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Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204

17 April 1921, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] In diesen Tagen habe ich mich bemüht, zu zeigen, wie die abendländische Zivilisation entstanden ist, wie ein bedeutsamer, ein gewaltiger Einschnitt in der Menschheitsentwickelung überhaupt zu verzeichnen ist im 4. nachchristlichen Jahrhundert, und es ist notwendig gewesen, darauf hinzuweisen, wie das Griechentum allmählich gewissermaßen zu dieser Abenddämmerung hin sich entwickelt hat, wie dann aus ganz anderen Impulsen heraus die Mittel- und Westeuropäische Zivilisation entstanden ist, und wie die Auffassung des Christentums sich unter diesen Einflüssen herausgebildet hat. Versuchen wir zunächst von einem gewissen anderen Gesichtspunkte aus noch einmal auf die entsprechenden Tatsachen hinzuweisen. Das Christentum entsteht im westlichen Orient aus dem Mysterium von Golgatha heraus. Die orientalische Kultur war in ihrer besonderen Eigenart schon durchaus im Sinken. Die alte Urweisheit war in ihren letzten Phasen vorhanden in dem, was sich herausbildete gegen Vorderasien, Griechenland zu als Gnosis. Diese Gnosis war immerhin noch eine solche Weisheit, welche in der verschiedensten Art zusammenfaßte, was dem Menschen vorlag an Welt- und Naturetscheinungen. Sie hatte aber doch schon im Verhältnis zu dem unmittelbaren anschaulich-instinktiven Einblicke in die geistige Welt, der eigentlich der orientalischen Entwickelung zugrunde lag, sie hatte demgegenüber einen schon mehr, man könnte sagen intellektuellen, verstandesmäßigen Charakter. Es war das geistige Leben, das im alten Orient alles menschliche Anschauen durchdrang, nicht mehr vorhanden. Und eigentlich aus den letzten Resten der alten Urweisheit heraus suchte man jene philosophisch-menschliche Anschauung zusammenzusetzen, die man als Weisheitsgut anwendete, um das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Es wurde gekleidet dasjenige, was im Mysterium von Golgatha lag, in die Weisheit, die sich. ins Griechentum herüber vom Orient gerettet hatte. Nun fassen wir einmal diese Weisheit ganz im geisteswissenschaftlichen Sinne auf. Wenn wir den Menschen betrachten wollen, so wie er sich dieser Weisheit einstmals hingegeben hat, so finden wir, daß im alten Orient das Wesentliche doch war, daß der Mensch mit dem, was in ihm sein astralischer Leib wirkte, mit dem, was er durch seinen astralischen Leib in seiner Seele erleben konnte, die Welt ansah, auch wenn sich Empfindungsseele, Verstandes- oder Gemütsseele herausgebildet hatten. Es war der astralische Leib, welcher in diese seelischen Glieder des Menschen hineinwirkte und welcher den Menschen befähigte, den Blick eigentlich abzuwenden von den irdischen Erscheinungen, dasjenige noch klar zu durchschauen, was im Geistig-Übersinnlichen aus dem Kosmos hereindringt. Der Mensch hatte noch nicht eine Ich-Anschauung der Welt. Sein Ich sprach nur dumpf. Sein Ich war für den Menschen noch nicht eine eigentliche Frage. Der Mensch lebte im Astralischen und in diesem Astralischen lebte er noch in einem gewissen Einklang mit den ihn umgebenden Welterscheinungen. Gewissermaßen war für ihn die eigentlich rätselhafte Welt diejenige, die er mit seinen Augen erblickte, diejenige, die sich abspielte als Menschenwelt um ihn herum. Dagegen war für ihn die verständliche Welt die übersinnliche Götterwelt, die Welt, in welcher die geistigen Wesenheiten ihr Dasein hatten. Der Mensch blickte hinüber zu diesen geistigen Wesenheiten, zu ihren Handlungen, zu ihren Geschicken. Das war ja das Wesentliche in der Anschauung des alten Orients, daß der Blick hingerichtet war auf diese geistigen Welten. Aus den geistigen Welten heraus wollte man die sinnliche Welt verstehen.

[ 1 ] In recent days, I have endeavored to show how Western civilization came into being, how a significant, momentous turning point in human development can be traced to the 4th century A.D., and it has been necessary to point out how Greek civilization gradually developed, as it were, toward this twilight, how Central and Western European civilization then arose from entirely different impulses, and how the concept of Christianity took shape under these influences. Let us first attempt to highlight the relevant facts once more from a somewhat different perspective. Christianity arose in the Western Orient out of the Mystery of Golgotha. Oriental culture, in its distinctive character, was already in a state of decline. The ancient primordial wisdom was present in its final phases in what emerged in the Near East and Greece as Gnosis. This Gnosis was, after all, still a form of wisdom that synthesized in the most diverse ways the phenomena of the world and nature as they presented themselves to human beings. Yet, in relation to the immediate, intuitive insights into the spiritual world that actually underlay Eastern development, it already possessed a character that was, one might say, more intellectual and rational. The spiritual life that had permeated all human perception in the ancient Orient was no longer present. And it was actually from the last remnants of the ancient primordial wisdom that people sought to piece together that philosophical-human perspective, which they applied as a treasure of wisdom in order to understand the Mystery of Golgotha. What lay at the heart of the Mystery of Golgotha was clothed in the wisdom that had been preserved and carried over from the Orient into Greek civilization. Now let us consider this wisdom entirely in the sense of spiritual science. If we wish to consider the human being as he once devoted himself to this wisdom, we find that in the ancient Orient the essential point was that the human being viewed the world through what his astral body was working within him—through what he could experience in his soul via his astral body—even after the sensory soul, the intellectual soul, and the emotional soul had developed. It was the astral body that worked within these soul members of the human being and enabled him to actually turn his gaze away from earthly phenomena and to clearly perceive what penetrates from the cosmos in the spiritual-super-sensible realm. Humanity did not yet have an “I”-based view of the world. The “I” spoke only faintly. The “I” was not yet a real question for humanity. Humanity lived in the astral realm, and within this astral realm, it still lived in a certain harmony with the worldly phenomena surrounding it. In a sense, the truly mysterious world for them was the one they saw with their eyes—the one that unfolded as the human world around them. In contrast, the comprehensible world for them was the supersensible world of the gods, the world in which spiritual beings existed. Human beings looked toward these spiritual beings, toward their actions, toward their destinies. This was, after all, the essence of the worldview of the ancient Orient: that one’s gaze was directed toward these spiritual worlds. It was from these spiritual worlds that people sought to understand the sensory world.

[ 2 ] Wir stehen heute als innerhalb unserer Zivilisation befindlich auf dem gegenteiligen Standpunkte. Uns ist die sinnlich-physische Welt gegeben, und von ihr aus wollen wir die geistige Welt irgendwie begreifen, wenn wir das überhaupt wollen, wenn wir es nicht ablehnen, wenn wir nicht im bloßen Materialismus stecken bleiben. Die materielle Welt betrachten wir als das Gegebene. Der alte Orientale betrachtete die geistige Welt als das Gegebene. Aus der materiellen Welt wollen wir etwas herausbekommen, um die Wunderbarkeit der Erscheinungen, die Zweckmäßigkeit des Baues der Organismen und so weiter zu verstehen, und aus dieser physisch-sinnlichen Umwelt wollen wir uns die übersinnliche beweisen. Der alte Orientale wollte die physisch-sinnliche Umwelt aus der ihm gegebenen überphysischen, übersinnlichen Welt verstehen. Aus ihr heraus wollte er das Licht empfangen, er empfing es auch, und ohne es war ihm die physisch-sinnliche Welt überhaupt Finsternis und Bangigkeit. Und so empfand er auch dasjenige, was er als sein innerstes Wesen noch ganz vom astralischen Leibe durchstrahlt empfand, als aus den geistigen Welten hervorgegangen. Er sagte sich nicht: Ich bin herauserwachsen aus dem irdischen Leben —, er sagte sich: Ich bin herauserwachsen aus dem göttlich-geistigen Wesen, ich bin heruntergestiegen aus göttlich-geistigen Welten und das Beste, was ich in mir trage, ist die Erinnerung an diese göttlich-geistigen Welten. Noch Plato, der Philosoph, spricht davon, wie der Mensch Erkenntnisse hat, Erinnerungen aus seinem präexistenten Leben, aus dem Leben, das er geführt hat, bevor er heruntergestiegen ist in die physisch-sinnliche Welt. Der Mensch betrachtete sein Ich durchaus als einen Strahl, der hervorkam aus dem Lichte der übersinnlichen Welt. Für ihn war rätselhaft die sinnliche Welt, nicht die übersinnliche Welt.

[ 2 ] Today, as members of our civilization, we take the opposite standpoint. The sensory-physical world is given to us, and from it we seek to comprehend the spiritual world in some way—if we want to do so at all, if we do not reject it, if we do not remain stuck in mere materialism. We regard the material world as a given. The ancient Oriental regarded the spiritual world as a given. From the material world, we seek to glean something in order to understand the wonder of phenomena, the purposefulness of the structure of organisms, and so on; and from this physical-sensory environment, we seek to prove the existence of the supersensible. The ancient Oriental sought to understand the physical-sensory environment through the supersensible, spiritual world given to him. From it he sought to receive the light—and indeed he did receive it—and without it, the physical-sensory world was for him nothing but darkness and dread. And so he also perceived that which he felt as his innermost being—still entirely permeated by the astral body—as having emerged from the spiritual worlds. He did not say to himself: “I have grown out of earthly life”—rather, he said: “I have grown out of the divine-spiritual being; I have descended from divine-spiritual worlds, and the best thing I carry within me is the memory of these divine-spiritual worlds.” Even Plato, the philosopher, speaks of how human beings possess insights and memories from their pre-existing life—the life they led before descending into the physical-sensory world. Human beings regarded their “I” entirely as a ray emanating from the light of the supersensory world. For them, the sensory world was a mystery, not the supersensory world.

[ 3 ] In Griechenland hatte dann diese Anschauung ihre Ausläufer gefunden. Der Grieche fühlte sich schon in seinem Leibe, aber er fühlte noch nicht in seinem Leibe irgendwie etwas, was diesen Leib besonders erklären konnte. Er hatte noch die Überlieferungen des alten Orients. Er schaute sich in gewissem Sinne an als etwas, was heruntergestiegen war aus den geistigen Welten, aber was in gewissem Sinne das Bewußtsein von diesen geistigen Welten schon verloren hatte. Es ist tatsächlich die letzte Phase des orientalischen Weisheitslebens, die in Griechenland auftrat. Und aus dieser Weltempfindung heraus sollte das Mysterium von Golgatha verstanden werden. Es legte ja dieses Mysterium dem Menschen das große Problem vor, dieses ungeheure Lebensproblem: Wie hat das überweltliche, das übersinnliche Wesen, das kosmische Wesen, der Christus, seinen Platz finden können im menschlichen Leibe? — Die Durchdringung des Jesus mit dem Christus, das war das große Problem, und wir sehen es aufleuchten überall in den gnostischen Bestrebungen. Aber der Mensch hatte ja von sich aus kein solches Verständnis des Zusammenhanges zwischen dem Übersinnlichen seines eigenen Wesens und dem Sinnlich-Physischen dieses Eigenwesens, und weil er an sich die Erkenntnis des Zusammenhanges des GeistigSeelischen und des Leiblich-Physischen nicht hatte, wurde gerade für dasjenige, was unter dem Einfluß der griechischen Anschauung stand, das Mysterium von Golgatha ein unauflösliches Problem, aber ein Problem, mit dem das Griechentum rang, dem es seine besten Weisheitskräfte widmete. Die Geschichte überliefert viel zu wenig von dem, was da eigentlich stattfand an geistigen Kämpfen.

[ 3 ] This view had then found its way into Greece. The Greeks already felt themselves in their bodies, but they did not yet feel anything within their bodies that could particularly explain that body. They still held onto the traditions of the ancient Orient. In a certain sense, they viewed themselves as something that had descended from the spiritual worlds, but which, in a certain sense, had already lost consciousness of those spiritual worlds. It is, in fact, the final phase of Eastern wisdom that emerged in Greece. And it was from this worldview that the Mystery of Golgotha was to be understood. For this mystery presented humanity with the great problem, this immense problem of life: How could the supermundane, the supersensible being, the cosmic being—Christ—find his place within the human body? —The permeation of Jesus by Christ—that was the great problem, and we see it shining through everywhere in Gnostic endeavors. But human beings, of their own accord, had no such understanding of the connection between the supersensible aspect of their own being and the sensory-physical aspect of that same being; and because they lacked, in and of themselves, the knowledge of the connection between the spiritual-soul aspect and the bodily-physical aspect, the Mystery of Golgotha became, precisely for those influenced by the Greek worldview, an insoluble problem, but a problem with which Greek civilization wrestled, devoting its finest wisdom to it. History has handed down far too little of what actually took place in terms of spiritual struggles.

[ 4 ] Ich habe aufmerksam darauf gemacht, daß ja die gnostische Literatur ausgerottet worden ist. Würde sie noch da sein, diese gnostische Literatur, so würde man in ihr sehen dieses tragische Ringen um das Verstehen des Zusammenlebens des übersinnlichen Christus mit dem sinnlichen Jesus, man würde dieses so außerordentlich tiefe Problem in seiner Entwickelung sehen. Aber dieses Ringen ist ausgelöscht worden. Diesem Ringen wurde ein Ende gemacht durch das nüchterne, abstrakte Wesen, das vom Romanismus ausging, das nur durch, ich möchte sagen, Aufpeitschung der Emotionen dazu kommt, Innerlichkeit hineinzutragen in die Abstraktionen. Die Gnosis wurde überschüttet, und Dogmatik und Konzilsbeschlüsse wurden an die Stelle gesetzt. Durchtränkt wurden die tiefen Anschauungen des Orients, die nichts vom Juristischen hatten, mit einer Form, die das Christentum annahm in der mehr westlichen Welt, der damals westlichen Welt, der römischen Welt.

[ 4 ] I have pointed out that Gnostic literature has, in fact, been eradicated. If this Gnostic literature were still in existence, one would see in it this tragic struggle to understand the coexistence of the supernatural Christ with the physical Jesus; one would see the development of this extraordinarily profound problem. But this struggle has been wiped out. An end was put to this struggle by the sober, abstract nature that emanated from Roman Catholicism, which only manages—I would say—by whipping up emotions to infuse inner life into its abstractions. Gnosticism was overwhelmed, and dogmatics and council decrees took its place. The profound insights of the East, which had nothing to do with legalism, were imbued with a form that Christianity assumed in the more Western world—the Western world of that time, the Roman world.

[ 5 ] Aus diesem Römertum ging das Christentum hervor, indem es sozusagen durchjuristet wurde, indem überall juristische Begriffe einzogen, indem die römischen Staatsbegriffe über das Christentum sich ausbreiteten. Das Christentum nahm die Form des römischen Staatskörpers an, und wir sehen hervorgehen aus demjenigen, was einstmals die Weltenhauptstadt Rom war, die christliche Hauptstadt Rom. Wir sehen, wie dieses christliche Rom annimmt vom alten Rom die besonderen Anschauungen, wie man Menschen regieren muß, wie man über Menschen seine Herrschaft ausdehnen muß. Wir sehen, wie sich ausbreitet eine Art kirchlicher Imperialismus, indem hineingegossen wird dasjenige, was das Christentum ist, in die römische Staatsform. Was in spirituelle Erkenntnisformen gegossen war, ging ein in juristisch-menschliche Staatsform. Das erste Mal wurde in einer gewissen Weise zusammengeschmiedet Christentum und äußerliche Staatsweisheit, und in dieser Form breitete sich da das Christentum dann aus. Im Christentum sind so tiefe Kräfte, im Christentum sind so gewaltige Impulse, daß sie natürlich tätig und fortwirkend sein konnten, trotzdem sie in die Form des römischen Staatstums hineingegossen waren. Und es konnten sich eben, als diese römische Staatsform die westliche Welt ergriff, neben dem forterhalten die schlichten Erzählungen, das Tatsächliche, was in Palästina geschehen ist.

[ 5 ] Christianity emerged from this Roman tradition by, so to speak, being “legalized”—as legal concepts permeated every aspect of it and Roman concepts of the state spread throughout Christianity. Christianity took on the form of the Roman state, and we see the Christian capital of Rome emerge from what was once the capital of the world, Rome. We see how this Christian Rome adopts from ancient Rome the specific views on how to govern people and how to extend one’s rule over them. We see a kind of ecclesiastical imperialism spreading as the essence of Christianity is poured into the Roman form of government. What had been cast into forms of spiritual knowledge was incorporated into a legal-human form of government. For the first time, Christianity and external statecraft were, in a certain sense, forged together, and it was in this form that Christianity then spread. There are such profound forces in Christianity, such powerful impulses, that they could naturally remain active and continue to exert their influence, even though they had been cast into the form of the Roman state. And so, as this Roman form of government took hold of the Western world, the simple narratives—the actual events that took place in Palestine—were able to be preserved alongside it.

[ 6 ] Aber in dieser westlichen Welt war man in einer ganz besonderen Weise auf das Christentum vorbereitet und man war so vorbereitet, daß der Mensch sich aus seiner physischen Natur heraus erfaßte, sein Ich fühlte aus seiner physischen Natur heraus. Es zeigte sich da der Unterschied, als gewissermaßen das Christentum durchging durch die griechische Welt und diese griechische Welt abschmolz, es zeigte sich der gewaltige Unterschied dieses griechischen Christentums und desjenigen Christentums, das dann das eigentlich staatliche Christentum war, das Hertschaftschristentum, das romanische Christentum. Und es zeigte sich dann mehr vom Norden herein jenes Christentum, welches hineingegossen wurde in die nördlichen Menschen, die von den Griechen und Römern die Barbaren genannt worden sind, in jene nördlichen Menschen, welche aus ihrer Natur heraus, ich möchte sagen, ihr eigenes Wesen zusammenfassend ihr Ich fühlten und aus dem ganzen Menschen im Physisch-Sinnlichen, aus der menschlich-physisch-sinnlichen Ich-Verkörperung heraus sich begriffen und nun auch dasjenige begreifen wollten, was als schlichte Erzählung sich bis zu ihnen fortpflanzte von den Vorgängen in Palästina. Und so stießen zusammen in dieser barbarischen Welt die schlichte Erzählung von den Vorgängen in Palästina mit dem, was Ich-Gefühl, ich möchte sagen, Bluts-Ich-Gefühl war, namentlich in der mittleren europäischen Welt und in der nordischen europäischen Welt. Diese Dinge stießen zusammen. Und man wollte begreifen, aus diesem Ich-Erfassen des Menschen heraus wollte man begreifen die schlichte Erzählung über die Vorgänge in Palästina. Ihren tieferen Gehalt wollte man nicht erfassen. Mit Weisheit wollte man sie nicht durchdringen. Man wollte sie nur eben in das Physisch-Sinnlich-Menschliche hereinziehen.

[ 6 ] But in this Western world, people were prepared for Christianity in a very special way—and they were prepared in such a way that human beings perceived themselves from their physical nature and felt their “I” from their physical nature. The difference became apparent when, as it were, Christianity passed through the Greek world and that Greek world began to fade away; the enormous difference became evident between this Greek Christianity and the Christianity that then became the actual state Christianity—the Christianity of domination, Roman Christianity. And then, coming more from the north, that form of Christianity emerged which was instilled into the northern peoples—those whom the Greeks and Romans had called “barbarians”—into those northern peoples who, by their very nature, I would say, by their very nature, felt their “I” as the sum of their being and understood themselves through the whole human being in the physical-sensual realm—through the human-physical-sensual embodiment of the “I”—and now also wanted to understand what had been passed down to them as a simple narrative of the events in Palestine. And so, in this barbaric world, the simple narrative of the events in Palestine clashed with what was a sense of the “I”—I might say, a sense of the “blood-I”—particularly in Central Europe and in Northern Europe. These things clashed. And people wanted to understand—from this human sense of “I”—they wanted to understand the simple narrative about the events in Palestine. They did not want to grasp its deeper meaning. They did not want to penetrate it with wisdom. They simply wanted to draw it into the physical-sensual-human realm.

[ 7 ] Man sieht, wie im «Heliand» ganz vermenschlicht und ganz in die europäische menschliche Welt, in diese Ich-Welt hereingezogen erscheinen diese Erzählungen über die Vorgänge in Palästina. Wir sehen, wie da alles vermenschlicht wird, wie da kein Vermögen vorhanden ist, so wie es Griechenland gemacht hat, mit Weisheitsgut zu durchdringen das Mysterium von Golgatha. Und es entwickelte sich der Drang, ohne Aufblick zum Übersinnlichen auch als schlichte menschliche Vorgänge darzustellen das Wirken des Christus Jesus in der Welt, immer mehr und mehr diese Erzählungen zu vermenschlichen. Und dahinein wurde geschoben dasjenige, was sich vom romanisch-christlichen Imperium dogmatisch als Konzilsbeschlüsse ausbreitete; wie zwei einander fremde Welten schoben sich diese ineinander, jenes Christentum, welches sozusagen vereuropäisierte die Palästinaerzählung, und jenes Christentum, welches verjuristet-romanisiertes Griechentum war, abstrakt geworden war. Das ist dasjenige, was nun in den Jahrhunderten fortlebte, und in das sich hineinstellen konnten nur einzelne in der Weise, wie ich es gestern erzählt habe von den Weisen, die die Vorstellung über den Gral ausgebildet haben und die darauf hingewiesen haben, daß ja einstmals in orientalische Weisheit gekleidet war der Impuls des Christentums, daß aber der Träger dieser orientalischen Auffassung, die Heilige Gralsschale, der Heilige Gral nach Europa nur so gebracht werden konnte, daß er über der Erde schwebend gehalten wurde von überirdischen Geistern, und dann erst ihm eine verborgene Burg gebaut wurde, die Gralsburg auf dem Montsalvatsch. Aber es war auch zugleich daran die Vorstellung gefügt, daß der Mensch sich allein durch unwegsame Gebiete nähern könne demjenigen, was die Wunder des Heiligen Grales sind. Dann sagten diese Weisen nicht: Sechzig Meilen ist der Umkreis, den man unwegsam zu absolvieren hat, wenn man zu den Wundern des Grales kommen will —, sondern dann sagten sie in einer viel esoterischeren Weise, wie dieser Weg zum Heiligen Gral eigentlich ist, dann sagten sie: Oh, diese Menschen Europas, sie kommen nicht zu dem Heiligen Gral, denn der Weg, den sie gehen sollen, um zum Heiligen Gral zu kommen, der ist so weit, wie der Weg von der Geburt bis zum Tode, und erst, wenn die Menschen am Tode ankommen, indem sie den für Europa unwegsamen Weg durchgemacht haben, der da sich erstreckt von der Geburt bis zum Tode, erst dann kommen sie bei der Gralsburg auf dem Montsalvatsch an. — Das war im Grunde genommen das esoterische Geheimnis, das dem Schüler mitgeteilt wurde. Mitgeteilt wurde den Schülern — weil noch nicht erwacht war die Zeit, in der die Menschen mit klarem Bewußtsein sehen konnten, wie die geistige Welt wiederum gefunden werden kann -, mitgeteilt wurde den Schülern aus diesem Grunde, daß sie nur in einzelnen Lichtblitzen hineinkommen können zu der heiligen Gralsburg. Aber besonders tief wurde ihnen eingeschärft, daß sie zu fragen hatten, daß die Zeit gekommen sei in der Menschheitsentwickelung, in der der Mensch, wenn er nicht frägt, das heißt, wenn er nicht sein Inneres entwickelt, wenn er nicht aus sich heraus den Impuls der Wahrheit sucht, wenn er passiv bleibt, er nicht zu einem Erleben seines Selbstes kommen könne. — Denn der Mensch muß sein Ich finden aus seiner physischen Organisation heraus. Und dieses Ich, das aus der physischen Organisation heraus sich findet, das muß durch seine eigene Kraft sich wiederum hinaufschwingen, um sich da zu sehen, wo selbst noch in der älteren griechischen Zivilisation dieses Selbst gesehen worden ist, in übersinnlichen Welten. Das Ich muß sich erst wiederum hinaufheben, um sich zu erkennen als ein Übersinnliches. |

[ 7 ] We see how, in the Heliand, these accounts of the events in Palestine appear to be fully humanized and drawn entirely into the European human world—into this “I”-centered world. We see how everything there is humanized, how there is no capacity—as there was in Greece—to penetrate the mystery of Golgotha with the treasure of wisdom. And the urge developed to portray the work of Christ Jesus in the world as mere human events, without any reference to the supersensible, humanizing these narratives more and more. And into this was thrust what spread dogmatically from the Roman-Christian Empire in the form of council decrees; like two worlds alien to one another, these intermingled: that Christianity which, so to speak, “Europeanized” the Palestinian narrative, and that Christianity which was a legalistic, Romanized form of Hellenism that had become abstract. This is what has lived on through the centuries, and only a few individuals were able to engage with it in the way I described yesterday regarding the sages who developed the concept of the Grail and who pointed out that the impulse of Christianity was once clothed in Eastern wisdom, but that the vessel of this Eastern conception—the Holy Grail— the Holy Grail, could only be brought to Europe by being held aloft above the earth by supernatural spirits, and only then was a hidden castle built for it—the Grail Castle on Montsalvatsch. But attached to this was also the idea that human beings could approach the wonders of the Holy Grail only by traversing impassable regions. Then these sages did not say: “Sixty miles is the circumference one must traverse through impassable terrain if one wishes to reach the wonders of the Grail”—but rather, they described in a much more esoteric way what this path to the Holy Grail is actually like; they said: “Oh, these people of Europe, they do not reach the Holy Grail, for the path they must take to reach the Holy Grail is as long as the path from birth to death; and only when people reach death—having traversed the path that is impassable for Europe, which stretches from birth to death—only then do they arrive at the Grail Castle on Montsalvatsch. — That was, in essence, the esoteric secret that was revealed to the disciple. It was revealed to the disciples—because the time had not yet dawned when people could see with clear consciousness how the spiritual world could be rediscovered—it was revealed to the disciples for this reason: that they can enter the Holy Grail Castle only in fleeting flashes of light. But it was particularly impressed upon them that they had to ask; that the time had come in human evolution when a person, if they do not ask—that is, if they do not develop their inner self, if they do not seek the impulse of truth from within themselves, if they remain passive—cannot come to an experience of their own self. — For human beings must find their “I” within their physical organization. And this “I,” which finds itself within the physical organization, must in turn raise itself up through its own power to see itself where even in the ancient Greek civilization this Self was perceived—in supersensible worlds. The “I” must first raise itself up again in order to recognize itself as a supersensible being. |

[ 8 ] Im alten Orient sah man, was in dem astralischen Leibe vorging, und in dem astralischen Leibe sah man die Folge der früheren Erdenleben. Daher sprach man da von Karma. In Griechenland war die Vorstellung bereits abgeschattet. Man nahm nur noch dumpf astralisch die Weltgeschehnisse war. Daher sprach man unbestimmt vom Schicksal, vom Fatum. Diese Anschauung vom Schicksal, vom Fatum, ist nur eine Abschwächung, eine Ablähmung der vollen konkreten Vorstellung des alten Orients von dem Durchgang des Menschen dutch die wiederholten Erdenleben, deren Folgen sich in dem Erleben innerhalb des astralischen Leibes, wenn auch nur instinktiv, abet doch ankündigten, so daß gesprochen werden konnte vom Karma, das sich ausbildete in den wiederholten Erdenleben, und dessen Folgen eben da waren in dem astralischen Erleben.

[ 8 ] In the ancient Orient, people could see what was taking place in the astral body, and in the astral body they could see the consequences of previous earthly lives. That is why they spoke of karma there. In Greece, this concept had already become blurred. People perceived world events only in a vague, astral way. That is why people spoke vaguely of fate, of “fatum.” This view of fate, of “fatum,” is merely a weakening, a dulling of the ancient Orient’s full, concrete conception of the human being’s passage through repeated earthly lives, the consequences of which were foreshadowed—albeit only instinctively— were foreshadowed in the astral body, so that one could speak of karma forming through repeated earthly lives, the consequences of which were precisely present in astral experience.

[ 9 ] Jetzt rückte man vor gegen den Westen zu in dem Ich-Erleben. Aber dieses Ich-Erleben war zunächst gebunden an den physischen Leib. Dieses Ich-Erleben war egoistisch in sich selber abgeschlossen. Dieses Ich-Erleben lebte zunächst in der Dumpfheit, das lebte, selbst wenn in ihm ein starker Impuls nach übersinnlichen Welten hin war, in der Dumpfheit; und Parzival, der pilgert nach dem Heiligen Gral, wird uns als ein Mensch in der Dumpfheit geschildert. Man muß es durchaus verstehen, daß, als der Mithrasdienst sich ausbreitete herüber aus dem Orient nach dem Westen, er von dem Westen zurückgewiesen wurde, nicht verstanden wurde. Denn der da auf dem Stier saß, der der Besieger werden sollte der niederen Kräfte, der fand sich ja selbst als aus niederen Kräften hervorgehend. Sah der westliche Mensch den auf dem Stiere reitenden Mithras, so verstand er dieses Wesen nicht, denn dieses Wesen konnte ja nicht dasjenige sein, was das Ich herausempfindet und -erlebt aus seiner physischen Organisation. Es verging, verglomm das Verständnis für diesen reitenden Mithras.

[ 9 ] Now the “I” experience began to move toward the West. But this sense of self was initially bound to the physical body. This sense of self was self-centered and closed in on itself. This sense of self initially lived in dullness; even though there was a strong impulse within it toward supersensible worlds, it lived in dullness; and Parzival, who goes on a pilgrimage for the Holy Grail, is portrayed to us as a human being in this state of dullness. One must certainly understand that when the cult of Mithras spread from the East to the West, it was rejected by the West and not understood. For the one who sat upon the bull—who was to become the conqueror of the lower forces—found himself to have emerged from those very lower forces. When Westerners saw Mithras riding the bull, they did not understand this being, for this being could not possibly be what the “I” perceives and experiences through its physical organization. Understanding of this riding Mithras faded and died out.

[ 10 ] Man kann sagen: Das alles mußte geschehen, denn das Ich mußte seinen Impuls in der physischen Organisation erleben. Das Ich mußte sich fest binden an die physische Organisation, aber es darf sich nicht in diesem Sich-fest-Fühlen in der physischen Organisation versteifen. — Es war das eine gewaltige Reaktion auf die Weisheitsgüter des Orients, als man im Westen immer mehr und mehr drang auf das aus dem reinen Physischen heraus sich Entwickelnde. Diese Reaktion mußte da sein. Es fand sich auch in Europa alles mögliche zusammen, um diese Reaktion zu einer recht starken zu machen. Aber sie durfte sich nicht länger als einige Jahrhunderte in dieses geistige Streben hinein erstrecken. Eine neue Geistigkeit ist ja dann heraufgezogen, aber eine abstrakte Geistigkeit, eine sublimierte Geistigkeit, eine filtrierte Geistigkeit seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts.

[ 10 ] One could say: All of this had to happen, because the “I” had to experience its impulse within the physical organism. The “I” had to bind itself firmly to the physical organization, but it must not become rigid in this sense of being firmly anchored within the physical organization. — It was a powerful reaction to the wisdom traditions of the East when, in the West, there was an ever-increasing emphasis on what develops out of the purely physical. This reaction was inevitable. All sorts of factors also came together in Europe to make this reaction quite strong. But it was not allowed to extend into this spiritual striving for more than a few centuries. A new spirituality did indeed emerge then, but it was an abstract spirituality, a sublimated spirituality, a filtered spirituality dating from the first third of the 15th century.

[ 11 ] Die Menschen haben die physische Astronomie ergriffen, auch die physische Medizin, und mußten zunächst diese Anregung aus diesem physisch erfühlten Ich-Impuls heraus haben. Aber es darf sich weiterhin nicht versteifen in der europäischen Zivilisation, wenn diese europäische Zivilisation nicht ihren Niedergang finden will. Und Niedergangskräfte sind ja genug schon da, Reste, die eben nur Reste sein sollten, die man als Reste erkennen sollte. Man bedenke nur einmal, wie gerade die modernste Theologie, ich habe das oftmals hervorgehoben, verloren hat die Möglichkeit, den Christus zu begreifen, wie sie immer mehr und mehr dazu gekommen ist, den Christus Jesus ganz zu verirdischen, ganz zu vermenschlichen, wie sie den «schlichten Mann aus Nazareth» an die Stelle des Christus Jesus setzte, wie in einem materialistisch gestalteten Herrschaftsverhältnis vom Romanismus aus immer mehr und mehr verloren wurde die lebendige Geistigkeit, durch die das Mysterium von Golgatha wirklich dem Menschen nahegebracht werden kann. Und man sehe, wie sich eine Wissenschaft herausentwickelt in der neueren Zeit, welche alles, was äußerlich ist, begreifen will, welche aber nicht herandringen will zum Menschen. Und man sehe, wie im Gefolge dieser Wissenschaft Impulse im sozialen Leben entstehen, die nur menschliche physische Ordnung herbeiführen wollen und die nicht durchdringen wollen die menschlichen physischen Ordnungen mit demjenigen, was das göttlich-geistige, das übersinnlich-geistige Prinzip ist.

[ 11 ] People have taken up physical astronomy, as well as physical medicine, and initially had to draw this inspiration from this physically sensed “I” impulse. But it must not become rigid within European civilization if that civilization is to avoid decline. And there are already enough forces of decline present—remnants that should remain just that, and which should be recognized as such. One need only consider how modern theology in particular—as I have often emphasized—has lost the ability to comprehend Christ, how it has increasingly come to completely earthenize Christ Jesus, to completely humanize him, how it has placed the “simple man from Nazareth” in the place of Christ Jesus, and how, within a materialistically structured hierarchy rooted in Romanism, the living spirituality through which the Mystery of Golgotha can truly be brought close to human beings has been increasingly lost. And observe how a science has developed in recent times that seeks to comprehend everything that is external, yet refuses to penetrate to the core of the human being. And one sees how, in the wake of this science, impulses arise in social life that seek only to bring about human physical order and do not seek to permeate human physical orders with that which is the divine-spiritual, the supersensible-spiritual principle.

[ 12 ] Dabei ist es immer nur so, wie wenn in den Menschenseelen, in einigen Menschenseelen zurückbliebe so ein einzelner Lichtblick. ‚Wenn ein Strahl von dem, was noch immer in ihnen von diesem Astralischen lebt, mit diesem Ich sich vermischt, dann bekommen sie solche Lichtblicke, und es gehört zu den eindrucksvollsten Erscheinungen des neueren Europa, wenn wir sehen, wie aus dem Osten herüberstrahlt eine gewaltige Mahnung in der Religionsphilosophie, in der ganz, ich möchte sagen, in östliche Schwüle getauchten Religionsphilosophie des Solowjow, wie da herüberstrahlt etwas von dem: es müsse durchdringen die irdische soziale Ordnung ein Übersinnlich-Geistiges. Wir sehen gewissermaßen, wie dieser Solowjow eine Art Christus-Staat träumt. Er kann diesen Christus-Staat träumen, weil letzte Reste eines das Ich durchstrahlenden astralischen subjektiven Erlebens in ihm sind.

[ 12 ] It is always just as if a single glimmer of light were to remain in human souls—in some human souls. ‘When a ray of what still lives within them from this astral realm mingles with the ego, they experience such glimmers of light; and it is one of the most striking phenomena of modern Europe when we see how a powerful reminder shines forth from the East in the philosophy of religion—in, I might say, in Soloviev’s philosophy of religion steeped in Eastern opulence—how something of this shines forth: that a supersensible-spiritual element must permeate the earthly social order. We see, as it were, how this Soloviev dreams of a kind of Christ-State. He is able to dream of this Christ-State because within him lie the last remnants of an astral, subjective experience that radiates through the “I.”

[ 13 ] Halten wir neben diese Träume eines durchchristeten Staates, halten wir daneben dasjenige, was mit der Ablehnung allesGeistigen nunmehr im Osten aufgerichtet worden ist, das, was nur Niedergangsktäfte in sich birgt — ein ungeheurer, ein kolossaler Kontrast! Die Welt müßte aufmerksam werden auf einen solchen kolossalen Kontrast. Und wenn man heute schon Distanz genug hätte, diese Dinge zu sehen, man würde hinstellen auf die eine Seite den Forderer des durchchristeten Staates, des durchchristeten sozialen Gebildes, Solowjow, man würde ihn betrachten als jemanden, der noch von orientalischem Wesen angeregt war und gewissermaßen einen letzten Funken hinwarf in dieses erstarrende Europa, um es von diesem Gesichtspunkte aus zu beleben. Man würde dann auf der anderen Seite ruhig zusammenstellen können den Zaren Nikolaus oder seine Vorgänger und den Zaren Lenin, denn daß sie verschieden schwatzen in die Weltenentwickelung der Menschheit hinein, das macht ihren Unterschied im Grunde genommen nicht aus. Nur das macht es aus, was an weltgestaltenden Kräften in ihnen lebt, und da lebt das gleiche in Lenin, das gleiche in dem russischen Zaren; da ist im Grunde genommen kein besonderer Unterschied. Es ist selbstverständlich schwer, innerhalb dieser durcheinanderwogenden, aus der Vorzeit in die europäische Zivilisation hereinragenden Kräfte sich zurechtzufinden. Ein Gewoge ist es zunächst, und zu suchen ist eine feste Richtung. In nichts anderem kann diese feste Richtung gefunden werden, als in dem Hinaufheben des Ich zu einem geistigen Be-. greifen der Welt. In einem geistigen Begreifen der Welt muß der christliche Impuls wiedergeboren werden. Was angestrebt worden ist für die äußere Welt seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts, das muß für den Menschen angestrebt werden, der ganze Mensch muß aus der Welt heraus begriffen werden. Im Einklange muß geschaut werden Weltbegreifen und Menschheitsbegreifen. In Phasen, in Metamorphosen müssen wir die Erdenentwickelung begreifen. Frühere Verkörperungen unserer Erde müssen wir sehen, aber nicht müssen wir hinschauen auf menschenleere Urnebel. Hinschauen müssen wir auf Saturn, Sonne und Mond, welche schon durchtätigt waren von der Menschenwesenheit, hinschauen müssen wir, wie die jetzige Gestaltung der. Menschenwesenheit aus der Gestaltung der früheren Metamorphosen des Erdenplaneten entstanden ist, wie da schon die menschliche Gestaltung ebenfalls in früher Phase tätig wat. Den Menschen müssen wir erkennen in der Welt, und aus dieser Erkenntnis des Menschen in der Welt wird auch wiederum ein Verständnis hervorquellen können des Mysteriums von Golgatha. Die Menschen müssen lernen zu verstehen, warum eine unwegsarne Gegend um die Gralsburg herum ist, warum der Weg zwischen der Geburt und dem Tode unwegsam ist. Und wenn sie verstehen, warum et unwegsam ist, wenn sie verstehen, daß das Ich sich darinnen nun erfühlt aus der physischen Organisation heraus, wenn sie fühlen, wie unmöglich eine bloße physische Astronomie ist, wenn sie fühlen, wie unmöglich eine bloße physische Medizin ist, dann werden sie sich selbst die Wege bahnen, dann werden sie in dieses bisher unwegsame Leben zwischen der Geburt und dem Tode etwas hineinbringen, was durch die eigene Seelenarbeit des Menschen entsteht. Aus dem Material der Seele, des Geistes heraus selber müssen die Werkzeuge geschaffen werden, durch die zustande kommen die Spatenstiche auf jenem Felde, das ein Seelisches sein muß, das hinführt zur Gralsburg, zum Geheimnis des Brotes und des Blutes, zur Erfüllung des Wortes: Tuet dies zu meinem Angedenken. - Denn vergessen ist dieses Angedenken, unbewußt ist worden dasjenige, was in den Worten lebt: Tuet dieses zu meinem Angedenken. Denn man tut dieses zum Angedenken an den großen Moment von Golgatha, wenn man versteht, in dem Symbolum des Brotes, das heißt desjenigen, was aus der Erde sich heraus entwickelt durch die Synthesis der kosmischen Kräfte, und wenn man versteht, in einer wiederum durchgeistigten Kosmologie und Astronomie die Welt zu begreifen, und wenn man lernt, den Menschen zu verstehen aus demjenigen, was sein Extrakt ist, das dasjenige ist, wo das Geistige in ihm unmittelbar eingreift, wenn man versteht das Mysterium des Blutes. Hingefunden werden muß durch die Arbeit am Inneren der Menschenseelen der Weg zum Heiligen Gral. Das ist eine Erkenntnisaufgabe, das ist eine soziale Aufgabe. Das ist aber auch eine Aufgabe, welche im weitesten Umfange in der Gegenwart gehaßt wird.

[ 13 ] Let us set these dreams of a thoroughly Christianized state side by side with what has now been established in the East through the rejection of all that is spiritual—that which harbors within itself only forces of decline—a tremendous, a colossal contrast! The world ought to take notice of such a colossal contrast. And if we had enough distance today to see these things, we would place on one side the advocate of the Christianized state, of the Christianized social structure, Soloviev; we would regard him as someone who was still inspired by an Eastern spirit and who, in a sense, cast a final spark into this ossifying Europe to enliven it from this perspective. One could then calmly place Tsar Nicholas or his predecessors on one side and Tsar Lenin on the other, for the fact that they speak differently into the course of human development does not, in essence, constitute their difference. What matters is only what world-shaping forces live within them, and the same force lives in Lenin as in the Russian tsar; there is, in essence, no particular difference. It is, of course, difficult to find one’s bearings amid these surging, conflicting forces that reach from antiquity into European civilization. At first, it is a tumult, and what must be sought is a firm direction. This firm direction can be found in nothing other than the elevation of the “I” to a spiritual grasp of the world. The Christian impulse must be reborn in a spiritual understanding of the world. What has been sought for the external world since the first third of the 15th century must now be sought for the human being; the whole human being must be understood in relation to the world. Understanding the world and understanding humanity must be viewed in harmony. We must understand the Earth’s development in phases, in metamorphoses. We must see earlier incarnations of our Earth, but we must not look toward primordial nebulae devoid of human life. We must look to Saturn, the Sun, and the Moon, which were already imbued with human presence; we must look at how the present form of human being emerged from the forms of the Earth’s earlier metamorphoses, and how the human form was already active there in an earlier phase. We must recognize the human being in the world, and from this recognition of the human being in the world, an understanding of the Mystery of Golgotha will in turn be able to spring forth. People must learn to understand why the area around the Grail Castle is impassable, why the path between birth and death is impassable. And when they understand why it is impassable, when they understand that the “I” now perceives itself within it from within the physical organization, when they feel how impossible mere physical astronomy is, when they feel how impossible mere physical medicine is, then they will blaze their own trails, then they will bring into this hitherto impassable life between birth and death something that arises through the human being’s own soul work. From the very substance of the soul and the spirit, the tools must be created by which the first spadefuls are turned in that field—which must be a spiritual one—leading to the Grail Castle, to the mystery of the bread and the blood, to the fulfillment of the words: “Do this in remembrance of me.”—For this remembrance has been forgotten; what lives in the words “Do this in remembrance of me” has become unconscious. For one does this in remembrance of the great moment on Golgotha when one understands, in the symbol of the bread, that is, of that which develops from the earth through the synthesis of cosmic forces, and when one understands how to comprehend the world through a cosmology and astronomy that have been re-spiritualized, and when one learns to understand the human being from that which is his essence—that is, the place where the spiritual intervenes directly within him—and when one understands the mystery of the blood. The path to the Holy Grail must be found through work on the inner life of human souls. This is a task of knowledge; it is a social task. But it is also a task that is, to the greatest extent, hated in the present day.

[ 14 ] Denn was die Menschen vermöge ihres Darinnenstehens in der Ich-Erziehung der westlichen Zivilisation in sich entwickeln, das ist vor allen Dingen eine Sehnsucht, innerlich-seelisch passiv zu bleiben, sich nicht aus dem Weltendasein geben zu lassen, was die Seelen vorwärtsbringen sollte. Das aktive Erfassen der Seelenkräfte, das innerliche Erleben, das ja nicht gleich eine okkulte Entwickelung zu sein braucht, sondern das Erleben des Seelischen überhaupt, das ist das, was eine Menschheit in Europa nicht will, welche fortsetzen will, was für das uns unmittelbar vorangegangene Zeitalter selbstverständlich war: die Ich-Entwickelung, was aber hineinführt in den krassesten Egoismus, in das blindeste Wüten der Instinkte, wenn es ausgedehnt wird über seine Zeit hinaus. In die nationalen Chauvinismen hinein hat sich dieses über sein Zeitmaß hinaus erstreckende Ich-Gefühl zunächst begeben; in den nationalen Chauvinismen erscheint es, und aus den nationalen Chauvinismen kommen die Geister heraus, welche den Weg zum Heiligen Gral unwegsam erhalten wollen. Aber die Verpflichtung ist ja, alles zu tun, was getan werden kann, um die Menschenseelen aufzurufen zur Aktivität sowohl auf dem Erkenntnisgebiete wie auf sozialem Gebiete. Aber gegen einen solchen Aufruf erstehen eben alle diejenigen Kräfte, die von Haß erfüllt sind gegen diese Aktivität der Seele. Hat man denn die Menschen nicht lange genug dazu erzogen,daß sie sich gesagt haben: Wir sollen als ketzerisch ansehen die eigene Arbeit der Seelen, um von Schuld frei zu werden, wir sollen das Sünden- und Schuldbewutßtsein recht entwickeln, denn wir sollen nicht durch uns vorwärtskommen, wir sollen in Passivität durch den Christus auch erlöst werden?

[ 14 ] For what people develop within themselves as a result of being immersed in the “I-education” of Western civilization is, above all, a longing to remain passive in their inner lives, to refuse to allow worldly existence to provide them with what should propel their souls forward. The active grasping of the soul’s powers, the inner experience—which need not necessarily be an occult development, but rather the experience of the soul in general—is precisely what humanity in Europe does not want, as it seeks to continue what was taken for granted in the era immediately preceding our own: the development of the “I,” which, however, leads into the most blatant egoism, into the blindest rage of the instincts, when it is extended beyond its proper time. This sense of the “I,” extending beyond its proper time, has initially found its way into national chauvinisms; it appears in national chauvinisms, and from these chauvinisms emerge the spirits that seek to keep the path to the Holy Grail impassable. But the obligation, after all, is to do everything that can be done to call human souls to activity, both in the realm of knowledge and in the social sphere. Yet against such a call rise precisely all those forces that are filled with hatred toward this activity of the soul. Have people not been taught long enough to say to themselves: We should regard the soul’s own work to free itself from guilt as heretical; we should properly develop a sense of sin and guilt, for we are not to advance through our own efforts, but are to be redeemed through Christ in passivity?

[ 15 ] Den Christus verkennt man, wenn man ihn nicht so erkennt, daß er diejenige Weltenkraft ist, die sich ganz mit uns vereinigt, wenn wir uns durch Fragen, durch innere Aktivität zu ihm hindurcharbeiten. Und überall sieht man heute aufstehen aus den Bekenntnissen heraus, aus der Theologie, aus denjenigen, die mit der Theologie immer verbunden waren, aus dem Soldatentum, aus der Wissenschaft, überall sieht man diejenigen Mächte heute aufsteigen, die den Weg der Aktivität verbauen wollen.

[ 15 ] One fails to recognize Christ if one does not see him as the cosmic force that unites itself completely with us when we work our way toward him through questions and inner activity. And everywhere today one sees forces rising up—from the denominations, from theology, from those who have always been connected to theology, from the military, from academia—everywhere one sees those forces rising up today that seek to block the path of activity.

[ 16 ] Daß dies der Fall ist, darauf mußte ich seit langer Zeit hinweisen und seit langer Zeit mußte ich immer wieder und wiederum sagen: Was heraufzieht als gegnerische Mächte, das wird immer heftiger und heftiger werden; und bis heute ist das durchaus eingetroffen. Und nicht etwa ist es möglich, heute zu sagen, daß diese Gegnerschaft ihren Höhepunkt erreicht habe. Diese Gegnerschaft hat noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Diese Gegnerschaft hat eine starke organisierende Kraft im Zusammenfassen alles desjenigen, was zwar in Wirklichkeit zum Untergange bestimmt ist, was aber in seinem Untergehen durchaus für die Zeit aufhalten kann dasjenige, was mit den Aufgangskräften arbeitet. Und demgegenüber sind die Kräfte, die hinarbeiten zur Aktivität der Seelen, heute schwach. Diejenigen Kräfte sind schwach, welche aus dem Erfassen der geistigen Welt heraus die Aufgangskräfte zu den Kräften ihrer eigenen Seele machen wollen. Die Welt hat einen ahrimanischen Charakter angenommen. Denn das mußte geschehen, daß das Ich, indem es sich im Physischen erfaßte, dann, wenn es nicht zur rechten Zeit sich hinaufhebt zum geistigen Sich-Erfassen als eines Geisteswesens, daß es dann, wenn es im Physischen bleibt, von den ahrimanischen Mächten ergriffen wird. Und dieses Ergriffenwerden von den ahrimanischen Mächten, das sehen wit; das sehen wir daran, daß, sowenig es sich die schläfrigen Seelen gestehen wollen, geradezu eine Hinneigung zum Bösen heute sich überall geltend macht. Eine Hinneigung zum Bösen ist ja deutlich wahrzunehmen gerade in der Kampfesart, die zum Beispiel gegen anthroposophische Geisteswissenschaft und alles dasjenige unternommen wird, was mit dieser zusammenhängt. Aus den trübsten Pfützen wird dasjenige entnommen, mit dem heute Persönlichkeiten gegen anthroposophische Geisteswissenschaft kämpfen, die in der Welt sogar ein wissenschaftliches oder theologisches Ansehen genießen. Nicht wird gefragt nach der Wahrheit, sondern nur gesehen wird darauf, welche Verleumdung diesen Persönlichkeiten besser gefällt, welche Verleumdung ihnen sympathischer sein kann; es ist ein starkes Besessensein der Menschheit von den Kräften des Bösen, von der Liebe zum Bösen. Und wer heute nicht zu rechnen versteht mit dieser Liebe zum Bösen, mit diesem Immer-größer-und-größer-Werden gerade dieser Liebe zum Bösen in dem Kampf gegen anthroposophische Geisteswissenschaft, der wird ein Gefühl, eine Erkenntnis nicht in sich entwickeln können von dem, was noch alles heraufziehen wird an gegnerischen Kräften und gegnerischen Mächten. Seit Jahren wird gesprochen von mir von diesem Immer-größer-und-größer-Werden. Und wenn zunächst auch nichts anderes zu erlangen ist als ein deutliches Gefühl davon, dann muß wenigstens dieses deutliche Gefühl, das immerhin auch eine Macht ist, aufrechterhalten werden. Man muß hineinschauen in die Welt, wie sie uns heute umgibt, und man muß nüchternen Blickes sehen, was eigentlich mit so etwas gegeben ist, wie mit den Schmutzereien, die jetzt bei unseren Gegnern auftauchen und die um so mehr Eindruck machen, je trüberen Pfützen sie entstammen.

[ 16 ] I have long had to point out that this is the case, and for a long time I have had to say again and again: What is rising as hostile forces will become ever more intense; and to this day, that has certainly come to pass. And it is by no means possible to say today that this opposition has reached its peak. This opposition is still far from reaching its peak. This opposition possesses a strong organizing power in bringing together all that which, though in reality destined for decline, can—in its very decline—definitely hold back, for the time being, that which works with the forces of ascent. In contrast, the forces working toward the activity of the soul are weak today. Those forces are weak which, through an understanding of the spiritual world, seek to make the forces of ascent the very forces of their own soul. The world has taken on an Ahrimanic character. For it was bound to happen that the “I,” by grasping itself in the physical realm—if it does not, at the right time, rise to a spiritual self-realization as a spiritual being—would, if it remains in the physical realm, be seized by the Ahrimanic forces. And we see this seizing by the Ahrimanic forces; we see it in the fact that—however much the slumbering souls may not want to admit it—a veritable inclination toward evil is asserting itself everywhere today. A tendency toward evil can indeed be clearly perceived, particularly in the manner of the campaign waged, for example, against anthroposophical spiritual science and everything associated with it. From the murkiest puddles are drawn the very things with which certain figures—who even enjoy a scientific or theological reputation in the world—are fighting against anthroposophical spiritual science today. No one asks for the truth; instead, they look only to see which slander these figures find more appealing, which slander might be more to their liking; humanity is strongly possessed by the forces of evil, by a love of evil. And anyone today who does not understand how to reckon with this love of evil—with the ever-increasing growth of this very love of evil in the struggle against anthroposophical spiritual science—will be unable to develop within themselves a feeling or an insight into all the opposing forces and powers that are yet to arise. For years I have been speaking of this ever-increasing trend. And even if, at first, nothing more can be attained than a clear sense of it, then at least this clear sense—which is, after all, a power in itself—must be maintained. One must look into the world as it surrounds us today, and one must see with a sober eye what is actually at stake in such matters—such as the slander now emerging from our opponents, which makes all the more of an impression the murkier the puddles from which it springs.

[ 17 ] Es ist schon notwendig, daß man sich mit dieser besonderen Eigenart, die immer mehr und mehr auftreten wird, mit dieser Liebe zum Bösen bekanntmacht und daß man nicht in einer schläfrigen Weise immer wieder und wiederum in Entschuldigungsgründen schwelgt, daß die Gegner von diesen Dingen überzeugt seien. Glauben Sie überhaupt, daß Sie in einem solchen Menschen, wie der, der als der neueste Gegner aufgetreten ist gegen anthroposophische Geisteswissenschaft, glauben Sie denn, daß in dem überhaupt die Möglichkeit einer inneren Überzeugungskraft vorhanden ist? — Es ist in ihm gar nicht die Möglichkeit einer Überzeugungskraft vorhanden. Er handelt aus ganz anderen Untergründen heraus. Und es ist schon, ich möchte sagen, ein schlauer Griff, gerade nach dieser Seite hin zu suchen, zu suchen nach derjenigen Art, die Dinge anzuschauen, die ja gerade darauf beruht, den Gegner zu täuschen. Wann ist man ein besserer Feldherr? - Wenn man besser den Gegner täuschen kann! - Wenn aber übertragen wird dieses Prinzip auf die Kampfesweise um die Wahrheit, dann ist dieser Kampf ein Kampf der Lüge, der personifizierten Lüge gegen die Wahrheit. Und damit muß man sich bekanntmachen, daß dieser Kampf der personifizier ten Lüge gegen die Wahrheit zu allem fähig ist, daß er dasjenige, was wir versuchten und versuchen, namentlich an äußeren Stützen zu gewinnen, um der Wahrheit Träger zu finden in der Zivilisation, . daß er uns das durchaus wird nehmen wollen. Es ist nicht über trieben, wenn gesagt wird: Alles dasjenige, was da ist als «Waldorf schule» und so weiter, als dieser Bau, es ist demgegenüber die tiefste, gründlichste Sehnsucht in der Welt vorhanden, uns das zu nehmen! Und wenn wir darauf nicht aufmerksam sind, wenn wir nicht einmal ein Gefühl von der ganzen Art und Weise dieser Kampfesweise in uns entwickeln, dann bleiben wir eben schlafende Seelen, dann er greifen wir doch nicht mit innerer Wachsamkeit dasjenige, was durch anthroposophische Geisteswissenschaft quellen will.

[ 17 ] It is indeed necessary to familiarize oneself with this particular trait—which will become increasingly prevalent—this love of evil, and not to keep, in a complacent manner, indulging in excuses that the opponents are convinced of these things. Do you really believe that in a person such as the one who has emerged as the latest opponent of anthroposophical spiritual science, do you really believe that there is any possibility of inner conviction at all? — There is absolutely no possibility of inner conviction in him. He acts from entirely different motives. And it is, I would say, a clever move to look specifically in this direction—to look for that way of viewing things which is based precisely on deceiving the opponent. When is one a better commander? — When one is better able to deceive the opponent! — But when this principle is applied to the struggle for truth, then this struggle becomes a struggle of lies—the personified lie against the truth. And one must come to terms with the fact that this battle of the personified lie against the truth is capable of anything—that it will seek to take away from us precisely what we have tried and are trying to gain, namely external support, in order to find bearers of the truth within civilization. It is no exaggeration to say: Everything that exists as the “Waldorf School” and so on—including this building—is met by the deepest, most profound longing in the world to take it away from us! And if we are not attentive to this, if we do not even develop a sense within ourselves of the entire nature of this mode of struggle, then we will simply remain sleeping souls; then we will not grasp with inner vigilance that which seeks to well up through anthroposophical spiritual science.

[ 18 ] Im Grunde genommen sollte eigentlich der Zeitpunkt nicht gekommen sein, wo man sich verwundert, daß die Gegner so werden konnten; denn das konnte lange voraus gewußt werden. Und wir stehen ja durchaus heute unter dem Eindrucke dessen, daß wir zuwenige Persönlichkeiten haben, die sich zu aktiven Trägern unserer Geistessttömung machen. Es ist im allgemeinen unter Menschen heute noch leichter, dutch Gewalt und Macht und Unrecht zu wirken als durch die Freiheit. Diejenige Wahrheit, die durch anthroposophische Geisteswissenschaft verkündet werden soll, sie darf nur rechnen auf die Freiheit der Menschen. Sie muß Frager finden. Und man darf gar nicht sagen: Warum hat diese Wahrheit nicht in sich selber durch göttlich-geistige Macht die Gewalt, die Seelen zu zwingen? — Das will sie nicht, das kann sie nicht. Sondern weil sie, was sie immer tun wird, die innere Freiheit, die Freiheit des Menschen überhaupt als das Unantastbarste ansehen wird. Soll der Mensch zur anthroposophischen Geisteswissenschaft mit seinem Urteil kommen, er muß ein Frager werden, er muß in der innersten Freiheit des Urteiles sich selber überzeugen. Gesprochen werden soll zu ihm das Wort von der geistigen Wahrheit; überzeugen muß er sich selber. Soll er mittätig sein im sozialen Leben, so muß er das aus dem innersten Impuls seines Herzens heraus tun. Frager müssen diejenigen Menschen werden, die im wahren Sinne des Wortes zur anthroposophischen Geisteswissenschaft gehören.

[ 18 ] Strictly speaking, we should not have reached the point where we are surprised that our opponents could have become what they are; for this could have been foreseen long ago. And today we are certainly under the impression that we have too few individuals who are willing to become active champions of our spiritual movement. In general, it is still easier for people today to act through violence, power, and injustice than through freedom. The truth that is to be proclaimed through anthroposophical spiritual science can rely only on human freedom. It must find those who ask questions. And one must not say at all: Why does this truth not possess, in and of itself, the power through divine-spiritual force to compel souls? — It does not want to do that; it cannot. Rather, because it will always regard inner freedom—the freedom of the human being in general—as the most inviolable thing of all. If a person is to come to anthroposophical spiritual science through their own judgment, they must become a seeker; they must convince themselves within the innermost freedom of judgment. The word of spiritual truth is to be spoken to them; they must convince themselves. If they are to be active participants in social life, they must do so out of the innermost impulse of their hearts. Those who belong to anthroposophical spiritual science in the true sense of the word must become questioners.

[ 19 ] Was erblicken wir auf der gegnerischen Seite? — Glauben Sie nicht, daß da nur diejenigen sich zusammen organisieren, die irgendwie einseitig sind in irgendeinem Bekenntnis. Nein, in Stuttgart wird in einer katholischen Kirche gepredigt: Gehet hinein zu dem Vortrag des Herrn vor Gleich, denn dadurch könnt ihr eure katholischen Seelen stärken, ihr könnt die Gegner eurer katholischen Seelen überwinden! - Und die katholischen Seelen gehen hinein, der katholische General von Gleich hält einen Vortrag und schließt mit einem Lutherlied! Schöne Vereinigung hüben und drüben, zusammen organisieren sich Gegner! — Es kommt nicht darauf an daß sie irgendwie in ihrem Glauben, in ihren Meinungen einig sind.

[ 19 ] What do we see on the opposing side? — Do not think that only those who are in some way one-sided in their beliefs are organizing themselves there. No, in Stuttgart, a sermon is being preached in a Catholic church: “Go in to hear Mr. von Gleich’s lecture, for through it you can strengthen your Catholic souls; you can overcome the enemies of your Catholic souls!”—And the Catholic souls go in; the Catholic General von Gleich gives a lecture and concludes with a Lutheran hymn! What a beautiful union on both sides—opponents are organizing together! — It doesn’t matter whether they are in any way united in their faith or their opinions.

[ 20 ] Für uns kommt es aber an auf die Kraft, festzustehen auf dem als richtig erkannten Boden. Ja, es wird nichts unversucht bleiben, um diesen Boden zu untergraben, dessen können Sie sicher sein. Ich mußte das noch einmal aussprechen, gerade in Anlehnung an die Betrachtungen des Herganges der europäischen Zivilisation, denn es ist notwendig, daß wenigstens die Absicht entsteht, sich fest zu stellen auf den Boden, den wir als den richtigen erkennen müssen. Und es ist notwendig, daß man unter uns sich nicht den ja auch so beliebten Illusionen über die Gegnerschaften hingibt. Es wird darauf ausgegangen, uns den Boden zu unterhöhlen. An uns ist es, so viel zu arbeiten, als nur irgend geht, und wenn der Boden unterhöhlt werden sollte und wir hineinfielen in den Spalt, dann müßte unsere Arbeit dennoch so gewesen sein, daß sie ihren geistigen Weg durch die Welt findet. Denn was da auftritt, es ist das letzte Zucken einer untergehenden Welt; aber sie kann auch noch, wenn es das letzte Zucken ist, wie ein Tobsüchtiger um sich schlagen; man kann unter diesem tobsüchtigen Umsichschlagen sein Leben verlieren. Deshalb muß wenigstens erkannt werden, aus welchen Impulsen heraus das tobsüchtige Umsichschlagen geschieht. Mit kleinen Mitteln wird nichts erreicht; an das große müssen wir appellieren. Versuchen wir, gewachsen zu sein einem solchen Appellieren!

[ 20 ] For us, however, what matters is the strength to stand firm on the ground we recognize as right. Yes, no stone will be left unturned in an effort to undermine this ground—of that you can be certain. I had to say this once more, particularly in light of the reflections on the course of European civilization, for it is necessary that at least the intention arise to stand firm on the ground that we must recognize as the right one. And it is necessary that we among ourselves not succumb to the all-too-popular illusions about our adversaries. They are setting out to undermine our foundation. It is up to us to work as hard as we possibly can, and even if the ground were to be undermined and we were to fall into the chasm, our work would still have to be such that it finds its spiritual path through the world. For what is happening there is the final convulsion of a world in decline; but even if it is the final convulsion, it can still lash out like a madman; one can lose one’s life in the midst of this frenzied lashing about. Therefore, we must at least recognize the impulses driving this frenzied lashing about. Nothing will be achieved with meager means; we must appeal to the greater forces. Let us strive to be worthy of such an appeal!

[ 21 ] Ich mußte dieses einschließen, damit gefühlt werde, daß wir in einem wichtigen, bedeutungsvollen, entscheidungsvollen Momente stehen und daß wir zu überlegen haben, wie wir die Kraft finden sollen, um durchzukommen.

[ 21 ] I had to include this so that people would realize that we are at an important, significant, and decisive moment, and that we need to consider how we can find the strength to get through it.