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Perspektiven der Menschheitsentwickelung
Der materialistische Erkenntnisimpuls und die Aufgabe der Anthroposophie
GA 116

15 April 1921, Dornach

Vierter Vortrag

[ 1 ] Eine Betrachtung, die ich begonnen habe, bevor unser Kursus in Szene gesetzt worden ist, wird erst völlig verständlich werden, wenn wir noch weiter zurückgehen in der Betrachtung der Entwickelung der Menschheit der neueren Geschichte, denn wir haben ja im wesentlichen nur zunächst einige Andeutungen gegeben über die Menschheitsentwickelung im 19. Jahrhundert. Nun wollen wir heute einmal die geistige Entwickelung der Menschheit um einiges weiter zurück verfolgen und zwar zurückweisend auf einen außerordentlich wichtigen Einschnitt in der abendländischen Zivilisationsentwickelung, auf jenen Wendepunkt, der da liegt im 4. nachchristlichen Jahrhundert. In diesem 4. nachchristlichen Jahrhundert taucht ja auf als eine Gestalt, deren Andenken gewissermaßen noch klar geblieben ist für die abendländische Zivilisation, Aurelius Augustinus. In ihm sehen wir eigentlich eine Persönlichkeit, welche in der intensivsten Weise zu kämpfen hat auf der einen Seite mit demjenigen, was herübergekommen ist aus alten Zeiten, was in den ersten Jahrhunderten des Christentums aus einer gewissen alten Weisheit heraus das Christentum zu begründen versuchte, und einem anderen Elemente, demjenigen, das dann zunächst für die abendländische Zivilisation gesiegt hat, das diese ältere Weise ablehnte und sich darauf beschränkte, das Christentum mehr in einer äußerlich materiellen Weise aufzufassen, es nicht zu durchdringen mit Ideen alter Weisheit, sondern einfach es seinem tatsächlichen Gründungsverlaufe nach zu erzählen und es dann, so gut es damals schon ging, intellektuell zu begreifen.

[ 2 ] Diese Kämpfe zwischen diesen zwei Richtungen, ich möchte sagen, zwischen der Richtung eines weisheitsvollen Christentums und eines mehr oder weniger nach einem materialistischen Auffassen hin erscheinenden Christentums, diese Kämpfe mußten die Seelen gerade des 4. und des beginnenden 5. Jahrhunderts am intensivsten durchmachen. Und in Augustinus ist eben eine solche Persönlichkeit dem Andenken der Menschheit erhalten geblieben, welche solche Kämpfe durchgemacht hat. Wir müssen uns nur heute darüber völlig klarsein, daß über dasjenige, was eigentlich vor diesem 4.nachchristlichen Jahrhundert lebte, die historischen Dokumente fast völlig irrtümliche Vorstellungen hervorrufen. So klar dies eben liegt seit dem 5. Jahrhundert, so unklar sind eigentlich alle gewöhnlichen Vorstellungen über diejenigen Jahrhunderte, die vorangehen. Wenn wit aber zunächst ins Auge fassen, was eigentlich die meisten wissen könnten aus dieser Zeit vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, so werden wir auf zwei Gebiete verwiesen, auf ein Gebiet, das mehr ein Gebiet, sagen wir, des Erkennens ist, ein mehr in den Schulen gepflegtes Gebiet, und ein anderes Gebiet, das mehr ein solches des Kultus ist, der Verehrung, des religiösen Elementes. In diese zwei Gebiete ragt allerdings noch etwas sehr Altes aus der Menschheitszivilisation herein; aber in einer gewissermaßen christlichen Umfärbung war dieses Alte nach den beiden Richtungen hin, nach der Weisheitsseite und nach der Kultusseite eben in den ersten vier christlichen Jahrhunderten mehr oder weniger noch vorhanden.

[ 3 ] Sehen wir nach der Weisheitsseite hin, so finden wir eine Lehre bewahrt aus früheren Zeiten, die allerdings schon in einem gewissen Sinne ersetzt worden war durch dasjenige, was wir heute das heliozentrische Weltsystem nennen — ich habe darüber in früheren Vorträgen auch hier gesprochen —, aber das doch noch vorhanden war aus älteren astronomischen Lehren heraus und das man nennen könnte eine Art Astronomie, jetzt nicht vom Standpunkt physischer kosmologischer Betrachtung aus. Man ist in sehr alten Zeiten auf diese — nennen wir sie ätherische im Gegensatz zu unserer physischen — Astronomie auf folgende Art gekommen. Man hatte in alten Zeiten durchaus noch ein Bewußtsein davon, daß der Mensch mit seinem Wesen nicht nur der Erde angehört, sondern daß er auch angehört zunächst der kosmischen Nachbarschaft der Erde, dem Planetensystem, und eine alte Weisheit hatte ziemlich konkrete Vorstellungen über diese ätherische Astronomie. Es wurde etwa das Folgende gelehrt. Wenn man dasjenige ins Auge faßt, was mehr die Organisation des oberen Menschen ausmacht — ich bediene mich jetzt derjenigen Ausdrücke, die uns heute geläufig sein sollten —, insofern man seinen Ätherleib betrachtet, so steht der Mensch im Wechselverhältnis mit Saturn, Jupiter und Mars, so daß also hingesehen worden ist auf gewisse Wechselwirkungen zwischen dem oberen Teil des menschlichen Ätherleibes und Saturn, Jupiter und Mars. Dann sagte man sich, derjenige Teil des Menschen, der mehr astralischer Natur ist, der steht wiederum in einer Art von Wechselwirkung mit Venus, mit Merkur und mit dem Mond. Und diejenigen Kräfte, welche den Menschen dann hereinführen in sein irdisches Dasein, welche machen, daß sich diesem Ätherleib ein physischer Leib eingliedert, das sind die Kräfte der Erde. Diejenigen Kräfte aber, welche machen, daß der Mensch nicht aufgeht im irdischen Leben, daß der Mensch gewissermaßen eine Art Ausblick hat vom irdischen Leben hinaus, das sind die Kräfte der Sonne.

[ 4 ] Und so sagte man sich: Der Mensch kommt aus unbekannten geistigen Welten, die er durchgemacht hat im präexistenten Leben, und er tritt ein nicht etwa bloß ins irdische Leben, sondern er tritt ein aus außerplanetarischen Welten in das planetarische Leben. Das planetarische Leben nimmt ihn so, wie ich es beschrieben habe, nach Sonne, Mond, Erde, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn auf. In dem Umlaufe des Saturn sah man etwa die Sphäre, in die der Mensch eintritt seinem ätherischen Leibe nach aus dem außerplanetarischen Leben in das planetarische Leben. Und man brachte durchaus dasjenige, was ätherisch ist am Menschen, mit diesem planetarischen Leben in Beziehung. Nur insofern der Ätherleib sich dann auslebt im physischen Leib, brachte man diesen physischen Leib mit der Erde in Beziehung. Insofern der Mensch aber durch sein Ich sich wiederum heraushebt aus ätherischem und astralischem Leib, brachte man das mit der Sonne in Beziehung.

[ 5 ] So hatte man eine Art ätherischer Astronomie. Diese ätherische Astronomie hat durchaus auch noch die Möglichkeit gehabt, nicht so bloß auf die physischen Geschicke des Menschen hinzuschauen wie die physische Astronomie; sondern, da man des Menschen Ätherleib, der wiederum mit dem Geistigen des Menschen in einem intimeren Zusammenhange steht, im Wechselverhältnis erblickte mit denselben Kräften des Planetensystems, so hatte man die Möglichkeit, weil ja im Menschen sich aus dem Planetensystem heraus auf dem Umwege dutch den ätherischen Leib die Schicksalskräfte ausleben können, von der menschlichen Konstitution zu reden und in diese menschliche Konstitution die Schicksalsmächte einzubeziehen.

[ 6 ] Es war also in dieser Lehre alter Schule, weiche fortgepflanzt wurde, nachdem man schon das heliozentrische System als eine Art esoterisch-physischer Wissenschaft ausgebildet hatte, es war in dieser ätherischen Astronomie eine letzte Weisheitslehre aus alten instinktiven Weisheitsforschungen hervorgegangen, und diese hatte sich als Tradition erhalten. Man redete nicht anders von den Einflüssen des Himmels, als daß man sich sagte: Ja, diese Einflüsse des Himmels sind vorhanden; sie tragen aber nicht bloß die Naturangelegenheiten, sie tragen auch die menschlichen Schicksalskräfte. Und so war durchaus dazumal eine Verbindung zwischen dem, was man nennen könnte die Naturlehre, die Kosmologie, und dem, was dann später übergegangen ist in alles das, was die Leute nun als Astrologisches auffassen, was aber in alten Zeiten einen viel exakteren und auf unmittelbarer Beobachtung ruhenden Charakter hatte.

[ 7 ] Wenn der Mensch dann gewissermaßen auf seinem Weg zur neuen Geburt die Planetensphäre — so dachte man sich das — betreten hat und von ihr seinem ätherischen Leib nach aufgenommen worden ist, so betritt er fernerhin die Erde. Er wird von der Erde aufgenommen. Aber auch da dachte man noch nicht bloß etwa an die feste Erde, sondern auch da dachte man eigentlich an die Erde in ihren Elementen. Man sagte sich: Der Mensch wird außerdem, daß er von der Planetensphäre aufgenommen wird — wodurch er aber ein überirdisches Wesen sein würde, wodurch er dasjenige sein würde, was er eigentlich nur als Seele ist —, als Kind aufgenommen von den Elementen der Erde, von Feuer oder Wärme, von Luft, von Wasser und von der eigentlichen Erde. — Das war erst die eigentliche Erde. Und dadurch, dachte man sich, wird sein Ätherleib von diesem äußeren Elemente so tingiert, so durchtränkt, daß nun in diesem Ätherleib die Temperamente entstehen. So dachte man sich diese Temperamente an den Ätherleib und damit an die Vitalorganisation des Menschen eng gebunden. Man sah also in demjenigen, was eigentlich physisch im Menschen ist, oder wenigstens was durch den physischen Leib sich offenbart, durchaus etwas Geistiges mit in dieser alten Lehre. Und ich möchte sagen, der menschlichste Teil dieser Lehre war dann dasjenige, was zum Beispiel noch deutlich zu sehen ist in der Medizin der damaligen Zeit. Die Arzneimittel, die Heillehre, das war durchaus hervorgegangen aus dieser Anschauung von dem Verhältnis des ätherischen Leibes des Menschen zu dem Planetensystem und außerdem zu dem Eindringen gewissermaßen des ätherischen Menschen in die höheren Sphären, in Luft, Wasser, Wärme, Erde, wodurch sich also in seine Organisation hineinfanden die physischen Abdrücke seiner ätherisch-seelischen Temperamente: schwarze Galle, weiße Galle, die anderen Säfte, Phlegma, Blut und so weiter. Diese Anschauungsweise also, daß in den Säften des Menschen erkannt werden kann das Wesen der menschlichen Konstitution, das war etwas, was in dieser Lehre gang und gäbe war. Man studierte dazumal nicht etwa die einzelnen Organe, die sich zeichnen ließen, sondern man studierte in der Medizin die Säftezusammenmischung, die Säftedurchdringung, und man sah in einem Organ eben ein Ergebnis einer besonderen Säftedurchdtingung. Man sah in dem gesunden Menschen eine bestimmte Art, wie sich die Säfte durchdringen, man sah in dem kranken Menschen eine abnorme Durchdringung der Säfte, so daß man sagen kann: Die Medizin, welche sich aus dieser Lehre ergab, war durchaus begründet auf der Anschauung des wäßrigen menschlichen Organismus, des flüssigen menschlichen Organismus. Was wir heute die Erkenntnis des menschlichen Organismus nennen, das ist ja begründet auf dem festen menschlichen Organismus, auf dem erdigen menschlichen Organismus. In bezug auf die Anschauung vom Menschen ist der Gang der, daß man von einem älteren Durchschauen des flüssigen Menschen übergegangen ist zu einem neueren Durchschauen des festen Menschen mit den scharfen Konturen der Organe.

[ 8 ] Dieser Gang der medizinischen Lehre geht parallel dem Übergang der alten ätherischen Astronomie zu der modernen physischen Astronomie. Der ätherischen Astronomie entspricht noch im wesentlichen die Medizin des HippoXrates, aber auch noch bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert hinein sind die Leistungen dieser medizinischen Anschauung vorhanden, welche sich auf die Säftemischung des Menschen bezieht, und zwar in einer exakten Weise, nicht wie später in der Tradition. Und indem verdunkelt worden ist diese alte Lehre seit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert, und dann heraufgekommen ist mit dem 15. Jahrhundert die physische Astronomie an die Stelle der alten ätherischen Astronomie, ist auch die Pathologie, ist die ganze medizinische Anschauung begründet worden auf der Lehre von dem Festen im Menschen, von dem dutch scharfe Konturen im menschlichen Organismus zu Begrenzenden und Auszudrückenden. Das ist im wesentlichen die Seite der Entwickelung der Menschheit in dem anorganischen Zeitalter.

[ 9 ] Wir können nun aber auch den Blick werfen auf dasjenige, was von jenen Zeiten zurückgeblieben ist an Kulthandlungen, an religiösen Zeremonien. Die religiösen Zeremonien wurden mehr der großen Masse gegeben; dasjenige, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, wurde mehr eben als ein Weisheitsgut der Schule betrachtet. Diejenigen kultischen Verrichtungen, welche sich von Asien herüber nach Europa erstreckt haben und welche durchaus entsprechen als Kultusbestrebungen dieser Anschauung, die ich Ihnen jetzt entwickelt habe, die sind der Mithrasdienst, jener Mithrasdienst, den wir ja durchaus noch in den ersten christlichen Jahrhunderten finden, sich herübererstreckend vom Osten nach dem Westen, den wit verfolgen können den Donauländern entlang bis zu den Rheingegenden, bis nach Frankreich hinein. Dieser Mithrasdienst, den Sie ja seinen äußerlichen Formen nach kennen, läßt sich etwa kurz durch eine Formel dadurch charakterisieren, daß mit dem irdischen und kosmischen Zusammenhange imaginativ bildhaft der Besieger des Mithrasstieres dargestellt worden ist: der Mensch auf dem Stiere reitend und die Stierkräfte besiegend. Man hat heute sehr leicht die Vorstellung, daß sich solche Bilder, die ja alle Kultbilder sind religiöse Versinnbildlichungen, wenn wir so sagen dürfen, die aus den alten Weisheitslehren organisch hervorgegangen sind —, daß sich solche Kultbilder einfach abstrakt-symbolisch aus den alten Weisheitslehren ergeben hätten. Aber es ist eine ganz und gar falsche Vorstellung, wenn man glauben würde, es hätte alte Weisheitslehrer gegeben und die hätten sich hingesetzt und hätten gesagt: Jetzt wollen wir ein Symbol ausdenken; für uns ist die Weisheitslehre, für das dumme Volk müssen wir Symbole ausdenken, die dann zu ihren Kultushandlungen führen können und dergleichen. — Solche Voraussetzungen wären grundfalsch. Eine solche Voraussetzung haben ungefähr die modernen Freimaurer, und die modernen Freimaurer denken ähnlich auch über das Wesen ihrer Symbolik. Aber es ist das nicht die Anschauung der alten Weisheitslehrer gewesen. Die Anschauung der alten Weisheitslehrer, möchte ich Ihnen jetzt gerade an den Beziehungen des Mithrasdienstes zu derjenigen Anschauung, die ich eben entwickelt habe, darlegen. Diejenigen Menschen, die noch eine lebendige Anschauung hatten von diesem Aufgenommenwerden des Menschen durch die planetarische Welt hinsichtlich seines Ätherleibes, von dem Aufgenommenwerden des Menschen dann in die irdische Elementensphäre, Wärme oder Feuer, Luft, Wasser, Erde, und von dem Herausbilden von schwarzer Galle, weißer Galle, Phlegma, Blut aus der Einwirkung dieser Elemente auf die menschliche Ätherwesenheit, diejenigen, die davon eine Ahnung hatten, die konnten sich auch noch eine bedeutsame Frage vorlegen, eine grundbedeutsame Frage. Sie legten sich eine Frage vor, auf die man kommen kann, wenn man wirklich eine imaginative Anschauung hat. Die Antwort auf diese Frage, sie war dazumal eine instinktive imaginative Anschauung, aber man kann sie heute wiederholen mit vollem Bewußtsein. Wenn man sich eine imaginative Anschauung, von diesem Hereingehen des Menschen aus der geistigen Welt durch die Planetensphäre in die irdische Feuer-, Luft-, Wasser-, Erdensphäre, wenn man sich eine solche Vorstellung bildet, da kommt man nämlich dazu, sich zu sagen: Ja, wenn da etwas hereingeht aus der außerplanetarischen Sphäre in die planetarische und in die Erdensphäre und aufgenommen wird von der Erdensphäre, da wird ja gar kein wirklicher Mensch daraus; ich meine, wenn man sich die Vorstellung bildet von dem, was da eigentlich wird, wenn man dasjenige, was man in rein imaginativer Vorstellung erblicken kann außerhalb der Planetensphäre, was da hereingeht und aufgenommen wird von der Planetensphäre, was dann ergriffen wird von dem, was von der Erdensphäre ausgeht, wenn man das als imaginative Anschauung hat, so wird ja kein Mensch daraus. Man kommt nicht zu der Vorstellung des Menschen. Man kommt zu der Vorstellung, die sich am deutlichsten wiedergibt, wenn man nicht einen Menschen sich vorstellt, sondern einen Stier sich vorstellt, ein Rind sich vorstellt. — Es sagten sich die alten Weisheitslehrer: Wenn es nur das gäbe, was da als eine außerplanetarische Wesenheit herunterzieht in diese planetarische Werdesphäre, so lebten auf Erden keine Menschen. Man kommt allerdings, sagten sie sich, wenn man das zunächst betrachtet, dazu, sich diese Vorstellung zu bilden von dem Hereinziehen einer Wesenheit aus der außerplanetarischen in die planetarische und Erdensphäre; aber wenn man nun herausgestalten will ganz plastisch eine imaginative Anschauung aus dem, was man in diesen Vorstellungen hat, da wird es kein Mensch, da wird es ein bloßer Stier. Und wenn man nichts anderes begreift im Menschen als dieses, begreift man im Menschen auch nur das Stierhafte. — Diese Vorstellungen haben die alten Weisheitslehrer sich gebildet, diese Vorstellung war da. Nun sagten sie sich: Also muß der Mensch gegen dieses Stierhafte mit noch einem Höheren ankämpfen. Er muß dasjenige, was diese Weisheit als Anschauung gibt, überwinden. Er ist als Mensch mehr ein Wesen, das bloß aus der außerplanetarischen Sphäre kommt, in die planetarische Sphäre hineinkommt und von den irdischen Elementen ergriffen wird; er hat etwas in sich, was mehr ist.

[ 10 ] Ich möchte sagen, bis zu diesem Begriff kamen diese Weisheitslehrer, und deshalb bildeten sie dann den Stier aus, setzten den Mithras darauf, den kämpfenden Menschen, der den Stier überwindet und der sich sagt: Ich muß einen weit höheren Ursprung haben als denjenigen, den ein solches Wesen hat, welches im Sinne jener alten Weisheitslehre vorgestellt wurde. — Und nun sagten sich diese Lehrer: Diese alte Weisheitslehre enthält allerdings eine Hindeutung auf das, worauf es hier ankommt. Diese alte Weisheitslehre blickt auf in die Planetensphäre zu Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Mond und so weiter; aber sie sagt auch: Indem der Mensch sich der Erde nähert, wird er fortwährend von der Sonne herausgehoben, daß er nicht aufgehe in dem Irdischen, daß er nicht bloß bleibe dasjenige, was aus der Mischung von schwarzer und weißer Galle, Phlegma und Blut und aus dem Ätherleib hervorgeht, wenn er von der Planetensphäre aufgenommen wird, und wenn der astralische Leib von der anderen Planetensphäre aufgenommen wird durch Merkur, Venus, Mond. Was den Menschen heraushebt, es wohnt in der Sonne. Daher sagten sich diese Lehrer: Machen wir den Menschen aufmerksam auf die in ihm wohnenden Sonnenkräfte, so ist er der Mithras, der den Stier besiegt!

[ 11 ] Das war dann das Kultusbild. Es sollte nicht bloß ein ausgedachtes Symbolum sein, sondern es sollte tatsächlich das Faktum, das kosmologische Faktum geben. Die religiöse Zeremonie war mehr als ein bloßes äußeres Zeichen; sie war etwas, was gewissermaßen herausgeschnitten war aus dem Wesen der Welt selber.

[ 12 ] Dieses Kultartige, das war etwas, was seit sehr alten Zeiten da war, was aus Asien nach Europa herübergebracht worden war. Es war, ich möchte sagen, das Christentum von der einen Seite angesehen, von der äußeren, von der astronomischen Seite angesehen, denn Mithras war die Sonnenktaft im Menschen. Mithras war der Mensch, der sich auflehnte gegen das bloß Planetarische und Irdische. Und nun entstand ein gewisses Bestreben, dessen Ausläufer wir überall wahrnehmen können, wenn wir auf die ersten christlichen Jahrhunderte zurückgehen. Es entstand das Bestreben, die historische Tatsache, das Mysterium von Golgatha zusammenzunehmen mit dem Mithrasdienst. Zahlreich waren in der damaligen Zeit, insbesondere innerhalb der römischen Legionschaft, die Menschen, die dasjenige, was sie in Asien, was sie überhaupt im Oriente erfahren konnten, herübertrugen in die Donauländer bis weit herein nach Mitteleuropa, ja sogar nach Westeuropa. In dem, was sie da als Mithrasdienst herübertrugen, lebten Empfindungen, die, ohne das Mysterium von Golgatha zu reflektieren, durchaus christliche Anschauungen, christliche Empfindungen in sich hatten. Der Mithrasdienst wurde als ein konkreter Dienst betrachtet, der sich bezog auf die Sonnenkräfte im Menschen. Nur wurde noch nicht gesehen in diesem Mithrasdienst, daß mit dem Mysterium von Golgatha diese Sonnenkraft selber heruntergestiegen war als die geistige Wesenheit und sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth vereinigt hatte.

[ 13 ] Und nun gab es — und je weiter wir in den Untersuchungen nach Osten gehen, desto klarer wird es — bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert herein Weisheitsschulen im Osten, welche nach und nach Berichte bekamen, Nachrichten bekamen, Kenntnis bekamen von dem Mysterium von Golgatha, von dem Christus. Sie bemühten sich nun, ein Diktum über die Welt hin zu verbreiten, und es war eine Zeitlang durchaus das Bestreben, in den Mithraskultus hineinzugießen dasjenige, was der übersinnlichen Anschauung entspricht: Der wahre Mithras, das ist der Christus, und Mithras ist sein Vorläufer; man muß hineingießen in diejenigen Kräfte im Menschen, welche den Stier besiegen, die Christus-Kraft. Aus dem Mithrasdienst einen Christus-Dienst zu machen, das ist etwas, was in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis ins 4. hinein intensiv lebte. Und ich möchte sagen, der Verbreitung des Mithrasdienstes folgte die Strömung, welche nun diesen Mithrasdienst verchristlichen wollte. Eine Synthese wurde angestrebt zwischen dem Christentum und dem Mithrasdienst. Ein altes bedeutsames Bild vom Wesen des Menschen, der auf dem Stier reitende und den Stier besiegende Mithras, sollte in Zusammenhang gebracht werden mit der ChristusWesenheit. Man möchte sagen: Ein ganz glorioses Bestreben bestand in dieser Richtung, und es war in einer gewissen Weise dieses Bestreben stark.

[ 14 ] Wer nun die Verbreitung des östlichen Christentums, die Verbreitung des Arianismus beobachtet, kann an der Verbreitung des Arianismus wahrnehmen, wie ein Mithraselement in diesem Arianismus drinnen ist, obwohl es schon sehr geschwächt ist. Und jede Übersetzung der Ulfilas-Bibel in die neueren Sprachen bleibt unvollkommen, wenn man nicht weiß, daß in die Termini des Ulfilas, des Wulfila, noch Mithraselemente hineinspielten. Aber wer beachtet denn heute im linguistischen, im sprachlichen Elemente noch diese tieferen Zusammenhänge. In Griechenland gab es bis ins 4. Jahrhundert hinein Philosophen, welche daran arbeiteten, die alte ätherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu bringen, und daraus entstand jene wahre Gnosis, welche durch das spätere Christentum gründlich ausgerottet worden ist, so daß nur einige Fragmente von den literarischen Proben dieser Gnosis übriggeblieben sind. Was wissen denn die heutigen Menschen, das sagte ich schon neulich, eigentlich über die Gnosis, von der sie in ihrer Torheit sagen, daß unsere Anthroposophie eine Aufwärmung dieser Gnosis sei. Selbst wenn sie es wäre, so könnten es diese Menschen gar nicht wissen, denn sie kennen von der Gnosis eben nur das, was in den abendländischen christlichen kritischen Schriften über die Gnosis steht. Die Zitate kennen sie, welche die Bekämpfer der Gnosis von ihr hinterlassen haben. Von der Gnosis ist ja kaum mehr vorhanden als nur dasjenige, was sich etwa durch folgenden Vergleich ausdrücken läßt: Denken Sie einmal, es gelänge dem Herrn von Gleich, alles auszurotten, was von der anthroposophischen Literatur da ist, und es bliebe nichts anderes als seine Zitate, und dann würde man später einmal konstruieren wollen diese Anthroposophie nach diesen Zitaten, dann würde man im Abendlande ungefähr das Verfahren haben, das man hat mit der Gnosis. Wenn also die Leute sagen, die neuere Anthroposophie ahme die Gnosis nach, so können sie, selbst wenn sie es täte, es ja nicht wissen, denn sie kennen die Gnosis nicht, sie kennen sie ja nur von den Gegnern!

[ 15 ] Also in Athen namentlich war bis ins 4. Jahrhundert herein, ja noch länger, eine Weisheitsschule, welche sich bemühte, die alte ätherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu bringen. Die letzten Reste dieser Anschauung von dem Hereinkommen des Menschen aus höheren Welten durch die Planetensphäre in die Erdensphäre, sie durchglänzen noch die Schriften des Origenes, glänzen noch durch selbst durch die Schriften der griechischen Kirchenväter. Man kann überall sehen, wie das da durchglänzt; und es glänzte namentlich durch die Schriften des wahren Dionysius des Areopagiten. Dieser Dionysius der Areopagite hinterließ ja eine Lehre, die eine reine Synthesis war zwischen der ätherischen Astronomie und demjenigen, was im Christentum lebte: daß sich die gewissermaßen in der Sonne astronomisch oder kosmisch lokalisierten Kräfte in dem Christus durch den Menschen Jesus von Nazareth in die Erdensphäre hineinbegeben haben, und daß damit eine gewisse Beziehung, die vorher nicht vorhanden war, zur Erde entstanden ist in bezug auf alle höheren Hierarchien, die Hierarchien der Engel, die Hierarchien der Weistümer, die Hierarchien der Throne, die Hierarchien der Seraphime und so weiter. Eine Durchdringung dieser Hierarchienlehre mit ätherischer Astronomie, das war es, was beim ursprünglichen Dionysius dem Areopagiten vorhanden war.

[ 16 ] Im 6. Jahrhundert hat man dann versucht, die Spuren zu verwischen auch der älteren Lehren des Dionysius des Areopagiten, und man hat sie so umgestaltet, daß man darin eigentlich nur noch eine abstrakte Geisteslehre hatte. So wie heute die Lehre des Dionysius des Areopagiten vorliegt, ist sie ja eine Geisteslehre die nicht mehr viel mit ätherischer Astronomie zu tun hat. Und so nennt man ihn dann den Pseudo-Dionysius. Auf diese Weise hat man der Weisheitslehre einen Untergang bereitet, auf der einen Seite, indem man den Dionysius verballhornt hat, und auf der anderen Seite dadurch, daß man jene noch in Athen ganz lebhaft lebendige Lehre, welche die ätherische Astronomie mit dem Christentum vereinigen wollte, ausgerottet hat, und daß man in bezug auf das Kulthafte dann den Mithrasdienst ausgerottet hat.

[ 17 ] Und dann haben ein übriges getan solche Persönlichkeiten wie Konstantin, dessen Taten in späterer Zeit verstärkt wurden dadurch, daß ja der Kaiser Justinian die Athenische Philosophenschule schließen ließ, so daß die letzten Menschen, welche sich damit befaßt haben, die alte ätherische Astronomie mit dem Christentum in Einklang zu bringen, auswandern mußten und in Persien eine Stätte fanden, wo sie wenigstens ihr Leben fortfristen konnten. Justinian hat ja aus demselben Programm heraus, aus dem er die Athenische Philosophieschule schloß, auch den Origenes für einen Ketzer erklären lassen, und er hat die römische Konsulswürde aus demselben Grunde abgeschafft, die ja eigentlich nur noch ein Schattendasein führte, in der man aber doch, selbst als sie nur noch ein Schattendasein führte, eine Art Widerstandskraft suchte gegenüber der _ romanischen Staatsidee, die in der reinen Juristerei aufging. Das alte Menschliche, das man noch mit der Konsulswürde verband, ließ man verschwinden in dem staatlichen Imperialismus des Romanentums.

[ 18 ] So sehen wir im 4. Jahrhunderte abglimmen, was als Kultusdienst mit dem Menschen näher hätte zusammenbringen können das Christentum, wir sehen abglimmen dasjenige, was als alte Weisheitslehre in einer ätherischen Astronomie sich vereinigen wollte mit der Erkenntnis von der Bedeutung des Mysteriums von Golgatha. Und wir sehen im Westen an dessen Stelle treten dasjenige, was nun schon die Keime des späteren Materialismus in sich trug, der ja erst sich theoretisieren konnte im 15. Jahrhundert, als der fünfte nachatlantische Zeitraum begann, der aber vorbereitet wurde im wesentlichen durch die Vermaterialisierung desjenigen, was noch spirituell aus dem Oriente herübergekommen war.

[ 19 ] Diesen Gang der europäischen Zivilisation müssen wir durchaus ins Auge fassen. Es wird uns sonst niemals ganz durchsichtig werden, — welches eigentlich die Grundlagen der europäischen Zivilisation sind. Und es wird uns sonst niemals ganz klar werden, wie es eigentlich hat möglich sein können, daß immer wieder und wiederum die Menschen, wenn sie nach dem Orient gezogen sind, starke spirituelle Anregungen aus diesem Orient haben mitnehmen können. Vor allen Dingen war ja durch das ganze erste Mittelalter hindurch ein lebendiger Handelsverkehr von dem Orient an der Donau herauf, gerade jene Wege entlang, die der alte Mithrasdienst, der natürlich im ersten Mittelalter bereits verklungen war, genommen hatte. Die Leute,.die da als Handelsleute nach dem Orient und vom Orient her zogen, haben immer wieder das im Orient gefunden, was dem Christentum vorangegangen war, was aber durchaus schon nach dem Christentum hintendierte. Und wir sehen es ja auch, als die Kreuzfahrer nach dem Oriente zogen, wie sie aus den Resten, die sie noch haben erkennen können im Orient, Anregungen empfangen haben, wie sie altes Weisheitsgut nach Europa gebracht haben. Ich sagte: Mit diesem alten Weisheitsgut war die alte Säftemedizin verknüpft. — Immer wieder brachten die Menschen, die nach dem Orient zogen, auch noch diejenigen, die als Kreuzfahrer oder mit den. Kreuzzügen nach dem Orient zogen und die wiederum nach Europa zurückkamen, immerzu brachten sie auch noch Reste dieser alten Medizin nach Europa. Diese Reste einer alten Medizin wurden überall durch Tradition dann in Europa fortgepflanzt. Einzelne Menschen, die dann zu gleicher Zeit mit ihrer eigenen geistigen Entwickelung ihrer Zeit vorangegangen waren, machten dann merkwürdige Entwickelungen durch, wie die Persönlichkeit, die unter dem Namen des Basilius Valentinus weiterlief.

[ 20 ] Was war denn das für eine Persönlichkeit? Es war eine Persönlichkeit, welche unter den Leuten, mit denen sie ihre Jugend verlebt hatte, die Tradition der alten Säftemedizin, zuweilen ganz unverständig, übernommen hatte, in dieser oder jener Andeutung. Bis vor ganz kurzer Zeit — heute ist das schon weniger der Fall — waren in den alten Bauernregeln noch Überreste dieser aus dem Orient durch die Wanderzüge herübergetragenen medizinischen Tradition vorhanden, die eigentlich im Bauerntum sich ablagerten, die dann gehört wurden von denjenigen, die im Bauerntum aufwuchsen; sie waren in der Regel diejenigen, die dann Priester wurden. Namentlich diejenigen, die Mönche wurden, wuchsen aus dem Bauerntum heraus. Sie hatten da dies oder jenes gehört, was aber eben verballhorntes, dekadent gewordenes altes Weisheitsgut war. Sie machten aber eine selbständigere Entwickelung durch. Was man als Entwickelung durchmachte durch die christliche Theologie, war ja bis zum 15., 16. Jahrhundert noch etwas viel Freieres als es später geworden war. Da brachten diese Priester und Mönche allmählich aus ihrer eigenen Geistigkeit heraus eine gewisse Ordnung in die Dinge hinein. Sie dachten nach über das, was sie gehört hatten; aus dem eigenen Genie heraus verbanden sie die Dinge, und so entstanden dann die Schriften, die sich erhalten haben als die Schriften des Basilius Valentinus. Ja, es bildete sich dutch so etwas sogar durchaus noch eine Schule, in der auch Paracelsus und selbst Jakob Böhme lernten. Auch diese nahmen noch das, ich möchte sagen, in der Volksgruppenseele lebende alte medizinische Weisheitsgut auf. Man kann das ja bei Jakob Böhme, wo dieses elementar gilt, auch bei Paracelsus und anderen bemerken, auch wenn man die Schriften nur so äußerlich nimmt. Aber wenn man so etwas nimmt bei Jakob Böhme, wie seine Schrift «De signatura rerum», da wird man in der Art der Darstellung finden, daß das, was ich gesagt habe, da mit Händen zu greifen ist. Es ist das solch ein altes Volksgut, das aber im Grunde genommen in sich verballhorntes Weisheitsgut enthielt. Solch ein altes Volksgut war durchaus noch nicht so abstrakt, wie unsere heutige Wissenschaft es ist, sondern es war da etwas von dem Erfühlen des Objektiven in den Worten. Man fühlte in den Worten. So wie man heute in den Begriffen erkennen will, so fühlte man in den Worten. Man wußte, daß der Mensch die Worte aus dem objektiven Wesen der Welt selber hervorgeholt hat. Das kann man merken, wenn sich Jakob Böhme so viel Mühe gibt, zu fühlen, was eigentlich steckt in der Silbe «Sul», und was wiederum steckt in der Silbe «fur»: Sulfur. Sehen Sie sich an, wie zum Beispiel in «De signatura rerum» Jakob Böhme ringt, ich möchte sagen, um etwas herauszusaugen aus einem inneren Wort, einen inneren Wortextrakt, aus dem Worte Sulfur etwas herauszusaugen, um auf eine Wesenheit zu kommen. Es ist da durchaus das Gefühl vorhanden, daß, wenn man den Extrakt der Worte erlebt, man auf etwas Reales kommt. Es hat sich in älteren Zeiten, so fühlte man, in die Worte dasjenige hineingesetzt, was aufgenommen hat die menschliche Seele, als sie hereingezogen ist aus außerweltlichen Sphären durch die Planetensphäre ins irdische Dasein. Was sie da aber aus ihrem noch Näherstehen der Säftemischung in die Worte hineingelegt hat, wenn das Kind sprechen lernte, das war noch etwas Objektives, es war noch etwas in der Sprache, was wie ein Götterunterricht war, nicht bloß ein menschlicher Unterricht. Und man sieht bei Jakob Böhme dieses schöne Bestreben, das etwa sich so aussprechen läßt, wie wenn er gefühlt hätte: Ich möchte in der Sprache etwas sehen, wo noch hinter den Erscheinungen lebendige Götter in die menschliche Organisation hereinwirken, um in den Menschen die Sprache zu formen und mit der Sprache zugleich ein gewisses Weisheitsgut. Da sehen wir, wie durchaus auch noch in spätere Zeiten sich fortsetzt das alte Weisheitsgut, aber schon aufgenommen vom modernen Denken, das allerdings kaum angedeutet ist bei solchen elementaren Geistern wie Jakob Böhme oder Paracelsus. Und in das prägt sich jetzt hinein dasjenige, was rein intellektualistisch-theoretisch ist, was aus dem physischen Denken des Menschen heraus bloß das Physische ergreift. Wir sehen, wie auf der einen Seite entsteht die rein physische. Astronomie, wie auf der anderen Seite entsteht die rein auf die festbegrenzten Organe des Menschen gerichtete Physiologie und Pathologie, kurz, die ganze medizinische Abschattung. Und so steht allmählich der Mensch da mit einer Welt um sich, die er nur physisch begreift, in der er natürlich als kosmisches Wesen nicht darinnen sein kann. Er begreift an sich nur noch dasjenige, was er durch die Erde geworden ist, denn durch die Erde ist er dieses festbegrenzte physische organische Wesen geworden. Er kann keinen Einklang mehr finden zwischen dem, was ihm vom Kosmos durch die Erkenntnis gegeben wird, durch die physische Astronomie gegeben wird, und demjenigen, was in seiner Gestalt lebt, was allerdings auf etwas anderes weist; aber er wendet den Blick ab von dem, wie diese menschliche Gestalt auf etwas anderes weist. Er verliert schließlich ganz das Bewußtsein, daß sein Aufrichtebestreben und die besondere Art und Weise, wie er aus seinem Organismus heraus die Sprache hat, nicht entstehen können in dem Mithrasstier, sondern erst in dem Mithras. Er will mit alledem sich nicht mehr beschäftigen, denn er segelt dann hinein in den Materialismus. Er muß hineinsegeln in den Materialismus, denn das religiöse Bewußtsein selber hat ja von dem Christentum nur aufgenommen die äußere materielle Erscheinung und diese äußere materielle Erscheinung dogmatisiert, indem man nicht versucht hat, aus irgendeiner Weisheit heraus zu erkennen, wie sich das Mysterium von Golgatha zugetragen hat, sondern indem man versuchte, durch Beschlüsse festzustellen, was die Wahrheit ist.

[ 21 ] So sehen wir den Übergang von der orientalischen alten Gedankenstellung aus der Welterkenntnis heraus zu der besonderen römisch-europäischen Art der Feststellung. Wie wurde im Orient «festgestellt», und wie mußte aus orientalischem instinktivem Anschauen heraus auch etwas über das Mysterium von Golgatha «festgestellt» werden? - Indem man nahm die Erkenntnis, die sich aus der Welt heraus ergeben hatte, indem man hinaufschaute in Sternenwelten, da ergab sich aus der Erkenntnis heraus, wenn sie auch eine instinktive, elementare war, oder sollte sich wenigstensergeben, auch das, was das Mysterium von Golgatha war. Das war der Weg, der im Orient genommen wurde. Dieser Weg wurde vom 5. Jahrhundert an nicht mehr empfunden. Frühere Konzilien schon hatten, indem sie an die Stelle des Asiatischen mehr das Ägyptische gesetzt hatten, darauf hingewiesen, daß man ja nicht auf diese Art ausmachen solle, wie es mit dem Mysterium von Golgatha eigentlich beschaffen ist, sondern daß man durch die Mehrheit der Väter, die auf den Konzilien versammelt sind, entscheiden lassen solle. Es wurde das juristische Prinzip an die Stelle des orientalischen Erkenntnisprinzips gestellt, es wurde die Dogmatik in das Juristische herübergebracht. Man hatte nicht mehr das Gefühl, daß aus dem Weltengewissen heraus über die Wahrheit zu entscheiden ist. Man eignete sich das Gefühl an, daß man auf juristische Art durch Konzilbeschlüsse sagen könne, ob die göttliche und die menschliche Natur in Christus Jesus zwei Naturen oder eine Natur sei und dergleichen. Wir sehen in das innerste Gefüge der abendländischen Zivilisation das Ägyptisch-Romanisch-Juristische einziehen, dasjenige, was heute noch so tief in den Menschen sitzt, die nicht die Neigung haben, entscheiden zu lassen über ihr Verhältnis zur Wahrheit diese Wahrheit, sondern die aus ihren Affekten heraus entscheiden wollen und daher keinen anderen Maßstab für das Festsetzen haben als die Majorität in irgendeiner Form. Davon wollen wir dann morgen noch weiter sprechen.