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The Rudolf Steiner Archive

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Michael's Message
The True Mysteries of Human Natur
GA 194

13 December 1919, Dornach

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Zehnter Vortrag

Tenth Lecture

[ 1 ] Gestern habe ich Ihnen gesprochen von den Beziehungen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft zu den Formen unseres Baues. Ich wollte besonders darauf hinweisen, daß die Beziehungen dieses Baues zu unserer Geisteswissenschaft nicht äußerliche sind, sondern daß gewissermaßen der Geist, der waltet in unserer Geisteswissenschaft, eingeflossen ist in diese Formen. Und ein besonderer Wert muß darauf gelegt werden, daß gewissermaßen behauptet werden kann, daß ein wirkliches, empfindungsgemäßes Verstehen dieser Formen ein Ablesen des inneren Sinnes bedeutet, der in unserer Bewegung vorhanden ist, Ich möchte heute noch auf einiges auf den Bau Bezügliches eingehen, um dann daran anknüpfend einige wichtige Dinge aus der Anthroposophie Ihnen heute oder morgen vorzubringen.

[ 1 ] Yesterday I spoke to you about the relationship between anthroposophically oriented spiritual science and the forms of our building. I wanted to emphasize in particular that the relationship between this building and our spiritual science is not merely external, but that, in a sense, the spirit that reigns in our spiritual science has flowed into these forms. And special emphasis must be placed on the fact that, in a sense, it can be said that a genuine, intuitive understanding of these forms involves discerning the inner meaning present in our movement. Today I would like to address a few more points regarding the building, and then, building on that, present some important aspects of anthroposophy to you today or tomorrow.

[ 2 ] Sie werden sehen, wenn Sie sich den Bau betrachten, daß sein Grundriß zwei ineinandergreifende Kreise sind, ein kleinerer und ein größerer, so daß ich etwa schematisch den Grundriß so zeichnen könnte (es wird der Grundriß gezeichnet).

[ 2 ] If you look at the building, you will see that its floor plan consists of two interlocking circles, one smaller and one larger, so that I could sketch the floor plan roughly like this (the floor plan is drawn).

[ 3 ] Der ganze Bau ist von Osten nach Westen orientiert. (Es wird die Ost-West-Linie gezogen.) Nun werden Sie gesehen haben, daß diese Ost-West-Linie die einzige Symmetrie-Achse ist, daß also alles symmetrisch auf diese Achse hin orientiert ist.

[ 3 ] The entire building is oriented from east to west. (An east-west line is drawn.) You will have noticed that this east-west line is the only axis of symmetry, meaning that everything is symmetrically oriented relative to this axis.

[ 4 ] Im übrigen haben wir es nicht zu tun mit einem bloßen mechanischen Wiederholen der Formen, wie man es sonst in der Baukunst findet, etwa mit gleichen Kapitälen oder dergleichen, sondern wir haben es zu tun, wie ich schon gestern ausführte, mit einer Evolution der Formen, mit einem Hervorgehen späterer Formen aus früheren Formen.

[ 4 ] Incidentally, we are not dealing here with a mere mechanical repetition of forms, as is otherwise found in architecture—such as identical capitals or the like—but rather, as I explained yesterday, with an evolution of forms, with later forms emerging from earlier ones.

[ 5 ] Sie finden, abschließend den äußeren Umgang, sieben Säulen zur Linken und sieben zur Rechten. (Die Säulen werden angedeutet.) Und ich habe schon gestern erwähnt, daß diese sieben Säulen Kapitäle und Sockel haben und über sich die entsprechenden Architrave, die in fortlaufender Evolution ihre Formen entwickeln.

[ 5 ] Finally, you will find the outer colonnade, with seven columns on the left and seven on the right. (The columns are indicated.) And as I mentioned yesterday, these seven columns have capitals and bases, and above them are the corresponding architraves, which evolve in form over time.

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[ 6 ] Wenn Sie diesen Grundriß empfinden, dann werden Sie einfach in diesen zwei ineinandergreifenden Kreisen — aber Sie müssen es empfindungsgemäß erfassen — etwas haben, was hinweist auf die Entwickelung der Menschheit. Ich habe schon gestern gesagt, daß ungefähr in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein ganz bedeutungsvoller Einschnitt in der Entwickelung der Menschheit zu verzeichnen ist. Dasjenige, was man schulmäßig und äußerlich «Geschichte» nennt, das ist ja nur eine Fable convenue, denn die verzeichnet äußere Tatsachen so, daß dabei der Schein hervorgerufen wird, als wenn es mit dem Menschen im wesentlichen schon im 8., 9. Jahrhunderte so gestanden hätte, wie es etwa im 18. oder 19. Jahrhundert gestanden hat. Es sind ja sogar schon neuere Geschichtsschreiber darauf gekommen, zum Beispiel Lamprecht, daß dies ein Unsinn ist, daß in der Tat die Seelenverfassung und Seelenstimmung der Menschen eine ganz andere war vor und nach dem angedeuteten Zeitpunkte. Und wir in der Gegenwart stehen in einer Entwickelung drinnen, die wir nur verstehen können, wenn wir uns bewußt werden, daß wir mit eigenartigen Seelenkräften uns der Zukunft entgegen entwickeln, und daß diejenigen Seelenkräfte, die ihre Entwickelung durchgemacht haben bis in diejenige des 15. Jahrhunderts, zwar jetzt noch, man könnte sagen, in den Menschenseelen spuken — sie klingen ab —, daß sie aber zu dem gehören, was untergeht, zu dem, was verurteilt ist dazu, aus der Menschheitsevolution herauszufallen. Über diesen wichtigen Umschwung in der Menschheitsentwickelung muß man ein Bewußtsein entwickeln, wenn man überhaupt fähig werden soll, über die Angelegenheiten der Menschheit in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft mitzureden.

[ 6 ] If you sense this outline, then you will simply find within these two interlocking circles—but you must grasp it intuitively—something that points to the evolution of humanity. I already said yesterday that around the middle of the 15th century, a very significant turning point in the development of humanity can be observed. What is conventionally and superficially called “history” is, after all, nothing more than a fable convenue, for it records external facts in such a way as to create the impression that human beings were, in essence, already in the 8th and 9th centuries in the same state as they were, say, in the 18th or 19th centuries. Even more recent historians, such as Lamprecht, have come to realize that this is nonsense—that in fact, the spiritual constitution and mood of people were entirely different before and after the periods in question. And we today are in the midst of a process of development that we can only understand if we become aware that we are developing toward the future with unique soul forces, and that those soul forces which underwent their development up to the 15th century—though they still, one might say, still haunt human souls—they are fading away—but that they belong to what is passing away, to what is doomed to fall out of the course of human evolution. We must develop an awareness of this important turning point in human evolution if we are to become capable of having a say in the affairs of humanity in the present and in the near future.

[ 7 ] Solche Dinge drücken sich besonders da aus, wo die Menschen bedeutungsvoll hinweisen wollen auf dasjenige, was sie fühlen, was sie empfinden. Wir brauchen uns ja nur an eines in der Entwickelung der Baukunst zu erinnern, was wir hier ja schon angeführt haben, auf das ich aber heute erneut wiederum hinweisen will, um an einem Beispiele zu zeigen, wie die Entwickelung der Menschheit fortschreitet.

[ 7 ] Such things are particularly evident when people want to meaningfully express what they feel and what they experience. We need only recall one aspect of the development of architecture—which we have already mentioned here, but to which I would like to draw attention once again today—in order to illustrate, by means of an example, how the development of humanity progresses.

[ 8 ] Betrachten Sie einmal die Formen eines griechischen Tempels. Wie kann man die Formen eines griechischen Tempels verstehen? Man kann sie nur verstehen, wenn man sich klar darüber ist, daß der ganze Baugedanke dieses griechischen Tempels daraufhin orientiert ist, den Tempel zum Wohnhaus des Gottes oder der Göttin zu machen, die man als Standbild darinnen hatte. Alle Formen des griechischen Tempels wären ein Unding, wenn man ihn nicht so auffaßte, daß er die Umhüllung, das Wohnhaus des Gottes oder der Göttin ist, die drinnenstehen sollten.

[ 8 ] Consider the forms of a Greek temple. How can one understand the forms of a Greek temple? One can only understand them if one is clear that the entire architectural concept of this Greek temple is oriented toward making the temple the dwelling place of the god or goddess whose statue stood within it. All the forms of the Greek temple would be nonsensical if one did not conceive of it as the enclosure, the dwelling place of the god or goddess who was to stand within it.

[ 9 ] Schreiten wir vor von den Formen des griechischen Tempels zu den nächsten, wiederum signifikanten Formen des Bauens, so kommen wir zu dem gotischen Dom. Wer in einen gotischen Dom hineingeht und das Gefühl hat, er habe mit diesem gotischen Dom etwas Abgeschlossenes, Fertiges vor sich, der versteht die Formen des gotischen Baues nicht, ebensowenig wie derjenige die Formen des griechischen Tempels versteht, der ihn auch so betrachten kann, daß kein Götterbild drinnensteht. Ein griechischer Tempel ohne Götterbild — wir brauchen es uns ja nur drinnen zu denken, aber es muß eben, um die Form zu verstehen, drinnen gedacht werden —, ein griechischer Tempel ohne Götterbild ist eine Unmöglichkeit für das empfindende Verständnis. Ein gotischer Dom, der leer ist, ist auch eine Unmöglichkeit für den Menschen, der wirklich so etwas empfindet. Der gotische Dom ist erst fertig, wenn die Gemeinde drinnen ist, wenn er mit Menschen angefüllt ist, und eigentlich nur dann, wenn er mit Menschen angefüllt ist und zu den Menschen gesprochen wird, so daß der Geist des Wortes über der Gemeinde oder in den Herzen der Gemeinde waltet. Dann ist der gotische Dom fertig. Aber die Gemeinde gehört dazu, sonst sind die Formen nicht verständlich.

[ 9 ] As we move on from the forms of the Greek temple to the next, equally significant forms of architecture, we arrive at the Gothic cathedral. Anyone who enters a Gothic cathedral and feels that they are looking at something complete and finished does not understand the forms of Gothic architecture, any more than someone understands the forms of the Greek temple if they view it as a space that contains no image of a god. A Greek temple without a divine image—we need only imagine it inside, but to understand the form, it must be imagined inside—a Greek temple without a divine image is an impossibility for the sensuous understanding. A Gothic cathedral that is empty is also an impossibility for the person who truly feels such things. The Gothic cathedral is not complete until the congregation is inside, until it is filled with people, and in fact only then—when it is filled with people and the Word is spoken to them, so that the spirit of the Word reigns over the congregation or in the hearts of the congregation. Then the Gothic cathedral is complete. But the congregation is an integral part of it; otherwise, the forms are incomprehensible.

[ 10 ] Was haben wir denn da eigentlich für eine Evolution vor uns von dem griechischen Tempel bis zum gotischen Dom? Das andere sind im Grunde genommen Zwischenformen, was auch darüber irrtümliche Geschichtsauslegung sagen möge. Was haben wir denn da für eine Evolution vor uns? Wenn wir auf die griechische Kultur hinblicken, diese Blüte der vierten nachatlantischen Periode, so müssen wir sagen: Im griechischen Bewußtsein lebte noch etwas von dem Verweilen göttlich-geistiger Gewalten unter den Menschen, nur daß die Menschen dazu verhalten waren, ihren Göttern, die sie sich selbst nur in den Bildern vergegenwärtigen konnten, Wohnhäuser zu bauen. Der griechische Tempel war das Wohnhaus des Gottes oder der Göttin, von denen man das Bewußtsein hatte: sie gehen herum unter den Menschen. Ohne dieses Bewußtsein der Gegenwart göttlich-geistiger Mächte ist die Hineinstellung des griechischen Tempels in die griechische Kultur gar nicht zu denken.

[ 10 ] What kind of evolution are we actually looking at here, from the Greek temple to the Gothic cathedral? The others are, in essence, intermediate forms, no matter what erroneous historical interpretations may claim. What kind of evolution are we looking at here? When we look at Greek culture—that flowering of the fourth post-Atlantean period—we must say: In the Greek consciousness, there still lived something of the presence of divine-spiritual powers among human beings, except that people were led to build dwellings for their gods, whom they could only visualize through images. The Greek temple was the dwelling place of the god or goddess whom people were conscious of as walking among them. Without this awareness of the presence of divine-spiritual powers, the place of the Greek temple within Greek culture is simply inconceivable.

[ 11 ] Schreiten wir nun vorwärts von der Blüte der griechischen Kultur zu dem Auslauf dieser Kultur gegen das Ende der vierten nachatlantischen Periode, also gegen die Zeiten des 8., 9., 10. nachchristlichen Jahrhunderts, so kommen wir hinein in die Formen der gotischen Baukunst, die da fordert die Gemeinde. Alles entspricht dem Empfindungsleben der Menschen der damaligen Zeit. Die Menschen waren in ihrer Seelenstimmung natürlich anders in dieser Zeit, als in der Hochblüte des griechischen Denkens. Das Bewußtsein von der unmittelbaren Gegenwart göttlich-geistiger Mächte war nicht vorhanden, die göttlich-geistigen Mächte waren fern in ein Jenseits versetzt. Das irdische Reich war vielfach angeklagt als ein solches des Abfallens von den göttlich-geistigen Mächten. Das Materielle sah man an als etwas, das zu meiden ist, von dem der Blick abzuwenden ist, der dagegen hinzuwenden ist zu den geistigen Mächten. Und der eine Mensch suchte im Anschluß an den anderen in der Gemeinde — gewissermaßen aufsuchend den Gruppengeist der Menschheit — das Walten des Geistigen, das damit auch den Charakter eines gewissen Abstrakten gewonnen hatte. Daher machen die Formen der Gotik auch einen abstrakt-mathematischen Eindruck gegenüber den mehr dynamisch wirkenden Formen der griechischen Baukunst, die etwas haben vom wohnlichen Umfassen des Gottes oder der Göttin. In den gotischen Formen ist alles aufstrebend, es ist alles darauf hinweisend, daß in geistigen Fernen gesucht werden muß dasjenige, wonach die Seele dürstet. Dem Griechen war sein Gott und seine Göttin da. Er hörte gewissermaßen mit seinem Seelenohr deren Raunen, Die sehnsüchtige Seele nur konnte in Formen, die nach oben zuliefen, das Göttliche ahnen in der Zeit der Gotik.

[ 11 ] As we now move forward from the heyday of Greek culture to the twilight of that culture toward the end of the fourth post-Atlantean period—that is, toward the 8th, 9th, and 10th centuries A.D.—we enter the realm of Gothic architecture, which the community demands at that time. Everything corresponds to the emotional life of the people of that time. Naturally, people’s spiritual disposition was different during this period than it was during the height of Greek thought. There was no awareness of the immediate presence of divine-spiritual powers; these divine-spiritual powers were regarded as distant, situated in a realm beyond. The earthly realm was often condemned as one of apostasy from the divine-spiritual powers. The material world was viewed as something to be avoided, from which one’s gaze should be turned away, while one’s attention should instead be directed toward the spiritual powers. And one person after another in the community—seeking, as it were, the group spirit of humanity—sought the influence of the spiritual, which had thereby also taken on the character of a certain abstraction. This is why Gothic forms also make an abstract-mathematical impression compared to the more dynamically effective forms of Greek architecture, which have something of the cozy embrace of the god or goddess. In Gothic forms, everything is soaring upward; everything points to the fact that what the soul thirsts for must be sought in spiritual distances. For the Greeks, their gods and goddesses were present. In a sense, they heard their murmurs with the ear of the soul; only the yearning soul could sense the divine in forms that tapered upward during the Gothic period.

[ 12 ] So war die Menschheit gewissermaßen mit Bezug auf ihre Seelenstimmung sehnsüchtig geworden, baute auf Sehnsuchten, baute auf das Suchen, glaubte in diesem Suchen glücklicher sein zu können durch den Zusammenschluß in der Gemeinde, aber war immer überzeugt, daß dasjenige, was als das Göttlich-Geistige anzuerkennen ist, nicht etwas ist, was unmittelbar unter den Menschen waltet, sondern was in geheimnisvollen Untergründen sich verbirgt. Wenn man nun dasjenige, was man da sehnsüchtig erstrebte, sehnsüchtig suchte, ausdrücken wollte, konnte man es nur so ausdrücken, daß man irgendwie es anknüpfte an ein Geheimnisvolles. Der Zeitausdruck für diese ganze Seelenstimmung der Menschen ist der Tempel oder der Dom, könnten wir auch sagen, der in seiner eigentlichen, typischen Form der gotische Dom ist. Aber wenn man wiederum dasjenige, was man als das allerhöchst Geheimnisvolle ersehnte, in das geistige Blickfeld rückte, so mußte man gerade in der Zeit, in der man vom Irdischen ins Überirdische sich erheben wollte, von der bloßen Gotik zu etwas anderem übergehen, das, man möchte sagen, nun nicht die physische Gemeinde vereinte, sondern den ganzen zusammenstrebenden Geist der Menschheit oder die zusammenstrebenden Seelengeister der Menschheit nach einem Mittelpunkt, nach einem geheimnisvollen Mittelpunkt hinstreben ließ.

[ 12 ] Thus, in a sense, humanity had become yearning in terms of its spiritual disposition; it built upon these yearnings, built upon the search, and believed that through this search it could find greater happiness by uniting in the congregation, but was always convinced that what must be recognized as the divine-spiritual is not something that reigns directly among human beings, but rather something hidden in mysterious depths. If one now wished to express what one was longingly striving for and seeking, one could only do so by somehow linking it to something mysterious. The architectural expression of this entire state of mind among people is the temple or cathedral—we might also say—which, in its true, typical form, is the Gothic cathedral. But when, in turn, one brought into the spiritual field of vision that which one longed for as the most profound mystery, one had to—precisely at the time when one sought to rise from the earthly to the supernatural—move beyond mere Gothic architecture to something else that, one might say, no longer united the physical congregation, but rather allowed the entire converging spirit of humanity—or the converging soul-spirits of humanity—to strive toward a focal point, toward a mysterious focal point.

[ 13 ] Wenn Sie sich etwa vorstellen die Gesamtheit der menschlichen Seelen wie von allen irdischen Himmelsrichtungen her zusammenströmend, so haben Sie gewissermaßen die Menschheit der ganzen Erde auf dieser Erde vereint als in einem großen Dome, den man nun nicht gotisch dachte, obwohl er denselben Sinn haben sollte wie der gotische Dom. Solche Dinge wurden im Mittelalter angeknüpft an das Biblische. Und wenn man sich etwa vorstellt, daß die zweiundsiebzig Jünger — man braucht ja nicht an physische Geschichte zu denken, sondern an das Geistige, das in diesen Zeiten durchaus die physische Anschauung der Welt durchwebte —, wenn Sie sich also vorstellen, wie nach dem Geiste der Zeit gedacht war, daß die zweiundsiebzig Jünger Christi sich nach allen Himmelsrichtungen verbreiteten und in die Seelen den Geist pflanzten, der zusammenströmen sollte in dem Mysterium Christi: so haben Sie in all dem, was wiederum von jenen zurückströmte, in deren Seelen die Jünger den Christus-Geist hineingetragen haben, in den Strahlen, die von all diesen Seelen aus allen Himmelsrichtungen kommen, dasjenige, was in umfassendster, in universellster Weise der frühmittelalterliche Mensch dachte als das zum Geheimnis Hinstrebende. Ich brauche vielleicht nicht alle zweiundsiebzig zu zeichnen, aber ich kann es andeuten (es wird gezeichnet). Ich deute das nur an, denken Sie sich aber, es wären das zweiundsiebzig Pfeiler. Von diesen zweiundsiebzig Pfeilern würden also die Strahlen kommen, welche aus der Gesamtmenschheit nach dem Geheimnisse Christi hinstreben. Umschließen Sie das Ganze mit einer irgendwie gearteten Wandung — gotisch würde es dann nicht sein, aber ich sagte ja auch schon, warum man nicht bei dem Gotischen streng stehen blieb —, deren Grundriß ein Kreis ist, und denken Sie sich hier die zweiundsiebzig Pfeiler, so würden Sie den Dom haben, der gewissermaßen die ganze Menschheit umfaßt. Denken Sie sich auch den von Osten nach Westen orientiert, so haben Sie darinnen natürlich einen ganz anderen Grundriß zu empfinden als bei unserem Bau, der aus den zwei Kreisstücken zusammengesetzt ist. Die Empfindung diesem Grundriß gegenüber muß eine ganz andere sein, und ich versuchte, skizzenhaft Ihnen diese Empfindung zu beschreiben. Es würde dann zu denken sein, daß die Hauptorientierungslinien eines solchen Baues, der nach diesem Grundriß aufgebaut ist, Kreuzesform haben, und man würde sich etwa zu denken haben, daß Hauptgänge nach dieser Kreuzesform angeordnet wären.

[ 13 ] If you imagine, for example, the totality of human souls converging from all the cardinal directions of the earth, then you have, in a sense, the entire human race of the earth united on this earth as if in a great dome—one that was not conceived in the Gothic style, although it was meant to have the same significance as a Gothic cathedral. Such ideas were linked to biblical themes in the Middle Ages. And if you imagine, for example, that the seventy-two disciples—one need not think of physical history, but rather of the spiritual, which in those times thoroughly interwove the physical view of the world— if you imagine, then, as was conceived in the spirit of the age, that the seventy-two disciples of Christ spread out in all directions and planted in people’s souls the Spirit that was to converge in the Mystery of Christ: then in all that flowed back from those into whose souls the disciples had carried the Christ Spirit—in the rays emanating from all these souls from every direction—you have what early medieval people conceived, in the most comprehensive and universal way, as the striving toward the Mystery. I may not need to draw all seventy-two, but I can suggest them (they are being drawn). I am only suggesting this, but imagine that these are the seventy-two pillars. From these seventy-two pillars, then, would come the rays that strive from all of humanity toward the Mystery of Christ. Enclose the whole thing with a wall of some sort—it wouldn’t be Gothic then, but I’ve already explained why we didn’t strictly adhere to the Gothic style—whose floor plan is a circle, and imagine the seventy-two pillars here, and you would have the cathedral that, in a sense, encompasses all of humanity. Imagine it oriented from east to west as well; naturally, you would perceive a completely different floor plan within it than in our building, which is composed of two circular segments. The impression one gets from this floor plan must be entirely different, and I have tried to sketch out this impression for you. One might then imagine that the main orientation lines of such a building, constructed according to this floor plan, would form a cross, and one might imagine that the main aisles would be arranged according to this cross-shaped layout.

[ 14 ] So dachte sich allerdings der mittelalterliche Mensch seinen IdealDom. Wir würden (es wird weitergezeichnet), wenn das hier Osten, das hier Westen ist, dann hier Norden und Süden haben und dann würden im Norden, Süden und Westen drei Tore sein, hier im Osten würde eine Art Hauptaltar sein, und bei jedem Pfeiler würde eine Art Seitenaltar sein. Da aber, wo die Kreuzesbalken sich durchschneiden, da würde stehen müssen der Tempel des Tempels, der Dom des Domes: da würde gewissermaßen die Zusammenfassung des Ganzen sein, im Kleinen eine Wiederholung desjenigen, was das Ganze ist. Wir würden etwa in der modernen, abstrakt gewordenen Sprache sagen: Hier würde stehen ein Sakramentshäuschen, aber in der Form des Ganzen.

[ 14 ] This, however, is how people in the Middle Ages imagined their ideal cathedral. They reasoned (as the drawing continues) that if this is the east and this is the west, then here would be the north and south, and there would be three gates in the north, south, and west; here in the east there would be a kind of main altar, and at each pillar there would be a kind of side altar. But where the arms of the cross intersect, there would have to stand the temple of the temple, the cathedral of the cathedral: there would be, so to speak, the synthesis of the whole—a miniature repetition of what the whole is. In modern, abstract language, we might say: Here would stand a tabernacle, but in the form of the whole.

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[ 15 ] Denken Sie sich dies, was ich Ihnen hier aufgezeichnet habe, in einem Stil, in einem Baustil, der erst angenähert ist an die eigentliche Gotik, der noch allerlei romanische Formen in sich schließt, aber der durchaus die Orientierung hat, die ich Ihnen hier angedeutet habe, dann habe ich Ihnen damit die Skizze des Graltempels aufgezeichnet, wie sich ihn der mittelalterliche Mensch vorstellte, jenes Graltempels, der gewissermaßen das Ideal des Bauens war in der Zeit, die sich dem Ausgang der vierten nachatlantischen Epoche näherte: Ein Dom, in dem zusammenströmten die Sehnsuchten der ganzen nach Christus hin orientierten Menschheit, so wie in dem einzelnen Dom zusammenströmten die Sehnsuchten der Glieder der Gemeinde, und so, wie sich verbunden fühlten im griechischen Tempel die Menschen, auch wenn sie nicht drinnen waren — denn der griechische Tempel fordert nur, daß der Gott oder die Göttin drinnen ist, nicht die anderen Menschen —, so also wie sich verbunden fühlten die griechischen Menschen eines Territoriums durch ihren Tempel mit ihrem Gott oder ihrer Göttin. Will man sachgemäß sprechen, so kann man sagen: Indem der Grieche von seinem Verhältnis zu dem Tempel redete, schilderte er die Sache etwa in folgender Weise. So wie er von irgendeinem Menschen der Erde, meinetwegen dem Perikles, sagte: Der Perikles wohnt in diesem Hause — so drückt dieser Satz: Der Perikles wohnt in diesem Hause — nicht aus, daß der Mensch selber, der das ausspricht, irgendeine Eigentums- oder sonstige Beziehung zu dem Hause hat, aber er empfindet doch die Art, wie er verbunden ist mit dem Perikles, indem er sagt: Der Perikles wohnt in diesem Hause! — Genau mit derselben Empfindungsnuance würde der Grieche sein Verhältnis auch ausgesprochen haben zu dem, was im Baustil zu lesen war, damit ausdrückend: die Athene wohnt in diesem Hause, das ist das Wohnhaus der Göttin, oder: der Apollo wohnt in diesem Hause!

[ 15 ] Imagine what I have sketched for you here in a style—an architectural style—that is only an approximation of true Gothic, one that still incorporates all sorts of Romanesque forms, but which is certainly oriented in the direction I have indicated here—then I have thereby sketched for you the Temple of the Grail as medieval people imagined it, that Temple of the Grail which, in a sense, was the ideal of architecture in the era approaching the end of the fourth post-Atlantean epoch: A cathedral in which the longings of all humanity oriented toward Christ converged, just as the longings of the members of the congregation converged within the individual cathedral, and just as people felt connected in the Greek temple, even when they were not inside—for the Greek temple requires only that the god or goddess be inside, not the other people— so too did the Greek people of a given territory feel connected to their god or goddess through their temple. To put it accurately, one might say: When the Greek spoke of his relationship to the temple, he described the matter roughly as follows. Just as he might say of any person on earth—Pericles, for example: “Pericles lives in this house”—so this sentence: “Pericles lives in this house”—does not imply that the person uttering it has any ownership or other relationship to the house, but he nevertheless senses the nature of his connection to Pericles when he says: “Pericles lives in this house!” — With precisely the same nuance of feeling, the Greek would also have expressed his relationship to what could be discerned in the architectural style, thereby expressing: Athena lives in this house; this is the goddess’s dwelling, or: Apollo lives in this house!

[ 16 ] Das konnte die mittelalterliche Gemeinde, die den Dom hatte, nicht sagen. Denn das war nicht das Haus, in welchem die göttlich-geistige Wesenheit wohnte, das war das Haus, das ausdrückte in jeder einzelnen Form den Versammlungsort, in dem man die Seele hinstimmte zu dem Geheimnisvoll-Göttlichen. Daher war in dem, ich möchte sagen, «Urtempel» vom Ausgange der vierten nachatlantischen Zeit, in der Mitte der Tempel des Tempels, der Dom des Domes. Und von dem Ganzen konnte man sagen: Geht man hier hinein, dann kann man darinnen sich erheben zu den Geheimnissen des Weltenalls! — In den Dom mußte man hineingehen. Von dem griechischen Tempel brauchte man bloß zu sagen: Das ist das Haus des Apollo, das ist das Haus der Pallas. — Und der Mittelpunkt jenes Urtempels, wo sich die Balken des Kreuzes schneiden, der Mittelpunkt, der barg den Heiligen Gral, der war da aufbewahrt.

[ 16 ] The medieval community that owned the cathedral could not say that. For that was not the house in which the divine-spiritual being dwelt; rather, it was the house that expressed, in every single form, the place of gathering where one attuned the soul to the mysterious divine. Thus, in what I would call the “primordial temple” of the late fourth post-Atlantean epoch, at the very center of the temple of temples, stood the cathedral of cathedrals. And of the whole, one could say: If you enter here, then within it you can rise up to the mysteries of the universe! — One had to enter the cathedral. Of the Greek temple, one need only say: “This is the house of Apollo; this is the house of Pallas.” — And the center of that primordial temple, where the beams of the cross intersect—the center that held the Holy Grail—was preserved there.

[ 17 ] Sehen Sie, in dieser Art muß man die Stimmung verfolgen, durch welche die einzelnen geschichtlichen Perioden charakterisiert sind, sonst lernt man dasjenige, was eigentlich geschehen ist, nicht kennen. Und man kann vor allen Dingen ohne eine solche Betrachtung nicht kennenlernen, welche seelischen Kräfte sich wiederum in unserer Gegenwart ansetzen.

[ 17 ] You see, one must trace the spirit that characterizes each historical period; otherwise, one cannot come to know what actually happened. And above all, without such an analysis, one cannot understand which spiritual forces are now at work in our present.

[ 18 ] Also, der griechische Tempel umschloß den Gott oder die Göttin, von denen man wußte: Sie sind unter den Menschen anwesend. Aber das fühlte der mittelalterliche Mensch nicht, der fühlte gewissermaßen die irdische Welt Gott-verlassen, göttlich verlassen. Er fühlte die Sehnsucht, den Weg zu finden zu den Göttern oder zu dem Gotte.

[ 18 ] So, the Greek temple enclosed the god or goddess, whom people knew to be present among humanity. But people in the Middle Ages did not feel this; they felt, as it were, that the earthly world had been forsaken by God, abandoned by the divine. They felt a longing to find the path to the gods or to God.

[ 19 ] Wir stehen ja heute allerdings erst am Ausgangspunkt, denn es sind ja nur ein paar Jahrhunderte seit dem großen Umschwung in der Mitte des 15. Jahrhunderts verflossen. Die meisten Menschen sehen kaum dasjenige, was da aufgeht, aber es geht etwas auf, es wird anders mit den Seelen der Menschen. Und dasjenige, was nun wiederum in die Formen hineinfließen muß, in denen man das Zeitbewußtsein verkörpert, das muß auch wieder anders sein. Diese Dinge lassen sich allerdings nicht mit dem Verstande, mit dem Intellekt ausspintisieren, diese Dinge lassen sich nur empfinden, fühlen, künstlerisch anschauen. Und derjenige, der sie auf abstrakte Begriffe bringen will, der versteht sie eigentlich nicht. Aber man kann doch in der verschiedensten Weise charakterisierend auf diese Dinge hinweisen. Und so muß gesagt werden: Der Grieche fühlte gewissermaßen den Gott oder die Göttin wie seine Zeitgenossen, wie seine Mitbewohner. Der mittelalterliche Mensch hatte den Dom, der dem Gotte nicht als Wohnhaus diente, der aber gewissermaßen die Einlaßpforte sein sollte zu dem Wege, der zu dem Göttlichen führt. Die Menschen versammelten sich in dem Dom und suchten gewissermaßen aus der Gruppenseele der Menschheit heraus. Das ist das Charakteristische, daß diese ganze mittelalterliche Menschheit etwas hatte, das nur zu verstehen ist aus dem Gruppenseelenhaften heraus. Der einzelne, individuelle Mensch kam bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts nicht so in Betracht wie seit jener Zeit. Seit jener Zeit ist dasjenige, was das Wesentlichste im Menschen ist, das Streben, Individualität zu sein, das Streben, individuelle Persönlichkeitskräfte zusammenzufassen, gewissermaßen einen Mittelpunkt in sich selber zu finden.

[ 19 ] Today, however, we are really only at the starting point, for only a few centuries have passed since the great upheaval in the mid-15th century. Most people hardly notice what is dawning, but something is dawning; something is changing within people’s souls. And what must now flow back into the forms in which a sense of time is embodied must also be different. These things, however, cannot be spun out of thin air by the mind or the intellect; they can only be sensed, felt, and viewed artistically. And anyone who tries to reduce them to abstract concepts does not really understand them. But one can still point to these things in a variety of characterizing ways. And so it must be said: The Greek, in a sense, felt the god or goddess as his contemporaries, as his fellow inhabitants. The medieval person had the cathedral, which did not serve as a dwelling place for God, but was meant, in a sense, to be the gateway to the path leading to the divine. People gathered in the cathedral and, in a sense, sought within the group soul of humanity. This is the defining feature: that all of medieval humanity possessed something that can only be understood from the perspective of the group soul. Until the middle of the 15th century, the individual human being was not regarded in the same way as he has been since that time. Since that time, what has been most essential in human beings is the striving to be an individual, the striving to bring together individual personality forces, to find, as it were, a center within oneself.

[ 20 ] Man versteht auch nicht dasjenige, was in den verschiedensten sozialen Forderungen unserer Zeit aufsteigt, wenn man nicht dieses Walten des Individualgeistes in jedem einzelnen Menschen kennt, dieses Stehenwollen eines jeden einzelnen Menschen auf der Grundlage seines Wesens.

[ 20 ] Nor can one understand what is emerging in the wide variety of social demands of our time unless one is aware of this prevalence of the individual spirit in every single person, this desire of every single person to stand on the foundation of their own being.

[ 21 ] Dadurch aber wird für den Menschen etwas ganz besonders wichtig in dieser Zeit, die mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat und gegen das vierte Jahrtausend zu erst enden wird. Damit tritt etwas ein, was für diese Zeit von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Denn sehen Sie, es ist etwas Unbestimmtes ausgedrückt, wenn man sagen muß: Jeder Mensch strebt nach seiner besonderen Individualität. Der Gruppengeist, selbst wenn er nur kleinere Gruppen umfaßt, ist etwas viel Faßbareres als dasjenige, was jeder einzelne Mensch aus dem Urquell seiner Individualität heraus erstrebt. Daher kommt es, daß ganz besonders wichtig wird für diesen Menschen der neueren Zeit das zu verstehen, was man nennen kann: Gleichgewicht suchen zwischen den entgegengesetzten Polen.

[ 21 ] As a result, however, something becomes particularly important for human beings during this era, which began in the mid-15th century and will not end until around the fourth millennium. This marks the onset of something that is of very special importance for this era. For, you see, there is a certain vagueness in the statement: Every human being strives for their own unique individuality. The group spirit—even when it encompasses only small groups—is something far more tangible than what each individual strives for from the very source of their individuality. This is why it becomes particularly important for people of the modern era to understand what might be called: seeking balance between opposing poles.

[ 22 ] Das eine will gewissermaßen über den Kopf hinaus. Alles, was den Menschen dazu bringt, Schwärmer, Phantast, Wahnmensch zu sein, was ihn erfüllt mit unbestimmten mystischen Regungen nach irgendeinem unbestimmten Unendlichen, ja, was ihn selbst erfüllt, wenn er Pantheist oder Theist oder irgend so etwas ist, was man ja heute so häufig ist, das ist der eine Pol. Der andere Pol ist der der Nüchternheit, der Trockenheit, trivial gesprochen, aber nicht unwirklich gesprochen gegenüber dem Geiste der Gegenwart, wahrhaftig nicht unwirklich gesprochen: der Pol der Philistrosität, der Pol des Spießbürgertums, der Pol, der uns hinunterzieht zur Erde in den Materialismus hinein. Diese zwei Kräftepole sind im Menschen, und zwischen denen darinnen steht das Menschenwesen, hat es das Gleichgewicht zu suchen. Auf wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen? Sie können sich das wiederum durch das Bild der Waage vorstellen (es wird gezeichnet). Auf wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen zwischen zwei nach entgegengesetzten Richtungen ziehenden Polen?

[ 22 ] One, so to speak, wants to go beyond the head. Everything that leads a person to be a dreamer, a fantasist, or a delusional person—everything that fills them with vague mystical yearnings for some indefinite infinity—indeed, everything that fills them when they are a pantheist or a theist or something of that sort, which is so common today—that is one pole. The other pole is that of sobriety, of dryness—to put it trivially, but not unrealistically in relation to the spirit of the present, truly not unrealistically: the pole of philistinism, the pole of petty-bourgeois narrow-mindedness, the pole that drags us down to earth into materialism. These two poles of force exist within the human being, and the human being stands between them, seeking balance. In how many ways, then, can one seek this balance? You can picture this, again, using the image of a scale (it is drawn). In how many ways, then, can one seek balance between two poles pulling in opposite directions?

[ 23 ] Nicht wahr, wenn hier auf der einen Waagschale fünfzig Gramm oder fünfzig Kilogramm sind, und hier auch, so ist Gleichgewicht. Aber wenn hier auf der einen Waagschale ein Kilogramm ist, und hier auf der anderen Waagschale auch ein Kilogramm, so ist auch Gleichgewicht, und wenn hier tausend und hier tausend sind, so ist auch Gleichgewicht.

[ 23 ] Isn't it true that if there are fifty grams or fifty kilograms on one side of the scale, and the same amount on the other, then the scale is balanced? But if there’s one kilogram on one pan of the scale and one kilogram on the other pan, the scale is also balanced, and if there are a thousand on one side and a thousand on the other, the scale is also balanced.

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[ 24 ] Auf unendlich viele Arten können Sie das Gleichgewicht suchen. Das entspricht den unendlich vielen Arten, individueller Mensch zu sein. Daher ist für den gegenwärtigen Menschen so wesentlich, einzusehen, daß sein Wesen in dem Streben nach Gleichgewicht zwischen den entgegengesetzten Polen besteht. Und das Unbestimmte des Suchens nach Gleichgewicht ist eben jenes Unbestimmte, von dem ich Ihnen vorhin gesprochen habe.

[ 24 ] There are an infinite number of ways to seek balance. This corresponds to the infinite ways of being an individual human being. That is why it is so essential for people today to realize that their very nature consists in the pursuit of balance between opposing poles. And the indeterminacy of the search for balance is precisely that indeterminacy I spoke to you about earlier.

[ 25 ] Daher kommt der Mensch der Gegenwart mit seinem Suchen nur zurecht, wenn er sich mit diesem Suchen anlehnt an das Streben nach dem Gleichgewichte.

[ 25 ] Therefore, people today can only cope with their search if they ground that search in the pursuit of balance.

[ 26 ] So wichtig, wie es für den Griechen war, zu fühlen, in dem Gemeinwesen, dem ich angehöre, waltet die Pallas, waltet der Apollo, das ist das Haus der Pallas, das ist das Haus des Apollo, so wichtig es für den mittelalterlichen Menschen war, zu wissen: es gibt einen Versammlungsort, der birgt etwas — seien es die Reliquien eines Heiligen, sei es der Heilige Gral selber —, es gibt einen Versammlungsort, in dem, wenn man sich da versammelt, die Seelensehnsuchten nach dem unbestimmten Geheimnisvollen strömen können, so wichtig ist es für den modernen Menschen, ein Empfinden dafür zu entwickeln, was er ist als individueller Mensch: daß er als individueller Mensch ein Sucher des Gleichgewichtes ist zwischen zwei entgegengesetzten, zwei polarischen Kräften. Man kann seelisch das so ausdrücken, daß man sagt: Auf der einen Seite waltet das, wodurch der Mensch gewissermaßen über seinen Kopf hinaus will, das Schwärmerische, das Phantastische, dasjenige, was Lust entwickeln will, die nicht sich kümmert um die realen Bedingungen des Daseins. So wie man das eine Extrem seelisch so bezeichnen kann, so das andere Extrem so, daß es hinüberzieht nach der Erde, nach dem Nüchternen, Trockenen, trocken Intellektuellen und so weiter. Physiologisch ausgedrückt kann man auch so sagen: Der eine Pol ist alles dasjenige, wo das Blut hinkocht, und kocht es zu stark, so wird es fieberhaft. Physiologisch ausgedrückt ist der eine Pol alles dasjenige, was mit den Kräften des Blutes zusammenhängt, der andere Pol alles dasjenige, was zusammenhängt mit dem Knochigwerden, dem Petrifizieren des Menschen, was, wenn es ins physiologische Extrem geht, zur Sklerose in den verschiedensten Formen führen würde. Und zwischen der Sklerose und dem Fieber als den radikalen Endpolen muß auch physiologisch der Mensch sein Gleichgewicht bewahren. Das Leben besteht im Grunde genommen in dem Gleichgewichtsuchen zwischen dem Nüchternen, Trockenen, Philiströsen und dem SchwärmerischPhantastischen. Seelisch gesund sind wir, wenn wir das Gleichgewicht finden zwischen dem Schwärmerisch-Phantastischen und dem TrockenPhiliströsen. Körperlich gesund sind wir, wenn wir im Gleichgewichte leben können zwischen dem Fieber und der Sklerose, der Verknöcherung. Und das kann auf unendlich viele Weise geschehen, darinnen kann die Individualität leben.

[ 26 ] Just as it was important for the Greeks to feel that Pallas and Apollo reigned in the community to which they belonged—that this was the house of Pallas, that this was the house of Apollo—so it was important for people in the Middle Ages to know: there is a place of gathering that holds something—be it the relics of a saint, be it the Holy Grail itself— there is a gathering place where, when one gathers there, the soul’s longings for the indefinable and mysterious can flow—it is just as important for modern people to develop a sense of what they are as individual human beings: that as individual human beings, they are seekers of balance between two opposing, polar forces. Spiritually, one can express this by saying: On the one hand, there is that which drives a person, as it were, beyond their own head—the dreamy, the fantastical, that which seeks to develop a desire that pays no heed to the real conditions of existence. Just as one can describe one extreme in psychological terms in this way, so the other extreme can be described as tending toward the earth, toward the sober, the dry, the dryly intellectual, and so on. Expressed in physiological terms, one can also say: One pole is everything to which the blood flows, and if it flows too strongly, it becomes feverish. Physiologically speaking, one pole is everything connected with the forces of the blood; the other pole is everything connected with the ossification, the petrification of the human being, which, if taken to a physiological extreme, would lead to sclerosis in its various forms. And between sclerosis and fever—as the radical extremes—human beings must also maintain their physiological balance. Life essentially consists of seeking a balance between the sober, dry, philistine, and the dreamy-fantastical. We are mentally healthy when we find the balance between the dreamy-fantastical and the dry-philistine. We are physically healthy when we can live in balance between fever and sclerosis, or ossification. And this can happen in an infinite number of ways; within this, individuality can thrive.

[ 27 ] Das ist dasjenige, worin der Mensch gerade in der modernen Zeit erfühlen muß den alten Apollo-Spruch «Erkenne dich selbst». Aber «Erkenne dich selbst» nicht in irgendeiner Abstraktion: «Erkenne dich selbst in dem Streben nach Gleichgewicht.» Deshalb haben wir im Osten des Baues aufzustellen dasjenige, was den Menschen empfinden lassen kann dieses Streben nach Gleichgewicht. Und das soll in der gestern erwähnten plastischen Holzgruppe zur Darstellung kommen, die als Mittelpunktsfigur hat die Christus-Gestalt, die Christus-Gestalt, die versucht worden ist so zu gestalten, daß man sich vorstellen kann: $o hat wirklich der Christus in dem Menschen Jesus von Nazareth gewandelt im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina. Die konventionellen Bilder des bärtigen Christus, sie sind ja eigentlich erst Schöpfungen des 5., 6. Jahrhunderts, und sie sind wahrhaftig nicht irgendwie, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, porträtgetreu. Das ist versucht worden: einen porträtgetreuen Christus zu schaffen, der der Repräsentant zugleich sein soll des suchenden, des nach Gleichgewicht strebenden Menschen. (Es wird gezeichnet.)

[ 27 ] This is precisely where, especially in modern times, people must come to understand the ancient saying of Apollo: “Know thyself.” But “Know thyself” not in some abstract sense: “Know thyself in the striving for balance.” That is why we must place in the eastern part of the building that which can allow people to feel this striving for balance. And this is to be depicted in the sculptural wood group mentioned yesterday, which has the figure of Christ as its central figure—a figure of Christ that has been shaped in such a way that one can imagine: “This is truly how Christ walked in the person of Jesus of Nazareth at the beginning of our era in Palestine.” The conventional images of the bearded Christ are, after all, actually creations of the 5th and 6th centuries, and they are truly not, if I may use the expression, true to life. An attempt has been made here to create a Christ true to life, who is at the same time meant to represent the seeking human being striving for balance. (He is drawing.)

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[ 28 ] Sie werden dann an dieser Gruppe zwei Figuren sehen: Hier den stürzenden Luzifer, hier den hinaufstrebenden Luzifer. Hier unten, gewissermaßen verbunden mit Luzifer, eine ahrimanische Gestalt, und hier eine zweite ahrimanische Gestalt. Hineingestellt der Menschheitsrepräsentant zwischen der ahrimanischen Gestalt: dem Philiströsen, dem Nüchtern-Trocken-Materialistischen; und der Luzifer-Gestalt: dem Schwärmerischen, Phantastischen. Der Ahriman-Gestalt: alldem, was den Menschen führt zur Petrifizierung, zur Sklerose; der LuziferGestalt: Repräsentanz alles dessen, was den Menschen fiebrig über das Maß derjenigen Gesundheit hinausführt, das er ertragen kann.

[ 28 ] You will then see two figures in this group: here, Lucifer in his fall; here, Lucifer aspiring upward. Down here, connected to Lucifer, so to speak, is an Ahrimanic figure, and here is a second Ahrimanic figure. Placed between the Ahrimanic figure—the philistine, the sober, dry, materialist—and the Luciferic figure—the dreamer, the fantasist—stands the representative of humanity. The Ahrimanic figure represents everything that leads human beings toward petrification and sclerosis; the Luciferic figure represents everything that leads human beings feverishly beyond the measure of health they can endure.

[ 29 ] Und so kommt man, nachdem gewissermaßen in die Mitte hineingestellt ist der gotische Dom, der kein solches Bildnis umschließt, sondern entweder die Reliquien der Heiligen oder auch den Heiligen Gral — also irgend etwas, was nicht mehr mit unmittelbar hier Wandelnden zusammenhängt —, so kommt man, ich möchte sagen, wiederum zurück zu dem, daß der Bau etwas Umschließendes wird, aber jetzt umschließt die Menschenwesenheit in ihrem Streben nach Gleichgewicht.

[ 29 ] And so, once the Gothic cathedral has been placed, as it were, at the center—a cathedral that does not enclose such an image, but rather either the relics of the saints or even the Holy Grail—that is, something no longer connected to those walking here—one arrives, I would say, once again to the idea that the building becomes something enclosing, but now it encloses human existence in its striving for balance.

[ 30 ] Wenn das Schicksal es will — und einmal dieser Bau vollendet werden kann, wird gewissermaßen der, welcher darinnen sitzt, unmittelbar vor sich haben das, was ihm nahelegt, indem er hinsieht auf die Wesenheit, die der Erdenevolution Sinn gibt, auszusprechen: Die Christus-Wesenheit. Aber die Sache soll künstlerisch empfunden werden. Es darf das nicht spintisierend etwa nur als der Christus intellektuell gedacht werden, sondern es muß empfunden werden. Das Ganze ist künstlerisch gedacht, und was künstlerisch in den Formen zum Ausdruck kommt, das ist das Wichtigste. Dennoch aber soll es gerade rein empfindungsgemäß, ich möchte sagen, mit Ausschluß des Intellektuellen, das nur die Leiter zur Empfindung sein soll, dem Menschen nahelegen, nach dem Osten hinzuschauen und sagen zu können: «Das bist Du», aber jetzt nicht eine abstrakte Definition des Menschen, denn das Gleichgewicht kann auf unendlich viele Arten hergestellt werden. Nicht ein Götterbild ist umschlossen — denn es gilt ja auch für die Christen, daß sie sich von dem Gotte kein Bild machen sollen —, nicht ein Götterbild ist umschlossen, aber dasjenige ist umschlossen, was aus dem Gruppenseelenhaften des Menschen sich herausgebildet hat zu der Individual-Kraftwesenheit jedes einzelnen Menschen. Und dem Wirken und Weben des Individual-Impulses ist Rechnung getragen in diesen Formen.

[ 30 ] If fate wills it—and once this building can be completed—the one who sits within it will, in a sense, have directly before him that which prompts him, as he gazes upon the essence that gives meaning to Earth’s evolution, to say: the Christ-essence. But the matter must be perceived artistically. It must not be thought of intellectually, in a speculative way, merely as the Christ, but must be felt. The whole is conceived artistically, and what is expressed artistically in the forms is what is most important. Nevertheless, it should be presented to the human being purely through feeling—I would say, with the exclusion of the intellectual, which should serve only as a guide to feeling—so that the person may look toward the East and be able to say, “That is you,” but not as an abstract definition of the human being, for balance can be established in an infinite number of ways. It is not an image of a god that is embodied—for it is also true for Christians that they should not form an image of God—it is not an image of a god that is embodied, but rather that which has emerged from the group soul of humanity to become the individual force-being of each individual human being. And the workings and interplay of the individual impulse are taken into account in these forms.

[ 31 ] Wenn Sie das, was ich jetzt gesagt habe, nicht mit dem Verstande denken — das ist ja heute eine beliebte Art —, sondern wenn Sie es mit dem Gefühl durchdringen und sich denken, daß nichts symbolisiert ist oder verstandesmäßig ausgedacht ist, sondern vor allem wenigstens versucht worden ist, es ausströmen zu lassen in künstlerischen Formen, dann haben Sie das Grundprinzip, das sich in diesem Bau des Goetheanum ausdrücken soll. Dann haben Sie aber auch die Art und Weise, wie zusammenhängt mit dem inneren Geist der Menschheitsevolution das, was sein will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. In dieser Zeit kommt man dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nicht nahe, wenn man den Weg nicht sucht aus den großen Forderungen heraus der neueren Zeit der menschlichen Gegenwart und der nächsten menschlichen Zukunft. Wir müssen wirklich anders reden lernen über dasjenige, was eigentlich die Menschen der Zukunft entgegenträgt.

[ 31 ] If you don’t think about what I’ve just said with your intellect —which is, after all, a popular approach today—but instead if you take it to heart and realize that nothing here is symbolic or intellectually contrived, but rather that, above all, an effort has at least been made to let it flow out in artistic forms, then you have grasped the fundamental principle that is meant to be expressed in the architecture of the Goetheanum. Then you will also understand how what seeks to be an anthroposophically oriented spiritual science is connected to the inner spirit of human evolution. In this day and age, one cannot come close to this anthroposophically oriented spiritual science unless one seeks the path arising from the great demands of the modern era—of the present human condition and the immediate human future. We really must learn to speak differently about what actually sustains the people of the future.

[ 32 ] Es gibt jetzt mancherlei auf sich stolze Geheimgesellschaften, die aber im Grunde genommen mehr oder weniger nichts anderes sind als doch nur Träger dessen, was noch hereinragt aus der Zeit vor der großen Wende im 15. Jahrhundert. Das drückt sich ja oftmals auch sehr äußerlich aus. Auch wir haben es ja oftmals erfahren können, daß in unsere Reihen hereinragt solches Streben. Wie oft und oft wird, wenn man das besonders Wertvolle eines sogenannten okkulten Strebens ausdrücken will, darauf hingewiesen, wie alt die Sache ist. Wir hatten zum Beispiel einmal einen Mann unter uns, der wollte so ein bißchen sich aufspielen als einen Rosenkreuzer. Und der hat überhaupt, wenn er etwas gesagt hat, was zumeist nichts anderes war als seine höchst eigene, triviale Privatmeinung, nie versäumt zu sagen: wie die «alten» Rosenkreuzer gesagt haben. Aber das «alte» hat er nie ausgelassen. Und wenn man nachschaut bei mancherlei der gegenwärtigen Geheimgesellschaften, überall sieht man den Wert der Dinge, die man vertritt, darinnen, daß man auf das höchste Alter hinweisen kann. Manche gehen zurück auf das Rosenkreuzertum — in ihrer Art selbstverständlich —, manche natürlich noch viel weiter, besonders ins alte Ägypten, und wenn irgend jemand ägyptische Tempelweisheit heute verschleißen kann, dann fällt schon ein großer Teil der Menschheit auf die bloße Ankündigung hin herein.

[ 32 ] There are now all sorts of secret societies that pride themselves on their importance, but which, when it comes down to it, are more or less nothing more than the bearers of what still lingers from the time before the great turning point in the 15th century. This is often expressed in very outward ways as well. We, too, have often observed that such aspirations find their way into our ranks. Time and again, when people seek to express the particular value of a so-called occult pursuit, they point out just how ancient the matter is. For example, we once had a man among us who liked to put on a bit of a show as a Rosicrucian. And whenever he said anything—which was usually nothing more than his own highly personal, trivial opinion—he never failed to add: “as the ‘old’ Rosicrucians used to say.” But he never left out the word “old.” And if one looks at various contemporary secret societies, everywhere one sees that the value of the things they advocate lies in their ability to point to their great antiquity. Some trace their origins back to Rosicrucianism—in their own way, of course—while others, naturally, go back much further, especially to ancient Egypt; and if anyone today can peddle Egyptian temple wisdom, a large portion of humanity will fall for it at the mere mention of it.

[ 33 ] Die meisten unserer Freunde wissen, daß wir stets betont haben: mit diesem Streben nach dem Alten hat diese anthroposophisch orientierte Geistesbewegung nichts zu tun. Sie strebt nach dem, was jetzt unmittelbar aus der geistigen Welt heraus sich für diese physische Welt offenbart. Daher muß sie über vieles anders reden, als auch ernst zu nehmende, aber doch auf das Antiquierte bauende Geheimgesellschaften, die gegenwärtig noch in dem Geschehen der Menschheit eine große Rolle spielen. Wenn Sie solche Leute reden hören — es wird ihnen ja aus dem eigenen Willen heraus heute manchmal der Mund geöffnet —, die eingeweiht sind in gewisse Geheimnisse der gegenwärtigen Geheimgesellschaften, so werden Sie hören, wie sie hauptsächlich von drei Dingen reden. Erstens von jenem Erlebnis, das der wirkliche Sucher nach der geistigen Welt hat, wenn er die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, das darinnen besteht, daß man nicht umhin kann, sobald man die Schwelle zur geistigen Welt überschreitet, zuammenzukommen mit Mächten, welche die wirklichen Feinde der Menschheit sind, welche die wahren, realen, wesenhaften Gegner des hier auf der Erde lebenden physischen Menschen sind, so wie dieser physische Mensch von den göttlichen Mächten intendiert wird. Das heißt: Es wissen diese Leute, daß dasjenige, was sich vor dem gewöhnlichen Menschenbewußtsein verhüllt, durchwoben ist von denjenigen Mächten, die mit einem gewissen Rechte genannt werden dürfen die wesenhaften Ursachen von Krankheit und Tod, mit denen aber auch verwoben ist all dasjenige, was mit der menschlichen Geburt zusammenhängt. Und Sie können dann hören von jenen Menschen, die von solchen Dingen etwas wissen, daß über diese Dinge geschwiegen werden müsse — ich sag es im Konjunktiv —, weil man der profanen Menschheit — so sagt man, man meint eigentlich die unreifen Seelen, die sich nicht stark genug gemacht haben dazu, und allerdings gehört ja dazu ein großer Teil der Menschheit — nicht offenbaren könne, was da jenseits des normalen Bewußtseins ist.

[ 33 ] Most of our friends know that we have always emphasized: this anthroposophically oriented spiritual movement has nothing to do with this longing for the past. It strives for what is now being revealed to this physical world directly from the spiritual world. For this reason, it must speak differently about many things than do secret societies—which, though they should be taken seriously, are nonetheless based on antiquated ideas—that still play a major role in the course of human history today. If you hear such people speak—for their mouths are sometimes opened of their own volition today—who are initiated into certain secrets of the present-day secret societies, you will hear them speak mainly of three things. First, of that experience which the true seeker of the spiritual world has when he crosses the threshold into the spiritual world—an experience that consists in the fact that, as soon as one crosses that threshold, one cannot help but encounter powers that are the true enemies of humanity, that are the true, real, essential adversaries of the physical human being living here on Earth, as this physical human being is intended by the divine powers. That is to say: These people know that what is veiled from ordinary human consciousness is interwoven with those forces that may, with some justification, be called the essential causes of illness and death—forces with which, however, everything connected with human birth is also interwoven. And you may then hear from those people who know something of such matters that these things must be kept secret—I say this in the subjunctive—because, as is said, meaning, in fact, the immature souls who have not made themselves strong enough for it—and indeed, a large part of humanity falls into this category—one cannot reveal what lies beyond normal consciousness.

[ 34 ] Das zweite Erlebnis ist, daß der Mensch in dem Augenblicke, wo er die Wahrheit erkennen lernt — die Wahrheit kann man erst erkennen lernen, wenn man die Geheimnisse des Übersinnlichen kennen lernt —, auch erkennen lernt, inwiefern alles dasjenige, was man durch bloße sinnliche Beobachtung der Umwelt aussagen kann, Illusion, Täuschung ist; wenn das noch so exakt erforscht ist, ja, dann erst recht Täuschung ist. Dieses Verlieren des Bodens unter den Füßen, den insbesondere der heutige Mensch braucht, das Verlieren des festen Bodens, so daß er sagen kann: Das ist eine Tatsache, denn ich habe es gesehen — das hört auf nach dem Überschreiten der Schwelle.

[ 34 ] The second experience is that at the very moment a person begins to recognize the truth—and one can only begin to recognize the truth by coming to know the mysteries of the supersensible—one also begins to recognize the extent to which everything that can be stated through mere sensory observation of the environment is an illusion, a deception; even if it has been investigated with the utmost precision—indeed, all the more so—it is an illusion. This loss of solid ground beneath one’s feet—which modern people in particular need—this loss of firm footing, so that one can say, “This is a fact, for I have seen it”—this comes to an end once the threshold is crossed.

[ 35 ] Das dritte ist, daß in dem Augenblicke, wo wir beginnen Menschenwerk zu verrichten — sei es, indem wir mit Werkzeugen arbeiten oder den Boden bearbeiten, überhaupt Menschenwerk verrichten, namentlich aber dann, wenn wir Menschenwerk verrichten, indem wir es in das Gewebe des sozialen Organismus einweben —, daß wir dann etwas machen, was nicht bloß uns als Menschen angeht, sondern etwas machen, was dem ganzen Universum angehört. Der Mensch glaubt heute selbstverständlich, wenn er eine Lokomotive konstruiert, oder wenn er ein Telephon macht oder einen Blitzableiter oder einen Tisch, oder wenn er einen Kranken heilt oder auch nicht heilt, ihn krank bleiben läßt, oder irgend etwas anderes tut, das seien Dinge, die sich nur abspielen innerhalb der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Nein, dasjenige, was ich angedeutet habe in meinem Mysteriendrama «Die Pforte der Einweihung», daß sich im ganzen Weltenall Ereignisse abspielen, wenn hier etwas geschieht — erinnern Sie sich an die Szene zwischen Strader und Capesius —, das ist eine tiefe Wahrheit.

[ 35 ] The third point is that the moment we begin to perform human labor — whether by working with tools or tilling the soil, or performing any human work at all, but especially when we perform human work by weaving it into the fabric of the social organism — we are then doing something that concerns not only us as human beings, but something that belongs to the entire universe. People today naturally believe that when they design a locomotive, or when they make a telephone or a lightning rod or a table, or when they heal a sick person—or fail to heal them, leaving them sick—or do anything else, these are things that take place only within the course of human development on Earth. No, what I hinted at in my mystery drama The Portal of Initiation—that events unfold throughout the entire cosmos whenever something happens here—remember the scene between Strader and Capesius—that is a profound truth.

[ 36 ] An diese drei Erlebnisse knüpfen die Menschen an, die heute etwas wissen von den Dingen, welche aber in diesen Gesellschaften in der Form von vor der Mitte des 15. Jahrhunderts aufbewahrt werden und oftmals höchst mißverstanden aufbewahrt werden. An diese Dinge knüpfen die Menschen an, indem sie hinweisen: erstens auf das Geheimnis von Krankheit, Gesundheit, Geburt und Tod, zweitens auf das Geheimnis der großen Illusion im Sinnlichen, drittens auf das Geheimnis der universellen Bedeutung des Menschenwerkes. Und sie sprechen in einer gewissen Weise davon. Über alle diese Dinge — und gerade über diese wichtigsten Dinge- muß in der Zukunft anders gesprochen werden als in der Vergangenheit. Und eine Vorstellung davon möchte ich Ihnen geben, wie anders in der Vergangenheit über solche Dinge gesprochen worden ist, was dann herausgeflossen ist in das allgemeine Bewußtsein, durchdrungen hat das gewöhnliche Naturwissen, das gewöhnliche soziale Denken und so weiter, und wie in der Zukunft gesprochen werden muß da, wo man wirklich von der Wahrheit spricht, wie dann herausfließen muß dasjenige, was aus den geheimen Quellen des Erkenntnisstrebens kommt, in die äußere Naturerkenntnis, in die äußere soziale Anschauung und so weiter.

[ 36 ] People today who have some understanding of these matters draw on these three experiences, which are preserved in these societies in the form they had before the mid-15th century—and are often preserved in a highly misunderstood way. People draw on these things by pointing, first, to the mystery of illness, health, birth, and death; second, to the mystery of the great illusion in the sensory realm; and third, to the mystery of the universal significance of human work. And they speak of these things in a certain way. All these things—and especially these most important things—must be spoken of differently in the future than in the past. And I would like to give you an idea of how differently such things were spoken of in the past, what then flowed out into the general consciousness, permeated ordinary knowledge of nature, ordinary social thinking, and so on, and how we must speak in the future—where we truly speak of the truth—and how what flows from the secret sources of the quest for knowledge must then find its way into external knowledge of nature, into external social outlook, and so on.

[ 37 ] Von dieser gewaltigen Metamorphose — die man aber heute verstehen soll, weil die Menschen aus dem Gruppenbewußtsein heraus völlig erwachen müssen zum individuellen Bewußtsein —, vor dieser großen Metamorphose, von dieser historischen Metamorphose möchte ich Ihnen noch sprechen.

[ 37 ] I would like to speak to you further about this tremendous metamorphosis—which we must understand today, because human beings must fully awaken from group consciousness to individual consciousness—about this great metamorphosis, this historic metamorphosis.