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The Fundamental Social Demand of Our Time
In a Different Context
GA 186

29 November 1918, Dornach

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Das letztemal habe ich in den Betrachtungen, die aus den Ereignissen der Zeit angestellt werden hier in unserer Mitte, auf die durch die heutigen Zeitimpulse gegebenen Notwendigkeiten einer sozialen Gestaltung hingewiesen. Nicht ist es etwa ein Programm, das ich entwickeln wollte, das betone ich ausdrücklich; denn Sie wissen, von Programmen halte ich ganz und gar nichts, Programme sind Abstraktionen. Dasjenige, wovon ich Ihnen gesprochen habe, soll keine Abstraktion bedeuten, sondern soll eine Wirklichkeit bedeuten. Ich habe den verschiedenen Leuten, zu denen ich im Lauf der letzten Jahre von diesen sozialen Impulsen als von einer Notwendigkeit gesprochen habe, die Sache in der folgenden Weise dargestellt. Ich habe gesagt: Das, was hier gemeint ist, und was ganz und gar kein abstraktes Programm ist, das will sich durch die historischen Impulse in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren in der Welt verwirklichen. Sie haben die Wahl — so konnte man dazumal zu den Leuten, die noch die Wahl hatten, sprechen; heute haben sie sie nicht mehr —, entweder Vernunft anzunehmen und sich auf solche Dinge einzulassen, oder aber zu erleben, daß die Dinge sich durch Kataklysmen, durch Revolutionen in der chaotischsten Weise verwirklichen werden. Eine andere Alternative gibt es eben für diese Dinge im Verlauf des weltgeschichtlichen Geschehens nicht. Und heute ist einmal die Anforderung, daß solche Dinge verstanden werden, die den wirklich in. der Welt wirksamen Impulsen entnommen sind. Heute ist eben nicht die Zeit, wie ich wiederholt betont habe, in der jeder sagen kann: Ich glaube, daß dies oder jenes geschieht oder geschehen soll, — sondern heute ist die Zeit, wo nur derjenige wirksam etwas über die Notwendigkeiten der Zeit zu sagen vermag, der in der Lage ist, das anzuschauen, was sich im Laufe der Zeit verwirklichen will.

[ 1 ] Last time, in the reflections on current events taking place here among us, I pointed out the need for a social structure shaped by the impulses of our time. I want to emphasize explicitly that this is by no means a program I intended to develop; for, as you know, I have absolutely no regard for programs—programs are abstractions. What I have spoken to you about is not meant to be an abstraction, but rather a reality. I have presented the matter in the following way to the various people to whom I have spoken over the past few years about these social impulses as a necessity. I have said: What is meant here—and which is by no means an abstract program—is destined to be realized in the world over the next twenty to thirty years through these historical impulses. You have a choice—that is how one could speak at the time to people who still had a choice; today they no longer do—either to accept reason and engage with such things, or to experience how these things will come to pass through cataclysms and revolutions in the most chaotic manner. There is simply no other alternative for these matters in the course of world history. And today, more than ever, there is a need to understand these things, which are drawn from the impulses truly at work in the world. Today, as I have repeatedly emphasized, is not a time when anyone can simply say, “I believe that this or that is happening or should happen”—but rather, today is a time when only those who are able to observe what is striving to come to fruition over the course of time can effectively speak about the necessities of the age.

[ 2 ] Nun, vor allen Dingen handelt es sich darum, daß ich Ihnen natürlich nur eine Skizze geben konnte dessen, was von mir angesehen werden muß als eine Notwendigkeit, die sich verwirklichen will. Und ich will heute — ich möchte sagen, nur um eine Anknüpfung zu haben nur noch kurz wiederholen, daß es sich darum gehandelt hat, daß diese Konfusion der sozialen Struktur, welche allmählich zu diesen katastrophalen Ereignissen der letzten Jahre in der ganzen Welt geführt hat, daß diese Konfusion ersetzt werden muß, einfach ersetzt werden muß durch jene Dreigliederung der sozialen Struktur, von der ich Ihnen das letztemal gesprochen habe. Sie haben gesehen, daß diese Dreigliederung darauf hinausläuft, daß dasjenige, was bisher in konfuser Weise der einheitlichen, scheinbar einheitlichen Staatsorganisation zugrunde lag, daß das in getrennte Gebiete sich auflösen muß. Es wird sich auflösen in die drei Gebiete, von denen ich das erste bezeichnet habe als das der politischen oder Sicherheitsordnung; das zweite als das Gebiet der sozialen Organisation, der wirtschaftlichen Organisation; das dritte als das Gebiet der freien geistigen Produktion. Diese drei Dinge werden sich — und zwar schon im Laufe der nächsten Jahrzehnte wird sich das auch denjenigen Leuten zeigen, die unwillig sind, es heute zu verstehen —, diese drei Gebiete werden sich selbständig nach jeder Richtung hin gliedern. Und man entkommt den großen Gefahren, denen die Welt sonst auch weiter entgegengeht, nur, wenn man sich darauf einläßt, diese Dinge zu verstehen. Verstehen wird man sie aber nur, wenn man wirklich auf die Dinge eingeht. Ich möchte, damit das Folgende nicht mißverstanden werde, noch einmal betonen: Die soziale Frage haben wir weder zu schaffen, noch irgendwie theoretisch über sie zu diskutieren. Durch die letzten Betrachtungen werden Sie gesehen haben, daß sie da ist, daß sie als ein Faktum, als eine Tatsache hingenommen werden muß, und daß sie nur in der entsprechenden Weise erfaßt und verstanden werden muß, wie ein Naturereignis.

[ 2 ] Well, first and foremost, the point is that I could, of course, only give you a rough outline of what I must regard as a necessity that is striving to become a reality. And today I want—I would say, just to provide a point of reference—to briefly repeat that the issue at hand is that this confusion in the social structure, which has gradually led to the catastrophic events of recent years throughout the world, must be replaced—simply must be replaced—by that threefold social structure I spoke to you about last time. You have seen that this threefold division amounts to the fact that what until now has, in a confused manner, formed the basis of the unified—or seemingly unified—state organization must dissolve into separate spheres. It will dissolve into the three spheres, the first of which I have designated as that of the political or security order; the second as the sphere of social organization, of economic organization; and the third as the sphere of free spiritual production. These three spheres—and indeed, over the course of the next few decades, this will become apparent even to those who are unwilling to understand it today—these three spheres will organize themselves independently in every direction. And one can only escape the great dangers that the world would otherwise continue to face by engaging with these matters and seeking to understand them. But one will understand them only if one truly engages with these matters. To ensure that what follows is not misunderstood, I would like to emphasize once more: We are not here to solve the social question, nor to discuss it in any theoretical way. From the preceding remarks, you will have seen that it exists, that it must be accepted as a fact, and that it must be grasped and understood in the same way as a natural phenomenon.

[ 3 ] Nun werden Sie gesehen haben, daß alles dasjenige, was ich letzten Sonntag hier als die notwendigen Impulse der Zukunft entwickelt habe, geeignet ist, die Reste, die geblieben sind in unserer sozialen Struktur aus alten Zeiten, und von denen wir ganz durchwühlt sind, rechtmäßig, gesetzmäßig zu überwinden. Vor allen Dingen werden Sie ersehen, wenn Sie tiefer nachdenken werden über die praktischen Ergebnisse dessen, was ich am letzten Sonntag vorgebracht habe, daß diese praktischen Ergebnisse jener sozialen Struktur, von der ich gesprochen habe, geeignet sind, dasjenige zu überwinden, und zwar sachgemäß zu überwinden, was unsachgemäß von denen überwunden werden will, die sich Sozialisten nennen, die aber mehr von Illusionen als von Wirklichkeiten leben. Was überwunden werden muß — wie gesagt, bei tieferem Nachdenken wird Ihnen das schon aus dem am letzten Sonntag Gesagten hervorgehen —, ist die Gliederung der sozialen Struktur nach Ständen. Was errungen werden muß im Sinne des Bewußtseinszeitalters, in dem wir leben, des fünften nachatlantischen Zeitraumes, ist, daß an die Stelle der alten Ständegliederungen der Mensch tritt. Daher wäre es ganz verhängnisvoll, wenn man verwechseln würde, was ich letzten Sonntag hier entwickelt habe, mit dem, was eben vielfach hereinragt aus überlebten Zeiten in unsere gegenwärtige soziale Gliederung. Aus dem Griechentum ragt herein in unsere soziale Gliederung dasjenige, was durch die Regeln, die im Weltgeschehen sind, überwunden werden will: die Gliederung der Menschheit in Nährstand, Wehrstand, Lehrstand. Das soll gerade durch das, was ich Ihnen am letzten Sonntag angegeben habe, überwunden werden; denn die Gliederung nach Ständen, die ist es, welche das Chaos in unsere gegenwärtige soziale Struktur hereinträgt. Diese Gliederung wird gerade überwunden dadurch, daß nun nicht nach derjenigen Gliederung, von der ich am letzten Sonntag hier gesprochen habe, die Menschen eingeteilt werden irgendwie nach Ständen. Diese Stände werden ganz naturgemäß verschwinden. Dahin geht die historische Notwendigkeit, daß die Verhältnisse gegliedert werden und der Mensch gerade als Mensch, als lebendiges Wesen, nicht als Abstraktum, sondern als lebendiges Wesen die Verbindung zwischen den drei Gliedern hervorruft. Nicht um eine Gliederung nach Nährstand, Wehrstand und Lehrstand handelt es sich, wenn ich davon spreche, daß man entgegengehen muß der politischen Gerechtigkeit, der ökonomischen Organisation, der freien geistigen Produktion, sondern darum, daß die Verhältnisse in dieser Weise gegliedert werden, und daß der Mensch als solcher gar nicht mehr einem Stande angehören kann, wenn die Verhältnisse in dieser Weise sich wirklich gliedern. Der Mensch steht als Mensch innerhalb der sozialen Struktur und bildet gerade das Verbindungsglied zwischen dem, was in den Verhältnissen gegliedert ist. Nicht ein besonderer ökonomischer Stand, ein besonderer Nährstand wird da sein, sondern eine Struktur ökonomischer Verhältnisse wird da sein. Ebenso wird nicht ein besonderer Lehrstand da sein, sondern die Verhältnisse werden so sein, daß die geistige Produktion in sich frei ist. Und ebenso wird nicht ein besonderer Wehrstand da sein, sondern immer mehr und mehr wird das, was jetzt in der Konfusion für alle drei Glieder angestrebt wird, für das erste Glied in einer liberal-demokratischen Weise angestrebt werden müssen.

[ 3 ] Now you will have seen that everything I outlined here last Sunday as the necessary impulses for the future is suited to overcoming—in a legitimate and lawful manner—the remnants of the past that have remained in our social structure and that have thoroughly entangled us. Above all, if you reflect more deeply on the practical implications of what I presented last Sunday, you will see that these practical implications of the social structure I spoke of are suited to overcoming—and indeed, overcoming appropriately—that which is being inappropriately overcome by those who call themselves socialists but who live more on illusions than on reality. What must be overcome—as I said, upon deeper reflection this will become clear to you from what was said last Sunday—is the division of the social structure into estates. What must be achieved in keeping with the age of consciousness in which we live, the fifth post-Atlantean epoch, is that the individual should take the place of the old estate divisions. It would therefore be utterly disastrous to confuse what I elaborated here last Sunday with what still frequently carries over from bygone eras into our present social structure. From Greek civilization, that which the laws governing world events seek to overcome carries over into our social structure: the division of humanity into the productive class, the military class, and the scholarly class. This is precisely what is to be overcome by what I explained to you last Sunday; for it is the division into estates that brings chaos into our present social structure. This division is overcome precisely by the fact that people are not classified into estates in any way according to the division I spoke of here last Sunday. These estates will disappear quite naturally. This is the direction of the historical necessity: that relationships be structured, and that human beings—precisely as human beings, as living beings, not as abstractions but as living beings—bring about the connection between the three elements. When I speak of the need to move toward political justice, economic organization, and free intellectual production, I am not referring to a division into the productive, military, and intellectual classes, but rather to the fact that social relations will be structured in this way, and that human beings as such can no longer belong to any particular class once social relations are truly structured in this manner. Human beings, as human beings, stand within the social structure and constitute precisely the connecting link between what is structured within these relationships. There will not be a particular economic class or a particular class based on livelihood, but rather a structure of economic relationships will exist. Likewise, there will not be a specific professional class for the educated, but rather the conditions will be such that intellectual production is free in and of itself. And likewise, there will not be a specific military class, but rather, what is now being strived for in a confused manner for all three branches will increasingly have to be strived for in a liberal-democratic manner for the first branch.

[ 4 ] Darum handelt es sich gerade, daß der Fortgang von der alten Zeit zur neuen Zeit notwendig macht, den Menschen als Menschen in der Welt hingestellt zu sehen. Nicht anders bekommen wir die Möglichkeit eines Verständnisses dessen, was unsere Zeit fordert, als dadurch, daß wir uns in die Lage versetzen, den Menschen wirklich als Menschen zu verstehen. Das kann natürlich nur geschehen von denjenigen Empfindungen, die aus Geisteswissenschaft heraus hervorgebracht werden.

[ 4 ] This is precisely the point: the transition from the old era to the new era makes it necessary to view human beings as human beings in the world. We can only gain the ability to understand what our time demands by putting ourselves in a position to truly understand human beings as human beings. Of course, this can only happen through the insights derived from spiritual science.

[ 5 ] Nun muß das, was ich Ihnen entwickelt habe, wie ich schon neulich sagte, auf einem breiten, welthistorischen Tableau gesehen werden. Einiges von dem Inhalte dieses Tableaus habe ich Ihnen angegeben. Damit ich nun weiter fortschreiten kann in der Schilderung solcher Verhältnisse, wie ich am letzten Sonntag zu schildern begonnen habe, möchte ich heute, ich möchte sagen, mehr aus dem Okkulten heraus, nochmals eine Grundlage schaffen, um Ihnen zu zeigen, daß diese Dinge nicht so genommen werden können, daß jeder sich etwas ausdenkt, was gar nicht die tatsächlichen Verhältnisse berücksichtigt, sondern daß die Dinge so genommen werden müssen, daß wirklich aus der Bewegung der Tatsachen heraus die Dinge geschaut werden. Da muß ich davon ausgehen, daß vor allen Dingen die soziale Struktur sich aufbauen muß auf dem sozialen Verständnis. Das ist es ja, was gerade gefehlt hat seit Jahrzehnten. Es ist das Feld, das man da berührt, auf dem die meisten Fehler gemacht worden sind. Soziales Verständnis war bei der allergrößten Mehrzahl der Menschen der führenden Stände nicht im geringsten vorhanden. Deshalb braucht man sich gar nicht zu wundern, daß solche Umschwünge, wie jetzt in Mitteleuropa, den Leuten wie etwas vorkommen, das aus der Erde herauswächst, worauf sie gar nicht vorbereitet waren. Wer soziales Verständnis hatte, dem kommt das nicht unvorbereitet. Aber ich fürchte, die Menschen werden auch weiterhin von derselben Gesinnung sich durchdringen, von der sie sich durchdrungen haben vor dem Jahre 1914. Wie ihnen dazumal der selbstverständlich über allen Häuptern schwebende Weltkrieg überraschend gekommen ist, so werden in einer noch wichtigeren Sache die Menschen sich geradeso verhalten. Sie werden auch wiederum schlafend hereinbrechen lassen, was sich als soziale Bewegung über die Welt hin verbreitet. Das eben wird vielleicht ebensowenig zu verhindern sein bei der gegenwärtigen Denkträgheit der Menschheit, als zu verhindern war, daß die Menschen unvorbereitet die jetzige Katastrophe über sich haben hereinbrechen lassen.

[ 5 ] Now, as I mentioned the other day, what I have outlined for you must be viewed within the broader context of world history. I have already outlined some of the content of this broader context for you. So that I may now proceed with my description of the circumstances I began to describe last Sunday, I would like today, I would like to say, from a more occult perspective, lay a foundation once again to show you that these things cannot be approached in such a way that everyone simply makes up their own ideas that do not take the actual circumstances into account at all, but rather that they must be approached in such a way that they are truly viewed from the movement of the facts themselves. In doing so, I must start from the premise that, above all, the social structure must be built upon social understanding. That is precisely what has been lacking for decades. It is in this very area that the most mistakes have been made. Social understanding was completely absent among the vast majority of people in the ruling classes. Therefore, it is no wonder that upheavals such as those now taking place in Central Europe seem to people like something springing up out of the ground, for which they were completely unprepared. For those who possessed social understanding, this does not come as a surprise. But I fear that people will continue to be permeated by the same mindset that permeated them before 1914. Just as the World War—which, of course, loomed over everyone’s heads—took them by surprise back then, so too will people behave in exactly the same way in an even more important matter. They will once again allow what is spreading across the world as a social movement to take them by surprise. Given humanity’s current intellectual inertia, this may be just as impossible to prevent as it was to prevent people from allowing the current catastrophe to befall them unprepared.

[ 6 ] Um was es sich handelt, ist, daß man vor allen Dingen sich bekanntmacht damit, daß ja die Menschen über die Erde hin wirklich nicht aus abstrakten Ideen heraus nach der einen oder anderen Richtung hin handeln, sondern daß in dem Augenblicke, wo ihr Handeln sozialen Effekt hat, sie so handeln, wie die im Weltgeschehen, in das der Mensch eingespannt ist, liegenden Impulse die Menschen veranlassen zu handeln. Eine elementare Tatsache wird heute noch — ich spreche aus Erfahrung, denn ich war genötigt, über diese Dinge in den letzten Jahren mit den Menschen mannigfaltigster Berufe und Stände zu sprechen, und weiß, wie man ankam, wenn man über diese Dinge sprach von den Menschen ganz außer acht gelassen. Das ist diese, daß die Menschen des Ostens und des Westens — an der zukünftigen Gestaltung der Dinge werden alle Menschen teilnehmen — ganz verschieden sind in bezug auf ihre Impulse, ganz verschieden sind in bezug auf dasjenige, was sie wollen. Ja, wenn man immer nur den allernächsten sozialen Umkreis in Frage zieht, so kann man zu keinem klaren Urteil kommen über das, was in der Welt notwendigerweise vorgeht. Zu einem klaren Urteil kommt man nur, wenn man die Dinge wirklich — ich muß noch einmal das Wort gebrauchen — nach den Impulsen des Weltgeschehens beurteilt. Mitreden werden die Menschen des Westens, also der europäischen westlichen Staaten mit dem amerikanischen Anhang, mitreden werden die Menschen des europäischen Ostens mit dem asiatischen Hinterlande in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten; aber sie werden in ganz verschiedener Weise sprechen, weil die Menschen über die Erde hin notwendigerweise verschiedene Vorstellungen haben über das, was der Mensch als Bedürfnis seiner Menschenwürde und seines Menschenwesens hier auf der Erde empfindet und empfinden muß. Darüber kann man nicht sprechen, wenn man sich nicht darüber klar sein will, daß in der Zukunft gewisse Dinge auftreten müssen, welche die Menschen am liebsten vermeiden wollten.

[ 6 ] The point is, first and foremost, to recognize that people across the globe do not, in fact, act in one direction or another based on abstract ideas, but that the moment their actions have a social effect, they act in accordance with the impulses inherent in the world events in which they are caught up. A fundamental fact is still—I speak from experience, for I have been compelled to discuss these matters in recent years with people from the most diverse professions and walks of life, and I know how one was received when speaking about these things—completely disregarded by people today. This fact is that people in the East and the West—and all people will participate in shaping the future—are quite different in terms of their impulses, quite different in terms of what they want. Indeed, if one considers only one’s immediate social circle, one cannot arrive at a clear judgment about what is necessarily taking place in the world. One can reach a clear judgment only if one truly—I must use this word again—judges things according to the impulses of world events. The people of the West—that is, the Western European states along with their American allies—and the people of Eastern Europe along with the Asian hinterland will have a say in the next two to three decades; but they will speak in very different ways, because people across the globe necessarily have different conceptions of what human beings perceive—and must perceive—as the needs of their human dignity and their human nature here on Earth. One cannot speak of this unless one is willing to acknowledge that certain things must occur in the future that people would prefer to avoid.

[ 7 ] Ich habe schon am letzten Sonntag davon gesprochen, daß es einfach untunlich ist, daß wirksame, fruchtbare soziale Ideen in der Zukunft auf einem anderen Wege gefunden werden als auf dem, der dahin führt, die Wahrheiten zu suchen jenseits der Schwelle des gewöhnlichen physischen Bewußtseins. Innerhalb des gewöhnlichen physischen Bewußtseins finden sich keine wirksamen sozialen Ideen. Und so müssen sie an die Menschen herantreten, wie ich das am letzten Sonntag beschrieben habe, diese sozialen, wirklich wirksamen Ideen. Aber dadurch ist zu gleicher Zeit gegeben, daß man sich nicht wird scheuen dürfen, in der Zukunft sich, so gut es jeder kann, bekanntzumachen mit dem, was eigentlich die Schwelle zur geistigen Welt ist. Auf dem Gebiete des alltäglichen Lebens, auf dem Gebiete auch der Wissenschaft können die Leute noch lange forttrotten, ohne daß sie Bekanntschaft machen mit dem, was die Schwelle der geistigen Welt ist. Da läßt sich zur Not ohne sie auskommen. Mit Bezug auf das soziale Leben läßt sich nicht auskommen, ohne aufmerksam zu werden auf das, was hier immer genannt worden ist die Schwelle der geistigen Welt. Denn es liegt in den Menschen der Gegenwart, zwar noch unbewußt, aber es strebt immer mehr und mehr ins Bewußtsein herauf, der Trieb, eine solche soziale Struktur herbeizuführen, die jeden Menschen in entsprechender Weise Mensch sein läßt auf der Erde.

[ 7 ] I already spoke last Sunday about how it is simply impossible for effective, fruitful social ideas to be found in the future by any means other than the one that leads to seeking truths beyond the threshold of ordinary physical consciousness. No effective social ideas can be found within ordinary physical consciousness. And so these social ideas—truly effective ones—must reach out to people, as I described last Sunday. But this also means that, in the future, we must not shy away from familiarizing ourselves, as best we can, with what actually constitutes the threshold to the spiritual world. In the realm of everyday life, and also in the realm of science, people can carry on for a long time without becoming acquainted with what the threshold to the spiritual world actually is. There, one can manage without it if necessary. With regard to social life, however, one cannot do without becoming attentive to what has always been referred to here as the threshold to the spiritual world. For there lies within the people of the present—though still unconsciously, yet striving more and more to rise into consciousness—the impulse to bring about a social structure that allows every human being to be truly human on Earth in an appropriate way.

[ 8 ] Wenig klar, aber doch immerhin instinktiv, fühlen die Menschen auf den verschiedensten Territorien unserer Erde, was das ist, Menschenwürde, menschenwürdiges Dasein und so weiter. Der abstrakte Sozialdemokrat von heute glaubt, daß man ohne weiteres international ausdrücken kann, was Menschenwürde, Menschenrecht und so weiter ist. Das kann man nicht, denn notwendigerweise muß man, wenn man das zum Ausdrucke bringen will, daran denken, daß die eigentliche Vorstellung vom Menschen weset hinter der Schwelle zur geistigen Welt, denn der Mensch gehört ja der geistig-seelischen Welt an. Also kann die völlig zutreffende, die umfassende Vorstellung desjenigen, was der Mensch ist, nur von jenseits der Schwelle der geistigen Welt kommen. Sie kommt in Wirklichkeit auch daher. Denn wenn Ihnen auch der Amerikaner oder Brite oder Franzose oder Deutsche oder der Chinese, der Japaner, der Russe vom Menschen spricht und Ihnen noch so ungenügende Begriffe, ungenügende Vorstellungen vorsagt — in seinem Unterbewußtsein ruht etwas viel Umfassenderes, aber etwas, was erfaßt werden muß. Und das, was da ruht, dieses Umfassendere, das strebt herein ins Bewußtsein. Wir können also sagen: Es ist einmal so weit gekommen in der weltgeschichtlichen Entwickelung, daß in den Menschenherzen ein Bild des Menschen lebt. Und ohne aufmerksam zu sein auf dieses Bild des Menschen, kann kein soziales Verständnis sich entwickeln. Dieses Bild lebt; aber es lebt im Unterbewußten. In dem Augenblicke, wo es heraufstrebt ins Bewußtsein, und wo es wirklich ins Bewußtsein eintritt, kann es nur erfaßt werden mit den Fähigkeiten — wenigstens mit den begriffenen, mit den verstandenen Fähigkeiten —, mit den durch den gesunden Menschenverstand aufgenommenen Fähigkeiten jenes Bewußtseins, das übersinnlicher Natur ist. In den Menschen, die heute sozial streben, lebt ein Bild des Menschen, das so lange unbewußt bleiben kann, instinktiv bleiben kann, solange im Menschen nicht der Trieb erwacht, die Sache zur Klarheit zu bringen. Will er sie aber zur Klarheit bringen, so kann er es nur dadurch, daß er die Sache in jenem Lichte sieht, das von jenseits der Schwelle kommt. Und da stellt sich für den objektiven geistigen Beobachter heraus, daß das Bild des Menschen, das da instinktiv spukt in den Seelen, beim Menschen des Westens ganz verschieden ist als beim Menschen des Ostens. Und das wird eine ungeheuer wichtige Frage sein in der Zukunft. Sie spielt hinein in alle tatsächlichen Verhältnisse. Sie spielt hinein in den russischen Wirrwarr, sie spielt hinein in die mitteleuropäische Revolution, sie spielt hinein in die Konfusion, die sich im Westen vorbereitet, bis nach Amerika hinüber. Mit anderen Worten: Das, was sich vorbereitet, muß angeschaut werden, wenn es verstanden werden soll, im Lichte des übersinnlichen Bewußtseins. Es muß erfaßt werden mit den Fähigkeiten, die aus dem übersinnlichen Bewußtsein kommen. Denn es gibt keinen Weg vom sinnlichen Bewußtsein aus, dasjenige zu verstehen, was instinktiv als Menschenbild sowohl bei dem Menschen des Westens wie bei dem Menschen des Ostens vorhanden ist.

[ 8 ] Although not entirely clear, people in the most diverse regions of our world nevertheless intuitively sense what human dignity, a dignified existence, and so on mean. Today’s abstract social democrat believes that one can readily define, in international terms, what human dignity, human rights, and so on are. This is not possible, for if one wishes to express these concepts, one must necessarily bear in mind that the true conception of the human being lies beyond the threshold to the spiritual world, since human beings belong, after all, to the spiritual-soul world. Thus, the completely accurate, comprehensive conception of what a human being is can only come from beyond the threshold of the spiritual world. In reality, that is indeed where it comes from. For even when an American, a Briton, a Frenchman, a German, a Chinese person, a Japanese person, or a Russian speaks to you about the human being and offers you concepts and ideas that are, however inadequate they may be—in their subconscious there lies something far more comprehensive, though it is something that must be grasped. And what lies there—this more comprehensive concept—strives to enter consciousness. We can therefore say: World history has progressed to the point where an image of humanity lives in people’s hearts. And without paying attention to this image of humanity, no social understanding can develop. This image lives; but it lives in the subconscious. At the moment when it strives upward into consciousness, and when it truly enters consciousness, it can only be grasped with the faculties—at least with the faculties that are comprehended and understood—with the faculties of that consciousness, which is of a supersensory nature, as taken up by sound common sense. In people who are socially engaged today, there lives an image of humanity that can remain unconscious—can remain instinctive—as long as the impulse to bring clarity to the matter does not awaken within them. But if they wish to bring it to light, they can do so only by viewing the matter in the light that comes from beyond the threshold. And here it becomes clear to the objective spiritual observer that the image of humanity that haunts souls instinctively is quite different in Westerners than in Easterners. And this will be an immensely important question in the future. It plays a role in all actual circumstances. It plays a role in the Russian turmoil, it plays a role in the Central European revolution, it plays a role in the confusion brewing in the West, all the way to America. In other words: What is brewing must be viewed—if it is to be understood—in the light of supersensible consciousness. It must be grasped with the faculties that arise from supersensible consciousness. For there is no way, starting from sensory consciousness, to understand what exists instinctively as an image of humanity in both Western and Eastern people.

[ 9 ] Um aber dieses Verständnis zu erwerben, ist es notwendig, daß Sie sich mit zwei Dingen, mit den zwei verschiedenen Gestalten bekanntmachen, in welchen beim Hüter der Schwelle ein Bestimmtes, im Menschen Instinktives, von dem er also eigentlich besessen ist, zum Ausdruck kommt. Denn sowohl im Westen als auch im Osten ist man davon besessen. Solange es instinktiv ist, ist man davon besessen, und erst wenn man zum klaren Bewußtsein kommt, ist man nicht mehr davon besessen. Es ist notwendig, daß Sie sich bekanntmachen mit der eigentümlichen Art, wie so etwas heraufsteigt jetzt in das wirkliche Bewußtsein, in das übersinnliche Bewußtsein, wovon der Mensch eigentlich unterbewußt besessen ist. In zweifacher Weise erfährt der Mensch beim Hüter der Schwelle, wie so etwas, was in seinen Instinkten rumort, was also nicht er selbst ist — denn nur, was man bewußt erfaßt, ist man selbst —, wie das vor ihm auftritt. Zwei Gestalten haben die Dinge, die instinktiv im Menschen diesen Menschen besessen machen, zwei Gestalten haben sie vor dem Hüter der Schwelle. Das heißt, kommt man zur Schwelle, dann stellt sich heraus: dasjenige, wovon man instinktiv besessen ist, hat entweder die eine oder die andere Gestalt. Die eine Gestalt kann man bezeichnen als die Gespenstgestalt. Das, wovon der Mensch instinktiv besessen ist, tritt in dem einen Falle so auf vor dem Hüter der Schwelle, daß es wie eine äußere Wahrnehmung ist; sie ist dann halluzinär, aber sie ist eine äußere Wahrnehmung, sie tritt tatsächlich vor den Menschen hin und kündigt sich dem Menschen wie eine äußere Wahrnehmung an. Das ist der Gespenstcharakter. Es kann also etwas, was instinktiv im Menschen lebt, was in ihm rumort, wenn er es bewußt kennenlernt beim Hüter der Schwelle, wo alle Instinkte auf hören, wo die Dinge anfangen, vollbewußt zu sein und in das freie Geistesleben sich einzugliedern, es kann vor dem Hüter der Schwelle ein solches instinktiv Lebendes als Gespenst auftreten. Dann ist man es los als Instinkt. Man darf sich nicht fürchten davor, daß so etwas als Gespenst auftritt, denn nur dadurch bekommt man es los, daß man es in der Objektivierung außen sieht, daß man das, was da in einem rumort, wirklich als Gespenst außen vor sich hat. Das ist die eine Form. Die andere Form, in der ein solches Instinktives auftreten kann, das ist die als Alp. Das ist nicht eine Wahrnehmung von außen, sondern eine bedrückende Empfindung oder auch eine Nachwirkung in einer Vision von dem, was einen. bedrückt, ein imaginatives Erlebnis, das man aber zugleich als Alpdruck empfindet.

[ 9 ] However, to gain this understanding, it is necessary for you to familiarize yourself with two things—the two different forms in which a certain quality, which is instinctive in human beings and of which they are thus actually possessed, finds expression in the Keeper of the Threshold. For people in both the West and the East are possessed by it. As long as it is instinctive, one is possessed by it, and only when one attains clear consciousness is one no longer possessed by it. It is necessary for you to become acquainted with the peculiar way in which such a thing now rises into real consciousness, into supersensible consciousness—that which actually possesses the human being subconsciously. In two ways, a person experiences before the Keeper of the Threshold how something like this—which stirs within their instincts, and which is therefore not themselves (for only what one consciously grasps is oneself)—manifests before them. The things that instinctively possess a person take on two forms; they appear in two forms before the Keeper of the Threshold. That is to say, when one reaches the threshold, it becomes clear that what one is instinctively possessed by takes on either one form or the other. One form can be described as the phantom form. In this case, what a person is instinctively obsessed with appears before the Keeper of the Threshold in such a way that it is like an external perception; it is then hallucinatory, but it is an external perception—it actually appears before the person and presents itself to the person as an external perception. This is the phantom character. So something that lives instinctively within a person—something that stirs within them—when they consciously encounter it before the Guardian of the Threshold, where all instincts cease, where things begin to be fully conscious and to integrate into the free life of the spirit—such an instinctively living force can appear as a ghost before the Guardian of the Threshold. Then one is rid of it as an instinct. One must not be afraid of such a thing appearing as a ghost, for it is only by seeing it objectively from the outside—by truly having before oneself as a ghost what is churning within—that one can rid oneself of it. That is one form. The other form in which such an instinctive force can appear is as a nightmare. This is not a perception from the outside, but rather an oppressive sensation or an aftereffect in a vision of what is weighing on one—an imaginative experience that one simultaneously perceives as a nightmare.

[ 10 ] Entweder als Alp oder als Gespenst muß dasjenige, was instinktiv im Menschen lebt, zum Vorschein kommen, wenn der Mensch es ins Bewußtsein heraufbringen will. So wahr jeder Instinkt, der im Menschen lebt, nach und nach, damit der Mensch vollständig Mensch werde, sich heraufheben muß und entweder Gespenst oder Alpdruck werden muß, denn nur dadurch wird man frei vom Instinktiven, so wahr muß auch dasjenige, was unbewußt, instinktiv als Menschenwürde, als Bild des Menschen im Westen und Osten lebt, in der einen oder in der anderen Form vor die Menschen hintreten und verstanden werden, vor allen Dingen mit dem gesunden Menschenverstand verstanden werden. So wird es sein können, daß der Geisteswissenschafter, der praktizierende Geisteswissenschafter plausibel machen kann, das oder jenes erscheint als Alpdruck, das oder jenes erscheint als Gespenst; aber er wird das, was er aus seiner Erfahrung heraus erlebt, in solche Worte kleiden, daß er sich historischer oder sonstiger Vorstellungen bedienen wird, so daß dasjenige, was er erlebt, mit dem gesunden Menschenverstand aufgefaßt werden kann von denen, die noch nicht solche okkulte Fähigkeiten haben, durch die diese Dinge geschaut werden können.

[ 10 ] Whatever lives instinctively within a person must emerge—either as a nightmare or as a ghost—if the person wishes to bring it into consciousness. Just as every instinct that lives within a person must gradually rise to the surface so that the person may become fully human, and must become either a ghost or a nightmare, for only in this way does one become free from the instinctive—just as surely must that which lives unconsciously and instinctively as human dignity, as the image of humanity in both the West and the East, step before people in one form or another and be understood, above all by sound common sense. Thus it may be that the spiritual scientist—the practicing spiritual scientist—can make it plausible that this or that appears as a nightmare, that this or that appears as a specter; but he will express what he experiences from his own perspective in such terms that he will draw upon historical or other concepts, so that what he experiences can be grasped with common sense by those who do not yet possess the occult abilities through which these things can be perceived.

[ 11 ] Niemals kann irgendeine Ausrede gelten, daß man diese Dinge nicht schaut. Denn alles, was geschaut wird, wird in solche Vorstellungen gekleidet, daß sie der gesunde Menschenverstand erfassen kann. Das Vertrauen zu demjenigen, der die Dinge schaut, darf sich nur so weit erstrecken, daß man Vertrauen hat, er kann Anregungen geben; aber man braucht ihm nicht zu glauben. Denn das, was gesagt wird, kann, wenn man sich nur der Unbefangenheit befleißigt, mit dem gesunden Menschenverstand jederzeit durchschaut werden.

[ 11 ] No excuse can ever be valid for not observing these things. For everything that is observed is clothed in such concepts that common sense can grasp them. Trust in the one who observes these things should extend only so far as to believe that he can provide inspiration; but one need not believe him. For what is said can always be seen through with common sense, provided one strives for impartiality.

[ 12 ] Nun stehen die Dinge so, daß jene Instinkte, welche im Westen leben als Bild des Menschen und nach sozialer Struktur hinstreben, daß diese vor dem Hüter der Schwelle sich erweisen als Gespenster. Dasjenige Bild des Menschen, das bei den Menschen des europäischen Ostens mit ihrem asiatischen Hinterlande lebt, das erweist sich als Alpdruck. Die okkulte Tatsache ist einfach diese: Wenn Sie — wo es am ausgeprägtesten ist — von einem Amerikaner sich schildern lassen, was er als Bild der echten Menschenwürde empfindet, wenn Sie dieses Bild, okkult verarbeitet, bis zum Hüter der Schwelle tragen und vor dem Hüter der Schwelle Ihre Erfahrungen machen über dieses Bild, so tritt es vor Sie hin als Gespenst. Lassen Sie sich von einem Asiaten oder von einem wissenden Russen schildern, was er sich als Bild des Menschen vorstellt, dann wirkt das auf den, der es bis zum Hüter der Schwelle tragen kann, als Alp.

[ 12 ] The situation is now such that those instincts which, in the West, exist as an image of humanity and strive toward social structure, appear as ghosts before the Keeper of the Threshold. That image of humanity which lives among the peoples of Eastern Europe and their Asian hinterland proves to be a nightmare. The occult fact is simply this: If you—where it is most pronounced—ask an American to describe what he perceives as the image of true human dignity, if you take this image, processed occultly, to the Keeper of the Threshold, and have your experiences with this image before the Keeper of the Threshold, then it appears before you as a specter. If you ask an Asian or a knowledgeable Russian to describe what they envision as the image of the human being, then this will appear as a nightmare to the one who can carry it to the Keeper of the Threshold.

[ 13 ] Aber das, was ich Ihnen da sage, ist nur die Charakterisierung einer okkulten Erfahrung. Diese okkulte Erfahrung hat ihre Grundlage in historischen Impulsen, in historischen Geschehnissen. Denn dasjenige, was instinktiv sich bildet in den Herzen und Seelen der Menschen, das bildet sich ja auch aus historischen Unterlagen heraus. Die westlichen Völker, Briten, Franzosen, Italiener, Spanier, Amerikaner, sie haben sich einfach aus gewissen historischen Impulsen, allerdings nicht mit vollem, klarem Bewußtsein, sondern auf instinktive Art, bei ihrer Entwickelung von alten Zeiten bis zu ihrem gegenwärtigen Zustand ein solches Bild des Menschen in ihre Herzen einwurzeln lassen, welches man wirklich richtig charakterisieren kann, wenn man auf die historischen Impulse eingeht.

[ 13 ] But what I am telling you here is merely a description of an occult experience. This occult experience is rooted in historical impulses, in historical events. For what instinctively takes shape in the hearts and souls of human beings also arises from historical foundations. The Western peoples—the British, the French, the Italians, the Spanish, and the Americans—have, simply through certain historical impulses—though not with full, clear consciousness, but rather instinctively—allowed such an image of humanity to take root in their hearts during their development from ancient times to their present state; an image that can truly be characterized correctly when one delves into these historical impulses.

[ 14 ] Dieses Bild des Menschen, sowohl das östliche wie das westliche Bild, das muß ersetzt werden durch dasjenige, was durch geisteswissenschaftliche Forschung wirklich gefunden werden kann, und was allein einer wirklichen sozialen Gestaltung zugrunde liegen kann, nicht einer solchen, die durch Gespenster regiert wird, und auch nicht einer solchen, die durch den Alp regiert wird. Wenn man sachgemäß untersucht: Warum ist das westliche Menschenbild ein Gespenst? — so stellt sich nach Erwägung aller historischen Untergründe heraus, daß in die Instinkte, die zum Bild des Menschen geführt haben im westlichen Gebiete, die zum Beispiel jetzt geführt haben zu dem sogenannten Wilson-Programm der Welt, das so viel angebetet wird —, daß ihnen zugrunde liegt das Gespenst des alten römischen Reiches. Alles dasjenige, was sich geschichtlich nach und nach entwickelt hat, was eigentlich einen durchaus veralteten, das heißt luziferisch-ahrimanischen Charakter hat, was nicht der Gegenwart unmittelbar angemessen ist, sondern was Gespenst ist früherer Zeiten, ist das Gespenst des Romanismus. Gewiß, es ist in den westlichen Kulturen vieles, was gar nicht zusammenhängt mit dem Romanismus. In englisch sprechenden Gegenden finden Sie natürlich vieles, was nicht damit zusammenhängt. Auch in den eigentlichen romanischen Ländern finden Sie vieles, was nicht zusammenhängt mit dem Romanismus. Aber darauf kommt es nicht an, sondern das, worauf es ankommt, ist das Bild des Menschen, insoferne er sich in die soziale Struktur einreihen soll. Das ist durchaus heute in diesen Territorien instinktiv bestimmt und beeinflußt von dem, was sich gebildet hat innerhalb der romanischen Kultur. Das ist ein Produkt ganz und gar noch der lateinischen Denkweise der vierten nachatlantischen Kultur. Das ist nichts, was lebt, das ist etwas, was spukt wie das Gespenst eines Verstorbenen. Und dieses Gespenst ist es, was dem objektiven okkulten Betrachter erscheint, wenn er sich ein Bild machen will von dem, was weltbeherrschend gemacht werden soll vom Westen herüber.

[ 14 ] This image of humanity—both the Eastern and the Western image—must be replaced by what can truly be discovered through spiritual scientific research, and which alone can serve as the foundation for a genuine social order—not one ruled by ghosts, nor one ruled by nightmares. If one properly investigates the question: Why is the Western image of humanity a specter? — then, after considering all the historical underpinnings, it becomes clear that the instincts which have led to this image of humanity in the West—instincts that have, for example, now led to the so-called Wilson Program for the world, which is so widely idolized—are fundamentally rooted in the specter of the ancient Roman Empire. Everything that has developed gradually over the course of history, that actually has a thoroughly outdated—that is, Luciferic-Ahrimanic—character, that is not directly suited to the present, but is rather a specter of earlier times, is the specter of Romanism. Certainly, there is much in Western cultures that has nothing to do with Romanism. In English-speaking regions, of course, you will find much that has nothing to do with it. Even in the actual Romance-speaking countries, you will find much that has no connection to Romanism. But that is not the point; what matters is the image of the human being, insofar as he is to take his place within the social structure. Today, in these regions, this is still instinctively determined and influenced by what has taken shape within Romance culture. This is still entirely a product of the Latin way of thinking of the fourth post-Atlantean culture. It is not something that lives; it is something that haunts like the ghost of a deceased person. And it is this ghost that appears to the objective occult observer when he seeks to form a picture of what is intended to be made world-dominating from the West.

[ 15 ] Es nützt nichts, über diese Dinge ohne Wissenschaft zu sprechen, denn das gestattet der Zustand der Menschheit in der gegenwärtigen Periode nicht mehr. Um was es sich handelt, ist, daß es notwendig ist, diesen Dingen klar ins Auge zu schauen. Das Gespenst des Romanismus geht um im Westen. Und wenn ich neulich darauf aufmerksam gemacht habe, welches das Schicksal verschiedener Völker des Westens, namentlich eines einzelnen Volkes, der Franzosen, sein wird, so hängt das damit zusammen, daß gerade die Franzosen am intensivsten festhalten an dem romanischen Gespenst, daß sie vermöge ihrer ganzen instinktiven Temperaments- und Charakteranlagen nicht loskommen können von dem romanischen Gespenst. Sehen Sie, das ist die eine Seite, die nach dem Westen hin.

[ 15 ] It is useless to speak of these things without knowledge, for the current state of humanity no longer permits it. The point is that it is necessary to look these things squarely in the face. The specter of Romanism is haunting the West. And when I recently drew attention to what the fate of various Western peoples—namely, one particular people, the French—will be, this is connected to the fact that the French, in particular, cling most intensely to the Roman specter; that, by virtue of their entire instinctive temperament and character, they cannot break free from the Roman specter. You see, that is one aspect, the one facing the West.

[ 16 ] Die andere Seite ist diese, daß sich auch im Osten geltend macht ein gewisses Bild vom Menschen, insofern er sich in die soziale Struktur einreihen soll. Dieses Bild ist allerdings so, daß durch die Notwendigkeit der Tatsachen schon dasjenige herauskommen wird, wovon ich immer gesprochen habe, daß sich im europäischen Osten besonders die sechste Kulturperiode vorbereitet. Aber wenn man die Sache vom Gegenwartsstandpunkte aus beobachtet, so ist dasjenige, was heute noch lebt im Osten von Europa, mit dem asiatischen Hinterlande, nicht das Bild, das sich zukünftig einmal vom Menschen entwickeln wird auf naturgemäße Weise, das aber der Mensch verpflichtet wäre, schon heute aus der Erkenntnis heraus zu entwickeln, sondern es ist ein Bild, welches, wenn man es nimmt und mit ihm zum Hüter der Schwelle geht, um es da zu beobachten, als Alp erscheint.

[ 16 ] The other side of the matter is that a certain view of human beings is also gaining ground in the East, insofar as they are expected to fit into the social structure. This view is, however, such that the necessity of the facts will inevitably bring about what I have always spoken of: that the sixth cultural period is particularly taking shape in Eastern Europe. But if one observes the matter from the present-day standpoint, what still lives today in Eastern Europe, together with the Asian hinterland, is not the image of humanity that will develop naturally in the future—an image that humanity would be obligated to develop already today based on knowledge—but rather an image that, if one takes it and goes with it to the Guardian of the Threshold to observe it there, appears as a nightmare.

[ 17 ] Und auch dieses Bild erscheint als Alp aus dem Grunde, weil die Instinkte, welche im Osten sich geltend machen bei der Bestimmung dieses Bildes, genährt werden von einer noch unvollkommenen Kraft. Sie wird sich ja erst in der Zukunft, in der sechsten nachatlantischen Kulturperiode, zu ihrer vollen Höhe entwickeln. Diese Kraft, sie braucht aber einen Impuls, der sie unterstützt. Sie braucht, bevor das Bewußtsein erwacht — und das Bewußtsein muß gerade vom Osten aus erwachen — eine instinktive Grundlage. Und diese Instinktgrundlage, die heute noch in den Menschen des Ostens lebt, wenn sie sich das Bild des Menschen machen, die wirkt als Alp. Und geradeso, wie alle die Impulse, die vom Romanismus zurückgeblieben sind, mitbestimmend sind als alte abgeleitete Impulse bei dem Bilde im Westen, so soll der Alp den Osten darin unterstützen, ihn auf ganz geheimnisvolle Weise dazu bringen, daß er sich von ihm befreit — so wie der Alp wirkt, den man dann überwindet und abstößt, wenn man aufwacht von ihm, so daß man klar wird über das, was eigentlich geschehen ist. Diese Kraft, die da nach Osten hin wirken soll, ist nun nicht etwas Überlebtes, sondern etwas gerade in der Gegenwart erst recht Wirkendes. Es sind die Kräfte, welche ausgehen von dem britischen Weltreich. Geradeso wie im Westen das Bild des Menschen zum Gespenst gemacht wird durch die Impulse des Romanismus, so wird im Osten das Bild des Menschen so in die menschliche Seele hineingepreßt, daß dabei dasjenige, was noch lange in die Zukunft hinein als die Bestrebungen des britischen Weltreiches wirken wird, Alpdruck ist.

[ 17 ] And this image, too, appears as a nightmare fundamentally because the instincts that assert themselves in the East in shaping this image are nourished by a force that is still imperfect. It will, after all, only develop to its full potential in the future, during the sixth post-Atlantean cultural epoch. This force, however, needs an impulse to sustain it. Before consciousness awakens—and consciousness must awaken precisely from the East—it needs an instinctive foundation. And this instinctive foundation, which still lives today in the people of the East when they form their image of humanity, acts as an “Alp.” And just as all the impulses left over from Romanism play a role as old, derived impulses in shaping the image in the West, so too is the Alp meant to support the East, to lead it in a most mysterious way to free itself from it—just as the Alp works in such a way that one overcomes and repels it upon waking from it, so that one becomes clear about what has actually happened. This force, which is meant to work toward the East, is not something outdated, but rather something that is all the more active in the present. These are the forces emanating from the British Empire. Just as in the West the image of the human being is turned into a specter by the impulses of Romanism, so in the East the image of the human being is pressed so deeply into the human soul that what will continue to work far into the future as the aspirations of the British Empire is a nightmare.

[ 18 ] Diese zwei Dinge bewirken, daß dasjenige, was bewußt im römischen Reiche war, auf der einen Seite unbewußt nachlebt in gespensterhafter Weise im Westen, und daß dasjenige, was sich vorbereitet, was in der Gegenwart gerade wirksam ist, die britisch-amerikanischen Weltreichimpulse, daß diese als Alpdruck, als Widerlage des Alpdrucks da sind, um die Menschen des Ostens zur bewußten Geburt eines entsprechenden Menschenbildes zu bringen.

[ 18 ] These two things cause what was conscious in the Roman Empire to live on, on the one hand, unconsciously and in a ghostly manner in the West, and that what is in the making—what is currently at work, namely the British-American impulses toward a world empire—exists as a nightmare, as a counterforce to that nightmare, in order to lead the people of the East to the conscious birth of a corresponding image of humanity.

[ 19 ] Diese Dinge heute auszusprechen ist unbequem, und sie anzuhören ist den Menschen auch unbequem. Aber wir sind einmal in einer Epoche der weltgeschichtlichen Entwickelung angekommen, in welcher nur etwas erreicht werden kann dadurch, daß der Mensch aus seiner Erkenntnis heraus, aus seinem vollen Bewußtsein heraus die Dinge der Welt objektiv anschaut, sich wirklich mit den Dingen der Welt objektiv bekanntmacht. Auf eine andere Weise geht es nicht weiter. Und das, was schließlich in der Gegenwart geschieht, das ist dazu angetan, den Menschen zu zwingen, daß er diese Geschehnisse in einer gewissen Weise umkehrt. Es darf eigentlich nicht so weitergehen, daß ebenso, wie man sich lange Zeit hat zwingen lassen, so zu denken, man sich jetzt wieder zwingen läßt, weil auf einem gewissen Gebiete der Erde die Dinge vom Untersten zum Obersten gekehrt sind, zwingen läßt zu anderen Gedanken. Man kann heute Leute kennenlernen, die sich in ein paar Wochen aus «wackeren» — in Gänsefüßchen selbstverständlich — Royalisten zu extremen Republikanern und weiß Gott was alles entwickelt haben. Dieselben Menschen sind es! Nun, geradesowenig, wie früher von denjenigen Menschen, die zwangsmäßig Royalisten waren, etwas hat kommen können, was der Menschheit heilsam ist, ebensowenig kann etwas Heilsames kommen von denen, die heute zwangsmäßig Sozialisten, oder meinetwillen sogar aus wahren Royalisten Bolschewisten geworden sind, denn auch solche gibt es. Was nottut, das ist weder das eine noch das andere. Was nottut, ist, daß wir einsehen, daß nur das heilsam sein kann, was aus der freien Entschließung der freien Menschenseele herauskommt; das, wozu der Mensch sich selber entschließt, wozu der Mensch kommt durch die Erwägungen seines Sinnens, durch die Erwägungen seines Herzens und durch Einsicht vor allen Dingen. Das ist es, worauf es ankommt. Sonst erleben wir es immer wieder und wiederum, daß die Dinge einmal, angeleitet durch den Zwang der Verhältnisse, so oder so angesehen werden. Derjenige, der heute zum Beispiel Ludendorff einen Verbrecher nennt, nachdem er ihn vor sechs Wochen als einen großen Feldherrn angesehen hat, der ist, wenn er keine Gründe zu dem einen oder zu dem anderen hat, wenn er es nicht aus der freien Entschließung des freien Herzens heraus tun kann, in dem einen Falle für die Entwickelung der Menschheit geradesoviel wert wie in dem anderen. Denn nicht bloß darauf kommt es an, daß irgend etwas abstrakt richtig ist — in der Regel ist das eine ebenso falsch wie das andere —, sondern darauf, daß wir die Fähigkeit erwerben zu wirklich eigenem Urteile. Da kann Ihnen ja Geisteswissenschaft wirklich eine gute Anleitung sein. Ich erlebe es ja immer wieder und wiederum, daß dasjenige, was hier oder sonst von mir auf geisteswissenschaftlichem Gebiete gesagt wird, schwerverständlich gefunden wird. Das rührt nur davon her, daß man nicht wirklich den Willen hat, seinen vollständig gesunden Menschenverstand auf die Dinge anzuwenden. Es wird schwerverständlich gefunden, weil man findet, daß es nicht bequem genug ist, die Dinge anzufassen.

[ 19 ] Speaking these things today is uncomfortable, and hearing them is also uncomfortable for people. But we have now entered an epoch in the development of world history in which progress can only be achieved if people, based on their knowledge and full consciousness, view the things of the world objectively and truly familiarize themselves with them objectively. There is no other way forward. And what is ultimately happening in the present is bound to compel people to reverse these events in a certain way. It really cannot go on in such a way that, just as people have long allowed themselves to be compelled to think a certain way, they now allow themselves to be compelled again—simply because in a certain part of the world things have been turned upside down—to adopt different ways of thinking. Today one can meet people who, in the space of a few weeks, have transformed themselves from “stout” — in quotation marks, of course — royalists into extreme republicans and God knows what else. They are the very same people! Well, just as nothing beneficial to humanity could ever have come from those who were compulsively royalist in the past, neither can anything beneficial come from those who today have compulsively become socialists—or, for that matter, even Bolsheviks out of genuine royalists, for such people exist as well. What is needed is neither one nor the other. What is needed is for us to realize that only that which arises from the free decision of the free human soul can be beneficial; that which a person decides for themselves, that which a person arrives at through the deliberations of their mind, through the deliberations of their heart, and above all through insight. That is what matters. Otherwise, we will experience time and again that things are viewed one way or another, guided by the constraints of circumstances. For example, someone who today calls Ludendorff a criminal, after having regarded him six weeks ago as a great military commander—if that person has no reasons for one view or the other, if he cannot do so out of the free decision of a free heart—is, in one case, just as valuable to the development of humanity as in the other. For what matters is not merely that something is abstractly correct—as a rule, one view is just as wrong as the other—but that we acquire the ability to form truly independent judgments. In this regard, spiritual science can indeed serve as a good guide for you. I experience time and again that what I say here or elsewhere in the field of spiritual science is found to be difficult to understand. This stems solely from the fact that people do not truly have the will to apply their fully sound common sense to these matters. It is found to be difficult to understand because people feel it is not convenient enough to grapple with these issues.

[ 20 ] Ich habe in diesen Betrachtungen auch verschiedentlich über diese sogenannte kriegerische Katastrophe der letzten Jahre und ihr Hereinkommen bis heute gesprochen. Ich hoffe, daß verstanden wird, daß die Dinge, die in den letzten Wochen geschehen sind, eine volle Bestätigung dessen sind, was ich seit Jahren zu Ihnen und zu anderen auf diesem Gebiete gesprochen habe. Nichts ist anders gekommen, als in dem Sinne liegt, von dem hier gesprochen worden ist. Und sogar die Karte, die ich vor Jahren hier aufgezeichnet habe auf die Tafel — Sie sehen sie in diesen Tagen sich verwirklichen.

[ 20 ] In these reflections, I have also spoken on several occasions about this so-called military catastrophe of recent years and its unfolding up to the present day. I hope it is understood that the events of the past few weeks fully confirm what I have been saying to you and to others in this regard for years. Nothing has unfolded differently from what has been discussed here. And even the map I drew on the board here years ago—you can see it coming to fruition these days.

[ 21 ] Nur dürfen die Dinge, die hier gesagt werden, nicht im Sinne von Sonntagnachmittagspredigten genommen werden, sondern sie müssen so genommen werden, wie sie gemeint sind, als herausgesprochen aus den tatsächlichen Impulsen, die entweder verwirklicht sind, oder sich verwirklichen wollen. Deshalb will ich auch nicht zurückhaltend sein, wenn das auch zuweilen Wiederholung bedeutet, immer wieder und wiederum auf gewisse methodische Dinge aufmerksam zu machen. Diese methodischen Dinge sind das Allerwichtigste auf dem Gebiete der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis, die unserer Zeit so nottut. Was diese Geisteswissenschaft aus unserer Seele macht, das ist viel notwendiger als das abstrakte Sichbekanntmachen mit der einen oder mit der anderen Wahrheit. Man erlebt es ja immer wieder, wie gerade bei der Auffassung der unmittelbar äußeren Ereignisse diejenige Art der Seelenstruktur dienlich ist, welche aus der Geisteswissenschaft kommt. Wie oft habe ich es betont im Laufe dieser Jahre, daß es eigentlich schrecklich ist, daß die Menschen immer wieder die bequeme Frage aufgeworfen haben: Wer ist an dieser kriegerischen Weltkatastrophe schuld? Sind es die Mittelmächte oder die Entente oder ist es weiß Gott wer? — während im Grunde genommen diese Frage, wer schuld ist, überhaupt nicht beantwortet werden kann. Man muß die Frage in einer ganz bestimmten Weise stellen. Auf das richtige Stellen der Fragen kommt es an. Dann nur kann man zu einer genügenden, gründlichen, wirklichen Einsicht kommen. Aber es ist ja bei vielen Menschen in der Gegenwart hoffnungslos, an diese Einsicht zu appellieren. Manches, was jetzt aus Paris geschildert wird, erinnert mich zum Beispiel an anderes, was an dem Unheil nicht unbeteiligt ist, und was früher in Berlin oder an anderen Orten geschehen ist. Eben nicht darauf kommt es an, daß man sein Urteil danach einrichtet, wie es gerade erlaubt oder nicht erlaubt ist — vor allem das Tatsachenurteil —, sondern daß dieses Urteil aus dem freien Ermessen heraus, aus der freien Seele heraus selbst gebildet ist. Darauf kommt es an.

[ 21 ] However, the things said here must not be taken in the sense of Sunday afternoon sermons; rather, they must be taken as they are meant—as spoken from the actual impulses that have either been realized or are striving to be realized. That is why I do not wish to hold back—even if it means repeating myself at times—from drawing attention again and again to certain methodological matters. These methodological matters are of the utmost importance in the field of spiritual scientific knowledge, which our time so desperately needs. What this spiritual science does to our soul is far more necessary than the abstract familiarization with one truth or another. We see time and again how, especially in our understanding of immediate external events, the very kind of soul structure that arises from spiritual science is of service. How often have I emphasized over the years that it is actually appalling that people have repeatedly raised the convenient question: Who is to blame for this war-torn global catastrophe? Is it the Central Powers or the Entente, or is it God knows who? — whereas, fundamentally, this question of who is to blame cannot be answered at all. One must pose the question in a very specific way. What matters is asking the questions correctly. Only then can one arrive at a sufficient, thorough, and genuine understanding. But with many people today, it is hopeless to appeal to this understanding. Much of what is now being reported from Paris, for example, reminds me of other events—which are not unrelated to this calamity—that took place earlier in Berlin or elsewhere. What matters is not that one bases one’s judgment—especially one’s judgment of the facts—on whether something is currently permitted or not, but rather that this judgment is formed of one’s own free will, from the free soul itself. That is what matters.

[ 22 ] Wenn Sie sich an manches erinnern, was ich in den letzten Wochen hier gesagt habe, so werden Sie sehen, daß die Zeitereignisse, die mittlerweile eingetreten sind, manches bestätigt haben. Ich habe Ihnen zum Beispiel ausgeführt, daß man nicht davon sprechen kann, daß in dem Sinne, wie es vielen Menschen so bequem ist, bei den Mittelmächten gesucht werden kann, was man die Schuld an dem Weltkriege nennt. Aber ich habe Ihnen gesagt, daß zu dem Weltkrieg wesentlich beigetragen hat, daß die Regierungen der Mittelmächte idiotisch waren. Was ich noch in den letzten Vorträgen hier ausgeführt habe, ist mittlerweile in dieser Woche voll bestätigt worden durch die mit meinen Ausführungen in voller Übereinstimmung stehenden Enthüllungen, die von der bayerischen Regierung ausgegangen sind, und welche den Briefwechsel wiedergeben zwischen der bayerischen Regierung und dem bayerischen Gesandten in Berlin, dem Grafen Lerchenfeld-Köfering. Durch solche Dinge wird immer mehr das Bild herauskommen, welches ich Ihnen seit Jahren allerdings so geben mußte, daß ich immer die Dinge auf ihre richtigen Fragestellungen zurückführte. Es ist ein gewisses Verdienst — und auch diese Dinge darf man ja jetzt hervorheben — des auf eine so merkwürdige Weise aus dem Kerker zum Ministerpräsidentenstuhl gekommenen Kurt Eisner, daß er mit der Veröffentlichung dieser Dinge angefangen hat. In dieser Zeit, in welcher so viel geredet wird über diejenigen Menschen, die sich ihrer Ämter unwürdig gemacht haben, darf wohl auch über einen solchen Menschen gesprochen werden, wie es der bayerische Ministerpräsident jetzt ist und dem man sich ja deshalb nicht in Lobhudelei nähern will. Jeder selbstverständlich wird nach seinem Karma und nach der Art und Weise, wie er durch dieses Karma in die Welt gestellt ist, das eine oder andere Urteil an dem einen oder dem anderen Orte fällen können oder fällen sollen. Will man sich soziales Verständnis aneignen — ich habe es in verschiedenen Zusammenhängen gesagt —, so handelt es sich vor allen Dingen darum, daß man sich Menschenverständnis aneignet, Interesse für Menschen, differenziertes Interesse für Menschen. Menschen kennenlernen wollen, das ist es, was Aufgabe für die Zukunft, allerwichtigste Aufgabe für die Zukunft sein muß. Man muß sich aber aneignen einen gewissen, ich will jetzt sagen Instinkt dafür, aus Symptomen heraus zu urteilen. Deshalb habe ich Ihnen ja die Vorträge gehalten über die Geschichte als Symptomatologie. — Solch ein Mensch wie dieser bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner steht vollständig vor einem, wenn man zum Beispiel folgende Tatsache sich vor Augen führt. Ich sage Ihnen das jetzt nicht, um irgend etwas Aktuelles vorzubringen, sondern um Ihnen ein Stück Psychologie, ein Stück Seelenkunde zu illustrieren.

[ 22 ] If you recall some of what I have said here in recent weeks, you will see that the events that have since taken place have confirmed many things. For example, I explained to you that one cannot say—in the sense that is so convenient for many people—that the Central Powers are to blame for the World War. But I told you that the fact that the governments of the Central Powers were idiotic contributed significantly to the World War. What I also explained in my most recent lectures here has since been fully confirmed this week by the revelations issued by the Bavarian government—which are in complete agreement with my remarks—and which reproduce the correspondence between the Bavarian government and the Bavarian envoy in Berlin, Count Lerchenfeld-Köfering. Through such revelations, the picture I have had to paint for you for years—in which I always traced matters back to their proper questions—will become increasingly clear. It is a certain merit—and these things, too, may now be emphasized—of Kurt Eisner, who in such a remarkable way rose from prison to the office of Minister-President, that he was the one who initiated the publication of these matters. In this era, when so much is being said about those who have rendered themselves unworthy of their offices, it is surely permissible to speak about a man such as the current Bavarian Minister-President—even if one does not wish to approach him with sycophantic praise. Everyone, of course, will—or should—be able to pass one judgment or another in one place or another, depending on their karma and the way in which that karma has placed them in the world. If one wishes to acquire social understanding—as I have said in various contexts—it is above all a matter of acquiring an understanding of people, an interest in people, and a nuanced interest in people. Wanting to get to know people—that is what must be the task for the future, the most important task for the future. But one must acquire a certain—I would say—instinct for judging based on symptoms. That is why I gave you those lectures on history as symptomatology. — A person like this Bavarian Minister-President, Kurt Eisner, stands fully before you when, for example, you consider the following fact. I am not telling you this now to bring up any current issue, but to illustrate a bit of psychology, a bit of the study of the soul.

[ 23 ] Als noch gar keine Kriegserklärung, weder nach links noch nach rechts ergangen war, sondern man erst in den letzten Tagen des Juli 1914 stand, da sagte Kurt Eisner in München: Wenn es jetzt wirklich zum Weltkriege kommt, dann werden sich nicht nur die Völker zerfleischen, sondern dann stürzen alle Throne in Mitteleuropa. Das ist die notwendige Folge. — Er ist sich treu geblieben. Er hatte die ganzen Jahre hindurch ein kleines Häuflein, die immer von der Polizei verfolgt waren, in München gesammelt und zu ihnen gesprochen; hat, als an einer besonders wichtigen Stelle der Entwickelung der letzten Jahre in Deutschland ein Streik ausbrach, dann seine Gefängnisstrafe bekommen und ist jetzt vom Gefängnis zum bayerischen Ministerpräsidentenstuhl gestiegen. Er ist ein Mensch aus einem Guß. Ich will ihn nicht loben, denn die Verhältnisse sind jetzt so, daß selbst ein solcher Mensch Fehler über Fehler machen kann. Aber charakterisieren möchte ich so etwas, worauf es ankommt. Es handelt sich immer darum, die Dinge, die einem in der Welt entgegentreten, als Symptome richtig einzuschätzen, von den Symptomen auf das Dahinterliegende zu schließen, wenn man nicht die Fähigkeiten hat, von den Symptomen überhaupt auf das dahinterliegende wirksame Geistige zu sehen. Man muß sich wenigstens bestreben, von den Symptomen auf das dahinterliegende Geistige zu sehen. Und insbesondere wird für die Zukunft notwendig sein, daß Verständnis von Mensch zu Mensch auftrete. Mit Phrasen, mit Programmen, mit Leninismen wird die soziale Frage nicht zu lösen sein, sondern mit Verständnis von Mensch zu Mensch, wie man es sich aber nur aneignen kann, wenn man in der Lage ist, den Menschen als äußere Offenbarung eines Ewigen in sich anzuerkennen.

[ 23 ] When no declaration of war had yet been issued—neither to the left nor to the right—but it was still only the last days of July 1914, Kurt Eisner said in Munich: “If a world war really breaks out now, then not only will the nations tear each other apart, but all the thrones in Central Europe will come crashing down.” That is the inevitable consequence.” — He has remained true to himself. Throughout all those years, he had gathered a small group in Munich—who were constantly persecuted by the police—and spoken to them; when a strike broke out at a particularly critical juncture in the developments of recent years in Germany, he was sentenced to prison, and has now risen from prison to the office of Bavarian Minister-President. He is a man of integrity. I do not wish to praise him, for circumstances are now such that even a man like him can make mistake after mistake. But I would like to characterize what really matters. It is always a matter of correctly assessing the things one encounters in the world as symptoms, and of inferring what lies behind them from the symptoms—if one does not have the ability to perceive the underlying spiritual forces at work through the symptoms at all. One must at least strive to perceive the underlying spiritual forces through the symptoms. And in particular, it will be necessary for the future that understanding arise from person to person. The social question will not be solved with slogans, programs, or Leninist doctrines, but rather with understanding from person to person—which, however, one can only acquire if one is able to recognize the human being as the outward manifestation of an Eternal within oneself.

[ 24 ] Sehen Sie, wenn Sie das nehmen, was ich gesagt habe, daß im Westen der Mensch als Gespenst wirkt vor dem Hüter der Schwelle, im Osten als Alp wirkt, dann werden Sie gewissermaßen den Impuls erhalten, um die Verhältnisse der Gegenwart in der richtigen Weise zu sehen. Im Westen ein untergehendes Bild des Menschen, das daher als Gespenst erscheint; im Osten ein aufgehendes Bild, das wir aber in seiner Gegenwartsgestalt nicht nehmen dürfen, weil es noch bloß eine Imagination des Alpdruckes ist und erst nach Überwindung des Alpdruckes in seiner wahren Gestalt auftauchen kann. Daher liegen die Dinge so, daß man tiefer schauen muß, wenn man sich überhaupt an der Diskussion über die soziale Frage heute beteiligen will. Und die Dinge, die man in einem tieferen Sinne erschauen muß, sind vor allen Dingen solche, die sich auf die Art des Denkens beziehen, wie dieses Denken aus dem ganzen Menschen heraussprießt, differenziert bei den Persönlichkeiten über die ganze Erde hin.

[ 24 ] You see, if you take what I have said—that in the West, the human being appears as a ghost before the Guardian of the Threshold, and in the East as a nightmare—then you will, in a sense, receive the impulse to see the conditions of the present in the right way. In the West, a fading image of the human being, which therefore appears as a ghost; in the East, a rising image, which we must not, however, take in its present form, because it is still merely an imagination of the nightmare and can emerge in its true form only after the nightmare has been overcome. Consequently, the situation is such that one must look more deeply if one wishes to participate at all in the discussion of the social question today. And the things that must be perceived in a deeper sense are, above all, those relating to the nature of thought—how this thought springs forth from the whole human being, differentiated among individuals across the entire earth.

[ 25 ] Daß dieses romanische Gespenst einen so tiefen Einfluß gewinnen konnte, das rührt ja eben davon her, daß im wesentlichen im Menschendenken das Denken der alttestamentlichen Weltanschauung noch nicht überwunden ist. Das Christentum ist wirklich erst im Anfange. Das Christentum ist noch nicht so weit, daß es die Menschengemüter wirklich durchdrungen hätte. Dafür hat schon die römische Kirche, welche ja selbst ganz unter dem Einfluß des romanischen Gespenstes in bezug auf Theologie steht, schon das Nötige gewirkt. Diese römische Kirche hat ja, wie ich öfter erwähnt habe, mehr beigetragen zur Hintanhaltung als zum Hineintragen des Bildes des Christus in die Menschenherzen und Menschenseelen. Denn die Vorstellungen, die verwendet worden sind innerhalb der römischen Kirche, um den Christus zu erfassen, die sind ganz die Vorstellungen der sozialen und politischen Struktur des alten römischen Reiches. Wenn die Menschen das auch nicht wissen, in ihren Instinkten wirkt es.

[ 25 ] The fact that this Romanesque specter has been able to exert such a profound influence stems precisely from the fact that, in essence, the Old Testament worldview has not yet been overcome in human thought. Christianity is truly still in its infancy. Christianity has not yet reached the point where it has truly permeated human minds. The Roman Church, which is itself entirely under the influence of the Romanesque specter in matters of theology, has already done its part in this regard. This Roman Church, as I have often mentioned, has contributed more to holding back than to bringing the image of Christ into people’s hearts and souls. For the concepts that have been used within the Roman Church to grasp Christ are entirely the concepts of the social and political structure of the ancient Roman Empire. Even if people are not aware of this, it works on their instincts.

[ 26 ] Diejenigen Vorstellungen, welche im Alten Testamente geltend waren, die wir vorzugsweise bezeichnen müssen als die Vorstellungen des alttestamentlichen Judentums, die ihre Verweltlichung gefunden haben im Romanismus — wenn er auch gegensätzlich ist zum Judentum; er ist nur dasjenige auf weltlichem Gebiete, was das Judentum geistig ist —, die sind auf dem Umwege durch das Römertum hereingekommen in unsere Gegenwart, sie spuken gespensterhaft herein. Dieses alttestamentliche, noch nicht durchchristete Denken, das muß man seinem wahren Ursprunge nach in dem Menschen suchen. Man muß sich die Frage beantworten: Von welchen Kräften hängt gerade dieses Denken ab, wie es das alttestamentliche Denken ist?

[ 26 ] Those ideas that prevailed in the Old Testament—which we must primarily refer to as the ideas of Old Testament Judaism—have found their secular expression in Romanism, even though it is contrary to Judaism; it is merely the secular counterpart of what Judaism is in the spiritual realm—have found their way into our present day via the detour of Romanism; they haunt us like ghosts. This Old Testament way of thinking, not yet permeated by Christianity, must be sought in human beings according to its true origin. One must answer the question: On what forces does this very way of thinking—as Old Testament thinking is—depend?

[ 27 ] Dieses Denken hängt ab von dem, was mit dem Blute von Generation zu Generation vererbt werden kann. Die Fähigkeit, so zu denken, wie die Denkrichtung des Alten Testamentes ist, die wird in der Menschheitsfolge im Blute vererbt. Das, was wir von unseren Vätern an Fähigkeiten erben, einfach dadurch, daß wir geborene Menschen sind, dadurch, daß wir vor unserer Geburt embryonale Menschen waren, das, was wir also als Kraft des Denkens erben, was im Blute lebt, das ist das alttestamentliche Denken. Denn unser Denken zerfällt durchaus in zwei Glieder, in zwei Teile. Das eine Denken ist dasjenige, das wir haben durch unsere Entwickelung bis zu unserer Geburt, das wir also erben von unseren Vätern beziehungsweise von unseren Müttern. Wir können so denken, wie man alttestamentlich gedacht hat, weil wir Embryos waren. Das ist das Wesentliche auch des alten jüdischen Volkes, daß es in der Welt, die man hier durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode, nichts hinzulernen wollte zu dem, was man als Fähigkeit mitbekommt dadurch, daß man Embryo gewesen ist bis zu der Geburt. Sie verstehen das alttestamentliche Denken nur dadurch, daß Sie es so auffassen, daß Sie sich sagen: Das ist das Denken, das wir haben kraft dessen, daß wir Embryo gewesen sind.

[ 27 ] This way of thinking depends on what can be passed down through the blood from generation to generation. The ability to think in the manner of the Old Testament—that is, the Old Testament way of thinking—is passed down through the blood in the lineage of humanity. What we inherit from our fathers in terms of abilities—simply by virtue of being born human, by virtue of having been embryonic human beings before our birth—that which we thus inherit as a power of thought, which lives in the blood—that is the Old Testament way of thinking. For our thinking is indeed divided into two parts. One part of our thinking is that which we acquire through our development up to birth—that which we inherit from our fathers and mothers. We are able to think as people did in Old Testament times because we were embryos. This is also the essence of the ancient Jewish people: that in the world one lives through here between birth and death, they did not wish to learn anything beyond what one is endowed with as a capacity by virtue of having been an embryo up to the moment of birth. You can understand Old Testament thinking only by conceiving of it in this way: by telling yourself, “This is the way of thinking we possess by virtue of having been embryos.”

[ 28 ] Das Denken, das zu diesem hinzukommt, ist dasjenige, das wir uns nach der Embryonalzeit noch erwerben in der menschlichen Entwickelung. Für gewissen äußeren Gebrauch erwirbt sich ja der Mensch allerlei Erfahrung, aber er treibt das nicht bis zu einer wirklichen Umgestaltung des Denkens, so daß selbst heute noch, viel mehr als man glaubt, das alttestamentliche Denken nachwirkt. Der Mensch ist genötigt, zwischen Geburt und Tod hier auf der physischen Erde zu leben. Aber ‘er durchdringt die Erfahrungen, die er hier macht, nicht mit dem Denken, das sich ihm aus diesen Erfahrungen selbst ergibt. Das tut er im allergeringsten Sinne, höchstens instinktiv. Er treibt wenigstens diese Erfahrungen, die er macht, nicht bis zu der Geburt einer besonderen Denkungsart. Das tut nur der wirkliche, im heutigen Sinn entwickelte Okkultist. Der verwendet das Leben, das er hier lebt, so, daß er neuerdings aufwacht, so wie das Kind, nachdem es geboren wird, erwacht. Derjenige, der sich im Sinne von «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» verhält, der macht das noch einmal durch, der verhält sich, wie sich der gewöhnliche Mensch zum Embryo verhält. Aber im gewöhnlichen Leben macht man es so, daß man ja zwar genötigt ist, die Erfahrungen zu machen, daß man aber das Denken nur anwendet, das man kraft dessen, daß man Embryo war, erworben hat. So gehen die Menschen herum, machen ihre Erfahrungen, wollen nicht weitergehen, sondern wenden auf diese Erfahrungen als Denkinhalt, namentlich als Denkrichtung, als Denkform dasjenige an, was ihnen das Leben als Embryo gibt, was also durch das Blut sich von Generation zu Generation vererbt.

[ 28 ] The thinking that is added to this is the kind we acquire after the embryonic stage in human development. For certain practical purposes, human beings do indeed acquire all kinds of experience, but they do not take this to the point of a genuine transformation of thought, so that even today, much more than one might think, Old Testament thinking continues to exert its influence. Human beings are compelled to live here on the physical earth between birth and death. But they do not penetrate the experiences they have here with the thinking that arises from these experiences themselves. They do this only in the most minimal sense, at most instinctively. At the very least, they do not carry these experiences to the point of giving rise to a particular way of thinking. Only the true occultist, developed in the modern sense, does this. The occultist uses the life he lives here in such a way that he awakens anew, just as a child awakens after being born. The one who acts in the spirit of “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?” goes through this process once more; he behaves as the ordinary human being behaves toward the embryo. But in ordinary life, people proceed in such a way that, although they are indeed compelled to have these experiences, they apply only the thinking they acquired by virtue of having been an embryo. Thus people go about their lives, have their experiences, do not wish to go further, but apply to these experiences—as the content of their thinking, specifically as a direction of thought and a form of thought—what life as an embryo has given them, that is, what is inherited from generation to generation through the blood.

[ 29 ] Nun ist eine Tatsache von fundamentaler Bedeutung. Diese Tatsache ist, daß das Mysterium von Golgatha in seiner besonderen Eigenart nie begriffen werden kann mit dem Denken, das man nur kraft der Embryonalentwickelung hat. Ich habe Ihnen daher in diesen Vorträgen auch bei meinem diesmaligen Hiersein ausgeführt, daß das Mysterium von Golgatha etwas ist, was man mit dem gewöhnlichen physischen Denken nicht erfassen kann, was man immer ableugnen wird, wenn man ehrlich ist, solange man beim physischen Denken stehenbleiben will. Das Mysterium von Golgatha, alles Durchchristete überhaupt, muß begriffen werden nicht vom Monden-, sondern vom Sonnenhaften, von demjenigen Standpunkte aus, den man erringt nach der Geburt hier im Leben. Das ist der große Unterschied zwischen dem Durchchristeten und dem Nichtdurchchristeten. Das Nichtdurchchristete wird von einem Denken beherrscht, das in der Blutsfolge sich vererbt. Das durchchristete Erfassen der Welt wird von einem Denken beherrscht, das man individuell, als Persönlichkeit in der Welt erwerben muß durch die Erfahrungen des Lebens, indem man diese Erfahrungen so vergeistigt, wie Sie es beschrieben finden in « Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»

[ 29 ] Now, there is a fact of fundamental importance. This fact is that the Mystery of Golgotha, in its unique nature, can never be grasped by the kind of thinking that arises solely from embryonic development. I have therefore explained to you in these lectures—including during my current visit here—that the Mystery of Golgotha is something that cannot be grasped by ordinary physical thinking, something that one will always deny, if one is honest, as long as one wishes to remain at the level of physical thinking. The Mystery of Golgotha—indeed, everything that has been permeated by Christ—must be understood not from the lunar but from the solar perspective, from the standpoint one attains after birth here in this life. That is the great difference between what has been permeated by Christ and what has not. That which is not permeated by Christ is governed by a mode of thinking that is inherited through the bloodline. The Christ-permeated understanding of the world is governed by a mode of thinking that one must acquire individually, as a personality in the world, through life’s experiences, by spiritualizing these experiences as described in “How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?”

[ 30 ] Das ist das Wesentliche, daß dasjenige Denken, das man kraft der Embryonalentwickelung hat, nur dahin führt, die Gottheit als Vater zu erkennen. Dasjenige Denken, welches man erwirbt in der Welt durch das persönliche Leben in der Nachembryonalzeit, führt dahin, die Gottheit auch als Sohn zu erkennen.

[ 30 ] The essential point is that the thinking one possesses by virtue of embryonic development leads only to recognizing the Deity as Father. The thinking one acquires in the world through one’s personal life in the post-embryonic period leads to recognizing the Deity as Son as well.

[ 31 ] Der Drang, sich nur desjenigen Denkens zu bedienen, das ein JahveDenken ist, wirkt nach und zwar bis in das neunzehnte Jahrhundert. Dieses Denken ist aber auch nur geeignet, vom Menschen dasjenige zu begreifen, was vom Menschen in die Naturordnung hereingehört. Und das ist dadurch gekommen — Sie wissen, Jahve ist einer der sieben Elohim —, daß diese Jahve-Gottheit, also einer der sieben Elohim, zu nächst vorzeitig sich bemächtigt hat der Herrschaft über das menschliche Bewußtsein und die anderen Elohim zurückgedrängt hat. Dadurch sind die anderen Elohim zunächst in die Sphäre der sogenannten Illusion gedrängt worden, das heißt, sie werden für phantastische Wesen gehalten. Das rührt aber davon her, daß die Jahve-Gottheit diese Geister vorläufig verdrängt und das menschliche Bewußtsein nur mit dem durchsetzt hat, was aus der Embryonalzeit erkraftet werden kann.

[ 31 ] The impulse to rely solely on what is known as “Yahweh thinking” continued to exert its influence well into the nineteenth century. However, this way of thinking is only capable of helping human beings comprehend that aspect of themselves which belongs within the natural order. And this came about—as you know, Yahweh is one of the seven Elohim—because this Yahweh deity, that is, one of the seven Elohim, prematurely seized dominion over human consciousness and pushed the other Elohim into the background. As a result, the other Elohim were initially pushed into the sphere of so-called illusion; that is, they are regarded as fantastical beings. This, however, stems from the fact that the Yahweh deity has temporarily suppressed these spirits and has imbued human consciousness only with what can be drawn from the embryonic stage.

[ 32 ] Das ging bis ins neunzehnte Jahrhundert herein; denn dadurch, daß die Jahve-Gottheit gewissermaßen entthront hat die anderen Elohim und die anderen Elohim sich erst durch die Persönlichkeit des Christus wieder geltend machten und sich nacheinander geltend machen werden in der verschiedensten Weise, dadurch kam die menschliche Natur unter den Einfluß niedererer elementarer geistiger Wesenheiten, die entgegenwirkten den Bestrebungen der Elohim. So daß also die Entwickelung für das menschliche Bewußtsein so war, daß die JahveGottheit sich als Alleinherrscher eingesetzt und die andern entthront hat. Dadurch, daß die andern entthront worden sind, ist die menschliche Natur unter die Einflüsse von niedrigeren Wesen als die Elohim gekommen. Und so wirkt nicht nur Jahve fort bis ins neunzehnte Jahrhundert, sondern die niedereren Götter anstelle der Elohim. Und wenn auch das Christentum sich ausgebreitet hat — ich habe Ihnen ja immer gesagt, es ist in Wirklichkeit erst im Anfange —, die Menschheit hat es noch nicht verstanden und zwar deshalb, weil eben die Menschen nicht gleich die Wirksamkeit der Elohim entgegengenommen haben, sondern hängengeblieben sind an dem Jahve-Denken, an dem durch embryonale Kraft erweckten Denken, und weiter unter dem Einfluß der Gegner der Elohim geblieben sind.

[ 32 ] This continued well into the nineteenth century; for, because the Yahweh deity had, so to speak, dethroned the other Elohim—and the other Elohim only reasserted themselves through the personality of Christ and will continue to assert themselves one after another in a wide variety of ways—human nature came under the influence of lower elemental spiritual beings who counteracted the aspirations of the Elohim. Thus, the development of human consciousness was such that the Yahweh deity established itself as the sole ruler and dethroned the others. Because the others were dethroned, human nature came under the influence of beings lower than the Elohim. And so it is not only Yahweh who continues to exert his influence into the nineteenth century, but the lower gods in place of the Elohim. And even though Christianity has spread—I have always told you, it is really only in its infancy—humanity has not yet understood this, precisely because people did not immediately embrace the activity of the Elohim, but remained stuck in Yahweh-thinking—that thinking awakened by embryonic power—and continued to remain under the influence of the opponents of the Elohim.

[ 33 ] Nun hat sich das im neunzehnten Jahrhundert, und zwar genau in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, die ich Ihnen öfters als einen besonderen Wendepunkt bezeichnet habe, so herausgestellt, daß allmählich Jahve selbst in seinem Einfluß auf das menschliche Bewußtsein von der Gewalt derjenigen Geister, die er gerufen hat, überwältigt worden ist. Daraus ging hervor — weil man mit der Jahve-Kraft bloß das begreifen kann, was an die Naturordnung im Menschen, also an das Blut gebunden ist —, daß das frühere Suchen des einen Gottes in der Natur durch den Einfluß der entgegenstrebenden Dinge auf die bloße atheistische Naturwissenschaft, in das bloße atheistische, naturwissenschaftliche Denken und, auf praktischem Felde, in das bloße Utilitätsdenken überging. Das ist genau festzuhalten für die vierziger Jahre, für den Zeitpunkt, den ich Ihnen angegeben habe. So ist dadurch, daß Jahve die Geister, die er gerufen hat, nicht losbekam, übergegangen das alttestamentliche Denken in die atheistische Naturwissenschaft der neueren Zeit, die auf dem Gebiete des sozialen Denkens Marxismus oder ähnliches geworden ist, so daß auf dem Gebiete der sozialen Welt ein von der Naturwissenschaft beeinflußtes Denken waltet.

[ 33 ] Now, in the nineteenth century—specifically in the 1840s, which I have often described to you as a particular turning point—it became apparent that Yahweh himself, in his influence on human consciousness, had gradually been overwhelmed by the power of those spirits whom he had summoned. It followed from this—since the power of Yahweh can be used to comprehend only that which is bound to the natural order within human beings, that is, to the blood—that the earlier search for the one God in nature, under the influence of opposing forces, gave way to mere atheistic natural science, to mere atheistic, scientific thinking, and, in the practical realm, to mere utilitarian thinking. This must be clearly noted for the 1840s, for the period I have indicated to you. Thus, because Yahweh was unable to free the spirits he had summoned, Old Testament thinking has transitioned into the atheistic natural science of modern times, which in the realm of social thought has become Marxism or something similar, so that in the social sphere, a way of thinking influenced by natural science prevails.

[ 34 ] Dies hängt zusammen mit vielem, was sich unmittelbar am heutigen Tage abspielt. Es steckt einfach in dem heutigen Menschen in Naturalismus umgewandeltes, alttestamentliches Denken. Gegen dieses Denken ist sowohl das, was als Bild des Menschen vom Westen, wie das, was als Bild des Menschen vom Osten kommt, kein hinlänglicher Schutz. Denn es hält den Menschen ab von wirklicher, richtiger Einsicht.

[ 34 ] This is connected to much of what is happening right now. Old Testament thinking, transformed into naturalism, is simply inherent in people today. Neither the Western conception of humanity nor the Eastern conception of humanity offers sufficient protection against this way of thinking. For it prevents people from gaining true and correct insight.

[ 35 ] Es ist ja heute mit Händen zu greifen, wie die Menschen sich wehren gegen Einsicht. Das tritt ja zuweilen pathologisch auf. Die sogenannte Kriegsgeschichte der letzten zwei Jahre — ich habe es Ihnen neulich gesagt — wird eine psychiatrische sein, eine sozial-psychiatrische. Die Dinge, wie sie sich abgespielt haben, sind für denjenigen, der sie kennt, so, daß, wenn sie sachgemäß zusammengestellt werden, sie die beste Symptomatologie für die soziale Psychiatrie der letzten Jahre und derjenigen Jahre, die da kommen werden, abgeben. Nur muß man selbstverständlich Psychiatrie auch etwas anders, mit feineren Händen anfassen, als sie von der materialistischen Medizin angefaßt wird; sonst wird man die Psychiatrie, die man zu studieren hat, zum Beispiel an der Person Ludendorffs, niemals in der richtigen Weise herausheben. Aber der Mensch wird eben lernen müssen, gerade ein gut Stück der neuesten Zeitgeschichte in diesem Lichte zu sehen. Die Freunde werden sich erinnern können, daß ich vom Anfang dieser Katastrophe an immer wieder und wiederum, wenn das oder jenes so leichten Herzens gesagt worden ist, betont habe: Diese kriegerische Katastrophe wird es unmöglich machen, aus bloßen Dokumenten und Archivergebnissen heraus die Geschichte zu schreiben. Nur derjenige wird verstehen, wie diese Katastrophe möglich geworden ist, der sich klarwerden wird darüber, daß die entscheidendsten Dinge, die 1914 Ende Juli und Anfang August geschehen sind, geschehen sind durch getrübte Bewußtseine. Die Menschen über die ganze Erde hin haben getrübte Bewußtseine gehabt und durch die Hineinwirkung ahrimanischer Mächte in diese getrübten Bewußtseine sind die Dinge geschehen. Also durch Erkenntnis von wirklich geisteswissenschaftlichen Tatbeständen werden die Dinge enthüllt werden müssen. Was nun schon einmal wird eingesehen werden müssen, ist das, daß die Zeit vorbei ist, wo man aus bloßen Dokumenten etwa im Sinne der Rankeschen Geschichtsschreibung oder meinetwillen der Geschichtsschreibung auf einem anderen Gebiete, Buckles oder dergleichen, die Ereignisse feststellen kann. Das ist wichtig!

[ 35 ] It’s plain as day today how people resist coming to their senses. At times, this takes on pathological proportions. The so-called history of the war over the past two years—as I told you recently—will be a psychiatric one, a socio-psychiatric one. The events as they have unfolded are such that, for those who are familiar with them, if they are properly compiled, they will provide the best symptomatology for the social psychiatry of recent years and of the years to come. Of course, one must approach psychiatry somewhat differently, with a more delicate touch, than materialistic medicine does; otherwise, one will never properly highlight the psychiatry that needs to be studied—for example, in the person of Ludendorff. But people will simply have to learn to view a significant portion of recent contemporary history in this light. My friends will recall that from the very beginning of this catastrophe, whenever this or that was said so lightly, I have emphasized time and again: This war-induced catastrophe will make it impossible to write history based solely on documents and archival records. Only those who realize that the most decisive events of late July and early August 1914 occurred as a result of clouded consciousness will understand how this catastrophe became possible. People all over the world had clouded consciousness, and it was through the influence of Ahrimanic forces upon this clouded consciousness that these events occurred. Thus, through an understanding of the facts of genuine spiritual science, these events will have to be brought to light. What must now be recognized is that the time has passed when one can establish the facts of history based solely on documents—in the vein of Ranke’s historiography, or, for that matter, historiography in other fields, such as that of Buckle or the like. This is important!

[ 36 ] Bloße Sympathien und Antipathien entscheiden nichts, wenn eine Ürteilsrichtung gewonnen sein will. Aber nach Sympathien und Antipathien hat man in den letzten Jahren hauptsächlich geurteilt und urteilt man bis heute. Gewiß, es werden auch unter der Herrschaft von Sympathie und Antipathie gerechte Urteile gefällt, aber sie wollen für das Eingreifen des Menschen mit seinem Urteile in die Tatsächlichkeit nichts Besonderes bedeuten. Die Wege, auf denen so oder so orientiertes Urteil epidemisch wird, die werden insbesondere studiert werden können, wenn man die Urteilsentwickelung bei den Menschen in den letzten Jahren verfolgt. Was haben Millionen von Menschen geglaubt in Mitteleuropa, was werden sie glauben? Und was glaubt man außerhalb Mitteleuropas? In Mitteleuropa so lange, als es eben ging; außerhalb Mitteleuropas wird es ja länger gehen. Aber darauf kommt es wirklich an, daß man endlich einmal sich angewöhnt, aus den Ereignissen zu lernen, daß man die Dinge geradezu daraufhin betrachtet, aus den Ereignissen zu urteilen.

[ 36 ] Mere sympathies and antipathies do not determine anything when one seeks to form a judgment. Yet in recent years, judgments have been based primarily on sympathies and antipathies, and this remains the case to this day. Certainly, just judgments are also rendered under the sway of sympathy and antipathy, but they do not signify anything special for the way human judgment intervenes in reality. The paths by which judgments oriented in one direction or another become widespread can be studied in particular by tracing the development of judgment among people in recent years. What have millions of people in Central Europe believed, and what will they believe? And what do people believe outside Central Europe? In Central Europe, this has lasted as long as it could; outside Central Europe, it will certainly last longer. But what really matters is that we finally get into the habit of learning from events, that we view things precisely with a view to judging them based on those events.

[ 37 ] Sehen Sie, da möchte man, daß das Gewicht der Ereignisse bei den Menschen ein wenig bestimmend, ausschlaggebend sein könnte, und namentlich die Art und Weise, wie die Ereignisse in der Gegenwart sich ganz originell abspielen, so, wie sie sich früher nicht abgespielt haben. Die polarisch entgegengesetzten Dinge stellen sich zusammen!

[ 37 ] You see, one would like the weight of events to have a somewhat decisive, determining influence on people, and especially the way in which events in the present unfold in a completely original manner—in a way they did not unfold in the past. Polar opposites are coming together!

[ 38 ] Ich habe Sie das letztemal darauf aufmerksam gemacht, daß die Verpflanzung des Bolschewismus nach Rußland wesentlich ein Ludendorffscher Impuls war. Diese Dinge, die außerhalb des Gebietes der Mittelmächte zu sagen natürlich nicht notwendig war, sind oft genug gesagt worden. Man wollte nur nicht hören. Ich machte immer wieder die Erfahrung, die ich schon einmal hier erwähnt habe, die aber doch eine bedeutsame Erfahrung ist: Jene Schrift, die ich ausarbeitete — ich habe es schon erzählt, aber ich möchte, daß es nicht vergessen wird, denn ich werde nach und nach alle diese Dinge erzählen, die Welt soll erfahren, um was es sich gehandelt hat —, bestand aus zwei Teilen. Der zweite Teil enthielt aber für die damalige Zeit, in Verhältnisse abgestuft, das, was ich Ihnen als soziale Verhältnisse skizziert habe. Der erste Teil aber enthielt das, was ich für notwendig hielt, daß es in der von mir gezeigten Weise besprochen und verbreitet werde.

[ 38 ] Last time, I pointed out to you that the spread of Bolshevism to Russia was essentially driven by Ludendorff. These things—which, of course, did not need to be said outside the territory of the Central Powers—have been said often enough. People simply did not want to listen. I repeatedly had the experience I have already mentioned here once before, but which is nonetheless a significant one: that treatise I drafted—I have already recounted this, but I want it to be remembered, for I will gradually recount all these things so that the world may learn what was at stake—consisted of two parts. The second part, however, contained—adapted to the circumstances of that time—what I have outlined to you as social conditions. The first part, however, contained what I considered necessary to be discussed and disseminated in the manner I have described.

[ 39 ] Menschen habe ich gefunden, die das, was ich da niedergelegt hatte, lasen, und die mir zur Antwort gegeben haben: Ja, aber wenn man Ihren allerersten Punkt verwirklichen will, so führt ja das notwendig zur Abdankung des Deutschen Kaisers! — Darauf konnte ich nur immer sagen: Wenn es dazu führt, so wird es ja wohl notwendig sein, daß es dazu führt. — Die Weltgeschichte hat dem recht gegeben. Diese Abdankung mußte kommen. Aber sie durfte nicht auf die Weise kommen, wie das jetzt geschehen ist, sondern sie mußte aus innerer, freier Entschließung heraus kommen. Selbstverständlich wäre aus dem allerersten Punkt dies erfolgt. Der erste Punkt hieß natürlich nicht: Der Deutsche Kaiser hat abzudanken, sondern er stellt eine bestimmte Forderung auf. Wäre sie erfüllt worden, wäre diese Abdankung längst unter ganz anderen Umständen erfolgt, als sie jetzt erfolgt ist.

[ 39 ] I found people who read what I had written there and who replied to me: “Yes, but if one wants to implement your very first point, that will necessarily lead to the abdication of the German Emperor!” — To that I could only ever say: If it leads to that, then it must surely be necessary for it to lead to that. — World history has proven me right. This abdication had to happen. But it was not to happen in the way it has now; rather, it had to come from an inner, free decision. Of course, this would have resulted from the very first point. The first point, of course, did not state: “The German Emperor must abdicate,” but rather set forth a specific demand. Had it been fulfilled, this abdication would have taken place long ago under circumstances entirely different from those under which it has now occurred.

[ 40 ] Ich konnte niemals erreichen, daß die Menschen verstanden, daß dasjenige, was ich da niedergeschrieben hatte, eben aus der Wirklichkeit heraus gesprochen war. In bezug auf diesen einen Punkt kam es auch nicht weiter. Als ich einem Minister des Auswärtigen die Sache vortrug, sagte ich ihm auch: Sie haben die Wahl, entweder vernünftig zu sein und jetzt durch Vernunft die Sache zu machen, oder Revolutionen zu erleben, die im Laufe der nächsten Jahrzehnte eintreten müssen, und die sehr bald anfangen werden.

[ 40 ] I was never able to get people to understand that what I had written down there was, in fact, based on reality. On this one point, we didn’t make any progress either. When I presented the matter to a foreign minister, I also told him: You have a choice—either to be reasonable and resolve the matter through reason now, or to experience revolutions that are bound to occur over the next few decades and will begin very soon.

[ 41 ] Aber ebenso wahr, wie dieses, was auf eine nur etwas größere Perspektive hinweist, ist es auch, daß es notwendig war, den Deutschen Kaiser zur Abdankung zu bringen, und daß dahin ein solcher Vorschlag ging. Aber wenn man das gesagt hat, was auf einer kleineren Perspektive ruhte als das andere, so war es eben auch als etwas angesehen worden — nun, worüber man nicht einmal reden durfte, worüber man nicht einmal ernsthaft reden konnte.

[ 41 ] But just as true as this—which points to a slightly broader perspective—is the fact that it was necessary to persuade the German Emperor to abdicate, and that a proposal to that effect was made. But once that had been said—which was based on a narrower perspective than the other—it had also been regarded as something—well, something one was not even allowed to talk about, something one could not even discuss seriously.

[ 42 ] Ebenso waren natürlich nicht erst die allerletzten Ereignisse notwendig, die, ich möchte sagen, handgreiflich den ungesunden Geist Ludendorffs verraten, sondern das konnte man lange wissen. Ich konnte vor langer Zeit darauf aufmerksam machen. Aber, nicht wahr, auf geisteswissenschaftlichem Gebiete muß darauf aufmerksam gemacht werden, daß ja auch vor der Geisteswissenschaft selber heute die Leute zurückschrecken, weil sie sich vor ihr fürchten. Und seelische Furcht ist heute etwas, was in den Gemütern der Menschen eine ganz große Rolle spielt, was eine ungeheuere Rolle spielt. Sie tritt in den verschiedensten Masken auf. Aber seelische Furcht, Nicht-herantretenWollen an irgend etwas, das ist es, was eine ganz besondere Rolle spielt. Daraufhin muß man die Ereignisse ansehen, dann erkennt man sie als Symptome für tieferliegende Dinge. Nehmen Sie einmal ein Ereignis der letzten Tage.

[ 42 ] Likewise, of course, it wasn’t just the very latest events—which, I would say, blatantly reveal Ludendorff’s unhealthy mindset—that were necessary; this had been known for a long time. I was able to draw attention to this a long time ago. But, isn’t it true that in the realm of spiritual science, we must point out that people today shy away from spiritual science itself because they are afraid of it? And psychological fear is something that plays a very large role in people’s minds today—a tremendous role. It appears in the most diverse guises. But psychological fear—the unwillingness to approach anything—that is what plays a very special role. One must view events in this light; then one recognizes them as symptoms of deeper underlying issues. Take, for example, an event from the last few days.

[ 43 ] Daß die Dinge so kommen werden, wie sie jetzt gekommen sind, das konnte jeder beobachtende Beurteiler der deutschen Verhältnisse und des deutschen Heeres längst wissen. Bloß Ludendorff ist es erst am 8. August 1918 aufgegangen, daß er nicht siegen kann. Er war der «Praktiker». Erinnern Sie sich, was ich alles über die Praktiker, über das Unpraktische der Praktiker im Laufe der Zeit vorgebracht habe! Er war der Praktiker, der in allen Verhältnissen sich geirrt hat, dem es zuallerletzt, erst am 8. August aufgegangen ist, daß er mit dem Heer, das ihm zur Verfügung steht, nicht siegen kann. Einsichtige Menschen haben es seit dem 16. September 1914 gewußt, daß zu siegen mit diesem Heere nicht möglich ist. Nun, was tut Ludendorff? Er ließ sich den Ballin kommen, damit der nun endlich zum Kaiser gehe und ihm sage, wie es steht, weil ja Ballin mit dem Kaiser sehr befreundet war. Sie werden fragen: Gab es damals keinen Reichskanzler? — Ja, es gab einen Reichskanzler, aber der hieß Hertling. Gab es damals keinen Minister des Auswärtigen? Es gab einen solchen, aber das war der aus der allerdumpfesten Hofluftstube heraufgekommene Herr vor Hintze. Es gab auch einen Reichstag, nun — und so weiter; von solchen Anhängseln des Volkslebens ist ja kaum der Mühe wert zu reden in unserer Zeit. Also Ludendorff ließ sich Ballin kommen und trug ihm auf, den Allerhöchsten Kriegsherrn über die Lage aufzuklären. Ballin machte sich auf dahin, wo der Kaiser hauste — selbstverständlich immer abseits von den eigentlichen Ereignissen, wenn Ludendorff es nicht gerade opportun fand, melden zu lassen, daß in Anwesenheit Seiner Majestät, des Allerhöchsten Kriegsherrn, diese oder jene Aktion unternommen worden war. Diese «Anwesenheit» wußte natürlich jeder zu taxieren, der die Verhältnisse kannte. Also Ballin, der dem Kaiser seit langem bekannt und ein gescheiter Mensch war, der machte sich auf nach Wilhelmshöhe, um den Kaiser aufzuklären. Das wäre natürlich nur möglich gewesen, wenn er den Kaiser unter vier Augen hätte sprechen können, was er hätte immer können, wenn der Kaiser ihm nicht früher, als Ballin ihn anfangs des Krieges einmal aufklären wollte, mit einem Damenfächer — na, so etwas über die Wangen hingestrichen hätte. Aber er ließ sich trotz der mit einem Damenfächer vermittelten Ohrfeige infolge der wichtigen Ereignisse doch herbei, seinen alten Freund aufzuklären. Der aber rief Herrn von Berg herbei, der es verstand, das Gespräch abzulenken — was der Kaiser selbstverständlich wollte; denn der wollte die Wahrheit nicht hören. So kam das Gespräch gar nicht auf das, auf was es kommen sollte.

[ 43 ] Any observant analyst of German conditions and the German army could have known long ago that things would turn out the way they have. It was only on August 8, 1918, that Ludendorff finally realized he could not win. He was the “practical man.” Remember everything I have said over time about the “practical men” and their impracticality! He was the “practical man” who was wrong in every situation, who only realized at the very last moment—on August 8—that he could not win with the army at his disposal. People of sound judgment have known since September 16, 1914, that victory was impossible with this army. Well, what did Ludendorff do? He summoned Ballin so that he might finally go to the Emperor and tell him how things stood, since Ballin was a close friend of the Emperor. You will ask: Was there no Reich Chancellor at the time? — Yes, there was a Reich Chancellor, but his name was Hertling. Was there no Minister of Foreign Affairs at the time? There was one, but that was Mr. von Hintze, who had risen from the very lowest echelons of the court. There was also a Reichstag—well, and so on; such appendages of public life are hardly worth mentioning in our time. So Ludendorff summoned Ballin and instructed him to inform the Supreme Commander of the situation. Ballin set off for the place where the Emperor resided—naturally, always removed from the actual events, unless Ludendorff happened to deem it opportune to have it reported that, in the presence of His Majesty, the Supreme Commander, this or that action had been undertaken. Anyone familiar with the circumstances, of course, knew exactly what to make of this “presence.” So Ballin, who had known the Emperor for a long time and was a shrewd man, set out for Wilhelmshöhe to brief the Emperor. Of course, this would only have been possible if he could have spoken to the Emperor in private—which he always could have done, had the Emperor not, on a previous occasion when Ballin had tried to brief him at the start of the war, swiped something like a lady’s fan across his cheeks. But despite the slap delivered with a lady’s fan, and in light of the important events, he nevertheless agreed to come and brief his old friend. The Emperor, however, summoned Mr. von Berg, who knew how to divert the conversation—which was, of course, exactly what the Emperor wanted; for he did not want to hear the truth. Thus, the conversation never turned to what it was supposed to address.

[ 44 ] Ich erzähle das auch nur als Psychologie. Da haben Sie einen Menschen, der in den wichtigsten Ereignissen steht, der sich fürchtet vor der Wahrheit, die ein anderer zu ihm hinbringt, und sie gar nicht an sich herankommen läßt. Da sieht man es genau. Und dasselbe Phänomen ist heute sehr verbreitet. Also Ballin hat den «Höchsten Kriegsherrn » nicht zu überzeugen vermocht, weil er ihm die Sache hat gar nicht vortragen können. Ludendorff ließ Herrn von Hintze kommen, machte mit dem aus, daß Waffenstillstand von der Entente erbeten werden sollte. Es war gleich nach dem 8. August 1918. Herr von Hintze versprach, an Wilson heranzutreten. Aber es geschah nichts, bis gegen den Oktober des Jahres 1918 hin, trotzdem es feststand, daß dasjenige geschehen mußte, was dann unter dem unglückseligen Ministerium des Prinzen Max von Baden nach Wochen geschehen ist. Der Prinz Max von Baden wollte nach Berlin gehen und etwas ganz anderes tun. Aber Ludendorff erklärte, es müsse innerhalb vierundzwanzig Stunden die Waffenstillstandsbitte vorgetragen werden, sonst käme das größte

[ 44 ] I’m only telling this from a psychological perspective. Here you have a person who is at the center of the most important events, who fears the truth that someone else brings to him, and who won’t let it get anywhere near him. You can see it clearly. And the same phenomenon is very widespread today. So Ballin was unable to convince the “Supreme Commander,” because he couldn’t even present the matter to him. Ludendorff summoned Mr. von Hintze and agreed with him that an armistice should be requested from the Entente. This was immediately after August 8, 1918. Mr. von Hintze promised to approach Wilson. But nothing happened until around October of 1918, even though it was clear that what eventually happened—weeks later, under the ill-fated ministry of Prince Max von Baden—was inevitable. Prince Max von Baden wanted to go to Berlin and do something entirely different. But Ludendorff declared that the request for an armistice must be presented within twenty-four hours, otherwise the greatest

[ 45 ] Unglück. Gegen seinen früheren Entschluß tat das Prinz Max von Baden. Nach fünf Tagen erklärte Ludendorff: er habe sich wohl geirrt, es sei gar nicht notwendig gewesen!

[ 45 ] Misfortune. Prince Max of Baden went against his earlier decision. After five days, Ludendorff declared: he must have been mistaken; it hadn't been necessary at all!

[ 46 ] Das ist so ein Beispiel, wie Praktiker, verehrte Praktiker, zu deren Verehrung aber nicht der geringste Grund vorlag, in die Weltereignisse eingreifen, von welcher Gesinnung aus und mit welchen Denkkräften sie eingreifen. Aber es ist zu gleicher Zeit ein Weg, zu studieren, wie Urteile epidemisch werden. Denn das Urteil, daß FZindenburg und Ludendorff «große Männer» seien, das hat sich ja wirklich mit epidemischer Gewalt verbreitet, während sie in Wahrheit durchaus keine großen Männer waren, auch nicht vom Standpunkt ihres engeren Berufes aus. Gerade diese katastrophalen Ereignisse sind für die Art, wie Mißurteile gebildet werden, ganz besonders charakteristisch. Höchstens der Witz hat manchmal das Richtige getroffen. Wenn Sie jetzt nach Berlin kommen — die meisten von Ihnen sind ja wohl in den letzten Jahren nicht in Berlin gewesen —, würden Sie so in der Nähe der Siegessäule, in der Nähe dieses großen «Spuckkastens», des Reichstagsgebäudes — ja, es sieht so aus, wie wenn es einem großen Spuckkasten nachgebildet wäre —, dort in der Nähe würden Sie ein merkwürdiges Gebilde finden. Da steht nämlich eine scheußliche Wiedergabe eines Menschen aus Holz, der «Hindenburg», groß, riesig, und da mußte jeder Patriot einen Nagel einschlagen, so daß nach und nach dieses Holz mit lauter Nägeln beschlagen wurde. Man hatte vor, dieses scheußlich vernagelte Zeug nachher im Museum des Kriegsministeriums aufzubewahren. Bloß der Berliner Witz fand ein treffendes Urteil; der sagte: Wenn er ganz vernagelt ist, kommt er ins Kriegsministerium!

[ 46 ] This is an example of how practitioners—esteemed practitioners, though there was not the slightest reason to hold them in such high regard—intervene in world events, and of the mindset and intellectual faculties with which they do so. But it is also a way to study how judgments become epidemic. For the judgment that von Zindenburg and Ludendorff were “great men”—that really did spread with epidemic force—while in truth they were by no means great men, not even from the standpoint of their immediate profession. It is precisely these catastrophic events that are particularly characteristic of the way in which misjudgments are formed. At most, wit has sometimes hit the mark. If you were to visit Berlin now—most of you probably haven’t been to Berlin in recent years—you would find, near the Victory Column, near that huge “spittoon,” the Reichstag building—yes, it looks as if it were modeled after a giant spittoon—you would find a strange structure there. There stands a hideous wooden likeness of a man, “Hindenburg”—tall, gigantic—and every patriot was required to hammer a nail into it, so that little by little this wood became studded with nails. The plan was to later store this hideously nailed-up thing in the Ministry of War’s museum. But Berlin wit had a fitting response: “Once it’s completely nailed shut, it’ll go to the War Ministry!”

[ 47 ] Alle die Dinge sollten mehr von dem Gesichtspunkte betrachtet werden, von dem ich jetzt öfter gesprochen habe, vom Standpunkte der Symptomatologie der Geschichte sowohl, wie der Symptomatologie der Ereignisse überhaupt, die auf den Menschen bezüglich sind. Die äußere Welt gibt eben nur Symptome, und man kommt auf die Wahrheit nur, wenn man diese Symptome in ihrer Natur als Symptom kennenlernt.

[ 47 ] All these matters should be viewed more from the perspective I have been discussing more frequently—from the standpoint of the symptomatology of history as well as the symptomatology of events in general that pertain to human beings. The external world provides only symptoms, and one arrives at the truth only by coming to know these symptoms in their nature as symptoms.