Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180

26 December 1917, Dornach

Translate the original German text into any language:

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Gestern bemühte ich mich zu zeigen, wie die Entwickelung im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein in der Tat diesen Lauf genommen hat, das Wissen, die Erkenntnis der übersinnlichen Impulse in der Weltentwickelung immer mehr und mehr auszumerzen. Ich versuchte dies an dem Beispiele zu zeigen, das gerade für uns von besonderer Wichtigkeit sein kann, an der Verkennung der Mysterien. Wir haben gesehen, wie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Grunde genommen vorhanden war ein deutliches Bewußtsein davon, daß hinter der Welt der sinnlichen Dinge, namentlich derjenigen Wesenheiten, die der Mensch mit seinem gewöhnlichen, auf den Alltagsgebrauch gerichteten Verstand erreichen kann, daß hinter dieser sinnlichen Wesenheit eine übersinnliche Wesenheit ist, und daß es notwendig ist — davon hatte man ein Bewußtsein bis zum Ende des 18. Jahrhunderts —, die Menschenseele in irgendeine unmittelbare Verbindung zu bringen mit dieser übersinnlichen Welt.

[ 1 ] Yesterday I endeavored to show how developments in the 19th century and right up to the present day have in fact taken this course: increasingly eradicating knowledge and understanding of the supersensible impulses in the development of the world. I attempted to illustrate this using an example that is of particular importance to us: the misunderstanding of the mysteries. We have seen how, up until the end of the 18th century, there was essentially a clear awareness that behind the world of sensory things—namely, those entities that human beings can grasp with their ordinary intellect, oriented toward everyday use—that behind this sensory reality lies a supersensible reality, and that it is necessary — as people were aware of until the end of the 18th century — to bring the human soul into some kind of direct connection with this supersensible world.

[ 2 ] Ich habe auf den großen Gegensatz hingewiesen, der besteht zwischen einer Vorstellungsweise wie der von Saint-Martin und der von Dupuis. Bei Saint-Martin findet man noch ein Bewußtsein alter Mysterienwahrheiten, was möglich war dadurch, daß er in einem gewissen Sinne ein Schüler und Nachfolger Jakob Böhmes war. Bei SaintMartin, dessen Vorstellungsart noch im 18. Jahrhundert großen Einfluß hatte, finden wir also die untergehende Seite des Bewußtseins des 18. Jahrhunderts. Bei Dupuis finden wir die aufgehende Seite, die Seite des Vorstellungswesens des 18. Jahrhunderts, welche überzeugt ist davon, daß alles dasjenige, was Mysterienoffenbarung war, im Grunde genommen auf Irrtum.oder auf Betrug beruhe, und daß der Mensch nur dann ein wirklich aufgeklärtes Wesen ist, wenn er alles das abtut, was mit diesen Mysterienwahrheiten zusammenhängt, wenn er sich darauf beschränkt, eine Wissenschaft zu begründen, welche rein auf die Sinneswelt gebaut ist und auf den von dieser Sinneswelt abhängigen Verstand. Wir sagten, daß im Gegensatze zu dem Materialismus, der dann im 19. Jahrhundert begründet worden ist, der im Grunde genommen ein philiströser Materialismus ist, der Materialismus Dupuis’ noch etwas hat von Größe, von Unbefangenheit, von Nichtphilistrosität.

[ 2 ] I have pointed out the great contrast that exists between a way of thinking such as that of Saint-Martin and that of Dupuis. In Saint-Martin, one still finds an awareness of ancient mystical truths, which was possible because, in a certain sense, he was a student and successor of Jakob Böhme. In Saint-Martin, whose mode of thought still exerted great influence in the 18th century, we thus find the declining aspect of 18th-century consciousness. In Dupuis, we find the rising aspect—the aspect of 18th-century thought that is convinced that everything that constituted mystery revelation was, at its core, based on error or fraud, and that human beings are truly enlightened only when they reject everything connected with these mystical truths, when they limit themselves to establishing a science based purely on the sensory world and on the intellect dependent on that sensory world. We said that, in contrast to the materialism that was established in the 19th century—which is, in essence, a philistine materialism—Dupuis’s materialism still possesses a certain grandeur, impartiality, and lack of philistinism.

[ 3 ] In gewissem Sinne stand dann die ganze Entwickelung des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit hinein unter dem Einflusse dieser ‚Abweisung alles Übersinnlichen. Denn, was versucht worden ist von der einen oder andern Seite hineinzutragen an Zusammenhängen der Menschenseele mit dem Übersinnlichen, das ist entweder beschränkt geblieben auf engste Kreise, oder aber es waren immer Versuche mit veralteten oder sonstigen unzulänglichen Mitteln. Das 19. Jahrhundert mußte eben einen gewissen Fonds rein materialistischer Wahrheiten ausbilden, mußte diesen Fonds rein materialistischer Anschauungen, Empfindungen, Willensimpulse sammeln. Und der Mensch derGegenwart hat nun einmal die Aufgabe, dieses sich klarzumachen, um daraus die notwendige Folgerung zu ziehen: Der Zusammenhang rein materialistischer Anschauungen mit dem, wozu diese Anschauungen geführt haben, lehrt, daß wiederum der Weg genommen werden muß von rein materialistischem Anschauen — oder man könnte auch sagen von rein verstandesmäßigem Anschauen — zu spirituellem Anschauen.

[ 3 ] In a certain sense, the entire development of the 19th century and right up to our own time has been influenced by this “rejection of everything supersensory.” For whatever attempts were made from one side or the other to introduce connections between the human soul and the supersensory realm remained either confined to the narrowest circles, or were always attempts made with outdated or otherwise inadequate means. The nineteenth century simply had to develop a certain body of purely materialistic truths; it had to gather this body of purely materialistic views, feelings, and impulses of the will. And it is now the task of the person of the present day to make this clear to themselves in order to draw the necessary conclusion from it: The connection between purely materialistic views and what these views have led to teaches that the path must once again be taken from purely materialistic perception—or one could also say from purely intellectual perception—to spiritual perception.

[ 4 ] Wenn man in dem Sinne, in dem gestern davon gesprochen worden ist, den Grundnerv des alten Mysterienwesens vergleicht mit dem, was nun spirituelle Wissenschaft sein muß, so kann man sagen, diese alte Mysterienweisheit hatte vorzüglich die Menschheit davor zu behüten, gewisse Kräfte, von denen wir gestern gesprochen haben, im Sinne einer verderblichen magischen Verrichtungsweise zu gebrauchen. Und wir haben ja auch schon erwähnt, daß im Gegensatze dazu die spirituelle Weisheit der neueren Zeit die Aufgabe hat, die Menschheit gerade aufmerksam darauf zu machen, wie die Verbindung gewisser Gesinnungen mit dem schon einmal für die neuere Zeit notwendigen materiellen Wissen in ähnlicher Weise dem Menschenheile schädliche Kräfte hervorrufen muß, wie nach einer andern Seite damals jene Kräfte, von denen gestern gesprochen worden ist. Ich sagte, daß es nun schon einmal ein inneres Weltengesetz ist, daß, wenn jene Gedanken, die notwendig die Gedanken der neueren Zeit sein müssen, die Gedanken der physikalischen, der chemischen, der nationalökonomischen Wirksamkeiten im Sinne der neueren Zeit, der internationalen Finanzgebarung und so weiter, wenn die Gedanken, die auf dieses alles verwendet werden und verwendet werden müssen über die ganze Erde hin in gleicher Weise, sich in den Menschenseelen verbinden mit rein nationaler Gesinnung, mit nationalem Empfinden, daß dann durch die Verbindung des National-Gesinntseins, des nationalen Pathos könnten wir auch sagen, mit den internationalen Gedanken der Physik, der Chemie, der Nationalökonomie, des internationalen kommerziellen Elementes, der Finanzgebarung und so weiter, ahrimanische Elementarwesen entstehen. Und diese Elementarwesen ahrimanischer Art müssen immer mehr und mehr die Menschen hineintreiben in Dinge, welche notwendig entgegenwirken müssen der heilsamen Entwickelung des Menschengeschlechtes in den letzten drei Kulturperioden, die die Erde noch zu absolvieren hat.

[ 4 ] If one compares the fundamental essence of the ancient mystery traditions—in the sense discussed yesterday—with what spiritual science must now be, one can say that this ancient mystery wisdom was primarily intended to protect humanity from using certain forces, which we spoke of yesterday, in the sense of a pernicious magical practice. And we have already mentioned that, in contrast to this, the spiritual wisdom of the modern era has the task of making humanity aware of how the combination of certain attitudes with the material knowledge that has become necessary for the modern era must, in a similar way, give rise to forces harmful to human well-being—just as, on the other hand, those forces we spoke of yesterday did in the past. I said that it is, in fact, an inner law of the world that when those thoughts—which must necessarily be the thoughts of the modern era: the thoughts concerning the physical, chemical, and economic forces in the sense of the modern era, international financial conduct, and so on—when the thoughts that are and must be applied to all of this in the same way across the entire Earth are combined in human souls with a purely national mindset, with national sentiment—then through the combination of national sentiment, national pathos, so to speak, with the international ideas of physics, chemistry, national economics, the international commercial element, financial management, and so on—Ahrimanic elemental beings may arise. And these Ahrimanic elemental beings must drive human beings more and more into things that are bound to counteract the wholesome development of the human race during the last three cultural periods that the Earth still has to undergo.

[ 5 ] Im rechten Sinne wird man das Mysterium von Golgatha sehen, wenn man in ihm dasjenige erkennt, was notwendigerweise ausgleichen muß die schädliche Kraft, die von der eben bezeichneten Seite her kommt. Alles, was das Mysterium von Golgatha bewirken kann, wirkt dem entgegen, was von den eben charakterisierten Kräften kommt. Die eben charakterisierten Kräfte können nicht anders in der richtigen Art paralysiert werden, als durch ein verständnisvolles Sich-Hingeben an das Mysterium von Golgatha. Das bloße Erzählen, daß im Beginne unserer Zeitrechnung dieses Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, das bloße Nachreden des Evangeliums, so wie man das Evangelium nun einmal in den gebräuchlichen Kirchen auslegt, das tut es nicht; denn das würde voraussetzen das Vorurteil, daß nur im Beginne unserer Zeitrechnung eine Offenbarung möglich war. Aber die Offenbarung dauert fort. Der Christus Jesus ist immer da. Und diese Gesinnung, die den Christus Jesus als einen fortdauernd Gegenwärtigen erkennt, ist diejenige christliche Gesinnung, die durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. Aber das erfordert, daß man sich mit den einzelnen wirklichen Impulsen bekanntmacht, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, daß man dasjenige erkennen lernt, was im besonderen hinter dem Mysterium von Golgatha steckt.

[ 5 ] One will see the Mystery of Golgotha in its true sense when one recognizes in it that which must necessarily counterbalance the harmful force coming from the direction just described. Everything that the Mystery of Golgotha can bring about works against what comes from the forces just described. The forces just described can only be properly neutralized through an understanding surrender to the Mystery of Golgotha. Merely recounting that this Mystery of Golgotha took place at the beginning of our era, merely repeating the Gospel as it is interpreted in mainstream churches—that does not suffice; for that would presuppose the prejudice that revelation was possible only at the beginning of our era. But revelation continues. Christ Jesus is always present. And this attitude, which recognizes Christ Jesus as ever-present, is the Christian attitude that can be attained through anthroposophically oriented spiritual science. But this requires that one become acquainted with the individual, real impulses connected with the Mystery of Golgotha, and that one learn to recognize what specifically lies behind the Mystery of Golgotha.

[ 6 ] Auf eine solche Wahrheit habe ich schon aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was der Mensch unternimmt, nicht insoweit sein individuelles, persönliches Karma in Betracht kommt, sondern was er unternimmt im Zusammenhange des sozialen, sittlichen, geschichtlichen Wirkens, einer gewissen Gesetzmäßigkeit im historischen Werdegang unterliegt; daß das, was in einem bestimmten Jahre geschieht, gewissermaßen, wenn es als Gedanke entspringt aus dem Menschen, den Weihnachtscharakter und nach dreiunddreißig Jahren den Ostercharakter hat. Das bezieht sich auf die Wirkung unserer Handlungen im sozialen Zusammenhang, wie gesagt, nicht auf das persönliche Karma. Wenn ich ein Paar Schuhe fabriziere, so liegt in dem Fabrizieren dieses Paares Schuhe selbstverständlich etwas, was gewissermaßen zurückstrahlt auf mein persönliches Karma. Das ist eine Strömung für sich. Aber ich mache dem andern ein Paar Schuhe; da wirke ich schon sozial. Das ist ein sehr elementarer Vorgang. Von diesem Elementarvorgang bis hinauf zu den großen politischen und sozialen Maßnahmen ist ein weiter Weg, aber alles, was auf diesem Wege liegt, gehört in das Gebiet des also nach dreiunddreißig Jahren recht wirksam Werdenden. Und dann, wenn gewissermaßen ein solcher Keim, der gelegt worden ist, ausgereift ist, dann wirkt er weiter. Eine Menschengeneration von dreiunddreißig Jahren reift einen Gedankenkeim, einen Tatenkeim aus. Ist er dann ausgereift, so wirkt er durch sechsundsechzig Jahre weiter noch im geschichtlichen Werden. Man erkennt die Intensität eines Impulses, den der Mensch ins geschichtliche Werden hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit durch drei Generationen, durch ein ganzes Jahrhundert hindurch.

[ 6 ] I have already drawn attention to the truth that what a person undertakes is not, insofar as his individual, personal karma is concerned, but rather, in the context of social, moral, and historical activity, subject to a certain regularity in the course of history; that what happens in a given year, so to speak, when it arises as a thought from a person, has a Christmas character and, after thirty-three years, an Easter character. This refers to the effect of our actions in a social context—as I said—not to personal karma. When I manufacture a pair of shoes, there is, of course, something in the very act of manufacturing that pair of shoes that, in a sense, reflects back on my personal karma. That is a current in and of itself. But when I make a pair of shoes for someone else, I am already acting socially. That is a very elementary process. It is a long path from this elementary process all the way up to major political and social measures, but everything that lies along this path belongs to the realm of what thus becomes truly effective after thirty-three years. And then, when, so to speak, such a seed that has been sown has matured, it continues to have an effect. A human generation of thirty-three years brings a seed of thought, a seed of action, to maturity. Once it has matured, it continues to have an effect for sixty-six years into the unfolding of history. One can recognize the intensity of an impulse that a person implants into the unfolding of history, even in its effectiveness across three generations, throughout an entire century.

[ 7 ] Die Festlegung der beiden Grenz-Feste des Christentums, des Weihnachtsfestes und des Osterfestes, ist sehr sinnvoll vorgenommen worden. Das Weihnachtsfest ist ein sogenanntes unbewegliches Fest; es fällt einfach ungefähr auf die Wintersonnenwende. Das Osterfest ist ein bewegliches Fest. Das Weihnachtsfest ist festgelegt, weil es der Ausdruck ist, wie wir wissen, für eine ganz bestimmte kosmische Tatsache. Diese kosmische Tatsache kann man sich nicht oft genug vor die Seele rufen. Es ist ja ein Vorurteil, daß unsere Erde dasjenige ist, was die Geologie, die Physik, die Mineralogie, Geophysik und so weiter anerkennen wollen. Unsere Erde ist ein mächtiger Geistorganismus. Wir leben in der Tat nicht bloß auf einer mineralischen Erde, die von einem Luftkreise umgeben ist. Wir leben innerhalb des mächtigen Geistorganismus Erde, und dieser Geistorganismus hat in gewisser Beziehung ein auf- und absteigendes Leben. Dieser Geistorganismus schläft im Sommer. Er hat seinen tiefsten Schlaf dann, wenn das Sommersolstitium eingetreten ist, zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte für uns. Beim Menschen richtet sich der Schlaf nur nach der Zeit; bei der Erde richtet sich der Schlaf auch nach dem Orte. Die Orte schlafen verschieden; doch das ist nur zu berühren. Im Winter hat die Erde ihre eigentliche Wachezeit. Da ist das, was man den Intellekt der Erde nennen kann, am allertätigsten. Daran zu erinnern, daß, wenn die kürzesten Tage, die längsten Nächte da sind, dann die Erde am wachsten ist für den Ort, wo das zutrifft, daran zu erinnern ist der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes. Suchen soll derjenige, der das Weihnachtsfest anerkennt, den Erdenintellekt, wie er in den Tiefen der Erde gefunden werden kann, so wie das Christkind verborgen im Stalle gefunden wird, oder in einer Höhle, oder in einer Grotte, je nach den verschiedenen Anschauungen. Ein unbewegliches Fest ist dieses Weihnachtsfest.

[ 7 ] The dates for the two major Christian holidays, Christmas and Easter, have been set very wisely. Christmas is what is known as a fixed feast; it simply falls around the winter solstice. Easter is a movable feast. Christmas is fixed because, as we know, it is the expression of a very specific cosmic fact. We cannot bring this cosmic fact to mind often enough. It is, after all, a prejudice to believe that our Earth is merely what geology, physics, mineralogy, geophysics, and so on seek to acknowledge. Our Earth is a mighty spiritual organism. In fact, we do not merely live on a mineral Earth surrounded by an atmosphere. We live within the mighty spiritual organism that is the Earth, and this spiritual organism, in a certain sense, has a life that rises and falls. This spiritual organism sleeps in the summer. It enters its deepest sleep when the summer solstice occurs, at the time of the longest days and shortest nights for us. In humans, sleep is determined solely by time; in the Earth, sleep is also determined by place. Different places sleep differently; but that is only worth mentioning in passing. In winter, the Earth is in its true waking phase. That is when what might be called the Earth’s intellect is most active. To recall that when the shortest days and longest nights occur, the Earth is most awake in the places where this holds true—this is the deeper meaning of the Christmas festival. Those who acknowledge the Christmas festival should seek the Earth’s intellect, as it can be found in the depths of the Earth, just as the Christ Child is found hidden in a stable, or in a cave, or in a grotto, depending on the various traditions. This Christmas festival is an immutable celebration.

[ 8 ] Ein bewegliches Fest, festgelegt nach dem Stande von Sonne und Mond, ist das Osterfest. Damit ist das Osterfest zum Sinnbilde gemacht von Vorgängen im außerirdischen Kosmos. Das Osterfest ist gewissermaßen ein geistiges, ein himmlisches Fest. Materialistisch denkende Menschen — ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht — haben ja ihren Ansturm geltend gemacht gegen das Bewegliche des Osterfestes, weil in die Philisterordnung des 19. und 20. Jahrhunderts diese Beweglichkeit des Osterfestes Unordnung hineingebracht hätte. Ich habe selber viele Diskussionen mitgemacht, die besonders von Astronomen gepflogen worden sind, in denen immer wieder und wiederum erörtert worden ist, daß das Osterfest rein pedantisch schematisch an irgendeinem Tage, zum Beispiel dem ersten Sonntag im April wenigstens, damit es nicht ganz so beweglich sei, festgelegt werde. Es sind selbstverständlich viele Gründe vom Gesichtspunkte des 19. Jahrhunderts aus für diese Unbeweglichkeit des Osterfestes anzusetzen. Man denke sich nur, daß ja die Beweglichkeit des Osterfestes ganz im Sinne des Weltenbuches, des Neuen Testaments ist, wenigstens im Sinne des Geistes des Neuen Testaments.

[ 8 ] Easter is a movable feast, determined by the positions of the sun and moon. Thus, Easter has become a symbol of events in the cosmos beyond Earth. Easter is, in a sense, a spiritual, a heavenly festival. Materialistically minded people—as I have often pointed out—have, of course, mounted a campaign against the variable date of Easter, because this variability would have introduced disorder into the philistine order of the 19th and 20th centuries. I myself have participated in many discussions, particularly among astronomers, in which it has been repeatedly argued that Easter should be fixed, in a purely pedantic and schematic manner, to a specific date—for example, at least the first Sunday in April—so that it would not be quite so variable. Of course, from a 19th-century perspective, there are many reasons to advocate for this fixed date for Easter. One need only consider that the flexibility of Easter is entirely in keeping with the Word of God, the New Testament—or at least with the spirit of the New Testament.

[ 9 ] Aber im 19. Jahrhundert, vorbereitend früher auch, ist ja ein anderes Buch wichtiger geworden, viel, viel wichtiger geworden als das Evangelium. Die Leute geben es zwar nicht immer zu, daß ein anderes Buch viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, allein es ist doch so. Das Buch, das im 19. Jahrhundert viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, das ist das Buch, auf dessen erster Seite steht: Mit Gott. — Aber es stehen bloß die ungöttlichsten Sachen selbstverständlich immer darinnen, es stehen bloß die Zahlen unter der Rubrik Soll und Haben darinnen. Das ist das kaufmännische Kontobuch, das auf der ersten Seite, wenigstens so viel mir bekannt ist, immer die Aufschrift «Mit Gott» trägt, aber so eingerichtet ist, wie eben erwähnt. Dieses Buch kommt natürlich sehr in Unordnung, wenn jedes Jahr das Osterfest an einem andern Tag liegt. Es würde viel leichter in Ordnung zu halten sein, wenn das Osterfest auch ein festgelegtes Fest wäre. Daher hat man solche Vorschläge gemacht. Dieser Vorschlag ist nichts anderes als der Ansturm des Materialismus gegen ein äußeres letztes Bollwerk des Spiritualismus, das Einrichten des Osterfestes nach der Himmelskonstellation von Sonne und Mond.

[ 9 ] But in the 19th century—and even earlier, to some extent—another book became more important, much, much more important than the Gospel. People may not always admit that another book has become much more important than the Gospel, but that is indeed the case. The book that became much more important than the Gospel in the 19th century is the one whose first page reads: “With God.” — But of course, it contains only the most ungodly things; it contains only the numbers under the headings “Debit” and “Credit.” This is the commercial ledger, which, as far as I know, always bears the inscription “With God” on the first page but is organized as just mentioned. This book naturally becomes very disorganized when Easter falls on a different day every year. It would be much easier to keep it in order if Easter were also a fixed holiday. That is why such proposals have been made. This proposal is nothing other than materialism’s assault on an outer, final bulwark of spiritualism: the determination of Easter according to the celestial constellation of the sun and moon.

[ 10 ] Es liegt aber noch ein tieferer Sinn darinnen, die Zeit von Weihnachten zu Ostern für die einzelnen Jahre verschieden zu machen. Wir wissen ja, daß das Weihnachtsfest eigentlich zusanrmengehört mit dem Osterfest, das dreiunddreißig Jahre später liegt. Diese Zeit ist allerdings, insofern sie die Zeit ist für die Auswirkung weltgeschichtlicher Keime, fest. Aber etwas anderes ist nicht fest und das ist das Folgende: Es geschehen gewisse Impulse — nennen wir sie Weihnachtsimpulse — in einem bestimmten Jahre, andere im nächsten Jahre, andere im weiteren nächsten Jahre und so weiter. Die aufeinanderfolgenden Weihnachtsimpulse sind keineswegs von gleicher Stärke im geschichtlichen Werden, sondern die einen wirken stärker, die andern wirken schwächer. Es kann zum Beispiel sein, daß in einem bestimmten Jahre die Impulse, die gelegt werden, von geringerer Durchschlagskraft in den nächsten dreiunddreißig Jahren sind als die Impulse des nächsten Jahres für die nächsten dreiunddreißig Jahre und so weiter. Dies wird angedeutet dadurch, daß die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern länger oder kürzer ist. Also auch diese Beweglichkeit des Osterfestes weist auf etwas hin, was der Mensch gar wohl studieren soll, wenn er wirklich verstehen will, wie die Ereignisse im geschichtlichen Werden wirken.

[ 10 ] But there is an even deeper meaning behind making the period from Christmas to Easter different for each individual year. We know, after all, that Christmas is actually closely linked to Easter, which occurs thirty-three years later. This period is, of course, fixed insofar as it is the time for the unfolding of world-historical seeds. But something else is not fixed, and that is the following: Certain impulses—let us call them Christmas impulses—occur in a given year, others in the next year, others in the year after that, and so on. The successive Christmas impulses are by no means of equal strength in the course of historical development; rather, some have a stronger effect, while others have a weaker one. It may be, for example, that in a given year the impulses that are set in motion have less impact over the next thirty-three years than the impulses of the following year do for the next thirty-three years, and so on. This is indicated by the fact that the period between Christmas and Easter is sometimes longer and sometimes shorter. Thus, this variability of the date of Easter also points to something that people should certainly study if they truly wish to understand how events unfold in the course of history.

[ 11 ] Sie können die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn der Mensch einen Begriff davon bekommen, wie stark seine Impulse wirken in die nächsten dreiunddreißig Jahre hinein? Soll er denn überhaupt einen Begriff davon bekommen, ob seine Impulse im günstigen oder im ungünstigen Sinne wirken? — Gewiß, die Antwort auf eine solche Frage ist der heutigen Zeit ungeheuer schwer, denn die heutige Zeit leidet eben an der Abstraktheit wie an einer furchtbaren, schleichenden Krankheit. Die heutige Zeit will nichts anderes, als mit ein paar abstrakten Begriffen womöglich das ganze Weltenall verstehen. Diese Zeit will so fern wie möglich sein von einem Auffassen der Ereignisse mit dem vollen, ganzen Menschenwesen; diese Zeit will so entfernt wie möglich sein von einem wirklichen Miterleben der Zeit und der Zeitenströmungen. Natürlich, wenn man als Himmelswissenschaft nichts anderes gelten läßt als dasjenige, was die heutigen Astronomen mit ganz abstrakter Mathematik berechnen, dann kann man unmöglich Herz und Sinn für dieses mit abstrakter Mathematik Berechnete aufbringen. Aber das muß eben die Menschheit wiederum entwickeln. Die Menschheit muß wirklich nicht nur ihren Verstand mitgeben, wenn sie irgend etwas tut, sondern sie muß mit jeder Tat, die verrichtet wird, und sei sie die alltäglichste, das Herzblut verbunden wissen. Das kann geschehen, wenn man es aufrichtig und ehrlich meinen will mit der Geisteswissenschaft, mit dem, was Geisteswissenschaft ist und was sie sein kann. Wenn der Mensch allerdings mit demjenigen, was über den engsten Kreis seiner egoistischen oder Familieninteressen hinausgeht, nur durch den abstrakten Verstand verbunden sein will, dann wird er den Weg nur schwer finden, das Herzblut zu verbinden mit dem, was man will und tut. Aber eben, gerade dazu ist Geisteswissenschaft so recht berufen, den Horizont der Seele zu erweitern, über weiteres den Interessenkreis auszuspannen, als er gerade unter dem Einflusse der materialistischen Abstraktheit des 19. Jahrhunderts ausgespannt worden ist.

[ 11 ] You might ask: Yes, how is a person supposed to get any idea of how strongly their impulses will affect the next thirty-three years? Are they even supposed to have any idea whether their impulses will have a favorable or unfavorable effect? — Certainly, the answer to such a question is immensely difficult in our time, for our age suffers from abstractness as if from a terrible, creeping disease. Our time wants nothing more than to understand, if possible, the entire universe with just a few abstract concepts. This age wants to be as far removed as possible from grasping events with the full, whole human being; this age wants to be as far removed as possible from a genuine experience of the times and the currents of history. Of course, if one regards as “astronomy” nothing other than what today’s astronomers calculate using purely abstract mathematics, then it is impossible to muster the heart and mind for what has been calculated with abstract mathematics. But this is precisely what humanity must develop once again. Humanity must truly not only bring its intellect to bear when it does anything, but it must also know that its very heart and soul are connected to every action performed, no matter how mundane. This can happen if one is sincere and honest in one’s approach to spiritual science—to what spiritual science is and what it can be. If, however, a person wishes to relate to anything beyond the narrowest circle of their selfish or family interests solely through abstract reason, then they will find it difficult to connect their heart and soul to what they want and do. But this is precisely why spiritual science is so well suited to broadening the soul’s horizon and extending the sphere of interests beyond what it has been limited to under the influence of the materialistic abstractness of the 19th century.

[ 12 ] Was die Menschheit braucht, ist eben diese Erweiterung des Interessenkreises. Die kann nur dadurch erworben werden, daß die Menschenseele sich immer wieder und wieder durchdringt mit der Erkenntnis, die heute erweitert werden kann — wie wir gerade durch diese Betrachtungen jetzt schon seit Wochen her gesehen haben über die Grenze hinaus, welche gezogen ist durch die Sinne und durch den Verstand, der an die Sinne gebunden ist, und durch das Leben zwischen der Geburt und dem Tode: über diese Grenze hinaus, hinein in das All, das wir, in der Weise wie wir es charakterisiert haben, gemeinschaftlich haben mit den Menschenseelen, die sich in dem Gebiete zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden. Man kann diese Menschenseele nur ganz kennenlernen, wenn man auch diese ihre andere Seite kennenlernt, die sie zu durchleben hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Gedanken über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lagen allerdings der philiströsen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts so ferne wie nur irgend möglich. Dieses Zeitalter glaubte das Heil nur darinnen sehen zu müssen, in kombinierendem Verstande das zusammenzufassen, was die Sinne darbieten.

[ 12 ] What humanity needs is precisely this broadening of its sphere of interest. This can only be achieved when the human soul is repeatedly imbued with the insight that can be expanded today—as we have already seen for weeks now through these reflections, beyond the boundary drawn by the senses and by the intellect bound to the senses, and by life between birth and death: beyond this boundary, into the cosmos that we, in the way we have characterized it, share with the human souls who find themselves in the realm between death and a new birth. One can only truly come to know this human soul if one also comes to know this other side of it, which it must live through between death and a new birth. Thoughts about life between death and a new birth, however, were as far removed as possible from the philistine science of the 19th and 20th centuries. That era believed it had to see salvation solely in summarizing, through the combinatory intellect, what the senses present.

[ 13 ] Geisteswissenschaft steht von diesem Gesichtspunkte aus allerdings im schärfsten Gegensatz zu dem, was das Ideal des 19. Jahrhunderts war. Geisteswissenschaft muß ebenso energisch die Hinlenkung der menschlichen Seele zum Geist betonen, wie das 19. Jahrhundert die Ablenkung der menschlichen Seele vom Geist betont hat. Und ich habe ja im Verlauf dieser Tage schon darauf aufmerksam gemacht, wie die zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung — die unbefleckte Geburt des Christus Jesus und die Auferstehung des Christus Jesus — dem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur ein Unsinn sein können. Dafür aber allerdings muß gerade Geisteswissenschaft sich zu diesen zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung wiederum hinwenden.

[ 13 ] From this perspective, however, spiritual science stands in the sharpest contrast to what was the ideal of the 19th century. Spiritual science must emphasize the turning of the human soul toward the Spirit just as vigorously as the 19th century emphasized the turning of the human soul away from the Spirit. And I have already pointed out over the course of these days how the two cornerstones of the Christian worldview—the immaculate conception of Jesus Christ and the resurrection of Jesus Christ—can only be regarded as nonsense in the age of natural science. For this reason, however, spiritual science must turn its attention once again to these two cornerstones of the Christian worldview.

[ 14 ] Die katholische Kirche hat sich eine gewisse Redeweise angewöhnt, durch die sie hinwegführt über manche gewichtige Probleme, die eigentlich im Schoße ihrer Entwickelung liegen. Die katholische Theologie spricht natürlich auch zum Beispiel von der «unbefleckten Empfängnis Mariä», aber sie wird sich nicht darauf einlassen, solche geistigen Kräfte der Seele zu suchen, wodurch diese Tatsache der unbefleckten Empfängnis Mariä begreiflich werden könnte. Wenn man sich an die aufgeklärten Theologen der katholischen Kirche wendet mit Bezug auf das Dogma von der «Conceptio immaculata», so wird man nicht eine Diskussion erwarten dürfen, wie sie wiederum in Fluß kommen muß durch die Geisteswissenschaft, sondern dann wird man etwa das Folgende hören: Man habe sich zu erheben von der Vorstellung des Weibes Maria zu dem, was eigentlich das Weib Maria geworden ist im Laufe der Entwickelung, zu der Kirche. Die Kirche ist eigentlich die Repräsentanz der jungfräulichen Maria. — Dann aber gebiert diese jungfräuliche Maria, diese Kirche, selbstverständlich auch immerwährend den Christus. Sie muß immerwährend durch den Heiligen Geist den Christus empfangen, das heißt, sie steht unter fortwährender Inspiration des Heiligen Geistes, und was sie zu offenbaren hat, ist das Wort, der Logos. Das ist auch durchaus richtiger katholischer Glaube. Der inspirierende Heilige Geist entfacht in der katholischen Kirche dasjenige, was das fortlaufende Wort ist, was im Anfange da war und was durch die Kirche, die jungfräuliche Mutter, fortwährend geboren wird.

[ 14 ] The Catholic Church has adopted a certain way of speaking that allows it to sidestep some weighty problems that actually lie at the heart of its development. Catholic theology, of course, also speaks, for example, of the “Immaculate Conception of Mary,” but it will not engage in seeking out those spiritual powers of the soul through which this fact of the Immaculate Conception of Mary might become comprehensible. If one turns to the enlightened theologians of the Catholic Church regarding the dogma of the “Conceptio immaculata,” one should not expect a discussion of the kind that must once again arise through spiritual science; rather, one will hear something like the following: One must rise above the concept of Mary as a woman to what Mary has actually become in the course of evolution: the Church. The Church is, in fact, the embodiment of the Virgin Mary. — But then this Virgin Mary, this Church, naturally also gives birth to Christ perpetually. She must perpetually conceive Christ through the Holy Spirit; that is to say, she stands under the continuous inspiration of the Holy Spirit, and what she has to reveal is the Word, the Logos. This, too, is entirely in accordance with true Catholic faith. The inspiring Holy Spirit kindles within the Catholic Church that which is the enduring Word, that which was there in the beginning, and that which is continually born through the Church, the Virgin Mother.

[ 15 ] Dies ist durchaus geläufige katholisch-theologische Vorstellung. Sie werden sagen, man höre nicht viel reden von dieser Vorstellung. Es war auch gut für das 19. Jahrhundert, daß nicht viel geredet wurde davon. Aber um so wirksamer war diese Vorstellung bei all denjenigen, die noch entzogen werden konnten den Impulsen des Materialismus. Die drei: inspirierender Geist, jungfräuliche Mutter und der Logos oder das Wort, sie sind freilich durchaus festzuhalten; sie müssen auch gesucht werden durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. In imaginativer Weise versuchte ich in diesen Tagen bei der Besprechung des Übergangs von den alten Mysterien zu den neuen Mysterien auf diese Dinge hinzuweisen. Ich sagte, das Altertum mit seinen Mysterien ist nur so weit gekommen, daß in der Pallas Athene die jungfräuliche Weisheit verehrt werden konnte. In der Pallas Athene hat man auch solch eine jungfräuliche Persönlichkeit; aber diese Weisheit gebiert innerhalb der alten Zeit nicht den Logos.

[ 15 ] This is a quite common concept in Catholic theology. You might say that one does not hear much talk of this concept. It was also a good thing for the 19th century that not much was said about it. But this concept was all the more effective for all those who could still be spared from the influences of materialism. The three—the inspiring Spirit, the virgin Mother, and the Logos or the Word—must certainly be upheld; they must also be sought by anthroposophically oriented spiritual science. In an imaginative way, I tried to point these things out recently while discussing the transition from the ancient mysteries to the new mysteries. I said that antiquity, with its mysteries, had only progressed to the point where virginal wisdom could be venerated in the figure of Pallas Athena. In Pallas Athena, one also finds such a virginal personality; but this wisdom does not give birth to the Logos within the ancient era.

[ 16 ] Das ist gerade das Charakteristische, daß zum Beispiel das Griechentum bei der jungfräulichen Weisheit stehenbleibt, daß aber die neuere Zeit übergeht zu dem Sohne der jungfräulichen Weisheit, zu dem Logos, der auf dem physischen Plane durch seine Repräsentanz existiert: das menschliche Wort, die menschliche Sprache. Denn diese menschliche Sprache darf durchaus in ihrem Zusammenhange mit der Weisheit betrachtet werden. Die Weisheit im irdischen Menschenleben lebt sich eben aus durch das menschliche Denken. Die Luft, die durch unseren Kehlkopf ausgeatmet wird, diese durch unseren Kehlkopf und seine Bewegungen konfigurierte I.uft wird vermählt mit der Weisheit, die in unseren Gedanken liegt. Und dasjenige, was wir auszudrücken haben, der Inhalt, der ist der inspirierende Geist. Jedesmal, wenn Sie sprechen, so profan auch der Impuls Ihres Sprechens sein mag, haben Sie ausgedrückt den irdischen Repräsentanten der Dreifaltigkeit: den Gedanken in Ihrem Kopfe, die konfigurierte Luft, die durch Ihren Kehlkopf streicht, die vermählt werden, verbunden werden unter dem Einfluß des Geistes, also für das Aussprechen von der sinnlichen Welt durch die Wahrnehmung. Das ist die irdische Repräsentanz der Dreifaltigkeit.

[ 16 ] This is precisely what is characteristic: that, for example, Greek culture remains at the stage of virginal wisdom, whereas modern times have moved on to the Son of virginal wisdom, to the Logos, who exists on the physical plane through his representation: the human word, human language. For this human language may certainly be considered in its connection with wisdom. Wisdom in earthly human life manifests itself precisely through human thought. The air exhaled through our larynx—this air shaped by our larynx and its movements—is united with the wisdom that lies within our thoughts. And that which we have to express—the content—is the inspiring spirit. Every time you speak—no matter how mundane the impulse behind your speech may be—you have expressed the earthly representation of the Trinity: the thought in your mind, the shaped air that passes through your larynx, which are united and connected under the influence of the Spirit, thus giving voice to the sensory world through perception. This is the earthly representation of the Trinity.

[ 17 ] Dasjenige, was dahinter zu stehen hat, das ist die göttliche, die geistige Dreifaltigkeit, das ist die umfassende Weisheit, die zur Lehre wird für die Menschheit und die den Weltinhalt ausdrückt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kann sich allerdings nicht zu einer irdischen Institution bekennen, denn eine irdische Institution würde mit ihren Ansprüchen bloße Machtansprüche entfalten. ‚Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nimmt die jungfräuliche Weltenweisheit ernst. Wenn man denkt im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sieht man in dem, was der Inhalt ist des von dieser Wissenschaft Vorgebrachten, nicht bloß eine Summe von Abstraktionen, eine Summe von abstrakten Vorstellungen, sondern ein Lebendiges, das uns erfüllt, das uns wirklich auch in der Seele mit Impulsen erfüllen kann und das dann zum Worte, zur Lehre wird; nicht nur im schulmäßigen Sinne, sondern in dem Sinne, daß diese geisteswissenschaftliche Weisheit sozial dienlich wird, wie das Wort sozial dienlich wird, derausgedrückte Inhalt, der dann aus übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt eingeführt wird, der unseren Impulsen dadurch zugrunde liegt; das ist der inspirierende Geist.

[ 17 ] What must lie behind this is the divine, spiritual Trinity; this is the all-encompassing wisdom that becomes a teaching for humanity and expresses the essence of the world. Anthroposophically oriented spiritual science, however, cannot align itself with an earthly institution, for an earthly institution would, with its claims, merely assert claims to power. ‘Anthroposophically oriented spiritual science takes the pristine wisdom of the world seriously. When one thinks in the spirit of anthroposophically oriented spiritual science, one sees in the content presented by this science not merely a sum of abstractions, a sum of abstract ideas, but something living that fills us, that can truly fill our souls with impulses, and that then becomes word and teaching; not merely in the academic sense, but in the sense that this spiritual-scientific wisdom becomes socially useful, just as the word becomes socially useful—the content expressed through it, which is then introduced from the supersensible worlds into the sensible world and thereby underlies our impulses; that is the inspiring spirit.

[ 18 ] Ich möchte sagen: Wir suchen die Pallas Athene, wir suchen die jungfräuliche Weisheit, die jungfräuliche Weisheit vom Kosmos. Aber wir suchen auch den Sohn, der von ihr stammt, der sich dadurch ausdrückt, daß in allem, was wir tun und wollen im sozialen Leben, diese Weisheit mitwirkt und uns dasjenige gibt, was die Richtung ausbildet für das, was wir wollen und tun. Dann drücken wir aus den Geist, und zwar den Heiligen Geist, der übersinnlich ist, in den sinnlichen Handlungen, die sich auf dem physischen Plane abspielen. Das aber läuft darauf hinaus, daß die Wissenschaft, welche im Sinne der Geistwissenschaft gesucht werden soll, in gewissem Sinne einen jungfräulichen Charakter tragen muß.

[ 18 ] I would like to say: We are seeking Pallas Athena; we are seeking virginal wisdom, the virginal wisdom of the cosmos. But we are also seeking the Son who proceeds from her, who expresses himself in such a way that, in everything we do and intend to do in social life, this wisdom is at work and gives us that which shapes the direction of what we intend and do. Then we express the Spirit—namely, the Holy Spirit, who is supersensory—in the sensory actions that take place on the physical plane. But this amounts to the fact that the science to be sought in the sense of spiritual science must, in a certain sense, bear a virginal character.

[ 19 ] Vielleicht werden Sie fragen: Hat denn das nun überhaupt einen Sinn? Ist das nicht vielleicht eine bloße Rederei? — Es hat einen sehr bedeutsamen, einen wichtigen, einen gewaltigen Sinn. Es hat nämlich den folgenden Sinn: Der Mensch richtet seine Sinne nach der Außenwelt; das ist seine Aufgabe, dazu ist er in die Welt gesetzt. Was die Sinne als solche empfangen, das kann nur naiv und unschuldig sein; es empfangen es auch die Tiere, bei denen man von einem Sollen oder Nicht-Sollen nicht sprechen kann. Aber der Mensch muß weitergehen: er kombiniert über dasjenige, was er sieht, was er wahrnimmt; er kombiniert. Was hat es mit diesem Kombinieren für eine Bewandtnis? Darauf antwortet heute schon die physische Wissenschaft, nicht die Gelehrten der physischen Wissenschaft.

[ 19 ] Perhaps you will ask: Does this even make any sense? Isn’t this just empty talk? — It has a very significant, an important, a tremendous meaning. For it has the following meaning: Human beings direct their senses toward the external world; that is their task, and that is why they have been placed in the world. What the senses as such perceive can only be naive and innocent; animals perceive it as well, and in their case one cannot speak of “ought” or “ought not.” But human beings must go further: they make connections based on what they see, what they perceive; they make connections. What is the nature of this process of making connections? Physical science itself—not the scholars of physical science—already provides an answer to this today.

[ 20 ] Der kombinierende Verstand, das, was der Mensch ausdenkt über die Eindrücke der Sinne, über die Wahrnehmungen, das ist etwas, was aus seinem eigenen Inneren, und zwar aus dem untergeordneten Inneren aufsteigt. Der Mensch ist eigentlich furchtbar stolz auf sein Gehirn, besonders auf die vorderen Partien. Aber vor einer wirklichen Wissenschaft sind die vorderen Partien dieses Gehirnes viel weniger wert als die weiter zurückliegenden Partien, denn diese vorderen Partien des Gehirnes sind im wesentlichen eigentlich doch nur das umgewandelte Geruchsorgan. Und im Sinne der physischen Wissenschaft gescheit sein, heißt eigentlich: als Mensch die Geruchsnerven soweit umgebildet zu haben, daß gute Assoziationsnerven daraus geworden sind, die Werkzeuge sein können — wenn ich das Wort gebrauchen darf — für das Kombinieren der sinnlichen Vorstellungen. Gescheit sein im Sinne des materialistischen Gescheitseins, heißt eigentlich, denjenigen Teil seines Gehirns gut umgebildet zu haben, der bei den niederen Wesen, den Tieren, der Nase angehört. Es heißt eigentlich nur, einen kombinierenden guten Spürsinn zu haben.

[ 20 ] The synthesizing mind—that which a person conceives based on sensory impressions and perceptions—is something that arises from within, specifically from the lower regions of the inner self. Human beings are actually terribly proud of their brains, especially the frontal lobes. But from the perspective of true science, the frontal lobes of the brain are of much less value than the more posterior regions, for these frontal lobes are essentially nothing more than the transformed olfactory organ. And to be intelligent in the sense of physical science actually means: as a human being, to have transformed the olfactory nerves to such an extent that they have become effective associative nerves, which can serve as tools—if I may use the word—for combining sensory perceptions. To be intelligent in the sense of materialistic intelligence actually means to have successfully transformed that part of one’s brain which, in lower beings—animals—belongs to the nose. It actually means nothing more than having a good, combinatory intuition.

[ 21 ] Diejenigen Menschen, welche in gesunder Weise so etwas zu empfinden, zu durchschauen vermochten, haben schon in der einen oder in der andern Weise auf solche Dinge hingewiesen. Denn denken Sie doch nur einmal, wenn man in einer gesunden Weise so etwas empfindet und fühlt, so muß man doch eigentlich sagen: Für den physischen Plan scharfsinnig sein, heißt eigentlich, einen besonderen, ins Menschliche umgesetzten, ausgebildeten Geruchssinn zu haben, heißt eigentlich, die Dinge besonders beschnüffeln zu können in wirklichem Sinne; so daß in gewissem Sinne die physische, auf kombinatorischem Wege entstandene Wissenschaft das Ergebnis der menschlichen Schnüffelei auf dem physischen Plane ist, ganz im wörtlichen Sinne zu verstehen. Zu sagen, daß, was man durch solches Schnüffeln herausbekommt, allerlei Kombinationen über atomistisches Geschehen, allerlei, was man herausbringt auf diesem Wege als chemische, physikalische Gesetze und so weiter, zu sagen, daß das irgend etwas besonders Hohes ist, das geht sehr an der Wahrheit vorbei. Das ist nur das Ergebnis des ausgebildeten Geruchssinnes. Das bezeugt schon die physische Wissenschaft. Sie können dies aus der Physiologie und Anatomie lernen, was ich jetzt berührt habe. Nur reicht noch nicht der umgewandelte Nasensinn der Gelehrten aus, um auch diese Konsequenz zu ziehen; so muß schon die Schnüflelei so weit noch getrieben werden, daß auch diese Folgerung, diese Konsequenz gezogen werden kann.

[ 21 ] Those people who were able to perceive and see through such things in a healthy way have already pointed them out in one way or another. For just think about it: if one perceives and feels such things in a healthy way, one must actually say: To be perceptive on the physical plane actually means to have a special, highly developed sense of smell adapted to human life; it actually means being able to sniff things out in a very real sense; so that, in a certain sense, physical science—which arose through combinatorial methods—is the result of human “sniffing” on the physical plane, to be understood in the most literal sense. To say that what one uncovers through such sniffing—all manner of combinations regarding atomic processes, all manner of things one derives in this way as chemical and physical laws and so on—to say that this is something particularly lofty, is to miss the mark entirely. It is merely the result of a highly developed sense of smell. Physical science itself attests to this. You can learn this from physiology and anatomy, which I have just touched upon. However, the scholars’ refined sense of smell is not yet sufficient to draw this conclusion; thus, the “sniffing around” must be pursued far enough that this inference, this conclusion, can be drawn.

[ 22 ] Einer derjenigen, die in gesunder menschlicher Weise über diese Tatsache empfanden, ist Goethe. Und Goethe hat von diesem Gesichtspunkt aus etwas ungeheuer Bedeutsames gesagt. Goethe hat ich habe das durch viele Jahre hindurch in der verschiedensten Weise dargestellt — eigentlich eine ganz andere Richtung der Naturforschung gefordert, als diejenige ist, die dann im 19. Jahrhundert und für unsere Zeit noch entstanden ist. Goethe wollte nämlich aus der Naturforschung etwas ausgemerzt haben, was ja für das gewöhnliche Leben eine Berechtigung hat, aber aus der Forschung wollte er es ausgemerzt haben. Immer wieder und wiederum kommt er darauf zurück, dieses Bestimmte aus der Forschung auszumerzen. Das, was er ausmerzen wollte, das war nämlich das Kombinieren, das Interpretieren der Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden. Er wollte, daß nur die Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden, ihrer eigenen Natur nach als Phänomene beschrieben werden; er wollte die sinnlichen Phänomene auf ihre Urphänomene zurückführen, aber nicht kombinieren mit dem Verstande: Was liegt da oder dort zugrunde? — Einen wunderschönen Ausspruch, der über die ganze Goethesche Weltanschauung hinleuchtet, hat Goethe getan, indem er sagte: Die Bläue des Himmels ist selber schon Theorie, man suche nur nichts hinter ihr.

[ 22 ] One of those who felt about this fact in a healthy, human way was Goethe. And from this perspective, Goethe said something immensely significant. Goethe—as I have described in various ways over many years—actually called for a completely different direction in natural science than the one that eventually emerged in the 19th century and continues to this day. Goethe wanted to eliminate from natural science something that, while justified in everyday life, had no place in scientific research. Time and again, he returns to the idea of eliminating this specific element from research. What he wanted to eliminate was, in fact, the combining and interpreting of facts perceived through the senses. He wanted only the facts perceived through the senses to be described as phenomena according to their own nature; he wanted to trace sensory phenomena back to their primordial phenomena, but not to combine them with the intellect: What lies at the root here or there? — Goethe made a wonderful statement that sheds light on his entire worldview when he said: “The blue of the sky is itself already a theory; one need only seek nothing behind it.”

[ 23 ] Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben will. Und den Verstand wollte er nur dazu benützt haben, um die Phänomene so zusammenzustellen, daß sie selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Verstandeskombination freie Naturforschung haben. Das liegt auch seiner Farbenlehre zugrunde. Man hat gar nicht verstanden, um was es sich bei diesen Dingen handelt. Denn Goethe wollte, daß der kombinierende Verstand sich zurückhalte von dem Kombinieren über Sinneswahrnehmungen, daß er einen andern Weg nehme. Goethe wollte mit andern Worten den menschlichen Verstand, den kombinierenden Verstand auch für die Naturforschung jungfräulich machen; er wollte ihm das Unkeusche, nur ein umgewandeltes Geruchsorgan zu sein, nehmen, das er im Grunde genommen dadurch hat, daß er den Sündenfall begangen hat. Denn der eine Teil des Sündenfalls ist der, den man in den alten Zeitraum verlegen kann, den ich Ihnen oftmals

[ 23 ] Pure contemplation—that is what Goethe is said to have sought. And he wanted to use the intellect only to arrange phenomena in such a way that they themselves reveal their secrets. Goethe wanted a form of natural science free of hypotheses and free of intellectual combinations. This also underlies his theory of colors. People have completely failed to understand what these things are all about. For Goethe wanted the combining intellect to refrain from combining sensory perceptions, to take a different path. In other words, Goethe wanted to restore the human intellect—the combining intellect—to a state of innocence for the study of nature; he wanted to rid it of the impurity of being merely a transformed olfactory organ, a condition it essentially acquired by committing the Fall. For one aspect of the Fall is that which can be traced back to the ancient era, which I have often mentioned to you

[ 24 ] geschildert habe. Aber eine Folge dieses Sündenfalles ist, daß immer wieder und wiederum bei der Weiterentwickelung die menschlichen Organe gewissermaßen eine tiefere Lage bekamen, als sie haben sollten. Und so ist denn der kombinierende Verstand des Menschen, insofern er sich betätigt in der äußeren physischen Welt, dem Sündenfall unterworfen.

[ 24 ] as I have described. But one consequence of this Fall is that, time and again throughout the course of human evolution, the human organs have, so to speak, come to occupy a lower position than they should. And so the human combinatory intellect, insofar as it operates in the external physical world, is subject to the Fall.

[ 25 ] Für die äußere physische Welt ist das ganz berechtigt. Dieser physische Verstand muß genau ebenso an die umgewandelten Geruchsorgane gebunden sein, wie für die äußere physische Welt die physische Sexualität und Fortpflanzung da sein muß. Aber in der Wissenschaft soll gesucht werden die Jungfräulichkeit des Verstandes. Losgerissen ist der Verstand von den Verrichtungen, die er vollzieht, wenn er als bloß umgewandelter Geruchssinn sinnliche Objekte kombiniert. Die Bläue des Himmels soll nicht im Sinne der physischen Wissenschaft, im Sinne der Newtonschen Physik gedeutet werden, wie Sie es heute in jedem Physikbuch lesen können, sondern die Bläue des Himmels ist selbst Theorie im Sinne Goethes. Und Goethe richtig verstehen heißt auch auf diesem Gebiete, in ihm diejenige Persönlichkeit zu sehen, welche ganz in dem Geiste wirken wollte, der auch der Geist der Geisteswissenschaft ist. Bis in die Naturforschung hinein hat Goethe konsequent gedacht. Und indem er nur solche Theorien in der Naturwissenschaft gefordert hat, die bis zu dem Urphänomen gehen, die nicht allerlei Atomtheorien, Tontheorien, Elektrontheorien, Gravitationstheorien und so weiter kombinieren aus den Phänomenen, wies er in der Tat gerade auf physikalischem Gebiete auf dasjenige hin, was ich andeuten wollte, indem ich auf Pallas Athene als die Repräsentantin der Weisheit hinwies. Dadurch allein aber beginnt man schon auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, daß man die Mutter entreißt der Kombinatorik und sich hinwendet zu der Anschauung des reinen, jungfräulichen Urphänomens.

[ 25 ] For the external physical world, this is entirely justified. This physical intellect must be bound to the transformed olfactory organs just as physical sexuality and reproduction must exist for the external physical world. But in science, one must seek the virginity of the intellect. The intellect is detached from the processes it carries out when, as a merely transformed sense of smell, it combines sensory objects. The blue of the sky should not be interpreted in the sense of physical science, in the sense of Newtonian physics—as you can read in any physics textbook today—but rather, the blue of the sky is itself a theory in Goethe’s sense. And to understand Goethe correctly in this field also means to see in him the personality who sought to work entirely in the spirit that is also the spirit of spiritual science. Goethe thought consistently even in the realm of natural science. And by demanding only those theories in natural science that go back to the primordial phenomenon—theories that do not combine all manner of atomic theories, electron theories, theories of gravity, and so on—he in fact pointed precisely to what I intended to suggest in the field of physics by referring to Pallas Athena as the representative of wisdom. Through this alone, however, one begins—even in the field of natural science—to turn toward the Son, so that one snatches the Mother from combinatorics and turns toward the contemplation of the pure, virginal primordial phenomenon.

[ 26 ] Damit sehen Sie, welch tiefer Ernst, welche tiefe Bedeutung in dem eigentlich steckt, was Goetheanismus genannt werden kann. Ich wollte Ihnen damit nur eben andeuten, wie — unberücksichtigt von der allgemeinen sogenannten Bildung — auch die Impulse nach der andern Seite im 19. Jahrhundert schon da waren. Dessen seien wir nur auch eingedenk. Dann werden wir die Forderungen der gegenwärtigen Zeit in richtigem Sinne deuten und werden die richtigen Impulse aus diesen Forderungen der Gegenwart schöpfen.

[ 26 ] This shows you the profound seriousness and deep significance inherent in what might be called Goetheanism. I simply wanted to suggest to you how—regardless of general so-called education—the impulses toward the other side were already present in the 19th century. Let us simply bear this in mind as well. Then we will interpret the demands of the present time in the proper sense and draw the right impulses from these demands of the present.

[ 27 ] Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Es wäre natürlich durchaus falsch, wenn man glauben wollte, daß dasjenige, was im Weihnachtssinn katastrophal ist, auch im Ostersinn katastrophal sein müßte. Aus dem Katastrophalen von heute kann sich allerdings gerade das Umgekehrte, das Größte des Menschenschaffens ergeben, wenn die Menschheit Mittel und Wege findet, um von dem zu lernen und mit geradem Sinne hinzuschauen auf dasjenige, was eingetreten ist.

[ 27 ] We live in catastrophic times. It would, of course, be entirely wrong to believe that what is catastrophic in the sense of Christmas must also be catastrophic in the sense of Easter. However, today’s catastrophes can give rise to precisely the opposite—the greatest achievements of human creativity—if humanity finds ways and means to learn from them and to look with clear-eyed insight at what has happened.

[ 28 ] Wenn ich solche Vorstellungen vorbringe, die vielleicht von manches Freundes Denken fernab liegen, so ist es, um immer wieder und wiederum auf die gewichtige Tatsache hinzuweisen, daß man in unserer Zeit sich bemühen muß, nicht in bequemer Weise mit den alten Begriffen und mit den alten Anschauungen zu arbeiten, sondern daß man in unserer Zeit streben muß nach neuen Begriffen, nach neuen Anschauungen.

[ 28 ] When I put forward such ideas—which may be far removed from the thinking of some of my friends—it is to point out again and again the important fact that in our time we must strive not to rely comfortably on old concepts and old views, but rather to seek new concepts and new views.

[ 29 ] Was liegt denn einer solchen Tendenz wie der Goetheschen eigentlich zugrunde: den kombinatorischen Verstand nicht zu verwenden auf das äußere Phänomen, sondern dieses in seiner Jungfräulichkeit anzuschauen? Dem liegt zugrunde, daß gerade, wenn man dies tut, wenn man nicht diesen Verstand in den Sündenfall kommen läßt durch allerlei Kombinationen über Atome und Atomgruppen und Atomzusammenhänge und Tone und Elektrone und Gravitation und so weiter, wenn man dem Verstande erspart, daß er sich vermischt mit der äußeren Sinnlichkeit, um materialistische Theorien zu bilden —, dann dieser Verstand nach der andern sich wendet, nach der spirituellen Seite hin; und er gebiert den Sohn: die geisteswissenschaftliche Lehre, die zuletzt zum wirklichen Verständnis des Menschen, des ganzen Menschen führt. Das sagte ich ja in diesen Tagen: Nur bis zu einer gewissen Grenze führte die alte Weisheit, die Weisheit der mittleren Zeit, die Weisheit der vierten nachatlantischen Periode; der Mensch war gewissermaßen nicht mitbegriffen. Heute haben wir die Aufgabe, aus der Erfassung der geistigen Tatsachen heraus den Menschen zu verstehen.

[ 29 ] What, then, actually underlies a tendency such as Goethe’s: not to apply the combinatorial intellect to external phenomena, but rather to contemplate them in their pristine state? The basis for this is that precisely when one does this—when one does not allow this intellect to fall into sin through all manner of combinations involving atoms, groups of atoms, atomic relationships, sound, electrons, gravity, and so on; when one spares the intellect from becoming entangled with external sensuality in order to form materialistic theories— then this intellect turns toward the spiritual side; and it gives birth to the Son: the spiritual-scientific teaching that ultimately leads to a true understanding of the human being, the whole human being. As I have said in recent days: The ancient wisdom, the wisdom of the Middle Ages, and the wisdom of the fourth post-Atlantean epoch led only up to a certain limit; the human being, so to speak, was not included. Today, our task is to understand the human being through our grasp of spiritual realities.

[ 30 ] Nach neuen Begriffen, nach neuen Ideen müßte eigentlich die Menschheit lechzen. Das muß man sich voll zum Bewußtsein bringen. Und wenn man heute fragt: Welche Gedanken werden denn die besten Weihnachtsgedanken sein? Welche werden nach dreiunddreißig Jahren die besten Früchte tragen? — Diejenigen werden es eben sein, die davon ausgehen, in ehrlicher und aufrichtiger Weise wirklich nach neuer Erfassung der Welt, nach neuer Erfassung der Wirklichkeit zu suchen. Sehnsucht entwickeln nach dem, was die Welt in neuem Sinne zu offenbaren hat, das sind die besten Weihnachtsgedanken; nicht stehenbleiben wollen bei demjenigen, was das Alte ist. Das ist ein heute noch durchgreifender Impuls der Menschheit: stehenzubleiben bei dem, was das Alte ist, weil sich die Menschheit so schwer aufraffen kann, das wirklich aus dem Innersten des Seelenwesens zu holen, was bekannt werden soll durch die Lippen. Der Mensch kann heute nur dann seine Aufgabe als Mensch recht erfüllen, wenn er den Willen entwickelt, bis zum Zentrum seines Wesens hinein echt und wahr zu sein, indem er nicht nur versucht, über die alten Dinge nachzudenken, sondern das Neue, das geholt werden muß aus den Tiefen des Wesens, zum Inhalte seines Bekenntnisses und auch seines Tuns macht.

[ 30 ] Humanity should actually be yearning for new concepts, for new ideas. We must fully bring this to mind. And if one asks today: What thoughts will be the best Christmas thoughts? Which ones will bear the best fruit thirty-three years from now? — They will be precisely those that stem from a sincere and honest search for a new understanding of the world, for a new understanding of reality. Developing a longing for what the world has to reveal in a new sense—these are the best Christmas thoughts; not wanting to remain stuck with what is old. This is still a pervasive impulse in humanity today: to remain stuck in the old, because humanity finds it so difficult to summon the strength to draw from the very depths of the soul what is to be expressed through the lips. Today, a person can only truly fulfill their task as a human being if they develop the will to be genuine and true right down to the center of their being—not merely by trying to reflect on the old things, but by making the new—which must be drawn from the depths of their being—the substance of their creed and also of their actions.

[ 31 ] Man braucht in dem gedankenlosen Nachsprechen nicht gleich so weit zu gehen wie jener Politiker, welcher, um eine große politische Manifestation im Jahre 1917 loszulassen, eine alte politische Annunziation aus dem Jahre 1864 vornahm und sie fast wörtlich abschrieb! Da braucht man ja allerdings nicht viel zu denken, wenn man als maßgebender Politiker von 1917 eine alte brasilianische Urkunde hernimmt und Satz für Satz abschreibt, um das der Welt als eine große Offenbarung hinzustellen! Man braucht, wie gesagt, nicht so weit zu gehen, wie dieser Woodrow Blechschmied — pardon, wollte sagen Wilson, der in der Tat es zustande gebracht hat, die «bedeutende Manifestation», die er vor einiger Zeit erlassen hat, dadurch zu fabrizieren, daß er fast wörtlich eine Manifestation des Kaisers von Brasilien aus dem Jahre 1864 abgeschrieben hat.

[ 31 ] One need not go as far in thoughtless parroting as that politician who, in order to launch a major political campaign in 1917, took an old political proclamation from 1864 and copied it almost word for word! It certainly doesn’t take much thought for a leading politician of 1917 to take an old Brazilian document and copy it sentence by sentence, only to present it to the world as some great revelation! As I said, one need not go as far as this Woodrow Blechschmied—pardon me, I meant to say Wilson—who actually managed to fabricate the “significant manifesto” he issued some time ago by copying, almost word for word, a manifesto by the Emperor of Brazil from 1864.

[ 32 ] Aber es ist notwendig, die Dinge, auch wenn sie solche klägliche Einzelheiten sind, in ihrer wahren Gestalt zu schauen. Denn man kann sagen: Man möchte vor Mitleid überfließen mit der armen Menschheit, die heute Dinge ernst nimmt, die im wahren Lichte gesehen eigentlich etwas Furchtbares darstellen an Unwahrhaftigkeit und an Verlogenheit, die durch die Welt gehen. — Das ist nicht gesagt, um irgendwie anzuklagen, nicht einmal, um zu kritisieren, sondern nur um den Sinn anzuregen, wirklich die Augen aufzumachen und mit offenen Augen dasjenige zu sehen, was geschieht. Zuweilen wird heute als etwas Großes dasjenige angebetet, was nicht mehr ist als lächerlich. Aber in diese Dinge muß eben hineingesehen werden. Entwickelt man den Willen zu solchem Hineinsehen, dann entwickelt man schon Weihnachtsgedanken, welche die rechten Ostergedanken sein werden. Dann kann man vielleicht in einer etwas paradoxen Weise sogar sagen: Je leidvoller diese Gegenwart ist, desto größere Früchte kann sie für die Zukunft tragen. — Aber gerade eine solche Zeit wie die unsrige hat es nötig, daß sich nicht erfülle an ihr das dichterische Wort von dem Finden eines kleinen Geschlechtes von seiten einer großen Zeit.

[ 32 ] But it is necessary to see things—even if they are such pitiful details—in their true light. For one might say: One is moved to overflowing compassion for poor humanity, which today takes seriously things that, when viewed in their true light, actually represent something terrible in terms of insincerity and hypocrisy that pervade the world. — This is not said to accuse in any way, not even to criticize, but only to stimulate the mind to truly open its eyes and see with open eyes what is happening. At times today, things that are nothing more than ridiculous are idolized as something great. But one must look deeply into these matters. If one develops the will to look deeply into them, then one is already cultivating Christmas thoughts that will become the true thoughts of Easter. Then, perhaps in a somewhat paradoxical way, one might even say: The more painful the present is, the greater the fruits it can bear for the future. — But it is precisely a time like ours that requires that the poetic words about a great age “finding a small generation” do not come true.

[ 33 ] Leidvoll ist unsere Zeit. Groß kann sie dennoch sein, aber sie muß in gewisser Beziehung Menschen finden, die auch groß denken können. — Die Wilsonianer werden es nicht sein!

[ 33 ] Our times are full of suffering. Yet they can still be great; but in a certain sense, they must find people who are also capable of thinking on a grand scale. — The Wilsonians will not be among them!