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Perspektiven der Menschheitsentwickelung
Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie
GA 116

9 April 1921, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte am heutigen Abend nicht in direkter Weise die Betrachtungen, die sonst an Sonnabenden und Sonntagen hier gepflegt werden, fortsetzen. Sondern ich möchte — damit die Freunde unserer Sache, die hierher gekommen sind, möglichst viel von dem mitnehmen können, was gerade in einem weiteren oder engeren Zusammenhange mit den Betrachtungen steht, die hier während dieser Woche angestellt worden sind — einige allerdings intimere Betrachtungen noch anstellen, die sich aber anschließen sollen an die Fragen, die auch schon in dieser Woche angeschlagen worden sind.

[ 2 ] Ich habe selbst mit Hinblick auf die Befruchtung des Sprachwissenschaftlichen durch die anthroposophische Geisteswissenschaft darauf hingewiesen, wie eine ursprüngliche Empfindungsweise gegenüber der Sprache verlorengegangen ist, und wie anstelle dieser Empfindungsweise mehr ein abstraktes Hingeordnetsein auf die Dinge der Umwelt getreten ist. Ich habe darauf hingewiesen, daß es eine bedeutsame Entwickelungskraft in der menschlichen Geschichte darstellt, daß durch Aristoteles, also im 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, das auftaucht, was dann die Logik genannt worden ist. Denn das bewußte Hineinleben in das Logische, das vorher in der menschlichen Seelenverfassung mehr unbewußt und instinktiv gewaltet hat, bedeutet eben ein Hingeordnetsein nach der Welt im abstrakten Sinne.

[ 3 ] Ich sagte, daß in älteren Zeiten ein innerer, konkreterer Vorgang noch gefühlt worden ist, der sich vergleichen läßt mit dem, was wir studieren können im Geschlechtsreifwerden des Menschen. Was auftritt im Kinde, wenn es sprechen lernt, ist eben eine Metamorphose, eine mehr nach innen sich ausbildende Metamorphose des Prozesses, der sich beim Geschlechtsreifwerden später im Menschen dann entfaltet. Und was in diesem Prozeß des Sprechenlernens im Inneren des Menschen verläuft, das hatte für die ältere Menschheit dann Nachwirkungen für das ganze menschliche Leben: Der Mensch fühlte sich so, als ob in ihm durch das Wort etwas zum Ausdrucke käme, was auch in den Dingen draußen lebt, was die Dinge aber nicht aussprechen, weil sie gewissermaßen verstummt sind. Im Erklingen des Wortes im Inneren wurde etwas gefühlt, was Vorgängen im Äußeren entspricht. Was da erlebt wurde, war ein viel Inhaltsvolleres, ein dem menschlichen Leben viel Näherliegendes als dasjenige, was heute innerlich erfahren wird in dem Erfassen der Welt durch abstrakte Begriffe. Aber was da der Mensch erlebte durch das Wort, es war, ich möchte sagen, organischer, es war instinktiver, es war mehr dem Animalisch-Seelischen zugeneigt, als das ist, was sich durch das begrifflich abstrakte Erfassen der Dinge erfahren läßt. Man wurde dem geistigen Leben nähergerückt durch dieses abstrakte Erfassen. Aber zugleich wurde eben der Mensch zur Abstraktion gebracht. So daß in dem Augenblicke, dem weltgeschichtlichen Augenblicke, in welchem der Mensch gleichsam heraufgehoben wurde, um allmählich den Geist zu erfahren, er zu gleicher Zeit man kann sich ja in diesen Dingen nur mehr oder weniger bildhaft ausdrücken, da die Sprache noch nicht eigentliche Worte dafür geprägt hat — gewissermaßen in seinem Geist-Erleben eine Verdünnung erfuhr, eben eine Verdünnung in die Abstraktion hinein.

[ 4 ] Dieser Prozeß vollzog sich, wie Sie ja begreifen werden, nicht bei allen Völkern in der gleichen Weise. Bei den Völkern, die gewissermaßen die zunächst hervorragendsten Träger der Zivilisation waren, vollzog er sich früher, andere blieben zurück. Und ich konnte ja sagen, daß die in Mitteleuropa sitzenden Völker etwa im 11. Jahrhunderte noch auf einem Standpunkte standen, der gegenüber der griechischen Zivilisationsentwickelung als voraristotelisch bezeichnet werden muß. In Mitteleuropa überschritt man den Punkt, den die Griechen durch Aristoteles überschritten, eben erst viel später. Die Griechen nahmen durch den Aristotelismus vieles von dem voraus, was für die mitteleuropäischen Völker und diejenigen, die in der Zivilisation zu ihnen gehörten, eigentlich erst mit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts eintrat.

[ 5 ] Nun hängt zweierlei mit diesem Fortschreiten des Menschen in bezug auf das Verstehen des Sprachlichen und das Verstehen des Abstrakten zusammen. Auf das eine habe ich ja schon hingedeutet: Indem mit dem Aristotelismus — der aber nur das Symptom war für eine allgemeine Erfassung der Sache in der griechischen Zivilisation — des Menschen Seelenleben heraufgehoben wurde in die Abstraktion, wurde es fremd jenem unmittelbaren Erleben des Wortes, der Sprache. Und damit schloß sich gewissermaßen das Tor nach derjenigen menschlichen Lebensentfaltung, die gegen die Geburt zu liegt. Der Mensch fand sich nicht mehr in seinem gewöhnlichen Erleben zurück bis zu dem Punkte, wo er am Sprechenlernen hätte sehen können, wie Geistig-Seelisches in ihm waltet, ein ebenso Geistig-Seelisches wie draußen in der Welt. Dadurch aber wurde er auch abgelenkt, weiter zurückzuschauen. Und die nächsten Etappen hätten ja ergeben, was man nennen könnte: Verbindung des Geistes mit der physisch-leiblichen Materie überhaupt. Sie hätten ergeben das Durchschauen der Präexistenz, die Erkenntnis davon, daß das Geistig-Seelische des Menschen in übersinnlichen Welten ein Dasein führt, bevor es sich verbindet mit dem körperlichen Wesen, das innerhalb der physischen Materie gegeben ist. Diese Erkenntnis war allerdings in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung nicht in der ausgesprochenen bewußten Form, wie wir sie uns heute wieder erringen wollen dutch Geisteswissenschaft, sondern in einer instinktiven Weise vorhanden; und die Reste davon sind ja in dem, was uns als orientalische Kultur entgegentritt, geblieben, für welche das Hinschauen auf die präexistierende Menschenseele eine Selbstverständlichkeit ist.

[ 6 ] Und ist der Mensch dann noch in der Lage weiterzugehen, so wird auch das, was noch schwieriger zu durchschauen ist als die Präexistenz, nämlich die wiederholten Erdenleben, eine wirkliche Erkenntnis, eine wirkliche Anschauung. Diese Anschauung, sie war da, allerdings in instinktiver Weise, in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung. Sie hat sich dann erhalten in einer mehr poetischen, phantasievollen Form in den Zivilisationen des Orients, als diese aber schon in die Dekadenz gekommen waren, wenn auch in eine sehr bedeutsame, schöne Dekadenz.

[ 7 ] So finden wir, wenn wit — ohne die Vorurteile der heutigen Anthropologie — zurückblicken auf ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung, eine zwar instinktive, aber in die Dinge eindringende Anschauungsweise. Indem der Mensch gewissermaßen den Sprachwerdeprozeß noch verstand, verstand er etwas von dem seelischen Walten auch in der äußeren Natur, und indem er verstand die Einkörperung des Geistig-Seelischen in das Physisch-Leibliche, verstand er etwas von dem die Welt durchwellenden und durchwallenden Geist.

[ 8 ] So weit die historische griechische Erkenntnis zurückgeht, sind nurmehr die spärlichen Reste dieser alten Geist-Erkenntnis traditionell in der griechischen Zivilisation enthalten. Man findet, wenn man hinter Aristoteles, hinter Plato zurückgeht zu den ionischen Philosophen etwa bis in die Wende des 5. und 6. Jahrhunderts der griechischen Gedankenentwickelung, man findet etwa bei Anaxagoras eine Philosophie, die aus den heutigen Voraussetzungen heraus nicht verstanden werden kann. Es sollten sich eigentlich aus einer gewissen gesunden Erkenntnis heraus die Philosophen des Abendlandes sagen: Um den Anaxagoras zu verstehen, dazu fehlen eigentlich der abendländischen Philosophie die Voraussetzungen; denn was Anaxagoras — in einer dekadenten Form bereits — als seinen Nus anerkennt, das geht in jene Zeiten zurück, von denen ich eben gesprochen habe, in denen noch empfunden, erkennend empfunden worden ist, wie die Welt vom Geistigen durchwellt und durchwallt ist, und wie aus dem Geistigen heraus das Geist-Seelische des Menschen herabsteigt, um sich mit dem Physisch-Leiblichen zu verbinden. Dies war in älteren Zeiten eine instinktiv anschauliche Erkenntnis. Sie hat sich dann abgeschwächt zu der Erkenntnis, die eben durch das instinktive Durchschauen des Sprachvorganges gegeben war, was dann auch zur Zeit des Aristotelismus verlorengegangen ist gerade für die fortgeschrittensten Zivilisationen.

[ 9 ] Als man noch hineinschaute in diesen Sprachwerdeprozeß, da fühlte man, wie ich schon sagte, im Erklingen des Wortes etwas, was ein Ausdruck war für ein objektives Geschehen draußen in der Natur. Und damit komme ich auf einen wesentlichen Unterschied: Was die in diesem Sinne alte «Sprachkenner» zu Nennenden als die Weltenseele auffaßten, wurde vorzüglich raumerfüllend gedacht, und der Mensch fühlte sich aus diesem raumerfüllenden Geistig-Seelischen herausgestaltet. Aber das war etwas anderes als dasjenige, worauf man kommt, wenn man weiter rückwärts geht von dem Nus des Anaxagoras. Da kommt man zu etwas, was in die Präexistenz der Menschenseele hineinführt, was nicht bloß damit zu tun hat, daß die Menschenseele in der Gegenwart drinnen mit dem Weltengeist und der Weltenseele webt und west, sondern wir finden hier, daß diese Menschenseele mit dem Weltengeist und der Weltenseele in der Zeit lebt.

[ 10 ] Man muß diese Dinge durch ein inneres Verständnis kennen, wenn man einen ganz bedeutsamen Vorgang in der westasiatisch-europäischen Zivilisationsentwickelung historisch wirklich verstehen will. Man hat heute eigentlich keine zutreffende Vorstellung von der Geistesverfassung jener Menschheit, welche gelebt hat in der Zeit, als das Christentum begründet worden ist. Gewiß, wenn man die allgemeine menschliche Seelenverfassung von heute in ihrer besonderen Konfiguration ins Auge faßt, muß man sich im Verhältnis zu der stolzen Bildung von heute die große Mehrheit der Menschen Westasiens und Europas als ungebildet vorstellen. Aber aus dieser großen Masse der Ungebildeten ragten dazumal einzelne Menschen hervor. Ich möchte sagen, die Nachfolger der alten Eingeweihten oder Initiierten ragten hervor mit einem bedeutsamen Wissen, mit einem Wissen, das allerdings nicht in derselben Weise in der Seele lebte wie unser von abstrakten Begriffen überall durchzogenes und deshalb zum vollen Bewußtsein gekommenes Wissen. Es war noch etwas Instinktives selbst in dem höchsten Wissen der damaligen Zeit. Aber es war zugleich in diesem instinktiven Wissen etwas Eindringliches gegeben, etwas, was doch in die Tiefen der Dinge ging.

[ 11 ] Es ist merkwürdig, welche kuriose Angst viele Vertreter der gegenwärtigen traditionellen Glaubensbekenntnisse davor haben, daß irgend jemand dahinterkommen könnte, daß ein solches eindringliches Wissen in der damaligen Zeit bestanden hatte, ein Wissen, das zu feinen Begriffen kam, wenn diese, wie gesagt, auch mehr in instinktiven Bildern angeschaut und in Sprachformen ausgedrückt wurden, für deren Erfassung heute wenig Empfinden vorhanden ist. Von dem, was Gnosis genannt wird, soll unsere Anthroposophie keine Erneuerung sein; aber unsere Anthroposophie ist der Weg, in das Wesen dieser Gnosis hineinzublicken. Und wie unsere Anthroposophie, trotzdem sie in bezug auf ihre Quellen nichts gemein hat mit den alten indischen Philosophien, wie sie trotzdem in das Eindringliche, Großartige, aus den Dingen Herausfließende der Vedanta- oder Sankhya- oder der Jogaphilosophie eindringen kann, weil sie in bewußter Weise die Regionen der Welt wieder erreicht, die dazumal instinktiv erreicht worden sind, geradeso kann sie auch eindringen, unsere Anthroposophie, in das Wesen der Gnosis. Jene Gnosis ist ja durch gewisse Sekten der ersten christlichen Jahrhunderte ausgetilgt worden, so daß historisch sehr wenig Gnostisches vorhanden ist, und die Gnosis der neueren Menschheit eigentlich nur durch die Schriften derjenigen bekanntgeworden ist, die sie widerlegen wollten, und die daher Zitate aus den schriftlichen Aufzeichnungen in ihren Gegenschriften haben, während die ursprünglichen Schriften selbst verlorengegangen sind; so ist die Gnosis eigentlich nur auf die Nachwelt gekommen durch die Schriften der Gegner, die natürlich nur zitiert haben, was sie entsprechend ihrer Klugheit zu zitieren angemessen fanden.

[ 12 ] Nun, studieren Sie einmal die Zitierkünste unserer Gegner, dann werden Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie sehr man in das Wesen einer solchen Sache eindringen kann, wenn man angewiesen ist auf die Schriften der Gegner! Die Erkenntnis der Gnosis ist vielfach angewiesen gewesen — äußerlich historisch ist sie heute noch fast darauf angewiesen — auf die Schriften der Gegner der Gnosis. Stellen Sie sich nur einmal vor: es könnte doch ganz gewiß im Sinne, sagen wir, so eines Herrn vor Gleich sein, daß die sämtlichen anthroposophischen Schriften verbrannt würden es wäre ihm ja sicher am liebsten! — und daß man Anthroposophie nur aus seinen eigenen Kundgebungen eben auf die Nachwelt kommen lassen würde. Man muß sich die Dinge nur immer durch etwas versinnlichen, was auf sie wirklich aufmerksam machen kann.

[ 13 ] Aber wenn man aus diesen Gründen nicht hineinschauen kann in das, was dazumal schon war, so wird man mit allen wissenschaftlich noch so gut gemeinten Untersuchungen fehlgehen, die sich auf etwas Wichtigstes gerade im Verständnis des Christentums beziehen. Dasjenige, worin noch fast alles zu leisten ist, weil alles Geleistete durchaus nicht zu dem führt, was ein ehrlicher Erkenntnistrieb als wirkliche Erkenntnis bezeichnen könnte, das ist der Logosbegriff, der uns im Johannes-Evangelium gleich bei seinem Eingang auftaucht. Diesen Logosbegriff kann man nicht verstehen, wenn man nicht innerlich versteht die geistig-seelische Entwickelung der Menschen vorgeschrittenster Zivilisation jener Zeit, namentlich wenn man nicht versteht die geistig-seelische Entwickelung, wie sie ihren Weg durch das Griechentum genommen hat, das ja ausgestrahlt hat nach Asien hinüber, und das seine Schatten wirft in das, was uns im JohannesEvangelium entgegentritt. Diesem Logosbegriff darf man sich nicht etwa bloß durch irgendeine lexikale oder äußerlich philologische Methode nähern. Diesem Logosbegriff kann man sich nur nähern, wenn man innerlich studiert die seelisch-geistige Entwickelung, die hier in Betracht kommt, etwa vom 4. Jahrhundert der vorchristlichen Zeit bis zum 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit. Was da innerlich in der fortgeschrittensten Menschheit und ihren repräsentativen Weisheitsvertretern geschehen ist, darüber ist eigentlich noch keine Geschichte in befriedigender Weise geschrieben. Denn das hängt zusammen mit dem Untergange des Verständnisses für das Sprechenlernen. Das andere, das Verständnis für die Präexistenz, hat sich ja traditionell forterhalten bis zu Origenes; aber dem innerlichen Durchschauen ist es viel früher verlorengegangen als das Verständnis des Sprachprozesses, des Erklingens des Wortes im menschlichen Inneren.

[ 1 4] Wenn wir die seelisch-geistige Verfassung der vorderasiatischen und europäischen Bevölkerung in ihren repräsentativen Weisheitsvertretern ins Auge fassen, so finden wir eben, daß da ein Umschwung eintritt. Was als einheitlicher Prozeß da war in der Anschauung, das Erklingen des Wortes, und im Worte des Wesens der Welt, das wird differenziert in ein Hinschauen auf die abstrakten Begriffe und Ideen und in ein Fühlen, ein dumpfes Fühlen desjenigen, was mehr in das Unterbewußtsein hinuntergedrückt wird: des Wortes als solchem. Und was ergab sich dadurch? Dadurch ergab sich für das menschliche Seelenleben eine ganz bestimmte Tatsache: undifferenziert empfand der ältere Mensch Wortinhalt und IdeenBegriffsinhalt des Bewußtseins. Nun sonderte sich der Begriffsinhalt ab. Aber er behielt in den ersten Zeiten noch etwas von dem, was man einst im Undifferenzierten von Wort, Begriff, Vorstellung gehabt hatte. Man sprach von «Begriffen» und man sprach von der «Idee», aber man kann es, ich möchte sagen, mit Händen greifen noch bei Plato, daß man die Idee noch voll inhaltlich, geistig fühlte. Inden man von der Idee sprach, war in ihr noch etwas enthalten von dem, was man früher bei dem undifferenzierten Wortbegriff innerlich erschaute. Man näherte sich also schon der Idee, die als bloßer Begriff erfaßt wird, aber es hing dieser Erfassung noch etwas an von dem, was im alten Worterklingen verstanden worden ist. Und indem dieser Fortgang sich bildete, wurde dem Menschen der Inhalt der Welt, den er geistig erfaßte, zu dem, was dann im Logosbegriff sich ausdrückte. Den Logosbegriff hat man nur, wenn man weiß, in ihm liegt dieses Hingehen zur Idee, aber ohne ein Anhaften vom alten Wortbegriff im Erfassen dieser Idee. Und indem man von dem Logos als dem Weltschöpferischen sprach, war man sich nicht mehr deutlich, aber undeutlich bewußt, daß dieses weltschöpferische Geistige etwas in seinem Inhalt hat, was eben in älteren Zeiten durch die Wortanschauung erfaßt worden ist.

[ 15 ] Diese ganz besondere Nuance des seelischen Erlebens der Außenwelt im Logos muß man ins Auge fassen. Da hat eine ganz besondere Nuance seelischer Anschauung, die Logosanschauung, gelebt. Aristoteles hat dann sich herausgearbeitet, sich näher zur Abstraktion hingearbeitet und die subjektive Logik daraus gewonnen. Bei Plato aber ist die Idee das weltschöpferische Prinzip, und bei Plato ist sie noch von konkreter Geistigkeit durchzogen, weil sie noch die Reste des alten Wortbegriffes in sich hat, weil sie im Grunde genommen der Logos, wenn auch in Abschattierung ist.

[ 16 ] Und so kann man sich vorstellen: Was mit dem Christus in den Menschen Jesus eingezogen ist, das sollte als das weltschöpferische Prinzip aus den Anschauungen der damaligen Zeit heraus bezeichnet werden. Man hatte dafür eine Vorstellung, die Vorstellung, die eben im Logosbegriff erhalten war. Der Logosbegriff war da. Durch den Logosbegriff wollte man begreifen, was mit der Geschichte des Christus Jesus der Welt gegeben war. Der Begriff, der sich aus alten Zeiten herausgebildet und eine ganz besondere Form angenommen hatte, der wurde dazu verwendet, den Ausgangspunkt des Christentums auszudrücken, so daß man also damals höchste Weisheit verwendete, um dieses Mysterium zu durchschauen. Man muß sich ganz in die Zeit hineinversetzen können, aber nicht im Sinne einer äußerlichen Anschauung, sondern im innerlichen Erfassen dessen, wie die Menschen dazumal die Welt anschauten.

[ 17 ] Es ist ein großer Sprung von Plato zu Aristoteles. Aber auf der anderen Seite ist der ganze Duktus des Johannes-Evangeliums so gefaßt, daß man sieht: er ist zustande gekommen dadurch, daß zugrunde lag eine lebendige Erfassung des weltschöpferischen Prinzips und zu gleicher Zeit bei dem, der es zum Niederschreiben des Johannes-Evangeliums gebracht hat, ein Bekanntsein mit dem entschwundenen Logosbegriff. Alles Übersetzen des Johannes-Evangeliums ist eine Unmöglichkeit, wenn man nicht eingehen kann auf diese Entstehung des Logosbegriffs. Dieser Logosbegriff hat wirklich bei den repräsentativen Weisheitsvertretern der am meisten fortgeschrittenen zivilisierten Welt in voller Frische gelebt zwischen dem 4. vorchristlichen Jahrhundert und dem 4. nachchristlichen Jahrhundert.

[ 18 ] Als das Staatschristentum entstand, dem dann die spätere katholische Kirche nachgebildet worden ist, da war das Zeitalter erreicht, wo auch, ich möchte sagen, die letzte Nuance vom alten Wort, vom alten Wortbegriff verlorengegangen ist aus der Vorstellung der Idee. Aristoteles hat im Grunde genommen nichts anderes getan, als die subjektive Logik herausgelöst aus dem Logos und die Theorie dieser subjektiven Logik ausgebildet. Die herrschende Geistes- und Seelenverfassung der Menschheit hat aber damals noch wenig berücksichtigt, was Aristoteles so als die subjektive Logik begründet hat. Im Gegenteil, es ist vergessen worden und erst wiederum auf dem Umwege der Araber in die spätere Zeit hineingekommen. Es hat gelebt; aber so, wie es außer diesem Umweg durch direkte Tradition gelebt hat, hat man noch genau empfunden, daß man es da zu tun hat auf der einen Seite mit der subjektiven Logik, auf der anderen Seite aber mit der Anschauung eines weltschöpferischen Prinzipes im Logos, in welchem noch etwas war von dem, was man erfaßt hatte in der alten Vorstellung vom Worteerklingen im Inneren des Menschen als dem Gegenbild des Wortverstummens, aber des im Verstummen die Natur schaffenden Logos.

[ 19 ] Dann, im 4. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit ging diese Nuance verloren aus dem Logosbegriff. Sie ist nicht mehr aufzufinden, sie verschwindet. Sie erhält sich höchstens in einigen einsamen Denkern, mystischen Forschern. Aus dem allgemeinen Bewußtsein auch der repräsentativen Kirchenväter und Kirchenlehrer verschwindet sie. Und was dann noch immer als eine sehr umfassende, ideell durchgeistigte Weltanschauung auftritt etwa bei Scotus Erigena, darin ist nicht mehr der alte Logosbegriff, wenn auch das Wort gebraucht wird. Es ist der alte Logosbegriff völlig filtriert zum abstrakten Ideenbegriff. Und das weltschöpferische Prinzip wird jetzt aufgefaßt nicht durch den alten Logosbegriff, sondern durch den sublimierten oder filtrierten Ideenbegriff. Das ist es, was in der Schrift des Scotus von der Einteilung der Natur dann aufgetreten ist, was aber schon vollständig im Grunde aus dem Bewußtsein verschwunden ist: dieses Nicht-mehr-Haben des Logosbegriffs, diese Umwandlung des Logosbegriffs in den Ideenbegriff.

[ 20 ] Man hatte in der europäischen Menschheit, von der ich ja gesagt habe, daß sie sich für eine spätere Zeit eine ältere Entwickelung bewahrt hat, nötig, sogar hinter die Zeit zurückzugehen, in der der Logosbegriff in seiner vollen Frische gewirkt hatte. Aber man ging zurück in einer abstrakten Form. Und man machte dieses Zurückgehen in einer abstrakten Form sogar dogmatisch. Auf dem achten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel 869 ist festgestellt worden, daß die Welt und der Mensch nicht zu denken sind als gegliedert in Leib, Seele und Geist, sondern bloß in Leib und Seele, und daß die Seele eben einige geistige Eigenschaften habe.

[ 21 ] Dem, was da dogmatisch festgesetzt worden ist, geht jener Entwickelungsprozeß parallel, von dem ich eben jetzt gesprochen habe. Für den, der die Entwickelung der abendländischen Zivilisation studiert von den ersten christlichen Jahrhunderten herauf, wo so vieles noch gnostisch durchdrungen war, bis ins 4., 5. Jahrhundert der nachchristlichen Zeit herein, ist es eine außerordentlich interessante Tatsache, dieses Abklingen des Logosbegriffs zu erfahren. Und als dann später die Evangelien übersetzt wurden, da war selbstverständlich in diese Übersetzung nichts hineinzubringen von einer Empfindung für den Logosbegriff, wie er in den acht Jahrhunderten, in deren Mitte das Ereignis von Golgatha liegt, innerhalb der vorchristlichen Menschheit gewaltet hat. Man muß diese Eigentümlichkeit jenes Zeitalters, aus dem das Christentum sich herausgebildet hat, auch durch solche Intimitäten studieren. Man möchte heute durchaus mit leichtgeschürzten Begriffen, mit den Begriffen, die man sich leicht aneignet, die schwierigsten Probleme lösen. Allein solche geschichtlichen Probleme, wie das von dem ich Ihnen eben gesprochen habe, lassen sich nur lösen, wenn man die Vorbereitung zur Lösung im Aneignen von ganz bestimmten Nuancen des menschlichen Seelenlebens sucht, wenn man von der ehrlichen Voraussetzung ausgehen will, daß wir einfach in der gegenwärtigen Zeit in der allgemeinen Kultur jene Nuance nicht im Seelenerleben haben, die zum Logosbegriff, wie er im Johannes-Evangelium gemeint ist, hingeht. Daher dürfen wir nicht mit dem Wortschatz, mit dem Begriffsschatz der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen wollen. Wenn wir mit diesem Begriffsschatze der Gegenwart das Johannes-Evangelium verstehen wollen, dann diktiert uns von vorneherein die Oberflächlichkeit. Es ist etwas, was durchaus mit wachem Seelenauge durchschaut werden muß, was auch historisch auf solchen Gebieten zu leisten ist, denn mit Bezug auf die Historie dieser Gebiete steht es eigentlich recht böse in der Gegenwart. Ich habe erst in diesen Tagen wiederum eine außerordentlich bedeutsame Tatsache vor meine Seele treten lassen müssen in bezug auf dieses Kapitel.

[ 22 ] Es kam mir vor Augen der Brief, den einer der geschätztesten Theologen geschrieben hat — der Brief war nicht an mich geschrieben. Dieser geschätzte Theologe der Gegenwart sprach sich aus über Anthroposophen, Irvingianer und ähnliches Gezücht. Er verwechselt alles. Namentlich aber tritt in seiner Auseinandersetzung ein Punkt in merkwürdiger Art hervor: Ich habe — so sagte er von sich selbst für solche Art von Anschauung, die auf das Übersinnliche geht, wie es die Anthroposophie tun will, kein Organ; ich muß mich beschränken auf alles dasjenige, was die menschliche Erfahrung gibt.

[ 23 ] Ein Theologe, dessen Handwerk es ist, fort und fort von dem Übersinnlichen zu reden, der berühmt geworden ist dadurch, daß er historisch über das Leben des Übersinnlichen in der Menschheitsentwickelung dicke Bücher geschrieben hat, die eine Autorität sind für unzählige Menschen der Gegenwart, auf die es ankommt, ein Theologe der Gegenwart gesteht, daß er für das Übersinnliche kein Organ hat, sondern sich an die «menschliche Erfahrung» halten will! Er redet aber über das Übersinnliche und sagt nicht: Ich will mich an die menschliche sinnliche Erfahrung halten, deshalb negiere ich alle Theologie —, nein, er wird in unserer Zeit ein berühmter Theologe! Haben wir nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, nötig, mit wachsamem Auge auf alles das hinzublicken, was eigentlich heute, man möchte sagen, in gewisser Beziehung dekretierend ist in unserer Jugend, was aber zu gleicher Zeit sich erweist als eine innere Unmöglichkeit.

[ 24 ] Es ist notwendig, daß mit starker Kraft erfaßt werde, wie man zu aufrichtiger und ehrlicher Erkenntnis vorzuschreiten hat. Man kann es vielleicht gerade an solchen Problemen sehen, wie das Logosproblem eines ist, und es sollte eigentlich derjenige, der sieht, was Anthroposophie über ein solches Problem geltend machen muß, daran sehen, daß es sich diese Anthroposophie nicht gerade leicht macht, daß sie ernst und ehrlich forschen will, und daß sie nur dadurch in Konflikt kommt mit allerlei zeitgenössischen Strömungen, weil man heute geradezu entweder Haß oder Furcht hat vor solch einer Gründlichkeit, die aber angestrebt werden muß, und die wir brauchen, brauchen auf allen Gebieten des wissenschaftlichen Lebens. Ich frage Sie: Weiß denn überhaupt die Welt der Gegnerschaft, die so leichtgeschürzte Urteile über Anthroposophie abgibt, weiß sie denn überhaupt, womit sich Anthroposophie beschäftigt? Weiß sie, daß diese Anthroposophie ringt mit solchen Problemen, wie es das Logosproblem ist, das ja nur eine Einzelheit ist, wenn auch eine wichtige Einzelheit? Es wäre schon Pflicht derjenigen, die heute im wissenschaftlichen Leben tonangebend sind, sich erst einmal anzuschauen, worüber sie so von außen her urteilen. Allerdings, das ist es ja, daß man das äußere Leben heute bequem mitmachen kann — und für viele Menschen gilt das doch —, wenn man sich nicht in die Unbequemlichkeit einläßt, in ernster Weise zu forschen. Allein man merkt bei einem solchen Lieben der Bequemlichkeit nicht, wie starke Niedergangskräfte in unserer gegenwärtigen Zivilisation sind. Das «nach uns die Sintflut» beherrscht sehr stark gerade die gegenwärtige landläufige wissenschaftliche Welt.

[ 25 ] Das ist es, was ich heute habe veranschaulichen wollen an einem wichtigen Probleme sprachlich-geschichtlicher Forschung. Es ist ja meine Hoffnung, daß, wenn gerade die verehrten Kommilitonen immer mehr und mehr sehen werden, wie gewissenhaft versucht wird, gerade diejenigen Probleme ins Auge zu fassen, die so links liegen gelassen werden von der landläufigen Forschung, daß dann immer mehr und mehr gerade auch in der Jugend ein Sinn dafür aufgeht, daß solche Wege begangen werden müssen. Ich hege diese Hoffnung, und ich weiß auch: Wenn genügend gearbeitet werden wird in der Richtung hin nach der Entwickelung des Enthusiasmus und des Bekenntnisses gegenüber der Wahrheit, dann muß dasjenige, was wir brauchen, damit wir wieder Aufgangskräfte bekommen in der menschlichen Zivilisation, doch erreicht werden. Vielleicht können für eine gewisse Zeit manche Mächte der Finsternis niederdrücken, was angestrebt wird von hier aus. Auf die Dauer werden sie es nicht können, wenn die Wirklichkeit dem Wollen entspricht, wenn wirklich etwas Lichtes enthalten ist in dem, was Anthroposophie will. Denn die Wahrheit hat Wege, welche nur sie auffinden kann, und welche den Mächten der Finsternis doch nicht auffindbar sind. Möchten wir uns doch vereinigen, alt und jung, jung und alt, um uns einen klaren Blick anzueignen für das Auffinden solcher Wahrheitswege!