sprechen Sie zu Toten, oder gehen Sie mit dem Toten denkend eine Verbindung ein, so tönt Ihnen, wenn die Verbindung bewußt ist im Schauen, aus dem Toten selbst dasjenige heraus, was Sie zu ihm sprechen, oder was Sie denkend, vorstellend an ihn richten.
[ 11 ] If a person truly and consciously enters that realm which we share with the dead, then communication with the dead is as follows: If, for example, you read aloud or recite something to the deceased, you will hear from them—as if from a ghostly echo—what you yourself are reading. One must familiarize oneself with such concepts if one wishes to gain a true understanding of the concrete spiritual world. Things are different in the spiritual world than they are here. Here, you hear yourself speak, or are aware that you are thinking, when you speak or when you think. If you speak to the dead, or enter into a connection with them through thought, then—when the connection is consciously perceived—what you speak to them, or what you direct toward them in thought and imagination, resounds from within the dead person themselves.
[ 12 ] Und weiter, wenn Sie dem Toten eine Mitteilung machen, dann haben Sie das Gefühl des innigen Verbundenseins. Und antwortet er Ihnen auf diese Mitteilung, dann ist das so, daß Sie zunächst das unbestimmte Bewußtsein haben: der Tote spricht. Sie haben das unbestimmte Bewußtsein: der Tote hat gesprochen, und Sie müssen nun aus der eigenen Seele hervorholen, was er gesprochen hat. Sie erkennen daraus, wie notwendig es zu einem wirklichen Geistverkehr ist, von dem andern zu hören dasjenige, was man selber denkt und vorstellt, aus sich selbst zu hören dasjenige, was der andere spricht. Dies ist eine Art von Umkehrung des ganzen Verhältnisses von Wesen zu Wesen. Aber diese Umkehrung findet statt, wenn wirklich eingetreten wird in die geistige Welt.
[ 12 ] Furthermore, when you send a message to the deceased, you feel a deep sense of connection. And if he responds to that message, you initially have a vague awareness: the deceased is speaking. You have the vague awareness that the deceased has spoken, and you must now draw from your own soul what he has said. From this, you realize how essential it is for true spiritual communication to hear from the other what you yourself think and imagine, and to hear from within yourself what the other is saying. This is a kind of reversal of the entire relationship between beings. But this reversal takes place when one truly enters the spiritual world.
[ 13 ] Weil die geistige Welt so durchaus anders ist als die physische Welt und die Menschen seit dem 15. Jahrhundert ungefähr sich nur Vorstellungen bilden wollen, die im Sinne der physischen Welt geartet sind, so verlegen sich, verbauen sich die Menschen den Zugang zur geistigen Welt. Wenn die Menschen sich einmal herbeilassen werden, wenigstens die Möglichkeit vor sich hinzustellen, daß es eine Welt geben kann, die in gewissem Sinne, nicht in allem, entgegengesetzt ist derjenigen, die der Mensch hier die wahre Welt nennt, wenn sich die Menschen einmal werden Vorstellungen bilden wollen, die vielleicht demjenigen als die allerverrücktesten erscheinen, der nur in materialistischer Welt leben will, dann erst werden die Menschen ihre Seelen so umformen, daß sie die Möglichkeit erhalten, wirklich hineinzuschauen in diese geistige Welt, die ja fortwährend um uns herum ist. Es ist nicht so, daß die Menschen unbedingt durch ihre Natur getrennt wären von der geistigen Welt, sondern es ist deshalb so, weil die Menschen durch Gewöhnung, durch Vererbungsverhältnisse, seit dem 14. und 15. Jahrhundert sich ganz abgewöhnt haben, andere Vorstellungen zu bilden als diejenigen, die hier der physischen Welt entlehnt sind. Ist es ja sogar so für die Kunst geworden! Was will denn die heutige Kunst noch anderes bilden als das, was nach dem Modell gebildet ist, was sich draußen in der Natur auch bildet. Selbst in der Kunst wollen die Menschen nicht mehr gelten lassen das, was auch als ein Reales frei aufsteigt aus dem Geistesleben der Seele. Aber die Menschen können nicht das tilgen, was in den geschichtlichen Ereignissen, im ethisch-moralischen Zusammenleben, im sozialen Zusammenleben selbst als frei Aufsteigendes wirksam und tätig ist, wenn sie es auch verträumen, verschlafen. Sobald der Mensch auch nur im geringsten über das hinausgeht, was seine ureigensten, persönlichsten Angelegenheiten sind — und er geht ja in jedem Augenblicke des Lebens darüber hinaus —, so wirkt durch seinen Arm, durch seine Hand, durch sein Wort, durch seinen Blick die geistige Welt, jene Welt, die wir — das muß ich immer wieder betonen mit den Toten gemeinschaftlich haben.
[ 13 ] Because the spiritual world is so fundamentally different from the physical world, and because, since roughly the 15th century, people have sought to form only concepts that are shaped in the image of the physical world, they are blocking and hindering their own access to the spiritual world. If people were only willing to at least consider the possibility that there might be a world which, in a certain sense, not in every respect, is the opposite of what humans here call the “real world”—if people are ever willing to form ideas that might seem utterly absurd to those who wish to live only in a materialistic world—only then will they transform their souls in such a way that they gain the ability to truly look into this spiritual world, which is, after all, constantly all around us. It is not that human beings are necessarily separated from the spiritual world by their very nature; rather, it is because, through habit and hereditary influences, people have, since the 14th and 15th centuries, completely lost the ability to form concepts other than those borrowed from the physical world here. This has even come to be true of art! What else does contemporary art seek to create other than what is modeled after, and what also forms out there in nature? Even in art, people no longer wish to accept what arises freely as a reality from the soul’s spiritual life. But people cannot erase what is active and effective in historical events, in ethical and moral coexistence, and in social coexistence itself as something that arises freely—even if they dream it away or sleep through it. As soon as a person goes even the slightest bit beyond what are his very own, most personal affairs—and he does go beyond them in every moment of life—the spiritual world, that world which we—I must emphasize this again and again—share with the dead, works through his arm, through his hand, through his word, through his gaze.
[ 14 ] Der Tote lebt sich nun in das Reich ein, von dem ich schon gesprochen habe, so wie wir uns, indem wir von Kindheit auf wachsen, in dem Leben zwischen Geburt und Tod einleben in die mineralische, die pflanzliche, die tierische, die menschliche physische Welt. Indem er sich so einlebt in das unterste Gebiet, das mit dem Tierreich etwas zu tun hat, in das zweite Gebiet, worin sich die Gemeinschaft ausbildet mit all den Seelen, mit denen der Tote in einer unmittelbaren oder mittelbaren karmischen Verbindung steht, so entwickelt sich der Tote zugleich dazu, sich in das Reich derjenigen Wesen einzuleben, die nun — wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, obwohl er nur etwas uneigentlich gemeint sein kann — über dem Menschen stehen: in das Reich der Angeloi, Archangeloi, Archai zunächst.
[ 14 ] The deceased now settles into the realm I have already spoken of, just as we, as we grow from childhood onward, settle into life between birth and death—into the mineral, plant, animal, and human physical worlds. As the deceased thus becomes accustomed to the lowest realm, which is related to the animal kingdom, and to the second realm, in which a community forms with all the souls with whom the deceased has a direct or indirect karmic connection, the deceased simultaneously develops the capacity to acclimate to the realm of those beings who now—if I may use the expression, although it can only be meant somewhat figuratively—stand above humanity: first and foremost, the realm of the Angeloi, Archangeloi, and Archai.
[ 15 ] Hier in der physischen Welt steht der Mensch da — viele betonen das so gern — als die Krone der physischen Schöpfung. Er fühlt sich hier als das höchste der Wesen. Die mineralischen Wesen sind die untersten, dann die pflanzlichen Wesen, dann die tierischen Wesen, dann er, der Mensch. Er fühlt sich als dem höchsten Reiche angehörig. So ist es nicht mit den Toten im geistigen Reiche; denn der Tote fühlt sich als sich anschließend an die Hierarchien, die über ihm stehen: die Hierarchien der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. So wie der Mensch sich hier in der physischen Welt gewissermaßen hervorgehend, hervorwachsend fühlt aus dem mineralischen, dem pflanzlichen und tierischen Reiche, dem physischen Menschenreich, so fühlt der Tote sich gehalten, getragen von den über ihm stehenden Hierarchien in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.
[ 15 ] Here in the physical world, human beings stand—as many are so fond of emphasizing—as the crown of physical creation. Here, they feel themselves to be the highest of all beings. The mineral beings are the lowest, then come the plant beings, then the animal beings, and finally human beings. They feel they belong to the highest kingdom. This is not the case with the dead in the spiritual realm; for the dead feel themselves to be connected to the hierarchies that stand above them: the hierarchies of the Angeloi, Archangeloi, Archai, and so on. Just as human beings here in the physical world feel, in a sense, as though they are emerging and growing out of the mineral, plant, and animal kingdoms—the physical human kingdom—so do the dead feel held and supported by the hierarchies above them in the life between death and a new birth.
[ 16 ] Die Art, wie sich der Mensch allmählich in diese Reiche einlebt, in die Reiche der Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter, kann man so bezeichnen, daß man sagt: Man fühlt es wie ein Loslösen von sich. — Wiederum müssen wir uns eine Vorstellung aneignen von diesen Dingen, die man in der physisch-sinnlichen Welt gar nicht gewinnen kann. In der physisch-sinnlichen Welt lernen wir, wenn wir von Kindheit auf wachsen, allmählich die Dinge kennen: zuerst unsere nächste Umgebung, dann dasjenige, was im weiteren Umkreise unsere Lebenserfahrung werden soll und so weiter. Wir lernen die Dinge so kennen, daß wir wissen, sie treten nach und nach an uns heran. Das ist nicht der Fall zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da fühlen wir von dem Momente an, wo wir wissen, jetzt stehen wir in Beziehung zu den Angeloi, da fühlen wir, wie wenn wir mit ihnen schon von Ewigkeit her verbunden gewesen wären, wie wenn wir zu ihnen gehörten, eines mit ihnen wären, aber wie wenn das Bewußtsein sich nur dadurch entwickeln kann, daß wir gewissermaßen es dahin bringen, die Vorstellung von den Angeloi von uns loszulösen. Hier in der physischen Welt machen wir unsere Erfahrungen dadurch, daß wir die Vorstellungen aufnehmen. In der geistigen Welt machen wir unsere Erfahrungen dadurch, daß wir die Vorstellungen gewissermaßen aus uns heraus loslösen. Wir wissen, wir tragen sie in uns; und wir wissen, wir sind ganz und gar von ihnen erfüllt. Aber wir müssen sie, damit wir sie zum Bewußtsein bringen können, von uns loslösen. Und so lösen wir los die Vorstellungen der Angeloi, der Archangeloi, der Archai.
[ 16 ] The way in which a person gradually becomes attuned to these realms—the realms of the Angeloi, Archangeloi, Archai, and so on—can be described as follows: one feels it as a detachment from oneself. — Once again, we must form a conception of these things that cannot be gained at all in the physical-sensory world. In the physical-sensory world, as we grow from childhood onward, we gradually come to know things: first our immediate surroundings, then what is to become our life experience in the wider world, and so on. We come to know things in such a way that we are aware they approach us step by step. This is not the case between death and a new birth. From the moment we realize that we are now in relationship with the angels, we feel as if we had been connected to them since time immemorial, as if we belonged to them, were one with them—but as if consciousness can develop only by our, so to speak, detaching the idea of the angels from ourselves. Here in the physical world, we gain our experiences by taking in these concepts. In the spiritual world, we gain our experiences by, so to speak, detaching these concepts from ourselves. We know we carry them within us; and we know we are completely filled with them. But in order to bring them into consciousness, we must detach them from ourselves. And so we detach the concepts of the Angeloi, the Archangeloi, and the Archai.
[ 17 ] Gleichsam durch das unterste Reich ist der Mensch mit dem Wesen des Tierischen verbunden, das er in dem Sinne, wie ich es schon auseinandergesetzt habe, zu bemeistern hat. Dann bildet sich das darüberstehende Reich zu den Seelen, mit denen der Mensch karmisch, mittelbar oder unmittelbar, verbunden ist. Dann erfährt er seine Beziehungen zum Reiche der Angeloi. Durch die Beziehungen zum Reiche der Angeloi tritt vieles von dem erst ein, was die rechten Beziehungen gibt zu dem Reich der Menschenseelen. So daß man eigentlich schwer für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt trennen kann das, was der Mensch zu tun hat mit den andern Menschenseelen, und dasjenige, was er zu tun hat mit den Wesen aus dem Reiche der Angeloi. Menschen und Wesen aus dem Reiche der Angeloi, sie haben ja viel miteinander zu tun. Man kann sagen — obwohl man natürlich über diese Dinge nur vergleichsweise sprechen kann, obwohl alles Sprechen nur Andeutungen geben kann, ist es doch richtig —, so wie uns hier im physischen Leben die Erinnerung wieder hinträgt zu irgendeinem Ereignisse, das wir durchgemacht haben, so trägt in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ein Wesen aus dem Reich der Angeloi uns hin zu irgend etwas, zu dem wir getragen werden sollen, das wir erleben sollen. Die Wesen aus dem Reich der Angeloi sind eigentlich die Vermittler für alles dasjenige, was sich ausbildet im Leben des sogenannten Toten.
[ 17 ] Through the lowest kingdom, as it were, human beings are connected to the animal nature, which they must master in the sense I have already explained. Then the kingdom above it takes shape in the souls with which human beings are connected karmically, either directly or indirectly. Then they experience their connections to the realm of the Angeloi. It is through these connections to the realm of the Angeloi that much of what establishes the proper relationships with the realm of human souls first comes into being. Thus, it is actually difficult to distinguish, in the life between death and a new birth, between what a human being must do with other human souls and what they must do with the beings from the realm of the Angeloi. Human beings and beings from the realm of the Angeloi have a great deal to do with one another. One can say—although, of course, one can only speak of these things in relative terms, and although all speech can only offer hints—that it is nevertheless true— just as here in physical life our memory carries us back to some event we have experienced, so in the life between death and a new birth a being from the realm of the angels carries us toward something to which we are to be led, something we are to experience. The beings from the realm of the angels are, in fact, the mediators for everything that takes shape in the life of the so-called dead person.
[ 18 ] Und für alles das, was der Mensch zu tun hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt mit Bezug auf die Bemeisterung des Tierischen — er hat ja seine eigene tierische Natur einzupflanzen seinem Geistwesen, damit er sich vorbereitet zu der nächsten Inkarnation —, helfen die Archangeloi. Dann, wenn Sie dies in rechtem Sinne erfassen, werden Sie sich sagen: Dadurch, daß der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt teilhaftig wird des Verkehrs mit den Angeloi, kommt er in die Lage, seine rechten Beziehungen, seine rechten Verhältnisse anzuknüpfen zu den Seelen, mit denen er eben Verhältnisse anknüpfen soll. Dadurch, daß der Mensch in Beziehung tritt zu dem Reich der Archangeloi, wird der Mensch in die Lage versetzt, in der richtigen Weise sich vorzubereiten für das, was ablaufen soll für die nächste Erdeninkarnation.
[ 18 ] And the Archangels help with everything a human being must do between death and a new birth in regard to mastering the animal nature—for he must, after all, implant his own animal nature into his spiritual being so that he may prepare himself for the next incarnation. Then, when you grasp this in the right sense, you will say to yourself: By becoming a participant in communion with the angels between death and a new birth, a human being is enabled to establish the right relationships and connections with the souls with whom he is meant to form such bonds. By entering into a relationship with the realm of the Archangels, a person is enabled to prepare in the proper way for what is to unfold in the next earthly incarnation.
[ 19 ] Die Archai, jene Wesen, welche wir auch die Wesen des Zeitgeistes genannt haben, sind aber jene Wesen, welche gemeinschaftlich tätig sind in ihren Aufgaben für die Toten und für die Lebendigen. Aus meinen Andeutungen können Sie entnehmen, daß im wesentlichen der Tote mit den Angeloi so zu tun hat, daß diese sein Verhältnis zu andern Seelen regeln; daß die Archangeloi sein Verhältnis zu seinen fortlaufenden Inkarnationen regeln. Was der Tote zu tun hat mit jenen Wesen, die der Hierarchie der Archai angehören, das hat er — auf dem gemeinschaftlichen Boden mit den sogenannten Lebendigen — mit denen zu tun, die hier im physischen Leibe inkarniert sind. Der Tote in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und der sogenannte Lebende hier zwischen der Geburt und dem Tode, sie sind in gleicher Weise eingebettet in etwas, was wie eine fortströmende Weltenweisheit und Weltenwillenstätigkeit gewoben wird von den Zeitgeistern. Was wiederum gewoben wird von den Zeitgeistern, ist Geschichte, ist ethisch-moralisches Leben eines Zeitalters, ist soziales Leben eines Zeitalters.
[ 19 ] The Archai, those beings whom we have also called the beings of the Zeitgeist, are, however, the beings who work collectively in their tasks for the dead and for the living. From my remarks, you can infer that, essentially, the deceased has a relationship with the Angeloi in that they regulate his relationship with other souls; that the Archangeloi regulate his relationship with his successive incarnations. As for the relationship the deceased has with those beings belonging to the hierarchy of the Archai, this is a relationship—on common ground with the so-called living—with those who are incarnated here in the physical body. The deceased, in the life between death and a new birth, and the so-called living here between birth and death, are both equally embedded in something that is woven by the spirits of the age like a flowing cosmic wisdom and cosmic will-activity. What, in turn, is woven by the spirits of the age is history, is the ethical and moral life of an age, is the social life of an age.
[ 20 ] Man möchte sagen, hinaufblicken können wir in das Reich des Geistes und uns sagen: Da sind die sogenannten Toten; was sie in ihrem Reiche erleben, das wird geregelt, insoferne dieses Erlebte ihre eigenen Angelegenheiten sind, durch die Angeloi und Archangeloi; was sie gemeinschaftlich mit den sogenannten Lebendigen erleben, das wird gewoben von den Wesen, die zu der Hierarchie der Archai gehören. Und so können wir gar nicht fruchtbar im sozialen, im geschichtlichen, im ethisch-moralischen Leben wirken, ohne daß wir uns bewußt sind: dieses Wirken muß heraus erwachsen aus dem mit den Toten gemeinschaftlichen Elemente, muß heraus erwachsen aus dem Elemente der Archai, der Zeitgeister.
[ 20 ] One might say that we can look up into the realm of the spirit and tell ourselves: There are the so-called dead; what they experience in their realm is governed—insofar as these experiences concern their own affairs—by the angels and archangels; what they experience in common with the so-called living is woven by the beings who belong to the hierarchy of the Archai. And so we cannot act fruitfully in social, historical, or ethical-moral life without being aware that this action must grow out of the elements we share with the dead; it must grow out of the element of the Archai, the spirits of the ages.
[ 21 ] Diese Zeitgeister aber lösen sich ab in bezug auf ihre Aufgabe. Darüber haben wir ja wiederholt gesprochen. Ein solcher Zeitgeist webt an dem Geschicke des fortgehenden geschichtlichen Stromes und sozialen Stromes, des moralisch-ethischen Stromes im Menschengeschehen gewisse Jahrhunderte hindurch, dann wird er durch einen andern Zeitgeist abgelöst. Die Zeitpunkte, in denen ein Zeitgeist den andern ablöst, sind die allerwichtigsten für die Beobachtung desjenigen, was eigentlich innerhalb der Menschheitsentwickelung vor sich geht. Denn man kann die Menschheitsentwickelung nicht verstehen, wenn man nicht das lebendige Hereinwirken der Zeitgeister und damit überhaupt der ganzen geistigen Welt ins Seelenauge faßt; man kann nicht verstehen, was eigentlich zwischen den Menschen geschieht, wenn man nicht das Reich des Geistes in Erwägung zieht.
[ 21 ] These zeitgeists, however, succeed one another in terms of their mission. We have, after all, spoken about this repeatedly. Such a spirit of the age weaves its influence into the destiny of the ongoing historical, social, and moral-ethical currents of human life over the course of certain centuries; then it is succeeded by another spirit of the age. The moments when one spirit of the age succeeds another are the most crucial for observing what is actually taking place within the development of humanity. For one cannot understand human development unless one grasps with the eye of the soul the living influence of the spirits of the age—and thus of the entire spiritual world; one cannot understand what is actually happening among human beings unless one takes the realm of the spirit into account.
[ 22 ] Abstrakt, höchst abstrakt denkt der Mensch über das, was sozial, was ethisch-moralisch, was historisch abläuft. So wie wenn die Geschichte ein fortlaufender Strom wäre, wo immer eins aufs andere folgt, so stellt sich der Mensch den Zeitenstrom des Geschehens vor. Er frägt: Warum sind die Ereignisse im Beginne des 20. Jahrhunderts so, wie sie eben sind? — Weil sie verursacht sind von den Ereignissen am Ende des 19. Jahrhunderts. Warum sind die Ereignisse am Ende des 19. Jahrhunderts so geworden? — Weil sie verursacht sind von denen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Und die Ereignisse in der Mitte des 19. Jahrhunderts sind wiederum verursacht durch die Ereignisse im Beginn des 19. Jahrhunderts und so fort.
[ 22 ] People think in abstract, highly abstract terms about what is happening socially, ethically and morally, and historically. Just as if history were a continuous stream in which one thing follows another, so humans imagine the flow of time in which events unfold. They ask: Why are the events at the beginning of the 20th century the way they are? — Because they were caused by the events at the end of the 19th century. Why did the events at the end of the 19th century turn out that way? — Because they were caused by those in the middle of the 19th century. And the events in the middle of the 19th century, in turn, were caused by the events at the beginning of the 19th century, and so on.
[ 23 ] Es ist diese Betrachtungsweise, die immer die geschichtlichen Ereignisse als Folgen der unmittelbaren früheren betrachtet, ungefähr ebenso gescheit, als wenn der Bauer sagen würde: Der Weizen, den ich dieses Jahr haben werde, ist die Folge des Weizens vom vorigen Jahre, die Samen sind geblieben; der vom vorigen Jahre ist wiederum die Folge des Weizens vom vorvorigen Jahre. — Eins schließt sich an das andere, Wirkung immer an die Ursache. Es tut es nur nicht, wenn nicht nachgeholfen wird! Denn der Bauer muß selbstverständlich persönlich eingreifen: er muß die Saat erst aussäen, damit Wirkung wird aus der Ursache. Von selbst wird nicht Wirkung aus der Ursache. Das ist von einem gewissen Gesichtspunkte aus sogar die schrecklichste Illusion des materialistischen Zeitalters, daß die Menschen glauben: Wirkung entsteht aus der Ursache, und daß die Menschen sich nicht die einfachsten Gedanken bilden wollen über die Wahrheit dieser Verhältnisse.
[ 23 ] It is this way of looking at things—which always regards historical events as consequences of the immediate past—that is about as sensible as if a farmer were to say: “The wheat I’ll have this year is the result of last year’s wheat—the seeds remained; last year’s wheat, in turn, is the result of the wheat from the year before last.” — One thing follows another; effect always follows cause. But that doesn’t happen unless a hand is lent! For the farmer must, of course, intervene personally: he must first sow the seed so that effect may arise from cause. Effect does not arise from cause of its own accord. From a certain point of view, this is in fact the most terrible illusion of the materialistic age—that people believe effect arises from cause, and that they are unwilling to give even the simplest thought to the truth of these relationships.
[ 24 ] Ich habe Ihnen schon ein Ereignis als Beispiel angeführt, das ein sensationelles Ereignis im Menschengeschehen ist. Aber es ist schon einmal so, daß die Menschen auf solche sensationellen Ereignisse leichter hinschauen als auf die andern Ereignisse, die von genau derselben Art sind, aber sich stündlich, ja augenblicklich innerhalb unseres Lebens immer vollziehen. Ich habe Sie aufmerksam gemacht darauf, wie so ein Ereignis verfließt: Ein Mann ist gewöhnt, einen Spaziergang zu machen an einem Berghang; er machte ihn durch lange Zeit hindurch täglich. Aber eines Tages, als er ausgeht und an eine bestimmte Stelle des Weges kommt, hört er,wie wenn eineStimme ihm zutönen würde, so ungefähr: Warum gehst du denn eigentlich diesen Weg? Hast du es denn nötig, dies zu tun? — so ähnlich. Er wird bedenklich, als er diese Stimme hört; er tritt zur Seite, besinnt sich einen Augenblick über das Sonderbare, das sich zugetragen hat — ein Felsblock stürzt herab, der ihn ganz sicher zerschmettert hätte, wenn er nicht durch die Stimme auf die Seite getreten wäre. Es ist ein sensationelles Ereignis. Aber für denjenigen, der die Welt nüchtern und doch geistig betrachtet, ist es nichts anderes als ein solches Ereignis, wie es sich in jedem Augenblick unseres Lebens vollzieht. Denn in jedem Augenblick unseres Lebens könnte auch etwas anderes geschehen, wenn dies oder jenes eintreten würde.
[ 24 ] I have already cited an event as an example that is a sensational occurrence in human life. But it is often the case that people pay more attention to such sensational events than to other events that are of exactly the same nature but take place constantly—every hour, indeed every moment—within our lives. I have drawn your attention to how such an event unfolds: A man is accustomed to taking a walk along a mountainside; he has done so daily for a long time. But one day, as he sets out and reaches a certain spot on the path, he hears—as if a voice were speaking to him—something like: “Why, exactly, are you walking this path? Do you really need to do this?”—something like that. He becomes concerned when he hears this voice; he steps aside and reflects for a moment on the strange event that has just occurred—a boulder comes crashing down, which would certainly have crushed him had he not stepped aside because of the voice. It is a sensational event. But for those who view the world soberly yet spiritually, it is nothing more than the kind of event that takes place at every moment of our lives. For at every moment of our lives, something else could also happen if this or that were to occur.
[ 25 ] Der sehr gescheite Mensch — wir wissen, daß insbesondere die Menschen der Gegenwart sehr gescheit sind —, er sagt: Ja, warum ist jener Mensch nicht erschlagen worden? — Weil er weggegangen ist! Das ist die Ursache. — Na schön; aber nehmen wir an, er wäre nicht weggegangen, er wäre erschlagen worden, dann würde der sehr gescheite Mensch der Gegenwart sagen: Der herabfallende Stein ist die Ursache, daß der Mensch erschlagen worden ist.
[ 25 ] The very intelligent person—we know that people today, in particular, are very intelligent—says: Yes, why wasn’t that man killed? —Because he walked away! That is the cause. — All right; but let’s suppose he hadn’t walked away and had been struck dead—then the very clever person of today would say: The falling rock is the cause of that person’s death.
[ 26 ] Rein formell, äußerlich abstrakt ist es schon richtig: der herabfallende Stein ist die Ursache, und der Tod des Menschen ist die Wirkung. Aber daß die Ursache mit der Wirkung nicht das geringste zu tun hat — denn für den herabfallenden Stein gilt genau dasselbe, ob der Mensch dort steht oder nicht dort steht —, bedenkt er nicht. Diese Ursache hat mit jener Wirkung nicht das geringste zu tun. Bedenken Sie das nur einmal ordentlich und versuchen Sie sich dann klarzumachen, was es mit aller Ursache-und-Wirkung-Rederei eigentlich für eine Bedeutung hat. Die sogenannte Ursache braucht nicht das geringste mit ihrer Wirkung zu tun zu haben. Für den Stein würde sich genau derselbe Vorgang abspielen, wenn der Mann nicht dort stehen würde, und er spielt sich auch ab: es ist für den Stein, als der Mann gewarnt wurde und weggegangen ist, nichts anderes geschehen.
[ 26 ] From a purely formal, outwardly abstract perspective, it is indeed correct: the falling stone is the cause, and the man’s death is the effect. But he does not consider that the cause has not the slightest thing to do with the effect—for the same thing applies to the falling stone whether the man is standing there or not. This cause has not the slightest thing to do with that effect. Just think about that carefully for a moment, and then try to understand what all this talk of cause and effect actually means. The so-called cause need not have the slightest connection to its effect. For the stone, exactly the same process would take place if the man were not standing there, and it does take place: as far as the stone is concerned, nothing different has happened even though the man was warned and walked away.
[ 27 ] Ich führte Ihnen dies als ein Beispiel dafür an, daß selbst in solchen äußeren, rein formellen Dingen die sogenannte Ursache mit der sogenannten Wirkung nichts zu tun zu haben braucht. Diese ganze Betrachtung von Ursache und Wirkung kommt nur aus der Abstraktion heraus. Von Ursache und Wirkung zu sprechen ist nur angängig innerhalb gewisser Grenzen. Nehmen Sie einmal an: Sie hätten hier einen Baum, der habe hier seine Wurzeln. Nun, was in den Wurzeln vorgeht, das ist in einer gewissen Beziehung sicherlich als Ursache zu bezeichnen für dasjenige, was da wächst; was in den Zweigen vorgeht, ist mit einem gewissen Rechte wiederum als Ursache dessen zu bezeichnen, was in den Blättern vorgeht. Der Baum ist in einer gewissen Beziehung ein Ganzes; und die konkrete Lebensbetrachtung geht auf Totalitäten, geht aufs Ganze; die abstrakte Lebensbetrachtung, die schließt immer eins an das andere an, ohne sich zu fragen: wo ist ein abgeschlossenes Ganzes? Für die geistige Lebensbetrachtung ist dies aber von Bedeutung, daß man sich einer Ganzheit bewußt wird. Denn sehen Sie, da wo die äußersten Blätter sind, da hört der Baum auf mit dem, was innerliche Ursachen sind für das, was da geschieht. Wo die Blätter aufhören, da hören auch die verursachenden Kräfte auf. Wo aber die verursachenden Kräfte aufhören, da greift anderes ein. Hier, wo die verursachenden Kräfte aufhören, sehen Sie, wenn Sie geistig schauen, den Baum umspielt von geistiger Wesenhaftigkeit, von geistigen Elementarwesen, da beginnt, wenn ich so sagen darf, ein negativer Baum, der sich ins Unendliche hinausdehnt — nur scheinbar ins Unendliche, denn er verliert sich nach einiger Zeit. Dem Hinauswachsen des Baumes begegnet ein elementarisches Dasein, und da, wo der Baum aufhört, berührt er sich mit elementarisch ihm entgegenwachsendem Dasein (Siehe Zeichnung S. 66). So ist es in der Natur. Die Pflanze, indem sie aus dem Boden herausschießt, hört auf. Die Ursachen hören da auf, wo die Pflanze aufhört. Aber entgegen wächst der Pflanze aus dem Weltenall herein ein elementarisches Dasein.
[ 27 ] I cited this as an example to show that even in such external, purely formal matters, the so-called cause need not have anything to do with the so-called effect. This entire conception of cause and effect arises solely from abstraction. Speaking of cause and effect is only valid within certain limits. Suppose, for a moment, that you had a tree here with its roots here. Well, what goes on in the roots can certainly be described, in a certain sense, as the cause of what grows there; what goes on in the branches can, in turn, with some justification, be described as the cause of what goes on in the leaves. The tree is, in a certain sense, a whole; and the concrete view of life focuses on totalities, on the whole; the abstract view of life, on the other hand, always links one thing to another without asking: where is a self-contained whole? For the spiritual view of life, however, it is significant to become aware of a wholeness. For you see, where the outermost leaves are, there the tree ceases with what are the inner causes of what happens there. Where the leaves end, there the causative forces also end. But where the causative forces end, something else intervenes. Here, where the causal forces cease—if you look with spiritual eyes—you see the tree surrounded by spiritual essence, by spiritual elemental beings; there begins, if I may put it that way, a “negative” tree that extends into infinity—only seemingly into infinity, for it fades away after some time. The tree’s outward growth is met by an elemental existence, and where the tree ends, it comes into contact with an elemental existence growing toward it (see drawing on p. 66). Such is the way of nature. The plant, as it shoots up out of the ground, comes to an end. The causes end where the plant ends. But an elemental existence grows toward the plant from the cosmos.


[ 28 ] Ich habe das gerade in dem Vortrage, der über «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft» handelt, in einigem angedeutet. Die Pflanzen wachsen aus dem Boden von unten hinauf, Geistiges wächst von oben herunter den Pflanzen entgegen. So ist es mit allen Wesen. Was Sie hier für die Natur sehen, das ist aber in allem Dasein vorhanden. Vor allen Dingen ist ein Strom des sozialen, des ethisch-moralischen, des geschichtlichen Werdens vorhanden. Nicht solch ein fortlaufender Strom ist das Geschehene, sondern ein Zeitgeist regiert während einer gewissen Zeit, ein anderer löst ihn ab, ein dritter löst ihn ab, ein vierter löst ihn ab und so weiter. Und an den Stellen, wo ein Zeitgeist den andern ablöst, da ist auch im Strom des fortlaufenden Geschehens ein Unterschied, ein solcher Einschnitt, daß man nicht sagen kann, das, was da folgt, ist unmittelbar die Wirkung des Vorhergehenden. Es ist nicht die Wirkung des Vorhergehenden in dem Sinne, wie man sich das vorstellt.
[ 28 ] I have just touched on this to some extent in the lecture titled “Human Life from the Perspective of Spiritual Science.” Plants grow upward from the ground, while the spiritual grows downward from above toward the plants. This is true of all beings. What you see here in nature, however, is present in all of existence. Above all, there is a current of social, ethical-moral, and historical development. What has happened is not such a continuous current; rather, one spirit of the age reigns for a certain time, another replaces it, a third replaces it, a fourth replaces it, and so on. And at the points where one zeitgeist succeeds another, there is also a difference in the stream of continuous events—a break so marked that one cannot say that what follows is the direct effect of what preceded it. It is not the effect of what preceded it in the sense that one might imagine.
[ 29 ] Gesetzmäßigkeit ist schon vorhanden in dem, was aufeinanderfolgend auftritt. Aber das, was man gewöhnlich «Notwendigkeit» nennt, das ist eine Illusion, wenn man es so auffaßt, wie es heute vielfach aufgefaßt wird. Im Strom des fortlaufenden Geschehens ist es ganz ähnlich, wie an einer solchen Stelle, wo der Baum aufhört und der elementare Baum beginnt; nur daß in der Natur hier ein Wesen des sichtbaren, des sinnlich-sichtbaren Reiches angrenzt an ein Wesen, das sinnlich-unsichtbar ist, das übersinnlich ist. Hier grenzt Sinnliches an Übersinnliches — hier im Zeitenstrom grenzt Gleichartiges aneinander; aber ebenso wie hier der sichtbare Baum aufhört und der Elementarbaum beginnt, so hört auch hier etwas auf und ein anderes beginnt.
[ 29 ] Regularity is already present in what occurs in succession. But what is commonly called “necessity” is an illusion if one understands it as it is often understood today. In the flow of ongoing events, it is quite similar to a place where the tree ends and the elemental tree begins; except that in nature, here a being of the visible, the sensually visible realm, borders on a being that is sensually invisible, that is supersensory. Here, the sensory borders on the supersensory—here, in the stream of time, things of the same kind border on one another; but just as here the visible tree ends and the elemental tree begins, so too here one thing ends and another begins.
[ 30 ] So gibt es Zeitepochen, in denen die alten Geschehnisse, die alten Impulse, gewissermaßen aufhören und neue eingreifen müssen. Die Menschen halten sich in solchen Zeitpunkten oftmals gern an Luzifer und Ahriman und behalten das noch fort, was in Wirklichkeit eigentlich schon abgestorben ist. Im Bewußtsein kann man das noch fortbehalten, was in Wirklichkeit schon abgestorben ist. In der Natur kann man das nicht. Wenn jemand im Jahre 1914 Ideen genau derselben Art kultivieren will, wie sie berechtigt waren im Jahre 1876, so kann er das. Er kann es aus dem Grunde, weil man im fortlaufenden Strom des Menschengeschehens, in dem man sich an Ahriman und Luzifer klammert, das Alte bewahren kann, wenn es auch in Wirklichkeit schon tot ist. Aber es ist dasselbe, wie wenn einer wollte den Baum fortwachsen machen, so daß er nicht aufhört, wenn er seine natürlichen Grenzen erreicht hat. In der Geschichte geschieht es in der Regel, daß die Menschen nicht die Möglichkeit finden, einer neuen Epoche sich in der entsprechenden Weise richtig entgegenzusetzen, das heißt, sich in den Dienst des neuen Zeitgeistes zu stellen.
[ 30 ] There are thus periods in history when the old events and the old impulses, so to speak, come to an end and new ones must take their place. At such times, people often cling to Lucifer and Ahriman and hold on to what has in reality already died. In consciousness, one can still hold on to what has in reality already died. In nature, this is not possible. If someone in 1914 wants to cultivate ideas of exactly the same kind as were valid in 1876, they can do so. They can do so because, in the continuous flow of human events—in which one clings to Ahriman and Lucifer—one can preserve the old, even if it is in reality already dead. But it is the same as if someone wanted to make a tree keep growing so that it does not stop when it has reached its natural limits. In history, it usually happens that people do not find the way to properly confront a new epoch in the appropriate manner—that is, to place themselves in the service of the new spirit of the times.
[ 31 ] Und gerade für unsere Zeit ist dies von einer ganz besonderen, durchdringenden Wichtigkeit. Wir haben in diesen ganzen Wochen von dem gesprochen, was geistig Wichtiges vorgegangen ist 1879 (siehe Zeichnung, gelb). Da ging ein Zeitalter zu Ende, da starb etwas ab, da hörte etwas auf, so wie hier der Baum aufhört. Von da ab war es nötig — und ist bis heute nötig geblieben selbstverständlich, und wird noch lange nötig sein —, daß die Menschen zugänglich werden für Ideen, für Impulse, die aus der geistigen Welt selbst heraus sind. Sonst verwandelt sich das Alte in Ahrimanisches, Luziferisches.
[ 31 ] And this is of a very special, profound importance, especially for our time. Throughout these past weeks, we have spoken of the spiritually significant events that took place in 1879 (see illustration, yellow). An era came to an end then; something died; something ceased, just as the tree here comes to an end. From that point on, it was necessary—and has, of course, remained necessary to this day, and will continue to be necessary for a long time to come—for people to become receptive to ideas and impulses that originate from the spiritual world itself. Otherwise, the old is transformed into Ahrimanic and Luciferic forces.


[ 32 ] Mit dieser Andeutung ist außerordentlich Wichtiges gesagt. Denn in diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war eine wichtige Zeit in der Menschheitsentwickelung. Notwendig war es und notwendig bleibt es, daß die Menschen den Sinn sich eröffnen für das Eingreifen inspirierter Ideen; dafür müssen die Menschen empfänglich werden. Allerdings, äußerlich betrachtet — wir werden aber die Sache nicht bloß äußerlich betrachten, sondern wir werden auf die tiefere, innerliche Betrachtung eingehen —, äußerlich betrachtet sieht es zunächst so aus, als wenn eigentlich die Dinge recht trostlos lägen. Aus den geistigen Welten kamen schon die Impulse, die hereinströmten, hereinwirkten, um die Menschen über diesen Zeitpunkt des Jahres 1879 hinwegzuführen so, daß sie für inspirierte Ideen empfänglich geworden wären. Es waren schon die Impulse da, um den Menschen Gedanken zu geben, daß sie schon am Ende des 19. Jahrhunderts hätten das Bewußtsein haben können: Wenn wir geschichtlich, wenn wir sozial, wenn wir ethisch-moralisch im Gemeinschaftsleben handeln, dann handeln unsere Toten, handeln die Angeloi, handeln die Archangeloi, handeln die Archai unter uns. — Das war da. Die Impulse waren da, sie gingen nur an vielen Menschen zunächst spurlos vorüber.
[ 32 ] This remark conveys something of extraordinary importance. For this final third of the 19th century was a crucial period in human development. It was necessary then, and it remains necessary now, for people to open their minds to the influence of inspired ideas; to this end, people must become receptive. Admittedly, viewed from the outside—though we will not merely consider the matter from the outside but will delve into a deeper, inner perspective—viewed from the outside, it initially appears as if things were actually quite bleak. Impulses had already come from the spiritual worlds, flowing in and working to guide people through this period of the year 1879 in such a way that they would become receptive to inspired ideas. The impulses were already there to give people the thought that, even at the end of the 19th century, they could have had the awareness that: When we act historically, socially, and ethically and morally in community life, then our dead, the angels, the archangels, and the Archai act among us. — That was there. The impulses were there; they simply passed many people by without leaving a trace at first.
[ 33 ] Ich sage, ich betrachte das heute zunächst äußerlich, und es ist gut, wenn man sich einmal klarmacht, wie scheinbar spurlos alles vorbeigegangen ist. Wichtige Dinge, wichtige Impulse hat es schon gegeben in dieser zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, indem Menschen schon da waren, die bedeutungsvolle Gedanken gehabt, bedeutungsvolle Gedanken dargelegt haben. Wenn Sie diese heute ansehen werden, so sehen diese Gedanken selbst wie abstrakte Gedanken aus, gewiß, aber sie sind keine abstrakten Gedanken. Auch sollten sie nicht so bleiben, wie sie dazumal waren. Ich wiederhole es noch einmal, äußerlich ist das jetzt betrachtet, morgen werden wir es innerlich betrachten.
[ 33 ] I’d say that today I’m looking at this primarily from an external perspective, and it’s good to take a moment to realize just how seemingly without a trace everything has passed. There were indeed important developments and significant impulses in this second half of the 19th century, as there were already people who had meaningful thoughts and presented them. If you look at these today, these thoughts themselves certainly appear to be abstract, but they are not abstract thoughts. Nor should they remain as they were back then. I’ll repeat it once more: today we’re looking at this from an external perspective; tomorrow we’ll look at it from an internal perspective.
[ 34 ] In allen Gebieten der heutigen Bildungswelt fast war das so. Wer betrachtet denn zum Beispiel, um ein Nächstes zu berühren, hier in diesem Lande, der Schweiz, dieses Leben so, daß er sich sagen würde: Hier in der Schweiz hat im 19. Jahrhundert in den fünfziger Jahren ein Mensch gewirkt, der bedeutungsvolle Gedanken hegte, die dazumal allerdings philosophische Gedanken waren, die aber von zwei oder drei andern hätten aufgenommen, popularisiert zu werden gebraucht, und die in der fruchtbarsten Weise hätten eingreifen und die ganze Geschichte der Schweiz durchgeistigen können! — Wer denkt zum Beispiel, daß ein Geist ersten Ranges in Otto Heinrich Jäger geschaffen hat in der Mitte des 19. Jahrhunderts, einer der größten, die hier in der Schweiz geschaffen haben? Wo ist sein Name, wo wird er genannt? Wo ist das Bewußtsein dafür vorhanden, daß, obzwar die Gedanken abstrakt zutage getreten sind, scheinbar abstrakt, sie doch hätten konkret werden und blühen und Früchte tragen können, weil ein Größtes durch diesen Kopf gegangen ist, der an der Universität in Zürich gelehrt hat, der Bücher geschrieben hat über die wichtigsten Ideen — die hineingeweht werden müßten in das Leben der Gegenwart —, über die Idee der menschlichen Freiheit und ihres Zusammenhanges mit der ganzen geistigen Welt. Von ‘einem andern Gesichtspunkte, als dann meine Freiheitsphilosophie in den neunziger Jahren entstanden ist, hat Otto Heinrich Jäger hier in der Schweiz eine Art Freiheitsphilosophie geschaffen.
[ 34 ] This was almost always the case in all areas of today’s educational world. Who, for example—to mention another example—here in this country, Switzerland, would look at life in such a way that they would say to themselves: Here in Switzerland, in the 1850s, there was a man who harbored significant ideas—ideas that were, admittedly, philosophical at the time, but which needed to be taken up and popularized by two or three others, and which could have had a most fruitful impact and imbued the entire history of Switzerland with a spiritual dimension! — Who, for example, realizes that a mind of the first order—Otto Heinrich Jäger—was active in the mid-19th century, one of the greatest minds to have created here in Switzerland? Where is his name; where is he mentioned? Where is the awareness that, although his ideas came to light in an abstract form—seemingly abstract—they could nevertheless have become concrete, flourished, and borne fruit, because something truly great passed through this mind, which taught at the University of Zurich and wrote books on the most important ideas — which ought to be breathed into contemporary life —, on the idea of human freedom and its connection to the entire spiritual world. From a different perspective than that from which my philosophy of freedom emerged in the 1890s, Otto Heinrich Jäger created a kind of philosophy of freedom here in Switzerland.
[ 35 ] Und so wie dieses eine Beispiel könnte man überall unzählige anführen. Es sprießten und sproßten die fruchtbarsten Ideen. Aber das, was man heute erzählt als Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts und bis in das 20. Jahrhundert herein, ist das Allerunbedeutendste von dem, was sich wirklich zugetragen hat. Und das Allerbedeutendste, das Eindrücklichste, ist nicht berücksichtigt worden. So sehen die Dinge, zunächst äußerlich betrachtet, aus. Die innerlichen Betrachtungen werden vielleicht trostreicher aussehen.
[ 35 ] And just like this one example, one could cite countless others everywhere. The most fruitful ideas sprang up and flourished. But what is recounted today as the intellectual history of the 19th century and into the 20th century is the most insignificant part of what actually took place. And the most significant, the most impressive aspects, have been overlooked. This is how things appear, at least when viewed from the outside. A deeper examination may reveal a more comforting picture.
