Healing Factors for the Social Organism
GA 198
17 July 1920, Dornach
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Healing Factors for the Social Organism, tr. SOL
Sechzehnter Vortrag
Sixteenth Lecture
[ 1 ] Ich darf noch einmal erinnern an diejenigen Dinge, die ich gestern am Schlusse der hier vorgebrachten Ideen über das Paradoxe in dem Charakter unserer Gegenwart erwähnt habe. Mir scheint es, daß keine Zeit so charakterisiert hat werden müssen in hervorragenden ihrer Repräsentanten wie gerade diese unsere Gegenwart. Denn bedenken Sie einmal, ich mußte gestern — führen wir uns nur einmal den Tatbestand ordentlich vor Augen — von einem hervorragenden Menschen der Gegenwart sprechen, von einem Menschen, von dem ich sagen konnte, daß er ganz herausgewachsen ist aus dem, was die sogenannte geistige Substanz der Gegenwart ist, von Oswald Spengler. Es ist zweifellos, daß er zunächst einer von denjenigen ist, die namentlich auf die Jugend Mitteleuropas den denkbar größten Einfluß gewinnen, und daß man mit diesem Einfluß rechnen muß. Aber man sieht, wie ich gestern erwähnt habe, diesen Einfluß auch schon weit über Mitteleuropa hinausgehen. Die «Times» haben Artikel gebracht über das, was in dem Buche «Der Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler steht, und es ist einmal eine hervorragende Erscheinung, daß mit einer Geschlossenheit, die man heute eben nur gewöhnt ist in der sogenannten Wissenschaftlichkeit, ein Mensch, der ausgerüstet ist mit zwölf bis fünfzehn Wissenschaften, die er voll beherrscht, strikte beweist, daß bis zum Beginne des 3. Jahrtausends unsere abendländische Kultur zugrunde gehen muß, in die Barbarei verfallen muß. Es ist eine bedeutsame Erscheinung, daß mit denselben Mitteln, mit denselben Forschungs- und Denkweisen, mit denen unsere Zeit glaubte, es so weit gebracht zu haben, jemand klipp und klar beweist, daß diese Zivilisation in so kurzer Zeit vollständig verschwunden sein müsse.
[ 1 ] I would like to recall once more the points I mentioned yesterday at the conclusion of my remarks here on the paradoxical nature of our present age. It seems to me that no era has been so clearly defined by its most outstanding representatives as our own. For consider this: yesterday—let us just take a clear look at the facts—I had to speak of an outstanding figure of our time, a man of whom I could say that he has completely outgrown what is known as the “intellectual substance” of our time—Oswald Spengler. There is no doubt that he is, first and foremost, one of those who exert the greatest possible influence, particularly on the youth of Central Europe, and that this influence must be taken into account. But as I mentioned yesterday, one can already see this influence extending far beyond Central Europe. The *Times* has published articles on the contents of Oswald Spengler’s book *The Decline of the West*, and it is, for one thing, a remarkable phenomenon that, with a coherence one is accustomed to seeing today only in so-called scientific discourse, a man equipped with twelve to fifteen fields of study—which he has fully mastered—strictly proves that by the beginning of the third millennium, our Western culture must perish and descend into barbarism. It is a significant phenomenon that, using the very same methods, the very same approaches to research and thought with which our age believed it had come so far, someone proves clearly and unequivocally that this civilization must disappear completely in such a short time.
[ 2 ] Wir haben es da eben durchaus nicht mit einer Anschauung zu tun, die, wie so vielfach in der Gegenwart, im Belletristischen, im Feuilletonistischen steckenbleibt; wir haben es zu tun mit etwas, was mit dem schwersten Rüstzeug wissenschaftlicher Beschlagenheit auftritt, und, vor allen Dingen, wir haben es zu tun mit einem genialen Menschen. Dieser geniale Mensch verwendet abendländische Wissenschaft dazu, um die Anschauung entsprechend zu begründen, daß die Kultur des Abendlandes zugrunde geht. Und ich mußte Ihnen gestern, um so ganz Oswald Spengler zu charakterisieren, die ärgste Paradoxie sagen. Ich mußte Ihnen sagen, daß dieser Spengler zweifellos ein genialer Mensch ist, daß er aber die größten Torheiten sagt. Ich habe Ihnen Beispiele davon angeführt, so daß wir vor der merkwürdigen Erscheinung im Geistesleben der Gegenwart stehen, daß sich Genialität und Torheit berühren. Das ist überhaupt etwas Charakteristisches, daß sich die äußersten Extreme in unserer Gegenwart berühren, und man würde schon eine Empfindung bekommen können von diesem erschütternden Berühren, wenn man auf der anderen Seite nicht gar so schläfrig dahinlebte.
[ 2 ] We are certainly not dealing here with a perspective that, as is so often the case today, remains stuck in the realm of fiction or the arts and culture pages; we are dealing with something that is backed by the most rigorous tools of scholarly expertise, and, above all, we are dealing with a man of genius. This man of genius uses Western scholarship to substantiate the view that Western culture is in decline. And yesterday, in order to fully characterize Oswald Spengler, I had to point out the most glaring paradox to you. I had to tell you that this Spengler is undoubtedly a man of genius, but that he utters the greatest follies. I have given you examples of this, so that we are faced with the remarkable phenomenon in contemporary intellectual life where genius and folly intersect. It is, in fact, a characteristic feature of our present age that the utmost extremes intersect, and one could indeed get a sense of this jarring intersection if, on the other hand, one were not living life in such a drowsy state.
[ 3 ] Denn ich stelle mir vor: wenn zu einer Versammlung vor hundertdreißig Jahren in Mitteleuropa so hätte gesprochen werden müssen, wie gestern gesprochen worden ist über Oswald Spengler, so würde eine solche Versammlung vollständig aus dem Häuschen gekommen sein; denn dazumal wachte man noch! Das ist eine allgemeine Erscheinung, daß die Paradoxien in unserer Zeit sich ineinanderweben, und daß die Menschen schon ganz abgestumpft sind gegenüber diesen Paradoxien, weil Geistiges im Grunde genommen auf die Gegenwartsmenschen keinen Eindruck mehr macht.
[ 3 ] For I imagine: if, at a gathering in Central Europe one hundred and thirty years ago, people had had to speak the way they spoke yesterday about Oswald Spengler, such a gathering would have been completely thrown into a frenzy; for back then, people were still alert! It is a general phenomenon that the paradoxes of our time are interwoven, and that people have already become completely desensitized to these paradoxes, because, fundamentally speaking, intellectual matters no longer make any impression on people today.
[ 4 ] Und ich mußte Ihnen zweitens sagen, daß dieser Oswald Spengler ein grundgescheiter Mensch ist, daß man schon so gescheit sein muß wie er, um so grandiose Dummheiten zu produzieren, wie er sie produziert hat. Ich knüpfte daran die Bemerkung, daß es Laffen genug gibt, welche zum Beispiel mir vorgeworfen haben, ich sagte über ein und dieselbe Erscheinung bald dieses, bald jenes. Ich habe es mir gestern herausgenommen, an einem und demselben Abend über eine Persönlichkeit zweierlei zu sagen: daß sie genial und töricht ist, daß sie gescheit und grandios dumm ist. Diese Dinge erleben wir heute. Und ehe es nicht mit Ernst begriffen wird, daß diese Dinge heute erlebt werden können, daß aus den Tiefen der heutigen Bewußtseine diese Dinge aufsteigen, eher wird man nicht einen solchen Einblick in die Notwendigkeiten unserer Zeit gewinnen, daß man die ganze Bedeutung der hier gemeinten Geisteswissenschaft wirklich einsieht.
[ 4 ] And secondly, I had to tell you that this Oswald Spengler is a thoroughly clever man—that one has to be as clever as he is to produce such grandiose nonsense as he has produced. I followed that up with the remark that there are plenty of fools who, for example, have accused me of saying one thing one moment and another the next about the very same phenomenon. Yesterday I took the liberty of saying two different things about a single person on the very same evening: that he is both brilliant and foolish, that he is both intelligent and magnificently stupid. We are experiencing these things today. And until it is seriously understood that these things can be experienced today, that they arise from the depths of contemporary consciousness, we will not gain such insight into the necessities of our time that we can truly grasp the full significance of the spiritual science referred to here.
[ 5 ] Es hängt mit dem, was ich in dieser Weise charakterisieren muß, zusammen die Änderung im Usus, im ganzen Gebrauche, den man von den übersinnlichen Erkenntnissen macht. Ich habe Ihnen gestern dargestellt, wie durch Jahrtausende hindurch in den Mysterien die übersinnlichen Erkenntnisse bewahrt worden sind, wie es geradezu eine Selbstverständlichkeit war, daß über sie geschwiegen worden ist. Ich habe Ihnen gesagt, daß heute etwas anderes notwendig geworden ist. Trotzdem es sich gerade herausgestellt hat, daß die Verschwiegenheit nicht einmal in der Äußerlichkeit des Bewahrens meiner Vortragszyklen hat erreicht werden können, so mußte dennoch streng der Kurs eingehalten werden, gewisse Wahrheiten, die allerdings noch nicht bis an die höchste Stufe heranreichen, ganz öffentlich zu behandeln. Zu der Verschwiegenheit, wie wir sie in den alten Geheimgesellschaften oder gar in den Mysterien erlebt haben, bringt man es heute nicht in der Zeit, von der ja so viele die «Beweise» haben, «wie wir es so herrlich weit gebracht» haben.
[ 5 ] This is connected to what I must characterize in this way: the change in the way supersensible knowledge is used and applied. Yesterday I explained to you how, over the course of millennia, supersensible knowledge was preserved within the mysteries, and how it was virtually a matter of course that silence was maintained regarding it. I told you that something different has become necessary today. Even though it has just become apparent that secrecy could not even be maintained in the outward form of preserving my lecture cycles, the course of action—to treat certain truths, which admittedly do not yet reach the highest level, quite openly—still had to be strictly adhered to. The kind of secrecy we experienced in the ancient secret societies or even in the mysteries is no longer feasible today, in an age when so many have “proof” of “how wonderfully far we have come.”
[ 6 ] Es ist eben heute durchaus eine gewisse Demokratie notwendig. Demokratie ist einmal seit mehr als einem Jahrhundert eine notwendige Forderung unserer Zeit. Und so wenig es abgeschafft werden kann, daß immer nur Einzelne Geistesforscher werden sein können, immer nur Einzelne durch die Kraft ihres eigenen Seelenlebens sich werden hinaufleben können in die geistigen Welten, so sehr wird es aber auch notwendig sein, daß gerade, um das soziale Leben in der richtigen Weise zu begründen, die Weisheit, die gewonnen wird durch den Einblick in die übersinnlichen Welten, in die weitesten Kreise getragen werde. Wie notwendig das ist, soll Ihnen aus folgender Betrachtung hervorgehen, einer Betrachtung, die wiederum von der Art ist, daß viele noch reaktionäre, rückschrittliche, aber sonst ehrenwerte Repräsentanten gewisser Geheimgesellschaften es höchst anstößig finden, wenn man solche Dinge heute mitteilt.
[ 6 ] A certain degree of democracy is indeed necessary today. For more than a century now, democracy has been a necessary requirement of our time. And just as it cannot be abolished—that only individuals can ever become spiritual researchers, that only individuals can ever rise into the spiritual worlds through the power of their own inner life— it will also be necessary—precisely in order to establish social life in the right way—that the wisdom gained through insight into the supersensible worlds be carried out into the widest circles. Just how necessary this is should become clear to you from the following reflection—a reflection of the kind that many still reactionary, regressive, yet otherwise honorable representatives of certain secret societies find highly offensive when such things are shared today.
[ 7 ] Sie wissen ja, die traditionellen Religionsbekenntnisse sprechen eigentlich nur von einer Unsterblichkeit, das heißt, sie meinen, in ihren Predigten, in ihrer Theologie zu den Menschen nur sprechen zu sollen von der Fortdauer der Seele des Menschen nach dem Tode. Ja, es wird nicht nur in der Theologie, in der Predigt von nichts anderem gesprochen als von dieser Fortdauer nach dem Tode, sondern es wird sogar von den europäischen traditionellen Bekenntnissen als ketzerisch, als häretisch erklärt, wenn man redet von der Präexistenz, von dem Leben der Seele in geistigen Welten vor der Geburt oder, sagen wir, vor der Empfängnis. Ich habe Ihnen auch charakterisiert, warum das allmählich unter dem Gang der europäischen Geistesströmung sich herausgebildet hat. Zu wem sprechen denn eigentlich die Vertreter, die Repräsentanten der traditionellen Religionsbekenntnisse? Sie sprechen im Grunde genommen doch nur zu dem raffinierten Egoismus der Seelen. Sie bringen für die Unsterblichkeit nichts anderes vor als das, was die Menschen aus ihrem Egoismus heraus hören wollen, weil sie das Leben nach dem Tode aus diesem Egoismus heraus ersehnen und begehren.
[ 7 ] As you know, the traditional religious creeds actually speak only of one kind of immortality; that is to say, they believe that in their sermons and in their theology they should speak to people only of the continued existence of the human soul after death. Yes, not only do theology and sermons speak of nothing other than this continuation after death, but the traditional European creeds even declare it heretical to speak of pre-existence—of the soul’s life in spiritual worlds before birth or, let’s say, before conception. I have also explained to you why this view has gradually emerged in the course of European intellectual currents. To whom, then, do the advocates of traditional religious creeds actually speak? Essentially, they speak only to the sophisticated egoism of souls. When it comes to immortality, they offer nothing other than what people, out of their egoism, want to hear—because it is out of this egoism that they yearn for and desire life after death.
[ 8 ] Dieser Begierde wird ja gefrönt in Tausenden und Tausenden von Predigten und theologischen und religiösen Schriften. Weil die Menschen nicht untergehen wollen im Tode, wird an die Instinkte dieses raffinierten Seelenegoismus appelliert, und von dem aus werden die Menschen herangezogen, zu glauben an die Unsterblichkeit. Für dasjenige, was aber das eigentlich Ewige ist im Menschen und über das man nicht sprechen kann, wenn man nicht von der Präexistenz spricht, für das ist wenig Empfindung vorhanden. Wir haben in den europäischen Sprachen nicht einmal ein entsprechendes Wort dafür. Wir haben das Wort «Unsterblichkeit», wir haben aber nicht das Wort «Ungeborenheit». Ebenso müßten wir das Wort «Ungeborenheit» haben, wenn wir wirklich losgingen auf das Ewige in der Menschenseele, wie wir das Wort «Unsterblichkeit» haben. Wir negieren bloß das Vergehen an dem einen Ende des Lebens, indem wir eine negative Partikel an die Sterblichkeit setzen und von der Unsterblichkeit sprechen. Wir haben kein gebräuchliches Wort etwa wie «Ungeborenheit». Ein solches Wort muß sich aber einleben. Denn spricht man zu den Menschen von der Ungeborenheit, so kann man nicht an ihre egoistischen Seeleninstinkte appellieren. Ich möchte sagen: Die Unsterblichkeit wird zur Selbstverständlichkeit, wenn man in der richtigen Weise diese Ungeborenheit begreift; aber diese Ungeborenheit macht das Leben unbequemer, als die meisten Menschen es haben wollen und als es vor allen Dingen die Repräsentanten der traditionellen Religionsbekenntnisse haben möchten.
[ 8 ] This desire is, after all, indulged in thousands upon thousands of sermons and theological and religious writings. Because people do not want to perish in death, an appeal is made to the instincts of this subtle egoism of the soul, and on that basis, people are drawn to believe in immortality. But for that which is truly eternal in human beings—and about which one cannot speak without referring to pre-existence—there is little sense of it. We do not even have a corresponding word for it in European languages. We have the word “immortality,” but we do not have the word “unbornness.” Just as we have the word “immortality,” we would likewise need to have the word “unbornness” if we were truly to set out toward the eternal in the human soul. We merely negate transience at one end of life by attaching a negative particle to mortality and speaking of immortality. We have no common word such as “unbornness.” But such a word must take root. For if one speaks to people of unbornness, one cannot appeal to their egoistic soul instincts. I would like to say: Immortality becomes self-evident when one understands this “unbornness” in the right way; but this “unbornness” makes life more uncomfortable than most people want it to be—and, above all, than the representatives of traditional religious denominations would like it to be.


[ 9 ] Das alles hat nicht nur eine theoretische Bedeutung, das alles hat eine durchaus praktische, eine reale Bedeutung. Denn eine solche Wahrheit, wie ich sie vor einigen Wochen hier angeführt habe, dürfen wir nicht leicht nehmen. Ich sagte Ihnen: Man spricht heute eigentlich nur im theoretischen, im akademischen, im doktrinären Sinne davon, daß die Menschen materialistisch sind. Man meint: Sie denken materialistisch. — Was ist denn eigentlich gemeint, wenn man sagt: Die Menschen denken materialistisch? — Man denkt dabei: Die Menschen denken falsch, denn der Materialismus ist nicht richtig; die Menschen haben nun einmal eine unsterbliche Seele, das eigentliche Wesen des Menschen ist geistig, daher ist der Materialismus falsch. Man muß also einfach den Materialismus bekämpfen und in der Theorie das Richtige anstreben. — Das ist aber nicht das, worauf es ankommt, sondern die Sache verhält sich so. Gewiß, das menschliche Wesen ist zunächst geistig-seelisch. Nehmen wir einmal an — schematisch gezeichnet -, das sei das geistig-seelische Wesen des Menschen (rot). Aber von diesem geistig-seelischen Wesen des Menschen bildet sich nach der Empfängnis beziehungsweise nach der Geburt ein getreulicher Abdruck im Leiblich-Physischen, so daß also von dem, was geistig-seelisch ist, ein völliger Abdruck vorhanden ist im Leiblich-Physischen (weiß). Alles dasjenige, was im Geistig-Seelischen ist, wird abgedrückt im Leiblich-Physischen. Nun können Sie zweierlei erleben. Sie können es erleben, daß die Menschen sich bekanntmachen mit solchen Gedanken, die aus der geistigen Welt geholt sind, wie sie in unseren anthroposophischen Büchern stehen, Gedanken, wie sie die Materialisten für Unsinn halten, wie es die Materialisten für Phantasie halten, wenn man solche Gedanken denkt. Man braucht nicht selbst Geistesforscher zu sein, aber wenn man denkt mit dem Geistig-Seelischen, so ist das Leiblich-Physische der getreuliche Abdruck davon. Wenn man aber in der Gegenwart Naturforscher ist, wenn man im gewöhnlichen Leben mit Verleugnung des Geistig-Seelischen denkt, dann denkt man wirklich mit dem physischen Gehirn, dann wird man nur ein Abdruck der Materialität. Verleugnet man das Geistig-Seelische, dann wird man wirklich Materialist. Also ist der Materialismus richtig, er ist nicht falsch! Das ist das Wesentliche. Man kann es dahin bringen, daß man nicht eine falsche Ansicht vertritt, wenn man den Materialismus vertritt, sondern daß man so in die Materie heruntergefallen ist, daß man wirklich materialistisch denkt. Daher sind materialistische Theorien richtig. Daher ist das wesentlichste Charakteristikum unserer Zeit nicht, daß die Menschen unrichtig denken, wenn sie materialistisch sind, sondern das wesentlichste Charakteristikum ist, daß eben die Mehrzahl der Menschen materialistisch wird, indem sie das Geistig-Seelische verleugnen und bloß mit dem physischen Leibe denken, mit dem physischen Leibe eine Nachahmung, eine Imitation des Seelenlebens hervorbringen. Wir haben, indem wir den Materialismus bekämpfen, es nicht zu tun mit einer bloßen Umkehrung der Theorie, sondern wir haben es zu tun mit einem Willensentschluß, sich loszureißen vom Materiellen, damit wir nicht etwa bloß theoretisch keine Materialisten seien, sondern damit wir in der Materie nicht versinken, damit der Materialismus unrichtig werde. Er ist richtig für unsere Zeit, und er muß unrichtig werden! Darauf muß die Kraft verwendet werden, daß der Materialismus unrichtig werde. Es handelt sich also nicht um bloße Umwendung von Theorien, sondern es handelt sich um innere geistige Taten, die die Menschheit in unserer Zeit zu verrichten hat, um sich der Materialität zu entreißen.
[ 9 ] All of this has not only theoretical significance; it has a very practical, real significance. For we must not take lightly a truth such as the one I presented here a few weeks ago. I told you: Today, people actually speak of humans being materialistic only in a theoretical, academic, or doctrinal sense. People say: They think materialistically. — But what does it actually mean when one says: People think materialistically? — The implication is: People are thinking incorrectly, because materialism is not right; people do, after all, have an immortal soul; the true nature of the human being is spiritual; therefore, materialism is wrong. So one must simply combat materialism and strive for what is right in theory. — But that is not what matters; rather, the situation is as follows. Certainly, the human being is, first and foremost, spiritual and soulful. Let us assume—for the sake of simplicity—that this is the spiritual and soulful nature of the human being (red). But from this spiritual-soul nature of the human being, a faithful imprint is formed in the physical body after conception or birth, so that a complete imprint of what is spiritual-soul exists in the physical body (white). Everything that is in the spiritual-soul realm is imprinted in the physical body. Now you can experience two things. You can experience that people become acquainted with thoughts drawn from the spiritual world, such as those found in our anthroposophical books—thoughts that materialists consider nonsense, that materialists regard as fantasy when one thinks such thoughts. You don’t have to be a spiritual researcher yourself, but if you think with the spiritual-soul realm, the physical-bodily realm is its faithful reflection. But if you are a natural scientist in the present day, if in ordinary life you think while denying the spiritual-soul realm, then you are truly thinking with the physical brain, and you become merely a reflection of materiality. If one denies the spiritual-soul aspect, then one truly becomes a materialist. So materialism is correct; it is not wrong! That is the essential point. One can go so far as to say that when one advocates materialism, one is not merely holding a false view, but has fallen so deeply into matter that one truly thinks materialistically. Therefore, materialistic theories are correct. Therefore, the most essential characteristic of our time is not that people think incorrectly when they are materialistic, but rather that the majority of people are becoming materialistic by denying the spiritual and soul aspects and thinking solely with the physical body—using the physical body to produce an imitation of soul life. In combating materialism, we are not dealing with a mere reversal of theory, but with a resolute decision of the will to break free from the material, so that we may not merely be non-materialists in theory, but so that we do not sink into matter, so that materialism may become false. It is true for our time, and it must become false! Our energy must be directed toward rendering materialism invalid. It is therefore not a matter of merely reversing theories, but rather of inner spiritual acts that humanity must perform in our time in order to free itself from materiality.
[ 10 ] Damit aber hängt eine bedeutsame, eine große Wahrheit zusammen. Die traditionellen Religionsbekenntnisse reden bloß von dem Postmortem-Leben, von dem Leben nach dem Tode. Wir wissen aus unserer Literatur und aus unseren Vorträgen und sonstigen Darstellungen, daß es selbstverständlich berechtigt ist, von diesem Post-mortem-Leben, von diesem Leben nach dem Tode zu sprechen. Wir beschreiben es ja auch getreulich in seinen Einzelheiten. Aber wir reden nicht aus demselben Geiste, wie die traditionellen Bekenntnisse reden, wir reden aus einem anderen Geiste. Wir reden aus dem Geiste der Erkenntnis, nicht aus dem Geiste bloß des stupiden Glaubens. Aber die traditionellen Bekenntnisse reden eben zum Egoismus, zum raffinierten Seelenegoismus, und sie lehnen ab mit aller Strenge ein vorgeburtliches Leben. Sehen Sie nur, wie häretisch, wie ketzerisch die Annahme eines Lebens vor der Empfängnis von den traditionellen Bekenntnissen angesehen wird. Natürlich ist mit der Präexistenz ganz notwendig verknüpft die Einsicht in die wiederholten Erdenleben; aber mit der Bekämpfung der Präexistenz werden zugleich die wiederholten Erdenleben bekämpft. Indem in der theologischen, in der religiösen Darstellung, in der Predigt nur reflektiert wird auf das Post-mortem-Leben, auf das Leben nach dem Tode, wird die Menschenseele in einer gewissen Weise bearbeitet: Gefühle, Empfindungen gehen in die Menschenseele hinein.
[ 10 ] But there is a significant, a great truth connected with this. Traditional religious creeds speak only of the afterlife, of life after death. We know from our literature, our lectures, and other accounts that it is, of course, legitimate to speak of this afterlife, of this life after death. Indeed, we describe it faithfully in all its details. But we do not speak in the same spirit as the traditional creeds; we speak in a different spirit. We speak in the spirit of knowledge, not merely in the spirit of blind faith. Yet the traditional creeds appeal to egoism—to a sophisticated egoism of the soul—and they reject with the utmost severity the idea of a pre-birth life. Just look at how heretical, how blasphemous, the assumption of a life before conception is regarded by the traditional creeds. Of course, the concept of pre-existence is necessarily linked to the understanding of repeated earthly lives; but by opposing pre-existence, repeated earthly lives are simultaneously opposed. By focusing in theological and religious discourse, as well as in sermons, solely on the post-mortem life—that is, life after death—the human soul is influenced in a certain way: feelings and sensations take root within the human soul.
[ 11 ] Die Menschenseele ist in einer gewissen Weise geartet. Es ist nicht richtig, daß eine Menschenseele, durch die hindurchgegangen sind Gedanken zum Beispiel meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», geradeso aussieht wie eine Menschenseele, zu deren egoistischen Instinkten man bloß in traditionell-religiöser Weise von dem Post-mortem-Leben spricht. Ich habe Sie öfters darauf aufmerksam gemacht: Die reale Logik, das Leben der geistigen Impulse, ist ein anderes als die bloße Gedankenlogik. — Ich habe öfters das Beispiel des Avenarius angeführt, der hier in der Schweiz an der Universität in Zürich gelehrt hat. Er war ein ganz redlicher, braver Bourgeois, ein bürgerlicher Mensch; er hat seine materialistische Philosophie vorgetragen, und kein Mensch konnte etwas anderes sagen, als daß er ein sich in die gewöhnliche, gutbürgerlich-philiströse Sitte hineinfindender braver Mensch gewesen ist. Wenn Sie, schon im Beginne des 20. Jahrhunderts, bei denjenigen Menschen, die dann in Rußland zu den Bolschewisten geworden sind, angefragt haben, welches ihre offizielle Philosophie sei, dann bekamen Sie die Antwort: Es ist die des Avenarius; sie ist die offizielle Philosophie des Bolschewismus.
[ 11 ] The human soul is of a certain nature. It is not correct to say that a human soul through which thoughts—for example, those in my *Outline of Esoteric Science*—have passed looks exactly the same as a human soul whose egoistic instincts are discussed solely in traditional religious terms with regard to the life after death. I have often drawn your attention to this: Real logic—the life of spiritual impulses—is different from mere logical thought. — I have often cited the example of Avenarius, who taught here in Switzerland at the University of Zurich. He was a thoroughly honest, respectable bourgeois, a man of the middle class; he expounded his materialist philosophy, and no one could say anything other than that he was a respectable man who fit right into the ordinary, middle-class, philistine customs. If, as early as the beginning of the 20th century, you had asked those people in Russia who later became Bolsheviks what their official philosophy was, you would have received the answer: It is that of Avenarius; it is the official philosophy of Bolshevism.
[ 12 ] Natürlich, wenn jemand ein gescheiter Philosoph ist, ein guter Logiker ist, und er nimmt die Avenariussche Philosophie vor und zieht die Schlußfolgerung daraus, dann kommt wahrhaftig nicht der Bolschewismus heraus; es kommt etwas ganz anderes heraus. Aber das Leben zieht eine andere Logik, als es die Gedankenlogik ist. Im Leben erscheint, nachdem die dritte Generation herangekommen ist, aus der Avenariusschen Philosophie der Bolschewismus. Das ist die Logik des Lebens. In sie dringt man ein, wenn man geisteswissenschaftliche Erkenntnisse aufnimmt. Bei der bloßen abstrakten, bei der intellektuellen Logik bleibt man stehen, wenn man bloß das aufnimmt, was die heutige naturwissenschaftliche oder auch religiöse Weltanschauung gibt.
[ 12 ] Of course, if someone is a clever philosopher, a good logician, and he examines Avenarius’s philosophy and draws conclusions from it, then Bolshevism certainly does not result; something entirely different results. But life follows a different logic than that of abstract thought. In life, once the third generation has come of age, Bolshevism emerges from Avenarius’s philosophy. That is the logic of life. One enters into this logic by assimilating insights from the spiritual sciences. One remains stuck at the level of mere abstract, intellectual logic if one merely accepts what is offered by today’s scientific or religious worldview.
[ 13 ] Solch ein Unterschied der beiden Logiken besteht aber auch für die Wirkung der traditionellen Religionsbekenntnisse und für die Wirkung der Geisteswissenschaft, so wie sie hier anthroposophisch gemeint ist. Denn Leute, die ihre niederträchtigen Angriffe auf die Anthroposophie manchmal mit einigen Phrasen würzen — auf die unsere Anthroposophen dann gewöhnlich hereinfallen! —, die sagen manchmal: Wir Theologen kämpfen ebenso für das Übersinnliche wie die Anthroposophen, und deshalb sind wir in gewisser Weise Kampfgenossen. -— Das wird, nachdem die ärgsten Niederträchtigkeiten gesagt sind, manchmal als Phrase angefügt von denjenigen, die in unseren Kreisen noch als die Gutmütigeren genommen werden. Man hat ja das Bestreben, nur ja nicht im Ernste hinzuschauen auf das, was da eigentlich vorliegt. Dennoch, die Tatsachenlogik ist eine ganz andere. Wenn Sie die Tatsachenlogik ziehen aus dem, was über das Post-mortem-Leben in den Kanzelreden gesagt wird, indem man an die raffinierten Seeleninstinkte, an den raffinierten Egoismus appelliert, dann könnte es aussehen, als ob auch da ein Leben über die Sinnlichkeit hinaus angestrebt wird, ein Leben, durch das die Seele eintreten soll, nachdem sie durch den Tod gegangen ist, in die übersinnliche Welt. Es ist aber nicht so, sondern gerade dadurch, daß einseitig, theoretisch die religiösen Bekenntnisse durch Jahrhunderte, ja Jahrtausende das bloße Post-mortem-Leben gepflegt haben, gerade dadurch ist real logisch herangezüchtet worden die Verleugnung der übersinnlichen Welt, dadurch ist gerade der Materialismus in Wirklichkeit herbeigeführt worden. Denn während man im Kopfe sich belehren läßt durch den Glauben über ein Leben nach dem Tode, strebt das Unterbewußte darnach, dieses Leben mit der irdischen Sterblichkeit zu beschließen. Und während die Kirchen sich bloß zu der Bequemlichkeit entschlossen haben, zu den Instinkten der Menschen über die Unsterblichkeit zu sprechen, wurde in der europäischen Kultur und in ihrem amerikanischen Nachwuchs jener Materialismus herangezogen, der eigentlich im Inneren ganz darnach strebt, das Leben mit dem irdischen Sterben zu beschließen. Diejenigen Materialisten, die heute theoretisch, aber auch schon sozial anstreben, indem sie Einrichtungen, soziale Einrichtungen wollen, die eigentlich nur auf das Leben bis zum Tode hin berechnet sind, diese reinen Materialisten ziehen bis zum Bolschewismus hin die getreuen logischen Konsequenzen desjenigen, was die religiösen Bekenntnisse den Menschen anerzogen haben innerhalb der abendländischen Kultur. Denn bloß von der Unsterblichkeit nach dem Tode zu sprechen, heißt heranzüchten im Unterbewußten die Sehnsucht, auch seelisch mit dem physischen Tode zu sterben. Das ist die Wahrheit, von der ich Ihnen heute sprechen möchte. Diese Sehnsucht, nichts zu wissen von einem übersinnlichen Leben, ist gerade durch das einseitige Reden von dem Ewigen nach dem Tode großgezogen worden.
[ 13 ] Such a difference between the two logics also applies to the effect of traditional religious creeds and to the effect of spiritual science, as understood here in the anthroposophical sense. For people who sometimes spice up their vile attacks on anthroposophy with a few phrases—which our anthroposophists then usually fall for!—sometimes say: “We theologians fight for the supersensible just as much as the anthroposophists do, and therefore we are, in a certain sense, comrades-in-arms.” — This is sometimes tacked on as a platitude—after the worst insults have been hurled—by those who are still regarded as the more good-natured members of our circles. There is, after all, a tendency to avoid looking seriously at what is actually going on. Nevertheless, the logic of the facts is quite different. If you derive the logic of the facts from what is said about life after death in pulpit sermons—which appeal to the subtle instincts of the soul and to subtle egoism—then it might appear as though even there a life beyond the sensual realm is being sought, a life through which the soul is to enter the supersensible world after passing through death. But this is not the case; rather, it is precisely because religious creeds have, one-sidedly and theoretically, cultivated the mere post-mortem life for centuries—indeed, millennia—that the denial of the supersensible world has been logically fostered in reality; it is precisely through this that materialism has in fact been brought about. For while the mind is taught by faith to believe in a life after death, the subconscious strives to bring that life to an end with earthly mortality. And while the churches have merely chosen, for the sake of convenience, to speak to people’s instincts regarding immortality, European culture—and its American offshoot—has fostered a form of materialism that, deep down, actually strives to bring life to an end with earthly death. Those materialists who today strive not only theoretically but also socially—by seeking institutions, social institutions, that are in fact calculated solely for life up to the point of death—these pure materialists draw, all the way to Bolshevism, the faithful logical consequences of what religious creeds have instilled in people within Western culture. For merely speaking of immortality after death means fostering in the subconscious the longing to die spiritually as well as physically. That is the truth I wish to speak to you about today. This longing to know nothing of a supernatural life has been nurtured precisely by the one-sided talk of the eternal after death.
[ 14 ] Wenn man diese Wahrheit nicht in allen ihren ernsten Tiefen nimmt, so sieht man eben nicht die Zusammenhänge ein, in denen die Gegenwart der europäischen und amerikanischen Zivilisation mit der Vergangenheit steht. Denn das Vertreten eines bloßen Lebens nach dem Tode ist das Erziehen zu der unterbewußten Sehnsucht, das Leben zu beschließen mit dem physischen Tode. Und man muß sagen, es gibt bereits eine große Anzahl von Menschen in der sogenannten zivilisierten Welt, die eigentlich in ihrem Unterbewußten die ganz intensive Sehnsucht tragen, nichts zu tun haben zu wollen mit der Ideologie von einem Leben nach dem Tode und mit dem physischen Tode das Leben zu beschließen. Alle diejenigen Menschen, aus deren Herzen hervorgehen die materialistischen Anschauungen, haben in ihrem Unterbewußtsein eigentlich das allerintensivste Streben, mit dem physischen Tode unterzugehen. Wenn sie sich auch in dem Oberbewußtsein der Illusion hingeben, weil ihr Egoismus nichts anderes ertragen kann, nach dem Tode fortleben zu wollen, ihr Unterbewußtsein strebt darnach, mit dem physischen 'Tode unterzugehen.
[ 14 ] If one does not grasp this truth in all its profound depth, one simply fails to see the connections between the present state of European and American civilization and the past. For advocating a mere afterlife is to instill a subconscious longing to conclude one’s life with physical death. And it must be said that there are already a great many people in the so-called civilized world who, in their subconscious, actually harbor a very intense longing to have nothing to do with the ideology of an afterlife and to bring life to a close with physical death. All those people from whose hearts materialistic views spring actually harbor, in their subconscious, the most intense longing to perish with physical death. Even if, in their conscious mind, they succumb to the illusion—because their egoism cannot bear anything else—of wanting to live on after death, their subconscious mind strives to perish with physical death.
[ 15 ] Die Wirklichkeit ist in Wahrheit noch viel ernster. Wenn der Mensch nämlich genügend intensiv durch genügend lange Zeit diese unterbewußte Sehnsucht ausbildet, mit dem physischen Tode zugrunde zu gehen, so geht er auch mit dem physischen Tode zugrunde. Dann hört das, was da als Geistig-Seelisches vorhanden ist und was sich sein Abbild schaffte, auf, eine Bedeutung zu haben; dann vereinigt es sich wiederum mit geistigen Welten und verliert die Ichheit. Das Abbild der Ichheit wird ahrimanisch umgestaltet, und die ahrimanischen Mächte bekommen das, was sie wollen: sie bekommen das irdische Leben in die Hand. Das heißt, ein großer Teil der heutigen zivilisierten Welt strebt darnach, nicht die Zivilisation der Erde fortzusetzen, sondern die Menschen zum Sterben zu bringen und ganz anderen Wesen, als die Menschen es sind, das irdische Leben zu übergeben.
[ 15 ] The reality is, in truth, even more serious. For if a person cultivates this subconscious longing to perish with physical death with sufficient intensity over a sufficiently long period of time, then he does indeed perish with physical death. Then what exists as the spiritual-soul aspect—and which created its own image—ceases to have any significance; it then reunites with the spiritual worlds and loses its sense of self. The image of the “I” is transformed in an Ahrimanic way, and the Ahrimanic forces get what they want: they gain control of earthly life. This means that a large part of today’s civilized world strives not to continue the civilization of the Earth, but to bring about the death of human beings and to hand over earthly life to beings entirely different from human beings.
[ 16 ] Es nützt heute nichts, auf diese Dinge nicht hinzuweisen. Es ist natürlich unbequem, diese Dinge hinzunehmen, und viel bequemer ist es, wenn man sich bloß zu sagen braucht: Der Materialismus ist eben falsch; nun, man bekehrt sich allmählich zu einer besseren Weltanschauung. — Nein, darum handelt es sich nicht. Dasjenige, was im Menschen Gedanken sind, wird zu Wirklichkeiten, und die materialistischen Gedanken werden nach und nach materialistische Wirklichkeiten. In unserer Geisteswissenschaft handelt es sich aber nicht um Theorien, sondern um Dinge, die im Menschen Wirklichkeiten sind, und solange man das nicht voll begreift, daß es sich um Dinge handelt, die im Menschen Wirklichkeiten sind, so lange begreift man weder die Tiefe anthroposophisch gemeinter Geisteswissenschaft noch begreift man die ganze Schwere der Kulturnotwendigkeiten, die in unserer Zeit geschaut werden sollen. Sie sehen also, unsere Zeit steht vor der Gefahr, die Kultur der Erde zu vernichten, nicht bloß falsche Ansichten zu züchten, sondern in dem Menschen Abbilder dieser falschen Ansichten hervorzubringen und die Menschen von ihrem ewigen Sein wegzubringen.
[ 16 ] There is no point in failing to point out these things today. Of course, it is uncomfortable to accept these things, and it is much more comfortable simply to say to oneself: Materialism is simply wrong; well, one gradually converts to a better worldview. — No, that is not the point. What are thoughts within a person become realities, and materialistic thoughts gradually become materialistic realities. In our spiritual science, however, we are not dealing with theories, but with things that are realities within the human being; and as long as one does not fully grasp that these are things that are realities within the human being, one will neither comprehend the depth of spiritual science as understood in the anthroposophical sense nor grasp the full gravity of the cultural necessities that must be recognized in our time. So you see, our time faces the danger of destroying the culture of the Earth—not merely of fostering false views, but of producing in human beings reflections of these false views and leading people away from their eternal being.
[ 17 ] Ich weiß, wie stark immer wieder und wiederum die Sehnsucht der Menschen ist, auf solche Wahrheiten nicht hinzuschauen, denn es kommen die Menschen, wenn man ihnen so etwas klarmacht, immer wieder und sagen: Aber gibt es nicht doch die Möglichkeit, daß auch diejenigen, die durchaus nicht wollen, selig werden? — Gewisse Vertreter religiöser Bekenntnisse haben es da leichter. Sie bringen denjenigen, die eigentlich nur eine «Tantenreligion» wünschen, bei, daß sie ja nicht durch ihre eigenen inneren Taten der geistigen Welt teilhaftig werden können, sondern daß sie sich nur passiv hinzugeben brauchen dem Glauben an Christus, dann wird der Christus sie selig machen. Das ist gerade die große Schwierigkeit, die man hat, wenn man heute im Ernste Geisteswissenschaft vertreten will, daß man nicht zu dem, was den Menschen so bequem ist, sprechen darf. Denn mancher möchte ein guter Anthroposoph sein; aber nun will es seine Tante nicht, und er will doch nicht, daß die Tante ihre Individualität verliert, und da wird dann zum mindesten die Intensität seiner anthroposophischen Überzeugung sehr, sehr stark beeinträchtigt. — Viele von Ihnen werden wissen, wie sehr ich mit diesen Dingen auf Realitäten hinweise, die es verhindern, daß mit anthroposophischer Geisteswissenschaft jener Ernst verbunden wird, der mit ihr verbunden werden muß. Ich habe ja auch hier schon gesagt: Der Materialismus ist nicht schädlich bloß aus dem Grunde, weil er theoretisch die Leute zu keiner Geisteserkenntnis führen kann, sondern erstens aus dem Grunde, den ich heute angeführt habe, daß der Mensch tatsächlich nach und nach nur materiell wird, wenn er die materialistischen Gedanken auf sich wirken läßt; dann aber weiter im ganzen Kulturgange dadurch, daß der Materialismus gerade dazu verurteilt ist, die Geheimnisse der Materie nicht erforschen zu können. Wir haben hier einen Kursus vor Ärzten und Medizinstudierenden gehabt. Er hat darin bestanden, daß einmal die anthroposophische Wissenschaft ganz im Konkreten angewendet worden ist, um zu zeigen, wie die Erkenntnis des gesunden und kranken Menschen ist. Man hat wenigstens als Anfang gezeigt: man kann aus geistiger Betrachtungsweise heraus das Wesen des Gehirnes, das Wesen der Zähne, das Wesen der Knochen, der Milz und der Leber erkennen. Das kann die materialistische Wissenschaft ja nicht. Die materialistische Wissenschaft kann gerade das Wesen der Materie, des materiellen Daseins nicht erkennen. Sie können das an einem Symptom wirklich ersehen.
[ 17 ] I know how strong people’s longing is, time and again, not to face such truths; for when one makes such things clear to them, people keep coming back and saying: “But isn’t there still a possibility that even those who have absolutely no desire to do so might attain salvation?” — Certain representatives of religious denominations have it easier in this regard. They teach those who really only want a “superficial religion” that they cannot participate in the spiritual world through their own inner actions, but that they need only passively surrender to faith in Christ, and then Christ will save them. That is precisely the great difficulty one faces when one wants to seriously advocate spiritual science today: one must not speak to what is so convenient for people. For many would like to be good anthroposophists; but his aunt doesn’t approve, and he doesn’t want his aunt to lose her individuality—and so, at the very least, the intensity of his anthroposophical conviction is very, very greatly compromised. — Many of you will know how strongly I point to these realities, which prevent anthroposophical spiritual science from being taken with the seriousness that it must be taken with. As I have already said here: Materialism is not harmful merely because, in theory, it cannot lead people to spiritual knowledge, but first of all for the reason I have cited today—that a person actually becomes, little by little, purely material if he allows materialistic ideas to influence him; and second, throughout the entire cultural process, because materialism is, by its very nature, incapable of exploring the mysteries of matter. We have held a course here for physicians and medical students. It consisted, first of all, of applying anthroposophical science in a very concrete way to demonstrate how one can understand the healthy and the sick human being. At least as a starting point, it was shown that one can recognize the nature of the brain, the nature of the teeth, the nature of the bones, the spleen, and the liver from a spiritual perspective. Materialistic science, of course, cannot do this. Materialistic science is precisely incapable of recognizing the nature of matter, of material existence. You can truly see this in a symptom.
[ 18 ] Schauen Sie sich die heutige Psychiatrie an. Die heutige Psychiatrie ist eigentlich nichts anderes als eine Beschreibung des abnormen Seelenlebens, wie es als seelisches Leben auftritt. Nun hat jede sogenannte Geisteskrankheit ihr Korrelat in einem Materiellen. Wenn einer diese oder jene konfusen Ideen hat, so ist die Milz nicht in Ordnung oder die Lunge nicht in Ordnung; aber den Zusammenhang zwischen dem Geistig-Seelischen und dem Materiellen, das in Wirklichkeit auch ein Geistig-Seelisches ist, den erkennt man nur durch Geisteswissenschaft, nicht durch die materialistische Wissenschaft. Diese materialistische Wissenschaft ist gerade dazu verurteilt, nicht das Wesen der Materie erkennen zu können, daher auch, zum Beispiel in der Medizin, manchen Leuten nicht helfen zu können, denn da muß man materiell helfen. Man muß sogar den Geisteskranken materiell helfen. Wenn im Ernste erkannt wird, was in den Tiefen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft ruht, so wird man gerade das Hineinströmen der geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse in das materielle Dasein und damit auch in das soziale Leben bewirken. Daher war es eine Selbstverständlichkeit, daß aus dieser Geisteswissenschaft heraus sich die Anschauung von der Dreigliederung des sozialen Organismus ergeben hat; denn alle andere Wissenschaft der Gegenwart ist einfach viel zu wenig intensiv, ist viel zu sehr bloße Gedankenwissenschaft, ergreift nicht Realitäten, und daher kann sie auch nicht in das soziale Leben hineinwirken. Ich habe es gerade bei sozialen Betrachtungen öfters gesagt: Man redet heute von sozialen Idealen, man redet davon, daß ganze Länder sozial eingerichtet werden sollen; von nichts mehr als von Sozialistik wird heute gesprochen. Dabei war keine Zeit so antisozial, in keiner Zeit waren die Menschen in ihren Instinkten so antisozial wie heute. Die Menschen gehen ja heute aneinander vorbei, ohne voneinander etwas zu wissen. Keiner schaut gewissermaßen in den anderen hinein. Warum denn?
[ 18 ] Take a look at modern psychiatry. Modern psychiatry is really nothing more than a description of abnormal mental life as it manifests itself as mental activity. Now, every so-called mental illness has its counterpart in the physical realm. If someone has this or that confused idea, then the spleen is not functioning properly or the lungs are not functioning properly; but the connection between the spiritual-psychic and the physical—which is in reality also spiritual-psychic—can only be recognized through spiritual science, not through materialistic science. This materialistic science is precisely doomed to be unable to recognize the essence of matter, and therefore, for example in medicine, to be unable to help some people, because in such cases one must provide material assistance. One must even provide material help to the mentally ill. When what lies in the depths of anthroposophically oriented spiritual science is truly recognized, this will bring about the infusion of spiritual scientific insights into material existence and, thereby, into social life as well. It was therefore only natural that the concept of the threefold social order should emerge from this spiritual science; for all other contemporary science is simply far too superficial, is far too much mere intellectual speculation, fails to grasp realities, and therefore cannot influence social life. I have often said this, particularly in connection with social considerations: People today speak of social ideals; they speak of how entire countries should be socially organized; nothing is discussed more today than socialism. Yet no era has been so antisocial; in no other era have people been so antisocial in their instincts as they are today. People today pass each other by without knowing anything about one another. No one, so to speak, looks into the other. Why is that?
[ 19 ] Man kann entweder erkennen, so wie es in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft der Fall ist, über unserer Welt eine übersinnliche Welt. Sie wissen, wir reden nicht wie die vertrackten Pantheisten von einer Geistigkeit im allgemeinen. Wir reden gerade so, wie wir hier auf der Erde von einem Tier, von einer Pflanze, von einem Mineral reden, so reden wir, hinauf uns erhebend von einem Reiche des Menschen zu einem Reiche über dem Menschen, zu einem Engelreich, einem Erzengelreich, also zu einem Reiche der Angeloi, der Archangeloi und so weiter. Wir reden von den ganz konkreten Geistwesen, das heißt, wir erheben uns zu der Erkenntnis, zu der Einsicht in das Wesenhafte des Geistes. Man kann das entweder tun, oder man kann es unterlassen. Wenn man es aber unterläßt, wie es seit Jahrhunderten in der abendländischen Kultur getan worden ist, was folgt dann daraus mit Reallogik, nicht mit Gedankenlogik? Es folgt, daß man keinen Sinn, daß man keine Empfindung mehr für das GeistigSeelische hat; denn in seiner eigentlichen Gestalt kann das GeistigSeelische doch nur im Übersinnlichen von uns gedacht werden. Man verliert die Empfindung für das Geistig-Seelische. Aber wenn man als Mensch einem Menschen gegenübertritt, so soll man ja, will man den ganzen Menschen kennen, auch das Geistig-Seelische im Menschen, auf ein Geistig-Seelisches losgehen! Man kann aber nicht das Geistig-Seelische in den physischen Menschen finden, wenn man sich nicht erst den Sinn für das Geistig-Seelische durch das Denken im Übersinnlichen erworben hat. Wer den Umgang mit den Göttern scheut, dem kommt abhanden der Umgang mit dem überphysischen Menschen, mit den Menschen, die hier auf der Erde leben. Denn wer keinen Sinn hat für den Umgang mit den Göttern, der wird bei den Menschen auf der Erde nur den physischen Leib sehen und nicht das Geistig-Seelische, das heißt, er wird zu keiner Entfaltung des wirklich geistig-seelischen Lebens kommen. Wir brauchen einfach den Umgang mit den Göttern, um den Umgang mit den Menschen in der rechten Weise vollenden zu können, und wir brauchen den Umgang mit den Göttern so, daß sich unser Geistig-Seelisches nach diesen Göttern hinwendet — nicht bloß unsere Gedanken, da werden wir pantheistisch oder so etwas —, sondern es muß sich unser ganzer Mensch hinwenden.
[ 19 ] One can either perceive, as is the case in anthroposophically oriented spiritual science, a supersensible world above our own. You know, we are not speaking—as those convoluted pantheists do—of a “spirituality” in general. We speak in exactly the same way that we speak here on Earth of an animal, a plant, or a mineral; as we rise from the human realm to a realm above the human, to a realm of angels, a realm of archangels—that is, to a realm of the Angeloi, the Archangeloi, and so on. We speak of very concrete spiritual beings; that is to say, we rise to the knowledge, to the insight into the essential nature of the spirit. One can either do this or one can refrain from doing so. But if one refrains, as has been done for centuries in Western culture, what follows from this in terms of real logic—not the logic of thought? It follows that one no longer has any sense of, or feeling for, the spiritual-soul aspect; for in its true form, the spiritual-soul aspect can only be conceived by us in the supersensible realm. One loses the sense of the spiritual-soul aspect. But when one person encounters another, if one wishes to know the whole person—including the spiritual-psychic aspect within that person—one must approach that spiritual-psychic aspect! Yet one cannot find the spiritual-psychic aspect in the physical human being unless one has first acquired a sense for the spiritual-psychic through thinking in the supersensible. Whoever shies away from communion with the gods loses the ability to relate to the supersensible human being—to the people living here on Earth. For whoever has no sense of communion with the gods will see only the physical body in the people on Earth and not the spiritual-soul aspect; that is to say, they will not be able to develop a truly spiritual-soul life. We simply need communion with the gods in order to be able to perfect our communion with human beings in the right way, and we need this communion with the gods in such a way that our spiritual and soul life turns toward these gods—not merely our thoughts, for then we would become pantheistic or something of the sort—but our whole being must turn toward them.
[ 20 ] Diese letztere Wahrheit, die hat in ihrer Art die katholische Kirche gut begriffen, denn was tut sie? Sie beschränkt sich nicht allein darauf, in dem Katechismus zu unterrichten, was man durch theologische abstrakte Begriffe den Menschen beibringen kann, sondern sie teilt das Altarsakrament aus als ein Sakrament, und sie bringt ihren Gläubigen getreulich bei, daß in dem Sanktissimum der wirkliche Christus enthalten ist, daß der Christus tatsächlich den Weg des sonst Verdaulichen geht, wenn das Altarsakrament genossen wird. Es sind unter Ihnen vielleicht allzuwenige von denen, die die ganze Bedeutung dessen, was ich jetzt sage, ermessen können, weil die wenigsten vielleicht wissen, in welcher Form das Altarsakrament an die Katholiken herankommt. Da lebt wirklich im Altarsakrament etwas von Urweltweisheit, von der Hingabe des ganzen Menschen an das Göttliche. Daher kann es auch kommen, daß ein solcher Hirtenbrief entsteht wie derjenige, der vor gar nicht so langer Zeit erlassen worden ist von einem Erzbischof und der die Ausführung enthält, daß der Priester mächtiger ist als der Gott, denn der Priester ist imstande, den Gott zu zwingen, im Altarsakrament, im Sanktissimum zu sein. Der Gott muß in die Hostie hinein, wenn der Priester es will; daher ist der Priester mächtiger als Gott. — So steht es in dem Hirtenbrief eines Erzbischofs, der vor wenigen Jahren erlassen wurde. Das ist eine katholische Gesinnung. Der Protestant oder der Evangelische findet sie ganz undiskutabel. Der indische Brahmane würde sie selbstverständlich gefunden haben von seinem Standpunkte aus. Da lebt tatsächlich im Katholizismus etwas fort, was zu den urältesten Bestandteilen der Urweltweisheit gehört und nur richtig verstanden werden muß, natürlich nicht aus weißer Magie in schwarze umgewandelt werden darf, wie es durch jenen Hirtenbrief geschehen ist. Aber es lebt in alledem, was da, ich möchte sagen, als die Aura des Altarsakraments im Katholizismus sich ausbildet, da lebt der Impuls: Du sollst nicht nur in deinem Denken, in deinem abstrakten Denken dich zu der Gottheit hinwenden, du sollst zum Beispiel dich auch hinwenden mit derjenigen Sehnsucht, die in deinem Hunger lebt. Du gehst zu dem Gotte nicht nur, indem du denkst, du gehst zu dem Gotte, indem du am Altar speisest, und der Gott, der in der Materie lebt, nimmt durch deinen Körper hindurch den Weg, den alles Verdauliche nimmt. Du vereinigst dich ganz materiell mit deinem Gotte! — In dem Verbreiten dieser Gesinnung lebt das Geheimnis einer ungeheuren Macht. Dieses Geheimnis einer ungeheuren Macht darf nicht übersehen werden, jetzt wenigstens nicht, wo die katholische Kirche vorhat, ihren Siegeszug durch das ganze Abendland und den amerikanischen Anhang zu lenken.
[ 20 ] The Catholic Church has, in its own way, understood this latter truth well, for what does it do? It does not limit itself merely to teaching in the catechism what can be conveyed to people through abstract theological concepts, but it administers the Eucharist as a sacrament, and it faithfully teaches its faithful that the true Christ is present in the Most Holy Sacrament, that Christ actually takes the path of digestion when the Eucharist is received. There are perhaps too few among you who can grasp the full significance of what I am now saying, because very few may know in what form the Eucharist is presented to Catholics. There truly lives in the Eucharist something of primordial wisdom, of the surrender of the whole person to the Divine. This may also explain why a pastoral letter such as the one issued not so long ago by an archbishop came into being—a letter stating that the priest is more powerful than God, for the priest is capable of compelling God to be present in the Eucharist, in the Most Holy Sacrament. God must enter the Host if the priest so wills; therefore, the priest is more powerful than God. — So it is written in the pastoral letter of an archbishop issued a few years ago. This is a Catholic mindset. Protestants or Evangelicals find it completely out of the question. An Indian Brahmin would, of course, have found it acceptable from his own standpoint. Indeed, something lives on in Catholicism that belongs to the most ancient elements of primordial wisdom and merely needs to be properly understood—and, of course, must not be transformed from white magic into black magic, as happened in that pastoral letter. But in all of this—in what, I might say, takes shape in Catholicism as the aura of the sacrament of the altar—there lives the impulse: You should not turn toward the Deity only in your thinking, in your abstract thinking; you should, for example, also turn toward the Deity with the very longing that lives within your hunger. You do not go to God merely by thinking; you go to God by partaking of the Eucharist at the altar, and God, who lives in matter, takes the path through your body that all digestible food takes. You unite with your God in a wholly material way! — In the spread of this mindset lies the secret of an immense power. This secret of an immense power must not be overlooked, at least not now, when the Catholic Church intends to steer its triumphal march through the entire Western world and its American offshoot.
[ 21 ] In einer der ersten Schriften, die von mir erschienen sind, in meinen «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» finden Sie die Erkenntnis geschildert, und an einer bestimmten Stelle der gleich darauf erschienenen Einleitung zum zweiten Bande der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes finden Sie für die Erkenntnis, also für dasjenige, was ein geistiger Vorgang ist, gebraucht das Wort «Kommunion»: Die Erkenntnis ist die geistige Kommunion der Menschheit. — Ich weiß nicht, wie viele die ganze kulturhistorische Bedeutung dieses Wortes, dieses Satzes in einer meiner allerersten Schriften verstanden haben. Denn in diesem Satze war gegeben die Hinlenkung der materialistischen Auffassung der Gottgemeinschaft zu einer spirituellen Auffassung der Gottgemeinschaft: die Umwandelung des Brotes in die Seelensubstanz des Erkennens.
[ 21 ] In one of the first works I published, my “Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung” (Outlines of an Epistemology of Goethe’s Worldview), you will find this insight described; and at a specific point in the introduction to the second volume of Goethe’s Scientific Writings, which appeared immediately afterward, you will find the word “communion” used to describe this insight—that is, that which is a spiritual process: Knowledge is the spiritual communion of humanity. — I do not know how many people understood the full cultural-historical significance of this word, of this sentence, in one of my very earliest writings. For in this sentence lay the shift from a materialistic conception of communion with God to a spiritual conception of communion with God: the transformation of bread into the soul substance of knowledge.
[ 22 ] Würde man den ganzen Zusammenhang desjenigen erkennen, was versucht worden ist, seit dieser kleinen Schrift «Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung» zu geben, mit dem, was dann in anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft eben in weiterem Ausbau gegeben worden ist, dann würde man ersehen, was von anthroposophischer Seite aus für notwendig gehalten werden muß, um dasjenige, was hineinströmen muß in das gegenwärtige soziale Leben zur Gesundung dieses gegenwärtigen sozialen Lebens, wirklich zu durchschauen. Aber dieser Ernst, der einen solchen Zusammenhang erkennt, der fehlt eben vielfach den schlafenden Seelen der Gegenwart und so beachtet man wenig, welche Paradoxien das Leben eigentlich heute bringt, und was diese Paradoxien des Lebens nötig machen.
[ 22 ] If one were to recognize the full context of what has been attempted since this short work “Fundamentals of a Theory of Knowledge Based on Goethe’s Worldview,” and what has since been further developed within anthroposophically oriented spiritual science, one would see what the anthroposophical perspective considers necessary in order to truly comprehend what must flow into present-day social life for the healing of that life. But this seriousness—which recognizes such a connection—is often lacking in the slumbering souls of the present; and so little attention is paid to the paradoxes that life actually brings today, and to what these paradoxes of life necessitate.
[ 23 ] Ich mußte gestern zu Ihnen von Lebensparadoxien aus den Charakteristiken unseres gegenwärtigen Zeitalters sprechen. Nun bitte ich Sie, machen Sie sich einmal bekannt mit Reden, die zum Beispiel von hervorragenden Bischöfen oder Erzbischöfen bei hervorragenden Gelegenheiten in der weiteren Gegenwart gehalten werden. Da finden Sie, wie zum Beispiel in den letzten Reden eines Erzbischofs von München-Freising, die nun wahrhaft sehr interessant zu lesen sind, dargestellt wird, wie die Arbeiter in der Gegenwart für den Katholizismus wiederum erobert werden sollen, die Gebildeten und die Arbeiter. Da finden Sie ein Sprechen aus einer allerdings in der Dekadenz, im Untergange befindlichen geistigen Substanz, aber eben doch aus einer geistigen Substanz heraus, und Sie müssen erst anknüpfen an etwas, was zunächst scheinbar abstrakt ist, wenn Sie darauf kommen wollen, was hier Wirklichkeit ist. Jener Erzbischof von München-Freising sagt zum Beispiel: Der Katholizismus muß wiederum die Arbeiter gewinnen. — Und er führt dann die verschiedenen Bedingungen an, unter denen der Katholizismus die Arbeiter gegenwärtig für die katholische Kirche gewinnen kann. Muß man nicht solchen Reden heute entgegenhalten: Ja, Ihr habt doch wahrhaftig, seit nach Eurer Ansicht begründet worden ist der Katholizismus durch das Pontifikat des Petrus in Rom, Zeit genug gehabt, die Arbeiter zu gewinnen! Wenn Ihr heute es nötig findet, von einem Wiedergewinnen der Arbeiter und der Gebildeten zu sprechen, so bezeugt es, daß Ihr sie mit dem, was Ihr seit Jahrhunderten vertretet, verloren habt. Wenn Ihr also dasselbe weiter vertreten wollt, könnt Ihr Euch dann irgendeiner anderen Anschauung hingeben als Euch zu sagen, daß Ihr dasselbe wiederum erreicht, was Ihr bisher erreicht habt, daß Ihr nämlich diejenigen verlieret, die Ihr Euch gewinnen wollt? — Gibt man denn nicht implicite zu, daß man unrichtig gehandelt hat, wenn man auf diese Weise heute von einer Wiedergewinnung sowohl der Ungebildeten wie der Gebildeten zu sprechen nötig findet?
[ 23 ] Yesterday I had to speak to you about the paradoxes of life as reflected in the characteristics of our present age. Now I ask you to familiarize yourselves with speeches delivered, for example, by distinguished bishops or archbishops on significant occasions in the near future. There you will find—as, for example, in the recent speeches by the Archbishop of Munich-Freising, which are truly very interesting to read—a description of how workers today, both the educated and the uneducated, are to be won back to Catholicism. There you will find a discourse stemming from a spiritual substance that is, admittedly, in a state of decadence and decline—but stemming nonetheless from a spiritual substance—and you must first take up a thread that initially seems abstract if you wish to grasp what is real here. That Archbishop of Munich-Freising says, for example: “Catholicism must win back the workers.” — And he then lists the various conditions under which Catholicism can currently win over the working class for the Catholic Church. Shouldn’t one counter such statements today by saying: “Yes, but you have truly had enough time to win over the working class ever since, in your view, Catholicism was founded through the pontificate of Peter in Rome!” If you find it necessary today to speak of “winning back” the working class and the educated, this proves that you have lost them through what you have been advocating for centuries. So if you wish to continue advocating the same thing, can you adopt any other view than to admit that you will once again achieve what you have achieved so far—namely, that you will lose those you wish to win over? — Isn’t it an implicit admission that one has acted incorrectly when one feels compelled today to speak in this way of “winning back” both the uneducated and the educated?
[ 24 ] Aber auf solche reale Widersprüche sieht eben die heutige Menschheit nicht hin. Das wäre gerade notwendig, daß man auf solche reale Widersprüche hinsähe. Daher ist es durchaus notwendig, daß solche Dinge tief eingesehen werden. Ja, der Mensch hat ein Geistig-Seelisches, aber wir leben in einer Zeit, in der er es verleugnen kann. Es ist nicht wahr, daß die materialistische Theorie, daß das Gehirn denkt, unrichtig ist. Nein, wenn der Mensch sein Geistig-Seelisches verleugnet, dann beginnt das Gehirn zu denken wie ein Automat. Und wenn der Mensch nicht will, daß sein Gehirn denkt, wenn er will, daß sein Geistig-Seelisches denkt, dann muß er sich an ein Geistig-Seelisches wenden, das dieses Denken losreißt von der Materie. Denn das Losreißen von der Materie, von dem wahren Materialismus, ist nicht bloß ein Annehmen einer anderen Weltanschauung, sondern ist etwas, was vom ganzen Menschen ergriffen werden muß, durch den ganzen Menschen losgerissen werden muß von dem bloßen materiellen Sein. Denn der Mensch wird nicht nur materialistisch, wenn er Geistiges verleugnet, sondern der Mensch wird materiell, wenn er das Geistige verleugnet. Er wird nur zum Bilde des Geistigen, er wird zum Materiellen, das einfach im Weltenall des Ahrimanischen sich auflösen kann und bloß in der ahrimanischen Welt, bloß als ein unselbständiges, unpersönliches Glied weiter fortzuwirken braucht, während er dazu berufen ist, wenn er in der richtigen Weise das Mysterium von Golgatha versteht, sein Ich zu bewahren und die Erdenzivilisation fortzusetzen.
[ 24 ] But humanity today simply does not pay attention to such real contradictions. It is precisely necessary to pay attention to such real contradictions. Therefore, it is absolutely necessary that such things be deeply understood. Yes, human beings have a spiritual-soul aspect, but we live in a time when they can deny it. It is not true that the materialistic theory—that the brain thinks—is incorrect. No, when a person denies their spiritual-psychic nature, the brain begins to think like an automaton. And if a person does not want their brain to think—if they want their spiritual-psychic nature to think—then they must turn to a spiritual-psychic reality that tears this thinking away from matter. For this detachment from matter—from true materialism—is not merely a matter of adopting a different worldview, but is something that must be embraced by the whole human being, something that must be torn away from mere material existence by the whole human being. For a person does not merely become materialistic when they deny the spiritual; rather, a person becomes material when they deny the spiritual. He becomes merely an image of the spiritual; he becomes the material that can simply dissolve into the Ahrimanic cosmos and need only continue to work in the Ahrimanic world as a dependent, impersonal link, whereas he is called—if he understands the Mystery of Golgotha in the right way—to preserve his “I” and to carry on earthly civilization.
