Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204
9 April 1921, Dornach
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The Spiritual Backgrounds of the Outer World, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Ich möchte am heutigen Abend nicht in direkter Weise die Betrachtungen, die sonst an Sonnabenden und Sonntagen hier gepflegt werden, fortsetzen. Sondern ich möchte — damit die Freunde unserer Sache, die hierher gekommen sind, möglichst viel von dem mitnehmen können, was gerade in einem weiteren oder engeren Zusammenhange mit den Betrachtungen steht, die hier während dieser Woche angestellt worden sind — einige allerdings intimere Betrachtungen noch anstellen, die sich aber anschließen sollen an die Fragen, die auch schon in dieser Woche angeschlagen worden sind.
[ 1 ] This evening, I do not wish to directly continue the reflections that are usually held here on Saturdays and Sundays. Instead—so that the friends of our cause who have come here may take away as much as possible of what is connected, in a broader or narrower sense, with the reflections that have been offered here this week—I would like to offer a few more intimate reflections, which will, however, follow on from the questions that have already been raised this week.
[ 2 ] Ich habe selbst mit Hinblick auf die Befruchtung des Sprachwissenschaftlichen durch die anthroposophische Geisteswissenschaft darauf hingewiesen, wie eine ursprüngliche Empfindungsweise gegenüber der Sprache verlorengegangen ist, und wie anstelle dieser Empfindungsweise mehr ein abstraktes Hingeordnetsein auf die Dinge der Umwelt getreten ist. Ich habe darauf hingewiesen, daß es eine bedeutsame Entwickelungskraft in der menschlichen Geschichte darstellt, daß durch Aristoteles, also im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, das auftaucht, was dann die Logik genannt worden ist. Denn das bewußte Hineinleben in das Logische, das vorher in der menschlichen Seelenverfassung mehr unbewußt und instinktiv gewaltet hat, bedeutet eben ein Hingeordnetsein nach der Welt im abstrakten Sinne.
[ 2 ] With regard to the enrichment of linguistics through anthroposophical spiritual science, I myself have pointed out how an original way of perceiving language has been lost, and how this way of perceiving has been replaced by a more abstract orientation toward the things of the environment. I have pointed out that the emergence of what came to be called logic—through Aristotle, that is, in the 4th century B.C.—represents a significant force of development in human history. For the conscious immersion in the logical—which previously operated more unconsciously and instinctively in the human psyche—means precisely an ordering of the world in an abstract sense.
[ 3 ] Ich sagte, daß in älteren Zeiten ein innerer, konkreterer Vorgang noch gefühlt worden ist, der sich vergleichen läßt mit dem, was wir studieren können im Geschlechtsreifwerden des Menschen. Was auftritt im Kinde, wenn es sprechen lernt, ist eben eine Metamorphose, eine mehr nach innen sich ausbildende Metamorphose des Prozesses, der sich beim Geschlechtsreifwerden später im Menschen dann entfaltet. Und was in diesem Prozeß des Sprechenlernens im Inneren des Menschen verläuft, das hatte für die ältere Menschheit dann Nachwirkungen für das ganze menschliche Leben: Der Mensch fühlte sich so, als ob in ihm durch das Wort etwas zum Ausdrucke käme, was auch in den Dingen draußen lebt, was die Dinge aber nicht aussprechen, weil sie gewissermaßen verstummt sind. Im Erklingen des Wortes im Inneren wurde etwas gefühlt, was Vorgängen im Äußeren entspricht. Was da erlebt wurde, war ein viel Inhaltsvolleres, ein dem menschlichen Leben viel Näherliegendes als dasjenige, was heute innerlich erfahren wird in dem Erfassen der Welt durch abstrakte Begriffe. Aber was da der Mensch erlebte durch das Wort, es war, ich möchte sagen, organischer, es war instinktiver, es war mehr dem Animalisch-Seelischen zugeneigt, als das ist, was sich durch das begrifflich abstrakte Erfassen der Dinge erfahren läßt. Man wurde dem geistigen Leben nähergerückt durch dieses abstrakte Erfassen. Aber zugleich wurde eben der Mensch zur Abstraktion gebracht. So daß in dem Augenblicke, dem weltgeschichtlichen Augenblicke, in welchem der Mensch gleichsam heraufgehoben wurde, um allmählich den Geist zu erfahren, er zu gleicher Zeit man kann sich ja in diesen Dingen nur mehr oder weniger bildhaft ausdrücken, da die Sprache noch nicht eigentliche Worte dafür geprägt hat — gewissermaßen in seinem Geist-Erleben eine Verdünnung erfuhr, eben eine Verdünnung in die Abstraktion hinein.
[ 3 ] I said that in earlier times, people still sensed an inner, more concrete process that can be compared to what we can study in human puberty. What occurs in a child when it learns to speak is precisely a metamorphosis—a metamorphosis of the process that unfolds later in human beings during puberty, one that develops more inwardly. And what takes place within a person during this process of learning to speak had, for humanity in earlier times, repercussions for the whole of human life: People felt as if, through the word, something within them was coming to expression—something that also lives in the things outside, but which those things do not express because they are, so to speak, silenced. In the resounding of the word within, something was felt that corresponded to processes in the external world. What was experienced there was far more substantial, far closer to human life than what is experienced inwardly today in the apprehension of the world through abstract concepts. But what people experienced through the word was, I would say, more organic; it was more instinctive; it was more inclined toward the animally-psychic than is what can be experienced through the abstract conceptual grasping of things. People were brought closer to spiritual life through this abstract comprehension. But at the same time, human beings were led toward abstraction. So that at that moment—that moment in world history—when human beings were, as it were, lifted up to gradually experience the spirit, he simultaneously—one can, of course, only express these things more or less figuratively, since language has not yet coined actual words for them—experienced, so to speak, a dilution in his spiritual experience, precisely a dilution into abstraction.
[ 4 ] Dieser Prozeß vollzog sich, wie Sie ja begreifen werden, nicht bei allen Völkern in der gleichen Weise. Bei den Völkern, die gewissermaßen die zunächst hervorragendsten Träger der Zivilisation waren, vollzog er sich früher, andere blieben zurück. Und ich konnte ja sagen, daß die in Mitteleuropa sitzenden Völker etwa im 11. Jahrhunderte noch auf einem Standpunkte standen, der gegenüber der griechischen Zivilisationsentwickelung als voraristotelisch bezeichnet werden muß. In Mitteleuropa überschritt man den Punkt, den die Griechen durch Aristoteles überschritten, eben erst viel später. Die Griechen nahmen durch den Aristotelismus vieles von dem voraus, was für die mitteleuropäischen Völker und diejenigen, die in der Zivilisation zu ihnen gehörten, eigentlich erst mit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts eintrat.
[ 4 ] As you will understand, this process did not unfold in the same way among all peoples. Among the peoples who were, so to speak, the most prominent early bearers of civilization, it took place earlier; others lagged behind. And I could say that the peoples of Central Europe, as late as the 11th century, were still at a stage that, in relation to the development of Greek civilization, must be described as pre-Aristotelian. In Central Europe, the point that the Greeks had surpassed through Aristotle was not reached until much later. Through Aristotelianism, the Greeks anticipated much of what for the Central European peoples—and those who belonged to their civilization—did not actually occur until the first third of the 15th century.
[ 5 ] Nun hängt zweierlei mit diesem Fortschreiten des Menschen in bezug auf das Verstehen des Sprachlichen und das Verstehen des Abstrakten zusammen. Auf das eine habe ich ja schon hingedeutet: Indem mit dem Aristotelismus — der aber nur das Symptom war für eine allgemeine Erfassung der Sache in der griechischen Zivilisation — des Menschen Seelenleben heraufgehoben wurde in die Abstraktion, wurde es fremd jenem unmittelbaren Erleben des Wortes, der Sprache. Und damit schloß sich gewissermaßen das Tor nach derjenigen menschlichen Lebensentfaltung, die gegen die Geburt zu liegt. Der Mensch fand sich nicht mehr in seinem gewöhnlichen Erleben zurück bis zu dem Punkte, wo er am Sprechenlernen hätte sehen können, wie Geistig-Seelisches in ihm waltet, ein ebenso Geistig-Seelisches wie draußen in der Welt. Dadurch aber wurde er auch abgelenkt, weiter zurückzuschauen. Und die nächsten Etappen hätten ja ergeben, was man nennen könnte: Verbindung des Geistes mit der physisch-leiblichen Materie überhaupt. Sie hätten ergeben das Durchschauen der Präexistenz, die Erkenntnis davon, daß das Geistig-Seelische des Menschen in übersinnlichen Welten ein Dasein führt, bevor es sich verbindet mit dem körperlichen Wesen, das innerhalb der physischen Materie gegeben ist. Diese Erkenntnis war allerdings in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in der ausgesprochenen bewußten Form, wie wir sie uns heute wieder erringen wollen dutch Geisteswissenschaft, sondern in einer instinktiven Weise vorhanden; und die Reste davon sind ja in dem, was uns als orientalische Kultur entgegentritt, geblieben, für welche das Hinschauen auf die präexistierende Menschenseele eine Selbstverständlichkeit ist.
[ 5 ] Now, two things are connected with this human progress in terms of understanding language and understanding the abstract. I have already alluded to one of them: As Aristotelianism—which was, however, merely a symptom of a general grasp of the matter within Greek civilization—elevated human inner life into abstraction, it became alienated from that immediate experience of the word and of language. And with that, the door to that aspect of human development that lies toward birth was, in a sense, closed. Human beings could no longer find themselves in their ordinary experience, back to the point where, while learning to speak, they could have seen how the spiritual-soul aspect reigns within them—an aspect just as spiritual and soulful as that which exists outside in the world. But this also distracted them from looking further back. And the next stages would indeed have revealed what one might call the connection of the spirit with physical-bodily matter in general. They would have revealed an insight into pre-existence—the realization that the human spiritual-soul aspect leads an existence in supersensible worlds before it unites with the physical being that exists within physical matter. This insight, however, was present in earlier periods of human development not in the explicitly conscious form in which we seek to regain it today through spiritual science, but rather in an instinctive way; and remnants of it have indeed remained in what we encounter as Eastern culture, for which the contemplation of the pre-existing human soul is a matter of course.
[ 6 ] Und ist der Mensch dann noch in der Lage weiterzugehen, so wird auch das, was noch schwieriger zu durchschauen ist als die Präexistenz, nämlich die wiederholten Erdenleben, eine wirkliche Erkenntnis, eine wirkliche Anschauung. Diese Anschauung, sie war da, allerdings in instinktiver Weise, in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Sie hat sich dann erhalten in einer mehr poetischen, phantasievollen Form in den Zivilisationen des Orients, als diese aber schon in die Dekadenz gekommen waren, wenn auch in eine sehr bedeutsame, schöne Dekadenz.
[ 6 ] And if a person is then still able to go further, even that which is even more difficult to comprehend than preexistence—namely, repeated earthly lives—will become a true insight, a true vision. This insight existed—albeit in an instinctive form—in earlier periods of human development. It was then preserved in a more poetic, imaginative form in the civilizations of the Orient; but this was already during a period of decadence—albeit a very significant and beautiful one.
[ 7 ] So finden wir, wenn wit — ohne die Vorurteile der heutigen Anthropologie — zurückblicken auf ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung, eine zwar instinktive, aber in die Dinge eindringende Anschauungsweise. Indem der Mensch gewissermaßen den Sprachwerdeprozeß noch verstand, verstand er etwas von dem seelischen Walten auch in der äußeren Natur, und indem er verstand die Einkörperung des Geistig-Seelischen in das Physisch-Leibliche, verstand er etwas von dem die Welt durchwellenden und durchwallenden Geist.
[ 7 ] Thus, when we look back—free from the prejudices of modern anthropology—on earlier stages of human development, we find a way of perceiving the world that, while instinctive, penetrates to the very core of things. Because human beings, in a sense, still understood the process of language development, they understood something of the spiritual forces at work even in the external natural world; and because they understood the embodiment of the spiritual-soul aspects in the physical-bodily realm, they understood something of the spirit that ripples and surges through the world.
[ 8 ] So weit die historische griechische Erkenntnis zurückgeht, sind nurmehr die spärlichen Reste dieser alten Geist-Erkenntnis traditionell in der griechischen Zivilisation enthalten. Man findet, wenn man hinter Aristoteles, hinter Plato zurückgeht zu den ionischen Philosophen etwa bis in die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts der griechischen Gedankenentwickelung, man findet etwa bei Anaxagoras eine Philosophie, die aus den heutigen Voraussetzungen heraus nicht verstanden werden kann. Es sollten sich eigentlich aus einer gewissen gesunden Erkenntnis heraus die Philosophen des Abendlandes sagen: Um den Anaxagoras zu verstehen, dazu fehlen eigentlich der abendländischen Philosophie die Voraussetzungen; denn was Anaxagoras — in einer dekadenten Form bereits — als seinen Nus anerkennt, das geht in jene Zeiten zurück, von denen ich eben gesprochen habe, in denen noch empfunden, erkennend empfunden worden ist, wie die Welt vom Geistigen durchwellt und durchwallt ist, und wie aus dem Geistigen heraus das Geist-Seelische des Menschen herabsteigt, um sich mit dem Physisch-Leiblichen zu verbinden. Dies war in älteren Zeiten eine instinktiv anschauliche Erkenntnis. Sie hat sich dann abgeschwächt zu der Erkenntnis, die eben durch das instinktive Durchschauen des Sprachvorganges gegeben war, was dann auch zur Zeit des Aristotelismus verlorengegangen ist gerade für die fortgeschrittensten Zivilisationen.
[ 8 ] As far back as Greek historical knowledge extends, only the sparse remnants of this ancient understanding of the spirit are traditionally preserved in Greek civilization. If one goes back beyond Aristotle and Plato to the Ionian philosophers—roughly to the turn of the 5th and 6th centuries in the development of Greek thought— one finds, for example, in Anaxagoras a philosophy that cannot be understood from today’s perspective. Out of a certain sound understanding, Western philosophers should actually say to themselves: Western philosophy actually lacks the prerequisites to understand Anaxagoras; for what Anaxagoras—already in a decadent form—recognizes as his nus goes back to those times I have just spoken of, when it was still sensed, and cognitively sensed, how the world is permeated and surges with the spiritual, and how the spiritual-soul aspect of the human being descends from the spiritual to unite with the physical-bodily. In earlier times, this was an instinctively vivid insight. It then weakened into the insight that was provided precisely by the instinctive insight into the process of language, which was subsequently lost even in the most advanced civilizations during the era of Aristotelianism.
[ 9 ] Als man noch hineinschaute in diesen Sprachwerdeprozeß, da fühlte man, wie ich schon sagte, im Erklingen des Wortes etwas, was ein Ausdruck war für ein objektives Geschehen draußen in der Natur. Und damit komme ich auf einen wesentlichen Unterschied: Was die in diesem Sinne alte «Sprachkenner» zu Nennenden als die Weltenseele auffaßten, wurde vorzüglich raumerfüllend gedacht, und der Mensch fühlte sich aus diesem raumerfüllenden Geistig-Seelischen herausgestaltet. Aber das war etwas anderes als dasjenige, worauf man kommt, wenn man weiter rückwärts geht von dem Nus des Anaxagoras. Da kommt man zu etwas, was in die Präexistenz der Menschenseele hineinführt, was nicht bloß damit zu tun hat, daß die Menschenseele in der Gegenwart drinnen mit dem Weltengeist und der Weltenseele webt und west, sondern wir finden hier, daß diese Menschenseele mit dem Weltengeist und der Weltenseele in der Zeit lebt.
[ 9 ] When people still observed this process of language development, they sensed—as I have already said—in the sound of the word something that was an expression of an objective event out there in nature. And this brings me to a fundamental difference: What the so-called “language experts” of that era understood as the world soul was conceived primarily as filling space, and human beings felt themselves to be shaped out of this space-filling spiritual-soul element. But that was something different from what one arrives at when one goes further back from Anaxagoras’s “Nus.” There one arrives at something that leads into the pre-existence of the human soul—something that has to do not merely with the fact that the human soul weaves and interweaves with the world spirit and the world soul in the present, but rather we find here that this human soul lives with the world spirit and the world soul within time.
[ 10 ] Man muß diese Dinge durch ein inneres Verständnis kennen, wenn man einen ganz bedeutsamen Vorgang in der westasiatisch-europäischen Zivilisationsentwickelung historisch wirklich verstehen will. Man hat heute eigentlich keine zutreffende Vorstellung von der Geistesverfassung jener Menschheit, welche gelebt hat in der Zeit, als das Christentum begründet worden ist. Gewiß, wenn man die allgemeine menschliche Seelenverfassung von heute in ihrer besonderen Konfiguration ins Auge faßt, muß man sich im Verhältnis zu der stolzen Bildung von heute die große Mehrheit der Menschen Westasiens und Europas als ungebildet vorstellen. Aber aus dieser großen Masse der Ungebildeten ragten dazumal einzelne Menschen hervor. Ich möchte sagen, die Nachfolger der alten Eingeweihten oder Initiierten ragten hervor mit einem bedeutsamen Wissen, mit einem Wissen, das allerdings nicht in derselben Weise in der Seele lebte wie unser von abstrakten Begriffen überall durchzogenes und deshalb zum vollen Bewußtsein gekommenes Wissen. Es war noch etwas Instinktives selbst in dem höchsten Wissen der damaligen Zeit. Aber es war zugleich in diesem instinktiven Wissen etwas Eindringliches gegeben, etwas, was doch in die Tiefen der Dinge ging.
[ 10 ] One must come to know these things through inner understanding if one truly wishes to understand, from a historical perspective, a highly significant process in the development of West Asian and European civilization. Today, we actually have no accurate conception of the spiritual disposition of the people who lived at the time when Christianity was founded. Certainly, when one considers the general state of the human soul today in its particular configuration, one must imagine the vast majority of people in West Asia and Europe as uneducated in comparison to today’s proud level of education. But from this vast mass of the uneducated, individual people stood out at that time. I would say that the successors of the ancient initiates stood out with significant knowledge—knowledge that, admittedly, did not live in the soul in the same way as our own knowledge, which is permeated throughout by abstract concepts and has therefore attained full consciousness. There was still something instinctive even in the highest knowledge of that time. But at the same time, there was something penetrating in this instinctive knowledge—something that did indeed go to the depths of things.
[ 11 ] Es ist merkwürdig, welche kuriose Angst viele Vertreter der gegenwärtigen traditionellen Glaubensbekenntnisse davor haben, daß irgend jemand dahinterkommen könnte, daß ein solches eindringliches Wissen in der damaligen Zeit bestanden hatte, ein Wissen, das zu feinen Begriffen kam, wenn diese, wie gesagt, auch mehr in instinktiven Bildern angeschaut und in Sprachformen ausgedrückt wurden, für deren Erfassung heute wenig Empfinden vorhanden ist. Von dem, was Gnosis genannt wird, soll unsere Anthroposophie keine Erneuerung sein; aber unsere Anthroposophie ist der Weg, in das Wesen dieser Gnosis hineinzublicken. Und wie unsere Anthroposophie, trotzdem sie in bezug auf ihre Quellen nichts gemein hat mit den alten indischen Philosophien, wie sie trotzdem in das Eindringliche, Großartige, aus den Dingen Herausfließende der Vedanta- oder Sankhya- oder der Jogaphilosophie eindringen kann, weil sie in bewußter Weise die Regionen der Welt wieder erreicht, die dazumal instinktiv erreicht worden sind, geradeso kann sie auch eindringen, unsere Anthroposophie, in das Wesen der Gnosis. Jene Gnosis ist ja durch gewisse Sekten der ersten christlichen Jahrhunderte ausgetilgt worden, so daß historisch sehr wenig Gnostisches vorhanden ist, und die Gnosis der neueren Menschheit eigentlich nur durch die Schriften derjenigen bekanntgeworden ist, die sie widerlegen wollten, und die daher Zitate aus den schriftlichen Aufzeichnungen in ihren Gegenschriften haben, während die ursprünglichen Schriften selbst verlorengegangen sind; so ist die Gnosis eigentlich nur auf die Nachwelt gekommen durch die Schriften der Gegner, die natürlich nur zitiert haben, was sie entsprechend ihrer Klugheit zu zitieren angemessen fanden.
[ 11 ] It is remarkable what a peculiar fear many representatives of today’s traditional creeds have that anyone might discover that such profound knowledge existed in those days—knowledge that arrived at subtle concepts, even if, as mentioned, these were viewed more in instinctive images and expressed in forms of language for which there is little sensitivity today. Our anthroposophy is not intended to be a revival of what is called Gnosis; but our anthroposophy is the path to looking into the essence of this Gnosis. And just as our anthroposophy—even though it has nothing in common with the ancient Indian philosophies in terms of its sources—can nevertheless penetrate the profound, sublime, and that which flows forth from things in Vedanta, Sankhya, or Yoga philosophy—because it consciously reaches once again the regions of the world that were instinctively reached in those days—in the same way, our anthroposophy can also penetrate the essence of Gnosis. That Gnosis was, after all, eradicated by certain sects of the early Christian centuries, so that historically very little Gnostic material remains, and the Gnosis of modern humanity has actually become known only through the writings of those who sought to refute it—and who therefore include quotations from the written records in their counter-writings, while the original writings themselves have been lost; thus Gnosticism has actually come down to posterity only through the writings of its opponents, who, of course, quoted only what they deemed appropriate to quote according to their own judgment.
[ 12 ] Nun, studieren Sie einmal die Zitierkünste unserer Gegner, dann werden Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie sehr man in das Wesen einer solchen Sache eindringen kann, wenn man angewiesen ist auf die Schriften der Gegner! Die Erkenntnis der Gnosis ist vielfach angewiesen gewesen — äußerlich historisch ist sie heute noch fast darauf angewiesen — auf die Schriften der Gegner der Gnosis. Stellen Sie sich nur einmal vor: es könnte doch ganz gewiß im Sinne, sagen wir, so eines Herrn vor Gleich sein, daß die sämtlichen anthroposophischen Schriften verbrannt würden es wäre ihm ja sicher am liebsten! — und daß man Anthroposophie nur aus seinen eigenen Kundgebungen eben auf die Nachwelt kommen lassen würde. Man muß sich die Dinge nur immer durch etwas versinnlichen, was auf sie wirklich aufmerksam machen kann.
[ 12 ] Well, take a look at our opponents’ citation practices, and you’ll get an idea of just how deeply one can penetrate the essence of such a matter when one has to rely on the writings of one’s opponents! The knowledge of Gnosis has often depended—and, from an external, historical perspective, it still depends almost entirely on them today—on the writings of Gnosis’s opponents. Just imagine for a moment: it could certainly be in the interest of, say, a certain Mr. Vor Gleich that all anthroposophical writings be burned—that would surely be his greatest wish!—and that anthroposophy be passed down to posterity solely through his own pronouncements. One must always make these things tangible through something that can truly draw attention to them.
[ 13 ] Aber wenn man aus diesen Gründen nicht hineinschauen kann in das, was dazumal schon war, so wird man mit allen wissenschaftlich noch so gut gemeinten Untersuchungen fehlgehen, die sich auf etwas Wichtigstes gerade im Verständnis des Christentums beziehen. Dasjenige, worin noch fast alles zu leisten ist, weil alles Geleistete durchaus nicht zu dem führt, was ein ehrlicher Erkenntnistrieb als wirkliche Erkenntnis bezeichnen könnte, das ist der Logosbegriff, der uns im Johannes-Evangelium gleich bei seinem Eingang auftaucht. Diesen Logosbegriff kann man nicht verstehen, wenn man nicht innerlich versteht die geistig-seelische Entwickelung der Menschen vorgeschrittenster Zivilisation jener Zeit, namentlich wenn man nicht versteht die geistig-seelische Entwickelung, wie sie ihren Weg durch das Griechentum genommen hat, das ja ausgestrahlt hat nach Asien hinüber, und das seine Schatten wirft in das, was uns im JohannesEvangelium entgegentritt. Diesem Logosbegriff darf man sich nicht etwa bloß durch irgendeine lexikale oder äußerlich philologische Methode nähern. Diesem Logosbegriff kann man sich nur nähern, wenn man innerlich studiert die seelisch-geistige Entwickelung, die hier in Betracht kommt, etwa vom 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis zum 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Was da innerlich in der fortgeschrittensten Menschheit und ihren repräsentativen Weisheitsvertretern geschehen ist, darüber ist eigentlich noch keine Geschichte in befriedigender Weise geschrieben. Denn das hängt zusammen mit dem Untergange des Verständnisses für das Sprechenlernen. Das andere, das Verständnis für die Präexistenz, hat sich ja traditionell forterhalten bis zu Origenes; aber dem innerlichen Durchschauen ist es viel früher verlorengegangen als das Verständnis des Sprachprozesses, des Erklingens des Wortes im menschlichen Inneren.
[ 13 ] But if, for these reasons, one cannot gain insight into what already existed at that time, then all scholarly investigations—no matter how well-intentioned—that relate to something of the utmost importance, particularly in the understanding of Christianity, will go astray. The very concept in which almost everything still remains to be accomplished—because everything that has been accomplished so far by no means leads to what an honest quest for knowledge could call true knowledge—is the concept of the Logos, which appears to us right at the beginning of the Gospel of John. One cannot understand this concept of the Logos unless one inwardly understands the spiritual and psychological development of the people of the most advanced civilization of that time—namely, unless one understands the spiritual and psychological development as it made its way through Greek civilization, which, after all, radiated out toward Asia and casts its shadow upon what we encounter in the Gospel of John. One must not approach this concept of the Logos merely through some lexical or external philological method. One can approach this concept of the Logos only by studying from within the spiritual and psychological development at issue here, roughly from the 4th century B.C. to the 4th century A.D. No history has yet been written in a satisfactory manner about what actually took place inwardly among the most advanced members of humanity and their representative sages. For this is connected with the decline of the understanding of the process of learning to speak. The other aspect—the understanding of pre-existence—has, of course, been preserved in the tradition up to Origen; but it was lost to inner insight much earlier than the understanding of the speech process, of the resounding of the word within the human soul.
[ 1 4] Wenn wir die seelisch-geistige Verfassung der vorderasiatischen und europäischen Bevölkerung in ihren repräsentativen Weisheitsvertretern ins Auge fassen, so finden wir eben, daß da ein Umschwung eintritt. Was als einheitlicher Prozeß da war in der Anschauung, das Erklingen des Wortes, und im Worte des Wesens der Welt, das wird differenziert in ein Hinschauen auf die abstrakten Begriffe und Ideen und in ein Fühlen, ein dumpfes Fühlen desjenigen, was mehr in das Unterbewußtsein hinuntergedrückt wird: des Wortes als solchem. Und was ergab sich dadurch? Dadurch ergab sich für das menschliche Seelenleben eine ganz bestimmte Tatsache: undifferenziert empfand der ältere Mensch Wortinhalt und IdeenBegriffsinhalt des Bewußtseins. Nun sonderte sich der Begriffsinhalt ab. Aber er behielt in den ersten Zeiten noch etwas von dem, was man einst im Undifferenzierten von Wort, Begriff, Vorstellung gehabt hatte. Man sprach von «Begriffen» und man sprach von der «Idee», aber man kann es, ich möchte sagen, mit Händen greifen noch bei Plato, daß man die Idee noch voll inhaltlich, geistig fühlte. Inden man von der Idee sprach, war in ihr noch etwas enthalten von dem, was man früher bei dem undifferenzierten Wortbegriff innerlich erschaute. Man näherte sich also schon der Idee, die als bloßer Begriff erfaßt wird, aber es hing dieser Erfassung noch etwas an von dem, was im alten Worterklingen verstanden worden ist. Und indem dieser Fortgang sich bildete, wurde dem Menschen der Inhalt der Welt, den er geistig erfaßte, zu dem, was dann im Logosbegriff sich ausdrückte. Den Logosbegriff hat man nur, wenn man weiß, in ihm liegt dieses Hingehen zur Idee, aber ohne ein Anhaften vom alten Wortbegriff im Erfassen dieser Idee. Und indem man von dem Logos als dem Weltschöpferischen sprach, war man sich nicht mehr deutlich, aber undeutlich bewußt, daß dieses weltschöpferische Geistige etwas in seinem Inhalt hat, was eben in älteren Zeiten durch die Wortanschauung erfaßt worden ist.
[ 1 4] When we consider the psychological and spiritual state of the peoples of the Near East and Europe as reflected in their representative sages, we find that a turning point is indeed taking place. What had been a unified process in perception—the resounding of the word and, in the word, the essence of the world—became differentiated into a focus on abstract concepts and ideas, and into a feeling, a vague feeling of that which is pushed further down into the subconscious: the word as such. And what resulted from this? This gave rise to a very specific reality for the life of the human soul: the earlier human being perceived the content of the word and the conceptual content of ideas in consciousness as undifferentiated. Now the conceptual content became separated. But in the early stages, it still retained something of what had once been present in the undifferentiated unity of word, concept, and representation. People spoke of “concepts” and of the “Idea,” but one can, I would say, almost touch it with one’s hands even in Plato—that the Idea was still felt in its fullness of content, spiritually. When people spoke of the Idea, it still contained something of what had previously been inwardly perceived in the undifferentiated concept of the word. So people were already approaching the Idea, which is grasped as a mere concept, but this grasp still retained something of what had been understood in the old resonance of the word. And as this progression took shape, the content of the world that people grasped spiritually became what was then expressed in the concept of the Logos. One has the concept of the Logos only when one knows that it embodies this movement toward the idea, but without any clinging to the old concept of the word in the grasping of this idea. And when people spoke of the Logos as the world-creating principle, they were no longer clearly, but only vaguely, aware that this world-creating spiritual principle contains something that had been grasped in earlier times through the concept of the word.
[ 15 ] Diese ganz besondere Nuance des seelischen Erlebens der Außenwelt im Logos muß man ins Auge fassen. Da hat eine ganz besondere Nuance seelischer Anschauung, die Logosanschauung, gelebt. Aristoteles hat dann sich herausgearbeitet, sich näher zur Abstraktion hingearbeitet und die subjektive Logik daraus gewonnen. Bei Plato aber ist die Idee das weltschöpferische Prinzip, und bei Plato ist sie noch von konkreter Geistigkeit durchzogen, weil sie noch die Reste des alten Wortbegriffes in sich hat, weil sie im Grunde genommen der Logos, wenn auch in Abschattierung ist.
[ 15 ] One must take into account this very special nuance of the soul’s experience of the external world in the Logos. There lived a very special nuance of spiritual perception—the perception of the Logos. Aristotle then worked his way toward abstraction and derived subjective logic from it. For Plato, however, the Idea is the world-creating principle, and in Plato’s thought it is still imbued with concrete spirituality, because it still contains remnants of the old concept of the Word; for it is, in essence, the Logos, albeit in a veiled form.
[ 16 ] Und so kann man sich vorstellen: Was mit dem Christus in den Menschen Jesus eingezogen ist, das sollte als das weltschöpferische Prinzip aus den Anschauungen der damaligen Zeit heraus bezeichnet werden. Man hatte dafür eine Vorstellung, die Vorstellung, die eben im Logosbegriff erhalten war. Der Logosbegriff war da. Durch den Logosbegriff wollte man begreifen, was mit der Geschichte des Christus Jesus der Welt gegeben war. Der Begriff, der sich aus alten Zeiten herausgebildet und eine ganz besondere Form angenommen hatte, der wurde dazu verwendet, den Ausgangspunkt des Christentums auszudrücken, so daß man also damals höchste Weisheit verwendete, um dieses Mysterium zu durchschauen. Man muß sich ganz in die Zeit hineinversetzen können, aber nicht im Sinne einer äußerlichen Anschauung, sondern im innerlichen Erfassen dessen, wie die Menschen dazumal die Welt anschauten.
[ 16 ] And so one can imagine it this way: What entered into the human being Jesus through Christ was to be described, from the perspective of the time, as the world-creating principle. People had a concept for this—the concept that was preserved precisely in the idea of the Logos. The concept of the Logos was there. Through the concept of the Logos, people sought to understand what had been given to the world through the story of Christ Jesus. This concept, which had developed from ancient times and taken on a very special form, was used to express the starting point of Christianity, so that people at that time employed the highest wisdom to fathom this mystery. One must be able to fully immerse oneself in that era—not in the sense of an external observation, but through an inner grasp of how people at that time viewed the world.
[ 17 ] Es ist ein großer Sprung von Plato zu Aristoteles. Aber auf der anderen Seite ist der ganze Duktus des Johannes-Evangeliums so gefaßt, daß man sieht: er ist zustande gekommen dadurch, daß zugrunde lag eine lebendige Erfassung des weltschöpferischen Prinzips und zu gleicher Zeit bei dem, der es zum Niederschreiben des Johannes-Evangeliums gebracht hat, ein Bekanntsein mit dem entschwundenen Logosbegriff. Alles Übersetzen des Johannes-Evangeliums ist eine Unmöglichkeit, wenn man nicht eingehen kann auf diese Entstehung des Logosbegriffs. Dieser Logosbegriff hat wirklich bei den repräsentativen Weisheitsvertretern der am meisten fortgeschrittenen zivilisierten Welt in voller Frische gelebt zwischen dem 4. vorchristlichen Jahrhundert und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert.
[ 17 ] It is a great leap from Plato to Aristotle. But on the other hand, the entire style of the Gospel of John is such that one can see: it came into being because it was based on a living grasp of the world-creating principle and, at the same time, on the author’s familiarity with the now-vanished concept of the Logos. Any attempt to translate the Gospel of John is impossible unless one can engage with the origins of this concept of the Logos. This concept of the Logos truly lived in all its vitality among the leading representatives of wisdom in the most advanced civilized world between the 4th century B.C. and the 4th century A.D.
[ 18 ] Als das Staatschristentum entstand, dem dann die spätere katholische Kirche nachgebildet worden ist, da war das Zeitalter erreicht, wo auch, ich möchte sagen, die letzte Nuance vom alten Wort, vom alten Wortbegriff verlorengegangen ist aus der Vorstellung der Idee. Aristoteles hat im Grunde genommen nichts anderes getan, als die subjektive Logik herausgelöst aus dem Logos und die Theorie dieser subjektiven Logik ausgebildet. Die herrschende Geistes- und Seelenverfassung der Menschheit hat aber damals noch wenig berücksichtigt, was Aristoteles so als die subjektive Logik begründet hat. Im Gegenteil, es ist vergessen worden und erst wiederum auf dem Umwege der Araber in die spätere Zeit hineingekommen. Es hat gelebt; aber so, wie es außer diesem Umweg durch direkte Tradition gelebt hat, hat man noch genau empfunden, daß man es da zu tun hat auf der einen Seite mit der subjektiven Logik, auf der anderen Seite aber mit der Anschauung eines weltschöpferischen Prinzipes im Logos, in welchem noch etwas war von dem, was man erfaßt hatte in der alten Vorstellung vom Worteerklingen im Inneren des Menschen als dem Gegenbild des Wortverstummens, aber des im Verstummen die Natur schaffenden Logos.
[ 18 ] When state Christianity emerged—on which the later Catholic Church was modeled—an era had been reached in which, I would say, even the last nuance of the old word, of the old concept of the word, had been lost from the conception of the idea. Aristotle, in essence, did nothing other than extract subjective logic from the Logos and develop the theory of this subjective logic. However, the prevailing state of mind and spirit among humanity at that time took little account of what Aristotle had thus established as subjective logic. On the contrary, it was forgotten and only re-entered later times via the detour of the Arabs. It lived on; but in the way it lived on outside of this detour—through direct tradition— people still sensed clearly that they were dealing, on the one hand, with subjective logic, and on the other hand, with the conception of a world-creating principle in the Logos, in which there was still something of what had been grasped in the ancient conception of the resounding of the Word within the human being as the counter-image of the Word falling silent—yet of the Logos that creates nature in its silence.
[ 19 ] Dann, im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit ging diese Nuance verloren aus dem Logosbegriff. Sie ist nicht mehr aufzufinden, sie verschwindet. Sie erhält sich höchstens in einigen einsamen Denkern, mystischen Forschern. Aus dem allgemeinen Bewußtsein auch der repräsentativen Kirchenväter und Kirchenlehrer verschwindet sie. Und was dann noch immer als eine sehr umfassende, ideell durchgeistigte Weltanschauung auftritt etwa bei Scotus Erigena, darin ist nicht mehr der alte Logosbegriff, wenn auch das Wort gebraucht wird. Es ist der alte Logosbegriff völlig filtriert zum abstrakten Ideenbegriff. Und das weltschöpferische Prinzip wird jetzt aufgefaßt nicht durch den alten Logosbegriff, sondern durch den sublimierten oder filtrierten Ideenbegriff. Das ist es, was in der Schrift des Scotus von der Einteilung der Natur dann aufgetreten ist, was aber schon vollständig im Grunde aus dem Bewußtsein verschwunden ist: dieses Nicht-mehr-Haben des Logosbegriffs, diese Umwandlung des Logosbegriffs in den Ideenbegriff.
[ 19 ] Then, in the 4th century A.D., this nuance was lost from the concept of the Logos. It can no longer be found; it disappears. At most, it survives in a few isolated thinkers and mystical seekers. It also vanishes from the general consciousness of even the most representative Church Fathers and Doctors of the Church. And what still appears as a very comprehensive, ideologically spiritualized worldview—for example, in Scotus Erigena—no longer contains the old concept of the Logos, even if the word is used. The old concept of the Logos has been completely filtered down to the abstract concept of the Idea. And the world-creating principle is now understood not through the old concept of the Logos, but through the sublimated or filtered concept of the Idea. This is what emerged in Scotus’s writing on the division of nature, but which has, in essence, already completely disappeared from consciousness: this no longer having the concept of Logos, this transformation of the concept of Logos into the concept of ideas.
[ 20 ] Man hatte in der europäischen Menschheit, von der ich ja gesagt habe, daß sie sich für eine spätere Zeit eine ältere Entwickelung bewahrt hat, nötig, sogar hinter die Zeit zurückzugehen, in der der Logosbegriff in seiner vollen Frische gewirkt hatte. Aber man ging zurück in einer abstrakten Form. Und man machte dieses Zurückgehen in einer abstrakten Form sogar dogmatisch. Auf dem achten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel 869 ist festgestellt worden, daß die Welt und der Mensch nicht zu denken sind als gegliedert in Leib, Seele und Geist, sondern bloß in Leib und Seele, und daß die Seele eben einige geistige Eigenschaften habe.
[ 20 ] Among the European people—of whom I have said that they have preserved for a later time a more ancient form of development—it was necessary to go back even beyond the time when the concept of the Logos had been active in all its freshness. But this return was made in an abstract form. And this return in an abstract form was even made dogmatic. At the Eighth Ecumenical Council of Constantinople in 869, it was established that the world and the human being are not to be conceived as divided into body, soul, and spirit, but merely into body and soul, and that the soul possesses certain spiritual qualities.
[ 21 ] Dem, was da dogmatisch festgesetzt worden ist, geht jener Entwickelungsprozeß parallel, von dem ich eben jetzt gesprochen habe. Für den, der die Entwickelung der abendländischen Zivilisation studiert von den ersten christlichen Jahrhunderten herauf, wo so vieles noch gnostisch durchdrungen war, bis ins 4., 5. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit herein, ist es eine außerordentlich interessante Tatsache, dieses Abklingen des Logosbegriffs zu erfahren. Und als dann später die Evangelien übersetzt wurden, da war selbstverständlich in diese Übersetzung nichts hineinzubringen von einer Empfindung für den Logosbegriff, wie er in den acht Jahrhunderten, in deren Mitte das Ereignis von Golgatha liegt, innerhalb der vorchristlichen Menschheit gewaltet hat. Man muß diese Eigentümlichkeit jenes Zeitalters, aus dem das Christentum sich herausgebildet hat, auch durch solche Intimitäten studieren. Man möchte heute durchaus mit leichtgeschürzten Begriffen, mit den Begriffen, die man sich leicht aneignet, die schwierigsten Probleme lösen. Allein solche geschichtlichen Probleme, wie das von dem ich Ihnen eben gesprochen habe, lassen sich nur lösen, wenn man die Vorbereitung zur Lösung im Aneignen von ganz bestimmten Nuancen des menschlichen Seelenlebens sucht, wenn man von der ehrlichen Voraussetzung ausgehen will, daß wir einfach in der gegenwärtigen Zeit in der allgemeinen Kultur jene Nuance nicht im Seelenerleben haben, die zum Logosbegriff, wie er im Johannes-Evangelium gemeint ist, hingeht. Daher dürfen wir nicht mit dem Wortschatz, mit dem Begriffsschatz der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen wollen. Wenn wir mit diesem Begriffsschatze der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen wollen, dann diktiert uns von vorneherein die Oberflächlichkeit. Es ist etwas, was durchaus mit wachem Seelenauge durchschaut werden muß, was auch historisch auf solchen Gebieten zu leisten ist, denn mit Bezug auf die Historie dieser Gebiete steht es eigentlich recht böse in der Gegenwart. Ich habe erst in diesen Tagen wiederum eine außerordentlich bedeutsame Tatsache vor meine Seele treten lassen müssen in bezug auf dieses Kapitel.
[ 21 ] That which has been dogmatically established runs parallel to the process of development I have just been discussing. For anyone studying the development of Western civilization from the early Christian centuries—when so much was still permeated by Gnosticism—through the 4th and 5th centuries A.D., it is an extraordinarily interesting fact to observe this fading of the concept of the Logos. And when the Gospels were later translated, it goes without saying that nothing of the sense of the concept of the Logos—as it had prevailed among pre-Christian humanity during the eight centuries centered on the event at Golgotha—could be incorporated into these translations. One must study this peculiarity of the era from which Christianity emerged through such intimate details as well. Today, people are all too eager to solve even the most difficult problems with simplistic terms—terms that are easily appropriated. Yet historical problems such as the one I have just described to you can only be solved if one seeks the preparation for the solution in the assimilation of very specific nuances of human soul life, if one wishes to proceed from the honest premise that we simply do not possess, in the present day and within general culture, that nuance in our soul experience which leads to the concept of the Logos as it is meant in the Gospel of John. Therefore, we must not attempt to understand the Gospel of John using the vocabulary and conceptual framework of the present day. If we try to understand the Gospel of John with this present-day conceptual framework, then superficiality dictates our approach from the very beginning. It is something that must be penetrated with an alert soul’s eye—a task that must also be accomplished historically in such fields, for as far as the history of these fields is concerned, the situation today is actually quite dire. Just in the last few days, I have once again had to allow an extraordinarily significant fact to come before my soul in connection with this chapter.
[ 22 ] Es kam mir vor Augen der Brief, den einer der geschätztesten Theologen geschrieben hat — der Brief war nicht an mich geschrieben. Dieser geschätzte Theologe der Gegenwart sprach sich aus über Anthroposophen, Irvingianer und ähnliches Gezücht. Er verwechselt alles. Namentlich aber tritt in seiner Auseinandersetzung ein Punkt in merkwürdiger Art hervor: Ich habe — so sagte er von sich selbst für solche Art von Anschauung, die auf das Übersinnliche geht, wie es die Anthroposophie tun will, kein Organ; ich muß mich beschränken auf alles dasjenige, was die menschliche Erfahrung gibt.
[ 22 ] I was reminded of a letter written by one of the most esteemed theologians—the letter was not addressed to me. This esteemed contemporary theologian spoke out against anthroposophists, Irvingians, and the like. He confuses everything. In particular, however, one point stands out in a curious way in his argument: “I,” he said of himself regarding this kind of view that turns to the supersensible, as anthroposophy seeks to do, “have no faculty for it; I must limit myself to everything that human experience provides.”
[ 23 ] Ein Theologe, dessen Handwerk es ist, fort und fort von dem Übersinnlichen zu reden, der berühmt geworden ist dadurch, daß er historisch über das Leben des Übersinnlichen in der Menschheitsentwickelung dicke Bücher geschrieben hat, die eine Autorität sind für unzählige Menschen der Gegenwart, auf die es ankommt, ein Theologe der Gegenwart gesteht, daß er für das Übersinnliche kein Organ hat, sondern sich an die «menschliche Erfahrung» halten will! Er redet aber über das Übersinnliche und sagt nicht: Ich will mich an die menschliche sinnliche Erfahrung halten, deshalb negiere ich alle Theologie —, nein, er wird in unserer Zeit ein berühmter Theologe! Haben wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, nötig, mit wachsamem Auge auf alles das hinzublicken, was eigentlich heute, man möchte sagen, in gewisser Beziehung dekretierend ist in unserer Jugend, was aber zu gleicher Zeit sich erweist als eine innere Unmöglichkeit.
[ 23 ] A theologian whose profession it is to speak constantly about the supernatural—one who has become famous for writing voluminous books on the historical development of the supernatural in human evolution, books that serve as an authority for countless people today whose views matter— a contemporary theologian admits that he has no faculty for the supernatural, but wishes to stick to “human experience”! Yet he speaks of the supernatural and does not say: “I want to stick to human sensory experience, therefore I reject all theology”—no, he becomes a famous theologian in our time! Do we not, my esteemed audience, need to keep a watchful eye on everything that today—one might say—is, in a certain sense, dictating the course of our youth, yet at the same time proves to be an inner impossibility?
[ 24 ] Es ist notwendig, daß mit starker Kraft erfaßt werde, wie man zu aufrichtiger und ehrlicher Erkenntnis vorzuschreiten hat. Man kann es vielleicht gerade an solchen Problemen sehen, wie das Logosproblem eines ist, und es sollte eigentlich derjenige, der sieht, was Anthroposophie über ein solches Problem geltend machen muß, daran sehen, daß es sich diese Anthroposophie nicht gerade leicht macht, daß sie ernst und ehrlich forschen will, und daß sie nur dadurch in Konflikt kommt mit allerlei zeitgenössischen Strömungen, weil man heute geradezu entweder Haß oder Furcht hat vor solch einer Gründlichkeit, die aber angestrebt werden muß, und die wir brauchen, brauchen auf allen Gebieten des wissenschaftlichen Lebens. Ich frage Sie: Weiß denn überhaupt die Welt der Gegnerschaft, die so leichtgeschürzte Urteile über Anthroposophie abgibt, weiß sie denn überhaupt, womit sich Anthroposophie beschäftigt? Weiß sie, daß diese Anthroposophie ringt mit solchen Problemen, wie es das Logosproblem ist, das ja nur eine Einzelheit ist, wenn auch eine wichtige Einzelheit? Es wäre schon Pflicht derjenigen, die heute im wissenschaftlichen Leben tonangebend sind, sich erst einmal anzuschauen, worüber sie so von außen her urteilen. Allerdings, das ist es ja, daß man das äußere Leben heute bequem mitmachen kann — und für viele Menschen gilt das doch —, wenn man sich nicht in die Unbequemlichkeit einläßt, in ernster Weise zu forschen. Allein man merkt bei einem solchen Lieben der Bequemlichkeit nicht, wie starke Niedergangskräfte in unserer gegenwärtigen Zivilisation sind. Das «nach uns die Sintflut» beherrscht sehr stark gerade die gegenwärtige landläufige wissenschaftliche Welt.
[ 24 ] It is necessary to grasp with great clarity how one is to proceed toward genuine and honest knowledge. This can perhaps be seen precisely in problems such as the problem of the Logos, and anyone who understands what anthroposophy has to say about such a problem should recognize that anthroposophy does not take the easy way out, that it seeks to investigate seriously and honestly, and that it comes into conflict with all manner of contemporary trends precisely because people today harbor either outright hatred or fear of such thoroughness—a thoroughness that must, however, be strived for, and that we need in all areas of scientific life. I ask you: Does the world of opposition—which passes such hasty judgments on anthroposophy—even know what anthroposophy is actually concerned with? Does it know that anthroposophy grapples with problems such as the problem of the Logos, which is, after all, only one detail, albeit an important one? It would indeed be the duty of those who set the tone in scientific life today to first take a look at what they are judging from the outside. Admittedly, the fact is that one can comfortably go along with outward life today—and this certainly applies to many people—if one does not subject oneself to the inconvenience of conducting serious research. But when one is so attached to comfort, one fails to notice how powerful the forces of decline are in our present civilization. The attitude of “after us, the deluge” dominates the current mainstream scientific world to a very great extent.
[ 25 ] Das ist es, was ich heute habe veranschaulichen wollen an einem wichtigen Probleme sprachlich-geschichtlicher Forschung. Es ist ja meine Hoffnung, daß, wenn gerade die verehrten Kommilitonen immer mehr und mehr sehen werden, wie gewissenhaft versucht wird, gerade diejenigen Probleme ins Auge zu fassen, die so links liegen gelassen werden von der landläufigen Forschung, daß dann immer mehr und mehr gerade auch in der Jugend ein Sinn dafür aufgeht, daß solche Wege begangen werden müssen. Ich hege diese Hoffnung, und ich weiß auch: Wenn genügend gearbeitet werden wird in der Richtung hin nach der Entwickelung des Enthusiasmus und des Bekenntnisses gegenüber der Wahrheit, dann muß dasjenige, was wir brauchen, damit wir wieder Aufgangskräfte bekommen in der menschlichen Zivilisation, doch erreicht werden. Vielleicht können für eine gewisse Zeit manche Mächte der Finsternis niederdrücken, was angestrebt wird von hier aus. Auf die Dauer werden sie es nicht können, wenn die Wirklichkeit dem Wollen entspricht, wenn wirklich etwas Lichtes enthalten ist in dem, was Anthroposophie will. Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auffinden kann, und welche den Mächten der Finsternis doch nicht auffindbar sind. Möchten wir uns doch vereinigen, alt und jung, jung und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen für das Auffinden solcher Wahrheitswege!
[ 25 ] That is what I have sought to illustrate today with regard to an important problem in linguistic-historical research. It is my hope that, as my esteemed fellow students in particular come to see more and more how conscientiously we are attempting to address precisely those problems that are so often neglected by mainstream research, an appreciation will grow—especially among the younger generation—for the need to pursue such paths. I cherish this hope, and I also know that if sufficient work is done to foster enthusiasm and a commitment to the truth, then what we need to restore the vital forces of human civilization must surely be achieved. Perhaps, for a time, certain forces of darkness may suppress what we are striving for from here. In the long run, they will not be able to do so if reality corresponds to our will, if there is truly some light contained in what anthroposophy seeks. For the truth has paths that only it can find, and which the forces of darkness cannot discover. Let us unite, old and young, young and old, so that we may develop a clear vision for discovering such paths of truth!
