The Bridge Between the Spiritual and
Physical Realms of Human Beings
GA 202
26 December 1920, Dornach
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
The Bridge Between the Spiritual and Physical Realms of Human Beings, tr. SOL
Sechzehnter Vortrag
Sixteenth Lecture
[ 1 ] Wir wollen uns einmal einige von den Tatsachen in die Erinnerung zurückrufen, welche in diesen Tagen Gegenstand unserer Betrachtung waren. Ich habe auf die bedeutsame Tatsache hingewiesen, welche darinnen liegt, daß in der Erzählung des Mysteriums von Golgatha auftauchen auf der einen Seite die Hirten mit ihrer Verkündigung, also Menschen einfachen Gemütes, auf der anderen Seite die Magier aus dem Morgenlande, also nach der damaligen Zeitauffassung Menschen, die aufgestiegen sind zur höchsten Weisheit, die zu erlangen war. Aus den Sternen heraus und den Geheimnissen, die ihnen die Menschheit abgelauscht hatte, verkündigte sich das Mysterium für die Magier. Aus dem, was aus frommen Herzen in der damaligen Zeit noch als eine gewisse Art des Hellsehens auftauchen konnte, verkündigte sich dasselbe für die ungelehrten einfachen Hirten. Wir werden dabei — so führte ich aus — auf die letzten Reste alter Menschheitsanschauungen hingewiesen, welche in viel früheren Zeiten gewissermaßen die normalen Menschheitsanschauungen waren, die dazumal, als das Mysterium von Golgatha eintrat, in letzten Resten bei auserlesenen Menschen der einen Art, der Gelehrtenart, oder auch bei auserlesenen Menschen der ungelehrten Art noch aufgetreten sind. So daß man etwa sagen kann, in der Zeit, als bei einzelnen Menschen noch letzte Reste alter Menschheitsanschauung vorhanden waren, die gerade noch hinreichten, um das Übersinnliche des Ereignisses von Golgatha zu erfassen, da trat auch dieses Ereignis von Golgatha auf Erden ein.
[ 1 ] Let us recall some of the facts that have been the subject of our reflection these past few days. I have pointed out the significant fact that in the account of the Mystery of Golgotha, on the one hand, the shepherds appear with their proclamation—that is, people of simple hearts—and on the other hand, the Magi from the East—that is, according to the understanding of that time, people who had ascended to the highest wisdom that could be attained. For the Magi, the Mystery revealed itself through the stars and the secrets that humanity had gleaned from them. For the uneducated, simple shepherds, the same Mystery revealed itself through what, in those days, could still emerge from devout hearts as a certain kind of clairvoyance. In this, I explained, we are reminded of the last remnants of ancient views of humanity, which in much earlier times were, so to speak, the normal views of humanity—views that, at the time the Mystery of Golgotha took place, still appeared in their final vestiges among select individuals of one kind—the learned—or even among select individuals of the uneducated kind. So one might say, for example, that at the time when the last remnants of the ancient human worldview were still present in individual people—remnants that were just sufficient to grasp the supersensible nature of the event of Golgotha—it was then that this event of Golgotha also took place on Earth.
[ 2 ] Nun charakterisieren wir noch einmal, wie diese Erkenntnisarten bei den Menschen sind. Wir haben auf der einen Seite die Hirten. Sie erfahren durch innere naive, instinktive Schauungen dasjenige, was in der Menschenwelt geschieht. Solche innere Schauungen — darauf habe ich Sie aufmerksam gemacht — rühren davon her, daß die Kräfte des Erdenplaneten in den Menschen hereinwirken. Diese Kräfte des Erdenplaneten wirken ja nicht bloß in den niederen Reichen, sondern sie wirken auch im Menschen. Die neuere Menschheit, namentlich die Menschheit der Gegenwart, erlebt im Inneren nicht mehr Unmittelbares von diesen irdischen Kräften, die gewissermaßen aufsteigen aus dem Erdenplaneten und im Inneren des Menschen dann in Schauungen auftreten. Aber je weiter wir zurückgehen in der Entwickelung der Menschheit, desto mehr finden wir solche im Inneren des Menschen auftretende Schauungen, welche in ihrer ganzen Konfiguration, in ihrer besonderen Art und Weise verschieden sind je nach den verschiedenen Klimaten, nach den verschiedenen Erdenterritorien und so weiter. Was man dabei äußerlich entdecken kann, das ist allerdings vielfach trügerisch, denn die Menschen der älteren Zeiten waren auch nicht durchaus seßhaft. Was ihnen an inneren Erkenntnisfähigkeiten durch die Kräfte des Erdenplaneten zugekommen ist, das haben sie in irgendeinem Territorium der Erde entwickelt, sind dann durch Völkerund Stammeswanderungen nach anderen Territorien gezogen und haben dann das durch Vererbung weiter fortgepflanzt. So daß wir nicht immer sagen können, daß dasjenige, was da auftrat als innere Schauungen, unmittelbar zusammenhing mit dem Territorium, auf dem es gerade durch Menschen auftrat.
[ 2 ] Now let us once again describe how these types of insight manifest in human beings. On the one hand, we have the shepherds. Through inner, naive, instinctive visions, they perceive what is happening in the human world. Such inner visions—as I have pointed out to you—arise from the fact that the forces of the Earth planet work within human beings. These forces of the Earth planet do not act merely in the lower realms, but they also act within human beings. Modern humanity, particularly the people of the present day, no longer experiences these earthly forces directly within themselves—forces that, so to speak, rise up from the Earth and then manifest as visions within the human being. But the further back we go in the development of humanity, the more we find such visions arising within human beings, which differ in their entire configuration and in their particular nature depending on the various climates, the various regions of the Earth, and so on. What can be observed externally in this regard is, however, often deceptive, for the people of earlier times were not entirely sedentary either. The inner powers of perception they acquired through the forces of the Earth they developed in some region of the Earth; they then migrated to other regions through the movements of peoples and tribes, and subsequently passed these on through heredity. Thus, we cannot always say that what manifested as inner visions was directly connected to the territory in which it occurred through human beings at that time.
[ 3 ] Geradeso wie die Tierwelt eines bestimmten Erdenteiles eine ganz bestimmte Konfiguration hat — bei den Tieren drückt sich das mehr aus im äußerlichen Wachstum, in der äußerlichen Formung, in der Lebensweise —, so hatten die Menschen, als sie noch näherstanden den Kräften der Natur, einen Zusammenhang in bezug auf ihre innere Konfiguration mit dem, was innere Kräfte der Erde sind. Allerdings sind diese inneren Kräfte der Erde wiederum nicht ganz unabhängig von den Kräften des Universums. Der Mensch ist in seinem Leben zwischen Geburt und Tod diesen Erdenkräften hingegeben. Er ist ihnen hingegeben in bezug auf gewisse Glieder seiner menschlichen Wesenheit, in bezug auf den physischen Leib, in bezug auf den ätherischen Leib. Nicht in bezug auf den astralischen Leib und das Ich, aber in bezug auf den physischen Leib und den ätherischen Leib ist der Mensch durchaus den Kräften der Erde hingegeben. An das, was da unten im Erdenreich, möchte ich sagen, tätig ist, an das ist der Mensch mit seinem physischen Leib und mit seinem Ätherleib hingegeben. Und da in den älteren Zeiten die Menschheit viel abhängiger war vom physischen und Ätherleib, als sie es heute ist, so drückte sich auch das, was als Wirkungen der Erde in den Menschen tätig ist, mehr in dem Bewußtsein der Menschen aus, und das vermittelte für die Menschen namentlich ein gewisses instinktives Tätigsein des Gemütes mit Bezug auf die Erkenntnis der Menschenwelt selber, mit Bezug auf die Erkenntnis des Erdenplaneten, mit Bezug auf die Erkenntnis aber auch sogar der Tierwelt.
[ 3 ] Just as the animal world of a particular part of the Earth has a very specific configuration—in animals, this is expressed more in their external growth, external form, and way of life—so, when human beings were still closer to the forces of nature, they had a connection, in terms of their inner configuration, with what are the inner forces of the Earth. However, these inner forces of the Earth are, in turn, not entirely independent of the forces of the universe. In the course of their life between birth and death, human beings are subject to these earthly forces. They are subject to them in regard to certain aspects of their human being—in regard to the physical body and the etheric body. Not in regard to the astral body and the “I,” but in regard to the physical body and the etheric body, human beings are entirely subject to the forces of the Earth. Human beings, with their physical bodies and their etheric bodies, are subject to what is at work down there in the earthly realm, so to speak. And since in earlier times humanity was much more dependent on the physical and etheric bodies than it is today, the effects of the Earth at work within human beings were also expressed more strongly in human consciousness, and this imparted to people, in particular, a certain instinctive activity of the soul in relation to the knowledge of the human world itself, in relation to the knowledge of the Earth as a planet, and in relation to the knowledge of even the animal world.
[ 4 ] Man lernte in alten Zeiten die Tierwelt kennen, indem man von jeder Tierart ein bestimmtes Bild, eine bestimmte Imagination hatte. Wir haben zurückbehalten von dieser Imagination, welche die Alten von den Tierarten hatten, nur den abstrakten Artenbegriff. Wir reden von der Art oder der Gattung von Wölfen, Tigern und Katzen und so weiter. Das sind die letzten abstrakten Überreste dessen, was in alten Zeiten als lebendige Bilder vorhanden war, was in Anschauung, in instinktiver Anschauung vorhanden war. Ebenso hatte der Mensch im Verhältnis zu den anderen Menschen in älteren Zeiten nicht jenes abstrakte Gefühl, das wir heute haben gegenüber unseren Nebenmenschen, an denen wir ja fast vorbeigehen, ohne sie wirklich kennenzulernen; sondern durch das, was in der geschilderten Weise im Inneren der Menschen an Kräften lebte, bekam der Mensch, wenn er dem Menschen begegnete, ein allerdings durch das gemeinsame Karma, durch das gemeinsame Schicksal bestimmtes, aber eben doch ein bestimmtes Bild, eine Anschauung von seinem Nebenmenschen, die sehr konkret als naive Imagination auftrat.
[ 4 ] In ancient times, people came to know the animal world by having a specific image, a specific conception, of each animal species. All that remains of this conception that the ancients had of animal species is the abstract concept of “species.” We speak of the species or genus of wolves, tigers, and cats, and so on. These are the last abstract remnants of what existed in ancient times as living images—what existed in perception, in instinctive perception. Similarly, in earlier times, people did not have toward one another the abstract feeling we have today toward our fellow human beings, whom we almost pass by without really getting to know them; but through the forces that lived within people in the manner described, when a person encountered another, they received—admittedly determined by shared karma, by a shared destiny, but nonetheless a definite image—a perception of their fellow human being that manifested very concretely as naive imagination.
[ 5 ] Ebenso lebte in dieser Urmenschheit vielfach etwas, was den ganzen Erdenplaneten oder, wenigstens für viele Völker, die Territorien, auf denen sie lebten, anging. Das war ein innerliches Anschauen gegenüber dem Erdenplaneten, selbst gegenüber den Vorgängen in der Menschenwelt, die sich im sozialen Leben auslebten, und auch gegenüber den Vorgängen in der Tierwelt. Aus diesem innerlichen Anschauen hat sich dann unser gewöhnliches Sinnesanschauen entwickelt. Man könnte sagen, was den ganzen Menschen innerlich erfüllt hat, das innerliche Wahrnehmen, Schauungen bilden, das hat sich bei den Menschen ganz nach der Oberfläche der Sinne hin geschlagen in der neueren Zeit, und das ist unser Anschauen geworden, wie wir es heute namentlich im naturwissenschaftlichen Anschauen anbeten, wo wir nur gelten lassen wollen all das, was der Verstand aus den Anschauungen der Sinne kombiniert. Dieses sinnliche Anschauen, dieses Anschauen, mit dem wir heute den Sinnesteppich überblicken, ist der Abkömmling dessen, was uns entgegentritt, wenn wir in Wirklichkeit, nicht mit den Phantasmen der heutigen Psychologie oder Anthropologie, die alten Zeiten der Menschheitsentwickelung studieren. Was uns entgegentrat in alten Zeiten als innerliches Schauen, das ist heute zunächst unser äußerliches Schauen geworden.
[ 5 ] Likewise, within this primordial humanity, there was often a sense of something that concerned the entire Earth or, at least for many peoples, the territories in which they lived. This was an inner contemplation of the Earth itself, of the events in the human world as they played out in social life, and also of the events in the animal world. Our ordinary sensory perception then developed out of this inner contemplation. One could say that what once filled the whole human being inwardly—inner perception and vision—has, in more recent times, shifted entirely toward the surface of the senses, and this has become our perception, as we revere it today, particularly in scientific observation, where we are willing to accept only what the intellect combines from sensory perceptions. This sensory perception—the perception with which we survey the tapestry of the senses today—is the descendant of what confronts us when we study the ancient times of human development in reality, not through the phantasms of modern psychology or anthropology. What confronted us in ancient times as inner vision has today, for the time being, become our outer vision.


[ 6 ] Das andere, was uns nun charakterisiert wird durch das Wissen der Magier aus dem Morgenlande, das ist abstrakt geworden. Es ist das, was nun den entgegengeserzten Weg genommen hat. Während das innerliche Schauen sich an die Oberfläche geschlagen hat und Sinnesanschauung geworden ist, hat das äußerliche Anschauen, das sich ausdrückte in dem imaginativen, instinktiv-imaginativen Wissen von der Sternenwelt und ihren Geheimnissen — was ausgedrückt wurde in der alten Art der Astronomie, die allerdings auch mit Zahlen rechnete, die mit Figuren geometrisierte, um diesen platonischen Ausdruck zu gebrauchen —, hat diese Anschauung, die gewissermaßen eine lebendige Mathematik im Weltenall verwirklicht sah, in dem jeder Stern zu gleicher Zeit Geistig-Wesenhaftes war, den entgegengesetzten Weg genommen (siehe Zeichnung). Die andere Anschauung ging an die Sinnesoberfläche, wurde das, was wir heute unsere äußere Anschauung, unsere Empirie nennen. Dasjenige aber, was äußere Anschauung war, ging in das Innere des Menschen und wurde die abstrakte Mathematik, die abstrakte Mechanik oder Phoronomie, alles das, was als mathematisch-mechanisches Wissen aus unserem Inneren aufsteigt.
[ 6 ] The other aspect that now characterizes us is the knowledge of the magicians of the East, which has become abstract. It is that which has now taken the opposite path. While inner vision has come to the surface and become sensory perception, outer vision—which expressed itself in the imaginative, instinctive-imaginative knowledge of the starry world and its mysteries — as expressed in the ancient form of astronomy, which, admittedly, also calculated with numbers and geometrized with figures, to use this Platonic term — this perception, which, in a sense, saw living mathematics realized in the cosmos, where every star was at the same time a spiritual being, has taken the opposite path (see drawing). The other view turned to the surface of the senses, becoming what we today call our external perception, our empiricism. But that which was external perception entered the inner being of the human being and became abstract mathematics, abstract mechanics, or phoronomy—all that which rises from within us as mathematical-mechanical knowledge.
[ 7 ] So haben wir allerdings in dem, was heute an den Menschen auf der einen Seite als Sinnesanschauung, auf der anderen Seite als mathematisch-mechanische Konstruktion der Welt herantritt, die Erbschaften, die abstrakten Erbschaften der alten, instinktiven Schauungen der Menschheit. Es sind namentlich, wenn das auch der äußeren Anthropologie so unzugänglich ist, im wesentlichen seit dem Eintritt des Mysteriums von Golgatha die letzten Reste alter Anschauungen dahingeschwunden. Bei der Mehrzahl der Erdenbevölkerung waren sie schon viel früher verschwunden, denn wir müssen in sehr, sehr frühe Jahrtausende zurückgehen, in die Jahrtausende, ehe von dem Hochland von Turan ausgegangen ist, was dann ägyptisch-chaldäische, griechische Kultur und so weiter geworden ist, wenn wir diese uralten Anschauungsweisen der Menschheit wirklich kennenlernen wollen. Aber die letzten Reste treten uns noch in der christlichen Tradition durch die Anschauung der Hirten entgegen, die ein wichtiges Menschheitsereignis kennenlernen durch instinktives imaginatives Hellsehen, und durch die Anschauung der Magier aus dem Morgenlande, die aus der Sternenweisheit heraus dasselbe sehen.
[ 7 ] Thus, in what approaches human beings today—on the one hand as sensory perception and, on the other, as a mathematical-mechanical construction of the world—we find the legacies, the abstract legacies of humanity’s ancient, instinctive visions. Specifically—even if this remains inaccessible to external anthropology—the last remnants of these ancient views have essentially faded away since the advent of the Mystery of Golgotha. For the majority of the Earth’s population, they had already disappeared much earlier; for if we truly wish to understand these ancient ways of perceiving the world, we must go back to very, very early millennia—to the millennia before what later became Egyptian-Chaldean, Greek culture, and so on spread out from the Turan highlands. But the last remnants still meet us in the Christian tradition through the vision of the shepherds, who come to know an important event in human history through instinctive, imaginative clairvoyance, and through the vision of the Magi from the East, who see the same thing through their knowledge of the stars.
[ 8 ] Diese uralten Anschauungsweisen werden uns ja in ihren letzten Resten als ein deutliches Merkzeichen innerhalb der Menschheitsentwickelung vermittelt. Seit dem Mysterium von Golgatha hat sich dann immer mehr und mehr die neuere Anschauungsweise ausgebreitet, die sich übrigens schon im Griechentum vorbereitete, denn die Dinge gehen nicht schroff ineinander, sondern bereiten sich vor und glimmen ab. Es hat sich vorbereitet im Griechentum dasjenige, was im Grunde genommen intensiv erst in der allerneuesten Zeit geworden ist, was insbesondere sich in der Menschheitsentwickelung seit der Mitte des 15. Jahrhunderts zeigte und was seinen Höhepunkt dann erst im 19. Jahrhundert erlangt hat, deutlich aber schon im 18. Jahrhundert geworden ist, namentlich im europäischen Westen. Es besteht darin, daß die alte geistdurchsetzte Anschauung der Himmelsweiten zur abstrakten Mathematik und Mechanik geworden ist; so daß wir den Himmel im galileisch-keplerschen Sinne überschauen, wie wenn er begreiflich wäre als ein bloßer Gegenstand der Mathematik und Mechanik, und daß wir dasjenige, was wir Wahrnehmungen nennen, beschränken müssen auf das, was uns nur die Sinne vermitteln, daß untätig geworden ist die Wahrnehmungskraft des ganzen Menschen, die instinktiv in Urzeiten vorhanden war.
[ 8 ] These ancient worldviews are, after all, conveyed to us in their last remnants as a clear hallmark within the development of humanity. Since the Mystery of Golgotha, the newer way of thinking has spread more and more; incidentally, this had already been foreshadowed in Greek culture, for things do not transition abruptly, but rather build up and then fade away. What was prepared in Greek civilization is something that, in essence, has only become truly intense in the very recent past—something that has been particularly evident in human development since the mid-15th century and that did not reach its peak until the 19th century, though it had already become clear in the 18th century, particularly in Western Europe. It consists in the fact that the ancient, spirit-imbued view of the vastness of the heavens has become abstract mathematics and mechanics; so that we view the heavens in the Galilean-Keplerian sense, as if they could be comprehended as mere objects of mathematics and mechanics, and that we must limit what we call perceptions to what our senses alone convey to us, so that the perceptual power of the whole human being—which was instinctively present in primeval times—has become dormant.
[ 9 ] Wir haben es ja oftmals gesagt, daß die Menschheit wiederum zurückkehren muß dazu, Schauungen zu entwickeln. Was als Mathematik, als Mechanik im Inneren aufsteigt, das muß wiederum zur Imagination entfaltet werden. Was von außen sich nur auf den Sinnesteppich anwenden läßt, sonst ins Spekulieren kommt und allerlei mechanische Theorien über die Sinnesvorgänge entwickelt, von allerlei Wellenschwingungen oder dergleichen redet, das muß wiederum unterworfen werden den Schauungen der Inspiration. Dadurch wird die Menschheit. wieder die Anknüpfung finden an ihren eigentlichen Ursprung, an das Geistige, das ja des Menschen ureigenstes Wesen ist. Also als letzte Reste haben wir erhalten aus diesen alten Zeiten die mathematische Anschauung und das, was äußere Sinnesanschauung ist. Und was ist damit heraufgekommen in der Menschheitsentwickelung?
[ 9 ] We have often said that humanity must return to developing visions. What arises within as mathematics or mechanics must be unfolded once again into imagination. That which, coming from the outside, can only be applied to the sensory realm—otherwise it descends into speculation and develops all manner of mechanical theories about sensory processes, speaking of all sorts of wave oscillations or the like—must once again be subjected to the visions of inspiration. Through this, humanity will once again find a connection to its true origin—to the spiritual, which is, after all, the very essence of the human being. Thus, as the last remnants from those ancient times, we have preserved mathematical intuition and what constitutes external sensory perception. And what has emerged from this in the course of human development?
[ 10 ] Sehen wir uns einmal das 18. Jahrhundert an. Gehen wir zurück bis zu dem englischen Philosophen Locke, der einen so großen Einfluß auf die Entwickelung der Wissenschaften genommen hat. Da finden wir zunächst hingewiesen durch Locke als auf die einzig mögliche Erkenntnis auf diejenige, die zunächst durch die Sinne vermittelt ist. Nur Sinnesanschauung durfte mathematisch kombiniert werden, weil man eben — besonders im Westen, der Osten hat sich immer dagegen gestemmt — nur erhalten hat die äußere Sinnesanschauung, und die innere Anschauung bloß eine abstrakt-mathematische geworden ist.
[ 10 ] Let’s take a look at the 18th century. Let’s go back to the English philosopher Locke, who had such a profound influence on the development of the sciences. There we find that Locke initially pointed to knowledge mediated through the senses as the only possible form of knowledge. Only sensory perception was permitted to be combined mathematically, because—especially in the West (the East has always resisted this)—only external sensory perception was retained, while internal perception became merely abstract and mathematical.
[ 11 ] In Frankreich zeigte sich im 18. Jahrhundert, daß man versuchte, den Menschen zu begreifen, Antwort zu geben auf die Frage: Was ist der Mensch eigentlich? — Man wollte den Menschen erkennen durch das, was der Mensch nun selber an Erkenntniskraft aufbringen kann. Und es entstand ein solches Werk wie: «Der Mensch eine Maschine» von de LaMettrie. Das ist nicht entstanden aus dem bloßen Einfall eines Menschen heraus, sondern das ist entstanden aus einer welthistorischen Notwendigkeit der Menschheitsentwickelung. Das Entsprechende in uralten Zeiten wäre gewesen, daß aus all der Wissenschaft, die die alte Astronomie hat gewinnen können über die Himmelserscheinungen, man den Menschen aus dem ganzen Makrokosmos heraus begriffen hätte; daß man gewissermaßen mit der qualitativen Mathematik, die aber nichts anderes ist als die alte Astronomie, oder sagen Sie meinetwillen Astrologie, daß man aus diesem heraus den Menschen begriffen hätte. Da wäre der Mensch konkret begriffen worden, wenn auch nicht mit unserem bewußten Erkenntnisvermögen, so doch mit dem instinktiven Erkenntnisvermögen der Alten.
[ 11 ] In 18th-century France, attempts were made to understand human beings and to answer the question: What is a human being, really? — The aim was to understand human beings through the powers of cognition that human beings themselves are capable of mustering. And this gave rise to works such as Man a Machine by de La Mettrie. This did not arise from the mere whim of a single individual, but rather from a world-historical necessity in the development of humanity. The equivalent in ancient times would have been to understand human beings within the context of the entire macrocosm, based on all the scientific knowledge that ancient astronomy had been able to gain about celestial phenomena; that is, to understand human beings, so to speak, through qualitative mathematics—which is nothing other than ancient astronomy, or, if you will, astrology. Human beings would have been understood concretely in that way—if not through our conscious cognitive faculties, then at least through the instinctive cognitive faculties of the ancients.
[ 12 ] Was bleibt von dem zurück? Im Weltenall dachte man sich nur rein abstrakt ausgebreitet mathematische Linien, Kräfte, wie man sie innerlich abstrakt fassen kann. Man wollte sich den Menschen vorstellen als Maschine. Ein geistvolles Werk, das im Grunde genommen den Menschen nur nach den mathematisch-mechanischen Kräften vorstellen will, das hat dann weiter gespukt im 19. Jahrhundert, das hat alle wissenschaftlichen Anschauungen überschwemmt. Man hat sich höchstens theoretisch dagegen aufgelehnt. Man hat gesagt: Ja, das kann nicht so sein, da muß noch irgend etwas anderes im Menschen wirksam sein. — Aber man hat nichts anderes angewendet, wenn man auch theoretisch-philosophisch zugab, daß das nicht so sein kann, wie es in dem Werk «Der Mensch eine Maschine» dargestellt wird. Man hat doch keine anderen Kräfte angewendet zum Begreifen des Menschen als diejenigen, die man im Grunde auch bei der Maschine anwendet. Die Menschen mußten einmal durchgehen durch die Entwickelung des Geistes, der zwar im abstraktesten Sinne Geist ist, der aber, weil er eben nur im abstrakten Sinne Geist ist, nur das MechanischMineralische begreifen kann. Nur dadurch ist dem Menschen das Bewußtsein der Freiheit gekommen. Möge noch so tumultuarisch im 18. Jahrhundert der Freiheitsdrang im Westen Europas erschienen sein, es gibt einen inneren Zusammenhang zwischen jener armseligen Erkenntnis vom Menschen, die sich ausdrückt in «Der Mensch eine Maschine», und dem Drang nach menschlicher Freiheit, wie er sich ausdrückt in der Französischen Revolution. Auf der einen Seite ist die ärgste Dekadenz des Erkennens aus inneren Kräften, auf der anderen Seite das intensive Fordern der Menschenwürde in der Freiheit.
[ 12 ] What remains of this? In the universe, people imagined only purely abstract, spatially extended mathematical lines and forces—as one might conceive them internally in the abstract. People wanted to imagine human beings as machines. A clever concept that, at its core, sought to conceive of human beings solely in terms of mathematical-mechanical forces—this idea continued to haunt the 19th century, overwhelming all scientific perspectives. People rebelled against it, if at all, only in theory. People said: Yes, that cannot be the case; there must be something else at work within human beings. — But no other approach was adopted, even though one admitted, on a theoretical-philosophical level, that things could not be as depicted in the work Man as a Machine. After all, no forces other than those essentially applied to machines were employed to understand human beings. Humanity had to pass through the development of the spirit—which is indeed spirit in the most abstract sense, but which, precisely because it is spirit only in the abstract sense, can comprehend only the mechanical-mineral. It is only through this process that the awareness of freedom came to humanity. No matter how tumultuous the drive for freedom may have appeared in 18th-century Western Europe, there is an inner connection between that pitiful conception of humanity expressed in “Man is a Machine” and the drive for human freedom as expressed in the French Revolution. On the one hand, there is the worst decadence of cognition arising from inner forces; on the other, the intense demand for human dignity in freedom.
[ 13 ] Das andere, die Anschauung, die der Mensch im Inneren gehegt hat, sie wurde bis in die Sinne hinein getrieben und verblaßte bis zum äußeren Sinnesanschauen. Nichts mehr wurde ihr von dem, was den Menschen zum Menschen in der Anschauung führt; da blieb nur das Gefühl zurück als sozialer Motor. Und im 19. Jahrhundert, da traten dann namentlich in Mitteleuropa, im Westen auch schon im 18. Jahrhundert, diejenigen Persönlichkeiten auf — im Westen Dapuis, in Mitteleuropa dann solche Geister wie Ludwig Feuerbach und andere —, welche in der eigentümlichen Art, wie alles derartige in Mitteleuropa dann erfaßt wurde, sich erinnerten, daß die Menschheit im Laufe ihrer Entwickelung im Hinaussehen in den Makrokosmos Geistiges geschaut hat, Götter oder zuletzt Gott geschaut hat. Aber da trat der starke Instinkt davon auf: Wenn ich in die Außenwelt hinausschaue, da habe ich ja nur den Sinnesteppich, da habe ich nur das, was der sinnlichen Wahrnehmung gegeben ist. Was da überliefert wird, was man einstmals aus den Sternen leuchten gesehen hat, die ja auch Sinnendinge zunächst sind, dasjenige, was gegeben worden ist als geistiger Inhalt der mineralischen, der pflanzlichen Welt, das — so sagte man sich — haben die Menschen hineingedichtet, das ist alles Anthropomorphismus, das haben aus ihrer Phantasie heraus die Menschen in die Außenwelt hineinverlegt. Nicht die Götter haben die Menschen geschaffen, die Menschen haben aus ihrem Seelenwesen heraus die Götter geschaffen. Dupuis zuerst, dann solche Leute wie Ludwig Feuerbach in der Mitte des 19. Jahrhunderts, haben das vor die Menschen hingestellt.
[ 13 ] The other—the inner vision that human beings had cherished—was driven into the senses and faded into mere external sensory perception. Nothing remained of what leads human beings to become human in their conception; only feeling remained as a social driving force. And in the 19th century—and in Central Europe in particular, though in the West as early as the 18th century—certain figures emerged—in the West, Dapuis, and in Central Europe, minds such as Ludwig Feuerbach and others—who, in the peculiar way in which such matters were then grasped in Central Europe, recalled that humanity, in the course of its development, had beheld the spiritual—gods or, ultimately, God—when looking out into the macrocosm. But then a strong instinct arose: When I look out into the external world, I have only the tapestry of the senses; I have only what is given to sensory perception. What has been handed down—what was once seen shining from the stars, which are, after all, primarily sensory phenomena—and what has been presented as the spiritual content of the mineral and plant worlds—that, people told themselves, was something humans had imagined; it is all anthropomorphism; humans have projected these ideas from their own imagination onto the external world. It was not the gods who created human beings; rather, human beings created the gods out of their own soul nature. First Dupuis, then people like Ludwig Feuerbach in the mid-19th century, presented this view to the public.
[ 14 ] Auf der anderen Seite haben dann wiederum solche Geister wie Darwin und diejenigen, die in ähnlicher Weise gesinnt waren, stark geltend gemacht, daß der Mensch eben als Anschauung nur die äußere Sinnesanschauung hat. Sie haben Lehren begründet, in denen nur diese äußere Sinnesanschauung leben sollte. Und da zeigte sich: der Mensch kann nicht durch diese Lehren begriffen werden. In einer grandiosen Ideenkonstruktion ist eine Entwickelungstheorie von den einfachsten Organismen bis herauf zu den komplizierten gegeben worden, und der Mensch ist an die Spitze der Tierwelt gestellt worden. Was begriff man vom Menschen? Man begriff vom Menschen dasjenige, was man äußerlich anschauen konnte durch bloße Sinneswahrnehmung.
[ 14 ] On the other hand, thinkers such as Darwin and those of a similar mindset strongly argued that human beings have, as a form of perception, only external sensory perception. They established doctrines in which only this external sensory perception was to play a role. And it became apparent that human beings cannot be understood through these doctrines. In a grandiose conceptual framework, a theory of evolution was presented, ranging from the simplest organisms all the way up to the most complex, and human beings were placed at the pinnacle of the animal kingdom. What did people understand about human beings? They understood about human beings only what could be observed externally through mere sensory perception.
[ 15 ] Hatte man in Frankreich im 18. Jahrhundert ausgedacht, daß der Mensch eine Maschine sei, so schaute man jetzt im 19. Jahrhundert den Menschen nur von außen an, und man drang eben nicht vor in das Innere des Menschen. Nur die Menschenhülle bot sich dar. Diese Menschenhülle aber steht an der Spitze des Tierreiches. Was diese Menschenhülle umschließt, das steht aber gar nicht an der Spitze des Tierreiches, sondern rührt aus ganz anderen Welten her, in die man keinen Einblick mehr hatte, weil nur die sinnliche Anschauung vorhanden war, zu der sich das alte Hellsehen entwickelt hatte, weil nur vorhanden war die Mathematik und Mechanik, zu der sich die alte Astronomie, die eine lebendige Geistwissenschaft war, entwickelt hatte. So konnte man durch die innere Wissenschaft den Menschen nur als Maschine konstruieren, so konnte man durch die äußere Wissenschaft den Menschen überhaupt nicht konstruieren, sondern nur seine Hülle, Der Mensch kam allmählich abhanden. Und heute hat man ja im Grunde auch kein Bewußtsein davon, wie weit man den Menschen gerade in der Erkenntnis verloren hat. Man anatomisiert die Tiere, man betreibt Physiologie der Tiere und überträgt dann das mit einigen Modifikationen auf den Menschen. Aber eine wirkliche Menschenerkenntnis hat das heutige Streben nicht. Der Mensch kann heute aus dem, was er gerade als höchste Autorität anerkennt, aus der Wissenschaft, kein Bewußtsein vom Menschen gewinnen. Unserem wissenschaftlichen Gesinntsein ist vorangegangen der Mensch als Maschine, ist vorangegangen das Begreifen der sinnlichen Außenwelt, innerhalb welcher der Mensch nicht gefunden werden kann.
[ 15 ] While in 18th-century France it had been conceived that human beings were machines, in the 19th century people now viewed human beings only from the outside and did not penetrate into the inner being of the human being. Only the human shell presented itself. This human shell, however, stands at the pinnacle of the animal kingdom. What this human shell encloses, however, does not stand at the pinnacle of the animal kingdom at all, but originates from entirely different worlds into which one no longer had any insight, because only sensory perception remained—into which the old clairvoyance had developed—and because only mathematics and mechanics remained—into which the old astronomy, which had been a living spiritual science, had developed. Thus, through inner science, one could construct the human being only as a machine; through outer science, one could not construct the human being at all, but only his shell. The human being gradually fell by the wayside. And today, fundamentally, people have no awareness of just how far they have lost sight of the human being in their understanding. We dissect animals, we study animal physiology, and then apply that to human beings with a few modifications. But today’s endeavors lack a true understanding of the human being. Today, humanity cannot gain any awareness of the human being from what it currently recognizes as the highest authority—science. Our scientific mindset was preceded by the view of the human being as a machine, and by an understanding of the sensory external world within which the human being cannot be found.
[ 16 ] In einem der neueren Bücher — seitdem ist ja auch schon wieder ein neues erschienen; es wachsen sich zuletzt die Broschüren, welche die Anthroposophie heute widerlegen sollen, zu ganzen Büchern aus —, in dem vorletzten größeren Buch gegen die Anthroposophie finden wir, wie manches in der Anthroposophie erinnern soll an alte Mythologien. Ja, eigentlich liegt einem solchen Tun nur das zugrunde, daß der Betreffende eben so gar nicht die Anthroposophie versteht. Der Verfasser dieser Schrift ist ein Lizentiat der Theologie, ein sehr gelehrter Herr. Gelehrte Herren sind sie ja alle, das kann man immer als Refrain sagen, wenn man sich an die berühmte Rede in Shakespeares « Julius Cäsar» erinnert: Ehrenwerte Männer sind sie alle. — Gelehrte Herren sind sie ja alle, und dieser findet eben, weil er Anthroposophie so gar nicht versteht, etwas Übereinstimmendes mit alten Mythologien.
[ 16 ] In one of the more recent books—and since then, of course, another new one has already been published; the pamphlets intended to refute anthroposophy these days have recently grown into full-fledged books—in the penultimate major book against anthroposophy, we find that many aspects of anthroposophy are said to be reminiscent of ancient mythologies. Indeed, the only thing underlying such an approach is that the person in question simply does not understand anthroposophy at all. The author of this work holds a licentiate in theology; he is a very learned gentleman. They are all learned gentlemen, of course—one can always say that as a refrain when recalling the famous speech in Shakespeare’s Julius Caesar: “They are all honorable men.” — They are all learned gentlemen, and this one, precisely because he does not understand anthroposophy at all, finds something in common with ancient mythologies.
[ 17 ] Wir wissen, daß es sich bei Anthroposophie um ein vollbewußtes Erfassen der Welt handelt, um ein Erfassen der Welt, das mit solchem Bewußtsein geschieht, wie sonst nur in der Mathematik die Wirklichkeiten innerlich durchschaut werden, also daß es sich wahrhaftig nicht um mythologische Dichtungen handelt. Aber dennoch werden wir manchmal, indem unser Inneres in tiefer Weise erregt wird, gerade durch Anthroposophie aufmerksam gemacht auf das Sinnvolle alter Mythologien, alter mythologischer Anschauungen. Diese alten Mythologien sind durchaus nicht in dem Sinne Dichtung, wie heute etwas Dichtung ist, sondern sie sind aus den naiven Imaginationen, die aber einem gewissen Weltinhalte entsprechen, hervorgegangen. Nur gaben sie eben das, was dieser Weltinhalt in sich hatte, bildhaft. Und wenn man das tief Bedeutsame dieser Bilder auf sich wirken läßt, dann zeigt sich manchmal etwas ganz Wunderbares an Erkenntnissicherheit in diesen alten Bildern, und ich möchte heute gerade erinnern an ein altes indisches Gedicht, das an den Gott Varuna gerichtet ist, und das ich etwa in der folgenden Weise Ihnen geben möchte:
[ 17 ] We know that anthroposophy is a fully conscious understanding of the world—an understanding that takes place with the kind of consciousness through which realities are otherwise only internally penetrated in mathematics—and thus that it is truly not a matter of mythological fiction. And yet, at times, when our inner being is deeply stirred, it is precisely through anthroposophy that we are made aware of the profound meaning of ancient mythologies and mythological conceptions. These ancient mythologies are by no means fiction in the sense that fiction is understood today; rather, they arose from naive imaginings that nevertheless correspond to a certain content of the world. They simply conveyed, in pictorial form, what this worldview contained within itself. And when one allows the profound significance of these images to sink in, something truly wonderful—a certainty of knowledge—sometimes reveals itself in these ancient images. Today I would like to recall an ancient Indian poem addressed to the god Varuna, which I would like to share with you in roughly the following manner:
Varuna ist der Kraftende in allen Wesen.
Varuna ist es, der in den Wäldern die Luft ausgebreitet hat.
Varuna ist es, der in den schnellfüßigen Tieren die Schnelligkeit bewirkt.
Varuna ist es, der in den milchtragenden Kühen die Milch bewirkt.
Varuna ist es, der in dem menschlichen Herzen den Willen erregt.
Varuna ist es, der in den Wolkenwassern die Blitzesstrahlen erregt.
Varuna ist es, der am Himmelsgewölbe das Licht der Sonne scheinen läßt.
Varuna ist es, der auf dem Berg den Somatrank erzeugt.
Varuna is the source of power in all beings.
It is Varuna who has spread the air throughout the forests.
It is Varuna who bestows speed upon swift-footed animals.
It is Varuna who bestows milk upon the milk-bearing cows.
It is Varuna who stirs the will in the human heart.
It is Varuna who stirs the flashes of lightning in the waters of the clouds.
It is Varuna who causes the light of the sun to shine in the vault of heaven.
It is Varuna who produces the Soma drink on the mountain.
[ 18 ] Wir finden in einer wunderbaren Weise in dieser Ansprache an Varuna dasjenige, was ich Ihnen gestern ausgeführt habe. Fassen wir zuerst, was sich aus den inneren Kräften der Erde in den Menschen hereinbegibt in seinen physischen und in seinen Ätherleib — so daß dann nur der Astralleib und das Ich in sein Bewußtsein heraufkommen können und es verändern —, fassen wir also auf, daß da die Erdenkräfte in das Bewußtsein hereinspielen und dasjenige bewirken, was im Inneren dann Schaukräfte wurden in alten Zeiten, was überhaupt das Innere des Menschen und der Erde belebte, so finden wir das Sinnvolle, indem zuerst hingedeutet wird, wie es Varuna, der Gott der Verwandlungen, ist, der den Wind, die Luft durch die Wälder, das heißt durch die wälderbedeckte Erde, streifen läßt, wie diese selbe kraftende Wesenheit, indem sie von der Erde aus durch die Tiere wirkt, die Geschwindigkeit in den Pferden bewirkt, wie sie bewirkt die Lebenssubstanz in den Wesen, die Milch geben, wie sie aber in dem Herzen des Menschen die Willensimpulse bewirkt, aus denen gerade dasjenige kam, was eben altes innerliches Hellsehen war. Wir haben, ich möchte sagen, in diesem Hindeuten etwas, was uns die Anschauungsweise der Hirten auf dem Felde verständlich macht. Und in dem, was nun kommt, haben wir das, was uns verständlich macht die besondere Anschauungsweise der Magier aus dem Morgenlande. Denn Varuna ist es, der in den Wolkenwassern das Blitzesfeuer erregen läßt — man sieht hinaus in den Makrokosmos und findet da draußen die Kräfte, die auf die Magierweise erkannt werden —, der am Himmel das Licht der Sonne erscheinen läßt, und der auf dem Berge den Somatrank erzeugt, das, was im Menschen so wirkt, daß er überschauen kann die Welt.
[ 18 ] In this address to Varuna, we find, in a wonderful way, what I explained to you yesterday. Let us first summarize what flows from the inner forces of the Earth into the human being—into his physical and etheric bodies—so that then only the astral body and the “I” can rise into his consciousness and transform it— let us thus grasp that the Earth’s forces play into consciousness and bring about what in ancient times became the forces of manifestation within, what animated the inner being of both humanity and the Earth—then we find the meaning in the fact that it is first indicated how Varuna, the god of transformations, is the one who lets the wind and the air sweep through the forests, that is, through the forest-covered earth; how this same powerful being, acting from the earth through the animals, brings about speed in horses; how it brings about the life substance in creatures that give milk; and how, in the human heart, it brings about the impulses of the will from which precisely that which was ancient inner clairvoyance arose. We have, I would say, in this allusion something that makes the perspective of the shepherds in the field understandable to us. And in what now follows, we have what makes the special perspective of the magicians from the East understandable to us. For it is Varuna who stirs up the fire of lightning in the waters of the clouds—one looks out into the macrocosm and finds there the forces recognized in the magician’s way—who causes the light of the sun to appear in the sky, and who produces the Soma drink on the mountain, that which acts within the human being so that he can survey the world.
[ 19 ] Allerdings muß man da eine Anmerkung machen. Das Gedicht ist schon aus einer Zeit, in der nicht mehr die urälteste, reinste Anschauung vorhanden war in bezug auf die äußere Welt, in der man schon nicht mehr durch rein geistige Verrichtungen des Atmens, wie es in der alten Zeit üblich war, wo man nicht aus der Einatmung ersaugen wollte, was dann die Anschauung ergab der Weltenweiten, sondern wo man — und das wurde vielfach in den Spätmysterien gepflogen — durch einen gewissen Trank, den man aus Pflanzen bereitete, sich anregen wollte, nach außen zu schauen; so wie man dann später, als die innere Anschauung verlorengegangen war, durch Genießen von ganz bestimmten Substanzen innerlich sich anregen wollte. Im Orient wollte man sich durch gewisse Pflanzensäfte für die äußere Anschauung des Makrokosmos anregen. Im Abendlande kam es dann auf, daß man sich durch innere Substanzen anregen wollte. Im Morgenlande nannte man dasjenige, wodurch man wieder durch äußere Mittel, durch Einnehmen von etwas, die Fähigkeit heraufbeschwören wollte, die im letzten Reste durch den Magier erschienen war, den Somatrank. Im Abendlande, bis ins späte Mittelalter herein, ja noch bis in die neuere Zeit nannte man das, was man innerlich einnehmen wollte, um jene Weisheit zu bekommen, die innerliche Wahrnehmung hervorruft, den Stein der Weisen.
[ 19 ] However, a note must be made here. The poem dates from a time when the most ancient, purest perception of the external world no longer existed—a time when people no longer sought, through purely spiritual acts of breathing—as was customary in ancient times, when one did not seek to draw from the inhalation that which then yielded a perception of the vastness of the world—but rather — and this was widely practiced in the later mysteries — sought to stimulate themselves to look outward through a certain potion prepared from plants; just as people later, when inner vision had been lost, sought to stimulate themselves inwardly by consuming very specific substances. In the East, people sought to stimulate themselves through certain plant juices for the external contemplation of the macrocosm. In the West, it then became customary to seek stimulation through internal substances. In the East, they called that which was used to evoke, once again through external means—by ingesting something—the ability that had ultimately appeared in the magician’s remnant, the “somatic potion.” In the West, well into the late Middle Ages—and indeed even into more recent times—what one sought to ingest internally in order to attain the wisdom that evokes inner perception was called the Philosopher’s Stone.
[ 20 ] Sie werden in den gebräuchlichen Büchern, die Sie über den Orientalismus unterrichten wollen, überall den Hinweis auf den Somatrank, auf den Somasaft finden. Allerlei sehr geistvolle Erklärungen finden sich darüber, weil die Menschen von der wirklichen Initiationsweisheit aus niemals darauf aufmerksam gemacht sind, was nun der Somatrank substantiell eigentlich ist. Ebenso werden Sie in allerlei historischen Büchern darauf hingewiesen, daß man ja nicht weiß, welche Substanz der Stein der Weisen ist. Allerdings habe ich auch nicht gerade vor, von diesen beiden Substanzen zu sprechen. Ich möchte nur auf das Humorvolle hindeuten, daß eine gewisse Gelehrsamkeit darauf hinweist, daß man nicht wissen könne, was eigentlich der Somasaft ist, trotzdem eine große Anzahl von Menschen diesen Somasaft, der, wie das hier—im Liede des Varuna mitgeteilt ist, auf dem Berge wächst, literweise trinken. Und so wird auch hingewiesen darauf, daß eine gewisse Substanz als der Stein der Weisen existiert, daß man nicht eigentlich wisse, was die gelehrten Alchimisten unter diesem Stein der Weisen verstehen, obwohl die Menschen auch der heutigen Zeit kiloweise diesen Stein der Weisen verbrennen. Es handelt sich nur darum, diese Dinge in dem richtigen Lichte zu sehen. Es ist ein Merkwürdiges, daß da eigentlich oftmals als etwas höchst Unbekanntes hingestellt wird, was den Menschen sehr bekannt ist, weil sie nicht wissen, wie der Zusammenhang ihrer heutigen Anschauungsweise ist mit dem, was Anschauungsweise einer verhältnismäßig kurz zurückliegenden Zeit ist.
[ 20 ] In the standard textbooks intended to teach you about Orientalism, you will find references to the Soma drink and the Soma juice everywhere. All sorts of very witty explanations can be found about it, because people, being unaware of the true wisdom of initiation, have never been made aware of what the Soma drink actually is in substance. Likewise, you will find references in all sorts of historical books to the fact that no one really knows what substance the Philosopher’s Stone is. However, I do not exactly intend to speak about these two substances either. I would simply like to point out the humor in the fact that a certain scholarly tradition maintains that one cannot know what the Soma juice actually is, even though a large number of people drink this Soma juice—which, as is stated here in the Song of Varuna, grows on the mountain—by the liter. And so it is also pointed out that a certain substance exists as the philosopher’s stone, that one does not actually know what the learned alchemists mean by this philosopher’s stone, even though people today burn this philosopher’s stone by the kilogram. It is simply a matter of seeing these things in the right light. It is curious that what is actually very familiar to people is often presented as something utterly unknown, simply because they do not know how their present-day worldview relates to the worldview of a relatively recent past.
[ 21 ] Aber das müssen wir uns eben durchaus klarmachen, daß wir im Grunde genommen heute mit den schlimmsten Brillen in die Welt sehen und die Bedeutung des Allernächsten trotz unserer wissenschaftlichen Ausbildung nicht kennen, nicht kennen die Wirkungen mancher Substanzen, die wir im alltäglichen Leben anwenden. Wir stehen in diesen Wirkungen drinnen, wir erleben sie. Aber ebenso wie heute die Gelehrsamkeit nicht weiß, was der Somatrank ist, wie sie nicht weiß, was der Stein der Weisen ist, trotzdem man nur wenige Menschen finden kann, die die betreffenden Substanzen nicht ganz gut kennen — sie wissen nur nicht, welche es sind —, ebensogut kann man sagen: Die Menschen von heute sehen, daß sich manches vollzieht in dem Verkehr zwischen den Banken und den Industrieunternehmungen, und die meisten Menschen schneiden ihre Coupons ab von den betreffenden Papieren, die sie bekommen, und sie wissen ebensowenig, was eigentlich das im ganzen sozialen Zusammenhang des Lebens bedeutet, wie sie auch das andere eben Angeführte nicht wissen. Unsere Anschauungsweise ist eben durchaus so, daß sie uns bebrillt, das heißt, mit Brillen versieht, so daß wir unsere alltäglichen Verrichtungen haben, ohne irgend etwas über den inneren Zusammenhang der Welt in Wirklichkeit zu erkennen.
[ 21 ] But we must make it absolutely clear to ourselves that, fundamentally speaking, we view the world today through the worst possible lenses and, despite our scientific training, do not understand the significance of what is closest to us; we do not understand the effects of certain substances that we use in everyday life. We are immersed in these effects; we experience them. But just as scholarship today does not know what the Somatic Potion is, just as it does not know what the Philosopher’s Stone is—even though one can find only a few people who are not quite familiar with the substances in question (they simply do not know which ones they are)—one might just as well say: People today see that certain things take place in the interactions between banks and industrial enterprises, and most people clip the coupons from the relevant securities they receive, yet they know just as little about what this actually means in the overall social context of life as they do about the other things just mentioned. Our way of looking at things is precisely such that it “puts glasses on us”—that is, equips us with a pair of glasses—so that we go about our daily activities without actually recognizing anything about the inner connections of the world.
[ 22 ] Es ist merkwürdig, wie die Menschen heute danach streben, innerhalb dieser an der Oberfläche schwimmenden Begriffe zu bleiben, wie sie nicht wollen untertauchen auf der einen Seite in ein neues Inneres, auftauchen auf der anderen Seite, aufstreben nach einem neuen äußeren Wissen. Aus dunklen Gefühlen ringt sich dem Menschen manchmal das heraus, was im Unbewußten die meisten Menschen eigentlich schon wollen, aber sie schrecken zurück vor dem Erheben dieses Wollens in das Bewußtsein.
[ 22 ] It is strange how people today strive to remain within these concepts that float on the surface, how they do not want to dive down, on the one hand, into a new inner world, or emerge, on the other hand, striving for new external knowledge. From dark feelings, what most people actually already want deep in their unconscious sometimes struggles to emerge, but they shrink back from raising this desire into consciousness.
[ 23 ] Mir hat einer unserer Freunde in diesen Tagen die «Rheinische Musik- und Theater-Zeitung» gegeben. Der erste Artikel dieser «Rheinischen Musik- und Theater-Zeitung» sagt etwas aus den speziellen Erlebnissen eines Musikers heraus, also aus der unmittelbaren Erfahrung in einem besonderen Falle des Lebens. Es ist außerordentlich interessant, was da jemand aus einem Spezialfall des Erlebens heraus niederschreibt. Ich will nur einige Sätze daraus lesen. Da lesen wir zum Beispiel: «Zu diesem inneren Problem der Musik kam nun mit der allgemeinen sozialen und wirtschaftlichen Umwälzung das äußere, das des neuen Publikums, welches ziemlich unvorbereitet an die Kunst herantritt. Welche Kunst hat bleibenden Wert, und wie bringt man die Kunst und das Volk zusammen? Das sind die beiden zur Zeit besonders wichtigen Fragen.»
[ 23 ] One of our friends recently gave me a copy of the Rheinische Musik- und Theater-Zeitung. The first article in this “Rheinische Musik- und Theater-Zeitung” draws on the specific experiences of a musician—that is, on direct experience in a particular life situation. It is extraordinarily interesting to read what someone has written based on such a specific experience. I’d like to read just a few sentences from it. For example, we read: “Added to this inner problem of music, the general social and economic upheaval has now brought about an external one—that of the new audience, which approaches art quite unprepared. Which art has lasting value, and how do we bring art and the people together? These are the two questions that are particularly important at the moment.”
[ 24 ] Man muß sagen, die meisten Menschen fühlen noch nicht einmal das Schwergewicht dieser Fragen; hier fühlt man wenigstens das Schwergewicht dieser Fragen, denn diese Fragen sind mit furchtbarem Gewichte lastend in der Welt da.
[ 24 ] It must be said that most people do not even sense the gravity of these questions; here, at least, one senses the gravity of these questions, for these questions weigh heavily upon the world.
[ 25 ] «Viele, sehr viele Probleme würden besser und leichter gelöst werden, wenn der Musikerstand organisiert wäre. Noch aber fehlt uns die Musikerkammer, welche die gemeinsamen Interessen aller Fachmusiker vertreten könnte; noch sind nicht einmal die einzelnen Interessengruppen wirklich zusammengeschlossen.»
[ 25 ] “Many, very many problems would be solved better and more easily if the music profession were organized. But we still lack a musicians’ association that could represent the common interests of all professional musicians; not even the individual interest groups are truly united yet.”
[ 26 ] Nun denkt der Betreffende nach über die betreffende Organisation. Er sagt nun: «Kaum einer der Verbände umfaßt alle Standesgenossen; am stärksten sind vielleicht der deutsche Musikerverband, der besonders die Orchestermusiker umfaßt, ferner die Organisationen der Musikalienhändler, die ja durch ihre wirtschaftlichen Ziele eine gemeinsame Basis haben. In weitem Abstand folgen dann die verschiedenen Gruppen der akademischen und nicht akademischen Musiklehrer, der Gesanglehrer an Schulen, der Organisten, Dirigenten und Kritiker, sowie der schaffenden und reproduzierenden Musiker. Eigenbrödelei und Rivalität haben hier manchen ferngehalten. Es fehlt noch viel, daß alle geistigen Berufsarbeiter die Notwendigkeit eines Zusammenschlusses erkennen. So kam es denn, daß die Herrschaft auf musikalischem Gebiet besonders für alle öffentlichen Fragen gar nicht von Fachleuten ausgeübt wird, die wissen, was nottut, sondern daß vor allem im großen Staatsplan wie in den engeren provinzialen Gemeindeverwaltungen Dilettanten dieses Amtes walten, heutzutage je nach Stärke der Parteien Politiker, die gewissermaßen nur nebenher die Kunst mitbetreuen, oft sicherlich mit gutem Willen, aber vielfach doch nicht mit der nötigen Sachkenntnis und Unvoreingenommenheit. So kam es, daß vor allem der Staat den berechtigten Forderungen der Musik gegenüber fast völlig versagt. Aber diese Erscheinung trifft nicht die Musik allein; sie ist typisch für alle kulturellen Angelegenheiten. Aus der Erkenntnis heraus, daß auch die wirtschaftlichen Fragen eines Volkes nicht von den bisher bestehenden, politisch orientierten Volksvertretungen sachlich behandelt werden können, wurde jüngst ein neuer «Wirtschaftsrat> gebildet. Bei zirka 400 Sitzen waren knapp drei für die Künste eingeräumt; so bescheiden taxierte man deren Bedeutung ein! Und wenn wir schon glauben, daß ein bis zwei Stimmen nicht ausreichen, um auch nur in rein wirtschaftlichen Fragen die Interessen des deutschen Musikerstandes zu vertreten, so müssen wir doch die Frageaufwerfen: wo werden überhaupt die kulturellen Interessen des Volkes beraten? Die bisherige Besprechung in den Parlamenten lehnen wir ab. Nicht ein einziger Fachmusiker sitzt unseres Wissens im Reichstag, und wären es ihrer zehn und zwanzig, so könnten sie doch nichts ausrichten, wo man nach Parteigesichtspunkten redet und stimmt.
[ 26 ] Now the person in question is reflecting on the organization in question. He now says: “Hardly any of the associations encompasses all members of the profession; perhaps the strongest are the German Musicians’ Association, which includes primarily orchestral musicians, and the organizations of music retailers, which, of course, share a common basis due to their economic goals. Far behind them come the various groups of academic and non-academic music teachers, school vocal teachers, organists, conductors, and critics, as well as performing and recording musicians. Isolationism and rivalry have kept many away from these groups. There is still a long way to go before all professionals in the creative fields recognize the necessity of uniting. Thus it has come to pass that authority in the musical sphere—especially regarding all public matters—is not exercised at all by experts who know what is needed, but rather that, particularly in the broader national sphere as well as in the smaller provincial and municipal administrations, dilettantes hold this office, these days—depending on the strength of the political parties—politicians who, in a sense, only oversee the arts on the side, often certainly with good intentions, but in many cases without the necessary expertise and impartiality. Thus, the state in particular has almost completely failed to meet the legitimate demands of the music world. But this phenomenon does not affect music alone; it is typical of all cultural affairs. Recognizing that even a nation’s economic issues cannot be dealt with objectively by the existing, politically oriented representative bodies, a new “Economic Council” was recently formed. Out of approximately 400 seats, barely three were allocated to the arts—such was the modest assessment of their importance! And even if we believe that one or two votes are not enough to represent the interests of the German music community—even on purely economic issues—we must still ask: where, then, are the cultural interests of the people even discussed? We reject the way these matters have been handled in parliaments thus far. To the best of our knowledge, not a single professional musician sits in the Reichstag, and even if there were ten or twenty of them, they would still be unable to make a difference in a place where discussions and votes are guided by party politics.
[ 27 ] So bleibt nur ein Weg, der logisch und klar ist, und deshalb eines Tages auch beschritten werden wird zum Heil unseres ganzen Volkes. Wir brauchen neben dem politischen Parlament, welches die rechtliche Stellung des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit und des gesamten Volkes gegenüber der internationalen Welt verwaltet, und neben dem Wirtschaftsrat, der die materiellen Grundlagen des Volkslebens betreuen soll, einen Kulturrat, der sich der geistigen Dinge annimmt und deren Förderung zur Aufgabe hat.
[ 27 ] Thus, there remains only one path—one that is logical and clear—and one that will therefore be taken one day for the good of our entire people. In addition to the political parliament, which administers the legal status of the individual in relation to the collective and of the entire nation in relation to the international community, and in addition to the Economic Council, which is tasked with overseeing the material foundations of national life, we need a Cultural Council that addresses intellectual matters and is charged with promoting them.
[ 28 ] Der Gedanke dieser Dreigliederung ist nicht neu. Er wurde aber jüngst erst auf eine präzise Formel gebracht durch Dr. Rudolf Steiner und wird nun von der Geschäftsstelle eines Bundes <«Dreigliederung des sozialen Organismus Stuttgart, Champignystraße 17, propagiert, von der jedermann weiteres Material zu der Frage erhalten kann.
[ 28 ] The idea of this threefold social order is not new. However, it was only recently formulated precisely by Dr. Rudolf Steiner and is now being promoted by the office of an association called <“Threefold Social Order,” located at Champignystraße 17 in Stuttgart, from which anyone can obtain further material on the subject.
[ 29 ] Wer sich einmal in die Sache hineingedacht hat, wird von dem Gedanken schwerlich wieder freikommen, so eindeutig ist er, und so sicher löst er die Probleme, mit denen wir uns seit langer Zeit hoffnungslos herumschlagen. Die Durchführung wird und muß unser ganzes Volksleben zur Gesundung führen!»
[ 29 ] Once you have given this matter some thought, you will find it difficult to let go of the idea—so clear is it, and so surely does it solve the problems with which we have been hopelessly struggling for so long. Its implementation will and must lead to the recovery of our entire national life!»
[ 30 ] Ich lese Ihnen das aus dem Grunde vor, weil Sie hier aus einem ganz einzelnen Fach heraus die Sehnsucht nach der Dreigliederung haben. Nun, da kommen diejenigen, die eben hier abgelehnt werden müssen, die eigentlich nur eine äußere politische Erziehung haben und finden, diese Dreigliederung sei eine Utopie. Nein, sie ist keine Utopie, sie ist gerade aus der innersten Empfindung jedes einzelnen Faches heraus genommen. Und jeder einzelne, der in einem ganz bestimmten Fache, in einem ganz bestimmten Gebiet drinnensteht, wie hier derjenige, der den Artikel geschrieben hat — es ist der Herausgeber der Zeitung; eine Seltenheit, daß Zeitungsherausgeber heute in einer solchen Weise schreiben —, jeder einzelne, der in einem bestimmten, konkreten Fall drinnensteht, kann empfinden, wie gerade das praktischste Betrachten des Lebens dazu führt, zuletzt sich sagen zu müssen: «Wer sich einmal in die Sache hineingedacht hat, wird von dem Gedanken schwerlich wieder freikommen, so eindeutig ist er, und so sicher löst er die Probleme, mit denen wir uns seit langer Zeit hoffnungslos herumschlagen. Die Durchführung wird und muß unser ganzes Volksleben zur Gesundung führen!»
[ 30 ] I am reading this to you because, from the perspective of a single discipline, you express a longing for the threefold social order. Now, there are those who must be rejected here—those who have, in fact, only a superficial political education and believe that this threefold division is a utopia. No, it is not a utopia; it is drawn directly from the innermost essence of each individual discipline. And every single person who is deeply immersed in a very specific subject, in a very specific field—such as the person who wrote this article here—he is the editor of the newspaper; it is rare for newspaper editors today to write in this way—every single person who is deeply immersed in a specific, concrete situation can sense how even the most practical view of life ultimately leads one to say to oneself: “Once you have thought your way into the matter, you will find it difficult to free yourself from this idea again, so clear is it, and so surely does it solve the problems with which we have been hopelessly struggling for a long time. Its implementation will and must lead our entire national life to recovery!”
[ 31 ] Nun, was hier bezeichnet wird als ein Element, das besonders begründet werden müsse, ein Kulturrat: es war in diesem Mai ein Jahr, daß der Kulturrat begründet worden ist. Und dieser Kulturrat, er ist verglommen, er ist heute vergessen. Am wenigsten verstanden ihn diejenigen, die irgendwie gerade im wissenschaftlichen oder künstlerischen Leben in Amt und Würden drinnenstanden.
[ 31 ] Well, what is referred to here as an institution that required special justification—a Cultural Council—was established exactly one year ago this May. And this Cultural Council has faded into obscurity; it is forgotten today. Those who held positions of authority in academic or artistic circles were the ones who understood it the least.
[ 32 ] Das ist, was immer mehr und mehr betont werden muß: daß wir es gar sehr nötig haben, heute die Dinge außerordentlich ernst zu nehmen! Die Menschen finden es unbequem, dieses Ernstnehmen. Sie möchten immer wieder und wiederum glauben, es werde schon im alten Trott weitergehen. Nein, es wird nicht im alten Trott weitergehen! Wenn so weitergelebt wird, wie gelebt wird ohne die Anregungen, die aus der geistigen Welt heraus kommen, dann kann weiter Industrie getrieben werden, es können Banken da sein, es können Universitäten da sein, auf denen alle möglichen Wissenschaften gelehrt werden, es können die anderen Berufe weiter ausgeführt werden — alles führt in die Dekadenz, in die Barbarei, in den Untergang der Zivilisation hinein. Wer nicht ins unmittelbare Leben dasjenige hineinstellen will, was aus Geisteswissenschaft kommen kann, der will im Grunde genommen nicht den Aufstieg, der will den Niedergang. Und die Mehrzahl der Menschen will heute den Niedergang und lügt sich nur vor, daß aus dem Niedergang noch ein Aufgang kommen könne.
[ 32 ] This is what must be emphasized more and more: that we have a very great need today to take things extremely seriously! People find this seriousness uncomfortable. They would like to believe, time and again, that things will just carry on as they always have. No, things will not carry on as they always have! If we continue to live as we do now—without the inspiration that comes from the spiritual world—then industry can continue to operate, banks can exist, universities can exist where all manner of sciences are taught, and other professions can continue to be practiced—but all of this leads to decadence, to barbarism, to the downfall of civilization. Anyone who does not wish to incorporate into their immediate life what can come from spiritual science does not, in essence, want progress; they want decline. And the majority of people today want decline and merely delude themselves into believing that a rise can still come out of decline.
[ 33 ] Das ist es, was ich insbesondere von verschiedenen Gesichtspunkten her gelegentlich dieses Weihnachtsfestes hier besonders betonen wollte. Lassen Sie doch die anderen Leute weiter im alten Sinne jene gewohnten Gänge machen, die immer in der neueren Zeit wie eine große Lebenslüge gemacht worden sind! Mir trat diese Lebenslüge entgegen, als ich ein junger Mensch war. In bezug auf das Leben, auf die Wirklichkeit, auf die Wahrheit des Lebens, verstand ich mich sehr wohl auf das Allerinternationalste und auf alles das, was wahrhaftig nicht zusammenhängt mit der Sympathie oder Antipathie für irgendeine Menschenrasse, denn ich war lange Zeit, viele Jahre, Erzieher in einem jüdischen Hause. Jedes Jahr aber, wenn die Weihnachtszeit herankam, da machte sich die ganze Verwandtschaft, entfernte und nahe Verwandte, alle machten sich auf die Strümpfe — und es waren alle durchaus solche, die dem Judentum angehörten —, um die Weihnachtsgeschenke zu kaufen, um zuletzt den Weihnachtsbaum einzukaufen. Und alles das wurde getan, gerade so wie es die andere Bevölkerung, die sich christlich nennt, auch tut. Alles das wurde getan zu Ehren dessen, was man mit dem Satze verehrt: «Uns ist heute der Heiland geboren!» So sehr sind die Dinge zur Phrase geworden. Man will sich nur nicht gestehen, wie sehr die Dinge zur Phrase geworden sind, wie sie aufhörten, Inhalt zu haben! Es ist heute und es ist seit lange schon ganz gleichgültig, ob derjenige, der einen lebendigen Herzensinhalt mit dem Heiland verbindet, zum Weihnachtsbaume sich setzt und Geschenke darunterlegt, oder ob einer, der in einem Diktum verharrt, das den Heiland ablehnt, ob der sich unter den Weihnachtsbaum setzt und Geschenke darunter verteilt! An solchen Dingen muß man das real gewordene Lügen der Menschheit, die real gewordene Phrase in unserer Zivilisation durchschauen. Im Ernste muß man die Dinge durchschauen. Es handelt sich heute nicht darum, etwa zu sagen: Man darf nicht in dieser Weise radikal sein! — denn Nicht-radikalSein in dieser Beziehung bedeutet Mitmachen mit dem Hineinsegeln in den Niedergang der Menschheit. Das ist es, was ich gerade an diesem Weihnachtsfeste zur Sprache bringen wollte innerhalb desjenigen Gebietes, in dem nun wahrhaftig gar nichts im alten Stile da ist. Sie finden nichts von alten Baustilen in unserer Architektur hier am Goetheanum. Sie finden in dem, was sonst in diesem Goetheanum ist, schließlich auch nichts von dem, was vertreten wurde von den alten Gewohnheiten. Deshalb haßt man dieses Goetheanum auf vielen Seiten so, weil eben nichts von den alten Gewohnheiten da ist. Aber es darf auch nichts da sein, denn es muß heute wenigstens eine Stätte geben — wenn man sie auch noch so sehr haßt, wenn man auch ihren Untergang wünscht —, es muß eine Stätte geben, die aufmerksam macht auf das, was der Menschheit heute notwendig ist.
[ 33 ] That is what I wanted to emphasize here in particular, from various perspectives, on this Christmas. Let the others continue to go about their usual business in the old way—a way that, in recent times, has always been nothing but a great lie about life! I encountered this “lie of life” when I was a young man. When it came to life, to reality, to the truth of life, I understood very well what was most universal—and everything that is truly unrelated to sympathy or antipathy toward any human race—because for a long time, many years, I was a tutor in a Jewish household. But every year, when Christmas time approached, the entire extended family—close and distant relatives alike, all of whom were, without exception, members of the Jewish faith—would set out to buy Christmas stockings and, finally, to purchase the Christmas tree. And all of this was done exactly as the rest of the population, which calls itself Christian, does as well. All of this was done in honor of what is celebrated with the phrase: “Today the Savior is born to us!” That is how much these things have become mere empty phrases. People simply do not want to admit how much these things have become mere empty phrases, how they have ceased to have any substance! Today—and for a long time now—it makes no difference whatsoever whether someone who associates a living, heartfelt devotion with the Savior sits down by the Christmas tree and places gifts beneath it, or whether someone who clings to a maxim that rejects the Savior sits down by the Christmas tree and distributes gifts beneath it! It is in such things that one must see through the lies of humanity that have become reality, the empty phrases that have become reality in our civilization. One must see through these things in all seriousness. The point today is not to say, for example: “One must not be so radical!”—for not being radical in this regard means going along with humanity’s descent into decline. That is precisely what I wanted to address on this Christmas occasion within the realm where, in truth, there is absolutely nothing left of the old style. You will find no traces of old architectural styles in our architecture here at the Goetheanum. Nor, for that matter, will you find anything in the rest of the Goetheanum that reflects the old customs. That is why this Goetheanum is so hated by many—precisely because there is nothing left of the old customs. But there must not be anything left, for today there must be at least one place—no matter how much one hates it, no matter how much one wishes for its downfall—there must be a place that draws attention to what humanity needs today.
[ 34 ] Das Goetheanum enthält nichts von Altem. Dasjenige, was sichtlich die Wissenschaft des Goetheanismus ist, die hier gepflegt wird, die enthält wohl kaum irgend etwas von dem, was alt ist. Wenn wir irgend etwas für das praktische Leben begründen — das Echo, das ihm entgegenkommt, zeigt schon, daß es auch nicht gerade im alten Stil ist. Nun, ob in den Lebensgewohnheiten aller anthroposophischen Freunde auch schon alles Alte überwunden ist, darüber schweigt des anthroposophischen Vortragenden Höflichkeit. Aber den Wunsch möchte er aussprechen, daß immer mehr und mehr einlaufen mögen auch unsere Gewohnheiten, bis hinunter in unser Kinderbehandeln, in dasjenige, was wir als eine Notwendigkeit für die Menschheitsentwickelung erkennen.
[ 34 ] The Goetheanum contains nothing of the old. That which is clearly the science of Goetheanism, as cultivated here, hardly contains anything that is old. When we establish something for practical life—the response it receives already shows that it is not exactly in the old style either. Now, as to whether everything old has already been overcome in the daily habits of all anthroposophical friends, the anthroposophical speaker’s courtesy prevents him from commenting. But he would like to express the hope that our habits, right down to the way we treat our children, may increasingly align with what we recognize as a necessity for the development of humanity.
[ 35 ] Das Jahr, das wir beginnen mit diesem Weihnachtsfeste, es wird für unsere anthroposophische Entwickelung kein leichtes Jahr sein; es wird ein schwieriges Jahr sein. Was uns entgegentritt, wird nicht an Kraft abnehmen, es wird an Kraft immer zunehmen. Denn diejenigen Mächte, die ein Interesse daran haben, Anthroposophie zu ruinieren, die sind sehr tätig, die sind sehr wach, wie ich oftmals gesagt habe. Und an eines möchte ich heute gerade erinnern: hier an diesem Orte stand, als in Dornach das «Futurum» begründet werden sollte, unser lieber Freund Herr Molt und sprach von dem, was ja auch ins praktische Leben einziehen sollte. Er hatte gewiß in jedem Worte recht. Ich ergriff hinterher das Wort und sagte, es wäre mir nicht bange um alles das, was man braucht, um anthroposophische Gedanken und Ideen und Empfindungen zu verkörpern in äußeren praktischen Einrichtungen; nur um das eine sei mir bange — so sagte ich dazumal —, ob wir auch eine genügend große Anzahl von Menschen finden, welche Tüchtigkeit an den Tag zu legen vermögen, um so etwas durchzuführen.
[ 35 ] The year we are beginning with this Christmas celebration will not be an easy one for our anthroposophical development; it will be a difficult year. What stands in our way will not diminish in strength; it will only grow stronger. For those forces that have an interest in ruining anthroposophy are very active, very alert, as I have often said. And there is one thing I would like to recall today in particular: here in this very place, when the “Futurum” was to be founded in Dornach, our dear friend Mr. Molt stood and spoke of what was also to find its way into practical life. He was certainly right in every word. I then took the floor and said that I was not concerned about all that is needed to embody anthroposophical thoughts, ideas, and feelings in external, practical institutions; I was concerned—as I said at the time—only about one thing: whether we would be able to find a sufficiently large number of people capable of demonstrating the competence required to carry out such a project.
[ 36 ] Das ist gar sehr notwendig, daß wir immer anstreben, die tüchtigen Menschen in der Welt zusammenzubringen, welche die Fähigkeiten entwickeln können, das, was Anthroposophie sein kann, wirklich auch praktisch zu machen, denn die neueren Jahrhunderte haben nicht nur das menschliche Wissen etwa stumpf gemacht, sie haben tatsächlich auch die praktischen, die eigentlich wirklich praktischen Fähigkeiten der Menschen zurückgedrängt. Und notwendig ist es, daß die Menschen versuchen, aus den tiefsten Untergründen ihres Wesens — denn da hat jeder Mensch die Kräfte, welche nötig sind — wirklich diese Kräfte hervorzuholen. Wir brauchen eine solche Erneuerung auch der äußeren praktischen Kräfte der Menschheit aus des Menschen tiefstem Inneren heraus. Diese Geburt sollte uns vorschweben: die Geburt eines Tüchtigen, das aus dem Inneren des Menschen heraus will, gegenüber dem Untüchtigen, das wir heute in der Außenwelt lernen können. Diese Geburt, sie sollte uns vorschweben bei alldem, was wir als die Weihnachtsstimmung empfinden.
[ 36 ] It is absolutely essential that we always strive to bring together capable people from around the world who can develop the skills to truly put anthroposophy into practice, for the recent centuries have not only dulled human knowledge, but have also effectively stifled people’s practical—truly practical—abilities. And it is necessary for people to try to truly draw these powers forth from the deepest recesses of their being—for that is where every human being possesses the necessary powers. We need such a renewal of humanity’s outer practical powers as well, arising from the deepest inner core of the human being. We should keep this birth in mind: the birth of a capable being that seeks to emerge from within the human being, in contrast to the incapable being we encounter in the outer world today. We should keep this birth in mind in everything we experience as the Christmas spirit.
[ 37 ] Nehmen Sie auch in der Wissenschaft die Dinge, wo sie auftreten. Eine jüngere medizinisch studierende Persönlichkeit war vor einigen Tagen bei mir und sprach sich über verschiedene Nöte ihres Studiums aus. Ich konnte nur sagen: Das Schlimmste, was gegenwärtig geschieht, ist, daß gerade an den wichtigsten Wissenschaften die menschlichen Denkkräfte gar nicht entwickelt werden. Man nehme heute irgendein therapeutisches oder ein pathologisches Buch in die Hand: sehr häufig hat man Herzorgane, Lunge, Verdauungsorganismus und so weiter alles nebeneinander aufgestapelt nach äußerer sinnlicher Anschauung, möglichst mit Ausschaltung des Denkens. Und kommt man mit irgendwelchem Denken, dann passiert einem das, was mir eben passiert ist in dem Buche von Kurt Leese, dem Lizentiaten der Theologie. Er sagt einem: Die Lektüre der Steinerschen Schriften sei ärgerlich und unleidlich, denn der komme mit Gedanken, welche von der Dreigliederung des Menschen sprechen, und da solle man sich vorstellen, daß nun die drei Glieder nicht nebeneinander sind, sondern ineinander. — Das ist ein Gedanken-Bravourstück, meint der Lizentiat der Theologie, Kurt Leese.
[ 37 ] Even in the sciences, take things as they arise. A young medical student visited me a few days ago and spoke about various difficulties he was facing in his studies. All I could say was: The worst thing happening at present is that, particularly in the most important sciences, human powers of thought are not being developed at all. Pick up any therapeutic or pathological textbook today: very often, you’ll find the heart, lungs, digestive system, and so on all piled up side by side according to external sensory perception, with thinking excluded as much as possible. And if you approach it with any kind of thinking, then what happened to me just now in the book by Kurt Leese, who holds a licentiate in theology, will happen to you. He tells you: Reading Steiner’s writings is annoying and unbearable, because he presents ideas that speak of the threefold nature of the human being, and one is supposed to imagine that these three aspects are not side by side, but within one another. — This is a masterpiece of thought, says Kurt Leese, who holds a licentiate in theology.
[ 38 ] Wer heute an unseren Universitäten Lizentiat der Theologie wird, dem hat das Studium gerade das Denken gründlich ausgetrieben! Und dann findet er aufreizend und unleidlich, wenn man von ihm verlangt, er solle denken; dann findet er gerade das am allerunbequemsten. Aber dann kommt es eben dahin, daß alles, was aus dem Innersten des Menschen hervorquillt, zum Beispiel auch die Wahrhaftigkeit, selbst innerhalb der Führer des Christentums so auftritt, wie zum Beispiel bei jenem Pfarrer, der nicht etwa sagt, irgendein Betrunkener habe ihm erzählt, daß da eine Statue von Christus gemacht wird, der oben wie er es als bestimmte Tatsache hinstellt — luziferische Züge und unten tierische Merkmale hat, sondern er stellt es hin als etwas, was er gewiß weiß. Also er stellt eine ganz objektive Lüge in ein Buch hinein, durch das er die Anthroposophie charakterisieren will. Und die Menschen nehmen solche Dinge hin, ohne sie zu monieren, ohne sich dagegen aufzulehnen. Glauben Sie, daß irgendeine soziale Gesundung eintreten kann, wenn nebenbei in der sozialen Ordnung diese Dinge möglich sind? Wenn Sie das glauben, geben Sie sich einer falschen Hoffnung hin. Notwendig ist, daß der Mensch seine gesunden Sinne entwickelt für das, was moralisches Unkraut ist. Es kommt gar nicht darauf an, ob Anthroposophie angegriffen ist oder nicht, sondern es kommt darauf an, daß da ein Buch auftritt, in dem nicht eine, sondern eine ganze Anzahl solcher Unwahrheiten drinnenstehen. Wer solche Unwahrheiten in diesem Buche schreibt, schreibt sie selbstverständlich auch in seinen anderen. Das ist Gewohnheit. Und das lebt im Grunde genommen in dem, was an die Jugend herangebracht wird. Das muß ins Auge gefaßt werden. Es darf nicht versäumt werden, auf das hinzuschauen.
[ 38 ] Anyone who earns a licentiate in theology at our universities today has had all critical thinking thoroughly driven out of them by their studies! And then they find it irritating and unbearable when they are asked to think; they find that, of all things, the most uncomfortable. But then it comes to the point where everything that wells up from the very depths of a person’s being, for example, even truthfulness, appears even among the leaders of Christianity—as in the case of that pastor, for instance, who does not merely say that some drunkard told him a statue of Christ is being made that, as he presents it as a definite fact, has Luciferic features above and animalistic characteristics below—but rather he presents it as something he knows for certain. So he inserts a completely objective lie into a book through which he intends to characterize anthroposophy. And people accept such things without questioning them, without rebelling against them. Do you believe that any social recovery can take place when, incidentally, such things are possible within the social order? If you believe that, you are indulging in false hope. It is essential that people develop their sound judgment regarding what constitutes moral weeds. It does not matter at all whether anthroposophy is under attack or not; what matters is that a book has appeared containing not just one, but a whole number of such untruths. Whoever writes such untruths in this book naturally writes them in his other works as well. It is a habit. And this, fundamentally, is what is being presented to young people. This must be taken into account. We must not fail to pay attention to it.
[ 39 ] Denn schließlich, wenn uns heute das Kind, das in der Krippe lag, etwas zu sagen hat, so ist es das: Es ist eine gesundende Erneuerung des Tiefsten notwendig, was im Menscheninneren lebt. Wir müssen zu einer neuen Verkündigung dessen kommen, was auf der einen Seite den armen Hirten auf dem Felde, auf der anderen Seite den weisen Magiern aus dem Morgenlande verkündet worden ist. Wir müssen aus dem Fundamente heraus verstehen können, was wirklich das Heilende, das Heilandartige in der menschlichen Entwickelung ist. Dann erst sind wir würdig, zu sagen: Uns ist der Heiland geboren. — Das haben wir nötig. Auf das wollte ich noch einmal hinweisen, bevor wir für eine ganz kurze Zeit die Vorträge hier unterbrechen müssen.
[ 39 ] For ultimately, if the child who lay in the manger has something to say to us today, it is this: A healing renewal of what lives deepest within the human heart is necessary. We must arrive at a new proclamation of what was revealed, on the one hand, to the poor shepherds in the fields and, on the other, to the wise Magi from the East. We must be able to understand, from the very foundation, what is truly the healing, the Christ-like aspect of human development. Only then are we worthy to say: The Savior is born to us. — That is what we need. I wanted to point this out once more before we have to interrupt the lectures here for a very short time.

