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Spiritual and Social Transformations
in Human Evolution
GA 196

22 February 1920, Dornach

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Achtzehnter Vortrag

Lecture III

[ 1 ] Wenn Sie die Betrachtungen, die wir gestern und vorgestern angestellt haben, noch einmal in Gedanken durchlaufen, dann werden Sie sehen: Zum Wesen des Imperialismus gehört, daß sich in einer Gemeinschaft, die den Imperialismus vertritt, etwas, was vorher eine Art Aufgabe war, eine erklärliche, wenn auch nicht immer berechtigte Aufgabe, mit einem gewissen Automatismus, möchte ich sagen, fortsetzt. Es ist bei geschichtlichen Erscheinungen in der Entwickelung der Menschheit so, daß einfach aus einer gewissen Trägheit heraus Dinge festgehalten werden, die einmal eine Berechtigung gehabt haben oder erklärlich waren, Ursachen gehabt haben, und die dann diese Antriebe eingebüßt haben. Wenn ein Gemeinwesen eine Zeitlang nötig hat, sich zu verteidigen, so ist das gewiß etwas Berechtigtes. Zu dieser Verteidigung werden dann Berufe geschaffen, ein polizeilicher, ein militärischer Beruf. Wenn dann aber die Gefahr nicht mehr vorhanden ist, gegen die man sich verteidigen soll, dann ist der betreffende Berufsstand da; man muß die entsprechenden Menschen weiter haben. Die wollen im Sinne ihres Berufes weiter wirken, und es bildet sich dann etwas heraus, was nicht mehr erklärliche Ursachen in den realen Verhältnissen hat. Es bildet sich dann vielleicht sogar aus dem, was zur Verteidigung da war, etwas heraus, was dann einen aggressiven Charakter hat. Und so ist es eigentlich mit allen Imperialismen, außer dem ursprünglichen Imperialismus des ersten Menschheitsstadiums, von dem ich Ihnen vorgestern gesprochen habe, der ja von vornherein dadurch, daß im Bewußtsein der zugehörigen Menschen der Herrschende der Gott ist, seine Berechtigung, die Herrschaft so weit auszudehnen als möglich, ableiten kann. Bei allen folgenden Imperialismen liegt ja im Grunde genommen schon das vor, daß ein innerer Antrieb, Herrschaft auszubreiten, nicht da sein kann.

[ 1 ] When you consider what has been said here during the past two days you will see that what belongs to the essence of imperialism is that in an imperialistic community something that was felt to be part of a mission—not necessarily justified, but understandable—later continued on as an automatism, so to speak. In the history of human development things are retained—simply due to indolence—which were once justified or explicable, but no longer are. If a community is obliged to defend itself for a period of time, then it is surely justified to create certain professions for that purpose: police and military professions. But when the danger against which defense was necessary no longer exists, the professions continue to exist. The people involved must remain. They want to continue to exercise their professions and therefore we have something which is no longer justified by the circumstances. Something develops which, although perhaps originating due to the necessity for defense, takes on an aggressive character. It is so with all empires, except the original imperialism of the first human societies, of which I spoke yesterday, in which the people's mentality considered the ruler to be a god and thus justified in expanding his domain as far as possible. This justification was no longer there in all the subsequent empires.

[ 2 ] Denn betrachten wir noch einmal von ganz bestimmten Gesichtspunkten aus dasjenige, was eigentlich in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit vorliegt. Da finden wir, daß den ältesten Zeiten, die wir geschichtlich nicht mehr ganz verfolgen können, aber in die noch zurückleuchten diejenigen Tatsachen, die geschichtlich zu verfolgen sind, daß da der Wille desjenigen, der als göttliche Wesenheit angesehen wird, der indiskutable Machtfaktor ist. Es gibt im öffentlichen Leben in solchen Imperialismen im Grunde genommen nichts zu diskutieren; aber diese Unmöglichkeit, zu diskutieren, muß sich eben darauf gründen, daß in der Tat in dem Herrschenden ein Gott in Menschengestalt auf der Erde wandelt. Da ist, wenn ich so sagen darf, für die Ordnung der öffentlichen, sozialen Angelegenheiten ein sicherer, ein fester Boden da.

[ 2 ] Let us now consider once again from definite viewpoints what is apparent in the historical evolution of mankind. We find that in the oldest times the will of the individual who was seen as divine was the indisputable power factor. In public life there was in reality nothing to discuss in such empires; but this impossibility of discussion was grounded in the fact that a god in human form walked the earth as the ruler. That was, if I may say so, a secure foundation for public affairs.

[ 3 ] Nun, allmählich geht dasjenige, was so als ein Festes, auf ein Reales, auf einen göttlich-menschlichen Willen Begründetes ist, in das zweite Stadium über. Im zweiten Stadium ist dasjenige, was hier im physischen Leben beobachtet werden kann, seien es Personen, seien es die Insignien von Personen, seien es die Taten der regierenden oder herrschenden Personen, das alles ist Symbolum, ist Zeichen. Während also im ersten Stadium des Imperialismus hier in der physischen Welt unmittelbar der Geist als daseiend gedacht wird, wird im zweiten Stadium dasjenige, was physisch da ist, als ein Abglanz, als ein Bild, als ein Symbolum desjenigen gedacht, was nicht in der physischen Welt da ist, sondern was sich eben nur durch die Personen, durch die Taten, durch anderes in der physischen Welt verbildlicht.

[ 3 ] Gradually all that which was based on divine will and was thus secure passed over to the second stage. In that stage the things which can be observed in physical life, be they persons, be they the persons' insignias, be they the deeds of the governing or ruling persons, it was all symbols, signs. Whereas during the first phase of imperialism here in the physical world the spirit was considered directly present, during the second stage everything physical was thought of as a reflection, as an image, as a symbol for what is not actually present in the physical world, but only illustrated by the persons and deeds in the physical world.

[ 4 ] Solche Zeiten, in denen dieses zweite Stadium spielt, sind diejenigen, in denen eigentlich erst einen Sinn bekommt bis in die menschliche Gedankenwelt hinein, soweit öffentliche Angelegenheiten betroffen werden, das Diskutieren. In dem ersten Stadium des Imperialismus kann von dem, was wir heute Recht nennen, eigentlich noch gar nicht gesprochen werden. Es kann auch nicht gesprochen werden von irgendwelchen staatlichen Einrichtungen. Es kann nur gesprochen werden von den Erscheinungen der göttlichen Gewalt durch physische Menschen. Es kann nur davon gesprochen werden, daß in den sozialen Angelegenheiten der konkrete reale Wille der physischen Menschen wirkt. Da hat die Frage, ob dieser Wille berechtigt ist oder nicht, gar keinen Sinn. Er ist eben da. Er muß befolgt werden. Darüber zu diskutieren, ob der Gott in Menschengestalt das tun soll oder nicht tun soll, was er tut, ist sinnlos. Das gab es auch in jenen ältesten Zeiten gar nicht, in denen wirklich die Zustände vorhanden waren, die ich Ihnen für diese ältesten Zeiten geschildert habe. Aber wenn man in den physischen Verhältnissen nur das Bild der geistigen Welt zu sehen hat, wenn man von dem redet, was noch der heilige Augustinus als den Gottesstaat, das heißt den Staat, der auf der Erde hier liegt, der aber ein Abbild ist der himmlischen Tatsachen, der himmlischen Persönlichkeiten, bezeichnet, dann kann der eine die Ansicht haben, das, was durch die das Göttliche abbildende Persönlichkeit geschieht, das ist richtig, das ist ein wirkliches Abbild; der andere kann da widerstreiten und kann sagen: Es ist nicht ein wirkliches Abbild. — Da entsteht erst die Möglichkeit der Diskussion. Der heutige Mensch glaubt, weil er gewohnt ist, alles zu kritisieren, über alles zu diskutieren, Kritisieren und Diskutieren sei in der Menschheitsentwickelung immer vorhanden gewesen. Das ist nicht wahr. Das Diskutieren und Kritisieren ist erst ein Kennzeichen des zweiten Stadiums, das ich Ihnen geschildert habe. Da beginnt auch erst die Möglichkeit, im eigenen Inneren zu urteilen, das heißt, ein Prädikat zu einem Subjekte hinzuzufügen. In den ältesten Ausdrucksformen der Menschen gab es dieses persönliche Urteil überhaupt nicht in bezug auf öffentliche Angelegenheiten. Im zweiten Stadium kann sich erst langsam alles dasjenige vorbereiten, was wir zum Beispiel heute Parlament nennen; denn das Parlament hat nur einen Sinn, wenn diskutiert werden kann über öffentliche Angelegenheiten. So daß also selbst die primitivsten Formen des öffentlichen Diskutierens erst ein Charakteristikon des zweiten Stadiums sind.

[ 4 ] Such times, when the second stage appeared, was when it first occurred to people that a possibility for discussion of public affairs was possible. What we today call rights can hardly be considered as existing during the first stage. And the only political institution worth mentioning was the phenomenon of divine power exercised by physical people. In social affairs the only thing that mattered was the concrete will of a physical person. To try to judge whether this will was justified or not makes no sense. It was just there. It had to be obeyed. To discuss whether the god in human form should or should not do this or that made no sense. In fact it was not done during those times when the conditions I have described really existed. But if one only saw an image of the spiritual world in physical institutions, if one spoke of what Saint Augustine called the “City of God”—that is, the state which exists here on earth, but which is really an image of heavenly facts and personalities, then one can hold the opinion that what the person does who is a divine image is right, is a true image: someone else could object and say that it is not a true image. That's when the possibility of discussion originated. The person of today, because he is accustomed to criticize everything, to discuss everything, thinks that to criticize and discuss was always present in human history. That is not true. Discussing and criticizing are attributes of the second stage, which I have described for you. Thus began the possibility to judge on one's own, that is, to add a predicate to a subject. In the oldest forms of human expression this personal judging was not at all present in respect to public affairs. During the second stage what we call today parliament for example was in preparation; for a parliament only makes sense when it is possible to discuss public affairs. Therefore, even the most primitive form of public discourse was a characteristic of the second stage.

[ 5 ] Wir leben heute, insoferne die gerade für westliche Länder charakteristische Form mehr oder weniger sich über die Welt ausbreitet, im dritten Stadium, in jenem dritten Stadium, das ich Ihnen, insofern das Seelenleben in Betracht kommt, als das Stadium der Phrase bezeichnete. Dieses Stadium der Phrase, wie ich es Ihnen gestern charakterisiert habe, ist eben dasjenige, wo auch aus der Diskussion heraus verschwunden ist die innerliche Substanz und wo daher jeder recht haben kann oder wenigstens glaubt, recht haben zu können, wo man ihm auch nicht beweisen kann, daß er unrecht hat, weil im Grunde genommen innerhalb der Welt der Phrase alles behauptet werden kann. Immer aber erhalten sich frühere Stadien in die nächsten Stadien hinein. Dadurch entstehen im Grunde genommen immer erst die inneren Impulse zu den Imperialismen. Die Menschen beobachten die Dinge nur sehr oberflächlich. Wenn der frühere deutsche Kaiser als den Ausdruck seiner Gesinnung in ein Buch, das man auflegte zum Einschreiben, hineinschrieb: Des Königs Wille ist erhabenstes Gesetz — wie er es getan hat, was bedeutet das’? Das bedeutet: Er drückt sich im Zeitalter der Phrase so aus, daß der Ausdruck nur eine Bedeutung für das erste Stadium hat. Im ersten Stadium war es tatsächlich so, daß der Wille des Herrschers oberstes Gesetz war. Der Rechtsbegriff, der immer die Diskussion einschließt, der immer das Advokatorische im Gefolge hat, der ist wesentlich ein Charakteristikon des zweiten Stadiums, und er kann nur in seiner Realität aus dem zweiten Stadium heraus begriffen werden. Wer verfolgt hat, wieviel über Ursprung und Charakter des Rechtes diskutiert worden ist, der hat schon aus diesen Diskussionen entnehmen können, daß in den Rechtsbegriffen als solchen etwas Schillerndes ist, weil man es eben mit dem symbolischen Zeitalter zu tun hat, wo das Geistige durch das Materielle hindurchschillert, schimmert, scheint, so daß, wenn man nur das äußere Zeichen, das auch im Worte, in den Rechtsusancen vorliegen kann, vor sich hat, dann über das Rechte gestritten werden kann, daß überhaupt auch im öffentlichen Leben über Rechte advokatorisch diskutiert werden kann.

[ 5 ] Today we live in the third stage, insofar as the characteristic form of the western countries more or less spreads over the world. This is the stage of platitudes. This stage of platitudes, as I characterized it to you yesterday, is the one in which the inner substance has also disappeared from discussion and therefore everyone can be right, or at least think that they are right, when it can't be proved that they are wrong, because basically within the world of platitudes everything can be affirmed. Nevertheless, previous stages are always retained within the next stages. Therefore the inner impulse to imperialism exists. People observe things very superficially. When the previous German Kaiser wrote in a book that was opened out to write in: “The king's will is sublime law”—what did it mean? It meant that he expressed himself in the age of platitudes in a manner that only had meaning for the first stage. In the first stage it was really the case that the ruler's will was highest law. The concept of rights, which includes the right of free speech, and involves lawyers and courts, is essentially a characteristic of the second stage, and can only be grasped in its reality from the viewpoint of the second stage. Whoever has followed how much discussion has taken place about the origin and character of rights will have noticed that there is something shimmering in the rights concept as such, because it is applicable to the symbolic stage, where the spiritual shimmers through the material, shines, so that when only the external signs, the legal aspects and words appear, one can argue and discuss what are rights and the legal system in public discourse.

[ 6 ] Im Zeitalter der Phrase verliert man aber völlig das Verständnis dafür, wie zur Fixierung überhaupt des Rechtsbegriffes es notwendig ist, daß in den sozialen Verhältnissen die Anschauung herrsche: Es scheint herein das geistige Reich in das physische Reich. Und dann macht man eben solche Definitionen des Rechtes, wie ich sie Ihnen gestern vorgeführt habe durch das Beispiel des Woodrow Wilson. Ich will Ihnen heute eine Definition wörtlich vorlesen, die Woodrow Wilson gegeben hat vom Rechte, und Sie werden sehen, daß sich diese Definition dadurch auszeichnet, daß sie lauter Phrasenhaftes enthält. Ich habe es schon gestern angeführt, ich möchte das heute noch ganz genau anführen. Er sagt: «Das Recht ist der Wille des Staates in bezug auf die bürgerliche Aufführung derjenigen, die unter seiner Autorität stehen.» Also, der Staat entfaltet einen Willen! Man soll sich vorstellen, daß jemand, der sonst sehr stark im abstrakten Idealismus, um nicht zu sagen, im Materialismus — denn das ist ja fast dasselbe, abstrakter Idealismus und Materialismus —, drinnensteht, daß der davon spricht: Das Recht ist der Wille des Staates. — Der Staat also soll einen Willen haben. Man muß von allen Geistern konkreter Anschauung verlassen sein, wenn man überhaupt nur in Versuchung fällt, dergleichen zu sagen oder hinzuschreiben. Es ist dieses eben enthalten in jenem Werke, von dem ich Ihnen schon gestern gesprochen habe, in dem Kodex der Phraseologie: «Der Staat, Elemente historischer und praktischer Politik» von Woodrow Wilson.

[ 6 ] In the age of the platitudes, however, understanding of what is necessary for rights in society is completely lost: that the spiritual kingdom shines through into the physical kingdom. And then one arrives at such definitions as I described yesterday using the example of Woodrow Wilson. I will now read to you a definition of the law that Woodrow Wilson gave so you can see how this definition consists of nothing but platitudes. He said: “The law is the will of the state in respect to those citizens who are bound by it.” So the state unfolds a will! One can well imagine that someone who is embedded so strongly in abstract idealism, not to mention materialism—for they are practically the same—can claim that the state is supposed to have a will. He would have to have lost all sense of reality to even conceive of such a thing let alone write it down. But it is in the book I spoke to you about yesterday—the codex of platitudes: The State, Elements of Historical and Practical Politics.

[ 7 ] Es stehen allerdings auch andere interessante Sachen darinnen. Auf eine Stelle möchte ich nur in Parenthese einmal Ihre Aufmerksamkeit lenken, da, wo Woodrow Wilson in diesem Buche über das Deutsche Reich spricht, nachdem er entwickelt hat, wie die Bestrebungen zur Begründung dieses Deutschen Reiches nach und nach gekommen sind, bis es zuletzt 1870/71 einer gewissen Rundung zustrebte. Das schildert er abschließend mit folgenden Sätzen: «Den letzten Antrieb zur Erreichung vollständiger nationaler Einigkeit brachte der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. Die glänzenden Erfolge Preußens in diesem Kampfe, der im Interesse des deutschen Patriotismus gegen französische Unverschämtheit geführt wurde, machte der kühlen Zurückhaltung der Mittelstaaten ihrem großen Nachbarn im Norden gegenüber ein Ende; sie vereinigten sich mit dem übrigen Deutschland, und das Deutsche Reich wurde im Königsschloß zu Versailles am 18. Januar 1871 begründet.»

[ 7 ] There are other interesting things in it. Only in parenthesis I would like to draw your attention to what Wilson says in this book about the German Empire after he describes how the efforts to found it were finally successful in 1870/71. He describes this with the following sentences: “The final incentive for achievement of complete national unity was brought about by the German-French war of 1870/71. Prussia's brilliant success in this struggle, fought in the interest of German patriotism against French impertinence, caused the cool restraint of the central states towards their powerful neighbor in the northern end; they united with the rest of Germany and the German Empire was founded in the royal palace at Versailles on January 18, 1871.”

[ 8 ] Das hat allerdings derselbe Mann geschrieben, der dann einige Zeit danach in Versailles sich vereinigt hat mit denjenigen, die dazumal in ihrer «Unverschämtheit» die Veranlassung dazu gegeben haben, daß das Deutsche Reich begründet worden ist. Vieles im heutigen öffentlichen Urteil rührt eben davon her, daß die Menschheit so entsetzlich oberflächlich ist und sich um die Dinge nicht kümmert. Wenn man sich entschließt, aus sachlichen Untergründen heraus zu urteilen, dann nehmen sich die Dinge immer anders aus, als sie heute im öffentlichen Urteil so hinschwimmen und von Tausenden und aber Tausenden von Menschen nachgesprochen werden. Es hätte gar nichts geschadet, damals, als Woodrow Wilson im gloriosen Zug in Paris angekommen ist, gefeiert von allen Seiten, ihm einmal diesen Ausspruch entgegenzuhalten. Das ist dasjenige, worauf gedrungen werden muß, wirklich aus inneren Gründen, daß auf die Tatsachen, das heißt zugleich auf die Wahrheit, wirklich hingewiesen werde.

[ 8 ] The same man wrote that who a short time later in Versailles united with those whose impertinence had once been the motivation for the founding of the German Empire. Much of present day public opinion derives from the fact that people are so terribly superficial and pay no attention to the facts. If you decide to decide according to objective information, then things look quite different from what is propounded in public and accepted by thousands upon thousands of people. It wouldn't have hurt one bit if when Woodrow Wilson arrived in Paris in glory, praised from all sides, these remarks had been held up to him. That is what must be striven for, to take the facts into account, which means also the truth.

[ 9 ] Also im zweiten Stadium haben wir es zu tun mit dem, was zur Diskussion führt, was eigentlich erst den öffentlichen Rechtsbegriff möglich macht. Im dritten Stadium haben wir es zu tun, wie wir gesehen haben, als wesentliche Realität mit dem wirtschaftlichen Leben. Und wir haben gestern gezeigt, wie im Lauf der historischen Entwickelung dieses Zeitalter der Phrase durchaus notwendig ist, damit die Phrase, die nichts mehr enthält, den Menschen die Augen darüber öffnet, wie sie als in einer Realität nur im wirtschaftlichen Leben stehen und wie sie nötig haben, das Geistige, das neue Geistige nun wirklich in der Welt zu verbreiten.

[ 9 ] So the second stage is when discussion arises, which is what makes the civil rights concept possible. The third stage is when economic life is the essential reality. And yesterday we showed how this [present] age of platitudes is absolutely necessary in the course of historical evolution in order that the platitude, which is empty, can open people's eyes to the fact that the only reality is economic life and how it is therefore so necessary to propagate spirituality, the new spirituality in the world.

[ 10 ] Von diesem neuen Geistigen machen sich die Menschen zunächst nur eine sehr spärliche Vorstellung. Und begreiflich ist es daher, daß gerade dieses neue Geistige mit den schärfsten Mißverständnissen heute noch belegt wird. Denn bis in die Untergründe des menschlichen Lebens hinein muß sich dieses neue Geistige geltend machen. Und so sehr der Substanz nach, dem Inhalte nach jene Geheimgesellschaften, von denen ich gestern gesprochen habe, auch nur traditionell bewahren das Alte, so sehr ist die äußere Devise, «Brüder» zu sein, das heißt, die äußeren Klassenschichtungen nicht hineinzutragen in die Logen und auf die einzelnen subjektiven Bekenntnisse nichts zu geben, doch etwas, was in gewissem Sinne — wenn etwas anderes noch, das ich gleich charakterisieren will, hinzukommt — die Zukunft in der richtigen Weise vorbereiten wird.

[ 10 ] People have quite a skimpy idea about this new spiritual life. And it is therefore understandable that it is burdened with the most ridiculous misunderstandings. For this new spirituality must penetrate into the depths of human life. And although those secret societies, about which I spoke yesterday, only traditionally preserve the old forms, the slogan “brothers,” meaning not to let social class or an individual's religion play a part in the lodges, in a certain sense does prepare for it in the right way.

[ 11 ] Wir sagen heute — ich bitte Sie, auf das ganz besonders zu achten —, nehmen wir etwas ganz Banales, Gewöhnliches: Der Baum ist grün. — Das ist eine Redewendung, die durchaus dem zweiten Stadium menschlicher Entwickelung angehört: Der Baum ist grün. — Vielleicht werden Sie mich am besten verstehen, wenn ich Sie bitte, sich vorzustellen, man soll dasjenige, was man ausdrückt durch das Urteil: Der Baum ist grün —, man soll das malen. Man kann es nicht malen! Man kann nicht malen: Der Baum ist grün. — Man wird irgendeine weiße oder sonstige Fläche haben, wird da grüne Farbe auftragen, aber vom Baume malt man doch nichts! Und wenn man vom Baume etwas malt erst außer dem, was da noch grün ist, so wird das etwas sein, was nur das Objektive stört. Will man malen: Der Baum ist grün —, so malt man eben etwas, was eigentlich ein Totes ist. Die Art und Weise, wie wir Subjekt und Prädikat in unserer Sprache zusammenfügen, die ist im Grunde genommen nur brauchbar für unsere Weltanschauung des Toten, des Unlebendigen. Weil wir noch keine Vorstellung davon haben, wie alles in der Welt lebendig ist und wie wir uns auszudrücken haben gegenüber dem, daß alles lebt und webt, bilden wir solche Urteile wie: Der Baum ist grün —, was eigentlich voraussetzt, daß ein Verhältnis besteht zwischen irgend etwas und der grünen Farbe, während die grüne Farbe selbst das Schöpferische ist, mit die Kraft ist, die da wirkt und lebt. Bis in das Innerste des Seelenlebens hinein wird — das wird allerdings eine lange Zeit in Anspruch nehmen — die Umwandelung des menschlichen Denkens und Empfindens vor sich gehen müssen, und diese Umwandelung wird sich übertragen auf die äußerlichen sozialen Verhältnisse, auf die Beziehungen der Menschen untereinander.

[ 11 ] We say today—I beg you to pay special attention to this, let's take something quite banal, quite common: “The tree is green.” This is a manner of speaking which is common to the second stage of human development. Perhaps you will understand me better if you imagine that we try to paint this opinion—that “the tree is green.” You cannot paint it! There will be some white surface and green will be added, but nothing about the tree has been painted. And when something of the tree is painted which isn't green all you do is disturb the effect even more. If you try to paint “The tree is green,” you are painting something dead. The way we combine subject and predicate in our speech is only useful for our view of the dead, of the non-living in the world. As we still have no idea of how everything in the world is alive, and how to express ourselves about what is alive, we form such judgments as “The tree is green,” which presupposes that a relationship exists between something and the color green, whereas the color green is itself the creative element, the force which acts and lives. The transformation of human thinking and feeling will have to take place within the innermost life of the soul. This will take a long time to accomplish, but when it does it will affect social conditions and how people relate to each other.

[ 12 ] Mit Bezug auf alles das stehen wir heute erst durchaus im Anfange. Aber man muß einsehen, welches die Wege sind, die in dieser Beziehung zum Lichte führen. Ich sagte: Darinnen liegt etwas Bedeutsames, wenn sich Menschen untereinander vereinigen, so daß unter ihnen das subjektive Bekenntnis keine Rolle spielt. — Und verfolgen Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus — aber tun Sie es wirklich einmal in Ihren Gedanken — die Art und Weise, wie gerade in der Anthroposophie geschildert wird. Es wird da gar nicht so geschildert, daß Definitionen, daß gewöhnliche Urteile gegeben werden. Es wird versucht — man muß natürlich damit rechnen, daß die Menschen das als einziges noch gar nicht aufnehmen —, aber es wird im wesentlichen versucht, Bilder zu geben, die Dinge gerade von den verschiedensten Seiten darzustellen, und es ist so ziemlich das Unsinnigste, wenn man etwas, was wirklich im geisteswissenschaftlichen Sinne gemeint ist, auf das bloße Urteil des Ja oder Nein hin festnageln will. Das wollen ja gewiß die Menschen in der Gegenwart noch immer, aber das kann man nicht.

[ 12 ] Today we are only at the beginning of all this. But it is necessary to know which paths lead to the light. I have said that it is meaningful when people get together and each one's subjective beliefs play no role. And consider it from this viewpoint—really think about it—the way in which anthroposophy is described. It is not described through definitions or ordinary judgments. We try to create images, to present things from the most varied sides, and it is senseless to try and nail down something meant in a spiritual-scientific sense with a mere yes or no opinion. People today always want to do that, but it isn't possible.

[ 13 ] Es kommt ja immer wieder und wiederum vor, weil wir aus dem zweiten Stadium herauswachsen, in das dritte Stadium hineinwachsen, daß man irgendwie gefragt wird: Was ist gut für mich, der ich jetzt mit diesen oder jenen Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen habe? Man gibt irgendeinen Rat. Aha, sagt der Betreffende, also in dieser oder jener Lage des Lebens muß man dies oder jenes machen. — Es wird generalisiert! Aber die Sache hat nur eine sehr eingeschränkte Bedeutung, denn Urteile, die aus der geistigen Welt heraus gefällt werden, die haben immer nur eine individuelle Bedeutung, sind immer nur für den einzelnen Fall anwendbar. Diese Art zu generalisieren, die wir gewohnt worden sind aus dem zweiten Stadium der menschlichen Entwickelung heraus, die darf sich gar nicht in die Zukunft hinein fortsetzen. Die Menschen sind heute nur so sehr gewöhnt daran, die Dinge der Vergangenheit in die Zukunft hinein fortzusetzen. Abgewöhnen kann man sich, was da in den Seelen verderblich lebt, dadurch, daß man die Dinge eben in ihrer vollen Klarheit überschaut.

[ 13 ] It happens ever more frequently—because we are growing out of the second stage and into the third—that someone asks: What is good for me in order to counter this or that difficulty in life? Advice is given. Aha! The person concerned says, so in this or that situation in life one must do this or that. They generalize. But it has only a limited meaning, for judgments given from the spiritual world always have only an individual meaning, are only applicable to one case. This way of generalizing, which we have become accustomed to in the second stage, must not continue into the third stage. People today are very much inclined to carry things over from the past into the future. One can become disinclined towards the things which are pernicious for the soul by seeing clearly what is happening.

[ 14 ] Ich habe Sie gestern darauf hingewiesen, daß eigentlich die katholische Kirche in vieler Beziehung zurückweist auf das erste Stadium. Sie enthält gewissermaßen etwas wie einen Schein oder Schatten des ersten Stadiums der Menschheitsentwickelung, einen Schein oder Schatten, der sich zuweilen sehr stark zu einer Art seelischen Imperialismus verdichtet hat, wie zum Beispiel im 11. Jahrhundert, als die Mönche von Cluny tatsächlich viel mehr über Europa herrschten, als man denkt. Aus ihnen ging dann der Papst Gregor VII. hervor, der mächtige, imperialistische Papst. Dadurch, daß eigentlich, vermöge der römisch-katholischen Dogmatik, sich der Priester als mehr fühlen muß als der Christus, weil er den Christus zwingen kann, auf dem Altar anwesend zu sein, dadurch ist deutlich bezeugt, daß die Institution der katholischen Kirche im wesentlichen das Schein- und Schattenbild ist desjenigen, was als erstes Stadium der Menschheitsentwickelung in dem urältesten Imperialismus da war.

[ 14 ] Yesterday I indicated to you that in many respects the Catholic Church harks back to the first stage. It contains something like a sham or a shadow of the first stage of human evolution, which sometimes solidifies into a kind of spiritual imperialism, as for example in the 11th century when the Monks of Cluny really ruled over Europe more than is thought. From their ranks the powerful, imperialistic Pope Gregory VII emerged. Therefore Roman Catholic dogma enables the priest to feel greater than Christ, because he can force him to be present at the altar. This clearly shows that the institution of the Catholic Church is a relic, a shadow-image of what existed in the very first imperialism.

[ 15 ] Nun wissen Sie, daß eine große Feindschaft zwischen der katholischen Kirche und allen den Gesellschaften, die die Freimaurerei, eine gewisse Sorte wenigstens von Freimaurerei, zu ihrem Werkzeuge haben, in westlichen Gegenden besteht. Nun würde es ja sehr weit führen, und ich kann dies in diesem Vortrage nicht mehr tun, in den Einzelheiten zu zeigen, wie sich diese Feindschaft nach und nach in der neueren Zeit immer mehr und mehr vergrößert hat. Aber auf das eine kann hingewiesen werden, daß in diesen Geheimgesellschaften schon eines sehr stark lebt, die Ansicht nämlich, daß die katholische Kirche nur das Schattenbild des eigentlich untergegangenen Imperialismus des ersten Stadiums ist. Das ist für diese Geheimgesellschaften eben doch Grundlehre, daß die katholische Kirche das Schattenbild, der stehengebliebene Rest des ersten Stadiums des Imperialismus ist. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hat noch diesen Rahmen benützt, Karl der Große und die Ottonen haben sich von dem Papst krönen lassen, haben den Imperialismus des Seelischen als Salbungsmittel für den Imperialismus der äußeren Welt benützt. Man nahm das, was da war, was aus alten Zeiten geblieben war, und da hinein goß man dasjenige, was das Neue war. So daß man in den Rahmen der ersten Imperialismen die Imperialismen des zweiten Stadiums hineingegossen hat.

[ 15 ] You know that a great enmity existed between the Catholic Church and the secret societies which used Freemasonry in the west—a certain form of Freemasonry at least—as their instrument. It would go too far in this lecture to describe in detail how this enmity has gradually increased over time. But one thing can be said, how in these secret societies the opinion is very strong that the Catholic Church is a relic of the first stage of imperialism. The Holy Roman Empire used this framework to have Charlemagne and the Otto's crowned by the pope, thereby using the imperialism of the soul as the means of mundane anointment. They took what still remained from older times and poured it into the new. Thus the imperialism of the second stage was poured into the framework of the first imperialism.

[ 16 ] Nun sind wir beim dritten Stadium angelangt, das sich insbesondere in westlichen Gegenden zeigt, beim Wirtschaftsimperialismus. Dieser Wirtschaftsimperialismus, der hat in seinem Hintergrunde, wie gesagt, eine geistige Welt der Geheimgesellschaften, die mit phrasenhafter Symbolik sich sättigt. Aber wenn nun klar das bemerkt wird, daß die äußere Konstitution, die soziale Konstitution der Kirche nur ein Schattenbild von etwas ist, was früher da war und jetzt keine Bedeutung mehr hat, so wird das in bezug auf das zweite Stadium eben nicht durchschaut, und darinnen besteht noch die große Illusion, in der namentlich die Staatsleute der Weststaaten stehen. Es ist ja immerhin bezeichnend, daß Woodrow Wilson von dem «Willen des Staates» sprechen kann. Er würde nicht mehr sprechen von dem Willen der Kirche, aber er spricht von dem Willen des Staates als etwas Selbstverständlichem.

[ 16 ] Now we have arrived at the third stage, which shows itself to be economic imperialism, especially in the west. This economic imperialism is connected to a background culture of secret societies, which are sated with empty symbols. But while it has become clear that the social constitution of the Church is a shadow-image of what once existed and no longer has meaning, it is still not understood that in the second stage the statesmen of the west still suffer under a great illusion. Woodrow Wilson would no longer speak of the will of the Church, but he speaks of the will of the State as being self-evident.

[ 17 ] Nun hat der Staat als der Träger des Rechtes, indem er als eine Totalität genommen wird, als eine Ganzheit genommen wird, nur im zweiten Stadium der Menschheitsentwickelung die Bedeutung, die ihm beigelegt wird, gehabt. Während in den ältesten Zeiten die Kirche alles war, beziehungsweise das, woraus die Kirche geworden ist, alles war, war in dem zweiten Stadium das alles, woraus der Staat geworden ist. Für die Kirche bemerkt man die Sache, insbesondere in den Geheimgesellschaften; für den Staat bemerkt man es nicht, will es nicht bemerken. In den Staat wird vorläufig so hineingegossen, wie im Mittelalter in die Kirche hineingegossen wurde dasjenige, was neu war; in den Staat wird hineingegossen dasjenige, was sich etwa vereinigt hat unter einem gewissen Freiheitsbegriff. In den Staat wurde hineingegossen der ganze wirtschaftliche Imperialismus Großbritanniens. Und diejenigen, die brav aufgezogen werden in Großbritannien, sehen in dem Staat etwas Selbstverständliches, etwas, dem sie ganz gut irgendeinen Willen zuschreiben können.

[ 17 ] But the state only had the importance attributed to it during the second stage of human development. Whereas during the oldest, the first stage the Church was all-powerful, in the second stage the state contains everything that was attributed to the Church in the first stage. Thus the economic imperialism of Great Britain and even a certain idea of freedom has been poured into the state. And those who were educated in Great Britain see in the state something that can well have a will of its own.

[ 18 ] Das aber muß eben gerade durchschaut werden, daß diese Art des Staatsbegriffes denselben Weg nehmen muß, den der Kirchenbegriff genommen hat. Man muß erkennen: Wenn man für die Gesamtheit des sozialen Organismus diesen Staatsbegriff beibehält, der eine bloße Rechtsinstitution ist, und alles andere in diese Rechtsinstitution hineinpreßt, dann pflanzt man eben Schatten so fort, wie man in der Kirche — jetzt schon bewußterweise für die Geheimgesellschaften — einen Schatten fortgepflanzt hat. Aber davon ist noch wenig Bewußtsein vorhanden. Denn denken Sie doch nur einmal, daß so ziemlich alles, was heute die Menschen begeistert in öffentlichen Angelegenheiten, in den Staatsbegriff hineingepreßt wird. Da sind Menschen, die sind Nationalisten, Chauvinisten und so weiter, alles was man nennt Nation, national, Chauvinismus, das wird dem Rahmen Staat einverleibt! Da preßt man hinein den Nationalismus und konstruiert den Begriff Nationalstaat. Oder man hat gewisse Anschauungen über, sagen wir, Sozialismus, meinetwillen ganz radikalen Sozialismus: Man nimmt den Rahmen des Staates! Statt daß man den Nationalismus hineinprefßt, preßt man nun eben den Sozialismus hinein. Aber davon hat man keinen Begriff, daß das nur noch ein Schattengebilde werden muß, wie die Konstitution der Kirche ein Schattenbegriff geworden ist.

[ 18 ] But we must perceive that this concept of the state must take the same road the concept of the Church has traveled. It must be realized: If we retain this concept of the state for the entire social organism, a mere rights institution, and force everything else into this rights institution, we are propagating a shadow just as the Church has propagated a shadow—recognized as such by the secret societies. There is little awareness of this though. Think of all the public affairs that people are enthusiastic about which are pressed into the concept of the political state. There are nationalists, chauvinists and so forth; everything we call nation, national , chauvinism, it's all incorporated into the framework of the state. Nationalism is added and the concept of the “nation-state” is construed. Or we may have a certain opinion about, say socialism, even radical socialism: the framework of the state is used. Instead of nationalism, socialism is incorporated. But then we have no concept; it can only be a shadow-image, as the constitution of the Church has become.

[ 19 ] Man hat in einzelnen protestantischen Kreisen den Begriff bekommen, daß die Kirche nur eine äußerliche Institution ist, daß das Wesen des Religiösen im Herzen des Menschen wurzeln muß. Dieses Stadium der menschlichen Entwickelung ist für den Staatsbegriff noch gar nicht da, sonst würde man nicht alle möglichen Nationalismen in die durch die letzten kriegerischen Ereignisse bewirkten europäischen Abgrenzungen, Staatsabgrenzungen hineinpressen wollen. Alle diese Dinge rechnen mit einem nicht. Sie rechnen nicht mit der Tatsache, daß dasjenige, was in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit sich vollzieht, Leben ist und nicht Mechanismus. Und zum Leben gehört, daß es entsteht und vergeht. Zur imperialistischen Auffassung gehört aber etwas anderes. Es gehört dazu, daß man sich über die Zukunft keine Gedanken macht. Das gehört überhaupt zu der Auffassung der öffentlichen Angelegenheiten der Menschen der Gegenwart, daß sie sich über die Zukunft nicht lebendige Gedanken machen, sondern tote Gedanken. Sie denken: Heute richten wir irgend etwas ein, das ist dann gut, das muß dann ewig bleiben. So denkt die Frauenbewegung, so denkt der Sozialismus, so denkt der Nationalismus: Wir begründen irgend etwas, das fängt an mit uns; man hat auf uns gewartet, bis wir so gescheit geworden sind. Aber jetzt haben wir für alle Ewigkeit das Gescheiteste herausgefunden, das wird nun in alle Ewigkeiten bestehen. — Der Gedanke ist ungefähr so, als wenn ich mir einen Jungen herangezogen habe bis zu seinem achtzehnten Jahr und sage: Jetzt habe ich ihn ordentlich aufgezogen, jetzt bleibt er so, wie er ist. — Er wird aber älter werden, und er wird auch sterben, und so ist es mit allem, was in der menschlichen Entwickelung entsteht.

[ 19 ] In some Protestant circles the idea has arisen that the Church is only the visible institution, that the essence of religion must take root in people's hearts. But this degree of human development has not yet arrived in respect to the political state, otherwise we wouldn't be trying to squeeze all kinds of nationalisms into the political boundaries which exist as the result of the war [First World War—trans.] All this neglects to take one thing into consideration—the fact that what occurs in the historical development of humanity is life and not mechanism. And a characteristic of life is that it comes and goes. The imperialistic approach is different however. According to this approach one does not think about the future. This is part of the present-day approach to public affairs, that people have no living thoughts, only dead ones. They think: Today we instituted something, it is good, therefore it must remain forever. The feminist movement thinks like this, as do the socialists and the nationalists. We have founded something, it begins with us, everything waited for us until we became clever enough. And now we have discovered the cleverest that exists and it will continue to exist forever. It's as though I have brought up a child until he is eighteen years old and I say: I have brought him up correctly, and he will stay as he is. But he will get older, and he will also die, as does everything in the course of human evolution.

[ 20 ] Jetzt komme ich zu dem, was ich vorhin erwähnt habe, was hinzukommen muß zu dem Prinzip der Gleichgültigkeit gegenüber dem subjektiven Bekenntnis oder der menschlichen Bruderliebe. Was hinzukommen muß, ist die lebendige Anschauung, die für dieses Erdenleben auch mit dem Tod rechnet, die sich bewußt wird: Wir machen in der Gegenwart Institutionen, die notwendigerweise auch untergehen müssen, weil sie schon das Todesprinzip in sich tragen, die gar nicht wollen einen ewigen Bestand haben, die gar nicht daran denken, etwas Bleibendes zu sein.

[ 20 ] Now I come to what I mention before about what must accompany the principle of indifference to one's religious beliefs and fraternity. What must accompany them is the awareness that life on earth includes death and that we are aware that the institutions we create must of necessity also cease to exist, because the death principle already resides in them and they therefore have no wish to exist forever, do not consider being permanent.

[ 21 ] Wodurch kann denn aber so etwas realisiert werden ? Ja, unter dem Einfluß der Denkweise aus dem zweiten Stadium wird das niemals realisiert werden. Aber wenn jenes Schamgefühl eintreten wird, von dem ich gestern gesprochen habe, wenn man erkennen wird: Wir leben im Reich der Phrase, unter dem das bloße Wirtschaftsleben, der bloße wirtschaftliche Imperialismus glimmt —, dann wird man rufen nach dem Geiste, der unsichtbar, aber in der Wirklichkeit waltet. Man wird rufen nach einer solchen Erkenntnis des Geistigen, die vom Geistigen als einem unsichtbaren Reiche spricht, als einem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, in dem daher wirklich der Christus-Impuls Platz greifen kann. Man wird rufen nach der Erkenntnis von einem solchen Reiche.

[ 21 ] Of course under the influence of the thinking characteristic of the second stage this is not possible . But if the feeling of shame of which I spoke yesterday arises, when we realize that we are living in the kingdom of platitudes under which only economic imperialism glimmers—then will we call for the spirit, invisible but real. We will call for a knowledge of the spirit, one which speaks of an invisible kingdom, a kingdom which is not of this world in which the Christ-impulse can actually gain a foothold.

[ 22 ] Das kann nur sein, wenn die soziale Ordnung dreigegliedert ist: das wirtschaftliche Leben für sich verwaltet wird, das rechtliche Leben nicht mehr der absolute, alles umfassende Staatsbegriff ist, sondern eben Staat ist nur alles dasjenige, was wirklich dem Rechte unterworfen ist, und das Geistesleben wirklich frei ist, das heißt, sich hier in der Wirklichkeit als ein wirkliches Geistesleben ausgestalten kann. Geist kann unter den Menschen nur walten, wenn der Geist von nichts anderem als von sich selber abhängig ist und wenn alle Institutionen, die den Geist zu pflegen haben, von nichts anderem als von sich selber abhängig sind.

[ 22 ] This can only happen when the social order is tripartite, threefold: The economy is auto- administered, the political state is no longer the absolute, all-inclusive entity, but is exclusively concerned with rights alone, and spiritual/cultural life is truly free, meaning that here in reality a free spiritual sector can be organized. The spiritual life of humanity can only be free if it is dependent only upon itself and when all the institutions responsible for cultivating the spirit, that is, cultural life, are dependent only upon themselves.

[ 23 ] Was haben wir dann, wenn wir diesen dreigegliederten Organismus haben, den sozialen Organismus haben? Dann haben wir ein wirtschaftliches Leben. Das ist ganz gewiß so geartet, wie der ursprüngliche Imperialismus geartet war. Es ist alles, was in ihm waltet, auch innerhalb des Lebens der physischen Erde da. In diesem wirtschaftlichen Gliedorganismus müssen wirklich die verwaltenden Kräfte aus dem Wirtschaftsleben selbst herausgenommen werden. Ich glaube wenigstens nicht, daß dann irgend jemand der Meinung sein werde, wenn dieser wirtschaftliche Organismus so organisiert ist, wie es in meinen «Kernpunkten» geschildert ist, daß irgendein Übersinnliches in das unmittelbare Wirtschaftsleben hereingreift. Wenn wir essen, wenn wir Essen zubereiten, wenn wir Kleider zubereiten, so ist alles Wirklichkeit; die Ästhetik daran mag Symbol sein, aber das Kleid ist Wirklichkeit.

[ 23 ] What do we have then, when we have this tripartite organism, this social organism? We have an economy in which the living physical earth is predominant. In this sector the economic forces of the economy itself are active. I doubt anyone will think that if the economy is organized as described in my book Towards Social Renewal—Basic Issues of the Social Question some kind of super-sensible forces will be present. When we eat, when we prepare our food, when we make our clothing, it is all reality. Esthetics may be symbolically present, but the actual clothing is the reality.

[ 24 ] Wenn wir dann das zweite Glied des sozialen Organismus uns ansehen, so haben wir allerdings für die Zukunft nicht eine solche Symbolik, wie die war des zweiten Stadiums der Menschheitsentwickelung, wo der Staat, das verkörperte Recht, eine Totalität war, aber wir haben in all dem, was in dem einen Menschen zutage tritt, eine Abbildung desjenigen, was in dem andern Menschen lebt. Wir haben aus der gegenwärtigen Zeit heraus die Symbolik neu aufgebaut. Was der eine Mensch tut, wird immer ein Zeichen sein für die ganze Art der sozialen Rechtskonstitution, die sich aufbaut.

[ 24 ] When we look at the second sector of the future social organism [the rights sector], we don't have a symbolism like the second stage, where the political state constituted the totality, but we have what is valid for one person being equally valid for the other.

[ 25 ] Und das dritte wird nicht Zeichen und nicht Phrase sein, sondern es wird geistige Wirklichkeit sein. Der Geist wird die Möglichkeit haben, unter den Menschen wirklich zu leben.

[ 25 ] And the third sector will be neither symbol nor platitude, but a spiritual/cultural reality. The spirit will possess the possibility of really living within humanity.

[ 26 ] So wird die innere soziale Ordnung erst aufgebaut werden können, wenn man wirklich übergeht zur inneren Wahrhaftigkeit. Das aber wird im Zeitalter der Phrase ganz besonders schwer. Denn im Zeitalter der Phrase gewöhnen sich die Menschen zwar eine gewisse raffinierte Gescheitheit an, aber diese raffinierte Gescheitheit ist eigentlich im wesentlichen nichts anderes als ein Spiel mit den Wortrepräsentanten alter Begriffe. Denken Sie doch nur einmal an das charakteristische Beispiel, plötzlich tauchte es aus Phrasenimperialismus heraus auf, daß es gut wäre, wenn der König oder die Königin von England auch den Titel «Kaiser von Indien» erhielte. Es hat sich absolut nichts geändert. Man kann selbstverständlich die schönsten Gründe finden für diese Betitelung «Kaiserin von Indien» oder «Kaiser von Indien». Aber denken Sie sich, das wäre nicht gemacht worden — es wäre gar nichts anders verlaufen! Der Kaiser von Österreich, der ja jetzt auch zu den Davongejagten gehört, der trug bis zu seiner Davonjagung neben seinen andern vielen Titeln einen ganz merkwürdigen Titel. Da war — was weiß ich — Franz Joseph I. Kaiser von Österreich, apostolischer König von Ungarn, König von Böhmen, Dalmatien, Kroatien, Slowenien, Galizien, Lodomerien, Illyrien und so weiter. Unter diesen vielen Titeln stand auch «König von Jerusalem»! Der österreichische Kaiser führte — bis er nicht mehr Kaiser war — den Titel König von Jerusalem. Das war noch von den Kreuzzügen her. Man kann doch auf keine schönere Art beweisen, welche Rolle das Nichtssagende spielt. Und dieses Nichtssagende spielt schließlich eine viel größere Rolle, als Sie eigentlich meinen.

[ 26 ] The inner social order can only be built through a transition to inner truthfulness. In the age of platitudes this will be especially difficult though. For during the age of platitudes people acquire a certain ingenious cleverness, which is, however, nothing more than a play on words of the old concepts. Just consider for a moment a characteristic example. Suddenly from the imperialism of platitudes comes the idea that it would be good if the queen of England also has the title “Empress of India.” One can invent the most beautiful reasons for this, but if it didn't happen, nothing would have changed. The Emperor of Austria, who now belongs to the deposed royalty, before he was chased out carried around along with his other titles a most unusual one: Franz Joseph I, Emperor of Austria, Apostolic King of Hungary, King of Bohemia, Dalmatia, Croatia, Slovenia, Galizia, Lodomeria, Illyia and so on. Among all these titles was also “King of Jerusalem!” The Austrian Emperor also carried, until he was no longer emperor, the title “King of Jerusalem.” It came from the crusades. It would be impossible to give a better example of meaninglessness than this. And such meaninglessness plays a much greater role than you imagine.

[ 27 ] Also es handelt sich darum, daß man wirklich aufsteigt zu dieser Erkenntnis des Phrasenhaften in der Gegenwart. Und das ist dadurch erschwert, daß eben derjenige, der in der Phrase lebt, bloß die Wortrepräsentanten alter Begriffe in seinem Gehirn herumkollert und glaubt zu denken. Aber man kann nur wirklich zum Denken wieder kommen, wenn man das innere Seelenleben mit Substanz durchdringt, und die kann nur aus der Erkenntnis der geistigen Welt, dem spirituellen Leben kommen. Nur durch dieses Sichdurchdringen mit dem spirituellen Leben kann der Mensch wiederum ein vollinhaltlicher Mensch werden, nachdem er ein Phrasendarm, ein Phrasengedärme geworden ist, das ausgeleert ist, das sich mit Worthülsen zufrieden gibt.

[ 27 ] It is a question of whether we can arise to a recognition of the present-day platitudes. It is made difficult because those who live in platitudes are the verbal representatives of the old concepts that stagger around in their brains imitating thoughts. But one can only achieve real thinking again when the inner soul-life is filled with substance and that can only come from knowledge of the spiritual world, of spiritual life. Only by being relieved by the spirit can one become a complete person, after having been constipated with platitudes.

[ 28 ] Aus diesem, was ich gestern schon andeutete als ein Schamgefühl, wird der Ruf nach dem Geistigen entstehen. Und die Möglichkeit, daß Geistiges sich verbreite, wird nicht anders kommen als dadurch, daß das geistige Leben selbständig sich entwickelt. Sonst muß man immer in kleine Löchelchen hineinarbeiten, wie wir es bei der Waldorfschule machen mußten, weil das württembergische Schulgesetz eben noch dieses eine Loch gehabt hat, daß es möglich war, eine Waldorfschule einzurichten bloß nach geistigen Gesetzen, nach geistigen Prinzipien, das fast auf keinem andern Fleck der Erde jetzt möglich wäre. Aber man kann ja dasjenige, was mit dem Geistesleben zusammenhängt, nur wirklich aus dem Geiste einrichten, wenn die andern beiden Glieder des sozialen Organismus nicht hineinsprechen, wenn wirklich nur aus dem Geistigen heraus die Dinge geholt werden.

[ 28 ] What I described yesterday as a feeling of shame will result in the call for the spirit. And the propagation of the spirit will only be possible if the spiritual/cultural sector is allowed to develop independently. Otherwise we will always have to take advantage of loopholes, as was the case with the Waldorf School because the Württemberg Province education law had such a loophole which made it possible to establish a Waldorf school only according to spiritual laws, according to spiritual principles, something which in practically no other place on earth would be possible. But one can only organize the things concerning the spiritual life from the spirit itself if the other two sectors do not interfere, if everything is taken directly from the spiritual sector itself.

[ 29 ] Vorläufig geht die Tendenz des Zeitalters ganz dawider. Aber diese Tendenz des Zeitalters wird niemals damit rechnen, daß tatsächlich mit jeder neuen Generation immer mehr und mehr auf der Erde ein neues Geistesleben erscheinen wird. Ganz gleichgültig, ob man heute einen absolutistischen Staat oder eine Räterepublik errichtet: Würde man mit solchen Einrichtungen fortfahren ohne das Bewußtsein, daß alles, was entsteht, dem Leben unterworfen ist und sich fortwährend umwandeln muß, auch durch Tode gehen muß, neue Gestalten, Metamorphosen durchmachen muß, dann würde man nichts anderes vorbereiten, als daß jedesmal die nächste Generation revolutionär wird, denn man würde ja nur für die Gegenwart, das, was man für die Gegenwart gut hält, dem sozialen Organismus einverleiben. Zu den Grundsätzen, welche in westlichen Gegenden noch sehr in die Phrase hineingeheimnißt sind, muß der kommen, den sozialen Organismus als ein Lebendiges anzusehen. Man sieht ihn als ein Lebendiges nur an, wenn man ihn in seiner Dreigliedrigkeit durchschaut. Daher liegt es gerade in der starken, in der furchtbaren, in der intensiven Verantwortlichkeit derjenigen, die durch die wirtschaftliche Begünstigung heute einen Imperialismus nahezu über die ganze Welt ausdehnen, sich bewußt zu werden, daß in diesen Imperialismus hineingegossen werden muß die Pflege eines wahren Geisteslebens. Als Hohn muß es empfunden werden, daß auf den Britischen Inseln ein Wirtschaftsreich über die ganze Welt gegründet wird und daß man dann, wenn man besonders tief mystische Geistigkeit will, zu denjenigen geht, die man wirtschaftlich erobert hat, die man wirtschaftlich ausbeutet, und diese Geistigkeit von ihnen nimmt. Man hat die Verpflichtung, von sich aus geistige Substanz in die äußere Gestalt des sozialen Organismus hineinfließen zu lassen.

[ 29 ] At present the tendency is the reverse. But this tendency does not reckon with the fact that with every new generation a new spiritual/cultural life appears on earth. It's immaterial whether a dictatorship or a republic is established, if it is not understood that everything which appears is subject to life and must be continuously transformed, must pass through death and be formed anew, pass through metamorphoses, then all that will be accomplished is that every new generation will be revolutionary. Because only what is considered good for the present will be established. A fundamental concept for the western areas which are so mired in platitudes must be to see the social organism as something living. And one sees it as living only when it is considered in its threefold nature. It is just those whose favorable economic position allows them to spread an [economic] imperialism over practically the whole world who have the terrible responsibility of recognizing that the cultivation of a true spiritual life must be poured into this imperialism. It is ironic that an economic empire which spread over the whole world was founded on the British Isles and then when they were seeking mystical spirituality turned to those whom they had economically conquered and exploited. [India—Tr.] The obligation exists to allow one's own spiritual substance to flow into the social organism.

[ 30 ] Das ist das Bewußtsein, von dem ich glaube, daß es unsere britischen Freunde von hier aus mitnehmen müßten, das Bewußtsein, daß jetzt in diesem welthistorischen großen Augenblicke bei all denen, die hinzugehören zu Weltorganismen, in denen die englische Sprache gesprochen wird, die Verantwortlichkeit vorhanden ist, in das äußere Wirtschaftsimperium wirkliche Spiritualität hineinzubringen. Denn es gibt da nur ein Entweder-Oder: Entweder es bleibt das Bestreben im bloßen Wirtschaftsimperium, dann ist der sichere Untergang der irdischen Zivilisation die notwendige Folge — oder es wird Geist in dieses Wirtschaftsimperium hineingegossen, dann wird dasjenige erreicht, was mit der Erdenentwickelung eigentlich beabsichtigt war. Ich möchte sagen: Jeden Morgen sollte man sich das in ganz ernsthaftiger Weise vorhalten, und alle einzelnen Handlungen sollte man im Sinne dieses Impulses einrichten. Die Weltenstunde schlägt durchaus ernst in der Gegenwart. In furchtbarer Weise schlägt diese Weltenstunde ernst. Wir sind gewissermaßen im Höhepunkt der Phrasenhaftigkeit angelangt. Wir müssen in dem Zeitpunkt, in dem aus der Phrase ausgequetscht ist aller Inhalt, der einmal in die Menschen in anderer Art hereingekommen ist und der für heute keine Bedeutung hat, aufnehmen dasjenige, was in unser seelisches und soziales Leben wiederum wirklichen substantiellen Inhalt hineinbringen kann. Wir müssen uns klar darüber sein, daß dieses EntwederOder eigentlich jeder heute für sich selbst zu entscheiden hat und daß jeder mit seinen innersten Seelenkräften an dieser Entscheidung teilnehmen muß. Sonst lebt man eigentlich nicht die Angelegenheiten der Menschheit mit.

[ 30 ] That is the awareness which our British friends should take with them, that now, in this worldwide important historic moment, in all the world's economic institutions where English is spoken, the responsibility exists to introduce true spirituality into the exterior economic empire. It's an either/or situation: Either efforts remain exclusively oriented towards the economy—in which case the fall of earthly civilization is the inevitable result—or spirit will be poured into this economic empire, in which case what was intended for earthly evolution will be achieved. I would like to say: Every morning we should bear this in mind very seriously and all activities should be organized according to this impulse. The bell tolls with extreme urgency at present—with terrible urgency. In a certain sense we have reached the climax of platitudes. In an age when all content has been squeezed out of platitudes, content which came to humanity previously but which no longer has any meaning, we must absorb real substantial content into our psychological and social life. We must be clear about the fact that this either/or must be decided by each individual for him or her self and that each must participate in this decision with his most inner force of soul. Otherwise he does not participate in the affairs of humanity.

[ 31 ] Aber die Sehnsucht nach der Illusion ist insbesondere heute im Zeitalter der Phrase eine ungeheuer große. Man möchte so gerne sich über den Ernst des Lebens hinwegtäuschen. Man möchte nicht hinschauen auf die Wahrheit, die waltet in unserer Entwickelung. Wie hätte sich die Menschheit sonst täuschen lassen von dem Wilsonianismus, wenn sie wirklich das innigste Bestreben hätte, sich durch die Wahrheit aufzuklären? Das muß kommen. Es muß in den Menschen erwachsen die Sehnsucht nach der Wahrheit. Vor allen Dingen muß in den Menschen wachsen die Sehnsucht nach der Befreiung des Geisteslebens und die Erkenntnis, daß keiner ein Recht hat, sich Christ zu nennen, der nicht den Ausspruch begreift: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.»

[ 31 ] But the attraction for illusion is especially strong in the age of platitudes. We wish so to sweep away the seriousness of life. We avoid looking at the truth inherent in our evolution. How could people let themselves be deceived by Wilsonian ideas if they really had the intense desire for truthful clarity? It must come. The desire for truth must grow in humanity. Above all, the desire for the liberation of spiritual/cultural life must grow along with the knowledge that nobody has the right to call himself a Christian who has not grasped the saying: “My kingdom is not of this world.”

[ 32 ] Das heißt, das Reich des Christus muß werden ein unsichtbares Reich, ein wirkliches unsichtbares Reich, ein Reich, von dem man spricht als von unsichtbaren Dingen. Nur wenn die Geisteswissenschaft waltet, wird man von diesem Reiche sprechen. Nicht eine äußere Kirche, nicht ein äußerer Staat kann dieses Reich verwirklichen, nicht ein Wirtschaftsimperium. Verwirklichen kann dieses Reich allein der Wille des einzelnen Menschen, der da lebt in dem befreiten Geistesleben.

[ 32 ] This means that the kingdom of Christ must become an invisible kingdom, a truly invisible empire, an empire of which one speaks as of invisible things. Only when spiritual science gains in importance will people speak of this empire. Not some church, not some state, not some economic empire can create this empire. Only the will of the individual who lives in a liberated spiritual/cultural life can create this empire.

[ 33 ] Man kann heute schwerlich glauben, daß in denjenigen Gegenden, in denen Menschen leben, die zertreten sind, viel getan werden kann für diese Befreiung des Geisteslebens. Daher muß es gerade in denjenigen Gegenden getan werden, die heute nicht zu den politisch, wirtschaftlich und selbstverständlich auch bald geistig getretenen gehören. Vor allen Dingen muß die Erkenntnis durchdringen, daß wir wirklich nicht an dem Tage angelangt sind, wo wir sagen: Es ist bisher abwärts gegangen, es wird wieder aufwärts gehen! — Nein, wenn die Menschen nicht aus dem Geiste heraus etwas dazu tun werden, wird es nicht aufwärts gehen, sondern immer weiter abwärts. Die Menschheit lebt heute nicht von irgend etwas, was sie produziert — denn produziert muß erst wiederum werden unter dem Impulse des Geistes -, die Menschheit lebt heute von Reserven, von alten Reserven, und die werden aufgebraucht werden. Und es ist kindisch und naiv, zu glauben, daß man an irgendeinem Tage beim tiefsten Punkt angekommen ist, und dann wird es schon wieder besser gehen, auch wenn man die Hände in den Schoß legt. So ist es nicht. Und man möchte insbesondere, daß ein solches Wort, wie das eben gesprochene, wirklich einiges Feuer entzünde in den Seelen, die sich hinzurechnen zur anthroposophischen Bewegung. Man möchte, daß der Geist, der so stark spukte gerade bei denjenigen, die vielleicht zu dieser anthroposophischen Bewegung gekommen sind, besiegt werde durch den Geist, der hier gemeint wird. Gewiß ist es ja so, daß der einzelne oftmals, wenn er zu einer solchen Bewegung kommt, für sich selbst etwas haben will, für seine Seele. Das kann er ja auch haben, aber nur, damit er dann seine Seele in den Dienst des Ganzen stellen kann. Er soll weiterkommen, gewiß, für sich, aber damit die Menschheit durch ihn weiterkomme. Das kann man sich wiederum nicht oft genug sagen. Das sollte man hinzufügen zu dem andern, wovon ich gesagt habe, daß man sich es eigentlich an jedem Morgen vorhalten solle.

[ 33 ] It is difficult to believe that in the lands in which people are downtrodden much can be done to free spiritual life. Therefore it must be done in those lands where the people are not downtrodden politically, economically and, obviously, not spiritually downtrodden. Above all it must be realized that we have not arrived at the day when we say: Until now things have gone downhill, they will go uphill again! No, if people do not act for this objective out of the spirit, things will not go uphill again, but will continue downhill. Humanity does not live today from what it has produced—for to produce again a spiritual impulse is necessary—humanity lives today from reserves, from old reserves, and they are being used up. And it is childish and naïve to think that a low point is reached some day and things will get better then, even with our hands in our laps. That's not how it is. And I would like to see that the words spoken here kindle a fire in the hearts of those who belong to the anthroposophical movement. I would hope that the specter which perhaps haunts those who find their way to this anthroposophical movement be overcome by the spirit meant here. It is certainly true that someone who finds his way to such a movement often seeks something for himself, for his soul. Of course he can have that, but only in order to stand with his soul in the service of the whole. He should advance, certainly, for himself, but only so mankind can advance through him. I cannot say that often enough. It should be added to those things I said should be thought about every morning.

[ 34 ] Wenn man ganz ernst genommen hätte den innersten Impuls dieser Bewegung, wir müßten ja heute weiter sein. Aber vielfach ist dasjenige, was in unseren Kreisen getan wird, nicht eine Zukunftsförderung, sondern oftmals nur Hindernis. Darüber sollten wir viel mit uns selbst zu Rate gehen. Das ist sehr wichtig. Und vor allen Dingen sollen wir durchaus nicht glauben, daß heute nicht die schärfsten gegnerischen Mächte von allen Seiten sich auftun gegenüber demjenigen, was gerade zum Heil der Menschheit angestrebt wird.

[ 34 ] If we had really taken the inner impulse of this movement seriously, we would have been much farther along. But perhaps what is done in our circles does not help advance towards the future, but is often a hindrance. We should ask ourselves why this is so. It is very important. And above all we should not think that the sharpest powers of opposition are not active from all sides against what strives for the well-being of humanity.

[ 35 ] Ich habe Sie ja hier auf mancherlei hingewiesen von dem, was getan wird in der Welt, um dieser Bewegung zu begegnen, was an Feindseligkeiten dieser Bewegung in den Weg gelegt wird. Ich fühle mich eben verpflichtet, Sie auch mit diesen Dingen bekanntzumachen, damit Sie sehen, daß man eigentlich an keinem Tage sich sagen soll: Da haben wir wiederum das oder jenes widerlegt. - Nichts haben wir widerlegt, weil es bei diesen Gegnerschaften gar nicht darauf ankommt, daß sie die Wahrheit irgendwie vertreten wollen, sondern daß sie sich überhaupt mit der Sache möglichst wenig zu schaffen machen, aber aus allen möglichen Ecken heraus zu Verleumdungen greifen.

[ 35 ] I have already indicated to you what is being done in the world in opposition to our movement, what hostility is activated against us. I feel myself obliged to make these things known to you, so that you should never say to yourself: We have already refuted this or that. We have refuted nothing, because these opponents are not interested in the truth. They prefer to ignore as much as possible the facts and simply aim slanderous accusations from all corners.

[ 36 ] Ich möchte eine Stelle aus einem Briefe vorlesen, der dieser Tage eingetroffen ist in Stuttgart von Kristiania aus. Nur eine Stelle möchte ich vorlesen: «Einer unserer anthroposophischen Freunde arbeitet nämlich an einer sogenannten Volkshochschule zu Kristiania mit einem gewissen Schirmer gemeinsam. Dieser Herr Schirmer ist in gewissem Sinn ein sehr tüchtiger Lehrer, aber ist daneben ein fanatischer Rassemensch und ein verschworener Antisemit. Bei einer Volksversammlung, wo drei von uns Vorträge gehalten haben über die Dreigliederung, ist er gegen uns aufgetreten, oder vielmehr gegen die «Kernpunkte Dr. Steiners, obwohl ohne besonderen Erfolg. Der Kerl hat einen gewissen Einfluß in Lehrerkreisen, und er arbeitet von sich aus eigentlich im Sinne der Dreigliederung in der Schule, insofern er die Freiheit und die lebendige Sachlichkeit dem Kinde gegenüber vertritt, und doch arbeitet er gegen die Dreigliederung und Dr. Steiner, aus dem einfachen Grunde, weil er einen Verdacht hegt, daß Dr. Steiner ein Jude ist. Das ist wohl nicht so schlimm. Wir müssen wohl mehr und größeren Widerstand erwarten und überwinden. Aber jetzt hat er seinen Verdacht bestätigt erhalten: Er hat sich an eine «Autoritäp gewendet, nämlich an den Redakteur der politisch anthropologischen Monatsschrift, Berlin-Steglitz. Diese, eine rein antisemitische Zeitschrift, schrieb ihm, Dr. Steiner ist Jude reinsten Wassers. Er ist mit den Zionisten verbunden, eigentlich an sie geknüpft. Und der Redakteur fügt hinzu, daß sie, die Antisemiten, schon lange ihre Aufmerksamkeit auf Sie gerichtet haben. Herr Schirmer erzählt weiter, daß eine reine Judenverfolgung jetzt im Anfange in Deutschland ist, und daß alle Juden, die jetzt auf der schwarzen Liste stehen der Antisemiten, einfach niedergeschossen werden sollen, oder wie es heißt, unschädlich gemacht werden sollen» und so weiter.

[ 36 ] I would like to read part of a letter to you which arrived recently from Oslo. “One of our anthroposophical friends works in a so-called people's college in Oslo together with a certain Schirmer. This Mr. Schirmer is in a certain sense quite a proficient teacher, but is also a fanatical racist and a sworn anti-Semite. At a people's meeting where three of us gave lectures about the Threefold Society, he talked against us, or rather against Dr. Steiner's Towards Social Renewal, although without much success. The guy has a certain influence in teachers' circles and he works in his own way in the sense of the social triformation in the school insofar as he is for freedom, but on the other hand he works against the social triformation and Dr. Steiner for the simple reason that he suspects that Dr. Steiner is a Jew. That is perhaps not so bad. We must expect and overcome more serious opposition. But now he has received confirmation of his suspicion. He turned to an ‘authority,’ namely the editor of the political anthropological monthly, Berlin-Steglitz. This purely anti-Semitic magazine wrote to him that Dr. Steiner is a Jew through and through. He is associated with the Zionists. And the editor added that they, the anti-Semites, have had their eye on you [Dr Steiner] for a long time. Mr. Schirmer also says that a persecution of the Jews is beginning now in Germany, and that all the Jews on the anti-Semites' blacklist should be simply shot down or, as they say, rendered harmless.” and so on.

[ 37 ] Sie sehen, es handelt sich hier natürlich nicht um etwas in irgendeiner Weise Antisemitisches; das ist ja nur ganz eine Äußerlichkeit. Man wählt in solchen Zusammenhängen Schlagworte, mit denen man möglichst viel ausrichten kann bei denjenigen, die auf Schlagworte irgendwie hören. Aber mit solchen Dingen wird eben hingewiesen auf dasjenige, was die meisten Menschen in der Gegenwart nicht sehen wollen, worüber sie sich immer mehr und mehr hinwegtäuschen wollen. Es ist heute durchaus viel ernster, als Sie denken wollen eigentlich, und es handelt sich darum, daß man diesen Ernst der Zeit nicht verkennt, sondern daß man sich klar darüber ist, daß wir uns in bezug auf solche Dinge, die ja entgegenwirken aller, was im Sinne des Menschheitsfortschrittes gewollt wird, erst im Anfange befinden und daß man eigentlich niemals, ohne seine Verantwortlichkeit zu verletzen, das Augenmerk ablenken sollte von all dem, was sich geradezu auftut von der jetzigen Zeit ab als ein radikal Böses innerhalb der Menschheit, was sich verwirklicht als ein radikal Böses innerhalb der Menschheit. Das Schlimmste, das heute passieren kann, ist, auf bloße Schlagworte und Phrasen irgendwie hinzuhören, zu glauben, daß dasjenige, was der Wortklang alter Begriffe gibt, daß das heute noch irgendwie wurzelt in menschlichen Realitäten, wenn man nicht eine neue Realität aus den Quellen des Geistigen selbst hervorholt.

[ 37 ] You see, this has nothing to do with anti-Semitism as such, that's only on the face of it. They choose slogans in these situations, with which they try to accomplish as much as possible with people who listen to slogans. But such things clearly indicate what most people don't want to see, what they want to ignore more and more. It is today much more serious that you think, and we should not ignore the seriousness of the times, but should realize that we are only at the beginning of these things which are opposed to everything that is intended to advance human progress. And that we should never, without neglecting our responsibilities, divert our attention from what is a radical evil within humanity, what manifests as a radical evil within humanity. The worst that can happen today is paying attention to mere slogans and platitudes, and believing that outdated concepts somehow have roots in human reality today—if we do not initiate a new reality from the sources of the spirit itself.

[ 38 ] Das, meine lieben Freunde, war etwas von dem, was ich Ihnen heute noch sagen wollte, sagen wollte erstens für Sie alle, aber insbesondere für diejenigen, über deren Besuch wir uns hier herzlich gefreut haben, insbesondere sagen wollte unseren englischen Freunden, damit sie aus einer gewissen Erkenntnis heraus, wenn sie jetzt zurückgehen, dort, wo es so wichtig sein wird, ihr Verhalten einrichten. Sie werden gesehen haben, hier wird nicht gesprochen jemandem zuliebe oder jemandem zuleide. Zu schmeicheln irgend jemandem, wird hier nicht gesprochen. Hier wird lediglich gesprochen, um die Wahrheit zu sagen. Ich habe auch Theosophen kennengelernt: Wenn sie sich gerichtet haben an die Angehörigen einer ihnen fremden Nation, dann haben sie angefangen davon zu reden, wie sie es sich zur Ehre anrechnen, innerhalb der großen Nation, die so viel Glorie auf sich gesammelt hat, nun auch die Lehre vom geistigen Leben verbreiten zu können. Aus solchen Untergründen heraus konnte hier nicht zu Ihnen gesprochen werden. Aber ich denke, Sie sind hierhergekommen, um die Wahrheit zu hören, und ich glaube, Ihnen am besten dadurch gedient zu haben, daß ich Ihnen wirklich versucht habe, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen. Sie werden aus diesen Gegenden hier erfahren haben, daß die Wahrheit zu sagen heute keine bequeme Sache ist, denn die Wahrheit ruft heute mehr als jemals Gegnerschaft hervor. Scheuen Sie sich nicht vor Gegnerschaften, denn es ist heute ein und dasselbe: Gegner zu haben und die Wahrheit zu sagen. Diese Dinge müssen durchschaut werden. Und wir werden uns immer dann am allerbesten verstehen, wenn wir in den Untergründen dieses gegenseitigen Verständnisses auch das haben, ungeschminkt die Wahrheit hören zu wollen.

[ 38 ] That, my dear friends, was what I wanted to tell you today, first of all to all of you, but especially to those whose visit has pleased us greatly—especially to our English friends, so that when they return to their own country, where it will be so important, they will have something on which to base their activities. You will have seen that I have not spoken in favor or against anyone, nor have I flattered anyone. I only speak here in order to say the truth. I have known theosophists who when they speak to members of a foreign nation begin to talk about what an honor it is to be able to spread the teachings about the spiritual life in a nation which has accumulated so much glory. Such things cannot be said to you here. But I believe that you have come here to hear the truth and I think that I have best served you by really trying to tell the unvarnished truth. You will have learned during your trip that telling the truth nowadays is not a comfortable thing, for the truth calls forth opposition now more than ever. Do not be afraid of opposition, for they are one and the same: to have enemies and to tell the truth. And we will understand each other best when our mutual understanding is based on the desire to hear the unvarnished truth.

[ 39 ] Das ist dasjenige, was ich heute, wo ich zum letztenmal vor meiner Reise nach Deutschland vor Ihnen spreche, noch im allgemeinen und insbesondere auch zu den englischen Freunden habe aussprechen wollen.

[ 39 ] Before I leave for Germany, this is what I wanted to say to you today, and especially to our English friends.