Healing Factors for the Social Organism
GA 198
30 May 1920, Dornach
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Healing Factors for the Social Organism, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Für die Weiterführung unserer geistigen Anschauung wird immer mehr nötig sein, daß unsere Freunde Rücksicht nehmen auf gewisse historische Tatsachen. Es ist, man möchte sagen, in den vergangenen Jahrzehnten gewiß ein schönes Leben gewesen für unsere lieben Mitglieder, die sich darauf beschränkt haben, Kenntnis zu nehmen von dem, was an den verschiedenen Orten vorgetragen worden ist, was innerhalb dieser Vorträge sonst gesagt worden ist, und die in gewissem Sinne doch eine Art von Mauer ergaben, die nicht durchsichtig war für viele, eine Mauer, über die man nicht hinausschauen wollte auf dasjenige, was in der äußeren Welt vorgeht. Will.man aber in der richtigen Weise hinausschauen auf das, was in der äußeren Welt vorgeht, will man nicht eine Sekte begründen, sondern will man — was einzig und allein unsere Bewegung sein kann — eine historische Bewegung haben, dann ist es nötig, daß man auch weiß, aus welchen historischen Voraussetzungen dasjenige hervorgeht, was ringsherum in der Welt vorhanden ist. Und die Art und Weise, wie man uns, ohne daß wir auch nur im entferntesten irgend aggressiv vorgegangen sind, wie man uns insbesondere hier behandelt, die macht wohl im allereminentesten Sinne notwendig, daß über die Mauern wirklich hinausgeschaut werde und einiges von dem verstanden werde, was in der Welt vorgeht. Deshalb möchte ich einiges von dem, was ich in der nächsten Zeit zu sagen habe, an allerlei historische Bemerkungen anknüpfen, um auf gewisse historische Tatsachen hinzuweisen, ohne deren Kenntnis wir jetzt tatsächlich wohl nicht weiterkommen können.
[ 1 ] In order to continue our spiritual perspective, it will become increasingly necessary for our friends to take certain historical facts into account. One might say that, in recent decades, life has certainly been pleasant for our dear members, who have limited themselves to taking note of what was presented in various places and what else was said within those lectures—which, in a certain sense, nevertheless formed a kind of wall that was opaque to many, a wall beyond which one did not wish to look out at what is happening in the outer world. But if one wishes to look out in the right way at what is happening in the outside world, if one does not wish to found a sect, but rather—which is the sole purpose of our movement—to have a historical movement, then it is necessary to also know the historical preconditions from which what exists all around us in the world arises. And the way in which we are being treated—especially here, without our having acted in even the remotest sense aggressively—makes it absolutely essential, in the most profound sense, that we truly look beyond these walls and understand something of what is happening in the world. That is why I would like to link some of what I have to say in the near future to various historical observations, in order to point out certain historical facts, without knowledge of which we really cannot move forward at this point.
[ 2 ] Ich möchte zunächst heute auf eines hinweisen. Sie wissen, daß so ungefähr zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts in den verschiedenen zivilisierten Staaten Europas und in Amerika so etwas Platz gegriffen hat, was man genannt hat eine Art realer Lebensauffassung, die sich im wesentlichen aufgebaut hat auf die Errungenschaften des 19. Jahrhunderts und auch auf die Errungenschaften, welche die Zivilisation dieses 19. Jahrhunderts vorbereitet haben. Man hat überall anders gesprochen, aus einem anderen Unterton heraus, zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, als dann in den späteren Jahrzehnten und insbesondere in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die Gedankenformen selbst, wie sie breiteste Kreise beherrschen, sind in dieser Zeit wesentlich andere geworden. Nun will ich heute nur eines hervorheben. Das, was dazumal im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts eine Art Gemeingut der Gebildeten war, war der Glaube daran, daß der Mensch aus sich heraus, aus seinem Inneren heraus sich über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens eine Überzeugung bilden soll, und daß, trotzdem der Mensch aus diesem seinem Inneren heraus sich eine Überzeugung über die wichtigsten Angelegenheiten des Lebens bildet, nach dem, was ihm durch irgendwelche wissenschaftlichen Ergebnisse vorgelegt wird, daß trotzdem ein soziales Zusammenleben der Menschen innerhalb der zivilisierten Welt möglich sei. Es wurde gewissermaßen eine Art Dogma, aber ein Dogma, das man freiwillig in weitesten Kreisen anerkannte, ein Dogma, daß unter den Menschen, die einen gewissen Bildungsgrad erreicht haben, Gewissensfreiheit möglich sei. Man hat zwar in den folgenden Jahrzehnten niemals den Mut gehabt, gegen dieses Dogma geradezu aufzutreten; allein mehr oder weniger unbewußt machte man doch Front gegen dieses Dogma. Und in der heutigen Zeit, nach der großen Weltkatastrophe, ist dieses Dogma geradezu etwas, das in weitesten Kreisen, allerdings mehr oder weniger heuchlerisch, aber doch zurückgedrängt, vernichtet wird. Man möchte sagen, in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts war in weitesten Kreisen der Glaube herrschend, daß der Mensch eine gewisse Freiheit seines Gewissens haben müsse und auch eine gewisse Freiheit seines Kultus, alles desjenigen, was mit dem Kultus zusammenhängt. Dies hat man in gewissen Kreisen heraufkommen sehen, und es ist von mir schon des öfteren hervorgehoben worden, wie gegen dasjenige, was da heraufgekommen ist, am 8. Dezember 1864 von Rom aus Sturm gelaufen wurde, wie von Rom aus diese ganze Bewegung dazumal behandelt worden ist. Es ist von mir hervorgehoben worden, daß in der päpstlichen Enzyklika des Jahres 1864, die mit dem bekannten Syllabus zu gleicher Zeit erschien, ausdrücklich gesagt wird: Die Ansicht, daß die Freiheit des Gewissens und der Kulte in eines jeden Menschen eigenes Recht gegeben sei, sei ein Deliramentum, ein Wahnsinn. Als Europa die gewissermaßen vorläufige Hochflut dieser Anschauung von der Freiheit des Gewissens erlebte, wurde von Rom aus offiziell erklärt, diese Freiheit des Gewissens und die Freiheit des Kultus sei ein Wahnsinn.
[ 2 ] I’d like to start by pointing out one thing today. As you know, around the beginning of the last third of the 19th century, something took hold in the various civilized nations of Europe and in America that was called a kind of “realistic view of life,” which was essentially based on the achievements of the 19th century and also on the achievements that had paved the way for the civilization of that century. People spoke differently everywhere—with a different undertone—at the beginning of the last third of the 19th century than they did in the later decades and especially in the first decades of the 20th century. The very forms of thought that dominate the broadest circles have become fundamentally different during this period. Today I wish to highlight just one thing. What was, at the time, at the beginning of the last third of the 19th century, a kind of common ground among the educated was the belief that human beings should form convictions about the most important matters of life from within themselves, and that, even though human beings form convictions about the most important matters of life from within themselves, based on what is presented to them through various scientific findings, social coexistence among people within the civilized world is still possible. It became, so to speak, a kind of dogma—but a dogma that was voluntarily accepted in the widest circles, a dogma that freedom of conscience was possible among people who had attained a certain level of education. Although people never had the courage in the decades that followed to openly oppose this dogma, they nevertheless, more or less unconsciously, took a stand against it. And in the present day, following the great global catastrophe, this dogma has become something that is being suppressed and destroyed in the broadest circles—albeit more or less hypocritically. One might say that in the 1860s, the prevailing belief in the broadest circles was that human beings must have a certain freedom of conscience and also a certain freedom of worship—everything connected with worship. This was seen to be emerging in certain circles, and I have already emphasized on several occasions how, on December 8, 1864, Rome launched a fierce attack against what had emerged there, and how Rome dealt with this entire movement at that time. I have pointed out that the papal encyclical of 1864, which appeared at the same time as the well-known Syllabus, explicitly states: The view that freedom of conscience and of worship is an inherent right of every human being is a “deliramentum,” a form of madness. When Europe experienced what was, in a sense, a temporary surge of this view of freedom of conscience, Rome officially declared that this freedom of conscience and freedom of worship was madness.
[ 3 ] Dies möchte ich nur zunächst als eine historische Tatsache hingestellt haben. Ich möchte damit hinweisen, was stattgefunden hat in einer Zeit, in welcher für immerhin eine ganze Anzahl von Menschen die Frage aufgetaucht ist und von den Quellen des menschlichen Gewissens aus behandelt werden wollte: Wie kommen wir als Menschen religiös weiter? — Diese Frage bildete in tiefstem Ernste und wirklich so, daß sich zeigte, die Gewissen sind daran beteiligt, eine bedeutsame Zeitfrage. Ich möchte Ihnen nur ein Dokument als Beweis dafür zur Vorlesung bringen, daß diese Frage etwas bildete, was dazumal die gebildeten Menschen tief beschäftigte.
[ 3 ] I would simply like to establish this as a historical fact at the outset. My aim is to point out what took place during a time when, for a significant number of people at least, a question arose that they sought to address from the sources of the human conscience: How do we, as human beings, move forward in our religious lives? — This question, posed with the deepest seriousness—and indeed in such a way that it became clear consciences were involved—was a significant issue of the time. I would like to present just one document as evidence in this lecture that this question was something that deeply preoccupied educated people at the time.
[ 4 ] Es gibt Reden jenes Rümelin, von dem ich Ihnen neulich im Zusammenhange mit Julius Robert Mayer und im Zusammenhang mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft gesprochen habe, Reden, die 1875, also in diesem Zeitraume erschienen sind, von dem ich Ihnen jetzt spreche. Da wird auch auseinandergesetzt, welche Schwierigkeiten die Menschheit gerade in bezug auf die Fortbildung der religiösen Fragen erlebt. Da wird auch darauf hingewiesen, wie notwendig es ist, mit klarer Einsicht diese Schwierigkeiten zu verfolgen. Wer nun genauer diesen Zeitpunkt kennt, von dem ich hier spreche, der weiß, daß die folgenden Worte Rümelins immerhin herausgesprochen sind aus dem Gewissen von Hunderten und aber Hunderten von Menschen. Wir haben gewiß keine Veranlassung, die besondere Form der Wissenschaft, die dazumal aufgetaucht war, zu protegieren. Wir sind, soweit wir Anthroposophen sind, dazu ausgerüstet, diese wissenschaftlichen Richtungen weiterzubilden und in ihren relativen Irrtümern gründlich zu durchschauen. Wir sind auch ausgerüstet, zu erkennen, wie man, wenn die Wissenschaft auf diesem Standpunkte bleibt, mit ihr durchaus nicht weiterkommen kann. Aber es sind an vielen Punkten eben in weitesten Kreisen gerade über die religiöse Frage Urteile aufgetaucht, an die man sich heute wiederum zurückerinnern sollte. Und so wird dasjenige, was viele dazumal dachten, zusammengefaßt von Rümelin 1875 in den folgenden Worten: «Es ist Ein Punkt, der zwar zu allen Zeiten Wissen und Glauben schied, aber niemals eine so unübersteigliche Kluft zwischen beiden bildete, als jetzt — der Wunderbegriff. So weit ist die Wissenschaft erstarkt, in sich sicher und übereinstimmend in allen Zweigen und Richtungen, Schulen und Parteien, daß sie dem Wunder in jeder Art und Gestalt unbedingt und ohne weiteres die Türe weist. Sie erkennt nur das Eine Wunder aller Wunder an, daß es überhaupt eine Welt gibt und gerade diese, aber innerhalb des Kosmos verwirft sie schlechthin jeden wie immer formulierten Anspruch, daß die Durchbrechung seiner Ordnungen und Gesetze etwas Denkbares oder gar etwas Vorzüglicheres sei als deren unwandelbare Geltung. Das Wunder ist in ganz gleicher Weise für alle Natur-, Geschichts- und philosophischen Wissenschaften in eben dem, was es sein und bedeuten will, ein begriffliches Unding, ein direktes Attentat auf alle Vernunft und die elementarsten Grundlagen aller menschlichen Wissenschaften. Wissenschaft und Wunder stehen einander gegenüber wie Vernunft und Unvernunft.»
[ 4 ] There are lectures by that Rümelin, whom I mentioned to you recently in connection with Julius Robert Mayer and the law of conservation of energy—lectures that appeared in 1875, that is, during the period I am now discussing. In them, he also examines the difficulties humanity is currently facing, particularly with regard to the further development of religious questions. He also points out how necessary it is to approach these difficulties with clear insight. Anyone who is familiar with the specific period I am referring to here knows that Rümelin’s following words were, after all, spoken from the conscience of hundreds upon hundreds of people. We certainly have no reason to champion the particular form of science that emerged at that time. As anthroposophists, we are equipped to further develop these scientific currents and to thoroughly see through their relative errors. We are also equipped to recognize that, if science remains at this stage, we cannot make any progress with it at all. But on many points, precisely regarding the religious question, judgments have emerged in the widest circles that we should recall today. And so what many thought at that time is summarized by Rümelin in 1875 in the following words: “There is one point that has indeed separated knowledge and faith at all times, but has never formed such an insurmountable gulf between the two as it does now—the concept of the miracle. Science has grown so strong, so self-assured and consistent across all branches and directions, schools, and factions, that it unconditionally and without hesitation shuts the door on miracles of every kind and form. It recognizes only the one miracle of all miracles—that a world exists at all, and precisely this one—but within the cosmos it categorically rejects any claim, however formulated, that a breach of its orders and laws is something conceivable or even something more excellent than their immutable validity. In exactly the same way, for all the natural, historical, and philosophical sciences, the miracle—precisely in what it claims to be and mean—is a conceptual absurdity, a direct assault on all reason and the most elementary foundations of all human sciences. Science and the miracle stand opposed to one another just as reason and unreason do.”
[ 5 ] Als ich begann, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in öffentlichen Vorträgen gewisse anthroposophische Fragen zu berühren, da war noch ein letzter Nachklang von dieser Stimmung vorhanden. Und deshalb finden Sie — ich weiß nicht, ob jetzt viele hier versammelt sind, die noch diese ersten Vorträge verfolgt haben — in ziemlich vielen Vorträgen hingewiesen auf das Problem der wiederholten Erdenleben und das Problem von dem Schicksal des Menschen, das sich durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Sie finden bei diesem Problem stets darauf hingewiesen, immer am Schluß des Vortrages suchte ich darauf hinzuweisen, wie im Grunde genommen für jedes Leben — wenn man glaubt, daß die altaristotelische Vorstellung richtig sei: jedesmal, wenn ein Mensch geboren wird, werde eine neue Seele geschaffen, die eingepflanzt werde dem menschlichen Embryo —, für jedes einzelne Leben das Wunder statuiert sei, und daß lediglich dadurch im berechtigten Sinne der Wunderbegriff überwunden werde, daß man die wiederholten Erdenleben annehme, wodurch jedes einzelne Menschenleben ohne Wunder an die vorhergehenden Erdenleben angereiht werde. Ich erinnere mich noch ganz lebhaft, wie ich einen der Berliner Vorträge damit schloß: Das Wichtigste werden wir in einer richtigen Weise überwinden, den Wunderbegriff.
[ 5 ] When I began to touch on certain anthroposophical questions in public lectures at the turn of the 19th to the 20th century, there was still a lingering echo of that sentiment. And that is why you will find—I don’t know if there are many gathered here today who followed those early lectures—references in quite a few of them to the problem of repeated earthly lives and the problem of the human destiny that runs through these repeated earthly lives. You will find that this problem is consistently addressed; at the end of every lecture, I always sought to point out how, fundamentally, for every life—if one believes that the ancient Aristotelian conception is correct: every time a human being is born, a new soul is created and implanted into the human embryo—a miracle is established for every single life, and that the concept of the miracle is overcome in the true sense only by accepting repeated earthly lives, whereby every single human life is linked to the preceding earthly lives without any miracle. I still remember very vividly how I concluded one of the Berlin lectures with this: “The most important thing we will overcome in the right way is the concept of the miracle.”
[ 6 ] Seither ist es allerdings fast in der ganzen zivilisierten Welt anders geworden. Das ist zunächst eine historische Tatsache, aber diese schließt etwas ein, was uns im eminentesten Sinne interessieren muß. Das ist, daß in demselben Maße, in dem der Mensch die Möglichkeit verliert, das Geistige in der Welt zu sehen, die Welt, die als Natur auch um ihn ist, geistig zu erklären, in demselben Maße muß er neben die Natur und die sonstige Welt eine besondere Welt hinstellen, die dann der Inhalt der Wunderwelt wird. Je mehr die Naturwissenschaft sich auf die bloße Kausalität berufen wird, desto mehr wird das menschliche Gemüt aus einer ganz selbstverständlichen Reaktion heraus den Wunderbegriff aufnehmen. Je mehr die Naturwissenschaft so fortwirtschaften wird, wie sie fortgewirtschaftet hat, desto zahlreicher werden die Menschen werden, die in Religionen, welche zum Wunder greifen, ihre Zuflucht suchen. Daher das zahlreiche Untertauchen moderner Menschen im Katholizismus, weil sie es gewissermaßen in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung nicht aushalten.
[ 6 ] Since then, however, things have changed throughout almost the entire civilized world. This is, first and foremost, a historical fact, but it implies something that must be of the utmost interest to us. Namely, to the extent that human beings lose the ability to perceive the spiritual in the world—to explain the world, which as nature also surrounds them, in spiritual terms—to that same extent they must place a special world alongside nature and the rest of the world, a world that then becomes the realm of miracles. The more natural science relies on mere causality, the more the human mind will, as a completely natural reaction, embrace the concept of the miraculous. The more natural science continues to proceed as it has been proceeding, the more numerous will become those who seek refuge in religions that resort to miracles. Hence the widespread turn to Catholicism among modern people, because, in a sense, they cannot endure the natural-scientific worldview.
[ 7 ] Sie brauchen nur den Satz von Rümelin, den ich eben vorgelesen habe, zu vergleichen mit dem, was ich in den letzten Vorträgen hier besprochen habe, dann sehen Sie gleich, um was es sich handelt. In diesen Rümelinschen Ausführungen kommt vor: sie erkennen nur das eine Wunder aller Wunder an, daß es überhaupt eine Welt gibt und gerade diese, aber innerhalb des Kosmos verwerfen sie schlechthin jeden wie immer formulierten Anspruch, daß die Durchbrechung seiner Gesetze und Ordnungen etwas Denkbares oder gar etwas Vorzüglicheres sei als deren unwandelbare Geltung. — Man denkt sich also das Urwunder, daß der Kosmos überhaupt entstanden sei, dann aber innerhalb des Kosmos statuiert man das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und von der Erhaltung der Kraft; dann rollt alles wie fatalistisch nach einer gewissen Notwendigkeit ab.
[ 7 ] You need only compare the sentence by Rümelin that I just read aloud with what I have discussed here in my recent lectures, and you will immediately see what this is all about. In Rümelin’s remarks, we find that he acknowledges only the one miracle of all miracles—that a world exists at all, and specifically this one—but within the cosmos, he categorically rejects any claim, however it may be formulated, that a violation of its laws and orders is something conceivable or even something more excellent than their immutable validity. — So one conceives of the primordial miracle that the cosmos came into being at all, but then, within the cosmos, one establishes the law of the conservation of matter and the conservation of energy; then everything unfolds, as if by fatalism, according to a certain necessity.
[ 8 ] Das ist eine Weltanschauung, die nicht haltbar ist, die aber erst überwunden werden kann durch jene Erkenntnisse, die ich mir erlaubte, vor Ihnen, in den letzten Vorträgen dieser Wochen, auseinanderzusetzen, wo ich Ihnen zeigte, wie das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft etwas Unrichtiges darstellt und dasjenige ist, was zunächst in unserer Zeit mit aller Energie überwunden werden muß. Wir haben es nicht nur zu tun mit einer fortwährenden Erhaltung des Kosmos, sondern mit einem fortwährenden Vergehen und Neuentstehen des Kosmos. Und legt man sich hinein in den Kosmos die Idee dieses fortwährenden Entstehens und Vergehens, dann ist man genötigt, weil man Mensch ist, eine besondere Welt neben dem Kosmos zu statuieren, welche Welt dann nichts zu tun hat mit den Naturgesetzen, die man einseitig darstellt, welche zum Wunder greifen muß. In demselben Maße wird allein der unberechtigte Wunderbegriff überwunden, in dem man verstehen lernt, daß alles dasjenige, was in der Welt ist, in einer geistigen Ordnung steht, in der man es nicht nur zu tun hat mit einer ehernen Naturnotwendigkeit, sondern mit weisheitsvoller Weltenführung.
[ 8 ] This is a worldview that is untenable, but one that can only be overcome through the insights I took the liberty of discussing with you in the lectures over the past few weeks, in which I showed you how the law of conservation of matter and energy is fundamentally flawed and is precisely what must first be overcome with all our energy in our time. We are dealing not only with the continuous preservation of the cosmos, but with its continuous passing away and re-emergence. And if one introduces into the cosmos the idea of this continuous coming into being and passing away, then one is compelled—because one is human—to postulate a separate world alongside the cosmos, a world that has nothing to do with the laws of nature as they are one-sidedly portrayed, a world that must resort to the miraculous. To the same extent that one learns to understand that everything in the world is part of a spiritual order—in which one is dealing not merely with an ironclad natural necessity but with a wise guidance of the world—only then is the unjustified concept of the miracle overcome.
[ 9 ] Je mehr man die geistige Welt als solche ins Auge faßt, je mehr man das ins Auge faßt, was man durch die Geisteswissenschaft bekommt, desto mehr sieht man ein, daß alles dasjenige, was die Naturwissenschaft heute vorstellt, durchdrungen werden muß von diesen geistigen Erkenntnissen. Daher muß es immer mehr unsere Aufgabe werden, auf alle einzelnen Wissenschaften und alle einzelnen Zweige des Lebens hinzuweisen so, daß diese durchdrungen werden von dem, was nur Geisteswissenschaft sagen kann. Medizin und Jurisprudenz und Soziologie, alles das muß durchdrungen werden von dem, was durch Geisteswissenschaft erkannt und erschaut werden kann. Diese Geisteswissenschaft braucht nicht irgendeine den alten Kirchen ähnliche Organisation, denn sie appelliert an jeden einzelnen Menschen. Jeder einzelne Mensch kann aus seinem Gewissen heraus durch den gesunden Verstand dasjenige sich vergegenwärtigen, was die Geisteswissenschaft als Ergebnis liefert, und kann sich von diesem Gesichtspunkte aus zur Geisteswissenschaft bekennen. Damit stellt die Geisteswissenschaft etwas hin, was unmittelbar sich nur richtet an das Wahrheitssuchen jeder einzelnen menschlichen Individualität. Sie zieht in Wirklichkeit erst die Konsequenz dessen, was man wollte in jener heute entschwundenen Zeit, im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, als man wollte: Wirkliche Freiheit des menschlichen Anschauens, des menschlichen Forschens, des menschlichen Meinens auch. Das ist gerade die Aufgabe der Geisteswissenschaft, die echten, die berechtigten Gewissensforderungen der neueren Menschheit zu berücksichtigen. Da gibt es für die Geisteswissenschaft nicht irgend etwas, was abgeschlossene Dogmen sind, sondern da gibt es eben nur wirkliches, durch nichts begrenztes Forschen, das aber weder vor der Grenze gegenüber der geistigen Welt, noch vor der Grenze gegenüber der natürlichen Welt zurückschreckt, sondern ein Forschen ist, das sich der menschlichen Erkenntniskräfte, die herauszuholen sind aus den Tiefen des menschlichen Gemütes, ebenso bedient, wie derjenigen Kräfte, die uns zukommen durch die gewöhnliche Vererbung und durch die gewöhnliche Erziehung.
[ 9 ] The more one considers the spiritual world as such, the more one considers what one gains through spiritual science, the more one realizes that everything presented by natural science today must be permeated by these spiritual insights. Therefore, it must increasingly become our task to point this out to all the individual sciences and all the individual branches of life, so that they may be permeated by what only spiritual science can convey. Medicine, jurisprudence, and sociology—all of these must be permeated by what can be recognized and perceived through spiritual science. This spiritual science does not need any kind of organization similar to the old churches, for it appeals to each individual human being. Each individual can, from within their own conscience and through sound reason, bring to mind what spiritual science delivers as its findings, and can, from this perspective, commit themselves to spiritual science. In this way, spiritual science presents something that is directed immediately and solely toward the search for truth within each individual human being. In reality, it merely draws the logical conclusion of what was sought in that now-vanished era, at the beginning of the last third of the 19th century, when people sought: true freedom of human perception, of human inquiry, and of human thought as well. This is precisely the task of spiritual science: to take into account the genuine, legitimate demands of conscience made by modern humanity. For spiritual science, there is nothing that constitutes fixed dogma; rather, there is only genuine, unbounded inquiry—one that does not shrink from the boundary with the spiritual world nor from the boundary with the natural world, but is an inquiry that makes use of the human powers of cognition to be drawn from the depths of the human soul, just as much as those powers that come to us through ordinary heredity and ordinary education.
[ 10 ] Diese Grundtendenz der Geisteswissenschaft ist selbstverständlich ein Dorn im Auge denjenigen, welche genötigt sind, nach einem bestimmten, dogmatisch umschriebenen Ziele hin zu lehren. Und da stehen wir, soweit es unsere Geisteswissenschaft interessieren muß und soweit es zu den erklärenden Umständen gehört, die den jetzigen so unwahren Kampf gegen uns möglich machen, da stehen wir vor jener Tatsache, die aber nur ein Ergebnis dessen ist, was schon 1864 mit der damaligen Enzyklika und mit dem Syllabus begann, wir stehen vor der Tatsache, daß der gesamte katholische Klerus, namentlich der lehrende Klerus, durch jenen in das moderne Leben so bedeutsam einschneidenden päpstlichen Erlaß vom 1. September 1910 und durch die Enzyklika «Pascendi dominici gregis» veranlaßt wurde, den sogenannten Antimodernisteneid zu schwören. Dieser Eid besteht darin, daß jeder, der kanzelmäßig oder kathedermäßig als katholischer Priester oder Theologe lehrt, anerkennen muß, daß keine wie immer geartete Wissenschaft dem, nach seiner Ansicht, widersprechen kann, was von der römischen Kirche als Lehrgut dogmatisch festgestellt ist. Das heißt, man hat es heute bei jedem Lehrenden oder kanzelmäßig redenden katholischen Priester zu tun mit jemandem, der den Eid geschworen hat, daß alle Wahrheit, die jemals in der Menschheit Platz greifen kann, übereinstimmen müsse mit dem, was als Wahrheit von Rom aus geltend gemacht wird. Es war eine mächtige Bewegung, die damals, als diese Enzyklika erschien, auch durch den katholischen Klerus ging. Denn es war in der ganzen zivilisierten Welt auch der Klerus in einer gewissen Weise ergriffen worden von der Stimmung, die ich Ihnen für den Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts charakterisiert habe. Es gab immerhin Kleriker, welche nach einer gewissen Freiheit des Katholizismus hinarbeiteten.
[ 10 ] This fundamental tendency of the humanities is, of course, a thorn in the side of those who are compelled to teach according to a specific, dogmatically defined goal. And here we stand—insofar as our spiritual science must be concerned with this, and insofar as it pertains to the explanatory circumstances that make the current, utterly false struggle against us possible—here we stand before that fact, which is, however, merely a consequence of what began as early as 1864 with the encyclical of that time and with the Syllabus, we are faced with the fact that the entire Catholic clergy—namely, the teaching clergy—was compelled by that papal decree of September 1, 1910, which had such a significant impact on modern life, and by the encyclical *Pascendi dominici gregis*, to take the so-called anti-modernist oath. This oath requires that anyone who teaches from the pulpit or the lectern as a Catholic priest or theologian must acknowledge that no science of any kind can, in his view, contradict what has been dogmatically established by the Roman Church as doctrine. This means that today, every Catholic priest who teaches or preaches is someone who has sworn an oath that all truth that can ever take hold among humanity must be in agreement with what Rome asserts to be the truth. It was a powerful movement that swept through the Catholic clergy at the time this encyclical was published. For throughout the civilized world, the clergy, too, had in a certain sense been gripped by the mood I have described to you as characteristic of the beginning of the last third of the 19th century. There were, after all, clergymen who were working toward a certain freedom within Catholicism.
[ 11 ] Nun, ich sage es ganz unverhohlen, daß in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts bei einer großen Anzahl katholisierender Kleriker Keime vorhanden gewesen sind zu einer Fortbildung des katholischen Prinzips, die, wenn sie in eine freie Wissenschaft ausgelaufen wäre, im höchsten Maße zu einer Befreiung der modernen Menschheit hätte führen können. Die schönsten Keime lagen gerade in dem, was dazumal von katholischer Klerikerseite auf den verschiedensten Gebieten versucht worden ist. Alles das muß einmal hier unter uns noch ausführlicher besprochen werden, muß mit Einzelheiten belegt werden. Ich mache Sie zunächst einleitend darauf aufmerksam, und gerade gegen diese innerkatholische Bestrebung machte sich ja das geltend, was 1864 als die damalige Enzyklika und der Syllabus erschien. Dazumal begann jener Kampf, der seinen vorläufigen Abschluß im Antimodernisteneid gefunden hat. Und es war, ich möchte sagen, im Unterbewußten mancher Leute, die innerhalb des katholischen Klerus standen, auch noch 1910 etwas von einer inneren Auflehnung. Aber in der katholischen Kirche gibt es keine Auflehnung. Da handelt es sich darum, daß eben der Grundsatz: Was als Lehrgut von Rom diktiert ist, das muß anerkannt werden —, daß dieser Grundsatz restlos durchgeführt werde. Und es handelt sich dann darum, daß diejenigen, die nun weiter lehren mußten, daß die sich abfinden mußten mit dem, was sie abzuleugnen nicht den Mut hatten, die Freiheit der Wissenschaft. Freiheit der Wissenschaft war eben unter dem Einflusse desjenigen, was da im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts aufgetreten ist, ein Schlagwort geworden, das selbstverständlich auch in liberalen Kreisen vielfach nur Schlagwort geblieben war; aber es war doch ein Schlagwort, und selbst katholische Gelehrte hatten nicht den Mut, zu sagen, sie brechen mit der Freiheit der Wissenschaft, sie wollen nichts wissen von der Freiheit der Wissenschaft. Sie hatten also die Aufgabe, den Beweis zu liefern, daß man nur dasjenige lehren dürfe — man hatte es zu beeidigen, zu beschwören —, was von Rom als richtiges Lehrgut anerkannt wird, und daß darin die Freiheit der Wissenschaft bestehen könne.
[ 11 ] Well, I will say quite openly that in the 1860s, among a large number of clergymen who were embracing Catholicism, there were seeds of a further development of the Catholic principle which, had it led to free scholarship, could have contributed greatly to the liberation of modern humanity. The most promising seeds lay precisely in what the Catholic clergy attempted at that time in a wide variety of fields. All of this must one day be discussed in greater detail here among us and substantiated with specific examples. I am merely drawing your attention to this as an introduction, and it was precisely against this internal Catholic striving that the encyclical and the Syllabus of 1864 were directed. That was when the struggle began that found its provisional conclusion in the Anti-Modernist Oath. And there was—I would say—even as late as 1910, in the subconscious of some people within the Catholic clergy, still a hint of internal rebellion. But there is no rebellion within the Catholic Church. The point is simply that the principle—that whatever is dictated by Rome as doctrine must be acknowledged—must be carried out without exception. And the point is then that those who were now required to continue teaching had to come to terms with what they did not have the courage to deny: the freedom of science. Academic freedom had, under the influence of what had emerged at the beginning of the last third of the 19th century, become a catchphrase—one that, of course, had often remained just a catchphrase even in liberal circles; but it was still a catchphrase, and even Catholic scholars did not have the courage to say that they were breaking with academic freedom, that they wanted nothing to do with academic freedom. They were therefore tasked with proving—and they had to swear an oath to this effect—that one may teach only what Rome recognizes as correct doctrine, and that freedom of scholarship could consist in this.
[ 12 ] Ich möchte Ihnen vorläufig nur eine kleine Probe solcher Beweisführung mit ein paar Sätzen vorlesen, die der katholische Theologe Weber in Freiburg im Breisgau seinem Buche «Theologie als freie Wissenschaft und die wahren Feinde wissenschaftlicher Freiheit» einverleibt hat. Da versuchte er ganz ausdrücklich zu beweisen, daß man zwar verpflichtet sein kann durch Beschwörungsformeln, nur vollinhaltlich dasjenige zu lehren, was einem von Rom aus zu lehren aufgetragen wird, daß man aber dabei trotzdem ein freier Wissenschafter bleiben könne. Nachdem er lange auseinandergesetzt hat, daß ja auch die Mathematik etwas Gegebenes sei und man deshalb die Freiheit der Wissenschaft nicht aufhebe, weil man an die Wahrheit der Mathematik gebunden sei, wenn man lehre, so geht er dazu über, zu beweisen, daß man die Freiheit nicht aufgebe, wenn man dasjenige, was von Rom gegeben werde, eben gezwungen sei, der Wahrheit gemäß zu lehren. Einer der Sätze ist der folgende: «Damit, daß der Gelehrte eidlich an den Glaubensinhalt gebunden ist, ist er nicht gebunden an bestimmte Erklärungsweisen und Begründungsversuche, so wenig als die eidliche Pflicht, zur bestimmten Zeit sich bei seinem Regiment einzufinden, dem Soldaten auch die Freiheit nimmt, ob er zu Fuß oder zu Wagen, mit Personenzug oder mit Schnellzug sein Ziel erreichen will. Also bleibt der Gelehrte trotz des Eides in seiner wissenschaftlichen Aufgabe frei.» Das heißt, man ist gezwungen, einen bestimmten Lehrinhalt zu lehren. Man ist gezwungen, gerade diesen Inhalt zu beweisen. Wie man das tut, darinnen ist man frei. Man ist so frei wie ein Soldat, der geschworen hat, in einem bestimmten Zeitpunkt bei seinem Regiment zu erscheinen, der dann zu Fuß oder zu Wagen, in dem Personenzug oder mit dem Schnellzug fahren kann. Man soll sich nun denken, wie dieses zu Fuß oder zu Wagen, im Personenzug oder Schnellzug aussehen muß. Es muß unter allen Umständen so aussehen, daß man beim Regiment ankommt. Ich polemisiere nicht, ich spreche nur eine historische Tatsache aus.
[ 12 ] For now, I would like to read you just a brief example of such reasoning in a few sentences, which the Catholic theologian Weber included in his book *Theology as a Free Science and the True Enemies of Scholarly Freedom*, published in Freiburg im Breisgau. There, he explicitly sought to prove that, while one may be bound by formulaic declarations to teach in full only what Rome instructs one to teach, one can nevertheless remain a free scholar. After at length arguing that mathematics, too, is a given and that one’s freedom of scholarship is not thereby abolished simply because one is bound to the truth of mathematics when teaching, he goes on to prove that one does not relinquish that freedom even when one is compelled to teach what is prescribed by Rome in accordance with the truth. One of the propositions is as follows: “The fact that the scholar is bound by oath to the content of the faith does not bind him to specific modes of explanation or attempts at justification, any more than the oath-bound duty to report to his regiment at a specified time deprives the soldier of the freedom to choose whether he wishes to reach his destination on foot or by carriage, by local train or by express train. Thus, despite the oath, the scholar remains free in his scholarly task.” This means that one is compelled to teach a specific body of doctrine. One is compelled to prove precisely this content. As for how one does so, in that regard one is free. One is as free as a soldier who has sworn to report to his regiment at a specific time, but who may then travel on foot or by carriage, on a local train or an express train. Now one should consider what this journey—whether on foot or by carriage, on a local train or an express train—must look like. Under all circumstances, it must ensure that one arrives at the regiment. I am not arguing; I am merely stating a historical fact.
[ 13 ] Dieser ganzen historischen Entwickelung liegt etwas ganz Bestimmtes zugrunde: daß ja im Laufe der letzten Jahrhunderte sich dasjenige langsam vorbereitet hat, was ich charakterisiert habe für diesen Zeitpunkt vom Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, daß das, was da als Stimmung weitere Kreise der gebildeten Welt ergriffen hat und so verheißungsvoll war, jetzt eingeschlafen ist, daß die Seelen darüber schlafen. Es liegt das vor, daß diejenigen Menschen, die dazumal noch diese Stimmung mitgemacht haben, jetzt zu den Ältesten gehören, zu den alten abgetakelten Liberalen, daß namentlich die Jugend in den letzten Jahrzehnten so gehalten worden ist, daß sie die wichtigsten Anforderungen der Menschheit verschlafen hat. Daher muß gerade heute der Appell an die Jugend gerichtet werden, daß sie es anders machen muß, wenn der Niedergang nicht weiter heraufziehen soll, als es diejenigen gemacht haben, die aufgewachsen sind in den letzten Jahrzehnten. Liberal werden konnte das Geschlecht von den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts, liberal erziehen konnte es nicht. Dazu gehört ein ganz anderes Überwinden des Wunderbegriffes, als die Naturwissenschaft es geliefert hat. Dazu gehört die Überwindung durch den Geist und nicht durch die mechanische Naturordnung. Aber während im Grunde genommen, ich möchte sagen, wie ein Traum diese Stimmung über die neuere Menschheit gekommen ist, wachten diejenigen, die dieser Stimmung entgegenarbeiten wollten, und aus wachendem Bewußtsein heraus ist so etwas geboren wie die Enzyklika und der Syllabus vom Jahre 1864 mit seinen achtzig «Irrtümern», die aufgezählt werden, an die alle ein Katholik nicht glauben dürfe. In diesen achtzig «Irrtümern» ist so ziemlich alles darinnen, was moderne Weltanschauung bedeutet. Und wiederum die notwendige und aus vollem Wachbewußtsein heraus geborene neueste Leistung ist die Enzyklika vom Jahre 1907, die dann zu dem Antimodernisteneid geführt hat. Man war nicht nur seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wach, man war seit viel längerer Zeit wach. Man hat gründlich und energisch und intensiv gearbeitet und die Arbeit, die geleistet worden ist, möchte ich bezeichnen als die Konzentrierung alles Katholischen auf Rom hin: Die Unterdrückung innerhalb des Katholizismus, alles desjenigen, was der freiesten Kirche — denn ihrem Wesen nach kann die katholische Kirche die freieste sein — die Freiheit nehmen mußte.
[ 13 ] There is something very specific underlying this entire historical development: namely, that over the course of the last few centuries, what I have characterized as defining this moment—the beginning of the last third of the 19th century—has slowly been taking shape; that what once gripped wider circles of the educated world as a mood, and was so full of promise, has now fallen dormant, and people’s souls are asleep to it. The fact is that those people who once shared in that spirit are now among the oldest, the old, worn-out liberals; and that, in particular, the youth of recent decades have been held back in such a way that they have slept through humanity’s most important demands. That is why, especially today, the appeal must be directed at the youth: they must do things differently if the decline is not to advance any further than it has under those who grew up in recent decades. The generation of the 1860s was able to become liberal, but it was unable to raise its children to be liberal. This requires a completely different way of overcoming the concept of the miraculous than that provided by the natural sciences. It requires overcoming it through the spirit and not through the mechanical order of nature. But while, fundamentally speaking—I would say—this mood has come over modern humanity like a dream, those who wished to counteract this mood have awakened; and out of this awakened consciousness was born something like the encyclical and the Syllabus of 1864, with its eighty “errors” listed—errors that no Catholic is permitted to believe. These eighty “errors” encompass pretty much everything that constitutes the modern worldview. And once again, the necessary and fully conscious latest achievement is the encyclical of 1907, which then led to the Anti-Modernist Oath. People had not only been awake since the last third of the 19th century; they had been awake for much longer. They had worked thoroughly, energetically, and intensively, and I would describe the work that was accomplished as the concentration of everything Catholic toward Rome: the suppression within Catholicism of everything that had to deprive the freest Church—for by its very nature the Catholic Church can be the freest—of its freedom.
[ 14 ] Sie werden vielleicht verwundert sein, daß ich sage, die katholische Kirche könne die freieste sein. Nun, gehen wir ein wenig von unserer aufgeklärten Autoritätsfreiheit in das 13. Jahrhundert zurück, von dem wir uns neulich in öffentlichen Vorträgen unterhalten haben. Da möchte ich Ihnen doch aus diesem 13. Jahrhundert, wo der Katholizismus in Europa in voller Blüte stand, ein Dokument zu Gemüte führen. Da handelte es sich darum, daß der eine der Begründer der Hochscholastik, Albertus Magnus, von Rom aus zum Bischof von Regensburg ernannt werden sollte. Man kann sich heute innerhalb der katholischen Kirche selbstverständlich nichts anderes vorstellen, als daß das für einen Dominikaner, der bis dahin seinen Ruhm begründet hatte nur durch zahlreiche bedeutsame gelehrte Schriften und durch ein innerhalb seines Ordens sich vollziehendes rechtes Leben, eine ungemeine Erhöhung seiner Würde sei, zum Bischof eines der ersten Bistümer ernannt zu werden. Denn heute ist die katholische Kirche ein kompakter Organismus. Das ist er geworden, indem er im absolutistischen Sinne umgestaltet worden ist. — Der Ordensgeneral richtete also an Albertus Magnus einen Brief, als Albertus Magnus zum Bischof von Regensburg ernannt werden sollte, und dieser Brief hat etwa den folgenden Inhalt: Der Ordensgeneral beschwört Albertus Magnus, das Bistum nicht anzunehmen, nicht diesen Makel seinem Ruhme und dem seines Ordens zuzuführen. Er solle nicht auf das Verlangen des römischen Hofes eingehen, wo man die Dinge nicht so ernst nehme. Aller Nutzen, den er bisher durch sein frommes Leben und seine Schriften gestiftet, sei in Frage gestellt, wenn er Bischof werde und in die Verstrickung derjenigen Geschäfte geriete, die er als Bischof zu besorgen habe. Er solle seinen Orden nicht in tiefe Trauer versetzen.
[ 14 ] You may be surprised that I say the Catholic Church could be the freest. Well, let’s step back a bit from our Enlightenment-era freedom from authority to the 13th century, which we discussed recently in public lectures. I’d like to present to you a document from that 13th century, when Catholicism was in full bloom in Europe. It concerns the appointment of one of the founders of high scholasticism, Albertus Magnus, from Rome to serve as Bishop of Regensburg. Today, within the Catholic Church, one can of course imagine nothing other than that for a Dominican—who until then had established his reputation solely through numerous significant scholarly writings and by leading a righteous life within his order—being appointed bishop of one of the foremost dioceses would constitute an extraordinary elevation of his dignity. For today, the Catholic Church is a cohesive organism. It has become so by being restructured in an absolutist sense. — The Master General therefore wrote a letter to Albertus Magnus when Albertus Magnus was to be appointed Bishop of Regensburg, and this letter reads roughly as follows: The Master General implores Albertus Magnus not to accept the bishopric, not to bring this stain upon his own reputation and that of his Order. He should not yield to the demands of the Roman court, where matters are not taken so seriously. All the good he has done thus far through his pious life and his writings would be called into question if he became a bishop and became entangled in the affairs he would have to manage as a bishop. He should not plunge his order into deep mourning.
[ 15 ] Damals gab es Stimmen innerhalb der Kirche, die so sprachen. Damals war die katholische Kirche keine kompakte Masse. Damals gab es innerhalb der Kirche die Möglichkeit, in tiefe Trauer versetzt zu werden, wenn jemand zu einem Amte auserkoren wurde, von dem er wußte, daß bei dessen Besetzung Rom es nicht besonders ernst nimmt. In Biographien des Thomas von Aguino finden Sie immer wiederum angeführt, daß er die Kardinalswürde ausgeschlagen hat. Ich führe Ihnen heute etwas von den wahren Gründen an, warum das also ist. Denn Sie lesen immer in den Biographien nur den Satz, daß er die Kardinalswürde ausgeschlagen hat. Es ist auch nicht leicht, die Gründe anzuführen, wenn man zugleich den Thomas von Aquino zum offiziellen Philosophen der Kirche macht.
[ 15 ] At that time, there were voices within the Church who spoke in this way. At that time, the Catholic Church was not a monolithic entity. At that time, it was possible within the Church to be overcome with deep sorrow when someone was chosen for an office that Rome did not take particularly seriously. In biographies of Thomas Aquinas, you will repeatedly find it mentioned that he declined the cardinalate. Today I will present some of the true reasons why this is so. For in the biographies, you always read only the statement that he declined the cardinalate. Nor is it easy to cite the reasons when, at the same time, Thomas Aquinas is being made the official philosopher of the Church.
[ 16 ] Einen Satz aus jenem Schreiben des Ordensgenerals der Dominikaner an Albertus Magnus möchte ich Ihnen doch wörtlich übersetzt vorlesen: «Möchte ich lieber hören, daß mein lieber Sohn im Grabe ist, als auf dem bischöflichen Stuhle von Regensburg.» Es genügt nicht, daß man bloß vom finsteren Mittelalter spricht und von den Zeiten, in denen wir leben und in denen man es so herrlich weit gebracht hat, sondern es handelt sich darum, daß man, wenn man die Dinge beurteilen will, innerhalb welcher wir leben, einige historische Tatsachen kennt und weiß, wie die Dinge sich in der Zeit entwickelt haben. Sie wissen ja, daß im Hintergrunde bei unseren Angreifern vielfach der Jesuitismus steht. Nicht wahr, von jesuitischer Seite kamen zuerst die knüppeldicksten Lügen, wie zum Beispiel diejenige, daß ich selber einmal Priester gewesen sei und aus dem Priesterstande entsprungen sei — worauf dann der Betreffende, der dies gelogen hat, nichts anderes nach einigen Jahren zu sagen wußte als: Diese Hypothese läßt sich weiter nicht halten. — Im österreichischen Parlament hat einmal der Abgeordnete Walterskirchen einem Minister ins Angesicht gerufen: Demjenigen, der einmal gelogen hat, dem glaubt man nicht, auch wenn er nachher die Wahrheit sagt. — Aber Jesuitismus steht hinter diesen Dingen. Man kann auf mancherlei hinweisen, was auf dem Boden des Jesuitismus wächst. Aber auch hier möchte ich heute nur einleitungsweise auf eine historische Tatsache hinweisen.
[ 16 ] I would like to read to you a sentence from that letter written by the Master General of the Dominican Order to Albertus Magnus, translated word for word: “I would rather hear that my dear son is in the grave than on the episcopal see of Regensburg.” It is not enough merely to speak of the Dark Ages and of the times in which we live—times in which we have made such magnificent progress—but rather, if one wishes to judge the circumstances in which we live, one must be familiar with certain historical facts and understand how things have developed over time. As you know, Jesuitism often lies behind our detractors. Isn’t it true that the most outrageous lies first came from the Jesuits, such as the one claiming that I myself had once been a priest and had left the priesthood—whereupon the person who made this false accusation had nothing else to say a few years later but: “This hypothesis cannot be sustained any further.” — In the Austrian Parliament, Representative Walterskirchen once shouted in a minister’s face: “Anyone who has lied once cannot be believed, even if he tells the truth afterward.” — But Jesuitism is behind these things. One can point to many things that grow out of Jesuitism. But here, too, I would like to mention just one historical fact by way of introduction today.
[ 17 ] Ein jesuitischer Grundsatz ist es, dem Papst unbedingten Gehorsam zu leisten. Nun gab es im 18. Jahrhundert einen Papst, der für ewige Zeiten — ausdrücklich für ewige Zeiten — unwiderruflich den Jesuitenorden aufgehoben hat. Wären die Jesuiten ihrem Grundsatz, dem Papste Treue und Gehorsam zu erweisen, eben treu geblieben, dann wären sie nicht wiederum selbstverständlich auf der Bildfläche erschienen. Diese Treue haben sie nicht erwiesen, sondern sie haben sich geflüchtet zu denjenigen in die Länder, wo Herrscher waren, welche Rom dazumal weniger geneigt waren und die gemeint haben, dadurch, daß sie die Jesuiten konservieren, für die Zukunft nicht der Menschheit, aber sich selbst etwas Gutes zu tun, sich selbst und ihrer Nachfolgerschaft. Denn gerettet ist der Jesuitenorden worden durch zwei Herrscher, nämlich von Friedrich II. von Preußen und durch Katharina von Rußland. In allen römisch-katholischen Ländern war er als nicht zu Recht bestehend anerkannt. Die Jesuiten verdanken es heute Friedrich II. von Preußen und Katharina von Rußland, daß sie überhaupt dazumal über die Zeit hinüber, wo sie von Rom aus verfolgt worden sind, existieren konnten. Ich polemisiere nicht, ich erzähle nur historische Tatsachen. Aber diese historischen Tatsachen sind weitesten Kreisen ja nicht bekannt, und es ist notwendig, daß diese historischen Tatsachen ins Auge gefaßt werden, denn es kann sich nicht ferner darum handeln, daß wir sektiererisch sind und eine Mauer um uns aufrichten, sondern es kann sich nur einzig und allein darum handeln, daß wir hineinschauen in dasjenige, wovon wir umgeben sind, und es verstehen lernen. Das ist wirklich dann unsere Pflicht, wenn wir es ehrlich und ernst meinen mit derjenigen Bewegung, in der wir vorgeben, darinnenzustehen.
[ 17 ] It is a Jesuit principle to show unconditional obedience to the Pope. Now, in the 18th century, there was a pope who irrevocably abolished the Jesuit Order for all time—expressly for all time. Had the Jesuits remained true to their principle of showing loyalty and obedience to the Pope, they would not, of course, have reappeared on the scene. They did not demonstrate this loyalty; instead, they fled to countries ruled by leaders who were less favorable toward Rome at the time and who believed that by preserving the Jesuits, they were doing something beneficial—not for humanity, but for themselves and their successors—in the future. For the Jesuit Order was saved by two rulers, namely Frederick II of Prussia and Catherine of Russia. In all Roman Catholic countries, it was recognized as having no legitimate right to exist. The Jesuits owe it to Frederick II of Prussia and Catherine of Russia that they were able to survive at all during the period when they were persecuted by Rome. I am not engaging in polemics; I am merely stating historical facts. But these historical facts are unknown to the vast majority of people, and it is necessary that these historical facts be taken into account, for it cannot be a matter of us being sectarian and erecting a wall around ourselves; rather, it can only be a matter of us looking into that which surrounds us and learning to understand it. That is truly our duty if we are sincere and serious about the movement in which we claim to be involved.
[ 18 ] Das ist das Schlimmste, das Schädlichste in unserer Zeit, daß man sich so wenig um die Tatsachen kümmert, daß man nicht eingehen will auf die Art und Weise der Hergänge, aus denen dasjenige entstanden ist, was jetzt namentlich gegen uns aufsteht, von dem das gespeist wird, was jetzt gegen uns aufsteht. Es ist immer stiller geworden in bezug auf solche Urteile, wie sie gefällt worden sind aus jener Stimmung heraus, die ich charakterisiert habe als die vom Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Gegenwärtig ist die Zeit dadurch zu charakterisieren, daß man sagen kann: Es ist erstaunlich, wie wenig die Menschen eigentlich wissen, was in der Welt vorgeht. Denn es ist im Grunde genommen vollständig verschlafen worden die Enzyklika «Pascendi dominici gregis» vom 8. September 1907, wodurch eben von den Klerikern der Antimodernisteneid abgefordert worden ist. Stimmen etwa, wie sie ganz gewiß ausgegangen wären von einem solchen Menschen, wie jener Dominikanergeneral war, der seinen lieben Sohn lieber im Grabe sehen möchte als auf dem Bischofsstuhl von Regensburg, Stimmen solcher Art machten sich nicht geltend; dafür aber diejenigen, welche erklärten, man könne noch ein freier Wissenschafter sein, wenn man schwöre, dasjenige, was man lehre, könne man durch alle Mittel beweisen, gleichgültig, ob durch Schnellzug oder Personenzug oder zu Wagen oder zu Fuß. Was die Logik für Sprünge machen muß, wenn solche Beweise geführt werden müssen — man braucht es sich nicht auszumalen. Man kann auch das beweisen, belegen, hinlänglich belegen. Aber die meisten Menschen machen sich keine Vorstellungen davon, welche Macht doch in dem steckt, was jetzt insbesondere im Kampf gegen uns, die wir niemanden angegriffen haben, auftritt, und von welcher Gesinnung dieses ist. Es genügt nicht, daß man sagt, die Dinge seien zu blöde, um darauf einzugehen. Denn immerhin, innerhalb desjenigen, was da um uns herum behauptet wird, finden sich zwei Dinge, die strikteweg gesagt werden. Ich will nur darauf hinweisen, daß sich der betreffende «Spektator» auf den Vorwurf: das, wovon er sprach, sei aus einem Buche, nämlich aus der AkashaChronik geschöpft, und es sei eine wissentliche Unwahrheit, denn er müsse wissen, daß er die Akasha-Chronik nicht in seiner Bibliothek haben könne, in folgender Weise heraus windet: «Zunächst eine Vorbemerkung. In unserem zweiten Artikel hat sich ein Druckfehler eingeschlichen: Akaska-Chronik statt Akasha-Chronik, was Dr. Boos schmunzelnd registriert. Er scheint «Mücken zu seihen und Kamele zu verschlucken». An gleicher Stelle ist noch ein Satzfehler: für Apollinaris soll natürlich Apollonius von Tyana stehen, was Dr. Boos übersehen hat — vielleicht aus Absicht.»
[ 18 ] That is the worst, the most harmful thing about our times: that people care so little about the facts, that they are unwilling to examine the sequence of events that gave rise to what now stands against us by name—the very thing that fuels what now stands against us. There has been an increasing silence regarding judgments such as those passed out of the mindset I have characterized as prevailing at the beginning of the last third of the 19th century. The present time can be characterized by the fact that one can say: It is astonishing how little people actually know about what is going on in the world. For, in essence, the encyclical “Pascendi dominici gregis” of September 8, 1907—which required clergy to take the anti-modernist oath—has been completely overlooked. Voices such as those that would certainly have come from a man like that Dominican General—who would rather see his beloved son in the grave than on the bishop’s throne of Regensburg—voices of that sort did not make themselves heard; instead, those who declared that one could still be a free scholar if one swore that whatever one taught could be proven by any means necessary—whether by express train or local train, by car, or on foot—were the ones who prevailed. One need not even imagine the leaps logic must make when such proofs must be provided. One can also prove it, substantiate it, and substantiate it sufficiently. But most people have no idea of the power that lies in what is now emerging—particularly in the struggle against us, who have attacked no one—nor of the mindset behind it. It is not enough to say that these things are too ridiculous to address. After all, within what is being claimed around us, there are two things that are stated in no uncertain terms. I just want to point out that the “Spektator” in question, when faced with the accusation that what he was talking about was taken from a book—namely, the Akasha Chronicle—and that it was a deliberate falsehood, since he must know that he could not possibly have the Akasha Chronicle in his library, wriggles out of it in the following way: “First, a preliminary remark. A typographical error crept into our second article: ‘Akaska Chronicle’ instead of ‘Akasha Chronicle,’ which Dr. Boos notes with a smirk. He seems to be ‘straining at gnats and swallowing camels.’ There is also a grammatical error in the same passage: “Apollinaris” should, of course, read “Apollonius of Tyana,” which Dr. Boos overlooked—perhaps intentionally.”
[ 19 ] Nun, daß der Setzer «Akaska-Chronik» stehengelassen hat, das habe ich wahrhaftig nicht moniert, denn das kann ein Druckfehler sein; und sogar das will ich hinnehmen, daß ein Mensch, der auf jenem geistigen Niveau steht, von dem diese Artikel hier zeugen, statt Apollonius «Apollinaris» schreibt. Ich nehme ihm das nicht einmal übel, daß er unter den Quellen, aus denen wir schöpfen, auch diejenige, die mit dem Namen Apollinaris belegt ist, anführt. Aber das muß als eine wirkliche Unwahrheit hingestellt werden, wenn jemand behauptet, die Akasha-Chronik sei dasjenige, aus dem die Anthroposophie unberechtigterweise als aus einem alten Buche geschöpft werde. Aber wodurch windet sich der Herr denn aus diesem heraus? Er sagt gar nicht einmal, daß ihm das vorgeworfen werden konnte. Er sagt: «Sie ist eine sagenhafte Geheimschrift» — die Akasha-Chronik —, «welche die unvergänglichen Spuren (?) aller Urweisheit enthält und eine ähnliche Rolle spielt, wie das obskure Buch Dzyan, das Madame Blavatsky in einer Höhle von Tibet gefunden haben will» und so weiter.
[ 19 ] Well, I certainly did not take issue with the typesetter leaving “Akaska Chronicle” as is, since that could be a misprint; and I am even willing to accept that a person at the intellectual level evidenced by these articles here would write “Apollinaris” instead of “Apollonius.” I don’t even hold it against him that, among the sources from which we draw, he also cites the one attributed to Apollinaris. But it must be regarded as a genuine falsehood when someone claims that the Akashic Records are the source from which anthroposophy is unjustifiably drawn, as if from an ancient book. But how does this gentleman wriggle out of this? He does not even say that he could be accused of this. He says: “It is a legendary secret text”—the Akashic Records—“which contains the imperishable traces (?) of all primordial wisdom and plays a role similar to that of the obscure book Dzyan, which Madame Blavatsky claims to have found in a cave in Tibet,” and so on.
[ 20 ] Er macht also seinen Schäfchen klar, daß er von dieser AkashaChronik doch als von irgend etwas einmal Geschriebenem sprechen könne. Selbstverständlich glauben ihm seine Leser das. Aber auf zwei Dinge will ich hinweisen. Das eine ist dieses: «Steiner rechnet sich als großes Verdienst an, daß er den Buddhismus verjüngt und dadurch bereichert habe, daß er ihm die Lehre von der Reinkarnation (Wiederverkörperung des Menschen) und Karma als Spezialitäten Steiners einverleibt habe.»
[ 20 ] So he makes it clear to his flock that he can indeed speak of these Akashic Records as something that was once written down. Of course, his readers believe him. But I would like to point out two things. The first is this: “Steiner takes great credit for having rejuvenated and thereby enriched Buddhism by incorporating into it the doctrine of reincarnation (the reincarnation of the human being) and karma as Steiner’s own specialties.”
[ 21 ] Selbstverständlich ist niemals etwas von dem geschehen, und es ist kein einziger Satz an dem wahr, was veröffentlicht worden ist, außer höchstens das einzige, was vielleicht denen immer etwas Kopfschmerzen verursacht, die aus dieser Stimmung heraus schreiben; nämlich er sagt: «Die Gnostiker haben auch eine esoterische Glaubenslehre aufgestellt und die Menschen unterschieden zwischen Hyliker (die gewöhnlichen Menschen, die große Masse) und Pneumatiker (Theosophen), in denen die Fülle des Geistes und daher eine höhere Erkenntnis (Einweihung) herrsche. Sie enthielten sich des Fleisches und des Weines.»
[ 21 ] Of course, none of this ever happened, and not a single sentence of what has been published is true—except, at most, the one thing that perhaps always causes a bit of a headache for those who write from this perspective; namely, he says: “The Gnostics also established an esoteric doctrine of faith and distinguished between Hylics (ordinary people, the masses) and Pneumatics (theosophists), in whom the fullness of the Spirit and thus a higher knowledge (initiation) reigns. They abstained from meat and wine.”
[ 22 ] Dieses «enthielten sich des Fleisches und des Weines», das ist das einzige, was man so, wie es hier steht, strikteweg nehmen kann, und das ist ja manchem Menschen etwas Unangenehmes, nicht wahr. Aber dieser selbe Herr sagte also dann weiter: «Das ist aber nicht wahr.» Was weiß ich, was nicht wahr ist? «Der Buddhismus redet von Seelenwanderung, Steiner von Reinkarnation. Beides ist das Gleiche. Nach dieser Theorie ist Christus nichts anderes als ein re-inkarnierter Buddha oder wiedererschienener Buddha. Ob man sagt: Der und der verkörpert sich wieder oder das Erdenleben von dem und dem wiederholt sich — das kommt auf’s gleiche heraus. Die ganze lange Argumentation offenbart die Steinersche Sophisterei und seine angebliche [ 22 ] This “abstained from meat and wine”—that is the only thing that can be taken literally as it stands here, and that is, after all, somewhat unpleasant for some people, isn’t it? But this same gentleman then went on to say: “But that is not true.” How am I to know what isn’t true? “Buddhism speaks of the transmigration of souls; Steiner speaks of reincarnation. Both are the same thing. According to this theory, Christ is nothing other than a reincarnated Buddha or a Buddha who has reappeared. Whether one says that so-and-so is reincarnated or that the earthly life of so-and-so is repeated—it all amounts to the same thing. This entire lengthy argument reveals Steiner’s sophistry and his so-called ‘scientific’ approach.” [ 23 ] Ich bitte doch, darauf zu sehen, daß hier in dieser biederen Form wirklich das Ärgste an Unwahrheit geleistet wird, was nur geleistet werden kann, und daß für diejenigen, die das lesen, jede Möglichkeit hinweggeräumt wird, irgendwie sich von dem zu überzeugen, was die Wahrheit ist. Bis jetzt ist in allen diesen langen Artikeln auf die dreiundzwanzig Lügen, von denen Dr. Boos in seiner Erwiderung auf den ersten Angriff gesprochen hat, noch nicht eingegangen worden. [ 23 ] I urge you to recognize that this seemingly innocent form actually contains the worst possible falsehoods imaginable, and that it completely prevents those who read it from ever discovering the truth for themselves. So far, none of these lengthy articles has addressed the twenty-three lies that Dr. Boos mentioned in his response to the first attack. [ 24 ] Das andere ist folgender Satz: «Dieser Weg ist aber nicht falsch, sondern richtig.» Dieser «Spektator» redet vorher einen vollständigen Unsinn vom Willen und dann sagt er: «Dieser Weg ist aber nicht falsch, sondern richtig; denn Christi Forderungen gehen auf den Willen. Christus selber sagt ja: «Deshalb bin ich in die Welt gekommen, um den Willen meines Vaters zu tun..» Deshalb ist es also nicht mehr erlaubt, zu sagen, daß es ankommt auf Geistinitiative oder so irgend etwas. Dann sagt «Spektator» weiter: «Dieses kleine Beispiel zeigt, wie weit Steiner vom wahren Christusimpuls entfernt ist, beweist, daß ihm Christus kein göttlicher Gebieter (der Weg, die Wahrheit und das Leben), sondern nur der «Weise von Nazareth» oder in theosophischer Sprache: ein Jeschu ben Pandira, oder ein Gautama Buddha, auf deutsch ein wiederverkörperter Buddha ist.» [ 24 ] The other is the following sentence: “But this path is not wrong; it is right.” This “Spectator” first spouts complete nonsense about the will, and then says: “But this path is not wrong; it is right; for Christ’s demands are rooted in the will.” Christ himself says, after all: ‘For this reason I have come into the world, to do the will of my Father…’ Therefore, it is no longer permissible to say that it all comes down to spiritual initiative or anything of the sort. Then ‘Spektator’ goes on to say: “This small example shows how far Steiner is from the true Christ impulse; it proves that, for him, Christ is not a divine Commander (the Way, the Truth, and the Life), but merely the ‘Wise One of Nazareth’—or, in theosophical terms: a Yeshu ben Pandira, or a Gautama Buddha—in German, a reincarnated Buddha.” [ 25 ] Vergleichen Sie alles dasjenige, was hier zur Bekräftigung desjenigen vorgebracht worden ist, was von modernen Theologen über die Theorie, die hier immer wieder und wiederum als ein Unsinn bezeichnet worden ist — daß man zu sehen habe in dem Christus Jesus nur den «Weisen von Nazareth» — bedenken Sie alles das, was von dieser Stelle aus gegen diese materialistische "Theorie gesagt worden ist — und hier in der unmittelbarsten Nähe wird man verleumdet und dasjenige, gegen das ich immer wieder aufgetreten bin, als das Bekenntnis hier ausgebreitet. Ich frage Sie: Gibt es noch die Möglichkeit, die Lügen zu erhöhen? Gibt es noch einen verlogeneren Weg als diesen? Es genügt nicht, daß man bloß die Blödigkeiten dessen ansieht, denn Sie werden die realen Wirkungen dieser Taktik immer mehr und mehr verspüren. Daher ist es notwendig, daß die Dinge hier wahrhaftig nicht verschlafen werden, sondern daß die Dinge ernsthaft ins Auge gefaßt werden, denn es handelt sich heute wirklich nicht um die Fragen einer kleinen Gemeinschaft, sondern es handelt sich um eine große Menschheitsfrage, und diese große Menschheitsfrage muß ins Auge gefaßt werden. Es handelt sich um die Frage der Wahrheit und um die Frage der Lüge. In diesen Dingen muß Ernst gemacht werden. [ 25 ] Compare all that has been put forward here in support of what modern theologians have said about the theory—which has been repeatedly and consistently dismissed here as nonsense—that one should view Jesus Christ merely as the “Wise Man of Nazareth” — consider everything that has been said from this passage against this materialistic “theory”—and right here, in the immediate vicinity, I am being slandered, and the very thing I have repeatedly opposed is being presented here as a creed. I ask you: Is there any way to take these lies even further? Is there any more deceitful path than this? It is not enough merely to look at the absurdities of it, for you will feel the real effects of this tactic more and more. Therefore, it is essential that these matters here are not simply overlooked, but that they are taken seriously, for what is at stake today is truly not a matter for a small community, but a major issue for all of humanity—and this major issue for all of humanity must be addressed. It is a matter of truth and a matter of lies. These matters must be taken seriously. [ 26 ] Am nächsten Samstag werde ich von dieser Stelle aus einen öffentlichen Vortrag halten, ohne Polemik, bloß historisch, nur den historischen Tatbestand darstellend von alledem, was vorangegangen ist und Folge geworden ist dem päpstlichen Rundschreiben vom September 1907, der Enzyklika «Pascendi dominici gregis». [ 26 ] Next Saturday, I will give a public lecture from this very spot—without polemics, purely from a historical perspective, simply presenting the historical facts of everything that preceded and followed the papal circular of September 1907, the encyclical “Pascendi dominici gregis.”
