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Earth-Death and Universal-Life
Anthroposophical Life-Gifts
Essential Aspects of Consciousness for the Present and the Future
GA 181

5 March 1918, Berlin

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Erdensterben und Weltenleben IV

Earth-Death and Universal-Life IV

[ 1 ] In einer der letzten Betrachtungen, die wir hier gepflogen haben, habe ich von dem Verhältnis gesprochen, in welchem die hier im Leibe verkörperten Menschenseelen zu den entkörperten Menschenseelen, zu den sogenannten Toten stehen können, oder eigentlich immer stehen. An diese Betrachtungen möchte ich heute mit einigen andern Bemerkungen anknüpfen.

[ 1 ] In one of the recent reflections we have undertaken here, I spoke of the relationship that human souls embodied here in the physical body may have—or, in fact, always have—with disembodied human souls, with those we call the dead. Today I would like to follow up on these reflections with a few additional remarks.

[ 2 ] Wir wissen aus Verschiedenem, was durch die Geisteswissenschaft an unsere Seelen herangetreten ist, daß der Menschengeist im Laufe der Erdenentwickelung auch seine Entwickelung durchmacht. Wir wissen ferner, daß der Mensch sich nur dadurch selbst erkennen kann, daß er sich in fruchtbarer Weise die Frage vorlegt: Wie verhält sich der Mensch in einer bestimmten Inkarnation, in dieser Inkarnation, in der er eben ist, zu den geistigen Welten, zu den geistigen Reichen? Welche Stufe der Entwickelung der allgemeinen Menschheit ist erreicht, wenn wir selbst in einer bestimmten Inkarnation leben?

[ 2 ] We know from various sources—through what spiritual science has revealed to our souls—that the human spirit also undergoes its own development in the course of Earth’s evolution. We also know that human beings can only come to know themselves by fruitfully asking themselves the question: How does a human being, in a particular incarnation—in this very incarnation in which they now find themselves—relate to the spiritual worlds, to the spiritual realms? What stage of development has humanity as a whole reached when we ourselves are living in a particular incarnation?

[ 3 ] Wir wissen, wie die mehr ausführliche Betrachtung dieser Gesamtentwickelung der Menschheit uns darüber zur Einsicht kommen läßt, daß in früheren Zeiten, in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung ein gewisses, wir haben es atavistisches Hellsehen genannt, über die Menschheit ausgegossen war, daß in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung gewissermaßen die Menschenseele näher war den geistigen Welten. Während sie damals den geistigen Welten näher war, war sie ferner ihrer eigenen Freiheit, ihrem eigenen freien Willen, dem sie wiederum näher ist in unserer Zeit, in der sie im allgemeinen mehr abgeschlossen ist von den geistigen Welten. Erkennt man das Wesen des Menschen innerhalb der Gegenwart wirklich, so muß man sagen, im Unbewußten, im eigentlich Geistigen des Menschen besteht natürlich dasselbe Verhältnis zur gesamten geistigen Welt. Aber im Wissen, im Bewußtsein kann heute der Mensch selber dieses Verhältnis sich im allgemeinen nicht in derselben Weise vergegenwärtigen; gewisse Einzelne können es, aber im allgemeinen kann es sich der Mensch nicht so vergegenwärtigen, wie ihm das in früheren Zeitepochen möglich war. Wenn wir nach den Gründen fragen, warum der Mensch heute das Verhältnis seiner Seele zur geistigen Welt, das selbstverständlich in derselben Stärke vorhanden ist wie nur je, wenn auch in anderer Art, sich nicht zum Bewußtsein bringen kann, so rührt das davon her, daß wir bereits die Mitte der Erdenentwickelung überschritten haben, uns gewissermaßen in der absteigenden Entwickelungsströmung des Erdendaseins befinden, daß wir mit unserer physischen Organisation — wenn das auch natürlich für die äußere Anatomie und Physiologie nicht bemerkbar ist — physischer geworden sind, als es früher der Fall war, und daß wir so während der Zeit zwischen Geburt oder Empfängnis und Tod nicht mehr die Organisation haben, um unseren Zusammenhang mit der geistigen Welt uns voll zum Bewußtsein bringen zu können. Wir erleben heute tatsächlich — dessen müssen wir uns nur ganz klar sein — in den unterbewußten Seelenregionen, und wenn wir noch so materialistisch sind, viel mehr als das ist, wessen wir uns im allgemeinen bewußt werden können.

[ 3 ] We know how a more detailed examination of this overall development of humanity leads us to the insight that in earlier times, in earlier epochs of human development, a certain kind of clairvoyance—which we have called atavistic—was bestowed upon humanity; that in earlier epochs of human development, the human soul was, so to speak, closer to the spiritual worlds. While it was closer to the spiritual worlds back then, it was also farther from its own freedom, its own free will—to which it is, in turn, closer in our time, when it is generally more cut off from the spiritual worlds. If one truly recognizes the nature of the human being in the present, one must say that in the unconscious, in the truly spiritual aspect of the human being, the same relationship to the entire spiritual world naturally exists. But in knowledge, in consciousness, human beings today generally cannot bring this relationship to mind in the same way; certain individuals can, but in general, human beings cannot bring it to mind as they were able to in earlier epochs. If we ask why human beings today cannot bring to consciousness the relationship of their soul to the spiritual world—which, of course, exists with the same intensity as ever— albeit in a different form, cannot bring this relationship to consciousness, it is because we have already passed the midpoint of Earth’s evolution, finding ourselves, so to speak, in the descending current of Earthly existence; because, with our physical organization—even though this is not, of course, noticeable in external anatomy and physiology—we have become more physical than was formerly the case, and that, during the period between birth or conception and death, we no longer possess the constitution necessary to fully bring our connection with the spiritual world into our consciousness. We actually experience today—and we must be very clear about this—in the subconscious regions of the soul, and no matter how materialistic we may be, far more than what we are generally able to become aware of.

[ 4 ] Das geht aber noch weiter. Und da komme ich auf einen sehr wichtigen Punkt in der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung. Es geht so weit, daß der Mensch in der Gegenwart im allgemeinen nicht in der Lage ist, alles das wirklich durchzudenken, durchzuempfinden, durchzufühlen, was in ihm eigentlich gedacht, empfunden, gefühlt werden könnte. Der Mensch ist heute zu viel intensiveren Gedanken, zu viel intensiveren Gefühlen und Empfindungen veranlagt, als er sie haben kann durch die, ich möchte sagen, grobe Stofflichkeit seines Organismus. Das hat eine gewisse Folge, die Folge nämlich, daß wir in der gegenwärtigen Zeit der Menschheitsentwickelung nicht in der Lage sind, mit der völligen Ausbildung unserer Anlagen in unserem Erdenleben fertig zu werden. Darauf hat im Grunde genommen wenig Einfluß, ob wir in jungen Jahren sterben oder als alte Leute. Für jung und alt Sterbende gilt es, daß der Mensch heute, vermöge der Grobstofflichkeit seines Organismus, nicht voll ausleben kann, was er ausleben würde, wenn er eben feiner, intimer in bezug auf seinen Leib organisiert wäre. Und so bleibt — ob wit, wie gesagt, jung oder alt durch des Todes Pforte gehen — während unserer Erdenorganisation ein gewisser Rest unverarbeiteter Gedanken, unverarbeiteter Empfindungen und Gefühle, die wir aus dem angegebenen Grunde eben wirklich nicht verarbeiten können. Wir sterben heute alle gewissermaßen so, daß wir Gedanken, Gefühle und Empfindungen unverarbeitet lassen. Diese Gedanken, Gefühle und Empfindungen und immer wieder muß ich betonen, ob wir jung oder alt sterben, es kommt auf dasselbe hinaus — sind unverarbeitet da, und wir haben, wenn wir durch‘die Pforte des Todes gegangen sind, eigentlich alle noch den Drang, weiter im Irdischen zu denken, weiter im Irdischen zu fühlen, weiter im Irdischen zu empfinden.

[ 4 ] But it goes even further than that. And this brings me to a very important point in the current development of humanity. It has reached the point where people today are generally not able to truly think through, sense, or feel everything that could actually be thought, sensed, or felt within them. People today are predisposed to much more intense thoughts, feelings, and sensations than they can actually experience due to—I would say—the coarse material nature of their organism. This has a certain consequence, namely that at the present stage of human development, we are not capable of fully developing our potential during our earthly lives. Fundamentally, it makes little difference whether we die at a young age or as elderly people. For those who die young or old alike, the fact remains that human beings today, due to the coarse material nature of their physical organism, cannot fully experience what they would experience if they were organized in a finer, more subtle way with regard to their body. And so—whether, as I said, we pass through the gate of death young or old—a certain residue of unprocessed thoughts, unprocessed sensations, and feelings remains during our earthly existence, which, for the reason stated, we are simply unable to process. Today, we all die, in a sense, leaving thoughts, feelings, and sensations unprocessed. These thoughts, feelings, and sensations—and I must emphasize again and again that whether we die young or old, it amounts to the same thing—remain unprocessed, and once we have passed through the gate of death, we all actually still have the urge to continue thinking, feeling, and sensing in the earthly realm.

[ 5 ] Bedenken wir einmal, was das für eine Tragweite hat. Wir werden nach dem Tode frei, gewisse Gedanken, Gefühle und Empfindungen dann erst auszubilden. Wir würden viel mehr auf der Erde leisten, wenn wir diese Gedanken, Gefühle und Empfindungen während unseres physischen Lebens ganz ausleben könnten. Wir können es nicht. Tatsächlich ist es so, daß jeder Mensch heute nach dem Maße der Anlagen, die in ihm sind, auf der Erde viel mehr leisten könnte, als er tatsächlich leistet. Das war in früheren Epochen der Menschheitsentwickelung nicht so, als die Organismen feiner waren und ein gewisses bewußtes Hineinschauen in die geistige Welt vorhanden war und die Menschen aus dem Geiste heraus wirken konnten. Da leisteten die Menschen in der Regel alles, was sie ihren Anlagen gemäß leisten konnten. Wenn auch der Mensch heute so stolz ist auf seine Anlagen, die Sache verhält sich doch so, wie geschildert.

[ 5 ] Let us consider the implications of this. It is only after death that we become free to fully develop certain thoughts, feelings, and sensations. We would accomplish much more on Earth if we could fully experience these thoughts, feelings, and sensations during our physical lives. We cannot. In fact, every person today could accomplish much more on Earth than they actually do, depending on the potential within them. This was not the case in earlier epochs of human development, when organisms were more refined, a certain conscious insight into the spiritual world existed, and people were able to act from the spirit. Back then, people generally accomplished everything they were capable of according to their innate abilities. Even though people today are so proud of their innate abilities, the reality is as described.

[ 6 ] Indem die Sache so ist, wird man aber auch für die heutige Zeit die Notwendigkeit anerkennen können, daß dasjenige, was die Toten unverarbeitet durch die Pforte des Todes tragen, für das Erdenleben nicht verlorengehe. Das kann nur dann sein, wenn wir in dem öfter erwähnten Sinne die Verbindung mit den Toten nach Anleitung der Geisteswissenschaft wirklich pflegen, wirklich aufrechterhalten, wenn wir uns bemühen, die Verbindung mit den Toten, mit denen wir karmisch verbunden sind, zu einer bewußten, einer voll bewußten zu machen. Dann leiten sich die nicht ausgelebten Gedanken der Toten durch unsere Seele herein in die Welt, und durch dieses Hereinleiten können diese stärkeren Gedanken dann — diese Gedanken, die der Tote haben kann, weil er vom Leibe befreit ist — in unseren Seelen wirken. Unsere eigenen Gedanken können wir auch nicht bis zur vollen Ausbildung bringen, aber diese Gedanken können wirken,

[ 6 ] Given this state of affairs, however, one will be able to recognize—even in the present day—the necessity that what the dead carry unprocessed through the gate of death should not be lost to earthly life. This can only happen if, in the sense often mentioned, we truly cultivate and maintain the connection with the dead according to the guidance of spiritual science, and if we strive to make the connection with the dead—with whom we are karmically linked—a conscious, fully conscious one. Then the unlived-out thoughts of the dead are channeled through our soul into the world, and through this channeling, these stronger thoughts—these thoughts that the dead may have because they are freed from the body—can then take effect in our souls. We cannot bring our own thoughts to full development either, but these thoughts can take effect,

[ 7 ] Wir sehen daraus: Was uns den Materialismus gebracht hat, das sollte uns zu gleicher Zeit darauf aufmerksam machen, wie nötig, wie unbedingt nötig ein Suchen nach einem konkreten, einem wirklichen Verhältnis zu den Geistern der Toten eigentlich für die Gegenwart und die nächste Zukunft ist. Es fragt sich nur: Wie können wir die Gedanken, die Empfindungen und Gefühle, die herein wollen aus dem Reiche, in dem die Toten sind, in unsere Seelen entsprechend hereinbekommen? Auch dazu haben wir schon Gesichtspunkte angegeben, und ich habe bei einer letzten Betrachtung hier gesprochen von den wichtigen Momenten, die der’ Mensch wohl beachten sollte: von dem Moment des Einschlafens und dem Moment des Aufwachens. Ich will heute einiges noch genauer charakterisieren, das damit im Zusammenhang steht.

[ 7 ] We can see from this: What materialism has brought us should, at the same time, make us realize just how necessary—how absolutely necessary—it is for the present and the near future to seek a concrete, a real relationship with the spirits of the dead. The only question is: How can we appropriately allow the thoughts, sensations, and feelings that wish to enter from the realm where the dead reside to enter our souls? We have already outlined some perspectives on this as well, and in a recent reflection here, I spoke of the important moments that a person should pay close attention to: the moment of falling asleep and the moment of waking up. Today I would like to describe in greater detail some aspects related to this.

[ 8 ] In diese Welt, in der wir mit unserem gewöhnlichen Wachleben sind, die wir von außen wahrnehmen und in der wir handeln durch unseren Willen, der auf unseren Trieben beruht, in diese Welt kann der Tote nicht unmittelbar herein. Aus dieser Welt ist er, indem er durch die Pforte des Todes gegangen ist, entrückt. Aber wir können dennoch eine Welt gemeinsam mit den Toten haben, wenn wir, angespornt durch die Geisteswissenschaft, den Versuch machen — der ja in unserer heutigen materialistischen Zeit allerdings ein schwieriger Versuch ist —, sowohl die innere Welt unseres Denkens, wie auch die Welt unseres Lebens etwas in Zucht zu nehmen und sie nicht, wie wir es gewohnt sind, frei laufen zu lassen. Wir können gewisse Fähigkeiten ausbilden, die uns einen gemeinsamen Boden mit den Geistern, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, zuweisen. Es sind natürlich gerade in der Gegenwart außerordentlich viele Hindernisse im allgemeinen Leben vorhanden, um diesen gemeinsamen Boden zu finden. Das erste Hindernis ist das, was ich vielleicht noch weniger berührt habe. Aber was darüber zu sagen ist, geht aus andern Betrachtungen, die ebenfalls ‚hier gepflogen worden sind, auch schon hervor, Das erste Hindernis ist, daß wir im allgemeinen in unserem Leben mit unseren Gedanken zu verschwenderisch sind. Wir sind alle heute, in unserer Gegenwart, verschwenderisch in bezug auf unser Gedankenleben, ich könnte auch sagen: Wir sind ausschweifend in bezug auf das Gedankenleben. — Was ist damit eigentlich gemeint?

[ 8 ] The dead cannot enter directly into this world—the world of our ordinary waking life, which we perceive from the outside and in which we act through our will, which is based on our instincts. Having passed through the gate of death, they have been removed from this world. But we can still share a world with the dead if, inspired by spiritual science, we make the effort—which is, admittedly, a difficult endeavor in our present materialistic age—to bring both the inner world of our thinking and the world of our life somewhat under control, rather than letting them run wild, as we are accustomed to doing. We can develop certain abilities that provide us with common ground with the spirits who have passed through the gate of death. Of course, especially in the present day, there are an extraordinary number of obstacles in everyday life that prevent us from finding this common ground. The first obstacle is one I have perhaps touched upon even less. But what needs to be said about it is already evident from other reflections that have also been made here. The first obstacle is that, in general, we are too wasteful with our thoughts in our lives. Today, in our present time, we are all wasteful with regard to our thought life; I could also say: We are dissolute with regard to our thought life. — What does that actually mean?

[ 9 ] Der heutige Mensch lebt fast ganz unter dem Eindrucke des Sprichwortes: Gedanken sind zollfrei. Das heißt, man soll eigentlich fast alles durch die Gedanken schießen lassen, was durch die Gedanken schießen will. Bedenken Sie nur einmal, daß doch das Sprechen ein Abbild unseres Gedankenlebens ist, und bedenken Sie, auf welches Gedankenleben das Sprechen der meisten Menschen heute schließen läßt, wenn sie so schnattern, von Thema zu Thema wandern, die Gedanken nur so schießen lassen, wie sie gerade kommen, das heißt: Verschwendung treiben mit der Kraft, die uns zum Denken verliehen ist! Und wir treiben fortwährend Verschwendung, wir sind ganz ausschweifend in unserem Gedankenleben. Wir gestatten uns ganz beliebige Gedanken. Wir wollen etwas, was uns gerade einfällt, oder unterlassen es auch, indem wir einen andern Gedanken einschieben. Kurz, wir sind abgeneigt, unsere Gedanken in gewisser Beziehung unter Kontrolle zu nehmen. Wie unangenehm ist es zum Beispiel manchmal: Jemand fängt etwas zu reden an; man hört ihm eine, zwei Minuten zu; da ist er aber bei einem ganz andern Thema. Nun hat man aber das Bedürfnis, über das, womit man angefangen hat zu reden, sich weiter zu unterhalten. Das kann wichtig sein. Man muß dann aufmerksam machen: Wovon haben wir eigentlich angefangen zu reden? — Dergleichen passiert heute alle Augenblicke, so daß man, wenn wirklich Ernst in das Leben gebracht werden soll, an das begonnene Gespräch erinnern muß. Dieses Verschwenden der Gedankenkraft, dieses Ausschweifen der Gedankenkraft verhindert, daß aus der Tiefe unseres Seelenlebens diejenigen Gedanken zu uns heraufkommen, die nicht die unsrigen sind, sondern die wir mit dem Geistigen, mit dem allgemein waltenden Geist gemein haben. Dieses Drängen in beliebiger Weise von Gedanke zu Gedanke läßt uns nicht dazu kommen, im Wachzustande zu warten, bis aus den Tiefen unseres Seelenlebens die Gedanken heraufkommen, läßt uns nicht auf Eingebungen warten, wenn ich mich so ausdrücken darf. Das aber ist etwas, was — und zwar besonders in unserem Zeitalter, aus den angedeuteten Gründen — geradezu gepflegt werden sollte, so gepflegt werden sollte, daß man wirklich in der Seele die Stimmung ausbildet, welche darin besteht: wachend warten zu können, bis sich Gedanken gewissermaßen aus dem tiefen Untergrunde der Seele heraufheben, die sich deutlich ankündigen als das, was uns gegeben ist, was wir nicht gemacht haben.

[ 9 ] People today live almost entirely under the influence of the saying: “Thoughts are duty-free.” That is to say, one should actually let almost anything pass through one’s mind that wants to. Just consider for a moment that speech is a reflection of our inner life, and consider what kind of inner life the speech of most people today suggests when they chatter away, jumping from topic to topic, letting their thoughts just fly as they come—in other words, squandering the power that has been granted to us for thinking! And we are constantly wasting this energy; we are utterly undisciplined in our mental life. We allow ourselves to have whatever thoughts come to mind. We pursue whatever happens to occur to us at the moment, or we abandon it by inserting another thought. In short, we are reluctant to exercise any control over our thoughts. How unpleasant it is, for example, when someone starts talking about something; you listen to them for a minute or two, but then they’ve moved on to a completely different topic. Yet you still feel the need to continue discussing what you started talking about. That might be important. You then have to point out: “What did we actually start talking about?” — Things like this happen all the time today, so that if we are to bring true seriousness into our lives, we must recall the conversation we began. This squandering of mental energy, this wandering of the mind, prevents those thoughts from rising up to us from the depths of our inner life—thoughts that are not our own, but which we share with the spiritual realm, with the universally reigning Spirit. This hopping from thought to thought in a haphazard manner prevents us from waiting, while awake, for thoughts to rise up from the depths of our soul life; it prevents us from waiting for inspirations, if I may put it that way. But this is something that—especially in our age, for the reasons I have indicated—should be actively cultivated, cultivated in such a way that one truly develops within the soul the disposition that consists in: being able to wait while awake until thoughts, as it were, rise up from the deep recesses of the soul, clearly revealing themselves as that which is given to us, which we have not created.

[ 10 ] Man soll nicht glauben, daß das Ausbilden einer solchen Stimmung in raschem Fluge vor sich gehen könnte. Das kann es nicht. So etwas muß gepflegt werden. Aber wenn es gepflegt wird, wenn wir uns wirklich bemühen, einfach wach zu sein, und nicht, wenn wir die unwillkürlichen Gedanken ausschließen, gleich einzuschlafen, sondern einfach wach zu sein und auf das zu warten, was man eingegeben bekommt, dann bildet sich nach und nach diese Stimmung aus. Dann bildet sich in uns die Möglichkeit aus, Gedanken in unsere Seele hereinzubekommen, die aus der Tiefe der Seele kommen und dadurch aus der Welt kommen, die weiter ist als unsere Egoität. Wenn wir so etwas wirklich ausbilden, werden wir schon wahrnehmen, daß in der Welt nicht bloß das vorhanden ist, was wir mit Augen sehen, mit Ohren hören, mit den äußeren Sinnen wahrnehmen, und wie unser Verstand diese Wahrnehmungen kombiniert, sondern daß ein objektives Gedankenweben in der Welt vorhanden ist. Dies haben heute noch die wenigsten Menschen als ihre ureigene Erfahrung. Dieses Erlebnis von dem allgemeinen Gedankenweben, in dem die Seele eigentlich drinnen ist, ist noch nicht irgendein bedeutsameres, okkulteres Erlebnis; es ist etwas, was jeder Mensch haben kann, wenn er die angedeutete Stimmung in sich ausbildet. Er kann dann das Erlebnis haben, daß er sich sagt: Im alltäglichen Leben stehe ich in der Welt, die ich durch meine Sinne wahrnehme und mit dem Verstande mir zusammenkombiniert habe. Dann aber komme ich in die Lage, wie wenn ich, am Ufer stehend, eintauche in das Meer und da webe in dem wellenden Wasser. So kann ich, am Ufer des sinnlichen Daseins stehend, eintauchen in das webende Meer der Gedanken; da bin ich dann wirklich wie in einem webenden Meer drinnen. — Man kann dann das Gefühl haben, daß man ein Leben ahnt wenigstens, das stärker, intensiver ist als das bloße Traumleben, das aber doch zwischen sich und der äußeren sinnlichen Wirklichkeit eine solche Grenze hat, wie es das Traumleben für die sinnliche Wirklichkeit hat.

[ 10 ] One should not think that cultivating such a state of mind can happen overnight. It cannot. Something like this must be nurtured. But if it is cultivated—if we truly strive simply to be awake, not to fall asleep the moment we exclude involuntary thoughts, but simply to be awake and wait for what is imparted to us—then this state of mind gradually takes shape. Then the capacity develops within us to receive into our soul thoughts that arise from the depths of the soul—and thus from a world that extends beyond our ego. If we truly cultivate something like this, we will already perceive that what exists in the world is not merely what we see with our eyes, hear with our ears, and perceive with our external senses—and how our intellect combines these perceptions—but that an objective web of thought exists in the world. Very few people today have this as their own personal experience. This experience of the universal web of thought, within which the soul actually resides, is not yet some particularly significant or occult experience; it is something that every person can have if they cultivate the suggested state of mind within themselves. They can then have the experience of saying to themselves: In everyday life, I stand in the world that I perceive through my senses and have synthesized with my intellect. But then I find myself in a situation as if, standing on the shore, I were to plunge into the sea and weave there in the undulating water. Thus, standing on the shore of sensory existence, I can plunge into the weaving sea of thoughts; and there I am truly immersed in a surging sea. — One can then have the feeling of at least sensing a life that is stronger and more intense than mere dream life, yet one that has a boundary between itself and external sensory reality just as dream life has a boundary with sensory reality.

[ 11 ] Man kann, wenn man will, von solchen Erlebnissen als von Träumen sprechen. Es ist kein Träumen! Denn die Welt, in die man da eintaucht, diese Welt der wogenden Gedanken, die nicht unsere Gedanken sind, sondern die Gedanken, in die man untergetaucht ist, das ist die Welt, aus der unsere physisch-sinnliche Welt aufsteigt, gewissermaßen verdichtet aufsteigt. Unsere physisch-sinnliche Welt ist so wie die Eisblöcke, die Eisklöße im Wasser: das Wasser ist da, die Eisklöße verhärten sich, schwimmen darin. Wie das Eis aus dem Stoffe des Wassers besteht, nur zu anderem Aggregatzustande gefügt ist, so erhebt sich unsere physisch-sinnliche Welt aus diesem wogenden, wellenden Gedankenmeer. Das ist der wirkliche Ursprung. Die Physik spricht nur von ihrem « Äther», von den wirbelnden Atomen, weil sie nicht weiß, welches die wirkliche Urstofflichkeit ist. Shakespeare war dieser wirklichen Utstofflichkeit näher, da er eine seiner Personen sagen ließ: Die Welt der Wirklichkeit ist aus Träumen gewoben. — Die Menschen geben sich in bezug auf solche Dinge nur allzu gern Täuschungen hin. Sie möchten eine grobklotzige atomistische Welt hinter der physischen Wirklichkeit finden. Aber wenn man überhaupt von einem solchen «hinter der physischen Wirklichkeit» sprechen will, so muß man von dem objektiven Gedankenweben, von der objektiven Gedankenwelt sprechen. Dazu kommt man aber nur, wenn man die Ausschweifung, die Verschwendung in bezug auf die Gedanken einstellt und jene Stimmung entwickelt, die dann kommt, wenn man warten kann auf das, was man populär als Eingebung bezeichnet.

[ 11 ] If one wishes, one can speak of such experiences as dreams. But it is not dreaming! For the world into which one is immersed—this world of surging thoughts, which are not our own thoughts but rather the thoughts into which one has plunged—is the world from which our physical-sensory world arises, arising, as it were, in condensed form. Our physical-sensory world is like blocks of ice, lumps of ice in water: the water is there, the lumps of ice harden and float in it. Just as ice consists of the substance of water, merely arranged in a different state of aggregation, so our physical-sensory world rises from this surging, undulating sea of thought. That is the true origin. Physics speaks only of its “ether” and of swirling atoms because it does not know what the true primordial substance is. Shakespeare was closer to this true primordial substance, for he had one of his characters say: “The world of reality is woven from dreams.” — People are all too willing to delude themselves regarding such matters. They would like to find a crude, atomistic world behind physical reality. But if one is to speak at all of such a “behind physical reality,” one must speak of the objective weaving of thought, of the objective world of thought. One can only arrive at this, however, by ceasing the excess and wastefulness in regard to thoughts and by developing that state of mind that arises when one is able to wait for what is popularly called inspiration.

[ 12 ] Für die, welche sich etwas mit Geisteswissenschaft beschäftigen, ist es nicht so schwierig, diese hier gekennzeichnete Stimmung zu entwickeln. Denn die Art des Denkens, die man entfalten muß, wenn man anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft treibt, leitet die Seele an, eine solche Stimmung zu entwickeln. Und wenn man ernst diese Geisteswissenschaft treibt, dann kommt man zu dem Bedürfnis, solch intimes Gedankenweben in sich zu entwickeln. Dieses Gedankenweben aber bietet uns die gemeinsame Sphäre, in der wir auf der einen Seite, die sogenannten Toten-auf der andern Seite sind. Das ist der gemeinsame Boden, wo man sich mit den Toten treffen kann. In die Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen und mit unserem Verstande kombinieren, kommen die 'Toten nicht herein; aber sie kommen herein in die Welt, die ich eben charakterisiert habe.

[ 12 ] For those who are somewhat involved in spiritual science, it is not so difficult to develop the state of mind described here. For the kind of thinking one must cultivate when engaging in anthroposophically oriented spiritual science guides the soul to develop such a state of mind. And when one seriously pursues this spiritual science, one comes to feel the need to develop such an intimate weaving of thoughts within oneself. This weaving of thoughts, however, offers us the shared sphere in which we are, on the one hand, the so-called dead—and on the other hand, ourselves. This is the common ground where one can meet the dead. The ‘dead’ do not enter the world we perceive with our senses and process with our intellect; but they do enter the world I have just described.

[ 13 ] Ein zweites ist gegeben in dem, was ich im vorigen Jahre einmal besprochen habe: in dem Beobachten feiner, intimer Lebenszusammenhänge. Sie erinnern sich, um anzudeuten, was ich eigentlich damit meine, habe ich auf ein Beispiel hingewiesen, das man in der psychologischen Literatur finden kann. Schubert macht auch darauf aufmerksam; es ist noch aus der älteren Literatur, aber man kann solche Beispiele immer wieder und wieder im Leben finden. — Ein Mensch ist gewohnt, täglich einen bestimmten Spaziergang zu machen. Als er ihn eines Tages auch wieder macht, hat er, indem er an einem bestimmten Punkt seines Weges ankommt, die Empfindung, er müsse stehenbleiben, zur Seite treten, und es kommt ihm der Gedanke, ob es eigentlich recht ist, die Zeit mit diesem Spaziergange zu verbringen. In diesem Augenblick fällt auf den Weg ein Stein, der sich vom Felsen abgespalten hat und der ihn ganz sicher getroffen hätte, wenn er nicht durch seine Gedanken veranlaßt worden wäre, einen Schritt zur Seite zu treten.

[ 13 ] A second example can be found in what I discussed once last year: the observation of subtle, intimate connections in life. You may recall that, to illustrate what I actually mean by this, I referred to an example found in the psychological literature. Schubert also draws attention to this; it comes from older literature, but one can find such examples time and time again in life. — A person is accustomed to taking a certain walk every day. One day, as he is taking it again, upon reaching a certain point along his route, he has the feeling that he must stop, step aside, and the thought occurs to him as to whether it is actually right to spend his time on this walk. At that very moment, a rock that had broken off from the cliff falls onto the path; it would certainly have struck him had he not been prompted by his thoughts to take a step to the side.

[ 14 ] Es ist dies ein grobes Erlebnis, auf das jeder aufmerksam wird, dem dergleichen im Leben passiert. Aber solche Erlebnisse, wenn sie auch feiner geschürzt sind, drängen sich täglich in unser ganz gewöhnliches Leben herein. Wir beachten sie in der Regel nicht. Wir rechnen nur mit dem im Leben, was geschieht, nicht aber mit dem, was hätte geschehen können und dadurch nicht geschehen ist, daß irgend etwas eingetreten ist, was uns von diesem oder jenem abgehalten hat. Wir rechnen mit dem, was passiert ist, wenn wir zu Hause eine Viertelstunde aufgehalten worden sind und einen Gang nun eine Viertelstunde später machen, als beabsichtigt. Oft und oft würde sehr Merkwürdiges herauskommen, wenn wir darüber nachdenken wollten, was denn eigentlich alles anders geworden wäre, wenn wir nun nicht aufgehalten worden wären und eine Viertelstunde früher von Hause weggegangen wären.

[ 14 ] This is a profound experience that catches the attention of anyone to whom something like this happens in life. But such experiences, even if they are more subtle, intrude into our everyday lives on a daily basis. We usually do not take notice of them. We only take into account what actually happens in life, but not what could have happened and did not, because something else occurred that prevented us from doing this or that. We take into account what actually happened—for example, when we were delayed at home for a quarter of an hour and now set out a quarter of an hour later than intended. Time and again, something very remarkable would come to light if we were to reflect on what might actually have turned out differently had we not been delayed and had left home a quarter of an hour earlier.

[ 15 ] Versuchen Sie einmal, systematisch so etwas wirklich in Ihrem Leben zu beobachten, was alles anders geworden wäre, wenn nicht im letzten Augenblicke, als Sie haben weggehen wollen, jemand gekommen wäre, auf den Sie vielleicht sehr böse waren, der Sie einige Minuten aufgehalten hat. Fortwährend drängt sich alles, was hätte anders sein können, nach seiner Veranlagung, in das menschliche Leben herein. Wir suchen einen kausalen Zusammenhang zwischen dem, was im Leben wirklich passiert. Wir denken nicht daran, mit derjenigen Subtilität durch das Leben zu gehen, die in der Annahme eines Abbrechens von veranlagten Geschehensketten liegen würde, so daß, ich möchte sagen, fortwährend über unser Leben eine Atmosphäre von Möglichkeiten ausgegossen ist.

[ 15 ] Try, for once, to systematically observe in your own life what might have turned out differently if, at the very last moment when you were about to leave, someone—perhaps someone you were very angry with—had arrived and held you up for a few minutes. Constantly, everything that could have been different pushes its way into human life according to its own nature. We look for a causal connection between what actually happens in life. We do not think to go through life with the subtlety that would lie in accepting the interruption of predetermined chains of events, so that—I would say—an atmosphere of possibilities is constantly poured over our lives.

[ 16 ] Wenn wir dies mitbeachten, dann haben wir eigentlich immer das Gefühl, wenn wir um zwölf Uhr Mittags etwas tun, nachdem wir Morgens einmal zehn Minuten aufgehalten worden sind: Es steht das, was wir um zwölf Uhr Mittags tun, oftmals — es kann ja auch anders sein — nicht nur unter dem Einfluß der vorhergehenden Ereignisse, sondern auch unter dem Einfluß des Unzähligen, was nicht geschehen ist, wovon wir abgehalten worden sind. Dadurch daß wir das Mögliche, nicht nur das äußerlich-sinnlich Wirkliche, mit unserem Leben in Zusammenhang denken, werden wir zu der Ahnung getrieben, wie wir eigentlich im Leben so drinnenstehen, daß das Aufsuchen von Zusammenhängen des Folgenden mit dem Vorhergehenden eine recht einseitige Art ist, das Leben anzusehen. Wenn wir uns wirklich solche Frage stellen, dann wird wiederum etwas in unserem Geist angeregt, was sonst unangeregt bliebe. Wir kommen dazu, gleichsam zwischen den Zeilen des Lebens zu beobachten; wir kommen dazu, das Leben in seiner Vieldeutigkeit kennenzulernen. Wir kommen schon dann dazu, gewissermaßen uns in der Umgebung drinnen zu sehen, wie sie uns formt, wie sie uns Stück für Stück im Leben vorwärtsbringt. Das beachten wir ja für gewöhnlich viel zu wenig. Wir beachten meistens nur, welche inneren Triebkräfte uns von Stufe zu Stufe leiten. Nehmen Sie irgendein einfaches, gewöhnliches Beispiel, an dem Sie ersehen können, wie Sie das Äußere nur in sehr fragmentarischer Weise mit Ihrem Inneren in Zusammenhang, in ein Verhältnis bringen.

[ 16 ] If we take this into account, then we actually always have the feeling that when we do something at noon, after having been delayed for ten minutes that morning: What we do at noon is often—though it can also be otherwise—influenced not only by preceding events, but also by the countless things that did not happen, the things from which we were prevented. By considering the possible—not just the outwardly sensory reality—in connection with our lives, we are led to the realization that we are actually so deeply immersed in life that seeking connections between what follows and what preceded is a rather one-sided way of viewing life. When we truly ask ourselves such questions, something within our minds is stirred that would otherwise remain dormant. We come to observe, as it were, between the lines of life; we come to know life in all its ambiguity. We then begin, in a sense, to see ourselves within our surroundings—how they shape us, how they move us forward in life, step by step. We usually pay far too little attention to this. Most of the time, we focus only on the inner driving forces that guide us from one stage to the next. Take any simple, ordinary example that illustrates how you relate the external world to your inner world only in a very fragmentary way.

[ 17 ] Versuchen Sie einmal den Blick zu werfen auf die Art, wie Sie Ihr Aufstehen am Morgen vorzustellen gewohnt sind. Sie werden zumeist, wenn Sie sich das klarzumachen versuchen, eine sehr eindeutige Idee davon bekommen: die Idee, wie Sie getrieben werden, aufzustehen, aber vielleicht auch noch dies sich recht nebulos vorstellen. Aber versuchen Sie nur einmal, ein paar Tage lang über den Gedanken nachzudenken, der Sie eigentlich jeweils aus dem Bette treibt; versuchen Sie sich völlig klarzumachen, welcher einzelne Gedanke Sie konkret aus dem Bette treibt, also sich klarzumachen: Gestern bist du deshalb aufgestanden, weil du gehört hast, daß im Nebenzimmer der Kaffee bereitet worden ist; das hat dich aufmerksam gemacht, das hat bewirkt, daß du dich gedrängt fühltest, aufzustehen; heute passierte dir etwas anderes. Ich meine, machen Sie sich konkret klar, nicht was Sie aus dem Bette getrieben hat, sondern was das treibende Außen war. Der Mensch vergißt gewöhnlich, sich in der Außenwelt zu suchen, daher findet er so wenig sich in der Außenwelt. Wer nur ein wenig auf so etwas achtet, der wird wieder leicht jene Stimmung entwickeln, vor der die Menschen heute geradezu eine heilige, nein, eine «unheilige» Scheu haben, jene Stimmung, die darin besteht, daß man wenigstens einen Untergedanken bei dem ganzen Leben hat, den man eigentlich im gewöhnlichen Leben nicht hat. Es bringt sich zum Beispiel der Mensch in ein Zimmer hinein, er bringt sich an irgendeinen Ort, aber er denkt wenig daran: Wie verändert sich der Ort, wenn er hineintritt? — Andere Menschen haben zuweilen davon eine Anschauung, aber selbst diese Anschauung von außen ist heute nicht sehr verbreitet. Ich weiß nicht, wie viele Menschen eine Empfindung dafür haben: Wenn eine Gesellschaft in einem Raume ist, dann ist der eine Mensch oftmals doppelt so stark da wie der andere; der eine ist stark da, der andere schwach. — Das ist etwas, was von den Imponderabilien abhängt. Sie können leicht die Erfahrung machen: Ein Mensch ist in einer Gesellschaft, er huscht hinein, er huscht wieder hinaus, und man hat das Gefühl, als ob es ein Engel gewesen ist, der herein- und heraushuschte. Mancher dagegen ist so stark da, daß er nicht nur mit seinen beiden sichtbaren Beinen da ist, sondern mit allerlei unsichtbaren Beinen — wenn man so sagen darf — auch da ist. Die andern beachten es in der Regel sehr wenig, obwohl es für sie sehr wahrnehmbar sein kann, aber der Mensch selber beachtet es von sich aus schon gar nicht. Der Mensch hat gewöhnlich nicht jenen — Unterton, den man haben kann von der Veränderung, die man durch seine Anwesenheit in der Umgebung hervorruft; man bleibt bei sich, man fragt nicht bei der Umgebung an, was man da für eine Veränderung hervorbringt. Aber die Ahnung, das Echo seines Daseins in der Umgebung wahrzunehmen, kann man sich anerziehen. Und denken Sie nur, wie das äußere Leben an Intimität gewinnen würde, wenn so etwas systematischer anerzogen würde, wenn die Menschen nicht bloß die Orte mit ihrer Anwesenheit bevölkern würden, sondern ein Gefühl dafür haben würden, was das ausmacht, daß sie an einem Orte sind, sich dort geltend machen, daß sie eine Veränderung dadurch hervorrufen, daß sie an diesem Orte sind.

[ 17 ] Try taking a moment to consider the way you’re used to imagining getting out of bed in the morning. When you try to bring this to mind, you’ll usually get a very clear picture of it: the idea of how you’re driven to get out of bed—though you might still imagine this in rather vague terms. But just try, for a few days, to reflect on the thought that actually drives you out of bed each time; try to make it completely clear to yourself which specific thought actually drives you out of bed—in other words, realize this: Yesterday you got up because you heard coffee being made in the next room; that caught your attention; that made you feel compelled to get up; today something else happened to you. I mean, make it clear to yourself—not what drove you out of bed, but what the external impetus was. People usually forget to look for themselves in the outside world, which is why they find so little of themselves there. Anyone who pays even a little attention to such things will easily develop once again that state of mind toward which people today have an almost sacred—no, an “unholy”—aversion: that state of mind which consists in having at least one underlying thought about life as a whole that one does not actually have in ordinary life. For example, a person enters a room, goes to some place, but gives little thought to it: How does the place change when he enters it? — Other people sometimes have a sense of this, but even this external perception is not very widespread today. I do not know how many people have a feeling for it: When a group of people is in a room, one person is often twice as strongly present as another; one is strongly present, the other weakly so. — This is something that depends on the imponderables. You can easily experience it: A person is in a group; they flit in, they flit out again, and you have the feeling as if it were an angel who flitted in and out. Some, on the other hand, have such a strong presence that they are there not only with their two visible legs, but also with all sorts of invisible legs—if one may put it that way. Others generally pay very little attention to this, even though it may be quite perceptible to them, but the person themselves certainly does not notice it on their own. People usually lack that—subtle awareness—of the change they bring about in their surroundings through their presence; they remain absorbed in themselves and do not ask their surroundings what kind of change they are causing there. But one can train oneself to perceive the echo of one’s existence in the surroundings. And just think how much more intimate external life would become if such an awareness were cultivated more systematically—if people did not merely populate places with their presence, but had a sense of what it means to be in a place, to make their presence felt there, and to bring about a change simply by being there.

[ 18 ] Das ist nur ein Beispiel. Solche Beispiele könnte man für alle möglichen Lagen des Lebens anführen. Mit andern Worten, man kann auf ganz gesunde Weise — nicht dadurch, daß man sich fortwährend selber auf die Füße tritt, sondern auf ganz gesunde Weise — das Medium des Lebens verdichten, so daß man fühlt, was man selber für einen Einschnitt im Leben macht. Dadurch lernt man den Anfang desjenigen kennen, was Karmaempfindung, was Schicksalsempfindung ist. Denn wenn man vollständig empfinden würde, was dadurch geschieht, daß man dies oder jenes tut, daß man da oder dort ist, wenn man gewissermaßen immer das Bild vor sich hätte, das man in der Umgebung mit seinem 'Tun, mit seinem Sein hervorbringt, dann hätte man ein deutliches Gefühl seines Karma vor sich, denn Karma ist aus diesem Miterlebten gewoben. |

[ 18 ] This is just one example. One could cite such examples for all kinds of situations in life. In other words, one can—in a perfectly healthy way—not by constantly tripping oneself up, but in a perfectly healthy way—intensify the fabric of life so that one feels the impact one’s own actions have on life. Through this, one begins to understand what a sense of karma and a sense of destiny are. For if one were to fully sense what happens as a result of doing this or that, of being here or there—if, so to speak, one always had before one’s eyes the image that one creates in one’s surroundings through one’s “doing” and one’s “being”—then one would have a clear sense of one’s karma before one, for karma is woven from this shared experience. |

[ 19 ] Jetzt aber will ich nur darauf hinweisen, wie das Leben durch die Einfügung solcher Intimitäten reicher wird, wenn wir so zwischen den Zeilen des Lebens beobachten, wenn wir so auf das Leben hinzuschauen lernen, daß wir gewissermaßen darauf aufmerksam werden, daß wir da sind, wenn wir mit «Gewissen» da sind. Dann entwickeln wir durch solches Bewußtsein wiederum etwas von der gemeinsamen Sphäre mit den Toten. Und wenn wir in einem solchen Bewußtsein, das zu diesen zwei Säulen hinblicken darf, die ich jetzt charakterisiert habe: gewissenhaftes Verfolgen des Lebens, und Sparsamkeit, nicht Verschwendüngssucht in den Gedanken —, wenn wir eine solche innere Stimmung entwickeln, dann wird es von Erfolg, von dem für die Gegenwart und Zukunft notwendigen Erfolg begleitet sein, wenn wir uns in der geschilderten Weise den Toten nähern. Wenn wir dann Gedanken ausbilden, die wir anknüpfen an, jetzt nicht bloß gedankenmäßiges Zusammensein mit einem Verstorbenen, sondern an gefühlsmäßiges, interessevolles Zusammensein, wenn wir solche Gedanken an Lebenssituationen mit dem Toten weiterspinnen, Gedanken an das, wie wir mit ihm gelebt haben, so daß sich ein Gefühlston zwischen uns abgespielt hat, wenn wir so anknüpfen nicht an gleichgültiges Zusammensein, sondern an Momente, wo uns das interessiert hat, wie er dachte, lebte, handelte, und wo ihn interessiert hat, was wir in ihm anregten, so können wir solche Momente nützen, um gewissermaßen das Gespräch der Gedanken fortzusetzen. Und wenn man dann diesen Gedanken ruhen lassen kann, so daß man übergeht in eine Art Meditation, daß dieser Gedanke gewissermaßen dargebracht wird am Altar des inneren geistigen Lebens, dann kommt der Augenblick, wo wir gewissermaßen von dem Toten Antwort bekommen, wo er sich wieder mit uns verständigen kann. Wir brauchen nur die Brücke herzustellen von dem, was wir an dem Toten entwickeln, zu dem, wodurch er seinerseits wieder herüberkommen kann zu uns. Diesem Herüberkommen wird es aber besonders nützen, wenn wir imstande sind, wirklich in tiefster Seele ein Bild zu entwickeln von der Wesenheit des Toten. Das ist ja etwas, was der heutigen Zeit auch wirklich sehr ferne steht, weil — wie ich schon in früheren Betrachtungen gesagt habe — die Menschen sehr aneinander vorübergehen, oft im vertrautesten Lebenskreise zusammen sind und dann auseinandergehen, ohne daß sie sich kennen. Das Kennenlernen braucht ja nicht darauf zu beruhen, daß man sich analysiert. Wer sich von dem mit ihm Lebenden analysiert weiß, der fühlt sich, wenn er eine feiner veranlagte Seele ist, auch geprügelt. Also darauf kommt es nicht an, daß man sich analysiert. Die beste Kenntnis vom andern erlangt man, wenn das Herz zusammenstimmt; man braucht sich gar nicht irgendwie zu analysieren.

[ 19 ] But now I simply want to point out how life is enriched by the inclusion of such intimate details—when we observe life this way, reading between the lines; when we learn to look at life in such a way that we become aware, as it were, that we are here—that we are here with a “conscience.” Then, through such awareness, we in turn develop a sense of the shared sphere with the dead. And if, in such an awareness—which may look toward these two pillars I have just described: conscientious attention to life, and frugality rather than a wasteful indulgence in thought—if we develop such an inner disposition, then it will be accompanied by success—the success necessary for the present and the future—when we approach the dead in the manner described. If we then form thoughts that connect us—not merely to a mental togetherness with a deceased person, but to an emotional, engaged togetherness—if we spin out such thoughts regarding life situations with the deceased, thoughts about how we lived with them, so that a certain emotional tone existed between us—if we connect not to indifferent interactions, but to moments when we were interested in how they thought, lived, and acted, and when they were interested in what we inspired in them—then we can use such moments to, so to speak, continue the conversation of thoughts. And when we can then let this thought rest, so that we slip into a kind of meditation—where this thought is, as it were, offered up on the altar of our inner spiritual life—then the moment comes when we receive, as it were, a response from the deceased, when he can once again communicate with us. We need only build the bridge from what we develop in connection with the deceased to that through which he, in turn, can come back to us. This return, however, will be particularly aided if we are able to truly develop, in the depths of our soul, an image of the deceased’s essence. This is, after all, something that is truly very foreign to our time, because—as I have already said in earlier reflections—people pass each other by; they are often together in the most intimate circles of life and then go their separate ways without really knowing one another. Getting to know one another does not, after all, have to be based on analyzing one another. Anyone who knows that they are being analyzed by those living with them—if they are a more sensitive soul—will also feel tormented. So it is not a matter of analyzing one another. The best understanding of another is gained when hearts are in harmony; there is no need to analyze one another in any way.

[ 20 ] Ich bin davon ausgegangen, daß solche Pflege des Verhältnisses zu den sogenannten Toten in unserer Zeit ganz besonders notwendig ist, gerade weil wir nicht durch Willkür, sondern einfach durch die Evolution der Menschheit im Zeitalter des Materialismus leben, weil wir nicht imstande sind, bevor wir durch die Pforte des Todes gehen, alle unsere Anlagen an Gedanken, Gefühlen und Empfindungen auszubilden, auszugestalten. Weil noch etwas bleibt, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, deshalb ist es notwendig, daß die Lebenden den Verkehr mit den Toten aufrechterhalten, damit das gewöhnliche Leben der Menschen bereichert werde durch diesen Verkehr mit den Toten. Wenn man doch nur den Menschen der Gegenwart dies ans Herz legen könnte, daß das Leben verarmen muß, wenn der Toten vergessen wird! Und richtiges Gedenken der Toten können doch nur diejenigen entwickeln, die irgendwie karmisch mit ihnen verbunden waren.

[ 20 ] I have assumed that maintaining such a relationship with the so-called dead is particularly necessary in our time, precisely because we live in the age of materialism—not by choice, but simply as a result of human evolution—and because we are unable to fully develop and shape all our capacities for thought, feeling, and sensation before we pass through the gate of death. Because something remains even after we have passed through the gate of death, it is necessary for the living to maintain contact with the dead, so that people’s everyday lives may be enriched by this contact with the dead. If only one could impress upon the people of the present that life must become impoverished when the dead are forgotten! And only those who were somehow karmically connected to the dead can truly develop a proper remembrance of them.

[ 21 ] Wenn wir zu einem unmittelbaren Verkehr mit den Toten hinstreben, der sich so gestaltet wie der Verkehr zu den Lebenden — ich habe auch darüber gesprochen, daß die Dinge gewöhnlich deshalb als besonders schwierig empfunden werden, weil sie nicht bewußt sind; aber nicht alles, was wirklich ist, ist auch bewußt, und nicht alles, was [nicht bJewußt wird, ist deshalb unwirklich —, wenn wir den Verkehr mit den Toten in dieser Weise pflegen, dann ist er vorhanden, dann wirken die im Leben unausgebildeten Gedanken der Toten in dieses Leben herein. Es ist ja allerdings eine Zumutung an unsere Zeit, was damit gesagt wird. Jedoch sagt man so etwas, wenn man davon überzeugt ist durch die geistigen Tatsachen: daß unser soziales Leben, unser ethisches, unser religiöses Leben unendliche Bereicherung erfahren würden, wenn die Lebenden sich von den Toten beraten ließen. Heute ist man ja schon abgeneigt, zum Beraten den Menschen bis in ein gewisses Alter kommen zu lassen. Denken Sie nur einmal, daß man es heute für das einzig Richtige betrachtet, daß der Mensch so jung wie möglich in Stadt- und Staatsverrichtungen komme, weil er so jung wie möglich reif zu allem möglichen ist — auch nach seiner Ansicht heute. In Zeitaltern, in denen man bessere Kenntnis hatte von dem Wesen des Menschen, wartete man, bis die Menschen ein gewisses Alter hatten, um in diesem oder jenem Rate zu sein. Nun sollen gar die Menschen warten, bis die andern gestorben sind, um sich dann von ihnen beraten zu lassen! Dennoch müßte gerade unsere Zeit auf den Rat der Toten hinhorchen wollen. Heil wird erst entstehen können, wenn man in der angedeuteten Weise wird auf den Rat der Toten hinhorchen wollen. |

[ 21 ] If we strive for direct communication with the dead that takes the same form as communication with the living—I have also spoken about how things are usually perceived as particularly difficult precisely because they are not conscious; but not everything that is real is also conscious, and not everything that is [not] conscious is therefore unreal—if we cultivate communication with the dead in this way, then it exists, and the thoughts of the dead that were not developed during their lives influence this life. Admittedly, what is being said here is quite a demand on our time. Yet one says such things when convinced by spiritual facts: that our social life, our ethical life, and our religious life would be infinitely enriched if the living were to seek counsel from the dead. Today, people are already reluctant to allow individuals to reach a certain age before seeking advice. Just consider that today it is regarded as the only right thing for a person to enter municipal and state affairs as young as possible, because—even by today’s standards—they are ready for all manner of things at that age. In eras when people had a better understanding of human nature, they waited until people had reached a certain age before allowing them to serve on this or that council. Now people are even expected to wait until others have died before seeking their counsel! Yet our time, of all times, should be willing to heed the counsel of the dead. Salvation will only be possible when we are willing to heed the counsel of the dead in the manner described. |

[ 22 ] Geisteswissenschaft mutet schon einmal dem Menschen Energisches zu. Das muß verstanden werden, muß begriffen werden. Geisteswissenschaft verlangt nach einer gewissen Richtung hin, daß der Mensch wirklich nach Konsequenz und Klarheit trachtet. Und wir stehen heute vor der Notwendigkeit, nach Klarheit zu suchen innerhalb unserer katastrophalen Ereignisse, da dieses Suchen nach Klarheit das Allerwichtigste ist. Mehr als man glaubt, hängen solcheDinge, wie sie heute wieder besprochen worden sind, mit den großen Anforderungen unserer Zeit zusammen. Ich habe schon auch in diesem Winter hier darauf hingewiesen, wie ich versuchte, viele Jahre bevor diese Weltkatastrophe hereinbrach, in meinen Vortragszyklen über die europäischen Völkerseelen auf manches hinzudeuten, was im allgemeinen Menschheitszusammenhange heute zu finden ist. Wenn Sie jenen Zyklus über «Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange mit der germanisch-nordischen Mythologie», den ich einmal in Kristiania gehalten habe, zur Hand nehmen, werden Sie ein gewisses Verständnis gewinnen können für das, was sich in den heutigen Ereignissen abspielt. Es ist nicht zu spät, und es wird sich manches abspielen, wofür Sie auch noch Verständnis aus diesem Zyklus, selbst noch für die nächsten Jahre, werden gewinnen können.

[ 22 ] Spiritual science does indeed demand a great deal of energy from human beings. This must be understood; it must be grasped. Spiritual science requires, in a certain sense, that human beings truly strive for consistency and clarity. And today we are faced with the necessity of seeking clarity amid our catastrophic events, for this search for clarity is of the utmost importance. More than one might think, matters such as those discussed again today are connected to the great demands of our time. I have already pointed this out here this winter, explaining how, many years before this global catastrophe struck, I attempted in my lecture series on the European national souls to allude to many things that can be found today in the broader context of humanity. If you pick up that lecture series on “The Mission of Individual National Souls in Connection with Germanic-Nordic Mythology,” which I once gave in Kristiania, you will be able to gain a certain understanding of what is unfolding in today’s events. It is not too late, and many things will unfold for which you will still be able to gain insight from this lecture series—even in the coming years.

[ 23 ] So wie die Menschen auf der Erde heute zueinander stehen, sind ihre Verhältnisse nur für den wirklich durchdringbar, der die geistigen Impulse zu schauen vermag. Und die Zeit rückt immer mehr und mehr heran, wo es ein wenig nötig werden wird, daß die Menschen sich die Frage vorlegen: Wie verhält sich zum Beispiel das Empfinden ° und das Denken des Ostens zum Denken und Empfinden Europas, namentlich Mitteleuropas? Und wie verhält sich dieses wieder zum Denken des Westens, zum Denken Amerikas? Diese Frage sollte in allen möglichen Varianten vor die Menschenseele treten. Man sollte sich schon jetzt ein wenig fragen: Wie sieht der Orientale heute Europa an? Der Orientale, der auf Europa viel schaut, hat von ihm heute die Empfindung, daß das europäische Kulturleben sich in eine Sackgasse hineinführt, sich zu einem Abgrund geführt hat. Der Orientale hat heute das Gefühl, daß er nicht verlieren darf, was er aus seinen alten Zeiten sich an Spiritualität heraufgebracht hat, wenn er das übernimmt, was Europa ihm geben kann. Der Orientale verachtet nicht die europäischen Maschinen zum Beispiel, aber er sagt sich heute es sind dies eigene Worte eines berühmten Orientalen, was ich hiermit ausspreche: Wir wollen schon annehmen, was die Europäer an Maschinen und Werkzeugen geformt haben, aber wir wollen es in den Schuppen stellen, nicht in die Tempel und nicht in die heimatlichen Wohnungen, wie es die Europäer tun! — Der Orientale sagt, der Europäer hätte die Möglichkeit verloren, den Geist in der Natur zu schauen, die Schönheit in der Natur zu schauen. Indem der Orientale auf das schaut, was er allein sehen kann, wie der Europäer nur bei äußerlich Mechanischem, bei dem äußerlich Sinnlichen im Handeln und in der Betrachtung stehenbleiben will — denn das kann er ja nur sehen —, da glaubt der Orientale, daß er berufen sei, die alte Geistigkeit wieder aufzuwecken, die alte Geistigkeit der Erdenmenschheit zu retten. Der Orientale, der in konkreter Art von geistigen Wesenheiten spricht — Rabindranath Tagore hat es zum Beispiel vor kurzem getan —, sagt: Die Europäer haben in ihre Kultur diejenigen Impulse einbezogen, die nur dadurch einbezogen werden können, daß sie vor ihren Kulturwagen den Satan gespannt haben; sie benutzen die Kraft des Satans, um vorwärtszukommen. Der Orientale ist dazu berufen — meint Rabindranath Tagore —, diesen Satan wieder auszuschalten und "Spiritualität über Europa zu bringen.

[ 23 ] Given the way people on Earth relate to one another today, their relationships are comprehensible only to those who are truly capable of perceiving the spiritual impulses. And the time is drawing ever closer when it will become somewhat necessary for people to ask themselves: How, for example, do the feelings and thinking of the East relate to the thinking and feelings of Europe—specifically Central Europe? And how does this, in turn, relate to the thinking of the West, to the thinking of America? This question should present itself to the human soul in all its possible variations. One should already begin to ask oneself: How does the Eastern person view Europe today? The Eastern person, who looks closely at Europe, has the impression today that European cultural life is leading itself into a dead end, that it has led itself to an abyss. The Eastern person feels today that he must not lose the spirituality he has brought down from his ancient times if he is to adopt what Europe can offer him. The Eastern person does not despise European machines, for example, but he tells himself today—and these are the very words of a famous Eastern thinker that I am quoting here—: “We are willing to accept what the Europeans have created in the way of machines and tools, but we want to put them in sheds, not in temples and not in our homes, as the Europeans do!” — The Oriental says that the European has lost the ability to see the spirit in nature, to see the beauty in nature. While the Eastern thinker looks at what only he can see—just as the European wishes to remain fixed only on the outwardly mechanical, on the outwardly sensual in action and contemplation—for that is all he can see—the Eastern thinker believes that he is called to reawaken the ancient spirituality, to save the ancient spirituality of humanity on Earth. The Eastern person, who speaks concretely of spiritual beings—Rabindranath Tagore, for example, did so recently—says: The Europeans have incorporated into their culture those impulses that can only be incorporated by harnessing Satan to the front of their cultural chariot; they use the power of Satan to move forward. The Eastern thinker is called upon—according to Rabindranath Tagore—to eliminate this Satan once again and “bring spirituality to Europe.”

[ 24 ] Da liegt schon ein Phänomen vor, an dem leider heute zu stark vorübergegangen wird. Wir haben mancherlei erlebt — darüber will ich nächstens reden —, aber wir haben zum Beispiel innerhalb unserer Entwickelung vieles außer acht gelassen, was wir in diese Entwickelung hereingebracht hätten, wenn wir zum Beispiel spirituelle Substanz, wie sie von Goethe kommt — ich will nur diesen einen Namen nennen —, wirklich lebendig in unserer Kulturentwickelung hätten. Nun kann jemand sagen: Der Orientale kann heute nach Europa schauen und kann dann wissen: in diesem europäischen Leben lebt Goethe. — Er kann es wissen. Sieht er es? Man kann sagen, die Deutschen haben ja zum Beispiel eine Gesellschaft gegründet, die «GoetheGesellschaft», ich meine nicht den «Goethe-Verein». Und nehmen wir an, der Orientale wollte sie kennenlernen — die große Frage des Orients und des Okzidents ist schon ins Rollen gekommen, sie hängt doch zuletzt von geistigen Impulsen ab —, er wollte sich über die Goethe-Gesellschaft unterrichten und die Realität ins Auge fassen. Dann würde er sich sagen: Goethe hat so stark gewirkt, daß sich sogar in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts die Möglichkeit geboten hat, in einer seltenen Weise Goethe für die deutsche Kultur fruchtbar zu machen, sozusagen ein günstiger Umstand, wie er sich dadurch geboten hat, daß eine Fürstin mit ihrer ganzen Umgebung sich gefunden hat, wie es die Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar war, die den Nachlaß Goethes in den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts hergenommen hat, um diesen Nachlaß zu pflegen, wie noch nie einer gepflegt worden ist. Das ist da. Aber betrachten wir als äußeres Instrument die Goethe-Gesellschaft. Sie ist auch da. Nun war vor einigen Jahren wieder einmal der Posten des Präsidenten dieser Goethe-Gesellschaft vakant. Innerhalb der ganzen Weiten des Geisteslebens fand sich nur ein ehemaliger Finanzminister, den man zum Präsidenten der Goethe-Gesellschaft gemacht hat! Das ist das, was äußerlich gesehen wird. Solche Dinge sind schon wichtiger, als man eigentlich denkt. Was notwendiger wäre, das ist, daß zum Beispiel der für Spiritualität entflammte und für Spiritualität verständige Orientale in die Möglichkeit käme, zu wissen, daß innerhalb der europäischen Kultur so etwas doch auch da ist wie eine anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Doch das kann er ja nicht wissen. Das kann nicht an ihn heran, weil es nicht durch kann durch das, was sonst da ist — natürlich nicht nur in der einen Erscheinung. Es ist nur symptomatisch, was dadurch da ist, daß der Präsident der Goethe-Gesellschaft ein ehemaliger Finanzminister ist und so weiter. Ich brauchte nicht aufzuhören mit solchen Beispielen.

[ 24 ] This is indeed a phenomenon that, unfortunately, is largely overlooked today. We have experienced many things—I will speak about that soon—but, for example, in the course of our development, we have neglected much that we would have incorporated into this development if, for instance, we had truly brought spiritual substance—such as that which comes from Goethe (I will mention only this one name)—to life in our cultural development. Now someone might say: An Eastern person today can look at Europe and know that Goethe lives on in this European life. — They can know it. But do they see it? One might say that the Germans, for example, have founded a society called the “Goethe Society”—I do not mean the “Goethe Association.” And let us suppose that the person from the East wanted to get to know it—the great question of the East and the West has already been set in motion; after all, it ultimately depends on spiritual impulses—he wanted to learn about the Goethe Society and face reality head-on. Then he would say to himself: Goethe’s influence was so powerful that even in the 1880s, the opportunity arose to make Goethe fruitful for German culture in a rare way, a favorable circumstance, so to speak, arising from the fact that a princess, along with her entire entourage—as was the case with Grand Duchess Sophie of Saxe-Weimar—had come forward in the 1880s to take charge of Goethe’s estate and to care for it as no one had ever done before. That is a fact. But let us consider the Goethe Society as an external instrument. It, too, is there. Now, a few years ago, the position of president of this Goethe Society was once again vacant. Within the entire breadth of intellectual life, only a former finance minister could be found, and he was made president of the Goethe Society! That is what is seen from the outside. Such things are more important than one might actually think. What would be more necessary is, for example, for the Oriental—who is passionate about spirituality and knowledgeable about it—to have the opportunity to know that within European culture there is indeed such a thing as an anthroposophically oriented spiritual science. But of course he cannot know that. It cannot reach him because it cannot penetrate what else is there—not just in that one manifestation, of course. It is merely symptomatic that the president of the Goethe Society is a former finance minister, and so on. I could go on and on with such examples.

[ 25 ] Das ist nun, ich möchte sagen, eine dritte Forderung: durchgreifendes, mit der Wirklichkeit verbundenes Denken, ein Denken, mit dem man nicht stehenbleibt bei Unklarheiten, bei unklaren Lebenskompromissen. Bei meiner letzten Reise hat mir jemand über ein Faktum, das mir bereits schon gut bekannt war, etwas in die Hand gedrückt. Ich will Ihnen von der Sache nur den einen kurzen Auszug hier geben: «Wer jemals die Bänke eines Gymnasiums gedrückt hat, dem werden die Stunden unvergeßlich sein, da er im Plato die Gespräche zwischen Sokrates und seinen Freunden «genoß» — unvergeßlich wegen der fabelhaften Langenweile, die diesen Gesprächen entströmt. Und man erinnert sich vielleicht, daß man die Gespräche des Sokrates eigentlich herzhaft dumm fand; aber man wagte natürlich nicht, diese Ansicht zu äußern, denn schließlich war der Mann, um den es sich handelte, ja Sokrates, der «griechische Philosoph». Mit dieser ganz ungerechtfertigten Überschätzung des braven Atheners räumt das Buch «Sokrates — der Idiot» von Alexander Moszkowski (Verlag Dr. Eysler & Co., Berlin) gehörig auf. Der Polyhistoriker Moszkowski unternimmt in dem kleinen, unterhaltend geschriebenen Werk nichts Geringeres, als Sokrates seiner Philosophenwürde so ziemlich vollständig zu entkleiden. Der Titel «Sokrates — der Idiot» ist wörtlich gemeint. Man wird nicht fehlgehen in der Annahme, daß sich an das Buch noch wissenschaftliche Auseinandersetzungen knüpfen werden.»

[ 25 ] This, I would say, is a third requirement: thorough thinking grounded in reality—a way of thinking that does not come to a standstill in the face of ambiguities or unclear life compromises. On my last trip, someone handed me something regarding a fact with which I was already quite familiar. I’ll just give you this one brief excerpt from it here: “Anyone who has ever sat in the desks of a high school will find those hours unforgettable, as they ‘enjoyed’ the dialogues between Socrates and his friends in Plato—unforgettable because of the fabulous boredom that emanates from these dialogues. And one might recall that one actually found Socrates’ dialogues thoroughly stupid; but of course one didn’t dare express this opinion, for after all, the man in question was Socrates, the ‘Greek philosopher.’ The book *Socrates—the Idiot* by Alexander Moszkowski (Dr. Eysler & Co., Berlin) thoroughly dispels this entirely unjustified overestimation of the good Athenian. In this short, entertainingly written work, the polymath Moszkowski undertakes nothing less than to strip Socrates almost entirely of his philosophical dignity. The title “Socrates—the Idiot” is meant literally. One would not be mistaken in assuming that the book will spark further scholarly debate.”

[ 26 ] Das nächste, wozu der Mensch mit seinem Empfinden kommt, wenn er von so etwas Kenntnis nimmt, das ist, daß er sich sagt: Was ist das für etwas Merkwürdiges, daß jemand kommt wie der Alexander Moszkowski und den Beweis liefern will, daß Sokrates ein Idiot war? Das ist das Nächstliegende, was die Leute empfinden. Aber das ist eine Kompromißempfindung, die nicht herrührt von einem klaren, durchgreifenden Denken, die nicht herrührt von einem Sich-Gegenüberstellen der wahren Wirklichkeit.

[ 26 ] The next thing a person feels when they become aware of something like this is that they say to themselves: What is this strange thing, that someone like Alexander Moszkowski comes along and wants to prove that Socrates was an idiot? That is the most immediate reaction people have. But this is a compromise sentiment that does not stem from clear, penetrating thought, nor does it stem from a confrontation with true reality.

[ 27 ] Damit möchte ich noch ein anderes vergleichen. Es gibt heute schon Bücher, die vom psychiatrischen Standpunkte aus geschrieben sind über das Leben Jesu. Darin wird das, was Jesus alles getan hat, vom Standpunkte der heutigen Psychiatrie aus untersucht und mit allerlei krankhaften Handlungen verglichen, und es wird dann vom modernen Psychiater bewiesen aus den Evangelien, daß Jesus ein krankhafter Mensch, ein Epileptiker gewesen sein muß, daß ja die ganzen Evangelien überhaupt nur vom Paulinischen Standpunkte aus zu verstehen sind und so weiter. Ausführliche Berichte gibt es über diese Sache.

[ 27 ] I would like to compare this to something else. There are already books today that are written from a psychiatric perspective about the life of Jesus. In these books, everything Jesus did is examined from the perspective of modern psychiatry and compared to all sorts of pathological behaviors, and modern psychiatrists then use the Gospels to “prove” that Jesus must have been a mentally ill person, an epileptic, that the entire Gospels can only be understood from a Pauline perspective, and so on. There are detailed reports on this subject.

[ 28 ] Es ist wieder sehr einfach, nun leichten Herzens über diese Dinge hinwegzugehen. Aber die Sache liegt etwas tiefer. Stehen Sie vollständig auf dem Standpunkte der heutigen Psychiatrie, geben Sie diesen Standpunkt der heutigen Psychiatrie so, wie er offiziell anerkannt ist, zu, dann müssen Sie, wenn Sie über das Leben Jesu nachdenken, zu demselben Resultat kommen wie die Verfasser dieser Bücher. Sie können nicht anders denken, denn sonst wären Sie unwahr, sonst wären Sie nicht im wahren Sinn des Wortes moderner Psychiater. Und Sie sind nicht im wahren Sinne des Wortes moderner Psychiater im Sinne der Anschauung Alexander Moszkowskis, wenn Sie nicht denken, daß Sokrates ein Idiot war. Und Moszkowski unterscheidet sich von denen, die auch Anhänger dieser Theorien sind und Sokrates für keinen Idioten halten, nur dadurch, daß die letzteren unwahr sind — und er ist wahr; er geht keinen Kompromiß ein. Denn es gibt keine Möglichkeit, wahr zu sein, auf dem Standpunkte der Weltanschauung Alexander Moszkowskis zu stehen und Sokrates nicht als einen Idioten anzuschauen. Will man beides, will man zugleich Anhänger der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung sein und dennoch Sokrates gelten lassen, ohne ihn als einen Idioten anzuschauen, so ist man unwahr. Ebenso ist man unwahr, wenn man moderner Psychiater ist und das Leben Jesu gelten läßt. Aber der moderne Mensch will nicht bis zu diesem klaren Standpunkt kommen; denn sonst müßte er sich die Frage ganz anders stellen. Sagen müßte er sich dann: Nun wohl, ich betrachte Sokrates nicht als einen Idioten, ich lerne ihn besser kennen, aber das fordert von mir auch die Ablehnung einer Weltanschauung, wie es diejenige des Moszkowski ist; und ich sehe in Jesu den größten Träger von Ideen, der jemals mit dem Erdenleben in Berührung gekommen ist; das aber erfordert, daß ich die moderne Psychiatrie ablehne, sie nicht gelten lassen darf!

[ 28 ] Once again, it is very easy to brush these things aside with a light heart. But the issue runs a little deeper. If you fully adopt the standpoint of contemporary psychiatry—if you accept this standpoint of contemporary psychiatry as it is officially recognized—then, when you reflect on the life of Jesus, you must arrive at the same conclusion as the authors of these books. You cannot think otherwise, for otherwise you would be untruthful; otherwise, you would not be a modern psychiatrist in the true sense of the word. And you are not a modern psychiatrist in the true sense of the word—in the sense of Alexander Moszkowski’s worldview—unless you believe that Socrates was an idiot. And Moszkowski differs from those who are also adherents of these theories but do not consider Socrates an idiot only in that the latter are untruthful—and he is truthful; he makes no compromises. For there is no way to be truthful, to stand on the standpoint of Alexander Moszkowski’s worldview, and not to regard Socrates as an idiot. If one wants both—if one wants to be a proponent of the modern scientific worldview and yet accept Socrates without regarding him as an idiot—then one is untruthful. Likewise, one is untruthful if one is a modern psychiatrist and accepts the life of Jesus. But modern man does not want to arrive at this clear standpoint; for otherwise he would have to ask himself the question in an entirely different way. He would then have to say to himself: “Very well, I do not regard Socrates as an idiot; I am getting to know him better. But this also requires me to reject a worldview such as Moszkowski’s; and I see in Jesus the greatest bearer of ideas who has ever come into contact with earthly life; but that requires me to reject modern psychiatry—I must not accept it!”

[ 29 ] Das ist es, worum es sich handelt: wirklichkeitsgemäßes, klares Denken, das nicht die gewöhnlichen faulen Kompromisse schließt, die ja im Leben da sind, die aber aus dem Leben nur entfernt werden können, wenn man sie in Wahrheit erfassen kann. Es ist leicht, zu denken oder entrüstet zu sein, wenn man den Beweis anerkennen soll, daß nach Moszkowski Sokrates ein Idiot ist. Aber richtig ist es, wenn man die Konsequenzen der modernen Weltanschauung zieht, daß sie von ihrem Standpunkte aus in Sokrates einen Idioten sieht. Aber solche Konsequenzen wollen die Leute nicht ziehen: so etwas wie die moderne Weltanschauung ablehnen. Denn sie könnten sonst in eine noch unangenehmere Lage kommen: Man müßte dann Kompromisse machen und sich vielleicht darüber klar sein, daß Sokrates kein Idiot ist; aber wenn man dann vielleicht darauf käme, daß — Moszkowski ein Idiot ist? Er ist ja nun kein mächtiger Mann, aber wenn es nun mächtigere Leute sind, so könnte allerlei und viel Schlimmeres passieren!

[ 29 ] This is what it’s all about: realistic, clear thinking that does not settle for the usual lazy compromises that do exist in life, but which can only be removed from life if one can grasp them in truth. It is easy to think or to be indignant when one is asked to accept the proof that, according to Moszkowski, Socrates is an idiot. But it is correct, when one draws the consequences of the modern worldview, to see Socrates as an idiot from its standpoint. Yet people do not want to draw such consequences: to reject something like the modern worldview. Otherwise, they might find themselves in an even more uncomfortable situation: they would then have to make compromises and perhaps come to terms with the fact that Socrates is not an idiot; but what if they then came to the conclusion that—Moszkowski is an idiot? He is, after all, not a powerful man, but if it were more powerful people, all sorts of things—and much worse—could happen!

[ 30 ] Ja, um in die geistige Welt einzudringen, ist wirklichkeitsgemäßes ‚Denken nötig. Das erfordert auf der andern Seite, sich klar vor Augen zu stellen, wie die Dinge sind. Gedanken sind Wirklichkeiten, und unwahre Gedanken sind böse, hemmende, zerstörende Wirklichkeiten. Es hilft nichts, wenn man sich einen Nebel darüber breitet, daß man selber unwahr ist, indem man neben der Weltanschauung des Moszkowski auch die Weltanschauung des Sokrates gelten lassen will. Denn das ist ein unwahrer Gedanke, wenn man beides nebeneinander in seiner Seele postiert, wie es der moderne Mensch tut. Wahr wird man nur, wenn man sich vor Augen führt, daß man entweder auf dem Standpunkt des reinen naturwissenschaftlichen Mechanismus steht wie Moszkowski, daß man dann Sokrates als einen Idioten anzuschauen hat; dann ist man wahr. Oder aber man weiß aus anderem, daß Sokrates kein Idiot war; dann hat man nötig, sich darüber Klarheit zu verschaffen, wie stark das andere abgelehnt werden muß. Wahrsein ist ein Ideal, das die Seele des heutigen Menschen vor sich hinstellen sollte. Denn Gedanken sind Wirklichkeiten. Und wahre Gedanken sind heilsame Wirklichkeiten. Und unwahre Gedanken, auch wenn sie noch so sehr mit dem Mantel der Nachsicht gegen das eigene Wesen zugedeckt werden, unwahre Gedanken, im Inneren des Menschen gefaßt, sind Wirklichkeiten, welche die Welt und die Menschheit zurückbringen.

[ 30 ] Yes, to enter the spiritual world, realistic “thinking” is necessary. This, in turn, requires clearly seeing things as they are. Thoughts are realities, and untrue thoughts are evil, inhibiting, destructive realities. It does no good to obscure the fact that one is oneself untrue by attempting to accept both Moszkowski’s worldview and Socrates’s worldview. For it is an untrue thought to place both side by side in one’s soul, as modern man does. One becomes truthful only when one realizes that, if one stands on the standpoint of pure scientific mechanism like Moszkowski, one must then regard Socrates as an idiot; then one is truthful. Or, if one knows from other sources that Socrates was not an idiot, then one must clarify for oneself just how strongly the other view must be rejected. Truth is an ideal that the soul of modern man should set before itself. For thoughts are realities. And true thoughts are healing realities. And untrue thoughts—even if they are cloaked in the mantle of indulgence toward one’s own nature—untrue thoughts, conceived within the human being, are realities that hold the world and humanity back.