Mystery Truths and Christmas Impulses
Ancient Myths and Their Significance
GA 180
26 December 1917, Dornach
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Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse
Vierter Vortrag
Vierter Vortrag
[ 1 ] Gestern bemühte ich mich zu zeigen, wie die Entwickelung im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein in der Tat diesen Lauf genommen hat, das Wissen, die Erkenntnis der übersinnlichen Impulse in der Weltentwickelung immer mehr und mehr auszumerzen. Ich versuchte dies an dem Beispiele zu zeigen, das gerade für uns von besonderer Wichtigkeit sein kann, an der Verkennung der Mysterien. Wir haben gesehen, wie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Grunde genommen vorhanden war ein deutliches Bewußtsein davon, daß hinter der Welt der sinnlichen Dinge, namentlich derjenigen Wesenheiten, die der Mensch mit seinem gewöhnlichen, auf den Alltagsgebrauch gerichteten Verstand erreichen kann, daß hinter dieser sinnlichen Wesenheit eine übersinnliche Wesenheit ist, und daß es notwendig ist — davon hatte man ein Bewußtsein bis zum Ende des 18. Jahrhunderts —, die Menschenseele in irgendeine unmittelbare Verbindung zu bringen mit dieser übersinnlichen Welt.
[ 1 ] Gestern bemühte ich mich zu zeigen, wie die Entwickelung im 19. Jahrhundert und bis in unsere Zeit herein in der Tat diesen Lauf genommen hat, das Wissen, die Erkenntnis der übersinnlichen Impulse in der Weltentwickelung immer mehr und mehr auszumerzen. Ich versuchte dies an dem Beispiele zu zeigen, das gerade für uns von besonderer Wichtigkeit sein kann, an der Verkennung der Mysterien. Wir haben gesehen, wie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts im Grunde genommen vorhanden war ein deutliches Bewußtsein davon, daß hinter der Welt der sinnlichen Dinge, namentlich derjenigen Wesenheiten, die der Mensch mit seinem gewöhnlichen, auf den Alltagsgebrauch gerichteten Verstand erreichen kann, daß hinter dieser sinnlichen Wesenheit eine übersinnliche Wesenheit ist, und daß es notwendig ist — davon hatte man ein Bewußtsein bis zum Ende des 18. Jahrhunderts —, die Menschenseele in irgendeine unmittelbare Verbindung zu bringen mit dieser übersinnlichen Welt.
[ 2 ] Ich habe auf den großen Gegensatz hingewiesen, der besteht zwischen einer Vorstellungsweise wie der von Saint-Martin und der von Dupuis. Bei Saint-Martin findet man noch ein Bewußtsein alter Mysterienwahrheiten, was möglich war dadurch, daß er in einem gewissen Sinne ein Schüler und Nachfolger Jakob Böhmes war. Bei SaintMartin, dessen Vorstellungsart noch im 18. Jahrhundert großen Einfluß hatte, finden wir also die untergehende Seite des Bewußtseins des 18. Jahrhunderts. Bei Dupuis finden wir die aufgehende Seite, die Seite des Vorstellungswesens des 18. Jahrhunderts, welche überzeugt ist davon, daß alles dasjenige, was Mysterienoffenbarung war, im Grunde genommen auf Irrtum.oder auf Betrug beruhe, und daß der Mensch nur dann ein wirklich aufgeklärtes Wesen ist, wenn er alles das abtut, was mit diesen Mysterienwahrheiten zusammenhängt, wenn er sich darauf beschränkt, eine Wissenschaft zu begründen, welche rein auf die Sinneswelt gebaut ist und auf den von dieser Sinneswelt abhängigen Verstand. Wir sagten, daß im Gegensatze zu dem Materialismus, der dann im 19. Jahrhundert begründet worden ist, der im Grunde genommen ein philiströser Materialismus ist, der Materialismus Dupuis’ noch etwas hat von Größe, von Unbefangenheit, von Nichtphilistrosität.
[ 2 ] Ich habe auf den großen Gegensatz hingewiesen, der besteht zwischen einer Vorstellungsweise wie der von Saint-Martin und der von Dupuis. Bei Saint-Martin findet man noch ein Bewußtsein alter Mysterienwahrheiten, was möglich war dadurch, daß er in einem gewissen Sinne ein Schüler und Nachfolger Jakob Böhmes war. Bei SaintMartin, dessen Vorstellungsart noch im 18. Jahrhundert großen Einfluß hatte, finden wir also die untergehende Seite des Bewußtseins des 18. Jahrhunderts. Bei Dupuis finden wir die aufgehende Seite, die Seite des Vorstellungswesens des 18. Jahrhunderts, welche überzeugt ist davon, daß alles dasjenige, was Mysterienoffenbarung war, im Grunde genommen auf Irrtum.oder auf Betrug beruhe, und daß der Mensch nur dann ein wirklich aufgeklärtes Wesen ist, wenn er alles das abtut, was mit diesen Mysterienwahrheiten zusammenhängt, wenn er sich darauf beschränkt, eine Wissenschaft zu begründen, welche rein auf die Sinneswelt gebaut ist und auf den von dieser Sinneswelt abhängigen Verstand. Wir sagten, daß im Gegensatze zu dem Materialismus, der dann im 19. Jahrhundert begründet worden ist, der im Grunde genommen ein philiströser Materialismus ist, der Materialismus Dupuis’ noch etwas hat von Größe, von Unbefangenheit, von Nichtphilistrosität.
[ 3 ] In gewissem Sinne stand dann die ganze Entwickelung des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit hinein unter dem Einflusse dieser ‚Abweisung alles Übersinnlichen. Denn, was versucht worden ist von der einen oder andern Seite hineinzutragen an Zusammenhängen der Menschenseele mit dem Übersinnlichen, das ist entweder beschränkt geblieben auf engste Kreise, oder aber es waren immer Versuche mit veralteten oder sonstigen unzulänglichen Mitteln. Das 19. Jahrhundert mußte eben einen gewissen Fonds rein materialistischer Wahrheiten ausbilden, mußte diesen Fonds rein materialistischer Anschauungen, Empfindungen, Willensimpulse sammeln. Und der Mensch derGegenwart hat nun einmal die Aufgabe, dieses sich klarzumachen, um daraus die notwendige Folgerung zu ziehen: Der Zusammenhang rein materialistischer Anschauungen mit dem, wozu diese Anschauungen geführt haben, lehrt, daß wiederum der Weg genommen werden muß von rein materialistischem Anschauen — oder man könnte auch sagen von rein verstandesmäßigem Anschauen — zu spirituellem Anschauen.
[ 3 ] In gewissem Sinne stand dann die ganze Entwickelung des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Zeit hinein unter dem Einflusse dieser ‚Abweisung alles Übersinnlichen. Denn, was versucht worden ist von der einen oder andern Seite hineinzutragen an Zusammenhängen der Menschenseele mit dem Übersinnlichen, das ist entweder beschränkt geblieben auf engste Kreise, oder aber es waren immer Versuche mit veralteten oder sonstigen unzulänglichen Mitteln. Das 19. Jahrhundert mußte eben einen gewissen Fonds rein materialistischer Wahrheiten ausbilden, mußte diesen Fonds rein materialistischer Anschauungen, Empfindungen, Willensimpulse sammeln. Und der Mensch derGegenwart hat nun einmal die Aufgabe, dieses sich klarzumachen, um daraus die notwendige Folgerung zu ziehen: Der Zusammenhang rein materialistischer Anschauungen mit dem, wozu diese Anschauungen geführt haben, lehrt, daß wiederum der Weg genommen werden muß von rein materialistischem Anschauen — oder man könnte auch sagen von rein verstandesmäßigem Anschauen — zu spirituellem Anschauen.
[ 4 ] Wenn man in dem Sinne, in dem gestern davon gesprochen worden ist, den Grundnerv des alten Mysterienwesens vergleicht mit dem, was nun spirituelle Wissenschaft sein muß, so kann man sagen, diese alte Mysterienweisheit hatte vorzüglich die Menschheit davor zu behüten, gewisse Kräfte, von denen wir gestern gesprochen haben, im Sinne einer verderblichen magischen Verrichtungsweise zu gebrauchen. Und wir haben ja auch schon erwähnt, daß im Gegensatze dazu die spirituelle Weisheit der neueren Zeit die Aufgabe hat, die Menschheit gerade aufmerksam darauf zu machen, wie die Verbindung gewisser Gesinnungen mit dem schon einmal für die neuere Zeit notwendigen materiellen Wissen in ähnlicher Weise dem Menschenheile schädliche Kräfte hervorrufen muß, wie nach einer andern Seite damals jene Kräfte, von denen gestern gesprochen worden ist. Ich sagte, daß es nun schon einmal ein inneres Weltengesetz ist, daß, wenn jene Gedanken, die notwendig die Gedanken der neueren Zeit sein müssen, die Gedanken der physikalischen, der chemischen, der nationalökonomischen Wirksamkeiten im Sinne der neueren Zeit, der internationalen Finanzgebarung und so weiter, wenn die Gedanken, die auf dieses alles verwendet werden und verwendet werden müssen über die ganze Erde hin in gleicher Weise, sich in den Menschenseelen verbinden mit rein nationaler Gesinnung, mit nationalem Empfinden, daß dann durch die Verbindung des National-Gesinntseins, des nationalen Pathos könnten wir auch sagen, mit den internationalen Gedanken der Physik, der Chemie, der Nationalökonomie, des internationalen kommerziellen Elementes, der Finanzgebarung und so weiter, ahrimanische Elementarwesen entstehen. Und diese Elementarwesen ahrimanischer Art müssen immer mehr und mehr die Menschen hineintreiben in Dinge, welche notwendig entgegenwirken müssen der heilsamen Entwickelung des Menschengeschlechtes in den letzten drei Kulturperioden, die die Erde noch zu absolvieren hat.
[ 4 ] Wenn man in dem Sinne, in dem gestern davon gesprochen worden ist, den Grundnerv des alten Mysterienwesens vergleicht mit dem, was nun spirituelle Wissenschaft sein muß, so kann man sagen, diese alte Mysterienweisheit hatte vorzüglich die Menschheit davor zu behüten, gewisse Kräfte, von denen wir gestern gesprochen haben, im Sinne einer verderblichen magischen Verrichtungsweise zu gebrauchen. Und wir haben ja auch schon erwähnt, daß im Gegensatze dazu die spirituelle Weisheit der neueren Zeit die Aufgabe hat, die Menschheit gerade aufmerksam darauf zu machen, wie die Verbindung gewisser Gesinnungen mit dem schon einmal für die neuere Zeit notwendigen materiellen Wissen in ähnlicher Weise dem Menschenheile schädliche Kräfte hervorrufen muß, wie nach einer andern Seite damals jene Kräfte, von denen gestern gesprochen worden ist. Ich sagte, daß es nun schon einmal ein inneres Weltengesetz ist, daß, wenn jene Gedanken, die notwendig die Gedanken der neueren Zeit sein müssen, die Gedanken der physikalischen, der chemischen, der nationalökonomischen Wirksamkeiten im Sinne der neueren Zeit, der internationalen Finanzgebarung und so weiter, wenn die Gedanken, die auf dieses alles verwendet werden und verwendet werden müssen über die ganze Erde hin in gleicher Weise, sich in den Menschenseelen verbinden mit rein nationaler Gesinnung, mit nationalem Empfinden, daß dann durch die Verbindung des National-Gesinntseins, des nationalen Pathos könnten wir auch sagen, mit den internationalen Gedanken der Physik, der Chemie, der Nationalökonomie, des internationalen kommerziellen Elementes, der Finanzgebarung und so weiter, ahrimanische Elementarwesen entstehen. Und diese Elementarwesen ahrimanischer Art müssen immer mehr und mehr die Menschen hineintreiben in Dinge, welche notwendig entgegenwirken müssen der heilsamen Entwickelung des Menschengeschlechtes in den letzten drei Kulturperioden, die die Erde noch zu absolvieren hat.
[ 5 ] Im rechten Sinne wird man das Mysterium von Golgatha sehen, wenn man in ihm dasjenige erkennt, was notwendigerweise ausgleichen muß die schädliche Kraft, die von der eben bezeichneten Seite her kommt. Alles, was das Mysterium von Golgatha bewirken kann, wirkt dem entgegen, was von den eben charakterisierten Kräften kommt. Die eben charakterisierten Kräfte können nicht anders in der richtigen Art paralysiert werden, als durch ein verständnisvolles Sich-Hingeben an das Mysterium von Golgatha. Das bloße Erzählen, daß im Beginne unserer Zeitrechnung dieses Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, das bloße Nachreden des Evangeliums, so wie man das Evangelium nun einmal in den gebräuchlichen Kirchen auslegt, das tut es nicht; denn das würde voraussetzen das Vorurteil, daß nur im Beginne unserer Zeitrechnung eine Offenbarung möglich war. Aber die Offenbarung dauert fort. Der Christus Jesus ist immer da. Und diese Gesinnung, die den Christus Jesus als einen fortdauernd Gegenwärtigen erkennt, ist diejenige christliche Gesinnung, die durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. Aber das erfordert, daß man sich mit den einzelnen wirklichen Impulsen bekanntmacht, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, daß man dasjenige erkennen lernt, was im besonderen hinter dem Mysterium von Golgatha steckt.
[ 5 ] Im rechten Sinne wird man das Mysterium von Golgatha sehen, wenn man in ihm dasjenige erkennt, was notwendigerweise ausgleichen muß die schädliche Kraft, die von der eben bezeichneten Seite her kommt. Alles, was das Mysterium von Golgatha bewirken kann, wirkt dem entgegen, was von den eben charakterisierten Kräften kommt. Die eben charakterisierten Kräfte können nicht anders in der richtigen Art paralysiert werden, als durch ein verständnisvolles Sich-Hingeben an das Mysterium von Golgatha. Das bloße Erzählen, daß im Beginne unserer Zeitrechnung dieses Mysterium von Golgatha stattgefunden hat, das bloße Nachreden des Evangeliums, so wie man das Evangelium nun einmal in den gebräuchlichen Kirchen auslegt, das tut es nicht; denn das würde voraussetzen das Vorurteil, daß nur im Beginne unserer Zeitrechnung eine Offenbarung möglich war. Aber die Offenbarung dauert fort. Der Christus Jesus ist immer da. Und diese Gesinnung, die den Christus Jesus als einen fortdauernd Gegenwärtigen erkennt, ist diejenige christliche Gesinnung, die durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gewonnen werden kann. Aber das erfordert, daß man sich mit den einzelnen wirklichen Impulsen bekanntmacht, die mit dem Mysterium von Golgatha zusammenhängen, daß man dasjenige erkennen lernt, was im besonderen hinter dem Mysterium von Golgatha steckt.
[ 6 ] Auf eine solche Wahrheit habe ich schon aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was der Mensch unternimmt, nicht insoweit sein individuelles, persönliches Karma in Betracht kommt, sondern was er unternimmt im Zusammenhange des sozialen, sittlichen, geschichtlichen Wirkens, einer gewissen Gesetzmäßigkeit im historischen Werdegang unterliegt; daß das, was in einem bestimmten Jahre geschieht, gewissermaßen, wenn es als Gedanke entspringt aus dem Menschen, den Weihnachtscharakter und nach dreiunddreißig Jahren den Ostercharakter hat. Das bezieht sich auf die Wirkung unserer Handlungen im sozialen Zusammenhang, wie gesagt, nicht auf das persönliche Karma. Wenn ich ein Paar Schuhe fabriziere, so liegt in dem Fabrizieren dieses Paares Schuhe selbstverständlich etwas, was gewissermaßen zurückstrahlt auf mein persönliches Karma. Das ist eine Strömung für sich. Aber ich mache dem andern ein Paar Schuhe; da wirke ich schon sozial. Das ist ein sehr elementarer Vorgang. Von diesem Elementarvorgang bis hinauf zu den großen politischen und sozialen Maßnahmen ist ein weiter Weg, aber alles, was auf diesem Wege liegt, gehört in das Gebiet des also nach dreiunddreißig Jahren recht wirksam Werdenden. Und dann, wenn gewissermaßen ein solcher Keim, der gelegt worden ist, ausgereift ist, dann wirkt er weiter. Eine Menschengeneration von dreiunddreißig Jahren reift einen Gedankenkeim, einen Tatenkeim aus. Ist er dann ausgereift, so wirkt er durch sechsundsechzig Jahre weiter noch im geschichtlichen Werden. Man erkennt die Intensität eines Impulses, den der Mensch ins geschichtliche Werden hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit durch drei Generationen, durch ein ganzes Jahrhundert hindurch.
[ 6 ] Auf eine solche Wahrheit habe ich schon aufmerksam gemacht, daß dasjenige, was der Mensch unternimmt, nicht insoweit sein individuelles, persönliches Karma in Betracht kommt, sondern was er unternimmt im Zusammenhange des sozialen, sittlichen, geschichtlichen Wirkens, einer gewissen Gesetzmäßigkeit im historischen Werdegang unterliegt; daß das, was in einem bestimmten Jahre geschieht, gewissermaßen, wenn es als Gedanke entspringt aus dem Menschen, den Weihnachtscharakter und nach dreiunddreißig Jahren den Ostercharakter hat. Das bezieht sich auf die Wirkung unserer Handlungen im sozialen Zusammenhang, wie gesagt, nicht auf das persönliche Karma. Wenn ich ein Paar Schuhe fabriziere, so liegt in dem Fabrizieren dieses Paares Schuhe selbstverständlich etwas, was gewissermaßen zurückstrahlt auf mein persönliches Karma. Das ist eine Strömung für sich. Aber ich mache dem andern ein Paar Schuhe; da wirke ich schon sozial. Das ist ein sehr elementarer Vorgang. Von diesem Elementarvorgang bis hinauf zu den großen politischen und sozialen Maßnahmen ist ein weiter Weg, aber alles, was auf diesem Wege liegt, gehört in das Gebiet des also nach dreiunddreißig Jahren recht wirksam Werdenden. Und dann, wenn gewissermaßen ein solcher Keim, der gelegt worden ist, ausgereift ist, dann wirkt er weiter. Eine Menschengeneration von dreiunddreißig Jahren reift einen Gedankenkeim, einen Tatenkeim aus. Ist er dann ausgereift, so wirkt er durch sechsundsechzig Jahre weiter noch im geschichtlichen Werden. Man erkennt die Intensität eines Impulses, den der Mensch ins geschichtliche Werden hineinlegt, auch in seiner Wirksamkeit durch drei Generationen, durch ein ganzes Jahrhundert hindurch.
[ 7 ] Die Festlegung der beiden Grenz-Feste des Christentums, des Weihnachtsfestes und des Osterfestes, ist sehr sinnvoll vorgenommen worden. Das Weihnachtsfest ist ein sogenanntes unbewegliches Fest; es fällt einfach ungefähr auf die Wintersonnenwende. Das Osterfest ist ein bewegliches Fest. Das Weihnachtsfest ist festgelegt, weil es der Ausdruck ist, wie wir wissen, für eine ganz bestimmte kosmische Tatsache. Diese kosmische Tatsache kann man sich nicht oft genug vor die Seele rufen. Es ist ja ein Vorurteil, daß unsere Erde dasjenige ist, was die Geologie, die Physik, die Mineralogie, Geophysik und so weiter anerkennen wollen. Unsere Erde ist ein mächtiger Geistorganismus. Wir leben in der Tat nicht bloß auf einer mineralischen Erde, die von einem Luftkreise umgeben ist. Wir leben innerhalb des mächtigen Geistorganismus Erde, und dieser Geistorganismus hat in gewisser Beziehung ein auf- und absteigendes Leben. Dieser Geistorganismus schläft im Sommer. Er hat seinen tiefsten Schlaf dann, wenn das Sommersolstitium eingetreten ist, zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte für uns. Beim Menschen richtet sich der Schlaf nur nach der Zeit; bei der Erde richtet sich der Schlaf auch nach dem Orte. Die Orte schlafen verschieden; doch das ist nur zu berühren. Im Winter hat die Erde ihre eigentliche Wachezeit. Da ist das, was man den Intellekt der Erde nennen kann, am allertätigsten. Daran zu erinnern, daß, wenn die kürzesten Tage, die längsten Nächte da sind, dann die Erde am wachsten ist für den Ort, wo das zutrifft, daran zu erinnern ist der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes. Suchen soll derjenige, der das Weihnachtsfest anerkennt, den Erdenintellekt, wie er in den Tiefen der Erde gefunden werden kann, so wie das Christkind verborgen im Stalle gefunden wird, oder in einer Höhle, oder in einer Grotte, je nach den verschiedenen Anschauungen. Ein unbewegliches Fest ist dieses Weihnachtsfest.
[ 7 ] Die Festlegung der beiden Grenz-Feste des Christentums, des Weihnachtsfestes und des Osterfestes, ist sehr sinnvoll vorgenommen worden. Das Weihnachtsfest ist ein sogenanntes unbewegliches Fest; es fällt einfach ungefähr auf die Wintersonnenwende. Das Osterfest ist ein bewegliches Fest. Das Weihnachtsfest ist festgelegt, weil es der Ausdruck ist, wie wir wissen, für eine ganz bestimmte kosmische Tatsache. Diese kosmische Tatsache kann man sich nicht oft genug vor die Seele rufen. Es ist ja ein Vorurteil, daß unsere Erde dasjenige ist, was die Geologie, die Physik, die Mineralogie, Geophysik und so weiter anerkennen wollen. Unsere Erde ist ein mächtiger Geistorganismus. Wir leben in der Tat nicht bloß auf einer mineralischen Erde, die von einem Luftkreise umgeben ist. Wir leben innerhalb des mächtigen Geistorganismus Erde, und dieser Geistorganismus hat in gewisser Beziehung ein auf- und absteigendes Leben. Dieser Geistorganismus schläft im Sommer. Er hat seinen tiefsten Schlaf dann, wenn das Sommersolstitium eingetreten ist, zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte für uns. Beim Menschen richtet sich der Schlaf nur nach der Zeit; bei der Erde richtet sich der Schlaf auch nach dem Orte. Die Orte schlafen verschieden; doch das ist nur zu berühren. Im Winter hat die Erde ihre eigentliche Wachezeit. Da ist das, was man den Intellekt der Erde nennen kann, am allertätigsten. Daran zu erinnern, daß, wenn die kürzesten Tage, die längsten Nächte da sind, dann die Erde am wachsten ist für den Ort, wo das zutrifft, daran zu erinnern ist der tiefere Sinn des Weihnachtsfestes. Suchen soll derjenige, der das Weihnachtsfest anerkennt, den Erdenintellekt, wie er in den Tiefen der Erde gefunden werden kann, so wie das Christkind verborgen im Stalle gefunden wird, oder in einer Höhle, oder in einer Grotte, je nach den verschiedenen Anschauungen. Ein unbewegliches Fest ist dieses Weihnachtsfest.
[ 8 ] Ein bewegliches Fest, festgelegt nach dem Stande von Sonne und Mond, ist das Osterfest. Damit ist das Osterfest zum Sinnbilde gemacht von Vorgängen im außerirdischen Kosmos. Das Osterfest ist gewissermaßen ein geistiges, ein himmlisches Fest. Materialistisch denkende Menschen — ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht — haben ja ihren Ansturm geltend gemacht gegen das Bewegliche des Osterfestes, weil in die Philisterordnung des 19. und 20. Jahrhunderts diese Beweglichkeit des Osterfestes Unordnung hineingebracht hätte. Ich habe selber viele Diskussionen mitgemacht, die besonders von Astronomen gepflogen worden sind, in denen immer wieder und wiederum erörtert worden ist, daß das Osterfest rein pedantisch schematisch an irgendeinem Tage, zum Beispiel dem ersten Sonntag im April wenigstens, damit es nicht ganz so beweglich sei, festgelegt werde. Es sind selbstverständlich viele Gründe vom Gesichtspunkte des 19. Jahrhunderts aus für diese Unbeweglichkeit des Osterfestes anzusetzen. Man denke sich nur, daß ja die Beweglichkeit des Osterfestes ganz im Sinne des Weltenbuches, des Neuen Testaments ist, wenigstens im Sinne des Geistes des Neuen Testaments.
[ 8 ] Ein bewegliches Fest, festgelegt nach dem Stande von Sonne und Mond, ist das Osterfest. Damit ist das Osterfest zum Sinnbilde gemacht von Vorgängen im außerirdischen Kosmos. Das Osterfest ist gewissermaßen ein geistiges, ein himmlisches Fest. Materialistisch denkende Menschen — ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht — haben ja ihren Ansturm geltend gemacht gegen das Bewegliche des Osterfestes, weil in die Philisterordnung des 19. und 20. Jahrhunderts diese Beweglichkeit des Osterfestes Unordnung hineingebracht hätte. Ich habe selber viele Diskussionen mitgemacht, die besonders von Astronomen gepflogen worden sind, in denen immer wieder und wiederum erörtert worden ist, daß das Osterfest rein pedantisch schematisch an irgendeinem Tage, zum Beispiel dem ersten Sonntag im April wenigstens, damit es nicht ganz so beweglich sei, festgelegt werde. Es sind selbstverständlich viele Gründe vom Gesichtspunkte des 19. Jahrhunderts aus für diese Unbeweglichkeit des Osterfestes anzusetzen. Man denke sich nur, daß ja die Beweglichkeit des Osterfestes ganz im Sinne des Weltenbuches, des Neuen Testaments ist, wenigstens im Sinne des Geistes des Neuen Testaments.
[ 9 ] Aber im 19. Jahrhundert, vorbereitend früher auch, ist ja ein anderes Buch wichtiger geworden, viel, viel wichtiger geworden als das Evangelium. Die Leute geben es zwar nicht immer zu, daß ein anderes Buch viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, allein es ist doch so. Das Buch, das im 19. Jahrhundert viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, das ist das Buch, auf dessen erster Seite steht: Mit Gott. — Aber es stehen bloß die ungöttlichsten Sachen selbstverständlich immer darinnen, es stehen bloß die Zahlen unter der Rubrik Soll und Haben darinnen. Das ist das kaufmännische Kontobuch, das auf der ersten Seite, wenigstens so viel mir bekannt ist, immer die Aufschrift «Mit Gott» trägt, aber so eingerichtet ist, wie eben erwähnt. Dieses Buch kommt natürlich sehr in Unordnung, wenn jedes Jahr das Osterfest an einem andern Tag liegt. Es würde viel leichter in Ordnung zu halten sein, wenn das Osterfest auch ein festgelegtes Fest wäre. Daher hat man solche Vorschläge gemacht. Dieser Vorschlag ist nichts anderes als der Ansturm des Materialismus gegen ein äußeres letztes Bollwerk des Spiritualismus, das Einrichten des Osterfestes nach der Himmelskonstellation von Sonne und Mond.
[ 9 ] Aber im 19. Jahrhundert, vorbereitend früher auch, ist ja ein anderes Buch wichtiger geworden, viel, viel wichtiger geworden als das Evangelium. Die Leute geben es zwar nicht immer zu, daß ein anderes Buch viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, allein es ist doch so. Das Buch, das im 19. Jahrhundert viel wichtiger geworden ist als das Evangelium, das ist das Buch, auf dessen erster Seite steht: Mit Gott. — Aber es stehen bloß die ungöttlichsten Sachen selbstverständlich immer darinnen, es stehen bloß die Zahlen unter der Rubrik Soll und Haben darinnen. Das ist das kaufmännische Kontobuch, das auf der ersten Seite, wenigstens so viel mir bekannt ist, immer die Aufschrift «Mit Gott» trägt, aber so eingerichtet ist, wie eben erwähnt. Dieses Buch kommt natürlich sehr in Unordnung, wenn jedes Jahr das Osterfest an einem andern Tag liegt. Es würde viel leichter in Ordnung zu halten sein, wenn das Osterfest auch ein festgelegtes Fest wäre. Daher hat man solche Vorschläge gemacht. Dieser Vorschlag ist nichts anderes als der Ansturm des Materialismus gegen ein äußeres letztes Bollwerk des Spiritualismus, das Einrichten des Osterfestes nach der Himmelskonstellation von Sonne und Mond.
[ 10 ] Es liegt aber noch ein tieferer Sinn darinnen, die Zeit von Weihnachten zu Ostern für die einzelnen Jahre verschieden zu machen. Wir wissen ja, daß das Weihnachtsfest eigentlich zusanrmengehört mit dem Osterfest, das dreiunddreißig Jahre später liegt. Diese Zeit ist allerdings, insofern sie die Zeit ist für die Auswirkung weltgeschichtlicher Keime, fest. Aber etwas anderes ist nicht fest und das ist das Folgende: Es geschehen gewisse Impulse — nennen wir sie Weihnachtsimpulse — in einem bestimmten Jahre, andere im nächsten Jahre, andere im weiteren nächsten Jahre und so weiter. Die aufeinanderfolgenden Weihnachtsimpulse sind keineswegs von gleicher Stärke im geschichtlichen Werden, sondern die einen wirken stärker, die andern wirken schwächer. Es kann zum Beispiel sein, daß in einem bestimmten Jahre die Impulse, die gelegt werden, von geringerer Durchschlagskraft in den nächsten dreiunddreißig Jahren sind als die Impulse des nächsten Jahres für die nächsten dreiunddreißig Jahre und so weiter. Dies wird angedeutet dadurch, daß die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern länger oder kürzer ist. Also auch diese Beweglichkeit des Osterfestes weist auf etwas hin, was der Mensch gar wohl studieren soll, wenn er wirklich verstehen will, wie die Ereignisse im geschichtlichen Werden wirken.
[ 10 ] Es liegt aber noch ein tieferer Sinn darinnen, die Zeit von Weihnachten zu Ostern für die einzelnen Jahre verschieden zu machen. Wir wissen ja, daß das Weihnachtsfest eigentlich zusanrmengehört mit dem Osterfest, das dreiunddreißig Jahre später liegt. Diese Zeit ist allerdings, insofern sie die Zeit ist für die Auswirkung weltgeschichtlicher Keime, fest. Aber etwas anderes ist nicht fest und das ist das Folgende: Es geschehen gewisse Impulse — nennen wir sie Weihnachtsimpulse — in einem bestimmten Jahre, andere im nächsten Jahre, andere im weiteren nächsten Jahre und so weiter. Die aufeinanderfolgenden Weihnachtsimpulse sind keineswegs von gleicher Stärke im geschichtlichen Werden, sondern die einen wirken stärker, die andern wirken schwächer. Es kann zum Beispiel sein, daß in einem bestimmten Jahre die Impulse, die gelegt werden, von geringerer Durchschlagskraft in den nächsten dreiunddreißig Jahren sind als die Impulse des nächsten Jahres für die nächsten dreiunddreißig Jahre und so weiter. Dies wird angedeutet dadurch, daß die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern länger oder kürzer ist. Also auch diese Beweglichkeit des Osterfestes weist auf etwas hin, was der Mensch gar wohl studieren soll, wenn er wirklich verstehen will, wie die Ereignisse im geschichtlichen Werden wirken.
[ 11 ] Sie können die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn der Mensch einen Begriff davon bekommen, wie stark seine Impulse wirken in die nächsten dreiunddreißig Jahre hinein? Soll er denn überhaupt einen Begriff davon bekommen, ob seine Impulse im günstigen oder im ungünstigen Sinne wirken? — Gewiß, die Antwort auf eine solche Frage ist der heutigen Zeit ungeheuer schwer, denn die heutige Zeit leidet eben an der Abstraktheit wie an einer furchtbaren, schleichenden Krankheit. Die heutige Zeit will nichts anderes, als mit ein paar abstrakten Begriffen womöglich das ganze Weltenall verstehen. Diese Zeit will so fern wie möglich sein von einem Auffassen der Ereignisse mit dem vollen, ganzen Menschenwesen; diese Zeit will so entfernt wie möglich sein von einem wirklichen Miterleben der Zeit und der Zeitenströmungen. Natürlich, wenn man als Himmelswissenschaft nichts anderes gelten läßt als dasjenige, was die heutigen Astronomen mit ganz abstrakter Mathematik berechnen, dann kann man unmöglich Herz und Sinn für dieses mit abstrakter Mathematik Berechnete aufbringen. Aber das muß eben die Menschheit wiederum entwickeln. Die Menschheit muß wirklich nicht nur ihren Verstand mitgeben, wenn sie irgend etwas tut, sondern sie muß mit jeder Tat, die verrichtet wird, und sei sie die alltäglichste, das Herzblut verbunden wissen. Das kann geschehen, wenn man es aufrichtig und ehrlich meinen will mit der Geisteswissenschaft, mit dem, was Geisteswissenschaft ist und was sie sein kann. Wenn der Mensch allerdings mit demjenigen, was über den engsten Kreis seiner egoistischen oder Familieninteressen hinausgeht, nur durch den abstrakten Verstand verbunden sein will, dann wird er den Weg nur schwer finden, das Herzblut zu verbinden mit dem, was man will und tut. Aber eben, gerade dazu ist Geisteswissenschaft so recht berufen, den Horizont der Seele zu erweitern, über weiteres den Interessenkreis auszuspannen, als er gerade unter dem Einflusse der materialistischen Abstraktheit des 19. Jahrhunderts ausgespannt worden ist.
[ 11 ] Sie können die Frage aufwerfen: Ja, wie soll denn der Mensch einen Begriff davon bekommen, wie stark seine Impulse wirken in die nächsten dreiunddreißig Jahre hinein? Soll er denn überhaupt einen Begriff davon bekommen, ob seine Impulse im günstigen oder im ungünstigen Sinne wirken? — Gewiß, die Antwort auf eine solche Frage ist der heutigen Zeit ungeheuer schwer, denn die heutige Zeit leidet eben an der Abstraktheit wie an einer furchtbaren, schleichenden Krankheit. Die heutige Zeit will nichts anderes, als mit ein paar abstrakten Begriffen womöglich das ganze Weltenall verstehen. Diese Zeit will so fern wie möglich sein von einem Auffassen der Ereignisse mit dem vollen, ganzen Menschenwesen; diese Zeit will so entfernt wie möglich sein von einem wirklichen Miterleben der Zeit und der Zeitenströmungen. Natürlich, wenn man als Himmelswissenschaft nichts anderes gelten läßt als dasjenige, was die heutigen Astronomen mit ganz abstrakter Mathematik berechnen, dann kann man unmöglich Herz und Sinn für dieses mit abstrakter Mathematik Berechnete aufbringen. Aber das muß eben die Menschheit wiederum entwickeln. Die Menschheit muß wirklich nicht nur ihren Verstand mitgeben, wenn sie irgend etwas tut, sondern sie muß mit jeder Tat, die verrichtet wird, und sei sie die alltäglichste, das Herzblut verbunden wissen. Das kann geschehen, wenn man es aufrichtig und ehrlich meinen will mit der Geisteswissenschaft, mit dem, was Geisteswissenschaft ist und was sie sein kann. Wenn der Mensch allerdings mit demjenigen, was über den engsten Kreis seiner egoistischen oder Familieninteressen hinausgeht, nur durch den abstrakten Verstand verbunden sein will, dann wird er den Weg nur schwer finden, das Herzblut zu verbinden mit dem, was man will und tut. Aber eben, gerade dazu ist Geisteswissenschaft so recht berufen, den Horizont der Seele zu erweitern, über weiteres den Interessenkreis auszuspannen, als er gerade unter dem Einflusse der materialistischen Abstraktheit des 19. Jahrhunderts ausgespannt worden ist.
[ 12 ] Was die Menschheit braucht, ist eben diese Erweiterung des Interessenkreises. Die kann nur dadurch erworben werden, daß die Menschenseele sich immer wieder und wieder durchdringt mit der Erkenntnis, die heute erweitert werden kann — wie wir gerade durch diese Betrachtungen jetzt schon seit Wochen her gesehen haben über die Grenze hinaus, welche gezogen ist durch die Sinne und durch den Verstand, der an die Sinne gebunden ist, und durch das Leben zwischen der Geburt und dem Tode: über diese Grenze hinaus, hinein in das All, das wir, in der Weise wie wir es charakterisiert haben, gemeinschaftlich haben mit den Menschenseelen, die sich in dem Gebiete zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden. Man kann diese Menschenseele nur ganz kennenlernen, wenn man auch diese ihre andere Seite kennenlernt, die sie zu durchleben hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Gedanken über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lagen allerdings der philiströsen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts so ferne wie nur irgend möglich. Dieses Zeitalter glaubte das Heil nur darinnen sehen zu müssen, in kombinierendem Verstande das zusammenzufassen, was die Sinne darbieten.
[ 12 ] Was die Menschheit braucht, ist eben diese Erweiterung des Interessenkreises. Die kann nur dadurch erworben werden, daß die Menschenseele sich immer wieder und wieder durchdringt mit der Erkenntnis, die heute erweitert werden kann — wie wir gerade durch diese Betrachtungen jetzt schon seit Wochen her gesehen haben über die Grenze hinaus, welche gezogen ist durch die Sinne und durch den Verstand, der an die Sinne gebunden ist, und durch das Leben zwischen der Geburt und dem Tode: über diese Grenze hinaus, hinein in das All, das wir, in der Weise wie wir es charakterisiert haben, gemeinschaftlich haben mit den Menschenseelen, die sich in dem Gebiete zwischen dem Tod und einer neuen Geburt befinden. Man kann diese Menschenseele nur ganz kennenlernen, wenn man auch diese ihre andere Seite kennenlernt, die sie zu durchleben hat zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Gedanken über das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt lagen allerdings der philiströsen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des 20. Jahrhunderts so ferne wie nur irgend möglich. Dieses Zeitalter glaubte das Heil nur darinnen sehen zu müssen, in kombinierendem Verstande das zusammenzufassen, was die Sinne darbieten.
[ 13 ] Geisteswissenschaft steht von diesem Gesichtspunkte aus allerdings im schärfsten Gegensatz zu dem, was das Ideal des 19. Jahrhunderts war. Geisteswissenschaft muß ebenso energisch die Hinlenkung der menschlichen Seele zum Geist betonen, wie das 19. Jahrhundert die Ablenkung der menschlichen Seele vom Geist betont hat. Und ich habe ja im Verlauf dieser Tage schon darauf aufmerksam gemacht, wie die zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung — die unbefleckte Geburt des Christus Jesus und die Auferstehung des Christus Jesus — dem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur ein Unsinn sein können. Dafür aber allerdings muß gerade Geisteswissenschaft sich zu diesen zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung wiederum hinwenden.
[ 13 ] Geisteswissenschaft steht von diesem Gesichtspunkte aus allerdings im schärfsten Gegensatz zu dem, was das Ideal des 19. Jahrhunderts war. Geisteswissenschaft muß ebenso energisch die Hinlenkung der menschlichen Seele zum Geist betonen, wie das 19. Jahrhundert die Ablenkung der menschlichen Seele vom Geist betont hat. Und ich habe ja im Verlauf dieser Tage schon darauf aufmerksam gemacht, wie die zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung — die unbefleckte Geburt des Christus Jesus und die Auferstehung des Christus Jesus — dem naturwissenschaftlichen Zeitalter nur ein Unsinn sein können. Dafür aber allerdings muß gerade Geisteswissenschaft sich zu diesen zwei Grundsäulen der christlichen Weltauffassung wiederum hinwenden.
[ 14 ] Die katholische Kirche hat sich eine gewisse Redeweise angewöhnt, durch die sie hinwegführt über manche gewichtige Probleme, die eigentlich im Schoße ihrer Entwickelung liegen. Die katholische Theologie spricht natürlich auch zum Beispiel von der «unbefleckten Empfängnis Mariä», aber sie wird sich nicht darauf einlassen, solche geistigen Kräfte der Seele zu suchen, wodurch diese Tatsache der unbefleckten Empfängnis Mariä begreiflich werden könnte. Wenn man sich an die aufgeklärten Theologen der katholischen Kirche wendet mit Bezug auf das Dogma von der «Conceptio immaculata», so wird man nicht eine Diskussion erwarten dürfen, wie sie wiederum in Fluß kommen muß durch die Geisteswissenschaft, sondern dann wird man etwa das Folgende hören: Man habe sich zu erheben von der Vorstellung des Weibes Maria zu dem, was eigentlich das Weib Maria geworden ist im Laufe der Entwickelung, zu der Kirche. Die Kirche ist eigentlich die Repräsentanz der jungfräulichen Maria. — Dann aber gebiert diese jungfräuliche Maria, diese Kirche, selbstverständlich auch immerwährend den Christus. Sie muß immerwährend durch den Heiligen Geist den Christus empfangen, das heißt, sie steht unter fortwährender Inspiration des Heiligen Geistes, und was sie zu offenbaren hat, ist das Wort, der Logos. Das ist auch durchaus richtiger katholischer Glaube. Der inspirierende Heilige Geist entfacht in der katholischen Kirche dasjenige, was das fortlaufende Wort ist, was im Anfange da war und was durch die Kirche, die jungfräuliche Mutter, fortwährend geboren wird.
[ 14 ] Die katholische Kirche hat sich eine gewisse Redeweise angewöhnt, durch die sie hinwegführt über manche gewichtige Probleme, die eigentlich im Schoße ihrer Entwickelung liegen. Die katholische Theologie spricht natürlich auch zum Beispiel von der «unbefleckten Empfängnis Mariä», aber sie wird sich nicht darauf einlassen, solche geistigen Kräfte der Seele zu suchen, wodurch diese Tatsache der unbefleckten Empfängnis Mariä begreiflich werden könnte. Wenn man sich an die aufgeklärten Theologen der katholischen Kirche wendet mit Bezug auf das Dogma von der «Conceptio immaculata», so wird man nicht eine Diskussion erwarten dürfen, wie sie wiederum in Fluß kommen muß durch die Geisteswissenschaft, sondern dann wird man etwa das Folgende hören: Man habe sich zu erheben von der Vorstellung des Weibes Maria zu dem, was eigentlich das Weib Maria geworden ist im Laufe der Entwickelung, zu der Kirche. Die Kirche ist eigentlich die Repräsentanz der jungfräulichen Maria. — Dann aber gebiert diese jungfräuliche Maria, diese Kirche, selbstverständlich auch immerwährend den Christus. Sie muß immerwährend durch den Heiligen Geist den Christus empfangen, das heißt, sie steht unter fortwährender Inspiration des Heiligen Geistes, und was sie zu offenbaren hat, ist das Wort, der Logos. Das ist auch durchaus richtiger katholischer Glaube. Der inspirierende Heilige Geist entfacht in der katholischen Kirche dasjenige, was das fortlaufende Wort ist, was im Anfange da war und was durch die Kirche, die jungfräuliche Mutter, fortwährend geboren wird.
[ 15 ] Dies ist durchaus geläufige katholisch-theologische Vorstellung. Sie werden sagen, man höre nicht viel reden von dieser Vorstellung. Es war auch gut für das 19. Jahrhundert, daß nicht viel geredet wurde davon. Aber um so wirksamer war diese Vorstellung bei all denjenigen, die noch entzogen werden konnten den Impulsen des Materialismus. Die drei: inspirierender Geist, jungfräuliche Mutter und der Logos oder das Wort, sie sind freilich durchaus festzuhalten; sie müssen auch gesucht werden durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. In imaginativer Weise versuchte ich in diesen Tagen bei der Besprechung des Übergangs von den alten Mysterien zu den neuen Mysterien auf diese Dinge hinzuweisen. Ich sagte, das Altertum mit seinen Mysterien ist nur so weit gekommen, daß in der Pallas Athene die jungfräuliche Weisheit verehrt werden konnte. In der Pallas Athene hat man auch solch eine jungfräuliche Persönlichkeit; aber diese Weisheit gebiert innerhalb der alten Zeit nicht den Logos.
[ 15 ] Dies ist durchaus geläufige katholisch-theologische Vorstellung. Sie werden sagen, man höre nicht viel reden von dieser Vorstellung. Es war auch gut für das 19. Jahrhundert, daß nicht viel geredet wurde davon. Aber um so wirksamer war diese Vorstellung bei all denjenigen, die noch entzogen werden konnten den Impulsen des Materialismus. Die drei: inspirierender Geist, jungfräuliche Mutter und der Logos oder das Wort, sie sind freilich durchaus festzuhalten; sie müssen auch gesucht werden durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. In imaginativer Weise versuchte ich in diesen Tagen bei der Besprechung des Übergangs von den alten Mysterien zu den neuen Mysterien auf diese Dinge hinzuweisen. Ich sagte, das Altertum mit seinen Mysterien ist nur so weit gekommen, daß in der Pallas Athene die jungfräuliche Weisheit verehrt werden konnte. In der Pallas Athene hat man auch solch eine jungfräuliche Persönlichkeit; aber diese Weisheit gebiert innerhalb der alten Zeit nicht den Logos.
[ 16 ] Das ist gerade das Charakteristische, daß zum Beispiel das Griechentum bei der jungfräulichen Weisheit stehenbleibt, daß aber die neuere Zeit übergeht zu dem Sohne der jungfräulichen Weisheit, zu dem Logos, der auf dem physischen Plane durch seine Repräsentanz existiert: das menschliche Wort, die menschliche Sprache. Denn diese menschliche Sprache darf durchaus in ihrem Zusammenhange mit der Weisheit betrachtet werden. Die Weisheit im irdischen Menschenleben lebt sich eben aus durch das menschliche Denken. Die Luft, die durch unseren Kehlkopf ausgeatmet wird, diese durch unseren Kehlkopf und seine Bewegungen konfigurierte I.uft wird vermählt mit der Weisheit, die in unseren Gedanken liegt. Und dasjenige, was wir auszudrücken haben, der Inhalt, der ist der inspirierende Geist. Jedesmal, wenn Sie sprechen, so profan auch der Impuls Ihres Sprechens sein mag, haben Sie ausgedrückt den irdischen Repräsentanten der Dreifaltigkeit: den Gedanken in Ihrem Kopfe, die konfigurierte Luft, die durch Ihren Kehlkopf streicht, die vermählt werden, verbunden werden unter dem Einfluß des Geistes, also für das Aussprechen von der sinnlichen Welt durch die Wahrnehmung. Das ist die irdische Repräsentanz der Dreifaltigkeit.
[ 16 ] Das ist gerade das Charakteristische, daß zum Beispiel das Griechentum bei der jungfräulichen Weisheit stehenbleibt, daß aber die neuere Zeit übergeht zu dem Sohne der jungfräulichen Weisheit, zu dem Logos, der auf dem physischen Plane durch seine Repräsentanz existiert: das menschliche Wort, die menschliche Sprache. Denn diese menschliche Sprache darf durchaus in ihrem Zusammenhange mit der Weisheit betrachtet werden. Die Weisheit im irdischen Menschenleben lebt sich eben aus durch das menschliche Denken. Die Luft, die durch unseren Kehlkopf ausgeatmet wird, diese durch unseren Kehlkopf und seine Bewegungen konfigurierte I.uft wird vermählt mit der Weisheit, die in unseren Gedanken liegt. Und dasjenige, was wir auszudrücken haben, der Inhalt, der ist der inspirierende Geist. Jedesmal, wenn Sie sprechen, so profan auch der Impuls Ihres Sprechens sein mag, haben Sie ausgedrückt den irdischen Repräsentanten der Dreifaltigkeit: den Gedanken in Ihrem Kopfe, die konfigurierte Luft, die durch Ihren Kehlkopf streicht, die vermählt werden, verbunden werden unter dem Einfluß des Geistes, also für das Aussprechen von der sinnlichen Welt durch die Wahrnehmung. Das ist die irdische Repräsentanz der Dreifaltigkeit.
[ 17 ] Dasjenige, was dahinter zu stehen hat, das ist die göttliche, die geistige Dreifaltigkeit, das ist die umfassende Weisheit, die zur Lehre wird für die Menschheit und die den Weltinhalt ausdrückt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kann sich allerdings nicht zu einer irdischen Institution bekennen, denn eine irdische Institution würde mit ihren Ansprüchen bloße Machtansprüche entfalten. ‚Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nimmt die jungfräuliche Weltenweisheit ernst. Wenn man denkt im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sieht man in dem, was der Inhalt ist des von dieser Wissenschaft Vorgebrachten, nicht bloß eine Summe von Abstraktionen, eine Summe von abstrakten Vorstellungen, sondern ein Lebendiges, das uns erfüllt, das uns wirklich auch in der Seele mit Impulsen erfüllen kann und das dann zum Worte, zur Lehre wird; nicht nur im schulmäßigen Sinne, sondern in dem Sinne, daß diese geisteswissenschaftliche Weisheit sozial dienlich wird, wie das Wort sozial dienlich wird, derausgedrückte Inhalt, der dann aus übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt eingeführt wird, der unseren Impulsen dadurch zugrunde liegt; das ist der inspirierende Geist.
[ 17 ] Dasjenige, was dahinter zu stehen hat, das ist die göttliche, die geistige Dreifaltigkeit, das ist die umfassende Weisheit, die zur Lehre wird für die Menschheit und die den Weltinhalt ausdrückt. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kann sich allerdings nicht zu einer irdischen Institution bekennen, denn eine irdische Institution würde mit ihren Ansprüchen bloße Machtansprüche entfalten. ‚Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nimmt die jungfräuliche Weltenweisheit ernst. Wenn man denkt im Sinne der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, sieht man in dem, was der Inhalt ist des von dieser Wissenschaft Vorgebrachten, nicht bloß eine Summe von Abstraktionen, eine Summe von abstrakten Vorstellungen, sondern ein Lebendiges, das uns erfüllt, das uns wirklich auch in der Seele mit Impulsen erfüllen kann und das dann zum Worte, zur Lehre wird; nicht nur im schulmäßigen Sinne, sondern in dem Sinne, daß diese geisteswissenschaftliche Weisheit sozial dienlich wird, wie das Wort sozial dienlich wird, derausgedrückte Inhalt, der dann aus übersinnlichen Welten in die sinnliche Welt eingeführt wird, der unseren Impulsen dadurch zugrunde liegt; das ist der inspirierende Geist.
[ 18 ] Ich möchte sagen: Wir suchen die Pallas Athene, wir suchen die jungfräuliche Weisheit, die jungfräuliche Weisheit vom Kosmos. Aber wir suchen auch den Sohn, der von ihr stammt, der sich dadurch ausdrückt, daß in allem, was wir tun und wollen im sozialen Leben, diese Weisheit mitwirkt und uns dasjenige gibt, was die Richtung ausbildet für das, was wir wollen und tun. Dann drücken wir aus den Geist, und zwar den Heiligen Geist, der übersinnlich ist, in den sinnlichen Handlungen, die sich auf dem physischen Plane abspielen. Das aber läuft darauf hinaus, daß die Wissenschaft, welche im Sinne der Geistwissenschaft gesucht werden soll, in gewissem Sinne einen jungfräulichen Charakter tragen muß.
[ 18 ] Ich möchte sagen: Wir suchen die Pallas Athene, wir suchen die jungfräuliche Weisheit, die jungfräuliche Weisheit vom Kosmos. Aber wir suchen auch den Sohn, der von ihr stammt, der sich dadurch ausdrückt, daß in allem, was wir tun und wollen im sozialen Leben, diese Weisheit mitwirkt und uns dasjenige gibt, was die Richtung ausbildet für das, was wir wollen und tun. Dann drücken wir aus den Geist, und zwar den Heiligen Geist, der übersinnlich ist, in den sinnlichen Handlungen, die sich auf dem physischen Plane abspielen. Das aber läuft darauf hinaus, daß die Wissenschaft, welche im Sinne der Geistwissenschaft gesucht werden soll, in gewissem Sinne einen jungfräulichen Charakter tragen muß.
[ 19 ] Vielleicht werden Sie fragen: Hat denn das nun überhaupt einen Sinn? Ist das nicht vielleicht eine bloße Rederei? — Es hat einen sehr bedeutsamen, einen wichtigen, einen gewaltigen Sinn. Es hat nämlich den folgenden Sinn: Der Mensch richtet seine Sinne nach der Außenwelt; das ist seine Aufgabe, dazu ist er in die Welt gesetzt. Was die Sinne als solche empfangen, das kann nur naiv und unschuldig sein; es empfangen es auch die Tiere, bei denen man von einem Sollen oder Nicht-Sollen nicht sprechen kann. Aber der Mensch muß weitergehen: er kombiniert über dasjenige, was er sieht, was er wahrnimmt; er kombiniert. Was hat es mit diesem Kombinieren für eine Bewandtnis? Darauf antwortet heute schon die physische Wissenschaft, nicht die Gelehrten der physischen Wissenschaft.
[ 19 ] Vielleicht werden Sie fragen: Hat denn das nun überhaupt einen Sinn? Ist das nicht vielleicht eine bloße Rederei? — Es hat einen sehr bedeutsamen, einen wichtigen, einen gewaltigen Sinn. Es hat nämlich den folgenden Sinn: Der Mensch richtet seine Sinne nach der Außenwelt; das ist seine Aufgabe, dazu ist er in die Welt gesetzt. Was die Sinne als solche empfangen, das kann nur naiv und unschuldig sein; es empfangen es auch die Tiere, bei denen man von einem Sollen oder Nicht-Sollen nicht sprechen kann. Aber der Mensch muß weitergehen: er kombiniert über dasjenige, was er sieht, was er wahrnimmt; er kombiniert. Was hat es mit diesem Kombinieren für eine Bewandtnis? Darauf antwortet heute schon die physische Wissenschaft, nicht die Gelehrten der physischen Wissenschaft.
[ 20 ] Der kombinierende Verstand, das, was der Mensch ausdenkt über die Eindrücke der Sinne, über die Wahrnehmungen, das ist etwas, was aus seinem eigenen Inneren, und zwar aus dem untergeordneten Inneren aufsteigt. Der Mensch ist eigentlich furchtbar stolz auf sein Gehirn, besonders auf die vorderen Partien. Aber vor einer wirklichen Wissenschaft sind die vorderen Partien dieses Gehirnes viel weniger wert als die weiter zurückliegenden Partien, denn diese vorderen Partien des Gehirnes sind im wesentlichen eigentlich doch nur das umgewandelte Geruchsorgan. Und im Sinne der physischen Wissenschaft gescheit sein, heißt eigentlich: als Mensch die Geruchsnerven soweit umgebildet zu haben, daß gute Assoziationsnerven daraus geworden sind, die Werkzeuge sein können — wenn ich das Wort gebrauchen darf — für das Kombinieren der sinnlichen Vorstellungen. Gescheit sein im Sinne des materialistischen Gescheitseins, heißt eigentlich, denjenigen Teil seines Gehirns gut umgebildet zu haben, der bei den niederen Wesen, den Tieren, der Nase angehört. Es heißt eigentlich nur, einen kombinierenden guten Spürsinn zu haben.
[ 20 ] Der kombinierende Verstand, das, was der Mensch ausdenkt über die Eindrücke der Sinne, über die Wahrnehmungen, das ist etwas, was aus seinem eigenen Inneren, und zwar aus dem untergeordneten Inneren aufsteigt. Der Mensch ist eigentlich furchtbar stolz auf sein Gehirn, besonders auf die vorderen Partien. Aber vor einer wirklichen Wissenschaft sind die vorderen Partien dieses Gehirnes viel weniger wert als die weiter zurückliegenden Partien, denn diese vorderen Partien des Gehirnes sind im wesentlichen eigentlich doch nur das umgewandelte Geruchsorgan. Und im Sinne der physischen Wissenschaft gescheit sein, heißt eigentlich: als Mensch die Geruchsnerven soweit umgebildet zu haben, daß gute Assoziationsnerven daraus geworden sind, die Werkzeuge sein können — wenn ich das Wort gebrauchen darf — für das Kombinieren der sinnlichen Vorstellungen. Gescheit sein im Sinne des materialistischen Gescheitseins, heißt eigentlich, denjenigen Teil seines Gehirns gut umgebildet zu haben, der bei den niederen Wesen, den Tieren, der Nase angehört. Es heißt eigentlich nur, einen kombinierenden guten Spürsinn zu haben.
[ 21 ] Diejenigen Menschen, welche in gesunder Weise so etwas zu empfinden, zu durchschauen vermochten, haben schon in der einen oder in der andern Weise auf solche Dinge hingewiesen. Denn denken Sie doch nur einmal, wenn man in einer gesunden Weise so etwas empfindet und fühlt, so muß man doch eigentlich sagen: Für den physischen Plan scharfsinnig sein, heißt eigentlich, einen besonderen, ins Menschliche umgesetzten, ausgebildeten Geruchssinn zu haben, heißt eigentlich, die Dinge besonders beschnüffeln zu können in wirklichem Sinne; so daß in gewissem Sinne die physische, auf kombinatorischem Wege entstandene Wissenschaft das Ergebnis der menschlichen Schnüffelei auf dem physischen Plane ist, ganz im wörtlichen Sinne zu verstehen. Zu sagen, daß, was man durch solches Schnüffeln herausbekommt, allerlei Kombinationen über atomistisches Geschehen, allerlei, was man herausbringt auf diesem Wege als chemische, physikalische Gesetze und so weiter, zu sagen, daß das irgend etwas besonders Hohes ist, das geht sehr an der Wahrheit vorbei. Das ist nur das Ergebnis des ausgebildeten Geruchssinnes. Das bezeugt schon die physische Wissenschaft. Sie können dies aus der Physiologie und Anatomie lernen, was ich jetzt berührt habe. Nur reicht noch nicht der umgewandelte Nasensinn der Gelehrten aus, um auch diese Konsequenz zu ziehen; so muß schon die Schnüflelei so weit noch getrieben werden, daß auch diese Folgerung, diese Konsequenz gezogen werden kann.
[ 21 ] Diejenigen Menschen, welche in gesunder Weise so etwas zu empfinden, zu durchschauen vermochten, haben schon in der einen oder in der andern Weise auf solche Dinge hingewiesen. Denn denken Sie doch nur einmal, wenn man in einer gesunden Weise so etwas empfindet und fühlt, so muß man doch eigentlich sagen: Für den physischen Plan scharfsinnig sein, heißt eigentlich, einen besonderen, ins Menschliche umgesetzten, ausgebildeten Geruchssinn zu haben, heißt eigentlich, die Dinge besonders beschnüffeln zu können in wirklichem Sinne; so daß in gewissem Sinne die physische, auf kombinatorischem Wege entstandene Wissenschaft das Ergebnis der menschlichen Schnüffelei auf dem physischen Plane ist, ganz im wörtlichen Sinne zu verstehen. Zu sagen, daß, was man durch solches Schnüffeln herausbekommt, allerlei Kombinationen über atomistisches Geschehen, allerlei, was man herausbringt auf diesem Wege als chemische, physikalische Gesetze und so weiter, zu sagen, daß das irgend etwas besonders Hohes ist, das geht sehr an der Wahrheit vorbei. Das ist nur das Ergebnis des ausgebildeten Geruchssinnes. Das bezeugt schon die physische Wissenschaft. Sie können dies aus der Physiologie und Anatomie lernen, was ich jetzt berührt habe. Nur reicht noch nicht der umgewandelte Nasensinn der Gelehrten aus, um auch diese Konsequenz zu ziehen; so muß schon die Schnüflelei so weit noch getrieben werden, daß auch diese Folgerung, diese Konsequenz gezogen werden kann.
[ 22 ] Einer derjenigen, die in gesunder menschlicher Weise über diese Tatsache empfanden, ist Goethe. Und Goethe hat von diesem Gesichtspunkt aus etwas ungeheuer Bedeutsames gesagt. Goethe hat ich habe das durch viele Jahre hindurch in der verschiedensten Weise dargestellt — eigentlich eine ganz andere Richtung der Naturforschung gefordert, als diejenige ist, die dann im 19. Jahrhundert und für unsere Zeit noch entstanden ist. Goethe wollte nämlich aus der Naturforschung etwas ausgemerzt haben, was ja für das gewöhnliche Leben eine Berechtigung hat, aber aus der Forschung wollte er es ausgemerzt haben. Immer wieder und wiederum kommt er darauf zurück, dieses Bestimmte aus der Forschung auszumerzen. Das, was er ausmerzen wollte, das war nämlich das Kombinieren, das Interpretieren der Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden. Er wollte, daß nur die Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden, ihrer eigenen Natur nach als Phänomene beschrieben werden; er wollte die sinnlichen Phänomene auf ihre Urphänomene zurückführen, aber nicht kombinieren mit dem Verstande: Was liegt da oder dort zugrunde? — Einen wunderschönen Ausspruch, der über die ganze Goethesche Weltanschauung hinleuchtet, hat Goethe getan, indem er sagte: Die Bläue des Himmels ist selber schon Theorie, man suche nur nichts hinter ihr.
[ 22 ] Einer derjenigen, die in gesunder menschlicher Weise über diese Tatsache empfanden, ist Goethe. Und Goethe hat von diesem Gesichtspunkt aus etwas ungeheuer Bedeutsames gesagt. Goethe hat ich habe das durch viele Jahre hindurch in der verschiedensten Weise dargestellt — eigentlich eine ganz andere Richtung der Naturforschung gefordert, als diejenige ist, die dann im 19. Jahrhundert und für unsere Zeit noch entstanden ist. Goethe wollte nämlich aus der Naturforschung etwas ausgemerzt haben, was ja für das gewöhnliche Leben eine Berechtigung hat, aber aus der Forschung wollte er es ausgemerzt haben. Immer wieder und wiederum kommt er darauf zurück, dieses Bestimmte aus der Forschung auszumerzen. Das, was er ausmerzen wollte, das war nämlich das Kombinieren, das Interpretieren der Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden. Er wollte, daß nur die Tatsachen, die sinnlich wahrgenommen werden, ihrer eigenen Natur nach als Phänomene beschrieben werden; er wollte die sinnlichen Phänomene auf ihre Urphänomene zurückführen, aber nicht kombinieren mit dem Verstande: Was liegt da oder dort zugrunde? — Einen wunderschönen Ausspruch, der über die ganze Goethesche Weltanschauung hinleuchtet, hat Goethe getan, indem er sagte: Die Bläue des Himmels ist selber schon Theorie, man suche nur nichts hinter ihr.
[ 23 ] Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben will. Und den Verstand wollte er nur dazu benützt haben, um die Phänomene so zusammenzustellen, daß sie selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Verstandeskombination freie Naturforschung haben. Das liegt auch seiner Farbenlehre zugrunde. Man hat gar nicht verstanden, um was es sich bei diesen Dingen handelt. Denn Goethe wollte, daß der kombinierende Verstand sich zurückhalte von dem Kombinieren über Sinneswahrnehmungen, daß er einen andern Weg nehme. Goethe wollte mit andern Worten den menschlichen Verstand, den kombinierenden Verstand auch für die Naturforschung jungfräulich machen; er wollte ihm das Unkeusche, nur ein umgewandeltes Geruchsorgan zu sein, nehmen, das er im Grunde genommen dadurch hat, daß er den Sündenfall begangen hat. Denn der eine Teil des Sündenfalls ist der, den man in den alten Zeitraum verlegen kann, den ich Ihnen oftmals
[ 23 ] Das reine Anschauen, das ist dasjenige, was Goethe gesucht haben will. Und den Verstand wollte er nur dazu benützt haben, um die Phänomene so zusammenzustellen, daß sie selbst ihre Geheimnisse aussprechen. Goethe wollte eine hypothesenfreie, eine von Verstandeskombination freie Naturforschung haben. Das liegt auch seiner Farbenlehre zugrunde. Man hat gar nicht verstanden, um was es sich bei diesen Dingen handelt. Denn Goethe wollte, daß der kombinierende Verstand sich zurückhalte von dem Kombinieren über Sinneswahrnehmungen, daß er einen andern Weg nehme. Goethe wollte mit andern Worten den menschlichen Verstand, den kombinierenden Verstand auch für die Naturforschung jungfräulich machen; er wollte ihm das Unkeusche, nur ein umgewandeltes Geruchsorgan zu sein, nehmen, das er im Grunde genommen dadurch hat, daß er den Sündenfall begangen hat. Denn der eine Teil des Sündenfalls ist der, den man in den alten Zeitraum verlegen kann, den ich Ihnen oftmals
[ 24 ] geschildert habe. Aber eine Folge dieses Sündenfalles ist, daß immer wieder und wiederum bei der Weiterentwickelung die menschlichen Organe gewissermaßen eine tiefere Lage bekamen, als sie haben sollten. Und so ist denn der kombinierende Verstand des Menschen, insofern er sich betätigt in der äußeren physischen Welt, dem Sündenfall unterworfen.
[ 24 ] geschildert habe. Aber eine Folge dieses Sündenfalles ist, daß immer wieder und wiederum bei der Weiterentwickelung die menschlichen Organe gewissermaßen eine tiefere Lage bekamen, als sie haben sollten. Und so ist denn der kombinierende Verstand des Menschen, insofern er sich betätigt in der äußeren physischen Welt, dem Sündenfall unterworfen.
[ 25 ] Für die äußere physische Welt ist das ganz berechtigt. Dieser physische Verstand muß genau ebenso an die umgewandelten Geruchsorgane gebunden sein, wie für die äußere physische Welt die physische Sexualität und Fortpflanzung da sein muß. Aber in der Wissenschaft soll gesucht werden die Jungfräulichkeit des Verstandes. Losgerissen ist der Verstand von den Verrichtungen, die er vollzieht, wenn er als bloß umgewandelter Geruchssinn sinnliche Objekte kombiniert. Die Bläue des Himmels soll nicht im Sinne der physischen Wissenschaft, im Sinne der Newtonschen Physik gedeutet werden, wie Sie es heute in jedem Physikbuch lesen können, sondern die Bläue des Himmels ist selbst Theorie im Sinne Goethes. Und Goethe richtig verstehen heißt auch auf diesem Gebiete, in ihm diejenige Persönlichkeit zu sehen, welche ganz in dem Geiste wirken wollte, der auch der Geist der Geisteswissenschaft ist. Bis in die Naturforschung hinein hat Goethe konsequent gedacht. Und indem er nur solche Theorien in der Naturwissenschaft gefordert hat, die bis zu dem Urphänomen gehen, die nicht allerlei Atomtheorien, Tontheorien, Elektrontheorien, Gravitationstheorien und so weiter kombinieren aus den Phänomenen, wies er in der Tat gerade auf physikalischem Gebiete auf dasjenige hin, was ich andeuten wollte, indem ich auf Pallas Athene als die Repräsentantin der Weisheit hinwies. Dadurch allein aber beginnt man schon auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, daß man die Mutter entreißt der Kombinatorik und sich hinwendet zu der Anschauung des reinen, jungfräulichen Urphänomens.
[ 25 ] Für die äußere physische Welt ist das ganz berechtigt. Dieser physische Verstand muß genau ebenso an die umgewandelten Geruchsorgane gebunden sein, wie für die äußere physische Welt die physische Sexualität und Fortpflanzung da sein muß. Aber in der Wissenschaft soll gesucht werden die Jungfräulichkeit des Verstandes. Losgerissen ist der Verstand von den Verrichtungen, die er vollzieht, wenn er als bloß umgewandelter Geruchssinn sinnliche Objekte kombiniert. Die Bläue des Himmels soll nicht im Sinne der physischen Wissenschaft, im Sinne der Newtonschen Physik gedeutet werden, wie Sie es heute in jedem Physikbuch lesen können, sondern die Bläue des Himmels ist selbst Theorie im Sinne Goethes. Und Goethe richtig verstehen heißt auch auf diesem Gebiete, in ihm diejenige Persönlichkeit zu sehen, welche ganz in dem Geiste wirken wollte, der auch der Geist der Geisteswissenschaft ist. Bis in die Naturforschung hinein hat Goethe konsequent gedacht. Und indem er nur solche Theorien in der Naturwissenschaft gefordert hat, die bis zu dem Urphänomen gehen, die nicht allerlei Atomtheorien, Tontheorien, Elektrontheorien, Gravitationstheorien und so weiter kombinieren aus den Phänomenen, wies er in der Tat gerade auf physikalischem Gebiete auf dasjenige hin, was ich andeuten wollte, indem ich auf Pallas Athene als die Repräsentantin der Weisheit hinwies. Dadurch allein aber beginnt man schon auf dem Gebiete der Naturforschung sich zu dem Sohne hinzuwenden, daß man die Mutter entreißt der Kombinatorik und sich hinwendet zu der Anschauung des reinen, jungfräulichen Urphänomens.
[ 26 ] Damit sehen Sie, welch tiefer Ernst, welche tiefe Bedeutung in dem eigentlich steckt, was Goetheanismus genannt werden kann. Ich wollte Ihnen damit nur eben andeuten, wie — unberücksichtigt von der allgemeinen sogenannten Bildung — auch die Impulse nach der andern Seite im 19. Jahrhundert schon da waren. Dessen seien wir nur auch eingedenk. Dann werden wir die Forderungen der gegenwärtigen Zeit in richtigem Sinne deuten und werden die richtigen Impulse aus diesen Forderungen der Gegenwart schöpfen.
[ 26 ] Damit sehen Sie, welch tiefer Ernst, welche tiefe Bedeutung in dem eigentlich steckt, was Goetheanismus genannt werden kann. Ich wollte Ihnen damit nur eben andeuten, wie — unberücksichtigt von der allgemeinen sogenannten Bildung — auch die Impulse nach der andern Seite im 19. Jahrhundert schon da waren. Dessen seien wir nur auch eingedenk. Dann werden wir die Forderungen der gegenwärtigen Zeit in richtigem Sinne deuten und werden die richtigen Impulse aus diesen Forderungen der Gegenwart schöpfen.
[ 27 ] Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Es wäre natürlich durchaus falsch, wenn man glauben wollte, daß dasjenige, was im Weihnachtssinn katastrophal ist, auch im Ostersinn katastrophal sein müßte. Aus dem Katastrophalen von heute kann sich allerdings gerade das Umgekehrte, das Größte des Menschenschaffens ergeben, wenn die Menschheit Mittel und Wege findet, um von dem zu lernen und mit geradem Sinne hinzuschauen auf dasjenige, was eingetreten ist.
[ 27 ] Wir leben in einer katastrophalen Zeit. Es wäre natürlich durchaus falsch, wenn man glauben wollte, daß dasjenige, was im Weihnachtssinn katastrophal ist, auch im Ostersinn katastrophal sein müßte. Aus dem Katastrophalen von heute kann sich allerdings gerade das Umgekehrte, das Größte des Menschenschaffens ergeben, wenn die Menschheit Mittel und Wege findet, um von dem zu lernen und mit geradem Sinne hinzuschauen auf dasjenige, was eingetreten ist.
[ 28 ] Wenn ich solche Vorstellungen vorbringe, die vielleicht von manches Freundes Denken fernab liegen, so ist es, um immer wieder und wiederum auf die gewichtige Tatsache hinzuweisen, daß man in unserer Zeit sich bemühen muß, nicht in bequemer Weise mit den alten Begriffen und mit den alten Anschauungen zu arbeiten, sondern daß man in unserer Zeit streben muß nach neuen Begriffen, nach neuen Anschauungen.
[ 28 ] Wenn ich solche Vorstellungen vorbringe, die vielleicht von manches Freundes Denken fernab liegen, so ist es, um immer wieder und wiederum auf die gewichtige Tatsache hinzuweisen, daß man in unserer Zeit sich bemühen muß, nicht in bequemer Weise mit den alten Begriffen und mit den alten Anschauungen zu arbeiten, sondern daß man in unserer Zeit streben muß nach neuen Begriffen, nach neuen Anschauungen.
[ 29 ] Was liegt denn einer solchen Tendenz wie der Goetheschen eigentlich zugrunde: den kombinatorischen Verstand nicht zu verwenden auf das äußere Phänomen, sondern dieses in seiner Jungfräulichkeit anzuschauen? Dem liegt zugrunde, daß gerade, wenn man dies tut, wenn man nicht diesen Verstand in den Sündenfall kommen läßt durch allerlei Kombinationen über Atome und Atomgruppen und Atomzusammenhänge und Tone und Elektrone und Gravitation und so weiter, wenn man dem Verstande erspart, daß er sich vermischt mit der äußeren Sinnlichkeit, um materialistische Theorien zu bilden —, dann dieser Verstand nach der andern sich wendet, nach der spirituellen Seite hin; und er gebiert den Sohn: die geisteswissenschaftliche Lehre, die zuletzt zum wirklichen Verständnis des Menschen, des ganzen Menschen führt. Das sagte ich ja in diesen Tagen: Nur bis zu einer gewissen Grenze führte die alte Weisheit, die Weisheit der mittleren Zeit, die Weisheit der vierten nachatlantischen Periode; der Mensch war gewissermaßen nicht mitbegriffen. Heute haben wir die Aufgabe, aus der Erfassung der geistigen Tatsachen heraus den Menschen zu verstehen.
[ 29 ] Was liegt denn einer solchen Tendenz wie der Goetheschen eigentlich zugrunde: den kombinatorischen Verstand nicht zu verwenden auf das äußere Phänomen, sondern dieses in seiner Jungfräulichkeit anzuschauen? Dem liegt zugrunde, daß gerade, wenn man dies tut, wenn man nicht diesen Verstand in den Sündenfall kommen läßt durch allerlei Kombinationen über Atome und Atomgruppen und Atomzusammenhänge und Tone und Elektrone und Gravitation und so weiter, wenn man dem Verstande erspart, daß er sich vermischt mit der äußeren Sinnlichkeit, um materialistische Theorien zu bilden —, dann dieser Verstand nach der andern sich wendet, nach der spirituellen Seite hin; und er gebiert den Sohn: die geisteswissenschaftliche Lehre, die zuletzt zum wirklichen Verständnis des Menschen, des ganzen Menschen führt. Das sagte ich ja in diesen Tagen: Nur bis zu einer gewissen Grenze führte die alte Weisheit, die Weisheit der mittleren Zeit, die Weisheit der vierten nachatlantischen Periode; der Mensch war gewissermaßen nicht mitbegriffen. Heute haben wir die Aufgabe, aus der Erfassung der geistigen Tatsachen heraus den Menschen zu verstehen.
[ 30 ] Nach neuen Begriffen, nach neuen Ideen müßte eigentlich die Menschheit lechzen. Das muß man sich voll zum Bewußtsein bringen. Und wenn man heute fragt: Welche Gedanken werden denn die besten Weihnachtsgedanken sein? Welche werden nach dreiunddreißig Jahren die besten Früchte tragen? — Diejenigen werden es eben sein, die davon ausgehen, in ehrlicher und aufrichtiger Weise wirklich nach neuer Erfassung der Welt, nach neuer Erfassung der Wirklichkeit zu suchen. Sehnsucht entwickeln nach dem, was die Welt in neuem Sinne zu offenbaren hat, das sind die besten Weihnachtsgedanken; nicht stehenbleiben wollen bei demjenigen, was das Alte ist. Das ist ein heute noch durchgreifender Impuls der Menschheit: stehenzubleiben bei dem, was das Alte ist, weil sich die Menschheit so schwer aufraffen kann, das wirklich aus dem Innersten des Seelenwesens zu holen, was bekannt werden soll durch die Lippen. Der Mensch kann heute nur dann seine Aufgabe als Mensch recht erfüllen, wenn er den Willen entwickelt, bis zum Zentrum seines Wesens hinein echt und wahr zu sein, indem er nicht nur versucht, über die alten Dinge nachzudenken, sondern das Neue, das geholt werden muß aus den Tiefen des Wesens, zum Inhalte seines Bekenntnisses und auch seines Tuns macht.
[ 30 ] Nach neuen Begriffen, nach neuen Ideen müßte eigentlich die Menschheit lechzen. Das muß man sich voll zum Bewußtsein bringen. Und wenn man heute fragt: Welche Gedanken werden denn die besten Weihnachtsgedanken sein? Welche werden nach dreiunddreißig Jahren die besten Früchte tragen? — Diejenigen werden es eben sein, die davon ausgehen, in ehrlicher und aufrichtiger Weise wirklich nach neuer Erfassung der Welt, nach neuer Erfassung der Wirklichkeit zu suchen. Sehnsucht entwickeln nach dem, was die Welt in neuem Sinne zu offenbaren hat, das sind die besten Weihnachtsgedanken; nicht stehenbleiben wollen bei demjenigen, was das Alte ist. Das ist ein heute noch durchgreifender Impuls der Menschheit: stehenzubleiben bei dem, was das Alte ist, weil sich die Menschheit so schwer aufraffen kann, das wirklich aus dem Innersten des Seelenwesens zu holen, was bekannt werden soll durch die Lippen. Der Mensch kann heute nur dann seine Aufgabe als Mensch recht erfüllen, wenn er den Willen entwickelt, bis zum Zentrum seines Wesens hinein echt und wahr zu sein, indem er nicht nur versucht, über die alten Dinge nachzudenken, sondern das Neue, das geholt werden muß aus den Tiefen des Wesens, zum Inhalte seines Bekenntnisses und auch seines Tuns macht.
[ 31 ] Man braucht in dem gedankenlosen Nachsprechen nicht gleich so weit zu gehen wie jener Politiker, welcher, um eine große politische Manifestation im Jahre 1917 loszulassen, eine alte politische Annunziation aus dem Jahre 1864 vornahm und sie fast wörtlich abschrieb! Da braucht man ja allerdings nicht viel zu denken, wenn man als maßgebender Politiker von 1917 eine alte brasilianische Urkunde hernimmt und Satz für Satz abschreibt, um das der Welt als eine große Offenbarung hinzustellen! Man braucht, wie gesagt, nicht so weit zu gehen, wie dieser Woodrow Blechschmied — pardon, wollte sagen Wilson, der in der Tat es zustande gebracht hat, die «bedeutende Manifestation», die er vor einiger Zeit erlassen hat, dadurch zu fabrizieren, daß er fast wörtlich eine Manifestation des Kaisers von Brasilien aus dem Jahre 1864 abgeschrieben hat.
[ 31 ] Man braucht in dem gedankenlosen Nachsprechen nicht gleich so weit zu gehen wie jener Politiker, welcher, um eine große politische Manifestation im Jahre 1917 loszulassen, eine alte politische Annunziation aus dem Jahre 1864 vornahm und sie fast wörtlich abschrieb! Da braucht man ja allerdings nicht viel zu denken, wenn man als maßgebender Politiker von 1917 eine alte brasilianische Urkunde hernimmt und Satz für Satz abschreibt, um das der Welt als eine große Offenbarung hinzustellen! Man braucht, wie gesagt, nicht so weit zu gehen, wie dieser Woodrow Blechschmied — pardon, wollte sagen Wilson, der in der Tat es zustande gebracht hat, die «bedeutende Manifestation», die er vor einiger Zeit erlassen hat, dadurch zu fabrizieren, daß er fast wörtlich eine Manifestation des Kaisers von Brasilien aus dem Jahre 1864 abgeschrieben hat.
[ 32 ] Aber es ist notwendig, die Dinge, auch wenn sie solche klägliche Einzelheiten sind, in ihrer wahren Gestalt zu schauen. Denn man kann sagen: Man möchte vor Mitleid überfließen mit der armen Menschheit, die heute Dinge ernst nimmt, die im wahren Lichte gesehen eigentlich etwas Furchtbares darstellen an Unwahrhaftigkeit und an Verlogenheit, die durch die Welt gehen. — Das ist nicht gesagt, um irgendwie anzuklagen, nicht einmal, um zu kritisieren, sondern nur um den Sinn anzuregen, wirklich die Augen aufzumachen und mit offenen Augen dasjenige zu sehen, was geschieht. Zuweilen wird heute als etwas Großes dasjenige angebetet, was nicht mehr ist als lächerlich. Aber in diese Dinge muß eben hineingesehen werden. Entwickelt man den Willen zu solchem Hineinsehen, dann entwickelt man schon Weihnachtsgedanken, welche die rechten Ostergedanken sein werden. Dann kann man vielleicht in einer etwas paradoxen Weise sogar sagen: Je leidvoller diese Gegenwart ist, desto größere Früchte kann sie für die Zukunft tragen. — Aber gerade eine solche Zeit wie die unsrige hat es nötig, daß sich nicht erfülle an ihr das dichterische Wort von dem Finden eines kleinen Geschlechtes von seiten einer großen Zeit.
[ 32 ] Aber es ist notwendig, die Dinge, auch wenn sie solche klägliche Einzelheiten sind, in ihrer wahren Gestalt zu schauen. Denn man kann sagen: Man möchte vor Mitleid überfließen mit der armen Menschheit, die heute Dinge ernst nimmt, die im wahren Lichte gesehen eigentlich etwas Furchtbares darstellen an Unwahrhaftigkeit und an Verlogenheit, die durch die Welt gehen. — Das ist nicht gesagt, um irgendwie anzuklagen, nicht einmal, um zu kritisieren, sondern nur um den Sinn anzuregen, wirklich die Augen aufzumachen und mit offenen Augen dasjenige zu sehen, was geschieht. Zuweilen wird heute als etwas Großes dasjenige angebetet, was nicht mehr ist als lächerlich. Aber in diese Dinge muß eben hineingesehen werden. Entwickelt man den Willen zu solchem Hineinsehen, dann entwickelt man schon Weihnachtsgedanken, welche die rechten Ostergedanken sein werden. Dann kann man vielleicht in einer etwas paradoxen Weise sogar sagen: Je leidvoller diese Gegenwart ist, desto größere Früchte kann sie für die Zukunft tragen. — Aber gerade eine solche Zeit wie die unsrige hat es nötig, daß sich nicht erfülle an ihr das dichterische Wort von dem Finden eines kleinen Geschlechtes von seiten einer großen Zeit.
[ 33 ] Leidvoll ist unsere Zeit. Groß kann sie dennoch sein, aber sie muß in gewisser Beziehung Menschen finden, die auch groß denken können. — Die Wilsonianer werden es nicht sein!
[ 33 ] Leidvoll ist unsere Zeit. Groß kann sie dennoch sein, aber sie muß in gewisser Beziehung Menschen finden, die auch groß denken können. — Die Wilsonianer werden es nicht sein!
