Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184

12 October 1918, Dornach

Translate the original German text into any language:

Vierzehnter Vortrag

Fourteenth Lecture

[ 1 ] Gestern haben wir ein außerordentlich wichtiges Faktum der Menschheitsentwickelung seinem inneren Wesen nach zu charakterisieren versucht, wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus zu charakterisieren versucht, als wir dies schon öfters getan haben, aber von einem außerordentlich bedeutungsvollen Gesichtspunkte aus. Rufen wir uns das kurz noch einmal in die Seele zurück. Ich habe gestern nämlich zu zeigen versucht, daß gewissermaßen eine Art Gleichgewichtszustand in der Entwickelung der europäischen Menschheit dadurch erreicht worden ist, daß dem Ereignisse, welches nach der Zählung unserer Zeitrechnung 666 hätte eintreten sollen, das andere entgegengesetzt worden ist, das wir als das Ereignis von Golgatha bezeichnen. Ich habe gesagt: Die Menschheit unterliegt einer Entwickelung, die ihr gewissermaßen vorbestimmt ist durch diejenige Welttegierung, von der die Menschheit überhaupt ihren Ausgangspunkt genommen hat. Verfolgt man in Einzelheiten diese menschliche Entwickelung, dann kommt man zu der Einsicht, wie gerade die Seele sich hineinstellen kann in irgendein Zeitalter, in das sie hineingeboren ist. Wir leben im sogenannten fünften nachatlantischen Zeitalter, das im 15. Jahrhundert begonnen hat und das sich ausdehnen wird bis zum Beginne des 4. Jahrtausends, bis zum Ende des 3. Jahrtausends. In diesem Zeitalter soll die Menschheit zu der Entwickelung der sogenannten Bewußtseinsseele kommen. Es werden also alle Angelegenheiten dieses Zeitalters zuletzt doch nach dem Ziel hindeuten, das man bezeichnen kann als die Ausbildung der Bewußtseinsseele. Schmerzliche und freudige Ereignisse, Prüfungsereignisse für die Menschheit und solche Ereignisse, die wir als göttliche Gaben auch zur Beseligung der Menschen bezeichnen können, alles Lichtvolle und Schattenvolle soll in diesem Zeitalter dazu dienen, den Menschen immer mehr und mehr aufzuklären über sich selbst und seinen Zusammenhang mit der Welt. Bewußt sich hineinstellen in die Welt und dadurch erst das erringen, wovon man in früheren Zeitaltern und bis heute so viel phantasiert hat, das man aber nie richtig erkannt hat, das erst erringen, erringen durch Selbstzucht, was man nennen kann die freie menschliche Persönlichkeit, die wirkliche, auf Selbsterziehung gegründete Handhabung des Willens: das wird, heranziehend, die Aufgabe der Menschheit in diesem Zeitalter sein. Man könnte sagen, wenn man sich populär ausdrückt: daß das so vor sich gehe, das ist der Ratschluß derjenigen göttlichen Wesenheiten, mit denen der Mensch von seinem Ausgangspunkte an verbunden ist, die ihn fortführen von Stufe zu Stufe, denen aber von zwei Seiten her widerstreben diejenigen Mächte, die wir gewohnt sind, die ahrimanischen und die luziferischen Mächte zu nennen.

[ 1 ] Yesterday we attempted to characterize an extraordinarily important fact in the development of humanity in terms of its inner essence—once again from a different perspective than we have often taken before, but from an exceptionally significant one. Let us briefly recall this once more. Yesterday, I attempted to show that, in a sense, a kind of equilibrium has been achieved in the development of European humanity because the event that, according to our calendar, should have occurred in the year 666 was countered by another event, which we refer to as the event of Golgotha. I said: Humanity is subject to a development that is, in a sense, predetermined by the world-formation from which humanity originated in the first place. If one traces this human development in detail, one comes to understand how the soul, in particular, can position itself within whatever age into which it is born. We live in the so-called fifth post-Atlantean epoch, which began in the 15th century and will extend until the beginning of the 4th millennium, until the end of the 3rd millennium. In this epoch, humanity is to attain the development of what is called the consciousness soul. Thus, all the events of this age will ultimately point toward the goal that can be described as the development of the consciousness soul. Painful and joyful events, trials for humanity, and events that we can also describe as divine gifts for the spiritual enrichment of human beings—everything, both light and shadow—is meant to serve in this age to enlighten human beings more and more about themselves and their connection to the world. To consciously place oneself within the world and thereby attain what people have fantasized about so much in earlier ages and even today, but have never truly recognized—to attain, through self-discipline, what can be called the free human personality, the genuine exercise of the will grounded in self-education: this will, as time goes on, be the task of humanity in this age. To put it in layman’s terms, one could say that the fact that this is taking place is the decision of those divine beings with whom human beings have been connected from the very beginning, who lead them forward from stage to stage, but who are opposed on two sides by those forces we are accustomed to calling the Ahrimanic and Luciferic forces.

[ 2 ] Nun habe ich gesagt: Denken wir einmal hypothetisch, das Ereignis von Golgatha wäre nicht gekommen, kein Christus hätte sich entschlossen, sein göttliches Schicksal mit dem Erdenmenschen-Schicksale zu verbinden, was wäre dann geschehen? Man kann die Geschichte nicht kennenlernen, wenn man nur dasjenige notifiziert, was sich zeigt, denn man wird niemals zu einer wirklichen, richtigen Abschätzung der Ereignisse kommen, wenn man nur das ins Auge faßt, was sich zeigt. Werden wir zum Beispiel heute von irgendeinem Ereignisse befallen, welches verhindert, daß wir irgend etwas unternehmen, was wir unternommen hätten, wenn dieses Ereignis nicht eingetreten wäre, werden wir zum Beispiel verhindert, morgen irgendwo zu erscheinen, wo uns durch irgendein Eisenbahnunglück vielleicht der Tod getroffen hätte: dann kann man nicht sagen, daß man das Ereignis heute richtig wertet, wenn man es nur notifiziert. Denn dieses Ereignis kann ja ganz gewiß, wenn wir es nur an sich betrachten, ein höchst unbedeutendes Ereignis sein, uns nur abhalten, da zu sein, wo uns morgen der Tod getroffen hätte; und wenn wir nur das Ereignis betrachten, das uns heute getroffen hat, so können wir es nicht verstehen. Gerade deshalb, weil die Menschen nur sinnliche und Verstandeswissenschaft treiben, niemals fragen, was hätte geschehen können, deshalb können sie die Ereignisse nicht in ihrem wahren Wirklichkeitswert beurteilen, deshalb kommen sie auch dann nicht zu einer Einsicht in den wahren Wirklichkeitswert der Ereignisse.

[ 2 ] Now I have said: Let us suppose, hypothetically, that the event at Golgotha had not taken place, that Christ had not decided to link his divine destiny with that of humanity—what would have happened then? One cannot truly understand history by merely noting what is apparent, for one will never arrive at a genuine, accurate assessment of events if one considers only what is visible. For example, suppose we are struck today by some event that prevents us from doing something we would have done had that event not occurred—suppose, for instance, we are prevented from going somewhere tomorrow where we might have met our death in a train accident: then one cannot say that one is correctly evaluating the event today if one merely takes note of it. For this event may very well—if we consider it in and of itself—be a highly insignificant event, merely preventing us from being where death would have struck us tomorrow; and if we consider only the event that has befallen us today, we cannot understand it. Precisely because people engage only in sensory and intellectual science, never asking what might have happened, they cannot assess events in terms of their true reality; therefore, they fail to gain insight into the true reality of events.

[ 3 ] Also wir stellen die Frage: Wenn wir hypothetisch annehmen, daß der Christus nicht sein göttliches Schicksal mit dem menschlichen Schicksale verbunden hätte durch das Ereignis von Golgatha, was wäre geschehen? Nun, ich habe Ihnen gestern gesagt: Es wäre geschehen, daß im Jahre 666 durch gewisse Maßnahmen, die da möglich geworden wären, die Menschen einen ganz andern Punkt ihrer Entwickelung durchgemacht hätten, daß dann die Menschen durch gewisse auftretende Genies eine Unsumme von großer Weisheit, etwas phantastischer Weisheit, aber eine Unsumme von Weisheit erlangt hätten. Diese Weisheit würde deshalb für die Menschheit eine so ungeheure Bedeutung gehabt haben, weil im natürlichen Gang der Entwickelung, wenn die Menschen, so wie es ihnen vorbestimmt ist von ihren mit ihrem Ursprunge verbundenen göttlichen Geistern, sich langsam zu dieser Weisheit entwickelten, noch Jahrtausende, wie ich angedeutet habe, darauf werden warten müssen. Sie werden es auch in anderer Weise erhalten, weil sie es durch die eigene Anstrengung bekommen.

[ 3 ] So we ask the question: If we hypothetically assume that Christ had not linked his divine destiny to the human destiny through the event at Golgotha, what would have happened? Well, I told you yesterday: What would have happened is that in the year 666, through certain measures that would have become possible, humanity would have reached an entirely different stage in its development; that through certain geniuses who would have emerged, humanity would have attained an immense amount of great wisdom—somewhat fantastical wisdom, but an immense amount of wisdom nonetheless. This wisdom would have been of such immense significance for humanity because, in the natural course of development—as people slowly evolve toward this wisdom, as predestined by the divine spirits connected to their origin—they would still have to wait millennia, as I have indicated. They will also receive it in another way, because they will attain it through their own efforts.

[ 4 ] Also, es hätte sozusagen etwas vorweggenommen werden sollen, was die Menschheit durch eigene Anstrengung im Laufe langer, langer Zeiten erst bekommen kann. Die Menschheit hätte es in unreifem Zustande erlangt. Man kann sich heute kaum ausmalen, wie die Geschichte der sogenannten zivilisierten Menschheit verlaufen wäre, wenn dieses Ereignis eingetreten wäre. Wie aus einem Instinkt, aber aus einem genialen Instinkt hätte die Menschheit ein unreifes Wissen erlangt. Ungeheure Verwirrung wäre angerichtet worden. Aber noch etwas anderes: Die Menschen wären auf einmal gewissermaßen überschüttet worden mit diesem Wissen, dadurch wie paralysiert, wie gelähmt, und ihre zukünftige Entwickelung wäre abgeschnitten worden. Sie wären nur dazu gekommen, jetzt nicht auf natürliche Weise, wie das hat geschehen sollen seit dem 15. Jahrhundert, sondern auf künstliche Weise schon im 7. Jahrhundert eingeimpft zu bekommen die Bewußtseinsseele; aber die ganze Entwickelung zum Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmenschen würde dann weggefallen sein. Der Mensch würde ein außerordentlich vollkommener Erdenmensch geworden sein, aber seine Entwickelung zu höheren Stufen würde ausgeschlossen gewesen sein. Das ist dasjenige, was in einer so, ich möchte sagen, temperamentvollen Weise — und ich meine diese temperamentvolle Weise wirklich in allem Ernste, nicht wie man das Wort sonst gebraucht — in der Apokalypse, in der Offenbarung des Johannes angedeutet wird als die Erscheinung des Tieres. Da wird hingewiesen auf die Zahl 666, was ja so vielen Gelehrten so viel Mühe gemacht hat, um es aufzuklären. Sie haben alle mehr oder weniger vorbeigeraten.

[ 4 ] In other words, something should have been brought forward, so to speak, that humanity could only have attained through its own efforts over the course of a very, very long time. Humanity would have attained it in an immature state. It is hard to imagine today how the history of so-called civilized humanity would have unfolded if this event had occurred. As if by instinct—but by a genius instinct—humanity would have acquired an immature form of knowledge. Enormous confusion would have ensued. But there is something else: People would have been, as it were, suddenly overwhelmed by this knowledge, rendered as if paralyzed, and their future development would have been cut short. They would have merely been imbued with the consciousness soul—not in the natural way, as was meant to happen from the 15th century onward, but artificially as early as the 7th century—yet the entire development toward the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being would then have been cut short. Humanity would have become an extraordinarily perfect earthly human being, but its development toward higher stages would have been precluded. This is what is indicated in such a—I would say—vigorous manner—and I mean this vigorous manner in all seriousness, not as the word is usually used—in the Apocalypse, in the Revelation of John, as the appearance of the beast. There, reference is made to the number 666, which has caused so many scholars so much trouble in trying to elucidate it. They have all, to a greater or lesser extent, missed the mark.

[ 5 ] Nun mußte früher — um vorzusorgen, daß dies nicht in der Menschheit stattfände und damit die Menschheit eine Gegenkraft habe — das Ereignis von Golgatha in die Entwickelung der Menschheit eintreten, nachdem sie dasjenige aufnehmen konnte, was durch die Erscheinung des Christus Jesus dann eben in die Menschheitsentwickelung eingeflossen ist.

[ 5 ] In the past, however—in order to prevent this from occurring within humanity and to ensure that humanity had a counterforce—the event at Golgotha had to take place in the course of human evolution, once humanity was ready to receive what was then infused into human evolution through the appearance of Christ Jesus.

[ 6 ] Das ist wiederum ein Gesichtspunkt, um richtig zu beurteilen, was das Ereignis von Golgatha in der Menschheitsentwickelung ist. Es ist dasjenige, was der ganzen Erdenentwickelung ihren Sinn gibt. Ich habe deshalb schon immer gesagt, nur um anzudeuten, was das Ereignis von Golgatha für die Erdenentwickelung ist: Wenn von einem andern Planeten unseres Sonnensystems ein Wesen, das gleichwertig wäre mit einem Erdenmenschen, aber diesem Planeten nicht entsprechen würde, eines Tages herunterkäme auf die Erde, ihm natürlich auf der Erde alles mögliche unbekannt sein würde; es könnte ein solches Wesen, wenn es plötzlich wie hereingeschneit wäre in das Erdendasein, alles mögliche nicht verstehen, aber eines würde jenes Wesen verstehen. Wenn Sie ein Wesen, von wo immer es herkäme, führen würden vor Leonardos «Abendmahl» und den Christus in seiner Handlung ihm zeigen würden, dann würde dieses Wesen eine Ahnung bekommen nach seiner Art von dem Sinn der Erde. Sie könnten ihm sonst zeigen, was auf der Erde an Naturprodukten vorhanden ist, was auf der Erde an Kunstwerken vorhanden ist: es würde nur dasjenige verstehen, in das in irgendeiner Weise hineinverwoben ist das Schicksal des Christus Jesus. Was ich gestern ausgeführt habe, das ist herausgeholt — wie ich schon vor acht Tagen bei einer andern Gelegenheit gesagt habe für etwas anderes — rein aus der geistigen Anschauung. Diese geistige Anschauung, die kann allein für den heutigen Menschen die Führerin sein zu lebenswichtigen Tatsachen. Durch die Anschauung desjenigen, was sich im Laufe der Zeit vollzieht, mit den übersinnlichen Sinnen, ergibt sich für das Jahr der Geburt des Christus Jesus und für das Jahr 666 dieser Gegensatz. Aber schauen wir uns jetzt die äußerliche Geschichte daraufhin an. Fragen wir die äußere Geschichte: Gibt sie uns irgendwo eine Bestätigung dafür, daß so etwas wirklich stattgefunden hat?

[ 6 ] This, in turn, is a perspective that allows us to properly assess the significance of the event at Golgotha in the evolution of humanity. It is what gives meaning to the entire evolution of the Earth. That is why I have always said—just to give an idea of what the event at Golgotha means for the evolution of the Earth—: If a being from another planet in our solar system—one equivalent to an Earth human but not native to this planet—were to come down to Earth one day, everything on Earth would naturally be unknown to it; such a being, if it were suddenly to appear as if out of nowhere into earthly existence, might not understand many things, but there is one thing that being would understand. If you were to lead such a being—no matter where it came from—before Leonardo’s *The Last Supper* and show it Christ in the act of breaking bread, then this being would gain an inkling, in its own way, of the meaning of the Earth. You could otherwise show it all the natural products that exist on Earth, all the works of art that exist on Earth: it would understand only that into which the destiny of Christ Jesus is in some way woven. What I explained yesterday was derived—as I already said eight days ago on another occasion regarding something else—purely from spiritual insight. This spiritual insight alone can serve as a guide for people today to facts of vital importance. Through the perception of what unfolds over the course of time with the supersensible senses, this contrast emerges for the year of the birth of Christ Jesus and for the year 666. But let us now examine external history in this regard. Let us ask external history: Does it provide us with any confirmation anywhere that something like this actually took place?

[ 7 ] Nun, da ja die äußere Gelehrsamkeit nicht viel weiß von diesen Dingen, so hat sie auch niemals sehr stark die Ereignisse aufgezeichnet. Aber wenn man die Wahrheit kennt, dann ist es schon so, daß man auch in der äußeren Geschichte geführt wird auf diejenigen Ereignisse, die dann Aufschluß geben können über Allerwichtigstes. Sehen Sie, hier im Leben geschehen gewisse Dinge. Hinter diesen Dingen steht die geistige Welt. Derjenige, der die Zusammenhänge kennt, weiß dann, wie das eine oder das andere, was geschieht, auf seinen geistigen Hintergrund zu beziehen ist. Derjenige, welcher das Herankommen der neueren Menschheit aus der alten griechisch-lateinischen Zeit, griechisch-römischen Kulturentwickelung betrachtet, dem bleibt, wenn er nur das Äußerliche der Geschichte betrachtet, vieles, vieles rätselhaft. Aber die inneren Zusammenhänge klären die Dinge auf.

[ 7 ] Well, since outward scholarship knows little about these things, it has never recorded these events in great detail. But when one knows the truth, it is indeed the case that even in outward history one is guided to those events that can then shed light on what is most important. You see, certain things happen here in life. Behind these things lies the spiritual world. Those who understand the connections then know how to relate this or that event to its spiritual background. Anyone who considers the emergence of modern humanity from the ancient Greco-Latin era—the Greco-Roman cultural development—will find much, much that remains a mystery if they look only at the outward aspects of history. But the inner connections shed light on these matters.

[ 8 ] Nehmen Sie einmal das Ereignis, das ja die äußere Menschheit nicht viel interessiert, aber das doch ein außerordentlich bedeutsames Ereignis ist, nehmen Sie den Umstand, daß 529 der Kaiser Justinianus den griechischen Philosophenschulen das Verbot entgegenhält, weiter zu funktionieren und die griechischen Philosophenschulen, den Glanz des Altertums, verbietet. So daß dasjenige, was an Gelehrsamkeit aus uralten Zeiten eingezogen ist in die griechischen Philosophenschulen, was erzeugt hatte einen Anaxagoras, einen Heraklit, später einen Sokrates, einen Plato, einen Aristoteles, durch diesen Erlaß des Kaisers Justinian 529 aus der Welt geschafft wurde. Gewiß, man kann nach dem, was die Geschichte enthält, nun sich Vorstellungen darüber machen, warum dieser Kaiser Justinianus die alte Wissenschaft in Europa sozusagen weggefegt hat; aber man bleibt, wenn man ehrlich über diese Dinge nachdenkt, unbefriedigt von all den Ausführungen, die man da erhält. Da walten, man spürt es, unbekannte Kräfte drinnen. Und sonderbar ist es, daß dieses Ereignis zusammenfällt — nicht ganz, aber geschichtliche Tatsachen, die manchmal auch ein paar Jahrzehnte auseinanderliegen, vor den späteren Blicken nehmen sie sich doch als zusammengehörig aus — mit der Vertreibung der Philosophen auch aus Edessa durch den Isaurier, Zeno Isaurikus, so daß sozusagen an wichtigsten Stellen der damaligen Welt die gelehrtesten Leute vertrieben werden. Und diese gelehrten Leute, welche bewahrt hatten die alte Wissenschaft, insofern sie noch nicht beeinflußt war von dem Christentum — also im 5. und 6. Jahrhundert unserer christlichen Zeitrechnung —, mußten auswandern. Sie wanderten aus nach Persien und gründeten die Akademie von Gondishapur.

[ 8 ] Consider, for instance, an event that, while of little interest to the general public, is nonetheless extraordinarily significant: the fact that in 529 Emperor Justinian issued a ban preventing the Greek philosophical schools from continuing to operate, thereby prohibiting these schools—the glory of antiquity—from functioning. Thus, the body of learning from ancient times that had found its way into the Greek philosophical schools—the very learning that had produced an Anaxagoras, a Heraclitus, and later a Socrates, a Plato, and an Aristotle—was wiped out by this decree of Emperor Justinian in 529. Certainly, based on what history records, one can now form ideas about why Emperor Justinian, so to speak, swept away the ancient science in Europe; but if one reflects honestly on these matters, one remains unsatisfied by all the explanations offered. One senses that unknown forces are at work here. And it is strange that this event coincides—not entirely, but historical facts that are sometimes separated by a few decades nonetheless appear, to later observers, to belong together—with the expulsion of the philosophers from Edessa by the Isaurian, Zeno Isauricus, so that, so to speak, the most learned people were driven out of the most important centers of the world at that time. And these learned people, who had preserved the ancient science insofar as it had not yet been influenced by Christianity—that is, in the 5th and 6th centuries of our Christian era—were forced to emigrate. They emigrated to Persia and founded the Academy of Gundishapur.

[ 9 ] Von dieser Gelehrtenakademie von Gondishapur wird eigentlich selbst unter den Philosophen wenig geredet. Aber ohne daß man das Wesen der von den Resten der alten Gelehrten begründeten Akademie von Gondishapur kennt, versteht man nichts von der ganzen Entwickelung der neueren Menschheit. Denn dasjenige, was an alter Gelehrsamkeit hingetragen hatten nach Gondishapur die Weisen, die von Justinianus und Isaurikus vertrieben worden waren, das bildete die Grundlage für eine ungeheuer bedeutsame Lehre, welche in Gondishapur dann im 7. Jahrhundert an die Schüler gegeben worden ist, Und in Gondishapur war es, wo man den Aristoteles, den alten griechischen Weisen, übersetzt hat. Und das Merkwürdige, was geschehen ist, das ist: Aristoteles — er wäre ja sonst wahrscheinlich ganz verlorengegangen —, er war zunächst in Edessa von den Gelehrten, die später durch Isaurikus vertrieben wurden, ins Syrische übersetzt worden. Die syrische Übersetzung wurde nach Gondishapur gebracht, und in Gondishapur wurde der syrische Aristoteles ins Arabische übersetzt. Und diese Übertragung des Aristoteles aus dem Griechischen ins Arabische auf dem Umwege des Syrischen, die enthielt etwas sehr Merkwürdiges. Wer einen Einblick gewinnt in die Veränderungen, die vorgehen mit Gedanken, wenn man sie aus einer Sprache in die andere wirklich übersetzt, zu übersetzen versucht, der wird begreifen können, daß gewissermaßen etwas — nun, ich will es hypothetisch sagen — wie Absicht darinnen liegen konnte, nicht den griechischen Aristoteles zu nehmen, sondern den Aristoteles, der den Weg über das Syrische ins Arabische genommen hat. Und da kam denn durch die Übersetzung des Aristoteles eine Grundlage zustande, in der die aristotelischen Begriffe in dem Lichte der arabischen Seele, wie sie damals war, erschienen, dieser merkwürdigen Seele der Araber, wie sie damals war, wo schärfstes Denken verbunden war mit einer gewissen Phantastik, welche aber in logischen Bahnen verlief und bis zum Schauen sich erhob. Und nun, im Lichte dieser eigentümlichen Lehre, dieser eigentümlichen Anschauung entwickelte sich zu Gondishapur eine gewaltige Weltanschauung. Zu Gondishapur war es, wo im 7. Jahrhundert das geschah, was ich angedeutet habe.

[ 9 ] Even among philosophers, little is actually said about this academy of scholars in Gondishapur. But without understanding the nature of the Gondishapur Academy—founded by the remnants of the ancient scholars—one cannot comprehend the entire development of modern humanity. For what the sages—who had been expelled by Justinian and Isauricus—had brought with them to Gondishapur from ancient scholarship formed the foundation for an immensely significant body of teaching, which was then imparted to students in Gondishapur in the 7th century. And it was in Gondishapur that Aristotle, the ancient Greek sage, was translated. And the remarkable thing that happened was this: Aristotle—who would otherwise probably have been lost entirely—had first been translated into Syriac in Edessa by the scholars who were later expelled by Isauricus. The Syriac translation was brought to Gondishapur, and there the Syriac Aristotle was translated into Arabic. And this transmission of Aristotle from Greek into Arabic via the detour of Syriac contained something very remarkable. Anyone who gains insight into the changes that occur with ideas when one truly translates them—or attempts to translate them—from one language into another will be able to understand that, in a sense, there could have been something—well, let me put it hypothetically—like an intention behind it: not to take the Greek Aristotle, but rather the Aristotle who had made his way from Syriac into Arabic. And so, through the translation of Aristotle, a foundation was established in which Aristotelian concepts appeared in the light of the Arab soul as it was at that time—this remarkable soul of the Arabs, as it was then, where the sharpest thinking was combined with a certain element of fantasy, which, however, followed logical paths and rose to the level of intuition. And now, in the light of this unique teaching, this unique perspective, a powerful worldview developed at Gondishapur. It was at Gondishapur that, in the 7th century, what I have alluded to took place.

[ 10 ] Was ich angedeutet habe, ist nicht ein phantastisches Ereignis, es ist nicht einmal etwas, was ganz und gar nicht auf der Erde war; sondern zu Gondishapur wurde schon gelehrt dasjenige, wovon ich gestern gesprochen habe: dasjenige, was — aufgefaßt in seiner Wesenheit — der größte Gegensatz, der denkbar größte Gegensatz ist gegenüber dem, was aus dem Ereignis von Golgatha sich entwickelt hat. Und es war ein gewisses Bestreben bei den Weisen von Gondishapur. Dieses Bestreben war — und es war genau das, was ich gestern erzählte und vorhin andeutete — eine umfassende Wissenschaft, die hätte ersetzen sollen die Anstrengungen der Bewußtseinsseele, die aber den Menschen zum bloßen Erdenmenschen gemacht hätte, ihn abgeschlossen hätte von seiner wirklichen Zukunft, der Hineinentwickelung in die geistige Welt. Weise Menschen würden entstanden sein, aber materialistisch denkende Menschen, reine Erdenmenschen. Tief hinein hätten sie sehen können auch in das geistige Irdische, in das Übersinnlich-Irdische; aber abgeschnitten gewesen wären sie gerade von derjenigen Entwickelung, die dem Menschen zugedacht ist von seinen Schöpfern mit dem Geistselbst, Lebensgeist und Geistesmenschen. Und wer eine Ahnung hat von der Weisheit von Gondishapur, der wird sie zwar halten für eine der Menschheit im höchsten Sinne gefährliche, aber er wird sie zu gleicher Zeit halten für ein ungeheueres Phänomen. Und die Absicht bestand, nicht nur die Umgegend, sondern die ganze damals bekannte zivilisierte Welt, nach Asien und Europa überall hin, mit dieser Gelehrsamkeit zu überschwemmen.

[ 10 ] What I have alluded to is not a fantastical event; it is not even something that took place entirely outside of Earth. Rather, what I spoke of yesterday was already being taught in Gondishapur: that which—understood in its essence—is the greatest antithesis, the greatest conceivable antithesis to what developed out of the event at Golgotha. And there was a certain endeavor among the sages of Gondishapur. This striving was—and it was precisely what I described yesterday and hinted at earlier—a comprehensive science that was intended to replace the efforts of the conscious soul, but which would have reduced human beings to mere earthly beings, cutting them off from their true future: their development into the spiritual world. Wise people would have emerged, but they would have been materialistically minded, purely earthly human beings. They would have been able to see deeply into the spiritual-earthly realm, into the supersensible-earthly realm; but they would have been cut off precisely from the very development intended for humanity by its creators through the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human being. And anyone who has even a faint inkling of the wisdom of Gondishapur will certainly regard it as dangerous to humanity in the highest sense, yet at the same time will consider it a tremendous phenomenon. And the intention was to flood not only the surrounding region but the entire civilized world known at that time—everywhere, from Asia to Europe—with this scholarship.

[ 11 ] Die Ansätze waren dazu auch gemacht. Aber es wurde abgestumpft dasjenige, was von Gondishapur ausgehen sollte, gewissermaßen zurückgehalten von retardierenden geistigen Kräften, die doch zusammenhingen, wenn sie auch wiederum eine Art von Gegensatz bilden, mit dem, was durch den Christus-Impuls beeinflußt war. Es wurde abgestumpft dasjenige, was von Gondishapur ausgehen sollte, zunächst durch das Auftreten Mohammeds. Indem Mohammed eine phantastische Religionslehre verbreitete, vor allen Dingen über diejenigen Gegenden, über die man verbreiten wollte die gnostische Weisheit von Gondishapur, nahm er sozusagen dieser gnostischen Weisheit von Gondishapur das Feld weg. Er schöpfte sozusagen den Rahm weg, und dann segelte dasjenige nach, was von Gondishapur kam, und konnte nun nicht durch dasjenige durch, was Mohammed getan hatte. Das ist gewissermaßen die Weisheit in der Weltgeschichte; man kennt auch den Mohammedanismus erst richtig, wenn man zu den andern Dingen noch weiß, daß der Mohammedanismus dazu bestimmt war, die gnostische Weisheit von Gondishapur abzustumpfen, ihr die eigentliche, stark ahrimanisch versucherische Kraft, die sie auf die Menschheit sonst ausgeübt hätte, zu nehmen.

[ 11 ] The groundwork had been laid for this as well. But what was to emanate from Gondishapur was blunted, held back, as it were, by retarding spiritual forces that were nevertheless connected—even though they also formed a kind of contrast—to that which was influenced by the Christ impulse. What was to emanate from Gondishapur was blunted, initially by the appearance of Muhammad. By spreading a fantastical religious doctrine—especially in those regions where the Gnostic wisdom of Gondishapur was intended to be disseminated—Muhammad, so to speak, cut off the ground beneath this Gnostic wisdom of Gondishapur. He skimmed off the cream, so to speak, and then what came from Gondishapur followed in its wake, but could no longer make headway because of what Muhammad had done. This is, in a sense, the wisdom of world history; one can only truly understand Islam when one also knows, in addition to other factors, that Islam was destined to blunt the Gnostic wisdom of Gondishapur, to deprive it of the very, strongly Ahrimanic, tempting power that it would otherwise have exerted upon humanity.

[ 12 ] Nun, ganz verschwunden aber ist nicht diese Weisheit von Gondishapur. Man muß allerdings sorgfältig die Entwickelung der Menschheit seit dem 7. Jahrhundert bis in unsere Zeiten herein verfolgen, wenn man verstehen will, was im Zusammenhange mit der gnostischen Bewegung von Gondishapur geschehen ist. Das ist nicht erreicht worden, was der große Lehrer, dessen Name unbekannt geblieben ist, der aber der größte Gegner des Christus Jesus war, was der in Gondishapur den Schülern beigebracht hat, aber etwas anderes ist doch erreicht worden. Nur muß man, um es zu erkennen, sorgfältige Studien machen. Man kann die Frage aufwerfen: Wodurch ist denn eigentlich die gegenwärtige Naturwissenschaft zustande gekommen, diese eigentümliche naturwissenschaftliche Denkweise? Das, was ich jetzt sage, ist sogar sorgfältigen Historikern nicht unbekannt. Diese gegenwärtige naturwissenschaftliche Denkweise, wie ich sie Ihnen gestern wiederum charakterisiert habe, sie ist nicht dadurch zustande gekommen, daß sich irgend etwas aus dem Christentum in gerader Linie entwickelt hat; nein, die gegenwärtige naturwissenschaftliche Denkweise hat sozusagen mit dem Christentum als solchem in Wirklichkeit nichts zu tun. Man kann Schritt für Schritt, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verfolgen, wie, zwar abgestumpft, die gnostische Gondishapur-Weisheit über Südeuropa und Afrika nach Spanien, nach Frankreich, nach England sich hineinverbreitet hat und dann über den Kontinent, gerade auch auf dem Umwege durch die Klöster, kann verfolgen, wie das Übersinnliche herausgetrieben und nur das Sinnliche zurückbehalten wird, sozusagen die Tendenz, die Intention zurückbehalten wird; und es entsteht aus der Abstumpfung der gnostischen Weisheit von Gondishapur das abendländische naturwissenschaftliche Denken.

[ 12 ] Well, this wisdom of Gondishapur has not disappeared entirely. However, one must carefully trace the development of humanity from the 7th century down to the present day if one wishes to understand what happened in connection with the Gnostic movement of Gondishapur. What the great teacher—whose name has remained unknown, but who was the greatest opponent of Christ Jesus—taught his students in Gondishapur has not been achieved; yet something else has indeed been achieved. One must, however, conduct careful studies to recognize it. One might ask: How, in fact, did modern natural science come about—this peculiar scientific way of thinking? What I am about to say is not unknown even to careful historians. This modern scientific way of thinking, as I characterized it for you again yesterday, did not come about through a direct development from Christianity; no, the modern scientific way of thinking actually has nothing to do with Christianity as such, so to speak. Step by step, decade by decade, one can trace how—albeit in a diluted form—the Gnostic wisdom of Ctesiphon spread across Southern Europe and Africa to Spain, France, and England, and then across the continent, especially through the detour via the monasteries, one can trace how the supersensible was driven out and only the sensible was retained—so to speak, the tendency, the intention, was retained; and from the dulling of the Gnostic wisdom of Gondishapur, Western scientific thinking arose.

[ 13 ] Besonders interessant ist es, den Roger Bacon nach dieser Richtung zu studieren, nicht Baco von Verulam, sondern Roger Bacon, der zeigt, trotzdem er Mönch ist — aber ein von seinen Kollegen nicht sehr angesehener Mönch —, wie in ihn eingeflossen ist die gnostische Weisheit von Gondishapur. So wenig kennen die Menschen heute die Quellen desjenigen, was in ihren Seelen wirkt, daß man glaubt, vorurteilsloses naturwissenschaftliches Denken zu haben, während dieses vorurteilslose naturwissenschaftliche Denken in Wahrheit aus der Akademie von Gondishapur heraus entstanden ist.

[ 13 ] It is particularly interesting to study Roger Bacon from this perspective—not Bacon of Verulam, but Roger Bacon, who demonstrates, despite being a monk—albeit one not highly regarded by his colleagues—how the Gnostic wisdom of Gondishapur has influenced him. People today know so little about the sources of what is at work in their souls that they believe they possess unbiased scientific thinking, whereas this unbiased scientific thinking actually originated in the Academy of Gondishapur.

[ 14 ] So ist es also nicht, daß dasjenige, was man herausholt aus dem geistigen Schauen, nicht nachgewiesen werden könnte; man muß nur die richtigen Wege einschlagen, um auch im äußeren Erfahrungsleben aufzuzeigen, wie das sich wirklich zugetragen hat, was aus dem Geistigen herausgeholt wird. Gerade solche Betrachtungen werden für die allernächste Zukunft der Menschheit von ungeheurer Bedeutung sein. Denn wenn die Menschheit aus der heutigen Verwirrung, der Verwirrung der letzten Jahre einen Weg finden will, so wird sie sich orientieren müssen über ihre Vergangenheit. Daß die Menschen heute die Veranlagung haben, alles sozusagen in naturwissenschaftlicher Orientierung zu schauen, das hat mit dem Christentum als solchem unmittelbar nichts zu tun, sondern das ist das Ergebnis aus den Voraussetzungen heraus, die ich charakterisiert habe. So daß wir in der abendländischen Kulturentwickelung wirklich diese zwei Kräfte haben, diese zwei Strömungen: auf der einen Seite die christliche Strömung, auf der andern Seite dasjenige, was so tief beeinflußt hat das abendländische Denken, und was man studieren kann, gerade wenn man mittelalterliches Geistesleben studiert.

[ 14 ] It is not, then, the case that what is derived from spiritual vision cannot be proven; one must simply follow the right paths to demonstrate, even within the realm of external experience, how what is derived from the spiritual realm actually came to pass. It is precisely such reflections that will be of immense importance for humanity’s immediate future. For if humanity wishes to find a way out of today’s confusion—the confusion of recent years—it will have to orient itself through its past. The fact that people today have a tendency to view everything, so to speak, from a scientific perspective has nothing to do directly with Christianity as such; rather, it is the result of the conditions I have described. Thus, in the development of Western culture, we truly have these two forces, these two currents: on the one hand, the Christian current; on the other, that which has so profoundly influenced Western thought—and which can be studied precisely when one studies medieval intellectual life.

[ 15 ] Dieses mittelalterliche Geistesleben, es wird recht einseitig studiert. Gehen Sie aber einmal hin und sehen Sie sich die Bilder an, die die Maler gemalt haben über die Art und Weise, wie sich die mittelalterlichen Scholastiker gegen die arabischen Philosophen benehmen. Sehen Sie, wie da im Sinne der abendländischen christlichen Tradition der Scholastiker dargestellt wird, der mit seiner christlichen Lehre dasteht und mit dieser christlichen Lehre die Veranstaltung macht, die es ihm ermöglicht, diese arabischen Gelehrten unter seine Füße zu treten, immer wieder und wiederum dieses leidenschaftliche Motiv: mit der Kraft Christi die arabischen Gelehrten unter die Füße zu treten! Sehen Sie es auf den Bildern, die aus der christlichen Tradition des Abendlandes heraus entstanden sind, und begreifen Sie dann, daß in diesen Bildern alle Leidenschaft des Mittelalters lebt, das Christliche demjenigen entgegenzustellen, was hervorgegangen ist ursprünglich aus der Gegnerschaft gegen den Christus von der Akademie von Gondishapur aus, über die arabische Gelehrsamkeit herüber nach Europa. Und es erscheint dem, der die Zusammenhänge kennt, noch bei Maimonides-Rambam, bei Avicenna, überall erscheint der Nachklang desjenigen, was ich Ihnen dargestellt habe. Denken Sie doch, der Mensch war dazu bestimmt, und das Mysterium von Golgatha sollte ihm dazu helfen, aus seiner Persönlichkeit heraus die Bewußtseinsseele zu finden, um dann weiter aufzusteigen zu Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch. Da sollte er aber, von genialer gnostischer Gelehrsamkeit aus, unmittelbar durch Offenbarung etwas bekommen, ohne daß seine Bewußtseinsseele vom 15. Jahrhundert an sich zu entwickeln brauchte; wie eine Offenbarung aus der Genialität heraus sollte er da bekommen alles das, was er sonst in eigener persönlicher Tüchtigkeit hätte dann finden müssen im Zusammenhange mit den für ihn bestimmten, ihn bestimmenden göttlich-geistigen Wesenheiten, zu denen eben der Christus Jesus auch gehört.

[ 15 ] This medieval intellectual life is studied in a rather one-sided way. But go and take a look at the paintings that depict how medieval scholastics behaved toward the Arab philosophers. See how, in the spirit of the Western Christian tradition, the scholastic is depicted standing there with his Christian doctrine, using this Christian doctrine to stage the event that enables him to trample these Arab scholars underfoot—time and again, this passionate motif: to trample the Arab scholars underfoot with the power of Christ! See it in the images that emerged from the Christian tradition of the West, and then understand that these images embody all the passion of the Middle Ages to set Christianity against that which originally arose from opposition to Christ—from the Academy of Gundishapur, through Arab scholarship, and on to Europe. And to those who understand the context, even in Maimonides (Rambam) and Avicenna, the echoes of what I have described to you are evident everywhere. Just consider: human beings were destined for this, and the Mystery of Golgotha was meant to help them find the soul of consciousness within their own personality, so that they might then ascend further to the spiritual self, the spirit of life, and the spiritual human being. But there, drawing on brilliant Gnostic scholarship, he was to receive something directly through revelation, without his soul of consciousness having to develop on its own from the 15th century onward; like a revelation born of genius, he was to receive everything there that he would otherwise have had to find through his own personal efforts in connection with the divine-spiritual beings destined for him and determining him—among whom Christ Jesus also belongs.

[ 16 ] Danach richteten sich auch die Gedanken noch bei denen, welche, schon ganz abgestumpft, die gnostische Weisheit von Gondishapur hatten wie Averroes. Wer begreift denn eigentlich, wenn er jene törichten Notizen ohne Zusammenhang, die man heute über Averroesin den Lehrbüchern findet, liest, warum Averroes, der spanisch-arabische Gelehrte, sagte: Wenn der Mensch stirbt, so fließt nur die Substanz seiner Seele in die allgemeine Geistigkeit aus; der Mensch hat keine persönliche Individualität, sondern alles, was Seele ist in dem einzelnen Menschen, ist nur Spiegelung der einen All-Seele? — Warum sagte Averroes dies? Weil das ein Zweig ist der Weisheit von Gondishapur, die den Leuten klargemacht hat, nicht daß jeder einzelne die Bewußtseinsseele entwickeln soll, sondern daß ihnen die BewußtseinsseelenWeisheit als eine Offenbarung von oben herunter zukommen sollte. Dann wäre sie eine ahrimanische Offenbarung gewesen; aber es wäre tatsächlich mit der Menschheit so geworden, daß der Inhalt der Bewußtseinsseele ein monistischer geworden wäre, und die einzelnen Bewußtseine im Grunde genommen nur Schein geworden wären. Alle Dinge hellen sich auf, die in der abendländischen Kulturentwickelung leben, wenn man die Dinge geistig betrachtet. Nun müssen wir uns immer wieder und wiederum fragen, erstens: Wie kann diese Entwickelung zur Bewußtseinsseele hin stattfinden? Sie muß ja stattfinden. Zweitens: Was hindert den Menschen heute daran, zur Geisteswissenschaft sich zu wenden, die ihm allein den Weg weisen kann zur Bewußtseinsseele?

[ 16 ] Even those who, already quite jaded, had embraced the Gnostic wisdom of Gondishapur—such as Averroes—still based their thinking on this. Who, when reading those foolish, disjointed notes about Averroes found in today’s textbooks, can actually understand why Averroes, the Spanish-Arab scholar, said: When a person dies, only the substance of his soul flows into the universal spirit; that human beings have no personal individuality, but rather that everything that constitutes the soul in the individual human being is merely a reflection of the one Universal Soul?” — Why did Averroes say this? Because this is a branch of the wisdom of Gondishapur, which made it clear to people not that each individual should develop the consciousness-soul, but that the wisdom of the consciousness-soul should descend upon them as a revelation from above. Then it would have been an Ahrimanic revelation; but it would indeed have turned out for humanity that the content of the soul of consciousness would have become monistic, and the individual consciousnesses would, in essence, have become mere illusions. All things that exist within the development of Western culture become clearer when viewed from a spiritual perspective. Now we must ask ourselves again and again, first: How can this development toward the soul of consciousness take place? It must, after all, take place. Second: What prevents people today from turning to spiritual science, which alone can show them the way to the soul of consciousness?

[ 17 ] Nun, ich habe Ihnen gestern ausgeführt: Das Naturwissen, auf das die heutige Menschheit besonders stolz ist, dieses Naturwissen führt eigentlich zu Vorstellungen, die nicht die Natur wiedergeben, sondern die eigentlich ein Gespenst enthalten. Dasjenige, was die Menschen wissen über die Natur, das ist nicht Naturwahrheit, das ist ein Gespenst, verhält sich zu der vollwertigen Natur, wie eben ein Gespenst zu einer vollwertigen Wirklichkeit sich verhält. Die Naturforscher wissen nur nicht, daß ihr Wissen ein gespenstisches ist, daß dasjenige, was sie vom Menschen wissen, nicht vom Homo ist, sondern vom Homunkulus. Nun wird der Fortgang der Entwickelung der Menschheit, der mit dem Charakter, den er jetzt hat, im 15. Jahrhundert begonnen hat und bis zum Ende des 3. Jahrtausends gehen wird, so sein, daß immer mehr und mehr der Mensch wird einsehen müssen, was er erringt mit so etwas wie zum Beispiel der Naturerkenntnis, wie er sich der Wirklichkeit nähert mit dieser Naturerkenntnis. Der Mensch wird nach Erkenntnis streben müssen, und er wird vermeiden müssen die Hindernisse, die ihm entgegentreten, wenn er sein Erkenntnisstreben entwickelt. Die wichtigsten Hindernisse — wir haben sie von einem gewissen Gesichtspunkte aus schon charakterisiert, wir wollen sie uns wieder vor die Seele rufen — entstehen dadurch, daß im naturwissenschaftlichen Zeitalter, welches ein Kind der Akademie von Gondishapur ist, der Mensch eben nur ein gespenstisches Wissen erlangt, weil er sich über die Natur Vorstellungen macht, aus denen das Geistige heraus ist. Und wir können fragen: Warum tut denn der Mensch unseres Zeitalters dieses? Denn dann werden wir eine Vorstellung bekommen von dem, was der Mensch zu überwinden hat. Warum will denn der Mensch unbewußt ein gespenstisches Naturwissen haben und ist noch so stolz und übermütig in diesem gespenstischen Naturwissen? Warum?

[ 17 ] Well, I explained to you yesterday: The knowledge of nature of which humanity today is particularly proud—this knowledge of nature actually leads to ideas that do not reflect nature, but rather contain a phantom. What people know about nature is not the truth of nature; it is a phantom, and it relates to true nature just as a phantom relates to true reality. Natural scientists simply do not realize that their knowledge is phantom-like, that what they know about human beings is not about Homo sapiens, but about the homunculus. Now, the course of human development—which, in its present form, began in the 15th century and will continue until the end of the third millennium—will be such that human beings will increasingly have to realize what they achieve through, for example, knowledge of nature, and how they approach reality through this knowledge of nature. Humanity will have to strive for knowledge, and it will have to avoid the obstacles that stand in its way as it develops this quest for knowledge. The most significant obstacles—we have already characterized them from a certain perspective, and we wish to bring them to mind once more—arise from the fact that in the age of natural science, which is a child of the Academy of Gondishapur, human beings acquire only a ghostly form of knowledge, because they form concepts of nature from which the spiritual has been stripped away. And we may ask: Why does the human being of our age do this? For then we will gain an understanding of what the human being must overcome. Why does the human being unconsciously seek a ghostly knowledge of nature and remain so proud and arrogant in this ghostly knowledge of nature? Why?

[ 18 ] Nun, in dem Augenblicke, wo man erkennt, voll erkennt, daß dieses Naturwissen nur ein Gespenst von der Natur gibt, fühlt man sich auch veranlaßt, an die wahre Wirklichkeit heranzudringen, die hinter dem Gespenst ist. Man will dann die Wirklichkeit der Natur haben. Man könnte unsere naturwissenschaftliche Weltanschauung nämlich auch von der folgenden Seite aus charakterisieren. Man könnte sagen: Diese naturwissenschaftliche Weltanschauung kommt zu gespenstischen Vorstellungen, beruhigt sich bei ihnen, weil sie sich dem Glauben hingibt, damit hätte sie Vorstellungen über die wirkliche Natur, und dann erfindet sie allerlei Begriffe — die Atome, Moleküle und so weiter, welche, wie Sie wissen, ja durchaus nicht vorhanden sind, sondern nur erfunden sind —, erfindet allerlei Gesetze, wie Erhaltung der Kraft, Erhaltung des Stoffes, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sie sucht alles mögliche Hypothetische hinter dem, was es nicht gibt, hinter dem, was sie nach Naturgesetzen als gespenstisch vorstellt. Warum tut sie das? Ja, weil die schon erwähnte geheime Furcht in den Untergründen der Seele sich sogleich geltend macht; nur weiß der Mensch von dieser Furcht nichts, weil es eine unbewußte Furcht ist. Ich könnte es auch Feigheit nennen. Denn was würde geschehen, wenn der Mensch sich mutig gestehen würde: Du willst doch einen Begriff von der Natur, nicht ein Naturgespenst, du mußt also zur Wirklichkeit vordringen? — Dann findet man nicht Atome, dann findet man nicht Moleküle, nicht Ostwaldsche, Haeckelsche Begriffe, dann findet man den Ahriman und seine Scharen! Dann wird die Sache geistig. Derjenige, der wirklich durch wahre Naturwissenschaft zu der Realität vordringt, der findet den Ahriman. Davor fürchten sich aber die Menschen, denn sie glauben in den Abgrund zu stürzen, wenn sie dort, wo sie bloß den Stoff suchen, der in Wahrheit nicht da ist, den Geist finden. Denn zunächst zeigt sich der Geist, den man nicht anbeten kann, sondern vor dem man sich schützen muß, über den man zur vollen Klarheit kommen muß.

[ 18 ] Well, the moment one recognizes—fully recognizes—that this scientific knowledge of nature is merely a phantom of nature, one also feels compelled to penetrate to the true reality that lies behind the phantom. One then seeks the reality of nature. One could, in fact, also characterize our scientific worldview from the following perspective. One could say: This scientific worldview arrives at phantom-like conceptions, finds comfort in them because it succumbs to the belief that it thereby possesses conceptions of real nature, and then invents all sorts of concepts—atoms, molecules, and so on—which, as you know, do not actually exist at all but are merely invented—and invents all sorts of laws, such as the conservation of energy and the conservation of matter, which do not exist in reality. It seeks all manner of hypothetical explanations behind what does not exist, behind what it conceives of as phantom-like according to the laws of nature. Why does it do this? Well, because the secret fear I mentioned earlier, lurking in the depths of the soul, immediately asserts itself; only, people know nothing of this fear, because it is an unconscious fear. I could also call it cowardice. For what would happen if a person were to courageously admit to themselves: “You want a concept of nature, not a specter of nature; therefore, you must penetrate to reality”? — Then one would not find atoms, nor molecules, nor the concepts of Ostwald or Haeckel; instead, one would find Ahriman and his hosts! Then the matter becomes spiritual. The one who truly penetrates to reality through genuine natural science finds Ahriman. But people fear this, for they believe they will plunge into the abyss if, where they seek only matter—which in truth is not there—they find the spirit. For at first, the spirit reveals itself—a spirit one cannot worship, but from which one must protect oneself, and through which one must attain full clarity.

[ 19 ] Wahrhaftig nicht aus einem Willkürakt heraus ist in unserer Gruppe drüben der Christus mit Ahriman und Luzifer zusammengestellt, sondern deshalb ist er da zusammengestellt, weil das mit den tiefsten Lebensfragen unseres Zeitalters zusammenhängt, und weil die Dinge der Menschheit bekannt werden müssen, um die es sich dabei handelt. Unser Naturwissen ist ein gespenstisches, muß ein gespenstisches sein, solange man nicht den Mut hat, das Geistige zu suchen; aber da findet man Ahriman. Und unser Seelenwissen liefert uns nicht die wahre Seele, sondern nur ein Bild der Seele. Im Grunde genommen ist das, was heute als Psychologie auf den Akademien und Universitäten gelehrt wird, dasjenige, was nur ein Bild der Seele gibt. Und dieses Bild blendet über die Wirklichkeit, denn würde man auf demselben Wege, auf dem dies Bild zustande kommt, weiterforschen, dann würde sich Luzifer zeigen. Das ist das nächste Geistige, das man dann finden würde.

[ 19 ] It is certainly not by some arbitrary act that Christ has been placed alongside Ahriman and Lucifer in our group over there; rather, he has been placed there because this is connected to the deepest questions of life in our age, and because the matters at stake here must be made known to humanity. Our knowledge of nature is a ghostly one—it must be a ghostly one—as long as we lack the courage to seek the spiritual; but there we find Ahriman. And our knowledge of the soul does not provide us with the true soul, but only an image of the soul. Essentially, what is taught today as psychology in colleges and universities is precisely that which provides only an image of the soul. And this image obscures reality, for if one were to continue researching along the same path by which this image comes into being, then Lucifer would reveal himself. That is the next spiritual reality one would then encounter.

[ 20 ] Ja, wer wirklich eindringen kann durch das auch historisch Abgestumpfte, das heute noch da ist von dem, was in Gondishapur begründet werden sollte, der wird finden, daß diese Methode zu sehr genauen Kenntnissen führt über Luzifer und Ahriman. Aber sie sollte eben nur zu Luzifer und Ahriman führen, nicht zu der Führung der Menschheit durch den Christus Jesus.

[ 20 ] Yes, anyone who can truly penetrate even the historically dulled remnants that still exist today of what was to be established in Gondishapur will find that this method leads to very precise knowledge about Lucifer and Ahriman. But it was meant to lead only to Lucifer and Ahriman, not to the guidance of humanity through Christ Jesus.

[ 21 ] Das ist etwas, was gefühlt worden ist bei den Scholastikern des Mittelalters, welche die arabischen Gelehrten unter die Füße haben treten wollen und sich immer in dieser Situation geschaut haben, was gefühlt worden ist, weil es zusammenhängt mit tiefsten Entwickelungsimpulsen der Menschheit. Dasjenige, was gewissermaßen, statt daß der Mensch es selbst erringen soll im Laufe der Jahrhunderte, dem Menschen hätte geoffenbart werden sollen durch ahrimanische Vermittlung, das würde eine höchst gefährliche Weisheit gewesen sein. Die Menschheit ist auf dem Wege, diese Weisheit, die sich auf drei Dinge bezieht, durch die Bewußtseinsseele zu erringen; aber damals, im 7. Jahrhundert, sollte es auf dem Wege in die Menschheit kommen, den ich angedeutet habe. Auf drei Dinge bezieht sich diese Weisheit; nicht ist es eine Weisheit, welche die Menschheit nicht erringen soll, aber die sie erringen soll unter der Führung des Christus-Impulses. Die drei Dinge, auf die sich diese Weisheit bezieht, sind: Erstens die Natur von Geburt und Tod. Wir haben viel über diese Dinge gesprochen, und Sie wissen aus der Art, wie wir über Geburt und Tod gesprochen haben, daß Geburt und Tod beim Menschen nur durch übersinnliche Erkenntnisse zu bemeistern sind. Indem der Mensch geboren wird und indem der Mensch stirbt, scheint das Übersinnliche herein in das Sinnliche. Geburt und Tod bleiben Rätsel für den, der sie nur äußerlich-sinnlich begreifen würde, denn sie sind nicht sinnliche Erscheinungen. Die sinnliche Erscheinung bei Geburt und Tod ist eine unwahre; in Wahrheit sind es übersinnliche Ereignisse. Aber wenn man versucht, übersinnlich in wirklicher Beobachtung die Geheimnisse von Geburt und Tod zu erforschen, dann stellen sich für die Erkenntnis gewisse Begleiterscheinungen ein. Dann stellt sich vor allen Dingen die Begleiterscheinung ein, daß man erkennt: So, wie man hier in der Sinneswelt lebt, so hat man nur ein scheinbares seelisches Leben. Gegen diese Wahrheit hat man sich im Abendlande durch Jahrhunderte gesträubt. Sie können das Sträuben verfolgen in meinem Buche «Vom Menschenrätsel»; gleich im Anfange spreche ich davon. Nur mußte ich mich vorsichtiger ausdrücken, weil man ja der äußeren Welt diese Dinge heute noch nicht hingeben kann; sie findet es noch paradox. Aber Sie wissen ja, es geht durch die ganze abendländische Welt dasjenige, was Cartesins formuliert hat, was aber auf den Augustinus noch zurückgeführt wird, der Satz: Cogito ergo sum — Ich denke, also bin ich. — Die Menschen glaubten, im Denken die Realität der Seele zu erhaschen. Der Satz müßte anders lauten, wenn man die Wahrheit des in der Sinneswelt lebenden Menschen hinstellen wollte. Man müßte sagen: Ich denke, also bin ich nicht! — Denn in dem Augenblicke, wo wir anfangen, bloß zu denken, wo wir nur innerliches Denken entwickeln, sind wir nicht mehr. Was ist da in uns? Da ist allerdings eine sehr komplizierte Erscheinung, aber das wird uns heute und morgen klarwerden.

[ 21 ] This is something that was sensed by the medieval scholastics, who sought to trample the Arab scholars underfoot and always saw themselves in this situation—a feeling that arose because it is connected to the deepest evolutionary impulses of humanity. That which, so to speak, instead of being attained by human beings themselves over the course of centuries, was to have been revealed to them through Ahrimanic mediation—that would have been an exceedingly dangerous form of wisdom. Humanity is on the path to attaining this wisdom—which relates to three things—through the consciousness soul; but back then, in the 7th century, it was to come to humanity in the way I have indicated. This wisdom relates to three things; it is not a wisdom that humanity is not meant to attain, but one that it is meant to attain under the guidance of the Christ impulse. The three things to which this wisdom relates are: First, the nature of birth and death. We have spoken at length about these matters, and you know from the way we have spoken about birth and death that birth and death in human beings can only be mastered through supersensible knowledge. When a human being is born and when a human being dies, the supersensible seems to enter into the sensible. Birth and death remain mysteries to those who would seek to understand them solely through external, sensory means, for they are not sensory phenomena. The sensory appearance of birth and death is a false one; in truth, they are supersensible events. But when one attempts to explore the mysteries of birth and death through genuine supersensible observation, certain accompanying phenomena arise in the process of understanding. Above all, one comes to realize that, just as one lives here in the sensory world, one has only an apparent spiritual life. For centuries, the West has resisted this truth. You can trace this resistance in my book *The Riddle of Man*; I speak of it right at the beginning. I simply had to express myself more cautiously, because these things cannot yet be revealed to the outer world; it still finds them paradoxical. But as you know, the entire Western world is permeated by what Descartes formulated—though it is traced back to Augustine—the statement: *Cogito ergo sum*—“I think, therefore I am.” People believed they could grasp the reality of the soul through thinking. The statement would have to be phrased differently if one were to present the truth about human beings living in the sensory world. One would have to say: I think, therefore I am not! — For at the very moment we begin to think alone, when we develop only inner thought, we no longer exist. What is there within us? There is, indeed, a very complex phenomenon, but that will become clear to us today and tomorrow.

AltNameAltName

[ 22 ] Nehmen wir an, dies wäre das menschliche Leben und dies wäre, was der Mensch als das vorstellende, als das denkende Wesen in sich erlebt durch das Leben hindurch: dann ist dieses nur ein Scheingebilde, es geht eigentlich wie eine hohle Röhre von Geburt bis zum Tode (siehe Zeichnung, rot), denn die Wahrheit, die liegt vorher. Vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis, da liegt die Wahrheit; da sind wir wirklich in der geistigen Welt im Übersinnlichen, da sind wir wirklich, und an der Grenze, wo wir in die sinnliche Welt eintreten, da wird nur ein Bild durchgelassen. Wir sind nur ein Bild unseres Lebens vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Die Wahrheit ist gar nicht diese, daß dasjenige, was jetzt lebt, zu Ihnen spricht; wenn ich zu Ihnen spreche, so sind das nur die durchgelassenen Bilder davon. In Wahrheit spricht dasjenige, was in der geistigen Welt war, noch heute. Wir sind nicht ewig dadurch, daß wir dauern, sondern dadurch, daß wir heute noch immer das sind, was wir in Wahrheit vor der Geburt oder Empfängnis waren, was hereinspricht in die Gegenwart. Dadurch, daß wir in unsere Leiblichkeit eingezogen sind, sind wir eigentlich zu einem Scheinbilde unseres Wesens für die Zeit des Erdenlebens geworden. Ich denke, also bin ich nicht — über diese tiefe Wahrheit wollte von Augustinus bis zu Cartesius die Philosophie Finsternis breiten. In dieser Finsternis wird man niemals die Geheimnisse von Geburt und Tod erkunden. Denn man frägt: Wann hat die Seele angefangen? Mit der Geburt. Wann hört sie auf? Mit dem Tode. Man sollte, wenn man die übersinnliche Wahrheit kennt, anders reden: Wann hat die Seele aufgehört, ihr Leben als Seele zu entfalten? Als wir geboren, beziehungsweise empfangen worden sind. Wann wird sie wieder anfangen, ihr Leben als übersinnliches Wesen zu entfalten? Wenn wir sterben werden. — Hier auf Erden unterbrechen wir das, damit nicht dasjenige in unserem Leben allein wirkt, was übersinnlich ist, sondern daß wir die Errungenschaften des Sinnlichen aufnehmen können und mitnehmen können in unserem Gesamtleben. Nicht von einer schwärmerischen Asketik wird gesprochen, sondern selbstverständlich davon, daß das Erdenleben etwas absolut Notwendiges ist für das Gesamtleben des Menschen. Aber dieses Erdenleben ist gerade dadurch so bedeutsam und tritt mit dem Schein der Materialität auf, weil unser eigentliches Menschenleben als übersinnlicher Mensch aufhört, indem wir in das Erdenleben eintreten, und wieder beginnt, indem wir durch den Tod weiterleben.

[ 22 ] Let us assume that this is human life and that this is what the human being, as an imaginative, thinking being, experiences within themselves throughout life: then this is merely an illusion; it actually runs like a hollow tube from birth to death (see drawing, red), for the truth lies before that. Before birth—or let us say before conception—that is where the truth lies; there we are truly in the spiritual world, in the supersensible realm; there we are truly present, and at the threshold where we enter the sensory world, only an image is allowed to pass through. We are merely an image of our life before birth or before conception. The truth is not at all that the being who is now alive is speaking to you; when I speak to you, these are merely the images that have been allowed to pass through. In truth, the being who was in the spiritual world is still speaking today. We are not eternal because we endure, but because we are still today what we truly were before birth or conception—that which speaks into the present. By entering into our physical bodies, we have in fact become a mere reflection of our true being for the duration of our earthly life. “I think, therefore I am not”—philosophy, from Augustine to Descartes, sought to cast darkness over this profound truth. In this darkness, one will never fathom the mysteries of birth and death. For one asks: When did the soul begin? At birth. When does it end? At death. If one knows the transcendent truth, one should speak differently: When did the soul cease to unfold its life as a soul? When we were born—or rather, when we were conceived. When will it begin again to unfold its life as a supersensible being? When we die. — Here on earth, we interrupt this process so that what is supersensible does not act alone in our lives, but so that we can absorb the achievements of the sensible world and carry them forward into our entire life. We are not speaking of some fanciful asceticism, but rather, of course, of the fact that earthly life is absolutely necessary for the entirety of human existence. But this earthly life is precisely so significant—and appears to be material—because our actual human life as a supersensible being ceases when we enter earthly life, and begins again when we live on through death.

[ 23 ] Die Geheimnisse von Geburt und Tod, sie beginnen sich erst zu enthüllen, wenn wir uns als übersinnliches Wesen wissen, und wissen, daß wir nur Bild sind von dem, was wir vor der Geburt waren und nach dem Tode sind als seelisches Wesen. Dann müssen wir aber den Mut haben, darauf hinzuschauen, was in uns ist. Wenn da (siehe Zeichnung) nur eine hohle Röhre ist, nur ein Bild, dann müssen wir den Mut haben, uns zu sagen: Lassen wir uns vom Bilde nicht blenden, sondern stellen wir uns in unserer Erkenntnis Luzifer gegenüber. Erkenntnis zu sammeln, die wirklich ersprießlich ist für das Leben, erfordert Mut, inneren Mut. Das muß immer wieder und wieder betont werden. — Das ist das eine: ein Wissen, das sich bezieht auf Geburt und Tod.

[ 23 ] The mysteries of birth and death begin to reveal themselves only when we recognize ourselves as supersensible beings and realize that we are merely an image of what we were before birth and what we are after death as spiritual beings. But then we must have the courage to look into what lies within us. If there is (see drawing) only a hollow tube, only an image, then we must have the courage to say to ourselves: Let us not be blinded by the image, but let us face Lucifer in our knowledge. Gaining knowledge that is truly fruitful for life requires courage—inner courage. This must be emphasized again and again. — That is one thing: a knowledge that relates to birth and death.

[ 24 ] Das zweite ist ein Wissen, das sich bezieht auf unseren Lebenslauf selber. Dadurch, daß wir unser Verhältnis als Seele zum Leib falsch anschauen, berechtigt falsch anschauen aus den Gründen, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» finden können, dadurch hat der Mensch auch eine falsche Anschauung über seinen Lebensverlauf. Den stellt er auch so vor nach dem Bilde, das ich vor einigen Tagen hier bei Ihnen angeführt habe vom «Vater Rhein». Sie erinnern sich, wie ich das Bild vom Vater Rhein gebraucht habe. Jemand stellt sich hin, schaut von der Brücke in Basel hinunter und sagt: Da sehe ich den alten Rhein. Den alten Rhein — ja, ich frage ihn dann: Was ist denn das, der alte Rhein? Das Wasser, das du da unten fließen siehst, das ist ganz gewiß nicht alt, denn das wird in der nächsten Stunde schon weit unten sein und in ein paar Tagen irgendwo im weiten Meere sein; alt ist es aber ganz sicher nicht. Und dasjenige, wovon du sprichst, das scheint mir nicht die bloße Ausgrabung und Ausbauchung der Erde zu sein zwischen den schweizerischen Bergen und der Nordsee. Also, was ist der Vater Rhein, der alte Rhein, von dem man oftmals spricht? Substantiell ist er gar nichts, es bleibt nichts Substantielles übrig, wenn Sie den Begriff des Vater Rhein nehmen. Ebensowenig bleibt in Wahrheit etwas Substantielles übrig, wenn Sie Ihre eigene Leiblichkeit nehmen. Diese eigene Leiblichkeit ist ein fortgehender Strom: Zerstörung, Wiedererneuerung der Säfte, Zerstörung, Wiedererneuerung der Säfte. Da bleibt nichts übrig als die Form, die ein Ergebnis des Geistes ist, In diese Form ergießt sich immer wiederum hinein dasjenige, was als Substanz erscheint, gießt sich hinein, wird zerstört, gerade just wie das Wasser im Vater Rhein.

[ 24 ] The second is a form of knowledge that relates to the course of our own lives. Because we view our relationship as a soul to the body incorrectly—and I say “incorrectly” for the reasons you can find in my *Outline of Esoteric Science*—human beings also have a false view of the course of their own lives. He also imagines it in the same way as the image I cited here a few days ago—that of “Father Rhine.” You recall how I used the image of Father Rhine. Someone stands there, looks down from the bridge in Basel, and says: “There I see the old Rhine.” The old Rhine—yes, I then ask him: “What exactly is the old Rhine?” The water you see flowing down there is certainly not old, for within the next hour it will already be far downstream, and in a few days it will be somewhere in the vast ocean; but it is certainly not old. And what you are speaking of does not seem to me to be merely the excavation and widening of the earth between the Swiss mountains and the North Sea. So, what is Father Rhine, the Old Rhine, of which people often speak? In substance, he is nothing at all; nothing substantial remains when you take the concept of Father Rhine. Nor, in truth, does anything substantial remain when you take your own physicality. This physicality of your own is a continuous stream: destruction, renewal of the vital fluids, destruction, renewal of the vital fluids. Nothing remains but the form, which is a product of the mind. Into this form, that which appears as substance constantly pours itself anew, pours itself in, is destroyed—just like the water in Father Rhine.

[ 25 ] Durch dasjenige, was in der äußeren Maja, in der Illusion in Wirklichkeit entsteht, schauen wir nicht diesen Fluß von stetiger Auflösung und Wiedererneuerung an, der die Wahrheit ist in bezug auf das äußere sinnliche Leben, sondern wir schauen etwas an, was geboren sein soll, Fleischklumpen ist mit Knochen und Blut gefüllt, was dann größer werden soll, wächst, bis es ganz ausgewachsen ist und dann stehen bleibt bis zum Tode. Das ist ungefähr so vorgestellt, wie wenn wir uns den Vater Rhein als ein Wasserstück — was es natürlich nicht gibt —, aber wie wenn wir uns ein Wasserstück, nicht wahr, von den Schweizer Bergen bis zur Nordsee hin vorstellten und dazu ihn noch extra so vorstellten, daß er dann als ruhiges Wasserstück liegen bleibt in seinem Strombette drinnen; so stellen wir uns diese menschliche Leiblichkeit vor. Während sie in fortwährendem Flusse ist, glauben wir, daß sie irgend etwas Starres ist — man kann es nicht einmal in ein richtiges Wort fassen — zwischen Geburt und Tod. Würden wir uns richtig sehen, dann würden wir uns in fortwährendem Flusse sehen und gar nicht die Idee schöpfen können, daß das etwas zu tun hat mit unserem wahren Wesen, was da in fortwährendem Flusse ist. Würde man dasjenige aber sehen, was da fortwährend als Kräfte dem Auflösungs- und Erneuerungsprozeß zugrunde liegt, dann würde mit dem gegeben sein eine medizinische Wissenschaft, jene geistige medizinische Wissenschaft, die allerdings eine andere Gestalt haben würde, als die heutige medizinische Wissenschaft sie schon hat. Jene medizinische Wissenschaft können Sie nicht etwa danach beurteilen, daß Sie sagen: Nun ja, mit dieser medizinischen Wissenschaft werden also Krankheiten geheilt! — Es werden nicht Krankheiten geheilt, weil es sich nicht darum handeln kann, Krankheiten so zu heilen, wie es die heutigen Menschen haben wollen. Man kann mit wirklicher geistiger medizinischer Wissenschaft nur die gesundenden Kräfte in ihrer Totalität erhalten. Die wahre Heilkunde würde darinnen bestehen, das Leben so einzurichten, daß der Mensch die Kräfte beherrscht, die seine fortwährende Ausscheidung, Auflösung und Wiedererneuerung bewirken. Dann brauchte man keine Apothekerwaren, wenn nicht nur ein einzelner Mensch dies auf seine menschliche Persönlichkeit anzuwenden weiß, sondern mit den andern Menschen zusammen so lebt, daß es Eingang gewinnen könnte in das ganze menschliche Geschlecht. Ich habe das öfters erwähnt. — Das ist das zweite.

[ 25 ] Through that which arises in reality within the outer Maya—within the illusion—we do not behold this flow of constant dissolution and renewal, which is the truth regarding outer sensory life; rather, we behold something that is to be born, a lump of flesh filled with bones and blood, which is then to grow larger, grows until it is fully grown, and then remains that way until death. This is roughly how we imagine it: as if we were to picture the Father Rhine as a body of water—which, of course, does not exist—but as if we were to imagine a body of water, right, stretching from the Swiss mountains to the North Sea, and to imagine it specifically as remaining a calm body of water lying still within its riverbed; that is how we imagine this human physicality. While it is in a state of constant flux, we believe it to be something rigid—one cannot even capture it in a proper word—between birth and death. If we were to see ourselves correctly, we would see ourselves in a state of constant flux and would not be able to conceive of the idea that what is in this constant flux has anything to do with our true being. But if one were to see that which continually underlies the process of dissolution and renewal as forces, then this would give rise to a medical science—that spiritual medical science—which would, of course, take a different form than the medical science we have today. You cannot judge that medical science by saying, “Well, with this medical science, diseases are cured!” — Diseases are not cured, because it cannot be a matter of curing diseases in the way that people today want them to be cured. With true spiritual medical science, one can only preserve the healing forces in their entirety. True medicine would consist in organizing life in such a way that the human being masters the forces that bring about his or her continuous excretion, dissolution, and renewal. Then there would be no need for pharmaceutical products—provided not only that a single individual knows how to apply this to his or her own human personality, but also that he or she lives in such a way with others that it might take root among the entire human race. I have mentioned this often. — That is the second point.

[ 26 ] Das dritte, was mit dieser Erkenntnis verbunden wäre, das ist nun eine wahre Naturwissenschaft. Ja, was ist nun wahre Naturwissenschaft? Ich habe es öfter betont, Geisteswissenschaft bekämpft nicht die Naturwissenschaft, wie sie heute ist, aber sie weiß, daß diese Naturwissenschaft nicht die Naturwirklichkeit gibt, sondern ein Gespenst. Und nicht darauf kommt es an, daß man dieses Gespenst bekämpft. Wir müssen schon nach unseren menschlichen Veranlagungen uns das Gespenst gefallen lassen. Nicht darauf kommt es an, daß man, so wie ich das gestern bei dem Philosophen Richard Wahle erzählt habe, dann ein Gift ersinnt — wenn auch nur ein Gift gegen eine Philosophie, ein philosophisches, kein äußeres Gift —, um alle, die etwa naturwissenschaftlich denken, aus der Welt zu schaffen, sondern darauf kommt es an, daß man gerade herausfindet, in welchem Sinne sie recht haben. Man sollte den Naturwissenschaftern sagen: Wenn ihr behaupten würdet, ihr forscht richtig, so geben wir euch vollständig recht, aber ihr müßt zu gleicher Zeit zugeben: Mit diesem im Sinne des Naturforschens richtigen Forschen kommt ihr nur zu Vorstellungen eines Naturgespenstes, nicht der Naturwirklichkeit. — Das muß man aber durchschauen. Das ist gerade die Aufgabe des Bewußtseinszeitalters, daß man die Dinge in ihrer Wirklichkeit durchschaut.

[ 26 ] The third thing associated with this insight is true natural science. Yes, what, then, is true natural science? I have often emphasized that spiritual science does not oppose natural science as it exists today, but it knows that this natural science does not present natural reality, but rather a phantom. And the point is not to fight this phantom. Given our human nature, we must simply put up with this phantom. What matters is not—as I described yesterday in the case of the philosopher Richard Wahle—devising a poison—even if only a poison against a philosophy, a philosophical poison rather than an external one—to eliminate all those who think in terms of natural science, but rather finding out exactly in what sense they are right. One should say to the natural scientists: If you were to claim that your research is correct, we would agree with you completely, but you must at the same time admit: With this research—which is correct in the sense of natural science—you arrive only at conceptions of a “ghost of nature,” not at the reality of nature. — But one must see through this. That is precisely the task of the Age of Consciousness: to see through things to their reality.

[ 27 ] Nun wird der Naturforscher sagen: Ja, diese und jene Gründe habe ich, mir mein Naturwissen nicht zum Gespenst machen zu lassen! Der Geistesforscher muß einwenden: Aber du tust ganz recht, ein gespenstisches Naturwissen zu haben. Denn wenn du irgendeine Natursubstanz suchst außerhalb des Gespenstes, dann tust du ja unrecht. Du tust nur recht, wenn du hinter dem Gespenst allerlei Ahrimanisches suchst, wenn du Geistiges dahinter suchst. Also du hast recht, wenn du ein gespenstisches Wissen suchst. — Nun, was ich Ihnen gerade über die Leiblichkeit des Menschen gesagt habe, das nimmt schon stark einen gespenstischen Charakter an. Und derjenige, der nun eindringt in die Natur von einem höheren Gesichtspunkte aus, der betrachtet als eine richtige Naturerscheinung, über die er sich nicht täuscht, eine ganz andere als jene, die gewöhnlich als robuste Naturerscheinungen aufgeführt werden. Es ist ja das Eigentümliche — und ich werde über diese Erscheinung noch morgen sprechen —, daß uns die Welt trotzdem überall an irgendwelchen Punkten, ich möchte sagen, mit Fingern auf das Richtige hinweist. Irgendwo findet sich schon ein Hinweis auf das, was das Richtige ist, wenn man wissen will, wie man über die Realität von Naturerscheinungen, die um unsere Sinne herum sind, denken soll. Was soll man denn eigentlich betrachten? Gibt es in der Natur selbst etwas, was uns aufklärt?

[ 27 ] Now the natural scientist will say: Yes, I have these and those reasons for not letting my knowledge of nature become a phantom! The spiritual researcher must object: But you are quite right to have a ghostly knowledge of nature. For if you seek any natural substance outside the ghost, then you are indeed in the wrong. You are only right if you seek all manner of Ahrimanic elements behind the ghost, if you seek the spiritual behind it. So you are right if you seek a ghostly knowledge. — Well, what I have just told you about the physicality of the human being already takes on a strongly ghostly character. And the one who now penetrates into nature from a higher point of view regards as a genuine natural phenomenon—one about which he is under no illusion—something quite different from those usually cited as robust natural phenomena. It is, after all, the peculiar thing—and I will speak about this phenomenon again tomorrow—that the world nevertheless points us everywhere, at certain points, I might say, with its fingers toward what is right. Somewhere there is always a clue as to what is correct, if one wants to know how to think about the reality of natural phenomena that surround our senses. What, then, should one actually observe? Is there something in nature itself that enlightens us?

[ 28 ] Ja, es gibt etwas: zum Beispiel den Regenbogen; der Regenbogen ist so richtig ein Bild von einer Naturerscheinung. Denken Sie — Sie wissen es ja selbst — wenn Sie hinaufkommen würden, wo der Regenbogen ist, Sie könnten da ganz bequem durchgehen, er ist nur durch das Zusammenwirken von gewissen Vorgängen bewirkt. So spektral wie der Regenbogen, so gespenstisch wie der Regenbogen — nur daß man es nicht merkt — sind alle Naturvorgänge; sie sind nicht das, was sie dem Auge oder dem Ohre oder den andern Sinnen sind, sondern sie sind der Zusammenfluß durch andere Vorgänge, die dann geistig sind. Wir treten auf den Boden, glauben dadrunten die Materie; in Wirklichkeit ist es nur dasjenige, was wir als Kraft wahrnehmen, so wie der Regenbogen, und indem wir auf das Feste zu treten glauben, ist es Ahriman, der von unten herauf die Kraft sendet.

[ 28 ] Yes, there is something: for example, the rainbow; the rainbow is truly an image of a natural phenomenon. Think about it—you know this yourself—if you could go up to where the rainbow is, you could walk right through it; it is caused solely by the interplay of certain processes. As spectral as the rainbow, as ghostly as the rainbow—only that we don’t notice it—are all natural processes; they are not what they appear to be to the eye, the ear, or the other senses, but rather they are the convergence of other processes, which are then spiritual. We step onto the ground, believing there is matter beneath it; in reality, it is only that which we perceive as force, just like the rainbow, and as we believe we are stepping onto something solid, it is Ahriman who sends the force up from below.

[ 29 ] Sobald wir über das bloß Spektrale, über das bloße Gespenstische der Naturerscheinungen herauskommen, treffen wir Geistiges. Das heißt, alles Forschen nach der sogenannten groben Materie ist überhaupt ziemlich unsinnig. Wird man einmal aufgeben — und die Menschheit wird es vor dem 4. Jahrtausend tun — das Suchen nach dem Grobsinnlichen als der Natur zugrunde liegend, dann wird man auf etwas ganz anderes kommen, dann wird man überall in der Natur Rhythmen finden, rhythmische Ordnungen. Diese rhythmischen Ordnungen sind vorhanden, nur macht sich die heutige materialistische Wissenschaft über diese rhythmischen Ordnungen in der Regel lustig. Wir haben diese rhythmische Ordnung bildhaft ausgedrückt in unseren sieben Säulen, in der ganzen Konfiguration unseres Baues hier. Aber diese thythmische Ordnung ist in der ganzen Natur vorhanden. Rhythmisch wächst an der Pflanze ein Blatt nach dem andern; rhythmisch sind die Blumenblätter angeordnet, rhythmisch ist alles angeordnet. Rhythmisch tritt das Fieber ein bei einer Krankheit, flutet wieder ab; rhythmisch ist das ganze Leben. Das Durchdringen der Naturrhythmen, das wird wahre Naturwissenschaft sein.

[ 29 ] As soon as we move beyond the merely spectral, the merely ghostly aspects of natural phenomena, we encounter the spiritual. This means that all research into so-called gross matter is, in general, quite nonsensical. Once we give up—and humanity will do so before the 4th millennium—the search for the grossly sensory as the foundation of nature, then we will arrive at something entirely different; then we will find rhythms everywhere in nature, rhythmic orders. These rhythmic orders exist; it is just that today’s materialistic science generally makes fun of them. We have expressed this rhythmic order visually in our seven columns, in the entire configuration of our building here. But this rhythmic order is present throughout nature. Leaves grow rhythmically on a plant, one after another; the petals are arranged rhythmically; everything is arranged rhythmically. Fever sets in rhythmically during an illness and then subsides again; the whole of life is rhythmic. To penetrate the rhythms of nature—that is what true natural science will be.

[ 30 ] Aber durch das Durchdringen der Naturrhythmen kommt man auch zu einer gewissen Benützung der Rhythmik in der Technik. Das ist dann das Ziel der künftigen Technik: durch zusammenstimmende Schwingungen, Schwingungen, die man im Kleinen erregt und die sich dann ins Große übertragen, durch das einfache Zusammenstimmen ungeheuere Arbeit zu verrichten.

[ 30 ] But by delving into the rhythms of nature, one also arrives at a certain application of rhythm in technology. That, then, is the goal of future technology: to accomplish immense work through harmonized vibrations—vibrations that are generated on a small scale and then transmitted to a larger scale—simply by bringing them into harmony.

[ 31 ] Nun werde ich Ihnen morgen des ausführlicheren zeigen, warum es wirklich weisheitsvoll ist von der christlichen Weltordnung, die in diesem Sinne die weisheitsvolle göttliche Weltordnung ist, die Menschheit im Laufe von Jahrhunderten reif werden zu lassen für diese Erkenntnisse, von denen ich jetzt gesprochen habe, während sie die Akademie von Gondishapur dem Menschen einfach hat hinwerfen wollen. Denn die Menschheit muß etwas anderes anstreben, wenn diese Erkenntnisse über sie kommen sollen. Diese Erkenntnisse dürfen nur in die Menschheit hineinkommen, wenn erstens, gleichzeitig mit der Entwickelung nach diesen Erkenntnissen hin, stattfindet in dem breitesten Umfange innerhalb der Menschheit eine vollständig selbstlose soziale Ordnung für den dritten Punkt. Man kann nicht eine rhythmische Technik einrichten, ohne in die Menschheit weiteres Unheil zu bringen, wenn nicht zugleich eine selbstlose soziale Ordnung angestrebt wird. Eine egoistische Menschheit würde nur zu ihrem eigenen Unheil die rhythmische Technik erlangen. Und man kann jene mit der Heilkraft des Menschen identische Kraft, die ich an zweiter Stelle genannt habe, da, wo man Auflösungs- und Wiedererneuerungsprozesse, Ausscheidungs- und Aufnahmeprozesse unter dem Einflusse dieser Kraft sieht, nicht ohne weiteres an die Menschheit ausliefern. Man kann diese Kraft nicht ohne weiteres der Menschheit überliefern — wie ich schon von andern Gesichtspunkten aus sagte —, wenn man nicht gleichzeitig züchtet innerhalb der Menschheit die absolute Gewissenhaftigkeit, die sich nicht nur bezieht auf das Verhalten des Menschen in bezug auf das äußerlich Bemerkbare, sondern auch in bezug auf das äußerlich Unbemerkbare; wenn der Mensch sich nicht nur dasjenige verbietet, was äußerlich sichtbar wird, sondern sich nach einer gewissen Gewissensregel auch das verbietet, was äußerlich nicht sichtbar wird: das Denken, das Fühlen. Denn mit der Erkenntnis dieser Kraft, die verborgen wird dadurch, daß wir unseren Lebensstrom zwischen Geburt und Tod wie einen starren Körper anschauen, mit der Beherrschung dieser Kraft würde man ungeheueres Unheil wiederum anrichten können, wenn sie nicht sich entwickeln würde in dem Lichte der absoluten Gewissenhaftigkeit auch für das Unbemerkbare.

[ 31 ] Tomorrow I will explain to you in greater detail why it is truly wise for the Christian world order—which, in this sense, is the wise divine world order—to allow humanity to mature over the course of centuries for the insights I have just spoken of, whereas the Academy of Gondishapur simply wanted to throw these insights at people. For humanity must strive for something else if these insights are to come to it. These insights may only enter into humanity if, first, simultaneously with the development toward these insights, a completely selfless social order for the third point is established to the broadest extent within humanity. One cannot establish a rhythmic technology without bringing further harm to humanity unless, at the same time, a selfless social order is strived for. A selfish humanity would acquire rhythmic technology only to its own detriment. And one cannot simply hand over to humanity that force—which I mentioned second—that is identical to the healing power of the human being, where one observes processes of dissolution and renewal, processes of elimination and absorption under the influence of this force. One cannot simply hand this power over to humanity—as I have already said from other perspectives—unless, at the same time, one cultivates within humanity an absolute conscientiousness that relates not only to human behavior with regard to what is outwardly observable, but also to what is outwardly unobservable; unless human beings refrain not only from what is outwardly visible, but also, in accordance with a certain moral principle, from what is not outwardly visible: thinking and feeling. For with the recognition of this power—which is concealed by our viewing the flow of our lives between birth and death as a rigid body—and with the mastery of this power, one could once again wreak immense harm, were it not to develop in the light of absolute conscientiousness even toward the imperceptible.

[ 32 ] Und das dritte würde dasjenige sein, was entsprechend ist meinem ersten Punkt, was entspricht der Erkenntnis der Geheimnisse von Geburt und Tod. Ja, diese Geheimnisse von Geburt und Tod, sie setzen in ähnlicher Weise voraus, daß die Menschheit erst einen gewissen Reifezustand durchmacht; denn sie setzen voraus, daß der Mensch sich wirklich bewußt gegenüberstellen kann Ahriman und Luzifer. Und derjenige, der ganz erwägen kann, was unter diesem ersten Punkt gemeint ist, der weiß das Folgende, das ich jetzt zum Schlusse vor Sie hinstellen will; morgen wird es weiter ausgeführt. Er weiß das Folgende: Man kann Naturwissen treiben als bloß gespenstisches Wissen, und nicht wissen, daß es bloß gespenstisches Wissen ist; man kann sich begnügen mit dem, was eine unwahre Erkenntnis ist. Das hilft einem, es hilft einem wirklich, denn man steht dann nicht vor der Gefahr, an Ahriman heranzukommen. Sie können sich den Ahriman unsichtbar machen; aber Sie müssen sich dann Naturerkenntnis bloß im heutigen Sinne, die aber nicht Wahrheit enthält, sammeln.Es ist eine gute Barriere gegen Ahriman, bei der Naturerkenntnis, also auch bei der Unwahrheit, stehenzubleiben. Sie haben nur die Wahl, entweder Wahrheit zu wollen — dann müssen Sie auch Bekanntschaft machen mit dem, was als Ahrimanisch-Übersinnliches in der Welt wirkt — oder Unwahrheit zu haben. Züchten Sie die Unwahrheit, sagen Sie: Das gespenstische Naturwissen gibt die wirkliche Natur —, gut, dann bleiben Sie bei dem, was dem Ahriman recht ist; der will nämlich die Lüge, und er lebt von der Lüge. Und von dieser geheimen Lüge kann er erst recht leben; und nichts ist ihm lieber, als wenn diese Lüge waltet, die in der Anschauung besteht: das gespenstische Naturwissen ist wirkliches Naturwissen.

[ 32 ] And the third would be that which corresponds to my first point, which corresponds to the knowledge of the mysteries of birth and death. Yes, these mysteries of birth and death similarly presuppose that humanity must first pass through a certain stage of maturity; for they presuppose that human beings can truly and consciously confront Ahriman and Lucifer. And whoever can fully consider what is meant by this first point knows the following, which I now wish to present to you in conclusion; tomorrow it will be elaborated further. They know the following: One can pursue knowledge of nature as merely phantom knowledge, without realizing that it is merely phantom knowledge; one can be content with what is false knowledge. This helps one—it truly does help—because one then avoids the danger of coming into contact with Ahriman. You can make Ahriman invisible to yourselves; but you must then limit your study of nature solely to the modern sense of the term—which, however, contains no truth. It is a good barrier against Ahriman to stop at the level of natural knowledge—that is, at the level of untruth. You have only one choice: either to seek truth—in which case you must also become acquainted with what works in the world as the Ahrimanic supersensible—or to embrace untruth. If you cultivate untruth, saying, “This ghostly knowledge of nature reveals the true nature of things”—well, then you are siding with what pleases Ahriman; for he wants the lie, and he thrives on the lie. And he can thrive all the more on this secret lie; and nothing is dearer to him than when this lie prevails, which consists in the view that ghostly natural science is true natural science.

[ 33 ] Und wiederum, ich habe über das gesprochen, was nur ein Schein ist von dem, was im Übersinnlichen ist; ich habe es dargestellt als das durchgelassene Bild. Da hat man auch die Wahl: Entweder man dringt zum Übersinnlichen vor — gut, dann muß man aber auch Auge in Auge, geistig natürlich, dem Luzifer sich gegenüberstellen —, oder man bleibt bei der Unwahrheit und betrachtet den Schein des Seelischen als das Wirkliche. Dann kann man aber niemals Aufschluß gewinnen über Geburt und Tod und über die Unsterblichkeit, denn man betrachtet gar nicht die Seele, die unsterblich ist, sondern bloß ein Bild. Das ist es, was ich heute vorläufig vor Ihre Seele hinstellen möchte. Morgen werden wir an diesen Gedanken anknüpfen.

[ 33 ] And again, I have spoken of what is merely a reflection of what exists in the supersensible realm; I have described it as a filtered image. Here, too, one has a choice: Either one advances into the supersensible realm—well, but then one must also face Lucifer eye to eye, spiritually of course—or one remains with untruth and regards the appearance of the soul as reality. But then one can never gain insight into birth and death and into immortality, for one is not looking at the soul, which is immortal, but merely at an image. That is what I would like to set before your soul for now. Tomorrow we will pick up where we left off with these thoughts.

[ 34 ] Es ist ein wichtiger Gedanke: Der Erdenmensch hat die Wahl in dem heutigen Zeitalter der Bewußtseinsseele, die Wahrheit anzustreben; dann muß er mutig sich dem Geistigen gegenüberstellen. Oder er wählt, das Geistige zu meiden, dann kann er bei der Illusion bleiben, bei der Nichtwahrheit bleiben. Die Akademie von Gondishapur, die wollte dem Menschen ersparen das Streben nach Wahrheit, wollte dem Menschen ersparen die Mühe der Weiterentwickelung, wollte ihm also offenbaren dasjenige, was sie selbst auf ahrimanischem Wege geoffenbart bekommen hat. Die Akademie von Gondishapur, die ihren letzten Schatten, ihr Gespenst in der naturwissenschaftlichen Illusion der Gegenwart hat, diese Akademie von Gondishapur wollte den Menschen zum reinen Erdenmenschen machen. Sie ist in ihren Bestrebungen überwunden worden durch dasjenige, was in die Menschheit schon vor ihrem Entstehen hineingestellt worden ist: durch das Mysterium von Golgatha. Davon dann morgen weiter.

[ 34 ] This is an important thought: In the present age of the conscious soul, the human being on Earth has the choice to strive for the truth; in that case, he must courageously face the spiritual realm. Or he may choose to avoid the spiritual realm, in which case he can remain in illusion, remain in untruth. The Academy of Gondishapur sought to spare humanity the quest for truth, to spare humanity the effort of further development; it thus sought to reveal to humanity that which it itself had received through Ahrimanic means. The Academy of Gondishapur—whose final shadow, its specter, is found in the scientific illusion of the present—this Academy of Gondishapur sought to turn human beings into purely earthly beings. It has been overcome in its endeavors by that which was already placed within humanity before its very inception: by the Mystery of Golgotha. More on this tomorrow.