Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204
22 April 1921, Dornach
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The Spiritual Backgrounds of the Outer World, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Eine zukünftige Geschichtsschreibung wird diese Tage als zu den wichtigsten der europäischen Geschichte gehörig verzeichnen; denn es ist ja heute bekanntgeworden, wie von Mitteleuropa aus der Verzicht geleistet wird auf einen eigenen europäischen Willen. Es wird sich zeigen, in welcher Weise sich die Dinge in den nächsten Tagen weiter entwickeln, aber wie immer auch das geschehen mag, es ist ja schließlich ein Akt, der viel mehr als diejenigen, die in unserer katastrophalen Zeit ihm vorangegangen sind, zusammenhängt mit menschlicher Willensentschließung, mit jener menschlichen Willensentschließung, die im vollen Sinne aus den Niedergangskräften der europäischen Zivilisation heraus erfolgte. An einem solchen Tage kann man zurückerinnert werden an diejenigen Zeiten, von denen ja alles das ausgegangen ist innerhalb der europäischen Zivilisation, was ich in den letzten Wochen hier seiner Herkunft nach geschildert habe, was gewissermaßen seinen Ausgangspunkt hat in dem von der Geschichte so oberflächlich Geschilderten, aber in die Zivilisation der Menschheit tief Eingreifenden des 4. nachchristlichen Jahrhunderts.
[ 1 ] Future historians will record these days as among the most significant in European history; for it has become known today that Central Europe is renouncing its own European will. It remains to be seen how events will unfold in the coming days, but however that may happen, it is, after all, an act that—far more than those that preceded it in our catastrophic times—is connected with human volition, with that human volition that arose, in the fullest sense, from the forces of decline within European civilization. On such a day, one may be reminded of those times from which everything within European civilization originated—what I have described here in recent weeks in terms of its origins, which, in a sense, has its starting point in the 4th century A.D., an event so superficially described by history but one that profoundly impacted human civilization.
[ 2 ] Wir haben ja diese Ereignisse nach gewissen Seiten hin charakterisiert. Wir haben charakterisiert, wie vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab eigentlich dasjenige, was man den total juristischen Geist nennen kann, in kirchliche und weltliche Zivilisation des Abendlandes einzieht und dann immer intensiver und intensiver wird. Wir haben dann hingedeutet, aus welchen Quellen diese Dinge hervorgegangen sind, und wir haben ja auch schon früher darauf aufmerksam gemacht, wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschheit der modernen Zivilisation eine Krisis durchmacht, die zwar weniger bemerkt wird, die aber sogar, wie wir vor einigen Wochen hier gesehen haben, anatomisch-physiologisch beschrieben werden kann. Unter dem Einfluß desjenigen, was in der Mitte des — 19. Jahrhunderts sich vollzogen hat, steht ja dann alles dasjenige, was sich abgespielt hat in der zweiten Hälfte, namentlich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und was dann ausgelaufen ist in die unglückseligen beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts.
[ 2 ] We have, in fact, characterized these events from certain perspectives. We have described how, beginning in the 4th century A.D., what might be called a purely legalistic spirit began to permeate both ecclesiastical and secular civilization in the West, becoming increasingly intense over time. We then pointed out the sources from which these developments arose, and we have also previously drawn attention to how, in the mid-19th century, humanity in modern civilization underwent a crisis that, while less widely noticed, can even be described in anatomical and physiological terms, as we saw here a few weeks ago. Everything that took place in the second half—namely, in the last third—of the 19th century, and which then spilled over into the two unfortunate decades of the 20th century, stands under the influence of what unfolded in the middle of the 19th century.
[ 3 ] Eben der heutige Tag gibt Veranlassung, diese Betrachtungen, die wir hier in diesen Tagen nun pflegen wollen, einzuleiten in der ja schon öfters gepflogenen, aber vielleicht gerade von dem Gesichtspunkte, den ich heute einnehmen will, besonders wichtigen Weise mit der Betrachtung einer Persönlichkeit, welche in einer ganz intensiven Weise, man möchte sagen, halb als Zuschauer, halb als tragische Persönlichkeit, welche durch die Ereignisse geht, miterlebt hat, was da an Absterbekräften innerhalb der europäischen Zivilisation im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vorhanden war. Ich meine Friedrich Nietzsche.
[ 3 ] Today, in particular, provides an occasion to begin these reflections—which we now intend to pursue here over the next few days—in a manner that has indeed been employed many times before, but which is perhaps especially important from the perspective I wish to adopt today: by considering a figure who, in a very intense way, one might say, half as a spectator, half as a tragic figure moving through the events—witnessed the forces of decay that were present within European civilization in the last third of the 19th century. I am referring to Friedrich Nietzsche.
[ 4 ] Nicht um irgendwie die Persönlichkeit Nietzsches als solche etwa biographisch zu betrachten, wollen wir heute unseren Gesichtspunkt einnehmen, sondern um an Nietzsche einiges zu zeigen aus dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Sein Wirken fällt ja ganz und gar in dieses letzte Drittel des 19. Jahrhunderts hinein. Er ist diejenige Persönlichkeit, die, ich möchte sagen, mit feinvibrierenden Nerven mitgemacht hat alles dasjenige, was im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts an geistigen Strömungen über Europa hinweggezogen ist, und er ist diejenige Persönlichkeit, die in der tragischsten Weise gelitten hat an diesen Strömungen, die in der schrecklichsten Weise mitempfunden hat die Niedergangskräfte, welche in diesen Strömungen drinnenliegen, und die ja an dieser Tragik, an diesen Schrecknissen zuletzt zerbrochen ist.
[ 4 ] Our aim today is not to examine Nietzsche’s personality as such—for example, from a biographical perspective—but rather to use Nietzsche to shed light on certain aspects of the last third of the 19th century. His work, after all, falls entirely within this last third of the 19th century. He is the figure who, I would say, with finely attuned sensibilities, experienced firsthand all the intellectual currents that swept across Europe in the last third of the 19th century, and he is the figure who suffered in the most tragic way from these currents, who felt in the most terrible way the forces of decline inherent in them, and who was ultimately broken by this tragedy, by these horrors.
[ 5 ] Man kann natürlich die verschiedensten Linien zu dem Bilde ziehen, welches wir da im Auge haben. Es sollen heute einige von diesen Linien gezogen werden. Aus einem mitteldeutschen Pfarrhause stammt Friedrich Nietzsche. Er hat um sich damit von Kindheit auf dasjenige, was bezeichnet werden kann mit der neuzeitlichen Kulturenge, Zivilisationsenge. Er hat um sich alles das, was sich philiströs-sentimental gibt, was zu gleicher Zeit selbstzufrieden, hochmütig ist und trivial-genügsam. Selbstzufrieden, hochmütig aus dem Grunde, weil es glaubt, in leichtgeschürzten Empfindungen die Unsumme der Weltengeheimnisse in sich zu tragen, trivial-genügsam, weil diese Empfindungen nun wahrhaft die alleralltäglichsten sind, die eindringen in die philiströse Sentimentalität aus dem Allerallermenschlichsten und die so gewertet werden in der philiströsen Sentimentalität, als wenn sie das wären, was der Gott in der Menschenbrust spricht.
[ 5 ] Of course, one can draw a wide variety of connections to the image we have in mind here. Today, we will explore some of these connections. Friedrich Nietzsche came from a Central German parsonage. From childhood onward, he was thus surrounded by what might be described as the constraints of modern culture—the constraints of civilization. He was surrounded by everything that is philistine and sentimental—that is at once self-satisfied, haughty, and trivially complacent. Self-satisfied and haughty because it believes it carries within itself, in easily aroused emotions, the sum total of the world’s mysteries; trivial and complacent because these feelings are in fact the most mundane of all, arising in philistine sentimentality from the very essence of humanity, and yet regarded within that sentimentality as if they were the voice of God speaking from within the human heart.
[ 6 ] Aus dieser Zivilisationsenge ist Nietzsche hervorgegangen und er hat als junger Mann alles das aufgenommen, was derjenige aufnehmen kann, der, man möchte sagen, als zeiten- und weltenfremder Jüngling durchgeht durch die Gymnasialbildung der Gegenwart. Er hat ahnen können durch die Gymnasialphilistrosität die Größe des Griechentums. Er ging ja schon in frühesten Jünglingsjahren mit vollem Herzen hinein in alles das, was ausströmt aus der griechischen Tragik eines Sophokles oder Äschylos, er erfüllte sich mit alledem, was aus dem griechischen Vollmenschentum hinaufstrebt zu einer gewissen Erfassung des geistig-physischen Welterlebens, und er wollte als Vollmensch mit allem Denken, Fühlen und Wollen drinnenstehen in diesem Erleben des totalen Weltganzen, von dem der Mensch sich fühlen kann als ein einzelner Teil, als ein einzelnes Glied. Und es mag wohl immer wieder und wiederum vor der Seele des Jünglings Friedrich Nietzsche jener große Kontrast gestanden haben zwischen dem, was eben in philiströser Sentimentalität und engherziger, trivialer Selbstzufriedenheit die Mehrzahl der modernen Menschen Realität nennt auf der einen Seite und dem Hoheitsstreben der griechischen Tragiker und Philosophen der älteren griechischen Zeit auf der anderen. Gewiß pendelte seine Seele hin und her zwischen dieser philiströsen Realität und diesem über alles trivial-menschliche Maß hinausgehenden Hoheitsstreben des griechischen Geistes. Und als er dann eintrat in die Sphäre moderner Gelehrsamkeit, da ödete ihn besonders an die Geist- und Kunstlosigkeit dieser modernen Gelehrsamkeit, das bloß intellektualistische Treiben. Seine geliebten Griechen, an denen er das Hoheitsstreben am intensivsten empfunden hatte, waren ihm durch die moderne Wissenschaft in philologisch-formale Trivialitäten gegossen. Er mußte sich herausfinden aus diesen philologisch-formalen Trivialitäten, und so faßte er denn seine gründliche Antipathie gegen denjenigen Geist, den er als den Ursprungsgeist des neuzeitlichen Intellektualismus auffaßte: er wurde ergriffen von einer tiefen Antipathie gegen Sokrates und alles sokratische Streben.
[ 6 ] Nietzsche emerged from this narrow-minded civilization, and as a young man he absorbed everything that someone—who, one might say, was a youth out of step with his time and world—could absorb through the contemporary high school education. Through the philistine atmosphere of the gymnasium, he was able to sense the greatness of Greek civilization. Indeed, even in his earliest teenage years, he immersed himself wholeheartedly in everything that emanates from the Greek tragedy of a Sophocles or Aeschylus, he filled himself with all that strives upward from the Greek ideal of the complete human being toward a certain grasp of the spiritual-physical experience of the world, and he wanted, as a complete human being with all his thinking, feeling, and willing, to stand at the very heart of this experience of the totality of the world, of which a human being can feel himself to be a single part, a single member. And it may well be that, time and again, the young Friedrich Nietzsche’s soul was confronted with that great contrast between, on the one hand, what the majority of modern people—in their philistine sentimentality and narrow-minded, trivial self-satisfaction—call reality, and, on the other hand, the aspiration to grandeur of the Greek tragedians and philosophers of the earlier Greek era. Certainly, his soul oscillated back and forth between this philistine “reality” and this quest for sublimity in the Greek spirit, which transcended all trivial human measures. And when he then entered the sphere of modern scholarship, he was particularly repelled by the lack of spirit and artistry in this modern scholarship—the purely intellectualistic pursuits. His beloved Greeks, in whom he had felt this aspiration to sublimity most intensely, had been reduced by modern scholarship to philological and formal trivialities. He had to find his way out of these philological and formal trivialities, and so he developed a profound antipathy toward the spirit he perceived as the origin of modern intellectualism: he was seized by a deep antipathy toward Socrates and all Socratic endeavors.
[ 7 ] Gewiß, es gibt ja die großartigen, guten Seiten des Sokrates, es gibt alles das, was man in intensiver Weise an Sokrates lernen kann. Aber da ist auf der einen Seite Sokrates, wie er einstmals innerhalb der Griechenwelt stand, und da ist der Sokrates, das Schauergespenst, welches durch die Schilderung der modernen Gymnasiallehrer und Universitätsphilosophen geht. Wen konnte denn schließlich der junge Nietzsche kennenlernen, indem er zunächst seine Umgebung betrachtete? — Doch nur das Schauergespenst Sokrates! Und so faßte er denn seine Antipathie gegen diesen Sokrates aus dem, was durch den Sokratismus innerhalb dieser europäischen Zivilisation heraufgezogen ist. So sah er in Sokrates den Abtöter des Vollmenschentums, das in der vorsokratischen Zeit künstlerisch und philosophisch durch die europäische Zivilisation hindurchgeströmt ist, und so erschien ihm zuletzt eine philiströs gewordene, öde gewordene Wirklichkeit als dasjenige, was auf dem Grunde des Daseins die Welt überschaut, und aus dem sich herausarbeiten muß, was als Hoheitsstreben hinauf will zu den geistigen Sphären des Daseins.
[ 7 ] Certainly, there are the magnificent, positive aspects of Socrates; there is everything one can learn from him in a profound way. But on the one hand, there is Socrates as he once stood within the Greek world, and on the other, there is the specter of Socrates that haunts the descriptions of modern high school teachers and university philosophers. Who, after all, could the young Nietzsche have come to know by first observing his surroundings? — Only the specter of Socrates! And so he derived his antipathy toward this Socrates from what Socratism had brought to the fore within European civilization. Thus he saw in Socrates the destroyer of the “whole human being,” which had flowed artistically and philosophically through European civilization in the pre-Socratic era; and so, in the end, a reality that had become philistine and desolate appeared to him as that which surveys the world from the very foundation of existence, and from which must emerge that which, as a striving for sovereignty, seeks to ascend to the spiritual spheres of existence.
[ 8 ] Das letztere konnte er nicht sehen in irgend etwas, was hervorgebrochen wäre etwa aus dem Erkenntnisstreben; er konnte es nur sehen in dem, was hervorgebrochen ist in demjenigen Streben, das künstlerischen Charakter angenommen hat. Es durchglänzte ihm die Philisteratmosphäre, zu der der Sokratismus endlich geworden war, das, was vom alten Griechentum herüber als tragische Kunst auch heraufgekommen war. Er sah es gewissermaßen wiedergeboren werden Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in dem, was Richard Wagner als Tragödie aus dem Geiste der Musik erschaffen wollte. Er sah in diesem Musikdrama, das da geschaffen werden sollte, etwas, was mit Ignorierung des Sokratismus unmittelbar anknüpfte an die erste griechische Vollmenschenzeit, und vor seiner Seele standen die zwei Kunstrichtungen: auf der einen Seite die dionysisch-orgiastische, die aus unergründlichen Tiefen herauf den Vollmenschen hereinsaugen will in die Welt, und auf der anderen Seite jene andere Richtung, welche nach und nach in Europa so abgekehrt worden ist, daß sie allen Glanz verloren hat und so verfallen ist in die absolute geistige Sklerose des modernen Gelehrtentums: die apollinische Richtung. Und er strebte nach einer neuen dionysischen Kunst. Das durchweht sein erstes Werk: «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik.» Und er mußte ja sogleich sehen, wie der typische Philister losgezogen ist gegen das, was aus einer von Phantasie beflügelten Erkenntnis, aus einer von Erkenntnis getragenen Phantasie sich ausgesprochen hat in diesem Buche «Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik». Sogleich machte der Urphilister der modernen Zivilisation mobil, Wilamowitz, der dann die Leuchte der Berliner Universität geworden ist, der die griechischen Tragiker in ein modernes triviales Gewand gekleidet hat, das dann unendlich bewundert worden ist von all denjenigen, die ebenso tief eingedrungen sind in das griechische Wort, wie sie fernestehen dem griechischen Geiste. Es fand sogleich jener Zusammenstoß statt zwischen dem, was vom Geiste getragen hinein wollte in das erkenntnisgemäß Künstlerische und dem, was sich nicht wohlfühlt innerhalb dieses phantasievollen Geistes der Erkenntnis, innerhalb dieser geistgetragenen Erkenntnis, und was heraus sich flüchtet in die philiströse Pedanterie. |
[ 8 ] He could not see the latter in anything that had emerged, for example, from the pursuit of knowledge; he could see it only in what had emerged from that pursuit which had taken on an artistic character. It shone through the philistine atmosphere into which Socratism had ultimately degenerated—that which had also emerged from ancient Greece as tragic art. He saw it, so to speak, being reborn in the late 1870s and early 1880s in what Richard Wagner sought to create as a “tragedy from the spirit of music.” He saw in this musical drama, which was to be created, something that—by disregarding Socratism—directly connected to the first Greek era of the fully realized human being, and before his soul stood the two artistic directions: on the one hand, the Dionysian-orgiastic one, which seeks to draw the “full human” up from unfathomable depths into the world; and on the other hand, that other movement, which in Europe had gradually become so alienated that it had lost all its luster and thus fallen into the absolute spiritual sclerosis of modern scholarship: the Apollonian movement. And he strove for a new Dionysian art. This spirit pervades his first work: The Birth of Tragedy from the Spirit of Music. And he could not help but see immediately how the typical philistine set out against what had been expressed in this book, The Birth of Tragedy from the Spirit of Music, arising from insight inspired by imagination and from imagination sustained by insight. Immediately, the archetypal philistine of modern civilization mobilized—Wilamowitz, who later became the luminary of the University of Berlin, who clothed the Greek tragedians in a modern, trivial guise that was then endlessly admired by all those who have penetrated the Greek word just as deeply as they are estranged from the Greek spirit. Immediately, that clash took place between what, carried by the spirit, sought to enter into the artistic realm of knowledge, and what does not feel at home within this imaginative spirit of knowledge—within this spirit-driven knowledge—and thus flees into philistine pedantry. |
[ 9 ] All das, was Nietzsches Seele an diesem Gegensatze erleben konnte, all das ließ er ja dann ausströmen im Beginn der siebziger Jahre in seine vier sogenannten «Unzeitgemäßen Betrachtungen». Die erste dieser Betrachtungen war gewidmet dem eigentlichen Bildungsphilister der modernen Zeit. Man muß diese «Unzeitgemäßen Betrachtungen» nur im rechten Lichte sehen. Es sollten gewiß nicht die einzelnen Persönlichkeiten damit getroffen werden. Es sollte zum Beispiel in der ersten Unzeitgemäßen Betrachtung gewiß nicht der sonst ja ganz brave und wackere David Strauß als Persönlichkeit getroffen werden, sondern er sollte gefaßt werden als der Typus des modernen Bildungsphilisteriums, welches so unendlich zufrieden ist mit dem, was in diesem modernen Leben an Trivialitäten sich entwickelt. Wir erleben es ja wieder und immer wieder, denn die Dinge haben sich ja im Grunde genommen seit jenen Zeiten nicht gebessert, sondern gesteigert.
[ 9 ] Everything that Nietzsche’s soul was able to experience in this contrast—he poured it all out in the early 1870s in his four so-called “Untimely Meditations.” The first of these meditations was devoted to the quintessential philistine of modern times. One must simply view these “Untimely Meditations” in the proper light. They were certainly not intended to target individual personalities. For example, in the first “Untimely Meditation,” the otherwise quite respectable and valiant David Strauss was certainly not meant to be targeted as a personality, but rather he was to be understood as the archetype of the modern educated philistine, who is so infinitely content with the trivialities that develop in this modern life. We experience this again and again, for things have, after all, not improved since those times, but have only intensified.
[ 10 ] Es ist ungefähr das gleiche Erlebnis, das man hat, wenn versucht wird, aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus ein Weltbegreifen zu geben. Dann kommen allerlei Leute und sagen: Ja, das mag ja alles richtig sein, was da gesagt wird über einen Ätherleib, über einen Astralleib, über eine geistige Entwickelung; aber wenn das alles auch richtig ist, man kann es nicht beweisen. Aber beweisen kann man eines: zwei mal zwei ist vier. Und man muß vor allen Dingen sich auseinandersetzen darüber, wie denn diese unbeweisbare Geisteswissenschaft steht zu der sicheren Wahrheit: zwei mal zwei ist vier. — Das ungefähr hört man ja heute in allen Tonarten — wenn auch nicht gerade in dieser radikalen Abschattierung —, daß ja doch einzuwenden ist gegen alles, was über Seelen- und Geisteslande gesagt wird: Zwei mal zwei ist vier! — Als ob irgend jemand bezweifeln würde, daß zwei mal zwei vier ist!
[ 10 ] It’s roughly the same experience one has when attempting to provide an understanding of the world based on spiritual scientific principles. Then all sorts of people come along and say: “Yes, everything that’s said there about an etheric body, an astral body, and spiritual development may well be true; but even if all that is true, it can’t be proven. But there’s one thing that can be proven: two times two is four. And above all, we must grapple with the question of how this unprovable spiritual science relates to the certain truth that two times two is four.” — You hear something like that today in every key—albeit not exactly in this radical form—that there is, after all, an objection to everything said about the realms of the soul and the spirit: Two times two is four! — As if anyone would doubt that two times two is four!
[ 11 ] Das Bildungsphilisterium der modernen Zeit wollte Friedrich Nietzsche treffen, indem er seinen Typus, den David Friedrich Strauß, den Verfasser des «Alten und Neuen Glaubens», dieses urphiliströsen Buches, schilderte. Und dann wollte er zeigen, wie öde es um die moderne Geistigkeit eigentlich geworden ist. Man braucht sich ja nur zurückzuerinnern an wichtige Tatsachen, um zu zeigen, wie öde es um diese moderne Geistigkeit geworden ist. Man braucht sich nur zurückzuerinnern, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch in einem gewissen Sinne Feuergeister da waren, wie zum Beispiel jener Rotteck, der die Geschichte, wenn auch in einseitig freisinniger Weise, dennoch mit einer gewissen Feuergeistigkeit vortrug. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wie in Rottecks «Geschichte» überall etwas lebt von einem, ich möchte sagen, wenn auch etwas ausgetrocknetem, so doch ausgetrocknetem Vollmenschen, der in das ganze Erdenleben der Menschheitsentwickelung wenigstens so viel Geistigkeit hineinbringen wollte, als in ihr Vernünftigkeit ist. Und man braucht nur dagegenzustellen diejenigen Menschen, die dann auftraten und sagten: Ach was, Staatsverfassung, Menschheitszustände aus der Vernunft heraus konstruieren zu wollen, das ist ja doch nichts. Man muß die alten Zeiten studieren, man muß sich in die Geschichte vertiefen, man muß sehen, wie alles verlaufen ist und sich darnach richten, um die Gegenwart einzurichten.
[ 11 ] Friedrich Nietzsche sought to take aim at the educational philistinism of the modern age by describing its archetype, David Friedrich Strauss, the author of The Old and the New Faith, that quintessentially philistine book. And then he wanted to show just how barren modern intellectual life has actually become. One need only recall certain key facts to demonstrate just how barren this modern intellectual life has become. One need only recall how, in the first half of the 19th century, there were still, in a certain sense, fiery spirits—such as Rotteck, who presented history, albeit in a one-sided liberal manner, with a certain fiery spirit. One need only recall how, throughout Rotteck’s History, there is a living presence of—I would say—a fully realized human being, albeit somewhat withered, who sought to infuse the entire earthly course of human development with at least as much spirituality as there is rationality in it. And one need only contrast this with those people who then appeared and said: Oh, come on, wanting to construct a state constitution or the conditions of humanity based on reason—that’s nothing at all. One must study the ancient times, one must delve into history, one must see how everything has unfolded and orient oneself accordingly in order to shape the present.
[ 12 ] Das ist ja der Geist, der zuletzt auch in der Nationalökonomie und Volkswirtschaftslehre etwa durch einen Lxj/o Brentano seine öden Früchte getragen hat, der Geist, der nur hinblicken wollte auf die Historie, der also eigentlich glaubte, daß nur in alten Zeiten irgend etwas Produktives in die Menschheitsentwickelung hineingebracht werden konnte, daß man gegenwärtig aber eigentlich das Innere der menschlichen Wesenheit aushöhlen müsse und es ganz wie einen Sack vollpfropfen müsse mit dem, was man aus der Historie gewinnen kann, damit dann dieser moderne Mensch zwar noch Haut und allenfalls ein bißchen etwas von dem, was unter der Haut liegt, habe, aber dann unterhalb dieses Bißchens ganz vollgepfropft ist mit dem, was alte Zeiten hervorgebracht haben, so daß er altes Griechentum, altes Germanentum und so weiter von sich geben kann. An eine Produktivität, an ein Selbsterfülltsein der menschlichen Seele in der Gegenwart, an das dachte man nicht und wollte man nicht glauben. Historie wurde die Losung der Zeit. Das ekelte den Nietzsche der siebziger Jahre an und er schrieb sein Buch: «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben», wo er andeutete, wie der moderne Mensch unter der Historie erstickt. Und er forderte, daß man wiederum zur Produktivität komme.
[ 12 ] This is, after all, the spirit that ultimately bore its barren fruits in political economy and economics—for example, through a certain Lxj/o Brentano—the spirit that sought only to look to history, that is, one that actually believed that only in ancient times could anything productive be contributed to human development, but that in the present day one must essentially hollow out the inner core of human existence and stuff it full—just like a sack—with whatever can be gleaned from history, so that this modern human being may still have skin and, at most, a little of what lies beneath the skin, but that beneath that little bit, he is completely stuffed with what ancient times have produced, so that he can spout off about ancient Greece, ancient Germany, and so on. No one thought about—or wanted to believe in—the productivity or self-fulfillment of the human soul in the present. History became the watchword of the age. This repulsed Nietzsche in the 1870s, and he wrote his book On the Use and Abuse of History for Life, in which he suggested how modern man is suffocating under the weight of history. And he called for a return to productivity.
[ 13 ] Es lag noch der Geist des Künstlerischen in ihm. Nachdem er zu einem «gewissermaßen Philosophen», zu Wagner, sich hingewendet hatte, wendete er sich wiederum zu einem Philosophen, zu Schopenhauer. In dem, was in Schopenhauer lebte, sah er eine Art Wirkliches des sonst öden, staubigen Philosophengeistes. Er sah in Schopenhauer eine Art von Erzieher der modernen Menschheit, nicht etwa einen solchen nur, der es gewesen ist, sondern einen solchen, der es werden müßte. Und er schrieb sein Buch: «Schopenhauer als Erzieher» und ließ dann diesem folgen: «Richard Wagner in Bayreuth», noch einmal, ich möchte sagen, selbst in orgiastischer Weise hindeutend darauf, wie aus der Kunst eine Belebung der modernen Zivilisation hervorgehen müßte.
[ 13 ] The artistic spirit still lived within him. After turning to a “philosopher of sorts”—Wagner—he turned once more to a philosopher: Schopenhauer. In what lived within Schopenhauer, he saw a kind of reality in the otherwise barren, dusty spirit of philosophy. He saw in Schopenhauer a kind of educator of modern humanity—not merely one who had been such, but one who ought to become so. And he wrote his book, Schopenhauer as Educator, followed by Richard Wagner in Bayreuth—once again, I might say, pointing—even in an orgiastic manner—to how art must give rise to a revitalization of modern civilization.
[ 14 ] Es ist merkwürdig, aus welchen Untergründen gerade diese Schrift: «Richard Wagner in Bayreuth» hervorgegangen ist. Friedrich Nietzsche hat ja selbst sorgfältig ausgesondert, was er zu dem noch hinzugeschrieben hatte, was dann unter dem Titel «Richard Wagner in Bayreuth» in die Welt hinausgezogen ist. Man möchte fast sagen: jede Seite dieses damals 1876 gedruckten Buches hat eine zweite Seite, welche etwas ganz anderes enthält. Während in schwungvoller Weise Bayreuth und seine Tätigkeit gefeiert wird in dem Buche «Richard Wagner in Bayreuth», schrieb Nietzsche daneben, ich möchte sagen zu jeder solchen Seite, eine andere, die erfüllt ist von tief tragischen Empfindungen über die Niedergangskräfte der modernen Zivilisation. Und er kann nicht, kann doch nicht glauben an das, was er selber schreibt, er kann nicht glauben, daß in Bayreuth die Kraft liegt, nun wirklich diese Niedergangskräfte in Aufgangskräfte zu verwandeln. Diese Tragik herrscht vor in den damals ausgesonderten, als Manuskript liegenbleibenden Blättern, die ja erst nach der Erkrankung von Friedrich Nietzsche dann das Licht der Öffentlichkeit gesehen haben. Und damals kam der große Ruck, eigentlich schon 1876. Diese Periode in Nietzsches Leben endete tragisch mit dem Schmerze über das, was an Niedergangskräften in der modernen Zivilisation war. Im Jahre 1876 sehen wir Nietzsche schon so, daß der Ekel über den Niedergang in ihm größer ist als die Süßigkeit der Aufgangskräfte, die er anfangs in Bayreuth gesehen hat. Und nun wird er vor allen Dingen in seiner Seele überflutet von dem Ansehen alles dessen, was in die moderne Zivilisation hereingezogen ist an unwahren Elementen, an moderner Unwahrhaftigkeit. Und ich möchte sagen: Das gliedert sich ihm zusammen zu einem Bilde von dem, was in dieser modernen Zivilisation menschlich wirkt. Er kann in dieser modernen Zivilisation nicht mehr sehen etwas, was in Wahrheit etwa sich hinüberlegt wie eine erlösende Geistigkeit über das, was philiströser Wirklichkeitsgeist ist, und er tritt in seine zweite Epoche ein, wo er dem, was in verlogener Gestalt der Mensch sich in der modernen Zeit über sich selber vorstellt, wo er dem entgegenstellt dasjenige, was er das «Allzumenschliche» nennt, das, worüber dieser moderne Mensch kein Bewußtsein haben will, was aber doch die wahre Gestalt ist.
[ 14 ] It is curious to consider the circumstances from which this particular work, Richard Wagner in Bayreuth, emerged. Friedrich Nietzsche himself carefully sorted through what he had written in addition to the material that was eventually published under the title Richard Wagner in Bayreuth. One is almost tempted to say: every page of this book, printed in 1876, has a second page containing something entirely different. While the book Richard Wagner in Bayreuth celebrates Bayreuth and its activities in a spirited manner, Nietzsche wrote alongside it—I would say for every such page—another page filled with deeply tragic sentiments about the forces of decline in modern civilization. And he cannot—simply cannot—believe what he himself writes; he cannot believe that Bayreuth possesses the power to truly transform these forces of decline into forces of ascent. This tragedy prevails in the pages set aside at the time and left as a manuscript, which only saw the light of day after Friedrich Nietzsche’s illness. And that was when the great upheaval occurred—actually as early as 1876. This period in Nietzsche’s life ended tragically, marked by anguish over the forces of decline present in modern civilization. In 1876, we already see Nietzsche in such a state that his revulsion at this decline outweighs the sweetness of the forces of ascent he had initially perceived in Bayreuth. And now, above all else, his soul is overwhelmed by the sight of all the untruthful elements—all the modern insincerity—that have crept into modern civilization. And I would like to say: This all coalesces for him into a picture of what is humanly at work in this modern civilization. He can no longer see in this modern civilization anything that truly extends, as it were, like a redemptive spirituality over what is a philistine spirit of reality, and he enters his second epoch, in which he contrasts what modern humanity imagines itself to be in a false form with what he calls the “all-too-human”—that of which modern humanity refuses to be conscious, yet which is the true form.
[ 15 ] Man möchte sagen: Man sehe hin auf diejenigen, welche die moderne Historie in einer solchen Weise gefeiert haben, wie etwa die Savignys oder Lujo Brentanos oder die anderen Historiker, wie die Rankes und so weiter; man sehe hin auf sie alle, was treiben sie denn eigentlich? Was wird denn da getrieben im Gewebe des spinnenden Weltengeistes? — Es wird etwas hingestellt, was wahr sein soll. Warum wird es hingestellt als wahr? — Es wird hingestellt als wahr, weil diejenigen Geister, die von solcher Wahrheit sprechen, in Wirklichkeit selber impotente Geister sind. Sie leugnen den Geist, weil sie ihn nicht haben, weil sie nicht auf ihn kommen können. Sie diktieren der Welt: So mußt du sein —, weil ihnen selber das Licht fehlt, das sie über die Welt breiten sollen. Das Allzumenschliche, das ganz menschlich Eingeengte, das ist dasjenige, was zum Menschlichen hinauforganisiert wird und was wie eine absolute Wahrheit vor die Menschheit hingestellt wird. Das lebt als Empfindung vom Jahre 1876 an in Nietzsche, während er seine zwei Bände «Menschliches, Allzumenschliches» schreibt; dann die «Morgenröte» und endlich die «Fröhliche Wissenschaft», durch die er sich, ich möchte sagen, trunken hineinstürzt in die Natur, um herauszukommen aus alledem, was ihn eigentlich umgeben hat.
[ 15 ] One might say: Look at those who have celebrated modern history in such a way—such as the Savignys or Lujo Brentanos, or other historians like the Rankes and so on; look at them all—what are they actually doing? What is actually taking place within the fabric of the spinning World Spirit? — Something is presented as if it were true. Why is it presented as true? — It is presented as true because those minds that speak of such truth are, in reality, impotent minds themselves. They deny the spirit because they do not possess it, because they cannot attain it. They dictate to the world: “This is how you must be”—because they themselves lack the light they are supposed to spread over the world. The all-too-human, the entirely humanly confined—that is what is elevated to the human and presented to humanity as an absolute truth. This lived on as a feeling within Nietzsche from the year 1876 onward, while he was writing his two volumes Human, All-Too-Human; then Dawn; and finally The Gay Science, through which he—I would say—throws himself, intoxicated, into nature in order to escape from everything that had actually surrounded him.
[ 16 ] Aber es ist dennoch eine tragische Empfindung in ihm. Auf ihn hat gewirkt der deutsche Norden, überhaupt der europäische Norden und das mittlere Europa, er hat alles das angenommen, er hat aus Schopenhauer, Richard Wagner heraus den Weg zum Voltairismus genommen, und Voltaire ist die Schrift «Menschliches, Allzumenschliches» gewidmet. Er versucht den Sokratismus zu erneuern, indem er ihm Leben einzuhauchen versucht, aber indem er hinter der modernen Zivilisationslüge sucht die allzumenschliche Wahrheit, die menschliche Engigkeit. Er sucht aus dieser menschlichen Engigkeit heraus den Geist zu erringen. Er findet ihn nicht hinter dem, was die Menschen in der neueren Zeit hervorgebracht haben. Er glaubt ihn durch eine Art trunkenen Sich-Hineinstürzens in die Natur zu finden. Und dieses trunkene Sich-Hineinstürzen in die Natur, das versuchte er zu leben, indem er immer wieder und wiederum während seiner Urlaubszeit nach dem Süden ging, um in der warmen Sonne und unter dem blauen Himmel eben zu vergessen, was in der neueren Zeit Menschen hervorgebracht haben. Dieses trunkene Sich-Hineinstürzen in die Natur, das liegt als Empfindung, als der Grundton in seiner «Morgenröte» und in der «Fröhlichen Wissenschaft». Froh ist er dabei nicht geworden, tragisch ist er geblieben. Und es ist eine merkwürdige Empfindung, die wir da in ihm finden. Sie tritt uns besonders entgegen, wenn wir ihn diese Empfindung in Lyrik einschließen sehen und von ihm hören:
[ 16 ] Yet there is still a tragic sensibility within him. He was influenced by northern Germany—and indeed by northern Europe and Central Europe in general; he embraced all of this, and through Schopenhauer and Richard Wagner he found his way to Voltaireanism, and Voltaire is the subject of the essay “Human, All Too Human.” He attempts to renew Socratism by trying to breathe life into it, but by seeking, behind the lie of modern civilization, the all-too-human truth—human narrowness. He seeks to attain the spirit from within this human narrowness. He does not find it behind what people have produced in modern times. He believes he can find it through a kind of intoxicating plunge into nature. And he tried to live out this intoxicating plunge into nature by traveling south again and again during his vacations, so that, in the warm sun and under the blue sky, he might simply forget what people have produced in modern times. This intoxicating plunge into nature lies as a sensation, as the underlying tone, in his Morgenröte and in The Gay Science. He did not become happy in the process; he remained tragic. And it is a strange sensation that we find in him here. It strikes us particularly when we see him encapsulating this sensation in poetry and hear him say:
Die Krähen schrei’n
und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
bald wird es schnei’n,
wohl dem, der jetzt noch — Heimat hat!
The crows are cawing
and swarm toward the city in flight:
soon it will snow,
blessed is he who still—has a home!
[ 17 ] Er hat auch keine Heimat. «Flieg’, Vogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton.» Er hat keine Heimat; denn so kam er sich vor, als ob die Krähen um ihn herum schrieen, als er von Deutschland immer wieder geflohen war nach Italien. Aber daß er in dieser Stimmung nicht stehenbleiben darf, das zeigt sich gleich; es gibt von Nietzsche Sprüche, wo er sich gleich wiederum dagegen verwahrt, daß man diese Stimmung von «Die Krähen schrei’n und ziehen schwirren Flugs zur Stadt» zu ernst nehme. Er will nicht als der tragische Mensch bloß genommen werden, er will doch zu gleicher Zeit lachen über all das, was sich da in der modernen Zivilisation abgespielt hat. Wie gesagt, lesen Sie die paar Zeilen, die dann auf dieses «Krähen schrei’n»-Gedicht in der jetzigen Nietzsche-Ausgabe folgen. Und so sehen wir denn, wie gewissermaßen in Nietzsche ein Geist da ist in diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, prädestiniert dazu, zu verlassen alles das, was die Menschen der modernen Zivilisation hervorgebracht haben, herauszufliehen aus alledem, was die Kunst hervorgebracht hat, was die Erkenntnis hervorgebracht hat, um ein Utsprüngliches zu finden, um neue Götter zu finden und die alten Götzen zu zertrümmern.
[ 17 ] He has no home either. “Fly, bird, sing your song in the voice of a desert bird.” He has no home; for he felt as if the crows were cawing all around him whenever he fled from Germany to Italy time and again. But it soon becomes clear that he must not remain in this mood; there are sayings by Nietzsche in which he immediately objects to taking this mood—expressed in the lines “The crows caw and swarm, fluttering toward the city”—too seriously. He does not want to be taken merely as the tragic figure; at the same time, he wants to laugh at everything that has been unfolding in modern civilization. As I said, read the few lines that follow this “Crows Caw” poem in the current edition of Nietzsche’s works. And so we see, as it were, that there is a spirit within Nietzsche in this final third of the 19th century, predestined to abandon everything that the people of modern civilization have produced, to flee from all that art has produced, from all that knowledge has produced, in order to find something primordial, to find new gods, and to smash the old idols.
[ 18 ] Man möchte sagen, die Zeit hat aber diesem Geiste zu tiefe Wunden geschlagen, als daß diese Wunden hätten heilen können und etwa gar aus diesen Wunden hervorgegangen wäre ein produktiveres Neues. Und so springen denn hervor aus diesen Wunden inhaltleere Geschöpfe, inhaltleere Ideen; es erscheint, von blutender Lyrik durchschwült, der «Übermensch». Unmöglich für Nietzsche, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der Naturwissenschaft heraus, die den Menschen ausgelöscht hat, aus der Soziologie und dem sozialen Leben des letzten Jahrhunderts heraus, das die Maschinen hat, aber nicht mehr den Menschen, nur den Menschen, der an der Maschine steht —, unmöglich für Nietzsche, da noch zu dem Menschen vorzudringen. Aber den Drang erlebt er: heraus, mit Negation heraus aus dem, was nicht mehr als Mensch gewußt und empfunden ist. Statt des Begreifens des Menschen aus der ganzen Welt heraus, statt einer «Geheimwissenschaft», der abstrakte «Übermensch», lyrisch durchschwült, lyrisch überhitzt, krankhaft, krampfhaft, in Visionen vor seine Seele tretend im «Zarathustra», in Visionen, die zum Teil die tiefsten Seiten des menschlichen Wesens berühren, die aber im Grunde genommen immer disharmonisch irgendwo erklingen, die gewollte Disharmonie aus sich heraussetzend.
[ 18 ] One might say, however, that time has inflicted wounds on this spirit that are too deep for them to have healed—and that nothing more productive could possibly have emerged from them. And so, from these wounds spring creatures devoid of substance, ideas devoid of substance; the “Superman” appears, steeped in bleeding lyricism. It was impossible for Nietzsche, in the final third of the 19th century—drawing on the natural sciences that had obliterated humanity, and on the sociology and social life of the past century, which possessed machines but no longer humanity, only the human being standing at the machine—it was impossible for Nietzsche to penetrate back to humanity at that point. But he experiences the urge: to break free, through negation, from that which is no longer known or felt as human. Instead of understanding humanity from the whole world, instead of a “secret science,” the abstract “Superman,” lyrically suffused, lyrically overheated, morbid, convulsive, appearing before his soul in visions in Zarathustra, in visions that in part touch the deepest aspects of human nature, but which, fundamentally speaking, always resound disharmoniously somewhere, projecting the deliberate disharmony from within themselves.
[ 19 ] Und dann die andere Negation oder eigentlich inhaltsleere Idee. Dieses Leben zwischen Geburt und Tod des Menschen, es kann nicht begriffen werden, wenn es nicht zugleich in Erweiterung gedacht wird über das eine Erdenleben hinaus. Derjenige, der wirklich einen Sinn hat, das eine Leben zwischen Geburt und Tod zu erfassen, derjenige, der es nur mit einer so tiefen Empfindung und mit einem solchen Lyrismus erfaßt, wie Friedrich Nietzsche es erfaßt hat, der ahnt zuletzt: Es kann dieses Leben nicht verstanden werden als ein einzelnes, man muß es in seiner Entwickelung durch viele Leben betrachten. — Aber sowenig Nietzsche dem Menschen einen Inhalt geben konnte und deshalb zu der Negation «Übermensch» hinanschreitet, krampfhaft, so wenig konnte er den wiederholten Erdenleben einen Inhalt geben. Er höhlte sie aus, diese Leben, sie wurden zu der öden Wiederkehr des Immergleichen, zu der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Man denke sich nur einmal, was uns vor die Seele treten kann in den wiederholten Erdenleben, die im Karma durch ein mächtiges Schicksalsrollen miteinander zusammenhängen, man denke sich, wie da das eine Leben in das andere Inhalt hineingießt, und man denke sich nun ausgeleert diese Erdenleben bis zum wesenlosen Balg, allen Inhaltes entleert, und die ewige Wiederkehr des Gleichen steht da, das Zerrbild der wiederholten Erdenleben.
[ 19 ] And then there is the other negation—or, more accurately, the idea devoid of content. This life between a person’s birth and death cannot be understood unless it is simultaneously conceived as extending beyond this one earthly life. The one who truly has a sense of grasping this one life between birth and death—the one who grasps it with such profound feeling and such lyricism as Friedrich Nietzsche did—ultimately intuits: This life cannot be understood as a single one; one must view it in its development through many lives. — But just as Nietzsche was unable to give human existence any substance—and therefore resorted, desperately, to the negation of the “Superman”—so too was he unable to give any substance to repeated earthly lives. He hollowed them out; these lives became the barren recurrence of the ever-same, the eternal recurrence of the same. Just imagine for a moment what might present itself to our soul in these repeated earthly lives, which are interconnected through karma by the powerful wheel of fate; just imagine how one life pours its content into the next, and now imagine these earthly lives emptied out to the point of becoming insubstantial shells, drained of all content—and there stands the eternal recurrence of the same, the distorted image of the repeated earthly lives.
[ 20 ] Und unmöglich, durchzudringen durch das, was die modernen Konfessionen geben, zu dem Bilde des Mysteriums von Golgatha so erschien für Nietzsche dasjenige, was sich ihm durch das Christentum hätte erschließen können! Unmöglich, durch das, was seit dem 4. nachchristlichen Jahrhunderte entstanden ist an konfessionellen Anschauungen, hindurchzudringen zu dem Bilde desjenigen, was sich abgespielt hat im Beginne unserer Zeitrechnung in Palästina. Aber erfüllt war Nietzsche von einem tiefen Wahrheitsdrang. Das Allzumenschliche war in trauriger Gestalt vor seine Seele gezogen. Nicht wollte er mitmachen die Lüge der modernen Zivilisation; er ließ sich nicht ein Bild des Mysteriums von Golgatha vormachen, wie es etwa die Widersacher des Christentums von dem Schlage Ado/f Harnacks vor die Welt hinstellen, in absoluter Verlogenheit. Er wollte selbst noch in der Lüge, die als das wirklich Gegebene da war, die Wahrheit erkennen. Daher seine Verzerrung des Mysteriums von Golgatha im «Antichrist». Im «Antichrist» stellte er das Bild hin, das man hinstellen muß, wenn man herauswächst aus dem modernen konfessionellen Vorstellen und wenn man, statt zu lügen, die Wahrheit sagen will aus diesem Vorstellen heraus, wenn man aber zugleich nicht hindurchdringen kann durch ‚dasjenige, was die moderne Erkenntnis bietet, zu dem, was nun wirklich dasteht mit dem Mysterium von Golgatha.
[ 20 ] And it seemed impossible to Nietzsche to penetrate through what modern denominations offer to the image of the mystery of Golgotha—that which might have been revealed to him through Christianity! It was impossible to penetrate the denominational views that had emerged since the 4th century A.D. to arrive at a picture of what had taken place in Palestine at the beginning of our era. But Nietzsche was filled with a deep thirst for truth. The All-Too-Human had appeared before his soul in a sorrowful form. He did not want to go along with the lie of modern civilization; he would not allow himself to be presented with an image of the Mystery of Golgotha such as the opponents of Christianity—of the ilk of Adolf Harnack—put before the world, in utter deceit. Even within the lie that existed as the actual reality, he wanted to recognize the truth. Hence his distortion of the mystery of Golgotha in The Antichrist. In The Antichrist, he presented the image that one must present when one outgrows modern denominational concepts and when, instead of lying, one wishes to speak the truth from within those concepts—yet at the same time cannot penetrate through “what modern knowledge offers” to what is truly present in the Mystery of Golgotha.
[ 21 ] So etwa stand Nietzsche da im Jahre 1886, 1887. Verlassen hatte er alles, was moderne Zivilisationserkenntnis bietet. Zur Negation des Menschen im «Übermenschen» war er übergegangen, weil er aus der modernen Erkenntnis, die den Menschen ausgetilgt hatte aus ihrem Bereiche, den Menschen nicht gewinnen konnte. Aus seiner Empfindung gegenüber dem einen Erdenleben hatte er die Ahnung empfangen von den wiederholten Erdenleben, aber die moderne Erkenntnis konnte ihm keinen Inhalt dafür geben. So leerte er aus dasjenige, was er erahnte; keinen Inhalt hatte er mehr, nur das formale Fortrollen des Ewiggleichen in ewiggleicher Wiederholung, das stand vor seiner Seele; und das Zerrbild des Mysteriums von Golgatha, wie er es in seinem «Antichtist» schilderte, weil kein Weg ist, wenn man die Wahrheit beibehalten will, von demjenigen, was moderne Theologie bietet, zu dem, was die Anschauung des Mysteriums von Golgatha ist.
[ 21 ] This, then, was Nietzsche’s position in 1886 and 1887. He had abandoned everything that modern civilization’s knowledge had to offer. He had turned to the negation of humanity in the “Superman” because he could not find humanity within modern knowledge, which had erased humanity from its domain. From his sense of this one earthly life, he had received a glimpse of repeated earthly lives, but modern knowledge could offer him no substance for this. So he emptied out what he had sensed; he had no substance left—only the formal unfolding of the eternally same in eternally identical repetition stood before his soul; and the distorted image of the Mystery of Golgotha, as he described it in his Antichtist, because there is no path—if one wishes to hold fast to the truth—from what modern theology offers to what the vision of the Mystery of Golgotha is.
[ 22 ] Über die Christlichkeit der neueren Theologie hatte er ja schon in den Schriften des Basler Theologen Overbeck manches lesen können. Daß diese moderne Theologie nicht christlich ist, sollte im wesentlichen durch Overbecks Schriften über die moderne Theologie bewiesen werden. Alles was im modernen Christentum als Unchristliches lebt, hat tief in der Seele Nietzsches gewohnt. Ihm war durch die Aussichtslosigkeit dieser modernen Erkenntnis ein wirklicher Überblick über das, was beim Menschen durch das eine Leben für das andere gezeugt wird, genommen worden, und so erstand ihm der inhaltsleere Gedanke von der Wiederkehr des Gleichen. Ihm war genommen worden der christliche Impuls durch dasjenige, was sich in der modernen Zeit Christlichkeit nennt, und ihm war vor Augen getreten die Unwahrhaftigkeit der modernen Zeit, so daß er nicht einmal an die Wahrhaftigkeit der Kunst glauben konnte, an die er hat glauben wollen im Beginne seiner aufsteigenden Laufbahn. Und er ist schon mit dieser Tragik erfüllt, als sich aus seiner Seele solche Aussprüche heraus entwickeln wie der: «Und die Dichter lügen zu viel...». Aus dem tiefsten menschlichen Wesen heraus haben allerdings Dichter und Künstler in der neueren Zivilisation zuviel gelogen und lügen zuviel bis heute. Denn was für die Zukunftsktäfte am meisten gebraucht wird und was die moderne Zivilisation am wenigsten hat, das ist der Geist der Wahrheit.
[ 22 ] He had, after all, already read quite a bit about the Christian nature of modern theology in the writings of the Basel theologian Overbeck. Overbeck’s writings on modern theology were intended to prove, in essence, that this modern theology is not Christian. Everything that exists in modern Christianity as un-Christian had taken deep root in Nietzsche’s soul. The hopelessness of this modern insight had robbed him of a true understanding of what one life beget in another, and thus the empty notion of the return of the same arose within him. He had been deprived of the Christian impulse by that which is called Christianity in modern times, and the insincerity of the modern age had become clear to him, so that he could not even believe in the truthfulness of art—in which he had wanted to believe at the beginning of his rising career. And he is already filled with this tragedy when such statements emerge from his soul as: “And poets lie too much…” From the very depths of human nature, however, poets and artists in modern civilization have lied too much and continue to lie too much to this day. For what is most needed for the forces of the future—and what modern civilization lacks most of all—is the spirit of truth.
[ 23 ] Nietzsche strebte nach diesem Geist der Wahrheit, der allein den Menschen vor den Menschen hinstellen kann, der allein durch die Entwickelung der Erdenleben diesem Erdenleben einen anderen Sinn geben kann als die sinnlose Wiederkehr des Gleichen. Ihn dürstete aus einem Wahrheitssinne heraus nach der wirklichen Gestalt desjenigen, der über die Fluren Palästinas gewandelt ist. Erfand nur das Zerrbild innerhalb der modernen Theologie und innerhalb der modernen Christlichkeit. An alldem zerbrach er. Und so ist die Persönlichkeit Friedrich Nietzsche der Ausdruck für das Zerbrechen des nach Wahrheit strebenden Geistes innerhalb der Unwahrhaftigkeit, welche heraufgezogen war seit dem Krisenpunkt der neueren Zeit, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. So stark war sie heraufgezogen, diese Unwahrhaftigkeit, daß ja die Menschen nicht einmal ahnen, wie tief sie verstrickt sind in die Netze dieser Unwahrhaftigkeit, daß die Menschen schon gar nicht mehr daran denken, wie man heute schon in jedem Augenblicke an die Stelle der Unwahrhaftigkeit stellen sollte die Wahrhaftigkeit. Aber nicht anders als indem man darauf aufmerksam wird, wie gerade diese Grundempfindung: Wahrheit anstelle der Unwahrhaftigkeit, unsere Seele durchziehen muß — nicht anders als durch diese Grundempfindung kann anthroposophische Geisteswissenschaft leben. Die moderne Zivilisation ist auferzogen in dem Geiste der Unwahrhaftigkeit, und mit dem Geist der Unwahrhaftigkeit — man kann dies schon sagen als ein Exempel hat gerade anthroposophische Geisteswissenschaftam allermeisten zu kämpfen. Und jetzt ist es schon einmal so, wie ich auch am Schlusse meiner letzten Betrachtungen hier gesagt habe, daß wir in einer tiefen, in einer intensiven Krise auch in bezug auf anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft stehen, und wir hätten es gar sehr notwendig, daß aus einem Enthusiasmus der Wahrheit heraus gewirkt werde, intensiv gewirkt werde. Denn schließlich exemplifiziert sich an dem, was stündlich und täglich geschieht, dasjenige, woran unsere Zivilisation krankt, dasjenige, an dem sie zugrunde gehen muß, wenn sie sich nicht ermannt.
[ 23 ] Nietzsche strove for this spirit of truth, which alone can place man before other men, which alone, through the unfolding of earthly lives, can give this earthly life a meaning other than the senseless recurrence of the same. Out of a sense of truth, he thirsted for the true form of the one who walked the fields of Palestine. He found only a distorted image within modern theology and within modern Christianity. All of this broke him. And so the personality of Friedrich Nietzsche is the expression of the shattering of the spirit striving for truth within the untruthfulness that had been building up since the crisis point of modern times, since the mid-19th century. So strongly had this untruthfulness taken hold that people do not even suspect how deeply they are entangled in its webs; indeed, they no longer even consider how, at every moment today, truthfulness should take the place of untruthfulness. But it is only by becoming aware of how precisely this fundamental feeling— truth must permeate our soul in place of untruth—it is only through this fundamental feeling that anthroposophical spiritual science can live. Modern civilization has been raised in the spirit of untruth, and it is precisely with the spirit of untruth—one can already say this by way of example—that anthroposophical spiritual science struggles the most. And now the situation is, as I also said at the end of my last reflections here, that we are facing a deep, intense crisis, including with regard to anthroposophically oriented spiritual science, and we urgently need action to be taken—and taken intensively—out of an enthusiasm for truth. For ultimately, what happens hour by hour and day by day exemplifies what ails our civilization—and what will lead to its downfall if it does not pull itself together.
[ 24 ] Sehen Sie, in einer Wochenschrift, die zumeist der Ausdruck ist einer weitverbreiteten öffentlichen Meinung, sehen wir in der letzten Nummer Stimmung gemacht gegen das, was Simonssche Politik ist. Selbstverständlich hat anthroposophische Geisteswissenschaft ebensowenig wie «Dreigliederung» irgend etwas zu tun mit der Simonsschen Politik. Aber zusammengeworfen wird heute aus einem tiefen Unwahrhaftigkeitsgeiste heraus anthroposophische Geisteswissenschaft mit Simonsscher Politik. Man weiß, was man mit solchen Dingen erreicht, und man wird viel damit erreichen. Und es drückt sich wirklich etwas von der ganz versumpften Verlogenheit aus, wenn man lesen muß einen solchen Satz, der unter Anführungszeichen hier in dieser Wochenschrift erscheint und mit dem Simons charakterisiert werden soll: «Er ist der Lieblingsschüler des Theosophen Steiner, der ihm eine große Zukunft prophezeit hat, steht fest auf dem Evangelium der Dreigliederung, ist aber auch im Sinne seines Wuppertales ein frommer Christ.»
[ 24 ] You see, in a weekly magazine—which is usually the expression of widespread public opinion—we observed in the latest issue that sentiment was being stirred up against what is known as “Simons’s politics.” Of course, anthroposophical spiritual science has just as little to do with “Simons’s politics” as “threefold social order” does. But today, out of a deep spirit of insincerity, anthroposophical spiritual science is being lumped together with Simons’s politics. People know what they can achieve with such tactics, and they will achieve a great deal with them. And it truly reveals something of that thoroughly corrupt hypocrisy when one has to read a sentence like this, which appears in quotation marks here in this weekly magazine and is intended to characterize Simons: “He is the favorite student of the theosophist Steiner, who prophesied a great future for him; he stands firmly on the gospel of the threefold social order, but is also, in the spirit of his native Wuppertal, a devout Christian.”
[ 25 ] Nun, so viele Worte, so viele Lügen! Ich sage nicht: so viele Sätze, so viele Lügen, sondern ich sage ganz bewußt: So viele Worte, so viele knüppeldicke Lügen — mit Ausnahme des letzten Satzes —; die ersten Sätze sind in jedem Wort erlogen: «Er ist der Lieblingsschüler des Theosophen Steiner, der ihm eine große Zukunft prophezeit hat, steht fest auf dem Evangelium von der Dreigliederung» — es.ist natürlich alles erlogen! — «ist aber auch im Sinne seines Wuppertales ein frommer Christ.»
[ 25 ] Well, so many words, so many lies! I’m not saying “so many sentences, so many lies”; rather, I’m saying quite deliberately: “So many words, so many blatant lies”—with the exception of the last sentence—; the first sentences are lies in every word: “He is the favorite student of the theosophist Steiner, who has prophesied a great future for him; he stands firmly on the gospel of the threefold social order”—of course, it’s all a lie!—“but he is also a devout Christian in the spirit of his native Wuppertal.”
[ 26 ] Damit wird, mit diesem letzten Satze, indem er zu den früheren hinzugefügt wird, zu der Verlogenheit selbstverständlich noch die absolute Paralyse hinzugefügt. Denn man stelle sich nur einmal vor dieses Geschöpf, das entstehen würde, wenn es wirklich zustande kommen könnte, daß irgendeiner mein Lieblingsschüler würde, daß ich diesem Lieblingsschüler eine große Zukunft prophezeien würde, daß er feststehen würde auf dem «Evangelium der Dreigliederung», und daß er nun im Sinne der biederen Leute im Wuppertal ein frommer Christ wäre! Man stelle sich dieses Gebilde eines Menschen vor! Das aber ist heutige Zivilisation, ist, so unbedeutend es scheinen mag, dennoch ein deutliches Symptom für moderne Zivilisation. Denn diejenigen, die sehr häufig gegen solche Dinge polemisieren, die polemisieren mit gleicher Lüge und mit gleicher Paralyse. Und die anderen merken gar nicht, was für sonderbare Gebilde «vor ihre dummen Augen gezaubert werden», verzeihen Sie, ich zitiere nur, was in einem meiner Mysterien von den Gnomen gesagt wird. Sie merken gar nicht, was vor die, nun ja, sagen wir jetzt «intelligenten» Augen — so wie Intelligenz in der neueren Zivilisation gemeint ist gezaubert wird. Man nimmt tatsächlich heute alles hin, weil die Empfindung fehlt für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit, und der Enthusiasmus fehlt für das Geltendmachen der Wahrheit und Wahrhaftigkeit inmitten einer unwahren und unwahrhaftigen Zivilisation. Ehe man nicht ernst macht mit solchen Dingen, eher kann es nicht weitergehen. Man muß ein anderes Bild heute vor die Seele hinstellen. In diesen Tagen tritt es deutlich vor die Seele der Menschen, daß Europa das Grab seiner Zivilisation schaufeln will und daß es herbeirufen will, dieses Europa, ein Außereuropäisches, damit über dem zugeschaufelten Grab der alten Zivilisation, auch schon über dem zugeschaufelten Grab des Goetheanismus, etwas ganz anderes sich erhebe. Nun, es wird sich ja zeigen, ob aus demjenigen, dem ja durch die Politiker das Grab geschaufelt werden soll, noch etwas hervorgehen kann, das nun wirklich aufnimmt die Aufgangskräfte, das da findet den Menschen, das da findet die wiederholten Erdenleben als den einzig wirklichen Impuls des Ewigkeitsgedankens, das da findet das wahre Mysterium von Golgatha als den richtigen Impuls, das Christentum gegenüber alldem, was auf diesem Gebiete als das Unwahre und Unwahrhaftige auftritt.
[ 26 ] With this final sentence—by adding it to the earlier ones—absolute paralysis is, of course, added to the hypocrisy. For just imagine for a moment this creature that would come into being if it were actually possible for someone to become my favorite student, for me to prophesy a great future for this favorite student, for him to be firmly grounded in the “Gospel of the Threefold Social Order,” and for him to be, in the eyes of the decent people of Wuppertal, a devout Christian! Just imagine this construct of a human being! Yet this is today’s civilization; as insignificant as it may seem, it is nonetheless a clear symptom of modern civilization. For those who very often polemicize against such things do so with the same lie and the same paralysis. And the others do not even notice what strange constructs are “conjured up before their foolish eyes”—forgive me, I am merely quoting what is said about the gnomes in one of my mysteries. They do not even notice what is conjured up before their, well, let’s call them “intelligent” eyes—as intelligence is understood in modern civilization. People actually accept everything today because they lack a sense of truth and sincerity, and they lack the enthusiasm to assert truth and sincerity in the midst of a civilization that is untrue and insincere. Until we take such matters seriously, things cannot move forward. We must present a different picture to the soul today. These days, it is becoming clear to people’s souls that Europe intends to dig the grave of its own civilization and that it—this Europe—wants to summon a non-European force so that, above the buried grave of the old civilization, and indeed above the buried grave of Goetheanism, something entirely different may rise. Well, it remains to be seen whether anything can still emerge from that which politicians intend to bury—something that truly embraces the forces of ascent, that recognizes humanity, that recognizes repeated earthly lives as the only true impulse of the idea of eternity, that recognizes the true mystery of Golgotha as the right impulse, Christianity in the face of everything that appears in this realm as false and insincere.
