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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

21 March 1920, Dornach

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Zweiter Vortrag

Second Lecture

[ 1 ] Es wird mir heute obliegen, einiges von den Erkenntnissen, die früheren Betrachtungen zugrunde lagen, die einer größeren Anzahl unserer Freunde bereits bekannt sind, von da und dort her zusammenzuschließen mit dem, was ich gestern gesagt habe. Ich will nur noch einmal darauf aufmerksam machen, daß der wesentliche Inhalt des gestern Gesagten der war, daß ein solches gewissermaßen neutrales Erkennen, wie wir es gegenwärtig pflegen, im Grunde ein Geschöpf ist der neueren Zeit, daß sich ein solches gleichgültiges Erkennen, welches die Medizin als eine Wissenschaft neben die anderen hinstellt, eben erst im Lauf der letzten drei bis vier Jahrhunderte herausgebildet hat, während alles Erkennen in alten Zeiten abgezielt hat auf das Heilen; und Erkennen und Auffinden von Mitteln zur Heilung der Menschheit war ein und dasselbe in dem Sinne, wie ich das gestern angedeutet habe. Nun wissen Sie aus verschiedenen Andeutungen, die da oder dort in Vorträgen gemacht worden sind, daß in das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts ein wichtiges geistiges Ereignis hineinfällt, daß in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gewissermaßen hinter den Kulissen der Weltgeschichte, der äußeren physischen Weltgeschichte Bedeutendes geschehen ist. Um für dieses Ereignis einen Namen zu haben — man könnte ja ebensogut einen anderen Namen dafür haben -, haben wir es genannt den Sieg jenes Erzengelwesens, das wir bezeichnen als den Erzengel Michael, über entgegengesetzte geistige Kräfte. Dieses Ergebnis, wir wollen es zunächst einmal als einen Vorgang der geistigen Welt betrachten, mit der unsere Menschengeschichte zusammenhängt. Solche Ereignisse spielen sich so ab, daß sie sich zunächst in der geistigen Welt vorbereiten. Von dem Ereignis, das ich jetzt meine, könnte man etwa sagen, es habe sich vorbereitet seit dem Jahre 1842. Es ist dann in der geistigen Welt zu einer gewissen Entscheidung gekommen etwa 1879, und es liegt die Notwendigkeit vor, daß die Menschen auf der Erde im Einklange mit diesem geistigen Ereignis sich verhalten seit dem Jahre 1914. Dasjenige, was seit dem Jahre 1914 geschehen ist, das ist im wesentlichen ein Anstürmen der menschlichen Borniertheit gegen dasjenige, was eigentlich geschehen sollte nach der Meinung derjenigen geistigen Mächte, welchen die Führung der Menschheit obliegt. So daß wir also sagen können: In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der ersten Zeit des 20. Jahrhunderts ging hinter den Kulissen unserer Menschheitsentwickelung sehr Bedeutsames vor, was ja ist eine Aufforderung an die Menschheit, sich so zu verhalten, wie es diese geistigen Wesen wollen: einen Umschwung herbeizuführen, etwas zu tun, was eine neue Art von Zivilisation in die Menschheit bringt, eine neue Art der Auffassung des sozialen Lebens, des künstlerischen Lebens, des geistigen Lebens auf der Erde überhaupt. Solche Ereignisse waren in der Menschheitsentwickelung wiederholt da. Die äußere Geschichte verzeichnet solche Ereignisse wenig, weil die äußere Geschichte eben doch eine Fable convenue ist, aber diese Ereignisse waren eben wiederholt da. Dasjenige Ereignis, welches sich vergleichen läßt mit dem erwähnten, liegt etwa dreihundert Jahre vor Christi Geburt, ein weiteres zurückliegendes liegt etwa in der Mitte des 3. Jahrtausends vor Christi Geburt:

[ 1 ] Today, it will be my task to bring together, from various sources, some of the insights that formed the basis of earlier reflections—insights with which a large number of our friends are already familiar—and to connect them with what I said yesterday. I would just like to point out once more that the essential point of what I said yesterday was that such a—in a sense—neutral form of cognition, as we currently practice it, is essentially a creation of modern times; that such an indifferent form of knowledge—which medicine treats as a science on par with others—has only emerged over the course of the last three to four centuries, whereas all knowledge in ancient times was aimed at healing; and the pursuit of knowledge and the discovery of remedies for the healing of humanity were one and the same, in the sense I indicated yesterday. Now you know from various hints that have been made here and there in lectures that an important spiritual event occurred in the last third of the 19th century—that in the 1870s, something significant took place, so to speak, behind the scenes of world history, of external, physical world history. To give this event a name—though we could just as easily have chosen another—we have called it the victory of that archangelic being whom we refer to as Archangel Michael over opposing spiritual forces. Let us first consider this outcome as a process in the spiritual world with which our human history is connected. Such events unfold in such a way that they are first prepared in the spiritual world. One could say, for example, that the event I am referring to has been in preparation since the year 1842. A certain decision was then reached in the spiritual world around 1879, and it has been necessary for people on Earth to act in harmony with this spiritual event since the year 1914. What has happened since 1914 is essentially a clash between human narrow-mindedness and what was actually supposed to happen, according to the spiritual powers responsible for guiding humanity. So we can say: In the second half of the 19th century and the early years of the 20th century, something very significant was taking place behind the scenes of human development—namely, a call to humanity to behave as these spiritual beings desire: to bring about a turning point, to do something that would introduce a new kind of civilization to humanity—a new way of understanding social life, artistic life, and spiritual life on Earth in general. Such events have occurred repeatedly in the course of human development. External history records few such events, because external history is, after all, merely a “fable convenue,” but these events have indeed occurred repeatedly. The event that can be compared to the one mentioned took place about three hundred years before the birth of Christ; another, even earlier one, occurred around the middle of the third millennium before the birth of Christ:

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[ 2 ] Nun besteht aber in bezug auf die Menschheit ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen dem Erleben dieser zwei Ereignisse und dem Erleben desjenigen Ereignisses, das sich abgespielt hat im 19. und 20. Jahrhundert; denn die meisten von Ihnen haben ja wenigstens teilweise noch miterlebt die Ereignisse von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, von dem Beginne des 20. Jahrhunderts, und die meisten von Ihnen werden auch wissen, wie wenig die Menschheit als solche Notiz genommen hat davon, daß ein Umschwung im geistigen Leben wirklich stattfinden sollte.

[ 2 ] However, with regard to humanity, there is a very significant difference between the experience of these two events and the experience of the event that took place in the 19th and 20th centuries; for most of you have, at least in part, witnessed the events of the second half of the 19th century and the beginning of the 20th century, and most of you will also know how little humanity as a whole took notice of the fact that a radical change in spiritual life was actually about to take place.

[ 3 ] Die Menschheit wird durch die Not dazu gezwungen werden, von dieser Notwendigkeit Notiz zu nehmen. Und nicht eher wird die Not aufhören, bis eine genügend große Anzahl von Menschen auch mit Bezug auf die Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten Notiz genommen haben wird von dieser Notwendigkeit. Wir können die Frage aufwerfen: Warum haben die Menschen keine Notiz genommen? Und war das auch gegenüber den beiden anderen Erlebnissen, demjenigen des 3. Jahrtausends, demjenigen etwa im 3. Jahrhundert ebenso? — Nein, bei diesen Ereignissen war es eben durchaus nicht so. Würde man richtig lesen können dasjenige, was die Seelengeschichte des griechischen, sogar des ja ein wenig grobkörnig veranlagten römischen Volkes ist, man würde vernehmen, daß in der Tat innerhalb des griechischen Volkes, innerhalb des römischen Volkes durchaus ein Bewußtsein vorhanden war: In der geistigen Welt geschieht etwas, auf das man Rücksicht nehmen muß. — Ja, gerade bei dem Ereignis, das um das Jahr 300 vor Christi Geburt liegt, können wir sehr gut sehen, wie es sich langsam vorbereitet, wie es auf einen gewissen Höhepunkt kommt und wie es sich dann auslebt. Die Menschen dieses 3., 4. Jahrhunderts vor Christi Geburt hatten ein deutliches Bewußtsein davon: Es geschieht etwas in der Geisteswelt, das spielt herein in die Welt der Menschen. — Und dasjenige, was sie da sahen, wir können es heute bezeichnen: das war die eigentliche Geburt der menschlichen Phantasie.

[ 3 ] Humanity will be forced by hardship to take note of this necessity. And the hardship will not cease until a sufficiently large number of people have taken note of this necessity, including with regard to the conduct of public affairs. We may ask: Why have people not taken notice? And was this also the case with regard to the other two historical events—that of the third millennium and that of, say, the third century? — No, that was certainly not the case with those events. If one were able to correctly interpret the spiritual history of the Greek people—and even that of the Roman people, who were admittedly somewhat coarse in disposition—one would realize that, in fact, there was indeed an awareness among both the Greek and Roman peoples: Something is happening in the spiritual world that must be taken into account. — Yes, especially in the event that took place around the year 300 B.C., we can see very clearly how it slowly builds up, how it reaches a certain climax, and how it then runs its course. The people of the 3rd and 4th centuries B.C. had a clear awareness of this: something is happening in the spiritual world that is having an impact on the human world. — And what they saw there—we can describe it today as follows: that was the actual birth of human imagination.

[ 4 ] Sie wissen ja, die Menschen von heute sind schon einmal so, sie denken: So wie man heute denkt, wie man heute fühlt, so hat man immer gedacht, so hat man immer gefühlt. — Aber es ist nicht so, sondern sogar die Sinneswahrnehmungen haben sich im Laufe der Zeit geändert, wie ich Ihnen gestern gezeigt habe. Es war natürlich auch schon künstlerisches Schaffen vor dem 3. oder 4. Jahrhundert vor Christi Geburt da; aber dieses künstlerische Schaffen ging nicht aus dem hervor, was wir heute Phantasie nennen. Dieses künstlerische Schaffen ging aus einer wirklichen hellseherischen Imagination hervor. Diejenigen, die Künstler waren, konnten schauen, wie sich ihnen das Geistige enthüllte, und sie kopierten einfach das Geistige, das sich ihnen enthüllte. Das alte atavistische Hellsehen, die alte Imagination war dasjenige, was der Künstler zugrunde liegend hatte. Jene Phantasie, die damals erst aufkam und die dann sich weiter ausbildete bis zu den Schöpfungen eines Leonardo oder Raffael oder Michelangelo, um dann wieder talab zu gehen, diese Phantasie nimmt dazumal ihren Ursprung, diese Phantasie, die nicht so schafft, als ob ein Geistiges erscheint, imaginiert wird, sondern als ob man nur aus sich selbst heraus etwas anordnete, als ob man nur aus sich selbst heraus etwas gestaltete. Und daß sie mit der Phantasie begabt wurden, das schrieben die Menschen dieser Zeit zu einem Kampfe von göttlichen Wesen, die über ihnen walteten, in deren Auftrag sie auf der Erde handelten.

[ 4 ] You know, people today tend to think: “The way we think today, the way we feel today—that’s the way we’ve always thought, the way we’ve always felt.” — But that’s not the case; even our sensory perceptions have changed over time, as I showed you yesterday. Of course, artistic creation existed even before the 3rd or 4th century B.C.; but this artistic creation did not arise from what we today call imagination. This artistic creation arose from a genuine clairvoyant imagination. Those who were artists could see how the spiritual realm revealed itself to them, and they simply copied the spiritual reality that was revealed to them. That ancient, atavistic clairvoyance—that ancient imagination—was the foundation upon which the artist built. That imagination, which first emerged at that time and then continued to develop all the way to the creations of a Leonardo, Raphael, or Michelangelo, only to decline again—that imagination has its origin in those days; this imagination, which does not create as if something spiritual were appearing, is imagined, but rather as if one were simply arranging something from within oneself, as if one were simply shaping something from within oneself. And the fact that they were endowed with this imagination, people of that time attributed to a struggle among divine beings who reigned over them, on whose behalf they acted on Earth.

[ 5 ] Noch viel, viel bedeutsamer vernahmen die Menschen in der Mitte des 3. Jahrtausends, etwa im Jahre 2500 vor Christi Geburt, wie ihr ganzes Sein eingespannt war in Ereignisse, die aus der geistigen Welt hereinragten in die physischen Ereignisse. Um diese Zeit, noch in der Mitte des 3. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, hätte kein Mensch es sinnvoll gefunden, zu sagen: Hier wandeln die Menschen auf der Erde herum - und nicht zu sagen: Geistige Wesen sind da. - Das würde jedem Menschen ein Unsinn geschienen haben, denn man dachte sich die Erde bevölkert von dem, was physisch und geistig zugleich war.

[ 5 ] Even more significantly, in the middle of the third millennium—around the year 2500 B.C.—people came to realize how their entire existence was intertwined with events that extended from the spiritual world into the physical realm. Around this time, still in the middle of the third millennium before our era, no one would have found it reasonable to say, “Here, people are walking around on Earth”—without also saying, “Spiritual beings are here.” That would have seemed nonsense to everyone, for people imagined the Earth to be populated by beings that were both physical and spiritual at the same time.

[ 6 ] Gegenüber der Art des Seelenlebens in jenen alten Zeiten ist diejenige allerdings etwas anderes, die im Laufe des 19. Jahrhunderts Platz gegriffen hat, denn die Menschen nahmen wahr, wie auf der Erde die profanen, die gewöhnlichen Ereignisse sich abspielten. Daß aber da ein bedeutender Geisteskampf dahintersteht, das nahmen die Menschen nicht wahr. Woher kommt das, daß sie das nicht wahrnahmen? Das kommt gerade von der Eigentümlichkeit dieses unseres Zeitalters, das, wie Sie wissen, um die Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat, und in dem wir noch drinnenstehen, das wir als den fünften nachatlantischen Zeitraum bezeichnen. In diesem Zeitalter, also in dem, in dem wir drinnenstehen, da ist die hervorragendste, die bedeutsamste Kraft, deren sich der Mensch bedienen kann, der Intellekt. Die Menschen sind seit dem 15. Jahrhundert besonders groß geworden als intelligente Wesen. Sie sind heute noch stolz darauf, die Menschen, daß sie so intelligente Wesen sind. Man soll nur ja nicht glauben, daß nicht auch eine andere Form von Intelligenz in früheren Zeiten vorhanden war, nur wurde diese Intelligenz zugleich mit einem gewissen Schauen geboren. Es wurde diese Intelligenz mit einem gewissen geistigen Inhalte zugleich in dem Menschen geschaffen. Wir haben eine Intelligenz, die eigentlich keinen wirklichen geistigen Inhalt hat, die eigentlich bloß formell ist, denn unsere Begriffe und Ideen haben eigentlich in sich selbst nichts, sie sind nur Spiegelbilder von etwas. Unser ganzer Verstand ist eine Summe von bloßen Spiegelbildern von etwas. Das ist ja das Wesen jener Intelligenz, die sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts ganz besonders entwickelt hat, daß der Verstand nur ein Spiegelungsapparat ist. Aber solches, wie es sich da spiegelt, das hat im Grunde genommen im Menschen keine Kraft. Das ist im Grunde genommen passiv. Das ist ja das eigentümliche desjenigen Verstandes, auf den die gegenwärtige Menschheit so stolz ist, daß dieser Verstand passiv ist. Wir lassen ihn auf uns wirken, wir geben uns ihm hin. Wir entwickeln wenig Willenskraft in diesem Verstande. Das ist heute das hervorragendste Kennzeichen der Menschen, daß sie eigentlich den tätigen Verstand hassen. Wenn sie irgendwo sein sollen, wo ihnen zugemutet wird, mit dem, was vorgebracht wird, mitzudenken, so ist das langweilig, sehr langweilig. Da beginnt das allgemeine Einschlafen sehr bald, wenigstens das seelische Einschlafen: sobald gedacht werden soll. Dagegen wenn es ein Kinematograph ist, wenn man nicht zu denken braucht, sondern wenn das Denken eher eingeschläfert wird, wenn man bloß zu sehen braucht und nur sich passiv hinzugeben dem, was sich abspielt, und wenn die Gedanken so wie selbständige Räder ablaufen, da fühlt sich der Mensch heute befriedigt. Es ist der passive Verstand, an den sich die Menschen gewöhnt haben. Dieser passive Verstand hat keine Kraft, denn dieser passive Verstand, was ist er denn eigentlich? Man lernt sein Wesen kennen, wenn man sich erinnert, wie die Arten des menschlichen Wissens noch eingeteilt waren in alten Mysterienschulen. Da hat man drei Arten des Wissens unterschieden: Erstens jenes Wissen, das da kommt aus dem physischen Leben des Menschen, das gewissermaßen aufsteigt aus dem physischen Miterleben der Welt, man könnte sagen: das physische Wissen; zweitens das intellektuelle Wissen, jenes Wissen, das man selber bildet, hauptsächlich in der Mathematik, jenes Wissen, in dem man drinnenlebt, das intellektuelle Wissen; drittens das geistige Wissen, dasjenige Wissen, das nicht aus dem Physischen, sondern aus dem Geistigen kommt. Von diesen drei Arten des Wissens ist in unserem Zeitalter besonders gepflegt und besonders beliebt das intellektuelle Wissen. Es ist förmlich ein Ideal geworden, dem geistigen Leben so gegenüberzustehen, wie man gewohnt worden ist, der Mathematik gegenüberzustehen, dem geistigen Leben mit einer gewissen Neutralität, mit einer gewissen Gleichgültigkeit gegenüberzustehen. Es ist eigentlich unerhört, aber wahr, daß in unserer Zeit auch die Träger des Wissens, zum Beispiel Hochschulprofessoren, wenn sie die Türen hinter sich zugemacht haben und draußen sind, daß sie dann so schnell wie möglich etwas anderes treiben wollen, was nicht mit ihrem Wissen zusammenhängt. Es ist ein abstraktes Hingeben an das Wissen, und das, das geht eigentlich recht tief.

[ 6 ] Compared to the nature of spiritual life in those ancient times, the one that took hold in the course of the 19th century is, of course, somewhat different, for people became aware of how mundane, ordinary events unfolded on Earth. But people did not perceive that a significant spiritual struggle lay behind all this. Why is it that they did not perceive this? It stems precisely from the peculiarity of our own age, which, as you know, began around the middle of the 15th century and in which we still find ourselves—the age we refer to as the fifth post-Atlantean epoch. In this age—that is, the one in which we currently find ourselves—the most outstanding and significant force available to human beings is the intellect. Since the 15th century, human beings have grown particularly great as intelligent beings. People are still proud today of being such intelligent beings. One must not, however, believe that another form of intelligence did not also exist in earlier times; it’s just that this intelligence was born together with a certain kind of insight. This intelligence was created within human beings at the same time as a certain spiritual content. We possess an intelligence that actually has no real spiritual content, that is essentially merely formal, for our concepts and ideas have nothing in themselves; they are merely reflections of something. Our entire intellect is a sum of mere reflections of something. That is, after all, the essence of the intelligence that has developed particularly since the mid-15th century: that the intellect is merely a mirroring apparatus. But what is reflected there has, fundamentally speaking, no power within the human being. It is, in essence, passive. That is, in fact, the peculiarity of the intellect of which present-day humanity is so proud—that this intellect is passive. We let it influence us; we surrender to it. We develop little willpower in this kind of intellect. This is the most striking characteristic of people today: that they actually hate the active intellect. If they are expected to be somewhere where they are required to think along with what is being presented, they find it boring—very boring. That is when general drowsiness sets in very quickly—at least mental drowsiness—as soon as thinking is required. In contrast, when it comes to a movie, when one does not need to think—but rather when thinking is lulled to sleep—when one merely needs to watch and passively surrender to what is unfolding, and when thoughts run their course like independent cogs, that is when people today feel satisfied. It is the passive mind to which people have become accustomed. This passive mind has no power, for what, after all, is this passive mind? One comes to know its nature when one recalls how the types of human knowledge were still classified in the ancient mystery schools. There, three types of knowledge were distinguished: First, that knowledge which arises from a person’s physical life, which, so to speak, emerges from the physical experience of the world—one might call it physical knowledge; second, intellectual knowledge—the knowledge one forms oneself, primarily in mathematics, the knowledge one lives within—intellectual knowledge; third, spiritual knowledge—the knowledge that comes not from the physical but from the spiritual. Of these three kinds of knowledge, intellectual knowledge is particularly cultivated and popular in our age. It has literally become an ideal to approach spiritual life in the same way one has become accustomed to approaching mathematics—to approach spiritual life with a certain neutrality, with a certain indifference. It is actually unheard of, but true, that in our time even the bearers of knowledge—university professors, for example—once they have closed the doors behind them and are outside, want to do something else as quickly as possible that has nothing to do with their knowledge. It is an abstract devotion to knowledge, and that actually runs quite deep.

[ 7 ] Als ich vor ein paar Tagen in Zürich öffentlich vortrug, da griff in die Diskussion ein Proletarier ein. Da ich etwas erwähnt hatte von der Waldorfschule und von dem Ersatz des den Geist wirklich tötenden Stundenplanes, da meinte er: Ein solcher Stundenplan würde aber zu lang bei einem Gegenstande stehenbleiben, man müßte schon Abwechslung haben; wenn den Kindern ein Gegenstand von acht bis neun zu langweilig geworden ist, dann muß von neun bis zehn ein anderer Gegenstand kommen, sonst wird es den Kindern zu langweilig! — Ich konnte natürlich nur erwidern: Das ist nicht die Aufgabe der Waldorfschule, auf die Langweiligkeit zu rechnen, sondern dafür zu sorgen, daß es den Kindern nicht langweilig wird, daß die Kinder wirklich dabei sind bei der Sache; das ist gerade die Aufgabe jener Pädagogik und Didaktik, die in der Waldorfschule gepflegt werden soll. — Es ist also so sehr den Leuten in Fleisch und Blut übergegangen, daß eigentlich das geistige Leben langweilig ist, und daß man vom geistigen Leben loskommen muß, ja nicht im Fach aufgehen muß. Das kommt aber lediglich davon her, daß unser ganzes intellektuelles Leben eigentlich nur aus Bildern besteht, aus Spiegelbildern, daß wir nicht Substanz in diesem geistigen Leben haben.

[ 7 ] A few days ago, when I was giving a public lecture in Zurich, a proletarian joined the discussion. Since I had mentioned the Waldorf School and the replacement of the truly mind-numbing curriculum, he said: “But such a curriculum would dwell on a single subject for too long; there has to be variety. If a subject has become too boring for the children from eight to nine, then another subject must be introduced from nine to ten, otherwise the children will get too bored!” — Of course, I could only reply: “It is not the task of the Waldorf School to anticipate boredom, but rather to ensure that the children do not become bored, that they are truly engaged in the subject at hand; that is precisely the task of the pedagogy and didactics that are to be cultivated in the Waldorf School.” — So it has become second nature to people that intellectual life is actually boring, and that one must break away from intellectual life—indeed, must not lose oneself in the subject matter. But this stems solely from the fact that our entire intellectual life actually consists only of images, of reflections, and that we lack substance in this intellectual life.

[ 8 ] Ein solches, nicht von Substanz erfülltes Geistesleben, das ist eigentlich abgeschlossen, sowohl abgeschlossen von der physischen Welt, wie abgeschlossen von der geistigen Welt. Eigentlich weiß unsere Zeit weder von der physischen Welt noch von der geistigen viel. Sie weiß eigentlich nur von dem, was sie sich selber ausdenkt. Wegen dieses Charakters unserer Intellektualität als einer Summe von Spiegelbildern war der Mensch des 19. Jahrhunderts ausgeschlossen davon, etwas zu wissen von dem, was geistig hinter den Kulissen der Weltgeschichte vorging. Er erlebte jenen großen, bedeutsamen Umschwung nicht mit, der sich im Geistigen hinter der äußeren Weltgeschichte vollzog in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und er muß erst durch eigene Anstrengungen lernen, daß die physische Welt folgen müsse der geistigen Welt. Er wird es lernen müssen, denn wenn er es nicht lernt, wird die Not immer größer und größer werden und die Zivilisation wird über die ganze gegenwärtige zivilisierte Welt hin in Barbarei übergehen. Um das zu vermeiden, ist eben notwendig, daß der Mensch gewahr werde innerlich, daß er ebenso etwas erleben müsse, wie erlebt worden ist um das Jahr 300 vor Christi Geburt die Geburt der Phantasie. So muß in unserer Zeit erlebt werden die Geburt des tätigen Verstandes: damals die tätige Einbildungskraft, jetzt die Geburt des tätigen Verstandes. Dazumal entstand die Möglichkeit, durch Nachschaffung von äußeren Formen phantasievoll zu gestalten. Jetzt muß die Menschen ergreifen ein inneres kraftvolles Schaffen von Ideen, durch die sich jeder selber ein Bild seines eigenen Wesens macht und sich dieses vorsetzt als dasjenige, dem er nachstrebt. Selbsterkenntnis im weitesten Umfange des Wortes muß die Menschen ergreifen; aber nicht eine Selbsterkenntnis, in der man nur brütet über dasjenige, was man gestern gegessen hat, sondern eine Selbsterkenntnis, die es bringt bis zu einem Betätigen des eigenen Wesens. Und diese Selbsterkenntnis wird von der Entwickelung des Menschen, der eben zur Geburt des tätigen Verstandes aufsteigen muß, klar gefordert.

[ 8 ] Such a spiritual life, devoid of substance, is in fact isolated—isolated both from the physical world and from the spiritual world. In truth, our age knows little of either the physical world or the spiritual world. It really knows only what it conceives of on its own. Because of this nature of our intellectuality—as a sum of reflections—the people of the 19th century were cut off from knowing anything of what was taking place spiritually behind the scenes of world history. They did not experience that great, significant upheaval that took place in the spiritual realm behind the scenes of world history in the second half of the 19th century, and they must first learn through their own efforts that the physical world must follow the spiritual world. They will have to learn this, for if they do not, hardship will grow ever greater, and civilization throughout the entire present-day civilized world will descend into barbarism. To avoid this, it is precisely necessary for people to become inwardly aware that they, too, must experience something akin to what was experienced around the year 300 B.C.: the birth of the imagination. Thus, in our time, the birth of the active intellect must be experienced: back then, the active imagination; now, the birth of the active intellect. At that time, the possibility arose to create imaginatively by recreating external forms. Now people must be seized by a powerful inner creation of ideas, through which each person forms a picture of their own being and sets this before themselves as the goal they strive toward. Self-knowledge in the broadest sense of the word must seize people; but not a self-knowledge in which one merely broods over what one ate yesterday, but a self-knowledge that extends to the active realization of one’s own nature. And this self-knowledge is clearly demanded by the development of the human being, who must now rise to the birth of the active intellect.

[ 9 ] Es wird so kommen, daß die Menschen in der gewöhnlichen Erinnerung, in dem gewöhnlichen Gedächtnis etwas sehr Eigentümliches finden werden. Heute geht es gerade noch an, weil man etwas grobkörnig geworden ist und die Dinge nicht bemerkt, die eigentlich schon in der Seele des Menschen vorhanden sind. Heute geht es gerade noch an, daß, wenn man zurückdenkt in seinem eigenen Leben, daß dann aus diesem eigenen Leben, in das man zurückblickt, nur die Erinnerungen an die gewöhnlichen Erlebnisse kommen. Aber das ist nicht mehr rein so, das ist eigentlich nicht mehr ganz so, sondern es kommen immer wiederum und wiederum Menschen unter uns vor, die schon etwas anderes erleben, die, wenn sie zurückdenken, was sie vor zehn, zwanzig Jahren erlebt haben, so kommt ihnen nicht nur dasjenige herauf, was sie erlebt haben, sondern es kommt ihnen herauf etwas, was sie nicht erlebt haben, was aber aus dem Erlebten wie eine selbständige Wesenheit aufsteigt. Und die psychoanalytische Torheit, die prüft in den Seelen das Zurückliegende ohne eine Erkenntnis des Wesens der Gegenwart. Dasjenige, was die törichte Psychoanalyse nicht finden kann, das muß Geisteswissenschaft vor die Menschen hinstellen, daß in der Tat, wenn wir von irgendeinem Lebensalter —- sagen wir von unserem 45. Jahre — zurückschauen und alle die Wogen der Erlebnisse wie so eine Strömung erblicken (siehe Zeichnung), so sind darinnen nicht nur diese Erlebnisse, die wir durchlebt haben; das war gewissermaßen einmal so, und eine große Anzahl etwas «dickschleimiger» Menschen, die erleben auch heute noch nichts anderes. Derjenige, der sensitiv ist für solche Sachen, der erlebt, daß bei einer Rückschau auf das Leben nicht nur diese gewöhnlichen Erlebnisse vorhanden sind, sondern er erlebt etwas, was da herausragt (rot), was er nicht erlebt hat, sondern das wie dämonisch aus den vergangenen Seelenerlebnissen herauskommt. Und das wird immer stärker und stärker werden. Wenn die Menschen nicht lernen, auf so etwas aufmerksam zu sein, dann werden sie darüber den Verstand verlieren. Das ist die Gefahr der menschlichen Entwickelung in die Zukunft hinein. Und über so etwas darf man sich nicht Illusionen machen, denn das ist so. In den Erlebnissen, die der Mensch durchmacht, wird sich ein Neues zeigen, das nur mit diesem tätigen Verstande zu ergreifen ist. Das ist etwas außerordentlich Bedeutsames! Wie in dem Lebensalter des einzelnen Menschen Neues auftritt nach dem Zahnwechsel, nach der Geschlechtsreife und so weiter, so tritt in der ganzen Menschheit nach einem bestimmten Zeitalter eine solche Metamorphose ein, und die Metamorphose unseres Zeitalters kann man in dieser Weise charakterisieren, daß, wenn man sich zurückerinnert auf sein Leben manchmal — man kann es schon bei der Rückerinnerung, die man über einen Tag macht, bemerken -, man nicht nur sich erinnert an dasjenige, was man im grobklotzigen Sinne erlebt hat, sondern daß herausquellen aus diesen Erlebnissen dämonische Gestaltungen. So ist es ungefähr, wie wenn man sich sagen müßte: Ja, wir haben das und das erlebt; aber nachträglich träume ich jetzt aus diesen Erlebnissen heraus Tagträume, die nachher aus diesen Erlebnissen herauskommen.

[ 9 ] It will come to pass that people will find something very peculiar in their ordinary recollections, in their ordinary memory. Today it is still just about manageable because we have become somewhat coarse-grained and fail to notice the things that are actually already present in the human soul. Today it is still just about manageable that, when we look back on our own lives, only memories of ordinary experiences emerge from that life we are looking back on. But that is no longer purely the case; in fact, it is no longer quite like that. Instead, time and again there are people among us who are already experiencing something different—people who, when they reflect on what they experienced ten or twenty years ago, do not merely recall what they actually experienced, but something else comes to mind: something they did not experience, yet which rises from their past experiences like an independent entity. And the folly of psychoanalysis, which examines the past in the soul without any understanding of the nature of the present. What foolish psychoanalysis cannot find, spiritual science must present to people: that in fact, when we look back from any stage of life—let’s say from the age of 45—and see all the waves of experiences as a kind of current (see drawing), there are not only the experiences we have lived through; that was, so to speak, once the case, and a large number of somewhat “slimy” people still experience nothing else even today. The person who is sensitive to such things experiences that, when looking back on life, not only are these ordinary experiences present, but they also experience something that stands out (red)—something they have not experienced themselves, but which emerges, as it were, demonically from past soul experiences. And this will become stronger and stronger. If people do not learn to be attentive to such things, they will lose their minds because of them. This is the danger facing human development as we move into the future. And one must not harbor any illusions about this, for this is the reality. In the experiences that human beings go through, something new will emerge that can only be grasped with this active intellect. This is something of extraordinary significance! Just as new phases emerge in an individual’s life after losing baby teeth, reaching sexual maturity, and so on, so too does such a metamorphosis occur in all of humanity after a certain era; and the metamorphosis of our age can be characterized in this way: when one sometimes looks back on one’s life—one can already notice it when reflecting on a single day— one not only recalls what one has experienced in the gross, tangible sense, but demonic figures well up from these experiences. It is roughly as if one had to say: Yes, we experienced this and that; but in retrospect, I now dream daydreams out of these experiences, which subsequently emerge from them.

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[ 10 ] Das wird zum Normalen gehören, man muß auf das aufmerksam sein. Das aber wird von den Menschen fordern, daß der Mensch innerlich viel aktiver werde, daß er jenes Passive überwinde, das die gegen_ wärtige Menschheit hat und das den Menschen zur Verzweiflung treibt gegenüber den großen Anforderungen der Zeit. Dieses Passive muß von der Menschheit überwunden werden. Was heute an Schläfrigkeit in der Menschheit waltet, dieses Sich-nicht-aufraffen-Können, die Dinge ernst und würdig zu nehmen, das ist ja allerdings etwas Furchtbares. In unserer Zeit haben viele Menschen gar nicht die Fähigkeit, über irgend etwas entrüstet zu sein. Wer aber nicht entrüstet sein kann über das Schlechte, kann nicht über das Gute begeistert sein. Wenn aber dieser tätige Verstand Besitz ergreift von den Menschen, dann wird damit etwas anderes verbunden sein. Und man kann sagen: Heute fürchtet sich noch die Menschheit vor jener Erfahrung, die sie da machen wird. - Denn, sehen Sie, man wird den Verstand dadurch kennenlernen, daß er tätig sein wird, man wird die gepriesene Intellektualität kennenlernen, und es wird sich herausstellen, was sie eigentlich ist, diese Intellektualität, was es ist, dieses Entstehen von Bildern. Man begreift es nur, wenn man etwas ins Auge faßt, was ich hier auch schon öfters auseinandergesetzt habe: Wir können fühlen, wir können wollen, indem wir leben, aber wir könnten nicht, wenn wir nur lebten, auch denken. Das könnten wir nicht. Wir können denken nur aus dem Grunde, weil wir fortwährend das Todesprinzip in uns tragen. Das ist dieses große Geheimnis der Menschen, daß gewissermaßen von den Sinnen aus — wenn ich das Auge nehme als den Repräsentanten der Sinne (siehe Zeichnung) — fortwährend strömt durch dasjenige, was man als Nerv auffaßt, Zerstörendes in den Menschen hinein. Es ist, wie wenn der Mensch von den Sinnen aus durch die Nervenstränge mit einem sich zerbröckelnden Materiellen ausgefüllt würde. Wenn Sie sehen, wenn Sie hören, oder auch, wenn Sie nur Warmes fühlen, es ist wie ein von den Sinnen nach innen sich zerbröckelndes Materielles. Dieses sich zerbröckelnde Materielle, das muß erfaßt werden von demjenigen, was aus dem Inneren des Menschen ausströmt. Es muß gewissermaßen verbrannt werden. Wir müssen fortwährend, indem wir denken, gegen den in uns waltenden Tod kämpfen. Der Mensch weiß .heute eben nicht, weil er sich nur bewußt ist seines Denkens als Spiegelbilder, daß er im Grunde genommen nur lebt mit dem, was nicht Kopf ist, daß der Kopf eigentlich nur ein fortwährend absterbendes Organ ist. Wir wären fortwährend der Gefahr des Sterbens ausgesetzt, wenn nur das geschehen würde, was in unserem Kopfe ist. Dieses fortwährende Sterben wird nur verhindert dadurch, daß der Kopf mit dem anderen Organismus verbunden ist und die Vitalität des anderen Organismus das Sterben verhindert. Wenn der Mensch sich aneignen wird diesen tätigen Verstand — so wie sich angeeignet hat die Menschheit in der Griechen-, in der Römerzeit die tätige Phantasie, während die Imagination des alten atavistischen Hellsehens eine passive Phantasie war -, dann wird er in sich selber wahrnehmen das fortwährende Absterben eines Teiles seines Wesens. Das wird wichtig sein. Denn so, wie wir hineinwachsen müssen in einen Bewußtseinszustand, durch den wir das fortwährende Absterben eines Teiles unseres Wesens wahrnehmen, so hat eine alte Menschheit, die aber noch bis in die Griechenzeit hineinragte, wahrgenommen dasjenige, was im Vitalitätsprinzip des Menschen lebt, was im Willen lebt und in dem mit dem Willen zusammenhängenden Stoffwechsel lebt. Da lebt dasjenige, was das Absterbeprinzip bekämpft, was fortwährend des Menschen Absterbeprinzip lähmt.

[ 10 ] This will become the norm; we must be mindful of it. But this will require people to become much more active inwardly, to overcome the passivity that characterizes humanity today and that drives people to despair in the face of the great demands of the times. Humanity must overcome this passivity. The lethargy that prevails among humanity today—this inability to rouse oneself to take things seriously and with dignity—is indeed a terrible thing. In our time, many people lack the very ability to be indignant about anything. But those who cannot be indignant at evil cannot be enthusiastic about good. Yet when this active intellect takes hold of people, something else will be connected with it. And one can say: Today, humanity still fears the experience it is about to have. —For, you see, people will come to know the mind through its activity; they will come to know this much-praised intellectuality, and it will become clear what this intellectuality actually is, what this arising of images really is. One can only understand this by grasping something that I have already discussed here on several occasions: We can feel, we can will, by living, but we could not, if we merely lived, also think. We could not do that. We can think only because we continually carry the principle of death within us. This is the great mystery of human beings: that, as it were, from the senses—if I take the eye as the representative of the senses (see drawing)—something destructive continually flows into the human being through what we understand as nerves. It is as if the human being were being filled, from the senses through the nerve strands, with a crumbling material substance. When you see, when you hear, or even when you simply feel warmth, it is like a crumbling material substance flowing inward from the senses. This crumbling material substance must be absorbed by that which flows out from within the human being. It must, so to speak, be burned away. We must constantly fight against the death reigning within us through our thinking. People today simply do not know—because they are only aware of their thoughts as reflections—that, fundamentally, they live only through what is not the head, that the head is actually just an organ that is constantly dying. We would be constantly exposed to the danger of dying if only what is in our head were to happen. This constant dying is prevented only by the fact that the head is connected to the rest of the organism, and the vitality of the rest of the organism prevents this dying. When human beings come to master this active intellect—just as humanity in the Greek and Roman eras mastered the active imagination, whereas the imagination of ancient, atavistic clairvoyance was a passive imagination—then they will perceive within themselves the constant dying off of a part of their being. This will be important. For just as we must grow into a state of consciousness through which we perceive the continual dying off of a part of our being, so an ancient humanity—which, however, extended into the Greek era—perceived that which lives in the human principle of vitality, that which lives in the will, and that which lives in the metabolism connected to the will. There lives that which combats the principle of decay, that which continually paralyzes the human principle of decay.

[ 11 ] Man könnte sagen: In dieser Beziehung waren die Alten besser daran, als diejenigen sein werden, die da nachkommen in unserem Zeitalter. Die Alten haben wahrgenommen, indem sie ein instinktives Hellsehen gehabt haben, die Vitalität, das Leben. Mit dieser Vitalität, mit diesem Leben ist eben im Zusammenhange das Heilungsprinzip. Wir sterben zwar nicht dadurch, daß unser Kopf sterben will, aber wir tragen fortwährend Krankheitskeime in uns durch unseren Kopf dadurch, daß er das Organ unseres Denkens ist, und haben fortwährend nötig, den Tribut abzutragen an unser Denken, der darin besteht, daß wir dem krankmachenden Kopf entgegensetzen die Heilungskräfte des übrigen Organismus. Heute wird es noch wenig bemerkt, allein es werden auftreten Krankheitsformen — Sie wissen ja, daß sie sich ändern -, bei denen man den Ausgang aus dem menschlichen Haupte besser bemerken wird, als man das für viele Krankheiten der Gegenwart bemerkt. Dann wird man einsehen, daß im Grunde genommen der ganze gesunde Prozeß des Menschen, der in ihm verläuft, ein Heilungsvorgang ist gegen die Schädigung unseres Intellektlebens. Während die Alten also von ihrer Wissenschaft, von ihrer Erkenntnis sagen konnten, daß in ihr etwas Heilendes ist, wird man in der Zukunft sagen müssen: Das, was wir aus unserem Verstande machen, das, was aus dem wird, worauf wir heute so stolz sind, das wird uns in der Zukunft zeigen, daß, wenn es allein waltet, die Menschen nach und nach in die Dekadenz, in die völlige Dekadenz verfallen würden, daß dagegen geltend gemacht werden muß ein Wissen, das wiederum entgegenstellen kann heilende Kräfte. Ich habe das gestern von einem anderen Gesichtspunkte aus angedeutet, heute mehr aus der Konstitution des Menschen heraus. Wir müssen einsehen, daß wir Geisteswissenschaft brauchen als den Träger eines neuen Heilungsprozesses. Denn wenn jener in bloßen Bildern lebende Intellekt, auf den heute die Menschheit so stolz ist, sich in dieser Richtung nur weiter ausbildet, dann würde durch das Walten dieses Intellektes die ganze Menschheit einen Krankheitsprozeß durchmachen. Diesem Krankheitsprozeß muß entgegengearbeitet werden. Ich könnte mir zwar denken, daß es auch Menschen geben könnte, die nunmehr sagen: Also verhindern wir einmal das Gescheitwerden durch den Verstand, schaffen wir den Intellekt ab — es gibt ja auch solche Menschen, die dafür sorgen möchten, daß der Intellekt sich nicht entwickelt -, dann braucht man seine Schäden nicht zu heilen. - Aber mit diesem jesuitischen Prinzip kann der wahre Fortschritt der Menschen nichts gemein haben, sondern es handelt sich darum, daß schon einmal die Entwickelung der Menschen so sein müßte, daß dasjenige, was aus des Menschen Seelenkräften sich entwickelte, das Heilsame, daß das herauf sich entwickelte bis zum Intellekt; sonst wird es sich abwärts entwickeln und den Menschen in den Niedergang hineinbringen. Dagegen muß sich geltend machen dasjenige, was aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis kommt und was fortwährend entgegenwirken kann den Niedergangskräften, die gerade aus dem einseitigen Intellekte kommen.

[ 11 ] One could say: In this respect, the ancients were better off than those who will come after them in our age. The ancients perceived—through an instinctive clairvoyance—vitality, life itself. The principle of healing is precisely connected to this vitality, to this life. We do not die because our head wants to die, but we constantly carry pathogens within us through our head—since it is the organ of our thinking—and we must continually pay the price for our thinking, which consists in countering the disease-causing head with the healing powers of the rest of the organism. Today this is still largely overlooked, but forms of illness will arise—as you know, they are changing—in which the origin in the human head will be more readily apparent than is the case with many diseases of the present. Then people will realize that, fundamentally, the entire healthy process taking place within a human being is a healing process against the damage caused by our intellectual life. While the ancients could say of their science and their knowledge that there was something healing in them, in the future we will have to say: What we make of our intellect—what becomes of that which we are so proud of today—will show us in the future that, if it reigns alone, human beings would gradually fall into decadence, into complete decadence; and that, in contrast, a form of knowledge must be asserted that can, in turn, counter this with healing forces. I hinted at this yesterday from a different perspective; today I am approaching it more from the standpoint of human constitution. We must realize that we need spiritual science as the vehicle for a new healing process. For if that intellect—which lives in mere images and of which humanity is so proud today—continues to develop in this direction, then the reign of this intellect would cause all of humanity to undergo a process of illness. This process of illness must be counteracted. I can well imagine, of course, that there might be people who would now say: “So let’s prevent people from becoming wise through reason; let’s do away with the intellect—after all, there are people who would like to ensure that the intellect does not develop—then there will be no need to heal its damage.” - But true human progress can have nothing in common with this Jesuitical principle; rather, the point is that human development must be such that what arises from the powers of the human soul—that which is healing—must develop upward to the level of the intellect; otherwise, it will develop downward and lead humanity into decline. In contrast, what arises from spiritual scientific knowledge—and what can continually counteract the forces of decline that stem precisely from a one-sided intellect—must assert itself.

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[ 12 ] Hier ist es, wo ich Sie auf etwas aufmerksam machen muß, auf etwas ganz Bestimmtes. Sie werden ja wissen, daß in demselben 19. Jahrhundert, in dem all das sich abgespielt hat, wovon ich Ihnen heute erzähle, worauf ich Sie öfters aufmerksam gemacht habe, daß da der Verstandesmaterialismus groß geworden ist. Menschen sind aufgetreten — ich brauche nur zu erinnern an Moleschott, Vogt, Clifford und so weiter -, die etwa den Satz vertreten haben: Alles Denken besteht nur in einem Stoffwechsel des Gehirns. - Von einem Phosphoreszieren des Gehirns hat man gesprochen, indem man sagte: Ohne Phosphor im Gehirn, kein Denken. — Also das Denken ist nur etwas, was ein Nebenprozeß ist einer gewissen Gehirnverdauung. Man kann nicht sagen, daß die Menschen, die das aufgebracht haben, zu den dümmsten ihres Zeitalters gehört haben. Denn — man mag über diesen Satz der theoretischen Materialisten denken, wie man will — man kann ja auch etwas anderes tun, man kann den Maßstab der Kapazität anlegen an die Menschen dieses Zeitalters und kann fragen: Waren nun solche Leute, wie Moleschott oder Clifford oder ähnliche, gescheiter, oder diejenigen, die aus irgendwelchen alten Bekenntnisvorurteilen es damals bekämpft haben, es bekämpft haben ohne Geisteswissenschaft? War Haeckel gescheiter, oder waren seine Gegner gescheiter? — Diese Frage kann heute noch immer aufgeworfen werden. Und wenn man nicht sein Urteil einrichtet nach seiner Meinung, sondern nach der Beobachtung der geistigen Kapazität, so kann man natürlich nicht sagen, daß die Gegner von Haeckel gescheiter waren als Haeckel, oder die Gegner von Moleschott und Clifford gescheiter waren als Moleschott und Clifford. Die Materialisten waren sehr gescheite Menschen, und dasjenige, was sie ausgesagt haben, war ganz gewiß nicht ohne Bedeutung. Woher kommt es denn? Was steckt eigentlich dahinter? Darauf muß man kommen, sich die Frage zu beantworten, was da eigentlich dahintersteckt. Gewiß, es traten dann auch ganz wohlmeinende Gegner der Materialisten auf, so zum Beispiel Moriz Carriere, von dem ich Ihnen auch schon gesprochen habe. Er sagte: Wenn das alles, was der Mensch denkt und in der Seele erlebt, nur vom Gehirn ausgekocht wird, so ist ja alles dasjenige, was von der einen Seite vorgebracht wird, ebenso ausgekocht wie dasjenige, was von der anderen Seite vorgebracht wird. Also ist eigentlich kein Wahrheitsunterschied zwischen dem, was Moleschott und Clifford behaupten, und dem, was der Papst behauptet. — Es ist kein Unterschied, denn beides wird ausgekocht von dem menschlichen Gehirn. Man kann nicht unterscheiden zwischen wahr und falsch. Dennoch kämpfen die Materialisten für die Wahrheit, die sie allerdings in ihrem Sinne auslegen. Aber sie haben kein Recht, für die Wahrheit zu kämpfen; doch sie sind scharfsinnig, sie haben eine gewisse geistige Kapazität. Was liegt denn da eigentlich vor?

[ 12 ] This is where I must draw your attention to something—something very specific. As you know, in the very same 19th century in which all the events I am telling you about today took place—events to which I have often drawn your attention—rational materialism gained prominence. People emerged—I need only mention Moleschott, Vogt, Clifford, and so on—who essentially advocated the view that all thinking consists solely of a metabolic process in the brain. People spoke of the brain “phosphorescing,” saying: “Without phosphorus in the brain, there is no thinking.”—So thinking is merely a byproduct of a certain kind of cerebral digestion. One cannot say that the people who put forward this idea were among the most foolish of their age. For—whatever one may think of this statement by the theoretical materialists—one can also take a different approach: one can apply the standard of intellectual capacity to the people of that age and ask: Were people like Moleschott or Clifford—or others like them—smarter, or were those who opposed it back then out of some old doctrinal prejudice, opposing it without any understanding of the human sciences? Was Haeckel smarter, or were his opponents smarter? — This question can still be raised today. And if one bases one’s judgment not on personal opinion but on an observation of intellectual capacity, then one certainly cannot say that Haeckel’s opponents were smarter than Haeckel, or that the opponents of Moleschott and Clifford were smarter than Moleschott and Clifford. The materialists were very intelligent people, and what they said was certainly not without significance. Where does it come from, then? What is actually behind it? One must get to the bottom of this, to answer the question of what is actually behind it. Certainly, there were also well-meaning opponents of the materialists, such as Moriz Carriere, whom I have already mentioned to you. He said: If everything a person thinks and experiences in their soul is merely concocted by the brain, then everything put forward by one side is just as much a concoction as what is put forward by the other side. So there is actually no difference in truth between what Moleschott and Clifford claim and what the Pope claims. — There is no difference, because both are concocted by the human brain. One cannot distinguish between true and false. Nevertheless, the materialists fight for the truth—which they, of course, interpret in their own way. But they have no right to fight for the truth; yet they are astute; they possess a certain intellectual capacity. What is actually going on here?

[ 13 ] Da liegt das vor, daß diese Materialisten auftreten mußten in einem Zeitalter, in dem das Denken nur in Bildern abgefaßt, in Bildern lebt, und Bilder sind nicht da, ohne daß ein Spiegelapparat abläuft, und der Spiegelapparat ist das Gehirn. Für das gewöhnliche Denken, für das Denken, das im 19. Jahrhundert groß geworden ist, haben nämlich die Materialisten recht. Das ist die Tatsache. Nicht recht hätte der Materialismus nur dann, wenn er behaupten würde, alles Denken, das über den Intellekt hinausgeht, das sei auch bloß Bild, es sei abhängig von der Leiblichkeit; denn das ist nicht der Fall. Dieses, was über den Intellekt hinausgeht, kann nur durch eine menschliche Entwickelung erreicht werden, nur dadurch, daß man sich unabhängig macht von der Leiblichkeit. Aber dasjenige Denken, das sich gerade im 19. Jahrhundert geltend gemacht hat, das muß materialistisch gedeutet werden. Das ist ganz abhängig, wenn es auch eben Bilder sind, von dem Werkzeug des menschlichen Gehirnes, und das Merkwürdige ist, daß man mit dem Materialismus gerade am meisten Recht hat gegenüber dem Geistesleben dieses 19. Jahrhunderts. Dieses Geistesleben des 19. Jahrhunderts ist tatsächlich an die leibliche Materie gebunden. Aber gerade über dieses Geistesleben muß hinausgekommen werden. Über dieses Geistesleben muß der Mensch sich erheben. Er muß wiederum hineingießen lernen in die Bilder geistige Substanz. Das kann man nicht nur dadurch, daß man hellseherisch wird, denn das brauchen — das muß ich immer wieder sagen - nicht alle zu werden; sondern geistige Substanz läßt man schon in sein Denken einfließen, wenn man nur dasjenige, was geistig erforscht ist, nachdenkt; nicht urteilslos! Man kann es beurteilen, wenn es einmal da ist; der gesunde Menschenverstand reicht völlig aus, um zu begreifen, was von der Geisteswissenschaft erforscht ist. Wenn man das leugnet, so nimmt man nur keine Rücksicht auf den gesunden Menschenverstand; wenn man das leugnet, so denkt man: Der gesunde Menschenverstand, der ist dasjenige, was nun seit langer Zeit schon in der zivilisierten Menschheit großgezogen wird. — Ja, diese zivilisierte Menschheit, die entwickelt ja «sehr sichere» Urteile! Und wenn dann diese Urteile durch die Tatsachen widerlegt werden, dann merkt sie das gar nicht, will es nicht merken. Solche Dinge, die symptomatisch weithin sprechen, die werden im rechten Augenblicke vergessen.

[ 13 ] The fact is that these materialists were bound to emerge in an age in which thought is expressed only in images, lives in images, and images do not exist without a mirror mechanism at work—and that mirror mechanism is the brain. For ordinary thinking—for the kind of thinking that flourished in the 19th century—the materialists are indeed correct. That is a fact. Materialism would be wrong only if it claimed that all thinking that goes beyond the intellect is also merely an image, that it is dependent on physicality; for that is not the case. That which goes beyond the intellect can only be attained through human development, only by becoming independent of physicality. But the kind of thinking that asserted itself precisely in the 19th century must be interpreted materialistically. Even if these are merely images, they are entirely dependent on the instrument of the human brain, and the curious thing is that materialism is actually most correct when applied to the spiritual life of the nineteenth century. This spiritual life of the nineteenth century is indeed bound to physical matter. But it is precisely this spiritual life that must be transcended. Human beings must rise above this spiritual life. They must learn once again to infuse these images with spiritual substance. This cannot be achieved merely by becoming clairvoyant, for—as I must say again and again—not everyone needs to become so; rather, spiritual substance already flows into one’s thinking when one reflects on what has been spiritually investigated—but not without judgment! One can judge it once it is there; common sense is entirely sufficient to grasp what has been researched by spiritual science. If one denies this, one is simply disregarding common sense; if one denies this, one thinks: Common sense is what has been cultivated in civilized humanity for a long time now. — Yes, this “civilized” humanity does indeed form “very certain” judgments! And when these judgments are then refuted by the facts, it doesn’t even notice—it doesn’t want to notice. Such things, which speak volumes, are forgotten at the very moment they should be remembered.

[ 14 ] Ich will Ihnen nur ein kleines niedliches Beispielchen sagen: Es war 1866, da sagte man, dasjenige, was dazumal geschehen war — der Sieg Preußens über Österreich -, der sei ein Beweis für die Vorzüglichkeit der preußischen Schulen, und das Sprichwort kam auf: 1866 hat der preußische Schulmeister gesiegt. -— Das hat man immer wieder und wiederum wiederholt. Und es würde interessant sein, zusammenzuziehen, wie oft von 1870 ab bis 1914 von allen möglichen berufenen, aber namentlich unberufenen Leuten der Satz wiederholt worden ist: Die preußischen Siege hat der preußische Schulmeister errungen. — Ich glaube, man wird jetzt nicht irgendwie ein ähnlich geartetes Sprichwort an die Stelle setzen, und die Wahrheit des anderen will sich jetzt nicht mehr so recht behaupten lassen gegenüber den Ereignissen, die nunmehr eingetreten sind. Aber im Zeitalter des Intellektes, wo man ganz gescheit ist, da merkt man nicht gerne die Widersprüche, die sich im Leben zeigen. Die Tatsachen spielen ja in ein intellektuelles Leben wenig herein; aber diese Tatsachen, sie werden mässen hereinspielen, wenn das rein Intellektuelle wiederum durchtränkt wird mit geistigem Inhalt. Dann aber wird sich eben zeigen, wie in die Menschheit hereinkommt gerade ein Ablähmungs-, ein Dekadenzprozeß und wie der durch eine neue geistige Erkenntnis überwunden werden muß. Man kann sagen: Die Alten haben gespürt, empfunden in ihrer Erkenntnis, die aus dem physischen Leibe aufkochte, das Heilende. In Zukunft wird die Menschheit sich gewöhnen müssen, in der Ausbildung des Intellektes das Kränkende, das Krankmachende zu erkennen, um die Notwendigkeit zu empfinden, aus dem Geiste herauszuholen das Heilende. Wieder muß werden die Wissenschaft ein Quell des Heilens. Aber aus einer entgegengesetzten Ecke wird die Nötigung kommen, aus der Ecke, die zeigt, daß das äußere Leben, gerade wenn es in der Erkenntnis vorschreitet, ein die Menschheit krankmachendes ist, dem eben das Heilprinzip entgegengestellt werden muß.

[ 14 ] I’d just like to give you a cute little example: It was 1866, when people said that what had happened back then—Prussia’s victory over Austria—was proof of the excellence of Prussian schools, and the saying arose: “In 1866, the Prussian schoolteacher triumphed.” — That was repeated over and over again. And it would be interesting to tally how often, from 1870 through 1914, all sorts of people—both qualified and, in particular, unqualified—repeated the phrase: “The Prussian schoolmaster won the Prussian victories.” — I don’t think anyone will now come up with a similar saying to replace it, and the truth of the other one can no longer really hold up in the face of the events that have since taken place. But in the age of the intellect, when people consider themselves quite clever, they are reluctant to acknowledge the contradictions that arise in life. Facts, after all, play little role in an intellectual life; but these facts will have to come into play when the purely intellectual is once again imbued with spiritual content. Then, however, it will become clear how a process of stagnation and decadence is taking hold of humanity and how this must be overcome through a new spiritual insight. One might say: The ancients sensed and felt, in their insight that welled up from the physical body, the healing power. In the future, humanity will have to accustom itself to recognizing, in the development of the intellect, that which is harmful and disease-inducing, in order to feel the necessity of drawing the healing power from the spirit. Science must once again become a source of healing. But the impetus will come from the opposite direction—from the perspective that shows how external life, precisely as it advances in knowledge, is a force that makes humanity sick, and against which the principle of healing must be set.

[ 15 ] Mit solchen Dingen greifen wir ein in den Entwickelungsgang der Menschheit, insoweit er eine Wirklichkeit ist. Die heutige Geschichte schildert ja nicht die Wirklichkeit der menschlichen Entwickelung, sondern wertlose Abstraktionen. Das ist dasjenige, was dem heutigen Menschen so mangelt, der Wirklichkeitssinn. Ihn hat der heutige Mensch wenig. In Mitteleuropa ist man groß geworden im Laufe des 19. Jahrhunderts in der Darstellung desjenigen, was als Geistiges schon da war. Eine der wunderbarsten Darstellungen dessen, was schon da war, finden wir bei Herman Grimm. Herman Grimm hat gerade seine Höhe erreicht, wenn er über Goethes «Tasso», über Goethes «Iphigenie» geschrieben hat. Er konnte aber nicht Goethe selbst schildern. Es gibt ja auch eine Goethe-Biographie von ihm, aber da steht Goethe da wie ein Schatten. Die geistige Kraft war nicht da im 19. Jahrhundert. Man lebte in Bildern, und Bilder können die Wirklichkeit nicht bezwingen. In der Zukunft muß diese Wirklichkeit bezwungen werden. Wir müssen nicht nur begreifen menschliche Schöpfungen, wir müssen begreifen den Menschen selbst vor allen Dingen und durch den Menschen dann wiederum in einem umfassenderen Sinne die Natur mehr, als wir sie begreifen bisher. Solche Dinge, glaube ich, könnten mit dem nötigen Ernst anschlagen an das menschliche Gemüt. Es wird wahrscheinlich noch manche Zeit verfließen, bevor eine genügende Anzahl von Menschen sich findet, die sich durchdringen lassen von dem Feuer, das schon ausgehen kann von einer solchen Erkenntnis, die ja zeigt: Die Menschheit muß krank werden, wenn sie nicht will sich durchgeistigen! — Aber wenigstens diejenigen, die etwas nähergetreten sind dem anthroposophischen Erkennen, die sollten sich durchdringen lassen von dieser Erkenntnis.

[ 15 ] Through such things, we intervene in the course of human development, insofar as it is a reality. After all, contemporary history does not depict the reality of human development, but rather worthless abstractions. That is precisely what modern people lack so much: a sense of reality. Modern people have very little of it. In Central Europe, throughout the 19th century, people became adept at portraying what already existed in the spiritual realm. One of the most wonderful portrayals of what was already there can be found in the work of Herman Grimm. Herman Grimm reached the height of his powers precisely when he wrote about Goethe’s *Tasso* and Goethe’s *Iphigenia*. But he was unable to portray Goethe himself. He did, after all, write a biography of Goethe, but in it Goethe stands there like a shadow. That spiritual power was absent in the 19th century. People lived in images, and images cannot conquer reality. In the future, this reality must be conquered. We must not only understand human creations; we must understand human beings themselves above all else, and through them, in a broader sense, understand nature more fully than we have so far. Such things, I believe, could strike a chord in the human soul with the necessary seriousness. It will probably be some time yet before a sufficient number of people come forward who allow themselves to be penetrated by the fire that can already emanate from such a realization, which indeed shows: Humanity must fall ill if it does not wish to become spiritualized! — But at least those who have drawn somewhat closer to anthroposophical knowledge should allow themselves to be penetrated by this realization.

[ 16 ] Eines wird Platz greifen müssen; vielfach sind diejenigen, die Anthroposophen geworden sind, gekommen an diese anthroposophische Bewegung aus, ich möchte sagen, feineren egoistischen Tendenzen heraus: sie wollten etwas haben für ihr seelisches Wohlbefinden, sie wollten befriedigt sein, etwas erfahren über die geistige Welt nach irgendeiner Richtung hin. Damit wird es nicht getan sein. Dasjenige, um was es sich handelt, ist nicht, daß wir uns persönlich auf ein Ruhekissen legen können, weil wir befriedigt sind über unseren Anteil an der geistigen Welt. Dasjenige, was die Menschheit braucht, ist ein tätiges Eingreifen vom Geiste aus in die materielle Welt, ein Bezwingen der materiellen Welt vom Geiste aus. Und ehe man das nicht durchschaut und sich dann weiter von diesem Durchschauen in seinem Wollen führen läßt, eher kann aus der Not, die jetzt über die Menschheit gekommen ist, nicht hinausgelangt werden.

[ 16 ] One thing must be made clear: in many cases, those who have become anthroposophists have come to this anthroposophical movement, I would say, out of more subtle egoistic tendencies—they wanted something for their spiritual well-being; they wanted to be satisfied, to experience something of the spiritual world in some way. That will not be enough. What is at stake is not that we can personally rest on our laurels because we are satisfied with our share of the spiritual world. What humanity needs is an active intervention by the spirit into the material world, a conquering of the material world by the spirit. And until one grasps this and then allows one’s will to be guided by this insight, it will not be possible to escape the distress that has now befallen humanity.

[ 17 ] Man möchte so gerne, daß wenigstens in den Kreisen der Anthroposophen eine solche Einsicht und auch ein solcher Wille Platz greift. Gewiß, man kann sagen: Was können wir paar Leute tun gegen die Verblendung der ganzen Welt! — Das ist nicht richtig. Ein solcher Ausspruch ist ganz und gar nicht richtig. Denn indem man dieses sagt, denkt man gar nicht daran, daß es sich eben darum handelt, diesen Willen erst fähig zu machen und dann abzuwarten, was kommt. Tue ein jeder an seiner Stelle dasjenige, was er kann, und er mag abwarten, was die anderen tun; aber tue er es auch wirklich, tue er es vor allen Dingen so, daß eine möglichst große Anzahl von Menschen in der Welt zusammenleben, die zunächst durchdrungen sind von der Notwendigkeit einer geistigen Erneuerung, dann wird etwas anderes schon nachkommen. Heute sind viele Kräfte am Werke, diese geistige Erneuerung zu verhindern. Nur wenn wir wachsam sind, wenn wir feststehen auf dem Boden, auf den Geisteswissenschaft uns stellt, können wir vorwärtskommen und dasjenige wollen, was schon einmal heute notwendig ist für das Vorwärtskommen der Menschheit.

[ 17 ] One would so dearly like to see such insight—and such a will—take root, at least within anthroposophical circles. Of course, one might say: What can we few people do against the delusion of the whole world! — That is not correct. Such a statement is completely incorrect. For in saying this, one fails to consider that the very point is to first cultivate this will and then wait to see what happens. Let each person do what they can in their own place, and let them wait to see what others do; but let them truly do it—and above all, let them do it in such a way that as many people as possible in the world live together, imbued first and foremost with the necessity of spiritual renewal—then something else will surely follow. Today, many forces are at work to prevent this spiritual renewal. Only if we are vigilant, only if we stand firm on the ground upon which spiritual science places us, can we move forward and will what is already necessary today for the progress of humanity.