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Historical Symptomatology
GA 185

3 November 1918, Dornach

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Neunter Vortrag

Lecture Nine

[ 1 ] Wir wollen anknüpfen an die Betrachtungen, die wir gestern gepflogen haben. Wir haben im wesentlichen darauf hingewiesen, wie durch Tatsachen, die ich ja erwähnt habe, das sogenannte Christus-Volk nach dem Osten gewissermaßen hingeschoben worden ist, und wie sich aus anderen Tatsachen heraus ergeben hat, daß aus Europas Mitte, weit übrigens nach Westen hinüber, das eigentliche Kirchenvolk, man könnte auch sagen, die Kirchenvölker sich entwickelt haben. Ich habe dann darauf hingewiesen, wie mit dieser Grundtatsache zusammenhingen die verschiedenen Kämpfe, die sich entwickelt haben gerade um die Wende zu dem fünften nachatlantischen Zeitraum hin, unmittelbar danach. Ich habe aber auch darauf hingewiesen, wie innerhalb desjenigen Gebietes, in dem sich die eigentlichen Kirchenvölker ausgebildet haben, dadurch, daß der Christus-Impuls gewissermaßen nicht fortwirkend, sondern in der Zeit gehalten worden ist, durch Tradition und Schriftüberlieferung fortgepflanzt werden sollte, die Zusammenkoppelung, die Konfundierung gekommen ist zwischen dem Christentum und dem politisch-staatlich organisierten römischen Papsttum, der päpstlichen Kirche; wie dann sich hineingestellt haben einzelne andere Kirchen in diese Papstkirche. Man kann sagen, daß die anderen Kirchen, die sich hineingestellt haben, gewiß große Unterschiede von dem Papstkirchentum aufweisen, daß sie aber auch wiederum vieles gemeinsam haben mit diesem Papstkirchentum, jedenfalls doch Dinge, die uns jetzt in diesem Zusammenhang interessieren. Diese Dinge, die sind so, daß sie uns selbst die protestantische Staatskirche näher dem römischen Katholizismus, der römisch-katholischen Kirche wenigstens erscheinen lassen, als etwa der orthodox-katholische Kirchenstaat, die russische sogenannte Staatskirche, bei der aber das Staatskirchentum nie das Wesentliche war, sondern die Art und Weise, wie durch das russische Volk der Christus-Impuls, fortwährend sich betätigend, sich geltend machte. Ich habe Ihnen dann gezeigt, wie durch dieses Herunterholen des Christus-Impulses in die rein weltlichen Angelegenheiten, in die Angelegenheiten der sinnenfälligen Wirklichkeit, im Extrem herausgekommen ist die jesuitische Konstitution. Und ich habe Ihnen dann gezeigt, wie als das Gegenteil der jesuitischen Konstitution dasjenige auftritt, was man den Goetheanismus nennen kann.

[ 1 ] Let us resume our observations of yesterday. I showed how, in the main, through factors I have mentioned, the People of the Christ was diverted eastwards and how, as a consequence of other factors, the Peoples of the Church developed in the centre of Europe and spread from there in a westward direction. I then pointed out how the various conflicts which arose at the turning-point which marked the beginning of the fifth post-Atlantean epoch were connected with this basic fact. I also showed how, within that territory where the true People of the Church developed, through the fact that the Christ impulse to some extent no longer exercised a lasting influence, but was associated with a definite moment in time and had to be transmitted through tradition and written records, there arose the troubled relationship between Christianity and the politically organized church, subject to the Roman pontiff; and how then other individual churches submitted to Rome. These other churches, though manifesting considerable differences from the papal church have, however, many features in common with it—in any case certain things which are of interest to us in this context and which seem to indicate that the state church of the Protestants is closer to the Roman Catholic Church than to the Russian Orthodox Church, in which however the dependence of the church upon the state was never the essential factor. What was of paramount importance in the Russian church was the way in which the Christ impulse, in unbroken activity, expressed itself through the Russian people. I then showed how the radical consequence of this dragging down of the Christ impulse into purely worldly affairs was the establishment of Jesuitism, and how GoetheanismT1Goethestudien und Goetheanische Denkmethoden (in Bibl. Nr. 36). appeared as the antithesis of Jesuitism.

[ 2 ] Dieser Goetheanismus, sagte ich Ihnen, er versucht die gegenteilige Bewegung hervorzurufen, die etwas ähnlich ist dem russischen Christentum, nämlich: hinaufzuheben dasjenige, was hier auf dem physischen Plane ist, in die geistigen Welten. So daß sich trotz aller Verhältnisse auf dem physischen Plane hier die Seele mit den Impulsen verbindet, die in der geistigen Welt selber gehalten werden, die nicht, so wie innerhalb des Jesuitismus, unmittelbar in die sinnenfällige Wirklichkeit heruntergetragen werden, sondern nur durch die Seele heruntergetragen werden. Goethe hat sich seiner ganzen Art nach wenig oft über seine intimsten Gedanken in diesen Angelegenheiten ausgesprochen. Aber wenn man ihn nach dieser Richtung kennenlernen will, ihn selbst, dann darf man immer wiederum auf jene Stelle im «Wilhelm Meister» verweisen, auf die ich schon in anderem Zusammenhange hingewiesen habe, jene Stelle, wo Wilhelm Meister in das Schloß eines vornehmen Mannes kommt und ihm unter anderen Dingen auch die Bildergalerie gezeigt wird. Die Sache ist so eingerichtet, daß eigentlich diese Bildergalerie darstellt die Welthistorie, und im Grunde genommen innerhalb der Weltgeschichte, der Welthistorie darstellt die religiöse EntwickeJung der Menschheit. Also Goethe will eigentlich darstellen — es ist dichterische Darstellung einer großen Idee —, wie Wilhelm Meister durch eine Bildergalerie geführt wird, in welcher gezeigt wird der religiöse Entwickelungsgang der Menschheit. Wilhelm Meister wird durch den Führer bis zu einem gewissen Punkte gebracht: da war die Geschichte gegangen bis zu der Zerstörung Jerusalems, und es vermißte dann Wilhelm Meister, was er dem Führer bemerklich machte, die Darstellung des Lebens, wie er sagt, des göttlichen Mannes, der in Palästina unmittelbar vor der Zerstörung Jerusalems gewirkt hat. Da wurde Wilhelm Meister in ein abgesondertes zweites Gemach geführt, in dem dann gezeigt werden konnte, was im ersten Gemach nicht gezeigt wird. Im ersten Gemach war die Entwickelung der Menschheit durch die Religionen hindurch bis zu der Zerstörung Jerusalems gezeigt. Es war also ausgelassen das ganze Leben, wie es dort heißt, des göttlichen Mannes, des Christus Jesus. Im zweiten Gemach wird ihm gezeigt das Leben des Christus Jesus bis zum Abendmahl. Und nun wird ihm auseinandergesetzt: Ja, sieh einmal, alle die verschiedenen Religionsimpulse bis zu der Zerstörung Jerusalems, welche du im ersten Gemach gesehen hast, die gehen den Menschen an, insofern der Mensch ein Mitglied des Volkes ist, zu dem er gehört. Das ist Volksreligion gewesen, ethnische Religion. Dasjenige aber, was du im zweiten Gemach gesehen hast, das geht den einzelnen an, das spricht zum einzelnen Menschen. Das ist gewissermaßen des Einzelmenschen Privatsache. Das kann man nicht anders als an die Individualität des einzelnen Menschen heranbringen. Das kann nicht Volksreligion sein, das spricht zum Menschen überhaupt.

[ 2 ] This Goetheanism endeavours to promote a countermovement, somewhat akin to Russian Christianity. It seeks to spiritualize that which exists here on the physical plane, so that, despite the circumstances on the physical plane, the soul unites with the impulses which sustain the spiritual world itself, impulses which are not brought down directly to the plane of sensible reality, as in Jesuitism, but are mediated by the soul. As was his custom, Goethe seldom expressed his most intimate thoughts on this subject. But if we wish to know them we must again refer to that passage in Wilhelm Meister to which I have already drawn attention in another context. It is the passage where Wilhelm Meister enters Jarno's castle and is shown a picture gallery depicting world history, and in the framework of this world history the religious evolution of mankind. Wilhelm Meister is led by the guide to a picture where history is portrayed as ending with the destruction of Jerusalem. He drew the attention of the guide to the absence of any representation of the Divine Being who had been active in Palestine immediately before the destruction of Jerusalem. Wilhelm was then led into a second gallery where he was shown what was missing in the first gallery—the life of Christ up to the Last Supper. And it was explained to him that all the different religions represented in the first gallery up to the time of the destruction of Jerusalem were related to the human being in so far as he was a member of an ethnic group. All these scenes represented an ethnic or folk religion. What he had seen in the second gallery, however, was related to the individual, was addressed to the individual; it was a personal and private matter. It could only be revealed to the individual, it could not be an ethnic religion for it was addressed to the human being, to the individual as such.

[ 3 ] Dann vermißte Wilhelm Meister noch die Geschichte des Christus Jesus vom Abendmahl bis zum Tode und über den Tod hinaus. Da wurde er in ein drittes, ganz geheimes Gemach geführt, wo ihm auch dieses gezeigt wurde. Aber zu gleicher Zeit wurde ihm bemerklich gemacht, daß dies eine so intime Angelegenheit sei, daß man eigentlich kein Recht habe, das so darzustellen, wie es gewöhnlich profaniert dargestellt wird für die äußere Welt. Das müsse zum Allerinnersten des Menschen sprechen.

[ 3 ] Wilhelm Meister then remarked that he still missed here, i.e. in the second gallery, the story of Christ Jesus from the time of the Last Supper until His Death and Ascension. He was then led to a third and highly secret gallery where these scenes were represented. But at the same time the guide pointed out to him that these representations were a matter of such intimacy that one had no right to portray them in the profane fashion in which they were usually presented to the public. They must appeal to the innermost being of man.

[ 4 ] Nun kann man mit Recht bemerken: Was zu Goethes Zeiten noch so ist, daß man die eigentliche Leidensgeschichte des Christus Jesus nicht äußerlich darstellen sollte, es gilt heute nicht mehr. Wir sind seit jener Zeit durch manche andere Entwickelungsphase gegangen. Aber ich möchte sagen: Die ganze Gesinnung Goethes mit Bezug auf diese Sache geht aus dem eben Angeführten hervor. — Er zeigt ganz klar, dieser Goethe, daß er dasjenige, was Christus-Impuls ist, in das Intimste der Seele hereintragen will, daß er es nicht verquicken will mit demjenigen, was äußerlich volksmäßig ist, jedenfalls nicht verquicken will mit der äußeren Struktur, die sich auf dem physischen Plane vollzieht, sondern daß er ein unmittelbares Verhältnis suchen will zwischen der einzelnen individuellen Menschenseele und dem Christus-Impuls. Goethe tendiert darauf hin, ein spirituelles Verhältnis zwischen der einzelnen Menschenseele und dem Christus-Impuls zu suchen. Das ist von einer großen Bedeutung für das Verständnis nicht nur Goethes, sondern auch des Goetheanismus. Denn wenn man so sprechen kann, wie ich in diesen Tagen zu Ihnen gesprochen habe: daß Goethe und der ganze Goetheanismus gegenüber der äußeren Kultur eigentlich isoliert dasteht, so kann man nicht dasselbe sagen mit Bezug auf die fortschreitende Evolution, wenn man die intimeren religiösen Fortschritte der zivilisierten Menschheit ins Auge faßt. Da stellt Goethe doch in einer gewissen Beziehung auch für seine Person dar die Fortsetzung von etwas anderem. Aber wir werden das erst verstehen, wie Goethe in einer gewissen Beziehung kontrastiert ist mit all dem, was sonst im mitteleuropäischen Kirchentum auftritt, wenn wir nun ins Auge fassen einen dritten Impuls.

[ 4 ] Now one can claim with good reason that what was still valid in Goethe's day, namely, that the representation of the Passion of Christ Jesus should be withheld from the public, no longer applies today. Since that time we have passed through many stages of development. But I should like to point out that Goethe's whole attitude to this question is revealed in this passage from Wilhelm Meister. Goethe shows quite clearly that he wishes the Christ impulse to penetrate into the inmost recesses of the soul; he wishes to dissociate it from the national impulse, from the national state. He wishes to establish a direct relationship between the individual soul and the Christ impulse. This is extremely important for an understanding not only of Goethe, but of Goetheanism. For, as I said recently, in relation to external culture, Goethe and the whole of Goetheanism are in reality isolated, but when one bears in mind the more inward religious development of civilized mankind one cannot say the same of the progress of evolution. Goethe, for his part, represents in a certain respect the continuation of something else. But in order to understand how Goethe is to some extent opposed to everything that is usually manifested in the Church of Central Europe, we must now consider a third impulse.

[ 5 ] Ein solcher dritter Impuls liegt mehr nach Westen zu. Also ChristusVolk, Kirchenvolk, und nun ein dritter Impuls, der auch die Völker in einer gewissen Weise eben impulsiert — man kann nicht gut sagen inspiriert, aber impulsiert. Das ist so, meine lieben Freunde. Man muß sagen: Wie eigentlich dasjenige zustandegekommen ist, was dann in seiner äußersten Konsequenz als Jesuitismus, als dieser Heerbann des Generalissimus Jesus Christus zutage getreten ist, das hat eine tiefe Begründung im ganzen Wesen der zivilisierten Welt. Man kann dieses Wesen nicht verstehen, wenn man nicht auf etwas blickt, was weiter zurückliegt in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, aber dann nachgewirkt hat. Sie wissen ja wohl aus der äußeren Geschichte und Religionsgeschichte, daß ursprünglich unter den verschiedenen Formen, in denen das Christentum seinen Siegeszug, wenn ich so sagen darf, gemacht hat vom Osten nach dem Westen, diejenigen des Arianismus und des Athanasianismus waren. Jene Völker, die als gotische, auch langobardische, sogar als fränkische Völker, zunächst in der verschiedensten Weise an dem teilgenommen haben, was man mit Unrecht, aber doch eben die Völkerwanderung nennt, diese Völker waren ursprünglich Arianer.

[ 5 ] This third impulse is localized more to the West, and to a certain extent is the driving force behind the nations—one cannot say that it inspires them. That which emerged in its extreme form as Jesuitism, as the militia of the generalissimo Jesus Christ, is deeply rooted in the very nature of the civilized world. In order to understand this we must turn our attention to the controversy dating back to the fourth century which was felt long afterwards. From your knowledge of the history of religions you will recall that, in its triumphal march from East to West, Christianity assumed diverse forms and amongst them those of Arianism and Athanasianism. The peoples—Goths, Langobards and Franks—who took part in what is mistakenly called the migration of nations were originally Arians.

[ 6 ] Nun, der dogmatische Unterschied zwischen den Arianern und den Bekennern des Glaubens des Athanasius wird Sie heute ja wenig interessieren, aber er hat eine gewisse Rolle gespielt und man muß doch auf ihn zurückgehen. Der dogmatische Unterschied ist eben dieser, daß aus einer bestimmten Weltanschauungsrichtung heraus Arius entgegengetreten ist in Alexandrien im besonderen dem Athanasius. Und zwar war Athanasius der Anschauung, daß der Christus ein Gott ist wie der Vater-Gott, daß es also den Vater-Gott gäbe und vollständig gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater-Gott der Christus-Gott sei, von Ewigkeit mit ihm gleicher Natur und Wesenheit. Diese Anschauung ist dann übergegangen in den römischen Katholizismus, denn der römische Katholizismus bekennt sich heute noch zu dem Glauben des Athanasius. So daß also zu sagen ist mit Bezug auf den römischen Katholizismus, daß dem zugrunde liegt der Glaube, daß der Sohn ewig und gleicher Natur und Wesenheit mit dem Vater ist.

[ 6 ] Now the doctrinal conflict between the Arians and Athanasians1Arianism and Athanasianism. The doctrinal conflict between Arius (250–336) and Athanasius (d. 373) arose over the question of the divine Sonship of Christ. Arius maintained the Son was not God, that He was not of divine substance and not eternal, but a creation ‘begotten of God’. Athanasius defended the Godhead of the Son. Christ was truly the Son and truly God. Arianism remained the official religion of the eastern halfof the Roman Empire down to 378. The Athanasian doctrine, accepted by the Western Church at first, rejected by the Council of Antioch 341, but later supported by emporers Constantine II and Constans. The victory of the Nicene doctrine assured by the support of the Church Fathers, Basil of Caesarea, Gregory of Nazianzus and Gregory of Nyssa. The second Council of Constantinople 381 confirmed the Nicene faith and in 383 Arianism was proscribed. See Hastings Encyclopedia of Religion. is probably of little interest to you today, but it played a certain part and we must return to it. It arose from a conflict between Arius and Athanasius which began at Alexandria and was given new impetus in Antioch. Athanasius maintained that Christ is a God, like God the Father, that a Father-God therefore exists and that Christ is of the same nature and substance as the Father from all eternity. This doctrine passed over into Roman Catholicism which still professes today the faith of Athanasius. Thus at the root of Roman Catholicism is the belief that the Son is eternal and of the same nature and substance as the Father.

[ 7 ] Arius trat dieser Anschauung entgegen. Arius war der Meinung, daß man nur sagen könne, es gäbe einen überragenden Gott, den VaterGott, und der Sohn-Gott, also der Christus, sei von dem Vater zwar vor der Zeit, aber doch eben geschaffen. Also er sei nicht gleicher Natur und Wesenheit, sondern etwas, was sich aus dem Vater-Gott erst entwickelt hat, was sich entwickelt hat aus dem Vater-Gott als etwas, das der Menschheit näher steht als der Vater-Gott, als etwas, das gewissermaßen die Vermittlung bildet zwischen dem in Höhen schwebenden Vater-Gotte, der zunächst für die menschlichen Erkenntniskräfte nicht zu erreichen ist, und dem, was der Mensch in sich selber findet.

[ 7 ] Arius opposed this view. He held that there was a supreme God, the Father, and that the Divine Son, i.e. Christ, was begotten of the Father before all ages. He was a separate being from the Father, different in substance and nature, the perfect creature who is nearer to man than the Father, the mediator between the Creator, who is beyond the reach of human understanding, and the creature.

[ 8 ] Ja, so sonderbar das klingt, das scheint zunächst ein dogmatischer Unterschied zu sein. Es ist ein dogmatischer Unterschied nur für den heutigen Menschen, es war kein bloßer dogmatischer Unterschied in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwickelung. Denn das arianische Christentum, das ganz fußte, ganz gebaut war auf der Grundlage, die ich Ihnen eben jetzt auseinandergesetzt habe, von dem Verhältnis des Sohnes zum Vater, dieses arianische Christentum leuchtete instinktiv als etwas Selbstverständliches den Menschen ein, die ich genannt habe, den gotischen, den langobardischen, all den Völkern, die ja zunächst die römische Herrschaft ablösten nach dem Untergange und beim Untergange des römischen Reiches. Sie waren instinktiv Arianer. Sie wissen ja, daß Ulfilas die Bibel übersetzt hat; seine Übersetzung zeigt klar, daß er selber Arianer war. Die Goten noch, die Langobarden und so weiter, als sie nach Italien gekommen waren, sie waren Arianer, und erst als Chlodwig zum Christentum gekommen ist, traten die Franken zum Christentum über. Sie nahmen in einer gewissen Beziehung äußerlich — was ihnen innerlich nicht lag, denn sie waren innerlich früher auch Arianer gewesen —, das Glaubensbekenntnis des Athanasius an. Und als dann das Christentum namentlich unter jene Flagge gekommen ist, deren hauptsächlicher Träger Karl der Große war, da wurde alles zum Glaubensbekenntnis des Athanasius gebracht und damit die Hinüberleitung besorgt zu der römischen Papstkirche. Und ein großer Teil der ursprünglichen Völker, Barbarenvölker, Goten, Langobarden und so weiter, ging ja unter; dasjenige, was nicht volksmäßig unterging, wurde dann durch die Athanasianer vertrieben, ausgerottet. Der eigentliche Arianismus lebte sektenmäßig weiter fort, aber er verschwand in unmittelbarer Wirksamkeit als Volksreligion.

[ 8 ] Strange as it may seem this appears at first sight to be a doctrinal dispute. But it is a doctrinal dispute only in the eyes of modern man. In the first centuries of Christianity it had deeper implications, for Arian Christianity, based on the relationship between the Son and the Father, as I have just indicated, was something natural and self-evident to the Goths and Langobards—all those peoples who first took over from Rome after the fall of the empire. Instinctively they were Arians. Ulfilas's translation of the Bible shows quite clearly that he was an adherent of Arius. The Goths and Langobards who invaded Italy were also Arians, and only when Clovis was converted to Christianity did the Franks accept Christianity. They adopted somewhat superficially the doctrine of Athanasius which was foreign to their nature, for they had formerly been Arians at heart. And when Christianity hoisted its Banner under the leadership of Charles the Great2Ulfilas, the Teutons and the Heliand. The migrations of the early Christian era led to tribal groupings. The Teutonic tribes (Germanic peoples or Germans) were composed of N. Teutons, E. Teutons (Goths, Vandals and Burgundians) and W. Teutons (Franks, Saxons, Langobards).

The ‘Migration of the Peoples’ (375–568) led to attacks upon the frontiers of the Roman Empire.

Ulfilas or Wulfila (310–383). A Visigothic bishop; translated part of the Bible into Gothic. (Codex Argenteus at Uppsala.) Major influence in conversion of Visigoths to Arian christianity.

The Langobard Kingdom in Italy lasted from 568–772.

Clovis d. 511 captured Gaul for the Arian Visigoths. Was baptized 496, established a Frankish national church and so won support for Roman Catholicism.

Charles the Great overthrew the Langobards, Frisians and Saxons and united Germany under a single ruler. He was crowned in St. Peters 800 by Pope Leo III. The alliance of the Papacy and the Carolingians ensured the victory of Catholic Christianity.

Other influences in the diffusion of Christianity were the monasteries, poetic works such as the Muspilli (830), the Heliand (circa 830) in which Christ is portrayed as King and warrior, his disciples as vassals. The purpose of the poem was frankly didactic. (This complicated period of history should be studied in some standard work.)
everyone was instructed in the creed of Athanasius. Thus the ground was prepared for the transition to the Church of Rome. A large part of the barbarian peoples, Goths, Langobards, etcetera, perished; the ethnic remnants who survived were driven out or annihilated by the Athanasians. Arianism lived on in the form of sects; but as a tribal religion it ceased to be an active force.

[ 9 ] Nun muß man doch die Frage aufwerfen — zwei Fragen muß man eigentlich aufwerfen. Erstens: Was ist denn das eigentlich, dieser Arianismus, gegenüber dem Glaubensbekenntnis des Athanasius? — Und die zweite Frage ist diese: Warum ist er denn innerhalb der europäischen Entwickelung verschwunden, dieser Arianismus, wenigstens für dasjenige, was äußerlich sichtbar in den geschichtlichen Symptomen ist? — Das ist eine außerordentlich interessante Entwickelung. Da kann man nur sagen, auf die Frage, was ist eigentlich der Arianismus? — : er ist gewissermaßen der letzte Ausläufer, die letzte Ranke derjenigen Weltanschauungen, die, wenn sie hinaufblicken wollten zum Göttlichen, noch versuchten, einen Zusammenhang zu finden zwischen der äußeren sinnenfälligen Welt und dem Spirituell-Göttlichen, die noch ein Bedürfnis hatten, wirklich das Sinnenfällige nach oben anzuknüpfen an das Spirituell-Göttliche. Man kann sagen: Im Arianismus lebt in etwas abstrakterer Form noch derselbe Impuls — aber nur als Impuls, nicht als Sakramentalismus und nicht als Kultus —, der im russischen Christus-Impuls lebt. Diese Art des Christus-Impulses, die mußte eben gerade aus dem Grunde zurückgeschoben werden, weil sie nicht für die Völker Europas war. Und sie wurde auch ausgerottet von denen, die Athanasianer wurden, aus dem Grunde, weil sie für die Völker Europas nicht war.

[ 9 ] Two questions now arise: first, what distinguishes Arianism from Athanasianism? Secondly, why did Arianism disappear from the stage of European history, at least as far as any visible symptoms are concerned? Arianism is the last offshoot of those conceptions of the world which, when they aspired to the divine, still sought to find a relation between the sensible world and the divine-spiritual, and which still felt the need to unite the sense-perceptible with the divinespiritual. In Arianism we find in a somewhat more abstract form the same impulse that we find in the Christ impulse of Russia—but only as impulse, not in the form of sacramentalism and cultus. This form of the Christ impulse had to be abandoned because it was unsuited to the peoples of Europe. And it was also extirpated by the Athanasians for the same reason.

[ 10 ] Wenn man diesen Dingen nähertreten will, muß man schon einmal Rücksicht nehmen auf die ursprünglichen Seelenverfassungen der europäischen Bevölkerungsteile. Sehen Sie, diese ursprüngliche Seelenverfassung derjenigen Bevölkerungsteile, die das römische Reich abgelöst haben, die, wie man sagt — was nicht wahr ist, aber ich kann jetzt nicht die Geschichte rektifizieren —, ins römische Reich eingetreten sind und so weiter, also von denen man nur weiß, daß sie eben das römische Reich abgelöst haben, diese Seelenverfassung der sogenannten germanischen Völker ruht eigentlich ursprünglich auf einem anderen Grunde. Sie kommen von den verschiedensten Seiten her, diese Völker, und vermischen sich mit einer anderen ursprünglichen Bevölkerung Europas, mit einer gewissen Bevölkerung, welche man nicht unrichtig benennt, wenn man sie keltische Bevölkerung nennt. Diese keltische Bevölkerung ist ja da und dort in gewissen Volksteilen heute noch in Resten vorhanden. Heute, wo man alles volksmäßig konservieren will, geht man ja auch darauf aus, das Keltische, wo man es antrifft oder wenigstens anzutreffen sich einbildet, zu konservieren in irgendeiner Weise. Aber man stellt sich das Volksmäßige in Europa nur dann richtig vor, wenn man sich eine Urkultur Europas denkt, die keltisch ist und in die sich dann hineinwenden, hineinentwickeln die anderen Kulturen, germanische, romanische, angelsächsische Kultur und so weiter.

[ 10 ] In order to have a clearer understanding of these questions we must consider what was the original constitution of soul of the different peoples of Europe. The original psychic make-up of the peoples who took over from the Roman Empire, who, it is said, invaded and settled in its territory (which is not strictly true, but I have not the time at present to rectify this misconception), the psychic disposition of the so-called Teutonic peoples was originally of a different nature. These peoples came from widely different directions and mingled with an autochthonous population of Europe which is rightly called the Celtic population. Vestiges of this Celtic population can still be found here and there amongst certain ethnic groups. Today when there is a wish to preserve national identity, people are intent upon preserving at all costs the Celtic element wherever they find it, or imagine they have found it. In order to form a true picture of the national or folk element in Europe we must imagine a proto-European culture, a Celtic culture, within which the other cultures developed—the Teutonic, the Romanic (i.e. of the Romance peoples), the Anglo-Saxons, etcetera.

[ 11 ] Nun, in seiner Ureigenart hat sich das Keltische am längsten erhalten auf den britischen Inseln, namentlich in Wales. Da hat es auch seine Eigentümlichkeit am längsten bewahrt. Und geradeso wie eine gewisse Art der religiösen Empfindung, möchte ich sagen, nach Osten hinüber abgeschoben worden ist, daß das russische Volk zum Christus-Volk wurde, so geschah es durch gewisse Tatsachen, die Sie in jedem Geschichtsbuch ja nachlesen können, wenigstens in manchen Geschichtsbüchern, daß ein gewisser Impuls im Westen, der namentlich von den britischen Inseln ausging, als eine Nachwirkung sich darstellt des alten Keltentums. Nun, diese Nachwirkung des alten Keltentums, die ist es, welche im Westen letzten Endes ebenso die Struktur des religiösen Lebens angegeben hat, wie diejenigen Dinge, die ich für den Osten und für Mitteleuropa angegeben habe.

[ 11 ] The Celtic element has survived longest in its original form in the British Isles, especially in Wales. It is there that it has retained longest its original character. And just as a certain kind of religious sentiment had been diverted towards the East, with the result that the Russian people became the People of the Christ, so too, by virtue of certain facts which you can verify in any text-book of history a certain impulse emanated in the West from the British Isles. It is this impulse, an echo of the original Celtism, which ultimately determined the form of the religious life in the West, just as other influences determined that of the East and Central Europe.

[ 12 ] Man muß, wenn man diese Dinge einsehen will, darauf Rücksicht nehmen: Was waren eigentlich die Kelten für ein Volk? — Sie differenzierten sich in vieler Richtung, aber sie hatten einen gewissen gemeinsamen Zug. Und dieser gemeinsame Zug war der, daß sie in ihrem Seelenleben wenig Interesse hatten für den Zusammenhang zwischen Natur und Menschheit. Sie stellten den Menschen in einer gewissen Weise isoliert von der Natur vor ihre Seele hin. Sie interessierten sich für alles Menschliche, aber nicht, wie der Mensch nun vereinigt ist mit der Natur, wie der Mensch zusammen ist mit der Natur. Während man zum Beispiel im Orient, wo der volle Gegensatz sich entwickelt hat gegenüber dem Keltentum, den Zusammenhang des Menschen mit der ganzen Welt, also auch mit der Natur, durch und durch immer fühlt, den Menschen gewissermaßen herauskommen fühlt aus der Natur, wie ich das bei Goethe auch dargestellt habe, hatte der Kelte wenig Sinn für den Zusammenhang der menschlichen Natur mit der übrigen, mit der kosmischen Natur. Dagegen hatte er einen gewissen starken Sinn für das Zusammenleben in der sozialen Gemeinschaft, aber so, daß alles dieses Zusammenleben bei den alten Kelten darauf gestellt war, daß Befehlende und Beherrschte da waren, daß Führer und Geführte da waren. Das ist das Wesentliche, das antidemokratische, das aristokratische Element. Das ist etwas, was eigentlich zurückgeht für Europa bis auf die alte Keltenzeit. Und organisiertes aristokratisches Element, das ist da das Wesentliche, organisiertes aristokratisches Element.

[ 12 ] Now in order to understand these events we must consider the question: what kind of people were the Celts? Though widely differentiated in many respects, they had one feature in common—they showed little interest in the relationship between nature and mankind. They imagined man as insulated from nature. They were interested in everything pertaining to man, but they had no interest in the way in which man is related to nature, how man is an integral part of nature. Whilst in the East, for example, in direct contrast to Celtism, one always feels profoundly the relation between man and nature, that man is to some extent a product of nature, as I showed in the case of Goethe, the Celt, on the other hand, had little understanding for the relationship between human nature and cosmic nature. He had a strong sense for a common way of life, for community life. But amongst the ancient Celts this corporate life was organized on the authoritarian principle of leaders and subordinates, those who commanded and those who obeyed. Essentially its structure was aristrocratic, anti-democratic, and in Europe this can be traced to Celtic antiquity. It was an organization based on aristocracy and this was its fundamental character.

[ 13 ] Nun gibt es, ich möchte sagen, eine gewisse Blüte dieses aristokratischen keltischen Königstum-Elementes. Der König, der der Führer ist, der um sich herum organisiert seine Hilfsführer und so weiter, das wächst aus dem Keltentum heraus. Und gewissermaßen als der letzte solcher Führer, der in seinen eigenen Intentionen noch auf die ursprünglichen Impulse baute, als der letzte gilt dann der König Artus mit seiner Tafelrunde in Wales, mit seinen zwölf Rittern, von denen erzählt wird — was ja natürlich nicht buchstäblich genommen werden darf —, daß sie Ungeheuer zu erlegen, Dämonen zu besiegen hatten. All das weist noch hin auf die Zeit alten Zusammenlebens mit der geistigen Welt.

[ 13 ] Now there was a time when this aristocratic, Celtic, monarchical element flourished. The king as leader surrounded by his vassals, etcetera, this is a product of Celtism. And the last of such leaders who, in his own interests, still relied upon the original Celtic impulses was King Arthur with his Round Table in Wales. Arthur with his twelve Knights whose duty, so it is recorded—though this should not be taken literally—was to slay monsters and overcome demons. All this bears witness to the time of man's union with the spiritual world.

[ 14 ] Die ganze Art und Weise, wie man sich die Artus-Sage gebildet hat, alles das, was sich legendarisch um den König Artus herumgruppiert hat, das zeigt, wie das Keltenelement auch in dieser seiner Fortsetzung lebte in dem Königtum. Und von dieser Seite aus gab es Verständnis für das Befehlsmäßige, das Anordnende, das Organisierende des Königselementes.

[ 14 ] The manner in which the Arthurian legend sprang up, the many legends associated with King Arthur, all this shows that the Celtic element lived on in the monarchical principle. Hence the readiness to accept commands, injunctions and direction from the King.

[ 15 ] Nun geschah folgender Vorgang: Der Christus, welcher der Christus des Ulfila, der Christus der Goten war, der intensiv gefühlt wurde im Sinne des Arianismus, der war ein Christus für alle Menschen; für Menschen, die sich in einer gewissen Beziehung gleich fühlten, für Menschen, die nicht aristokratische und aristokratisierende Unterschiede machen. Er war zugleich eine Nachwirkung, eine letzte Nachwirkung desjenigen, was man im Oriente gefühlt hat als Zusammenwirkung dessen, was der Mensch auf der Erde mit dem ganzen Kosmos und auch mit der Natur erlebt. Die Natur war gewissermaßen herausgeworfen aus jener Konstitution, welche in der sozialen Einrichtung des keltischen Königtums lebte.

[ 15 ] Now the Christ of Ulfilas, the Christ of the Goths was strongly impregnated with Arianism. He was a Christ for all men, for those who, in a certain sense, felt themselves as equals, who accepted no class differences, no claims to aristocracy. At the same time he was a last echo of that instinctive feeling in the East for the communion between man and the cosmos, between man and nature. Nature was to some extent excluded from the social structure of the Celtic monarchical system.

[ 16 ] Diese zwei Dinge — in den Einzelheiten kann ich das nicht erörtern, aber im Prinzipe — kamen in Europa zunächst zusammen und trafen sich mit einem dritten. Sie stießen so zusammen, daß zunächst der Arianismus vordrang; aber weil er noch eine Nachwirkung war desjenigen, was Natur und Mensch zusammenkoppelt, verstanden ihn jene nicht, die unter den rein keltischen Impulsen standen auch in der Fortsetzung der germanischen, der fränkischen Völker und so weiter; sie verstanden ihn nicht, sie verstanden nur dasjenige, was in ihrer Königsstruktur war. Und daher entstand zunächst der Drang, der noch nachwirkte in der altsächsischen Evangelien-Dichtung «Heliand»: den Christus selber umzudeuten in einen Heerkönig, in einen königlichen Anführer, in einen Fürsten, der seine Mannen hat. Aus Unverstand gegenüber dem, was vom Orient noch herüberkam, und aus der Sucht, das, was man verehren soll, als König zu verehren, als weltlichen König zu gleicher Zeit, entstand diese Umdeutung des Christus in der Form des Heerkönigs.

[ 16 ] These two streams converged first of all in Europe (I cannot now enter into details, I can only discuss the main features). Then they were joined to a third stream. As a result of this confluence Arianism at first gained ground; but since it was a survival of a conception that linked nature and man, it was not understood by those who, as heirs of the Teutonic and Frankish peoples, were still influenced by purely Celtic impulses. They understood only a monarchical system such as their own. And therefore the need arose, still perceptible in the Old Saxon religious epic Heliand, to portray the Christ as a royal commander, a sovereign chief, as a feudal lord with his liege men. This reinterpretation of the Christ as a royal commander stemmed from the inability to understand what came over from the East and from the need to venerate Christ as both a spiritual and temporal King.

[ 17 ] Nun kam ein Drittes dazu. Das kam vom Süden, das kam aus dem römischen Reich. Das römische Reich, das war ja schon früher infiziert von diesem, man könnte es vielleicht heute nennen staatsmäßigen Elemente. Das römische Reich — es war kein Staat, es war ein Reich, aber man versteht sich vielleicht heute besser, wenn man sagt «staatsähnliches Gebilde» —, dieses römische Reich, es ist ja in gewisser Beziehung sehr ähnlich — nur eben so verschieden, wie die verschiedenen Territorien geographisch auseinanderliegen, verschiedene Bedingungen die soziale Struktur erzeugen —, es ist, nur aus anderen Grundlagen hervorgehend, doch gewissermaßen recht ähnlich dem, was aus der KönigsOrganisation hervorging. Es hat ja dann hingedrängt zur KaiserOrganisation aus der Republik heraus, ist aber eben ein Reich ähnlich dem, was im Keltentum, nur mit germanischer Färbung dann, aus den verschiedenen Königstümern herausgewachsen ist.

[ 17 ] The third stream came from the South, from the Roman Empire. It had already been infected earlier with what one might perhaps call today the bureaucratic mentality. The Roman Empire—(it was not a state; it could best be described as a structure akin to a state) is very like—but different, in that the different territories are geographically remote from each other and different conditions determine the social structure—this Roman Empire is very like what emerged from the monarchical system though starting from different principles. Formerly a republic, it developed into an imperial organization, into an empire akin to what developed out of the various kingdoms of the Celtic civilization, but with a Teutonic flavouring.

[ 18 ] Nun konnte dasjenige, was vom Süden aus dem romanischen Reich als die Denkweise, die Empfindungsweise gegenüber dem sozialen Leben heraufkam — weil es eben eine äußerlich auf dem physischen Plane befindliche Struktur ins Auge faßte —, sich niemals wirklich innerlich mit irgend etwas verbinden, was noch als alter instinktiver Impuls aus dem Oriente herüberkam, wie der Arianismus. Das brauchte etwas — verzeihen Sie das paradoxe Wort —, was unverständlich ist, was man dekretiert. Wie überhaupt im Königtum oder im Kaisertum dekretiert wird, so wurde auch im Papsttum dekretiert. Was Arius gelehrt hat, das läßt sich an den Menschen heranbringen, indem man an gewisse Gefühle appelliert, die ja am besten in den Völkern waren, von denen ich gesprochen habe; verwandte Seiten davon sind schließlich in allen Menschen. Dasjenige, was im Athanasianischen Glaubensbekenntnis liegt, das spricht zu dem menschlichen Verständnis-Empfinden recht wenig; das muß man dekretieren, wenn man es einfügen will der Volksgemeinschaft, das muß man zum Gesetze machen. Wie man weltliche Gesetze macht, so muß man auch das Athanasianische Glaubensbekenntnis zum Gesetze machen. So ist es ja auch geworden. Das völlig Unverständliche, Sonderbare von der Gleichheit des Sohnes mit dem Vater, die beide von Ewigkeit her, beide gleich Gott sind und so weiter, das wurde ja auch später so aufgefaßt, daß man sagte, zu verstehen brauche man es nicht, man müsse es glauben. Es ist eben etwas, das sich dekretieren läßt. Der Athanasianische Glaube ließ sich dekretieren. Und er ließ sich — indem er ausgesprochen, indem er unmittelbar angewiesen war auf das Dekretieren — auch einführen in eine politische Kirchenorganisation. Der Arianismus sprach zum einzelnen Menschen, zum individuellen Menschen. Der ließ sich nicht einfügen in eine Kirchenorganisation. Der Arianismus ließ sich nicht dekretieren. Aber auf das Dekretieren kam es an aus jenen Unterlagen heraus, von denen ich Ihnen gesprochen habe.

[ 18 ] Now the intellectual and emotional attitude towards social life which originated in the South, in the Roman Empire—because it envisaged an external structure on the physical plane—could never really find any common ground with Arianism which still survived as an old instinctive impulse from the East. This Roman impulse needed, paradoxically, something that was incomprehensible, something that had to be decreed. And as kings and emperors governed by decree, so too the Papacy. The doctrine of Athanasius could be brought home to mankind by appealing to certain feelings which were especially developed in the peoples I have mentioned; after all, these sentiments exist in everyone to some extent. The faith professed by Athanasius contains little that appeals to human feeling or understanding; if it is to be incorporated in the community it must be imposed by decree, it must have the sanction of law after the fashion of secular laws. And so it came to pass: the strange incomprehensible doctrine of the identity of the Father and the Son, who are co-equal and co-eternal, was later understood to imply that this doctrine transcended human logic; it must become an article of faith. It is something that can be decreed. The Athanasian faith can be imposed by decree. And since it was directly dependent upon authoritarian directives it could be introduced into an ecclesiastical organization with political leanings. Arianism, on the other hand, appealed to the individual; it could not be incorporated in an ecclesiastical organization, nor be imposed by decree. But authoritarian directives were important for the reasons I have mentioned.

[ 19 ] So wuchs dasjenige, was aus dem Süden heraufkam, aus dem Athanasianismus, mit der Tendenz zu dekretieren, zusammen mit dem Instinkt nach einer Organisation, an deren Spitze ein Führer mit zwölf Unterführern stand... [Lücke].

[ 19 ] Thus that which came from the south, from Athanasianism with its authoritarian tendency, merged with an instinctive need for an organization directed by a leader with twelve subordinates. ...

[ 20 ] Für Mitteleuropa hat sich das ineinandergeschoben. Für das britische Westeuropa und später auch für Amerika blieb aber ein gewisser Rest der alten Gesinnung, wie sie in dem Fürstentume, in dem aristokratischen Elemente war, in dem, was das Gesellschaftliche organisiert, das Geistige hineinzieht in das Gesellschaftliche. Daß das Geistige hineinbezogen gedacht wurde im Gesellschaftlichen, das sehen Sie ja dann an der Artus-Sage, indem erzählt wird, daß die Ritter der Artus-Tafelrunde Ungeheuer zu besiegen, Dämonen zu bekriegen hatten und so weiter. Das Geistige also spielte da hinein, spielte so hinein, daß man das nur pflegen kann, wenn man nicht dekretiert, sondern wenn man es zur Natur macht, wenn man es organisiert. Und so kam es, daß, währenddem durch Mitteleuropa das Kirchenvolk sich entwickelte, gegen Westen hin, namentlich gegen die englischsprechende Bevölkerung hin dasjenige entstand, was man nun nennen kann, um eine dritte Benennung für diesen Strom zu haben, das Logenvolk, oder die Logenvölker, wo ein gewisser Zug dazu ursprünglich vorhanden war, Gesellschaften zu bilden, in den Gesellschaften zu erzeugen die Gesinnung der Organisation. Die Organisation hat letzten Endes nur einen Wert, wenn sie durch geistige Mittel gemacht wird, ohne daß der andere sie bemerkt; sonst muß man eben dekretieren. Dekretiert wurde in Mitteleuropa; logenmäßige Herrschaft wurde mehr in dem versucht, was sich dann als Fortsetzung des Keltentums in der englischsprechenden Bevölkerung ausbildete. So daß das Logenvolk oder die Logenvölker entstanden, die im wesentlichen eigentlich in sich bemerkbar dasjenige haben, was nicht die ganze Menschheit organisiert, sondern gesellschaftsmäßig zusammenfaßt, ordensmäßig zusammenfaßt. Das ordensmäßige Zusammenfassen liegt in dieser Fortsetzung desjenigen, was sich an die Artus-Sage anknüpft. Es ist so, daß im weltgeschichtlichen Leben immer die Dinge sich ineinanderschieben. Niemals kann man eine Entwickelung verstehen, wenn man nur sich vorstellt, daß das Folgende aus dem Vorhergehenden auf geradlinigem Wege entsteht. Die Dinge schieben sich in der Entwickelung ineinander. Und so ist es eine merkwürdige Tatsache, daß in bezug auf die menschliche Vorstellungsart, in bezug auf alles dasjenige, was wirkt in der menschlichen Seele, dieses Logenprinzip — das ja dann in den Freimaurern seine affenartige Karikatur erzeugt hat —, dieses Logenartige nun wiederum innerlich verwandt ist mit dem Jesuitismus. So daß, wie feindlich auch, wie spinnefeind, wenn ich mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf, der Jesuitismus diesem Logentum ist — das wissen Sie ja, es da doch, in bezug auf die Form des Vorstellens, eine ungeheure Ähnlichkeit gibt. Und in Ignatius von Loyola hat ganz gewiß zu dem, was er gewirkt hat, was er als Großartiges geschaffen hat, ein keltisches Blutelement mitgewirkt, das in seinen Adern floß.

[ 20 ] In Central Europe these elements are interwoven. In Western Europe, in the British Isles and later also in America, there survived however a certain remnant of the old aristocratic outlook such as existed in the feudal nobility, in the old aristocracy, in that element which is responsible for the social structure and introduces the spiritual into the social life. That the spiritual element was regarded as an integral part of the social life is evident from the Arthurian legend which relates that it was the duty of the Knights of the Round Table to slay monsters and to wage war on demons. The spiritual therefore is operative here; it can only be cultivated if it is not imposed by decree, but is a spontaneous expression and is consciously directed. Thus, whilst the People of the Church developed in Central Europe there arose in the West, especially amongst the English-speaking peoples, what may be called the ‘People of the Lodges,’ to give a name to this third stream. In the West there had existed originally a tendency to form societies, to promote in these societies a spirit of organization. But in the final analysis an organization is only of value if it is created imperceptibly by spiritual means, otherwise it must be imposed by decree. And this is what happened in Central Europe; it was more in the society which later developed as a continuation of Celtism, in the English-speaking peoples, that attempts were made to rule in conformity with the lodges. Thus arose the ‘People or Peoples of the Lodges’ whose conspicuous feature is not the organization of mankind as a whole, but rather the division of mankind into separate groups and orders. The division into orders stems from this continuation of the feudal element which is associated with the legend of King Arthur. In history things are interwoven. One can never understand a new development if one imagines that the effect follows directly from the cause. In the course of development things interpenetrate. And it is a strange fact that, in relation to its mode of representation and to everything that is active in the human soul, the principle of the lodges (of which freemasonry is a grotesque caricature) is inwardly related to Jesuitism. Though Jesuitism is bitterly hostile to the lodges, there is nevertheless great similarity in their mode of representation. And a Celtic streak in Ignatius Loyola certainly contributed to his consummate achievement.

[ 21 ] Nun sehen Sie: Im Osten ist das Christus-Volk entstanden; das hat den fortlaufenden Christus-Impuls. Für den östlichen Menschen ist es ganz selbstverständlich, indem er lebt, daß in seine Seele fortwährend etwas einfließt, was der Christus-Impuls ist. Für das Kirchenvolk der mittleren Länder hat sich das abgestumpft oder abgelähmt, indem der Christus-Impuls an den Anfang unserer Zeitrechnung verlegt worden ist und später an ihn angeschlossen wurde Dekretierung, staatliche Dekretierung und traditionelle und prinzipiengemäße Fortpflanzung. Im Westen, im Logensystem, wurde der Christus-Impuls überhaupt fraglich, zunächst ganz fraglich; da wurde er noch weiter abgelähmt. Und so entwickelte sich dann aus den Vorstellungsformen, die ursprünglich wirklich auf diesen Logenimpuls zurückgehen, der aus dem Keltentum kommt, der der letzte Nachzügler des Keltentums ist, das heraus, was man die moderne Aufklärung nennt mit dem Deismus. Und es ist außerordentlich interessant zu verfolgen, wie himmelgroß der Unterschied ist zwischen der Art und Weise, wie sich ein Angehöriger eines mitteleuropäischen Kirchenvolkes zu dem Christus-Impuls verhält, und ein Angehöriger des britischen Reiches. Aber ich bitte Sie, das nicht nach dem einzelnen Menschen zu nehmen, denn natürlich hat sich der Kirchenimpuls auch nach England ausgebreitet, und die Dinge muß man nehmen, wie sie in Wahrheit sind: man muß diejenigen Menschen nehmen, die zusammenhängen mit dem, was ich jetzt als Logenimpuls geschildert habe, was aber namentlich auch in das staatliche Leben hinein im ganzen Westen gegangen ist. Aus diesem hat sich ein anderes Verhältnis zu Christus herausentwickelt,

[ 21 ] In the East therefore the People of the Christ arose; they were the bearer of the continuous Christ impulse. For the man of the East accepts as a matter of course that throughout his life he receives the continuous influx of the Christ impulse. For the People of the Christ in Central Europe this impulse has become blunted or emasculated because it has been associated with a unique event at the beginning of our era and was later supplemented by the promulgation of decrees, state decrees, and by traditional transmission in conformity with Catholic doctrine. In the West, in the system of the Lodges, the Christ impulse was at first very much in question and so became still further emasculated. Thus the modes of thinking which really originate in this lodge impulse, which stems from Celtism and is a last echo of Celtism, gave birth to deism and what is called modern Aufklärung.3Aufklärung or Enlightenment. A rationalist movement originating in England and associated with the names of Locke, Hobbes, Hume and Newton; in France with Voltaire and the Encyclopedists; in Germany with Lessing, Wolff, Nicolai and Kant. ‘Sapere aude’ said Kant—dare to be wise, have the courage to use your reason. See Kant, Was ist Aufklärung? It is extremely interesting to see the vast difference between the attitude of a member of the People of the Church in Central Europe to the Christ impulse and that of a citizen of the British Empire. But I must ask you not to judge this difference of attitude by the isolated individual, for obviously the impulse of the Church has spread also to England and one must accept things as they are in reality; one must take into account those people who are associated with what I have described as the lodge impulse which has invaded the state administration especially in the whole of the West.

[ 22 ] Sie können fragen: Wie steht der Angehörige des Christus-Volkes zu Christus? — Nun, er weiß: Wenn ich mich richtig in meiner Seele erlebe, so finde ich den Christus-Impuls — denn er ist da drinnen, er wirkt immerfort da drinnen. Der Angehörige des Kirchenvolkes, der sagt etwa wie Augustinus, der in seiner Reifezeit auf diese Frage: Wie finde ich den Christus? — gesagt hat: So wie die Kirche mir den Christus darbietet. Die Kirche sagt mir, wer der Christus ist. Von der Kirche kann ich es lernen, denn die Kirche hat aufbewahrt durch ihre Tradition, was im Anfange über den Christus gesagt war. — Derjenige, der Angehöriger des Logenvolkes ist — und es sind wirklich die Angehörigen des Logenvolkes —, der frägt in einer ganz anderen Weise nach dem Christus, weder wie das Kirchenvolk noch wie das Christus-Volk, sondern er sagt: Ja, die Weltgeschichte spricht von einem Christus, der einmal da war. Ist es vernünftig, einen solchen Christus anzunehmen? Wie rechtfertigt sich der Einfluß des Christus in der Weltgeschichte vor der Vernunft? — Das ist ja im wesentlichen die Christologie der Aufklärung, der Aufklärung, die da verlangt für den Christus, daß er sich vor der Vernunft rechtfertige.

[ 22 ] The question is: What then is the relationship of the member of the People of the Christ to Christ? He knows that when he is really at one with himself he finds the Christ impulse—for this impulse is present in his soul and is continuously active in his soul. The member of the People of the Church speaks, perhaps, like Augustine who, at the age of maturity, in answer to the question, how do I find the Christ? replied: ‘The Church tells me who is the Christ. I can learn it from the Church, for the Church has preserved in its tradition the original teaching about the Christ.’—He who belongs to the People of the Lodges—I mean the true member of the Lodges—has a different approach to the Christ from the People of the Church and the People of the Christ. He says to himself: history speaks of a Christ who once existed. Is it reasonable to believe in such a Christ? How can the influence of Christ be justified historically before the bar of reason? This, fundamentally, is the Christology of the Aufklärung which demands that the Christ be vindicated by reason.

[ 23 ] Nun muß man, um das, was da in Betracht kommt, zu verstehen, sich klar sein, daß man jederzeit, ohne den Christus-Impuls zu haben, zu Gott kommen kann. Man braucht bloß irgend etwas nicht richtig zu haben — der Atheist ist ja ein Mensch, der irgend etwas auch physisch Krankes an sich hat —; aber man kann auf dem Wege der Spekulation, auf dem Wege der Mystik, was immer, zu dem Gotte kommen, dazu kommen, daß man einen Gott in der Welt annimmt. Das ist denn auch das Urdeistische, der Aufklärungsglaube. Dazu kommt man zunächst auf geradem Wege: zu dem Aufklärungsglauben, daß ein Gott ist.

[ 23 ] Now in order to understand what is involved here we must be quite clear that it is possible to know God without the inspiration of the Christ impulse. One need only be slightly mentally abnormal—just as the atheist is a person who is physically ill in some respect—to arrive at the idea of God or admit the existence of God by way of speculation or of mysticism. For deism is the fundamental belief of Aufklärung. One arrives directly at the belief of the Aufklärung that a God exists.

[ 24 ] Nun aber handelt es sich darum bei denjenigen, die sich aus dem Logenvolk heraus entwickelt haben: vernünftig zu finden, neben dem allgemeinen Gott auch den Christus anzunehmen. Da kann man verschiedene Persönlichkeiten wählen, die charakteristisch sind für diese Dinge. Ich habe gewählt den im Jahre 1648, gerade im Jahre des Westfälischen Friedens verstorbenen Herbert Cherbury. Er versuchte, dazu zu kommen, den Christus-Impuls vernünftig zu finden. Ein richtiger Angehöriger zum Beispiel des russischen Volkes kann sich überhaupt nichts dabei denken, den Christus-Impuls vernünftig zu finden. Das ist für ihn ungefähr so, wie wenn einer von ihm verlangen würde, er soll die Anwesenheit des Kopfes auf den beiden Schultern vernünftig finden. Man hat den Kopf, so hat man den Christus-Impuls. Aber so verschieden ist dasjenige, was durch Leute wie Cherbury verlangt wird, daß da gefragt wird: Ist es vernünftig, neben dem Gott, zu dem also das aufgeklärte Nachdenken führt, auch einen Christus anzunehmen? Man muß ja erst die Menschen studieren, vernünfligerweise, um eigentlich das alles berechtigt zu finden.

[ 24 ] Now for those who are heirs of the People of the Lodges it is a question of finding a rational justification for the existence of Christ alongside the universal God. Amongst the various personalities characteristic of this rational approach I have selected Herbert of Cherbury4Lord Herbert of Cherbury (1583–1648) was called the ‘father of deism’. The five propositions in De Veritate 1624 were tenets of ‘natural religion’. He wished to show that Christianity and its doctrines were reasonable. who died in 1648, the year of the peace of Westphalia. He attempted to find a rational justification for the Christ impulse. A true member of the Russian people, for example, i.e. of the People of the Christ, would find a rational approach to the Christ impulse unthinkable. That would be tantamount to demanding of him to justify the presence of his head upon his shoulders. One possesses a head—and equally surely one possesses the Christ impulse. What people such as Cherbury want to know is something different: is it reasonable to accept alongside the God, to the idea of whom enlightened thinking leads, the existence of a Christ? One must first study man from a rational point of view in order to find a justification for this approach.

[ 25 ] Nun können Sie sagen: Das macht doch aber natürlich nicht jeder Angehörige dieses Logenvolkes! — Selbstverständlich macht das nicht jeder Angehörige des Logenvolkes. In ausgesprochenen Begriffen machen es die Philosophen; die anderen Leute denken ja nicht so viel, aber in ihren Instinkten, in ihren Empfindungen, in den unterbewußten Schlüssen machen es schon alle Leute, die in irgendeiner Weise im Zusammenhange stehen mit dem Impulse des Logenvolkes. Der Mann, von dem ich hier rede, der sagte sich zunächst: Betrachten wir alle einzelnen Religionen, was sie Gemeinsames haben. — Das ist nun überhaupt so ein Trick der Aufklärung. Weil man selber nicht zum Geistigen, wenigstens insoferne es den Christus-Impuls betrifft, kommen will, sondern nur zu einem abstrakten Gotte des Deismus, so frägt man: Ist es dem Menschen natürlich, das oder jenes aufzufinden? — Da suchte zunächst Cherbury, der viel gereist war, sich zu unterrichten über das, was die verschiedenen Religionen Gemeinsames haben. Er fand da sehr vieles Gemeinsame. Dann aber versuchte er das, was er da als Gemeinsames der Religionen gefunden hatte, in fünf Sätze zusammenzufassen. Diese fünf Sätze, wir müssen sie besonders ins Auge fassen, denn es ist recht wichtig.

[ 25 ] Not every member of the People of the Lodges of course responds in this way! The philosophers express their views in definite, clear-cut concepts; but others are not given to reflection; but all those who are in any way connected with the impulse of the Peoples of the Lodges, instinctively, emotionally and in the conclusions they unconsciously draw, adopt this rational approach. Cherbury started from an examination of the common factor in the different religions. Now this is a typical trick of the Aufklärung. Since they themselves cannot arrive at the spirit, at least as far as the Christ impulse is concerned, but only at the abstract notion of the god of deism, they ask: is it natural for man to discover this or that? Cherbury, who had travelled widely, endeavoured first of all to discover the common factor in the different religions. He found that they had a great deal in common and he tried to summarize these common factors in five propositions. These five propositions are most important and we must examine them closely.

[ 26 ] Der erste Satz ist: Es ist ein Gott. — Weil instinktiv die verschiedenen Völker der verschiedensten Religionen darauf kommen, einen Gott anzunehmen, findet er es im Sinne der Natur, anzunehmen: Es ist ein Gott.

[ 26 ] The first proposition states: A God exists. Since the various peoples belonging to widely differing religions instinctively admit the existence of a God, he finds it natural therefore to admit that a God exists.

[ 27 ] Zweitens: Der Gott verlangt Verehrung. — Wiederum ein gemeinsamer Zug der Religionen.

[ 27 ] Secondly: The God demands veneration. Again a common feature of all religions.

[ 28 ] Drittens: Diese Verehrung muß in Tugend und Frömmigkeit bestehen.

[ 28 ] Thirdly: This veneration must consist in virtue and piety.

[ 29 ] Viertens: Sünden müssen bereut und gesühnt werden.

[ 29 ] Fourthly: There must be repentence and expiation of sins.

[ 30 ] Fünftens: Es gibt eine belohnende und bestrafende Gerechtigkeit im Jenseits.

[ 30 ] Fifthly: In the hereafter there is a justice that rewards and punishes.

[ 31 ] Sie sehen, da ist nichts drinnen von irgendeinem Christus-Impuls. Es ist aber zu gleicher Zeit in diesen fünf Sätzen alles dasjenige drinnen, wozu man gelangt, wenn man nur auf das baut, worauf man da eben aus dem religiösen Impuls, aus dem Logenimpulse heraus bauen wollte. Diese Anschauungsform, die bildete sich immer weiter aus als Aufklärung. Wir finden dann in Hobbes, Locke, in anderen, daß sie versuchten, immer wieder den Versuch machten, sich zu sagen: Ja, aber von Jesus Christus gibt es eine Überlieferung. Ist es nun vernünftig, einen solchen Jesus Christus anzunehmen? — Und schließlich bequemen sie sich dazu, in der Tat zu sagen: Wenn man ins Auge faßt, was in den Evangelien steht, was von dem Christus Jesus überliefert ist, so stimmt es überein mit dem, was im Grunde genommen als Hauptsätze alle Religionen gemeinsam haben. Daher macht es den Eindruck, als ob der Christus eben zusammenfassen wollte, was alle Religionen gemeinsam haben, als ob also da gewesen ist eine gotterfüllte — das kann man sich nun mehr oder weniger vorstellen — Persönlichkeit, welche gelehrt hat das Beste aus allen Religionen. — Das fand man zuletzt vernünftig. Und einzelne Leute, zum Beispiel Tindal, der 1657 bis 1733 gelebt hat, er hat ein Buch geschrieben: «Das Christentum so alt als die Schöpfung.» Dieses Buch «Das Christentum so alt als die Schöpfung», das ist gewissermaßen sehr wichtig, um das Wesen der Aufklärung, das ja dann verflacht worden ist durch den Voltairismus und so weiter, kennenzulernen. Es kam Tindal darauf an zu zeigen, daß immer im Grunde genommen alle Menschen, die besseren Menschen immer Christen waren, daß der Christus eben nur das Beste der Religionen zusammengefaßt hat.

[ 31 ] As you see, there is no mention of the Christ impulse. But in these five propositions one finds the most one can know when one relies only upon the religious impulse emanating from the Lodges. Aufklärung is a further development of this way of looking at things. Hobbes, Locke5John Locke (1632–1704). In philosophy an empiricist; forerunner of the Enlightenment. See An Essay Concerning Human Understanding, 1690.

Thomas Hobbes (1588–1679). Philosopher: mathematical-mechanical conception of nature. Universe and man envisaged as complex machines. Politically, he looked to enlightened despotism; cf. Leviathan, 1651.
and others constantly raised the question: since there is a tradition which speaks of Jesus Christ, is it reasonable to believe in His existence? And finally they are prepared to say: what is written in the Gospels, what is handed down by tradition on the subject of Christ Jesus agrees with the fundamental tenets common to all religions. It seems that the Christ wished to collate the common factors in all religions, that a divinely inspired personality (this can be envisaged more or less) had once existed who taught what is best in all religions. The Aufklärer found this to be reasonable. And Tindal who lived from 1647–1733 wrote a book entitled Christianity as Old as Creation. This book is very important for it gives us an insight into the nature of Aufklärung which was subsequently diluted by Voltaireism etcetera. Tindal wanted to show that in reality all men, the more enlightened men, have always been Christians, and that Christ simply embodied the best in all religions.

[ 32 ] Sie sehen schon: Der Christus wird da heruntergeholt und zum Lehrer gemacht. Der Christus wird Lehrer, ob Sie ihn nun Messias nennen oder Meister oder wie Sie wollen: er wird Lehrer. Der Christus wird Lehrer. Es kommt nicht auf die Tatsache des Christus so sehr an, sondern darauf, daß er dasteht, und daß er einen gewissen Religionsinhalt lehrt, der das Teuerste, das Gemeinsame an Religionsinhalt der übrigen Menschheit ist.

[ 32 ] Thus the Christ is reduced to the status of a teacher: whether we call Him Messiah or Master, or what you will, He is nothing more than a teacher. It is not so much the fact of the Christ that is important, but that He exists and dwells amongst us, that He offers a religious teaching embodying the most precious element, the element which is common to the religions of the rest of mankind.

[ 33 ] Das, was da von mir gezeigt wurde, kann selbstverständlich die verschiedensten Nuancen annehmen, aber es bleibt die Grundfärbung: der Christus ist Lehrer. Und nun können wir, wenn wir die charakteristischen Typen — die natürlich in der mannigfaltigsten Weise dann abgeschwächt werden — des Christus-Volkes, des Kirchenvolkes und des Logenvolkes ins Auge fassen, wenn wir das Wirkliche hinter dem oft sehr, sehr Scheinbaren suchen, dann können wir für das ChristusVolk sagen: Christus ist der Geist, hat also im Grunde genommen nichts zu tun mit irgendwelchen Einrichtungen auf dem physischen Plane. Es ist nur das Mysterium vorhanden, daß er einmal in einer menschlichen Gestalt vorhanden war. — Für das Kirchenvolk: Christus ist der König. Das kann mehr oder weniger nuanciert werden: Christus ist der König. — Das lebt zwar auch im Logenvolk weiter, aber indem es sich weiterentwickelt, indem es etwas aus sich heraustreibt: Christus ist der Lehrer.

[ 33 ] The idea I have just expressed may of course assume widely different forms, but the basic form persists—the Christ is teacher. When we consider the typical representatives of the People of the Christ, the People of the Church and the People of the Lodges, representatives who show wide variations, when we seek the reality behind the appearance, then we can say that for the People of the Christ: Christ is Spirit and therefore He is in no way concerned with any institutions on the physical plane. But the mystery of His incarnation remains. For the People of the Church: Christ is King, a conception which may assume various nuances. And this conception lives on also in the People of the Lodges, but in its further development it is modified and becomes: Christ is the Teacher.

[ 34 ] Sehen Sie, diese Nuancierung durch das europäische Bewußtsein hindurch muß man ins Auge fassen, denn diese Nuancierung lebt tief, tief nicht etwa nur in einzelnen Menschen, sondern sie lebt tief, tief in demjenigen, was sich in Europa überhaupt im fünften nachatlantischen Zeitraum seelisch entwickelt hat, und auch in vielem, was sich sozial entwickelt hat. Es sind die hauptsächlichsten Nuancen des Christus-Impulses. Man könnte noch viel über diese Dinge reden, aber ich kann Ihnen ja heute zunächst nur eine Skizze geben wegen der Kürze der Zeit.

[ 34 ] We must bear in mind these different aspects of the European consciousness for they are deeply rooted not only in the individual, but also in what has developed spiritually in Europe in the fifth post-Atlantean epoch and also in many of the social forms. They are the principal nuances assumed by the Christ impulse. Much more could be said on this subject; I can only give a brief outline today since my time is short.

[ 35 ] Nun können wir, wenn wir hinsehen auf die gestrigen drei Formen der Evolution der Menschheit, uns erstens sagen: Die ganze Menschheit entwickelt sich so, daß sie jetzt in der Empfindungsseele lebt, 28. bis 21. Jahr. Jeder einzelne Mensch als Individuum entwickelt sich so, daß jetzt die Menschheit in der fünften nachatlantischen Zeit die Bewußtseinsseele zum Ausdrucke bringt. Und dann ist noch eine dritte Evolution innerhalb der Volksseelen, von der ich Ihnen gestern gesagt habe. Nun, im Zusammenhang mit den Volksseelen entwickeln sich gerade die eben geschilderten Dinge. Sie haben auf der einen Seite die historischen Tatsachen, die aber wirken, und auf der anderen Seite die Volksseelen mit ihren Religionsnuancen. Dieses Zusammenwirken macht, daß das Christus-Volk mit dem Impuls: Christus ist der Geist, daß das Kirchenvolk mit dem Impuls: Christus ist der König, und daß die Logenvölker mit dem Impuls: Christus ist der Lehrer sich entwikkeln. Das hängt von der Volksnuancierung ab. Das ist die dritte Evolution.

[ 35 ] Let us now return to the three forms of evolution of which I spoke yesterday. In its present stage of development the whole of mankind is now living in the Sentient Soul, corresponding to the age of twenty-eight to twenty-one in man. Every single man, qua individual, develops the Consciousness Soul today in the course of the post-Atlantean epoch. Finally a third evolution unfolds within the folk-souls of which I spoke yesterday. We have, on the one hand, the historical facts and the influence they exert, and on the other hand the folk-souls with their different religious nuances. As a result of this interaction, for the People of the Christ: Christ is the Spirit; for the People of the Church: Christ is the King; for the People of the Lodges: Christ is the Teacher. These different responses are determined by the different folk characteristics. That is the third evolution.

[ 36 ] Nun schlägt in der wirklichen äußeren Entwickelung immer das eine in das andere hinein. Natürlich, in der Wirklichkeit wirkt das eine auf das andere, durch die anderen; es schlägt immer das eine in das andere hinein. Nicht wahr, wenn Sie mich zum Beispiel jetzt fragen: Wer gehört ins Logenvolk hinein, wer gehört diesem AufklärungsDeismus an? — ja, da ist es merkwürdigerweise so gekommen, daß ein reinster Typ dieses Aufklärungs-Deismus der Harnack in Berlin ist! Der ist ein viel reinerer 'Typ als irgendeiner, den man jenseits des Kanals finden kann. Das mischt sich alles durcheinander im modernen Leben. Aber will man die Dinge verstehen, will man sie in ihren Ursprüngen verfolgen, dann darf man eben nicht bei ÄAußerlichkeiten stehenbleiben, sondern dann muß man sich klar sein darüber, daß es so zusammenhängt, daß die dritte Evolutionsströmung, die sich mit ‘dem Volkstümlichen zusammenkoppelt, eben hineingeht in das, was ich Ihnen jetzt hier dargestellt habe. Aber es ist immer vorhanden, weil ja die anderen Evolutionsströmungen auch da sind, die Reaktion, das Anstürmen der Bewußtseinsseele gegen dieses Volksmäßige. Und das tritt in den verschiedensten Punkten zutage. Das stürmt, ich möchte sagen, von diesem oder jenem Zentrum auf. Und ein solches Aufstürmen, das ist auch der Goetheanismus, der eigentlich mit all dem, was ich jetzt geschildert habe, nichts zu tun hat, und doch wiederum mit allem sehr viel zu tun hat, von der einen oder von der anderen Seite betrachtet. Denn es entwickelt sich früh als eine Parallelströmung zu dem, was ich Ihnen als Artus-Strömung geschildert habe, die GralsStrömung; die Grals-Strömung, die der genaue Gegensatz der ArtusStrömung ist. Die Grals-Strömung entwickelt sich so, daß derjenige, der den Tempel des Gral besuchen will, unzugängliche Wege zu gehen hat, sechzig Meilen lang, daß der Tempel ganz im Verborgenen liegt, daß man dort überhaupt nichts erfährt, wenn man nicht frägt. Kurz, diese ganze Grals-Stimmung ist die des Verbindung-Herstellens zwischen dem Intimsten der menschlichen Seele, wo die Bewußtseinsseele erwacht, mit den spirituellen Welten. Es ist, wenn ich so sagen darf, auf künstliche Weise angestrebt das Hinauflenken der sinnenfälligen Welt in die spirituelle Welt, das auf instinktive Weise im ChristusVolk angestrebt ist.

[ 36 ] In external reality things always interpenetrate—they work upon each other and through each other. If you ask who is representative of the People of the Lodges, of the deism of the Aufklärung then, strangely enough, a perfect example is Harnack6A. van Harnack (1851–1930). Protestant theologian and exegete; leading patristic scholar of the nineteenth century. Chief of the liberal Ritschl school of theology. Followed scientific-historical method, emphasis on ‘source study’. History of Dogma, 7 vols.; What is Christianity? in Berlin! He is a much more representative example than anyone on the other side of the Channel. In modern life things are much confused. If we wish to understand events and trace them back to their origin we must look beyond externalities. We must be quite clear that the third stream of evolution which is linked to the national element is connected with what I have described here. But because of the presence of the other evolutionary currents a reaction always follows, the assault of the Consciousness Soul upon this national element, and this assault manifests itself at diverse points. It starts from different centres. And one of these waves of assault is Goetheanism which, in reality, has nothing to do with what I have just described, and yet, when considered from a particular angle, is closely related to it. Parallel with the Arthurian current there developed early on the Grail current which is the antithesis of the Arthurian current. He who wishes to visit the Temple of the Grail must follow dangerous and almost inaccessible paths for sixty miles. The Temple lies remote and well concealed; one learns nothing there unless one asks. In brief, the purpose of this whole Grail impulse is to restore the link between the inmost core of the human soul (where the Consciousness Soul awakens) and the spiritual world. It is (if I may say so) an attempt artificially to lift up the sensible world to the spiritual world which is instinctive in the People of the Christ.

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[ 37 ] Wollen wir daher in Form einer Zeichnung dieses merkwürdige Ineinanderwirken der europäischen Religionsimpulse verfolgen, so können wir sagen: Wir haben einen Impuls, es ist derjenige, der instinktiv, heute noch keimhaft und unausgebildet, in dem Christus-Volk lebt (siehe Zeichnung, rot). Da kommen dann die Geister, wenn sie Philosophen werden wie Solowjow, dazu, diesen Christus-Impuls als etwas Selbstverständliches zu nehmen.

[ 37 ] The following diagram shows this strange interpenetration of the religious impulses of Europe. We have here an impulse which still exists today instinctively, in embryo and undeveloped, in the People of the Christ (red); philosophic spirits such as Solovieff come to accept this Christ impulse as something self-evident.

[ 38 ] Mitteleuropa ist durch seine ethnographischen und durch seine ethnischen Verhältnisse nicht dazu angelegt, das so zu nehmen; da muß es auf künstliche Weise gemacht werden. Da ist es dann so, daß in der Grals-Strömung nach Europa hereinwirkt dasjenige, was man, ich möchte sagen, wie eine Beugung des Wirbels (siehe Zeichnung, rot unten), als Grals-Strömung hereinwirkend haben kann. Das strahlt überall nach Europa hin, aber es muß dann eben Grals-Strömung sein, ist deshalb auch nicht volksmäßig beschränkt. In dieser Grals-Stimmung, wenn auch sehr stark in den untersten Kräften seines Bewußtseins, lebte Goethe. Suchen Sie sich diese Grals-Stimmung auf; Sie werden sie überall finden. Da steht er in gewisser Beziehung nicht isoliert da; dadurch schließt er sich an Vorhergehendes an. Mit Luther, mit der deutschen Mystik, mit alledem, was da vorangegangen war, hat er nichts zu tun. Das wirkt mehr oder weniger auf ihn so, daß es ihn bildet, daß es ihn zum Weltmenschen macht. Dasjenige, was ihn dazu führt, drei Stufen zu unterscheiden — die Stufe der volksmäßigen Religion, die Stufe der Religion der Weisen, die dem Einzelnen vorgeführt wird im zweiten Gemach, die intimste Religion, die nur intim, im dritten Gemach, zu der Seele spricht und die Mysterien von Tod und Auferstehung enthält — das, was ihn dazu führt in dieser Weise hinaufzuheben, nicht jesuitisch herunterzuführen, sondern hinaufzuheben das in der Sinnenwelt wirksame Religiöse in die spiriruellen Höhen: das ist die Grals-Stimmung. Und Grals-Stimmung, so paradox das besonders heute klingt, ist im Russizismus, Grals-Stimmung ist durchaus im Russizismus. Und auf dieser im Russizismus vorhandenen unbesieglichen Grals-Stimmung beruht eben jene Zukunft des Russentums für die sechste nachatlantische Zeit, von der ich so oft habe zu sprechen gehabt.

[ 38 ] On account of its ethnographical and ethnic situation, Central Europe is not disposed to accept the Christ impulse as something self-evident; it had to be imposed artificially. And so we have an intervention of the current of the Grail radiating in the direction of Europe—a Grail current that is not limited therefore to the folk element. This Grail atmosphere was active in Goethe, in the depths of his subconscious. If you look for this Grail atmosphere you will find it everywhere. Goethe is not an isolated phenomenon in this respect and therefore he is linked with what preceded him in the West. He has nothing in common with Luther, German mysticism and its forerunners; this was in part a formative influence and helped to shape him as a man of culture. It is the Grail atmosphere which leads him to distinguish three stages in man's relation to religion: first the religion of the people; secondly, the religion of the philosophers portrayed in the second gallery, and finally the most intimate religion in the third gallery, the religion which touches the inmost depths of the soul and embraces the mysteries of death and resurrection. It is the Grail atmosphere which inspires him to exalt the religious impulse active in the sensible world and not to drag it down after the fashion of the Jesuits. And paradoxical as it may seem today the Grail atmosphere is found today in Russia. And the future role that the Russian soul will play in the sixth post-Atlantean epoch depends upon this unconquerable spirit of the Grail in the Russian people.

[ 39 ] Das ist es, was man jetzt ins Auge fassen muß, wenn man die eine Seite betrachtet. Und fassen wir die andere Seite ins Auge, so haben wir da alles das, was weder den Christus-Impuls so nimmt, nun, wie im Osten, gewissermaßen wie eine Invasion, noch nimmt als etwas, was ein durch Tradition und Schrift in Fortpflanzung Lebendes ist, sondern ihn als das Vernünftige nimmt. Das ist dasjenige, was sich innerhalb des Logentums und namentlich innerhalb aller seiner Verzweigungen, seiner Fortsetzungen zeigt. Ich will es mit einer anderen Farbe bezeichnen (grün). Das ist dasjenige, was sich dann verpeolitisiert im Westen, was der äußerste Ausläufer ist des Artustums, desjenigen, was im König Artus verkörpert ist. Und ebenso wie der ChristusImpuls des Russizismus sich im Gralstum fortsetzt und, ich möchte sagen, in alle guten strebsamen Menschen des Westens einstrahlt, so setzt sich auch jenes andere fort und strömt in alle Menschen hinein, innerhalb des Kirchenvolkes, und bekommt die Färbung des Jesuitismus. Wenn auch der Jesuitismus, wie gesagt, dem spinnefeind ist, darauf kommt es nicht an; etwas kann gerade spinnefeind sein dem, was eben jene Vorstellungsform gibt. Es ist geschehen, es ist historisch, daß die Jesuiten nicht nur sich in alle Logen eingeschlichen haben, daß hochgraduierte Jesuiten im Zusammenhange stehen mit Hochgraduierten der Logen, sondern es ist auch so, daß beide, wenn auch bei verschiedenen Völkern, aus dem selben wurzeln, wenn sich auch das eine zum Papsttum, das andere zur Freiheit, zur Vernünftigkeit, zur Aufklärung entwickelt hat. Das gibt Ihnen nun eine Art Bild von dem, was ich nennen kann das Wirken der Bewußtseinsseelen-Evolution. Denn indem ich Ihnen früher geschildert habe die drei Stufen vom Osten nach dem Westen, war das auf Volkstümliches, auf Ethnisches begründet. Daß es ineinanderwirkend solche Formen annimmt, daß es im Westen zur Aufklärung wurde, das ist dadurch bewirkt, daß die Evolutionsströmung der Bewußtseinsseele im einzelnen Menschen, im Individuum lebt.

[ 39 ] So much for the one side. Let us now consider the other side. Here we have those who regard the Christ impulse neither as an inspiration, as in the East, nor as a living force transmitted by tradition and the Scriptures, but as something rational. It is in this form that it spread within the Lodges and their ramifications. (In the diagram I indicate this by the colour green.) Later it became politicized in the West and is the last offshoot of the Arthurian current. And just as the Christ impulse in the Russian people is continued in the Grail quest and irradiates all men of good will in the West, so the other current penetrates into all members of the People of the Church and takes on the particular colouring of Jesuitism. That the Jesuits are the sworn enemy of that which emanates from the Lodges is not important: anyone and anything can be the declared enemy of the outlook of the Lodges. It is a historical fact that the Jesuits have not only infiltrated the Lodges, that high-ranking Jesuits are in contact with the high dignitaries of the Lodges, but that both, though active in different peoples, have a common root, though the one gave birth to the Papacy, the other to freedom, rationalism, to the Aufklärung. I have now given you a kind of picture of what may be called the working of the evolution of the Consciousness Soul. I described to you earlier the three stages of evolution proceeding from the East to the West which are based on the ethnic element. That they assumed the form of Aufklärung in the West, as a consequence of interaction, is due to the fact that every individual is involved in the evolution of the Consciousness Soul.

[ 40 ] Dann aber haben wir eine dritte Strömung. Das ist diejenige, welche der ganzen Menschheit eigen ist, vermöge welcher die ganze Menschheit in ihrem Entwickelungsalter ist, indem sie immer jünger und jünger wird, und jetzt in dem Zeitalter der Empfindungsseele ist, vom 28. bis zum 21. Jahre. Das geht durch die ganze Menschheit. Wenn wir die erste Strömung, die ethnische, schildern, wo Volksreligionen entstehen: Christus-Religion, Kirchenreligion, Logenreligion, dann stehen wir auf dem Standpunkt der volkstümlichen Entwickelung, die ich gewöhnlich so einteile: italienische Völker = Empfindungsseele, französische = Verstandes- oder Gemütsseele und so weiter. Wenn wir dasjenige schildern, was als Bewußtseinsseele in jedem einzelnen Menschen seit dem fünften nachatlantischen Zeitraum sich entwickelt, so haben wir da vorzugsweise dasjenige, was in dieser Weise ins Religiöse einströmt. Aber von da aus geht dann auch das Zusammenwirken mit dem anderen, mit dem, was Evolution in allen Menschen ist: Empfindungsseelen-Evolution, die ja parallel läuft und viel unbewußter ist als die Bewußtseinsseelen-Evolution.

[ 40 ] Then we have a third current of evolution in which the whole of mankind is involved and by virtue of which mankind ceases to develop physically at an ever earlier age. Today mankind as a whole is at the ‘age’ of the Sentient Soul, i.e. between the ages of twenty-eight and twenty-one. This applies to the whole of mankind. In describing the first current, the ethnic current when folk or tribal religions arise within Christianity such as the religion of the Christ, the religion of the Church and the religion of the Lodges, we are speaking from the standpoint of the evolution of peoples (or nations) which I usually characterize as follows: the Italian peoples = the Sentient Soul; the French peoples = the Intellectual or Mind Soul, etcetera. We have described how the Consciousness Soul develops in every individual in the course of the fifth post-Atlantean epoch. In this consciousness we have the element that streams into religion. But from that moment begins the interaction with the other current, with the evolution of the Sentient Soul (common to all men) which follows a parallel course and is a far more unconscious process than that of the evolution of the Consciousness Soul.

[ 41 ] Studieren Sie, wie solch ein Mensch wie Goethe, wenn auch vielfach durch Impulse im Unterbewußten, aber doch sehr bewußt sich seine religiöse Richtung gibt, so kommen Sie auf das Walten der Bewußtseinsseele. Doch daneben waltet in der modernen Menschheit ein anderes Element, welches sehr stark in Instinkten, in unterbewußten Impulsen durch diese moderne Menschheit wirkt, aber innig verknüpft ist mit der Empfindungsseelen-Entwickelung, und das ist dasjenige, was man nennen muß die Entwickelung zum Sozialismus hin, die jetzt im Beginne ihres Verlaufes ist, und die in einer gewissen Weise ihren Abschluß finden wird von der Seite, wie ich es erzählt habe. Gewiß, die Anstöße werden immer gegeben, wie ich schon gesagt habe, von der Bewußtseinsseele aus; aber daß der Sozialismus die Mission des fünften nachatlantischen Zeitraums ist und bis zum vierten Jahrtausend hin zu einem Abschlusse kommen wird, das rührt für die ganze Menschheit gewissermaßen davon her, daß sie im Empfindungsseelen-Zeitalter lebt vom 28. bis 21. Jahre. Das liegt da drinnen. Der Sozialismus ist nicht etwas, was eine Parteirichtung ist, obwohl es innerhalb der sozialen Körperschaften viele Parteien gibt, aber das sind Parteien innerhalb der sozialen Strömung. Der Sozialismus ist nicht eine Parteisache als solche, sondern der Sozialismus ist etwas, was sich ganz notwendig nach und nach im fünften nachatlantischen Zeitraum in der Menschheit ausbildet. So daß, wenn dieser fünfte nachatlantische Zeitraum abgeschlossen sein wird, im wesentlichen, soweit sie für die zivilisierte Welt in Betracht kommen, in den Menschen die Instinkte für den Sozialismus vorhanden sein werden.

[ 41 ] If you study how a man like Goethe—though the impulses are often subconscious—nevertheless determines consciously his religious orientation, you see the working of the Consciousness Soul. But at the same time another element is at work in modern mankind, an element which finds powerful expression in the instinctive life, in unconscious impulses, and is intimately associated with the evolution of the Sentient Soul. And this is the trend towards socialism which is now in its early stages and will end in the way I have described. The initial impetus, it is true, is always given by the Consciousness Soul (as I have already indicated); but the development of socialism is the mission of the fifth post-Atlantean epoch and will end in the fourth millennium when it will have fulfilled its purpose. This is owing to the fact that mankind collectively is at the age of the Sentient Soul, corresponding to the age of twenty-eight to twenty-one in man. Socialism is not a matter of party politics, although there are many parties within the community, within the body social. Socialism is not a party political question as such, but a movement which of necessity will gradually develop in the course of the fifth post-Atlantean epoch. And when this epoch has run its course an instinctive feeling for socialism will be found in all men in the civilized world.

[ 42 ] Nun können Sie sich denken: Das alles, was ich Ihnen gesagt habe, wirkt zusammen in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. Da wirken alle die Dinge zusammen, die ich geschildert habe. Da wirkt aber auch noch das, was im wesentlichen in unterbewußten Tiefen ist: die Tendenz, bis ins vierte Jahrtausend hinein die richtige sozialistische Gestaltung der ganzen Erdenwelt zu finden. Man braucht sich von einem tieferen Gesichtspunkte aus wahrhaftig nicht zu wundern, daß der Sozialismus alle möglichen Blasen aufwirft, die auch sehr schlimm sein können, wenn man bedenkt, wie er aus unterbewußten Tiefen herauf seine Impulse hat; wenn man bedenkt, wie das alles brodelt und kraftet und der Zeitpunkt noch weit, weit entfernt ist von derjenigen Epoche, wo es in sein richtiges Fahrwasser kommen wird. Aber es rumort, und zwar jetzt nicht einmal in den menschlichen Seelen, sondern es rumort in den menschlichen Naturen, in den menschlichen Temperamenten vor allen Dingen. Und für dasjenige, was in menschlichen Temperamenten rumort, für das findet man Theorien. Diese Theorien — wenn sie nicht Ausdrücke sind, so wie wir es in der Geisteswissenschaft haben, für dasjenige, was in den Tiefen der Wirklichkeit vorhanden ist —, diese Theorien, ob es Bakuninismus, Marxismus, Lassallismus ist, was weiß ich, das ist ganz einerlei, das sind alles Masken, Verbrämungen, alles Dinge, die sich der Mensch oberflächlich über die Wirklichkeit zieht. Die Wirklichkeiten sieht man doch erst, wenn man so tief hineinschaut in die Menschheitsentwickelung, wie wir es durch diese Betrachtungen zu tun versuchen.

[ 42 ] In addition to the interaction of these currents in the fifth post-Atlantean epoch there is also at work that which lies in the depths of the subconscious, the desire to find the right social structure for all mankind from now until the fourth millennium. From a deeper point of view it is not in the least surprising that socialism stirs up all sorts of ideas which could be highly dangerous when one recalls that they derive their impulses from the depths of the subconscious, that everything is in a state of ferment and that the time is still far distant before it will come into its own. But there are rumblings beneath the surface—not, it is true, in the souls of men at present, i.e. in the astral body—but in the etheric body, in the temperaments of men. And people invent theories to explain these stirrings in the temperaments of men particularly. If these theories do not explain, as does spiritual science, what lies behind maya, then these theories, whether they are the theories of Bakunin,7M. A. Bakunin (1814–76). Russian revolutionary and anarchist. Co-founder of the first International. Marx, Lassalle and the like, are simply masks, disguises, veils that conceal reality. One only becomes aware of the realities when one probes deeply into human evolution as we have attempted to do in this survey.

[ 43 ] Und auch dasjenige, was jetzt äußerlich geschieht, das sind ja nur tumultuarische Vorbereitungen zu dem, was schließlich in allen — und zwar jetzt wirklich, man kann sagen, eben nicht Seelen, sondern in den Temperamenten lauert. Sie alle sind sozialistisch. Sie wissen es oftmals nicht, wie stark Sie sozialistisch sind, weil es im Temperamente, ganz im Unterbewußten lauert. Aber nur dadurch, daß man so etwas weiß, kommt man hinaus über jenes nebulose, lächerliche Suchen nach Selbsterkenntnis, die hineinschaut in das menschliche Innere und da, ich will es nicht schildern, was man da für ein wesenloses Caput mortuum, für ein Abstraktum findet. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen. Man lernt ihn nur kennen, wenn man die ganze Welt kennenlernt. Das ist es, was dabei berücksichtigt werden muß.

[ 43 ] All that is now taking place (i.e. in 1918) in the external world are simply tempestuous preparations for what after all is now smouldering, one may say, not in the souls of men, but in their temperaments. You are all socialists and you are often unaware how deeply impregnated you are with socialism because it is latent in your temperament, in the subconscious. But it is only when we are aware of this fact that we overcome that nebulous and ridiculous search for self-knowledge which looks inward and finds only a caput mortuum, a spiritual void, an abstraction. Man is a complex being and in order to understand him we must understand the whole world. It is important to bear this in mind.

[ 44 ] Betrachten Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Welt, die Menschheit, wie sie sich im fünften nachatlantischen Zeitraum heranentwickelt hat. Sagen Sie sich nun selbst: Da haben wir im Osten das Christus-Volk mit dem wesentlichsten Impuls: Christus ist Geist. — Es lebt in der Natur dieses Volkes, daß dasjenige, was nur als Vorläufer hat geschehen können durch die andere europäische Bildung, wie mit instinktiver, mit elementarer Gewalt, mit historischer Notwendigkeit durch den Russizismus in die Welt kommt. Es ist dem russischen Volke als Volk diese Mission übertragen, das Gralswesen als religiöses System bis zum sechsten nachatlantischen Zeitraum so auszubilden, daß es dann ein Kulturferment der ganzen Erde werden kann. Kein Wunder, wenn sich dieser Impuls kreuzt mit den anderen Impulsen, die vorhanden sind, daß die anderen Impulse sonderbare Formen annehmen.

[ 44 ] Consider from this point of view the evolution of mankind in the course of the fifth post-Atlantean epoch. First, the People of the Christ in the East with its fundamental impulse: Christ is Spirit. It is in the nature of this people to give to the world through Russianism, as if with elemental force and from historical necessity, that for which the West of Europe could only have prepared the ground. To the Russian people as such has been assigned the mission to develop the essential reality of the Grail as a religious system up to the time of the sixth post-Atlantean epoch, so that it may then become a cultural ferment for the whole world. Small wonder then that when this impulse encounters the other impulses the latter assume strange forms.

[ 45 ] Welches sind die anderen Impulse? Nun: Der Christus ist König, Christus ist Lehrer, Ja, bis zu dem «der Christus ist Lehrer» kann man kaum gehen, denn das versteht eigentlich das russische Gemüt, wie ich schon sagte, doch eigentlich nicht, was das heißen soll, daß man das Christentum lehren kann, daß man das nicht erlebt als etwas, was in der eigenen Seele ist. Aber «Christus ist König» — so ist doch das Russentum mit dem «Christus ist König» zusammengewachsen. Und da sehen wir das Zusammenstoßen desjenigen, was am allerwenigsten jemals in der Welt zusammengehört hat: das Zusammenstoßen mit dem Zarismus, die östliche Karikatur des Prinzips, irdische Herrschaft einzuführen auf dem Gebiete des Religionswesens. «Christus ist König» — und der Zar ist sein Stellvertreter: diese Zusammenkoppelung dieses Westlichen, das im Zarismus sich ausspricht, mit dem, was gar nichts damit zu tun hat, mit dem, was durch die russische Volksseele im russischen Gemüte lebt!

[ 45 ] What are these other impulses? Christ is King and Christ is Teacher. One can scarcely call ‘Christ is Teacher’ an impulse, for, as I have already said, the Russian soul does not really understand what it means, does not understand that one can teach Christianity and not experience it in one's soul. But as for the conception ‘Christ is King’—it is inseparable from the Russian people. And we now see the clash between two things which never had the slightest affinity, the clash between the impulse ‘Christ is Spirit’ and Czarism, an oriental caricature of the principle which seeks to establish temporal sovereignty in the domain of religion. ‘Christ is King and the Czar is his representative’—here we have the association of the Western element manifested in Czarism with something that is completely alien to Czarism, something that, through the agency of the Russian folk soul, permeates the sentient life of the Russian people.

[ 46 ] In der äußeren physischen Wirklichkeit ist eben gerade das Charakteristische, daß diejenigen Dinge, die oftmals innerlich am wenigsten miteinander zu tun haben, sich äußerlich aneinander abreiben müssen. Fremdest waren von jeher Zarismus und Russentum, gehörten nicht zusammen. Wer das russische Wesen versteht, namentlich religiös, der wird daher die Einstellung auf die Ausscheidung des Zarismus immer als etwas Selbstverständliches für den wirklichen nötigen Zeitpunkt haben finden müssen. Aber bedenken Sie, daß dieses «Christus ist der Geist» Innerlichstes ist, daß es zusammenhängt mit der edelsten Kultur der Bewußtseinsseele, und nun zusammenstößt, während der Sozialismus rumort, mit dem, was in der Empfindungsseele lebt, so wie ich es dargestellt habe. Kein Wunder, daß die Ausbreitung des Sozialismus in diesem östlichen Teile von Europa Formen annimmt, die überhaupt unbegreiflich sind, ein unorganisches Ineinanderspielen der Bewußtseinsseelenkultur und der Empfindungsseelenkultur.

[ 46 ] A characteristic feature of external physical reality is that those things which inwardly are often least related to each other must rub off on each other externally. Czarism and Russianism have always been strangers to each other, they never had anything in common. Those who understand the Russian nature, especially its piety, must have found the attitude to the elimination of Czarism as something self-evident when the time was ripe. But remember that this conception ‘Christ is Spirit’ touches the deepest springs of our being, that it is related to the highest expression of the Consciousness Soul and that, whilst socialism is smouldering beneath the surface, it collides with that which dwells in the Sentient Soul. Small wonder then that the expansion of socialism in Eastern Europe assumes forms that are totally incomprehensible: a chaotic interplay of the culture of the Consciousness Soul and the culture of the Sentient Soul.

[ 47 ] Vieles, was in der äußeren Wirklichkeit geschieht, es wird Ihnen klar und verständlich sein, wenn Sie diese innerlichen Zusammenhänge ins Auge fassen. Und notwendig ist es schon einmal für die gegenwärtige Menschheit und für ihre Entwickelung in die Zukunft hinein, daß die Menschheit nicht aus Bequemlichkeit und Faulheit vorbeigeht an dem, was ja zu ihrem Wesen gehört: Verständnis zu haben dafür, in welchen Zusammenhängen wir jetzt drinnen stehen. Man hat es nicht verstanden, hat es nicht verstehen wollen. Dadurch ist das europäische, jetzt mit dem amerikanischen verknüpfte Chaos gekommen, die furchtbare Katastrophe, Nicht eher wird man aus der Katastrophe herauskommen, bis die Menschen sich geneigt zeigen werden, so sich zu verstehen wie sie sind, aber eben wie sie sind innerhalb der gegenwärtigen Zeitenentwickelung, innerhalb der gegenwärtigen Zeitepoche. Das ist es, was man einsehen muß.

[ 47 ] Much that occurs in the external world becomes clear and comprehensible if we bear in mind these inner relationships. And it is vital for mankind today and for its future evolution that it does not neglect, out of complacency or indolence, its essential task, namely, to comprehend the situation in which we now find ourselves. People have not understood this situation, nor have they attempted to understand it. Hence the chaos, the terrible catastrophe which has overtaken Europe and America. We shall not find a way out of the present catastrophic situation until men begin to see themselves as they are and to see themselves objectively in the context of present evolution and the present epoch. We cannot afford to ignore this.

[ 48 ] Daher ist es mir so wichtig, daß man einsieht, wie das, was ich mir denke als anthroposophische Bewegung, wirklich angeknüpft werden soll an die Erkenntnis der großen Evolutionsimpulse der Menschheit, angeknüpft werden soll an dasjenige, was die Zeit unmittelbar jetzt von den Menschen fordert. Natürlich ist es dann ein großer Schmerz, wenn man sieht, wie wenig eigentlich die Gegenwart geneigt ist, anthroposophische Weltanschauung gerade von dieser Seite her zu begreifen und ins Auge zu fassen. |

[ 48 ] That is why it is so important to me that people should realize that the Anthroposophical Movement, as I envisage it, must be associated with an awareness of the great evolutionary impulses of mankind, with the immediate demands of our time. It is tragic that the present age shows little inclination to understand and to consider the Anthroposophical Weltanschauung precisely from this point of view.

[ 49 ] Sie werden aus dem, was ich gesagt habe, einsehen, wie das, was als Sozialismus heraufsteigt — durch allgemeine Gesichtspunkte möchte ich nun ergänzen, was ich in der vorigen Woche in Anknüpfung an die «Philosophie der Freiheit» gesagt habe —, eine in der Menschennatur ganz allgemein begründete, immer weiter und weiter greifende Erscheinung in der Menschheit ist. Die heutigen Reaktionen, die dagegen stattfinden, sind für den, der die Dinge durchschaut, einfach furchtbar. Für den, der die Dinge durchschaut, ist es klar, daß, wenn es auch noch so tumultuarisch, noch so im Rumoren darinnen sich geltend macht, was Sozialismus ist über die ganze Erde hin, dieses internationale Element, daß das dasjenige ist, was zukunftsträchtig ist, und daß das, was jetzt auftritt, die Konstituierung von allen möglichen National-, Natiönchen-Staaten, dasjenige ist, was der Menschheitsevolution entgegenarbeitet. Es ist ein furchtbares Entgegenstemmen gegen den Sinn der Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums, was in den Worten liegt: Jeder einzelnen Nation einen Staat. — Wo das enden soll, weiß man ja ohnedies natürlich gar nicht, aber es wird halt gesagt; nun, es wird halt gesagt! Das ist zu gleicher Zeit ganz durchtränkt von dem, was in den Artus-Impuls zurückführt: ganz durchtränkt von Organisationsprinzipien. Der Gegensatz dazu ist die Grals-Bestrebung, die so innig verwandt ist mit den Goetheschen Prinzipien, wie ich sie Ihnen dargestellt habe, diese Grals-Bestrebung, die überall auf das Individuelle, im Ethischen, im Wissenschaftlichen überall auf das Individuelle hintendiert, die vor allen Dingen das Individuum in seiner Entwickelung ins Auge fassen will, nicht Gruppen, die heute keine Bedeutung mehr haben und die durch das internationale sozialistische Element aus der Welt geschafft werden müssen, weil da die Richtung der Entwickelung liegt.

[ 49 ] I should now like to round off what I said last week in connection with The Philosophy of Freedom by a consideration of more general points of view. From what I have said you will realize that the rise of socialismT2See Soziale und antisoziale Triebe im Menschen, [Social and Anti-Social Forces in the Human Being] Bern, 12th December, 1918 (in Bibl. Nr. 186). at the present time is a movement deeply rooted in human nature, a movement that is steadily gaining ground. For those endowed with insight the present negative reactions to the advance of socialism are simply appalling. Despite its ominous rumblings, despite its noisy claims to recognition, it is evident that socialism, this international movement which is spreading throughout the world, prefigures the future and that what we are now seeing, the creation of all kinds of national states and petty national states at the present time, is a retrograde step that inhibits the evolution of mankind. The dictum ‘to every nation its national state’ is a terrible obstacle to an understanding of the fifth post-Atlantean epoch. Where this will end nobody knows; but this is what people are saying! At the same time this outlook is entirely permeated with the backward forces of the Arthurian impulse, with the desire for external organization. The antithesis to this is the Grail quest which is intimately related to Goethean principles and aims at individualism, at autonomy in the domain of ethics and science; it concerns itself especially with the individual and his development and not with groups which have lost their significance today and which must be eliminated by means of international socialism because that is the trend of evolution.

[ 50 ] Auch aus diesem Grunde ist es, daß man sagen muß: Im Goetheanismus, im Goetheanismus mit all seinem Individualismus — wie ich den Individualismus hervorgeholt habe aus der Goetheschen Weltanschauung, sehen Sie in meinen ersten Goethe-Schriften, Sie können es auch bemerken in meinem Buche «Goethes Weltanschauung», diesen Individualismus, der schon einmal eine naturgemäße Folge des Goetheanismus ist —, in diesem Individualismus, der nur in einer Philosophie der Freiheit gipfeln kann, da liegt dasjenige, was notwendigerweise hinzielen muß zu dem, was als Sozialismus sich bildet, so daß man in einem gewissen Sinne zwei Pole anerkennen kann, auf der einen Seite den Individualismus, auf der andern Seite den Sozialismus, nach denen die Menschheit hintendiert im fünften nachatlantischen Zeitraum. Aber diese Dinge müssen richtig verstanden werden. Und das richtige Verstehen, das ist notwendig damit verbunden, daß man sich einen Einblick verschafft, was zum Sozialismus hinzukommen muß, wenn er wirklich in der Richtung der Menschheitsevolution laufen soll. Die heutigen Sozialisten haben ja noch keine Ahnung, was notwendigerweise mit dem wahren, erst im vierten Jahrtausende einen gewissen Abschluß bekommenden Sozialismus zusammenhängt, zusammenhängen muß, wenn er in seiner Entwickelung richtig geht. Da handelt es sich vor allen Dingen darum, daß dieser Sozialismus sich zusammenentwickeln muß mit einer richtigen Empfindung über das Wesen des ganzen Menschen, des leiblichen, des seelischen, des geistigen Menschen. Die Nuancen, die werden schon die einzelnen ethnischen Religionsimpulse dazubringen, die werden schon ihre Beiträge liefern, daß verstanden wird der Mensch nach dieser dreifachen Gliederung, nach Leib, Seele und Geist. Der Orient mit dem Russischen wird dafür sorgen, daß der Geist begriffen wird. Der Westen wird dafür sorgen, daß der Leib begriffen wird. Die Mitte wird dafür sorgen, daß die Seele begriffen wird. Aber das alles geht natürlich durcheinander. Das darf nicht schematisiert und nicht kategorisiert werden, aber in all das hinein muß sich eben erst entwickeln das wirkliche Prinzip, der wirkliche Impuls des Sozialismus.

[ 50 ] And for this reason one must also say: in Goetheanism with its individualism—you will recall that I emphasized the individualism in Goethe's Weltanschauung in my early Goethe publications and also in my book Goethe's Weltanschauung when I showed that this individualism is a natural consequence of Goetheanism—in this individualism, which can only culminate in a philosophy of feedom, there lies that which of necessity must lead to the development of socialism. And so we can recognize the existence of two poles—individualism and socialism—towards which mankind tends in the fifth post-Atlantean epoch. In order to develop a right understanding of these things we must ascertain what principle must be added to socialism if socialism is to follow the true course of human evolution. The socialists of today have no idea what, of necessity, socialism entails and must entail—the true socialism that will be achieved to some extent only in the fourth millennium if it develops in the right way. It is especially important that this socialism be developed in conjunction with a true feeling for the being of the whole man, for man as a tripartite being of body, soul and spirit. The religious impulses of the particular ethnic groups will contribute in their different ways to an understanding of this tripartite division of man. The East and the Russian people to the understanding of the spirit; the West to an understanding of the body; Central Europe to an understanding of the soul. But all these impulses are interwoven of course. They must not be systematized or classified, but within this tripartite division the real principle, the true impulse of socialism must first be developed.

[ 51 ] Was ist dieser Sozialismus? Der wirkliche Impuls des Sozialismus besteht nämlich darinnen, daß die Menschen es, so wie ich es neulich einmal geschildert habe, wirklich dazu bringen, in der äußeren sozialen Struktur die Brüderlichkeit zu verwirklichen im weitesten Sinne des Wortes. Die wirkliche Brüderlichkeit hat nichts zu tun mit Gleichheit, selbstverständlich. Denn nehmen Sie schon in der Familie Brüderlichkeit an: wenn der eine Bruder sieben Jahre alt ist, der andere erst geboren ist, so kann man natürlich nicht von Gleichheit sprechen. Brüderlichkeit wird erst verstanden werden müssen. Aber das ist auch alles, was auf dem physischen Plan zu verwirklichen ist: an Stelle der heutigen Staatssysteme Organisationen über die ganze Erde hin, die durchtränkt sind von Brüderlichkeit. Dagegen muß aus der äußerlichen Organisation, aus der Staatsorganisation und aus allen staatsähnlichen Organisationen heraus alles Kirchliche und alles Religiöse. Das muß seelische Angelegenheit werden. Das muß in völlig freiem Nebeneinanderleben der Seelen sich entwickeln. Parallel mit der Entwickelung des Sozialismus muß absoluteste Gedankenfreiheit in bezug auf alle religiösen Dinge gehen.

[ 51 ] The real impulse of socialism consists in the realization of fraternity in the widest sense of the term in the external structure of society. True fraternity of course has nothing to do with equality. Take the case of fraternity within the same family: where one child is seven years old and his brother is newly born there can be no question of equality. One must first understand what is meant by fraternity. On the physical plane the present state-systems must be replaced throughout the whole world by institutions or organizations which are imbued with fraternity. On the other hand, everything that is connected with the Church and religion must be independent of external organization, state organization and organizations akin to the state; it must become the province of the soul and be developed in a completely free community. The evolution of socialism must be accompanied by complete freedom of thought in matters of religion.

[ 52 ] Das hat ja der bisherige Sozialismus in Form der Sozialdemokratie, nun, nur so hervorgeschmissen, daß man schon sagen kann: «Religion ist Privatsache.» — Aber das hält er ungefähr so ein, wie der wütende Stier die Brüderlichkeit einhält, wenn er auf irgend jemand losgeht. Da ist natürlich nicht das geringste Verständnis dafür, denn der Sozialismus in seiner heutigen Gestalt ist selber Religion; er wird in ganz sektenmäßiger Weise betrieben und tritt mit ungeheurer Intoleranz auf. Also parallel diesem Sozialismus muß gehen eine wirkliche Blüte des religiösen Lebens, das darauf gebaut ist, daß das religiöse Leben der Menschheit eine freie Angelegenheit der miteinander auf der Erde wirksamen Seelen ist.

[ 52 ] Present-day socialism in the form of social democracy has declared that ‘religion is a private matter’. But it observes this dictum about as much as a mad bull observes fraternity when it attacks someone. Socialism has not the slightest understanding of religious tolerance, for in its present form socialism itself is a religion; it is pursued in a sectarian spirit and displays extreme intolerance. Socialism therefore must be accompanied by a real flowering of the religious life which is founded upon the free communion of souls on earth.

[ 53 ] Nun denken Sie einmal, wie unendlich viel dadurch entgegengearbeitet worden ist der Evolution. Es muß immer zuerst entgegengearbeitet werden, damit dann wieder eine Zeitlang im Sinne der Evolution gearbeitet werden kann; dann kommt wiederum der Gegenschlag, und so weiter. Das habe ich Ihnen ja bei den allgemeinen Geschichtsprinzipien erörtert, daß alles da ist, damit es wiederum stirbt. Denken $ie nur, wie gegengearbeitet worden ist diesem Parallelgehen der Gedankenfreiheit auf dem Gebiete der Religion und des äußerlichen brüderlichen sozialen Lebens, das sich, wenn man schon vom Staate spricht, nur innerhalb der Staatsgemeinschaft ausbilden kann! Innerhalb der Staatsorganisation darf das religiöse Leben überhaupt gar keine Rolle spielen, sondern nur innerhalb der als Seelen zusammenlebenden Menschen in völligster Unabhängigkeit von irgendeiner Organisation, wenn Sozialismus herrschen soll. Was ist dagegen gesündigt worden! «Christus ist der Geist» — daneben diese furchtbare Kirchenorganisation des Zarismus! «Christus ist der König» — absolute Zusammenkoppelung von Zarismus mit religiösen Überzeugungen! Und nicht nur, daß die Kirche, die römisch-katholische Kirche selber sich konstituiert hat als politisches Reich, sie hat auch den Weg gefunden, namentlich in den letzten Jahrhunderten mit dem Umwege über den Jesuitismus, in die anderen Reiche sich einzuschleichen und die mitzuorganisieren, die mitzudurchtränken. Oder denken Sie, wie hat sich schließlich das Luthertum entwickelt? Gewiß, Luther ging hervor aus jenem Impulse — so habe ich ihn auch einmal dargestellt —, und er ist so recht ein Geist, der mit dem einen Gesicht nach dem vierten, mit dem anderen Gesicht nach dem fünften Zeitraum weist und insofern einen zeitgemäßen Impuls hat. Er tritt auf, aber was geschieht dann? Dann koppelt sich dasjenige, was Luther auf religiösem Gebiete gewollt hat, mit den Fürsteninteressen der einzelnen deutschen Höfe zusammen. Ein Fürst wird Synodale, Episkop, und so weiter; also auch da zusammengekoppelt dasjenige, was niemals zusammengekoppelt werden darf. Oder Durchtränkung des die äußere Staatsorganisation durchsetzenden Staatsprinzips mit dem katholischen religiösen Prinzip, wie es in Österreich war, in dem jetzt zugrunde gehenden Österreich, worauf das ganze Unglück Österreichs im Grunde genommen doch zurückgeht. Unter anderen Ägiden, namentlich unter der Ägide des Goetheanismus, würde es möglich gewesen sein, in Österreich sehr gut Ordnung zu schaffen.

[ 53 ] Just think for a moment how radically the course of evolution has thereby been impeded. There must be opposition to evolution at first, so that one can then work for a period of time towards the furtherance of evolution; this, in its turn, will be followed by a reaction and so on. I spoke of this in discussing the general principles of history. I pointed out that nothing is permanent, everything that exists is doomed to perish. Think of the opposition to this parallel development of freedom of thought in the sphere of religion and in the sphere of external social life, a development that can only be realized within the state community! If socialism is to prevail the religious life must be completely independent of the state organization; it must inspire the hearts and souls of men who are living together in a community, completely independent of any kind of organization. What mistakes have been made in this domain! ‘Christ is the Spirit’—and alongside this, the terrible ecclesiastical organization of Czarism! ‘Christ is the King’—complete identification of Czarism and religious convictions!T3Note—the stenogram is unclear. And not only has the Roman Catholic Church established itself as a political power, it has also managed, especially in the course of recent centuries, indirectly through Jesuitism, to infiltrate the other domains, to participate in their organization and to imbue them with the spirit of Catholicism. Or take the case of Lutheranism. How has it developed? It is true that Luther was the product of that impulseT4See 17th and 18th September, 1917, Das Karma des Materialismus (in Bibl. Nr. 176). of which I have already spoken here on another occasion—he is a typical Janus who turns one face to the fourth post-Atlantean epoch and the other to the fifth post-Atlantean epoch, and in this respect he is animated by an impulse in conformity with our time. Luther appears on the stage of history—but what happens then? What Luther wanted to realize in the religious sphere is associated with the interests of the petty German princes and their Courts. A prince is appointed bishop, head of synod, etcetera. Thus we see harnessed together two realms which should be completely independent of each other. Or to take another example—the stateprinciple which permeates the external organization of the state is impregnated with the Catholic religious principle, as was the case in Austria, the Austria which is now disintegrating; and to this, fundamentally, Austria's downfall must be attributed. Under other leadership, especially that of Goetheanism, it would have been possible to restore order in Austria.

[ 54 ] Das ist auf der einen Seite. Auf der anderen Seite im Westen in der englischsprechenden Bevölkerung überall Durchdringung von Logentum mit Fürstentum. Das ist gerade das Charakteristische, daß die staatliche Organisation im Westen überhaupt nicht zu verstehen ist — und Frankreich und Italien sind ja ganz infiziert davon —, ohne daß man da die Durchsetzung mit dem Logentum ebenso ins Auge faßt, wie man in Mitteleuropa die Durchsetzung mit dem Jesuitismus oder mit anderem ins Auge fassen muß. Also gegen dasjenige, was notwendig parallelgehen muß dem Sozialismus, ist furchtbar gesündigt worden, und das muß ins Auge gefaßt werden.

[ 54 ] On the other hand, amongst the English-speaking population in the West the princes and the aristocracy have everywhere infiltrated the Lodges. It is a characteristic feature of the West that one cannot understand the state organization unless we bear in mind that it is permeated with the spirit of the Lodges—and France and Italy are thoroughly infected by it—any more than one can understand Central Europe unless one realizes that it is impregnated with Jesuitism. We must bear in mind therefore that grievous mistakes have been made in respect of freedom of thought and social equality that must necessarily accompany socialism.

[ 55 ] Ein Weiteres, was mit der Entwickelung nach dem Sozialismus parallel gehen muß, ist auf dem Gebiete des geistigen Lebens die Emanzipation alles Strebens nach dem Geiste unabhängig von der Staatsorganisation. Die absolute Aufhebung aller Kasernierung der Wissenschaft und dessen, was mit Wissenschaft zusammenhängt. Das ist das Notwendige. Jene über die Welt zerstreuten Kasernen der Wissenschaft, die man Universitäten nennt, das sind Dinge, welche am allermeisten entgegenstreben dem, was sich im fünften nachatlantischen Zeitraum entwickeln will. Denn so wie Freiheit herein muß auf religiösem Gebiete, so muß auf dem Gebiete der Erkenntnis die Möglichkeit entstehen, daß ein vollständig gleiches Zusammengehen entsteht, daß jeder seinen Anteil haben kann an der Fortentwickelung der Menschheit. Nicht im geringsten dürfen, wenn die sozialistische Bewegung gesund sich entwickeln will, Privilegien, Patente, Monopole auf irgendeinem Zweig der Erkenntnis liegen. Da wir heute noch sehr weit entfernt sind von dem, was ich eigentlich meine, so ist es wohl nicht nötig, daß ich nach irgendeiner Seite Ihnen zeige, wie es möglich ist, die Kasernierung der Wissenschaft aufzuheben, und wie es möglich ist, jeden Menschen zu seinem Anteil an der Evolution nach dieser Richtung zu bringen. Denn das wird zusammenhängen mit tiefgreifenden Impulsen, die im Erziehungswesen, ja in dem ganzen Verhältnis von Mensch zu Mensch sich entwickeln werden. Aber so wird es sein, daß alle Monopole, Privilegien, Patente, die sich auf den Besitz geistiger Erkenntnisse beziehen, schwinden werden, und nur die Möglichkeit vorhanden sein wird, daß der Mensch den Inhalt des geistigen Lebens nach allen Richtungen hin, auf allen Gebieten so geltend machen kann, wie er in ihm liegt, wie stark er in ihm liegt, wie stark er in ihm zum Ausdrucke kommt. In einer Zeit, in der man immer mehr und mehr dahin strebt, solche Dinge wie die Medizin zum Beispiel zu monopolisieren durch die Universitätsleute, in der man auch auf den verschiedensten anderen Gebieten alles, alles durchorganisieren will, in einer solchen Zeit hat man es ja nicht nötig, über Einzelheiten der geistigen Gleichheit zu sprechen, — denn wir sind ja natürlich noch sehr weit davon entfernt, und die meisten von uns haben genügend Zeit, zu warten bis zu ihrer nächsten Inkarnation, wenn sie ein vollständiges Verständnis anstreben dessen, was mit Bezug auf diesen dritten Punkt zu sagen ist. Aber natürlich, Anfänge könnten überall gebildet werden.

[ 55 ] The development of socialism must be accompanied by another element in the sphere of the spiritual life—the emancipation of all aspiration towards the spirit, which must be independent of the state organization, and the removal of all fetters from knowledge and everything connected with knowledge. Those ‘barracks’ of learning called universities, which are scattered throughout the world are the greatest impediment to the evolution of the fifth post-Atlantean epoch. Just as there must be freedom in the sphere of religion, so, too, in the sphere of knowledge all must be free and equal, everyone must be able to play his part in the further development of mankind. If the socialist movement is to develop along healthy lines, privileges, patents and monopolies must be abolished in every branch of knowledge. Since, at the present time, we are still very far from understanding what I really mean, there is no need for me to show you in any way how knowledge could be freed from its fetters, and how every man could thus be induced to participate in evolution. For that will depend upon the development of far reaching impulses in the sphere of education, and in the whole relationship between man and man. Ultimately all monopolies, privileges and patents which are related to the possession of intellectual knowledge will disappear; man will have no other choice but to affirm in every way and in all domains the spiritual life that dwells in him and to express it with all the vigour at his command. At a time when there is a growing tendency for the universities, for example, to claim exclusive rights in medicine, when in widely different spheres people wish to organize everything with maximum efficiency, at such a time there is no need to discuss spiritual equality in detail, for at present this is far beyond our reach and most people can safely wait until their next incarnation before they arrive at a complete understanding of what is to be said on the subject of this third point. But the first steps of course can be undertaken at all times.

[ 56 ] So ist es nur möglich, wenn man, Anteil nehmend an der modernen Menschheit und an unserer Zeit, im Kopfe hat, welche Impulse walten, wenn man namentlich diesen Sozialismus, der da waltet, ins Auge fassen und ihn zusammenhalten kann mit dem, was parallel gehen muß: Freiheit des religiösen Denkens, Gleichheit auf dem Gebiete der Erkenntnis. Die Erkenntnis muß für die Menschen so gleich werden, wie nach dem Sprichworte der Tod alle gleich macht, denn sie führt in der Zukunft eben in die übersinnliche Welt hinein, in die der Tod auch hineinführt. So wenig man nämlich den Tod monopolisieren und patentieren kann, so wenig kann man in der Wirklichkeit die Erkenntnis monopolisieren und patentieren. Und wenn man es doch tut, erzeugt man eben nicht Träger der Erkenntnis, sondern diejenigen, die eben das geworden sind, was heutige sogenannte Träger der Erkenntnis sind. Es betrifft ja natürlich nirgendwo wiederum den einzelnen, geradesowenig wie das andere den einzelnen betrifft, sondern es betrifft dasjenige, was ja für die Zeit bedeutsam ist: die Gestaltung, die soziale Gestaltung der Zeit. Unsere Zeit insbesondere, die das allmählich in die Dekadenz kommende Bourgeoistum darlebte, die hat ja gezeigt, wie heute immer unwirksamer und unwirksamer ein Aufbäumen wird gegen dasjenige, was eigentlich gegen die Evolution geht. Das Papsttum geht ganz entschieden gegen die Evolution. Als der Altkatholizismus sich in den siebziger Jahren dagegen aufgebäumt hat, nach der Aufstellung des Infallibilitätsdogmas, dieser Krönung des päpstlichen Monarchismus, da wurde es ihm ja schwer und wird ihm bis heute schwer gemacht, während er gute Dienste leisten könnte gerade in bezug auf dieses Aufbäumen gegen den päpstlichen Monarchismus.

[ 56 ] Since we are involved in the modern world and the modern epoch, all we can do is to be aware of the impulses at work, especially socialism and what must accompany it—freedom of religious thought, equality in the sphere of knowledge. Knowledge must become equal for all, in the sense of the proverb which says that in death all men are equal, death is the great leveller; for knowledge, even as death, opens the door to the super-sensible world. One can no more acquire exclusive rights for death than one can acquire exclusive rights for knowledge. To do so nevertheless is to produce not men who are vehicles of knowledge, but those who have become the so-called vehicles of knowledge at the present time. These words in no way refer to the individual; they refer to what is important for our time, namely, the social configuration of our time. Our epoch especially which saw the gradual decline of the bourgeoisie has shown how all rebellion against that which runs counter to evolution is increasingly ineffective today. The Papacy firmly sets its face against evolution. When, in the seventies, the ‘Old Catholics’8The Old Catholics. Party of reform in the R. C. Church who rejected the doctrine of papal infallibility and of Immaculate Conception. Movement founded by Döllinger in Munich 1871. rejected the dogma of papal infallibility, this consummation of papal absolutism, life was made difficult for them (and is still made difficult for them today); meanwhile they could render valuable service by their resistance to papal absolutism.

[ 57 ] Wenn Sie rückblicken auf dasjenige, was ich gesagt habe, dann werden Sie doch finden, daß gegenwärtig hier außen auf dem physischen Plane etwas ist, was eigentlich in die Seelen hineingehört und in den Geistesmenschen hineingehört, während auf dem äußeren physischen Plane eigentlich die Brüderlichkeit heraus will. Es hat sich auf dem physischen Plane dasjenige geltend gemacht, hat ihn organisiert, diesen physischen Plan, was auf den physischen Plan unmittelbar nicht gehört. Natürlich gehört es auf den physischen Plan, insofern die Menschen auf dem physischen Plane stehen und es in den Seelen lebt, aber es gehört nicht hinein dadurch, daß man auf dem physischen Plane die Leute organisiert. Auf dem physischen Plane müssen zum Beispiel die Religionen absolut nur Seelengemeinschaften sein können, nicht äußerlich organisiert sein, müssen die Schulen als solche ganz anders organisiert sein; vor allen Dingen dürfen nicht Staatsschulen sein und so weiter. Das alles muß aus der Freiheit des Gedankens, aus der Individualität des menschlichen Wesens herausgehen können. Dadurch, daß sich in der Wirklichkeit die Dinge ineinanderschieben, dadurch kann so etwas kommen, wie zum Beispiel, daß heute der Sozialismus vielfach das Gegenteil dessen ist, was ich Ihnen heute als sein Prinzip dargestellt habe. Er ist tyrannisch, er ist machtlüstern, er ist dasjenige, was am liebsten alles andere auch in die Hand nehmen möchte. Innerlich ist er in Wirklichkeit die Bekämpfung des widerrechtlichen Fürsten dieser Welt, denn der widerrechtliche Fürst dieser Welt tritt dann auf, wenn man den ChristusImpuls oder das Geistige äußerlich nach Staatsprinzipien organisiert, wenn man die äußere Organisation nicht bei der bloßen sozialen Brüderlichkeit läßt.

[ 57 ] If you recall what I have said you will find that, at the present time, there exists on the physical plane something which in reality belongs to the soul life and to the spiritual life of men whilst on the external physical plane fraternity seeks to manifest itself. That which does belong directly to the physical plane, i.e. freedom, has manifested itself on the physical plane and has organized it. Of course in so far as men live on the physical plane and freedom dwells in the souls of men, it belongs to the physical plane; but where people are subject to organizations on this plane there is no place for freedom. On the physical plane, for example, religions must be able to be exclusively communities of souls and must be free from external organization. Schools must be organized on a different basis, and above all, they must not become state-controlled schools. Everything must be determined by freedom of thought, by individual needs. Because in the world of reality things interpenetrate it may happen that today socialism, for example, often denies its fundamental principle. It shows itself to be tyrannical, avid for power and would dearly like to take everything into its own hands. Inwardly, it is, in reality, the adversary of the unlawful prince of this world who appears when one organizes externally the Christ impulse or the spiritual in accordance with state principles, when, in the external organization, fraternity alone does not suffice.

[ 58 ] Sie sehen, man tippt gar sehr an Dinge, die heute der Menschheit noch unbequem sind, wenn man an wichtigste, wesentlichste Fragen der Gegenwart tippt. Es ist aber notwendig, daß solche Dinge eingesehen werden, daß solche Dinge erkenntnismäßig durchdrungen werden. Denn nur dadurch, daß man solche Dinge seiner Einsicht einverleibt, nur dadurch kann man herauskommen aus der gegenwärtigen Katastrophe. Das muß ich immer wieder und wiederum wiederholen. Nur dadurch wird es möglich sein, mitzuarbeiten an der wirklichen Evolution der Menschheit, daß man sich bekannt macht mit den Impulsen, die auf die Weise, wie wir es ja betrachtet haben, gefunden werden können.

[ 58 ] When we discuss vital and essential questions of the contemporary world we touch upon matters which mankind finds unpalatable today. But it is important that these problems should be thoroughly understood. It is only by gaining a clear understanding of these problems that we can hope to escape from the present calamitous situation. I must repeat again and again that we shall only be able to contribute to the true evolution of mankind by acquiring knowledge of the impulses which can be found in the way I have described.

[ 59 ] Als ich meine «Philosophie der Freiheit» hier vor acht Tagen besprochen habe, da habe ich versucht, Ihnen darzustellen, wie ich mit meinem Wirken eigentlich es dahin gebracht habe, überall herauslanciert zu werden. Sie erinnern sich wohl noch an dieses Herauslancieren auf den verschiedensten Gebieten. Ja, ich darf wohl sagen: Auch mit dem Goetheanismus darf ich mich von den verschiedensten Seiten her als herauslanciert betrachten, da, wo ich versucht habe in den letzten schweren Jahren, die Menschheit auf ihn hinzuweisen. Goetheanismus ist ja nun wirklich nicht, daß etwas über Goethe gesagt wird, sondern Goetheanismus kann es auch sein, wenn man sich die Frage aufwirft: Was geschieht am besten irgendwo an irgendeiner Stelle der Welt, jetzt, wo alle Völker der Welt miteinander raufen? — Aber auch da fühlte ich mich überall herauslanciert. Das sage ich nicht aus Pessimismus, denn dazu kenne ich die Konstitution des Karma viel zu gut. Das sage ich auch nicht, weil ich nicht morgen doch dasselbe machen würde, was ich gestern gemacht habe, wenn sich mir die Gelegenheit dazu bieten würde. Aber ich muß es sagen, weil es notwendig ist, manches zur Kenntnis der Menschheit zu bringen, weil die Menschheit nur dadurch, daß sie in die Wirklichkeit hineinschaut, dazu kommen kann, ihrerseits selbst die Impulse zu finden, die dem gegenwärtigen Zeitalter angemessen sind.

[ 59 ] When I discussed here a week ago my book The Philosophy of Freedom I tried to show how, as a result of my literary activities, I was rejected everywhere. You will recall no doubt that in many fields my work met with opposition. Even when I attempted in the recent fateful years to draw attention to Goetheanism I was ignored on all sides. Goetheanism does not mean that one writes or says something on the subject of Goethe, but it is also Goetheanism to search for an answer to the question: What is the best solution, anywhere in the world at the present time, when all nations are at each others throats? But here too I felt myself ignored on all sides. I do not say this out of pessimism, for I know the workings of Karma much too well for that. Nor do I say it because I would not do the same again tomorrow if the opportunity presented itself. I must say it because it is necessary to apprise mankind of many things, because only by insight into reality can mankind, for its part, find the impulses appropriate to the present age.

[ 60 ] Muß es denn durchaus sein, daß die Menschen gar nicht dazu kommen können, durch das Regemachen desjenigen, was in ihren Herzen und ihren innersten Seelen sitzt, den Weg zu finden zum Lichte? Muß es denn auf dem Wege des äußeren Zwanges sein? Muß es denn auf dem Wege geschehen, daß erst alles zusammenbricht, damit die Menschen anfangen zu denken? Soll man nicht diese Frage doch jeden Tag, jeden Tag aufs neue aufwerfen? Nicht verlange ich, daß der einzelne dies oder jenes tut, denn ich weiß sehr gut, wie wenig man in der Gegenwart tun kann. Aber was notwendig ist, ist Einsicht zu haben, nicht immer dieses falsche Urteil und dieses Nichtbemühen zu haben, in die Dinge hineinzuschauen, wie sie ihrer Wirklichkeit nach sind.

[ 60 ] Must it then be that men will never succeed in finding the path to the ‘light’ by awakening that which dwells in their hearts and their inmost souls? Must they then come to the ‘light’ through external constraint? Must everything collapse about their ears before they begin to think? Should not this question be raised afresh every day? I do not ask that the individual shall do this or that—for I know only too well that little can be done at the present moment. But what is necessary is to have insight and understanding, to avoid false judgement and the passive attitude which refuses to see things as they really are.

[ 61 ] Einen merkwürdigen Eindruck hat mir eine Bemerkung gemacht, die ich heute morgen lesen konnte. Ich las in der «Frankfurter Zeitung», also in einer deutschen Zeitung, die Betrachtung eines Mannes, den ich vor achtzehn, zwanzig Jahren gut gekannt habe, mit dem ich viele einzelne Dinge besprochen habe. Ich las in der «Frankfurter Zeitung» ein Feuilleton von ihm. Ich habe ihn seit sechzehn, achtzehn Jahren nicht mehr gesehen. Er ist Dichter und Dramatiker, seine Stücke sind aufgeführt worden. Paul Ernst heißt er; ich habe ihn seinerzeit einmal sehr gut kennengelernt. Heute las ich einen kleinen Artikel von ihm über den sittlichen Mut, darinnen einen Satz — ja, es ist ja sehr schön, wenn einer heute einen solchen Satz schreibt, aber man muß immer wieder und wiederum fragen: Muß denn erst so etwas hereinbrechen, wie es jetzt hereingebrochen ist, damit solch ein Satz möglich geworden ist? — Da schreibt ein Urdeutscher, ein sehr gebildeter Deutscher: Man hat immer bei uns behauptet, man hasse die Deutschen. Ich möchte wissen, sagte er, wer in aller Welt den deutschen Geist wirklich gehaßt hat? Ja doch, da erinnert er sich: In den letzten Jahren haben den deutschen Geist die Deutschen am allermeisten gehaßt!

[ 61 ] A remark which I read in the Frankfurter zeitung this morning made a strange impression upon me. It was an observation of a man whom I knew intimately some eighteen or twenty years ago and with whom I have discussed many different questions. I read in the Frankfurter zeitung an article by this man; it was from the pen of Paul Ernst,9Paul Ernst (1866–1933). Neo-classic poet, novelist and dramatist. Strove to unite classical form and modern thought; cf. Der Weg zur Form, 1906. Wrote books connected with the war and its aftermath, Der Zusammenbruch des deutschen Idealismus, 1920. poet and dramatist, whose plays have been performed on the public stage. I knew him intimately at that time. It was a short article on moral courage and in it I read a sentence—it is indeed very encouraging to find such a sentence today, but one must constantly raise the question: must we suffer the present catastrophe for such a sentence to be possible? A cultured German, a man who is German to the core writes: in Germany people have always maintained that we are universally hated. I should like to know (he writes) who on earth really hated the creative genius of Germany? And then he recalls that in recent years it is the Germans themselves who have shown the greatest antipathy to the creative genius of Germany.

[ 62 ] Und vor allen Dingen, ein wirklicher innerer Haß ist schon vorhanden in bezug auf den Goetheanismus. Aber das sage ich nicht, um nach irgendeiner Seite hin eine Kritik zu üben, und schon gar nicht, um nach irgendeiner Seite hin — das sind Sie alle von mir nicht gewöhnt — etwas Schönes zu sagen, um etwa dem Wilson Konzessionen zu machen. Aber es macht einen wehmütigen Eindruck, wenn die Dinge nur unter Zwang kommen, während sie wahrhaft heilsam doch nur sein können, wenn sie aus dem freien Menschen heraus kommen. Denn es ist auch heute schon notwendig, daß aus den freien Gedanken heraus diejenigen Dinge kommen, die Gegenstand der Freiheit sein müssen. Immer muß ich es aber betonen: Nicht um Pessimismus zu erregen, sage ich diese Dinge, sondern um zu Ihren Seelen, zu Ihren Herzen zu sprechen, damit Sie wiederum zu anderen Seelen, zu anderen Herzen sprechen und versuchen, Einsicht zu erwecken, damit Urteil entsteht. Denn dasjenige, was am meisten ins Schlimme gekommen ist in der letzten Zeit, das ist ja das Urteil, das sich so trüben läßt über die ganze Welt hin unter der Anbetung von Autorität. Wie ist die Welt heute froh — man möchte sagen, über den ganzen Erdkreis hin —, daß sie einen Schulmeister als einen Götzen anbeten kann; wie ist die Welt darüber froh, daß sie nicht selbst zu denken braucht!

[ 62 ] And in particular they harbour a real inner antipathy to Goetheanism. I do not say this in order to criticize in any way, and certainly not—you would hardly expect this of me—to say something that would in any way imply making concessions to Wilsonism. It is tragic when things happen only under constraint, whereas they could be truly beneficial if they were the fruit of freedom. For today that which must be the object of freedom must stem from free thoughts. I must constantly reiterate that I say these things not in order to evoke pessimism, but in order to appeal to your hearts and souls so that you, in your turn, may appeal to the hearts and souls of others and so awaken insight—and therefore understanding! What has suffered most in recent years is judgement that has allowed itself to be clouded by submission to authority. How happy people are, the world over, that they have a schoolmaster for their idol (i.e. Wilson), that they no longer need to think for themselves!

[ 63 ] Das ist keine nationale Tugend oder Untugend, das ist etwas, was jetzt in der Welt liegt und was bekämpft werden muß dadurch, daß der Mensch versucht, sich die Unterlage zu einem Urteil zu geben. Aber man kommt nicht zu einem Urteil, wenn man sich bloß — verzeihen Sie den harten Ausdruck — auf seine Hinterbeine stellt und unter allen Umständen Urteile, Urteile fällt. Man braucht den Willen, einzudringen in die Wirklichkeit. Diejenigen Menschen, die heute oft die führenden Menschen sind, ich habe in anderem Zusammenhange hier gesagt: Es ist die Auslese der Schlechtesten, durch die besonderen Verhältnisse der letzten Zeit herbeigeführt. — Dies muß man durchschauen. Es kommt gar nicht darauf an, sich an Schlagworte: Demokratie, Sozialismus und so weiter zu klammern, sondern darauf kommt es an, daß man die Wirklichkeiten hinter den Worten schaut. Das ist es, was einem schon einmal über die Seele und auch über die Lippen kommt in der Gegenwart, wo man so deutlich sieht, daß die wenigen, die sich heute aufgerüttelt fühlen, es auch nur unter Zwang tun, durch den Zwang es dazu kommen lassen. Das ist es, was einem sagt: Auf das Urteil, auf die Einsicht kommt es an. — Einsicht bekommt man aber in die Völkerentwickelung nur, wenn man diese tieferen Zusammenhänge ins Auge faßt. Da muß man aber den Mut haben, sich zu sagen: All diejenige Wissenschaft über Völker und all dasjenige, was mitspricht in der sozialen Organisation, ohne diese Dinge zu wissen, ist inkompetent. — Diesen Mut muß man aufbringen, und über diesen Mut, den man haben muß, habe ich eben auch einmal gern sprechen wollen. Ich habe heute lange genug gesprochen, aber es schien mir wichtig, einmal tiefere europäische Impulse in unmittelbarem Zusammenhange mit Impulsen der Gegenwart zu zeigen.

[ 63 ] This must not be accounted a virtue or defect of any particular nation. It is something that is now widespread and must be resisted: we must endeavour to support our judgements with sound reasoning. One does not form judgements by getting up an one's hind legs and pronouncing judgements indiscriminately. Those who are often the leading personalities today—and I have already spoken of this in a different context—are the worst possible choice, the products of the particular circumstances of our time. We must be aware of this. It is not a question of clinging to slogans such as democracy, socialism etcetera; what is important is to perceive the realities behind the words. That is what one feels, what comes to mind at the present time when one sees so clearly that the few who are shaken out of their complacency awaken only under constraint, when compelled to do so by constraint. That is why one says to oneself: what matters is judgement, insight and understanding. In order to gain insight into the evolution of nations we must bear in mind these deeper relationships. We must have the courage to say to ourselves: all our knowledge of ethnology and everything that is concerned with the social organization is valueless unless one is aware of these things. We must summon up the courage to say this and it is of this courage that I wanted to speak. I have spoken long enough, but I felt that it was important to show the direct connection between the deeper European impulses and those of the present time.

[ 64 ] Sie wissen ja, daß man jetzt sozusagen von heute auf morgen nicht weiß, wie lange man noch an einem Orte ist, daß man heute zwangsmäßig hierhin oder dorthin geschoben werden kann. Doch wie die Sachen auch kommen werden — vielleicht sprechen wir noch sehr lange hier miteinander, vielleicht kurze Zeit —, aber jedenfalls, wenn ich auch noch so bald abreisen sollte, der letzte Vortrag, den ich hier halte, ist der heutige nicht. Ich werde es einrichten, daß ich von diesem Orte hier noch zu Ihnen sprechen kann.

[ 64 ] As you are aware one can never know from one day to the next how long one is permitted to remain in a particular place—one may be compulsorily directed at the behest of the authorities. Whatever happens—one never knows how long we may be together—in any case, though I may have to leave very soon, the present lecture will not be the last. I will see to it that I can speak to you again here in Dornach.