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Death as a Transformation of Life
GA 182

30 June 1918, Hamburg

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Death as a Transformation of Life, tr. SOL
  1. Der Tod als Lebenswandlung

5. Das Sich-Aufbäumen der Menschen Gegen den Geist

5. Humanity's Rebellion Against the Spirit

[ 1 ] Wir sind ja öfter an die Frage herangetreten, die uns alle interessieren muß: Woher es denn eigentlich komme, daß in der Gegenwart noch verhältnismäßig wenig Menschen den Zugang finden zur geistigen Erkenntnis der Weltenordnung. Von den allerverschiedensten Gesichtspunkten aus kann diese Frage beantwortet werden. Wir wollen heute eines Gesichtspunktes gedenken, der uns dann gewisse Gedanken nahebringen kann, die vielleicht gerade in der gegenwärtigen Zeit in uns aufzunehmen ganz wichtig sein kann.

[ 1 ] We have, after all, often addressed the question that must be of interest to us all: Why is it, in fact, that relatively few people today are able to gain access to a spiritual understanding of the order of the worlds? This question can be answered from a wide variety of perspectives. Today we want to consider one perspective that can help us grasp certain ideas which may be particularly important for us to take to heart at this very moment.

[ 2 ] Wenn wir des Menschen Verhältnis zur geistigen Welt ins Auge fassen, so interessiert uns natürlich verschiedenes auf diesem Gebiet. Eines, das uns ganz vorzüglich interessiert, ist das Verhältnis, in dem der Mensch stehen kann zu jenen Menschenseelen, die aus seinem Kreise heraus, aus dem Kreise heraus, mit dem er karmisch verbunden ist, durch des Todes Pforten gegangen sind, also sich bereits im geistigen Reiche aufhalten. Das Verhältnis zu den sogenannten Toten wird immer wieder und wiederum ein höchstes Interesse abgeben für das Verhältnis des Menschen zur geistigen Welt. Gerade an diesem Verhältnis zeigt sich ganz besonders, wie prinzipiell anders die Anschauung der geistigen Welt an den Menschen herantritt als die Anschauung der physisch-sinnlichen Welt. Ich habe es ja öfters erwähnt: Wenn sich der Mensch der geistigen Welt gegenüberstellt, so kommt es sehr häufig vor, daß er geradezu radikal brechen muß mit den Vorstellungen, die er sich über das physische Dasein gebildet hat; radikal brechen deshalb, weil die Dinge und die Vorgänge der geistigen Welt oftmals gerade durch entgegengesetzte Begriffe erfaßt werden müssen als die Dinge der physischen Welt. Nur darf man nicht glauben, daß man zu einer Erkenntnis der geistigen Welt kommen kann, wenn man sich etwa vorstellt, daß man die physische Welt nur einfach auf den Kopf zu stellen, alles umzukehren brauche. Das ist nicht der Fall. Es muß jedes einzelne besonders erfahren, besonders untersucht werden. Aber gerade wenn es sich um das Verhältnis des Menschen zu den sogenannten Toten handelt, da liegt — für die Anschauung zunächst wenigstens — die Sache allerdings so, daß wir den gewöhnlichen, den physischen Begriffen entgegengesetzte Begriffe uns aneignen müssen.

[ 2 ] When we consider the human being’s relationship to the spiritual world, we are naturally interested in various aspects of this field. One aspect that interests us most of all is the relationship that a human being can have with those human souls who, from his circle—from the circle with which he is karmically connected—have passed through the gates of death and thus already dwell in the spiritual realm. The relationship to the so-called dead will always be of the utmost interest when it comes to the human being’s relationship to the spiritual world. It is precisely in this relationship that it becomes particularly evident how fundamentally different the spiritual world’s perspective on human beings is from that of the physical-sensory world. As I have often mentioned: When a person confronts the spiritual world, it very often happens that they must make a radical break with the ideas they have formed about physical existence; a radical break, because the things and processes of the spiritual world often have to be grasped through concepts that are the exact opposites of those used for the physical world. But one must not believe that one can gain an understanding of the spiritual world simply by imagining that one need only turn the physical world upside down, reversing everything. That is not the case. Each individual aspect must be experienced and examined separately. But precisely when it comes to the relationship between human beings and the so-called dead, the situation—at least at first glance—is indeed such that we must adopt concepts that are opposite to the ordinary, physical ones.

[ 3 ] Der Geistesforscher kann zunächst nur erzählen, wie die Dinge sind. Dasjenige, was er insbesondere aber über das Verhältnis zu den sogenannten Toten zu erzählen hat, das ist in der Wirklichkeit bei jedem Menschen mehr oder weniger vorhanden, nur bleibt es, wenn der Mensch nicht ein Geistesforscher ist, im Unterbewußten. Ich werde also Dinge erzählen, die für Sie alle vorhanden sind. Ich werde von Verhältnissen zu den sogenannten Toten sprechen, in denen Sie alle drinnenstehen. Nur liegt das Drinnenstehen zunächst im Unbewußten. Geisteswissenschaft hat die Dinge ins Bewußtsein heraufzuholen.

[ 3 ] At first, the spiritual researcher can only describe how things are. What he has to say in particular about the relationship to the so-called dead is, in reality, present to a greater or lesser extent in every human being; it simply remains in the subconscious if the person is not a spiritual researcher. So I will describe things that are present in all of you. I will speak of relationships with the so-called dead in which you are all involved. However, this involvement is initially in the unconscious. Spiritual science has the task of bringing these things into consciousness.

[ 4 ] Nehmen Sie einmal an: Derjenige, dem sich die geistige Welt geoffenbart hat, steht einem bestimmten Toten gegenüber. Da zeigt sich, daß, wenn wir uns sprechend an den Toten richten, wir dies dann selbstverständlich nicht mit physischen Worten tun, sondern in Gedanken. Wenn wir uns denkend-sprechend an den Toten wenden, dann tritt, wenn das Verhältnis zum Toten ein reales, ein wirkliches ist, das Empfinden ein: Das, was man selbst den Toten frägt, oder was man dem Toten mitteilt, das kommt von ihm. — Nicht wahr, aus dem physischen Leben sind wir gewöhnt, uns die Sache so vorzustellen: Wenn wir irgend jemanden etwas fragen, ihm etwas sagen, so hören wir uns selbst sprechen, wir richten die Worte an ihn. Gerade umgekehrt ist es, wenn wir in das Verhältnis zum Toten treten. Da haben wir, wenn wir ihm etwas mitteilen wollen und das Verhältnis ein wirkliches sein soll, das Gefühl: Wir selbst sind innerlich in aller Ruhe. Denn wenn dasjenige, was wir zu fragen oder mitzuteilen haben, wirklich an ihn herankommt, dann scheint es uns für die Anschauung so, als ob die Worte, also die Gedanken, von ihm zu uns kämen. Da spricht er zu uns. Und was er uns sagt, das steigt aus den Tiefen unserer eigenen Seele als eine Antwort oder als Mitteilung herauf. Das Verhältnis, das ich eben geschildert habe, das ganz umgekehrt ist zum Verhältnis, in dem wir stehen zu einem Menschen auf dem physischen Plan, das ist natürlich etwas, worauf der Mensch deshalb im gewöhnlichen Leben nicht leicht aufmerksam wird, weil es ganz anders ist als das, woran er gewöhnt ist. Würde es der Mensch nicht so außergewöhnlich schwer damit haben, sich an Ungewohntes zu gewöhnen, so würden viel mehr Menschen erzählen können von ihrem Verhältnis zu den Toten.

[ 4 ] Suppose that a person to whom the spiritual world has revealed itself is facing a specific deceased person. It becomes clear that when we address the deceased in speech, we naturally do not do so with physical words, but in thought. When we turn to the deceased through thought-speech, if the relationship with the deceased is a real, genuine one, a certain feeling arises: what we ourselves ask of the deceased, or what we communicate to the deceased, comes from them. — Isn’t it true that in physical life we are accustomed to imagining things this way: When we ask someone something or tell them something, we hear ourselves speaking; we direct the words toward them. It is exactly the opposite when we enter into a relationship with the deceased. There, when we want to communicate something to them and the relationship is to be a genuine one, we have the feeling that we ourselves are inwardly at peace. For if what we have to ask or communicate truly reaches them, then it seems to us, as we perceive it, as though the words—that is, the thoughts—were coming from them to us. There they are speaking to us. And what they say to us rises up from the depths of our own soul as an answer or a message. The relationship I have just described—which is the exact opposite of the relationship we have with a person on the physical plane—is, of course, something that people do not easily notice in ordinary life, precisely because it is so different from what they are accustomed to. If it were not so extraordinarily difficult for people to get used to the unfamiliar, many more people would be able to speak of their relationship with the dead.

[ 5 ] Nehmen Sie einen besonderen Fall. Sie stehen ja immer in Verhältnissen zu irgendwelchen karmisch mit Ihnen verbundenen Toten. Wenn Sie dieses Verhältnis zu einem besonders innigen, zu einem besonders realen gestalten wollen, dann tun Sie gut, vorerst eine wichtige Regel ins Auge zu fassen, nämlich, daß abstrakte Gedanken, abstrakte Vorstellungen am wenigsten Bedeutung haben für die geistige Welt. Alles, was im Abstrakten bleibt, das reicht nicht hinüber in die geistige Welt. Also wenn Sie nur in abstracto, sagen wir, an den Toten denken, wenn Sie — man kann das auch so sagen — abstrakt den Toten lieben, so kommt nicht viel hinüber. Dagegen wenn Sie stark dieses Verhältnis an Konkretes anknüpfen, dann kommt es hinüber. Ich meine so: Sie erinnern sich zum Beispiel an eine bestimmte Situation, in der Sie, als der Tote noch lebte, mit ihm waren. Sie stellen sich ganz genau gegenständlich vor: So stand oder saß er Ihnen gegenüber, so gingen Sie mit ihm auf einem Spaziergang. Sie stellen sich ihn in ganz konkreten Situationen vor, malen sich aus, wie es war, was er gesagt hat, was Sie zu ihm gesagt haben, malen sich aus den Ton seiner Stimme und versuchen — was ja das Schwierigste ist —, die Gefühle, die Sie ihm gegenüber gehegt haben, wiederum in Ihrer Seele gegenwärtig werden zu lassen. An Bestimmtes, das Sie mit ihm erlebt haben, knüpfen Sie an. Und dann versuchen Sie, von da ausgehend, sagen wir, etwas zum Toten zu sagen, was Sie, wenn er noch lebte, aus irgendeiner Situation heraus sagen würden, was Sie ihn fragen wollen, was Sie ihm sagen wollen. Und das machen Sie so durch, wie wenn er noch da wäre, wiederum ganz konkret. Das reicht hinüber. In dem Augenblick, in dem Sie das Gefühl haben: Jetzt teile ich dem Toten etwas mit —, oder: Jetzt frage ich den Toten noch etwas —, da wird die Verbindung sich allerdings nicht unmittelbar herstellen. Man muß in dieser Beziehung mit der Zeit rechnen. Die Zeit ist wirklich etwas, was für das geistige Leben eine ganz andere Bedeutung noch hat, als hier im physischen Dasein.

[ 5 ] Consider a specific case. You are, after all, always in a relationship with certain deceased individuals who are karmically connected to you. If you wish to make this relationship particularly intimate, particularly real, then you would do well to keep one important rule in mind for the time being: namely, that abstract thoughts and abstract ideas have the least significance for the spiritual world. Anything that remains abstract does not reach into the spiritual world. So if you think of the deceased only in the abstract—let’s say—or if you—to put it another way—love the deceased in an abstract sense, not much gets through. On the other hand, if you anchor this relationship firmly in the concrete, then it does get through. What I mean is this: You recall, for example, a specific situation in which you were with the deceased while he was still alive. You visualize it very precisely and concretely: this is how he stood or sat across from you, this is how you went for a walk with him. You picture him in very concrete situations, imagine what it was like, what he said, what you said to him, picture the tone of his voice, and try—which is, of course, the hardest part—to bring the feelings you had for him back to life in your soul. You draw on specific experiences you shared with him. And then, starting from there, you try—let’s say—to say something to the deceased that you would have said in a particular situation had he still been alive—what you want to ask him, what you want to tell him. And you do this as if he were still there, again in very concrete terms. That reaches across. At the moment when you feel: “Now I am communicating something to the deceased”—or: “Now I am asking the deceased something”—the connection will not, of course, be established immediately. One must allow for time in this regard. Time is truly something that has a completely different significance for spiritual life than it does here in physical existence.

[ 6 ] Wenn Sie selbst auch nicht Geistesforscher sind, so können Sie doch durchaus, so daß es eine Wirklichkeit ist, durch das, was ich eben charakterisiert habe, eine Verbindung mit dem Toten herstellen. Aber es wird gewissermaßen sich die Zeit selber abwarten, damit dasjenige, was Sie einem Toten hinübersenden wollen, wirklich zu ihm hinüberkommt. Zumeist wird sich bei dem, der nicht bewußt eingeweiht ist, der nicht bewußt eine Beziehung zur geistigen Welt hat, die Sache so stellen, daß ein Augenblick besonders wichtig sich ausnimmt für die Herstellung dieses Verhältnisses zum Toten: das ist der Augenblick des Einschlafens. Der Augenblick des Überganges vom Wachen zum Schlafen ist zugleich der Augenblick, der zumeist das, was Sie in des Tages Lauf an den Toten gerichtet haben, wie ich es geschildert habe, zum Toten hinüberträgt. Der Weg, der Sie selber hineinführt in die geistige Welt mit dem Einschlafen, der führt das, was Sie zum Toten hinaufgerichtet haben, auch in das Reich des Toten hinein. Daher müssen Sie vorsichtig sein in der Auslegung von Träumen. Träume sind sehr häufig nur Reminiszenzen, Erinnerungen an das Tagesleben, aber sie brauchen es nicht zu sein; sie können durchaus Spiegelungen von Wirklichkeiten sein. Und insbesondere sind — nicht immer, aber sehr häufig — diejenigen Träume, in denen von Toten geträumt wird, tatsächlich herrührend von dem Zusammenhang mit wirklichen Toten. Aber die Menschen glauben gewöhnlich, was ihnen im Traum erscheint, was ihnen der Tote mitteilt, das sei so unmittelbar eine Wirklichkeit, wie es im Traume erscheint. So ist es nicht, sondern was Sie mitteilen wollten an den Toten beim Einschlafen, das nimmt der Tote auf, und was im Traume erscheint, das ist, wie er es aufnimmt. Also gerade wenn der Tote im Traume Ihnen etwas mitteilt, so ist es dasjenige, was Ihnen anzeigen soll, daß Sie ihm etwas mitteilen konnten. Da haben Sie das, was ich charakterisiert habe: Ste können viel eher, als daß Sie glauben, im Traume erscheine Ihnen der Tote und sage Ihnen etwas, sagen: Ich habe geträumt vom Toten, also ist das, was ich dem Toten gesagt habe, wirklich an den Toten herangekommen; er zeigt mir, indem ich von ihm träume, daß das zu ihm gelangt ist, was ich ihm mitteilen wollte.

[ 6 ] Even if you are not a spiritual researcher yourself, you can still—and this is a reality—establish a connection with the deceased through what I have just described. But, in a sense, time itself must run its course so that what you wish to send to the deceased actually reaches them. For the most part, for those who are not consciously initiated—who do not consciously have a relationship with the spiritual world—there is one moment that is particularly important for establishing this connection with the deceased: the moment of falling asleep. The moment of transition from wakefulness to sleep is also the moment that, in most cases, carries to the deceased whatever you have directed toward them during the course of the day, as I have described. The path that leads you yourself into the spiritual world as you fall asleep also carries what you have directed toward the deceased into the realm of the deceased. Therefore, you must be careful in interpreting dreams. Dreams are very often merely reminiscences, memories of daily life, but they need not be so; they can certainly be reflections of reality. And in particular—not always, but very often—those dreams in which the dead appear do in fact stem from a connection with actual deceased persons. But people usually believe that what appears to them in a dream, what the deceased communicates to them, is as immediately real as it appears in the dream. That is not the case; rather, what you intended to communicate to the deceased as you fell asleep is received by the deceased, and what appears in the dream is how the deceased receives it. So precisely when the deceased communicates something to you in a dream, it is meant to indicate to you that you were able to communicate something to them. There you have what I have described: Much sooner than you might think—rather than the deceased appearing to you in a dream and telling you something—you can say: “I dreamed of the deceased, so what I said to the deceased has truly reached him; by my dreaming of him, he is showing me that what I wanted to convey to him has reached him.”

[ 7 ] Für das Zurückkommen einer Mitteilung des Toten — sagen wir einer Antwort oder dergleichen — ist wiederum der Moment des Aufwachens von besonderer Bedeutung. Herübergetragen wird aus den geistigen Reichen das, was der Tote uns Lebenden, wie wir sagen, mitzuteilen hat, im Moment des Aufwachens. Und dann kommt es aus den Tiefen der eigenen Seele herauf. Das ist den Menschen eigentümlich, daß sie nicht gerne achtgeben auf dasjenige, was aus den Tiefen der eigenen Seele heraufkommt. In unserer Zeit haben die Menschen überhaupt nicht viel Sinn für das Achtgeben auf das, was aus den Tiefen der Seele heraufkommt. Die Menschen wollen sich gerne von der Außenwelt nur beeindrucken lassen, wollen nur das aufnehmen, was Außenwelt ist; sie möchten sich am liebsten betäuben gegen das, was aus der Tiefe der Seele heraufsteigt. Aber wenn einer in Wirklichkeit gewahr wird: Aus den Tiefen der Seele steigt etwas herauf, ein Gedanke, eine Idee —, so hält er es für seine Eingebung. Das befriedigt die Eitelkeit mehr. Wir halten ja alle Dinge, die so aus der Tiefe heraufkommen, für unsere Eingebung. Sie können das sein, aber meistens ist es nicht der Fall. Meistens sind die Dinge, die als Eingebung aus unserer Seele heraufkommen, die Antwort, die uns die Toten geben. Denn die Toten leben durchaus mit uns. Was also scheinbar aus Ihnen selber spricht, das ist eigentlich dasjenige, was die Toten sagen. Nur kommt es darauf an, daß wir in der richtigen Weise das Erleben deuten. Was im einzelnen gesagt werden kann für den Verkehr mit den Toten, habe ich öfter erwähnt: das Vorlesen und so weiter. Je lebendiger, je gefühlsinniger, je bildhafter namentlich man in diesen Dingen lebt, desto bedeutungsvoller wird sich der Zusammenhang mit dem Toten herstellen.

[ 7 ] The moment of waking is, in turn, of particular importance for the return of a message from the deceased—let’s say a reply or something similar. What the deceased has to communicate to us, the living—as we say—is conveyed from the spiritual realms at the moment of waking. And then it rises up from the depths of one’s own soul. It is characteristic of human beings that they do not like to pay attention to what rises up from the depths of their own soul. In our time, people have very little sense of paying attention to what rises up from the depths of the soul. People prefer to let themselves be influenced only by the outside world; they want to take in only what belongs to the outside world; they would most like to numb themselves to what rises from the depths of the soul. But when someone actually becomes aware that something is rising from the depths of the soul—a thought, an idea—they regard it as their own inspiration. That satisfies their vanity more. We all regard things that rise up from the depths in this way as our own inspiration. They may be that, but most of the time they are not. Most often, the things that rise up from our soul as inspiration are the answers given to us by the dead. For the dead certainly live among us. So what seems to speak from within you is actually what the dead are saying. It is only important that we interpret the experience in the right way. I have often mentioned what can be said in detail regarding communication with the dead: reading aloud and so on. The more vividly, the more emotionally, and the more vividly one lives these things, the more meaningful the connection with the dead will become.

[ 8 ] Es ist nicht bedeutungslos, daß man gerade diese Verhältnisse sich klar vor die Seele führt. Denn unsere Zeit hat es gar sehr notwendig, die Wahrheiten, die sich gerade auf solche Dinge beziehen, wie ich sie jetzt ausgesprochen habe, sich näherkommen zu lassen. Wir leben in einer Zeit, in der seit langen Zeitaltern schon der menschliche Organismus eigentlich im Niedergang begriffen ist. Wir sind alle viel geistiger, viel weiser schon, als es — wegen des Niederganges unseres Leibes — herauskommt. Die griechischen Leiber konnten noch besser widerspiegeln, was der Mensch aus dem Geiste heraus war. Es ist eigentlich schon seit der Mitte der atlantischen Zeit der Mensch im Niedergang in bezug auf seinen Leib, und in unserem Zeitalter wird es besonders stark, daß der Leib nicht mehr das widerspiegeln kann, was der Mensch eigentlich dem Geiste nach ist. So kommt es geradezu ungemein häufig in unserem Zeitalter vor, daß wir, wenn wir sterben — ich möchte es so nennen —, noch nicht fertig sind mit unserer Entwickelung. Wenn man das nur richtig begreifen würde! Wir entwickeln uns das ganze Leben hindurch, aber bewußt kann uns diese Entwickelung nur werden dem Teile nach, den der Körper widerspiegelt. Wir sind zuweilen als Menschen, wenn wir sterben, schon so weise — nur ist unser im Niedergang begriffener Leib nicht fähig, diese Dinge für uns selber herauszubringen —, daß wir noch sehr wichtige Dienste der Erde leisten könnten, nicht bloß dem geistigen Gebiete, sondern der Erde durch unsere Erkenntnisse große Dienste leisten könnten, wenn man sie anwenden könnte. Diese Dienste könnten dann angewendet werden, wenn die Menschen, so wie ich es angedeutet habe, Verhältnisse zu den Toten herstellen würden. Die Toten wollen noch hereinwirken in das physische Leben, aber sie können es nur auf dem Umwege durch Menschenseelen, wenn Menschenseelen sich in der entsprechenden Weise ihnen hingeben.

[ 8 ] It is not without significance that we bring precisely these circumstances clearly to mind. For our time has a very great need to allow the truths that relate specifically to such matters as I have just described to come closer to us. We live in an age in which, for many long ages now, the human organism has actually been in decline. We are all already much more spiritual, much wiser, than is apparent—due to the decline of our physical bodies. The Greek bodies were still better able to reflect what the human being was in spirit. In fact, ever since the middle of the Atlantean epoch, the human being has been in decline with regard to the body, and in our age it has become particularly evident that the body can no longer reflect what the human being actually is in spirit. Thus it happens with extraordinary frequency in our age that when we die—I would like to put it this way—we are not yet finished with our development. If only people could truly grasp this! We develop throughout our entire lives, but we can only become consciously aware of this development to the extent that the body reflects it. At times, when we die, we are already so wise as human beings—only our body, which is in the process of decay, is unable to bring these things to light for us—that we could still render very important services to the Earth; we could render great services not only to the spiritual realm but also to the Earth through our insights, if they could be applied. These services could then be put to use if people, as I have indicated, were to establish a relationship with the dead. The dead still wish to influence physical life, but they can do so only indirectly through human souls, when human souls open themselves to them in the appropriate way.

[ 9 ] Ich habe wohl schon einmal hier erwähnt, daß ich gerade über diesen Punkt auch wirklich das persönlich Naheliegende aussprechen kann: Ich habe nie geglaubt, daß ich nur literar-historisch oder historisch dasjenige auf Weltanschauungsgebieten verarbeite, was an Goethe anknüpft, sondern ich war immer der Meinung, daß ich nicht nur mit dem Goethe vom Jahre 1832 es zu tun habe, sondern mit dem Goethe vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts: mit dem lebendigen Goethe. Mit dem Goethe, der 1832 vieles hinausgetragen hat aus der physischen Welt, was aber noch hereinwirken kann, wenn man es nur auffassen will. Daher ist das, was ich geschrieben habe, nicht bloß literar-historische Forschung gewesen, sondern Mitteilung dessen, was er mir gesagt hat. Unsere sogenannte Zeitkultur, unsere Zeitbildung wirkt aber radikal dem entgegen, was ich jetzt eben ausgeführt habe.

[ 9 ] I believe I have already mentioned here that, on this very point, I can indeed speak from personal experience: I have never believed that I am merely processing, from a literary-historical or historical perspective, those aspects of worldview that tie in with Goethe; rather, I have always been of the opinion that I am dealing not only with the Goethe of 1832, but with the Goethe of the late 19th and early 20th centuries: with the living Goethe. With the Goethe who, in 1832, carried much out of the physical world—things that can still have an effect on us, if only we are willing to perceive them. Therefore, what I have written has not merely been literary-historical research, but a communication of what he has told me. Our so-called contemporary culture, however, our modern education, works radically against what I have just explained.

[ 10 ] Es ist eigentlich notwendig, daß Geisteswissenschaft immer ans Leben anknüpft, dem Leben fruchtbar gemacht wird. In unserer Zeit herrscht ein Ideal, möchte ich sagen, das ganz und gar dem widerstrebt, was ich eben als eine Eigentümlichkeit unserer Zeit ausgesprochen habe. Dieses Ideal kann man etwa so charakterisieren: Die Menschen streben immer mehr und mehr dahin, an das Leben möglichst wenig zu glauben. Sie glauben eigentlich nur an das Leben bis in die Zwanzigerjahre hinein. Das zeigt sich schon in den praktischen Zielen, welche die Menschen hinstellen. Noch wenn wir nach Griechenland gehen, sieht man: Die Menschen haben daran geglaubt, daß, wenn sie älter werden, sie weiser sind, als wenn sie jung sind. Der ältere Mensch kann bessere Dinge wissen über Staats- und Stadteinrichtungen als ein junger Mensch. Dieser Glaube ist ganz ad acta gelegt, denn das Ideal der meisten Menschen besteht heute darin, das Alter, wo man in Stadt- oder Staatsparlamente gewählt werden kann, so früh wie möglich zu setzen, weil die Menschen nurmehr bis in den Anfang der Zwanzigerjahre hinein an das Leben glauben. Aber das Leben erfordert eigentlich gerade so recht von uns, daß wir an es als ein Ganzes glauben, daß wir an die Entwickelung des ganzen Lebens glauben. Denken Sie nur einmal, wie geändert würde unser soziales Zusammenleben durch moralische Impulse, wenn wir wiederum wüßten: Das ganze Leben läßt den Menschen in Entwickelung sein —, wie sich die Jungen zu den Alten verhalten würden, wenn dies tief eingewurzelt wäre in den Menschenseelen! Denken Sie, was es für ein anderes Bewußtsein gibt, wenn man sich immer wieder und wiederum sagt: Jetzt bin ich eben ein junger Dachs von dreißig, fünfunddreißig Jahren, aber ich werde auch einmal älter werden, und das Älterwerden bedeutet für mich eine Hoffnung, eine Erwartung: es wird etwas herankommen, wenn ich älter werde, was nicht herankommen kann, solange ich jung bin. — Denken Sie, mit wieviel Lebensfreudigkeit und Lebenskraft der Mensch lebt, wenn er dieses Bewußtsein durch sein ganzes Leben bis zum Tode hat und noch vor dem Tode sich sagt: Ja, ich kann gar nicht so weit kommen, alles das, was mir das Leben bietet, hineinzuspiegeln in mein Bewußtsein, ich werde etwas durch den Tod tragen; dann werden die Menschen kommen, die glauben an die Toten und lassen die Toten Mitberater sein. — Denken Sie bloß, für wie blödsinnig man angesehen würde, wenn man dieses, was aber heute ein praktischer Grundsatz werden muß, als solches aussprechen würde. Ich meine es ganz im Ernste, wenn ich sage: Unsere Parlamente über die ganze Erde hin würden wahrhaftig Gescheiteres ausdenken, als sie heute ausdenken, wenn die Toten mitberaten würden, wenn man heute fragen würde: Was sagen nicht nur die jungen Dachse von dreißig, fünfunddreißig Jahren dazu? —, sondern: Was sagt zum Beispiel Goethe, oder was sagen andere Tote dazu, die hundert und so und so viel Jahre alt sind? — Das ist etwas, was unmittelbar praktische Wirklichkeit werden muß gegen die Zukunft hin.

[ 10 ] It is actually essential that the humanities always connect with life and be made fruitful for life. In our time, I would say, there is a prevailing ideal that runs completely counter to what I have just described as a characteristic of our time. This ideal can be characterized something like this: People are striving more and more to believe as little as possible in life. They really only believe in life up until their twenties. This is already evident in the practical goals people set for themselves. Even when we look at Greece, we see that people there believed that as they grew older, they were wiser than when they were young. An older person may have a better understanding of state and municipal institutions than a young person. This belief has been completely cast aside, for the ideal of most people today is to reach the age at which one can be elected to municipal or state parliaments as early as possible, because people now believe in life only up to the early twenties. But life actually demands of us precisely that we believe in it as a whole, that we believe in the development of life as a whole. Just think for a moment how our social coexistence would be transformed by moral impulses if we were once again aware that life as a whole allows human beings to develop—how the young would relate to the old if this were deeply rooted in the human soul! Think of what a different kind of consciousness there is when one tells oneself again and again: Right now I am just a young badger of thirty or thirty-five years, but I, too, will grow older one day, and growing older means hope and anticipation for me: something will come to pass as I grow older that cannot come to pass as long as I am young. — Just imagine how much joy and vitality a person lives with when they maintain this awareness throughout their entire life until death, and even before death say to themselves: “Yes, I cannot possibly take in everything that life offers me and reflect it in my consciousness; I will carry something with me through death; then there will come people who believe in the dead and allow the dead to be their advisors. — Just imagine how ridiculous one would be regarded if one were to voice this—which, however, must become a practical principle today—as such. I mean it quite seriously when I say: Our parliaments all over the world would truly come up with wiser ideas than they do today if the dead were consulted, if we were to ask today: What do not only the young badgers of thirty or thirty-five years of age have to say about this? — but rather: What does Goethe, for example, have to say, or what do other dead people who are a hundred and so many years old have to say about this? — This is something that must become an immediate practical reality as we look toward the future.

[ 11 ] Es gibt heute gewisse, nun, sagen wir Geheimgesellschaften; sie pflegen allerlei alte Symbole. Sie täten besser, wenn sie ihre Zeit verstehen würden und sich zu Stätten machen würden, wo erforscht wird der Ratschlag der Toten. Das ist so unendlich bedeutsam! Denn die Menschheit kommt nicht vorwärts, wenn sie nicht mit dem Bewußtsein sich durchdringt: das Göttlich-Geistige wirkt in der Entwickelung unseres ganzen Lebens; wir sind nicht in den Zwanzigerjahren fertig.

[ 11 ] Today there are certain—well, let’s call them secret societies—that cultivate all sorts of ancient symbols. They would do better to understand their times and become places where the counsel of the dead is sought. This is so infinitely important! For humanity cannot move forward unless it is imbued with the awareness that the divine-spiritual works in the development of our entire lives; we are not finished by the time we reach our twenties.

[ 12 ] Ich habe Sie auch hier schon aufmerksam gemacht: In älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung war es so, daß die Menschen rein durch ihre physisch-körperliche Entwickelung das ganze Leben hindurch eine Entwickelung fühlten auch seelisch-geistig. Wie der Mensch heute nur in der Geschlechtsreife oder sonst nur bis in die Zwanzigerjahre hinein das seelisch-geistige Leben mitgehend fühlt mit dem physisch-leiblichen, so fühlte man in den uralten Zeiten bis in die Vierziger-, Fünfzigerjahre hinauf das Seelisch-Geistige abhängig vom Physisch-Leiblichen. Aber vom fünfunddreißigsten Jahre ab, wenn man entwickelungsfähig bleibt, entwickeln sich, weil der Leib dann abwärtsgeht, gerade die geistigen Kräfte, zu denen der Mensch nicht kommt, wenn er sie nicht hervorsprießen läßt durch die Geisteswissenschaft. Früher verehrte man die Alten, weil man wußte: In ihnen offenbart sich etwas, was sich eben der Jugend noch nicht offenbaren kann. Ich habe darauf aufmerksam gemacht: Die Menschheit wird immer jünger. Wenn wir in die urindische Kultur zurückgehen, so war es da so, daß damals die Menschen bis in die Fünfzigerjahre hinauf entwickelungsfähig blieben. In der urpersischen Kultur blieben sie entwickelungsfähig bis in die Vierzigerjahre, in der ägyptisch-chaldäischen Kultur bis in die zweite Hälfte der Dreißigerjahre, in der griechisch-lateinischen Kultur bis ins fünfunddreißigste Jahr. Als die griechisch-lateinische Kultur zu Ende ging im 15. Jahrhundert, da waren die Menschen nur noch entwickelungsfähig bis zum achtundzwanzigsten Jahr, heute bis zum siebenundzwanzigsten Jahr. Welcher Mensch ist für die heutige Zeit daher wohl besonders charakteristisch, für dieses heutige Zeitalter der materialistischen Entwickelung? Sehen Sie, das wäre ein Mensch, der es ganz und gar ablehnte, aus der Seele heraus sich anregen zu lassen für eine geistige Entwickelung, der nur das aufnimmt, was von außen in ihn einströmt, was die Gegenwart selbst hergibt.

[ 12 ] I have already pointed this out to you here: In earlier stages of human development, people experienced spiritual and mental growth throughout their entire lives simply through their physical development. Just as people today only feel their soul-spiritual life accompanying their physical-bodily life during puberty or, at most, into their twenties, so in ancient times people felt their soul-spiritual life to be dependent on their physical-bodily life well into their forties and fifties. But from the age of thirty-five onward, if one remains capable of development, it is precisely the spiritual powers—which a person cannot attain unless they allow them to spring forth through spiritual science—that develop, because the body then begins to decline. In the past, people revered the elderly because they knew that something was revealed in them that could not yet be revealed to the young. I have pointed out that humanity is becoming younger and younger. If we go back to the ancient Indian culture, people there remained capable of further development well into their fifties. In the ancient Persian culture, they remained capable of development into their forties; in the Egyptian-Chaldean culture, into the second half of their thirties; and in the Greco-Latin culture, up to the age of thirty-five. When the Greco-Latin culture came to an end in the 15th century, people were only capable of further development up to the age of twenty-eight; today, that limit is the age of twenty-seven. What kind of person, then, is particularly characteristic of the present day, of this current age of materialistic development? You see, it would be a person who completely refuses to allow his soul to be inspired toward spiritual development, who absorbs only what flows into him from the outside, what the present itself provides.

[ 13 ] Stellen wir ideell, möchte ich sagen, eine Figur hin, die besonders für die Gegenwart charakteristisch ist. Es wäre eine solche Persönlichkeit, die nichts von unseren intellektuellen Gymnasien durchmacht — denn da nimmt man Altes auf, da regt man schon die Seele an —, sondern die nur das, was von außen an die Menschen herandringt, in sich aufnimmt. Ein Selfmademan, ein Selbst-sich-Machender Mensch, der auch sonst, was man an Gefühlen, an Empfindungen, an Emotionen heute aus der Wirklichkeit erlebt, in sich aufnimmt. Also der vom siebenten, achten, neunten Jahre an so heranwächst mit dem gewissen sozialen Widerwillen gegen die bevorzugten KRlassen, der nicht das Hütchen zieht vor irgendeinem, der einen Titel oder eine Macht hat oder dergleichen, der dann nicht eine griechisch-lateinische Schule besucht, sondern durch das Leben allein lernt. Der dann einen advokat-ähnlichen Beruf bekommt, auch wieder nicht dadurch, daß er Advokatur studiert, sondern dadurch, daß er praktisch in einer Kanzlei die Sache durchmacht und sich durchringt; an den dann wieder bis zum siebenundzwanzigsten Jahr alles herandringt, was aber nicht auf außergewöhnliche Weise durch Wiederholung von alter Kultur an ihn kommt, sondern was die Gegenwart an ihn heranbringen kann. Im siebenundzwanzigsten Jahr müßte er sich ins Parlament wählen lassen. Dann tritt er vor die Mitwelt, und so wie er sich bis dahin von selbst entwickelt hat, gibt er sich den Menschen, glaubt nicht an Weiterentwickelung. Man kann aus dem Parlament heraus Minister werden. Entwickelung ist da nicht mehr gut nach der Ansicht unserer Zeitgenossen, sonst sagen die Menschen, man widerspricht sich, man habe früher etwas ganz anderes gesagt, und jetzt widerspreche man sich. Wenn man ins Parlament gewählt wird, kann man nicht mehr etwas anderes sagen. — Gibt es solch einen Menschen in der Gegenwart? Wissen Sie einen besonders charakteristischen Menschen, der der konzentrierteste Ausfluß dieser gegenwärtigen Zeit ist? Das ist Lloyd George. Man kann heute nicht hinter die Eigentümlichkeit gewisser Zeitgenossen kommen, wenn man diese Dinge nicht ins Auge faßt, nicht wirklich die Eigentümlichkeit des Menschen in dieser Weise ins Auge faßt. Lloyd George ist ein Sich-selbst-Machender Mensch. Bis zum siebenundzwanzigsten Jahr hat er nur das aufgenommen, was die Gegenwart von selbst hergibt; aber weil er gar nicht einen inneren Antrieb der Seele hat, hört es mit siebenundzwanzig Jahren auf. Er wird dann ins Parlament gewählt. Lloyd George ist im Parlament, sitzt da mit seinen verschränkten Armen, mit seinen etwas nach innen, nach den Achsen sich stellenden Augen, treffend überall sprechend, auf die Schwächen seiner Gegner achtgebend. Nun kam das Ministerium Campbell-Bannerman. Man frägt sich: Was soll man machen mit dem Lloyd George? Er kritisiert alles, was man im Ministerium macht! — Was tut man? Nun, man nimmt ihn in das Ministerium hinein; drinnen kann er weniger Opposition machen als draußen. Er wird Minister. Und es erweist sich, daß er in kürzester Zeit sich auch in diese Situation findet, denn er ist so recht ein Repräsentant unserer Zeit. Nun fragen sich natürlich die Menschen: Welches Portefeuille geben wir dem Lloyd George? — Da handelte es sich doch darum, daß er ein fähiger Mensch ist. Da kamen sie überein, ihm zu geben, was er nicht verstand: das Portefeuille der öffentlichen Arbeiten, der öffentlichen Bauten. Aber siehe da: In drei Monaten hatte er sich hineingearbeitet und Großartiges geleistet als Minister gerade auf diesem Gebiet, von dem er vorher nichts verstanden hat.

[ 13 ] Let us imagine, I would say, a figure who is particularly characteristic of the present. It would be a personality who does not go through our intellectual high schools—for there one absorbs the old, there one already stirs the soul—but who absorbs only what comes to people from the outside. A self-made man, a person who shapes himself, who also takes in whatever feelings, sensations, and emotions one experiences in reality today. In other words, someone who, from the age of seven, eight, or nine, grows up with a certain social aversion to the privileged classes, who does not tip his hat to anyone who holds a title, power, or the like, who does not attend a school focused on Greek and Latin, but learns solely through life experience. Who then takes up a profession similar to that of a lawyer—not by studying law, but by gaining practical experience in a law firm and working his way through the process; to whom, by the age of twenty-seven, everything comes—not in an extraordinary way through the repetition of ancient culture, but through what the present can offer him. At the age of twenty-seven, he should be elected to Parliament. Then he steps before his contemporaries, and just as he has developed on his own up to that point, he presents himself to the people, believing in no further development. One can become a minister from within Parliament. Further development is no longer considered good in the eyes of our contemporaries; otherwise, people say one is contradicting oneself, that one said something entirely different before and is now contradicting oneself. Once elected to Parliament, one can no longer say anything else. — Is there such a person in the present day? Do you know of a particularly characteristic person who is the most concentrated embodiment of this present age? That is Lloyd George. Today, one cannot get to the bottom of the peculiarity of certain contemporaries unless one takes these things into account—unless one truly considers the peculiarity of human beings in this way. Lloyd George is a self-made man. Until the age of twenty-seven, he absorbed only what the present offered of its own accord; but because he lacks any inner drive of the soul, it all comes to a halt at the age of twenty-seven. He is then elected to Parliament. Lloyd George is in Parliament, sitting there with his arms crossed, his eyes turned slightly inward toward his temples, speaking aptly on every subject, paying close attention to his opponents’ weaknesses. Then came the Campbell-Bannerman ministry. One wonders: What are we to do with Lloyd George? He criticizes everything the cabinet does! — What do we do? Well, we bring him into the cabinet; once inside, he can offer less opposition than from the outside. He becomes a minister. And it turns out that in no time at all he finds himself in this situation as well, for he is truly a representative of our time. Now, of course, people ask themselves: Which portfolio should we give Lloyd George? — The point was, after all, that he was a capable man. So they agreed to give him what he didn’t understand: the portfolio of public works and public construction. But lo and behold: within three months, he had gotten the hang of it and achieved great things as minister precisely in this field, which he had previously known nothing about.

[ 14 ] Das ist schon eine charakteristische Figur der Gegenwart. Solche gibt es in dem einen oder anderen Sinne viele. Sie brauchen nur zu fragen: Welche Menschen sind es, die bis zum siebenundzwanzigsten Jahr — das ist ja heute das Grenzjahr — sich so entwickelt haben, daß sie aufgenommen haben, was die Umgebung hergibt, dann gleich ins öffentliche Leben getreten sind und ihre Entwickelung nicht mehr fortgesetzt haben?

[ 14 ] This is indeed a characteristic figure of our time. There are many such figures in one sense or another. You need only ask: Who are the people who, by the age of twenty-seven—which is, after all, the cut-off age today—have developed to such an extent that they have absorbed what their environment has to offer, then immediately entered public life and ceased to continue their development?

[ 15 ] Eine Persönlichkeit, die uns etwas näher liegt, ist Matthias Erzberger. Studieren Sie seine Biographie, und Sie werden dasselbe finden, wenn Sie sie in dieser Weise okkultistisch ins Auge fassen. Das ist etwas, was wie eine ganz merkwürdige Art herauftritt in der Zeitbildung. So ein wenig okkultistisch dem Menschen ins Herz hineinzuschauen aber, das ist etwas, was in die Entwickelungsgeschichte der Menschheit einlaufen muß. Sie sehen, wie sich die Zeitkultur enthüllt, wenn man in dieser Weise dahinterkommt. Nun fordert allerdings die Zeitkultur von uns, daß wir tiefer eindringen können, als man das gerade heute gewohnt ist. Das aber wird nur möglich sein, wenn man sich bewußt wird, daß die Toten mitsprechen. Das werden natürlich diejenigen, die so recht charakteristische Repräsentanten unserer Zeit sind, im eminentesten Sinne ablehnen.

[ 15 ] A figure closer to home is Matthias Erzberger. Study his biography, and you will find the same thing if you approach it in this occultistic way. This is something that emerges in a very peculiar way in the course of history. But looking into the human heart in this somewhat occult way—that is something that must become part of the history of human development. You see how the culture of our time reveals itself when one gets to the bottom of it in this way. Now, of course, the culture of our time demands that we be able to penetrate deeper than is customary today. But this will only be possible if we become aware that the dead have a say in the matter. Naturally, those who are such characteristic representatives of our time will reject this in the most emphatic sense.

[ 16 ] Wenn Sie einen Menschen studieren wollen, an dem Sie das durchgehende Streben nach Weiterentwickelung, dieses unbewußte Glauben an die dauernde Realität des Göttlich-Menschlichen in der menschlichen Seele bis zum Tode hin sehen, so ist es Goethe. Goethe ist nach dieser Richtung viel charakteristischer, als man eigentlich gewöhnlich meint. Goethe hat auf das Zeitalter, auf die Jahre des Lebens zurückblicken wollen, in denen er aufgenommen hat aus der Außenwelt dasjenige, was die Außenwelt hereinbringt, aber er hat seine Entwickelung fortsetzen wollen. Er hat in «Dichtung und Wahrheit» sein Jugendleben geschildert. Es bricht mit dem Eintritt in Weimar ab. 1749 geboren, kommt er 1775 nach Weimar, setzt also ungefähr die Betrachtung seines Lebens, so wie er sie darstellen will, fort bis zum sechsundzwanzigsten Jahr, schließt vor dem siebenundzwanzigsten Jahr, weil er unbewußt weiß, daß da ein besonders bedeutungsvoller Augenblick vorliegt. Im fünfunddreißigsten Jahr erlebt der Mensch einen Augenblick, den er heute zumeist verschläft. Es ist der Augenblick, wo das aufsprießende, aufsteigende Leben übergeht in das absteigende in bezug auf den Leib. Aber dann wird gerade der Geist zu der Fähigkeit getrieben, sich zu offenbaren, und immer mehr und mehr sich zu offenbaren.

[ 16 ] If you wish to study a person in whom you can see a constant striving for further development—this unconscious belief in the enduring reality of the divine-human in the human soul right up until death—then that person is Goethe. In this regard, Goethe is far more characteristic than is generally supposed. Goethe wanted to look back on the era, on the years of his life, in which he absorbed from the external world whatever the external world brought him, but he wanted to continue his development. In Poetry and Truth, he described his youth. It breaks off with his arrival in Weimar. Born in 1749, he came to Weimar in 1775; thus, he continues the reflection on his life—as he wishes to portray it—roughly up to the age of twenty-six, concluding before the age of twenty-seven, because he unconsciously knows that a particularly significant moment lies ahead. At the age of thirty-five, a person experiences a moment that most people today sleep through. It is the moment when life, which has been sprouting and rising, transitions into a phase of decline with regard to the body. But it is precisely then that the spirit is driven to the ability to reveal itself, and to reveal itself more and more.

[ 17 ] Es ist ein wichtiger Augenblick des menschlichen Lebens, dieses fünfunddreißigste Lebensjahr. Das ist geradezu etwas, wo der Mensch seine Seele im physischen Leben erst richtig gebiert. Fragen Sie sich, wie für einen solchen Menschen wie Goethe, der sein ganzes Leben hindurch entwickelungsfähig geblieben ist, dieses sich herausstellt. 1786 — das ist nach dem fünfunddreißigsten Jahr, gerade die wichtige Zeit vom fünfunddreißigsten bis zweiundvierzigsten Jahr — geht Goethe nach Italien. Wenn Sie sich intimer mit der Goethe-Biographie befassen, werden Sie sehen, was das für einen Umschwung in seinem Leben bedeutet. Ich habe in einem Aufsatze nachgewiesen, der jetzt in einem kleinen Buche erscheinen wird: «Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen Faust und durch das Märchen von der Schlange und der Lilie», wie Goethe eigentlich persönlich zu seinem Faust steht. Mit ein paar Andeutungen wenigstens habe ich es besprochen. Gerade mit Bezug auf dieses wird man durch das, was sonst geschrieben ist, eher verwirrt als aufgeklärt. Das ist nicht besonders wichtig, worauf selbstgefällig die Menschen zumeist deuten, daß Faust gleich am Anfang sagt:

[ 17 ] The thirty-fifth year of life is a significant moment in a person’s life. It is, in fact, the point at which a person truly gives birth to their soul within their physical life. Ask yourself how this manifests itself in someone like Goethe, who remained capable of development throughout his entire life. In 1786—that is, after his thirty-fifth year, precisely during the crucial period from thirty-five to forty-two—Goethe traveled to Italy. If you delve more deeply into Goethe’s biography, you will see what a turning point this represents in his life. In an essay—which is now to be published in a small book titled Goethe’s Spirit as Revealed Through His “Faust” and through the “Fairy Tale of the Snake and the Lily”—I have demonstrated how Goethe actually viewed his own Faust. I have at least touched upon this with a few hints. Precisely in this regard, what has otherwise been written tends to confuse rather than enlighten. It is not particularly significant—as people usually smugly point out—that Faust says right at the beginning:

Habe nun, ach, Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und, leider! auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh’ ich nun, ich armer Tor
Und bin so klug als wie zuvor ...

Now, alas, I have studied philosophy,
law, and medicine,
and, alas! theology as well
with the utmost diligence.
Here I stand, poor fool that I am
and am just as wise as before ...

[ 18 ] Selbstgefällig heben da die Leute hervor: Der hat alle vier Fakultäten durchgemacht und ist auf keinen grünen Zweig gekommen, zweifelt an allem Wissen. — Besonders die Schauspieler haben oft das Gefühl, daß sie die vier Fakultäten verachten müssen. Das ist aber gar nicht das Charakteristische, das ist nicht das spezifisch Goethesche, worauf es ankommt, das ist nur ein Auftakt. Das haben im Zeitalter Goethes viele Menschen gesagt. Da, wo das Goethesche im Faust eintritt, da wird es anders. Das ist da, wo Faust das Buch des Nostradamus in die Hand nimmt und zuerst das Zeichen des Makrokosmos erblickt. Dieses Zeichen stellt ja dar, wie sich der Mensch in den ganzen Makrokosmos hineinstellt. Wie sein Geist mit dem Geiste der Welt, seine Seele mit der Seele der Welt, seine Physis mit der Physis der Welt zusammenhängen, das stellt sich im großen Bilde der ineinanderflutenden Welteneimer — Planeten und Sonnen, mit den dahinterstehenden Hierarchien — dar. Aber Faust wendet sich ab mit den Worten: «Welch Schauspiel! aber ach, ein Schauspiel nur!» Bilder sieht er, ein Schauspiel. Warum? Weil er in diesem Augenblick, in einem Augenblick das Weltengeheimnis umfassen möchte. Aber das kann nur im ganzen Menschenleben, soweit es die physische Welt gibt, die ganze Entwickelung. Die Erkenntnis kann überhaupt nur Bilder geben. Da wendet er sich zum Zeichen des Mikrokosmos. Da hat er nicht den Geist des Makrokosmos, sondern nur den Erdgeist. Der Erdgeist gibt das, was Geschichte, das Menschliche auf der Erde umfaßt.

[ 18 ] People smugly point out: “He went through all four faculties and never got anywhere; he doubts all knowledge.” — Actors, in particular, often feel that they must despise the four faculties. But that is not at all the defining characteristic; it is not the specifically Goethean element that matters—it is merely a prelude. Many people said that in Goethe’s time. Where the Goethean element enters Faust, things change. That is where Faust takes the book of Nostradamus in his hands and first beholds the sign of the macrocosm. This symbol, after all, depicts how the human being places himself within the entire macrocosm. How his spirit is connected to the spirit of the world, his soul to the soul of the world, and his physical being to the physical being of the world—this is portrayed in the grand image of the interflowing “world buckets”—planets and suns, with the hierarchies lying behind them. But Faust turns away, saying: “What a spectacle! But alas, only a spectacle!” He sees images, a spectacle. Why? Because at that very moment, in a single instant, he wishes to grasp the mystery of the world. But that is possible only over the course of a whole human life, as long as the physical world exists—the entire course of development. Knowledge can, in general, only provide images. So he turns to the sign of the microcosm. There he does not have the spirit of the macrocosm, but only the spirit of the Earth. The spirit of the Earth provides what history encompasses—the human condition on Earth.

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!

Amidst the tides of life, in the storm of deeds
I surge back and forth,
I sway to and fro!

[ 19 ] Selbsterkenntnis sucht Faust durch den Erdgeist, Welterkenntnis lehnt er ab. Das ist das Goethesche, da beginnt das Goethesche. Vorher ist ein Auftakt. Goethe war in der Tat in seiner Jugend so, daß er nicht weiter kam, als zu sagen: Alles, was sich auf den Makrokosmos bezieht, gibt mir nur Bilder, da können wir nicht hineindringen. Nur von innen heraus kann sich das Lebensrätsel lösen. — Aber dieser Erdgeist, das heißt der Geist der Selbsterkenntnis, sagte ihm:

[ 19 ] Faust seeks self-knowledge through the Earth Spirit, but rejects knowledge of the world. That is the Goethean; that is where the Goethean begins. What comes before is a prelude. In his youth, Goethe was indeed such that he could go no further than to say: Everything that relates to the macrocosm gives me only images; we cannot penetrate it. The mystery of life can be solved only from within. — But this Earth Spirit—that is, the spirit of self-knowledge—told him:

Du gleichst dem Geist, den du begreifst!
Nicht mir!

You are like the spirit you comprehend!
Not me!

[ 20 ] Da stürzt Faust zusammen. Welchem Geist gleicht er denn? Sehen Sie, da hat man einmal Gelegenheit im «Faust», einen Dichter kennenzulernen, der nicht theoretisiert! Da ist nichts theoretisiert, sondern da haben Sie einen Dichter, der in lebendiger künstlerischer Realität die Dinge darstellt. Verfolgen Sie: «Du gleichst dem Geist, den du begreifst! Nicht mir!» Es klopft: Wagner tritt ein. Das ist die Antwort: Du gleichst dem Wagner, nicht mir! — Hier über diesen Punkt des Faust muß besonders umgelernt werden. Das darf nicht auf der Bühne so dargestellt werden, wie es gewöhnlich geschieht: daß Faust nur der idealstrebende Mensch ist, der in die Höhen des Geistes hinauf will, der unbedingt recht hat, und dann humpelt der Wagner daher. Ich würde, wenn ich es darzustellen hätte, es so darstellen, daß Wagner die Maske des Faust trägt, daß beide in derselben Gestalt dastehen, weil Faust darauf hingewiesen werden soll: Sieh dein Ebenbild an, du bist nicht weiter! — Und was Wagner da sagt, ist eine Geschlossenheit in sich selber; was Faust sagt, ist eigentlich alles nur Sehnsuchtszeug. Aber die Faust-Erklärer, und die Menschen überhaupt möchten die Dinge so bequem wie möglich machen. Man zitiert ja auch gerne: «Gefühl ist alles, Name Schall und Rauch», obwohl Faust das für ein sechzehnjähriges Mädchen prägt. Also eine Backfischweisheit wird eigentlich immer als eine Philosophenweisheit aufdrapiert. Da tritt Wagner dem Faust entgegen zu seiner Selbsterkenntnis — wie gesagt, ich habe das in dem kleinen Buche weiter ausgeführt —, aber Faust ist immerhin doch berührt worden von dem Geiste. Der Erdgeist ist ihm erschienen, er ist an die geistige Welt herangekommen, er muß weiter, und muß selbst das nachholen, was er versäumt hat bis zum vierzigsten Jahr. Faust ist vierzig Jahre alt, als er da auftritt im Anfang der Dichtung. Ja, er muß auch das nachholen, was er nicht durchgemacht hat: die Bibel. Eine Art Rückschau auf das versäumte Jugendleben stellt er an. Dann tritt noch eine andere Selbsterkenntnis an ihn heran: Mephisto. Nach der Selbsterkenntnis durch Wagner wiederum eine andere Selbsterkenntnis.

[ 20 ] Then Faust collapses. What kind of spirit does he resemble? You see, here in Faust you finally have the opportunity to get to know a poet who doesn’t theorize! There is no theorizing here; instead, you have a poet who portrays things in vivid artistic reality. Follow along: “You resemble the spirit you comprehend! Not me!” There’s a knock at the door: Wagner enters. That is the answer: You resemble Wagner, not me! — We must especially rethink this point in Faust. This must not be portrayed on stage as it usually is: with Faust merely as the idealistic man who wants to ascend to the heights of the spirit, who is absolutely right, and then Wagner limps along behind him. If I were to portray it, I would do so in such a way that Wagner wears Faust’s mask, that both stand in the same form, because Faust is to be made to realize: Look at your own image—you are no different! — And what Wagner says there is a coherence in and of itself; what Faust says is, in fact, nothing but the stuff of longing. But the interpreters of Faust—and people in general—want to make things as convenient as possible. People also like to quote: “Feeling is everything; a name is mere sound and smoke,” even though Faust coins this phrase for a sixteen-year-old girl. So what is actually adolescent wisdom is always presented as philosophical wisdom. Then Wagner brings Faust face to face with his self-knowledge—as I said, I’ve elaborated on this further in the little book—but Faust has, after all, been touched by the spirit. The Earth Spirit has appeared to him; he has gained access to the spiritual world; he must go further, and must make up for what he has missed up to the age of forty. Faust is forty years old when he appears at the beginning of the poem. Yes, he must also make up for what he has not experienced: the Bible. He engages in a kind of retrospective on the missed opportunities of his youth. Then another form of self-knowledge approaches him: Mephisto. Following the self-knowledge brought about by Wagner comes yet another form of self-knowledge.

[ 21 ] Nun trat aber etwas Eigentümliches auf. In den neunziger Jahren, 1797, wird Schiller etwas dringend: Goethe soll seinen «Faust» fortsetzen. 1797 ist Goethe achtundvierzig Jahr alt. Wieder ein wichtiger Zeitpunkt. Sieben mal sieben ist neunundvierzig; das ist der Zeitpunkt, wo der Mensch über die besondere Entwickelung des Geistselbstes hinauskommt, in den Lebensgeist hinein. Schiller drängte. Die Leute haben es sich einfach gemacht mit der Erklärung. Minor, der ein interessantes Buch geschrieben hat über Goethe, meint: Goethe wird vom Alter erfaßt, da ist er nicht mehr recht dichtungsfähig. — Aber denken Sie nur, wenn das wahr wäre, könnte ja nie ein «Faust» geschrieben werden! Es könnte gar nicht dargestellt werden das Leben des Menschen im höheren Alter, und Faust war doch in einem höheren Alter! Goethe nähert sich nun jenem Alter, bei dem die Ur-Inder gesagt haben: Jetzt tritt der Mensch ein in das Lebensalter, wo er ins Reich der Väter aufsteigen kann, nach und nach in die tieferen Geheimnisse des Geisteslebens hinauf kann. — Da tritt Goethe sein Mephisto in merkwürdiger Art entgegen.

[ 21 ] But then something peculiar happened. In the 1790s, specifically in 1797, Schiller became somewhat insistent: Goethe should continue his Faust. In 1797, Goethe was forty-eight years old. Another important milestone. Seven times seven is forty-nine; this is the point at which a person transcends the specific development of the spiritual self and enters into the spirit of life. Schiller pressed him. People have taken the easy way out with their explanation. Minor, who wrote an interesting book about Goethe, suggests: Goethe is overtaken by old age, and is no longer truly capable of poetry. — But just think: if that were true, Faust could never have been written! The life of a person in old age could not be portrayed at all—and Faust was, after all, of advanced age! Goethe is now approaching that age of which the ancient Indians spoke: “Now a person enters the stage of life where he can ascend into the realm of the fathers, gradually rising into the deeper mysteries of spiritual life.” — It is then that Goethe encounters his Mephisto in a remarkable way.

[ 22 ] Sie wissen: Wenn man versucht, die dem Menschen widerstrebenden Mächte kennenzulernen, so sind es zwei, Ahriman und Luzifer. Die zwei hat Goethe konfundiert, zusammengeworfen. Das fühlte er früher nicht, und so ist denn der Mephisto eine widerspruchsvolle Gestalt geworden. Sie brauchen sich nur an einzelnes zu halten, so werden Sie schon sehen, daß es keine einheitliche Gestalt ist, die des Mephisto: Goethe hat Luzifer und Ahriman zusammengeworfen. Das merkte er 1797, daher wurde es ihm so schwierig, den «Faust» fortzusetzen. Die Geisteswissenschaft war noch nicht so weit, den Gegner des Menschen in zwei Gegner zu spalten; Goethe ist bei einem stehengeblieben. Man erkennt schon Goethes Natur, wenn man sich das vorhält, daß Goethe eigentlich zwei Gestalten hätte schaffen müssen, die er in eine zusammengeworfen hat. Goethe hat wirklich daran innerlich etwas durchgemacht, daß er den Mephisto als eine in sich widerspruchsvolle Gestalt gefühlt hat. Daß «Faust» doch zustande gekommen ist und groß dasteht als Dichtung, das ist natürlich auf Goethes große Dichterkraft zurückzuführen. Aber dieses wiederum ist etwas, was Goethe aus dem Unterbewußten heraus schon wogend fand in sich. Sie sehen, der Mensch kann entwickelungsfähig sein, er kann in seiner Seele auf ganz elementare Art das fühlen, was durch das ganze Leben in uns mit dem Geiste zusammenarbeitet, nicht bloß in die Zwanzigerjahre hinein.

[ 22 ] As you know, when one attempts to understand the forces that oppose humanity, there are two: Ahriman and Lucifer. Goethe conflated these two, lumping them together. He did not realize this earlier, and so Mephisto has become a contradictory figure. You need only look at specific details to see that Mephisto is not a unified figure: Goethe conflated Lucifer and Ahriman. He realized this in 1797, which is why it became so difficult for him to continue Faust. Spiritual science had not yet advanced far enough to divide humanity’s adversary into two adversaries; Goethe stopped at one. One can already discern Goethe’s nature when one considers that Goethe actually should have created two figures, which he instead merged into one. Goethe truly went through an inner struggle because he perceived Mephisto as a figure full of internal contradictions. The fact that Faust was ultimately completed and stands as a great work of poetry is, of course, attributable to Goethe’s great poetic power. But this, in turn, is something that Goethe already found surging within himself from his subconscious. You see, human beings are capable of development; they can feel in their souls, in a very elemental way, what works together with the spirit within us throughout our entire lives—not just into our twenties.

[ 23 ] Das, was Sie als «Prolog im Himmel» kennen, schrieb Goethe erst 1798. Was ist denn da geschehen im Faust? Er hat es nicht ausgesprochen, aber in seiner Seele ist es: Er hat Faust wiederum zum Buche greifen lassen, und jetzt steht er dem Geiste gegenüber! Jetzt ist es kein Schauspiel: da weben die Geister an den Sphären, da steht Faust drinnen im ganzen Kampfe des Guten und des Bösen im Makrokosmos. Man darf nicht den Faust vom Anfang bis zum Ende so betrachten, daß man alles gleich ansieht, als ob es gleich wäre, sondern Goethe hat gebrochen mit der Anschauung seiner Jugend, hat den Faust immer mehr und mehr eingeführt in den Geist des Makrokosmos. — Ich wollte Ihnen nur zeigen, wie regelmäßig dieses sich entwickelnde Goethe-Leben gestaltet ist. An ihm kann man zeigen, wie von sieben zu sieben Jahren die menschlichen Entwickelungsperioden bis in den Tod hinein gehen. Man muß dem Sinn und dem Geiste der Gegenwart gemäß das Unterbewußte immer mehr und mehr hinaufheben in das Bewußtsein. Von diesem Unterbewußten wird viel gesprochen; aber man sieht es nicht in der richtigen Weise an, man sieht es nicht tief genug an.

[ 23 ] What you know as the “Prologue in Heaven,” Goethe did not write until 1798. So what happened in Faust? He did not say it outright, but it is there in his soul: he had Faust reach for the book once more, and now he stands face to face with the Spirit! Now it is no longer a play: there the spirits weave in the spheres, and there stands Faust, caught up in the entire struggle between good and evil within the macrocosm. One must not view Faust from beginning to end in such a way that one regards everything as if it were the same; rather, Goethe broke with the perspective of his youth and introduced Faust more and more into the spirit of the macrocosm. — I just wanted to show you how regularly this evolving life of Goethe is structured. Through him, one can demonstrate how the periods of human development extend from seven to seven years all the way to death. In accordance with the meaning and spirit of the present, one must increasingly raise the subconscious into consciousness. Much is said about this subconscious; but it is not viewed in the right way—it is not viewed deeply enough.

[ 24 ] Es gibt ja heute so etwas, was sich analytische Psychologie, Psychoanalyse nennt. Das wird gewissermaßen herangebändigt an das unterbewußte Geistig-Seelische im Menschen, aber mit unzureichenden Mitteln; denn die zureichenden Mittel sind die geisteswissenschaftlichen. Das Schulbeispiel, welches die Psychoanalytiker immer wieder und wieder anführen, das zeigt gerade, wie die Leute mit unzureichenden Mitteln arbeiten. Führen wir uns einmal vor die Seele ein Beispiel, an dem eigentlich die Psychoanalyse sich entwickelt hat: Da ist eine Frau, die kennt einen Mann. Der Mann ist Ehemann; sie kennt ihn so, wie es dem Ehemann recht gewesen sein mag, der Frau des Ehemannes aber nicht. Siehe da, die Frau des Ehemannes wird aus verschiedenen Gründen — zu denen vielleicht gerade diese Dame auch gehörte — krank, nervös, — man wird überhaupt heute nervös, neurasthenisch, man braucht sich nicht darüber zu wundern. Sie muß in ein Bad gehen auf mehrere Monate. An einem Abend soll sie abreisen, aber vorher wird noch ein Abendbrot veranstaltet — ein Souper, wie man im Deutschen sagt —, zu dem wird auch die mit dem Manne und überhaupt mit der ganzen Familie gut bekannte Dame eingeladen. Das Souper verläuft ganz gut. Dann muß die Dame des Hauses zur Bahn. Die Gesellschaft verflüchtigt sich auch so allmählich, wie man sagt. Ein Trupp der Gesellschaft geht auf der Straße mit dieser Dame, welche mit dem Herrn des Hauses gut bekannt ist. Nun, wie es hier und da, nicht wahr, spät in der Nacht vorkommt, es gehen da die Leute nicht mehr auf dem Bürgersteig, sondern in der Mitte der Straße. Aber siehe da, es biegt eine Droschke, nicht ein Auto, sondern eine Droschke um die Ecke, und jene Dame, welche die Freundin des Herrn des Hauses ist, die weicht nicht aus wie die anderen, auf den Bürgersteig, sondern sie läuft vor den Pferden her. Der Kutscher schimpft, knallt mit der Peitsche; sie aber läuft vor den Pferden her, läuft und läuft, bis man auf eine Brücke kommt. Da geht ihr der Gedanke auf: Sie muß sich retten. Es ist eine gefährliche Situation. Da rettet sie sich, indem sie ins Wasser springt. Sie wird herausgezogen, wird gerettet, und die Gesellschaft trägt sie in das Haus, aus dem sie eben gekommen ist: in die Wohnung des Hausherrn hinein. Da verbleibt sie die Nacht. Die anderen gehen wieder nach Hause. Und es ist etwas erreicht, was ich jetzt nicht weiter charakterisieren will. Der Psychoanalytiker studiert nun diesen Fall auf verborgene Seelengründe hin: Vielleicht hat die Dame im siebenten, achten Jahr etwas besonderes durchgemacht mit Pferden, das tönt wieder aus der Seele durch, und da verliert sie in dem Moment das Bewußtsein, es kommt nur durch die Furcht vor den Pferden herauf. — So sucht man nach «verborgenen Seelenprovinzen». Das ist aber nicht die Wahrheit. Die Wahrheit ist diese: Es ist ein Unterbewußtes in der Seele eines Menschen, das schlauer, raffinierter sein kann als das Oberbewußtsein. Diese Dame war eine sehr anständige Dame, aber sie war verliebt in den Hausherrn. Ihr Oberbewußtsein würde sich nicht zugestanden haben: Ich will in dem Hause bleiben —, aber das Unterbewußte tut das. Das erwägt ganz genau: Wenn ich da vor den Pferden laufe und ins Wasser springe, dann bringt man mich zurück! — Da ist dies erreicht. Es würde sich die Dame das niemals gestehen im Oberbewußtsein, aber im Unterbewußtsein werden diese Dinge durchgemacht, da ist das vorhanden. Der Mensch trägt in sich dieses Unterbewußtsein, das viel weiser, viel schlauer ist, nach der guten und nach der schlimmen Seite, als das Oberbewußstsein. — Wie gesagt, die Gegenwart wird etwas aufmerksam auf dieses Unterbewußtsein, aber sie sucht es mit unzulänglichen Mitteln. Man muß sich klar sein, daf) man es mit zulänglichen Mitteln nur durch die Geisteswissenschaft finden kann, wenn man zeigen will, daß neben dem Ich, das durch den Leib lebt, das Ewig-Geistige in uns lebt, das nicht bloß ein Engel ist und daher auch raffiniert sein kann, je nach seinem Karma. Geisteswissenschaftlich muß studiert werden, was dieses Unterbewußte in seiner Offenbarung durch den Menschen immer ist. Es muß die Gegenwart darauf kommen, daß die Wahrheit, die Wirklichkeit kennengelernt werden muß. Das Unterbewußte pocht heute an das Bewußtsein an, und wir kommen im Leben nicht mehr zurecht, wenn wir das außer acht lassen, wenn wir nicht auch mit unserem Bewußtsein nachgehen den Wegen, welche das Unterbewußte einschlägt. Das wollen viele Leute nicht, daher wollen sie nicht an die Geisteswissenschaft heran.

[ 24 ] Today there is, of course, something called analytical psychology and psychoanalysis. These approaches attempt, in a sense, to engage with the subconscious mental and spiritual aspects of the human being, but with inadequate means; for the adequate means are those of the spiritual sciences. The textbook example that psychoanalysts cite time and time again demonstrates precisely how people work with inadequate means. Let us consider an example from the realm of the soul, one upon which psychoanalysis itself was actually developed: There is a woman who knows a man. The man is married; she knows him in a way that may have been acceptable to her husband, but not to his wife. Lo and behold, the husband’s wife—for various reasons, among which this very lady may well have been a factor—becomes ill, nervous—people tend to become nervous and neurasthenic these days; there’s no need to be surprised by that. She must go to a spa for several months. She is scheduled to leave one evening, but before that, a dinner party is held—a “souper,” as they say in German—to which the lady, who is well acquainted with the husband and indeed with the entire family, is also invited. The souper goes quite well. Then the lady of the house must go to the train station. The guests gradually disperse, as they say. A group of the guests walks down the street with this lady, who is well acquainted with the host. Well, as sometimes happens late at night, don’t you think, people aren’t walking on the sidewalk anymore, but in the middle of the street. But lo and behold, a horse-drawn carriage—not a car, but a horse-drawn carriage—rounds the corner, and that lady, who is a friend of the host, doesn’t step aside onto the sidewalk like the others, but runs ahead of the horses. The coachman shouts and cracks his whip; but she keeps running ahead of the horses, running and running, until they reach a bridge. Then it dawns on her: she must save herself. It’s a dangerous situation. So she saves herself by jumping into the water. She is pulled out, rescued, and the group carries her into the house she had just come from: into the homeowner’s apartment. She stays there for the night. The others go home again. And something has been achieved, which I do not wish to elaborate on further at this point. The psychoanalyst now studies this case for hidden psychological motives: Perhaps the lady went through something special involving horses in her seventh or eighth year; that resonates from her soul once more, and in that moment she loses consciousness—it arises solely from her fear of horses. —This is how one searches for “hidden psychological realms.” But that is not the truth. The truth is this: There is a subconscious in a person’s soul that can be smarter and more cunning than the conscious mind. This lady was a very respectable woman, but she was in love with the master of the house. Her conscious mind would never have allowed herself to think: “I want to stay in this house”—but the subconscious does. It calculates very precisely: “If I run out in front of the horses and jump into the water, then they’ll bring me back!”—And that’s how it’s achieved. The lady would never admit this to herself in her conscious mind, but in her subconscious, these things are experienced; that’s where it exists. Human beings carry within them this subconscious, which is much wiser and much more astute—for better or for worse—than the conscious mind. — As I said, modern thought is becoming somewhat attentive to this subconscious, but it seeks it with inadequate means. One must be clear that it can only be found through spiritual science using adequate means, if one wishes to demonstrate that alongside the “I” that lives through the body, the eternal-spiritual lives within us—which is not merely an angel and can therefore also be cunning, depending on its karma. From a spiritual-scientific perspective, one must study what this subconscious always is in its manifestation through human beings. The present age must come to realize that truth and reality must be known. Today, the subconscious is knocking at the door of consciousness, and we can no longer cope with life if we ignore this, if we do not also follow with our consciousness the paths that the subconscious takes. Many people do not want this, which is why they do not want to engage with spiritual science.

[ 25 ] So gibt es auf der einen Seite gewisse Gründe, um nicht an die Geisteswissenschaft heranzukommen: die Leute wollen nicht begreifen, daß die Dinge durchaus umgekehrt sind in bezug auf die Toten. Man muß ganz umlernen. Während man im gewöhnlichen Leben gewohnt ist, daß es aus unserem Munde heraustönt, wenn wir etwas sagen, oder fragen, ist es bei dem Verkehr mit dem Toten so, daß, was wir sagen, aus seiner Seele heraustönt, das, was er sagt, aus unserem eigenen Inneren heraufkommt. Das ist eine naturgemäße Sache.

[ 25 ] On the one hand, there are certain reasons why people are unable to approach spiritual science: they refuse to understand that, when it comes to the dead, things are actually the exact opposite. One must completely re-learn. Whereas in ordinary life we are accustomed to words coming out of our mouths when we say or ask something, in communication with the dead it is the case that what we say comes forth from their soul, and what they say rises up from within us. This is a natural process.

[ 26 ] Das andere ist die Antipathie, welche die Menschen gegen den Geist haben, weil sie sich nicht gerne gestehen mögen, wie dieses Geistige anschlägt an die Pforte des Bewußtseins. An vielen Stellen findet man diesen Geist anschlagend an die Pforte des Bewußtseins. Menschen, die zum Beispiel gerade etwas abnorm sind in ihrem Leben, bei denen kommt es durch eine Lockerung des GeistigSeelischen im Physisch-Leiblichen heute zustande, daß das Unterbewußte richtiger hereinschlägt in das Bewußtsein, als bei jenen, die nichts Gelockertes an sich haben. Es ist durchaus nicht gesagt, daß das Lockern angestrebt werden soll, wahrhaftig nicht, aber bei einigen Leuten ist auf naturgemäße Weise etwas gelockert, wie zum Beispiel bei Otto Weininger. Der war wirklich ein begabter Mensch; er hatte anfangs der Zwanzigerjahre seinen Doktor gemacht, dann aus der Doktordissertation heraus das Buch «Geschlecht und Charakter» geformt, das durchaus dilettantisch und sogar trivial in vieler Beziehung ist, aber doch eine merkwürdige Erscheinung ist. Dann hat er eine Reise nach Italien gemacht, hat dabei ein Tagebuch geführt, wo etwas doch ganz Merkwürdiges drinnen ist. Gewisse geisteswissenschaftliche Erkenntnisse sind da geradezu als Karikatur ausgesprochen. Dieses gelockerte Geistig-Seelische, das schaut schon manches, aber es karikiert es! Gewöhnlich ist auch das Moralische etwas angefressen. Aber Weininger war eine geniale Natur. Er hat sich dann im dreiundzwanzigsten Jahr eingemietet im Beethovenhaus und sich darinnen erschossen. Daraus sehen Sie, daß er eine ganz abnorme Natur war. Ich will aber nur erwähnen: Wenn Sie sein letztes Buch lesen, so finden Sie unter allerlei anderem auch eine merkwürdige Stelle. Da sagt er: Warum erinnert sich der Mensch nicht an sein Leben vor der Geburt? Weil die Seele sich so heruntergebracht hat, daß sie untertauchen will in die Bewußtlosigkeit gegenüber dem vorhergegangenen Leben! — Ich erwähne dies nur — und ich könnte das Beispiel vertausendfachen —, um zu zeigen: Es gibt viele Menschen, die der Geisteswissenschaft ganz nahestehen, sie aber nicht finden können, weil die Gegenwart die Menschen überhaupt nicht an die Geisteswissenschaft heranlassen will. Ich erwähne das als Beispiel, weil man durchaus sieht: Weininger kommt durch Lockerung des Geistig-Seelischen dazu, wie eine Selbstverständlichkeit es auszusprechen, daß der Mensch als Geistig-Seelisches sich verbindet mit dem Physisch-Leiblichen. Wie eine Selbstverständlichkeit spricht er es aus, was noch manche andere Menschen heute sagen, nur in sehr verschämter Art. Das aber ist eine Grundforderung unserer Zeit, daß die Menschen wirklich den Mut fassen, die Stärke sich anzuerziehen, um der geistigen Welt gegenüberzutreten in ihren konkreten Erscheinungsformen.

[ 26 ] The other factor is the antipathy that people feel toward the spirit, because they are reluctant to admit to themselves how this spiritual realm knocks at the gate of consciousness. In many cases, one finds this spiritual force knocking at the gate of consciousness. For example, in people whose lives are somewhat abnormal, a loosening of the spiritual-soul aspect within the physical body today allows the subconscious to penetrate more fully into consciousness than in those who have nothing of this loosened nature within themselves. It is by no means suggested that one should strive for this loosening—truly not—but in some people there is a natural loosening, as was the case, for example, with Otto Weininger. He was truly a gifted individual; he had earned his doctorate in the early 1920s, then developed the book Sex and Character from his doctoral dissertation—a work that is thoroughly amateurish and even trivial in many respects, yet remains a curious phenomenon. He then took a trip to Italy, keeping a diary along the way that contains something quite remarkable. Certain insights into the humanities are expressed there almost as caricatures. This loose, spiritual-psychological perspective observes many things, but it caricatures them! His moral outlook is usually somewhat corroded as well. But Weininger was a genius. At the age of twenty-three, he rented a room in the Beethoven House and shot himself there. From this you can see that he was a truly abnormal soul. But I just want to mention this: If you read his last book, you’ll find, among all sorts of other things, a curious passage. There he says: Why doesn’t a person remember their life before birth? Because the soul has degraded itself to such an extent that it wants to submerge itself in unconsciousness regarding its previous life! — I mention this only—and I could give a thousand more examples—to show that there are many people who are very close to spiritual science but cannot find it, because the present age does not want to let people approach spiritual science at all. I mention this as an example because it is quite evident: through a relaxation of the spiritual-soul aspect, Weininger comes to express—as a matter of course—that the human being, as a spiritual-soul entity, unites with the physical-bodily aspect. He expresses this as a matter of course—something that many other people still say today, but only in a very coy manner. Yet this is a fundamental requirement of our time: that people truly summon the courage to draw upon the strength needed to face the spiritual world in its concrete manifestations.

[ 27 ] Und eine solche konkrete Erscheinungsform ist eben die, von der ich Ihnen besonders sprechen wollte: daß die Menschen die Toten mitreden lassen; daß das soziale Leben der Menschen wieder bestimmt wird dadurch, daß man die Unterschiede fühlt zwischen Mensch und Mensch der Altersstufe nach, aber auch dadurch etwas anders wird, daß der Mensch an sein ganzes Menschenleben glaubt. Der Gott offenbart sich nicht nur bis in die Zwanzigerjahre hinein. Früher hat er sich physisch geoffenbart, jetzt muß er durch Geisteswissenschaft gefühlt werden. Aber der Mensch muß glauben an die Gaben der göttlich-geistigen Welt. Er muß durch das ganze Leben hindurch die aufmunternde, tragende Empfindung haben: Wenn ich fünfzehn Jahre älter sein werde, werde ich dem Göttlich-Geistigen das entgegentragen, was es anders aufnehmen kann als früher. Denken Sie, wie man sich in die Zukunft hineinleben kann, wenn man so erwartungsvoll ist! Wie das eine andere seelisch-geistige Aura über unser ganzes soziales Leben ausgießt! Wissen muß man, daß die Menschen diese Aura brauchen werden, indem sie sich gegen die Zukunft hin entwickeln werden. Das ist unendlich wichtig. Versuchen Sie zu fühlen, wie vieles anders werden muß! Wir leben in einem Zeitalter, in dem vieles, vieles anders werden muß. Vor allen Dingen muß es so werden, daß man gewisse Dinge nicht mehr in heuchlerischer Art sieht, sondern sie in Wirklichkeit sieht. Es nützt nichts, über gewisse Dinge sich selbst Lügen vorzumachen. Und eine solche Selbstlüge möchte ich noch besprechen.

[ 27 ] And it is precisely this concrete manifestation that I wanted to speak to you about in particular: that people allow the dead to have a say; that people’s social life is once again shaped by the fact that they sense the differences between people based on their age groups, but is also transformed somewhat by the fact that people believe in the entirety of their human life. God does not reveal Himself only up to one’s twenties. In the past, He revealed Himself physically; now He must be perceived through spiritual science. But a person must believe in the gifts of the divine-spiritual world. Throughout their entire life, they must have the encouraging, sustaining feeling: When I am fifteen years older, I will offer to the divine-spiritual realm what it can receive differently than before. Think how one can live into the future when one is so full of expectation! How this pours a different soul-spiritual aura over our entire social life! One must know that people will need this aura as they develop toward the future. This is infinitely important. Try to feel how much must change! We live in an age in which so much, so much must change. Above all, it must come to pass that certain things are no longer viewed hypocritically, but are seen as they really are. It does no good to lie to oneself about certain things. And I would like to discuss one such self-deception.

[ 28 ] Wie viele Menschen gibt es heute, die da sagen: Ich blicke auf nicht zu den verschiedenen Hierarchien, zu Engeln, Erzengeln und so weiter, sondern ich blicke auf zu «meinem Gott». Und wie viele deklamieren weiter, welch großer Fortschritt es ist, daß sich die Menschheit durchgerungen hat zu dem einen Gott, zum Monotheismus. Man muß aber die Frage stellen: Zu wem wenden sich denn eigentlich die Menschen, wenn sie suchen, in ein konkretes Verhältnis zur geistigen Welt zu kommen, und dabei von «ihrem Gott» sprechen? — Ob einer Katholik oder Protestant ist — was er auch immer ist —, wenn er von seinem Gott spricht, kann er nur von dem sprechen, was in sein Bewußtsein wirklich hineingeht. Das kann nur zweierlei sein: Entweder ist es der eine ihn beschützende Engel, den der Mensch dann Gott nennt, der kein höherer Gott ist als ein Engel — und da jeder Mensch einen Engel hat, der die Aufgabe hat, ihn zu schützen, so sind wir da in einem Pluralismus drinnen —, oder er meint das eigene Ich. Nur täuscht sich der Mensch dadurch, daß er dafür den gleichen Namen hat, daß jeder seinen besonderen Engel mit dem gleichen Namen «Gott» benennt. Demgegenüber sollte man eines berücksichtigen, was eigentlich sehr lehrreich ist. Es gibt nämlich ein Wort, von dessen Ursprung die Menschen mit allen Forschungen nichts wissen: das ist das Wort «Gott». Das ist doch interessant und gibt zu denken! Lesen Sie nach in den verschiedenen Wörterbüchern, in denen linguistisch-philologisch die Wörter behandelt werden: über das Wort «Gott» herrscht völlige Unklarheit. Die Menschen wissen nicht, was sie eigentlich mit Gott benennen. Und in unserer Zeit meinen die Menschen entweder ihren Engel, oder sie werden, indem sie von ihrem Gott sprechen, sozusagen unbewußt Anhänger unserer Lehre: sie sprechen nämlich von ihrem eigenen Ich, wie es sich entwickelt hat seit dem letzten Tode bis zu dieser Geburt. Das ist das Konkrete, was sie als den Gott benennen: entweder ragt der Engel hinein, der sie schützt — es ist bloß der Engel, sie nennen ihn Gott —, oder es ist gar nur das individuelle Ich. Ob man das uminterpretiert oder nicht, darauf kommt es nicht an: es ist das egoistische Religionsbekenntnis, das heute in vielen Seelen ist, aber man will sich das nicht gestehen. Nur Geisteswissenschaft wird die Menschen aufmerksam darauf machen. Da wird man dann Geisteswissenschaft hassen und wird sie immer mehr bekämpfen, weil die Menschen es sich so bequem machen, das, was das allernächste ist, das in der hierarchischen Ordnung über ihnen steht, als ihren Gott zu benennen. Wenn heute vielfach von Gott gesprochen wird, so ist damit nichts anderes gemeint als entweder das eigene Ich oder der Engel.

[ 28 ] How many people are there today who say: I do not look up to the various hierarchies—angels, archangels, and so on—but I look up to “my God.” And how many go on to proclaim what a great step forward it is that humanity has brought itself to believe in the one God, in monotheism. But one must ask the question: To whom do people actually turn when they seek to enter into a concrete relationship with the spiritual world, and in doing so speak of “their God”? — Whether one is Catholic or Protestant—whatever one may be—when one speaks of one’s God, one can only speak of what truly enters one’s consciousness. This can only be one of two things: Either it is the one guardian angel whom the person then calls God—who is no higher a God than an angel—and since every person has an angel whose task is to protect them, we find ourselves in a situation of pluralism; or they mean their own ego. But people are deceived by the fact that they use the same name for this—that everyone calls their own particular angel by the same name, “God.” In contrast, there is one thing to consider that is actually very instructive. There is, in fact, a word whose origin remains a mystery to people despite all their research: the word “God.” Isn’t that interesting and thought-provoking? Look it up in the various dictionaries that analyze words from a linguistic and philological perspective: there is complete uncertainty surrounding the word “God.” People do not know what they are actually referring to when they speak of God. And in our time, people either mean their angel, or—when they speak of their God—they become, so to speak, unconsciously followers of our teaching: for they are speaking of their own “I,” as it has developed from the last death up to this birth. That is the concrete reality they call “God”: either the angel who protects them comes into play—it is merely the angel, but they call him God—or it is nothing more than the individual “I.” Whether one reinterprets this or not is irrelevant: it is the egoistic religious creed that exists in many souls today, but people do not want to admit it to themselves. Only spiritual science will make people aware of this. People will then come to hate spiritual science and will fight against it more and more, because they find it so convenient to call that which is closest to them—and which stands above them in the hierarchical order—their God. When people speak of God so often today, they mean nothing other than either their own “I” or the angel.

[ 29 ] Über eine solche Anschauung kommt man nur hinaus, wenn man in das konkrete geisteswissenschaftliche Verhältnis kommt. Das ist solch ein Punkt, über den sich die Menschen, der Zukunft entgegen, immer mehr werden aufklären müssen. Und Wahrheit muß unter den Menschen sein. Das wird insbesondere eine Forderung in die Zukunft hinein sein müssen, und Wahrheit ist in der Gegenwart nicht sehr verbreitet, gar nicht sehr verbreitet. Gerade auf gelehrten Gebieten findet man zuweilen sehr merkwürdige Begriffe über das, was Wahrheit ist. Sie wissen aus meinem Buch «Von Seelenrätseln» — wenn ich das kurz anführen darf —, in welch eigentümlicher Weise der merkwürdige Mensch Max Dessoir mit der Wahrheit umgegangen ist. Es ist wirklich herzzerbrechend, was man aus dem letzten Heft der Kant-Zeitschrift ersieht! Ich darf das schon besonders erwähnen, weil die Anthroposophie da nicht erwähnt wird; dieser Aufsatz tut also in bezug auf die eigene Sache nicht weh. Aber in dieser «gelehrten» Zeitschrift findet man einen Aufsatz, der nicht nur auf anthroposophischem Gebiet, sondern auch durch und durch das dilettantisch Banalste ist für den, der die Dinge versteht. Er wird aber doch ernst genommen.

[ 29 ] One can only move beyond such a view by entering into a concrete relationship with the spiritual sciences. This is precisely the kind of issue that people will have to shed more and more light on as they look toward the future. And truth must exist among people. This will have to be a particular demand for the future, and truth is not very widespread in the present—not at all widespread. Precisely in scholarly circles, one sometimes encounters very peculiar notions of what truth is. You know from my book On the Riddles of the Soul—if I may briefly refer to it—the peculiar way in which that remarkable man, Max Dessoir, dealt with the truth. It is truly heartbreaking what one sees in the latest issue of the Kant-Zeitschrift! I feel I must mention this specifically because anthroposophy is not mentioned there; this essay therefore does no harm to our own cause. But in this “scholarly” journal one finds an essay that is not only amateurish in the field of anthroposophy but also, through and through, the most banal thing imaginable for anyone who understands these matters. And yet it is taken seriously.

[ 30 ] Sie wissen ja aus meinem Buche, wie man Dessoir schulmeisterlich — man kann nicht anders — nachweisen muß, daß er meine Bücher nicht gelesen hat, aber alles mögliche verdreht. Nur eine der dümmsten Verdrehungen möchte ich noch einmal erwähnen: Dessoir gibt in der ersten Auflage seines Buches «Vom Jenseits der Seele» an, daß meine «Philosophie der Freiheit» mein Erstling wäre. Nun, diese «Philosophie der Freiheit» ist 1894 erschienen, zehn Jahre nach meinem Erstling; aber so oberflächlich wie hier, ist er in bezug auf alles. Also die «Philosophie der Freiheit» sei mein Erstling. Ich habe ihm das unter wichtigeren Dingen auch aufgemutzt, um ihm seine Art zu zeigen. Es erscheint eine zweite Auflage. In der Vorrede macht er allerlei Dinge geltend, die gerade so sind, daß man aus ihnen sieht, wes Geistes Kind dieser Universitätsprofessor ist. Aber nun hat er doch in der ersten Auflage gesagt, die «Philosophie der Freiheit» sei mein literarischer Erstling; jetzt sagt er, das habe er nicht gemeint, sondern das sei mein «theosophischer Erstling». Halten Sie das nun zusammen mit der Art und Weise, wie wieder von anderer Seite die «Philosophie der Freiheit» genommen wird als etwas, was durch meine «Theosophie» verleugnet würde: da werden Sie hineinsehen in einen wahren Sumpf! Aber man sieht an solchen Dingen sehr leicht hinein in die Gegenwart, und es ist sehr wichtig, daß man sich über diese Dinge völlig Aufklärung verschafft. Und das kann man nur, wenn man ganz unumwunden mit geisteswissenschaftlichen Waffen sich ausrüstet.

[ 30 ] As you know from my book, one must—one simply cannot do otherwise—demonstrate to Dessoir in a schoolmasterly manner that he has not read my books, but twists everything in every possible way. I would like to mention just one of the most foolish distortions once again: In the first edition of his book On the Afterlife of the Soul, Dessoir claims that my *Philosophy of Spiritual Activity* was my debut work. Well, Philosophy of Spiritual Activity was published in 1894, ten years after my debut work; but he is just as superficial in this regard as he is in everything else. So, Philosophy of Spiritual Activity is supposedly my debut work. I pointed this out to him—among other, more important matters—to show him his true colors. A second edition is now being published. In the preface, he asserts all sorts of things that reveal exactly what kind of person this university professor is. But he had already stated in the first edition that The Philosophy of Spiritual Activity was my literary debut; now he says he didn’t mean that, but rather that it is my “theosophical debut.” Consider this alongside the way in which, from another quarter, the Philosophy of Spiritual Activity is once again being treated as something that is contradicted by my “theosophy”: there you will see a veritable quagmire! But such things make it very easy to gain insight into the present, and it is very important to gain a complete understanding of these matters. And that is possible only if one equips oneself quite openly with the weapons of spiritual science.

[ 31 ] Auch geschichtliche Betrachtung wird unter dem Einflusse der Geisteswissenschaft etwas ganz anderes werden müssen, als sie es bis jetzt war, denn Geschichte ist zumeist eigentlich nichts anderes, so wie sie geboten wird, als eine Fable convenue. Wo man wirklich an die Tatsachen herandringt, da wird man in ganz anderes hineingeführt, als die landläufige Geschichte es darstellt.

[ 31 ] Even the study of history will, under the influence of the spiritual sciences, have to become something entirely different from what it has been until now, for history, as it is generally presented, is for the most part nothing more than a fable convenue. Where one truly delves into the facts, one is led to something entirely different from what conventional history portrays.

[ 32 ] Ich will Ihnen einen Punkt anführen. Sie werden gleich nachher sehen, worauf ich mit solcher Betrachtung hinaus will. Wir wissen, der vierte nachatlantische Zeitraum schloß mit dem 15. Jahrhundert. Das ist die griechisch-lateinische Zeit; in ihren letzten Ausläufern geht sie bis ins 15. Jahrhundert hinein. 1413 beginnt der fünfte nachatlantische Zeitraum, da geschieht ein mächtiger Umschwung. Wenn man das sich vor Augen hält, dann darf man sich vielleicht fragen: Wodurch ist denn dieses Römische Reich, in das zuletzt sich alles zusammenfand, was griechisch-lateinische Kultur ist, zugrunde gegangen? Es sind verschiedene Ursachen, aber eine der wichtigen ist die folgende: Die Römer haben große Kriege geführt; diese Kriege haben allmählich das Gebiet über die Ränder ausgedehnt. Viele neue Randvölker sind entstanden. Das hatte eine ganz bestimmte Folge. Wer die damalige Zeit, die ersten christlichen Jahrhunderte studiert, der findet, daß durch die eigentümliche Berührung des Römerreiches in seiner Verwaltung und inneren sozialen Struktur mit den Randvölkern und nach dem Orient hinüber ein fortwährender Metallgeldabfluß aus dem Römerreiche nach dem Orient sich geltend gemacht hat. Und dies ist eines der allerallerwichtigsten Ereignisse im 2., 3., 4. nachchristlichen Jahrhundert, als das Römerreich so allmählich zugrunde ging: daß das Metallgeld zu den Randvölkern hinüberfließt in den Orient. Und das Römische Reich, trotzdem es eine komplizierte Militärverwaltung hat, es wird immer gold- und geldärmer. Das ist der äußere Ausdruck, das Bild für die inneren Vorgänge. Ich erwähne dieses äußere Bild, das Gold- und Geldärmerwerden des Römischen Reiches, weil es der äußere Ausdruck ist auch für die Seelenstimmung. Was geschah aus dieser Seelenstimmung heraus? Natürlich, diese Seelenstimmung hat eine bestimmte Bedeutung im ganzen Sinn des weltgeschichtlichen Geschehens. Es sollte etwas daraus werden, aus diesem Verarmen an Metallgeld von seiten der Römer. Und was wurde daraus? Es wurde daraus der Individualismus, der das Charakteristische ist in unserem Zeitalter. Man redete vielfach von der Kunst, Gold zu machen. Wodurch kam sie, diese Kunst? Weil Europa materiell goldarm geworden ist, entstand diese äußere physische Sehnsucht nach dem Goldmachen, bis Amerika entdeckt wurde, und das Gold von da herüberkam. Diese großen Zusammenhänge müssen gefaßt werden. Bis in die Alchimie hinein und dadurch bis in die Entwickelung der Menschenseelen hinein wirkte das, was man so kennenlernt, wenn man wirklich den Untergang des Römischen Reiches studiert: Goldarmut durch die Ausdehnung der sozialen Struktur über die Randvölker hinaus in den Orient.

[ 32 ] I would like to make a point. You will see shortly where I am going with this line of reasoning. We know that the fourth post-Atlantean epoch ended with the 15th century. This is the Greco-Latin era; its final vestiges extend into the 15th century. The fifth post-Atlantean epoch begins in 1413, marking a powerful turning point. If we keep this in mind, we might ask ourselves: What caused the downfall of the Roman Empire, into which everything that constituted Greco-Latin culture ultimately converged? There are various causes, but one of the most important is the following: The Romans waged great wars; these wars gradually expanded their territory beyond its borders. Many new peripheral peoples emerged. This had a very specific consequence. Anyone who studies that period—the early Christian centuries—will find that, due to the unique interaction of the Roman Empire’s administration and internal social structure with the peripheral peoples and with the East, there was a continuous outflow of metallic currency from the Roman Empire to the East. And this is one of the most crucial events of the 2nd, 3rd, and 4th centuries A.D., as the Roman Empire gradually declined: the flow of metallic currency to the peripheral peoples in the East. And the Roman Empire, despite its complex military administration, became increasingly depleted of gold and currency. This is the outward expression, the image of the inner processes. I mention this outward image—the Roman Empire’s growing poverty in gold and money—because it is also the outward expression of the mood of the soul. What emerged from this state of mind? Of course, this state of mind has a specific significance within the broader context of world history. Something was bound to come of it—of this depletion of metallic currency on the part of the Romans. And what did come of it? It gave rise to individualism, which is the defining characteristic of our age. There was much talk of the art of making gold. Where did this art come from? Because Europe had become materially impoverished in gold, this outward, physical longing to make gold arose, until America was discovered and gold came from there. These broad connections must be grasped. What one comes to understand when truly studying the downfall of the Roman Empire had an impact extending all the way into alchemy and, through it, into the development of human souls: a scarcity of gold resulting from the expansion of the social structure beyond the peripheral peoples into the Orient.

[ 33 ] Jetzt leben wir in einer Zeit, in der die Menschen sich gestehen müssen: Die Zeit des instinktiven Lebens ist vorüber. Wir kommen nicht zu sozialen Strukturen, wenn wir nicht imstande sind, das soziale Denken zu beleben durch die Gedanken, die aus der Erfassung der geistigen Welt kommen. Deshalb sind die Sozialwissenschaften so steril, und deshalb hat sich die Menschheit in diese katastrophale Gegenwart hineingebracht, in der die sozialen Strukturen dieses Chaos hervorrufen über die Welt hin, weil die Menschen nicht geisteswissenschaftliche Gedanken, die aus den Impulsen der Menschheitsentwickelung einfließen sollen in das soziale Denken, in das Gemeinschaftsleben hineinfließen lassen können. Es gibt durchaus geistige Ursachen für diese katastrophale Gegenwart. Das ist das Sich-Aufbäumen der Menschen gegen das Einfließen des Geistes. Dadurch ist in Wahrheit die gegenwärtige Katastrophe entstanden. Denn die Menschen wenden sich überall gegen den Geist, der herein will.

[ 33 ] We now live in a time when people must admit to themselves: The era of instinctive living is over. We cannot achieve social structures unless we are able to revitalize social thinking through ideas that arise from an understanding of the spiritual world. That is why the social sciences are so sterile, and that is why humanity has brought itself into this catastrophic present, in which social structures are causing chaos throughout the world—because people are unable to allow spiritual-scientific ideas, which should flow from the impulses of human development, to flow into social thinking and communal life. There are indeed spiritual causes for this catastrophic present. This is humanity’s resistance to the inflow of the spirit. In truth, this is what has given rise to the current catastrophe. For everywhere, people are turning against the spirit that seeks to enter.

[ 34 ] Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, das Sie vielleicht doch auch charakteristisch finden werden. Nehmen Sie an, es denkt heute jemand darüber nach, was es für verschiedene Weltanschauungen gibt, und rein äußerlich klassifiziert er die Weltanschauungen: Katholizismus, Protestantismus, Sozialismus, Naturalismus und so weiter. Nehmen Sie den Zyklus, den ich einmal gehalten habe in Berlin, wo ich die Weltanschauungen mehr nach inneren Kategorien aufgebaut habe, nach der Zwölfzahl und nach der Siebenzahl. Da bekommen Sie wirklich sieben Weltanschauungen heraus: Gnosis, Logismus, Voluntarismus, Empirismus, Mystik, Transzendentalismus, Okkultismus. Natürlich, wer sie nur aufklaubt, die Weltanschauungen, wird sie nicht mit diesen Namen benennen. Und doch waltet die Sphärenmusik überall drinnen! Also denken Sie sich heute einmal einen Menschen, der nichts anderes wäre als materialistischer Beobachter, der so abliest die Weltanschauungen, wie sie ihm zugänglich sind, wie viele müßte er finden? Sieben müßte er finden. Er mag sie anders benennen, nach dem, wie sie sich äußerlich darstellen, aber in sieben Gliedern müssen sie auftreten. Lesen Sie das gegenwärtige Heft der «Preußischen Jahrbücher». Da finden Sie im ersten Aufsatz eine solche Beobachtung, laut welcher ein Mensch die Weltanschauungen, wie sie gegenwärtig sind, registrieren wollte. Er zählt sie auf. Wie viele kriegt er heraus? Sieben: Katholizismus, Protestantismus, Rationalismus, Humanismus, Idealismus, Sozialismus und persönlicher Individualismus. Das sind in der Tat sieben. Sie sind nur verschoben, die Kategorien, aber es kann einer nichts anderes als sieben herauskriegen. — Da haben Sie ein Beispiel, wo heranschlägt das, was wir als einen Sinn der Entwickelung finden, an die ganz gewöhnliche äußere Entwickelung. Die Menschen wollen sich das nicht gestehen, aber es ist notwendig, daß das in der Gegenwart eingestanden wird; daß? man an diesen Dingen nicht vorbeigeht, sondern den Mut hat, sie ins Auge zu fassen.

[ 34 ] Let me give you an example that you might also find characteristic. Suppose someone today is thinking about the various worldviews that exist, and classifies them purely on the basis of external criteria: Catholicism, Protestantism, socialism, naturalism, and so on. Consider the lecture series I once gave in Berlin, where I structured the worldviews more according to inner categories, based on the number twelve and the number seven. There you really do arrive at seven worldviews: Gnosticism, Logism, Voluntarism, Empiricism, Mysticism, Transcendentalism, and Occultism. Of course, anyone who merely picks them up—these worldviews—will not label them with these names. And yet the music of the spheres reigns everywhere within them! So imagine today a person who is nothing more than a materialistic observer, who simply surveys the worldviews as they are accessible to him—how many would he find? He would find seven. He may name them differently, depending on how they present themselves outwardly, but they must appear in seven categories. Read the current issue of the Preußische Jahrbücher. There, in the first essay, you will find an observation in which a person sought to catalog the worldviews as they currently exist. He lists them. How many does he identify? Seven: Catholicism, Protestantism, rationalism, humanism, idealism, socialism, and personal individualism. There are indeed seven. The categories are merely shifted, but one cannot identify anything other than seven. — There you have an example of how what we recognize as the meaning of development manifests itself in quite ordinary external development. People do not want to admit this to themselves, but it is necessary to acknowledge it in the present; that is, not to ignore these things, but to have the courage to face them head-on.

[ 35 ] Was geschieht denn eigentlich in der Gegenwart? In alten Zeiten, in der dritten nachatlantischen Kulturperiode, da war vom Osten nach Westen, über die ganze Erdkugel hingehend, ein durchgreifender Impuls, ein solcher Impuls, der allerdings nicht wie die heutigen Impulse bloß aus dem materiellen Leben, sondern aus dem Geistigen herauskam. Es griffen dazumal geistige Impulse auch in das soziale Leben ein. Da entwickelte sich aus dem Osten nach dem Westen herüber ein gewisser Impuls. Man kann ihn so charakterisieren, daß man sagt: Einige Menschen waren dazumal bestrebt, das, was sie der geistigen Welt als Erleuchtung abrangen, was ihnen mehr oder weniger durch ihr Alter oder durch Initiation aus guten oder schlechten Mysterien kam, den anderen Menschen zu überliefern; sie wollten das, was sie hatten, den anderen Menschen aufdrängen. Das war dazumal ein Impuls, der vom Oriente nach dem Westen ging: einige wenige geistige Kräfte im Sinne des Fortschritts der Menschheit ausbreiten, die Erde erfüllen mit einigen wenigen geistigen Maximen, mit Kräften, die aus den verblühenden Mysterien kamen. Danach richtete sich auch dazumal das soziale Leben. Es war im dritten nachatlantischen Zeitraum; geschichtlich ist da wenig verzeichnet. Die Wiederholung aber desjenigen, was damals geschah, die geschieht jetzt. Denken Sie sich dasjenige, was dazumal sich verbreitete als der Drang vom Osten nach dem Westen, ins rein Materielle umgesetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum: Dazumal waren es die atavistisch-spirituellen Kräfte, die eine soziale Struktur bewirkten, indem den Menschen starke geistige Impulse gegeben werden sollten; diese sollten in die Menschheit hineingebracht werden. Denken Sie sich nun das Entgegengesetzte: Es wollen einige Menschen von sich aus das Materielle der Erde erobern, es den anderen Menschen wegnehmen. Damals wollte man das Geistige geben, und das bewirkte eben, daß so und so viele Jahre nach dem Mysterium von Golgatha die Katastrophen hereinbrachen. Dabei ging das Römische Reich unter. Damals brachen die geistigen Katastrophen herein, was darin gipfelte, daß gewisse Völker aus dem Osten mit einzelnen Maximen die Länder der Erde überschwemmen wollten. Das gleiche macht sich jetzt geltend, indem das britisch-amerikanische Volk den Menschen die Erde wegnehmen will. Das steckt hinter der ganzen Sache. Und es ist dasselbe genau umgesetzt: als Spiegelbild erscheint es. Man versteht nicht anders, was in der Gegenwart geschieht, als wenn man hineinschaut in den wirklichen Entwickelungsgang der Menschheit, wenn anstelle desjenigen, was als Geschichte gelehrt wird, die wirkliche Geschichte tritt. Denn es ist notwendig, daß der Zukunft entgegen die Menschen in voller Bewußtheit in das hineingestellt werden, was wirklich geschieht. Das heutige Wirtschaftsleben war schon lange ein Chaos, daraus hat sich diese Katastrophe herausentwickelt. Jetzt haben Sie zwei Dinge, die hineinwirken. Von Westen nach Osten: das Spiegelbild; vom Osten nach Westen: was alt geworden ist. Dort haben Sie noch die Überreste alter Geistesanschauung des ganzen asiatischen Orients, das, was er gemacht hat, um das Geistige auszubreiten, das Geistige hineinzuschieben. Studieren Sie die gegenwärtige Katastrophe, so haben Sie vom Osten hinüber einen Krieg der Seelen, da kämpfen die Seelen um die Geltendmachung der orientalisch-slawischen Begriffe; vom Westen hinüber: ein rein materieller Krieg um Absatzgebiete. Verstehen kann man diese Dinge nur, wenn man sie von dem großen Gesichtspunkte der menschlichen Entwickelung ins Auge fafßft. Das wäre aber notwendig, daß man von diesen Dingen einmal frei sprechen könnte. Darüber sollten die Menschen aufgeklärt werden dürfen, was eigentlich dasjenige ist, in dem sie leben. Das ist von ungeheurer Wichtigkeit. Was aber aufhören muß, das ist, daß die Menschen förmlich verschlafen, was geschieht. Die wichtigsten Dinge können vorgehen die Menschen können sie nicht mehr verstehen. Sie können sie nicht mehr in ihrem Gewicht erfassen, weil man das gegenwärtig nur kann, wenn man sie mit dem Licht des geisteswissenschaftlichen Erkennens zu beleuchten vermag. Sie lassen sich nicht auf andere Weise beleuchten.

[ 35 ] What is actually happening in the present? In ancient times, during the third post-Atlantean cultural epoch, there was a far-reaching impulse moving from east to west across the entire globe—an impulse that, unlike today’s impulses, did not arise merely from material life, but from the spiritual realm. At that time, spiritual impulses also influenced social life. A certain impulse developed, spreading from the East toward the West. One can characterize it by saying: Some people at that time strove to pass on to others what they had wrested from the spiritual world as enlightenment—what had come to them, more or less through their age or through initiation into good or bad mysteries; they wanted to impose upon others what they possessed. At that time, this was an impulse that moved from the East to the West: to spread a few spiritual forces in the interest of human progress, to fill the Earth with a few spiritual maxims, with forces that came from the fading mysteries. Social life at that time was also shaped by this. It was during the third post-Atlantean epoch; historically, little is recorded of it. But what happened back then is now being repeated. Imagine what spread back then as an impulse from the East to the West, translated into the purely material realm in the fifth post-Atlantean epoch: Back then, it was the atavistic-spiritual forces that brought about a social structure by imparting strong spiritual impulses to people; these were to be instilled into humanity. Now consider the opposite: some people want, of their own accord, to conquer the material world and take it away from others. Back then, the intention was to bestow the spiritual, and this precisely led to catastrophes breaking out so many years after the Mystery of Golgotha. In the process, the Roman Empire fell. At that time, spiritual catastrophes broke out, culminating in certain peoples from the East seeking to flood the lands of the Earth with specific maxims. The same is now making itself felt, as the British-American people seek to take the Earth away from humanity. That is what lies behind the whole matter. And it is being carried out exactly the same way: it appears as a mirror image. One cannot understand what is happening in the present unless one looks into the true course of human development, unless real history takes the place of what is taught as history. For it is necessary that, as they face the future, people be placed in full awareness of what is truly happening. Today’s economic life has long been a chaos, and this catastrophe has developed out of it. Now you have two forces at work. From west to east: the reflection; from east to west: what has grown old. There you still find the remnants of the ancient spiritual outlook of the entire Asian Orient—what it did to spread the spiritual, to infuse the spiritual into the world. If you study the current catastrophe, you will see, coming from the East, a war of souls, in which souls are fighting to assert Oriental-Slavic concepts; coming from the West: a purely material war over markets. One can understand these things only by viewing them from the broad perspective of human evolution. But for that to happen, it would be necessary to be able to speak freely about these matters. People should be allowed to be enlightened about what it is, in fact, that they are living in. This is of immense importance. What must come to an end, however, is that people are literally sleeping through what is happening. The most important things can take place—yet people can no longer understand them. They can no longer grasp their significance, because at present this is possible only if one is able to illuminate them with the light of spiritual scientific knowledge. They cannot be illuminated in any other way.

[ 36 ] Aber wie verhalten sich denn heute die gelehrtesten Leute zu dem geisteswissenschaftlichen Erkennen? Ja, da haben wir ein gutes Beispiel. An verschiedenen Orten habe ich immer wieder und wiederum erwähnt, daß es eine interessante Tatsache ist, daß aus der Haeckel-Schule heraus, also von einem Haeckel-Schüler, von Oscar Hertwig, ein Buch geschrieben worden ist, ein ausgezeichnetes Buch: «Das Werden der Organismen, eine Widerlegung von Darwins Zufallstheorie.» Oscar Hertwig hat darin auf die verschiedenen Schattenseiten des Darwinismus hingewiesen. Ich habe dieses Buch viel gelobt. Aber auf dem Boden unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung müssen Sie sich an völlige Autoritätslosigkeit gewöhnen. Denn vor kurzer Zeit erschien ein anderes Buch von demselben Oscar Hertwig: «Zur Abwehr des ethischen, sozialen und politischen Darwinismus.» Jetzt dürfen Sie nicht etwa sagen: Nun, der Steiner hat den Hertwig gelobt, also studieren wir jetzt in diesem Sinne auch sein neuestes Buch —, denn dann werden Sie eine Enttäuschung erleben. Die Enttäuschung, daß ich sagen muß: Während das eine Buch ein ganz ausgezeichnetes Buch ist, ist dieses neueste Buch das Dilettantischste, Unsinnigste, was man überhaupt nur reden kann über die betreffenden Kapitel. Wenn Sie also bloß sagen wollen: Der Steiner hat das gelobt, also können auch wir es wiederum als Evangelium hinnehmen —, dann sind Sie nie sicher, daß ich nicht wiederum genötigt bin, das, was auf demselben Grund und Boden entsteht, mit den entgegengesetzten Prädikaten zu belegen. Autoritätsglaube darf eben in unseren Reihen nicht blühen, sondern nur eigenes Anschauen, eigene Meinung. Aber wovon rührt das denn eigentlich her? Das rührt davon her, daß Hertwig ein ausgezeichneter Naturforscher ist; aber die Begriffe der Naturforschung darf man nicht in das soziale Leben einführen. Tut man das, dann findet man überall nur das Tote, das Absterbende der Geschichte, wie zum Beispiel bei Gibbon, der die ausgezeichnete Geschichte des Verfalls des Römischen Reiches geschrieben hat. Das ist ein Geheimnis — ich habe auch dieses schon dargestellt — des geschichtlichen Werdens, daß, wenn man dieses geschichtliche Werden betrachten will mit den Begriffen, die in der Naturwissenschaft gelten, man niemals das, was wächst und sproßt, sondern nur das finden wird, was in den Leichnam übergeht. Nur Verfallserscheinungen des geschichtlichen Lebens trifft man, wenn man die Begriffe verwenden will, die in der Naturwissenschaft gut anwendbare sind. Die Menschen ahnten das bisweilen. Daher hat Treitschke gesagt, die Triebkräfte in der Geschichte wären die Leidenschaften und die Dummheiten der Menschen. So ist es nicht. Es sind unbewußte Kräfte, die da abwärtssteigen im geschichtlichen Werden. Daher ist das wahr: Wenn man ins öffentliche Leben, also auch ins praktische Leben den Verfall hineinbringen will, dann setzt man in die Parlamente Gelehrte und Theoretiker. Diese Leute werden nur solche Gesetze auskochen, die Verfallserscheinungen geben, weil mit dem, was heute als wissenschaftlich gilt, nur die Verfallserscheinungen in der Geschichte gefunden werden können. Diese Dinge müssen in das Bewußtsein der Menschen hereintreten. Es ist das weit notwendiger, als die meisten Menschen glauben, und muß erfaßt werden, wenn man es ehrlich und aufrichtig meint mit dem, was die Menschheit aus der gegenwärtigen katastrophalen Zeit herausführen soll. Es geht nicht an, weiter die wichtigen Ereignisse zu verschlafen, die unbewußt ins Menschenleben hereintreten, denen die Menschen nicht gewachsen sein werden mit ihrem Bewußtsein, wenn sie sie nicht beleuchten wollen mit der Geisteswissenschaft. Aber da handelt es sich eben darum, daß man das Leben in seiner Wirklichkeit erfaßt, daß man wirklich hineinschaut in die wahre Gestaltung des Lebens.

[ 36 ] But what is the attitude of today’s most learned people toward knowledge derived from the humanities? Well, here is a good example. In various places I have mentioned time and again that it is an interesting fact that a book—an excellent book—was written by a member of the Haeckel school, namely Oscar Hertwig: The Development of Organisms: A Refutation of Darwin’s Theory of Chance. In it, Oscar Hertwig pointed out the various downsides of Darwinism. I have praised this book highly. But within our spiritual science movement, you must get used to a complete absence of authority. For a short time ago, another book by the same Oscar Hertwig was published: “In Defense Against Ethical, Social, and Political Darwinism.” Now, you mustn’t go saying: “Well, Steiner praised Hertwig, so let’s study his latest book in the same spirit”—because then you’ll be in for a disappointment. The disappointment that I must say: While the first book is an absolutely excellent one, this latest book is the most amateurish, nonsensical thing one could possibly say about the chapters in question. So if you simply want to say, “Steiner praised it, so we, too, can accept it as gospel”—then you can never be sure that I won’t in turn be compelled to apply the opposite adjectives to something that arises from the very same soil. Blind faith in authority must not flourish in our ranks; rather, only our own observation and our own opinion. But where does this actually come from? It stems from the fact that Hertwig is an outstanding natural scientist; but the concepts of natural science must not be introduced into social life. If one does so, then one finds everywhere only the dead, the dying aspects of history, as, for example, in Gibbon, who wrote the excellent history of the decline of the Roman Empire. This is a mystery—one I have also described before—of historical development: that if one attempts to view this historical development through the concepts used in the natural sciences, one will never find what grows and sprouts, but only what is turning into a corpse. One encounters only manifestations of decay in historical life when one attempts to apply the concepts that are well-suited to the natural sciences. People have sometimes sensed this. That is why Treitschke said that the driving forces in history were human passions and follies. That is not the case. It is unconscious forces that descend in the course of historical development. That is why the following is true: If one wishes to introduce decay into public life—and thus also into practical life—then one places scholars and theorists in parliaments. These people will devise only those laws that give rise to signs of decay, because with what is considered scientific today, only the signs of decay in history can be identified. These realities must enter into people’s consciousness. This is far more necessary than most people believe, and it must be grasped if one is honest and sincere about what is to lead humanity out of the present catastrophic era. We cannot afford to continue to sleep through the important events that are unconsciously entering human life—events that people will not be able to cope with through their ordinary consciousness unless they are willing to shed light on them through spiritual science. But the point is precisely this: that we grasp life in its reality, that we truly look into the true structure of life.

[ 37 ] Da muß man schon das Zusammenwirken dieser drei Impulse: des normal Menschlichen, des Luziferischen, des Ahrimanischen ins Auge fassen. Denn diese Dinge darf man nicht so behandeln, daß man sagt: Ich will ein normaler Mensch sein, und so meide ich alles Ahrimanische, alles Luziferische! — Wer so richtig brav sein will, alles Ahrimanische, alles Luziferische meiden will, der patscht nach der einen Seite ins Luziferische, nach der anderen Seite ins Ahrimanische erst recht hinein.

[ 37 ] Here one must take into account the interplay of these three impulses: the normal human, the Luciferic, and the Ahrimanic. For one must not approach these things by saying: “I want to be a normal human being, and so I will avoid everything Ahrimanic, everything Luciferic!” — Anyone who wants to be so “good” as to avoid everything Ahrimanic and everything Luciferic will end up falling into the Luciferic on one side and, even more so, into the Ahrimanic on the other.

[ 38 ] Denn nicht darum handelt es sich, daß man die Dinge meidet, sondern daß man Ahrimanisches und Luziferisches ins Gleichgewicht bringt. Der Jugend ist vorzugsweise das Luziferische eigen, dem dahingehenden Alter das Ahrimanische. Der Frau ist mehr das Luziferische eigen, dem Manne das Ahrimanische. Wenn wir in die Zukunft schauen, dann schauen wir vorzugsweise nach dem Ahrimanischen; wenn wir in die Vergangenheit schauen, in das, was noch keimhaft sein soll, dann blicken wir vorzugsweise in Luziferisches. Schauen wir zum britischen Staatenreiche, so schauen wir in ein ahrimanisches Gebiet hinein; bei den orientalischen Staatseinrichtungen schauen wir in luziferisches Gebiet hinein. Es handelt sich darum, daß wir überall finden, wie sich diese Kräfte in das Menschenleben hereinmachen. Man darf nicht blind sein gegenüber diesen Dingen.

[ 38 ] For the point is not to avoid these things, but to bring the Ahrimanic and the Luciferic into balance. The Luciferic is characteristic of youth, while the Ahrimanic is characteristic of advancing age. The Luciferic is more characteristic of women, while the Ahrimanic is more characteristic of men. When we look to the future, we look primarily toward the Ahrimanic; when we look to the past, to what is still in its embryonic stage, we look primarily toward the Luciferic. When we look at the British Empire, we are looking into an Ahrimanic realm; when we look at Eastern political systems, we are looking into a Luciferic realm. The point is that we find everywhere how these forces make their way into human life. We must not be blind to these things.

[ 39 ] Nehmen Sie nur eines: In der ganzen sozialen Struktur des Lebens der Menschheit hat bisher das Luziferische manchmal eine höchst verhängnisvolle Rolle gespielt, weil man es nicht in eine richtige Strömung hineinzuleiten verstand, weil man zu weit ausschlagen ließ die Waagschale des Luzifer. Daher haben luziferische Impulse eine große Rolle gespielt in der Art, wie sich die soziale Struktur gemacht hat. Man hat in der Schule schon die kleinen Kinder daran gewöhnt: «der Erste sein», «der Zweite sein», «der Dritte sein». Denken Sie, was da für ein luziferischer Ehrgeiz gespielt hat, wenn die Leute haben Primus werden wollen! Dann wiederum Titel und Orden und alles das, was damit zusammenhängt! Denken Sie sich, wie die soziale Struktur durch das Luziferische da aufgebaut worden ist! Aber diese Zeit geht zu Ende; das wäre auch wiederum so etwas, was man erkennen sollte! Die Zeit geht zu Ende, das Luziferische schwindet auf seinen Schattengebieten immer mehr und mehr. Auch das wäre etwas Gutes, wenn die Menschen in bezug auf das Hinschwinden des Luziferischen — vorläufig für die nächste Zukunft — ein wenig wachsamer wären. Aber unwachsam sind sie für etwas, was wiederum in anderer Weise schädigend hineinkommt. Das ist: Ein Ahrimanisches tritt an die Stelle des Luziferischen. Das Schlagwort ist gefallen: Freie Bahn dem Tüchtigen! — Ich habe schon gesagt: Was nützt es, wenn man sagt «Freie Bahn dem Tüchtigen», und man dann doch den Neffen als den Tüchtigsten ansieht! Nicht wahr, es kommt darauf an, daß man ins Konkrete hineinsieht, ins Wirkliche hineinsieht. Aber das meine ich jetzt nicht, sondern ich meine: Es kommt ein ganzes ahrimanisches System herauf, mit sehr gefährlichen Nebenwirkungen. Dieses ahrimanische System, das hängt ein wenig mit diesem Schlagwort zusammen, das man auf pädagogischem Gebiet heute Begabtenprüfung nennt. Diese Begabtenprüfung, Sie werden sie überall gelobt finden. Es sind die Leute rein teuflisch besessen, indem sie davon sprechen. Es sollen aus einer Anzahl, aus hundert von begabten Knaben und Mädchen, die besonders gute Zeugnisse haben, die Begabtesten herausgesucht werden, die Besten nach Intellektualität, Konzentrationsvermögen, Gedächtnis und so weiter. Da wird nun geprüft nach den neuesten psychologischen Methoden. Nach der experimentellen Psychologie wird zum Beispiel in sehr eigentümlicher Weise die Intelligenz geprüft. Man legt den Kindern drei Begriffe vor: Mörder, Spiegel, Rettung. Jetzt sollen sie durch ihre Intelligenz die Verbindung finden. Derjenige, der bloß die Verbindung findet: Der Mörder sieht sich im Spiegel wie die anderen Menschen — der ist bloß dumm. Aber derjenige, der etwa das «Nächstliegende» findet: Der Mensch blickt in einen Spiegel, sieht den Mörder, der sich gerade heranschleicht, und kann sich retten — der ist normal. Ein «Begabter» wäre der, der etwa sagt, daß der Mörder an den Spiegel heranschleicht, sein eigenes Gesicht in dem Spiegel sieht, erschrickt und vom Morde abläßt. Besonders schlau wäre der, der etwa sagen würde: In der Nähe desjenigen, dessen Leben zu Ende geführt werden soll durch den Mörder, befindet sich ein Spiegel; in der Dunkelheit stößt der Mörder an den Spiegel an, macht ein Geräusch und läßt dann ab von dem Morde. Das ist also noch schlauer! So prüft man die Begabtheit! Das soll also etwas ganz besonders Großartiges sein, während es doch nichts anderes ist als die Übertragung einer rein ahrimanischen Methode, die für Maschinen gilt, auf den Menschen. Das Furchtbarste wird herauskommen an Mechanisierung des Menschenlebens, wenn man auf diese Weise die Begabtheit herausfinden will. Die Menschen brauchen nur nachzudenken über das, was sie selber noch vor einiger Zeit angenommen haben. Ich könnte Ihnen den Nachweis führen, wie unsinnig die Leute reden, wenn sie solche Prüfungen vornehmen. Man nehme doch eine ganze Reihe von Menschen, die jene Leute selbst auch als bedeutende, sehr bedeutende Menschen ansehen, die jetzt des Geistes Kind sind, der zu der Begabtenprüfung führt; sagen wir zum Beispiel Helmholtz, der Physiker, und andere. Wenn diese alle geprüft worden wären nach der Methode der Begabtenprüfung, da wären wohl viele als unbegabt hingestellt worden, zum Beispiel auch Helmholtz. Diese Dinge müssen alle viel ernster genommen werden, denn von diesen Dingen hängt das Heil der Zukunft ab. Es darf auf diesem Gebiet gar nichts Phrase bleiben. Heute lehren die Ereignisse selbst ungeheuer viel.

[ 39 ] Take just one example: Throughout the entire social structure of human life, the Luciferic principle has at times played a highly disastrous role, because people did not know how to channel it into a proper current, because they allowed the scales of Lucifer to tip too far. That is why Luciferic impulses have played a major role in the way the social structure has developed. Even in school, young children are taught to strive to “be first,” “be second,” “be third.” Just think of the Luciferic ambition at work when people wanted to be top of the class! Then there are titles and medals and everything associated with them! Just imagine how the social structure has been built up by the Luciferic principle! But this era is coming to an end; that, too, is something we should recognize! The era is coming to an end; the Luciferic principle is fading more and more in its shadow realms. That, too, would be a good thing if people were a little more vigilant—at least for the immediate future—regarding the waning of the Luciferic. But they are inattentive to something that is now entering in a different, harmful way. Namely: an Ahrimanic force is taking the place of the Luciferic. The catchphrase has been uttered: “Make way for the capable!” — I have already said: What good is it to say “Make way for the capable” if one then regards one’s nephew as the most capable of all! Isn’t it true that what matters is looking at the concrete, looking at reality? But that is not what I mean now; rather, I mean: An entire Ahrimanic system is emerging, with very dangerous side effects. This Ahrimanic system is somewhat connected to the catchphrase that is called “giftedness testing” in the field of education today. You will find this giftedness testing praised everywhere. The people who talk about it are purely devilishly obsessed. The aim is to select, from a group—say, a hundred—of gifted boys and girls who have particularly good report cards, the most gifted ones—the best in terms of intellectual ability, concentration, memory, and so on. They are then tested using the latest psychological methods. According to experimental psychology, for example, intelligence is tested in a very peculiar way. The children are presented with three concepts: murderer, mirror, rescue. Now they are supposed to use their intelligence to find the connection. The one who merely finds the connection—that the murderer sees himself in the mirror just like other people—is simply stupid. But the one who finds, say, the “most obvious” connection—that the person looks in a mirror, sees the murderer creeping up, and is able to save themselves—is considered normal. A “gifted” child would be one who, for example, says that the murderer creeps up to the mirror, sees his own face in it, is startled, and refrains from the murder. Particularly clever would be the one who might say: Near the person whose life is to be ended by the murderer, there is a mirror; in the darkness, the murderer bumps into the mirror, makes a noise, and then desists from the murder. So that’s even cleverer! That is how one tests talent! So this is supposed to be something particularly magnificent, when in fact it is nothing more than the application of a purely Ahrimanic method—one intended for machines—to human beings. The most terrible consequences will result from the mechanization of human life if one attempts to determine talent in this way. People need only reflect on what they themselves assumed not long ago. I could prove to you just how nonsensical people sound when they conduct such tests. Take, for example, a whole series of people whom those very same people regard as significant—very significant—individuals, who are now products of the spirit that leads to these giftedness tests; let’s say, for instance, Helmholtz, the physicist, and others. If all of them had been tested according to the method of the aptitude test, many would likely have been deemed unqualified—Helmholtz, for example. All these matters must be taken much more seriously, for the future of humanity depends on them. In this area, nothing can remain mere rhetoric. Today, events themselves teach us an immense amount.

[ 40 ] Nehmen Sie das Folgende: Sie können sich im Geiste denken das Zeitalter von 1930 bis 1940. Da könnte es gewisse Menschen geben, die dann so in den Vierzigerjahren, Anfang der Fünfzigerjahre stehen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten diesen Gedanken gehabt im Jahre 1913, Sie hätten sich gedacht: Von denen, die im Jahre 1913 leben, werden 1930 eine gewisse Anzahl noch leben, die in führenden Stellungen sein werden; von ihnen wird die soziale Struktur, überhaupt das äußere physische Leben auf verschiedenen Gebieten der Erde abhängen. Sie können sich ungefähr ausmalen, wie es von 1930 bis 1940 gegangen wäre, wenn die Achtzehn- bis Zwanzigjährigen, die jetzigen jungen Leute, dann vierzigjährig geworden wären. Nehmen Sie nun einen anderen Gedanken und fragen Sie sich: Wie viele von denen, die das, was Sie vorausgesetzt haben für 1930, getan hätten, sind jetzt auf den Schlachtfeldern gefallen, werden nicht mehr physisch teilnehmen können an der Führung der physischen Erdenangelegenheiten? — Andere werden daran teilnehmen! Malen Sie sich diese beiden Bilder nebeneinander aus, das eine Bild: Wenn diese Kriegskatastrophe nicht gekommen wäre, dann wäre das, was aus den Antezedenzien sich gebildet hätte, dementsprechend, wie Sie es sich von der Zukunft damals ausgemalt hätten. Und nun das andere Bild, das Sie sich jetzt malen müssen: Wie vielleicht alle die, welche gerade die wichtigsten Stellen hätten haben können, gefallen sind auf den Schlachtfeldern! Da werden Sie, wenn Sie solch ein Bild sich ausmalen, zu einem sehr fühlbaren Begriff von der Maja kommen, von der großen Täuschung des äußeren physischen Planes. Ist dieser physische Plan 1930 so, wie er hätte werden müssen, wenn alle diejenigen, die 1913 jung gewesen sind, gelebt hätten? Er wäre ganz anders geworden. Solche Dinge durchzudenken, das ist nicht ohne Bedeutung. Aber nur Geisteswissenschaft kann, indem sie solche Dinge durchdenkt, im rechten Sinne die Möglichkeit bieten, auch im Realen wirklichkeitsgemäß zu denken. Geisteswissenschaft bringt Sie zu solchen Begriffen, die loskommen von dem bloß physischen Gehirn. Unsere gegenwärtigen Begriffe sind vorzugsweise an das physische Gehirn gebunden, daher hat das Denken der Gegenwart eine gewisse Eigenschaft. Gerade dadurch, daß die naturwissenschaftlichen Begriffe, die an das Gehirn am engsten gebunden sind, die Gegenwart beherrschen, hat unser Denken in der Gegenwart eine besondere Eigenschaft: die Borniertheit, die Beschränktheit. Denn das ist das beschränkteste Denken, das vorzugsweise an unser Gehirn gebunden ist. Geisteswissenschaft muß losreißen das Denken vom Gehirn, muß die Gedanken in Bewegung bringen. Wir haben heute versucht, eine ganze Reihe von Gedanken vor unsere Seele hinzustellen, die leichtbewegliche Gedanken sind, die den Horizont weiter machen.

[ 40 ] Consider the following: Imagine the period from 1930 to 1940. There might be certain people who would then be in their forties or early fifties. Imagine if you’d had this thought in 1913; you might have thought: Of those living in 1913, a certain number will still be alive in 1930 and will hold leadership positions; the social structure—indeed, the entire external, physical life in various parts of the world—will depend on them. You can roughly imagine how things would have unfolded from 1930 to 1940 if the eighteen- to twenty-year-olds—today’s young people—had turned forty by then. Now consider another thought and ask yourself: How many of those who would have done what you assumed they would have done by 1930 have now fallen on the battlefields and will no longer be able to participate physically in the management of the Earth’s physical affairs? — Others will take their place! Picture these two scenes side by side: the first scene—if this war catastrophe had not occurred, then what would have emerged from the antecedents would have unfolded exactly as you had imagined the future back then. And now the other scene, which you must now picture: how perhaps all those who could have held the most important positions have fallen on the battlefields! When you picture such a scene, you will arrive at a very tangible understanding of Maya, of the great illusion of the outer physical plane. Is this physical plane in 1930 the way it would have been if all those who were young in 1913 had lived? It would have turned out quite differently. Thinking such things through is not without significance. But only spiritual science, by thinking through such matters, can truly offer the possibility of thinking in a way that corresponds to reality, even within the real world. Spiritual science leads you to concepts that are detached from the purely physical brain. Our current concepts are primarily bound to the physical brain; hence, contemporary thinking has a certain characteristic. Precisely because the concepts of the natural sciences—which are most closely bound to the brain—dominate the present, our thinking today has a particular characteristic: narrowness and limitation. For this is the most limited form of thinking, one that is primarily bound to our brain. Spiritual science must tear thinking away from the brain; it must set thoughts in motion. Today we have attempted to present a whole series of thoughts to our souls—thoughts that are agile and that broaden our horizons.

[ 41 ] Aber nicht nur der Gedankenhorizont muß größer werden, sondern auch der Gefühlshorizont. Wie wurden die Menschen dadurch, daf3 ihre Gedanken vorzugsweise an das physische Leben gebunden waren, philiströs! Neben der Beschränktheit ist die Philistrosität die hauptsächlichste Eigenschaft unseres Zeitalters. Kirchturmansichten! Im engsten Kreise sind die Menschen interessiert. Geisteswissenschaft muß die Menschen wieder hinausführen in die Weiten des Alls, muß große Gebiete des Geschehens vor ihnen aufrollen, weil die Gegenwart nur daraus verstanden werden kann. Aus der Philistrosität muß Geisteswissenschaft die Menschen herausbringen. Gegen Borniertheit und Philistrosität muß Geisteswissenschaft kämpfen.

[ 41 ] But it is not only the horizon of thought that must be broadened, but also the horizon of feeling. How philistine people have become because their thoughts were primarily bound to physical life! Alongside narrow-mindedness, philistinism is the most prominent characteristic of our age. A church-tower perspective! People are interested only in their immediate surroundings. Spiritual science must lead people back out into the vastness of the universe; it must unfold vast realms of events before them, because the present can only be understood in this way. Spiritual science must lead people out of philistinism. Spiritual science must fight against narrow-mindedness and philistinism.

[ 42 ] Auch der Wille hat nach und nach gewisse Eigenschaften angenommen. Dadurch, daß eine gewisse soziale Struktur herausgewachsen ist aus der materialistischen Kultur, sind die Menschen ungeschickt geworden. Ungeschicklichkeit ist aufgekommen! Die Menschen werden in ganz bestimmte Fächer hineingeschachtelt und wissen eigentlich gar nichts mehr als ihr Fach, sind mit Bezug auf alles übrige höchst ungeschickt. Man lernt heute Männer kennen, die, weil sie keine Schneider geworden sind, sich keinen Knopf annähen können. Aber Geisteswissenschaft hat die Eigentümlichkeit, daß sie solche Begriffe entwickelt, die lebendig sind, die in die Glieder übergehen, die den Menschen auch geschickter machen. Das Mittel gegen Borniertheit, gegen Philistrosität, gegen Ungeschicklichkeit ist Geisteswissenschaft. Wir brauchen ein Zeitalter, das die Menschen herausführt aus der Beschränktheit, aus der Engherzigkeit, aus der Ungeschicklichkeit, in die weiten Horizonte, in die Weitherzigkeit, in die Geschicklichkeit. Lebensvoll und lebensinnig muß die Geisteswissenschaft genommen werden. Wenn man nur die allereinfachsten Begriffe sich heute aus der Geisteswissenschaft heraus in bezug auf unsere Zeit darlegt, dann wird man schon sehen, daß innigst zusammenhängt mit dem Unglück, mit dem Leid, mit allen Schmerzen unserer Zeit, die wahrhaftig noch nicht an ihrem Gipfelpunkt angelangt sind, wahrhaftig nicht, daß damit zusammenhängt das Sich-Sträuben der Menschheit gegen den Geist. Die Menschen haben sich abgeschnürt von dem göttlich-geistigen Leben, die Menschen müssen den Zusammenhang wiederum finden mit dem göttlich-geistigen Leben.

[ 42 ] The will, too, has gradually taken on certain characteristics. As a certain social structure has emerged from materialistic culture, people have become clumsy. Clumsiness has arisen! People are pigeonholed into very specific fields and actually know nothing beyond their own field; they are extremely clumsy when it comes to everything else. Today one meets men who, because they did not become tailors, cannot sew on a button. But spiritual science has the distinctive quality of developing concepts that are alive, that permeate the limbs, and that also make people more skilled. The remedy for narrow-mindedness, for philistinism, for clumsiness is spiritual science. We need an age that leads people out of narrow-mindedness, out of pettiness, out of clumsiness, and into broad horizons, into generosity of spirit, into dexterity. Spiritual science must be approached with a full sense of life and a deep understanding of its meaning. If one were to present today, in relation to our time, even the simplest concepts drawn from spiritual science, one would already see that deeply connected to the misfortune, the suffering, and all the pain of our time—which truly have not yet reached their peak, truly not—is humanity’s resistance to the spirit. People have cut themselves off from the divine-spiritual life; they must once again find their connection to the divine-spiritual life.

[ 43 ] Das war es, was ich diesmal vor Ihre Seele führen wollte. Bekommen Sie immer mehr und mehr das Gefühl: Deutlich und vernehmlich sprechen die Zeichen der Zeit! Aber nur derjenige wird finden, was sie sprechen, der sie lesen gelernt hat mit den Mitteln der Geisteswissenschaft. Man kann Geisteswissenschaft, und wenn man noch so weit geht, nicht genug als eine energisch und ernst zu nehmende Sache finden, man muß immer weiter und weiter gehen mit dem Durchdringen des Lebens durch dasjenige, was die Geisteswissenschaft gibt. Wenig Mut haben die Menschen in unserer Zeit, das Leben zu durchdenken durch die Kräfte, die aus dem Geiste kommen. Das muß gelernt werden, das fehlt hauptsächlich. Wenn es nicht gelernt wird, wenn es weiter fehlen wird, dann wird lange, lange dasjenige dauern, was als eine Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist. Daher kann man schon sagen, daß? man mit der Geisteswissenschaft den Ausweg suchen soll aus dem Konflikt der Gegenwart. Nehmen Sie es bitte recht ernst und recht tief: dann wird das, was wir miteinander sprechen wollten bei dieser Zusammenkunft, in Ihren Herzen, in Ihren Seelen die rechten Früchte tragen.

[ 43 ] That is what I wanted to bring before your soul this time. Do you increasingly feel that the signs of the times are speaking clearly and audibly? But only those who have learned to read them through the methods of spiritual science will discover what they are saying. No matter how far one goes, one can never regard spiritual science as sufficiently energetic and serious a pursuit; one must go further and further in penetrating life through what spiritual science provides. People in our time have little courage to think through life using the forces that come from the spirit. This must be learned; that is what is mainly lacking. If it is not learned, if it continues to be lacking, then what has befallen humanity as a catastrophe will last a long, long time. Therefore, one can already say that… we should seek a way out of the present conflict through spiritual science. Please take this very seriously and deeply to heart: then what we wanted to discuss together at this gathering will bear the right fruits in your hearts and in your souls.