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Contrasts in Human Development
GA 197

25 July 1920, Stuttgart

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Durch die Betrachtungen, die auch von dieser Stelle hier in der letzten Zeit angestellt worden sind, ging ja ein Grundton. Immer wieder wurde ausgegangen von der Notwendigkeit, den Ernst der Zeit ins Auge zu fassen, wenn an die Aufgaben, an die Absichten, die mit unserer anthroposophischen Bewegung verbunden sind, gedacht werden soll. Diesem Grundton war dann in einer gewissen Weise angemessen, was in diesen Betrachtungen mitgeteilt worden ist und was auch eine Stütze sein soll, um diesen Grundton immer mehr und mehr in einer größeren Zahl unserer Mitglieder als Seelenempfindung zu entwickeln. In dieser Art wollen wir auch fortfahren, und da möchte ich vor allen Dingen heute auf etwas hinweisen, was uns gewissermaßen innerlich hineinstellen kann in die anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Bewegung,

[ 1 ] A certain underlying tone has run through the reflections that have also been offered here recently. Time and again, the starting point has been the necessity of facing the gravity of the times when considering the tasks and intentions associated with our anthroposophical movement. What has been shared in these reflections was, in a certain sense, in keeping with this underlying tone, and is also intended to serve as a foundation for developing this tone more and more as a spiritual attitude among a growing number of our members. We wish to continue in this vein, and today I would like, above all, to point out something that can, in a sense, place us inwardly within the anthroposophically oriented spiritual science movement,

[ 2 ] Wie faßt man denn gewöhnlich aus den ganzen Entwickelungsströmungen der abendländischen Kultur — der ja heute, wie Sie wissen, durch das Buch von Oswald Spengler sogar wissenschaftlich der Untergang bewiesen wird —, wie faßt man denn innerhalb dieser abendländischen Kultur, gleichgültig ob man es mehr oder weniger zugibt oder nicht, Erkenntnis auf? Gerade diejenigen, die sich einbilden, so recht praktisch im Leben drinnenzustehen, fassen ja heute Erkenntnis auf als Theorie und nicht als wirkliche Tat der Menschenseele. Und darauf kommt es heute gerade an, daß wir uns durchringen, Erkenntnis auffassen zu können als Tat der Menschenseele, so auffassen zu können, daß wir, indem wir erkennen, nicht irgendeine Theorie, eine Anschauung nur im Auge haben, sondern daß wir etwas im Auge haben, was willensdurchtränkte Tat im ganzen Zusammenhang der Erden- und Menschheitsentwickelung ist.

[ 2 ] How, then, does one generally gain insight from the entire course of development of Western culture—the decline of which, as you know, has even been scientifically proven today by Oswald Spengler’s book—how, then, does one gain insight within this Western culture, regardless of whether one admits it to a greater or lesser extent? It is precisely those who imagine themselves to be so very practically grounded in life who today regard knowledge as theory rather than as a genuine act of the human soul. And that is precisely what matters today: that we bring ourselves to understand knowledge as an act of the human soul—to understand it in such a way that, in our understanding, we do not have merely some theory or a mere view in mind, but rather something that is an act imbued with will within the entire context of the development of the Earth and humanity.

[ 3 ] Ich möchte zunächst mehr methodisch an einer Tatsache der geistigen Welt klarmachen, was zu verstehen ist unter Erkenntnis als Tat. Ich habe ja öfter auf zwei entgegengesetzte Strömungen im Leben der menschlichen Seele hingewiesen. Die eine Strömung ist die abstrakt-mystische Strömung, die andere ist die abstrakt-materialistische Strömung. Die abstrakt-materialistische Strömung ist diejenige, welche heraufgezogen ist im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte aus der Entwickelung der Naturwissenschaft heraus und im Grunde alle diejenigen Kreise ergriffen hat, die heute für den Fortgang der Menschheitsentwickelung in Betracht kommen. Es kommen ja für den wirklichen Fortgang der Menschheitsentwickelung kaum die traditionellen Religionsbekenntnisse, so wie sie offiziell vertreten werden, heute noch in Betracht. Für die Förderung des weiteren Unterganges der abendländischen Kultur würden diese traditionellen Religionsbekenntnisse, so wie sie offiziell vertreten werden, allerdings in Betracht kommen.

[ 3 ] I would first like to clarify, in a more methodical way, a fact of the spiritual world: what is meant by “knowledge as action.” I have, after all, often pointed out two opposing currents in the life of the human soul. One current is the abstract-mystical current; the other is the abstract-materialistic current. The abstract-materialistic current is the one that has emerged over the course of the last three to four centuries from the development of the natural sciences and has, in essence, taken hold of all those circles that are today considered relevant to the progress of human development. After all, traditional religious creeds, as they are officially represented, are hardly relevant today to the actual progress of human development. However, these traditional religious creeds, as they are officially represented, would certainly contribute to the further decline of Western culture.

[ 4 ] Also, wenn es sich zum Beispiel darum handeln würde, daß die Spenglersche Idee von dem Untergang des Abendlandes sich wirklich realisieren sollte, dann würden mitarbeiten können die traditionellen Religionsbekenntnisse, so wie sie offiziell vertreten werden von den Jesuiten, von den positiv Evangelischen und so weiter; nicht aber würden sie in Betracht kommen für dasjenige, was fortschreitet. Es ist, wie ich ja öfter bemerkt habe, selbst bei denjenigen, die es gar nicht wissen, die materialistische Strömung heute deutlich bemerkbar. Es ist das ja wohl das Charakteristische, und wir müssen uns immer daran erinnern, daß sogar die theosophische Weltanschauung, als sie unter diesem Namen «theosophische Weltanschauung» auftrat, in gewissen Kreisen von Materialismus befallen war. Denn was waren schließlich die Schilderungen vom Ätherleib und Astralleib des Menschen von seiten dieser Kreise, die immer wieder auf den Äther- und Astralleib als bloße Verdünnungen von Materie hinwiesen und die sich nur irgendwelchen Nebel darunter vorstellten, was waren sie denn anderes als maskierter, spirituell maskierter Materialismus? Am meisten spirituell maskierter Materialismus ist natürlich der Spiritismus, der zwar vom Geiste spricht, aber nichts anderes will, als den Geist in materieller Form beweisen, in materieller Form vorstellen. Alles das, was durch die populäre Literatur, vor allen Dingen durch unsere populären Bücher und Zeitungen, welche in allen möglichen Artikeln die Leute unterrichten von dem, was «richtig» ist, alles, was so unter die Menschen kommt, ganz gleichgültig ob von katholischer oder von evangelischer Seite, das ist vom Materialismus durchfressen. Dieser Materialismus ist etwas, das auf der einen Seite zusammenhängt mit der fortschreitenden Kultur. Man hat ihn daher zu berücksichtigen, indem man sich positiv damit beschäftigt. Was historisch traditionell ist wie die Religionsbekenntnisse, das muß natürlich, wenn es Angreifer des Neuen wird, dieses Neue in der intensivsten Weise bekämpfen; aber das ist nicht etwas, womit sich das Gegenwartsvorstellen ernsthaft zu befassen hat, denn es ist etwas, was sich in absteigender Richtung bewegt. Dagegen ist der Materialismus etwas, was — selbstverständlich in materialistischer Färbung, in materialistischer Interpretation — doch eben das hervorbringt, was man in der Gegenwart wissen muß. Man muß wissen, wenn man mitarbeiten will an den Fortschritten des geistigen Lebens, was die materialistische Anatomie, die materialistische Physiologie, die materialistische Biologie, was die Soziologie in der Gegenwart zutage fördert, man muß drinnenstehen in demjenigen, was auf diesem Weg gewußt werden kann, und man muß gerade aus diesem Wissen heraus die Kraft gewinnen, das materialistische Wissen, die materialistische Denk- und Vorstellungsweise umzuwandeln in ein spirituelles Wissen. Es ist also wertvoll innerhalb der heutigen Gegenwart, sich auseinanderzusetzen mit demjenigen, was der Materialismus als Inhalt enthält. Man kann heute nicht in dem Sinn, wie es sich manche denken, sagen wir, die katholische Philosophie des Mittelalters umwandeln. Nur so, wie ich es in Dornach gezeigt habe mit der Thomistik, kann man sie umwandeln, doch da wandelt sie sich selber um. Man kann aber den Materialismus metamorphosieren in spirituelles inneres Seelenleben. Daher ist es ganz unbegründet, wenn von Anthroposophen verachtet wird dasjenige, was der Materialismus hervorbringt. Mit dem muß gerechnet werden. Man kann nicht aus dem blauen Dunst heraus Anthroposophie entwickeln, sondern man muß sie entwickeln im lebendigen Drinnenstehen im gegenwärtigen Leben, und dieses Leben ist eben zunächst das materialistische Leben.

[ 4 ] So, if, for example, Spengler’s idea of the decline of the West were actually to come to pass, then the traditional religious creeds—as officially represented by the Jesuits, the positive Protestants, and so on—might play a part; but they would not be relevant to what is moving forward. As I have often noted, the materialistic current is clearly noticeable today, even among those who are completely unaware of it. This is indeed its defining characteristic, and we must always remember that even the theosophical worldview, when it appeared under the name “theosophical worldview,” was infested with materialism in certain circles. For what, after all, were the descriptions of the human etheric and astral bodies offered by these circles—which repeatedly referred to the etheric and astral bodies as mere rarefactions of matter and imagined them to be nothing more than some kind of mist—what were they, if not materialism in disguise, spiritually disguised materialism? The most extreme form of spiritually disguised materialism is, of course, spiritualism, which, while speaking of the spirit, seeks nothing more than to prove the spirit in material form and to present it in material form. Everything that is disseminated through popular literature—above all through our popular books and newspapers, which instruct people in all manner of articles about what is “right”—everything that reaches the people in this way, whether from the Catholic or Protestant side, is riddled with materialism. This materialism is something that, on the one hand, is connected to advancing culture. We must therefore take it into account by engaging with it in a positive way. What is historically traditional—such as religious creeds—must, of course, combat the new in the most intense way possible if it becomes an aggressor against the new; but this is not something with which contemporary thought needs to seriously concern itself, for it is something that is in decline. Materialism, on the other hand, is something that—albeit with a materialistic slant and in a materialistic interpretation—nevertheless brings to light precisely what one must know in the present. If one wishes to contribute to the progress of spiritual life, one must know what materialistic anatomy, materialistic physiology, materialistic biology, and sociology are revealing in the present; one must be immersed in what can be known through this approach, and one must draw precisely from this knowledge the strength to transform materialistic knowledge and the materialistic way of thinking and imagining into spiritual knowledge. It is therefore valuable in the present day to engage with the content that materialism embodies. One cannot today, in the sense that some imagine—let us say—transform medieval Catholic philosophy. It can be transformed only in the way I demonstrated in Dornach with Thomism; yet even then, it transforms itself. One can, however, metamorphose materialism into a spiritual inner life of the soul. Therefore, it is entirely unfounded for anthroposophists to despise what materialism produces. One must take this into account. One cannot develop anthroposophy out of thin air; rather, one must develop it while standing alive within present-day life, and this life is, for the time being, precisely materialistic life.

[ 5 ] Nun muß man in dem Augenblick, wo man im Sinn des wirklichen Menschheitsfortschrittes den Materialismus empfinden will, eine Grundempfindung in sich entwickeln, gerade jene Grundempfindung, welche weiteste Kreise in unserer Gegenwart, namentlich die gegenwärtigen Gelehrtenkreise, gar nicht entwickeln. Es ist die Empfindung, daß alles dasjenige, was uns zunächst in der Wahrnehmungswelt umgibt, was unsere Augen sehen, was unsere Ohren hören und so weiter, nicht eine Realität ist und daß darinnen gar nicht die Realität gesucht werden darf, daß es also grundfalsch ist, wenn man innerhalb dieser äußeren Wahrnehmungswelt Atome und Moleküle sucht als Realitäten, auch in dem Sinne, daß sie Denkmünzen sein sollen. Darauf sind ja manche Vertreter der Wissenschaft besonders stolz, daß sie sagen, sie nehmen gar nicht in den Atomen und Molekülen eine Realität an, sondern nur Gedankenformen, gewissermaßen Gedankenpunkte, die im Raume sind. Aber darauf kommt es nicht an, ob man materielle Punkte oder solche Gedankenpunkte in den Atomen annimmt, sondern darauf, ob man ausgeht von einem lebendigen Erfassen geistiger Wesenheiten, oder ob man dieses lebendige Erfassen perhorresziert und ausgeht von dem, was man nur in der materiellen Welt gewinnt. Und das gilt, auch als Punktkräfte, von den Atomen. Sobald man ausgeht von atomistischen Vorstellungen, steckt man schon in einem in den Untergang hineinführenden Materialismus darinnen. Zurecht kommt man mit der Wahrnehmungswelt nur, wenn man sie als Phänomen, als Erscheinungswelt auffaßt. Was uns durch die Sinne entgegentritt, ist etwas, worinnen die Materie gar nicht ist. Also die Empfindung müssen wir in uns entwickeln — und wir können sie entwickeln durch die Ergebnisse, die niedergelegt sind in unserer anthroposophischen Literatur —, daß wir, wenn wir hinausschauen durch unsere Augen und den gesamten Sternenhimmel erblicken, die Wolkenkonfiguration erblicken, die Inhalte der drei Reiche, des Mineralischen, Pflanzlichen und Tierischen, aber auch des vierten Reiches, des Menschenreiches erblicken, daß wir in alledem, was wir so wahrnehmungsgemäß an uns herantreten finden, nicht suchen dürfen irgend etwas von Materie. Dahinter steckt keine Materie! Das sind durchaus solche Erscheinungen, solche Phänomene, wie zum Beispiel der Regenbogen selbst, wenn sie auch sonst derber auftreten als dieser Regenbogen. So wie niemand den Regenbogen als irgendeine äußere Realität — als eine wirkliche Brücke meinetwegen, die da gespannt ist in sieben Farben — anschauen soll, sondern als ein Phänomen, als eine Erscheinung, so soll jeder dasjenige, was ihm äußerlich entgegentritt durch die Sinne, als ein Phänomen, als eine Erscheinung auffassen, wenn es auch noch so derb auftritt. Auch beim Quarzkristall, wenn wir ihn auch greifen können — beim Regenbogen würden wir ja durchgreifen —, wenn auch der Gefühlssinn dabei affiziert ist, so müssen wir doch auch beim Quarzkristall nur sprechen von einem Phänomen; wir dürfen nicht hineinphantasieren irgendeine materielle Realität, gleichgültig wie es sich auch die heute auf Abwegen wandelnde Naturanschauung vorstellt. Also was wir als «materielle» Erscheinungen vorfinden, sind gar keine materiellen Erscheinungen, ist gar keine Materie in Wirklichkeit. Das sind eben nur Erscheinungen; sie sind das, was kommt und geht aus einer andern Wirklichkeit heraus, die wir nicht fassen, wenn wir sie uns nicht geistig denken können. Das ist die eine Empfindung, die wir entwickeln müssen: nicht die Materie in der äußeren Welt zu suchen!

[ 5 ] Now, at the very moment when one wishes to perceive materialism in the sense of true human progress, one must develop a fundamental sensibility within oneself—precisely that fundamental sensibility which the broadest circles of our time, namely the current scholarly circles, fail to develop at all. It is the sense that everything that initially surrounds us in the world of perception—what our eyes see, what our ears hear, and so on—is not a reality, and that reality must not be sought there at all; that it is therefore fundamentally wrong to seek atoms and molecules as realities within this external world of perception, even in the sense that they are supposed to be concepts. Indeed, some representatives of science take particular pride in saying that they do not at all assume a reality in atoms and molecules, but only thought-forms—so to speak, points of thought—that exist in space. But what matters is not whether one assumes material points or such “points of thought” within atoms, but whether one proceeds from a living perception of spiritual entities, or whether one rejects this living perception and proceeds solely from what one gains in the material world. And this applies, even as point forces, to the atoms. As soon as one proceeds from atomistic conceptions, one is already mired in a materialism that leads to ruin. One can only come to terms with the world of perception if one conceives of it as a phenomenon, as a world of appearances. What meets us through the senses is something in which matter is not present at all. So we must develop this sense within ourselves—and we can develop it through the insights recorded in our anthroposophical literature—so that when we look out through our eyes and behold the entire starry sky, the configuration of the clouds, the contents of the three kingdoms—the mineral, plant, and animal kingdoms, but also of the fourth kingdom, the human kingdom; that in all that we find approaching us through our perceptions, we must not seek anything material. There is no matter behind it! These are phenomena, just like the rainbow itself, for example, even if they usually appear more coarse than this rainbow. Just as no one should regard the rainbow as some kind of external reality—as, say, a real bridge spanning the sky in seven colors—but rather as a phenomenon, an appearance, so too should everyone perceive whatever comes to meet them externally through the senses as a phenomenon, as an appearance, no matter how tangible it may seem. Even with a quartz crystal—which we can grasp, whereas with a rainbow we would reach right through it—and even though the sense of touch is involved, we must still speak of the quartz crystal only as a phenomenon; we must not imagine some kind of material reality into it, no matter how today’s misguided view of nature might conceive of it. So what we encounter as “material” phenomena are not material phenomena at all; they are not matter in reality. They are merely phenomena; they are what comes and goes from another reality that we cannot grasp unless we can conceive of it mentally. This is the one insight we must develop: not to seek matter in the external world!

[ 6 ] Daher verfehlen das wirkliche Ziel anthroposophischer Entwickelung gerade diejenigen am allermeisten, die die äußere Materialität verachten, die sagen: Ach, das, was man äußerlich wahrnimmt, ist ja nur Materie, darüber muß man sich erheben! — Das ist eben gerade falsch. Gerade dasjenige, was wir äußerlich wahrnehmen, ist nicht materiell, darin können wir die Materie gar nicht suchen. Wir finden in der Welt, die auf uns Eindrücke macht durch unsere Sinne, eben gar nicht Materie. Das geht Ihnen aus dem hervor, wenn Sie in rechtem Geiste das lesen, was in unserer anthroposophisch orientierten Literatur niedergelegt ist.

[ 6 ] That is why the very people who despise external materiality—who say, “Oh, what we perceive externally is just matter; we must rise above it!”—are the ones who miss the true goal of anthroposophical development the most. — That is precisely wrong. It is precisely what we perceive externally that is not material; we cannot look for matter there at all. We find no matter whatsoever in the world that makes an impression on us through our senses. This will become clear to you if you read what is set forth in our anthroposophically oriented literature in the right spirit.

[ 7 ] Und dann müssen Sie diese Empfindung weiter ausbilden. Da kommt man dann auf Punkte, die dem gegenwärtigen Menschen recht unbequem sind, weil sie hart an das heranstreifen, was man die Erlebnisse beim Hüter der Schwelle nennt. Unbequeme Erlebnisse sind das; aber ohne daß man an sie herantritt, wird man nicht weiterkommen in der inneren Entwickelung. Man muß die Unbequemlichkeit auf sich nehmen, aus dem Theoretischen heraus- und ins Reale hineinzukommen. Erkenntnis muß gewissermaßen mit den Tatsachen rechnen. Wer die Anschauung hat, daß innerhalb der Welt, die wir die materielle nennen, Materie zu finden sei — mancher wird schon glauben, weil man sagt «Materie», so ist es Materie; mit solcher Wortweisheit geht man heute handeln —, wer also sagt, innerhalb der Wahrnehmungswelt sei Materie zu finden, der begeht nicht bloß einen theoretischen Irrtum. Und wer meint, damit sei alles getan, daß man sagt: Falsch ist es, innerhalb der Wahrnehmungswelt Materie zu suchen —, der steht auch noch nicht in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft darinnen; denn die bloße Korrektur einer theoretischen Anschauung ist noch nicht Geisteswissenschaft. Geisteswissenschaft muß die Erkenntnis als Tat nehmen, Geisteswissenschaft muß mit dem Willen durchdrungenes Erkennen sein, muß also in Realitäten hineingehen, schon wenn sie ihre Definitionen, ihre Erklärungen gibt. Und da wird die Sache unbequem.

[ 7 ] And then you must continue to develop this sensation. This leads you to points that are quite uncomfortable for people today, because they come very close to what are called the experiences with the Keeper of the Threshold. These are uncomfortable experiences; but unless one confronts them, one will not make further progress in inner development. One must accept the discomfort of moving beyond the theoretical and into the real. Knowledge must, so to speak, reckon with the facts. Anyone who holds the view that matter can be found within the world we call the material world—some may already believe that because we say “matter,” it must be matter; such verbal wisdom is how people act today—anyone who says, therefore, that matter can be found within the world of perception is committing more than just a theoretical error. And anyone who thinks that simply saying, “It is wrong to seek matter within the world of perception,” is enough—such a person has not yet entered into anthroposophically oriented spiritual science; for the mere correction of a theoretical view is not yet spiritual science. Spiritual science must take knowledge as an act; spiritual science must be knowledge permeated by the will; it must therefore enter into realities, even when it offers its definitions and explanations. And that is where things become uncomfortable.

[ 8 ] Es ist leicht, wenn man sagt: Du hast die falsche Ansicht, daß innerhalb der äußeren Wahrnehmungswelt Materie zu finden sei; also korrigiere deine Ansicht! — Ja, das ist theoretisches Herumreden. Theorien annehmen, Theorien bekämpfen, sie richtigstellen, ist einfach theoretisches Herumreden, ist etwas, womit Geisteswissenschaft in Wirklichkeit nicht befriedigt sein darf; sondern es handelt sich darum, daß man in der Empfindung vorschreitet dazu, daß derjenige, der hängenbleibt an der materialistischen Vorstellung dem Materiellen gegenüber, in seinem ganzen Organismus ungesund ist. Man muß von der bloßen logischen Bezeichnung als unrichtig zu einer Bezeichnung übergehen, welche ins Wirkliche hineinfaßt, also in die Konstitution des Menschen hineinfaßt. Man muß überzeugt werden, daß es nicht bloß logisch unrichtig ist, zu sagen, in der Wahrnehmungswelt trete uns Materie entgegen, sondern daß derjenige, der in der Wahrnehmung Materie sieht, wirklich auf dem Weg zum konstitutionellen Schwachsinn ist, daß es also eine Krankheit ist, in dem angedeuteten Sinne Materialist zu sein.

[ 8 ] It is easy to say: “You hold the mistaken view that matter can be found within the external world of perception; therefore, correct your view!” — Yes, that is just theoretical babbling. Accepting theories, refuting theories, correcting them—all of this is merely theoretical talk, something with which spiritual science cannot truly be satisfied; rather, the point is to advance through sensation to the realization that anyone who clings to a materialistic conception of the material world is unhealthy in their entire organism. We must move beyond the mere logical designation of something as incorrect to a designation that reaches into reality—that is, into the constitution of the human being. One must be convinced that it is not merely logically incorrect to say that matter confronts us in the world of perception, but that anyone who sees matter in perception is truly on the path to constitutional mental deficiency—that is, that being a materialist in the sense indicated is a disease.

[ 9 ] Da will man mit seinem Vorstellen die Wirklichkeit erfassen. So lange man im Theoretischen bleibt, erfaßt man sie nicht. Und da setzt jeder voraus: Nun, man muß nur gut belehrt werden, dann kann man sich umstellen. — Geisteswissenschaft setzt aber überall die lebendige Entwickelung voraus, setzt voraus, daß man sich gesund macht, wenn man materialistisch in dem angedeuteten Sinn ist, weil das Abirren eine Krankheit ist, weil es der Weg ist zum Schwachsinn.

[ 9 ] One seeks to grasp reality through one’s imagination. As long as one remains in the realm of theory, one does not grasp it. And everyone assumes: Well, one just needs to be properly instructed, and then one can change one’s ways. — But spiritual science presupposes living development in every respect; it presupposes that one must heal oneself if one is materialistic in the sense indicated, because straying from the path is an illness, because it is the path to insanity.

[ 10 ] Da werden die Dinge hart herangerückt an dasjenige, was man als Erkenntnisse bekommt in der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle. Denn wenn man in dieser Begegnung mit dem Hüter der Schwelle eintritt in die Welten, die andere sind als die physische Welt, die dieser physischen Welt etwas Neues hinzufügen, da hört alles Theoretisieren auf, hört alles auf, was im Intellekt nebelt, da beginnt Realität, da wird jedes Wort durchtränkt von Realität. Da kann man nicht mehr davon sprechen: Du behauptest etwas Richtiges oder Unrichtiges —, sondern da muß man sagen: Du behauptest etwas aus krankem oder aus gesundem Geist heraus. — Da kommt man auf Realitäten. Da kann man auch nicht sagen: Du mußt deine Ansicht berichtigen —, sondern da muß man sagen: Du mußt dich, wenn du auf dem Wege zum Kranksein, zum Schwachsinn bist, wiederum zum gesunden Starksinn umentwickeln. — Sie sehen, es genügt nicht, daß man heute sogenannte Weltanschauungen, die herumnebeln, rektifiziert, korrigiert, sondern es handelt sich tatsächlich, wenn man Geisteswissenschafter werden will, darum, daß man an sich einen realen Prozeß vollzieht und sich nicht begnügt mit etwas Intellektuellem oder Verstandesmäßigem oder Theoretischem. Wir leben heute in einer so ernsten Zeit, daß uns das Krankhafte des verstandesmäßigen Weltbetrachtens ganz lebendig vor die Seele treten muß.

[ 10 ] There, things are brought into close alignment with the insights one gains in the encounter with the Keeper of the Threshold. For when, in this encounter with the Keeper of the Threshold, one enters worlds that are different from the physical world—worlds that add something new to this physical world—all theorizing ceases; everything that clouds the intellect ceases; reality begins; every word is imbued with reality. There, one can no longer say: “You are asserting something true or false”—but rather one must say: “You are asserting something out of a sick or a healthy mind.”—That is where one arrives at realities. Nor can one say: “You must correct your view”—but rather one must say: “If you are on the path to illness, to mental weakness, you must redevelop yourself back to a healthy, strong mind.” — You see, it is not enough today to rectify or correct so-called worldviews that cloud our judgment; rather, if one wishes to become a scholar of spiritual science, it is actually a matter of undergoing a real process within oneself and not being content with something intellectual, rational, or theoretical. We live in such serious times today that the pathological nature of a rational view of the world must come vividly before our souls.

[ 11 ] Wir haben versucht, die eine Seite zu skizzieren, haben versucht, vom Wirklichkeitsstandpunkt aus die eine Seite dessen zu charakterisieren, was heute im Kulturleben vorgeht: die materialistische Seite. Die andere Seite, die Polarität dazu, ist das Mystische. Zu diesem Mystischen flüchten ja heute viele Menschen, welche unbefriedigt sind im Materialismus. Sie finden, daß dieser Materialismus etwas ist, was unrichtig ist, also muß man sich zu einer andern Weltanschauung bekennen, muß man auf einem andern Wege suchen, als diejenigen Wege sind, die der Materialismus geht. Dann versuchen die Menschen sich auf dem Wege des Inneren zu entwickeln, vorzudringen zu einem Erfassen des Geistigen. Es ist ja oftmals hier Mystik als eine Geistesströmung geschildert worden, die in ihrer Einseitigkeit selbstverständlich ebenso berechtigt ist, wenn man diese Einseitigkeit durchschaut, wie der Materialismus berechtigt ist, wenn man ihn in seiner Einseitigkeit durchschaut. Es ist die Mystik geschildert worden als eine Art Reaktion gegen dasjenige, was in den letzten Jahrhunderten als Materialismus heraufgekommen ist in der amerikanischen und europäischen Zivilisation. Aber es muß das, was wiederholt erwähnt worden ist, erwähnt worden ist auch in dem Schriftchen: «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel», das während des Krieges erschienen und ja auch ins Feld hinausgeschickt worden ist —, es muß diese mystische Strömung genauer ins Auge gefaßt werden, wiederum indem man nicht bloß auf dieses Theoretisieren eingeht, das man gewöhnlich im Auge hat. Wenn von Mystik die Rede ist, meinen die Leute, sie ziehen sich von dem äußeren Leben zurück, vertiefen sich in ihr Inneres und kommen dadurch heran an das Fünklein, von dem Meister Eckhart sprach; da offenbart sich, meinen sie, das wahre Geistige, das nicht enthalten sein kann im äußeren Materiellen. Die Mystiker sind aber oft rechte Materialisten. Also auf dem umgekehrten Weg sind gerade die Mystiker zu allermeist schroffe, starke Materialisten. Sie fangen an zu schimpfen, sobald von der materiellen Welt die Rede ist, finden sich zu gut, sich mit ihr zu beschäftigen — das wurde ja oft gesagt —, fühlen sich erhaben über das Materielle. Aber es handelt sich darum, daß man sich nicht bloß theoretisch mit den Dingen befaßt, sondern daß man zur Realität vorschreitet; es handelt sich darum, daß man wiederum das Wirkliche hinter diesem mystischen Streben ins Auge faßt. Es kommt darauf an, einzusehen, was denn eigentlich das Tätige in uns ist, wenn wir Mystiker werden, was da in uns etwas tut, wenn wir Mystiker werden. Sie können das wiederum aus unserer anthroposophisch orientierten Literatur ersehen. Und da müssen wir sagen: Da ist gerade der Boden, auf dem wir die Materie finden! Wir finden das Materielle wirken in uns, wenn wir Mystiker werden. Selbst der hohe Mystiker, was bringt er denn für Erscheinungen in sich zur Geltung? Dasjenige bringt er in sich zur Geltung, was brodelt und kocht in seinem Stoffwechsel, wenn dieser auch noch so verfeinert ist. Innerhalb der menschlichen Haut entdecken wir die eigentliche Materie, nicht in der Außenwelt, die auf uns Eindrücke macht. Wir entdecken die Materie, wenn wir das, was entzündet wird im Stoffwechsel, in uns aufsteigen lassen. Wenn wir zum Beispiel uns bei Meister Eckhart informieren, wie er so innerlich Gott geschildert hat: da weist er darauf hin, wie er sich sorgfältig zum Bewußtsein gebracht hat, was in seinem Stoffwechsel brodelt und kocht, was ihm erschien als nach dem Herzzentrum wirkend und dort sich umwandelnd in das, was wahrnehmbar wird als Fünklein des göttlichen Selbstes im Menschen; dieses ist das Flämmchen, das entzündet wird durch den Stoffwechsel im Herzen.

[ 11 ] We have attempted to outline one side of the issue, to characterize—from the standpoint of reality—one aspect of what is happening in cultural life today: the materialistic side. The other side—its polar opposite—is the mystical. Many people today, dissatisfied with materialism, seek refuge in this mystical realm. They feel that materialism is something fundamentally flawed, so they must embrace a different worldview and seek a path other than those taken by materialism. People then try to develop along the inner path, to advance toward a grasp of the spiritual. Mysticism has often been described here as a spiritual movement which, in its one-sidedness, is of course just as legitimate—if one sees through this one-sidedness—as materialism is legitimate when one sees through its one-sidedness. Mysticism has been described as a kind of reaction against what has emerged in recent centuries as materialism in American and European civilization. But what has been mentioned repeatedly—and was also mentioned in the little booklet Through the Spirit to the Knowledge of Reality: The Riddles of Humanity, which was published during the war and was indeed sent out to the front lines—must be taken into closer consideration: this mystical movement must be examined more closely, again by not merely focusing on the kind of theorizing that is usually had in mind. When people speak of mysticism, they assume that mystics withdraw from external life, immerse themselves in their inner world, and thereby draw near to the “spark” of which Meister Eckhart spoke; there, they believe, the true spiritual—which cannot be contained in the external material world—is revealed. Yet mystics are often true materialists. Thus, in a sense, it is precisely the mystics who are, for the most part, staunch, uncompromising materialists. They begin to rail as soon as the material world is mentioned, consider themselves too good to concern themselves with it—as has often been said—and feel superior to the material. But the point is not merely to engage with these things theoretically, but to move toward reality; the point is to once again take sight of the real behind this mystical striving. It is a matter of realizing what, in fact, is the active force within us when we become mystics, what is at work within us when we become mystics. You can see this, in turn, in our anthroposophically oriented literature. And there we must say: That is precisely the ground on which we find the material! We find the material at work within us when we become mystics. Even the great mystic—what phenomena does he bring to the fore within himself? He brings to the fore within himself that which bubbles and boils in his metabolism, no matter how refined it may be. Within the human skin we discover the actual matter, not in the external world that makes an impression on us. We discover matter when we allow that which is ignited in the metabolism to rise up within us. If, for example, we turn to Meister Eckhart to see how he described God inwardly, he points out how he carefully brought to consciousness what is bubbling and boiling in his metabolism—what appeared to him to be acting upon the heart center and transforming there into what is perceived as a spark of the divine Self within the human being; this is the little flame that is kindled by the metabolism in the heart.

[ 12 ] Da kommen wir auf das eigentliche Wesen des Materiellen, wenn wir Mystik treiben, und wir müssen, so wie man das echte Ergebnis des Goetheanismus in die höhere Weltanschauung erheben muß, so auch uns klar sein, daß die Ergebnisse der Mystik das sind, was man aufzusuchen hat in der Interpretation des materiellen Wirkens. Wir entdecken nicht im chemischen Laboratorium die materiellen Vorgänge. Nein, wenn der Chemiker in seinem Laboratorium arbeitet, dann ist dasjenige, was sich in der Retorte abspielt, nur eine äußere Erscheinung, wie der Regenbogen eine äußere Erscheinung ist. Auch das ist ein Phänomen, da ist nichts von einer wirklichen Materialität. Dasjenige, was wirklich Materialität ist, lernen wir kennen, wenn wir das Brodeln und Kochen unserer inneren, innerhalb der Haut gelegenen Vorgänge sich so entzünden sehen, wie sich die Stearinkerze zur Flamme entzündet. Da ist dasjenige, wohin gedeutet werden muß als auf die Materialität, und wir erfassen die Mystik nur richtig, wenn wir darauf kommen: Alles dasjenige, was die Mystik als solche als innere Erlebnisse hervorbringt in ihrer Einseitigkeit, ist materielle Wirkung, darinnen kann die echte Materialität gesucht werden. Wir sollen Materie nicht suchen, indem wir die chemischen Prozesse analysieren, wir sollen Materie suchen in jedem Gebilde, das innerhalb der menschlichen Haut seinen komplizierten Chemismus und seine komplizierte Physiologie vollzieht. Durch die Mystik lernen wir das materielle Rätsel lösen. Durch die Mystik lernen wir aber auch nur das materielle Rätsel lösen. Wir dürfen nicht umdeuten die innere Materialität der menschlichen Organisation so etwa in dem Stil, wie wenn wir sagen würden, wenn wir eine Flamme brennen sehen: die kann doch nicht das Ergebnis dessen sein, was in der Kerze ist, sondern in der Kerze steckt ein kleines Geistchen, das ruft die Flamme hervor. — Das ist natürlich Unsinn. Ebenso ist es Unsinn, wenn wir eine geistige Wirklichkeit suchen in dem, was der Mystiker erlebt.

[ 12 ] This brings us to the very essence of the material world when we engage in mysticism, and just as one must elevate the true results of Goetheanism to a higher worldview, so too must we realize that the results of mysticism are what we must seek in the interpretation of material processes. We do not discover material processes in the chemistry laboratory. No, when the chemist works in his laboratory, what takes place in the retort is merely an external phenomenon, just as the rainbow is an external phenomenon. That, too, is a phenomenon; there is nothing of real materiality there. We come to know what true materiality is when we see the bubbling and boiling of our inner processes—those taking place beneath the skin—ignite just as a stearin candle is lit into a flame. That is what must be interpreted as materiality, and we grasp mysticism correctly only when we realize this: Everything that mysticism, as such, produces as inner experiences in its one-sidedness is a material effect; therein lies the true materiality. We should not seek matter by analyzing chemical processes; we should seek matter in every structure that carries out its complex chemistry and physiology within the human body. Through mysticism, we learn to solve the material enigma. But through mysticism, we also learn only to solve the material enigma. We must not reinterpret the inner materiality of the human organism in the same way that we might say, when we see a flame burning: “That cannot be the result of what is inside the candle; rather, there is a little spirit inside the candle that brings forth the flame.” — That is, of course, nonsense. It is equally nonsensical to seek a spiritual reality in what the mystic experiences.

[ 13 ] Man muß sich da schon zu einer ganz bestimmten Vorstellung durchringen, zu einer Vorstellung, die eine Schwellenwahrheit ist. Mit dem, was in der Mystik erreicht wird, kommt man nicht sehr weit; denn wir stehen da in betäubenden Erscheinungen drinnen, hingegeben an unsere egoistischen Begierden, die sich nur ja nicht als materialistische Vorgänge der eigentlichen inneren Vorgänge schildern lassen möchten. Wir dringen nicht durch in der betäubenden Fülle der Erscheinungen, die uns in der Wahrnehmungswelt umgeben, bis zu der Erkenntnis, daß da eigentlich überall gar keine Materie darinnen ist. Aber überlegen wir uns, was wir eigentlich sehen, wenn wir zum Beispiel einen fernen Planeten oder einen Fixstern ansehen im Weltenraum draußen. Was sehen wir da eigentlich? Ja, was wir um uns herum auf der Erde sehen an grüner Pflanzendecke, an Wolkengebilden, an braungrauem Boden und so weiter, das sehen wir nicht, wenn wir in den Weltenraum hinausblicken und die Sterne sehen; dazu sind die Sterne, selbst der Mond, zu weit entfernt. Aber das, was da draußen ist, was da lebt auf diesen fremden Weltkörpern, das hat überall ein Inneres, hat umgewandelte stoffliche Vorgänge. Dieses, was da in den entsprechenden höchsten Wesen lebt als stoffliche Vorgänge, das sehen wir, wenn wir das Teleskop auf einen Stern richten. Ebenso, wenn der andere Stern, sagen wir der Mond, das Teleskop auf uns richten würde, sähe er dann unsere Pflanzen, Tiere und so weiter? Nein, dazu ist unsere Erde viel zu weit entfernt vom Monde. Aber wenn er sein Teleskop herunterrichtet auf die Erde, dann schaut er Ihnen in den Magen, in das Herz und so weiter. Das ist der Inhalt dessen, was hinausscheint in die Welt. Weil der Mensch unter den verschiedenen Reichen auf der Erde dem höchsten Reiche angehört, deshalb sieht man von auswärts dasjenige, was innerhalb der Menschenhäute vorgeht. Und dasjenige, was von den fernen Sternen aus gesehen werden kann, das wird, wenn es sich innerlich bewußt entzündet, von den Menschen als Mystik erlebt.

[ 13 ] One must bring oneself to embrace a very specific concept—a concept that is a threshold truth. What is achieved in mysticism does not take us very far; for we find ourselves immersed in intoxicating phenomena, surrendered to our egoistic desires, which absolutely refuse to be described as materialistic processes of our actual inner processes. We do not penetrate through the intoxicating abundance of phenomena that surround us in the world of perception to the realization that, in fact, there is no matter at all within it. But let us consider what we actually see when, for example, we look at a distant planet or a fixed star out in outer space. What do we actually see there? Indeed, what we see around us on Earth—the green vegetation, the cloud formations, the brown-gray soil, and so on—we do not see when we look out into outer space and see the stars; the stars, and even the Moon, are too far away for that. But what is out there—what lives on these alien celestial bodies—has an inner life everywhere, with transformed material processes. These material processes, which exist within the corresponding highest beings, are what we see when we point a telescope at a star. Likewise, if another star—let’s say the Moon—were to point its telescope at us, would it then see our plants, animals, and so on? No, our Earth is far too far away from the Moon for that. But if it were to point its telescope down toward the Earth, it would look into your stomach, your heart, and so on. This is the essence of what shines out into the world. Because human beings, among the various kingdoms on Earth, belong to the highest kingdom, one can see from the outside what is taking place within the human body. And that which can be seen from distant stars—when it is consciously kindled within—is experienced by human beings as mysticism.

[ 14 ] Sie sehen also, es muß der ganz ernsthaft der anthroposophischen Weltanschauung Ergebene auch diese zweite ebenso unbequemeSchwellenwahrheit durchdringen: daß es gerade die Mystik ist, die uns die Erdenmaterie kennen lehrt. Wir lernen nicht die einfachste Erdenkraft kennen, wenn wir nur die Außenwelt schauen. Nehmen Sie ein Physikbuch zur Hand. Sie wissen, es wird da von der Gravitation, von der Erdenschwere gesprochen; aber es wird stets hinzugefügt, das Wesen der Schwerkraft kenne man natürlich nicht. Man ist sogar recht selbstgefällig, wenn man auseinandersetzt, das Wesen der Schwerkraft kenne man nicht.

[ 14 ] So you see, even those who are truly and earnestly devoted to the anthroposophical worldview must come to terms with this second, equally uncomfortable threshold truth: that it is precisely mysticism that teaches us about earthly matter. We do not come to know even the simplest earthly force by merely observing the external world. Pick up a physics textbook. You know it speaks of gravity, of the Earth’s gravitational pull; but it always adds that, of course, the nature of gravity is unknown. People are even quite smug when they explain that the nature of gravity is unknown.

[ 15 ] Wie lernt man das Wesen derjenigen Kraft kennen, die die Kreide herunterfallen läßt, wenn man sie losläßt aus der Hand? Die Kraft, die man die Schwerkraft nennt, man lernt sie auf folgende Weise kennen. Man wird in einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens, vielleicht vom dreißigsten Lebensjahre an, vielleicht auch schon früher, das hängt von der liebevollen Führung durch das Schicksal ab, etwas erkennen, wenn man sich selbst im geisteswissenschaftlichen Sinne, nicht in der gewöhnlichen Weise beobachtet — durch die Methoden der Geisteswissenschaft wird man ja etwas eingeführt in die Methoden wahrer Selbstbeobachtung —, also man wird ungefähr mit dem zweiunddreißigsten Lebensjahre etwas kennenlernen. Man wird, wenn man sich nicht so beobachtet, wie es die abstrakten Mystiker tun, sondern wenn man wirkliche Selbstbeobachtung lernt, zu dieser wirklichen Selbstbeobachtung kommen zum Beispiel, daß wenn man, nun sagen wir, vom fünfunddreißigsten bis zum vierzigsten Jahre lebt, man merkt, daß man organisch ein anderer geworden ist. Manche bemerken es daran, daß ihre Haare grau geworden sind; heute kommt es auch vor, daß die Männer in dieser Zeit Glatzen kriegen. Also man ist anders geworden. Aber wenn man nicht die Fähigkeit errungen hat, sich selbst zu beobachten, dann erlebt man dieses Anderswerden nicht, dann erlebt man nicht im inneren Dasein, wie dieses Anderswerden sich abspielt. Man kann es erleben, wenn man das auf sich anwendet, was in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gesagt ist. Man kann es erfahren etwa vom zweiunddreißigsten Jahre an, wie das sich innerlich erlebt. Und dann lernt man erkennen an der Art und Weise, wie man immer seinen Körper anders tragen muß, wie der Körper schwerer wird. Dann erlebt man innerlich die Schwere, dasjenige, was man Gravitation nennt. Das muß man aber innerlich erleben.

[ 15 ] How does one come to understand the nature of the force that causes a piece of chalk to fall when one lets go of it? The force known as gravity is understood in the following way. At a certain point in one’s life—perhaps from the age of thirty, or perhaps even earlier, depending on the loving guidance of fate—one will come to realize something when observing oneself in the spiritual-scientific sense, rather than in the ordinary way—for the methods of spiritual science do, after all, introduce one to the methods of true self-observation— so around the age of thirty-two, one will come to know something. If one does not observe oneself as the abstract mystics do, but instead learns true self-observation, one will come to realize—for example—that when living, say, from the age of thirty-five to forty, one has become physically different. Some notice this because their hair has turned gray; and nowadays it also happens that men go bald during this period. So one has become different. But if one has not acquired the ability to observe oneself, then one does not experience this transformation; one does not experience in one’s inner being how this transformation unfolds. One can experience it by applying to oneself what is said in my book How to Attain Knowledge of the Higher Worlds? . One can begin to experience this inwardly from about the age of thirty-two. And then one learns to recognize, from the way one must carry one’s body differently, how the body becomes heavier. Then one experiences inwardly the heaviness—that which is called gravity. But one must experience this inwardly.

[ 16 ] All das Wischiwaschi, das in der Mystik zum Ausdruck kommt, ist nicht so wichtig wie solch eine konkrete Tatsache, wie man selber innerlich in dieser Zeit das Schwererwerden erleben kann. Das Schwererwerden können Sie nicht erleben lernen, wenn Sie hier einen Menschen haben und der nun einen Stein fallen läßt. Nicht an dem Fallen des Steines beobachten Sie die Schwere, denn der Stein enthält die wirkliche Materialität nicht. Das müssen Sie in sich selbst beobachten, indem Sie jetzt nicht auf den Raum schauen, sondern auf die Zeit, das heißt auf das, was Sie nacheinander erleben. Man muß übergehen vom räumlichen Erleben zum zeitlichen Erleben. Man muß erst die Selbstbeobachtung machen können. Man muß dasjenige, was in der äußeren Wahrnehmungswelt nimmermehr zu finden ist, durch innerliche Erlebnisse finden. Und diese sind das zweite Element der Wirklichkeit.

[ 16 ] All the vague talk found in mysticism is not as important as a concrete fact such as how one can personally experience this increasing heaviness within oneself during this time. You cannot learn to experience this increasing heaviness if you have a person here who drops a stone. You do not observe the heaviness in the falling of the stone, for the stone does not contain true materiality. You must observe this within yourself by focusing not on space but on time—that is, on what you experience one thing after another. One must transition from spatial experience to temporal experience. One must first be able to engage in self-observation. One must find, through inner experiences, that which can never be found in the external world of perception. And these inner experiences are the second element of reality.

[ 17 ] Derjenige, der die äußere Wahrnehmungswelt erlebt, was hat er? Er hat bloß Wahrheit, aber keine Wissenschaft. Derjenige, der innerlich erlebt, abstrakt-mystisch erlebt, der hat bloß Wissenschaft, aber keine Wahrheit; denn er täuscht sich selbst über das Grundphänomen des Inneren, weil das innere Erleben die Flammen materieller Vorgänge sind. Derjenige, der in der Außenwelt bloß Materialitäten sucht, interpretiert die Welt im ahrimanischen Sinne; der andere, der bloß die Wahrheit in abstrakt-mystischer Weise in seinem Inneren sucht, interpretiert sie in luziferischer Weise. Dasjenige, was gesucht werden muß als wahre anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, ist das Gleichgewicht von beiden, ist das Durcheinanderweben von Wahrheit und Wissenschaft. Wir müssen die Wahrheit nach dem einen Pol und die Wissenschaft nach dem andern suchen und uns bewußt werden, wie die lebendigen Wirklichkeiten sich polarisieren, indem wir Wahrheit mit Wissenschaft und Wissenschaft mit Wahrheit durchdringen. Da wird Erkenntnis zu einer Tat, da geht etwas vor. Da wird nicht nur irgend etwas logisch definiert oder berichtigt, sondern da geht etwas vor, wenn der Mensch anstrebt, die Wissenschaft innerlich zu erleben und die Wahrheit äußerlich zu erfassen, und anstrebt, beide gegenseitig zu durchdringen.

[ 17 ] What does the person who experiences the external world of perception have? He has only truth, but no science. The one who experiences inwardly—in an abstract, mystical way—has only science, but no truth; for he deceives himself regarding the fundamental phenomenon of the inner world, because inner experience consists of the flames of material processes. The one who seeks only materialities in the external world interprets the world in an Ahrimanic sense; the other, who seeks only truth in an abstract-mystical way within himself, interprets it in a Luciferic way. What must be sought as a true anthroposophically oriented spiritual science is the balance between the two—the interweaving of truth and science. We must seek truth at one pole and science at the other, and become aware of how living realities polarize as we interweave truth with science and science with truth. There, knowledge becomes an act; something happens. It is not merely a matter of logically defining or correcting something; rather, something happens when a person strives to experience science inwardly and to grasp truth outwardly, and strives to have both mutually permeate one another.

[ 18 ] Das ist dasjenige, was die Gegenwart begreifen muß. Die Gegenwart muß begreifen, daß der Mensch im Aquilibrium stehen muß zwischen den beiden Extremen, dem ahrimanischen und dem luziferischen. Der Mensch strebt immer nach einer Seite. Deshalb ist jene Trinitätsgruppe in Dornach so, daß das Luziferische oben, das Ahrimanische unten dargestellt ist, und der Christus in der Mitte, das Gleichgewicht haltend. Man kann diese Sachen in Ideen darstellen, kann sie bringen bis zum Destillat der Ideen, dann wird es Wahrheit und Wissenschaft. Man kann diese Dinge aber auch künstlerisch darstellen, dann muß man von allen bloßen Ideen absehen, dann muß man in der Linie, in der Form, in der Gestalt suchen, dann wird es eben zum Beispiel die Gruppe der Trinität in Dornach. Aber das Ganze ist von dem Geist durchdrungen.

[ 18 ] This is what the present age must understand. The present age must understand that human beings must maintain a balance between the two extremes, the Ahrimanic and the Luciferic. Human beings always tend toward one side or the other. That is why the Trinity Group in Dornach is depicted with the Luciferic aspect at the top, the Ahrimanic at the bottom, and Christ in the middle, maintaining the balance. One can express these things in ideas, can distill them down to their essence; then they become truth and science. But one can also represent these things artistically; in that case, one must set aside all mere ideas and look instead to the line, the form, and the figure—and then it becomes, for example, the Trinity Group in Dornach. But the whole is permeated by the spirit.

[ 19 ] Einseitig ist die Mystik und einseitig ist auch der Materialismus. Und wissen muß man, daß man beide ineinanderweben muß in lebendigem Tun und daß in diesem lebendigen Tun die tatsächliche Innerlichkeit des Menschen gesucht werden muß. Unsere Zeit will dagegen einseitig mit dem Materialismus sich befreunden und ist dadurch tatsächlich auf dem Wege zum Schwachsinn. Ich habe gezeigt, daß man nicht beim Theoretisieren stehenbleiben darf, sondern daß man wissen muß im Realen, im Wirklichen: Sobald du dem Hüter der Schwelle begegnest, zeigt sich dir, was der Materialismus ist — ein Weg zum Schwachsinnigwerden! Man muß sich gesund machen, muß nicht bloß widerlegen, um zu etwas anderem zu kommen. Das andere Extrem ist die abstrakte Mystik. Von ihr muß man die Empfindung bekommen können: Sie ist in Wirklichkeit der Weg zum Infantilismus, zur — wenn wir es deutsch sagen wollen, es gibt kein anderes deutsches Wort dafür — Kindsköpfigkeit, zum Auffassen der Welt in dem Sinne, wie es nur angemessen ist dem ganz jungen Kinde — Infantilismus! Also das noch nicht von der Welt berührte, rein in der physischen Materialität, in den physischen organischen Vorgängen lebende Kind stellt uns den Typus des Mystikers dar, nur wird man als Mystiker später dieselben Erlebnisse haben wie das Kind. Sie nehmen sich natürlich anders aus, diese Erlebnisse, aber das Kind empfindet auch dieses Sich-Konzentrieren der organischen Tätigkeit im Herzen, und wenn es dieses Konzentrieren empfindet, dann strampelt es, dann sehen wir, wie das peripherische Strampeln, das Bewegen nach außen das Gegenteil darstellt von dem Sich-Konzentrieren im Herzen. Wenn der Mensch sein ganzes Leben hindurch kindsköpfig bleibt, wenn er zu bequem ist, sich zu durchdringen mit demjenigen, was nur der Materialismus geben kann, dann lehnt er ab die äußere Materie; sie ist für ihn nichts, ist für ihn das Niedrige, über das er noch hinausstreben muß. Dann aber strampelt er auch, und indem er strampelt, bringt er seine Mystik hervor. Das ist die Schwellenwahrheit, die unbequeme Schwellenwahrheit. Aber alles abstrakt Mystische, was, so wie die Leute es heute treiben, wie Wollust berührt, so daß sie sich die Finger ablecken, wenn Dinge hingedruckt werden, die eigentlich nur ein Strampeln in Gedanken sind, das ist Infantilismus. Und man muß sich klar sein darüber: Wie der Materialismus zum Schwachsinn führt, so führt die abstrakte Mystik in die Krankheit des Infantilismus, der Kindsköpfigkeit. Aber das wahre Leben besteht darin, daß wir das Gleichgewicht, das Äquilibrium finden zwischen dem Materialismus und der Mystik.

[ 19 ] Mysticism is one-sided, and materialism is also one-sided. And one must realize that both must be woven together in living action, and that the true inner life of human beings must be sought in this living action. Our age, on the other hand, wants to befriend materialism in a one-sided way and is thereby actually on the path to insanity. I have shown that one must not stop at theorizing, but must know in the real, in the actual: As soon as you encounter the Keeper of the Threshold, it becomes clear to you what materialism is—a path to insanity! One must restore one’s health; one must not merely refute in order to arrive at something else. The other extreme is abstract mysticism. One must be able to sense that it is, in reality, the path to infantilism—or, to put it in German terms, there is no other German word for it—childishness, a way of perceiving the world in a manner appropriate only to a very young child—infantilism! Thus, the child, not yet touched by the world, living purely within physical materiality and physical organic processes, represents the archetype of the mystic; only, as a mystic, one will later have the same experiences as the child. Of course, these experiences take on a different form, but the child also feels this concentration of organic activity in the heart, and when it feels this concentration, it kicks; then we see how the peripheral kicking, the outward movement, represents the opposite of the concentration within the heart. If a person remains childish throughout their entire life, if they are too complacent to immerse themselves in what only materialism can provide, then they reject external matter; to them it is nothing, it is the base, which they must still strive to transcend. But then they also kick, and in kicking, they give rise to their mysticism. That is the threshold truth, the uncomfortable threshold truth. But all abstract mysticism—which, as people practice it today, smacks of sensual indulgence, so that they lick their fingers when things are printed that are actually nothing more than mental flailing—that is infantilism. And one must be clear about this: just as materialism leads to insanity, so does abstract mysticism lead to the disease of infantilism, of childishness. But true life consists in finding the balance, the equilibrium, between materialism and mysticism.

[ 20 ] Da ist die Sache wiederum etwas schwierig, denn da wird sie erst recht unbequem. Aber wenn Sie bei der Waage das Gleichgewicht suchen, dürfen Sie auch nicht dasjenige, was auf der einen Seite liegt, verachten, weil, wenn es zuviel ist, es wieder das Gleichgewicht stört, sondern Sie müssen versuchen, auf den beiden Waagschalen das Sich-das-Gleichgewicht-Haltende wirklich aufzulegen. So ist es nötig, daß Sie das nicht verachten, was in die Materie hineinführt und sich nicht nur sagen, das führt ja zum Schwachsinn. Im Gegenteil, derjenige, der eindringen will in die Sache, muß kühn in die Wirklichkeit vorrücken, muß sich sagen: Ich muß allerdings den Weg gehen, der, wenn er einseitig gegangen wird, zum Schwachsinn führt, aber ich bin gewappnet dagegen. Ich bin auch gewappnet dagegen, daß ich auf dem andern Wege stehenbleibe; ich bewahre mir das Nötige aus der Kindheit, bleibe aber nicht bei der Kindheitszeit stehen. — Also man muß das Gleichgewicht finden zwischen dem Materialismus und der Mystik: das ist echter Lebenssinn. Der Lebenssinn ist das Gleichgewicht zwischen Schwachsinn und Kindsköpfigkeit. Und wenn es einem nicht paßt, diese Sache zu durchschauen, so ist man eben unfähig, in die Wirklichkeit einzudringen. Menschen werden nur schwachsinnig, wenn sie nicht beachten, daß der normale Mensch Tag für Tag, Stunde für Stunde den Schwachsinn überwinden muß, der ihm immer droht, und daß er bloß Mensch bleibt, wenn er kindsköpfig, das heißt, genial bleibt. Denn wenn man im richtigen Äquilibrium die Kindsköpfigkeit bewahrt, dann ist man Genie. Man ist nur so viel Genie, als man in die Dreißigerjahre hinein die Kindsköpfigkeit bewahrt hat; aber sie muß im richtigen Äquilibrium drinnenstehen. So daß man eben sagen muß: In jedem liegt die Gefahr — ja, wie soll ich es jetzt sagen —, ein Genie zu werden oder ein Kindskopf zu bleiben. Man kann eigentlich beides sagen. Sobald man an Schwellenwahrheiten herandringt, gilt ja auch die gewöhnliche Ausdrucksweise nicht mehr; da weben die Dinge ineinander, die sonst gesondert sind. Alle Worte bekommen eine andere Bedeutung und man kann sagen, es wäre durchaus recht humorvoll, das Bild auch malerisch oder plastisch hinzustellen: Da ist die Schwelle zur geistigen Welt, hier steht der eine, und dadrüben steht der andere; der eine webt im Geistigen und der andere im Materiellen, und sie schreien sich an. Der eine aus der geistigen Welt schreit: Kindsköpfigkeit! — und der andere aus der materiellen schreit hinein: Genialität! Geradeso wie der Baum von der einen Seite anders aussieht als von der andern, so sehen die Dinge verschieden aus, je nachdem man sie ansieht vom geistigen Gesichtspunkt aus oder vom materiellen. Vom geistigen Gesichtspunkt aus muß man sprechen von Genialität, weil man sich bewahrt hat die Art des Kindes, des spielhaften Vorstellens, von Kindsköpfigkeit, weil man sieht auf das, was eben Kindsköpfigkeit ist, wenn man auf der geistigen Seite steht. Denn da sieht man die Kindsköpfigkeit anders an. Da weiß man, daß der Mensch herunterkommt von der geistigen Welt, daß er sich einlebt in einen physischen Leib, da sieht man, wie das Kind noch ungeschickt ist, wie aber in dem, was noch unentwickelt ist, schon darinnen lebt die höchste Geistigkeit.

[ 20 ] Here, the matter becomes somewhat difficult again, because that’s when it gets even more uncomfortable. But when you’re seeking balance on the scales, you mustn’t disregard what’s on one side, because if there’s too much of it, it will upset the balance again; rather, you must try to place on both pans of the scales that which truly maintains the balance. So it is necessary that you not disregard what leads into the substance of the matter and not simply tell yourself, “That leads to nonsense.” On the contrary, whoever wants to delve into the matter must boldly advance into reality and tell themselves: “I must indeed take the path that, if taken one-sidedly, leads to nonsense, but I am prepared for that.” I am also prepared against getting stuck on the other path; I retain what is necessary from childhood, but I do not remain stuck in childhood. — So one must find the balance between materialism and mysticism: that is the true meaning of life. The meaning of life is the balance between insanity and childishness. And if one is unable to see through this, then one is simply incapable of penetrating reality. People only become feeble-minded when they fail to realize that the normal person must overcome, day by day, hour by hour, the feeble-mindedness that constantly threatens them, and that they remain merely human only if they remain childlike—that is, genial. For if one maintains childishness in the right balance, then one is a genius. One is only as much of a genius as one has managed to preserve that childishness well into one’s thirties; but it must be maintained in the right balance. So one must simply say: In everyone lies the danger—yes, how shall I put it now—of becoming a genius or remaining childlike. One can actually say both. As soon as one approaches threshold truths, ordinary ways of expression no longer apply; there, things that are otherwise separate intertwine. All words take on a different meaning, and one might say it would be quite humorous to depict this scene in a painterly or sculptural way: There is the threshold to the spiritual world; here stands one person, and over there stands the other; one weaves within the spiritual realm and the other within the material, and they shout at each other. The one from the spiritual world shouts: “Childishness!”—and the other from the material world shouts back: “Genius!” Just as a tree looks different from one side than from the other, so things look different depending on whether one views them from a spiritual or a material perspective. From the spiritual point of view, one must speak of genius, because one has preserved the childlike quality of playful imagination—of childishness—since one sees precisely what childishness is when standing on the spiritual side. For there, one views childishness differently. There one knows that the human being descends from the spiritual world, that he settles into a physical body; there one sees how the child is still clumsy, yet how the highest spirituality already lives within what is still undeveloped.

[ 21 ] Es hat ja einige Leute, wie zum Beispiel den Tropf Dessoir besonders geärgert, wie ich in meinem Büchelchen «Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit» dargestellt habe, daß die Weisheit, die an der Ausgestaltung des Gehirns im Kinde arbeitet, viel gescheiter ist als die Weisheit, die der Mensch später in seinem Leben zum Ausdruck bringt. Das können Tröpfe wie Dessoir nicht begreifen; denn für sie ist der Umfang der Weisheit der, den sie zum Ausdruck bringen, wenn sie ihre Bücher schreiben. Aber die Dinge stehen so, daß wenn man von der geistigen Seite herüber sagt: Kindsköpfigkeit —, so sieht man, wie heruntergestiegen ist als Strahl der göttlichen Wesenheit der Menschengeist, in sich innerlich voll entwickelt. Der hat sich hineinbegeben in einen noch unentwickelten Menschenleib; den hat er ergriffen, den arbeitet er durch, so daß schon nach wenigen Monaten das Gehirn etwas anderes ist, als es war, daß der ganze Leib etwas anderes wird im siebenten, im vierzehnten Jahre und so weiter. Man spricht also von Kindsköpfigkeit nicht so, daß es ein Schimpfwort ist, sondern man spricht so, daß man die Kindsköpfigkeit als das bezeichnet, was sich darstellt als Heruntersteigen des Geistes in die physische Welt, als das erste Ergreifen des Leibes, das Noch-Kindsein, das Noch-in-einer-Menschenverfassung-Sein, wo der Mensch durch die Entwickelung des übrigen Leibes, der sich ja am schnellsten entwickelt, während der Kopf am meisten Geist enthält, im Kopf noch nicht gesäubert ist vom Geist. So sieht es aus, wenn man von der übersinnlichen Seite von Kindsköpfigkeit spricht. Denn in dem kindlichen Kopf ist viel Geist und — das ist eine unbequeme Wahrheit — mit zunehmendem Alter wird der Geist immer weniger, wir werden immer petrifizierter und petrifizierter in unserem Kopf. Das Kind hat noch viel Geist. Der verdunstet allmählich. Ich darf das Wort «verdunsten» so gebrauchen, daß der Geist vom Kopf heraus verdunstet in den übrigen Organismus hinunter. Sie sehen daraus, daß es der Ausdruck eines Höchsten ist, wenn ich von Kindsköpfigkeit spreche, von jenseits der Schwelle aus gesehen, und daß es der Ausdruck eines Stehenbleibens ist, wenn ich von Kindsköpfigkeit vom irdischen Standpunkt aus spreche, Allein die Sprache der Erde und die des Himmels sind eben einmal voneinander verschieden, und das ist die Tragik unserer Zeit, daß man gar nicht die Sprache des Himmels verstehen will. Seit es üblich geworden ist zu verlangen, daß auf den Kanzeln so irdisch als möglich geredet werde, haben die Leute die Möglichkeit verloren, die Sprache vom Jenseits zu verstehen. Und dann liegt es nahe, daß, wenn man einmal in einem Zusammenhang etwas vorzubringen hat, was man selbstverständlich aus dem Zusammenhang heraus ausdrückt und sagt, nachdem man vorbereitet hat zum Beispiel das Wort vom Jenseits der Schwelle: Die Wesenheiten der geistigen Welt verdunsten nach unten —, daß dann folgendes heute vorkommen kann, Ich will etwas, was da tatsächlich vorgekommen ist, im Bilde erwähnen. Dann kann es also vorkommen, daß irgend jemand aufschreibt: Der Steiner hat gesagt, die Dinge verdunsten nicht nach oben, sondern nach unten. — Dann eignet sich das so ein Professor der Anatomie an und liest es seinem Auditorium vor, das er sich selbst präpariert hat, indem er es auffordert, mit Kindertrompeten und Ratschen zu erscheinen, wenn wirkliche Anthroposophie von einem Redner vorgetragen werden soll! Dann wird Anthroposophie vorgetragen. Nachher spricht der Professor und liest so etwas, was er sich angeeignet hat, vor, und dann fangen die Studenten an mit ihren Trompeten und mit ihren Kinderratschen, die sie sich mitgenommen haben, die wissenschaftlichen Argumente anzuwenden, die man heute in solchen Kreisen gebraucht. Das ist ein Vorgang, der sich ja wirklich in Göttingen in diesen Tagen zugetragen hat. Lesen Sie das Beiblatt, das eben gedruckt worden ist zu der neuen Nummer unserer Dreigliederungszeitung. Da werden Sie es finden.

[ 21 ] It has particularly annoyed some people—such as that fool Dessoir—as I have explained in my little book The Spiritual Guidance of Man and Humanity, that the wisdom at work in shaping a child’s brain is far more intelligent than the wisdom a person expresses later in life. Fools like Dessoir cannot comprehend this; for them, the extent of wisdom is what they express when they write their books. But the fact is that when one speaks from the spiritual perspective of “childishness,” one sees how the human spirit—a ray of the divine essence—has descended, fully developed within itself. It has entered into a still undeveloped human body; it has taken hold of it and is working through it, so that after just a few months the brain is already different from what it was, and the entire body becomes something different by the seventh, the fourteenth year, and so on. So we speak of childishness not as a term of abuse, but rather to describe childishness as the descent of the spirit into the physical world, as the spirit’s first taking hold of the body, the state of still being a child, of still being a-human-state, where the human being, due to the development of the rest of the body—which, after all, develops the fastest—while the head contains the most spirit, is not yet purified of spirit in the head. This is what it looks like when one speaks of childishness from the supersensible perspective. For there is much spirit in the child’s head, and—this is an uncomfortable truth—as we grow older, the spirit becomes less and less; we become more and more petrified in our heads. The child still has a great deal of spirit. It gradually evaporates. I may use the word “evaporate” in the sense that the spirit evaporates out of the head and down into the rest of the organism. You can see from this that it is an expression of the highest when I speak of childlike-mindedness as viewed from beyond the threshold, and that it is an expression of stagnation when I speak of childlike-mindedness from an earthly standpoint, But the language of Earth and that of Heaven are, after all, different from one another, and that is the tragedy of our time: that people do not even want to understand the language of Heaven. Ever since it has become customary to demand that sermons from the pulpit be as earthly as possible, people have lost the ability to understand the language of the Hereafter. And so it stands to reason that when one has something to say in a particular context—which one naturally expresses and states within that context, having first prepared, for example, the concept of the world beyond the threshold: “The beings of the spiritual world evaporate downward”—the following can happen today. I’d like to mention an actual incident that took place. So it can happen that someone writes down: “Steiner said that things do not evaporate upward, but downward.” — Then a professor of anatomy adopts this and reads it aloud to his audience, whom he has prepared himself by asking them to show up with children’s trumpets and rattles whenever genuine anthroposophy is to be presented by a speaker! Then anthroposophy is presented. Afterward, the professor speaks and reads aloud something he has appropriated, and then the students begin, with their trumpets and children’s rattles—which they have brought along—to apply the scientific arguments commonly used in such circles today. This is an event that actually took place in Göttingen just a few days ago. Read the supplement that has just been printed for the new issue of our Dreigliederungszeitung. You’ll find it there.

[ 22 ] Wir leben durchaus in einer ernsten Zeit, und deshalb möchte ich das, was ich heute an Tönen angeschlagen habe, indem ich Ihnen charakterisiert habe, wie der Materialismus auf der einen Seite und die Mystik auf der andern Seite in Wahrheit erscheinen, am Freitag fortsetzen, indem ich Ihnen zeigen werde, was unsere Aufgaben sind. Denn heute sind eben unsere Aufgaben nicht, uns zusammenzusetzen in sektiererischen Kreisen, sondern lebendig einzugreifen in die Vorgänge des Lebens und einzuführen dasjenige, was anthroposophische Impulse sind, in das ganze Kulturleben der Gegenwart. Heute dürfen wir nicht, wenn wir unsere Zeitaufgabe verstehen, einseitig Materialisten oder Mystiker bleiben, wir müssen den Weg zur Wirklichkeit antreten, wie ich ihn zu charakterisieren versuchte in dem kleinen Schriftchen, das durch die Bemühungen des Herrn Molt gedruckt worden ist für diejenigen, die draußen im Felde etwas erfahren sollten vom anthroposophischen Geist. Das muß man sich immer vor Augen führen, daß wir heute in einer ernsten Zeit drinnenstehen und daß wir uns ihr nur gewachsen fühlen, wenn wir an uns herankommen lassen dasjenige, was nicht einmal mehr berechtigt genannt werden kann in den alten Sprachformen, sondern was uns in die Notwendigkeit versetzt, selbst neue Sprachformen zu finden, wenn es zu heutiger Wahrheit kommen soll. Die Erkenntnis darf nicht stehenbleiben beim Spintisieren, die Erkenntnis muß zur Tat werden. Dann werden wir als Menschheit nicht in den Untergang des Abendlandes hineinsegeln, sondern wir werden wiederum einen Aufgang finden. Aber solange sich der Materialismus der Symbole der Kindsköpfigkeit — der Trommeln und Ratschen bedient, um die Anthroposophie zu widerlegen, also solange sich der Materialismus der Kindsköpfigkeit und die Mystik sich des Materialismus bedient, indem man möglichst materielle Vorgänge als Geistiges auffrisieren will, so lange wird man in den Untergang des Abendlandes mit aller Macht hineinsegeln. Es handelt sich hier nicht um eine spintisierende Frage, sondern um eine wirkliche Tatfrage.

[ 22 ] We are indeed living in serious times, and that is why I would like to continue on Friday what I have begun today—by describing to you how materialism on the one hand and mysticism on the other truly appear—and show you what our tasks are. For our tasks today are not to gather in sectarian circles, but to intervene actively in the processes of life and to introduce anthroposophical impulses into the entire cultural life of the present. Today, if we understand our task for this age, we must not remain one-sided materialists or mystics; we must set out on the path to reality, as I attempted to characterize it in the little booklet that was printed through the efforts of Mr. Molt for those out in the field who should learn something of the anthroposophical spirit. We must always bear in mind that we are living in serious times and that we can only feel up to the task if we allow ourselves to be touched by that which can no longer even be properly described in the old forms of language, but which compels us to find new forms of language ourselves if we are to arrive at today’s truth. Knowledge must not remain mere speculation; knowledge must become action. Then we, as humanity, will not sail toward the decline of the West, but we will once again find a new dawn. But as long as the materialism of childishness makes use of symbols—such as drums and rattles—to refute anthroposophy, that is, as long as the materialism of childishness and mysticism make use of materialism by attempting to dress up material processes as spiritual ones as much as possible, we will continue to sail headlong into the decline of the West with all our might. This is not a matter of speculation, but of concrete action.