The Developmental-Historical Basis
of Social Judgment
GA 185a
15 November 1918, Dornach
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The Developmental-Historical Basis of Social Judgment, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Sie haben vor kurzem den «Chor der Urträume» Ferchers von Steinwand eurythmisiert gesehen. Es wird nun jene Dichtung Ferchers von Steinwand für eine eurythmische Darstellung vorbereitet, die sich an den «Chor der Urträume» anreiht: der «Chor der Urtriebe». Es ist nun vielleicht bei dieser Dichtung ganz wünschenswert, wenn Sie sich mit den Gedanken der Dichtung zuerst bekannt machen, weil während der eurythmischen Darstellung durch das gleichzeitige Aufnehmen des Eurythmischen und der Dichtung die Aufmerksamkeit doch sehr stark in Anspruch genommen wird. Damit es nun vor der eurythmischen Aufführung möglich ist, daß Sie sich schon mit der Dichtung bekannt machen, wird heute Frau Dr.Steiner vor dem Vortrag den ersten und den zweiten Absatz des Chors der Urtriebe rezitieren und morgen dann damit fortsetzen.
[ 1 ] You recently saw a eurythmic performance of Fercher von Steinwand’s “Chor der Urträume” (Chorus of Primordial Dreams). Work is now underway to prepare another of Fercher von Steinwand’s poems for a eurythmic performance, one that follows on from “Chor der Urträume”: “Chor der Urtriebe” (Chorus of Primordial Instincts). With this poem, it might be quite beneficial for you to familiarize yourselves with its ideas first, because during the eurythmic performance, your attention will be very heavily engaged by having to take in both the eurythmy and the poem at the same time. To enable you to familiarize yourselves with the poem before the eurythmic performance, Dr. Steiner will recite the first and second stanzas of the “Chorus of Primordial Instincts” today before the lecture and will continue with them tomorrow.
[ 2 ] Es ist von mir in diesen Betrachtungen versucht worden, gerade an die bedeutsamen Entwickelungsereignisse der Gegenwart einiges episodisch anzuknüpfen, das dann die Möglichkeit bieten soll, weitere Ausblicke zu geben gerade von unserem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Ich möchte auch heute das eine oder das andere noch episodisch mit Bezug auf unsere Zeitereignisse vor Ihnen vorbringen, damit wir dann innerhalb dieser drei Vorträge heute, morgen und übermorgen vielleicht zu einigen Ausblicken, die jedem wichtig sein müssen in der Gegenwart, kommen können. Ich möchte heute ausgehen von einer allgemeinen Bemerkung. Unter dem Mancherlei, was diese furchtbaren katastrophalen Ereignisse der letzten Jahre in die Menschheit hereingetragen haben, sollten zwei Dinge namentlich sein. Das eine ist: Es sollte aus der Beobachtung des Erlebten hervorgehen eine Art Verstärkung der Menschheit in bezug auf das Gefühl für tatsächliche Wahrheit. Und das zweite sollte sein: Es sollte ersprießen aus dem Tragischen, das sich zugetragen hat und weiterhin zutragen wird, eine gewisse Fähigkeit, von den Weltereignissen, überhaupt von der Welt als solcher zu lernen.
[ 2 ] In these reflections, I have attempted to tie in, in an episodic manner, some of the significant developments of the present, which should then offer the opportunity to provide further insights specifically from our spiritual-scientific perspective. Today, too, I would like to present one or two more anecdotes to you in relation to current events, so that within these three lectures—today, tomorrow, and the day after tomorrow—we may perhaps arrive at some perspectives that must be important to everyone in the present. I would like to begin today with a general remark. Among the many things that these terrible, catastrophic events of recent years have brought upon humanity, two things in particular should be noted. The first is this: observing what we have experienced should lead to a kind of strengthening of humanity’s sense of actual truth. And the second should be this: From the tragedies that have occurred and will continue to occur, a certain ability to learn from world events—and indeed from the world itself—should spring forth.
[ 3 ] Diese zwei Dinge sollten hineingetragen werden in das menschliche Leben aus der Beobachtung der vergangenen viereinhalb Jahre. Ein Gefühl, sagte ich, sollte der Menschheit ersprießen für tatsächliche Wahrheit, für die Wahrheit innerhalb der Tatsachenwelt. Wir haben gesehen, wenn wir sehen wollten, wenn es uns darum zu tun war, zu sehen, daß durch Jahre hindurch — womit ich nicht sagen will, daß es _ vorher nicht in einem gewissen Grade auch so war, nur war es nicht so auffällig —, daß durch reichlich mehr als vier Jahre die Menschheit über die ganze zivilisierte Welt hin sich allmählich abgestumpft hat für die Beobachtung der tatsächlichen Wirklichkeit, der in den Ereignissen lebenden Wahrheit. Wie oft ist es eigentlich nötig, innerhalb des Kreises derer, die sich in unserer Bewegung zusammengeschlossen haben, von der Bedeutung, von der tatsächlichen Bedeutung der Wahrheit zu sprechen. Wie schwierig ist es auf der anderen Seite, für das echte Bild der Wahrheit, insofern die Wahrheit nicht bloß eine Abstraktion ist, sondern insofern die Wahrheit eine Realität ist, für das echte Bild der Wahrheit einiges Verständnis zu erwecken. Und wie groß sind die Versuchungen, sich zu entziehen dem Anblicke der wirklichen Wahrheit. Über die vier letzten Jahre und über dasjenige, was vorangegangen ist, wird ja wohl die Menschheit auch einmal unterrichtet sein wollen, weil jedenfalls aus dem Chaos heraus sich auch so etwas wie der Drang, die Ereignisse kennenzulernen, entwickeln wird. Heute — darauf habe ich ja namentlich in den letzten Betrachtungen, die ich hier angestellt habe, hinweisen wollen —, heute haben noch wenige Leute wirklich ein Bedürfnis, die Wahrheit über die letzten Jahre zu erfahren. Aber das meine ich weniger, sondern ich meine, indem ich von der Wahrheit hier spreche, die Hingabe an die Wirklichkeit. Die Menschen lieben es, in Illusionen zu leben. Zwischen Illusionen und Unwahrheiten ist aber nur eine ganz schmale Kluft, über die man sehr leicht eine Brücke hinüberfindet von den Illusionen aus ins Reich der wirklichen Lüge. Ob diese Lüge nun bewußt oder unbewußt ist, darauf kommt es ja weniger an, wenn es sich um Wirklichkeiten handelt. Die Versuchungen sind eben sehr groß, einzuführen in seine Anschauungswelt an der Stelle, wo man üben sollte die Hingabe an die Wahrheit, einzuschalten die Illusion und dann sehr bald eben die Unwahrheit.
[ 3 ] These two things should be incorporated into human life based on observations from the past four and a half years. A sense, I said, should spring up in humanity for actual truth, for the truth within the world of facts. We have seen—if we were willing to see, if it were our concern to see—that over the years—by which I do not mean to say that it _ was not to some extent the case before, only it was not so conspicuous —that for well over four years, humanity throughout the entire civilized world has gradually become desensitized to the observation of actual reality, of the truth that lives within events. How often, in fact, is it necessary, within the circle of those who have joined together in our movement, to speak of the significance—the actual significance—of truth? How difficult it is, on the other hand, to awaken some understanding of the true picture of truth—insofar as truth is not merely an abstraction, but insofar as truth is a reality. And how great are the temptations to turn away from the sight of the real truth. Humanity will surely want to be informed someday about the last four years and what preceded them, because out of the chaos, at any rate, something like an urge to learn about these events will develop. Today—and this is what I have specifically sought to point out in my most recent reflections here—today, few people truly feel a need to learn the truth about the past few years. But that is not my main point; rather, when I speak of truth here, I mean devotion to reality. People love to live in illusions. But there is only a very narrow gap between illusions and untruths, across which one can very easily find a bridge leading from illusions into the realm of actual lies. Whether this lie is conscious or unconscious is of little consequence when it comes to realities. The temptations are simply very great to introduce, into one’s worldview—precisely where one should be practicing devotion to the truth—first the illusion, and then very soon the untruth itself.
[ 4 ] Dem Geisteswissenschafter sollte es nun klar sein, daß bildend, entwickelnd, aufbauend, wachstumfördernd nur das Leben der Menschen in der Wahrheit sein kann, daß dagegen alles dasjenige, was Leben in der Unwahrheit ist, zerstört, isoliert. Es ist auch immer das Leben in der Unwahrheit mit dem Egoismus verbunden. Dasjenige, was so hinderlich ist dem Eindringen in die in den Tatsachen waltende Wahrheit, das ist das Sich-Einspinnen in die subjektive Bequemlichkeit namentlich des Vorstellungs-, aber auch des Empfindungslebens. Man möchte nicht gern sich über die Illusionen hinausheben, daß ja doch alles, alles so ist, daß man des Denkens, des natürlichen Denkens enthoben ist.
[ 4 ] It should now be clear to the scholar of the humanities that only a life lived in truth can be formative, developmental, constructive, and conducive to growth; conversely, everything that constitutes a life lived in untruth destroys and isolates. Moreover, a life lived in untruth is always linked to selfishness. What stands in the way of penetrating the truth that reigns in facts is the act of wrapping oneself up in subjective comfort—namely, in the life of the imagination, but also in the life of feeling. One is reluctant to rise above the illusions that everything, absolutely everything, is just as it is, so that one is relieved of the need to think—to think naturally.
[ 5 ] In diese Stimmung, die sehr leicht allgemeine Stimmung wird, ist dann der einzelne hineingestellt und wird, wenn er sich in einer der Wahrheit nicht sehr günstigen Zeit bedienen muß einer gewissen Form, dann außerordentlich schwer verstanden. Derjenige, der genötigt war in den letzten vier Jahren, das eine oder das andere durchleuchten zu lassen von den tatsächlichen Verhältnissen, und der genötigt war, den brutalen Wirklichkeiten Rechnung zu tragen, der wurde selbstverständlich schwer verstanden. Aber wie schwierig es ist, dieses Hinneigen zur Wahrheit in den Tatsachen zu entwickeln, das kann ja daraus entnommen werden, daß es für zahlreiche Menschen wahrhaftig recht unbequem gewesen wäre, ihr Denken auf so etwas einzustellen, wie es zum Beispiel, sagen wir, von mir in jenem Wiener Zyklus von Vorträgen vorgebracht worden ist, auf das ich neulich hier wiederum hingewiesen habe; der von dem, was innerhalb der Menschheit waltete seit Jahrzehnten, sprach als von einer Karzinomkrankheit, von einer Krebskrankheit, die im sozialen Leben der Menschen spielt. Und ich sagte dazumal: Wahrhaftig nur die Verpflichtung, so etwas zu sagen, kann einen veranlassen, es auszusprechen. — Ich sagte aber zu gleicher Zeit: Man möchte das, was darinnen liegt, hinausschreien in alle Welt. — Aber es ist unbequem, das zu hören, und unbequem war es für die Menschen, zu hören, bevor diese Katastrophe hereingebrochen ist, daß sie hereinbrechen wird. Unbequem war es selbstverständlich für eine große Anzahl von Menschen, sagen wir, vor zwei Jahren, darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß ja die Ereignisse keinen anderen Gang nehmen können als denjenigen, den sie jetzt genommen haben. Daß dieser Gang der Ereignisse für die sogenannten Zentralmächte ein sehr bedeutungsvoll unbequemer ist, das liegt ja heute schon auf der Hand. Daß er für die Entente ein recht unangenehmer werden wird, das wird man im Laufe einiger Jahre schon sehen, aber es liegt heute noch nicht so auf der Hand; daher ist es heute noch immer eine unbequeme Wahrheit. Selbstverständlich würde heute so ziemlich auf der ganzen Welt demjenigen, der noch deutlicher sagen würde, als das hier schon geschehen ist, um was es sich handelt, recht Unangenehmes passieren können, geradeso wie in anderem Gebiete jemandem höchst Unangenehmes passiert sein würde, wenn er die Hindenburg- und Ludendorff-Verehrung vor zwei Jahren in das richtige Licht gesetzt hätte.
[ 5 ] The individual is then placed within this atmosphere—which very easily becomes the prevailing mood—and, if he must resort to a certain form of expression at a time when the truth is not particularly well received, he becomes extremely difficult to understand. Anyone who, over the past four years, was compelled to examine one thing or another in light of the actual circumstances, and who was compelled to take brutal realities into account, was, of course, difficult to understand. But just how difficult it is to develop this inclination toward truth in the facts can be seen from the fact that it would truly have been quite uncomfortable for many people to adjust their thinking to something like what, for example, I presented in that series of lectures in Vienna—to which I recently referred again here; which spoke of what had been prevailing within humanity for decades as a carcinogenic disease, a cancer that is at work in people’s social lives. And I said at the time: Truly, only the obligation to say such a thing can prompt one to speak it aloud. — But I also said at the same time: One would like to shout out to the whole world what lies within this. — But it is uncomfortable to hear this, and it was uncomfortable for people to hear, before this catastrophe struck, that it was about to strike. It was, of course, uncomfortable for a large number of people—let’s say, two years ago—to be made aware that events could take no other course than the one they have now taken. That this course of events is a very significantly uncomfortable one for the so-called Central Powers is already obvious today. That it will become quite unpleasant for the Entente will become apparent over the course of a few years, but it is not yet so obvious today; therefore, it remains an uncomfortable truth even now. Of course, just about anywhere in the world today, anyone who were to state even more clearly than has already been done here what this is all about could face quite unpleasant consequences—just as, in another context, someone would have faced highly unpleasant consequences two years ago had they cast the worship of Hindenburg and Ludendorff in its proper light.
[ 6 ] Das sind Dinge, die spielen nur ins Große hinein. Es gibt aber Dinge, die treten im menschlichen Leben alltäglich auf, sie zeigen sich von Mensch zu Mensch allüberall. Und schließlich ist dasjenige, was sich im Großen abspielt, was die sogenannten großen Ereignisse sind, ja nichts anderes als die Kumulierung dessen, was sich im Kleinen von Mensch zu Mensch alltäglich, eben im alltäglichen Leben abspielt. Es besteht einmal eine gewisse Hinneigung der Menschen, nicht auf die Wahrheit zu schauen, schauen zu wollen. Gewiß, die Menschen reden viel von Wahrheit. Ich habe aber nirgends größere Liebe zur Illusion gesehen als bei denjenigen Menschen, die das Wort Wahrheit alle Augenblicke im Munde führen, wie ich niemals stärkeren Egoismus entdeckt habe als bei denjenigen Menschen, die fortwährend sagen, sie wollen ja eigentlich nur das oder jenes Unpersönliche.
[ 6 ] These are things that play out on a grand scale. But there are things that occur in everyday human life; they manifest themselves everywhere, from person to person. And ultimately, what takes place on a grand scale—what are known as the “great events”—is nothing other than the accumulation of what happens on a small scale, from person to person, every day, in everyday life. There is, for one thing, a certain tendency among people not to look for the truth, not to want to look for it. Certainly, people talk a lot about truth. But nowhere have I seen a greater love of illusion than among those people who have the word “truth” on their lips at every moment, just as I have never discovered stronger selfishness than among those people who constantly say that they really only want this or that impersonal thing.
[ 7 ] Das ist das eine, die Notwendigkeit, Wahrheitsgefühl, insofern die Wahrheit in den Tatsachen liegt, zu entwickeln. Das andere ist, von den Weltenereignissen zu lernen. Es kann einem das Herz bluten, wenn man die Notwendigkeit durchschaut, gerade an den Ereignissen der letzten Jahre zu lernen, und wenn man sieht, wie verhältnismäßig wenig doch eben gelernt worden ist durch die Menschen. Es ist einem, wenn man die Dinge betrachtet, oftmals, wie wenn Jahrhunderte zwischen dem Jahre 1914 und dem heutigen Jahre liegen würden, und man kann wirklich heute noch Menschen treffen, die heute genau ebenso urteilen, wie sie 1914 über diese oder jene Dinge geurteilt haben. Gewiß, es bleibt ein gewisser Grundstock von Dingen unangetastet, aber wir verstehen uns ja wohl, wenn ich sage: Man muß gelernt haben, über gewisse Dinge anders zu urteilen. — Man kann ja wohl verstehen, daß eben diejenigen Dinge gemeint sind, die gerade durch solche Ereignisse ans Tageslicht getreten sind, wie die vier letzten Jahre waren.
[ 7 ] That is one thing: the need to develop a sense of truth, insofar as truth lies in the facts. The other is to learn from world events. It can break one’s heart to realize the necessity of learning precisely from the events of recent years, and to see how relatively little people have actually learned from them. When one looks at things, it often feels as if centuries lay between the year 1914 and the present day, and one can still meet people today who judge matters exactly as they did in 1914. Certainly, a certain foundation of things remains untouched, but we surely understand each other when I say: One must have learned to judge certain things differently. — One can certainly understand that I am referring precisely to those things that have come to light precisely through events such as those of the last four years.
[ 8 ] Dasjenige, was schon gelernt werden könnte von vielen Menschen, das ist die Notwendigkeit der Hinneigung zu einer geistigen Weltenbetrachtung. Aus alledem, was namentlich auf dem Gebiete des sozialen Lebens geschieht, der sozialen Verwickelungen, die sich zuletzt herausentwickelt haben aus dieser Weltenkatastrophe, was sich ergibt aus dem sozialen Chaos, das sich herausentwickeln wird aus dieser Weltkatastrophe, das wird vor allen Dingen sein die Notwendigkeit für die Menschheit, sich zu spiritueller, zu geistiger Weltbetrachtung hinzulenken. Das macht sich heute zunächst dadurch geltend, daß diejenigen Menschen, die in diesem Wirbeltanz, der ja eingetreten ist, nun für einige Zeit obenaufkommen, gerade am schlimmsten ablehnend sind gegen alles spirituelle Leben, gegen alle geistige Weltenbetrachtung. Aber gerade in dieser schlimmen Ablehnung liegt der reale Keim für die Herbeirufung der Sehnsucht nach spiritueller Weltenbetrachtung. Man wird gar nicht zu einer lichtvollen sozialen Gestaltung in der Zukunft kommen können, ohne daß man den Blick wendet auf dasjenige, was die heutige Ordnung, das heutige Chaos ergeben hat. Aber durchschauen dasjenige, was geschehen ist — und das gegenwärtige Chaos ist nur das Ergebnis desjenigen, was im Laufe der Menschheitsentwickelung geschehen ist —, einen Einblick in das, was geschehen ist, wird man nur bekommen können, wenn man als geistige Lichtquellen eben Geisteswissenschaft haben wird.
[ 8 ] What many people could already learn is the necessity of turning toward a spiritual view of the world. From everything that is happening, particularly in the realm of social life—the social entanglements that have most recently developed out of this global catastrophe, and what will emerge from the social chaos that will develop out of this global catastrophe—the primary result will be the necessity for humanity to turn toward a spiritual, intellectual view of the world. This is evident today, first and foremost, in the fact that those people who, in this whirlwind of turmoil that has indeed set in, are now coming out on top for a time, are the very ones who are most vehemently opposed to all spiritual life and to any spiritual view of the world. But it is precisely in this vehement opposition that the real seed lies for the awakening of a longing for a spiritual view of the world. It will not be possible to achieve a luminous social order in the future without turning one’s gaze toward what the present order—the present chaos—has brought about. But to see through what has happened—and the present chaos is merely the result of what has occurred in the course of human development—to gain insight into what has happened, one will only be able to do so if one has spiritual science as a source of spiritual light.
[ 9 ] Man wird, um die großen proletarischen Fragen, die auftauchen, einigermaßen beherrschen zu können — ich will gar nicht davon sprechen, sie lösen zu können —, sich fragen müssen: Welche Bedeutung haben denn eigentlich überhaupt die Klassen, auf welche zum Beispiel gerade das Proletariat, indem es sich selber als Klasse fühlt, zurückblickt: die Klasse des alten Adels, der Bourgeoisie, und endlich die Klasse des Proletariats selber? — Mit Definitionen kommt man der Sache nicht bei. Auch nicht dadurch kommt man der Sache bei, daß man beobachtet, wie sich die Adelsklasse im Laufe der Jahrhunderte benommen hat, woraus sie geworden ist, wie sich die Bourgeoisie verhalten hat, wie das Proletariat entstanden ist. Auch dadurch kommt man nicht zu einem Verständnis desjenigen, was in die menschliche Gesellschaftsordnung hereingeflossen ist, indem es sich aus anderen, namentlich aus diesen drei Klassen seine Zuflüsse geholt hat.
[ 9 ] In order to gain even a modicum of mastery over the major proletarian issues that arise—let alone solve them—one must ask oneself: What significance, after all, do the classes actually have to which, for example, the proletariat—by identifying itself as a class—looks back: the class of the old nobility, the bourgeoisie, and finally the class of the proletariat itself? — Definitions do not get to the heart of the matter. Nor does one get to the heart of the matter by observing how the aristocratic class has behaved over the centuries, what it has become, how the bourgeoisie has behaved, or how the proletariat came into being. Nor does this lead to an understanding of what has flowed into the human social order by drawing its tributaries from other classes, namely from these three.
[ 10 ] Der Adel in seinen verschiedensten Formen — ja, zuletzt versteht man dasjenige, was mit dem Adel als Klasse zusammenhängt, doch nur, wenn man in der Lage ist, so etwas geisteswissenschaftlich zu beleuchten. Dadurch allein hat man die Möglichkeit, sich zu sagen: Diejenigen Menschen, die in der Adelskaste sich heranentwickelt haben, sind ja natürlich nicht bloß diese menschlichen Individuen, die von gewissen Vorfahren nach der Kontinuität des Blutes herstammen und sich dadurch gewisse Vorrechte in der Welt gesichert haben auf Grundlage bestimmter Ereignisse, die Ihnen ja mehr oder weniger bekannt sind, sondern die Mitglieder dieser Adelskaste sind ja auch Seelen, wenigstens zum größten Teil Seelen, die gesucht haben, gerade in solchen Körpern sich zu verkörpern, welche in der Adelskaste geboren worden sind. Das wird man sich überhaupt aneignen müssen gegen die Zukunft hin: den Menschen nicht bloß als leiblich-körperliches Wesen zu betrachten, sondern ihn zu betrachten in seinem Zusammenhange mit der hinter ihm stehenden geistigen Welt, in der er die Quelle seines Seelischen hat. Man wird allmählich das Gefühl bekommen müssen, daß man den Menschen nicht kennt, wenn man nicht seinen Zusammenhang mit der hinter ihm stehenden geistigen Welt ins seelische Auge faßt.
[ 10 ] The nobility in its various forms—indeed, ultimately, one can only understand what is connected with the nobility as a class if one is able to examine it from a humanities perspective. Only in this way does one have the opportunity to say to oneself: Those people who have developed within the aristocratic caste are, of course, not merely these human individuals who descend from certain ancestors through the continuity of blood and have thereby secured certain privileges in the world on the basis of specific events—which are, after all, more or less known to you—but the members of this aristocratic caste are also souls, at least for the most part, souls who have sought to incarnate precisely in bodies that were born into the aristocratic caste. This is something we will have to internalize as we look toward the future: not to regard human beings merely as physical beings, but to view them in their connection to the spiritual world behind them, in which they find the source of their soul life. We will gradually have to come to realize that we do not truly know a person unless we perceive, with the eye of the soul, their connection to the spiritual world that lies behind them.
[ 11 ] Man kann sich nun wirklich geisteswissenschaftlich Mühe geben, die Frage zu beantworten: Woher kommt das eigentlich, was in die Menschheit durch den Adel hineingekommen ist? — Man hat ja auch in der Gegenwart ziemlich viel Gelegenheit, solche Fragen geisteswissenschaftlich zu behandeln; wenigstens hatte man dazu Gelegenheit. Das wird ja jetzt aufhören. Die Welt hat viel geschimpft über den sogenannten preußisch-deutschen Militarismus; jetzt schimpft Preußisch-Deutschland selber über den preußisch-deutschen Militarismus. Das Schimpfen mag von diesem oder jenem Standpunkte aus berechtigt sein; die Gründe, welche vorgebracht worden sind von der einen oder von der anderen Seite, für und gegen, sind zumeist recht wenig schöne und jedenfalls recht wenig wahre Gründe gewesen, sind es auch heute noch nicht. Und für den Wahrheitsucher kommt es ja viel mehr auf die Gründe an als auf das abstrakte Stimmen oder Nichtstimmen. Aber viel wichtiger als dieses Pro und Kontra ist die Tatsache, daß achtzig Prozent, eigentlich mehr alsachtzigProzent derKommandeurstellen im preußisch-deutschen Heere von Adeligen, von guten alten Adeligen besetzt sind, führende Stellen, in den höchsten führenden Stellungen achtzig Prozent, über achtzig Prozent; so daß gerade, ohne daß man dabei Sympathien und Antipathien walten läßt, sich zum Beispiel beantworten läßt, woher das kommt, was durch den Adel in die Menschheit hineingekommen ist. Ob das nun für die Menschheit Gelegenheit gibt zum Pro oder Kontra, darauf will ich nicht eingehen, wie ich oben schon sagte, aber dasjenige, was geschehen ist, das läßt sich zu der Frage bringen: Wie hängt das eigentlich mit dem ganzen Werden, mit der ganzen Entwickelung der Menschheit zusammen? — Denn man kann zum Beispiel gerade an diesem Militarismus die Frage aufwerfen, was durch ihn geschehen ist im Laufe der letzten Jahrzehnte und der letzten viereinhalb Jahre, da er in seiner Mehrzahl gerade von Aristokraten geführt wird. Da läßt sich die Frage beantworten, die ich oben aufgeworfen habe: Wie hängen die Adelsimpulse mit der Gesamtentwickelung der Menschheit zusammen? — Und überall findet man, auch spirituell, auch wenn man versucht, den Zusammenhang der menschlichen Seele mit den geistigen Welten zu erforschen, überall findet man: Dasjenige, was die Menschheit irgendwo und irgendwann erlebt hat durch ihren Adel, das ist Auswirkung eines alten Menschheitskarmas, das ist Auswirkung von Impulsen, welche einmal durch das oder jenes in die Menschheitsentwickelung hineingetragen worden sind. Damit gewisse Dinge über die Menschen kommen können wegen früherer gemeinschaftlich menschlicher Verwickelungen, dazu war im wesentlichen — jetzt spirituell betrachtet — der Adel auf diesem oder jenem Gebiete da; der Auswirker alter Schulden, könnte man sagen. Man muß überall zurückgehen in die Vergangenheiten, wenn man die Impulse, die im Adel sozial wirken, mit Bezug auf ihre Bedeutung für die Menschheit verstehen will.
[ 11 ] One can certainly make a genuine effort, from a humanities perspective, to answer the question: Where does what has entered humanity through the nobility actually come from? — After all, even in the present day, there is quite a lot of opportunity to address such questions from a humanities perspective; at least, there used to be such an opportunity. That will now come to an end. The world has railed a great deal against so-called Prussian-German militarism; now Prussian-Germany itself is railing against Prussian-German militarism. This criticism may be justified from one perspective or another; the reasons put forward by one side or the other—for and against—have for the most part been rather unsavory and, in any case, rather untrue, and they remain so even today. And for the seeker of truth, the reasons matter far more than abstract agreement or disagreement. But far more important than these pros and cons is the fact that eighty percent—actually more than eighty percent—of the commanding officer positions in the Prussian-German army are held by members of the nobility, by good old nobility; in the highest leadership positions, eighty percent, over eighty percent; so that, without letting sympathies and antipathies come into play, one can, for example, answer the question of where that which has entered humanity through the nobility actually comes from. Whether this gives humanity cause to argue for or against it, I do not wish to address—as I said above—but what has happened can be brought back to the question: How does this actually relate to the entire becoming, to the entire development of humanity? — For one can, for example, take this militarism as a case in point and ask what it has brought about over the course of the last few decades and the last four and a half years, since it is led, for the most part, by aristocrats. This allows us to answer the question I raised above: How are the impulses of the nobility connected to the overall development of humanity? — And everywhere one finds—even spiritually, even when attempting to explore the connection between the human soul and the spiritual worlds—everywhere one finds: What humanity has experienced somewhere and at some point through its nobility is the effect of an ancient human karma; it is the effect of impulses that were once brought into human development through one thing or another. The nobility in this or that region essentially existed—viewed from a spiritual perspective—so that certain things could befall people as a result of earlier collective human entanglements; one might say it served to work off old debts. One must go back into the past in every case if one wishes to understand the impulses that operate socially within the nobility in relation to their significance for humanity.
[ 12 ] Hat man, ich möchte sagen, die tiefere Betrachtung der Dinge da einmal angefaßt, wo ich es Ihnen jetzt angedeutet habe, dann wird man dazu getrieben, auch beim anderen Pol einmal anzufassen. Und der andere Pol ist das Proletariat. Hier verhält sich die Sache umgekehrt. Alles dasjenige, was durch das Proletariat verursacht wird an Schwierigem für die Menschheit, was hereingetragen wird in die Menschheit an Verwickelungen durch das Proletariat, alles das weist auf die Zukunft hin, gibt Zukunftskarma, wird von der Menschheit in der Zukunft ausgetragen werden müssen.
[ 12 ] Once one has, so to speak, begun to examine things more deeply from the perspective I have just indicated to you, one is compelled to consider the other pole as well. And that other pole is the proletariat. Here, the situation is reversed. Everything difficult for humanity that is caused by the proletariat, all the entanglements brought into humanity by the proletariat—all of this points to the future, creates future karma, and will have to be worked through by humanity in the future.
[ 13 ] Das erstere, daß der Adel gewissermaßen die vollziehende Gewalt gegenüber alter Schuld ist, diese Erkenntnis kann dazu führen, Verantwortlichkeit zu fühlen gegenüber dem, was heute durch das Proletariat geschehen muß. Denn schließlich ist ja doch dasjenige, was durch das Proletariat geschieht, in weitem Umfange auf dem Umwege durch das geistige Leben von der Bourgeoisie verursacht. Um das letztere durchdringend zu verstehen, muß man versuchen, die Mittelstellung der Bourgeoisie zwischen dem Adel und dem Proletariat ins Auge zu fassen.
[ 13 ] The first point—that the nobility is, in a sense, the executive power in relation to past guilt—is a realization that can lead to a sense of responsibility toward what must be accomplished today by the proletariat. After all, what is brought about by the proletariat is, to a large extent, caused—indirectly, through intellectual life—by the bourgeoisie. To understand the latter thoroughly, one must attempt to grasp the bourgeoisie’s intermediate position between the nobility and the proletariat.
[ 14 ] Sehen Sie, der Adel ist gewöhnlich abgeneigt einer eigentlich wissenschaftlichen Behandlung der Weltereignisse. Er ist nicht abgeneigt, über die Weltereignisse etwas zu wissen, aber er möchte nicht auf dem Wege des wissenschaftlichen Forschens, des wissenschaftlichen Denkens zu der Erkenntnis der Weltereignisse kommen. Er möchte vielmehr ohne die Anstrengung des Denkens — ich sage das alles ohne Sympathie und Antipathie, nur um zu charakterisieren — per Autorität in die Weltengeheimnisse hineinkommen, nicht durch Erkenntnis. Es ist ja zweifellos, daß in der bequemen Weise, wie zum Beispiel durch den Spiritismus die Leute versuchen, in die Weltengeheimnisse erkennend hineinzukommen, dies in Adelskreisen zahlreiche Anhängerschaft findet. Nun ja, Sie werden sagen: selbstverständlich sind nicht nur Adelige Spiritisten. — Das ist schon wirklich wahr, aber in den anderen Klassen stehen den Spiritisten so und soviel Leute gegenüber, welche wenigstens ein gewisses Streben haben, durch die Mitanwendung des eigenen Denkens in die geistige Welt hineinzukommen, Wissenschaft zu treiben. Innerhalb der Adelsklasse stehen wissenschaftlich strebende Menschen den spiritistisch oder mystisch — nun, es gibt ja verschiedene Wege, die man nicht alle zu charakterisieren braucht — in die geistige Welt Hineinkommen-Wollenden eben nicht zur Seite. Dagegen muß immer dasjenige, was eine Adelsklasse irgendwie in der Welt prätendiert, gestützt werden auf militärische Weise, in irgendeiner militärischen Art. Eine Adelsklasse ist ohne militärische Stütze nicht denkbar. Das wären so etwa — es gibt natürlich viele andere charakteristische Eigentümlichkeiten der Adelsklasse —, aber das wären solche, die von radikaler Bedeutung sind.
[ 14 ] You see, the nobility is generally averse to a truly scientific approach to world events. It is not averse to knowing something about world events, but it does not wish to arrive at an understanding of them through scientific research or scientific thinking. Rather, it wishes—without the effort of thinking (I say all this without sympathy or antipathy, merely to characterize the situation)—to penetrate the mysteries of the world through authority, not through knowledge. There is no doubt that the convenient methods—such as spiritualism—through which people attempt to gain insight into the mysteries of the world find a large following in aristocratic circles. Well, you might say: of course, it’s not only aristocrats who are spiritualists. — That is indeed true, but in the other social classes, the spiritualists are counterbalanced by just as many people who at least have a certain aspiration to enter the spiritual world by applying their own thinking, to pursue science. Within the aristocratic class, people with scientific aspirations do not stand alongside those who wish to enter the spiritual world through spiritualist or mystical means—well, there are various paths, not all of which need to be characterized. In contrast, whatever a noble class claims to represent in the world must always be supported in a military manner, in some military form. A noble class is inconceivable without military support. These would be, so to speak—there are, of course, many other characteristic features of the noble class—but these are the ones of radical significance.
[ 15 ] Was nun die Bourgeoisie betrifft, die zwischen dem Adel und dem Proletariat mittendrinnensteht, so ist zu sagen, daß gerade mit der Bourgeoisie auftritt ein gewisses Streben, die Erkenntnis wissenschaftlich zu machen, in die Vorstellungen, die in die geistige Welt hineingehen wollen, wissenschaftliche Gestaltung zu bringen. Dabei beruht die Macht der Bourgeoisie auf dem Besitz der Produktionsmittel, der Werkzeuge und dergleichen. Ich wähle in den Dingen, die zu sagen sind, um gewisse Ausblicke morgen oder übermorgen zu begründen, einzelne aus, aber Sie werden sehen, daß das, was ich auswähle, eine gewisse Bedeutung hat.
[ 15 ] As for the bourgeoisie, which stands right in the middle between the nobility and the proletariat, it must be said that it is precisely among the bourgeoisie that a certain striving arises to make knowledge scientific, to give scientific form to the ideas that seek to enter the intellectual world. At the same time, the power of the bourgeoisie rests on its ownership of the means of production, tools, and the like. In the points I will make to lay the groundwork for certain perspectives for tomorrow or the day after, I will select specific examples, but you will see that what I select has a certain significance.
[ 16 ] Besonders charakteristisch ist dasjenige, was immer eine Klasse von der nächstvorhergehenden übernimmt. So zum Beispiel übernimmt die Bourgeoisie von dem Adel den Militarismus. Aber es ist das Interessante, daß die Bourgeoisie überall die Tendenz hat, den Militarismus zu demokratisieren. Der Adelige braucht ein Heer, das ihm zur Verfügung steht, um ihn zu halten. Wie er das zustande kriegt, das kann ihm gleichgültig sein. Der Bürgerliche ist durch die Art, wie er mit seiner Lebens-, mit seiner Existenzgrundlage zusammenhängt, schon auch darauf angewiesen, sich auf ein Heer zu stützen, aber er muß dieses Heer aus demselben Volke herausnehmen, das er an seine Produktionsmittel hinstellt. Daher wird er zum Schwärmer der allgemeinen Wehrpflicht. Und, nicht wahr, in der Zeit, in der das Bürgertum allmählich heraufgekommen ist und sich entwickelt hat, war man selbstverständlich ein Trottel, wenn man nicht für die allgemeine Wehrpflicht schwärmen konnte, denn das war einfach der größte Fortschritt der Zeit, die allgemeine Wehrpflicht, die sogenannte Demokratisierung des Militarismus und so weiter.
[ 16 ] What is particularly characteristic is what each class inherits from the one that preceded it. For example, the bourgeoisie inherits militarism from the nobility. But what is interesting is that the bourgeoisie everywhere tends to democratize militarism. The aristocrat needs an army at his disposal to maintain his position. How he achieves this is of no concern to him. The bourgeois, by the very nature of his relationship to his means of livelihood and the basis of his existence, is also dependent on relying on an army, but he must draw this army from the very same people whom he employs to operate his means of production. That is why he becomes an ardent advocate of universal conscription. And, isn’t it true, that during the period when the bourgeoisie gradually rose to prominence and developed, you were naturally considered a fool if you could not enthuse about universal conscription, for that was simply the greatest progress of the time—universal conscription, the so-called democratization of militarism, and so on.
[ 17 ] Dasjenige, was nun das Proletariat wiederum von der vorhergehenden Klasse nahm, ist die Wissenschaft der Bourgeoisie, die bourgeoise Wissenschaft. Der Proletarier weiß heute — wenigstens insoferne er wissenschaftlich geschult ist, und das sind ja sehr viele —, er weiß einzuschätzen gewisse unterbewußte oder unbewußte Dinge im Menschen. Er weiß gut einzuschätzen, wie aus der Klasse oder Kaste des Menschen heraus ein gewisses Denken und eine gewisse Formung im Denken kommt. Zum Beispiel weiß der Proletarier sehr gut, daß, wenn man Adeliger ist, man anders denkt, weil man eben der Adelskaste angehört, als wenn man Bourgeois ist oder wenn man Proletarier ist. Die ganze Formung des Denkens ist anders, die Instinkte, die hineinlaufen in die Gedankenformen und diese Gedankenformen bilden, sind anders. Die bourgeoise Wissenschaft, die steht auf dem Standpunkte, Wahrheit ist Wahrheit, es kann nur eine Wahrheit geben, und glaubt an die Absolutheit ihrer Urteile. Das tut der Proletarier nicht, denn er kennt die Abhängigkeit desjenigen, was ein Mensch denkt, von seiner Kaste, von seiner Klasse.
[ 17 ] What the proletariat, in turn, took from the preceding class is the science of the bourgeoisie—bourgeois science. Today, the proletarian—at least to the extent that he is scientifically educated, and there are indeed very many such people—knows how to assess certain subconscious or unconscious aspects of human nature. He knows well how a person’s class or caste gives rise to a certain way of thinking and a certain pattern of thought. For example, the proletarian knows very well that if one is a member of the nobility, one thinks differently—precisely because one belongs to the noble caste—than if one is a bourgeois or a proletarian. The entire structure of thought is different; the instincts that flow into the thought forms and shape them are different. Bourgeois science takes the position that truth is truth—there can be only one truth—and believes in the absoluteness of its judgments. The proletarian does not do this, for he knows that what a person thinks depends on his caste and his class.
[ 18 ] Nun gewiß, auch da gibt es einen gewissen Grundstock von Wahrheiten, die von der Kaste nicht abhängig sind, meinetwillen gewisse elementare mathematische Begriffe und dergleichen. Gewiß, auch die rein mathematisch-mechanische Astronomie ist nicht von der Kaste abhängig. Aber alles dasjenige, was sich auf soziales, auf geschichtliches Leben bezieht, und namentlich die Formung und die Verwendungsform der einzelnen wissenschaftlichen Vorstellungen, die sind von der Kaste abhängig. Das hat die proletarische Wissenschaft durchschaut. In vieles Unterbewußte der Menschen schaut die proletarische Wissenschaft hinein. Allein sie übernimmt, diese proletarische Wissenschaft übernimmt das bourgeoise Denken, übernimmt sozusagen mit Haut und Haar dasjenige, was die bourgeoise Bildung, die bourgeoise Intelligenz erobert hat, und popularisiert es. Genau ebenso, wie die Bourgeoisie den Militarismus des Adels demokratisiert hat, so popularisiert das Proletariat in einer ganz blinden Gläubigkeit die Bourgeois-Wissenschaft, oder besser gesagt, die bourgeoise Wissenschaftlichkeit.
[ 18 ] Now, certainly, there is a certain foundation of truths that do not depend on the caste—for my part, certain elementary mathematical concepts and the like. Certainly, purely mathematical-mechanical astronomy, too, does not depend on the caste. But everything that relates to social and historical life—and especially the formation and application of individual scientific concepts—is dependent on the caste system. Proletarian science has seen through this. Proletarian science looks into many aspects of people’s subconscious. Yet this proletarian science adopts bourgeois thinking; it adopts, so to speak, lock, stock, and barrel, what bourgeois education and the bourgeois intelligentsia have achieved, and popularizes it. Just as the bourgeoisie democratized the militarism of the nobility, so the proletariat, in a state of blind faith, popularizes bourgeois science—or rather, bourgeois scientific method.
[ 19 ] Daraus sehen Sie schon, daß das Proletariat mit Bezug auf sein ganzes Denken der Erbe ist desjenigen, was von der Bourgeoisie gerade mit Bezug auf menschliche Gedanken, mit Bezug auf menschliche wissenschaftliche Hervorbringungen getan worden ist. Das wird sich als eine ganz außerordentlich wichtige Tatsache in die nächste Zukunft hinein zeigen, und es würde ungeheuer notwendig sein, daß man gerade auf solche Dinge achten lernen kann. Sonst wird man über Wichtigstes, was sich heranschleicht, nun, eben wiederum in bequemen Illusionen, die von der Lüge nur durch eine schmale Kluft getrennt sind, leben wollen.
[ 19 ] From this you can already see that, in terms of its entire way of thinking, the proletariat is the heir to what the bourgeoisie has accomplished precisely with regard to human thought and human scientific achievements. This will prove to be an extraordinarily important fact in the near future, and it will be absolutely essential that we learn to pay attention to precisely such matters. Otherwise, we will once again want to live in comfortable illusions—illusions separated from lies by only a narrow gap—regarding the most important developments that are creeping up on us.
[ 20 ] Es gibt zum Beispiel nichts, was der Wahrheit abträglicher ist in dem Sinne, wie ich von dieser Wahrheit vorhin gesprochen habe, als der Nationalismus. Aber der Nationalismus gehört gerade zu dem Programm, das als ein besonders segensreiches Programm der nächsten Zukunft gelten wird. Er gehört zu dem Programm der nächsten Zukunft. Daher wird man es erleben müssen, wenn dieser Nationalismus wird bauen wollen — er kann ja in Wirklichkeit nur zerstören —, daß die Illusionen, die von der Lüge durch eine schmale Kluft getrennt sind, sich eben fortsetzen werden. Denn so viel Nationalismus in der Welt entstehen wird, so viel Unwahrheit wird in der Welt sein, besonders gegen die Zukunft hin. Und so werden sehr viele Quellen für neue Unwahrheiten da sein. Unwahrheit hat in vieler Beziehung die Welt regiert. Aber sie wird nicht regieren können, indem die Menschheit in sich aufgenommen hat jene Impulse, jene Strömungen, die heute chaotisch in den proletarischen Massen zutage treten und die, wie Sie gesehen haben — ich habe Ihnen das neulich aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen vorgeführt —, einer der drei großen Strömungen in der Menschheitsentwickelung entsprechen.
[ 20 ] For example, there is nothing more detrimental to the truth—in the sense in which I spoke of this truth earlier—than nationalism. But nationalism is precisely part of the program that will be regarded as a particularly beneficial one for the near future. It is part of the program for the near future. Therefore, when this nationalism seeks to build—though in reality it can only destroy—we will have to witness that the illusions, which are separated from lies by a narrow gap, will simply continue. For as much nationalism as arises in the world, so much untruth will exist in the world, especially as we look toward the future. And thus there will be many sources of new untruths. Untruth has ruled the world in many respects. But it will not be able to rule, for humanity has taken into itself those impulses, those currents, which are now emerging chaotically among the proletarian masses and which, as you have seen—I demonstrated this to you recently using material from the spiritual sciences—correspond to one of the three great currents in human development.
[ 21 ] Mit diesen Dingen hängen die tatsächlichen Ereignisse ganz wesentlich zusammen. Aber man war abgeneigt, namentlich in den letzten Jahrzehnten, so in die Welt hineinzuschauen, daß man wirklich das Wirkliche gesehen hätte. Man konnte nur nicht, ohne daß man auf den Geist schaute, in die Welt hineinschauen, wenn man nicht das Wirkliche sich entgehen lassen wollte. Sehen Sie, all das, was sich zugetragen hat in den letzten Jahren, es geht ja zurück im Grunde genommen auf geistig durchschaubare Kräftewirkungen in der zivilisierten Welt. Es war eigentlich nichts gräßlicher im Verlaufe dieser traurigen Ereignisse als das Reden aus diesem oder jenem sogenannten nationalen oder anderen Standpunkte heraus. Da redete man zumeist von Dingen, die mit dem Gang der Ereignisse nicht das allergeringste zu tun hatten. Das Eigentümliche war ja, daß die leitenden Staatsmänner auch so redeten, daß ihre Reden mit dem Gang der Ereignisse nicht viel zu tun hatten. Mit den Dingen, die da berührt werden, sollte man nicht so unzart umgehen, mit dem, was man nennen könnte das Schicksal der Menschen, insoferne diese Menschen in Gruppen zusammengedrängt sind, in Völkergruppen zum Beispiel. Denn da berührt man im Grunde genommen recht tief, tief mit dem Geistigen zusammenhängende Verhältnisse, von denen man nicht so oberflächlich sprechen sollte, als oftmals gesprochen wird.
[ 21 ] The actual events are very much connected to these things. But people have been reluctant—especially in recent decades—to look at the world in a way that would allow them to truly see reality. It was simply impossible to look into the world without looking at the spirit, if one did not want to miss the reality. You see, everything that has happened in recent years can, at its core, be traced back to spiritually discernible forces at work in the civilized world. There was actually nothing more appalling in the course of these sad events than the discourse coming from this or that so-called national or other standpoint. For the most part, people spoke of things that had not the slightest connection to the course of events. The peculiar thing was that even the leading statesmen spoke in such a way that their speeches had little to do with the course of events. One should not treat the matters at hand so insensitively—what one might call the fate of human beings, insofar as these people are gathered together in groups, such as nations. For here one is, in essence, touching upon circumstances deeply, deeply connected to the spiritual realm, and one should not speak of them as superficially as is often done.
[ 22 ] Vor allen Dingen kommt in Betracht, daß man nicht übersehen sollte, daß gewisse Begriffe an verschiedenen Orten der Welt ganz Verschiedenes bedeuten. Denken Sie doch nur, daß die Menschen überallhin, sagen wir, vom Staate sprechen. Aber es kommt nicht darauf an, daß man einen gewissen Begriff vom Staate hat, sondern daß man doch wenigstens etwas mit diesem Begriff verbindet von den verschiedenen Gefühlsnuancen, die sich da oder dort an diesen Staat knüpfen, und daß man vor allen Dingen loskomme von der unseligen Verquickung von Staat und Nation und Volk, von jener unseligen Verquickung, die ein Grundcharakteristikum des Wilsonianismus ist, der immer zusammenwirft Staat und Nation und Volk, und sogar Staaten begründen will nach Nationen, wodurch eben nur in gewissen Strömungen die Lüge perpetuiert würde, wenigstens wenn es möglich wäre.
[ 22 ] Above all, one should not overlook the fact that certain terms can have very different meanings in different parts of the world. Just consider that people everywhere speak, let’s say, of the “state.” But what matters is not that one has a certain concept of the state, but that one at least associates with this concept some of the various emotional nuances that are attached to this state here or there, and that, above all, one must break free from the unfortunate conflation of state, nation, and people—that unfortunate conflation which is a fundamental characteristic of Wilsonianism, which always lumps together state, nation, and people, and even seeks to establish states based on nations, thereby perpetuating the lie only within certain currents, at least if that were possible.
[ 23 ] Man muß überall die konkreten, die wirklichen Dinge ins Auge fassen. Ich habe Ihnen im Laufe dieser Betrachtungen dargestellt, wie eine gewisse Konfiguration Mitteleuropas zusammenhängend ist mit jenen alten, auf die Gruppeninstinkte rechnenden Suggestionen, die von dem römischen Katholizismus, von Rom ausgingen. Sehen Sie, mit diesem Gespenste des alten Römischen Reiches, wie die spirituelle Wissenschaft sagt, hing innig zusammen dasjenige, was die alte, 1806 verstorbene Kaiser-Idee Mitteleuropas war. Bis dahin gab es mehr oder weniger, wirklich mehr oder weniger nominell das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das 1806 erst verschwunden ist. Es ist nicht eigentlich verschwunden, sondern es ist nur abgeschoben worden. Denn dieses Heilige Römische Reich, das mehr oder weniger günstig oder ungünstig durch lange Zeiten hindurch die verschiedenen deutschen Stämme zusammengehalten oder auch entzweit hat, dieser kaiserliche Impuls des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ist eigentlich nach und nach übergegangen auf die habsburgische Hausmacht, und damit ist dann eben dasjenige beglückt worden, was österreichisch-ungarischer Staatszusammenhang war. Aber Staat, der im Lichte der Habsburgermacht stand, bedeutet etwas anderes als Staat, der, sagen wir, sich so herausgebildet hat seit dem fünfzehnten, sechzehnten Jahrhundert, wie er, eigentlich mehr mit dem Volkstum zusammenhängend, in England oder Frankreich sich als Staat gebildet hat. Wo der Staat gar keinen wirklichen Inhalt hat, in dem, was Habsburgerreich war, wo verschiedene Völkerschaften zusammengehalten waren unter dem Gesichtspunkte der habsburger Hausmacht und diese habsburger Hausmacht wie einen Mantel hatten, wie ein altes Kleinod hatten, war etwas tief Mittelalterliches, nämlich das Kaisertum aus dem alten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Das, was Habsburg war, war ältestes Mittelalter, und leider auch durch und durch verbunden mit ältestem Mittelalter mit Bezug auf den Romanismus, mit Bezug auf jenen Katholizismus, der durch die Gegenreformation wiederum lebendig oder wenigstens lebensähnlich gemacht worden war und der alle jene Zustände hervorgebracht hat, von denen ich Ihnen auch hier schon gesprochen habe, der so viel beigetragen hat zur Einschläferung, zur Eindämmerung, aber auch zu anderen üblen Wirkungen innerhalb der mitteleuropäischen Welt.
[ 23 ] One must focus on the concrete, the real things everywhere. In the course of these reflections, I have shown you how a certain configuration of Central Europe is connected to those ancient suggestions—which relied on group instincts—that emanated from Roman Catholicism, from Rome. You see, as spiritual science tells us, the old idea of the Central European empire—which died in 1806—was intimately connected with this specter of the old Roman Empire. Until then, there existed—more or less, truly more or less nominally—the Holy Roman Empire of the German Nation, which did not disappear until 1806. It did not actually disappear, but was merely set aside. For this Holy Roman Empire—which, for better or worse, had held the various German tribes together or driven them apart over the long course of history—this imperial impulse of the Holy Roman Empire of the German Nation actually passed, little by little, to the Habsburg dynasty, and thus it was the Austro-Hungarian state that benefited from it. But a state that stood in the shadow of Habsburg power is something different from a state that, let us say, has developed since the fifteenth and sixteenth centuries—a state that, actually more closely tied to national identity, took shape in England or France. Where the state had no real substance—in what was the Habsburg Empire, where various peoples were held together under the banner of Habsburg power, and this Habsburg power served as a cloak, as an ancient treasure—there was something deeply medieval: namely, the imperial system of the old Holy Roman Empire of the German Nation. What the Habsburgs represented was the earliest Middle Ages, and unfortunately also thoroughly intertwined with the earliest Middle Ages in terms of Romanism, with regard to that Catholicism which, through the Counter-Reformation, had been revived—or at least made to resemble life—and which had brought about all those conditions of which I have already spoken to you here, and which contributed so much to the lulling, to the stifling, but also to other harmful effects within the Central European world.
[ 24 ] Diesem Habsburgerreich ältester mittelalterlicher Sorte stand ein Modernstes gegenüber, dasallmählich ganz modern geworden ist, etwas allermodernsten Gepräges: das preußisch-hohenzollerische Kaisertum, jenes preußisch-hohenzollerische Kaisertum, welches den Amerikanismus innerhalb des deutschen Wesens darstellte, Wilsonianismus vor Wilson. Das ist jener große, gewaltige Unterschied: dieses modernste Gepräge des preußisch-hohenzollerischen Amerikanismus, als Kaisertum maskiert, und das mittelalterliche habsburgische Kaisertum, das zusammengeschmiedet war von außen. Diese Dinge zu studieren ist nötig, wenn man verstehen will, was geschehen ist, und was noch geschehen wird.
[ 24 ] This Habsburg Empire of the oldest medieval variety stood in contrast to a most modern one, which gradually became entirely modern—something of the very most modern character: the Prussian-Habsburg Empire, that Prussian-Habsburg Empire which embodied Americanism within the German essence, Wilsonianism before Wilson. That is the great, immense difference: this most modern character of Prussian-Hohenzollern Americanism, masked as an empire, and the medieval Habsburg Empire, which was forged from the outside. It is necessary to study these things if one wishes to understand what has happened and what is yet to come.
[ 25 ] Was da als hohenzollerisch-preußisches Amerikanertum entstanden ist, das hatte nun eine ganz bestimmte Eigentümlichkeit: es entwickelte genau dieselben Impulse, die zum Beispiel im Britischen Reiche sich entwickelten, aber es entwickelte alle diese Impulse in der entgegengesetzten Art. Sehen Sie, dreierlei Strömungen gibt es, hergebracht von alten Zeiten, entstanden in der Gegenwart: die adelige, die bourgeoise, die proletarische. Nirgends so, ich möchte sagen, in Reinkultur nebeneinander, getrennt, entwickelten sich diese drei Strömungen, die adelige, die bourgeoise, die proletarische, wie im Britischen Reich und auch innerhalb des sogenannten Deutschlands — was ja kein offizieller Name ist, ein Deutschland gibt es ja nicht staatsrechtlich, hat es nie gegeben staatsrechtlich —, also im sogenannten Deutschen Reich. Also in beiden Gebieten, aber im genau entgegengesetzten Sinne entwickelten sich diese drei Strömungen. Im Britischen Reich entwickelte sich das alles so, daß Adel, Bourgeoisie, Proletariat zusammengingen, immer nach einer gemeinsamen Tendenz hin strebten. Es ist guter alter Adel da, aber er verstand es, mit den Anforderungen des bourgeoisen Wesens, namentlich mit den Anforderungen des materiellen und finanziellen Bourgeoisiewesens sich auszugleichen. Man ist nicht nur Adeliger, man wird auch wohlhabender Adeliger, reicher Mensch im modernen Sinne. Man kann zu gleicher Zeit seine Revenuen aus der Industrie haben und im guten Sinne alter, angesehener Adeliger sein. Aber man verwaltet das Ganze so, daß der Proletarier in seinen Unternehmungen nicht zu sehr abweicht von dem, was die anderen wollen. Es geht eben immer auf irgendeine Weise zusammen.
[ 25 ] What emerged there as a form of High-Zollern-Prussian Americanism had a very specific characteristic: it developed exactly the same impulses that had emerged, for example, in the British Empire, but it developed all these impulses in the opposite way. You see, there are three currents—brought down from ancient times and emerging in the present: the aristocratic, the bourgeois, and the proletarian. Nowhere else—I would say in their purest form, side by side and separate—did these three currents—the aristocratic, the bourgeois, and the proletarian—develop as they did in the British Empire and also within so-called Germany—which, of course, is not an official name; there is no “Germany” in terms of constitutional law, nor has there ever been—that is, in the so-called German Empire. So in both regions, but in exactly opposite ways, these three currents developed. In the British Empire, all of this developed in such a way that the nobility, the bourgeoisie, and the proletariat came together, always striving toward a common goal. There is a good old nobility there, but it knew how to reconcile itself with the demands of bourgeois life, namely with the material and financial demands of bourgeois life. One is not only a member of the nobility; one also becomes a wealthy noble, a rich person in the modern sense. One can simultaneously derive one’s income from industry and be, in the best sense, an old, respected noble. But one manages the whole situation in such a way that the proletarian does not deviate too much in his undertakings from what the others want. It all works out together in one way or another.


[ 26 ] Innerhalb des neuen deutschen Staatsgebildes ging alles auseinander. Da haben Sie auch die drei Strömungen, aber sie entwickelten sich so in dem Sinne auseinander: Da haben Sie die Industrie zur Großindustrie gebildet, die ihre eigene Strömung hatte, da haben Sie den alten Adel im preußischen Junkertum — die beiden drängten wohl zusammen, aber es war auch danach! —, das Proletariat, welches immer mehr zum Gegner der Bourgeoisie wurde und sich gerade zur Aufgabe stellte, den Klassenkampf gegen die Bourgeoisie im eminentesten Sinne aufzunehmen. Das entwickelte sich alles auseinander. Wer die geschichtlichen Ereignisse in dieser Beziehung studiert hat, der findet gerade das in außerordentlicher Weise interessant. Dabei das alles in einem Rahmen, den es sprengen mußte. Denn das, was da als sogenanntes Deutschland — wie gesagt, was es staatsrechtlich nie gegeben hat — konstruiert worden ist, trug Bismarcksches Gepräge, das Gepräge eines Mannes, dem nie die moderne Großindustrie gegenständlich geworden ist, der sie nie kannte, der nie damit rechnete, der den Rahmen, den er konstruierte, mit Ausschluß des Werdens der Großindustrie konstruierte. Nun entwickelte sich da hinein der ganze Amerikanismus der Großindustrie und sprengte den Rahmen. Der war schon in sich gesprengt, lange bevor diese kriegerische Katastrophe gekommen ist.
[ 26 ] Within the new German state structure, everything began to diverge. There were also the three movements, but they developed in such a way that they diverged: There was industry, which had grown into big industry and had its own current; there was the old nobility in the Prussian Junker class—the two may have converged at times, but that was a thing of the past!—and there was the proletariat, which increasingly became the opponent of the bourgeoisie and set itself the task of waging the class struggle against the bourgeoisie in the most profound sense. All of this diverged. Anyone who has studied the historical events in this regard will find precisely this to be extraordinarily interesting. And all of this took place within a framework that was bound to be shattered. For what had been constructed there as so-called Germany—as I said, something that never existed in terms of constitutional law—bore the stamp of Bismarck, the stamp of a man for whom modern large-scale industry had never become a concrete reality, who never knew it, who never reckoned with it, and who constructed the framework—excluding the emergence of large-scale industry—within the framework he had devised. Now, the entire American-style model of large-scale industry developed within that framework and shattered it. It had already been shattered from within long before this war-torn catastrophe struck.


[ 27 ] Diese Verhältnisse mit unbefangenem Blick, mit wissenschaftlicher Objektivität in Ruhe zu studieren, dazu hatte die Menschheit in dem tollen Wirbel, in den sie verfallen war auf allen möglichen Gebieten, wahrhaftig keine Ruhe. Denn man ist ja nicht sehr geneigt, auf Realitäten einzugehen. Man muß eigentlich Realitäten auch wirklich anzustreben suchen. Man muß einen Sinn haben für Realitäten, vielleicht nicht nur einen Sinn, sondern auch einen Spürsinn für Realitäten; denn der Zug der Zeit geht dahin, die Realitäten zu verleugnen, sich gar nicht einzulassen auf Realitäten. Sehen Sie, die Leute, die dahin schauten, wo der Inn fließt, die Moldau fließt, die Donau fließt, die Leitha fließt, sie unterschieden nicht viel zwischen zwei grundverschiedenen Dingen: zwischen dem deutsch-österreichischen Volk und dem Habsburgerreich. Das floß zusammen. Und wiederum, wenn die Leute Österreich besuchten, da, wo das deutsch-österreichische Volk lebte, das jetzt einem so tragischen Schicksal entgegengeht — wie hatten sie denn Gelegenheit, kennenzulernen, was innerhalb der eigentlichen Volkheit doch lebt? Man lernte halt — wie einmal ein Schriftsteller konstatierte —, wenn man so als Reisender nach Österreich kam, die «ärarische» Gesinnung, die sehr innig verbunden war mit Schlamperei, kennen. Wenn man an einen Bahnhof kam, nun, man wurde gewiesen, man solle dahin fahren, da habe man dann einen Anschlußzug. Man fuhr hin, und sollte man zur rechten Zeit ankommen, kam man sicher nicht zur rechten Zeit an. Nicht wahr, man war nie sicher, wenn man sich den Zügen überließ, daß man zur rechten Zeit hinkam, aber man war, wie der Betreffende sagte, überall sicher, wo man hinkam, daß man eine gute Tasse Kaffee kriegte. Aber das ist ja nur eine Äußerlichkeit. Dasjenige, was da in diesem Gebiete Mitteleuropas war und vor dem eine gewisse Brutalität Halt machen sollte, das war gerade die Möglichkeit der Entwickelung starker geistiger Individualitäten aus einem gewissen Untergrunde des Volkstums heraus.
[ 27 ] In the frenzied turmoil into which humanity had fallen in every conceivable area, it truly had no peace to study these circumstances with an unbiased eye and with scientific objectivity. For people are not very inclined to engage with realities. One must actually strive to seek out realities. One must have a sense for realities—perhaps not just a sense, but also an instinct for them—for the trend of the times is to deny realities, to refuse to engage with them at all. You see, the people who looked toward where the Inn flows, where the Vltava flows, where the Danube flows, where the Leitha flows—they didn’t distinguish much between two fundamentally different things: between the German-Austrian people and the Habsburg Empire. The two merged. And again, when people visited Austria, where the German-Austrian people lived—who are now facing such a tragic fate—how did they ever have the opportunity to get to know what actually lives within that people? One simply learned—as a writer once observed—when arriving in Austria as a traveler, to recognize the “state-centric” mindset, which was very closely linked to sloppiness. When one arrived at a train station, well, one was told to go there, where one would then catch a connecting train. You went there, and even if you were supposed to arrive on time, you certainly didn’t arrive on time. After all, you could never be sure, when relying on the trains, that you’d get there on time, but, as the person in question said, wherever you ended up, you could be sure of getting a good cup of coffee. But that is, of course, merely a superficial aspect. What existed in this region of Central Europe—and which a certain brutality was meant to halt—was precisely the possibility of developing strong intellectual individualities from a certain underground current within the national character.
[ 28 ] Sehen Sie, von Fercher von Steinwand war wenig gedruckt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ich lebte in Wien zusammen mit einigen Freunden, jüngeren Schriftstellern. Bei uns kam auch einmal das Gespräch auf Fercher von Steinwand, von dem ich einzelne seiner Dichtungen kannte. Es war gerade in der Zeit, als ich in Wien die «Deutsche Wochenschrift» redigierte. Hamerling hat ja mit einem großen Verständnis und innigem Wohlwollen auf Fercher von Steinwand hingewiesen gehabt. Da sagten mir einige Freunde: Ja, den Fercher, den können wir finden. — Ich war selbstverständlich rasch bereit, den Fercher von Steinwand zu finden. Man konnte ihn nie anders finden als: man ging in eine abgelegene Gaststube in der Singerstraße in Wien. Das ist eine Straße, die vom Opernhaus gegen den Stephansplatz hin geht. Ja, sehen Sie, da war unter allerlei Brüdern, die man schon «Brüder» nennen kann, mittendrinnen dieses feine, durchgeistigte Gesicht des Fercher. Dieser Deutsche aus dem Kärntnerlande, ganz und gar entsprossen in bezug auf die Art, wie er seine Gedanken formt, diesem deutsch-österreichischen Gebiete, dabei gerade jener Zusammenhang mit der Ideenwelt, wie er eben ein spiritueller Zusammenhang ist und wie er eigentlich nur da in dieser Art lebt. Fercher von Steinwand hatte auch große politische Ideen, aber er war nicht geeignet, nach den Usancen, die auf solchen Gebieten stattfanden, diese politischen Ideen irgendwie in Wirklichkeit umzusetzen. Das war er durchaus nicht. Es gibt überall solche Leute, wenn sie auch nicht so begabt sind wie Fercher von Steinwand, die gerade auf diesem Gebiete in Zusammenhang stehen mit der spirituellen Welt, die in sich trugen seit langer Zeit ein gewisses Verspüren von Impulsen, die da leben. Aber es war unbequem, auf solche Leute zu hören.
[ 28 ] You see, very little of Fercher von Steinwand’s work had been published in the 1880s. I was living in Vienna with a few friends, some younger writers. The conversation once turned to Fercher von Steinwand, and I was familiar with some of his poems. It was right around the time I was editing the *Deutsche Wochenschrift* in Vienna. Hamerling, after all, had spoken of Fercher von Steinwand with great understanding and deep goodwill. Then some friends said to me: “Yes, Fercher—we can find him.”—I was, of course, quick to agree to find Fercher von Steinwand. There was only one way to find him: you had to go to a secluded tavern on Singerstraße in Vienna. That’s a street that runs from the Opera House toward Stephansplatz. Yes, you see, there he was—right in the midst of all sorts of fellow men, whom one might well call “brothers”—that refined, spiritual face of Fercher. This German from the Carinthian region, entirely rooted—in terms of the way he forms his thoughts—in this German-Austrian territory, and at the same time connected to the world of ideas in a way that is precisely a spiritual connection and that actually exists only there in this form. Fercher von Steinwand also had grand political ideas, but he was not suited, according to the customs prevailing in such spheres, to translate these political ideas into reality in any way. He was certainly not. There are people like this everywhere—even if they are not as gifted as Fercher von Steinwand—who, precisely in this realm, are connected to the spiritual world and who have long carried within themselves a certain sense of the impulses that live there. But it was inconvenient to listen to such people.
[ 29 ] Ich muß sagen, ich war dann oft mit Fercher von Steinwand zusammen. Er kam mir immer vor so wie einer von den Zigeunern, die in der Welt herumwandern, aber der Aristokrat unter den Zigeunern, wie ihr Anführer, große Ideen im Kopfe tragend, und der von großen Ideen so redete, als ob er unter ihnen selber gewesen wäre. Ich sagte ihm eines Abends, als wir so zusammensaßen, als ich gerade eben die «Deutsche Wochenschrift» redigierte: «Sagen Sie, Herr Fercher, könnten Sie nicht auch einmal etwas noch von Ihnen Ungedrucktes geben? Sie haben doch sicher allerlei Dichtungen, ungedruckt noch; ich würde sie gern jetzt in der Wochenschrift veröffentlichen.» — «Ja», sagte er, «i hab’ allerlei da liegen, so komische Sacherln, die hab’ i a no da.» Und da gab er mir diesen «Chor der Urtriebe», den er seit langer Zeit in seinem Pult hatte und den ich dazumal veröffentlichte.
[ 29 ] I must say, I often spent time with Fercher von Steinwand after that. He always struck me as one of those Gypsies who wander the world—but the aristocrat among Gypsies, like their leader, with grand ideas in his head, and who spoke of grand ideas as if he were one of them himself. One evening, as we were sitting together—I was editing the *Deutsche Wochenschrift* at the time—I said to him, “Tell me, Mr. Fercher, couldn’t you also contribute something of yours that hasn’t been published yet? Surely you have all sorts of poems, still unpublished; I’d love to publish them in the *Wochenschrift* now.” — “Yes,” he said, “I’ve got all sorts of things lying around—funny little pieces like that—I’ve still got them.” And so he gave me this “Chor der Urtriebe,” which he’d had in his desk for a long time and which I published back then.
[ 30 ] Dieser Fercher von Steinwand ist eben eine von den Individualitäten, die wirklich aus dem Volkstum heraus in Mitteleuropa entstanden waren. Ich möchte Ihnen eine kleine Mitteilung machen über die Art, wie Fercher von Steinwand mit seinem Volkstume zusammenhing.
[ 30 ] This Fercher von Steinwand is precisely one of those unique figures who truly emerged from the folk culture of Central Europe. I would like to share a brief note with you about the way Fercher von Steinwand was connected to his folk culture.
[ 31 ] Am 4. April 1859 hat Fercher von Steinwand im Dresdener Altertumsverein, in Gegenwart des damaligen Kronprinzen Georg — hier in diesem Buche steht noch: gegenwärtig König von Sachsen —, sämtlicher Minister und vieler Offiziere höchsten Grades — ich bitte, das letztere besonders zu bemerken —, vor allen diesen Leuten hat Fercher von Steinwand, also bitte: 1859, am 4. April, einen Vortrag gehalten, und zwar über die Zigeuner. In diesem Vortrage über die Zigeuner steht außerordentlich viel drinnen, nicht so sehr wegen der feinen Bemerkungen, die Fercher von Steinwand über die Zigeuner macht, sondern wegen der großen völkerpsychologischen Ausblicke, die er in Anknüpfung an die Zigeunerfrage macht. Er hält die Zigeuner nämlich für Indogermanen. Und nun schweift sein Blick — wie gesagt, er hielt diese Rede, aus der ich Ihnen jetzt ein Stück vorlesen werde, vor dem Kronprinzen Georg von Sachsen, vor sämtlichen Ministern und vor hohen militärischen Würdeträgern — zu den Deutschen, und er sagte im Laufe dieser Rede:
[ 31 ] On April 4, 1859, Fercher von Steinwand gave a lecture at the Dresden Antiquities Society in the presence of the then Crown Prince Georg—this book still refers to him as “the current King of Saxony”—all the ministers, and many high-ranking officers—I ask that you take special note of the latter—in front of all these people, Fercher von Steinwand, so please note: on April 4, 1859, delivered a lecture on the Gypsies. This lecture on the Gypsies contains an extraordinary amount of information, not so much because of the subtle observations Fercher von Steinwand makes about the Gypsies, but because of the broad insights into ethnic psychology that he offers in connection with the Gypsy question. He considers the Gypsies to be Indo-Europeans. And now his gaze turns—as I said, he delivered this speech, from which I will now read you an excerpt, before Crown Prince Georg of Saxony, before all the ministers, and before high-ranking military officials—to the Germans, and he said in the course of this speech:
[ 32 ] «Wir Deutschen, die wir einen so schwarzen Genius lange nicht auf Erden für möglich hielten, mußten unser helles Vertrauen auf Welt und Weltordnung nacheinander auf ruhmlosen Schlachtfeldern büßen. Wir Deutschen haben die unselige Tugend, ein fremdes Volk bis zur blöden Hintansetzung unsrer selbst zu achten, auch wenn dasselbe wenig oder nichts Lobenswertes für sich hätte, als eine hervorstechende Eigenheit.»
[ 32 ] “We Germans, who for so long did not believe such a dark genius possible on earth, had to atone for our bright faith in the world and the world order, one after another, on inglorious battlefields. We Germans have the unfortunate virtue of respecting a foreign people to the point of foolishly neglecting ourselves, even if that people has little or nothing praiseworthy to its credit as a distinguishing characteristic.”
[ 33 ] Jetzt will ich, was er nun weiter sagt, überspringen.
[ 33 ] Now I want to skip over what he says next.
[ 34 ] «Doch unsre Tugend schlägt plötzlich zum Laster um, sowie ein großes Ereignis geharnischt vor unsre Schwelle tritt, ohne unser leidendes und leidiges Wesen aufzurütteln und unsre eingewurzelte unnatürliche Scheu vor dem göttlichen Wink der Geschichte zu überwinden, die uns schon oft unter das Richtbeil des Verhängnisses geführt. Die Götter sind niemandem feindlicher gesinnt, als dem Philister, und nirgends unter der Sonne gibt es Kleinkrämer, die nicht von einem Großkrämer tyrannisiert würden. Wie jede Zukunft, so mag uns unsre deutsche Zukunft ein Rätsel sein. Doch dieses ist nicht so undurchdringlich, als wir gewöhnlich meinen. Wir stoßen bereits auf wirkliche Lösungen dieses deutschen Rätsels, Lösungen, die wir mit Beziehung auf unsre Heimat prophetisch nennen können.»
[ 34 ] “Yet our virtue suddenly turns to vice as soon as a great event, arrayed in armor, steps before our threshold—without shaking our suffering and wretched nature or overcoming our deep-rooted, unnatural fear of history’s divine gesture, which has already led us so often under the executioner’s axe of fate. The gods are more hostile toward no one than the Philistine, and nowhere under the sun are there small shopkeepers who are not tyrannized by a big shopkeeper. Like any future, our German future may be a mystery to us. Yet this mystery is not as impenetrable as we usually suppose. We are already encountering real solutions to this German enigma—solutions that, in relation to our homeland, we may prophetically call our own.”
[ 35 ] Das alles in einer Rede, die über die Zigeuner handelt. Seine Betrachtungen knüpft er an das Zigeuner-Sein an, Fercher von Steinwand.
[ 35 ] All of this in a speech about the Gypsies. Fercher von Steinwand ties his reflections to the experience of being a Gypsy.
[ 36 ] «Laßt uns ein wenig über den Atlantischen Ozean schauen! Lenken wir unsre Blicke auf Säo Jorge dos Ilheos oder wandern wir in Gedanken den Rio Contas hinauf, wo wir auf deutsche Ansiedlungen treffen. «Mit stiller Verachtung — also erzählt Kaiser Max, der ein Mann von Gemüt und schöpferischem Geiste ist, also etwas weit Besseres, als Kaiser von Mexiko —, «mit stiller Verachtung blicken die neuen Schößlinge auf das alte Festland. — Die hagern Kinder mit den blassen, fahlen Gesichtern, mit den vergißmeinnichtblauen Augen und den strohgelben, spießigen Haaren fielen mir besonders auf und erinnerten mich lebhaft an die Nachkommenschaft unsrer deutschen Dörfer. Ich ging auf zwei größere Knaben zu und sprach sie deutsch an; scheu blickten sie zu mir auf und konnten mir nicht antworten, den eigenen deutschen Namen brachten sie nur mit Mühe verstümmelt hervor. Es waren Kinder deutscher Auswanderer, deren es in Ilheos viele gibt. Nicht ohne ein Gefühl der Entrüstung fand ich aber schon in ihnen die vollkommenen Brasilianer, die mit ihren eigenen Eltern nicht imstande waren, die Muttersprache zu sprechen. Und dann wundern sich die Deutschen, daß sie nirgends eine selbständige Stellung haben, daß sie, start zu dominieren, eine Art Mittelding zwischen Sklaven und Freien abgeben. Welch eine Schmach für deutsche Eltern, mit ihren Kindern in fremden Lauten zu verkehren! Wie muß das Familienverhältnis darunter leiden, wenn die schwache Mutter sich in fremden Ausdrücken mit ihrem eigenen Blute abquälen muß! — Diese überall sich wiederfindende Tatsache mag ein Hauptgrund der trüben Melancholie sein, die auf dem Antlitz und auf dem Wesen aller deutschen Kolonisten schwer und beängstigend lastet. Ich habe während meiner Reise keinen ganz heiteren deutschen Auswanderer gesehen; auf allen lag ein geheimer Schmerz. Erst die Kinder ziehen zuweilen Vorteil aus der gebrochenen Existenz ihrer Eltern, deren Charakterlosigkeit sie fast immer den fremden und geschlossenen Nationalitäten preisgibt. Das ist der Schmerz, der auf dem Gemüte dieser Fremdlinge lastet. — Zwei blasse Männer zogen des Weges mit abgehärmten Zügen; einige deutsche Worte bewiesen uns ihren transatlantischen Ursprung. Sie antworteten in der Sprache ihres Heimatlandes, aber der Klang war nicht mehr voll und rein, der matte Ton hatte etwas Müdes und Trauriges; auch die Gestalten waren ohne Energie und Elastizität, wie von Leuten, die ihren Beruf verfehlten, sich nicht heimisch fühlen, für die der französische Ausdruck dépaysé im vollsten Sinne gilt. Ein solches Bild der Melancholie bieten die meisten deutschen Auswanderer; an allen nagt der heimliche Wurm.» — —
[ 36 ] “Let us look out a little over the Atlantic Ocean! Let us turn our gaze toward São Jorge dos Ilhéus, or let us wander in our minds up the Rio Contas, where we encounter German settlements. “With quiet contempt”—so says Emperor Max, a man of spirit and creative genius, and thus far better than the Emperor of Mexico—“with quiet contempt, the new offspring gaze upon the old mainland. — The gaunt children with their pale, sallow faces, their forget-me-not-blue eyes, and their straw-yellow, spiky hair particularly caught my attention and vividly reminded me of the offspring of our German villages. I approached two older boys and spoke to them in German; they looked up at me shyly and could not answer me; they could only manage to utter their own German names with difficulty, mangling them in the process. They were the children of German emigrants, of whom there are many in Ilheos. Not without a sense of indignation, however, I found in them the very picture of Brazilians—children who were unable to speak their mother tongue even with their own parents. And then the Germans wonder why they hold no independent position anywhere, why, instead of dominating, they come across as a sort of hybrid between slaves and free people. What a disgrace for German parents to communicate with their children in foreign sounds! How must family relationships suffer when the frail mother has to struggle with her own flesh and blood using foreign expressions! — This fact, which can be found everywhere, may be a major cause of the gloomy melancholy that weighs heavily and ominously on the faces and dispositions of all German colonists. During my journey, I did not see a single German emigrant who was entirely cheerful; a secret sorrow weighed upon them all. Only the children occasionally benefit from their parents’ fragmented existence, whose lack of character almost always leaves them at the mercy of foreign and insular nationalities. That is the sorrow that weighs upon the minds of these strangers. — Two pale men walked along the path, their features haggard; a few German words revealed their transatlantic origins to us. They replied in the language of their homeland, but the sound was no longer full and pure; the faint tone had something weary and sad about it; their figures, too, lacked energy and elasticity, as if they were people who had missed their calling, who did not feel at home—for whom the French expression dépaysé applies in the fullest sense. Most German emigrants present such a picture of melancholy; a secret worm gnaws at them all.” — —
[ 37 ] Ist das nicht Zigeunerluft, was von den Gestaden des Rio Contas herüberweht? Und diese gräßliche Melusine, was flüstert sie uns ins Ohr? Ein Wort von unsrer deutschen Zukunft, einen eiskalten Gruß von ihr auf baldiges Zusammentreffen. Ja, diese Zukunft naht bereits unheimlich unserm Horizonte... .»
[ 37 ] Isn’t that a gypsy tune wafting over from the banks of the Rio Contas? And that dreadful Melusine—what is she whispering in our ears? A word about our German future, an ice-cold greeting from her, promising a soon-to-come reunion. Yes, that future is already looming ominously on our horizon... .”
[ 38 ] 1859 ist das gesprochen!
[ 38 ] That was said in 1859!
[ 39 ] «Ja, diese Zukunft naht bereits unheimlich unserm Horizonte, sieht über Ufer und Berge herein in die Tiefe unserer Länder, hager genug, wie der Genius des Todes mit der Leichenblässe im Angesicht. Wir haben kein Recht, es anders zu erwarten.
[ 39 ] “Yes, this future is already looming menacingly on our horizon, peering over banks and mountains into the depths of our lands, gaunt enough, like the spirit of death with the pallor of a corpse on its face. We have no right to expect anything else.
[ 40 ] Was wir reden, hat nicht Mark; was wir tun, hat nicht Kern; was wir künstlerisch schaffen, hat nicht den Klang, nicht den Adel der großen Natur. Es sieht aus, als hätten wir uns die Aufgabe gestellt, die Kunst durch dürre Eigenheiten, durch nüchterne Volkstümlichkeit, durch erzwungene Naturalismen zu necken. Was wir im übrigen noch denken oder zur Geschichte beitragen, hat Raum genug im Hohlkegel einer Schlafmütze.»
[ 40 ] What we say has no substance; what we do has no substance; what we create artistically lacks the resonance and nobility of the grandeur of nature. It seems as though we have set ourselves the task of mocking art through barren peculiarities, through sober folksiness, through forced naturalism. As for what else we think or contribute to history, there is enough room for it in the hollow cone of a nightcap.”
[ 41 ] So sprach dasjenige, was wirklich aus diesem Volkstume heraus gesprochen hat. Und das ist vorhanden, das lebt doch auch bis heute. Das kann nur brutalisiert werden. Das ist auch genugsam brutalisiert worden im Laufe der letzten Jahre. Es wird schon auch einmal zugestanden werden müssen, was völkische Selbsterkenntnis in auserlesenen Individuen ist; das lebte vielleicht doch nicht am besten unter der Agide von Menschen wie Clemenceau, sondern vielleicht doch unter anderer Ägide.
[ 41 ] Thus spoke that which truly spoke from within this folk tradition. And that exists; it lives on even today. It can only be brutalized. It has already been brutalized enough over the course of recent years. It will have to be acknowledged at some point what national self-awareness is in exceptional individuals; perhaps it did not thrive best under the aegis of men like Clemenceau, but rather under a different aegis.
[ 42 ] Man muß die Dinge zuweilen auch abgesehen von den Phrasen, die die Welt beherrschen, ins Auge fassen, und in welthistorischen Momenten ist vielleicht auch das notwendig. Wenn Fercher von Steinwand in Anknüpfung an Zigeuner-Charakteristik von seinem Volke spricht, dann liegt darinnen vielleicht etwas Melancholisch-Pessimistisches, wenn es gerade so herauskommt, wie in dieser Rede, aber so ist es nicht gemeint, so ist es wahrhaftig nicht gemeint. Von diesen «Zigeunern» muß doch etwas in die Weltmission hineingehen. Das wird zwar heute abgelehnt, das wird heute geleugnet. Diese Leugnung ist eng verbunden mit Wilsonianismus, aber die Tatsachen werden die Welt eines andern belehren. Und damit doch heute schon von irgendeiner Seite gegen dasjenige, was ganz gewiß mit mancher weltlichen Infallibilität und mit manchem weltlichen Autoritätsglauben der nächsten Zeit zusammenhängen wird, damit gegen das Protest da sei — vielleicht wird die Welt sagen: Zigeuner-Protest da sei —, habe ich meinen Wunsch ausgesprochen und meine Gedanken geäußert, daß dieser Bau hier, als Protest gegen dasjenige, was in den nächsten Jahren geschehen wird über die ganze zivilisierte Menschheit hin, sogenannte zivilisierte Menschheit hin, Goetheanum genannt werden sollte. Das ist nicht bloß, um in irgendeiner oberflächlichen leichten Weise an Goethe anzuknüpfen, sondern das ist aus dem Impulse unserer Zeit heraus.
[ 42 ] Sometimes one must look at things apart from the clichés that dominate the world, and in moments of world-historical significance, that may well be necessary. When Fercher von Steinwand speaks of his people in connection with the characterization of Gypsies, there may be something melancholic and pessimistic in it—if it comes across exactly as it does in this speech—but that is not what is meant; that is truly not what is meant. Something of these “Gypsies” must surely find its way into the world mission. Admittedly, this is rejected today; it is denied today. This denial is closely linked to Wilsonianism, but the facts will teach the world otherwise. And so that there may already be a protest today—from whatever quarter—against that which will most certainly be connected with a certain worldly infallibility and a certain belief in worldly authority in the near future—perhaps the world will say: “Let there be a Gypsy protest”—I have expressed my wish and articulated my thoughts that this building here, as a protest against what will happen in the coming years to all of so-called civilized humanity, should be called the Goetheanum. This is not merely to make some superficial, facile connection to Goethe, but rather it springs from the impulse of our time.
[ 43 ] Nun, wir werden morgen weitersprechen.
[ 43 ] Well, we'll continue this conversation tomorrow.
