The Polarity of Duration and Development in Human Life
GA 184
13 October 1918, Dornach
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The Polarity of Duration and Development in Human Life, tr. SOL
Fünfzehnter Vortrag
Fifteenth Lecture
[ 1 ] Wir haben gestern gesehen, wie die Seelenverfassung, der wir zuzusteuern haben im Zeitalter der Bewußtseinsseele, sich gewißermaßen geschichtlich zubereitet hat. Halten wir uns nun klar vor die Seele, wie die äußere Weltsituation in bezug auf diese Dinge ist. Wir können gewissermaßen sagen, das Jahr 333 nach Christi Geburt stellt eine Art von Gleichgewichtszustand dar (siehe Zeichnung S. 300), der deutlich zu vernehmen ist im geschichtlichen Werden, der aber in der äußeren Geschichte wenig zum Vorschein kommt, aus dem einfachen Grunde, weil sich um ihn die Sachen drehen, möchte ich sagen, und der Drehungspunkt eigentlich, auch selbst in mechanischen Bewegungen, als solcher nicht zu dem System gehört, das sich bewegt. Nehmen Sie eine Waage: Sie sehen die Bewegung der Waagschalen, der Waagebalken; doch der Drehungspunkt selbst, der ist etwas Ideelles, der ist etwas, was man nicht sehen kann. Aber er ist das Allerwichtigste, selbstverständlich; er muß vor allen Dingen unterstützt sein. Erfassen müssen wir vor allen Dingen, was in diesem Jahre 333, das so wichtig ist, so unvermerkt geschehen ist für die äußere Welt, wie der Drehungspunkt einer Waage. Nun, dieses Jahr 333 ist eben der Mittelpunkt der vierten nachatlantischen Periode, der Mittelpunkt jener wichtigen Periode, die sich abgespielt hat von 747 vor dem Mysterium von Golgatha, als Rom gegründet worden ist, bis 1413 ungefähr, als der griechisch-lateinische Zeitraum zu Ende ging und jenes Zeitalter begann, das dann bis hinüber zum Ende des 4. Jahrtausends dauern wird, und das unser Zeitraum der Bewußtseinsseele ist. Dieser Mittelpunkt im Jahre 333, der kommt also, wenn man die äußeren Ereignisse betrachtet, so wenig heraus wie der Mittelpunkt der Waage. Allein, mehr könnten wir schon 333 Jahre später zeigen, 666. Das ist das Jahr, von dem wir sagen konnten: Dasjenige, was dann später als die naturwissenschaftliche Denkungsart der Menschheit sich ausgebildet hat, es zeigt sich als vom Mohammedanismus abgestumpfte Unternehmungen der Akademie von Gondishapur. Das haben wir ja gestern versucht zu verfolgen, wie sich eine gewisse Art von Geistes- oder Seelenverfassung der Menschen durch Südeuropa herüber ausbreitete und dann zu jener eigentümlichen wissenschaftlichen Stimmung wird, die wir in der modernen Naturwissenschaft eigentlich noch immer haben, die wir auch in der modernen Denkweise viel, viel verbreitet haben. Das sind also 333 Jahre von jenem Zeitalter an, wo man eigentlich nur noch sozusagen zurückblickte nach der alten Zeit, wenn man so war wie Julian der Abtrünnige. Bis 666 sind 333 Jahre; wenn wir dann zurückgehen, den andern Waagebalken nehmen, also 333 Jahre zurückgehen, haben wir gerade das Mysterium sich vorbereitend durch die Geburt des Christus Jesus.
[ 1 ] Yesterday we saw how the state of the soul toward which we must strive in the Age of the Consciousness Soul has, in a sense, been historically prepared. Let us now clearly hold before our souls what the external world situation is with regard to these matters. We can say, in a sense, that the year 333 A.D. represents a kind of state of equilibrium (see diagram on p. 300), which is clearly discernible in the course of historical development but which appears only rarely in external history, for the simple reason that things revolve around it—I might say— and the pivot point itself—even in mechanical movements—does not, as such, belong to the system that is moving. Take a scale: you see the movement of the pans and the balance beam; but the pivot point itself is something ideal—it is something you cannot see. But it is the most important thing, of course; it must be supported above all else. Above all, we must grasp what happened in this year 333—which is so important—yet went so unnoticed by the outer world, just like the pivot point of a balance. Now, the year 333 is precisely the midpoint of the fourth post-Atlantean period, the midpoint of that important period that spanned from 747 before the Mystery of Golgotha—when Rome was founded—until approximately 1413, when the Greco-Latin era came to an end and that age began which will then last on through to the end of the fourth millennium, and which is our era of the consciousness soul. This midpoint in the year 333—when viewed in terms of external events—is just as inconspicuous as the midpoint of Libra. However, we could already point to something more 333 years later, in 666. This is the year about which we could say: What later developed as humanity’s scientific way of thinking manifests itself as the endeavors of the Academy of Gondishapur, which had been dulled by Islam. We tried to trace this yesterday—how a certain kind of spiritual or psychological disposition among people spread across Southern Europe and then became that peculiar scientific atmosphere that we actually still have in modern natural science, and which we have also spread very, very widely in modern thinking. That is, 333 years from that era when, so to speak, one really only looked back to the ancient times—if one was like Julian the Apostate. There are 333 years until 666; if we then go back, take the other side of the scale—that is, go back 333 years—we find the Mystery preparing itself through the birth of Christ Jesus.


[ 2 ] Nun haben wir ja alle diese Ereignisse im Grunde genommen so betrachtet, daß wir sagten: Was wäre in der Menschheitsentwickelung geschehen, wenn das Mysterium von Golgatha nicht dagewesen wäre? Denn die ganze Begründung der Akademie von Gondishapur und alles das, was sie bewirkt hat, das ist ja unabhängig vom Mysterium von Golgatha geschehen. Die Philosophenschulen in Athen, sie waren in einer gewissen Weise mit dem Christentum schon in Beziehung gekommen. Allein, Justinian hatte sie 529 geschlossen. Reine griechische Weisheit ging hinüber durch Syrien nach Gondishapur im neupersischen Reiche. Und alles übrige, was sich darangeschlossen hat, ist dann, wenn es nicht Abstumpfung ist, wenn es dasjenige ist, was eigentlich von Gondishapur aus beabsichtigt war, mit Ausschluß des Christentums, mit Ausschluß des Mysteriums von Golgatha gedacht gewesen. Geschehen in der Wirklichkeit ist nichts, ohne daß der Impuls des Mysteriums von Golgatha seit dem Jahre Null unserer Zeitrechnung gewirkt hat; aber beabsichtigt ist vieles natürlich gewesen.
[ 2 ] Now, we have all essentially viewed these events in such a way that we asked: What would have happened in the development of humanity if the Mystery of Golgotha had not taken place? For the entire foundation of the Academy of Gondishapur and everything it brought about took place independently of the Mystery of Golgotha. The philosophical schools in Athens had, in a certain sense, already come into contact with Christianity. However, Justinian had closed them in 529. Pure Greek wisdom made its way through Syria to Gondishapur in the Neo-Persian Empire. And everything else that followed—if it is not mere apathy, but rather what was actually intended from Gondishapur onward—was conceived with the exclusion of Christianity and the exclusion of the Mystery of Golgotha. In reality, nothing has happened without the impulse of the Mystery of Golgotha having been at work since the year zero of our era; but, of course, much was intended.
[ 3 ] Nun können wir sagen, auch das, was am Drehpunkte liegt, dasjenige, was im 4. Jahrhunderte tätig war in den Seelen, die nicht zum Christentum hinneigten, das ist auch nur rein zu betrachten, wenn man sich zunächst frägt: Wie wäre die Entwickelung der abendländischen Menschheit geworden, wenn das Mysterium von Golgatha nicht stattgefunden hätte? Man kann das schon studieren, selbst historisch, wie diese Entwickelung der abendländischen Menschheit geworden wäre, zum Beispiel bei Augustinus, der die beiden Seiten dem späteren betrachtenden Menschen darbietet. Er ist erst ganz unabhängig vom Christentum, versucht bei den Manichäern seine starken Weltanschauungsrätsel sich zu lösen, und wird dann zum Christentum erst übergeführt.
[ 3 ] Now we can say that even what lies at the turning point—that which was active in the 4th century in souls that were not inclined toward Christianity—can only be viewed objectively if one first asks: How would the development of Western humanity have unfolded if the Mystery of Golgotha had not taken place? One can certainly study this—even historically—to see how the development of Western humanity would have unfolded; for example, in the case of Augustine, who presents both sides to the later observer. He begins entirely independent of Christianity, attempts to resolve his profound philosophical puzzles among the Manichaeans, and is only later converted to Christianity.
[ 4 ] Nun können wir aber weiter zurückgehen, und da kommt eine bedeutsame Frage zustande: Was wäre denn der Fall, wenn wir, gerade für die Zeit des Mysteriums von Golgatha, die Entwickelung betrachteten und uns fragten, wie sah es denn dazumal aus, als das Mysterium von Golgatha drüben in Palästina stattfand, in all den von diesem Ereignis unberührten Gegenden? Das waren ja im Grunde genommen, außer dem engsten Wirkungskreise des Christus selbst, alle Gegenden des Erdenkreises. Wie sah es denn aus in all den Gegenden des Erdenkreises? Wie sah es insbesondere aus in Rom, wohin sich später als besonders wirksam der Impuls des Mysteriums von Golgatha ausbreitete?
[ 4 ] Now, however, we can go back even further, and this raises an important question: What would be the case if, specifically regarding the time of the Mystery of Golgotha, we were to consider the course of development and ask ourselves: What was the situation at that time, when the Mystery of Golgotha took place over in Palestine, in all the regions untouched by this event? After all, apart from the immediate sphere of influence of Christ himself, this essentially encompassed all regions of the globe. What was the situation like in all these regions of the globe? What was it like, in particular, in Rome, where the impulse of the Mystery of Golgotha later spread with particular effectiveness?
[ 5 ] Diese Frage ist für unsere Zeit von ganz besonderer Wichtigkeit, diese Frage ist wahrhaftig in unseren Tagen keine irgendwie bloß theoretische: Wie hat es in Rom ausgesehen, als in Palästina drüben das Mysterium von Golgatha sich vollzog? Denn wir werden nachher sehen, wie ähnlich, nur in einer etwas andern Sphäre, gerade unsere unmittelbare Gegenwart der Zeit ist, die man betrachten kann als die Zeit des Mysteriums von Golgatha. Man darf niemals das vergessen, was man leicht vergißt, wenn man jetzt, von hinterher, den Blick zurückwendet auf die Zeit des Mysteriums von Golgatha; man muß sich immer wieder und wiederum — aus einem Gemütsbedürfnis heraus muß das vor sich gehen — rein empfindungsgemäß versetzen in die Kultur des alten Römischen Reiches, wo ganz unbekannt war, daß da drüben eine einsame Menschenpersönlichkeit mit einigem Anhang aufgetreten war, die ein gewisses Leben durchgemacht hat, den Kreuzestod erlitten hat, und an die sich dann geknüpft haben die Erkenntnisse, die wichtigen Erkenntnisse der nachgeborenen Menschheit über Geburt und Tod. Man muß sich immer wieder und wiederum in die Vorstellung versetzen: Trotzdem sich dieses Ereignis, welches heute als eine vollständige Sonne die Geschichte der Menschen überleuchtet, abgespielt hat im Beginne unserer Zeitrechnung, entwickelte sich ja alles seelische und äußere Leben so über den ganzen Erdkreis hin in den damaligen Zeiten, daß man nichts zur Kenntnis nahm von diesem palästinensischen Mysterium von Golgatha. Daher muß man sich die Frage aufwerfen: Wie sah es denn aus insbesondere in Rom?
[ 5 ] This question is of particular importance for our time; indeed, in our day it is by no means merely theoretical: What was the situation in Rome when the Mystery of Golgotha was unfolding over in Palestine? For we shall see later how similar—albeit in a somewhat different sphere—our immediate present is to the time that can be regarded as the time of the Mystery of Golgotha. One must never forget what is easily forgotten when, looking back from the present, one turns one’s gaze to the time of the Mystery of Golgotha; one must again and again—and this must happen out of a need of the soul—place oneself, purely through feeling, into the culture of the ancient Roman Empire, where it was completely unknown that over there a solitary human being, with a few followers, had appeared, who had lived a certain life, suffered death on the cross, and to whom were then linked the insights—the vital insights of later generations—regarding birth and death. One must again and again imagine: Although this event—which today shines like a full sun upon human history—took place at the beginning of our era, all spiritual and external life across the entire globe in those times unfolded in such a way that nothing was known of this Palestinian mystery of Golgotha. Therefore, one must ask the question: What was the situation like, particularly in Rome?
[ 6 ] Nun werden wir uns leichter verstehen, wenn wir geradezu ausgehen von dem, was man später, 666, in jenen Köpfen wollte, welche die Akademie von Gondishapur vorzugsweise hervorgerufen haben. Wie ich es gestern gesagt habe: Dasjenige, was erst später die Bewußtseinsseele durch die eigene Arbeit der Menschen erlangen kann, wollte man durch eine Offenbarung, die man selber auf ahrimanischem Wege erhalten hat, den Menschen geben. Im Jahre 666 war ja noch das Zeitalter der Verstandes- und Gemütsseele; da konnten die Menschen durch sich selbst nicht so denken, daß sie über alles bewußt gewesen wären. Das aber wollte man ihnen geben: Man wollte etwas, was erst Jahrtausende später kommen sollte, nun früher der Menschheit geben. Umgekehrt lag die Sache, ganz umgekehrt im Jahre Null, in dem Zeitalter, in welchem sich das Mysterium von Golgatha selbst abspielte. 333 Jahre nach 333 wollte man der Menschheit etwas Zukünftiges geben, etwas, was ihr erst in der Zukunft vorbestimmt ist. 333 Jahre vorher, also eben um die Zeit des Mysteriums von Golgatha, da wollte man die Menschheit zurückdrängen auf dasjenige, was nach der Normalentwickelung der Menschen Jahrtausende früher in die Menschheitsentwickelung eingezogen ist.
[ 6 ] Now we will understand each other more easily if we start directly from what was later intended—in 666—in the minds that the Academy of Gondishapur had primarily brought forth. As I said yesterday: What the conscious soul could only attain later through human effort, they wanted to give to humanity through a revelation they themselves had received through Ahrimanic means. In the year 666, after all, it was still the age of the intellectual and emotional soul; at that time, people were not yet capable of thinking in such a way that they would be conscious of everything. But that is what they wanted to give them: they wanted to give humanity something earlier—something that was not to come until millennia later. The situation was the exact opposite in the year zero, in the age in which the Mystery of Golgotha itself took place. 333 years after 333, they wanted to give humanity something belonging to the future, something that is destined for it only in the future. 333 years earlier—that is, precisely around the time of the Mystery of Golgotha—they wanted to push humanity back to that which, according to the normal course of human development, had entered human evolution millennia earlier.
[ 7 ] Es ist sehr schwierig, über dieseDinge zu sprechen, aus dem Grunde, weil die Geschichte, die ja selber auch eine Geschichte hat, sich so entwickelte, daß über diese Dinge die Menschen eigentlich immer durch die Geschichte in Irrtum hineingetrieben worden sind. Man hat dasjenige, was eigentlich in den südlicheren Gegenden Europas sich wirkungsvoll zugetragen hat, verdeckt, man hat es nicht zum Wissen der Menschheit kommen lassen. Man schildert ja in der Geschichte zum Beispiel auch die Persönlichkeit des ersten römischen Kaisers Augustus. Aber was das für eine bedeutende, was das für eine einschneidend wirksame Persönlichkeit war, davon ruft man, absichtlich von gewisser Seite und von den meisten Seiten her unabsichtlich, eigentlich kein Verständnis hervor. Denn der Kaiser Augustus, der stand im Mittelpunkt römischer Bestrebungen, die ganz bewußt herbeizuführen suchten einen solchen Zustand der Weltkultur, welcher vor der Menschheit verdunkeln sollte alles das, was die Verstandesoder Gemütsseele gebracht hat, verdunkeln sollte das, was die Menschen sich an Kultur seit dem Jahre 747 durch die eigene Arbeit hatten erringen können. Die Menschen sollten vor allen Dingen beschränkt werden auf dasjenige, was bis zu diesem Zeitalter, bis zum Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele, was namentlich im Zeitalter der Empfindungsseele, der ägyptisch-chaldäischen Zeit, die Menschheit sich errungen hat.
[ 7 ] It is very difficult to speak about these things, for the reason that history—which itself has a history—has unfolded in such a way that, throughout history, people have actually always been led into error regarding these matters. What actually took place in the southern regions of Europe has been concealed; it has not been brought to the attention of humanity. History, for example, also describes the figure of the first Roman emperor, Augustus. But the fact that he was such a significant, such a profoundly influential figure—this is something that, intentionally on the part of certain quarters and unintentionally on the part of most others, is not really brought to people’s understanding. For Emperor Augustus stood at the center of Roman endeavors that quite deliberately sought to bring about a state of world culture intended to obscure from humanity everything that the intellectual or emotional soul had brought forth—to obscure what people had been able to achieve in terms of culture through their own labor since the year 747. Above all, humanity was to be restricted to what it had attained up to that age—the age of the intellectual or emotional soul—and specifically during the age of the sentient soul, the Egyptian-Chaldean period.
[ 8 ] Während also später, 666, die Weisen der Akademie von Gondishapur das Spätere bringen wollten in einer früheren Zeit, sollte zur Zeit des Kaisers Augustus ausgelöscht werden dasjenige, was der Mensch in der Gegenwart sich erringen kann. Dafür aber sollte er in alter Glorie, in alter Bedeutung dasjenige haben, was einer früheren Zeit, der Zeit des alten Persertums, der Zeit der alten ägyptisch-chaldäischen Kultur, der Menschheit eigen war. Und wenn man durch all das Gestrüppe, das als Geschichte sich angehäuft hat, auf die Wirklichkeit zurückblickt und sich dann frägt: Was ist es eigentlich, was man in Rom dazumal bewußt konservieren wollte, und was dann durch die Ausbreitung der Impulse des Mysteriums von Golgatha verhindert worden ist zu konservieren, was war es, das durch das Christentum verhindert worden ist, daß es konserviert werden konnte? — so kommt man auf folgendes.
[ 8 ] While later, in 666, the sages of the Academy of Gondishapur sought to bring the future into the past, what humanity can achieve in the present was to be eradicated during the reign of Emperor Augustus. Instead, however, humanity was to possess—in its former glory and significance—that which had been characteristic of an earlier era: the time of ancient Persia, the time of the ancient Egyptian-Chaldean culture. And when one looks back at reality through all the undergrowth that has accumulated as “history” and then asks oneself: What is it, actually, that people in Rome at that time consciously sought to preserve, and what was subsequently prevented from being preserved by the spread of the impulses of the Mystery of Golgotha—what was it that Christianity prevented from being preserved? —one arrives at the following:
[ 9 ] Nun, es war vor allen Dingen ein zweifaches. Erstens wollte man konservieren den Sinn, den empfindenden Sinn für die alten Kulte, für jene Kulte, welche vor Jahrtausenden schon gang und gäbe waren bei den Ägyptern und in Vorderasien, aber auch noch tiefer nach Asien hinein. Man wollte gewissermaßen den Verstand der Menschen ausschalten, die Intelligenz der Menschen unwirksam machen, bloß die Empfindungsseele zur Ausbildung bringen dadurch, daß man den Menschen all die bedeutenden, all die großartigen, gewaltigen Kulte vorführte, die in alter Zeit wirksam sein sollten, die wirksam waren in der Zeit, als die Menschen noch nicht zur Intelligenz gekommen waren, die wirksam waren in der Zeit, als aus der Empfindungsseele heraus der Kultus der Götter entstehen sollte, damit die Menschen nicht ohne Götter blieben. Da waren große, bedeutungsvolle Kulte, die das Nachdenken ersetzen sollten, die gewissermaßen in einem halb hypnotischen Zustande, nach alten atavistischen Sitten in den Seelen anregen sollten die Belebung des Gottesbewußtseins und der Gottseligkeit. Dafür wollte man in Rom die Empfindung wiederum beleben. Man lernt das Spezifische im Unterschiede zwischen dem Römertum und dem Griechentum, das aber dazumal seiner äußeren Vernichtung entgegenging, nur kennen, wenn man auf diese feineren Unterschiede hinschaut. Diese Empfindung, die insbesondere der Kaiser Augustus mit seinem mächtigen, nach rückwärts gewandten Initiationsimpuls in Rom einleiten wollte, diese Impulse, man kannte sie drüben in Griechenland nicht. Der Grieche wollte nicht zurückgreifen in alte Zeiten. Der Grieche wollte dasjenige vor sich haben, was er selber verstehen konnte, womit er sich vereinigen konnte. Und wäre nicht später der christliche Impuls gekommen, sehr bald gekommen, hätte nicht der christliche Impuls sehr rasch gegen die Intentionen des Augustus und seiner Nachfolger gewirkt, es wäre aus Rom ein noch viel größerer Glanz der Kultushandlungen entsprungen, als aus ihm entsprungen ist.
[ 9 ] Well, it was, above all, twofold. First, the aim was to preserve the sense—the intuitive sense—of the ancient cults, those cults that had already been common practice for millennia among the Egyptians and in the Near East, but also further into Asia. They wanted, so to speak, to shut down people’s reason, to render their intelligence ineffective, and to develop solely the feeling soul by presenting people with all the significant, magnificent, and powerful cults that were meant to be effective in ancient times—cults that were effective in the era when people had not yet attained intelligence, cults that were effective in the era when the worship of the gods was to arise from the feeling soul, so that people would not be left without gods. There were great, significant cults that were meant to replace reflection, which, in a sort of semi-hypnotic state and according to ancient atavistic customs, were intended to stimulate the revival of divine consciousness and piety in the souls. In Rome, on the other hand, the aim was to revive the emotional soul. One can only come to understand the specific nature of the difference between Roman and Greek culture—the latter of which was at that time facing its external destruction—by paying attention to these finer distinctions. This sensibility, which Emperor Augustus in particular sought to introduce in Rome with his powerful, backward-looking initiatory impulse, these impulses—they were unknown over in Greece. The Greeks did not wish to look back to ancient times. The Greeks wanted to have before them that which they themselves could understand, with which they could unite. And had the Christian impulse not come later—come very soon—had the Christian impulse not very rapidly counteracted the intentions of Augustus and his successors, an even greater splendor of ritual practices would have sprung from Rome than actually did.
[ 10 ] Also halten wir zunächst das eine fest: Nach den Intentionen des Augustus und seiner Bekenner sollte von Rom, ebenso wie später von der Akademie von Gondishapur eine spätere prophetische Weisheit ausgehen sollte, so von Rom ein mächtiger Kultus ausgehen, der die ganze Welt benebeln würde, indem er ihr nehmen sollte sowohl die Möglichkeit der Verstandesseele wie die der späteren Bewußtseinsseele. Hatte die Akademie von Gondishapur geradezu der Menschheit die Bewußtseinsseele geben sollen, um das Spätere abzuschneiden, um dadurch, daß die Bewußtseinsseele zu früh gekommen wäre, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch abzuschneiden, so wollte dasjenige, was in Rom geschehen sollte, die Bewußtseinsseele gar nicht herankommen lassen, wollte ebenso — schon 333 vor dem Wendepunkt — ausschalten die Verstandes- oder Gemütsseele und vor die Menschheit in mächtigen Seelenkulthandlungen dasjenige hinstellen, was zum Gottesbewußtsein führen soll. Das war die eine Seite, die man nach dem Eingeweihten Augustus in Rom einführen wollte.
[ 10 ] So let us first note the following: According to the intentions of Augustus and his followers, just as a later prophetic wisdom was to emanate from the Academy of Gondishapur, so too was a powerful cult to emanate from Rome that would cloud the entire world by depriving it of both the possibility of the intellectual soul and that of the later soul of consciousness. Just as the Academy of Gondishapur was meant to bestow the soul of consciousness upon humanity in order to cut off what was to come—and thereby, by the soul of consciousness arriving too early, to cut off the spiritual self, the life spirit, and the spiritual human— what was to happen in Rome, on the other hand, sought to prevent the soul of consciousness from emerging at all; it also sought—as early as 333 before the turning point—to eliminate the soul of understanding or the soul of feeling, and to present to humanity, through powerful soul-cult rituals, that which is to lead to the consciousness of God. That was one aspect of what they sought to introduce in Rome following the initiated Augustus.


[ 11 ] Nun hat das, was Verstandes- oder Gemütsseele ist, immer zwei Aspekte. Es ist der eine Aspekt im wesentlichen jene Seite der Verstandes- oder Gemütsseele, die hinunterneigt zur Empfindungsseele. Sie wissen, wenn wir gliedern, so haben wir Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele und Bewußtseinsseele. Die erste, die sich zunächst entwickelt hat, ist die Empfindungsseele, deren Entwickelung 747 vor unserer Zeitrechnung abgeschlossen war. Die Verstandesseele ist diejenige, die sich entwickelt von 747 bis ungefähr 1413 nach Christus — das sind annähernde Zahlen —, und seither ist das Zeitalter der Bewußtseinsseele. Nun ist die mittlere, die Verstandesoder Gemütsseele, hinneigend auf der einen Seite zu der Empfindungsseele (Pfeil), wenn sie sich durchdringen will mit dem Alten, wie das eben gezeigt worden ist. Den Sinn, der aus der Empfindungsseele heraus gewonnen werden soll, den wollte der Augustus beleben. Was wird denn dadurch, daß man gewissermaßen zurückschraubt die Verstandes- oder Gemütsseele auf den Standpunkt der Empfindungsseele, was wird denn aus dem Teil, der hinneigt — er ist natürlich noch nicht entwickelt, aber er ist da — zur Bewußtseinsseele, aus dem mehr intelligenten Sinn? Man muß die Frage aufwerfen, und im Zeitalter des Augustus mußte sie ja als eine große Kulturfrage aufgeworfen werden: Was geschieht denn mit dem, was sich nach der Bewußtseinsseele hin entwickeln will, wenn man diese Entwickelung abschneidet, wenn man es nicht kommen läßt zur Weiterentwickelung der Verstandes- oder Gemütsseele? Was wird denn dann aus dem in der menschlichen Seele, was hinstreben will zur Bewußtseinsseele? Was hinstrebt zur Empfindungsseele, das befriedigt man, mehr als es das Maß der normalen menschlichen Entwickelung gestattet, durch den Kultus, den man erneuert. Was aber gibt man dem, das hinstrebt zur Bewußtseinsseele? Man braucht nur das Wort zu nennen, das man in diesem Zusammenhang immer vermieden hat zu erwähnen, damit über eine gewisse Tatsache der Menschheitsentwickelung seit jener Zeit nicht das richtige Licht verbreitet werde, man braucht in diesem Zusammenhange nur das Wort zu nennen und man wird das Verständnis schon fassen können. Man gibt auf der andern Seite der Seele, die man abfertigen will nach ihrer Empfindungsrichtung hin mit dem Kultus, die Rhetorik, die an Stelle des Durchdrungenseins der Seele mit Substanz, mit innerem Inhalt, nur Schale gibt, die dort, wo lebendige Begriffe walten sollten, nach der Konfiguration der Worte, des Satzbaues strebt.
[ 11 ] Now, what is known as the intellectual or emotional soul always has two aspects. One aspect is essentially that part of the intellectual or emotional soul that tends toward the sensory soul. As you know, when we classify the soul, we have the sensory soul, the intellectual or emotional soul, and the conscious soul. The first to develop was the sensory soul, whose development was completed in 747 B.C. The intellectual soul is the one that developed from 747 to approximately 1413 A.D.—these are approximate figures—and since then we have been in the age of the conscious soul. Now, the middle soul—the intellectual or emotional soul—tends, on the one hand, toward the sensory soul (arrow) when it seeks to interpenetrate with the ancient, as has just been shown. Augustus sought to enliven the meaning to be derived from the sensory soul. What, then, happens when one, so to speak, “screws back” the intellectual or emotional soul to the level of the sensory soul? What becomes of that part—which is, of course, not yet developed but is already there—that tends toward the conscious soul, toward the more intelligent sense? One must raise the question—and in the age of Augustus it certainly had to be raised as a major cultural issue: What happens to that which seeks to develop toward the soul of consciousness if one cuts off this development, if one does not allow the soul of understanding or the soul of feeling to develop further? What then becomes of that part of the human soul that strives toward the consciousness soul? That which strives toward the feeling soul is satisfied—more than the measure of normal human development permits—through the cult that is being revived. But what does one give to that part which strives toward the consciousness soul? One need only mention the word that has always been avoided in this context—so that the true light might not be shed on a certain fact of human development since that time—one need only mention that word in this context, and one will already be able to grasp the meaning. On the other hand, one gives to the soul one wishes to dismiss—in accordance with its sensibility—a form of worship that is mere rhetoric; a rhetoric that, instead of imbuing the soul with substance and inner content, offers only a shell, striving for the configuration of words and sentence structure where living concepts should prevail.
[ 12 ] Ja, unter des Augustus Einfluß wurde in Rom etwas ganz anderes, als früher in Griechenland war. Mag das römische Gewand noch so ähnlich sein dem griechischen Gewand: der römischen Toga sieht man es nicht mehr an, daß man sich in ihrem Faltenwurf fühlt wie der Grieche, der sich drinnen erfühlt hat, sondern man sieht sie an von außen wie das Gewand, das dekorieren soll. Ein Abglanz der Kultusverehrung ist selbst in der Form des Faltenwurfes der römischen Toga im Gegensatze zu dem griechischen Gewand noch erhalten. Und ein gewaltiger Unterschied würde empfunden werden, wenn man diesen Unterschied nur empfinden wollte, zwischen dem Demosthenes, der stotternd war und der trotzdem durch sein stotterndes Äußere das griechische Wesen zum Ausdrucke bringen sollte — nicht in Rhetorik! —, und den römischen Rhetoren, bei denen es darauf ankam, daß jedenfalls kein Stotterer unter ihnen sei, sondern einer, der die Wortfolge und den Satzbau wohl zu formulieren verstand.
[ 12 ] Yes, under Augustus’s influence, something quite different from what had previously existed in Greece came into being in Rome. No matter how similar the Roman garment may be to the Greek one, the Roman toga no longer gives the impression, through its drapery, that one feels like the Greek who felt at home within it; rather, viewed from the outside, it appears as a garment intended to be decorative. A reflection of religious veneration is still preserved even in the drapery of the Roman toga, in contrast to the Greek garment. And a striking difference would be perceived—if one were only willing to perceive it—between Demosthenes, who stuttered and yet was meant to express the Greek spirit through his stuttering demeanor—not through rhetoric! — and the Roman rhetoricians, for whom it was essential that there be no stutterer among them, but rather someone who knew how to formulate word order and sentence structure well.
[ 13 ] Aus dem augusteischen Zeitalter heraus wollte man der Menschheit auf der einen Seite geben die unverstandenen alten Kulte. Man wollte geradezu anstreben, daß sich die Menschheit ja nicht mit dem Verständnis über die Kulte hermacht, ja nicht frägt: Was bedeutet dasjenige, was im Kultus auftritt? Diese Gesinnung hat sich bis in unsere Zeiten auf den mannigfaltigsten Gebieten erhalten. Es gibt sogar Freimaurer heute, die einem etwas ganz Kurioses erzählen. Diesen Freimaurern sagt man zum Beispiel: Ja, ihr habt eine ausgebreitete Symbolik. In dieser ausgebreiteten Symbolik steckt viel darinnen; aber die heutige Freimaurerei kümmert sich gar nicht darum, was eigentlich diese Symbole bedeuten. — Wenn man den Leuten das sagt, dann antworten sie einem: Das finde ich gerade das Schöne in der heutigen Freimaurerei, daß sich jeder bei den Symbolen denken kann das, was er selber will. — Meistens denkt sich ein solcher, was er sich in seiner Einfalt gerade denken kann, und was sehr, sehr weit entfernt ist von der tiefen Bedeutung der Symbole, von der tiefen Bedeutung, die in die Menschengemüter und Seelengemüter hineinführt.
[ 13 ] During the Augustan Age, the intention was, on the one hand, to present humanity with the ancient cults in a form that could not be understood. The aim was, in fact, to ensure that humanity did not attempt to understand the cults, and certainly did not ask: What is the meaning of what occurs in the cult? This attitude has persisted into our own time in the most diverse fields. There are even Freemasons today who tell you something quite curious. For example, one might say to these Freemasons: “Yes, you have an extensive symbolism. There is a great deal of meaning contained within this extensive symbolism; but modern Freemasonry does not concern itself at all with what these symbols actually mean.” — When you tell people this, they reply: “That’s precisely what I find so beautiful about modern Freemasonry—that everyone can interpret the symbols however they wish.” — Most often, such a person imagines whatever their simple mind can conceive, which is very, very far removed from the deep meaning of the symbols—the deep meaning that leads into the minds and souls of human beings.
[ 14 ] Das ist dasjenige, was man dazumal bewußt erzeugen wollte in Rom: Kultus, ohne zu fragen, was der Kultus für eine Bedeutung hat, ohne sich mit Intelligenz und Wille an den Kultus heranzumachen. Der andere Pol, der notwendig damit verbunden ist, ist die inhaltslose Rhetorik, jene Rhetorik, die nicht nur dann wirkt, wenn man Reden hält, sondern die zum Beispiel ganz als Rhetorik übergegangen ist in das Corpus iuris des Justinianus, und dann die abendländische Welt überschwemmt hat mit dem sogenannten römischen Recht. Dieses römische Recht verhält sich zu dem, was in den Seelen wirksam sein sollte, welche der Bewußtseinsseelenentwickelung entgegengingen, wie Rhetorik zu seelenwarmem Inhalt. Das ist, was jene fröstelnde Kälte, welche im römischen Recht liegt, über die Welt gebracht hat, daß das römische Recht sich verhält zu dem Seelenwarmen, wie Rhetorik zu dem, was man, wenn man es auch stotternd sagt, aus Wärme und Licht der Seele heraus sagt.
[ 14 ] That is precisely what people in Rome deliberately sought to create back then: a cult, without asking what significance the cult held, without approaching it with intelligence and will. The other pole, which is necessarily linked to this, is empty rhetoric—the kind of rhetoric that is effective not only when speeches are given, but which, for example, has been fully incorporated as rhetoric into Justinian’s *Corpus iuris* and has subsequently flooded the Western world with so-called Roman law. This Roman law relates to what was meant to be effective in the souls that were moving away from the development of the conscious soul in the same way that rhetoric relates to soul-warming content. This is what that chilling coldness inherent in Roman law has brought upon the world: that Roman law relates to the warmth of the soul just as rhetoric relates to that which, even if spoken haltingly, is uttered from the warmth and light of the soul.
[ 15 ] Daß nicht aufs Höchste stieg, was Augustus gewollt hat, dafür sorgte, daß von Osten herüberwehte die Luft des Mysteriums von Golgatha. Aber dennoch hat sich, ebenso wie sich die Nachfolgeschaft der Akademie von Gondishapur in unserer heutigen Naturwissenschaft erhalten hat, so die Nachwirkung dessen, was Augustus gewollt hat, erhalten; aber in der Form, wie er es wollte, hat sie es ebensowenig erreicht, wie die Akademie von Gondishapur erreicht hat, was sie wollte. Aus dem Impulse der Akademie von Gondishapur wurde einfach das Übersinnliche herausgetrieben: das ist bis auf die heutige Zeit die naturwissenschaftliche Gesinnung geblieben. Aber dieses Übersinnliche — wenigstens das große Übersinnliche, das wie eine wirkliche Erneuerung der alten Empfindungsseelenreligiosität Augustus wollte — wurde auch herausgetrieben. Es wurde dieses Übersinnliche auch herausgetrieben, und es blieb von dem andern — das also zur Zeit des Mysteriums von Golgatha vorzugsweise in Rom gegründet worden ist — der Katholizismus, die katholische Kirche übrig; denn die katholische Kirche ist die wahre Fortsetzung des augusteischen Zeitalters. Daß die katholische Kirche die Form angenommen hat, die sie angenommen hat, beruht darauf, daß sie nicht sich begründet auf das Mysterium von Palästina, daß sie nicht sich begründet auf das Mysterium von Golgatha. Das hat nur seine Luft hineingeweht. Was in der katholischen Kirche lebt, das ist höchstens ihr Kultus. Dieser Kultus aber, der in der katholischen Kirche lebt, ist der Kultus, in den nur hineinverwoben ist dasjenige, was vom Mysterium von Golgatha herübergekommen ist; er ist aber in seinen Formen und Zeremonien herübergekommen aus dem Zeitalter der Empfindungsseele der Menschheit.
[ 15 ] The fact that what Augustus had intended did not reach its fullest potential ensured that the spirit of the mystery of Golgotha blew in from the East. Nevertheless, just as the legacy of the Academy of Gondishapur has been preserved in our modern natural sciences, so too has the aftereffect of what Augustus intended been preserved; but it has achieved no more of what he intended in the form he envisioned than the Academy of Gondishapur achieved what it intended. The supernatural was simply driven out of the impulse of the Academy of Gundishapur: this has remained the scientific mindset to this day. But this supernatural—at least the great supernatural, which Augustus desired as a true renewal of the ancient religiosity of the feeling soul—was also driven out. This supernatural element was also expelled, and what remained of the other—which had been established primarily in Rome at the time of the Mystery of Golgotha—was Catholicism, the Catholic Church; for the Catholic Church is the true continuation of the Augustan age. The fact that the Catholic Church has taken on the form it has is due to the fact that it is not founded on the Mystery of Palestine, that it is not founded on the Mystery of Golgotha. That has merely breathed its spirit into it. What lives on in the Catholic Church is, at most, its cult. But this cult, which lives on in the Catholic Church, is a cult into which only that which has come over from the Mystery of Golgotha is woven; yet in its forms and ceremonies, it has come over from the age of humanity’s feeling soul.
[ 16 ] Recht kann man sich heute nur verhalten zu diesem katholischen Kultus, der wirklich etwas Heiliges, etwas Großes ist, weil er das Heilige, das durch Urzeiten der Menschheit webt, ja bringt — alles hat seine großen, seine gewaltigen Seiten, es darf nur nicht einseitig ausgebildet werden —, richtig kann man sich nur verhalten zum Beispiel zu seinem Mittelpunkte, zu dem Meßopfer, das ein Abbild der höchsten Mysterien aller Zeiten ist, wenn man belebt dasjenige, was tot geworden ist und was bloß für die Empfindungsseele zugerichtet werden soll, durch dasjenige, was in der neueren Zeit über das Mysterium von Golgatha die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft wiederum zu sagen hat. Hineintragen kann man in das, was durch den Katholizismus vom Augusteischen konserviert worden ist, dasjenige, was wiedergefunden wird im normalen Entwickelungsgange der Menschheit durch geisteswissenschaftliche Forschung; ebenso wie man hineintragen muß in das, was — ins Sinnliche abgestumpft- von dem Wollen der Akademie von Gondishapur geblieben ist, dasjenige, was Geisteswissenschaft aus den geistigen Welten herausholen kann. In die Naturwissenschaft muß der Geist einziehen; in die sakramentalen Handlungen, welche die Menschen wieder finden müssen, muß der Geist einziehen. Mit seinem ganzen, schweren, bedeutungsvollen Inhalte wird das, was ich eben gesagt habe, nur derjenige nehmen, welcher fühlt — und wer längere Zeit sich mit der Geisteswissenschaft befaßt hat, kann das fühlen —, wie ähnlich unsere Zeit in dem, was zum großen Teil unbewußt in den Seelen lebt, der Zeit ist, in welcher das Mysterium von Golgatha sich herangenaht hat an die Menschheit. Ich habe es ja öfter erwähnt, und Sie finden es dargestellt in dem ersten meiner Mysterien, in der «Pforte der Einweihung», daß so, wie dazumal ein Punkt da war, der nach einem Wendepunkt hinführte, so wie man dazumal zur entsprechenden Zeit, zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, vor diesem Wendepunkt des vierten nachatlantischen Zeitraums, 333, stand, wir heute auch vor einem wichtigen Wendepunkt stehen. Die Zeit ist etwas kürzer, weil die Bewegung der höheren Geister sich in der Geschwindigkeit ändert; man kann nicht so rechnen, daß man heute auch wieder 333 Jahre früher davor stehen soll. Es ändert sich so etwas im Laufe der Zeit; die Geschwindigkeit, mit der sich die einzelnen verschiedenen Geister der höheren Hierarchien fortbewegen, ändert sich. So stehen wir heute im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vor dem Herankommen eines wichtigen Menschheitsereignisses. Und alle Erschütterungen, alle Katastrophen sind nichts anderes als die erdbebenartigen Vorgänge, die einem großen geistigen Ereignisse des 20. Jahrhunderts vorangehen. Es ist das jetzt nicht ein Ereignis in der physischen Welt, sondern ein Ereignis, das die Menschen als eine Art Erleuchtung haben werden, das herangekommen sein wird, ehe das erste Drittel des 20. Jahrhunderts abgelaufen ist. Man kann es nennen, wenn man das Wort nicht mißversteht, das Wiedererscheinen des Christus Jesus. Aber der Christus Jesus wird nicht im äußeren Leib erscheinen wie zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, sondern als wirkend im Menschen, und man wird ihn empfinden übersinnlich: im Ätherleib ist er da. Derjenige, der sich darauf vorbereitet, kann immerfort in Visionen ihn empfinden, immerfort Ratschläge von ihm empfangen, kann gewissermaßen in ein unmittelbar persönliches Verhältnis zu ihm treten. Das alles, was uns so bevorsteht, ist vergleichbar dem, was die Römer vor dem augusteischen Zeitalter als das physisch reale Mysterium von Golgatha empfanden, das sich näherte.
[ 16 ] Today, one can only properly relate to this Catholic worship—which is truly something sacred, something great, because it embodies the sacred that has woven its way through the ages of humanity—everything has its great, its mighty aspects; it just must not be developed one-sidedly— one can only adopt the right attitude, for example, toward its center, the Mass, which is a reflection of the highest mysteries of all time, by breathing life into that which has become dead and which is intended merely for the sentient soul, through what anthroposophically oriented spiritual science has to say once again in modern times about the Mystery of Golgotha. One can bring into what has been preserved by Catholicism from the Augustinian era that which is rediscovered in the normal course of human development through spiritual scientific research; just as one must bring into what remains—dulled to the sensory realm—of the will of the Academy of Gondishapur, that which spiritual science can draw from the spiritual worlds. The spirit must enter into the natural sciences; the spirit must enter into the sacramental acts that human beings must rediscover. Only those who feel—and anyone who has engaged with spiritual science for some time can feel this—will grasp the full, profound, and significant meaning of what I have just said: how similar our time is, in what lives largely unconsciously in people’s souls, to the time when the Mystery of Golgotha drew near to humanity. I have mentioned this often, and you will find it described in the first of my mysteries, *The Gate of Initiation*, that just as there was a point back then that led to a turning point—just as at that time, at the time of the Mystery of Golgotha, before this turning point of the fourth post-Atlantean epoch, 333, we too stand today before an important turning point. The time span is somewhat shorter because the movement of the higher spirits changes in speed; one cannot simply calculate that we should stand before it 333 years earlier today as well. Such things change over time; the speed at which the various spirits of the higher hierarchies move changes. Thus, today, in the first third of the 20th century, we are facing the approach of a significant event for humanity. And all the upheavals, all the catastrophes, are nothing other than the earthquake-like processes that precede a great spiritual event of the 20th century. This is not an event in the physical world, but rather an event that people will experience as a kind of enlightenment, one that will have come to pass before the first third of the 20th century has come to an end. One might call it—if one does not misunderstand the term—the reappearance of Christ Jesus. But Christ Jesus will not appear in an outer body as He did at the time of the Mystery of Golgotha, but will be active within human beings, and people will perceive Him supernaturally: He is present in the etheric body. Those who prepare themselves for this can continually perceive him in visions, continually receive counsel from him, and, in a sense, enter into a direct, personal relationship with him. All that lies before us is comparable to what the Romans, before the Augustan age, perceived as the physically real Mystery of Golgotha drawing near.
[ 17 ] Aber für solche Sachen muß man eben die Empfindung haben. Man muß fühlen an verschiedenen äußeren Erscheinungen, die sich abgespielt haben und die endlich in diese furchtbare Weltkatastrophe geführt haben, wie der Drang zum Kultischen wiederum in den Menschen vorhanden ist. Im Grunde ist er langsam herangekommen. Bedenken Sie nur, studieren Sie einmal — aber ich bitte Sie, mit wachen Sinnen —, wie gerade feinsinnige Geister seit mehr als einem Jahrhundert wiederum diesen Drang fühlen, und aus dem nüchternen rationellen Verstandesprotestantismus heraus wiederum zum Kultus streben. Sehen Sie, wie gerade diejenigen Geister, die etwas empfinden konnten von der ganzen Bedeutung, die der Kultus in der Seele hat, in den Romantikern nach der Katholizität hinstrebten. Weil sie noch nicht fähig waren, geisteswissenschaftlich sich aufzuhellen dasjenige, was sakramental in die Welt hineinstrebt, deshalb strebten sie nach der Katholizität hin. Solche Geister wie Novalis — und er ist nur durch seine besonders tiefe Geistigkeit, die sich in verhältnismäßig früher Jugend aus ihm entwickelt hat, eine besonders charakteristische Persönlichkeit —, sie sind nicht zufrieden im nüchternen Protestantismus, sie streben nach den Formen des Katholizismus hin, aber sie sind natürlich gesund genug, um bewahrt zu bleiben vor dem Übertritt in den Katholizismus. Sie drücken gerade dasjenige aus, was die Zeit ausdrücken muß, wenn sie noch gesund sein will: das Streben, in der Welt wiederum etwas Sakramentales, Kultmäßiges zu fühlen, aber nicht etwas, was nur alten Kult hinüberschleppen will, wie es ja auch heute viele da tun, wo invalide Geister auftreten, wo die Invaliden des Geisteslebens auftreten, zu denen ich ja allerdings den mir seit Jahren bekannten, in früherer Zeit sehr befreundeten Hermann Bahr zähle. Wir sehen es an diesen Invaliden des Seelenlebens, wie sie hinneigen zu einem mißverstandenen Katholizismus auch in unserer Zeit, bei Hermann Bahr, bei Scheler, bei Börries von Münchhausen, bei all diesen Leuten — es ist eine große Zahl, und ich kenne viele davon —, sie streben in der Invalidität ihres Seelenlebens nach dem Katholizismus hin. Diese Seelenverfassung kennt man sehr gut, diese Seelenverfassung entspringt daraus, daß die Leute sich nicht aufraffen können zu einem tätigen inneren Seelenleben, zu einer wirklichen, mutvollen Aktivität des Seelenlebens, da sie, wie gesagt, Invalide des Seelenlebens geworden sind, und deshalb nach etwas hinstreben, was sich ihnen schon fertig darbietet. Es durchströmt das die ganzen Mythenbücher des Scheler, die sehr geistreich sind, die ganzen mythischen Abhandlungen der letzten Zeit von Hermann Bahr und so weiter. Das ist seelische Invalidität in gewissem Sinne. Das ist jene bequeme Gesinnung, die nicht dasjenige, was die Zeit fordert, aus den Tiefen der Seele hervortreiben will, um im Zeitalter der Bewußtseinsseele wiederum das zu finden, was nach einer Naturwissenschaft hinarbeitet, die in der ganzen Natur selber Sakramentales sieht, der die ganze Natur ein Ausdruck wird der göttlich-geistigen Weltordnung.
[ 17 ] But for such matters, one simply must have the intuition. One must sense, through the various external events that have unfolded and ultimately led to this terrible global catastrophe, how the urge toward the ritualistic is once again present in human beings. Deep down, it has been creeping up on us slowly. Just consider this, study it—but I ask you to do so with alert senses—how, for more than a century, it has been precisely the more sensitive minds who have once again felt this urge and, emerging from the sober, rational Protestantism of the intellect, have once again sought to return to ritual. See how it was precisely those minds—who were able to sense something of the full significance that the cult holds in the soul—who, among the Romantics, strove toward Catholicism. Because they were not yet capable of illuminating, through spiritual science, that which strives sacramentally into the world, they therefore strove toward Catholicism. Minds such as Novalis’s—and he is a particularly characteristic personality precisely because of his exceptionally deep spirituality, which developed in him at a relatively early age—are not satisfied with sober Protestantism; they yearn for the forms of Catholicism, but they are, of course, healthy enough to be spared from converting to Catholicism. They express precisely what the age must express if it is to remain healthy: the striving to feel once again something sacramental, something cult-like in the world, but not something that merely seeks to carry over old cults, as indeed many do today where invalid minds appear, where the invalids of spiritual life appear—among whom I certainly count Hermann Bahr, whom I have known for years and with whom I was once very close friends. We see it in these invalids of the soul, how they tend toward a misunderstood Catholicism even in our time—in Hermann Bahr, in Scheler, in Börries von Münchhausen, in all these people—there are a great many of them, and I know many of them—they strive toward Catholicism in the invalidity of their soul life. This state of mind is very well known; it arises from the fact that people cannot bring themselves to engage in an active inner spiritual life, to a genuine, courageous activity of the soul, since, as I said, they have become invalids of the spiritual life, and therefore strive for something that is already presented to them in a finished form. This permeates all of Scheler’s books on mythology—which are very insightful—as well as all the recent mythological treatises by Hermann Bahr and others. This is a form of spiritual disability, in a certain sense. It is that complacent attitude that does not wish to draw forth from the depths of the soul what the times demand, in order to find, in the age of the conscious soul, that which works toward a natural science that sees the sacramental in all of nature itself—a science in which all of nature becomes an expression of the divine-spiritual world order.
[ 18 ] Ja, man muß im Zeitalter der Bewußtseinsseele sehr bald zu einem Menschen werden, der die Möglichkeit hat, nicht bloß jene abstrakte, trockene, den ganzen Menschen petrifizierende Naturwissenschaft zu haben, die heute als das Heil der Welt ausgeschrien wird, sondern jene Naturwissenschaft, die sich vertiefen kann zu einem betenden Anschauen desjenigen, was in heiligen Symbolen die Gottheit ausbreitet über die ganze Welt in all den Taten, die den Menschen befriedigen, aber auch in alldem, womit die Gottheit die Menschen prüft. Ist man wieder imstande, sakramental, auf höherer Stufe, das Laboratorium zu prüfen und die Klinik zum Altar zu machen, statt zur bloßen Schlachtbank und zur Zimmermannswerkstätte im groben Sinne, dann ist die Zeit gekommen, die gefordert wird durch die göttliche Entwickelung für unsere heutige Seele. Es ist daher kein Wunder, daß in einer solchen Zeit vieles mißverstanden werden kann; mißverstanden wird vor allen Dingen durch dasjenige, was noch immer als die Nachzüglerschaft der Akademie von Gondishapur da ist, was also die Naturwissenschaft nimmt, ohne ein Verhältnis gewinnen zu wollen zu dem Mysterium von Golgatha. Dadurch wird die Naturwissenschaft eine rein ahrimanische Wissenschaft, entspricht allen ahrimanischen Bedürfnissen der Menschheit, entspricht der Gesinnung, welche nur nach Äußerem die Welt ordnen will. Man kann sagen: Dasjenige, was der Impuls des Mysteriums von Golgatha ist, das muß man immer neu aufnehmen, man muß ernst nehmen das Wort: «Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten», bis die Erdenzyklen erfüllt sein werden. Man muß dieses Wort ernst nehmen. Man muß, wenn man an das Mysterium von Golgatha anknüpfen will, die Seelen frisch erhalten, um immer neue und neue Impulse aufzunehmen, die aus der geistigen Welt zyklenweise, nicht immer, zufließen, aber eben von Zeit zu Zeit an die Menschheit herankommen wollen.
[ 18 ] Yes, in the age of the conscious soul, one must very soon become a person who has the ability not merely to engage in that abstract, dry natural science that petrifies the whole human being—which is today heralded as the salvation of the world—but also that natural science which can deepen into a prayerful contemplation of what the Deity, through sacred symbols, spreads throughout the entire world in all the deeds that satisfy human beings, but also in all that through which the Deity tests human beings. If we are once again able, in a sacramental way and on a higher level, to view the laboratory and transform the clinic into an altar—rather than a mere slaughterhouse or a carpenter’s workshop in the crude sense—then the time has come that is demanded by divine evolution for our present-day soul. It is therefore no wonder that in such a time much can be misunderstood; misunderstandings arise above all from what still persists as the legacy of the Academy of Gondishapur—that is, the approach that embraces natural science without seeking to establish a relationship with the Mystery of Golgotha. As a result, natural science becomes a purely Ahrimanic science, corresponding to all of humanity’s Ahrimanic needs and to the mindset that seeks to order the world solely according to outward appearances. One can say: The impulse of the Mystery of Golgotha must be taken up anew again and again; one must take seriously the words: “I am with you always, even unto the end of the age,” until the cycles of the Earth are fulfilled. One must take these words seriously. If one wishes to connect with the Mystery of Golgotha, one must keep one’s soul fresh in order to continually receive new and fresh impulses that flow from the spiritual world in cycles—not constantly, but from time to time, seeking to reach humanity.
[ 19 ] Dem gegenüber steht allerdings eine Naturwissenschaft, die nichts wissen will von solchen Einflüssen, die einfach die Forscher hinstellen will ins Laboratorium oder in die Klinik und so weiter, wo alles so in Tretmühlenweise weitergeht. Da erforscht man, wie unsichtbare Strahlen wirken, ohne sich zu kümmern um dasjenige, was sich darin der Welt offenbart. Man prüft Aspirin oder Acetin oder Phenacetin und so weiter, gibt sie den Patienten ein: wenn man so eins nach dem andern eingibt, da braucht man nur äußerlich sinnlich zu schauen und zu notieren, was man geschaut hat, da braucht man nicht die Seele in Regsamkeit zu versetzen. Das ist die Gesinnung, welche im wesentlichen hervorgegangen ist aus dem Impuls der Akademie von Gondishapur. Denn, wäre die durchgedrungen mit ihren Impulsen, dann könnten sich die Menschen heute auf die Faulbank legen und brauchten gar nichts mehr zu tun; sie hätten ja dazumal alles, was sie für ihre Bewußtseinsseele hätten erarbeiten wollen, in die Hand gelegt bekommen durch Gnade. Diese Gesinnung ist, nur ins Sinnliche umgesetzt, in der äußeren Naturwissenschaft vorhanden.
[ 19 ] In contrast, however, there is a natural science that wants nothing to do with such influences, that simply wants to confine researchers to the laboratory or the clinic and so on, where everything continues in a monotonous, repetitive cycle. There, they investigate how invisible rays work, without paying any attention to what is revealed to the world through them. They test aspirin, acetin, phenacetin, and so on, and administer them to patients: when administering them one after another in this way, one need only observe with the external senses and record what one has observed; there is no need to stir the soul into activity. This is the mindset that essentially emerged from the impulse of the Academy of Gondishapur. For if it were thoroughly permeated by those impulses, people today could simply lie back and do nothing at all; after all, everything they might have wished to work out for their conscious soul would have been placed into their hands by grace back then. This mindset, translated solely into the sensory realm, is present in the external natural sciences.
[ 20 ] Die andere Gesinnung ist diese, welche in die Welt gegossen ist von Rom aus, welche fortlebt in den verschiedensten Formen desjenigen, was nicht von Palästina, nicht vom Mysterium von Golgatha ausgegangen ist, sondern was von Rom ausgegangen ist, und was sich nach den zwei Richtungen hin entwickelt hat: Weihrauch streuen, um einen Kultus zu entwickeln, der nicht nach der Intelligenz verlangt, sondern nur nach der Empfindungsseele, und Rhetorik, die nur nach der Formulierung der Worte strebt, oder nach einer solchen Figurierung der menschlichen Handlungen, die in ihrer Gesetzgebung eigentlich selbst eine Rhetorik ist. Beide Seiten, sie haben sich erhalten. Beiden Seiten kann nur geholfen werden, wenn durchschaut wird, wie auf der andern Seite es eine geistlose Naturwissenschaft in der Zukunft nicht geben darf. Ohne daß man die Naturwissenschaft bekämpft, wird man ihre Grenzen erkennen müssen. Man braucht sie nicht zu bekämpfen, sie liefert, wenn man sie bloß positiv betrachtet, Großartiges, Gewaltiges, und niemand hat ein Recht, über die Naturwissenschaft abzusprechen, der nicht gerade ihre Ergebnisse gut kennt. Wer sie nicht kennt, die Naturwissenschaft, und über sie kritisch abspricht, der tut Unrecht, nur der, der an die Naturwissenschaft glaubt, sie kennt, sie durchdrungen hat, sich selbst ihre Methoden angeeignet hat, nur der hat sich dadurch das Recht erworben, über sie abzusprechen, nämlich ihre Grenzen anzugeben und zu zeigen, wie die Naturwissenschaft selbst hineinführen müsse in ein geistiges Erfassen der Welt.
[ 20 ] The other mindset is the one that was spread throughout the world from Rome, which lives on in the most diverse forms of that which did not originate in Palestine, nor from the Mystery of Golgotha, but rather originated in Rome and developed in two directions: the burning of incense to foster a form of worship that does not call upon the intellect but only upon the emotional soul, and rhetoric that strives solely for the formulation of words, or for a stylization of human actions that, in its legislation, is itself essentially a form of rhetoric. Both sides have persisted. Both sides can only be helped if one realizes that, on the other hand, a spiritless natural science must not be allowed to exist in the future. Without opposing natural science, one will have to recognize its limits. There is no need to oppose it; if viewed purely in a positive light, it delivers something magnificent and powerful, and no one has the right to speak against natural science unless they are thoroughly familiar with its findings. Anyone who is unfamiliar with natural science and speaks critically of it is in the wrong; only those who believe in natural science, know it, have mastered it, and have made its methods their own—only they have thereby earned the right to speak about it, namely to define its limits and to show how natural science itself must lead to a spiritual understanding of the world.
[ 21 ] Feindselige Gesinnung hat unter anderem an meinen Schriften auch herausgefunden, daß ich über Haeckel und über die moderne Naturwissenschaft mich anerkennend ausgesprochen habe. Ich würde auf dem Standpunkte der Geisteswissenschaft, auf dem ich stehe, niemals wagen, ein absprechendes Wörtchen über die Naturwissenschaft zu sagen, wenn ich nicht vorher alles getan hätte zu ihrer Anerkennung. Denn auf dem Boden des positiven Geisteslebens hat man nur ein Recht zu negativer Kritik, wenn man auch zu zeigen vermag, daß man dasjenige, was man bekämpft, in den Grenzen, in denen es anzuerkennen ist, voll anerkennt. Ich glaube mir das Recht voll erworben zu haben, eine geistige Entwickelung der Menschheit, eine geistige Evolution zu verkündigen, in der ich dargestellt habe, was die Sinne nicht lehren, weil ich auch gezeigt habe, was der Darwinismus und Haeckelianismus für eine Bedeutung im wissenschaftlichen Leben haben.
[ 21 ] Among other things, those with hostile attitudes have also found in my writings that I have spoken appreciatively of Haeckel and modern natural science. From the standpoint of spiritual science, which I hold, I would never dare to say a single disparaging word about natural science unless I had first done everything possible to acknowledge its merits. For, on the ground of positive spiritual life, one has a right to negative criticism only if one is also able to demonstrate that one fully acknowledges that which one opposes, within the limits in which it is to be acknowledged. I believe I have fully earned the right to proclaim a spiritual development of humanity—a spiritual evolution—in which I have described what the senses do not teach, because I have also shown the significance of Darwinism and Haeckelianism in scientific life.
[ 22 ] Man muß, wenn man auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, schon den Anspruch machen, daß die Worte, die man sagt, etwas anders genommen werden, als sie sonst genommen werden. Daher möchte ich auch nicht, daß dasjenige, was ich sagen werde von einem solchen Gesichtspunkte, wie ich es heute getan habe, über den Katholizismus oder sonstige Bestrebungen der Gegenwart, vom Standpunkte des gewöhnlichen Philisters aus aufgefaßt und verwechselt werde mit demjenigen, was jede beliebige liberalisierende Gesellschaft kritischüber den Katholizismus oder über ähnliche Bestrebungen vorbringt. Nichts ist anders gemeint als es hier vorgebracht wird, und nichts anderes ist gemeint als dasjenige, was vom Standpunkte der geisteswissenschaftlichen Forschung wirklich auch gerechtfertigt werden kann. Naturwissenschaftliche Forschung fordert Vertiefung, so daß sie allmählich hineinführt in das geistige Leben. Dasjenige, was sich seit alten Zeiten erhalten hat, was zum Teil recht abgebraucht worden ist im Laufe des Menschenlebens, es tritt jetzt wiederum, aus den Gründen, die ich eben angeführt habe, auf: Bedürfnis der Menschen nach Sakramentalismus, Bedürfnis der Menschen nach Formung. Schauen in den Formen das Leben des Göttlichen in der Welt, aber begreifen die Formen; nicht wie in Dogmen sprechen über Luzifer, Ahriman und Christus, sondern diese Trinität auch künstlerisch in Formen vor sich haben: das ist, was wir brauchen.
[ 22 ] If one stands on the ground of spiritual science, one must insist that the words one speaks be understood somewhat differently than they are usually understood. Therefore, I do not wish for what I am about to say—from the perspective I have taken today regarding Catholicism or other contemporary movements—to be interpreted from the standpoint of the ordinary philistine and confused with what any liberalizing society might critically advance regarding Catholicism or similar movements. Nothing is meant other than what is presented here, and nothing else is meant other than what can truly be justified from the standpoint of spiritual scientific research. Research in the natural sciences demands deeper exploration, so that it gradually leads into spiritual life. That which has been preserved since ancient times—and which has, in part, become quite worn out in the course of human life—is now reemerging for the reasons I have just cited: humanity’s need for sacramentalism, humanity’s need for formation. To see, in the forms, the life of the Divine in the world, but to understand the forms; not to speak of Lucifer, Ahriman, and Christ as in dogmas, but to have this Trinity before us artistically in forms: that is what we need.
[ 23 ] Aus diesem Gedanken wird in unserem Bau die Mittelpunktsschöpfung Christus-Luzifer-Ahriman in der Holzstatue hervorgehen; aus diesem Gedanken: in Formen, die ein Ganzes ausdrücken, dasjenige zu schaffen, was in der Entwickelung der Menschheit fordernd liegt, aber so, daß, indem man die Formen anschaut, man durchdringt zu dem Geiste. Solche Formen zu schaffen, das mußte unserem Bau zugrunde liegen. Man hat auch kein Recht, diesen Bau im trivialen Sinne aufzufassen, sondern nach der Grundrichtung dessen, was gewollt wird aus den großen Forderungen unserer Zeit heraus, wie es notwendig ist in einer Zeit, die sich wiederum, und jetzt in einer neuen Weise, dem Mysterium von Golgatha nähern muß.
[ 23 ] Based on this idea, the central triad of Christ-Lucifer-Ahriman will emerge in our building through the wooden statue; from this idea: to create, in forms that express a whole, that which is a challenge in the development of humanity—but in such a way that, by looking at the forms, one penetrates to the spirit. Creating such forms had to be the foundation of our building. Nor does one have the right to view this building in a trivial sense, but rather in accordance with the fundamental direction of what is intended in light of the great demands of our time—as is necessary in an era that must once again, and now in a new way, draw closer to the Mystery of Golgotha.
[ 24 ] So wie in unserer Zeit, ich möchte sagen, der notwendige Zeitpunkt gegeben ist, den Christus wiederum zu finden, den Christus auf höherem Standpunkte zu finden, so sind auch die Widerstände gegen den Christus gegeben. Die Widerstände gegen den Christus waren ja früher da. Wir wissen: Dasjenige, was die Akademie von Gondishapur geben wollte, das wollte überhaupt das Christentum nicht aufkommen lassen. Dasjenige, was in Rom von Augustus gegründet worden ist, das wollte eigentlich etwas begründen, das nichts mit dem Christus-Impuls zu tun hat. Es ist später zum Katholizismus geworden, weil der christliche Impuls hineingeschlagen hat in den Romanismus. Die Christenverfolgungen, das neronische Zeitalter, die diokletianischen Christenverfolgungen, all das, was vorgegangen ist, auch die Ablehnung des Apollonius von Tyana, all das ist geschehen, weil man sich in Rom so viel als möglich gesträubt hat, das Christentum aufzunehmen. Es sollte das gerade ausgeschieden werden, aber es ließ sich nicht ausscheiden. Daher wurde dasjenige, was Romanismus ist, indem es vom Christentum so viel aufnahm, als es ging, katholische Kirche, und die katholische Kirche hat sich in diesem Geiste auch weiter entwickelt: in dem Augenblick, wo wiederum eine neue Offenbarung in die Menschheit eintritt, die weiterführt in der Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, da wendet sich die katholische Kirche davon ab nicht zu, sondern ab.
[ 24 ] Just as in our time—I would say—the necessary moment has come to rediscover Christ, to find Christ from a higher vantage point, so too are the forces of resistance against Christ present. After all, the forces opposing Christ were present in the past as well. We know that Christianity was determined not to allow what the Academy of Gondishapur sought to impart to take root at all. What was founded in Rome by Augustus actually sought to establish something that had nothing to do with the Christ impulse. It later became Catholicism because the Christian impulse penetrated Romanism. The persecutions of Christians—the Neronian era, the Diocletian persecutions, everything that preceded them, including the rejection of Apollonius of Tyana—all of this happened because Rome resisted accepting Christianity as much as possible. It was meant to be eliminated entirely, but it could not be eliminated. Consequently, Romanism—by absorbing as much of Christianity as it could—became the Catholic Church, and the Catholic Church has continued to develop in this spirit: the moment a new revelation enters humanity, one that leads further into the knowledge of the Mystery of Golgotha, the Catholic Church turns away from it—not toward it, but away.
[ 25 ] Denken Sie doch nur, das Faktum muß man immer wieder und wieder hervorheben: Als Kopernikus, der sogar selber ein Domherr war, also ein richtiger Katholik, die Kopernikanische Lehre aufstellte, da verbot die katholische Kirche die Kopernikanische Lehre als ketzerisch. Bis zum Jahre 1827 war es einem rechtgläubigen Katholiken verboten, an die Kopernikanische Lehre zu glauben; seit jener Zeit ist es erlaubt, daran zu glauben. Und dann ist es möglich geworden, daß ein Professor der katholischen Philosophie an der Universität gesagt hat: Gewiß, die katholische Kirche hat die Kopernikanische Lehre verbannt, hat den Galilei so behandelt, wie sie ihn eben behandelt hat. Aber das geziemt sich heute nicht mehr, so zu denken; heute geziemt es sich — so sagte der Professor Müllner dazumal, der katholischer Philosoph war, als er seine Rektoratsrede an der Wiener Universität hielt — zu sagen, daß gerade durch die Entdeckungen des Kopernikus und Galilei über die äußeren Geheimnisse des Weltenalls die Wunder der göttlichen Allmacht um so mehr anschaulich wurden. Das war allerdings christlich gesprochen, aber es wäre, wenn es zensuriert würde nach den sonstigen Gepflogenheiten, ganz gewiß nicht römisch-katholisch gesprochen. Also es hat immerhin eine Zeitlang gebraucht, bis unter äußerem Zwange anerkannt hat die katholische Kirche, daß durch die Erkenntnis des Weltenalls das Christentum nicht zurückgedrängt, sondern gefördert wird. Wie lange die katholische Kirche braucht, um die geisteswissenschaftlich-anthroposophischen Ergebnisse anzuerkennen, nun, wir wollen es abwarten, müssen uns allerdings beim Abwarten wahrscheinlich darauf verlassen, daß wir zu einem Ergebnisse nicht mehr kommen, solange wir in diesem Erdenleibe verkörpert sind. Das ist die eine Seite der Sache.
[ 25 ] Just think about it—this fact must be emphasized again and again: When Copernicus, who was himself a canon—that is, a true Catholic—put forward the Copernican theory, the Catholic Church condemned it as heretical. Until the year 1827, it was forbidden for an orthodox Catholic to believe in the Copernican doctrine; since that time, it has been permitted to believe in it. And then it became possible for a professor of Catholic philosophy at the university to say: Certainly, the Catholic Church banished the Copernican doctrine and treated Galileo the way it did. But it is no longer proper to think that way today; today it is proper—as Professor Müllner, who was a Catholic philosopher at the time, said when he delivered his inaugural address as rector at the University of Vienna—to say that it was precisely through the discoveries of Copernicus and Galileo regarding the outer mysteries of the universe that the wonders of divine omnipotence became all the more vivid. That was, of course, expressed in Christian terms, but if it were censored according to the usual practices, it would certainly not be expressed in Roman Catholic terms. So it did, after all, take some time before the Catholic Church, under external pressure, acknowledged that the understanding of the universe does not suppress Christianity but rather promotes it. As for how long it will take the Catholic Church to acknowledge the findings of spiritual science and anthroposophy—well, we’ll have to wait and see; but while we wait, we must probably accept that we will not reach a conclusion as long as we are incarnated in this earthly body. That is one side of the matter.
[ 26 ] Aber es können leicht Verwechslungen und Mißverständnisse eintreten. Die Verwechslungen und Mißverständnisse, die eintreten können, sind die, daß in den Seelen, im Unterbewußten, heute wirklich der Drang ist, sakramental zu empfinden. Eben nach einer höheren Stufe des sakramentalen Empfindens strebt heute die ganze Menschheit. Daher benützt selbstverständlich die katholische Kirche dieses Streben der Menschheit, um ihre Rechnung zu finden. Und das möchte man so sehr erreichen, daß innerhalb des heutigen, leider, leider so tiefen Schlafzustandes der Menschheit, die Menschen über die wichtigsten Dinge, die geschehen, wenn sie auch auf vielen Gebieten sie nicht ändern können als einzelne Menschen, wenigstens aufwachen über dasjenige, was geschieht. Gewiß, man braucht nicht sich zu sagen: Wie ändere ich das als einzelner Mensch? Es ist bei manchen Dingen notwendig, daß man die Zeit walten läßt, bei manchen Dingen notwendig, daß man im rechten Zusammenhange wirkt. Man braucht nicht gleich für alles nach einem Rezept zu verlangen, aber man braucht ein klares Bewußtsein, um die Dinge beobachten zu können, damit, wenn von einem an seinem Orte etwas gefordert wird, er wirklich auch weiß, was er zu tun hat. Es ist vor allen Dingen notwendig zu sehen, daß überall, wo es nur möglich ist, die Menschheit, die da glaubt, sehr viel zu denken, heute nämlich schläft; die Menschheit schläft nun einmal, und man möchte sie gerade gewinnen zum wirklichen Erkennen desjenigen, was als Impulse in der Menschheitsentwickelung liegt. Doch das ist schwierig. Aber andere wachen, der Jesuitismus wacht, Rom wacht. Und diese Gewalten benützen jetzt jede Möglichkeit, jeden Kanal, um dasjenige, was in der Menschheit lebt, nicht so sich ausbilden zu lassen, wie es der Bewußtseinsseele entgegengeht, sondern so ausbilden zu lassen, wie es Rom eben entspricht. Und würde man nur erwachen über dasjenige, was Rom will, würde man nur die Dinge, die manchmal auf der Hand liegen, die man nach ganz andern Gesichtspunkten beurteilt, würde man erkennen den Finger Roms und des Jesuitismus, dann würde das von ungeheurer Bedeutung sein für die Lösung derjenigen Fragen, die in der nächsten Zeit aus dem wirren Chaos der Gegenwart heraus gelöst werden müssen.
[ 26 ] But confusion and misunderstandings can easily arise. The confusion and misunderstandings that can arise stem from the fact that there is truly an urge in people’s souls, in their subconscious, to experience the sacraments today. Indeed, all of humanity today is striving for a higher level of sacramental experience. Therefore, the Catholic Church naturally makes use of this human striving to further its own agenda. And the desire to achieve this is so strong that, within humanity’s current—alas, alas—state of such deep slumber, people might at least awaken to the most important events taking place, even if, as individuals, they cannot change them in many areas. Certainly, one need not ask oneself: “How can I, as an individual, change this?” With some things, it is necessary to let time take its course; with others, it is necessary to act within the proper context. One need not immediately demand a formula for everything, but one does need a clear awareness to be able to observe events, so that when something is required of a person in their own situation, they truly know what they must do. Above all, it is necessary to see that wherever it is at all possible, humanity—which believes itself to be thinking so much—is in fact asleep today; humanity is simply asleep, and one would like to win it over to a true recognition of the impulses that lie at the heart of human development. Yet that is difficult. But others are awake: Jesuitism is awake, Rome is awake. And these forces are now using every opportunity, every channel, to prevent what lives within humanity from developing in a way that accords with the soul of consciousness, but rather to shape it in a way that suits Rome. And if only people would awaken to what Rome wants, if only they would recognize the things that are sometimes obvious—things that are judged from entirely different perspectives—if only they would recognize the hand of Rome and Jesuitism, then that would be of immense significance for resolving the issues that must be resolved in the near future out of the chaotic confusion of the present.
[ 27 ] Deshalb ist die Anerkenntnis einer solchen Tatsache, wie diejenige, die wir gestern und heute besprochen haben, auch für die unmittelbare Gegenwart von ungeheurer Wichtigkeit. Man soll heute nicht nach abstrakten Grundsätzen die Welt beurteilen wollen: Da duselt man weiter ein; man soll sie nach wirklichen Erkenntnissen beurteilen wollen. Denn dasjenige, was geschehen muß gegen die nächsten Jahre zu, es wird nur geschehen können von seiten derjenigen Menschen, die ihre Grundsätze, die die Impulse ihres Handelns und Wollens schöpfen aus einer geistigen Erkenntnis des Weltenwerdens. Und ich muß sagen: Man darf nicht, von der einen Seite her, benützen lassen den gesunden, echten, erfreulich erfrischenden Zug der Menschenseelen nach Sakramentalismus zur Auffrischung alter Kulte. Nicht zur Erkenntnis des Mysteriums von Golgatha benützt man ihn, sondern zur Fortsetzung des geistlosen Symbolismus Roms, wie er im augusteischen Zeitalter inauguriert wurde und wie es gegenwärtig, zur Befriedigung ihrer Rechnung, wiederum gewünscht wird von Rom aus. Das ist die eine Seite, wie man die Menschenseelen Mißverständnissen aussetzen kann, Mißverständnissen gegenüber dem Sakramentalismus, Mißverständnissen gegenüber den Kulten, Mißverständnissen auch gegenüber der Rhetorik, gegenüber dem Leben in Begriffen, in Worten, die man formuliert, und die wahrhaftig nicht entsprungen sind jenen Anstrengungen, die Demosthenes in Griechenland gemacht hat, der Steine auf die Zunge gelegt hat, weil er Stotterer war, aber doch den warmen und liebevollen Inhalt seiner Seele den Griechen mitteilen wollte, sondern die entspringen aus Schönrednereien, die die Menschen, wenn sie nicht voll erwachen können in den Impulsen der Menschheitsentwickelung, hinreißen und hinnehmen.
[ 27 ] That is why acknowledging a fact such as the one we discussed yesterday and today is of immense importance even for the immediate present. One should not seek to judge the world today according to abstract principles: that is merely to lull oneself into complacency; one should seek to judge it according to genuine insights. For what must happen in the coming years will only be possible on the part of those people who draw their principles—the impulses for their actions and will—from a spiritual understanding of the evolution of the world. And I must say: One must not, on the one hand, allow the healthy, genuine, and delightfully refreshing tendency of human souls toward sacramentalism to be exploited for the revival of ancient cults. It is not used to bring about an understanding of the Mystery of Golgotha, but rather to perpetuate the spiritless symbolism of Rome, as it was inaugurated in the Augustan age and as it is currently being sought once again from Rome to serve its own purposes. This is one way in which human souls can be exposed to misunderstandings—misunderstandings regarding sacramentalism, misunderstandings regarding cults, and misunderstandings regarding rhetoric as well, regarding life expressed in concepts and words that are formulated but which truly did not spring from the efforts that Demosthenes made in Greece, who placed stones on his tongue because he was a stutterer, yet still wanted to convey the warm and loving content of his soul to the Greeks—but rather stem from flowery rhetoric that carries people away and which they accept when they cannot fully awaken to the impulses of human development.
[ 28 ] Auch das weiß man auf jenen Seiten, wo man seine Rechnung finden will. Dasjenige, woraus die Menschheit schon hinausstrebt aus einem gesunden Impuls im Laufe der letzten Zeit, sehen Sie, wie es wieder erneuert wurde! Lesen Sie die Schriften und Abhandlungen, die heute erscheinen über die Bestrebungen der katholischen Kirche zur Erneuerung des Corpus iuris canonici, das wiederum auferstehen soll aus seinem Grabe: das Corpus juris canonici soll wiederum Gesetz werden für die katholischen Christen. Das System ist zusammengestellt. Dann werden Sie empfinden, durch welche Kanäle fließen soll dasjenige, was nach der Rhetorikseite hin fließt von jenem Rom aus, das so klug, so großartig klug, das so großartig auch eingeweiht ist in die Geheimnisse der Menschheitsentwickelung, und das man niemals erfolgreich bekämpfen wird mit äußeren Staatsmachtmitteln, sondern nur mit Mitteln des geistigen Kampfes. Man lasse die Jesuiten überall hinein, aber man gebe überall den Menschen die Möglichkeit, in freier Weise sich ebenso tief geistig zu unterrichten, wie die Jesuiten unterrichtet sind; dann werden die Jesuiten ungefährlich sein. Nur wenn man sich selbst schützt, und das andere nicht schützt, sondern im Gegenteil bekämpft, dann wird der Jesuitismus gefährlich sein. Der Jesuitismus kann überall hereingelassen werden, wenn man den Kampf, der mit ihm geführt werden muß, in ebensolcher Freiheit und in ebenso vorurteilslosem Sinn sich entfalten läßt, wie dasjenige, was von jener Seite kommt. Davon sind wir nach den Lebensgewohnheiten der Gegenwart weit, weit entfernt.
[ 28 ] This, too, is well known to those who wish to settle their accounts. You can see how that which humanity has already been striving toward—out of a healthy impulse in recent times—has been renewed! Read the writings and treatises appearing today on the Catholic Church’s efforts to renew the Corpus iuris canonici, which is to rise again from its grave: the Corpus iuris canonici is to become law once more for Catholic Christians. The system has been put together. Then you will sense through which channels that which flows from Rome—from that Rome which is so wise, so magnificently wise, and so magnificently initiated into the mysteries of human development—is to flow; and you will realize that it can never be successfully combated with external means of state power, but only through the means of spiritual struggle. Let the Jesuits be admitted everywhere, but give people everywhere the opportunity to educate themselves spiritually just as deeply as the Jesuits are educated; then the Jesuits will pose no danger. Only if one protects oneself and does not protect the other—but rather combats it—will Jesuitism be dangerous. Jesuitism can be allowed in everywhere if the struggle that must be waged against it is allowed to unfold with the same freedom and in the same unbiased spirit as that which comes from the other side. Given the habits of our present-day lives, we are far, far removed from this.
[ 29 ] Aber dasjenige, was sich verbreiten soll, es verbreitet sich nicht nur von dieser Seite aus. Das, was lebt in römischem Sakramentalismus, in römischer Rhetorik, und was insbesondere heute in der Kanzelrhetorik Triumphe feiert, das ist nur die eine Seite.
[ 29 ] But what is supposed to spread does not spread only from this side. What lives on in Roman sacramentalism, in Roman rhetoric, and what is particularly triumphant today in pulpit rhetoric—that is only one side of the story.
[ 30 ] Die andere Seite ist dasjenige, was nur schwört auf grobklotzige Naturwissenschaft, die sich nicht vergeistigen will, die die Naturwissenschaft nur insofern gelten lassen will, als sie zur Technik wird, die ablehnen will alles dasjenige, was durch die gewaltigen, großen Naturerscheinungen gefunden werden kann über den geistigen Gehalt der Welt. Ich habe einmal gesagt, wahrhaftig nicht aus Rhetorik heraus, sondern aus dem heraus, was aus der tieferen Erkenntnis der Seele kommt: Bevor unsere Physik, unsere Mechanik, unsere ganze äußerliche Wissenschaft nicht durchchristet ist, hat sie nicht ihr Ziel erreicht. — Nicht nur die Geschichte soll von dem Mysterium von Golgatha sprechen, sondern wissen soll man, daß seit dem Mysterium von Golgatha auch die Naturerscheinungen so betrachtet werden müssen, so daß man weiß: Der Christus ist auf der Erde, während er früher nicht auf der Erde war. Nicht nach Atomen und ihren Gesetzen wird eine wirkliche christliche Wissenschaft suchen, nicht nach Erhaltung des Stoffes und der Kraft, sondern nach der Offenbarung des Christus in allen Naturerscheinungen, die dadurch selber für den Menschen einen Sakramentalismus darstellen.
[ 30 ] The other side is that which swears by crude, literal-minded natural science alone—a science that refuses to become spiritual, that accepts natural science only insofar as it becomes technology, and that rejects everything that can be discovered about the spiritual content of the world through the mighty, grand phenomena of nature. I once said—truly not out of rhetoric, but out of what springs from a deeper understanding of the soul—that until our physics, our mechanics, and our entire external science are permeated by Christ, they have not reached their goal. — Not only should history speak of the Mystery of Golgotha, but one must also know that, since the Mystery of Golgotha, natural phenomena must be viewed in such a way that one knows: Christ is on earth, whereas before He was not on earth. A true Christian science will not seek atoms and their laws, nor the conservation of matter and energy, but rather the revelation of Christ in all natural phenomena, which thereby themselves become a form of sacramentality for human beings.
[ 31 ] Betrachtet man so die Natur, dann geht aus dieser Betrachtung der Natur auch eine Betrachtung der moralischen, der sozialen, der politischen, der religiösen Grundsätze des Menschenlebens hervor, die wirklich diesem Leben gewachsen ist. Saugen wir aus der Natur die Göttlichkeit, saugen wir aus der Naturerkenntnis die Kraft des Christus, dann tragen wir in das, was wir der Menschheit als Gesetze vorschreiben, in das, was wir der Menschheit, sei es in der Armenpflege, sei es sonst auf irgendeinem Gebiete, als einen äußeren sozialen Dienst erweisen wollen, dann tragen wir in all unser Wirken auch die Christologie hinein. Können wir aber nicht die Natur um uns herum als durchdrungen von dem Christus erblicken, können wir nicht in dem, was in Menschentaten lebt, selbst wenn sie prüfende Taten der Menschen sind, den Christus in seiner Wirksamkeit entdecken, so sind wir auch nicht imstande, in unser soziales, in unser moralisches, politisches Leben unterzutauchen mit dem, was wirklich von der Zeit gefordert wird. Dann würden wir stehenbleiben auf der einen Seite bei der grobklotzigen Naturwissenschaft, die nichts anderes ist als ein Verkennen des Übersinnlichen, oder wir würden stehenbleiben bei der bloßen Rhetorik, die ein Vermächtnis ist des Romanismus, das Gespenst des Romanismus. Und muß man auf der einen Seite, wenn man von dem mißverstandenen Sakramentalismus und Kultus spricht, auf Rom verweisen, und zwar auf das heutige Rom, auf jenes Rom, das insbesondere durch Leo XII/., den gescheiten Papst, groß geworden ist, dann muß man auch den Namen finden, der diejenige leere Phrasenhaftigkeit in der Rhetorik anzeigt, welche der Mensch, der wirklich mit anthroposophischer Erfassung des Geisteslebens sich durchdringt, heute in der Rhetorik erkennen muß. Wir haben öfter auf diese Rhetorik hier hingewiesen. Ich muß jetzt schon auf Aktuelles eingehen; ich tue es ja gewöhnlich nur, wenn das andere schon der Zeit nach erschöpft ist.
[ 31 ] When we view nature in this way, this contemplation of nature also gives rise to a contemplation of the moral, social, political, and religious principles of human life that are truly commensurate with that life. If we draw the divine from nature, if we draw the power of Christ from our knowledge of nature, then we infuse Christology into everything we prescribe to humanity as laws, into everything we seek to offer humanity—whether in caring for the poor or in any other field—as an external social service; we infuse Christology into all our actions. But if we cannot perceive the nature around us as permeated by Christ, if we cannot discover Christ at work in what lives in human deeds—even when these are deeds that put humanity to the test—then we are also incapable of immersing ourselves in our social, moral, and political life with what is truly demanded of our time. Then we would remain, on the one hand, stuck with crude, clumsy natural science, which is nothing other than a misunderstanding of the supernatural, or we would remain stuck with mere rhetoric, which is a legacy of Romanism—the specter of Romanism. And if, on the one hand, when speaking of misunderstood sacramentalism and worship, one must refer to Rome—specifically to today’s Rome, to that Rome which has grown great particularly through Leo XII, the wise Pope, then one must also find the name that indicates that very emptiness of rhetoric—that empty phrase-mongering—which anyone who has truly imbued themselves with an anthroposophical understanding of spiritual life must recognize in rhetoric today. We have often pointed out this rhetoric here. I must now turn to current events; I usually do so only when the other topic has run its course.
[ 32 ] Wo finden wir diejenige Rhetorik, die, ebenso wie die römische Kanzelrhetorik im Jesuitismus, entgegensteht einem invalid gewordenen Kultus? Wo finden wir die Rhetorik, die der heutigen Naturwissenschaft, die nach Geistigkeit verlangt, gegenübersteht, und die unsere Menschheit bedroht, weil unsere Menschheit schlafend aufnimmt dasjenige, was ihr ja vielleicht aus äußeren Gründen notwendig ist, was ihr aber, wo sie erkennen soll, ganz fremd bleiben sollte? Das ist der Wilsonismus! Woodrow Wilsons Name ist derjenige, der da geprägt werden muß für das Leben in bloßer Rhetorik, in bloßer substanzloser Zusammenstellung von Worten, heißen sie nun Völkerbund oder sonstwie; das ist eben das Schwelgen in bloßer Rhetorik. Das ist etwas, was die Menschheit nicht verschlafen sollte. Die heutige Menschheit hat nötig, zu erkennen, was hier betont worden ist: daß der wahre Wilsonismus dasjenige ist, was entgegengesetzt ist dem wahren Fortschritte der Menschheit, und was erkannt werden muß als eine auf tönernen Füßen stehende Rhetorik. So wie die invalid gewordene Seelenverfassung der Menschheit heute einerseits nach Rom strebt, so tendiert ja die sich mißverstehende, von der naturwissenschaftlichen grobklotzigen Weltanschauung angefressene Seele der Gegenwart andererseits nach dem, was heute als bloße Rhetorik durch die Welt weht, und was feindlich ist all dem, was mit dem wahren, segensreichen Fortschritt der Menschheit zusammenhängt.
[ 32 ] Where do we find the kind of rhetoric that, like Roman pulpit rhetoric in Jesuitism, stands in opposition to a cult that has become obsolete? Where do we find the rhetoric that stands in opposition to today’s natural science—which demands spirituality—and that threatens our humanity, because our humanity passively accepts what may indeed be necessary for it for external reasons, but which, where it is supposed to recognize, should remain entirely foreign to it? That is Wilsonism! Woodrow Wilson’s name is the one that must be associated with a life of mere rhetoric, of a mere insubstantial jumble of words, whether they be called the League of Nations or something else; that is precisely revelling in mere rhetoric. This is something humanity should not overlook. Humanity today needs to recognize what has been emphasized here: that true Wilsonism is the very opposite of humanity’s true progress, and must be recognized as rhetoric built on feet of clay. Just as the now-crippled spiritual constitution of humanity today strives toward Rome on the one hand, so too does the self-misunderstanding soul of the present—corroded by a crude, scientific worldview—tend toward what today blows through the world as mere rhetoric, and which is hostile to everything connected with the true, beneficial progress of humanity.
[ 33 ] Dies läßt sich nicht mit ein paar bourgeoisen, mit ein paar philiströsen Gedanken zum Ausdruck bringen. Dasjenige, was von dieser Richtung her unserer Zeit droht, was man nüchtern sehen muß, wenn man die Tagesereignisse ins Auge faßt, das muß auf der andern Seite aber in seiner ganzen Bedeutung erkannt werden. Es darf nicht über alle Menschen der Schlafzustand kommen, daß die Welt verwilsont wird. Mögen die Wilsonianer in Amerika, mögen sie in Europa, mögen sie da oder dort leben, es muß auch noch Menschen geben, welche wissen, daß es eine tiefe Verwandtschaft gibt zwischen Jesuitismus auf der einen Seite und Wilsonismus auf der andern Seite. Diese Menschen muß es geben. Diese Menschen müssen allerdings über das Philistertum der Gegenwart hinauswachsen, müssen sich nicht ihr Urteil bilden nach dem, was der Tag oder auch die Jahre bringen, sondern müssen sich ihr Urteil bilden können nach dem, was die Jahrhunderte bergen und was die Jahrhunderte uns offenbaren, wenn wir wirklich und wahrhaftig mit innerster, aktiver Kraft der Seele hinzuschauen vermögen nach jenem Hügel, worauf gestanden hat das Kreuz von Golgatha, das das Symbol ist für alles dasjenige, was als die Offenbarung der uralten Geheimnisse in die Menschheit eingeflossen ist, das aber immer jung und jung sein wird und immer neue und neue Offenbarungen den Menschen bringen wird, wenn die Menschen sich diesen Offenbarungen nicht verschließen, sei es, daß sie sich einlullen lassen von Rom, sei es, daß sie sich einlullen lassen von der blendenden Rhetorik, nach der sie heute so hinneigen.
[ 33 ] This cannot be expressed with a few bourgeois, a few philistine thoughts. What threatens our time from this direction—what one must soberly recognize when considering current events—must, on the other hand, be understood in all its significance. We must not allow a state of slumber to descend upon all people, causing the world to become “Wilsonized.” Whether the Wilsonians are in America, in Europe, or living here or there, there must still be people who know that there is a deep kinship between Jesuitism on the one hand and Wilsonism on the other. Such people must exist. These people must, however, rise above the philistinism of the present; they must not form their judgment based on what the day or even the years bring, but must be able to form their judgment based on what the centuries hold and what the centuries reveal to us when we truly and sincerely, with the innermost, active power of the soul toward that hill upon which stood the Cross of Golgotha—which is the symbol of all that has flowed into humanity as the revelation of the ancient mysteries, yet which is and always will be young, and will bring ever new revelations to humankind, provided that people do not close themselves off from these revelations, whether they allow themselves to be lulled by Rome or by the dazzling rhetoric to which they are so prone today.
