The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
6 October 1918, Dornach
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Die Polarität von Dauer und Entwicklung im Menschenleben
Zwölfter Vortrag
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Ich habe gestern aus der Wissenschaft heraus, die man nennen muß die Wissenschaft der Initiation, zwei Bemerkungen gemacht, an die ich Sie erinnern will, weil wir daran anknüpfen müssen. Zunächst sagte ich mit Bezug auf das Mysterium von Golgatha: Die tiefsten Wahrheiten, die sich auf dieses Mysterium von Golgatha beziehen, müssen nach der Natur der Sache solche sein, welche nicht durch äußere sinnenfällige, historische Zeugnisse belegt werden können. Wer einen Beweis für die Tatsachen, die sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt haben, auf äußerem historischem Wege sucht, so wie man nach historischen Zeugnissen für andere Tatsachen sucht, der wird solche Zeugnisse nicht finden können, weil das Mysterium von Golgatha sich so in die Menschheit hineinstellen soll, daß der Zugang zu seinen Wahrheiten sich zuletzt auf übersinnlichem Wege vermittelt. Die Menschen sollen sich gewissermaßen gewöhnen, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, das Wichtigste im Erdendasein so zu haben, daß sie sich ihm nicht auf sinnlichem, sondern nur auf übersinnlichem Wege nähern können. Das zweite, was ich gestern gesagt habe, ist dieses, daß der Mensch mit jenem Verständnisse, das ihm nach seiner Entwickelung zugeteilt ist als Erdenwesen, eigentlich bis zu seinem Tode — also wohlgemerkt: selbst bis zu seinem Tode — nicht so weit kommt, daß er aus seinem eigenen, innerhalb der Sinnenwelt sich entwickelnden Verständnisse zu einem Begreifen des Mysteriums von Golgatha kommen könnte. Ich habe gesagt: Erst nach dem Tode, erst post mortem entwickelt sich im Menschen, also im Menschen während seines Aufenthaltes in der übersinnlichen Welt, dasjenige Verständnis beziehungsweise die Kräfte zu demjenigen Verständnis, welches den vollen Aufschluß geben kann über das Mysterium von Golgatha. Deshalb sagte ich gestern etwas, was ganz selbstverständlich von der äußeren Welt als eine Absurdität hingestellt werden wird, als eine paradoxe Sache hingestellt werden wird. Ich sagte, daß eigentlich selbst die Zeitgenossen Christi erst im 2. und 3. Jahrhundert, nachdem das Mysterium von Golgatha abgelaufen war, zum Verständnisse kommen konnten — also erst in ihrem jenseitigen Leben —, und daß dann dasjenige, was geschrieben worden ist in diesen Jahrhunderten über das Mysterium von Golgatha, unter der Inspiration derjenigen Menschen geschrieben worden ist, die Zeitgenossen gewesen waren und aus der geistigen Welt, aus der übersinnlichen Welt heraus inspirierend auf die richtigen Schriftsteller des 2. und 3. Jahrhunderts gewirkt haben.
[ 1 ] Ich habe gestern aus der Wissenschaft heraus, die man nennen muß die Wissenschaft der Initiation, zwei Bemerkungen gemacht, an die ich Sie erinnern will, weil wir daran anknüpfen müssen. Zunächst sagte ich mit Bezug auf das Mysterium von Golgatha: Die tiefsten Wahrheiten, die sich auf dieses Mysterium von Golgatha beziehen, müssen nach der Natur der Sache solche sein, welche nicht durch äußere sinnenfällige, historische Zeugnisse belegt werden können. Wer einen Beweis für die Tatsachen, die sich mit dem Mysterium von Golgatha abgespielt haben, auf äußerem historischem Wege sucht, so wie man nach historischen Zeugnissen für andere Tatsachen sucht, der wird solche Zeugnisse nicht finden können, weil das Mysterium von Golgatha sich so in die Menschheit hineinstellen soll, daß der Zugang zu seinen Wahrheiten sich zuletzt auf übersinnlichem Wege vermittelt. Die Menschen sollen sich gewissermaßen gewöhnen, wenn ich mich trivial ausdrücken darf, das Wichtigste im Erdendasein so zu haben, daß sie sich ihm nicht auf sinnlichem, sondern nur auf übersinnlichem Wege nähern können. Das zweite, was ich gestern gesagt habe, ist dieses, daß der Mensch mit jenem Verständnisse, das ihm nach seiner Entwickelung zugeteilt ist als Erdenwesen, eigentlich bis zu seinem Tode — also wohlgemerkt: selbst bis zu seinem Tode — nicht so weit kommt, daß er aus seinem eigenen, innerhalb der Sinnenwelt sich entwickelnden Verständnisse zu einem Begreifen des Mysteriums von Golgatha kommen könnte. Ich habe gesagt: Erst nach dem Tode, erst post mortem entwickelt sich im Menschen, also im Menschen während seines Aufenthaltes in der übersinnlichen Welt, dasjenige Verständnis beziehungsweise die Kräfte zu demjenigen Verständnis, welches den vollen Aufschluß geben kann über das Mysterium von Golgatha. Deshalb sagte ich gestern etwas, was ganz selbstverständlich von der äußeren Welt als eine Absurdität hingestellt werden wird, als eine paradoxe Sache hingestellt werden wird. Ich sagte, daß eigentlich selbst die Zeitgenossen Christi erst im 2. und 3. Jahrhundert, nachdem das Mysterium von Golgatha abgelaufen war, zum Verständnisse kommen konnten — also erst in ihrem jenseitigen Leben —, und daß dann dasjenige, was geschrieben worden ist in diesen Jahrhunderten über das Mysterium von Golgatha, unter der Inspiration derjenigen Menschen geschrieben worden ist, die Zeitgenossen gewesen waren und aus der geistigen Welt, aus der übersinnlichen Welt heraus inspirierend auf die richtigen Schriftsteller des 2. und 3. Jahrhunderts gewirkt haben.
[ 2 ] Nur in scheinbarem Widerspruch damit steht, daß die Evangelien, die ja Inspirationsbücher sind, wie Sie aus meiner Darstellung im «Christentum als mystische Tatsache» entnehmen können, Inspirationsschriften vom Christentum sind. Die inspirierten Evangelien konnten nur deshalb die Wahrheit über das Christentum äußern, weil sie, wie ich ja auch schon öfter betont habe, nicht aus der ureigenen Wesenheit vom Menschen heraus geschrieben worden sind, sondern noch mit dem letzten Reste der atavistisch-hellseherischen Weisheit über das Mysterium von Golgatha handelten.
[ 2 ] Nur in scheinbarem Widerspruch damit steht, daß die Evangelien, die ja Inspirationsbücher sind, wie Sie aus meiner Darstellung im «Christentum als mystische Tatsache» entnehmen können, Inspirationsschriften vom Christentum sind. Die inspirierten Evangelien konnten nur deshalb die Wahrheit über das Christentum äußern, weil sie, wie ich ja auch schon öfter betont habe, nicht aus der ureigenen Wesenheit vom Menschen heraus geschrieben worden sind, sondern noch mit dem letzten Reste der atavistisch-hellseherischen Weisheit über das Mysterium von Golgatha handelten.
[ 3 ] Das, was ich so über die Beziehung der Menschheit zu dem Mysterium von Golgatha sagte, ist herausgeschöpft aus der Wissenschaft der Initiation selbst. Wenn man so etwas dann aus dieser übersinnlichen Erkenntnis heraus erkundet hat, dann kann man ja wohl fragen: Wie nimmt sich so etwas aus, wenn man damit vergleicht die Tatsachen des äußeren geschichtlichen Lebens? — Daher will ich im Beginne unserer heutigen Betrachtungen, als den besonders charakteristischen Fall — zunächst nur wie eine Frage, deren Antwort sich uns ergeben soll am Ende der heutigen Betrachtungen —, einen typischen Kirchenschriftsteller des 2. Jahrhunderts hervorheben. Ich könnte ebensogut, müßte aber dann die ganze Betrachtung selbstverständlich in anderer Form hier vor Ihnen vorbringen, Clemens von Alexandrien, könnte Origenes, ich könnte irgendeinen anderen Kirchenschriftsteller wählen. Ich wähle einen, der oft genannt wird: Tertullian. Ich möchte an der Persönlichkeit des Tertullianus die Frage aufwerfen: Wie verhielt sich der äußere Verlauf des christlichen Lebens zu diesen übersinnlichen Tatsachen, von denen ich gestern gesprochen habe, deren wesentlichsten Inhalt ich Ihnen heute wiederholt habe?
[ 3 ] Das, was ich so über die Beziehung der Menschheit zu dem Mysterium von Golgatha sagte, ist herausgeschöpft aus der Wissenschaft der Initiation selbst. Wenn man so etwas dann aus dieser übersinnlichen Erkenntnis heraus erkundet hat, dann kann man ja wohl fragen: Wie nimmt sich so etwas aus, wenn man damit vergleicht die Tatsachen des äußeren geschichtlichen Lebens? — Daher will ich im Beginne unserer heutigen Betrachtungen, als den besonders charakteristischen Fall — zunächst nur wie eine Frage, deren Antwort sich uns ergeben soll am Ende der heutigen Betrachtungen —, einen typischen Kirchenschriftsteller des 2. Jahrhunderts hervorheben. Ich könnte ebensogut, müßte aber dann die ganze Betrachtung selbstverständlich in anderer Form hier vor Ihnen vorbringen, Clemens von Alexandrien, könnte Origenes, ich könnte irgendeinen anderen Kirchenschriftsteller wählen. Ich wähle einen, der oft genannt wird: Tertullian. Ich möchte an der Persönlichkeit des Tertullianus die Frage aufwerfen: Wie verhielt sich der äußere Verlauf des christlichen Lebens zu diesen übersinnlichen Tatsachen, von denen ich gestern gesprochen habe, deren wesentlichsten Inhalt ich Ihnen heute wiederholt habe?
[ 4 ] Tertullian ist eine sehr merkwürdige Persönlichkeit. Derjenige, der so die Dinge hört über Tertullianus, die gewöhnlich gesagt werden ja, der kommt zu nicht viel mehr als zu einem Wissen, welches davon beherrscht wird, daß Tertullianus derjenige gewesen sein soll, der den Glauben an die Wesenheit des Christus, an den Opfertod, an die Auferstehung, dadurch gerechtfertigt habe, daß er gesagt haben soll: Credo, quia absurdum est — Ich glaube, gerade weil es absurd ist, weil es der Vernunft nicht einleuchtet. — Die Worte: Credo, quia absurdum est — finden sich im ganzen Tertullianus nicht. Sie finden sich ebenso nicht im ganzen Schrifttum der übrigen Kirchenväter; sie sind rein erfunden, aber sie sind dasjenige, wodurch sich die Meinung der späteren Zeit über Tertullian bis heute oftmals zum Dogma gemacht hat. Wenn man dagegen an Tertullianus selbst herantritt — man braucht wahrhaftig nicht sein Anhänger zu werden —, dann bekommt man, je genauer man die Persönlichkeit des Tertullianus kennenlernt, immer mehr und mehr Respekt vor diesem merkwürdigen Mann. Vor allen Dingen bekommt man Respekt davor, wie Tertullianus die lateinische Sprache, diese lateinische Sprache, die ja ein Ausdruck der abstraktesten menschlichen Denkweise ist, diese lateinische Sprache, die auch schon zu seiner Zeit bei den andern Schriftstellern geworden ist der Ausdruck für das durch und durch prosaische Römertum, mit einem wahren Feuergeist handhabt: er bringt Temperament, er bringt Beweglichkeit, er bringt Empfindung und eine heilige Leidenschaft in die Art seiner Darstellung hinein. Und obzwar er ein typischer Römer ist, der sich so abstrakt ausdrückt wie nur irgendein Römer gegenüber dem, was man oftmals wirklich nennt, obzwar er nach der Anschauung der griechisch gebildeten Leute der damaligen Zeit nicht einmal ein besonders gebildeter Mensch ist, schreibt er mit Eindringlichkeit, mit innerer Kraft, schreibt er so, daß er aus der abstrakten römischen Sprache heraus geradezu der Schöpfer der christlichen Sprechweise geworden ist. Und die Art und Weise, wie er spricht, dieser Tertullianus, die ist wahrhaftig eindringlich genug. In einer Art Schutzschrift für die Christen redet er, man darf sagen, so, daß das geschriebene Wort wirkt, wie wenn man es unmittelbar von einem von heiliger Leidenschaft ergriffenen Menschen gesprochen hörte. Es gibt solche Stellen, wo Tertullian Verteidiger der Christen wird, die, wenn sie angeschuldigt werden, unter einer Prozedur, die dem Foltern sehr ähnlich ist, nicht leugnen, sondern gestehen, daß sie Christen sind und woran sie glauben. Da sagt Tertullian: Überall sonst beschuldigt man diejenigen, die gefoltert werden, daß sie leugnen; bei den Christen macht man es umgekehrt: man erklärt sie für verrucht, wenn sie gestehen, was in ihrer Seele ist. Man will sie durch das Foltern nicht dazu zwingen, daß sie die Wahrheit sagen, was allein einen Sinn hätte; man will sie dazu zwingen, daß sie die Unwahrheit sagen, während sie die Wahrheit sagen. Und wenn sie die Wahrheit gestehen aus ihrer Seele heraus, so betrachtet man sie als Bösewichter.
[ 4 ] Tertullian ist eine sehr merkwürdige Persönlichkeit. Derjenige, der so die Dinge hört über Tertullianus, die gewöhnlich gesagt werden ja, der kommt zu nicht viel mehr als zu einem Wissen, welches davon beherrscht wird, daß Tertullianus derjenige gewesen sein soll, der den Glauben an die Wesenheit des Christus, an den Opfertod, an die Auferstehung, dadurch gerechtfertigt habe, daß er gesagt haben soll: Credo, quia absurdum est — Ich glaube, gerade weil es absurd ist, weil es der Vernunft nicht einleuchtet. — Die Worte: Credo, quia absurdum est — finden sich im ganzen Tertullianus nicht. Sie finden sich ebenso nicht im ganzen Schrifttum der übrigen Kirchenväter; sie sind rein erfunden, aber sie sind dasjenige, wodurch sich die Meinung der späteren Zeit über Tertullian bis heute oftmals zum Dogma gemacht hat. Wenn man dagegen an Tertullianus selbst herantritt — man braucht wahrhaftig nicht sein Anhänger zu werden —, dann bekommt man, je genauer man die Persönlichkeit des Tertullianus kennenlernt, immer mehr und mehr Respekt vor diesem merkwürdigen Mann. Vor allen Dingen bekommt man Respekt davor, wie Tertullianus die lateinische Sprache, diese lateinische Sprache, die ja ein Ausdruck der abstraktesten menschlichen Denkweise ist, diese lateinische Sprache, die auch schon zu seiner Zeit bei den andern Schriftstellern geworden ist der Ausdruck für das durch und durch prosaische Römertum, mit einem wahren Feuergeist handhabt: er bringt Temperament, er bringt Beweglichkeit, er bringt Empfindung und eine heilige Leidenschaft in die Art seiner Darstellung hinein. Und obzwar er ein typischer Römer ist, der sich so abstrakt ausdrückt wie nur irgendein Römer gegenüber dem, was man oftmals wirklich nennt, obzwar er nach der Anschauung der griechisch gebildeten Leute der damaligen Zeit nicht einmal ein besonders gebildeter Mensch ist, schreibt er mit Eindringlichkeit, mit innerer Kraft, schreibt er so, daß er aus der abstrakten römischen Sprache heraus geradezu der Schöpfer der christlichen Sprechweise geworden ist. Und die Art und Weise, wie er spricht, dieser Tertullianus, die ist wahrhaftig eindringlich genug. In einer Art Schutzschrift für die Christen redet er, man darf sagen, so, daß das geschriebene Wort wirkt, wie wenn man es unmittelbar von einem von heiliger Leidenschaft ergriffenen Menschen gesprochen hörte. Es gibt solche Stellen, wo Tertullian Verteidiger der Christen wird, die, wenn sie angeschuldigt werden, unter einer Prozedur, die dem Foltern sehr ähnlich ist, nicht leugnen, sondern gestehen, daß sie Christen sind und woran sie glauben. Da sagt Tertullian: Überall sonst beschuldigt man diejenigen, die gefoltert werden, daß sie leugnen; bei den Christen macht man es umgekehrt: man erklärt sie für verrucht, wenn sie gestehen, was in ihrer Seele ist. Man will sie durch das Foltern nicht dazu zwingen, daß sie die Wahrheit sagen, was allein einen Sinn hätte; man will sie dazu zwingen, daß sie die Unwahrheit sagen, während sie die Wahrheit sagen. Und wenn sie die Wahrheit gestehen aus ihrer Seele heraus, so betrachtet man sie als Bösewichter.
[ 5 ] Kurz, Tertullian war schon ein Mann, welcher einen feinen Sinn hatte für das Absurde im Leben. Und Tertullian war bereits ein Geist, der zusammengewachsen war mit dem, was sich entwickelt hatte als christliches Bewußtsein und christliche Weisheit, ein feiner Beobachter des Lebens. So ist es wirklich etwas Bedeutsames, wenn er solch ein Wort hinwirft: Ihr habt Sprichwörter, ihr sagt im Leben sehr häufig aus unmittelbarstem Empfinden der Seele heraus: Gott befohlen, Gott will es — und so weiter. Das aber ist Christenglaube: die Seele bekennt sich, wenn sie gerade unbewußt sich ausspricht, als eine Christin. — Tertullian ist auch ein Mann mit unabhängigem Geist. Tertullian ist ein Mann, welcher den Römern, zu welchen er selber gehört, sagt: Betrachtet den Christen-Gott und überlegt euch dann, was ihr empfinden könnt über wahre Religiosität. Und ich frage euch, ob dasjenige, was ihr als Römer in die Welt einführt, wahrer Religiosität entspricht, oder ob dasjenige wahrer Religiosität entspricht, was die Christen wollen. Ihr führt Krieg und Mord und Totschlag in die Welt ein; das wollen die Christen gerade nicht. Eure Heiligtümer sind Gotteslästerungen, weil sie Siegeszeichen sind, und Siegeszeichen sind keine Heiligtümer, sondern Zeichen der Heiligtumschändung. — Das sagte Tertullian seinen Römern! Er war ein Mann mit Unabhängigkeitsgefühl, und hinblickend auf das Treiben Roms sagte er: Betet man vielleicht, indem man naturgemäß zum Himmel schaut, oder indem man zum Kapitol schaut? — Dabei war Tertullian keineswegs ein Mann, der aufging im abstrakten Römertum, denn er war tief durchdrungen von der Anwesenheit des Übersinnlich-Wesenhaften in der Welt. Jemanden, der auf der einen Seite so unabhängig und frei und zugleich so aus dem Übersinnlichen heraus spricht wie Tertullian, den soll man suchen, selbst innerhalb der damaligen Zeit, wo das Übersinnliche den Menschen noch näher lag als später! Und Tertullian sagte nicht nur in rationalistischer Weise: Die Christen sagen die Wahrheit, ihr erklärt sie als Bösewichter —, während man doch nur dafür, daß die Menschen das Unwahre sagen unter der Folter, sie als Bösewichter erklären sollte. — Gewiß, das war rationalistisch, wenn auch mutig, aber Tertullian sagte noch andere Dinge; Tertullian sagte zum Beispiel: Wenn ihr nur wirklich hinschaut, ihr Römer, auf eure Götter, welche Dämonen sind, und diese Dämonen wirklich befragt, da werdet ihr die Wahrheit erfahren. Aber ihr wollt nicht von den Dämonen die Wahrheit erfahren. Stellt man einen von einem Dämon Besessenen, aus dem der Dämon redet, einem angeklagten Christen gegenüber und läßt ihn von dem Christen in der richtigen Weise befragen: der Dämon läßt sich als Dämon erkennen; und wenn auch mit Furcht, so wird er auch von dem Gotte, den der Christ anerkennt, sagen: Das ist der Gott, der nun in die Welt gehört! Tertullian ruft nicht nur das Zeugnis der Christen, sondern auch das Zeugnis der Dämonen an, indem er sagt, daß die Dämonen sich auch als Dämonen bekennen werden, wenn man sie nur befragt, angstlos befragt, und daß sie gerade so, wie es auch in den Evangelien beschrieben ist, den Christus Jesus als den wirklichen Christus Jesus anerkennen.
[ 5 ] Kurz, Tertullian war schon ein Mann, welcher einen feinen Sinn hatte für das Absurde im Leben. Und Tertullian war bereits ein Geist, der zusammengewachsen war mit dem, was sich entwickelt hatte als christliches Bewußtsein und christliche Weisheit, ein feiner Beobachter des Lebens. So ist es wirklich etwas Bedeutsames, wenn er solch ein Wort hinwirft: Ihr habt Sprichwörter, ihr sagt im Leben sehr häufig aus unmittelbarstem Empfinden der Seele heraus: Gott befohlen, Gott will es — und so weiter. Das aber ist Christenglaube: die Seele bekennt sich, wenn sie gerade unbewußt sich ausspricht, als eine Christin. — Tertullian ist auch ein Mann mit unabhängigem Geist. Tertullian ist ein Mann, welcher den Römern, zu welchen er selber gehört, sagt: Betrachtet den Christen-Gott und überlegt euch dann, was ihr empfinden könnt über wahre Religiosität. Und ich frage euch, ob dasjenige, was ihr als Römer in die Welt einführt, wahrer Religiosität entspricht, oder ob dasjenige wahrer Religiosität entspricht, was die Christen wollen. Ihr führt Krieg und Mord und Totschlag in die Welt ein; das wollen die Christen gerade nicht. Eure Heiligtümer sind Gotteslästerungen, weil sie Siegeszeichen sind, und Siegeszeichen sind keine Heiligtümer, sondern Zeichen der Heiligtumschändung. — Das sagte Tertullian seinen Römern! Er war ein Mann mit Unabhängigkeitsgefühl, und hinblickend auf das Treiben Roms sagte er: Betet man vielleicht, indem man naturgemäß zum Himmel schaut, oder indem man zum Kapitol schaut? — Dabei war Tertullian keineswegs ein Mann, der aufging im abstrakten Römertum, denn er war tief durchdrungen von der Anwesenheit des Übersinnlich-Wesenhaften in der Welt. Jemanden, der auf der einen Seite so unabhängig und frei und zugleich so aus dem Übersinnlichen heraus spricht wie Tertullian, den soll man suchen, selbst innerhalb der damaligen Zeit, wo das Übersinnliche den Menschen noch näher lag als später! Und Tertullian sagte nicht nur in rationalistischer Weise: Die Christen sagen die Wahrheit, ihr erklärt sie als Bösewichter —, während man doch nur dafür, daß die Menschen das Unwahre sagen unter der Folter, sie als Bösewichter erklären sollte. — Gewiß, das war rationalistisch, wenn auch mutig, aber Tertullian sagte noch andere Dinge; Tertullian sagte zum Beispiel: Wenn ihr nur wirklich hinschaut, ihr Römer, auf eure Götter, welche Dämonen sind, und diese Dämonen wirklich befragt, da werdet ihr die Wahrheit erfahren. Aber ihr wollt nicht von den Dämonen die Wahrheit erfahren. Stellt man einen von einem Dämon Besessenen, aus dem der Dämon redet, einem angeklagten Christen gegenüber und läßt ihn von dem Christen in der richtigen Weise befragen: der Dämon läßt sich als Dämon erkennen; und wenn auch mit Furcht, so wird er auch von dem Gotte, den der Christ anerkennt, sagen: Das ist der Gott, der nun in die Welt gehört! Tertullian ruft nicht nur das Zeugnis der Christen, sondern auch das Zeugnis der Dämonen an, indem er sagt, daß die Dämonen sich auch als Dämonen bekennen werden, wenn man sie nur befragt, angstlos befragt, und daß sie gerade so, wie es auch in den Evangelien beschrieben ist, den Christus Jesus als den wirklichen Christus Jesus anerkennen.
[ 6 ] Es ist jedenfalls eine merkwürdige Persönlichkeit, die da im 2. Jahrhundert als ein Römer den Römern gegenübersteht. Auffallend wird uns diese Persönlichkeit, wenn wir nun sehen, wie sie sich zu dem Mysterium von Golgatha verhält. Die Worte, die Tertullianus über das Mysterium von Golgatha gesprochen hat, sie sind etwa die folgenden: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wir schämen uns nicht, weil es schmählich ist. Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. — Die Worte bei Tertullian heißen: Prorsus credibile est, quia ineptum est. Glaubhaft ist es, völlig glaubhaft ist es, weil es töricht ist. — Also: Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. Und begraben ist er, auferstanden, es ist gewiß, weil es unmöglich ist. — Aus diesem Worte: Prorsus credibile est, quia ineptum est — aus diesem Worte ist das andere Unwahre geprägt worden: Credo, quia absurdum est.
[ 6 ] Es ist jedenfalls eine merkwürdige Persönlichkeit, die da im 2. Jahrhundert als ein Römer den Römern gegenübersteht. Auffallend wird uns diese Persönlichkeit, wenn wir nun sehen, wie sie sich zu dem Mysterium von Golgatha verhält. Die Worte, die Tertullianus über das Mysterium von Golgatha gesprochen hat, sie sind etwa die folgenden: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wir schämen uns nicht, weil es schmählich ist. Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. — Die Worte bei Tertullian heißen: Prorsus credibile est, quia ineptum est. Glaubhaft ist es, völlig glaubhaft ist es, weil es töricht ist. — Also: Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. Und begraben ist er, auferstanden, es ist gewiß, weil es unmöglich ist. — Aus diesem Worte: Prorsus credibile est, quia ineptum est — aus diesem Worte ist das andere Unwahre geprägt worden: Credo, quia absurdum est.
[ 7 ] Verstehen wir recht das Wort, das da Tertullianus ausspricht von dem Mysterium von Golgatha. Tertullianus sagt: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wenn wir Menschen hinschauen auf diese Kreuzigung, so schämen wir uns dessen nicht, weil es schmählich ist. — Was meint er damit? Er meint damit, daß das Beste, was auf der Erde passieren konnte, schmählich sein muß, weil es die Art der Menschen ist, das Schmähliche zu tun, nicht das Vorzügliche zu tun. Würde irgend etwas, meint Tertullian, als eine schönste Tat hingestellt werden, von den Menschen getane schönste Tat, so könnte sie nicht die vorzüglichste für das Erdengeschehen sein. Die vorzüglichste Tat für das Erdengeschehen wird schon diejenige sein, die dem Menschen Schande macht, nicht Ruhm bringt; das meint er damit.
[ 7 ] Verstehen wir recht das Wort, das da Tertullianus ausspricht von dem Mysterium von Golgatha. Tertullianus sagt: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wenn wir Menschen hinschauen auf diese Kreuzigung, so schämen wir uns dessen nicht, weil es schmählich ist. — Was meint er damit? Er meint damit, daß das Beste, was auf der Erde passieren konnte, schmählich sein muß, weil es die Art der Menschen ist, das Schmähliche zu tun, nicht das Vorzügliche zu tun. Würde irgend etwas, meint Tertullian, als eine schönste Tat hingestellt werden, von den Menschen getane schönste Tat, so könnte sie nicht die vorzüglichste für das Erdengeschehen sein. Die vorzüglichste Tat für das Erdengeschehen wird schon diejenige sein, die dem Menschen Schande macht, nicht Ruhm bringt; das meint er damit.
[ 8 ] Weiter: Gestorben ist Gottes Sohn. Es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. — Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil die menschliche Vernunft es töricht findet. Würde die menschliche Vernunft es gescheit finden, so würde es nicht glaubhaft sein, denn dasjenige, was die menschliche Vernunft gescheit findet, kann nicht das Höchste sein, kann nicht das Höchste der Erde sein. Denn die menschliche Vernunft ist nicht so hoch mit ihrer Gescheitheit, daß sie gerade an das Höchste gerät, sondern sie gerät an das Höchste, wenn sie töricht wird.
[ 8 ] Weiter: Gestorben ist Gottes Sohn. Es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist. — Gestorben ist Gottes Sohn; es ist völlig glaubhaft, weil die menschliche Vernunft es töricht findet. Würde die menschliche Vernunft es gescheit finden, so würde es nicht glaubhaft sein, denn dasjenige, was die menschliche Vernunft gescheit findet, kann nicht das Höchste sein, kann nicht das Höchste der Erde sein. Denn die menschliche Vernunft ist nicht so hoch mit ihrer Gescheitheit, daß sie gerade an das Höchste gerät, sondern sie gerät an das Höchste, wenn sie töricht wird.
[ 9 ] Begraben ist er, auferstanden. Es ist gewiß, weil es unmöglich ist. — Innerhalb der Naturerscheinungen ist es unmöglich, daß ein Toter aufersteht; aber das Mysterium von Golgatha hat nach des Tertullianus Meinung mit den Naturerscheinungen nichts zu tun. Würde man irgend etwas als Naturerscheinung bezeichnen müssen, so würde es nicht das Wertvollste der Erde sein. Dasjenige, was das Wertvollste der Erde ist, darf keine Naturerscheinung sein, muß also innerhalb des Reiches der Natur unmöglich sein. Gerade deshalb ist er begraben worden und auferstanden, und es ist deshalb gewiß, weil es unmöglich ist.
[ 9 ] Begraben ist er, auferstanden. Es ist gewiß, weil es unmöglich ist. — Innerhalb der Naturerscheinungen ist es unmöglich, daß ein Toter aufersteht; aber das Mysterium von Golgatha hat nach des Tertullianus Meinung mit den Naturerscheinungen nichts zu tun. Würde man irgend etwas als Naturerscheinung bezeichnen müssen, so würde es nicht das Wertvollste der Erde sein. Dasjenige, was das Wertvollste der Erde ist, darf keine Naturerscheinung sein, muß also innerhalb des Reiches der Natur unmöglich sein. Gerade deshalb ist er begraben worden und auferstanden, und es ist deshalb gewiß, weil es unmöglich ist.
[ 10 ] Zunächst möchte ich diesen Tertullianus insbesondere mit diesen in seinem Buche «De carne Christi» stehenden Worten, die ich eben angeführt habe, wie eine Frage hinstellen. Ich versuchte ihn zu charakterisieren, erstens als einen freien, unabhängigen Geist, zweitens als einen solchen Geist, der in unmittelbarer Umgebung der Menschen auch das Dämonisch-Übersinnliche sieht. Aber ich führte Ihnen zu gleicher Zeit drei seiner Sätze vor, wegen welcher Tertullianus von allen gescheiten Menschen als ein Tropf eigentlich angesehen werden müßte.
[ 10 ] Zunächst möchte ich diesen Tertullianus insbesondere mit diesen in seinem Buche «De carne Christi» stehenden Worten, die ich eben angeführt habe, wie eine Frage hinstellen. Ich versuchte ihn zu charakterisieren, erstens als einen freien, unabhängigen Geist, zweitens als einen solchen Geist, der in unmittelbarer Umgebung der Menschen auch das Dämonisch-Übersinnliche sieht. Aber ich führte Ihnen zu gleicher Zeit drei seiner Sätze vor, wegen welcher Tertullianus von allen gescheiten Menschen als ein Tropf eigentlich angesehen werden müßte.
[ 11 ] Es ist allerdings bei solchen Dingen immer merkwürdig, daß die Menschen einseitig urteilen; wenn sie so einen noch dazu falschen Satz aufbringen, wie Credo, quia absurdum est, dann beurteilen sie danach einen ganzen Menschen. Es ist aber eben nötig, daß man die drei Sätze, die ja allerdings nicht so ohne weiteres einleuchten Tertullianus will auch gar nicht so ohne weiteres einleuchten —, zusammenhält erstens mit der unabhängigen Geistigkeit des Tertullianus, dann zusammenhält mit seinem restlosen Bewußtsein von dem Mitwirken der übersinnlichen Welt innerhalb der menschlichen Umgebung.
[ 11 ] Es ist allerdings bei solchen Dingen immer merkwürdig, daß die Menschen einseitig urteilen; wenn sie so einen noch dazu falschen Satz aufbringen, wie Credo, quia absurdum est, dann beurteilen sie danach einen ganzen Menschen. Es ist aber eben nötig, daß man die drei Sätze, die ja allerdings nicht so ohne weiteres einleuchten Tertullianus will auch gar nicht so ohne weiteres einleuchten —, zusammenhält erstens mit der unabhängigen Geistigkeit des Tertullianus, dann zusammenhält mit seinem restlosen Bewußtsein von dem Mitwirken der übersinnlichen Welt innerhalb der menschlichen Umgebung.
[ 12 ] Und jetzt wollen wir dasjenige vor unsere Seele hinstellen, was geeignet ist, einigermaßen wiederum von einem andern Gesichtspunkte aus Licht zu verbreiten über das Mysterium von Golgatha. Dasjenige, was über das Mysterium von Golgatha Licht zu verbreiten geeignet ist, sind zwei Erscheinungen im Leben der Menschheit, von denen ich schon einige Worte in der vorgestrigen Betrachtung gesprochen habe: die eine Erscheinung ist der Tod, die zweite Erscheinung die Vererbung. Der Tod, der mit dem Ende des Lebens zusammenhängt, die Vererbung, die mit der Geburt zusammenhängt. Hinsichtlich des Todes und der Vererbung ist es wichtig, daß man klar sieht mit Bezug auf das Menschenleben und auf die menschliche Wissenschaft. Aus alledem, was ich Ihnen nun seit Wochen darstelle, können Sie nämlich das Folgende entnehmen: Wenn der Mensch auf seine Umgebung hinblickt mit seinen Sinnen und das Sinnliche mit seinem Verstande sich begreiflich machen will, dann treten unter den Erscheinungen der Sinne ihm auch entgegen die Erscheinungen der Vererbung: daß gewissermaßen die Eigenschaften der Vorfahren in den Nachkommen spuken und der Mensch aus dem Unterbewußten dieser vererbten Kräfte heraus handelt. Dasjenige, was mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, alle diese verschiedenen vererbten Merkmale, wir studieren sie oftmals, wenn wir nicht einmal an diese vererbten Merkmale denken: wenn wir zum Beispiel Völkerkunde treiben, reden wir ja, ohne daß wir darauf aufmerksam sind, immer von vererbten Merkmalen. Man kann nicht ein Volk studieren, ohne daß man eigentlich alles, was man studiert, im Kreise der vererbten Merkmale sieht. Wenn Sie von irgendeinem Volke, von den Russen, von den Engländern, von den Deutschen und so weiter reden, so reden Sie von denjenigen Eigenschaften, die in das Gebiet der Vererbung gehören, die der Sohn immer vom Vater, der Vater vom Großvater und so weiter erwirbt. Das Gebiet der Vererbung, das mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, ist eben ein weites, und wir sprechen, indem wir von dem äußeren Leben, in das der Mensch hineingestellt ist, reden, vielfach von den Tatsachen, von den Kräften der Vererbung, ohne daß wir uns dessen immer bewußt sind. Daß das Mysterium des Todes sich hineinstellt in das Sinnenleben der Menschen, das ist ja jetzt eine immerdar vor Augen tretende Tatsache, so daß man nicht viele Worte darüber zu machen braucht. Aber wenn man nun, ich möchte sagen, rückwärts das menschliche Erkenntnisvermögen betrachtet, so zeigt sich ein anderes. Es zeigt sich nämlich, daß dieses menschliche Erkenntnisvermögen geeignet ist, vieles in der Naturordnung zu begreifen, aber es erklärt sich dieses menschliche Erkenntnisvermögen für souverän und will a/les begreifen, was in diese Naturordnung sich hineinstellt. Nun ist dieses menschliche Erkenntnisvermögen niemals geeignet, die Tatsache der Vererbung, die mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, und die Tatsache des Todes zu begreifen. Und die eigentümliche Erscheinung tritt auf im Menschenleben, daß die ganze menschliche Anschauung durchsetzt ist von falschen Begriffen, weil diese Anschauung Erscheinungen zur Sinneswelt rechnet, die zwar in der Sinneswelt sich kundgeben, die aber ihrem ganzen Wesen nach geistiger Art sind. Wir zählen den Menschentod — mit dem Tod der Tiere und der Pflanzen ist es etwas anderes, ich habe vorgestern darauf aufmerksam gemacht — unter die Erscheinungen, die sich in der Sinneswelt abspielen, weil es so zu sein scheint. Aber dadurch erreichen wir nicht, daß wir etwas erfahren können über den Menschentod. Niemals würde eine Naturwissenschaft etwas sagen können über den Menschentod, sondern wir erreichen nur das, daß wir uns unsere ganze menschliche Anschauung in ein Scheinbild verwandeln, denn wir mischen überall die Tatsachen des Todes hinein. Und wir erfahren über die Natur in ihrer Wahrheit nur dann etwas, wenn wir den Tod auslassen und wenn wir die Vererbungsmerkmale auslassen. Das Eigentümliche der menschlichen Erkenntnis ist, daß sie verdorben wird — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf —, zum Scheinbild gemacht wird, weil sie glaubt, sie könne sich über die ganze Sinneswelt auslassen, also auch über Tod und Geburt; und weil sie in ihre Auffassung der Natur Tod und Geburt hineinmischt, verdirbt sie sich ihre ganze Anschauung über die Sinneswelt. Man gelangt niemals zu einer Anschauung darüber, was der Mensch als Sinneswesen ist, wenn man die Eigenschaften der Vererbung, die ja mit der Geburt zusammenhängen, mit zu der Sinneswelt rechnet. Man verdirbt sich das ganze Bild des Menschen — ich habe drei Strömungen dargestellt, die gerade Linie, die normale Entwickelung, die seitliche luziferische und die seitliche ahrimanische —, die ganze Entwickelung des Menschen, die eben gerade fortläuft, wenn man Geburt und Tod zum Wesen des Menschen, insofern der Mensch der Sinneswelt zugehört, hinzurechnet.
[ 12 ] Und jetzt wollen wir dasjenige vor unsere Seele hinstellen, was geeignet ist, einigermaßen wiederum von einem andern Gesichtspunkte aus Licht zu verbreiten über das Mysterium von Golgatha. Dasjenige, was über das Mysterium von Golgatha Licht zu verbreiten geeignet ist, sind zwei Erscheinungen im Leben der Menschheit, von denen ich schon einige Worte in der vorgestrigen Betrachtung gesprochen habe: die eine Erscheinung ist der Tod, die zweite Erscheinung die Vererbung. Der Tod, der mit dem Ende des Lebens zusammenhängt, die Vererbung, die mit der Geburt zusammenhängt. Hinsichtlich des Todes und der Vererbung ist es wichtig, daß man klar sieht mit Bezug auf das Menschenleben und auf die menschliche Wissenschaft. Aus alledem, was ich Ihnen nun seit Wochen darstelle, können Sie nämlich das Folgende entnehmen: Wenn der Mensch auf seine Umgebung hinblickt mit seinen Sinnen und das Sinnliche mit seinem Verstande sich begreiflich machen will, dann treten unter den Erscheinungen der Sinne ihm auch entgegen die Erscheinungen der Vererbung: daß gewissermaßen die Eigenschaften der Vorfahren in den Nachkommen spuken und der Mensch aus dem Unterbewußten dieser vererbten Kräfte heraus handelt. Dasjenige, was mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, alle diese verschiedenen vererbten Merkmale, wir studieren sie oftmals, wenn wir nicht einmal an diese vererbten Merkmale denken: wenn wir zum Beispiel Völkerkunde treiben, reden wir ja, ohne daß wir darauf aufmerksam sind, immer von vererbten Merkmalen. Man kann nicht ein Volk studieren, ohne daß man eigentlich alles, was man studiert, im Kreise der vererbten Merkmale sieht. Wenn Sie von irgendeinem Volke, von den Russen, von den Engländern, von den Deutschen und so weiter reden, so reden Sie von denjenigen Eigenschaften, die in das Gebiet der Vererbung gehören, die der Sohn immer vom Vater, der Vater vom Großvater und so weiter erwirbt. Das Gebiet der Vererbung, das mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, ist eben ein weites, und wir sprechen, indem wir von dem äußeren Leben, in das der Mensch hineingestellt ist, reden, vielfach von den Tatsachen, von den Kräften der Vererbung, ohne daß wir uns dessen immer bewußt sind. Daß das Mysterium des Todes sich hineinstellt in das Sinnenleben der Menschen, das ist ja jetzt eine immerdar vor Augen tretende Tatsache, so daß man nicht viele Worte darüber zu machen braucht. Aber wenn man nun, ich möchte sagen, rückwärts das menschliche Erkenntnisvermögen betrachtet, so zeigt sich ein anderes. Es zeigt sich nämlich, daß dieses menschliche Erkenntnisvermögen geeignet ist, vieles in der Naturordnung zu begreifen, aber es erklärt sich dieses menschliche Erkenntnisvermögen für souverän und will a/les begreifen, was in diese Naturordnung sich hineinstellt. Nun ist dieses menschliche Erkenntnisvermögen niemals geeignet, die Tatsache der Vererbung, die mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, und die Tatsache des Todes zu begreifen. Und die eigentümliche Erscheinung tritt auf im Menschenleben, daß die ganze menschliche Anschauung durchsetzt ist von falschen Begriffen, weil diese Anschauung Erscheinungen zur Sinneswelt rechnet, die zwar in der Sinneswelt sich kundgeben, die aber ihrem ganzen Wesen nach geistiger Art sind. Wir zählen den Menschentod — mit dem Tod der Tiere und der Pflanzen ist es etwas anderes, ich habe vorgestern darauf aufmerksam gemacht — unter die Erscheinungen, die sich in der Sinneswelt abspielen, weil es so zu sein scheint. Aber dadurch erreichen wir nicht, daß wir etwas erfahren können über den Menschentod. Niemals würde eine Naturwissenschaft etwas sagen können über den Menschentod, sondern wir erreichen nur das, daß wir uns unsere ganze menschliche Anschauung in ein Scheinbild verwandeln, denn wir mischen überall die Tatsachen des Todes hinein. Und wir erfahren über die Natur in ihrer Wahrheit nur dann etwas, wenn wir den Tod auslassen und wenn wir die Vererbungsmerkmale auslassen. Das Eigentümliche der menschlichen Erkenntnis ist, daß sie verdorben wird — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf —, zum Scheinbild gemacht wird, weil sie glaubt, sie könne sich über die ganze Sinneswelt auslassen, also auch über Tod und Geburt; und weil sie in ihre Auffassung der Natur Tod und Geburt hineinmischt, verdirbt sie sich ihre ganze Anschauung über die Sinneswelt. Man gelangt niemals zu einer Anschauung darüber, was der Mensch als Sinneswesen ist, wenn man die Eigenschaften der Vererbung, die ja mit der Geburt zusammenhängen, mit zu der Sinneswelt rechnet. Man verdirbt sich das ganze Bild des Menschen — ich habe drei Strömungen dargestellt, die gerade Linie, die normale Entwickelung, die seitliche luziferische und die seitliche ahrimanische —, die ganze Entwickelung des Menschen, die eben gerade fortläuft, wenn man Geburt und Tod zum Wesen des Menschen, insofern der Mensch der Sinneswelt zugehört, hinzurechnet.
[ 13 ] So sonderbar steht es mit dem menschlichen Erkenntnisvermögen. Dieses menschliche Erkenntnisvermögen wird unter der Anleitung der Natur selber dazu getrieben, Falsches zu denken, weil es, wenn es in Wahrheit denken könnte, sich aus der Natur ein Bild heraussondern müßte, in dem keine Vererbung und kein Tod im Menschenleben drinnen ist. Man müßte abstrahieren von Tod und Vererbung; man müßte auch nichts geben auf Tod und Geburt und müßte, abgesehen von diesen, sich ein Bild machen; dann würde man ein Naturbild bekommen. In der Goetheschen Weltanschauung haben die vererbten Merkmale und der Tod keinen Platz. Sie gehen nicht hinein, sie passen nicht hinein. Das ist das Eigentümliche gerade der Goetheschen Weltanschauung: Sie können nichts mit Tod und Vererbung innerhalb der Goetheschen Weltanschauung machen. Deshalb ist sie gerade so gut, und deshalb kann man sie als ein wahres Naturbild der Wirklichkeit annehmen, weil Tod und Vererbung darin keinen Platz haben.
[ 13 ] So sonderbar steht es mit dem menschlichen Erkenntnisvermögen. Dieses menschliche Erkenntnisvermögen wird unter der Anleitung der Natur selber dazu getrieben, Falsches zu denken, weil es, wenn es in Wahrheit denken könnte, sich aus der Natur ein Bild heraussondern müßte, in dem keine Vererbung und kein Tod im Menschenleben drinnen ist. Man müßte abstrahieren von Tod und Vererbung; man müßte auch nichts geben auf Tod und Geburt und müßte, abgesehen von diesen, sich ein Bild machen; dann würde man ein Naturbild bekommen. In der Goetheschen Weltanschauung haben die vererbten Merkmale und der Tod keinen Platz. Sie gehen nicht hinein, sie passen nicht hinein. Das ist das Eigentümliche gerade der Goetheschen Weltanschauung: Sie können nichts mit Tod und Vererbung innerhalb der Goetheschen Weltanschauung machen. Deshalb ist sie gerade so gut, und deshalb kann man sie als ein wahres Naturbild der Wirklichkeit annehmen, weil Tod und Vererbung darin keinen Platz haben.
[ 14 ] Nun hat man bis in die Zeit des Mysteriums von Golgatha noch aus gewissen geistigen Untergründen heraus naturgemäßer über Tod und Vererbung gedacht. Die semitische Bevölkerung betrachtete die vererbten Merkmale als eine unmittelbare Fortwirkung des Gottes Jahve; man versteht die Jahve-Anschauung nur, wenn man dieses weiß. Sie stellte heraus das, was sich auf die Vererbung bezog — wenigstens da, wo man noch die Jahve-Anschauung gut verstanden hat —, aus der bloßen Natur, und sah darinnen unmittelbar ein Fortwirken Jahves. Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, das war nichts anderes als die fortwirkenden, vererbten Merkmale. Und die griechische Weltanschauung wiederum suchte, wenn ihr das auch in ihrer Dekadenz wenig gelang, etwas in der Menschennatur zu erfassen, was in dem Menschen auch zwischen Geburt und Tod lebt, was aber mit dem Tod nichts zu tun hat, suchte etwas herauszuheben aus der Summe der Erscheinungen, in das der Tod sich nicht hineinmischen kann. Die griechische Weltanschauung hatte einen gewissen Horror vor dem Begreifen des Todes; gerade weil sie auf das Sinnliche hingerichtet war, wollte sie den Tod nicht begreifen, da sie instinktiv spürte: Wenn man den Blick rein auf die Sinneswelt richtet — wie Goethe es wieder getan hat —, dann ist der Tod ein Fremdling. Er paßt nicht hinein in die Sinneswelt, er ist ein Fremdling.
[ 14 ] Nun hat man bis in die Zeit des Mysteriums von Golgatha noch aus gewissen geistigen Untergründen heraus naturgemäßer über Tod und Vererbung gedacht. Die semitische Bevölkerung betrachtete die vererbten Merkmale als eine unmittelbare Fortwirkung des Gottes Jahve; man versteht die Jahve-Anschauung nur, wenn man dieses weiß. Sie stellte heraus das, was sich auf die Vererbung bezog — wenigstens da, wo man noch die Jahve-Anschauung gut verstanden hat —, aus der bloßen Natur, und sah darinnen unmittelbar ein Fortwirken Jahves. Der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, das war nichts anderes als die fortwirkenden, vererbten Merkmale. Und die griechische Weltanschauung wiederum suchte, wenn ihr das auch in ihrer Dekadenz wenig gelang, etwas in der Menschennatur zu erfassen, was in dem Menschen auch zwischen Geburt und Tod lebt, was aber mit dem Tod nichts zu tun hat, suchte etwas herauszuheben aus der Summe der Erscheinungen, in das der Tod sich nicht hineinmischen kann. Die griechische Weltanschauung hatte einen gewissen Horror vor dem Begreifen des Todes; gerade weil sie auf das Sinnliche hingerichtet war, wollte sie den Tod nicht begreifen, da sie instinktiv spürte: Wenn man den Blick rein auf die Sinneswelt richtet — wie Goethe es wieder getan hat —, dann ist der Tod ein Fremdling. Er paßt nicht hinein in die Sinneswelt, er ist ein Fremdling.
[ 15 ] Nun aber entstanden gewisse andere Anschauungen daraus, und dieses Anderswerden gewisser alter Anschauungen, das trat gerade ganz besonders charakteristisch hervor bei den tonangebenden Völkern und Menschen, als sich die Zeit dem Mysterium von Golgatha näherte. Die Menschen — wenn ich mich einmal populär ausdrücken will — verloren immer mehr die Möglichkeit, atavistisch hineinzuschauen in die geistige Welt; dadurch kamen sie immer mehr und mehr zu dem Glauben, daß Geburt und Tod oder Vererbung und Tod auch zu der Sinneswelt gehören. Sie gehen ja in der Sinneswelt herum, und zwar in sehr handgreiflicher Weise, möchte ich sagen, Vererbung und Tod. Die Menschen kamen immer mehr und mehr zu der Anschauung, daß Vererbung und Tod zu der Sinneswelt gehören. Und das nistete sich ein in die ganze menschliche Anschauung. Die ganze menschliche Anschauung wurde schon Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha durchdrungen von dem Glauben, daß Vererbung und Tod mit der Sinneswelt irgend etwas zu tun haben. Dadurch bildete sich etwas sehr, sehr Merkwürdiges aus. Sie werden es nur begreifen, wenn Sie den Geist von dem, was ich in diesen Tagen gesagt habe, in der richtigen Weise auf sich wirken lassen.
[ 15 ] Nun aber entstanden gewisse andere Anschauungen daraus, und dieses Anderswerden gewisser alter Anschauungen, das trat gerade ganz besonders charakteristisch hervor bei den tonangebenden Völkern und Menschen, als sich die Zeit dem Mysterium von Golgatha näherte. Die Menschen — wenn ich mich einmal populär ausdrücken will — verloren immer mehr die Möglichkeit, atavistisch hineinzuschauen in die geistige Welt; dadurch kamen sie immer mehr und mehr zu dem Glauben, daß Geburt und Tod oder Vererbung und Tod auch zu der Sinneswelt gehören. Sie gehen ja in der Sinneswelt herum, und zwar in sehr handgreiflicher Weise, möchte ich sagen, Vererbung und Tod. Die Menschen kamen immer mehr und mehr zu der Anschauung, daß Vererbung und Tod zu der Sinneswelt gehören. Und das nistete sich ein in die ganze menschliche Anschauung. Die ganze menschliche Anschauung wurde schon Jahrhunderte vor dem Mysterium von Golgatha durchdrungen von dem Glauben, daß Vererbung und Tod mit der Sinneswelt irgend etwas zu tun haben. Dadurch bildete sich etwas sehr, sehr Merkwürdiges aus. Sie werden es nur begreifen, wenn Sie den Geist von dem, was ich in diesen Tagen gesagt habe, in der richtigen Weise auf sich wirken lassen.
[ 16 ] Die Tatsache der Vererbung, man sah sie, indem man sie in die Naturerscheinungen hereinrückte. Man glaubte, sie sei eine Naturerscheinung; immer mehr und mehr wurde der Glaube verbreitet, die Vererbung sei eine Naturerscheinung. Jede solche Tatsache, die auftritt im Leben, ruft ihren polarischen Gegensatz hervor; Sie können sich im menschlichen Leben gar nicht einer Tatsache hingeben, ohne daß diese Tatsache ihren Gegensatz hervorruft. Das Leben der Menschen verläuft eben im Gleichgewicht von Gegensätzen. Das ist eine Grundbedingung aller Erkenntnis, daß man anerkennt, daß das Leben in Gegensätzen verläuft, und nur der Gleichgewichtszustand zwischen Gegensätzen angestrebt werden kann. Was war deshalb die Folge dieses Glaubens, daß die Vererbung hereinfällt in die Naturerscheinungen, zu den Naturerscheinungen gehöre? Die Folge davon war eine furchtbare Verunglimpfung des menschlichen Willens. Diese Verunglimpfung des menschlichen Willens, sie besteht darinnen, daß man — weil der Gegensatz sich ausbildete — eine Tatsache der Vorzeit, die wir in der Geheimwissenschaft kennen als den Einfluß der luziferisch-ahrimanischen Geister, in den menschlichen Willen hereinrückte, und eine Tatsache, die man eigentlich auf dem Naturfeld suchte, so wirksam hat in der menschlichen Seele, daß es einen hineintrieb in eine moralische Weltanschauung. Weil man die Vererbung herausstellte in die Naturerscheinungen und sie auf diese Weise verkannte, bildete sich der Gegensatz heraus: Der Glaube, daß durch den menschlichen Willen einstmals das geschehen sei, was dann als Erbsünde durch die Welt geht. Es wurde gerade durch die falsche Einreihung der Vererbung in die Naturerscheinungen das Grundübel erzeugt, die Erbsünde auf das Moralfeld zu schieben.
[ 16 ] Die Tatsache der Vererbung, man sah sie, indem man sie in die Naturerscheinungen hereinrückte. Man glaubte, sie sei eine Naturerscheinung; immer mehr und mehr wurde der Glaube verbreitet, die Vererbung sei eine Naturerscheinung. Jede solche Tatsache, die auftritt im Leben, ruft ihren polarischen Gegensatz hervor; Sie können sich im menschlichen Leben gar nicht einer Tatsache hingeben, ohne daß diese Tatsache ihren Gegensatz hervorruft. Das Leben der Menschen verläuft eben im Gleichgewicht von Gegensätzen. Das ist eine Grundbedingung aller Erkenntnis, daß man anerkennt, daß das Leben in Gegensätzen verläuft, und nur der Gleichgewichtszustand zwischen Gegensätzen angestrebt werden kann. Was war deshalb die Folge dieses Glaubens, daß die Vererbung hereinfällt in die Naturerscheinungen, zu den Naturerscheinungen gehöre? Die Folge davon war eine furchtbare Verunglimpfung des menschlichen Willens. Diese Verunglimpfung des menschlichen Willens, sie besteht darinnen, daß man — weil der Gegensatz sich ausbildete — eine Tatsache der Vorzeit, die wir in der Geheimwissenschaft kennen als den Einfluß der luziferisch-ahrimanischen Geister, in den menschlichen Willen hereinrückte, und eine Tatsache, die man eigentlich auf dem Naturfeld suchte, so wirksam hat in der menschlichen Seele, daß es einen hineintrieb in eine moralische Weltanschauung. Weil man die Vererbung herausstellte in die Naturerscheinungen und sie auf diese Weise verkannte, bildete sich der Gegensatz heraus: Der Glaube, daß durch den menschlichen Willen einstmals das geschehen sei, was dann als Erbsünde durch die Welt geht. Es wurde gerade durch die falsche Einreihung der Vererbung in die Naturerscheinungen das Grundübel erzeugt, die Erbsünde auf das Moralfeld zu schieben.
[ 17 ] Damit war auch das Denken der Menschen verdorben; denn es kam dieses Denken nicht dazu, den richtigen Glauben anzunehmen, daß so, wie sich gewöhnlich die Menschen die Erbsünde vorstellen, die ganze Vorstellung eine Gotteslästerung ist, eine furchtbare Gotteslästerung. Ein Gott, der so, wie es sich die meisten Menschen vorstellen, man möchte sagen, rein aus Ambition heraus zuläßt, daß im Paradiese das geschieht, was gewöhnlich vom Paradiese erzählt wird, der das nicht aus solchen Intentionen heraus tut, wie es in der «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt wird, sondern so, wie das gewöhnlich dargestellt wird, der wäre wahrhaftig kein hoher Gott. Und dem Gotte diese Ambition beizulegen, ist eine Gotteslästerung. Nur dann, wenn man dazu kommt, die vererbten Merkmale, dasjenige, was sich von dem Vorfahren auf den Nachkommen vollzieht, nicht ins moralische Licht zu stellen, sondern selbst als sinnenfällige Tatsache schon im übersinnlichen Lichte zu sehen, nur wenn man hinschaut auf Übersinnliches und nicht erst eine moralische Deutung unternimmt, wenn man im übersinnlichen Lichte das schaut, was man nicht mit rabbinischer Theologie in eine moralische Weltinterpretation umsetzen soll, nur dann kommt man auf das, um was es sich auf diesem Gebiete handelt. Die rabbinische Theologie wird immer durch den Verstand uminterpretieren dasjenige, was sich als Vererbungskräfte in der Sinneswelt ausbreitet, und wofür man sich schulen sollte durch Geistanschauung, damit man schon in den vererbten Merkmalen in der Sinneswelt den Geist entdeckt. Das ist das, worauf es ankommt. Und den Hauptwert lege ich darauf, daß Sie einsehen: Ohne dieses Mysterium von Golgatha wäre die Menschheit in der Zeit des Mysteriums von Golgatha dazu gekommen, den Geist zu verleugnen, weil sie abgekommen wäre davon, für die Vererbungsmerkmale, die innerhalb der Sinneswelt sind, den Geist anzuerkennen, weil die Menschen dazu gekommen sind, immer mehr und mehr rabbinistische sowohl wie sozialistische Interpretationen an die Stelle der Geistanschauung zu setzen. Darauf beruht ungeheur viel, daß man sich genötigt sieht zu sagen: Du begreifst nichts in der Sinneswelt, wenn du dich nicht ausstattest für dasjenige, was in der Sinneswelt schon ein übersinnlicher Fremdling ist, weil es geistige Zusammenhänge hat. Auf die Vererbungszusammenhänge muß man mit der geistigen, mit der übersinnlichen Anschauung hinweisen. Der Verstand aber, der umgesetzt hat das Sinnliche, das schon ein Übersinnliches, ein Geistiges ist, in ein verstandesmäßig aufgefaßtes Moralisches, dieser Geist, der ist derjenige, dem der Geist Christi, der Geist des Mysteriums von Golgatha entgegensteht. Das mit Bezug auf die Vererbung und mit Bezug auf den Tod.
[ 17 ] Damit war auch das Denken der Menschen verdorben; denn es kam dieses Denken nicht dazu, den richtigen Glauben anzunehmen, daß so, wie sich gewöhnlich die Menschen die Erbsünde vorstellen, die ganze Vorstellung eine Gotteslästerung ist, eine furchtbare Gotteslästerung. Ein Gott, der so, wie es sich die meisten Menschen vorstellen, man möchte sagen, rein aus Ambition heraus zuläßt, daß im Paradiese das geschieht, was gewöhnlich vom Paradiese erzählt wird, der das nicht aus solchen Intentionen heraus tut, wie es in der «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt wird, sondern so, wie das gewöhnlich dargestellt wird, der wäre wahrhaftig kein hoher Gott. Und dem Gotte diese Ambition beizulegen, ist eine Gotteslästerung. Nur dann, wenn man dazu kommt, die vererbten Merkmale, dasjenige, was sich von dem Vorfahren auf den Nachkommen vollzieht, nicht ins moralische Licht zu stellen, sondern selbst als sinnenfällige Tatsache schon im übersinnlichen Lichte zu sehen, nur wenn man hinschaut auf Übersinnliches und nicht erst eine moralische Deutung unternimmt, wenn man im übersinnlichen Lichte das schaut, was man nicht mit rabbinischer Theologie in eine moralische Weltinterpretation umsetzen soll, nur dann kommt man auf das, um was es sich auf diesem Gebiete handelt. Die rabbinische Theologie wird immer durch den Verstand uminterpretieren dasjenige, was sich als Vererbungskräfte in der Sinneswelt ausbreitet, und wofür man sich schulen sollte durch Geistanschauung, damit man schon in den vererbten Merkmalen in der Sinneswelt den Geist entdeckt. Das ist das, worauf es ankommt. Und den Hauptwert lege ich darauf, daß Sie einsehen: Ohne dieses Mysterium von Golgatha wäre die Menschheit in der Zeit des Mysteriums von Golgatha dazu gekommen, den Geist zu verleugnen, weil sie abgekommen wäre davon, für die Vererbungsmerkmale, die innerhalb der Sinneswelt sind, den Geist anzuerkennen, weil die Menschen dazu gekommen sind, immer mehr und mehr rabbinistische sowohl wie sozialistische Interpretationen an die Stelle der Geistanschauung zu setzen. Darauf beruht ungeheur viel, daß man sich genötigt sieht zu sagen: Du begreifst nichts in der Sinneswelt, wenn du dich nicht ausstattest für dasjenige, was in der Sinneswelt schon ein übersinnlicher Fremdling ist, weil es geistige Zusammenhänge hat. Auf die Vererbungszusammenhänge muß man mit der geistigen, mit der übersinnlichen Anschauung hinweisen. Der Verstand aber, der umgesetzt hat das Sinnliche, das schon ein Übersinnliches, ein Geistiges ist, in ein verstandesmäßig aufgefaßtes Moralisches, dieser Geist, der ist derjenige, dem der Geist Christi, der Geist des Mysteriums von Golgatha entgegensteht. Das mit Bezug auf die Vererbung und mit Bezug auf den Tod.
[ 18 ] Gewiß, gerade die Kirchenväter konnten konstatieren, daß auch unter den Heiden die Menschen zahlreich waren, die von der Unsterblichkeit überzeugt waren. Aber um was handelt es sich denn dabei? Nun, in alten Zeiten hatte es sich dabei darum gehandelt, daß man erkannt hat: Der Tod ist in der Sinneswelt schon eine übersinnliche Erscheinung. Man hatte sich schon zur Zeit des Mysteriums von Golgatha die Weltanschauung dadurch verdorben, daß man den Tod als eine sinnliche Erscheinung genommen hat und dadurch die Todeskräfte auch ausbreitete über die übrige Sinneswelt. Der Tod muß als ein Fremdling innerhalb der Sinneswelt angesehen werden. Dann nur kann reine Wissenschaft von der Naturordnung entstehen.
[ 18 ] Gewiß, gerade die Kirchenväter konnten konstatieren, daß auch unter den Heiden die Menschen zahlreich waren, die von der Unsterblichkeit überzeugt waren. Aber um was handelt es sich denn dabei? Nun, in alten Zeiten hatte es sich dabei darum gehandelt, daß man erkannt hat: Der Tod ist in der Sinneswelt schon eine übersinnliche Erscheinung. Man hatte sich schon zur Zeit des Mysteriums von Golgatha die Weltanschauung dadurch verdorben, daß man den Tod als eine sinnliche Erscheinung genommen hat und dadurch die Todeskräfte auch ausbreitete über die übrige Sinneswelt. Der Tod muß als ein Fremdling innerhalb der Sinneswelt angesehen werden. Dann nur kann reine Wissenschaft von der Naturordnung entstehen.
[ 19 ] Dazu ist gekommen dasjenige, was manche Philosophen des ausgehenden Altertums über die Unsterblichkeit ersonnen haben. Sie haben sich gewendet an das Unsterbliche im Menschen. Daran haben sie sich mit Recht gewendet, denn sie haben sich gesagt: Der Tod ist da in der Sinneswelt. — Das haben sie aber aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus gesagt; denn aus einer nichtkorrumpierten Weltanschauung heraus hätten sie sagen müssen: Der Tod ist nicht da in der Sinneswelt, er tritt nur scheinbar in die Sinneswelt herein. — Und sie stellten allmählich die Sinneswelt so vor, daß der Tod darin Platz hat. Damit verdirbt man sich aber alle andern Dinge. Selbstverständlich verdirbt man sich alle andern Dinge, wenn man sie sich so vorstellt, daß der Tod einen Platz darin hat. Wenn sie sich aber aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus das sagten, dann mußten sie sich noch etwas anderes sagen, dann mußten sie sich sagen: Wir müssen uns an irgend etwas wenden, das dem Tod widerspricht, an ein Übersinnliches, das dem Tod widerspricht. — Ja, dadurch, daß die Menschen im ausgehenden Altertum aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus sich an das unpersönlich Geistige gewendet haben, war diese unsterbliche geistige Welt — wenn sie das auch anders genannt haben — die luziferische Welt. Wie der Mensch die Dinge benennt, darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, was wirklich in seinen Vorstellungen kraftet: und so war es die luziferische Welt. Und wie auch die Worte anders lauteten, die Philosophen des ausgehenden Heidentums hatten eigentlich in allen ihren Interpretationen nichts anderes gesagt, als: Wir wollen als Seelen, indem wir dem Tod entgehen, zu Luzifer uns flüchten, der uns aufnimmt, so daß wir die Unsterblichkeit haben. Wir sterben ins Reich des Luzifer hinein. — Das war der wahre Sinn.
[ 19 ] Dazu ist gekommen dasjenige, was manche Philosophen des ausgehenden Altertums über die Unsterblichkeit ersonnen haben. Sie haben sich gewendet an das Unsterbliche im Menschen. Daran haben sie sich mit Recht gewendet, denn sie haben sich gesagt: Der Tod ist da in der Sinneswelt. — Das haben sie aber aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus gesagt; denn aus einer nichtkorrumpierten Weltanschauung heraus hätten sie sagen müssen: Der Tod ist nicht da in der Sinneswelt, er tritt nur scheinbar in die Sinneswelt herein. — Und sie stellten allmählich die Sinneswelt so vor, daß der Tod darin Platz hat. Damit verdirbt man sich aber alle andern Dinge. Selbstverständlich verdirbt man sich alle andern Dinge, wenn man sie sich so vorstellt, daß der Tod einen Platz darin hat. Wenn sie sich aber aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus das sagten, dann mußten sie sich noch etwas anderes sagen, dann mußten sie sich sagen: Wir müssen uns an irgend etwas wenden, das dem Tod widerspricht, an ein Übersinnliches, das dem Tod widerspricht. — Ja, dadurch, daß die Menschen im ausgehenden Altertum aus einer korrumpierten Weltanschauung heraus sich an das unpersönlich Geistige gewendet haben, war diese unsterbliche geistige Welt — wenn sie das auch anders genannt haben — die luziferische Welt. Wie der Mensch die Dinge benennt, darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, was wirklich in seinen Vorstellungen kraftet: und so war es die luziferische Welt. Und wie auch die Worte anders lauteten, die Philosophen des ausgehenden Heidentums hatten eigentlich in allen ihren Interpretationen nichts anderes gesagt, als: Wir wollen als Seelen, indem wir dem Tod entgehen, zu Luzifer uns flüchten, der uns aufnimmt, so daß wir die Unsterblichkeit haben. Wir sterben ins Reich des Luzifer hinein. — Das war der wahre Sinn.
[ 20 ] Die Nachzügler der Kräfte, welche in der menschlichen Erkenntnis aus all diesen Voraussetzungen heraus, die ich Ihnen heute gesagt habe, walten, die sieht man noch heute walten. Denn was müssen Sie sich denn eigentlich sagen, wenn Sie die Worte, die ich heute aus der Initiationsweisheit heraus wiederum zu Ihnen gesprochen habe, ernst nehmen? Sie müssen sagen: Es gibt des Menschen Ursprung und es gibt sein Ende. Beide dürfen nicht mit dem, was der Mensch als Verstand hat, der für die Natur taugt, ergriffen werden. Man kommt zu einer falschen Anschauung sowohl über das Übersinnliche wie auch über das Sinnliche, wenn man Geburt und Tod in das Sinnliche hineinmischt, wohinein sie nicht gehören, weil sie Fremdlinge sind. Man verdirbt sich beides: Man verdirbt sich die Geistauffassung und verdirbt sich die Naturauffassung. Was ist die Folge? Nun, eine der Folgen zum Beispiel ist diese: Es gibt eine Anthropologie, die den Ursprung des Menschen auf sehr niedrige Wesen zurückführt und ganz naturwissenschaftlich handelt, sehr gescheit dabei handelt. Gehen Sie durch alle diese Anthropologien, die den Menschenursprung zurückführen auf niedrige Wesen, die sie sich so vorstellen, als ob dasjenige, was heute unter den wilden Völkern noch heimisch ist, am Ausgange des Menschengeschlechts gewesen wäre! — Man urteilt naturwissenschaftlich ganz richtig, wenn man solch eine Vorstellung hat. Aber die Schlußfolgerung, die man daraus ziehen sollte, ist nämlich die folgende: Gerade weil das naturwissenschaftlich so richtig ist — vor der Naturwissenschaft richtig ist, die da glaubt, daß Geburt und Tod in die Sinneswelt gehören —, deshalb ist es falsch, deshalb war es anders am wirklichen Ursprung des Menschen. Und als Kant und Laplace ihre Theorie ausgedacht haben, haben sie aus der Narturwissenschaft heraus ihre Kant-Laplacesche Theorie gebildet. Man kann scheinbar nichts dagegen einwenden, aber gerade deshalb war es anders, weil die KantLaplacesche Theorie vom Standpunkt der heutigen Naturwissenschaft richtig ist. Sie kommen zu dem Richtigen, wenn Sie sowohl für den Menschenursprung und das Menschenziel, wie für den Erdenursprung und das Erdenziel als richtig anerkennen das Gegenteil von dem, was naturwissenschaftlich in dem heutigen Sinne richtig ist. Anthroposophie wird um so mehr das Richtige sagen über den Erdenursprung, je mehr sie im Widerspruche steht mit dem, was [darüber] aus einer im heutigen Sinne richtigen Naturwissenschaft gesagt werden kann. Daher steht Anthroposophie auch [wiederum] nicht im Widerspruch mit der heutigen Naturwissenschaft! Sie läßt die Naturwissenschaft gelten, aber sie erweitert sie nicht über ihre Grenzen hinaus, sondern sie zeigt gerade diejenigen Punkte auf, wo übersinnliche Anschauung eingreifen muß. Anthropologie wird, je logischer sie ist, je richtiger sie ist in bezug auf die heutige, dem Menschen notwendige und eingeborene Naturordnung, um so mehr das nicht sagen, was nicht war am Ausgangspunkte des Menschendaseins und der Erde! Und um so weniger wird die Naturwissenschaft das treffen, was den Tod betrifft, je mehr sie aus ihren Vorstellungen heraus über den Tod phantasiert.
[ 20 ] Die Nachzügler der Kräfte, welche in der menschlichen Erkenntnis aus all diesen Voraussetzungen heraus, die ich Ihnen heute gesagt habe, walten, die sieht man noch heute walten. Denn was müssen Sie sich denn eigentlich sagen, wenn Sie die Worte, die ich heute aus der Initiationsweisheit heraus wiederum zu Ihnen gesprochen habe, ernst nehmen? Sie müssen sagen: Es gibt des Menschen Ursprung und es gibt sein Ende. Beide dürfen nicht mit dem, was der Mensch als Verstand hat, der für die Natur taugt, ergriffen werden. Man kommt zu einer falschen Anschauung sowohl über das Übersinnliche wie auch über das Sinnliche, wenn man Geburt und Tod in das Sinnliche hineinmischt, wohinein sie nicht gehören, weil sie Fremdlinge sind. Man verdirbt sich beides: Man verdirbt sich die Geistauffassung und verdirbt sich die Naturauffassung. Was ist die Folge? Nun, eine der Folgen zum Beispiel ist diese: Es gibt eine Anthropologie, die den Ursprung des Menschen auf sehr niedrige Wesen zurückführt und ganz naturwissenschaftlich handelt, sehr gescheit dabei handelt. Gehen Sie durch alle diese Anthropologien, die den Menschenursprung zurückführen auf niedrige Wesen, die sie sich so vorstellen, als ob dasjenige, was heute unter den wilden Völkern noch heimisch ist, am Ausgange des Menschengeschlechts gewesen wäre! — Man urteilt naturwissenschaftlich ganz richtig, wenn man solch eine Vorstellung hat. Aber die Schlußfolgerung, die man daraus ziehen sollte, ist nämlich die folgende: Gerade weil das naturwissenschaftlich so richtig ist — vor der Naturwissenschaft richtig ist, die da glaubt, daß Geburt und Tod in die Sinneswelt gehören —, deshalb ist es falsch, deshalb war es anders am wirklichen Ursprung des Menschen. Und als Kant und Laplace ihre Theorie ausgedacht haben, haben sie aus der Narturwissenschaft heraus ihre Kant-Laplacesche Theorie gebildet. Man kann scheinbar nichts dagegen einwenden, aber gerade deshalb war es anders, weil die KantLaplacesche Theorie vom Standpunkt der heutigen Naturwissenschaft richtig ist. Sie kommen zu dem Richtigen, wenn Sie sowohl für den Menschenursprung und das Menschenziel, wie für den Erdenursprung und das Erdenziel als richtig anerkennen das Gegenteil von dem, was naturwissenschaftlich in dem heutigen Sinne richtig ist. Anthroposophie wird um so mehr das Richtige sagen über den Erdenursprung, je mehr sie im Widerspruche steht mit dem, was [darüber] aus einer im heutigen Sinne richtigen Naturwissenschaft gesagt werden kann. Daher steht Anthroposophie auch [wiederum] nicht im Widerspruch mit der heutigen Naturwissenschaft! Sie läßt die Naturwissenschaft gelten, aber sie erweitert sie nicht über ihre Grenzen hinaus, sondern sie zeigt gerade diejenigen Punkte auf, wo übersinnliche Anschauung eingreifen muß. Anthropologie wird, je logischer sie ist, je richtiger sie ist in bezug auf die heutige, dem Menschen notwendige und eingeborene Naturordnung, um so mehr das nicht sagen, was nicht war am Ausgangspunkte des Menschendaseins und der Erde! Und um so weniger wird die Naturwissenschaft das treffen, was den Tod betrifft, je mehr sie aus ihren Vorstellungen heraus über den Tod phantasiert.
[ 21 ] Aber dies wäre zunächst ohne das Mysterium von Golgatha menschliches Erdenschicksal geworden: daß gerade über die wichtigsten Dinge aus einer korrumpierten Weltanschauung hätte gedacht werden müssen; denn das hing durchaus nicht etwa von dem menschlichen Willen ab, durchaus nicht etwa von einer menschlichen Schuld ab, sondern das hing lediglich an der menschlichen Entwickelung. Der Mensch kam einfach im Laufe seiner Entwickelung dahin, diesen Fleisch- und Blut- und Knochenzusammenhang, in dem er drinnensteckt, für sich selbst zu halten. Ein alter Ägypter würde ja zunächst in der älteren, besseren ägyptischen Zeit furchtbar komisch berührt gewesen sein, wenn jemand behauptet hätte, das, was da herumwandelt auf zwei Beinen, [was] aus Blut und Fleisch und Knochen besteht, das sei ein Mensch. Aber diese Dinge hängen nicht ab von theoretischen Erwägungen, diese Dinge kann man nicht ausspintisieren oder entspintisieren; sondern es wurde nach und nach für den Menschen eine selbstverständliche Eigenschaft, das Gebilde aus Fleisch und Blut und Knochen, das in Wahrheit ein Abbild ist aller Hierarchien, für sich selbst anzusehen. Es wurde so sehr Irrtum über diese Sache verbreitet, daß kurioserweise bei einzelnen, die auf den Irrtum daraufkamen, ein Hineintapsen in einen noch größeren Irrtum stattfand.
[ 21 ] Aber dies wäre zunächst ohne das Mysterium von Golgatha menschliches Erdenschicksal geworden: daß gerade über die wichtigsten Dinge aus einer korrumpierten Weltanschauung hätte gedacht werden müssen; denn das hing durchaus nicht etwa von dem menschlichen Willen ab, durchaus nicht etwa von einer menschlichen Schuld ab, sondern das hing lediglich an der menschlichen Entwickelung. Der Mensch kam einfach im Laufe seiner Entwickelung dahin, diesen Fleisch- und Blut- und Knochenzusammenhang, in dem er drinnensteckt, für sich selbst zu halten. Ein alter Ägypter würde ja zunächst in der älteren, besseren ägyptischen Zeit furchtbar komisch berührt gewesen sein, wenn jemand behauptet hätte, das, was da herumwandelt auf zwei Beinen, [was] aus Blut und Fleisch und Knochen besteht, das sei ein Mensch. Aber diese Dinge hängen nicht ab von theoretischen Erwägungen, diese Dinge kann man nicht ausspintisieren oder entspintisieren; sondern es wurde nach und nach für den Menschen eine selbstverständliche Eigenschaft, das Gebilde aus Fleisch und Blut und Knochen, das in Wahrheit ein Abbild ist aller Hierarchien, für sich selbst anzusehen. Es wurde so sehr Irrtum über diese Sache verbreitet, daß kurioserweise bei einzelnen, die auf den Irrtum daraufkamen, ein Hineintapsen in einen noch größeren Irrtum stattfand.


[ 22 ] Gewiß, einige kamen schon darauf — aber sie kamen auf eine ahrimanisch-luziferische Art darauf —, daß der Mensch nicht das ist, was da aus Fleisch und Blut und Knochen besteht. Sie sagten: Wenn wir etwas Besseres sind als diese Zusammenfügung aus Fleisch und Blut und Knochen, dann wollen wir vor allen Dingen das Fleischliche verachten, dann wollen wir den Menschen als etwas Höheres ansehen, dann wollen wir den sinnlichen Menschen von uns abtun! — Nun ist aber gerade dieses Bild aus Fleisch und Blut und Knochen mit dem Ätherleib und Astralleib zusammen, so wie es der Mensch sieht, ein Scheingebilde. In Wirklichkeit ist es das reinste Ebenbild der Gottheit. Nicht weil wir den Teufel sehen sollen in der Welt, ist es — wie ich auseinandergesetzt habe — ein Irrtum, sondern weil wir den Gott sehen sollen in unserer eigenen Welt in uns, deshalb ist es ein Irrtum, sich zu identifizieren mit der sinnlichen Natur. Das ist auch ganz falsch, sich zu sagen: Ja, ich bin nun ein ganz hohes Wesen, ein furchtbar hohes Wesen, eine furchtbar hohe Seele, und da (Zeichnung) ist diese minderwertige, gräßliche Umgebung. — So ist es nicht, sondern die Sache ist so: Da sind die Reiche der höheren Hierarchien, alle göttlichen Wesenheiten (siehe Zeichnung $. 248); die haben als ihr Götterziel betrachtet, ein Gebilde zusammen zu formen (blauer Kreis), das ihr Abbild ist. Dieses Gebilde präsentiert sich äußerlich als der sichtbare Menschenleib. Und in dieses Gebilde, das ein Abbild ist der Gottheit und das verleumdet wird, jämmerlich verleumdet wird, wenn man es für niedrig erachtet, in dieses Gebilde haben hineingelegt die Geister der Form das menschliche Ich, die jetzige Seele, die das Baby ist unter den menschlichen Gliedern, wie ich oftmals gesagt habe (Punkt im blauen Kreis).
[ 22 ] Gewiß, einige kamen schon darauf — aber sie kamen auf eine ahrimanisch-luziferische Art darauf —, daß der Mensch nicht das ist, was da aus Fleisch und Blut und Knochen besteht. Sie sagten: Wenn wir etwas Besseres sind als diese Zusammenfügung aus Fleisch und Blut und Knochen, dann wollen wir vor allen Dingen das Fleischliche verachten, dann wollen wir den Menschen als etwas Höheres ansehen, dann wollen wir den sinnlichen Menschen von uns abtun! — Nun ist aber gerade dieses Bild aus Fleisch und Blut und Knochen mit dem Ätherleib und Astralleib zusammen, so wie es der Mensch sieht, ein Scheingebilde. In Wirklichkeit ist es das reinste Ebenbild der Gottheit. Nicht weil wir den Teufel sehen sollen in der Welt, ist es — wie ich auseinandergesetzt habe — ein Irrtum, sondern weil wir den Gott sehen sollen in unserer eigenen Welt in uns, deshalb ist es ein Irrtum, sich zu identifizieren mit der sinnlichen Natur. Das ist auch ganz falsch, sich zu sagen: Ja, ich bin nun ein ganz hohes Wesen, ein furchtbar hohes Wesen, eine furchtbar hohe Seele, und da (Zeichnung) ist diese minderwertige, gräßliche Umgebung. — So ist es nicht, sondern die Sache ist so: Da sind die Reiche der höheren Hierarchien, alle göttlichen Wesenheiten (siehe Zeichnung $. 248); die haben als ihr Götterziel betrachtet, ein Gebilde zusammen zu formen (blauer Kreis), das ihr Abbild ist. Dieses Gebilde präsentiert sich äußerlich als der sichtbare Menschenleib. Und in dieses Gebilde, das ein Abbild ist der Gottheit und das verleumdet wird, jämmerlich verleumdet wird, wenn man es für niedrig erachtet, in dieses Gebilde haben hineingelegt die Geister der Form das menschliche Ich, die jetzige Seele, die das Baby ist unter den menschlichen Gliedern, wie ich oftmals gesagt habe (Punkt im blauen Kreis).


[ 23 ] Wäre also das Mysterium von Golgatha nicht gekommen, dann hätte der Mensch nur falsche Anschauungen gewinnen können über Vererbung und über den Tod, und diese falschen Anschauungen, die würden immer höher und höher sich gesteigert haben. Jetzt treten sie manchmal in atavistischer Weise auf — wie in manchen sozialistischen Gruppen heute eine Weltanschauung vertreten wird, die ein Atavismus ist —, in solchen Anschauungen, die den Tod und die Geburt hinzurechnen zu den sinnlichen Erscheinungen. Und in der weiteren Entwickelung der Menschheit müßte das liegen, daß vor dem Menschen sich überhaupt das Tor zuschlösse in die übersinnliche Welt, und was er in der sinnlichen Welt schon finden kann vom Übersinnlichen, Vererbung und Tod, das würden seine Verführer werden, die gerade heimtückisch auftreten, indem sie sagen: Wir sind sinnlich — während sie es gar nicht sind. Nur wenn wir einer Natur nicht glauben, die uns den Tod und die Geburt vorspiegelt, dann kommen wir auf die Wahrheit. So paradox ist der Mensch nun einmal in die Welt hineingestellt.
[ 23 ] Wäre also das Mysterium von Golgatha nicht gekommen, dann hätte der Mensch nur falsche Anschauungen gewinnen können über Vererbung und über den Tod, und diese falschen Anschauungen, die würden immer höher und höher sich gesteigert haben. Jetzt treten sie manchmal in atavistischer Weise auf — wie in manchen sozialistischen Gruppen heute eine Weltanschauung vertreten wird, die ein Atavismus ist —, in solchen Anschauungen, die den Tod und die Geburt hinzurechnen zu den sinnlichen Erscheinungen. Und in der weiteren Entwickelung der Menschheit müßte das liegen, daß vor dem Menschen sich überhaupt das Tor zuschlösse in die übersinnliche Welt, und was er in der sinnlichen Welt schon finden kann vom Übersinnlichen, Vererbung und Tod, das würden seine Verführer werden, die gerade heimtückisch auftreten, indem sie sagen: Wir sind sinnlich — während sie es gar nicht sind. Nur wenn wir einer Natur nicht glauben, die uns den Tod und die Geburt vorspiegelt, dann kommen wir auf die Wahrheit. So paradox ist der Mensch nun einmal in die Welt hineingestellt.
[ 24 ] In den Menschen mußte eingepflanzt werden etwas, was dieser Entwickelung das Gleichgewicht halten konnte, was den Menschen hinwegführen konnte von diesem Glauben, daß Vererbung und Tod im Menschenleben sinnliche Erscheinungen sind. Dazu mußte etwas vor ihn hingestellt werden, was ihm klarmachte: Tod und Vererbung sind übersinnliche, sind nicht sinnliche Erscheinungen. Deshalb muß dasjenige Ereignis, welches wiederum dem Menschen die Wahrheit anweist über diese Dinge, nicht für die gewöhnlichen Menschenkräfte erreichbar sein, denn die sind ja auf dem Wege zur Korruption und müssen durch einen kräftigen entgegengesetzten Anstoß zurechtgerückt werden. Und dieser entgegengesetzte Anstoß war das Mysterium von Golgatha, indem es sich hingestellt hat in die Menschheitsentwikkelung als etwas, was übersinnlich ist, so daß für den Menschen ferner die Wahl liegt: Entweder glaubst du an dieses Übersinnliche, näherst dich ihm aber nun erkennend auf übersinnliche Weise, oder du verfällst in alle jene Anschauungen, die sich ergeben müssen, wenn du Tod und vererbte Merkmale als der Sinnenwelt angehörig betrachtest. — Daher sind Ingredienzien einer wahren Anschauung über das Mysterium von Golgatha die beiden Grenztatsachen dieses Mysteriums von Golgatha: die Auferstehung, die nicht gedacht werden kann ohne ihren Zusammenhang mit der Conceptio immaculata, geboren nicht in der Art, wie durch die Geburt eine Tatsache der Menschheit vorgespiegelt wird, sondern auf übersinnliche Weise, und durch den Tod gegangen auf übersinnliche Weise. Das sind die beiden Grundtatsachen, die das Christus Jesus-Leben begrenzen müssen. Niemand versteht die Auferstehung, die sein soll die Vorstellung, welche hingestellt wird als die wahre Vorstellung gegenüber der falschen Vorstellung, daß der Tod der Sinneswelt angehört, niemand versteht diese Auferstehung, wenn er nicht ihr Korrelat ebenso annimmt, die Conceptio immaculata, die unbefleckte Empfängnis, die Geburt als eine übersinnliche Tatsache. Die Menschen wollen das verstehen, Auferstehung und Conceptio immaculata, und die neueren protestantischen Theologen wollen sogar schon innerhalb der Theologie mit dem gewöhnlichen Menschenverstand, der aber nur ein Schüler der Sinneswelt ist, und zwar der korrumpierten Sinnesanschauung, die sich herausgebildet hat seit dem Mysterium von Golgatha, diese Tatsache begreifen. Und wenn sie sie nicht begreifen können, werden sie Harnackianer oder etwas ähnliches, leugnen die Auferstehung ab, machen allerlei Redensarten darüber. Nun, und die Conceptio immaculata, die betrachten sie überhaupt schon als etwas, wovon ein vernünftiger Mensch nicht reden kann.
[ 24 ] In den Menschen mußte eingepflanzt werden etwas, was dieser Entwickelung das Gleichgewicht halten konnte, was den Menschen hinwegführen konnte von diesem Glauben, daß Vererbung und Tod im Menschenleben sinnliche Erscheinungen sind. Dazu mußte etwas vor ihn hingestellt werden, was ihm klarmachte: Tod und Vererbung sind übersinnliche, sind nicht sinnliche Erscheinungen. Deshalb muß dasjenige Ereignis, welches wiederum dem Menschen die Wahrheit anweist über diese Dinge, nicht für die gewöhnlichen Menschenkräfte erreichbar sein, denn die sind ja auf dem Wege zur Korruption und müssen durch einen kräftigen entgegengesetzten Anstoß zurechtgerückt werden. Und dieser entgegengesetzte Anstoß war das Mysterium von Golgatha, indem es sich hingestellt hat in die Menschheitsentwikkelung als etwas, was übersinnlich ist, so daß für den Menschen ferner die Wahl liegt: Entweder glaubst du an dieses Übersinnliche, näherst dich ihm aber nun erkennend auf übersinnliche Weise, oder du verfällst in alle jene Anschauungen, die sich ergeben müssen, wenn du Tod und vererbte Merkmale als der Sinnenwelt angehörig betrachtest. — Daher sind Ingredienzien einer wahren Anschauung über das Mysterium von Golgatha die beiden Grenztatsachen dieses Mysteriums von Golgatha: die Auferstehung, die nicht gedacht werden kann ohne ihren Zusammenhang mit der Conceptio immaculata, geboren nicht in der Art, wie durch die Geburt eine Tatsache der Menschheit vorgespiegelt wird, sondern auf übersinnliche Weise, und durch den Tod gegangen auf übersinnliche Weise. Das sind die beiden Grundtatsachen, die das Christus Jesus-Leben begrenzen müssen. Niemand versteht die Auferstehung, die sein soll die Vorstellung, welche hingestellt wird als die wahre Vorstellung gegenüber der falschen Vorstellung, daß der Tod der Sinneswelt angehört, niemand versteht diese Auferstehung, wenn er nicht ihr Korrelat ebenso annimmt, die Conceptio immaculata, die unbefleckte Empfängnis, die Geburt als eine übersinnliche Tatsache. Die Menschen wollen das verstehen, Auferstehung und Conceptio immaculata, und die neueren protestantischen Theologen wollen sogar schon innerhalb der Theologie mit dem gewöhnlichen Menschenverstand, der aber nur ein Schüler der Sinneswelt ist, und zwar der korrumpierten Sinnesanschauung, die sich herausgebildet hat seit dem Mysterium von Golgatha, diese Tatsache begreifen. Und wenn sie sie nicht begreifen können, werden sie Harnackianer oder etwas ähnliches, leugnen die Auferstehung ab, machen allerlei Redensarten darüber. Nun, und die Conceptio immaculata, die betrachten sie überhaupt schon als etwas, wovon ein vernünftiger Mensch nicht reden kann.
[ 25 ] Dennoch, es hängt innig zusammen mit dem Mysterium von Golgatha, daß im Mysterium von Golgatha enthalten ist die Metamorphose des Todes, das heißt seine Metamorphosierung aus einer sinnlichen Tatsache in eine übersinnliche Tatsache, und die Metamorphose der Vererbung, das heißt, daß dasjenige, was uns die Sinneswelt vorspiegelt über die Vererbung, die mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, ins Übersinnliche hinübergesetzt wird in der Conceptio immaculata.
[ 25 ] Dennoch, es hängt innig zusammen mit dem Mysterium von Golgatha, daß im Mysterium von Golgatha enthalten ist die Metamorphose des Todes, das heißt seine Metamorphosierung aus einer sinnlichen Tatsache in eine übersinnliche Tatsache, und die Metamorphose der Vererbung, das heißt, daß dasjenige, was uns die Sinneswelt vorspiegelt über die Vererbung, die mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängt, ins Übersinnliche hinübergesetzt wird in der Conceptio immaculata.
[ 26 ] Was auch immer Irrtümliches, Unzulängliches über diese Dinge gegesagt worden ist, die Aufgabe der Menschen ist nicht, unverständig diese Dinge hinzunehmen, sondern sich solche übersinnlichen Erkenntnisse anzueignen, daß sie diese Dinge, die im Sinnlichen nicht begriffen werden können, durch das Übersinnliche begreifen lernen. Wenn Sie sich die verschiedenen Zyklen, in denen über diese Dinge gesprochen worden ist, wenn Sie insbesondere auch an den Inhalt des von mir besprochenen fünften Evangeliums denken, dann werden Sie eine Reihe von Wegen finden, diese beiden Dinge zu verstehen, aber nur zu verstehen auf übersinnlichem Wege. Denn es ist recht, daß — solange der Verstand der Schüler der Sinnlichkeit bleibt, so wie es heute den Menschen in der Weltanschauung erscheinen muß — der Mensch diese Tatsache nicht begreifen kann. Gerade wenn die höchsten Tatsachen des Erdenlebens solche sind, daß der Verstand, der der Schüler der Sinnlichkeit ist, sie nicht begreifen kann, gerade dann sind sie wahr. Es ist daher gar nicht zu verwundern, wenn die Wissenschaft der Initiation von der sogenannten äußeren Wissenschaft bekämpft wird, denn sie spricht ja von den Dingen, die ganz selbstverständlich — gerade weil sie nicht in Widerspruch mit wahrer Naturwissenschaft stehen — jener Naturordnung widersprechen müssen, die aus der korrumpierten Naturanschauung kommt. Und vielfach ist auch die Theologie verfallen, wenn auch nach einer andern Richtung hin, der korrumpierten Naturanschauung. Und wenn Sie das andere nehmen, was ich gestern ausgesprochen habe, daß der Mensch erst nach dem Tode zu einer richtigen Anschauung des Mysteriums von Golgatha kommen kann, so werden Sie das nicht mehr unbegreiflich finden, wenn Sie sich überlegen, daß der Mensch durch den Tod, durch die Pforte des Todes in eine Welt eintritt, in der ihm nicht mehr vorgegaukelt werden kann, daß der Tod zur Sinneswelt gehört, denn er sieht den Tod von der andern Seite — ich habe diese Dinge oftmals geschildert — und er lernt immer mehr und mehr den Tod von der andern Seite betrachten. Dadurch aber wird er immer reifer, auch das Mysterium von Golgatha zu betrachten in seiner wahren Gestalt. Und so muß man sagen: Wäre das Mysterium von Golgatha nicht gekommen — aber das, was man so sagt, ist nur zu begreifen in übersinnlicher Erkenntnis —, dann würden die Menschen sterben. Es würde auch das Böse in der Welt sein, es würde auch Weisheit in der Welt sein. Aber da die Menschen durch ihre Entwickelung einer korrumpierten Naturanschauung verfallen mußten, mußten sie über den Tod eine falsche Anschauung haben. Dadurch wenden sie sich, indem sie sich an die Unsterblichkeit wenden wollen, an Luzifer, und sie verfallen Luzifer gerade, wenn sie sich an den Geist wenden wollen. Sie werden wie das liebe Vieh, wenn sie sich nicht an den Geist wenden, und sie werden dem Luzifer verfallen, wenn sie sich an den Geist wenden. Die Welt nach vorne sehen: man will unsterblich in Luzifer sein; nach rückwärts sehen: man interpretiert die Welt um, indem man dasjenige, was schon als Vererbungsmerkmal übersinnlich ist, ins Moralische umsetzt und dadurch die mittelalterliche Gotteslästerung fabriziert von der Erbsünde.
[ 26 ] Was auch immer Irrtümliches, Unzulängliches über diese Dinge gegesagt worden ist, die Aufgabe der Menschen ist nicht, unverständig diese Dinge hinzunehmen, sondern sich solche übersinnlichen Erkenntnisse anzueignen, daß sie diese Dinge, die im Sinnlichen nicht begriffen werden können, durch das Übersinnliche begreifen lernen. Wenn Sie sich die verschiedenen Zyklen, in denen über diese Dinge gesprochen worden ist, wenn Sie insbesondere auch an den Inhalt des von mir besprochenen fünften Evangeliums denken, dann werden Sie eine Reihe von Wegen finden, diese beiden Dinge zu verstehen, aber nur zu verstehen auf übersinnlichem Wege. Denn es ist recht, daß — solange der Verstand der Schüler der Sinnlichkeit bleibt, so wie es heute den Menschen in der Weltanschauung erscheinen muß — der Mensch diese Tatsache nicht begreifen kann. Gerade wenn die höchsten Tatsachen des Erdenlebens solche sind, daß der Verstand, der der Schüler der Sinnlichkeit ist, sie nicht begreifen kann, gerade dann sind sie wahr. Es ist daher gar nicht zu verwundern, wenn die Wissenschaft der Initiation von der sogenannten äußeren Wissenschaft bekämpft wird, denn sie spricht ja von den Dingen, die ganz selbstverständlich — gerade weil sie nicht in Widerspruch mit wahrer Naturwissenschaft stehen — jener Naturordnung widersprechen müssen, die aus der korrumpierten Naturanschauung kommt. Und vielfach ist auch die Theologie verfallen, wenn auch nach einer andern Richtung hin, der korrumpierten Naturanschauung. Und wenn Sie das andere nehmen, was ich gestern ausgesprochen habe, daß der Mensch erst nach dem Tode zu einer richtigen Anschauung des Mysteriums von Golgatha kommen kann, so werden Sie das nicht mehr unbegreiflich finden, wenn Sie sich überlegen, daß der Mensch durch den Tod, durch die Pforte des Todes in eine Welt eintritt, in der ihm nicht mehr vorgegaukelt werden kann, daß der Tod zur Sinneswelt gehört, denn er sieht den Tod von der andern Seite — ich habe diese Dinge oftmals geschildert — und er lernt immer mehr und mehr den Tod von der andern Seite betrachten. Dadurch aber wird er immer reifer, auch das Mysterium von Golgatha zu betrachten in seiner wahren Gestalt. Und so muß man sagen: Wäre das Mysterium von Golgatha nicht gekommen — aber das, was man so sagt, ist nur zu begreifen in übersinnlicher Erkenntnis —, dann würden die Menschen sterben. Es würde auch das Böse in der Welt sein, es würde auch Weisheit in der Welt sein. Aber da die Menschen durch ihre Entwickelung einer korrumpierten Naturanschauung verfallen mußten, mußten sie über den Tod eine falsche Anschauung haben. Dadurch wenden sie sich, indem sie sich an die Unsterblichkeit wenden wollen, an Luzifer, und sie verfallen Luzifer gerade, wenn sie sich an den Geist wenden wollen. Sie werden wie das liebe Vieh, wenn sie sich nicht an den Geist wenden, und sie werden dem Luzifer verfallen, wenn sie sich an den Geist wenden. Die Welt nach vorne sehen: man will unsterblich in Luzifer sein; nach rückwärts sehen: man interpretiert die Welt um, indem man dasjenige, was schon als Vererbungsmerkmal übersinnlich ist, ins Moralische umsetzt und dadurch die mittelalterliche Gotteslästerung fabriziert von der Erbsünde.
[ 27 ] Vor allen diesen Dingen bewahrt die wirkliche Hingabe an das Mysterium von Golgatha. Sie stellt eine wahre Anschauung, auf übersinnlichem Wege gewonnene wahre Anschauung über Geburt und Tod in die Welt herein. Und die Menschen sollen durch eine solche wahre Anschauung geheilt werden von der falschen, von der korrumpierten Anschauung. Daher ist der Christus Jesus auch der Heilende, der Heiland. Daher wirkt er — weil die Menschen sich nicht etwa bloß aus Nichtsnutzigkeit heraus den Weg einer korrumpierten Weltanschauung gewählt haben, sondern durch ihre Entwickelung, durch ihre Natur dazu gekommen sind —, daher wirkt er auch heilend, daher ist er wirklich nicht nur der Lehrer, sondern der Arzt der Menschheit.
[ 27 ] Vor allen diesen Dingen bewahrt die wirkliche Hingabe an das Mysterium von Golgatha. Sie stellt eine wahre Anschauung, auf übersinnlichem Wege gewonnene wahre Anschauung über Geburt und Tod in die Welt herein. Und die Menschen sollen durch eine solche wahre Anschauung geheilt werden von der falschen, von der korrumpierten Anschauung. Daher ist der Christus Jesus auch der Heilende, der Heiland. Daher wirkt er — weil die Menschen sich nicht etwa bloß aus Nichtsnutzigkeit heraus den Weg einer korrumpierten Weltanschauung gewählt haben, sondern durch ihre Entwickelung, durch ihre Natur dazu gekommen sind —, daher wirkt er auch heilend, daher ist er wirklich nicht nur der Lehrer, sondern der Arzt der Menschheit.
[ 28 ] Diese Dinge, sie muß man bedenken — aber wie gesagt, immer wieder muß ich es wiederholen: was nur durch übersinnliche Erkenntnis angeschaut werden kann —, wenn man sich frägt: Zu welchen Erkenntnissen mögen denn die Seelen gekommen sein, die im 2. christlichen Jahrhundert solch einen Geist inspiriert haben wie Tertullian? Wir müssen hinschauen auf die Toten, die vielleicht Zeitgenossen des Christus Jesus waren und solch einen Tertullian inspiriert haben. Gewiß, weil viel Erkenntniskorruption in der Welt war, kam manches verkehrt, getrübt, in dieser oder jener getrübten Nuance heraus. Aber hören wir durch die Worte eines Tertullian hindurch die dazumal toten, aber inspirierenden Zeitgenossen Christi, dann begreifen wir solche Worte wie die des Tertullian, dann begreifen wir, daß er sagen konnte so etwas wie: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wir schämen uns des nicht, weil es schmählich ist. — Die Menschen mußten durch korrumpierte Anschauung in das Schmähliche hineinkommen; dasjenige, was der Sinn der Erde im höchsten Maße ist, das wird sich im Menschenleben zeigen als eine schmähliche Tat. Gestorben ist Gottes Sohn. Es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist, Prorsus credibile est, quia ineptum est. — Weil es für das, was der Mensch selbst bis an sein Lebensende im Physischen durch seinen gewöhnlichen Verstand erreichen kann, Torheit ist, so ist es gerade dasjenige, was wahr ist in dem Sinne, wie ich Ihnen das heute auseinandergesetzt habe. Und begraben ist er und auferstanden, es ist gewiß, weil es unmöglich ist — weil innerhalb der korrumpierten Naturanschauung es das gar nicht gibt.
[ 28 ] Diese Dinge, sie muß man bedenken — aber wie gesagt, immer wieder muß ich es wiederholen: was nur durch übersinnliche Erkenntnis angeschaut werden kann —, wenn man sich frägt: Zu welchen Erkenntnissen mögen denn die Seelen gekommen sein, die im 2. christlichen Jahrhundert solch einen Geist inspiriert haben wie Tertullian? Wir müssen hinschauen auf die Toten, die vielleicht Zeitgenossen des Christus Jesus waren und solch einen Tertullian inspiriert haben. Gewiß, weil viel Erkenntniskorruption in der Welt war, kam manches verkehrt, getrübt, in dieser oder jener getrübten Nuance heraus. Aber hören wir durch die Worte eines Tertullian hindurch die dazumal toten, aber inspirierenden Zeitgenossen Christi, dann begreifen wir solche Worte wie die des Tertullian, dann begreifen wir, daß er sagen konnte so etwas wie: Gekreuzigt ist Gottes Sohn. Wir schämen uns des nicht, weil es schmählich ist. — Die Menschen mußten durch korrumpierte Anschauung in das Schmähliche hineinkommen; dasjenige, was der Sinn der Erde im höchsten Maße ist, das wird sich im Menschenleben zeigen als eine schmähliche Tat. Gestorben ist Gottes Sohn. Es ist völlig glaubhaft, weil es töricht ist, Prorsus credibile est, quia ineptum est. — Weil es für das, was der Mensch selbst bis an sein Lebensende im Physischen durch seinen gewöhnlichen Verstand erreichen kann, Torheit ist, so ist es gerade dasjenige, was wahr ist in dem Sinne, wie ich Ihnen das heute auseinandergesetzt habe. Und begraben ist er und auferstanden, es ist gewiß, weil es unmöglich ist — weil innerhalb der korrumpierten Naturanschauung es das gar nicht gibt.
[ 29 ] Wenn Sie die Worte des Tertullian im übersinnlichen Sinne nehmen als inspiriert von den damals lange toten Zeitgenossen Christi, so werden Sie sich vielleicht sagen: Ja, gewiß, aufgenommen hat es der Tertullian so, wie er sie durch seine Seelenbeschaffenheit aufnehmen konnte! — aber Sie werden ihren inspirierten Ursprung ahnen können. Es konnte freilich zu solchem Ursprung den Zugang nur gewinnen ein Mann, der so gründlich mit seinem inneren Wissen im Übersinnlichen drinnenstand, daß er von den Dämonen als Zeugen des Göttlichen sprach wie von Menschenzeugen; denn Tertullian sprach davon, daß die Dämonen selber sagen, sie seien Dämonen, und daß sie den Christus anerkennen. Das war die Vorbedingung dazu, daß Tertullian überhaupt etwas wahrnehmen konnte, was ihm eininspiriert wurde.
[ 29 ] Wenn Sie die Worte des Tertullian im übersinnlichen Sinne nehmen als inspiriert von den damals lange toten Zeitgenossen Christi, so werden Sie sich vielleicht sagen: Ja, gewiß, aufgenommen hat es der Tertullian so, wie er sie durch seine Seelenbeschaffenheit aufnehmen konnte! — aber Sie werden ihren inspirierten Ursprung ahnen können. Es konnte freilich zu solchem Ursprung den Zugang nur gewinnen ein Mann, der so gründlich mit seinem inneren Wissen im Übersinnlichen drinnenstand, daß er von den Dämonen als Zeugen des Göttlichen sprach wie von Menschenzeugen; denn Tertullian sprach davon, daß die Dämonen selber sagen, sie seien Dämonen, und daß sie den Christus anerkennen. Das war die Vorbedingung dazu, daß Tertullian überhaupt etwas wahrnehmen konnte, was ihm eininspiriert wurde.
[ 30 ] Für diejenigen, die im falschen Sinne Christen sein wollen, hat die Sache etwas sehr, sehr Unbehagliches, etwas recht Unbehagliches. Denn denken Sie einmal, wenn selbst die Dämonen die Wahrheit aussagen und auf den wahren Christus hindeuten, da könnten sie am Ende einmal, die Dämonen, von einem Jesuiten befragt werden! Es könnte einmal irgend jemand, von dem der Jesuit behauptet, daß er mit Dämonen in Berührung steht, ins Gespräch gezogen werden von diesen Dämonen über den wirklichen Ursprung des jesuitischen Christus, und der Dämon könnte dann sagen: Deiner ist nicht der Christus, sondern der des andern ist es. — Sie begreifen die jesuitische Angst vor der geistigen Welt! Sie begreifen, daß es etwas sehr Beängstigendes hat, wenn man der Gefahr ausgesetzt werden könnte, daß aus irgendeinem Winkel der übersinnlichen Welt man desavouiert würde! Dann könnte man als Kronzeugen den Tertullian bringen und könnte sagen: Ja, sieh mal, lieber Jesuit, der Dämon, der sagt selber, daß dein Gott der falsche ist, und der Tertullian, den du doch anerkennen mußt als einen richtigen Kirchenvater, sagt, daß gerade Dämonen die Wahrheit über sich und über den Christus sagen, wie es auch in der Bibel steht. — Kurz, die Sache wird sehr brenzlig, sobald es von der übersinnlichen Welt, wenn auch nur in einer unberechtigten Form, zugegeben wird, daß Dämonen für die Wahrheit zeugen. Denn selbst wenn man den Luzifer zitieren würde: über den Christus würde er nicht die Unwahrheit sagen! Aber es könnte herauskommen, daß etwas anderes die Unwahrheit über den Christus ist.
[ 30 ] Für diejenigen, die im falschen Sinne Christen sein wollen, hat die Sache etwas sehr, sehr Unbehagliches, etwas recht Unbehagliches. Denn denken Sie einmal, wenn selbst die Dämonen die Wahrheit aussagen und auf den wahren Christus hindeuten, da könnten sie am Ende einmal, die Dämonen, von einem Jesuiten befragt werden! Es könnte einmal irgend jemand, von dem der Jesuit behauptet, daß er mit Dämonen in Berührung steht, ins Gespräch gezogen werden von diesen Dämonen über den wirklichen Ursprung des jesuitischen Christus, und der Dämon könnte dann sagen: Deiner ist nicht der Christus, sondern der des andern ist es. — Sie begreifen die jesuitische Angst vor der geistigen Welt! Sie begreifen, daß es etwas sehr Beängstigendes hat, wenn man der Gefahr ausgesetzt werden könnte, daß aus irgendeinem Winkel der übersinnlichen Welt man desavouiert würde! Dann könnte man als Kronzeugen den Tertullian bringen und könnte sagen: Ja, sieh mal, lieber Jesuit, der Dämon, der sagt selber, daß dein Gott der falsche ist, und der Tertullian, den du doch anerkennen mußt als einen richtigen Kirchenvater, sagt, daß gerade Dämonen die Wahrheit über sich und über den Christus sagen, wie es auch in der Bibel steht. — Kurz, die Sache wird sehr brenzlig, sobald es von der übersinnlichen Welt, wenn auch nur in einer unberechtigten Form, zugegeben wird, daß Dämonen für die Wahrheit zeugen. Denn selbst wenn man den Luzifer zitieren würde: über den Christus würde er nicht die Unwahrheit sagen! Aber es könnte herauskommen, daß etwas anderes die Unwahrheit über den Christus ist.
[ 31 ] Initiationswahrheiten klingen manchmal anders als dasjenige, was die Menschen bequem finden, anzuerkennen. Allerdings führt das dazu, daß vieles in die Kreuz und Quer geht, wenn versucht wird, Initiationswahrheiten heute in die äußere Welt einzuführen, insbesondere dann, wenn solche Initiationswahrheiten eingeführt werden müssen in die unmittelbare Wirklichkeit. Ja, sobald das Feld sich eröffnet, wo aus dem Übersinnlichen heraus gesprochen wird, da kommen zuweilen recht merkwürdige Konflikte zustande, wenn dem entgegengehalten wird dasjenige, was nicht aus dem Übersinnlichen herausquillt!
[ 31 ] Initiationswahrheiten klingen manchmal anders als dasjenige, was die Menschen bequem finden, anzuerkennen. Allerdings führt das dazu, daß vieles in die Kreuz und Quer geht, wenn versucht wird, Initiationswahrheiten heute in die äußere Welt einzuführen, insbesondere dann, wenn solche Initiationswahrheiten eingeführt werden müssen in die unmittelbare Wirklichkeit. Ja, sobald das Feld sich eröffnet, wo aus dem Übersinnlichen heraus gesprochen wird, da kommen zuweilen recht merkwürdige Konflikte zustande, wenn dem entgegengehalten wird dasjenige, was nicht aus dem Übersinnlichen herausquillt!
[ 32 ] Wir können das schon oftmals auf das gewöhnliche Leben anwenden. Ich habe es mit einer gewissen Befriedigung empfunden, daß einer Anregung, die ich nur für mich gesagt habe innerhalb der Lehreund Dinge, die ich innerhalb der Lehre sage, sage ich als meine Überzeugung, die für niemanden unmittelbar etwas Bindendes haben soll —, daß einer Anregung Folge gegeben worden ist und dieser Bau aus den ganzen Bedingungen unseres Zeiterlebens heraus «Goetheanum» genannt worden ist. Ich sage, selbst mit Zuziehung gewisser übersinnlicher Impulse erscheint mir dasals etwas Richtiges und Gutes. Verlangte aber von mir selber jemand verstandesmäßig alle Gründe dafür, ich solle sie ihm herzählen am Daumen und an den übrigen Fingern, so würde ich mir selbst höchst philiströs vorkommen, wenn ich alle möglichen verstandesmäßigen Gründe aufzählen sollte für dasjenige, was aus einer tiefen Notwendigkeit heraus empfunden wird; sowohl alle Gründe für wie gegen würden mir wie rechte Talmiweisheit vorkommen. So wie in diesem Falle ist man oftmals, wenn man gerade für den Willen übersinnliche Impulse geltend macht. Die Menschen sagen oftmals: Das verstehe ich nicht, das begreife ich nicht. — Nun, kommt es denn schon furchtbar viel darauf an, daß der andere oder man selber die Sache begreife? Denn was heißt «begreifen»? Begreifen heißt ja nichts anderes, als, die Sache in das Licht gestellt sehen, wo die Gedanken ruhen, die man seit Jahrzehnten bequem für sich passend gefunden hat. Sonst heißt es ja weiter nichts, das, was die Menschen so «verstehen» nennen! Was man selber verstehen nennt, heißt oftmals nicht viel gegenüber den Wahrheiten, die aus der übersinnlichen Welt heraus eröffnet werden. Es ist gerade bei den übersinnlichsten Gebieten, wenn sie unmittelbar nicht bloß Lehre sind, sondern in den Willen hereingreifen sollen, in die Tatenwelt hereingreifen sollen, immer etwas Mißliches, wenn man nach Menschenverstand befragt wird: Warum, warum, warum ist das und das der Fall? Oder: Wie kann man dies und dies und dies verstehen? In dieser Beziehung müßte man sich gewöhnen, gewisse Dinge der übersinnlichen Welt in Parallele zu stellen mit dem, was man ja für die Naturtatsachen fortwährend zugibt, aber nur in Parallele. Ich weiß nicht — wenn Sie hier hinausgehen, und der Flock oder Wolf oder wie der Hund hier heißt, Sie beißt, und Sie vorher nicht gebissen waren, aber nachher gebissen sind —, ob Sie dann die Frage stellen: Warum hat der mich gebissen? Oder: Wie kann ich das verstehen? — Was ist das für ein Verständniszusammenhang? Sie werden sich es durch die Tatsache erzählen lassen. So handelt es sich eben darum, daß eben auch gewisse übersinnliche Dinge erzählt werden müssen. Und daß ihrer viele sind, das können Sie aus dem entnehmen, was ich heute angedeutet habe, daß in der Sinneswelt zwei Scheine sind, die ihre eigene Wesenheit verhüllen: der Tod und die Geburt des Menschen, die eigentlich Übersinnliches in die Sinnenwelt hereintragen, Fremdlinge sind in der Sinneswelt, sich aber maskieren und sich für sinnliche Erscheinungen ausgeben und dadurch ihre falsche Maske auch über die übrige Natur ausbreiten, so daß die übrige Natur auch von dem heutigen Menschen falsch gesehen werden muß.
[ 32 ] Wir können das schon oftmals auf das gewöhnliche Leben anwenden. Ich habe es mit einer gewissen Befriedigung empfunden, daß einer Anregung, die ich nur für mich gesagt habe innerhalb der Lehreund Dinge, die ich innerhalb der Lehre sage, sage ich als meine Überzeugung, die für niemanden unmittelbar etwas Bindendes haben soll —, daß einer Anregung Folge gegeben worden ist und dieser Bau aus den ganzen Bedingungen unseres Zeiterlebens heraus «Goetheanum» genannt worden ist. Ich sage, selbst mit Zuziehung gewisser übersinnlicher Impulse erscheint mir dasals etwas Richtiges und Gutes. Verlangte aber von mir selber jemand verstandesmäßig alle Gründe dafür, ich solle sie ihm herzählen am Daumen und an den übrigen Fingern, so würde ich mir selbst höchst philiströs vorkommen, wenn ich alle möglichen verstandesmäßigen Gründe aufzählen sollte für dasjenige, was aus einer tiefen Notwendigkeit heraus empfunden wird; sowohl alle Gründe für wie gegen würden mir wie rechte Talmiweisheit vorkommen. So wie in diesem Falle ist man oftmals, wenn man gerade für den Willen übersinnliche Impulse geltend macht. Die Menschen sagen oftmals: Das verstehe ich nicht, das begreife ich nicht. — Nun, kommt es denn schon furchtbar viel darauf an, daß der andere oder man selber die Sache begreife? Denn was heißt «begreifen»? Begreifen heißt ja nichts anderes, als, die Sache in das Licht gestellt sehen, wo die Gedanken ruhen, die man seit Jahrzehnten bequem für sich passend gefunden hat. Sonst heißt es ja weiter nichts, das, was die Menschen so «verstehen» nennen! Was man selber verstehen nennt, heißt oftmals nicht viel gegenüber den Wahrheiten, die aus der übersinnlichen Welt heraus eröffnet werden. Es ist gerade bei den übersinnlichsten Gebieten, wenn sie unmittelbar nicht bloß Lehre sind, sondern in den Willen hereingreifen sollen, in die Tatenwelt hereingreifen sollen, immer etwas Mißliches, wenn man nach Menschenverstand befragt wird: Warum, warum, warum ist das und das der Fall? Oder: Wie kann man dies und dies und dies verstehen? In dieser Beziehung müßte man sich gewöhnen, gewisse Dinge der übersinnlichen Welt in Parallele zu stellen mit dem, was man ja für die Naturtatsachen fortwährend zugibt, aber nur in Parallele. Ich weiß nicht — wenn Sie hier hinausgehen, und der Flock oder Wolf oder wie der Hund hier heißt, Sie beißt, und Sie vorher nicht gebissen waren, aber nachher gebissen sind —, ob Sie dann die Frage stellen: Warum hat der mich gebissen? Oder: Wie kann ich das verstehen? — Was ist das für ein Verständniszusammenhang? Sie werden sich es durch die Tatsache erzählen lassen. So handelt es sich eben darum, daß eben auch gewisse übersinnliche Dinge erzählt werden müssen. Und daß ihrer viele sind, das können Sie aus dem entnehmen, was ich heute angedeutet habe, daß in der Sinneswelt zwei Scheine sind, die ihre eigene Wesenheit verhüllen: der Tod und die Geburt des Menschen, die eigentlich Übersinnliches in die Sinnenwelt hereintragen, Fremdlinge sind in der Sinneswelt, sich aber maskieren und sich für sinnliche Erscheinungen ausgeben und dadurch ihre falsche Maske auch über die übrige Natur ausbreiten, so daß die übrige Natur auch von dem heutigen Menschen falsch gesehen werden muß.
[ 33 ] Diese Dinge gründlich zu verstehen, gründlich in seine Erkenntnisgesinnung aufzunehmen, das gehört zu den Anforderungen des Menschenlebens in der Zukunft, insbesondere zu den Anforderungen, die von den Zeitgeistern selber an diejenigen gestellt werden, die Erkenntnis für die Zukunft suchen wollen, die auf irgendeinem Gebiete Willen entfalten wollen. Insbesondere müßten ergriffen werden die geistigen Kulturzweige, Theologie, Medizin, Jurisprudenz, Philosophie, Naturwissenschaft, Technik selbst und soziales Leben und sogar Politik; Politik, ja, ja, wahrhaftig, auch dieses sonderbare Gebilde! In all das müßte eingeführt werden von denjenigen, welche die Zeit verstehen, das, was aus der Geisteswissenschaft folgt.
[ 33 ] Diese Dinge gründlich zu verstehen, gründlich in seine Erkenntnisgesinnung aufzunehmen, das gehört zu den Anforderungen des Menschenlebens in der Zukunft, insbesondere zu den Anforderungen, die von den Zeitgeistern selber an diejenigen gestellt werden, die Erkenntnis für die Zukunft suchen wollen, die auf irgendeinem Gebiete Willen entfalten wollen. Insbesondere müßten ergriffen werden die geistigen Kulturzweige, Theologie, Medizin, Jurisprudenz, Philosophie, Naturwissenschaft, Technik selbst und soziales Leben und sogar Politik; Politik, ja, ja, wahrhaftig, auch dieses sonderbare Gebilde! In all das müßte eingeführt werden von denjenigen, welche die Zeit verstehen, das, was aus der Geisteswissenschaft folgt.
