Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Human Responsibility for Global Development
Through Its Spiritual Connection
to the Earth and the Celestial Realm
GA 203

16 January 1921, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Unsere Betrachtungen während meiner diesmaligen Anwesenheit bezogen sich darauf, wie voller Lebensernst gemacht werden kann aus der anthroposophischen Erkenntnis gegenüber den großen Aufgaben unserer Zeit. Wenn man sagt «gegenüber den großen Aufgaben unserer Zeit», so braucht man ja durchaus nicht immer an dasjenige zu denken, was gewissermaßen über den Menschen schwebt und was von einigen autoritativen Menschen über die Köpfe der anderen hinüber geregelt werden muß, sondern man muß sich heute darüber klar sein, daß durchaus dasjenige, was von Mensch zu Mensch im Alltag spielt, das in sich enthält, gewissermaßen durch sich durchströmend hat, was zu den großen Aufgaben der Zeit gehört. Das sollte doch selbstverständlich als eine erste Konsequenz anthroposophischer Weltanschauung durch unsere Seelen ziehen. Denn diese anthroposophische Weltanschauung führt uns ja dahin, anzuerkennen, daß das Geistige in allem lebt, nicht lebt irgendwo in abstrakten Höhen, sondern lebt in dem uns umgebenden Leben, in dem wir alltäglich drinnenstehen. Und gerade das müssen wir anwenden lernen auf die großen Aufgaben des Lebens und auf die kleinen alltäglichen Erlebnisse und Handlungen.

[ 1 ] Our reflections during my current visit focused on how the anthroposophical insight can be applied with the utmost seriousness to the great challenges of our time. When we say “the great challenges of our time,” one need not always think of what, so to speak, hovers above human beings and must be regulated by certain authoritative figures over the heads of others; rather, one must be clear today that what takes place from person to person in everyday life contains within itself—or, so to speak, has flowing through it—that which belongs to the great tasks of our time. This should, after all, flow naturally through our souls as a first consequence of the anthroposophical worldview. For this anthroposophical worldview leads us to recognize that the spiritual lives in everything—not somewhere in abstract heights, but in the life that surrounds us, in which we are immersed every day. And it is precisely this that we must learn to apply to the great tasks of life and to the small, everyday experiences and actions.

[ 2 ] Wenn wir das heutige Leben gerade von diesem Gesichtspunkte aus ins Auge fassen, können wir uns fragen: Was haben wir denn als die Bestandteile dieses Lebens, namentlich in bezug auf das Geistige, um uns herum? Worin leben wir denn heute in diesem Zeitalter als Menschen geistig? — Wir haben dasjenige, was die Überreste alter Bekenntnisse sind, dieser verschiedenen Bekenntnisse, welche ihre Anhänger in Gemeinden versammeln und ihnen auf irgendeine Weise, die traditionell ist, die überliefert ist, beibringen, was angesehen wird als der Glaube an die ewige Natur des Menschen. In den verschiedensten Formen, den verschiedensten Nuancen wird eben durch die verschiedenen Bekenntnisse dieser Glaube den Menschen beigebracht. Die Menschen leben dann in diesem Glauben und meinen auch, den Bedürfnissen ihrer Seele Genüge zu tun durch diesen Glauben. Neben diesem Glauben haben wir dann heute schon durchaus so populär, wie die einzelnen Bekenntnisse selbst jeweilig bei ihren Anhängern sind, dasjenige, was aus der Wissenschaft stammt, die heute an unseren Bildungsanstalten getrieben wird. Diese Wissenschaft hat sich ja allmählich dazu ausgebildet, bloß das sinnlich-physische Material zu betrachten, höchstens es zu durchdringen mit einigen unzulänglichen geistigen Vorstellungen, die aber auch schon mehr oder weniger im Schwinden sind. Immer mehr und mehr geht die Tendenz dahin, als Wissenschaft nur dasjenige anzusehen, was in sinnlich-physischer Beobachtung aufgefunden und höchstens durch den Verstand kombiniert werden kann.

[ 2 ] If we consider life today from this very perspective, we may ask ourselves: What, specifically in terms of the spiritual, do we have around us as the components of this life? In what way do we, as human beings, live spiritually in this age? — We have what remains of old creeds—these various creeds that gather their followers into congregations and teach them, in some traditional or handed-down manner, what is regarded as the belief in the eternal nature of the human being. In the most diverse forms and with the most varied nuances, this belief is taught to people through the various creeds. People then live by this belief and also believe they are satisfying the needs of their souls through it. Alongside this belief, we now have—and it is just as popular as the individual creeds themselves are among their respective adherents—that which stems from the science taught today in our educational institutions. This science has, after all, gradually developed to the point of considering only sensory-physical material, at most penetrating it with a few inadequate mental concepts—which, however, are already more or less on the wane. There is an ever-increasing tendency to regard as science only that which can be discovered through sensory-physical observation and, at most, combined by the intellect.

[ 3 ] Wir mögen die heutige zivilisierte Welt wo immer ansehen, es wird sich uns der Anblick darbieten, daß die Menschen aus diesen zwei Quellen heraus schöpfen: einerseits aus demjenigen, was ihnen beigebracht wird als sogenanntes ernstes, exaktes Wissen, das sie auf Autorität hin annehmen; denn auf Autorität hin nimmt ja jeder das Wissen auf, der nicht gerade in einem der Wissensfächer selber arbeitet, und nimmt vor allen Dingen die große Menge der Menschen das Wissen auf. Und neben dem, daß man in seiner populären Zeitschrift sich unterrichten läßt darüber, wie man zu denken hat über astronomische, physikalische, chemische Tatsachen, über Biologisches, Zoologisches, Mineralogisches, Botanisches, Geschichtliches und so weiter, neben dem, daß man diese Dinge aufnimmt und sich auf diese Weise unterrichten läßt und dann sagt: Das alles muß wahr sein, denn es rührt ja von denjenigen Leuten her, welche für die Sache durch die gewohnten Instanzen als Autorität bestellt sind, neben dem nimmt man das andere auf, das aus den verschiedenen Bekenntnissen fließt. Eine Brücke zwischen beiden schlägt man nicht, denn aus den Bekenntnissen heraus wird ja zumeist den Leuten gelehrt, daß sie nur ja Wissen und Glauben auseinanderhalten sollen, daß sie nur ja Wissen und Glauben nicht in irgendeiner Weise verschmelzen sollen. Ein Aufraffen zu einem bewußten Durchschauen dieses Tatbestandes findet nur in den seltensten Fällen statt. Man bemüht sich, durchaus anzuerkennen, was durch die gewohnten Kanäle von den wissenschaftlichen Autoritäten her den Menschen als exakte Wahrheit mitgeteilt wird. Aber man geht den Dingen nicht nach, um zu prüfen, wie es sich in Wirklichkeit mit der Arbeitsmethode verhält, durch die solche Wissenschaftlichkeit gewonnen ist.

[ 3 ] Wherever we look in today’s civilized world, we will see that people draw from these two sources: on the one hand, from what is taught to them as so-called serious, exact knowledge, which they accept on authority; for everyone who does not work in one of the academic disciplines themselves accepts knowledge on authority, and above all, the vast majority of people accept this knowledge. And in addition to being informed in popular magazines about how one is supposed to think about astronomical, physical, and chemical facts, as well as biological, zoological, mineralogical, botanical, historical, and so on—in addition to absorbing these things and being educated in this way, and then saying: ‘All of this must be true, for it comes from those people who have been appointed as authorities on the matter by the usual institutions’—besides this, one also absorbs what flows from the various creeds. No bridge is built between the two, for the creeds generally teach people that they must, above all, keep knowledge and faith separate—that they must, above all, not allow knowledge and faith to merge in any way. A conscious effort to see through this state of affairs takes place only in the rarest of cases. People make every effort to fully acknowledge what is communicated to them as exact truth through the usual channels by scientific authorities. But they do not investigate matters to examine the actual nature of the working method by which such scientific validity is attained.

[ 4 ] Auf der anderen Seite geht man auch wenig der Entstehung desjenigen nach, was sich als Bekenntnisse durch die Zeiten herauf fortgepflanzt hat und traditionell von den heutigen amtlichen Vertretern dieser Bekenntnisse an die Menschheit herangebracht wird. Ein Aufraffen zu einem vollen Bewußtsein dessen, was da eigentlich vorliegt, das findet in den seltensten Fällen statt. Und wenn es stattfindet, dann kommt man heute nur wenig dazu, die Sache im richtigen Licht zu sehen. Denn nehmen wir an, es bäumt sich irgend jemand, sagen wir, innerhalb des katholischen oder protestantischen Bekenntnisses auf gegen das, was Dogma genannt wird, dann wird es in der Regel so geschehen, daß dieses Dogma als ein «Unsinn» angesehen wird, daß man gegen dieses Dogma polemisiert und damit dasjenige fortwirft, was traditionelles Bekenntnis ist, daß man aber nicht die Möglichkeit findet, irgend etwas an die Stelle zu setzen.

[ 4 ] On the other hand, little attention is paid to the origins of what has been passed down through the ages as creeds and is traditionally presented to humanity by the current official representatives of these creeds. A genuine effort to gain full awareness of what is actually at hand takes place only in the rarest of cases. And when it does take place, there is little opportunity today to view the matter in its proper light. For suppose someone, say, within the Catholic or Protestant faith, rebels against what is called dogma; then what usually happens is that this dogma is regarded as “nonsense,” that one polemicizes against it and thereby discards what constitutes the traditional creed, yet fails to find a way to to replace it with anything else.

[ 5 ] Ein solches Dogma — ich will gleich ein Zentraldogma anführen ist zum Beispiel das der Trinität, der Drei-Persönlichkeit des göttlichen Wesens. Wer ein solches Dogma so vorfindet, wie es ihm heute durch die Bekenntnisse entgegengebracht wird, hat es in einer gewissen Weise leicht, gegen ein solches Dogma zu polemisieren, wenn er sich wiederum auf den Standpunkt der heutigen wissenschaftlichen Denkweise stellt. Denn er wird in diesem Sinne sehr leicht enthüllen können, was «Unsinn» an einem solchen Dogma ist. Derjenige aber, der zurückgeht auf die Entstehungsweise eines solchen Dogmas, der findet, daß die Dogmen der gebräuchlichen Bekenntnisse sich durch lange Zeiten in der Menschheit fortgepflanzt haben, daß aber am Ausgangspunkt bei der Entstehung dieser Dogmen dasjenige steht, was ich oftmals charakterisiert habe als das in früheren Entwickelungsstufen der Menschheit vorhandene instinktive Hellsehen, das atavistische Hellsehen, das Hineinschauen in die geistige Welt. Aus diesem Hellsehen sind also solche Dogmen hervorgegangen, und man möchte sagen: So etwas wie das Trinitätsdogma ist hervorgegangen aus tiefen, aus gründlichen Einsichten in das Gefüge des Weltendaseins. — Es war einmal dieses Dogma der Trinität eine tief erkannte Wahrheit. Es stellte dar eine tiefe Einsicht in Wirklichkeitszusammenhänge. Aber das war vorhanden in jener alten Zeit, in welcher die menschlichen Seelenfähigkeiten, die Erkenntniskräfte, die, wie gesagt, eine Art instinktiven Hellsehens waren, zusammenpaßten mit einem solchen Dogma. Das Dogma hat sich dann fortgepflanzt. Es paßt nicht mehr zu der heutigen Ausbildung der menschlichen Seelenkräfte. Es sind in der Regel für jeden Menschen, der dieses Dogma bei seiner Entstehung mit durchgemacht hat, seit jener Zeit mehrere Erdenleben verflossen. Die Seelen haben verschiedene Erlebnisse während dieser Erdenleben durchgemacht. In der äußeren Welt hat sich das Dogma erhalten, es ist von Generation zu Generation fortgepflanzt worden. Es hat heute eine Gestalt angenommen, daß es aus den Worten heraus, mit denen es mitgeteilt wird, gar nicht mehr verstanden werden kann. Und nun sind diese Seelen wiedergeboren; aus dem Kirchlichen heraus wird ihnen das Dogma entgegengebracht. Es ist keine innere menschliche Beziehung zwischen dem, was da von den Bekenntnissen den menschlichen Seelen entgegengebracht wird, und demjenigen, was die Seelen aus sich heraus anstreben zu erfahren, zu wissen. Was so schlimm wirkt in der Gegenwart, ist nicht, daß die Dogmen falsch sind, sondern worauf es ankommt, ist, daß die Dogmen eine solche Form sind, die Wahrheit zu fassen, die den heutigen Zeitverhältnissen nicht mehr entspricht, daß die Dogmen nicht mehr entgegenkommen dem, was die menschlichen Seelen brauchen. So daß wir sagen können: Diese Dogmen werden heute gepredigt, indem sie eigentlich in den leeren Wind hinausgehaucht werden. — Auch diejenigen, die sich zu ihnen bekennen, tun dieses Bekennen nicht in innerer Seelenwahrheit, denn sie verstehen die Dogmen zumeist nicht. Aber dasjenige annehmen, was man nicht versteht, ist eine innere Unwahrheit. Und im Grunde kommt es von dieser inneren Unwahrheit her, daß in unserer Gegenwart so viel Schaden angerichtet wird durch die Unwahrhaftigkeit der Welt.

[ 5 ] One such dogma—I will cite a central dogma right away—is, for example, that of the Trinity, the three-person nature of the divine being. Anyone who encounters such a dogma as it is presented to him today by the creeds has, in a certain sense, an easy time arguing against it when he adopts the standpoint of modern scientific thought. For in this sense, he will be able to very easily expose the “nonsense” inherent in such a dogma. But anyone who traces the origins of such a dogma will find that the dogmas of the common creeds have been passed down through humanity over long periods of time; yet at the very starting point of these dogmas lies what I have often characterized as the instinctive clairvoyance—the atavistic clairvoyance—that existed in earlier stages of human development, the ability to look into the spiritual world. Such dogmas have thus emerged from this clairvoyance, and one might say: Something like the doctrine of the Trinity arose from deep, profound insights into the structure of world existence. — Once upon a time, this dogma of the Trinity was a deeply recognized truth. It represented a profound insight into the interrelationships of reality. But this existed in that ancient time when the faculties of the human soul—the powers of cognition, which, as I said, were a kind of instinctive clairvoyance—were in harmony with such a dogma. The dogma has since been passed down. It no longer fits the current development of human soul powers. As a rule, several earthly lives have elapsed since that time for every person who lived through the emergence of this dogma. These souls have undergone various experiences during these earthly lives. In the outer world, the dogma has persisted; it has been passed down from generation to generation. Today it has taken on a form such that it can no longer be understood from the very words used to convey it. And now these souls have been reborn; the dogma is presented to them by the Church. There is no inner human connection between what is presented to human souls through the creeds and what the souls themselves strive to experience and know. What seems so problematic today is not that the dogmas are false, but rather that they take a form of expressing truth that no longer corresponds to present-day circumstances—that the dogmas no longer meet the needs of human souls. So we can say: These dogmas are preached today, yet they are essentially being breathed out into the empty air. — Even those who profess faith in them do not do so in inner spiritual truth, for they mostly do not understand the dogmas. But to accept what one does not understand is an inner untruth. And fundamentally, it is this inner untruth that is the source of so much harm being done in our present time through the world’s insincerity.

[ 6 ] Was in den letzten Jahren durch die Menschheit gegangen ist an Unwahrhaftigkeit, ist ja wirklich unermeßlich. Aber im Grunde genommen ist es nicht zu verwundern, daß es so ist, aus dem einfachen Grunde, weil, wenn die Seelen in jener Unwahrhaftigkeit leben, die ich eben jetzt gekennzeichnet habe, es eben kein Wunder ist, wenn sie keinen Sinn für die Wahrhaftigkeit im äußeren Leben haben. Das sollten vor allen Dingen diejenigen bedenken, welche heute glauben, eintreten zu müssen für die traditionellen Bekenntnisse. Es ist durchaus eine ernste Angelegenheit, mit der man sich auf diesem Gebiet beschäftigen muß.

[ 6 ] The extent of dishonesty that humanity has endured in recent years is truly immeasurable. But when you get right down to it, it is not surprising that this is the case, for the simple reason that when souls live in the kind of insincerity I have just described, it is no wonder that they have no sense of sincerity in their outer lives. This is something that should be borne in mind above all by those who believe today that they must stand up for traditional creeds. This is indeed a serious matter that must be addressed in this area.

[ 7 ] Man könnte sagen, über die Dogmen sind die Seelen, die mittlerweile durch verschiedene Erdenleben gegangen sind, hinausgewachsen, seit diese Bekenntnisse sich gebildet haben. Geradeso wie man mit denjenigen Dingen, die ich Ihnen in den beiden letzten Vorträgen hier entwickelt habe, Ernst machen muß gegenüber dem Leben, so muß man mit der Anschauung von den wiederholten Erdenleben auch auf diesem Gebiete Ernst machen, Lebensernst machen.

[ 7 ] One could say that the souls who have since gone through various earthly lives have outgrown these dogmas since these creeds were first formulated. Just as one must take seriously the things I have discussed here in my last two lectures in relation to life, so too must one take the concept of repeated earthly lives seriously in this context—treat it with the seriousness that life demands.

[ 8 ] Aber betrachten wir von demselben Gesichtspunkte aus dasjenige, was der Menschheit heute gegeben wird an äußerer Wissenschaft. Da wird geformt ein Wissen, bloß entstammend der sinnlich physischen Beobachtung. Das soll vereint werden mit demjenigen, was als menschliche Seele da in uns selber lebt, sie soll aufnehmen, sich erfüllen mit dem, was bloß sinnlich-physisches Beobachtungsmaterial ist.

[ 8 ] But let us consider, from the same perspective, what is offered to humanity today in the form of external science. There, knowledge is being formed that stems solely from sensory-physical observation. This is to be united with that which lives within us as the human soul; it is to take in and be filled with what is merely sensory-physical observational material.

[ 9 ] Betrachten Sie den Menschen lebendig drinnenstehend im Leben. Er trägt in sich die Seele, die durch Erdenleben hindurchgegangen ist, die äußerlich in den Religionsbekenntnissen nicht das findet, womit sie sich verbinden kann. Sie verbindet sich aber, wenigstens für gewisse Gebiete des Lebens, mit dem, was heute anerkannte Wissenschaftlichkeit ist. Die Frage muß aufgeworfen werden: Was geschieht mit der menschlichen Seele, wenn sie sich verbindet mit dieser anerkannten, bloß auf dem sinnlich-physischen Gebiete beobachtenden Wissenschaft? — Die Seelen, die heute sich einverleiben den physischen Organismen, diese Seelen haben ja in der Tat in früheren Verkörperungen dasjenige in sich aufgenommen, was noch ganz anderen Verhältnissen zur Natur, zur Umgebung, zur Welt entsprach als das, was heute in diesem Wissen aufgenommen wird. Man kann nur verhältnismäßig wenige Seelen, die jetzt verkörpert sind, finden, welche nicht in ihrem vorigen Leben noch so verkörpert waren, daß sie zum Beispiel mit dem, was ihnen über die Naturerscheinungen gesagt worden ist, verbanden ein gewisses Wissen oder, sagen wir, ein gewisses Vorstellen über Geistiges. Solch eine geistentblößte Naturwissenschaft, wie sie seit drei bis vier Jahrhunderten heraufgezogen ist, gab es ja vorher nicht. Was als Naturwissenschaft der Menschheit in jenen älteren Zeiten gegeben worden ist, in jenen verhältnismäßig gar nicht so lang hinter uns liegenden Zeiten, das war so, daß man, indem man einen sinnlichen Tatbestand hinstellte, immer noch in diesem sinnlichen Tatbestand etwas hatte, was diesen sinnlichen Tatbestand durchtränkte mit Geistigem. Daher kommt es ja auch, daß viele Menschen der Gegenwart, denen nichts Besonderes daran liegt, mit ihrer Zeit zu gehen, in der gegenwärtigen sinnlich-physischen Naturwissenschaft nichts finden, was sie befriedigt, diese daher links liegen lassen und sich nicht damit beschäftigen, dafür aber allerlei alte Schmöker aufstöbern und nun nachforschen, was Basilius Valentinus oder irgendein anderer in seiner Art den Menschen an Naturwissen überliefert hat. Es ist richtig, daß in den Vorstellungen, die man sich damals über die Natur machte, noch allerlei von Geistigem drinnen lebte, aber gewöhnlich beruht der tiefe Respekt derjenigen, die sich heute mit diesen Dingen befassen, nur darauf, daß sie sie nicht verstehen und daß sie dasjenige für sehr tief halten, was man nicht versteht.

[ 9 ] Consider the human being standing alive in the midst of life. Within them is the soul that has passed through earthly life, a soul that does not find, in the outward expressions of religious creeds, anything with which it can connect. Yet it does connect—at least in certain areas of life—with what is today recognized as scientific knowledge. The question must be raised: What happens to the human soul when it connects with this recognized science, which observes only the sensory-physical realm? — The souls that incarnate in physical organisms today have, in fact, in earlier incarnations absorbed within themselves what corresponded to entirely different relationships to nature, to their surroundings, and to the world than what is absorbed in this knowledge today. One can find only relatively few souls who are now incarnated who were not, in their previous lives, incarnated in such a way that they associated, for example, with what had been told them about natural phenomena, a certain knowledge or, shall we say, a certain conception of the spiritual. Such a spirit-deprived natural science, as it has developed over the past three to four centuries, did not exist before. What was given to humanity as natural science in those earlier times—in those times that are, relatively speaking, not so long past—was such that, when a sensory fact was presented, there was still something within that sensory fact that imbued it with the spiritual. This is precisely why many people today—who have no particular interest in keeping up with the times—find nothing in contemporary sensory-physical natural science that satisfies them; they therefore set it aside and do not concern themselves with it, but instead track down all sorts of old tomes and now investigate what Basilius Valentinus or some other figure of his kind has bequeathed to humanity in terms of knowledge of nature. It is true that all sorts of spiritual elements still lived within the conceptions of nature held at that time, but usually the deep respect felt by those who concern themselves with these matters today is based solely on the fact that they do not understand them and that they consider whatever they do not understand to be very profound.

[ 10 ] Was wichtig ist auf diesem Gebiet, ist, daß eben die menschlichen Seelen, die in gegenwärtigen Leibern verkörpert sind, auch zu jenem alten Wissen keine reale Beziehung mehr haben und mit dem, was durch das übrige Leben geht und womit heute jeder schon in der Schule gefürtert wird, eben angepfropft werden, also in irgendeiner Weise das der sinnlich-physischen Beobachtung entstammende Wissensmaterial aufnehmen. Was aber liegt, wenn man die Sache innerlich betrachtet, da eigentlich vor?

[ 10 ] What is important in this regard is that the human souls embodied in their present bodies no longer have any real connection to that ancient knowledge and are instead grafted onto what pervades the rest of life—and what everyone is already fed in school today—that is, they absorb in some way the body of knowledge derived from sensory-physical observation. But when one considers the matter from within, what is actually happening there?

[ 11 ] Wir kommen heute in unsere Leiber hinein mit dem, was unsere Seelen in früheren Leben durchlebt haben, aber wir kommen in einer gewissen Weise so in unsere Leiber herein, daß wir kein Verhältnis mehr zu dem haben, was die Seelen in früheren Erdenleben durchlebt haben. Wir haben durch die verschiedenen Erdenleben hindurch — das mußte geschehen, weil das ja die Vorbereitung zur Ausbildung der Freiheit war — die Seelen so ausgebildet, daß sie in einer gewissen Weise ausgehöhlt sind von dem, was sie früher in sich aufgenommen haben, daß sie keine Beziehung mehr haben zu dem, was sie früher aufgenommen haben, daß sie in einer gewissen Weise leer sind gegenüber demjenigen, was eigentlich in der Welt lebt. Wir bringen in unseren Seelen nichts mehr herüber in dieser Beziehung aus früheren Erdenerlebnissen. Wir bringen wohl die Ergebnisse unserer moralischen Qualitäten herüber, aber wir bringen im Grunde genommen aus den früheren Erlebnissen, aus den früheren Erdenleben nicht dasjenige in dieses Erdenleben hinein, was zu einem irgendwie gearteten angeborenen Wissen von den Geheimnissen der Welt führen könnte. Die Seelen kommen heute nicht so in die Leiber herein, wie sie zum Beispiel noch in die griechischen Leiber hereingekommen sind. Die Seele, die durch die Geburt gegangen war im griechischen Leben, die kam noch mit einer durch das alte Wissen gespeisten Kraft in den physischen Leib herein, so daß sie diesen physischen Leib durchfrischen konnte mit geistig-seelischer Lebenskraft. Das ist heute nicht der Fall. Heute kommt zumeist die Seele so in den Leib herein, daß sie etwas für den Leib Aufzehrendes hat. Und in immer stärkerem und stärkerem Maße ist das der Fall, daß die Seelen, die heute geboren werden, etwas für den Leib Aufzehrendes haben, daß sie den Leib lähmen, daß sie ihn gewissermaßen mit Todesgewalten durchziehen. Würde die Entwickelung in diesem Sinne vorschreiten, so kämen wir ganz gewiß in die Untergrabung, in den Niedergang des Erdenlebens hinein. Die Menschen würden immer willensschwächer und willensschwächer. Die Menschen würden immer mehr und mehr zeigen, wie sie sich nicht aufraffen können zum Erfassen von aktiven Impulsen. Die Menschen würden gewissermaßen nur wie automatische Erfasser des Lebens durch dieses Leben gehen. Wie traurig ist es, daß wir in der Gegenwart sehen müssen, wie selten es ist, daß sich die Menschen innerlich befeuern lassen von lebendigen Ideen. Wie sehr finden wir, daß die Menschen der Gegenwart, man möchte sagen, an seelischer Sklerose leiden, daß sie tote Ideen wälzen, daß sie nur dasjenige, was sie mit den Traditionen aufnehmen, in ihren Köpfen wälzen und Automaten werden.

[ 11 ] Today we enter our bodies carrying with us what our souls have experienced in past lives, but in a certain sense we enter our bodies in such a way that we no longer have any connection to what our souls experienced in past earthly lives. Throughout our various earthly lives—and this had to happen, for it was the preparation for the development of freedom—we have developed our souls in such a way that they are, in a certain sense, emptied of what they once absorbed, so that they no longer have any connection to what they once absorbed, and are, in a certain sense, empty in relation to what actually lives in the world. In this regard, we no longer bring anything from our earlier earthly experiences into our souls. We do bring the results of our moral qualities with us, but fundamentally, we do not bring into this earthly life from our earlier experiences—from our previous earthly lives—that which could lead to any kind of innate knowledge of the world’s mysteries. Souls today do not enter bodies in the same way that they did, for example, when they entered Greek bodies. The soul that had passed through birth in Greek times still entered the physical body with a power nourished by ancient knowledge, so that it could infuse this physical body with spiritual-soul life force. That is not the case today. Today, for the most part, the soul enters the body in such a way that it has something within it that consumes the body. And to an ever-increasing degree, this is the case: the souls born today have something within them that consumes the body, that paralyzes it, that, so to speak, permeates it with the forces of death. If development were to proceed in this direction, we would most certainly be heading toward the undermining and decline of earthly life. People would become weaker and weaker in will. People would increasingly demonstrate their inability to rouse themselves to grasp active impulses. People would, so to speak, go through this life merely as automatic recorders of life. How sad it is that we must observe in the present how rare it is for people to allow themselves to be inwardly inspired by living ideas. How deeply do we feel that people today—one might say—suffer from a kind of spiritual sclerosis, that they mull over dead ideas, that they turn over in their minds only what they have absorbed from tradition, and thus become automatons.

[ 12 ] Es ist ja wirklich so: Wenn man mit unbefangenem Sinn heute durch die Welt geht und diejenigen Menschen betrachtet, die heute im Leben stehen, so kann man sie eigentlich im Grunde genommen zu Dutzenden gar nicht voneinander unterscheiden. Man kann sie wirklich nicht unterscheiden. Man redet mit dem A, mit dem B, mit dem C, alle erzählen sie dasselbe. Jeder glaubt selbstverständlich, sein Eigenes zu sagen; aber man kann gar nicht darauf kommen, einen besonderen Unterschied zwischen ihnen anzugeben, sie erzählen alle dasselbe. Man hat eigentlich nur eine Art des Menschen in verschiedenen Exemplaren vor sich, und man frägt sich manchmal? Gibt man sich nicht einer Täuschung hin, ist nicht der, mit dem du heute sprichst, derselbe, mit dem du gestern gesprochen hast? — Das entspricht aber durchaus dem, was sich auch ergibt aus der Betrachtung der aufeinanderfolgenden Erdenleben im Verhältnis zu diesem jetzigen, besonderen Erdenleben. Die Seelen bringen sich eben nicht dasjenige mehr mit, was sie früher gehabt haben, was von Erdenleben zu Erdenleben gegangen ist und immer wiederum erschienen ist, wenn auch in absteigender Kraft, und was wie ein angeborenes Wissen da war. Das ist eben nicht mehr da. Und wenn dann mit solchen Seelen verbunden wird dasjenige, was nur äußerlich beobachtetes, physisch-sinnlich beobachtetes Naturwissen ist, dann werden diese Seelen angefüllt mit einem Wissen vom Vergänglichen, mit einem Wissen, das nur dasjenige in Ideengebilden ausdrückt, was äußerlich, vergänglich ist. Das 19. Jahrhundert hat ja, um sich in einer furchtbaren Illusion hinwegzutäuschen über diese Tatsache, zu dem schon älteren «Gesetz von der Erhaltung des Stoffes» hinzuerfunden das sogenannte «Gesetz von der Erhaltung der Kraft». Es hat diese Gesetze erfunden, um sich darüber hinwegzutäuschen, daß in der Natur nichts erhalten wird, sondern alles vergänglich ist, daß auch der Stoff und die Kraft vergänglich sind. Es bleibt von der Seele nichts mehr übrig, wenn die Inkarnationen sich in der Zukunft wiederholen, als der Menschheitsautomat, wenn diese leere Seele nur angefüllt wird mit dem sinnlich beobachteten, naturwissenschaftlichen Material. Denn das übt keine belebende, keine befruchtende Kraft auf die Seele aus.

[ 12 ] It really is true: If you go through the world today with an open mind and observe the people living their lives today, you actually can’t tell them apart from one another—not even by the dozen. You really can’t tell them apart. You talk to A, to B, to C—they all say the same thing. Everyone naturally believes they are expressing their own thoughts; but you simply cannot pinpoint any specific difference between them—they all say the same thing. You are actually faced with just one type of human being in various incarnations, and you sometimes ask yourself: Aren’t you succumbing to an illusion? Isn’t the person you’re speaking with today the same one you spoke with yesterday? — But that corresponds exactly to what also emerges from considering successive earthly lives in relation to this present, particular earthly life. The souls no longer bring with them what they had before—what passed from one earthly life to the next and always reappeared, albeit with diminishing strength, and what was there like an innate knowledge. That is simply no longer there. And when such souls are then imbued with what is merely externally observed, physically and sensually perceived knowledge of nature, these souls become filled with a knowledge of the transitory—a knowledge that expresses in conceptual constructs only that which is external and fleeting. Indeed, in order to delude itself about this fact through a terrible illusion, the nineteenth century added the so-called “law of conservation of energy” to the already older “law of conservation of matter.” It invented these laws to delude itself into believing that nothing in nature is preserved, but that everything is transitory—that even matter and energy are transitory. When incarnations are repeated in the future, nothing remains of the soul but the “human automaton,” if this empty soul is filled only with the material observed through the senses and studied by the natural sciences. For this exerts no enlivening, no fertilizing power upon the soul.

[ 13 ] Die Seele wird heute geboren, herüberkommend aus früheren Erdenleben, lechzend darnach, befruchtet zu werden von irgend etwas, um wiederum weiterzukommen durch die folgenden Erdenleben. Aber die Aufnahme des Wissens von bloß Vergänglichem gibt ihr nur den Seelentod, mordet die Seele. Das ist dasjenige, was heute im Ernste durchschaut werden muß, daß, wenn es fortan bleibt, daß nur Nichtverstehen sein kann gegenüber den altgewordenen Dogmen, dann nur Lähmung, Tötung eintreten könnte durch ein nicht geistdurchdrungenes Naturwissen, und die Seele den zweiten Tod, den Seelentod erleiden müßte. Es hängt durchaus an den Menschen und an der Menschheit, die Seelen lebendig zu erhalten. Es darf sich der Mensch heute nicht jener bequemen Passivität hingeben, indem er sagt: Ich bin ein ewiges Wesen, und mein ewiger Wesenskern wird mir unter allen Umständen erhalten bleiben. — Das entspricht nicht einem Wirklichkeitsergebnis. Dieser ewige Wesenskern ist allerdings im Menschen vorhanden, aber er muß gerade in diesem Zeitalter der Entscheidung befruchtet werden, wenn er nicht absterben soll. Und es gibt kein anderes Mittel, um die Seele lebendig zu erhalten, als zu brechen mit den bloß physisch-sinnlichen Naturbeobachtungen und zu begründen eine wirkliche Geist-Wissenschaft, auch gegenüber den Naturtatsachen zu zeigen, wie in allem sinnlich zu Beobachtenden der Geist lebt. Es kommt darauf an, nichts gelten zu lassen, was bloß Registrierung sinnlich-physischen Materials ist, sondern zu fordern, daß alles physisch-sinnliche Material durchdrungen werde von Vorstellungen des Geistigen, das ja darin lebt, das nur nicht herausgetrieben werden darf. Denn wenn dann die Seelen, die aus früheren Erdenleben kommen, dieses geisterfüllte Naturwissen aufnehmen, dann werden sie befruchtet und dadurch in die Lage versetzt, ihre Lebendigkeit hinüberzutragen in die folgenden Erdenleben. Der Fortbestand der Seele, ihre Gesundheit, ja der Fortbestand des Seelenlebens selbst, die Abwendung des Seelentodes der Menschheit hängen an der Durchgeistigung unseres Naturwissens!

[ 13 ] The soul is born today, coming from previous earthly lives, yearning to be nourished by something so that it may continue on through the earthly lives that follow. But absorbing knowledge of mere transience brings only the death of the soul; it kills the soul. This is what must be seriously understood today: that if, from now on, there remains only a lack of understanding regarding the outdated dogmas, then only paralysis and death could result from a knowledge of nature that is not imbued with the spirit, and the soul would have to suffer a second death—the death of the soul. It is entirely up to individuals and humanity as a whole to keep the souls alive. People today must not succumb to that comfortable passivity by saying: “I am an eternal being, and my eternal core will remain intact under all circumstances.” — That does not correspond to reality. This eternal core of being does indeed exist within the human being, but it must be nourished precisely in this age of decision if it is not to wither away. And there is no other way to keep the soul alive than to break with merely physical-sensory observations of nature and to establish a true spiritual science—one that demonstrates, even in the face of natural facts, how the spirit lives in everything that can be observed through the senses. What matters is not to accept anything that is merely a record of physical-sensory material, but to demand that all physical-sensory material be permeated by concepts of the spiritual—which indeed lives within it, but must not be driven out. For when souls coming from previous earthly lives take in this spirit-filled knowledge of nature, they are enriched and thereby enabled to carry their vitality over into their subsequent earthly lives. The survival of the soul, its health, indeed the very survival of soul life itself, and the averting of humanity’s spiritual death depend on the spiritualization of our knowledge of nature!

[ 14 ] Aus diesen Tatsachen heraus und nicht aus irgendeinem beliebigen Vorurteil wird heute von uns angestrebt diese Durchgeistigung der Naturwissenschaft. Und wenn die Menschheit in vielen ihrer Exemplare sich gegen diese Durchgeistigung der Naturwissenschaft wendet, dann ist diese Menschheit, eben weil sie unwissend ist gegenüber der eigentlichen Bedeutung der Tatsachen, eben aufgestachelt von Geistern, die wir ja gut kennen, die sich um so mehr in der menschlichen Natur geltend machen können, je weniger die Seele mitgebracht hat aus ihren früheren Inkarnationen. Aus dem ganzen Gefüge unseres Gegenwartslebens, das geistig sich zusammensetzt aus geistentblößter Naturwissenschaft und sinnentblößten Bekenntnissen, geht dasjenige hervor, was immerfort wieder und wiederum in der absurdesten Weise sich gegnerisch verhält gegen den Willen zu einer geistigen Durchdringung des Naturwissens. Es kann nicht oft genug betont werden, wie notwendig es ist in unserer Zeit, solchen Sachverhalt tief innerlich zu verstehen und sich, wenn ich das Wort gebrauchen darf, einzustellen auf eine solche Tatsache. Wir können nicht ernst genug nehmen, was heute auf Ablehnung hingeht einer geistdurchdrungenen Wissenschaftlichkeit, ob es nun aufsprießt in jener Weise, die ich heute nachmittag habe erwähnen hören — ich weiß nicht, inwieweit sie auf Wahrheit beruht —: daß sogar auf einen Beschluß der Farben tragenden Studenten hin die erst in der vergangenen Woche gehaltenen Vorträge boykottiert worden sind, oder ob es in einer anderen Form auftritt. Man kann ja heute die Schriften, die sich gegen diese Geisteswissenschaft wenden, zu ganzen Stößen sammeln. Und was in recht dunkeln, unsauberen Strömungen sich geltend macht, das werden diejenigen, die diese Dinge zu verschlafen lieben, doch auch in verhältnismäßig vielleicht recht kurzer Zeit recht stark wahrnehmen können. Es ist ja heute noch bequemer, unaufmerksam zu sein auf diese Dinge, als aufmerksam zu sein auf sie. Aber wir stehen eben nicht mehr auf dem Punkte, wo wir den Weg zurückmachen könnten zum Unbesprochenbleiben von der Welt. Das läßt sich nicht mehr machen. Und deshalb gibt es nur ein Vorwärtsgehen. Aber dieses Vorwärtsgehen ist gebunden an ein aktives SichBeteiligen an den immer schlimmere Gestalten annehmenden — man kann es ja nicht mehr Diskussionen nennen, aber wollen wir es einmal so nennen — «Diskussionen» der Zeit. Nur wenn es uns gelingt, aus einer starken Kraft heraus, die nur, wenn jeder das Seinige tut, zusammenfließen kann, für Geisteswissenschaft einzutreten und uns nicht zu scheuen, überall in ungeschminkter Weise rückhaltlos zu charakterisieren, wo im Verborgenen offenbar Feindseligkeit gegen die Geisteswissenschaft vorhanden ist, nur dann kann eine Hoffnung bestehen, durchzukommen. Es handelt sich dabei viel weniger darum, bloß dasjenige, was etwa wörtlich genommen als Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft auftritt, aufzufangen und dagegen verteidigend aufzutreten. Das ist gewiß in dem einen oder anderen Fall durchaus notwendig; aber es genügt das nicht. Denn schließlich ist das doch nur die sekundäre Erscheinung, wenn aus törichtem Mißverständlichen oder aus Mißverstehen entsprungen böswillig Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft sich erhebt. Das ist gewissermaßen etwas Sekundäres, das ja natürlich ab und zu in das richtige Licht gesetzt werden muß. Sekundär ist es selbstverständlich, wenn — ich habe das neulich schon im öffentlichen Vortrag angeführt — solche Menschen wie Frohnmeyer über die Hauptgestalt der plastischen Gruppe in Dornach, die als die Christus-Gestalt erlebt werden kann, vorbringen: Daß sich in Dornach eine «Statue des Idealmenschen» befinde, «oben mit «luziferischen» Zügen, unten mit tierischen Merkmalen». — Es ist gewiß notwendig, daß auf so etwas hingewiesen wird, aber schließlich gar nicht einmal deswegen, um bloß unsere Geisteswissenschaft zu verteidigen, sondern aus einem viel tieferen, bedeutsameren Untergrunde heraus. Wer imstande ist, eine solche furchtbare Unwahrheit in die Welt zu setzen, der wirkt schädigend auf die Menschheit in allem, was er schreibt und sagt, wo er erziehend auf die Menschheit wirken soll. Und nicht das ist das Bedeutsame, daß so jemand einmal eine knüppeldicke Lüge ausspricht, sondern das ist das Bedeutsame, daß man von diesem Symptom aus, daß ein Mensch so stark lügen kann, ersieht, auf welchen Pfaden gewisse Führer der Menschheit heute wandeln. Man kann erkennen an den Angriffen gegen die Geisteswissenschaft, wie der heutige Wahrheitssinn beschaffen ist. Und auf dieses breitere Feld hinaus muß die Arbeit auf diesem geistigen Gebiet geführt werden. Das ist es, worauf es ankommt. Man darf nicht zurückschrecken vor dem Aufsuchen dieses mangelnden Wahrheitssinnes auf allen Gebieten. Und es muß die Menschheit verstehen lernen, daß nur mit wirklichem Wahrheitssinn der Zukunft entgegengearbeitet werden kann, wenn die Seelen den Weg finden sollen aus der Inkarnation dieses Zeitalters in die Inkarnation der nächsten Zeitalter hinein. Es handelt sich heute dabei nicht um etwas Formales, sondern durchaus um das reale Leben der Seele durch die aufeinanderfolgenden Erdenleben hindurch. Man suche und man wird finden, wie der Zusammenhang ist zwischen jener Ihnen früher charakterisierten innerlichen Unwahrhaftigkeit des Denkens — in äußerlich der Seele entgegengebrachten Bekenntnissen, ohne eine innerliche Verbindung herzustellen mit der Wahrheit — und der Unwahrhaftigkeit in der äußeren Welt. Denn schließlich ist es doch eine merkwürdige Erscheinung, daß solche Unwahrhaftigkeiten besonders bei denjenigen so stark auftreten — womit ich aber nicht sagen will, daß sie bei Genossen von den anderen Fakultäten nicht vorhanden wären —, die eigentlich die Belehrer der Menschheit, die großen Siegelbewahrer der religiösen Wahrheiten sein sollten.

[ 14 ] It is on the basis of these facts—and not out of any arbitrary prejudice—that we today strive for this spiritualization of the natural sciences. And if many members of humanity oppose this spiritualization of the natural sciences, then this humanity—precisely because it is ignorant of the true significance of the facts—is being incited by spirits whom we know well, spirits who are able to assert themselves all the more in human nature the less the soul has brought with it from its previous incarnations. From the entire fabric of our present-day life—which, spiritually speaking, consists of a natural science stripped of the spiritual and creeds stripped of meaning—emerges that which, time and again, in the most absurd manner, stands in opposition to the will for a spiritual permeation of scientific knowledge. It cannot be emphasized often enough how necessary it is in our time to understand this state of affairs deeply within ourselves and, if I may use the term, to attune ourselves to this reality. We cannot take seriously enough what is happening today in terms of the rejection of a science imbued with spirit, whether it springs up in the manner I heard mentioned this afternoon—I do not know to what extent it is based on truth—: that even following a resolution by the students wearing the colors, the lectures held just last week were boycotted, or whether it manifests in another form. One can, after all, gather together whole stacks of writings today that are directed against this spiritual science. And what is asserting itself in rather dark, murky currents—those who love to sleep through these things will, perhaps, be able to perceive it quite strongly in a relatively short time. After all, it is still more convenient today to remain inattentive to these matters than to pay attention to them. But we are no longer at the point where we could turn back and remain unaddressed by the world. That is no longer possible. And that is why there is only one way forward. But this moving forward is tied to active participation in the “discussions”—one can no longer really call them discussions, but let’s call them that for now—of our time, which are taking on ever more dire forms. Only if we succeed—drawing on a powerful force that can coalesce only when everyone does their part—in standing up for spiritual science and not shying away from unflinchingly and unreservedly exposing, wherever it exists, the hidden hostility toward spiritual science, only then can there be any hope of prevailing. This is much less a matter of merely countering what might, taken literally, appear as opposition to spiritual science and taking a defensive stance against it. That is certainly necessary in one case or another; but it is not enough. For ultimately, this is only a secondary phenomenon—when malicious opposition to the spiritual sciences arises from foolish misunderstandings or misinterpretations. This is, so to speak, something secondary that must, of course, be put into the proper light from time to time. It is, of course, secondary when—as I recently mentioned in a public lecture—people like Frohnmeyer make claims about the central figure of the sculptural group in Dornach, which can be experienced as the figure of Christ: that there is a “statue of the ideal human being” in Dornach, “with ‘Luciferic’ features at the top and animalistic characteristics at the bottom.” — It is certainly necessary to point out such things, but ultimately not even to simply defend our spiritual science, but from a much deeper, more significant foundation. Anyone capable of spreading such a terrible untruth into the world has a harmful effect on humanity in everything they write and say, precisely where they are supposed to have an educational influence on humanity. And what is significant is not that such a person utters a blatant lie once in a while, but rather that this symptom—the fact that a person is capable of lying so brazenly—reveals the paths along which certain leaders of humanity are walking today. One can see from the attacks against spiritual science what the current sense of truth is like. And the work in this spiritual field must be extended to this broader arena. That is what matters. We must not shy away from seeking out this lack of a sense of truth in all areas. And humanity must learn to understand that only with a genuine sense of truth can we work toward the future, if souls are to find the path from the incarnation of this age into the incarnations of the ages to come. What is at stake today is not something formal, but rather the very real life of the soul through successive earthly lives. Seek, and you will find the connection between that inner untruthfulness of thought—which I described to you earlier—manifested in outward professions of faith made to the soul without establishing an inner connection to the truth—and the untruthfulness in the outer world. For after all, it is a curious phenomenon that such insincerities occur so strongly—though I do not mean to say that they are absent among members of other faculties—particularly among those who are actually supposed to be the teachers of humanity, the great custodians of religious truths.

[ 15 ] Das ist die erste Pflicht des heutigen Menschen, der irgendeine Beziehung zum geistigen Leben haben will: die kulturhistorisch gewordene Unwahrhaftigkeit aufzusuchen. Es ist merkwürdig, wie tief eingefressen diese kulturhistorische Unwahrhaftigkeit ist. Sie ist ein Charakteristikum unseres Zeitalters. Aus der Politik, in der sie ihre üblen Sumpfpflanzen getrieben hat, ist sie ja schließlich eingedrungen auch in manches andere Gebiet. Und es ist schon der Zustand eingetreten, daß die Menschen kaum mehr unterscheiden können zwischen Wahrhaftigkeit und Unwahrhaftigkeit in bezug auf gewisse Erscheinungen des Lebens. Sie sehen, es spielt eine gewisse Lebenserscheinung, die Unwahrhaftigkeit, der wir auf Schritt und Tritt im täglichen Leben begegnen, sowohl] in diesem täglichen Leben ihre Rolle, wie auch in den großen Angelegenheiten des Lebens. Schließlich ist die Unwahrhaftigkeit heute demselben Hang entsprossen, gleichgültig, ob sie nun auftritt bei den erleuchteten Herren — allerdings von einem merkwürdigen Licht erleuchtet —, die in Genf versammelt waren, oder ob sie auftritt bei den verschiedenen bürgerlichen und proletarischen Kaffeeklatschen. Was als Geist in Genf und in den bürgerlichen und proletarischen Kaffeeklatschen gelebt hat, ist als Unwahrhaftigkeit beliebt, und in Parenthese möchte ich sagen die Anwesenden müssen mir das nicht übelnehmen, in Parenthese darf ich es wohl sagen —, daß sie auch durchaus nicht ausgerottet ist innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Unwahrhaftigkeit ist eine kulturhistorische Erscheinung der Gegenwart, und mit ihr muß man sich befassen. Sie darf vor allen Dingen auf keinem Gebiet bloß entschuldigt werden, sondern sie muß charakterisiert, vor die Zeitgenossen hingestellt werden. Wir erleben es ja immer wiederum, daß, wenn einmal die dringende Notwendigkeit sich herausstellt, auf solche Dinge hinzuweisen, uns auch von Leuten, die in der anthroposophischen Bewegung stehen, weil ihnen die Dinge unbequem sind, weil sie leben müssen innerhalb der Unwahrhaftigkeit und ihnen daher die Charakteristik der Unwahrhaftigkeit in dem einen oder andern Falle höchst unbequem ist, dieses Charakterisieren der Unwahrhaftigkeit immer wiederum übelgenommen wird.

[ 15 ] This is the first duty of people today who wish to have any connection to spiritual life: to seek out the untruthfulness that has become part of cultural history. It is remarkable how deeply ingrained this cultural-historical untruthfulness is. It is a defining characteristic of our age. From politics, where it has spread its noxious weeds, it has ultimately penetrated many other areas as well. And we have already reached the point where people can hardly distinguish between truthfulness and untruthfulness with regard to certain phenomena of life. You see, a certain phenomenon—untruthfulness, which we encounter at every turn in daily life—plays a role both] in this daily life and in the great affairs of life. After all, untruthfulness today has sprung from the same tendency, regardless of whether it appears among the enlightened gentlemen—albeit illuminated by a peculiar light—who were gathered in Geneva, or whether it appears at the various bourgeois and proletarian coffee-house gatherings. What has lived as a spirit in Geneva and in the bourgeois and proletarian coffee-house gatherings has become popular as insincerity, and, as an aside—and I hope those present will not hold this against me, as an aside I am surely allowed to say—it is by no means eradicated within the Anthroposophical Society. This insincerity is a cultural-historical phenomenon of the present, and we must address it. Above all, it must not simply be excused in any area, but rather it must be characterized and presented to our contemporaries. We see time and again that, whenever the urgent need arises to point out such things, even people within the anthroposophical movement—because these matters make them uncomfortable, because they must live within insincerity, and because the characterization of insincerity in one case or another is therefore highly uncomfortable for them— this characterization of insincerity is time and again taken amiss.

[ 16 ] Diese Dinge, die ich heute gesagt habe, in Verbindung gedacht mit dem, was ich in den zwei vorigen Betrachtungen gesagt habe in bezug auf die Wiederverkörperung der Seelen über die heutige zivilisierte Welt hin, sowie über das Interesse, das bei einem Teil der Menschheit vorhanden ist, das Entscheidende, das im gegenwärtigen Zeitalter an die Menschheit heran will, nicht an diese Menschheit herankommen zu lassen, kann einen Begriff geben von dem großen Ernste der Zeitaufgaben, in denen wir drinnenstehen. |

[ 16 ] The things I have said today, when considered in connection with what I said in the two previous reflections regarding the reincarnation of souls throughout today’s civilized world, as well as the interest that exists among a portion of humanity in preventing the decisive force that seeks to reach humanity in the present age from actually reaching this humanity—can give an idea of the great gravity of the tasks of our time in which we are immersed. |

[ 17 ] Diese Zeitaufgaben sind durchaus vom tiefsten Ernste durchdrungen. Und deshalb, weil es so notwendig ist, gerade auf unserem Boden von diesem Gesichtspunkte auszugehen, habe ich das letzte Mal am Schlusse davon gesprochen, wie schmerzlich es mir ist, daß heute so viel Zeit in Anspruch genommen wird, ohne daß zu gleicher Zeit die Möglichkeit vorhanden ist, die frühere anthroposophische Arbeit so fortzusetzen, wie sie vorhanden war, bevor die Notwendigkeit — eine Notwendigkeit ist es ja— sich ergeben hat, in den Dingen zu arbeiten, die ja hier oftmals besprochen worden sind, und die eben heute durchaus da sein müssen. Allein, wenn wir uns in das richtige Verhältnis zu diesen Dingen setzen wollen, dann ist es notwendig, notwendig gerade aus dem Geiste der großen Zeitaufgaben heraus.

[ 17 ] These contemporary challenges are indeed imbued with the deepest seriousness. And precisely because it is so necessary, especially in our context, to approach matters from this perspective, I spoke at the end of our last session about how painful it is for me that so much time is being taken up today without, at the same time, the possibility of continuing the earlier anthroposophical work as it existed before the necessity—and it is indeed a necessity — arose to work on the matters that have often been discussed here and that must certainly be addressed today. However, if we wish to establish the proper relationship to these matters, then it is necessary—necessary precisely out of the spirit of the great tasks of our time.

[ 18 ] Wir müssen uns nämlich nur folgendes heute immer klarer und klarer machen: Unsere Freunde haben sich vielfach eingelebt in die anthroposophische Bewegung, wie sie ja im Grunde seit dem Beginn dieses Jahrhunderts da ist. Diese anthroposophische Bewegung ist etwas, was nun wirklich nicht bloß eine Realität hier auf dem physischen Plan hat, sondern was fortdauernd eine Angelegenheit der geistigen Welten ist, eine unmittelbare Angelegenheit der geistigen Welten ist. Selbstverständlich sind auch die äußersten praktischen Maßnahmen eine Angelegenheit der geistigen Welten, aber nicht in dem Sinn, wie es die anthroposophische Bewegung selbst ist. Und darüber muß ich heute ein paar Worte sagen. — Die anthroposophische Bewegung in ihren geistigen Aspekten, sie geht fort, ob die Menschen hier, die sie vertreten, fleißig oder faul sind; ob die Menschen, die sie vertreten, sich Mühe geben, die Dinge vorwärtszubringen oder nicht vorwärtszubringen, sie geht eben dann schneller oder langsamer vorwärts, aber sie bleibt in ihrer geistigen Realität vorhanden. Da es notwendig geworden ist, praktische Dinge ins Leben zu rufen, die unmittelbar aus den Forderungen der Gegenwart herausgewachsen sind, so steht es mit diesen Dingen anders. Diese Dinge müssen in ihrer richtigen Zeit gemacht werden, da es unmöglich ist, mit diesen Dingen zurechtzukommen, wenn sie nicht in der richtigen Zeit absolviert werden. Für die Dinge des praktischen Lebens kann es so liegen, daß, wenn sie in langsamem Trott gemacht werden, sie einfach zu spät kommen. Innerhalb der anthroposophischen Bewegung hat man sich aber vielfach gewöhnt an dasjenige, was langsam oder schnell gehen kann. Und es wird jetzt vielfach die Praxis, die man sich dort angeeignet hat, auch hinübergetragen in diejenigen Dinge, in denen diese Praxis nicht geht. Und das ist dasjenige, hauptsächlich, was zugrunde liegt dem, was ich neulich charakterisieren wollte, indem ich hingewiesen habe darauf, daß wiederum die Möglichkeit geschaffen werden muß, dasjenige, woraus ja doch schließlich alles fließt, die anthroposophische Bewegung als solche zu pflegen. Wie lange mußte ich schon darauf hinweisen, daß es gar nicht möglich ist, persönliche Unterredungen jetzt zu haben. Ja, meine lieben Freunde, wir haben in den letzten Tagen der vorigen Woche — die paar wenigen Leute, die nun wirklich arbeiten können in den praktischen Angelegenheiten —, wir haben unsere Tage bis gegen drei Uhr morgens besetzt gehabt. Und doch sind die Leute immer wiederum unwillig, wenn nicht dem Wunsche nach persönlicher Besprechung Rechnung getragen werden kann. Aber ich möchte wissen, woher die Zeit kommen soll dazu. Das muß verstanden werden. Daraus darf nicht eine Lässigkeit im anthroposophischen Leben selber fließen; sondern im Gegenteil, es muß geradezu eine Erkraftung des anthroposophischen Lebens daraus kommen. Denn seien Sie versichert, wenn diese Erkraftung des anthroposophischen Lebens kommt, dann kommt das andere Notwendige auch auf den praktischen Lebensgebieten von selber. Aber die Erkraftung muß kommen vor allen Dingen. Diese Erkraftung muß so kommen, daß wir versuchen, alles Träumerische aus unseren Seelen auszutreiben. Was bloß brüten will auf irgendeiner Lebensinsel, was sich nicht kümmern will um dasjenige, was im Leben heute vorgeht, ist dasjenige, was die Verfolgung der wirklichen Aufgaben des Lebens so lähmt. Diese Aufgaben werden gelähmt, wenn die Menschen auf der einen Seite einfach blind bleiben, schläfrig bleiben gegenüber dem, was im äußeren Leben sich abspielt, und ihr Heil, was aber mehr die Wollust ihrer Seele ist, suchen in der Bearbeitung allerlei lebensfremder, mystischer Probleme auf ihren Lebensinseln.

[ 18 ] In fact, we must make the following point increasingly clear to ourselves today: Our friends have, in many ways, become deeply rooted in the anthroposophical movement, which has, after all, existed since the beginning of this century. This anthroposophical movement is something that is truly not merely a reality here on the physical plane, but is continually a matter of the spiritual worlds—a direct matter of the spiritual worlds. Of course, even the most practical measures are a matter of the spiritual worlds, but not in the same sense as the anthroposophical movement itself is. And I must say a few words about that today. — The anthroposophical movement, in its spiritual aspects, continues regardless of whether the people here who represent it are diligent or lazy; regardless of whether the people who represent it make an effort to move things forward or not—it simply moves forward more quickly or more slowly, but it remains present in its spiritual reality. Since it has become necessary to bring practical matters into being that have grown directly out of the demands of the present, the situation is different with these matters. These matters must be carried out at the right time, since it is impossible to manage them if they are not completed at the right time. With matters of practical life, it may be the case that if they are carried out at a slow pace, they simply arrive too late. Within the anthroposophical movement, however, people have in many cases become accustomed to approaches that can proceed slowly or quickly. And the practices adopted there are now frequently being applied to situations where such approaches are not feasible. And that is, primarily, what underlies what I recently sought to characterize by pointing out that we must once again create the possibility of nurturing that from which, after all, everything flows: the anthroposophical movement as such. How long have I had to point out that it is simply not possible to have personal conversations at this time? Yes, my dear friends, in the last few days of the previous week—the few people who are actually able to work on practical matters—we have been occupied until around three in the morning. And yet people are always reluctant when the desire for a personal discussion cannot be accommodated. But I would like to know where the time for that is supposed to come from. This must be understood. This must not lead to a lack of seriousness in anthroposophical life itself; on the contrary, it must result in a genuine revitalization of anthroposophical life. For rest assured, when this revitalization of anthroposophical life comes, then the other necessary things will also follow of their own accord in the practical spheres of life. But this revitalization must come above all else. It must come in such a way that we strive to drive all dreaminess out of our souls. That which merely seeks to brood on some island of life, that which refuses to concern itself with what is happening in life today—that is precisely what so paralyzes the pursuit of life’s real tasks. These tasks are paralyzed when people, on the one hand, simply remain blind and indifferent to what is taking place in the outer world, and seek their salvation—which is, in fact, more the indulgence of their souls—in grappling with all manner of otherworldly, mystical problems on their “islands of life.”

[ 19 ] Ich berühre damit etwas außerordentlich Wichtiges, etwas, was eine unmittelbare Anwendung der Ideen über die großen Aufgaben der Zeit auf unsere eigene Bewegung ist. — Jeder einzelne von uns müßte mitarbeiten an der Erkraftung dieser anthroposophischen Bewegung. Man kann nur mitarbeiten an der Erkraftung dieser anthroposophischen Bewegung, wenn man sich ein freies und offenes Auge anerzieht für dasjenige, was die Niedergangserscheinungen in unserem Kulturleben im Großen sind. Für Anthroposophen geht es nicht an, sich nicht zu kümmern um diese Niedergangserscheinungen im Großen. Es geht nicht an für Sie, sich nicht hinzuwenden zu dem, was die heutige Zivilisation durchdringt mit einer Kraft, die sie in den Abgrund hineintreibt. — Trotzdem es auf der einen Seite nicht gerne gehört wird, auf der anderen Seite immer wiederum vergessen wird, muß ich immer wiederum darauf hinweisen, daß die Dinge von selber nicht besser werden. Und das kontemplative Brüten heute, das eine Art transzendentaler Demonstration bei vielen ist, das ist dasjenige, was uns außerordentlich schadet. Statt daß der Wille aufgerüttelt wird und man sich sagt: Ich will tun —, brütet man darüber nach, ob da oder dort die Verhältnisse so sind, daß man etwas tun kann.

[ 19 ] I am thus touching on something extraordinarily important, something that is a direct application of the ideas about the great tasks of our time to our own movement. — Each and every one of us must contribute to strengthening this anthroposophical movement. One can only contribute to strengthening this anthroposophical movement by cultivating a free and open-minded view of the broad-scale manifestations of decline in our cultural life. It is not acceptable for anthroposophists to ignore these broad-scale manifestations of decline. It is unacceptable for you not to turn your attention to what is permeating today’s civilization with a force that is driving it into the abyss. — Even though, on the one hand, this is not welcome to hear, and on the other hand, it is constantly forgotten, I must repeatedly point out that things will not get better on their own. And the contemplative brooding of today—which for many is a kind of transcendental demonstration—is precisely what is causing us extraordinary harm. Instead of rousing the will and saying to oneself, “I will act,” people brood over whether conditions here or there are such that one can do anything.

[ 20 ] Meine lieben Freunde, wenn man vom Beginn des Jahrhunderts so nachgedacht hätte über die anthroposophische Bewegung, niemals wäre sie heute dasjenige, was sie ist. Denn die gescheiten Leute, die dazumal aufgetreten sind, haben gesagt, in München müsse man so und so arbeiten; und die noch gescheiteren haben wieder unterschieden zwischen Schwabing und München, und haben überall das Gras wachsen hören, das ihnen anzeigte, wie die betreffenden Orte beschaffen sind. Dann sind solche gekommen, die haben in Hannover, in Frankfurt ganz besondere Verhältnisse gefunden. Das war etwas, dem man überall begegnete. Hätte man irgendwie darauf gehört, man wäre keinen Schritt vorwärtsgekommen. Es war das dazumal schon eine üble Sache, aber heute, wo es sich um Aufgaben des praktischen Lebens vielfach handelt, ist es eine noch üblere Sache. Denn heute handelt es sich nicht darum, daß wir solche Graswachserei aufstöbern, sondern darum, daß wir unseren Willen anspannen, um etwas zu tun, um wirklich zu arbeiten. Es ist natürlich ungemein leicht, zu sagen: Ich verspüre in der transzendentalen Atmosphäre dieses oder jenes Ortes, daß man da nicht das oder jenes tun kann — es ist viel leichter, als einfach etwas tun wollen. Man sollte so wenig wie möglich sich auf das Äußere heute berufen, und so viel wie möglich das Innere in Gang bringen. Das ist dasjenige, was nun wirklich nicht oft genug betont werden kann.

[ 20 ] My dear friends, if people had thought about the anthroposophical movement in this way at the beginning of the century, it would never have become what it is today. For the clever people who spoke up back then said that in Munich one had to work this way or that; and the even cleverer ones distinguished between Schwabing and Munich, and heard the grass growing everywhere, which told them what the respective places were like. Then there were those who found very special circumstances in Hanover and Frankfurt. That was something one encountered everywhere. If we had paid any attention to that, we wouldn’t have made a single step forward. It was already a bad thing back then, but today, when we’re often dealing with the tasks of practical life, it’s an even worse thing. For today it’s not a matter of tracking down such “grass-growing,” but of summoning our will to do something, to truly work. Of course, it is incredibly easy to say: “In the transcendental atmosphere of this or that place, I sense that one cannot do this or that”—it is much easier than simply wanting to do something. One should rely as little as possible on external circumstances today, and set one’s inner self in motion as much as possible. That is something that truly cannot be emphasized often enough.

[ 21 ] Und dazu kommt eben, daß zwar der anthroposophische Ernst durchaus aufrechterhalten werden muß, daß aber wirklich die Kraft aufgebracht werden muß, in bezug auf das Äußere eben einfach wirklich mit Interesse auf die Dinge einzugehen. Wir müssen doch wissen, was in der Welt vor sich geht — und es gehen viele Dinge vor sich. Aber es ist erstaunlich, wie auch in unseren Kreisen man sich wenig kümmert um das, was geschieht.

[ 21 ] And on top of that, while we must certainly maintain our anthroposophical seriousness, we really must muster the strength to simply engage with external matters with genuine interest. After all, we need to know what is going on in the world—and a great many things are happening. But it is astonishing how little attention is paid to what is happening, even within our own circles.

[ 22 ] Ich will eine betrübliche Tatsache hervorheben. Diese Tatsache hat viele Ursachen, aber es würde heute die Zeit nicht ausreichen, alle die einzelnen Ursachen Ihnen zu schildern. Aber das liegt doch vor, daß unsere Zeitschrift für Dreigliederung seit dem Mai um fast keinen einzigen Abonnenten vorwärtsgekommen ist. Und dabei sind wir eine Gesellschaft, die Tausende und Tausende von Mitgliedern hat. Es ist wirklich recht traurig, daß eine solche Tatsache eben verzeichnet werden muß. Aber solche Tatsachen sind da, und das ist nur eine derselben. Glauben Sie, es ist durchaus wahr: die Gegner sind da andere Kerle, die sind überall auf ihrem Posten. Und deren Machinationen, die breiten sich aus. Ich sage diese Dinge nicht ohne Bedacht, und namentlich nicht ohne Bedacht dessen, was wir gewärtig sein müssen, wenn wir nicht alle Kraft zusammennehmen, die wir in uns haben, wenn wir nicht summieren all die einzelnen, individuellen Kräfte. Das brauchen wir. Wir müssen nun so viel Anthroposophie in uns haben, daß wir an die Werke gehen können, sonst kommen wir zu spät. Und ich sehe nicht, daß von anderer Seite dasjenige unternommen wird, was unternommen werden muß, sonst würde ich wahrhaftig nicht darauf verfallen, just von uns zu sagen, daß wir zu spät kommen.

[ 22 ] I want to highlight a distressing fact. There are many reasons for this, but there isn’t enough time today to explain all of them to you. But the fact remains that our magazine on the Threefold Social Order has gained almost no new subscribers since May. And yet we are an organization with thousands upon thousands of members. It is truly quite sad that such a fact must be noted. But such facts exist, and this is just one of them. Believe me, it is absolutely true: our opponents are a different breed; they are at their posts everywhere. And their machinations are spreading. I do not say these things without careful consideration, and especially not without considering what we must be prepared for if we do not muster all the strength we have within us, if we do not combine all these individual, personal strengths. That is what we need. We must now have enough anthroposophy within us to set to work; otherwise, we will be too late. And I do not see that what needs to be done is being undertaken by others; otherwise, I truly would not be led to say that we, of all people, are running out of time.

[ 23 ] Es ist manches Schöne im Anzuge, vor allen Dingen die Teilnahme eines Teiles der Studentenschaft bei unseren Bestrebungen. Gerade aus diesem Gebiet heraus kann das Fruchtbarste erwachsen, wenn man dieser Sache mit echtem, wahrem Verständnis entgegenkommt; aber wir müssen uns auch klarsein darüber, wie man dieser Sache entgegenkommen muß. Da geht es ganz gewiß mit unklarem Mysteln nicht. Da handelt es sich darum, daß man aus innerem Lebensfleiß heraus der Sache entgegenkommt.

[ 23 ] There are many positive developments on the horizon, above all the participation of a portion of the student body in our efforts. It is precisely from this area that the most fruitful results can arise, if one approaches this cause with genuine, true understanding; but we must also be clear about how to approach this cause. It certainly cannot be done with vague mysticism. It is a matter of approaching the cause out of an inner zeal for life.

[ 24 ] Dieses und noch manches andere wäre vielleicht heute zu sagen, aber ich denke, das andere könnte sich bei Ihnen selbst einfinden, wenn Sie die Gedankengänge, die angeregt worden sind, in sich selber weiter entwickeln. Aber daß sie sich weiter entwickeln möchten, das ist dasjenige, was ich am Schlusse dieses letzten Vortrages als einen vorläufigen Wunsch hinstellen möchte. Und jetzt sind die Zeiten so, daß ich einen solchen Wunsch nicht hinstellen kann für die Erfüllung auf Jahre hinaus, sondern daß ich nur sehen kann auf die Wochen, bis ich wiederum hier sein kann. Denn im Grunde stehen die Dinge jetzt so, daß wir wirklich die Zeit brauchen, daß wirklich jede Woche verloren sein kann, die wir nicht benützen.

[ 24 ] This and many other things might be worth mentioning today, but I think the rest might come to you on your own if you continue to develop the lines of thought that have been suggested within yourselves. But that you might wish to develop them further—that is what I would like to offer as a tentative hope at the conclusion of this final lecture. And now, given the times we live in, I cannot express such a wish with the expectation that it will be fulfilled years from now; rather, I can only look ahead to the coming weeks until I can be here again. For, fundamentally, things now stand such that we truly need this time—and every week we fail to make use of could truly be lost.

[ 25 ] Deshalb, meine lieben Freunde, möchte ich Ihnen am Schlusse dieses Vortrages zweierlei sagen: Erstens möchte ich den Wunsch aussprechen, daß dasjenige verstanden werde, was ich heute gesagt habe, bis wir uns wiedersehen. Das zweite: daß dieses Wiedersehn eben erfolgen könnte, indem hingewiesen werden kann auf Dinge, die in der Richtung dieses Wunsches liegen. In diesem Sinne sage ich Ihnen auf Wiedersehen!

[ 25 ] Therefore, my dear friends, I would like to say two things to you at the end of this lecture: First, I would like to express the hope that what I have said today will be understood by the time we meet again. Second, I hope that this reunion might indeed take place by pointing to things that align with this wish. With this in mind, I bid you farewell!