Perspectives on Human Evolution
The Materialistic Impulse toward Knowledge
and the Task of Anthroposophy
GA 204
1 May 1921, Dornach
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The Spiritual Backgrounds of the Outer World, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Dasjenige, was ich versuchte gestern zu zeigen als die verschiedenen Vorbereitungen der verschiedenen Nationen für den wichtigen Punkt der Menschheitsentwickelung, der da liegt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, und das, was dann gewissermaßen von diesem Zeitpunkte aus abflutet bis in unsere Zeit, das kann man durch die Schilderungen der Zusammenhänge äußerer Erscheinungen und des inneren Ganges, des geistigen Ganges der Entwickelung illustrieren. Wir wollen heute einiges von dem hier zusammentragen, was auf die eigentliche tiefere Geschichte des 19. Jahrhunderts etwas Licht werfen kann. Es ist ja einmal in der Mitte des 19, Jahrhunderts der Punkt, in welchem die Verstandestätigkeit völlig eine Funktion, eine Betätigungsart des menschlichen physischen Leibes wird. Während diese Verstandestätigkeit im ganzen vorigen Zeitraum, in dem Zeitraume von dem 8. vorchristlichen Jahrhundert bis zu dem 15. nachchristlichen Jahrhundert, eine Tätigkeit des Ätherleibs war, wird sie seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts immer mehr eine Tätigkeit des physischen Leibes, und das erreicht einen Höhepunkt eben in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Damit ist der Mensch ja in der Tat geistiger geworden, als er früher war. Die Einsichten in die geistige Welt, die sich früher ergeben hatten, die ja allerdings schon abgedämmert waren seit der neueren Zeit, kamen ja gerade aus der intensiveren Verbindung mit dem physischen Leib und mit dem Ätherleib des Menschen zustande. Jetzt, da der Mensch einfach in die Lage versetzt wurde, mit seinem physischen Leibe ein ganz Unphysisches, die Verstandestätigkeit, auszuüben, wurde er hier in dieser Weise in bezug auf seine Betätigung ein ganz geistiges Wesen. Aber er verleugnete, wie ich schon gestern sagte, diese Geistigkeit. Er bezog das, was er im Geistigen ergriff, nur auf die physische Welt. Und für diesen Punkt in der Entwickelung der neueren Zivilisation waren eben in einer solch verschiedenen Art die verschiedenen Nationen vorbereitet, wie ich das gestern zu charakterisieren versuchte. Es wird Ihnen hervorgegangen sein aus dieser gestrigen Charakteristik, wie grundverschieden die ganze Seelenverfassung des romanisch-lateinischen Teiles der europäischen Bevölkerung von dem angelsächsischen Teil eigentlich ist. Da besteht in der Tat in bezug auf innere Seelenverfassung ein radikaler Unterschied. Diesen radikalen Unterschied kann man am besten charakterisieren, wenn man Strömungen, die in der Menschheitsentwickelung verlaufen sind seit alten Zeiten, die erkannt worden sind seit alten Zeiten, anwendet auf den Gegensatz zwischen Frankreich, Spanien, Italien und den Bewohnern der Britischen Inseln mit ihrem ganzen amerikanischen Nachwuchs. Man kann das so charakterisieren, daß man sagt: Alles, was einstmals in der urpersischen Zeit der Ahura Mazdao-Kultus war, das Aufblicken der Menschheit zum Lichte, was dann abgeschwächt uns entgegentrat in der ägyptisch-chaldäischen Kultur, noch abgeschwächter in der griechischen Kultur, was dann abstrakt geworden war in der romanischen Kultur, das gliedert sich ab in demjenigen, was da durch das Mittelalter und durch die Neuzeit in dem romanischen Teil der europäischen Bevölkerung bleibt. Es ist da gewissermaßen der letzte Ausläufer des Ormuzdtums zurückgeblieben — Ormuzdtum, Ahura-Mazdao —, während auf der anderen Seite als eine neuzeitliche Kultur aufdämmert, was in der alten persischen Weltanschauung als die ahrimanische Strömung angesehen worden ist. Wirklich wie Ormuzd und Ahriman stehen einander gegenüber diese beiden Kulturen in der neueren Zeit. Und in die Ormuzdströmung finden wir hineingegossen alles das, was von der römischen Kirche kommt. Die Formen, die das Christentum angenommen hat, indem es sich umkleidet hat mit den römisch-juristischen Staatsformen, indem es zur Papstkirche in Rom geworden ist, diese Formen sind die letzten Ausläufer. Wir haben auf manches andere hingewiesen, woraus sie hervorgegangen sind. Aber mit alledem sind sie die letzten Ausläufer des Ormuzdkultus. Man kann noch im Meßopfer und in alledem, was da ist, diese letzten Ausläufer des Ormuzdkultus erkennen, und richtig wird man auf das, was da zugrunde liegt, nur hinschauen können, wenn man weniger Wert legt auf das Unbedeutendere gegenüber den großen Menschheitsströmungen und den wahren Wert sucht bezüglich der Betrachtung, bezüglich der Erkenntnis in dem, was als Gedankenform, als Empfindungsform lebt. Äußerlich, in bezug auf die äußerliche Zivilisation hat sich ja das, was neuzeitliche Impulse sind, in der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts tumultuarisch zum Ausdrucke gebracht. Da lebt, wie ich Ihnen gestern angedeutet habe, in Abstraktionen der Appell an den einzelnen individuellen Bewußtseinsmenschen. Aus der Ideenwelt heraus ist gerade, man möchte sagen wie ein Gegenschlag gegen das, was im Romanentum fortlebt, diese Abstraktion entstanden von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Aber man muß unterscheiden zwischen dem, was sich da, aus uralten Geistesströmungen kommend, hineinlebte in die romanische Empfindungs- und Gedankenform, und dem, was aus dem Menschentum heraus entstanden ist. Wir müssen ja immer unterscheiden, was Wesenheit der einzelnen Nationalität ist und was als ein fortlaufender Strom des allgemeinen Menschentums geht. Wir werden heute noch sehen, wie sich auch später im 19. Jahrhundert gerade aus dem Franzosentum ein Licht herauskristallisiert, das mit aller Energie hinweist auf diesen charakteristischen Punkt in der Menschheitsentwickelung im 19. Jahrhundert. Aber das Nationale im Franzosentum, im Spaniertum, im Italienertum, das hat in sich die Fortsetzung des Ormuzdtums in der Zeit, in der das Ormuzdtum, natürlich verändert durch die Katholizität des Christentums, als ein Schatten uralter Zivilisation dasteht. Daher sehen wir, wie trotz allen Freiheitsdranges das Romanentum der Träger wird und der Träger geblieben ist desjenigen, was die römische Kirche als Weltherrschaft darstellt.
[ 1 ] What I attempted to show yesterday—namely, the various preparations made by different nations for that crucial juncture in human development that lies in the middle of the 19th century, and what then, so to speak, flows out from that point into our own time—can be illustrated by describing the connections between external phenomena and the inner course, the spiritual course, of development. Today we want to bring together some of the material here that can shed light on the actual, deeper history of the 19th century. For it is precisely in the middle of the 19th century that intellectual activity becomes, in its entirety, a function—a mode of activity—of the human physical body. While this intellectual activity had been, throughout the preceding period—from the 8th century B.C. to the 15th century A.D.—an activity of the etheric body, it has, since the beginning of the 15th century, increasingly become an activity of the physical body, reaching a climax precisely in the middle of the 19th century. As a result, human beings have indeed become more spiritual than they were before. The insights into the spiritual world that had arisen earlier—insights that had, admittedly, already begun to wane in more recent times—arose precisely from a more intense connection with the human physical body and etheric body. Now that human beings have simply been enabled to exercise something entirely non-physical—intellectual activity—with their physical bodies, they have in this respect become, in terms of their activity, entirely spiritual beings. But, as I said yesterday, they denied this spirituality. They applied what they grasped in the spiritual realm solely to the physical world. And for this stage in the development of modern civilization, the various nations were prepared in such different ways, as I attempted to characterize yesterday. It will have become clear to you from yesterday’s characterization just how fundamentally different the entire spiritual disposition of the Romance-Latin part of the European population actually is from that of the Anglo-Saxon part. There is, in fact, a radical difference with regard to inner spiritual disposition. This radical difference can best be characterized by applying the currents that have run through human development since ancient times—and which have been recognized since ancient times—to the contrast between France, Spain, Italy, and the inhabitants of the British Isles with all their American descendants. One can characterize this by saying: Everything that once existed in the primordial Persian era of the Ahura Mazdao cult, —humanity’s gaze toward the light, which then appeared to us in a weakened form in the Egyptian-Chaldean culture, even more weakened in the Greek culture, and which had become abstract in the Roman culture—this is preserved in what has remained in the Romanic part of the European population through the Middle Ages and into modern times. In a sense, the last remnant of Ormuzdism—Ormuzdism, Ahura Mazdaism—has remained there, while on the other hand, what was regarded in the ancient Persian worldview as the Ahrimanic current is dawning as a modern culture. Indeed, just as Ormuzd and Ahriman stand opposed to one another, so do these two cultures in modern times. And within the Ormuzd current, we find infused everything that comes from the Roman Church. The forms that Christianity has taken on—by cloaking itself in Roman-legal forms of government, by becoming the Papal Church in Rome—these forms are the last vestiges. We have pointed out many other things from which they have emerged. But despite all this, they are the final offshoots of the Ormuzd cult. One can still recognize these final offshoots of the Ormuzd cult in the Mass and in all that is found there, and one will only be able to look correctly at what underlies it if one attaches less importance to the trivial in comparison with the great currents of humanity and seeks the true value in terms of contemplation and insight into what lives as a thought-form and a feeling-form. Externally, in terms of material civilization, the impulses of the modern era found tumultuous expression in the French Revolution at the end of the 18th century. There, as I hinted to you yesterday, the appeal to the individual, conscious human being lives on in abstractions. Emerging from the world of ideas—one might say as a counter-movement to what lives on in Roman culture—this abstraction of liberty, equality, and fraternity arose. But one must distinguish between what, stemming from ancient spiritual currents, became embedded in the Romanic forms of feeling and thought, and what arose from humanity itself. We must always distinguish between what constitutes the essence of individual nationalities and what flows as a continuous current of universal humanity. We will see later today how, later in the 19th century, a light crystallizes precisely from Frenchness that points with all its energy to this characteristic point in the development of humanity in the 19th century. But the national character of the French, the Spanish, and the Italians embodies the continuation of the Ormuzdian tradition at a time when that tradition—naturally transformed by the Catholicism of Christianity—stands as a shadow of an ancient civilization. Thus we see how, despite all the striving for freedom, Roman culture has become—and has remained—the bearer of that which the Roman Church represents as world domination.
[ 2 ] Man versteht eigentlich nicht viel von dem Gange europäischer Entwickelung, wenn man sich nicht klar ist, wie in diesem Romanentum das römische Kirchentum bis in unsere Tage hinein weiterlebt. Im Grunde genommen leben sogar in dem Kampfe gegen die Einrichtung der Kirche die Gedankenformen, die selbst wiederum diesem kirchlich-katholischen Denken entnommen sind. Und so müssen wir unterscheiden jenen allgemeinen Strom, der den abstrakten. Charakter angenommen hat, der der allgemeine Menschheitsstrom der Entwickelung ist, der durch die Französische Revolution geht, und den besonderen nationalen Strom, den romanischen Strom, den lateinischen Strom, der eigentlich ganz infiziert ist von der römischen Katholizität.
[ 2 ] One cannot truly understand the course of European development unless one realizes how Roman Catholicism continues to live on within this Roman tradition right up to the present day. In essence, even in the struggle against the institutional structure of the Church, the patterns of thought that are themselves derived from this Catholic way of thinking continue to exist. And so we must distinguish between that general current—which has taken on an abstract character and is the general current of human development running through the French Revolution—and the specific national current, the Romanic current, the Latin current, which is in fact entirely permeated by Roman Catholicism.
[ 3 ] Nun steigt auf mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts aus diesem Strom der römischen Katholizität eine großartige Erscheinung, eine Erscheinung, die im Grunde genommen in ihrer ganzen Bedeutung für die europäische Entwickelung viel zuwenig beachtet wird. Die meisten Menschen, die so verschlafen gegenüber den Zivilisationserscheinungen dahinleben, die wissen nichts von dem, was eigentlich ganz tief seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts in der europäischen Zivilisation drinnen lebt und ganz und gar fußt in römischer Katholizität. Es ist alles das, was sich, ich möchte sagen, zusammenfaßt dann im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts in dem Wirken der Persönlichkeit de Maistres. De Maistre ist eigentlich der Repräsentant der von den Wogen des Romanismus getragenen Katholizität, die aber die Aspiration hat, ganz Europa wiederum zurückzuführen in den Schoß dieser römischen Katholizität. Und in de Maistre tritt auf eine Persönlichkeit von der denkbar größten Genialität, von der eindringlichsten Geistigkeit, aber durch und durch romanisch-katholisch.
[ 3 ] Now, at the beginning of the 19th century, a magnificent phenomenon emerged from this current of Roman Catholicism—a phenomenon that, in all its significance for European development, is, in fact, given far too little attention. Most people, who go through life so oblivious to the phenomena of civilization, know nothing of what has actually been living deep within European civilization since the beginning of the 19th century and is rooted entirely in Roman Catholicism. It is all that which, I would say, is then summarized in the first third of the 19th century in the work of de Maistre. De Maistre is, in fact, the representative of a Catholicism carried by the waves of Romanism, yet one that aspires to lead all of Europe back into the bosom of this Roman Catholicism. And in de Maistre we find a figure of the greatest conceivable genius, of the most penetrating spirituality, yet thoroughly Roman Catholic.
[ 4 ] Wir wollen nur ein wenig hineinschauen in dasjenige, was die protestantisch denkenden Menschen, die evangelisch denkenden Menschen gar nicht kennen, was aber doch in einer verhältnismäßig ziemlich großen Anzahl von Menschen der europäischen Bevölkerung lebt. Man weiß es gewöhnlich nicht, daß es ja eine Geistesströmung gibt, welche ganz fremd ist demjenigen, was sonst heraufgezogen ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, welche aber gut bekannt ist mit den Wirkungen dieses neuen Geistes der fünften nachatlantischen Periode.
[ 4 ] We want to take just a brief look at something that people with a Protestant mindset—or an Evangelical mindset—are completely unaware of, but which is nevertheless alive in a relatively large segment of the European population. It is generally not known that there is a spiritual current that is entirely foreign to what has otherwise emerged since the beginning of the 15th century, but which is well acquainted with the effects of this new spirit of the fifth post-Atlantean period.
[ 5 ] Wir wollen ein wenig charakterisieren, was als Weltanschauung in den Köpfen lebt, deren genialer Repräsentant de Maistre ist im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er ist längst tot; der Geist, der ihn beseelt hat, lebt in einer verhältnismäßig großen Anzahl von Menschen innerhalb Europas, und jetzt in unserer Gegenwart ist die Zeit, in der er sich neu belebt, in der er neue Formen annimmt, in der er immer größere und größere Formen zu gewinnen sucht. Wir wollen mit ein paar Sätzen die Weltanschauung, die hier zugrunde liegt, charakterisieren. Sie sagt: Der Mensch, so wie er auf der Erde lebt in der Zeit seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, er ist auf einer abschüssigen Bahn. Seit diesem Beginn des 15. Jahrhunderts haben sich in der europäischen Zivilisation nur Liederlichkeit, Gottlosigkeit, Geistlosigkeit ausgebreitet; der bloße Verstand, der auf das Nützliche gerichtet ist, hat die Menschheit ergriffen. Aber die Wahrheit, die identisch ist mit der Geistigkeit der Welt, die sagt seit Urzeiten etwas anderes. Nur hat dieser moderne Mensch diese uralt heilige Wahrheit vergessen. Diese uralt heilige Wahrheit, die besagt: Der Mensch ist eine gefallene Kreatur, der Mensch hat nur die Veranlassung, zu appellieren an sein Gewissen und an die Reue in seiner Seele, damit er sich erheben kann, und damit seine Seele nicht verfällt der Materialität. Indem aber seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Materialität von der europäischen Bevölkerung angewendet wird, zerfällt die europäische Zivilisation, zerfällt die ganze Menschheit.
[ 5 ] Let us briefly describe the worldview that prevailed in the minds of people in the first third of the 19th century, of which de Maistre was the brilliant representative. He has long since passed away; the spirit that animated him lives on in a relatively large number of people throughout Europe, and now, in our own time, is the era in which it is being revitalized, in which it is taking on new forms, and in which it seeks to assume ever larger and larger forms. Let us characterize in a few sentences the worldview that underlies this. It states: Humanity, as it has lived on Earth since the beginning of the 15th century, is on a downward slope. Since the beginning of the 15th century, only debauchery, godlessness, and spiritual emptiness have spread throughout European civilization; mere intellect, focused on the practical, has taken hold of humanity. But the truth—which is identical with the spirituality of the world—has been saying something else since time immemorial. It is just that modern man has forgotten this ancient, sacred truth. This ancient, sacred truth states: Human beings are fallen creatures; they have no choice but to appeal to their conscience and to the remorse in their souls so that they may rise above their condition and so that their souls do not succumb to materialism. But since the European population has embraced materialism since the mid-15th century, European civilization is disintegrating, and all of humanity is disintegrating.
[ 6 ] So sagt diese Weltanschauung, deren haupsächlichster Repräsentant de Maistre ist. Die ganze Menschheit zerfällt in zwei Kategorien, in diejenige, die darstellt das Reich Gottes und in diejenige, die darstellt das Reich der Welt. Und die Anhänger dieser Weltanschauung schauen hin auf die Bevölkerung der Erde und unterscheiden die Menschen, von denen sie sagen, sie gehören dem Reiche Gottes an. Das sind diejenigen Menschen, die noch an die uralten Wahrheiten glauben, die verschwunden sind im Grunde genommen in ihrer wahren Gestalt mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, und die man noch erkennen kann in ihren besten Nachklängen in der Erkenntnis des Augustinus, der auch unterscheidet diejenigen Menschen, die vorbestimmt sind zur Seligkeit, und diejenigen Menschen, die vorbestimmt sind zur Verdammnis. Wenn man einen Menschen trifft in dieser Welt — so sagen die Anhänger de Maistres —, so ist er entweder angehörig dem Reiche Gottes oder dem Reiche der Welt. Nur dem Scheine nach sind diese Menschen vermischt. Vor den Augen der Geisterwelt sind sie streng voneinander getrennt, und man kann sie voneinander unterscheiden. Im Altertum haben die Menschen, die angehört haben dem Reiche der Welt, dem Aberglauben gehuldigt, das heißt, sie haben sich falsche Bilder von der Göttlichkeit gemacht; seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts hängen sie am Unglauben. — So sagen diese Leute. Was die Mehrzahl der europäischen Bevölkerung verschlafen hat, daß nun wirklich mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts ein neues Zeitalter angebrochen ist, die Anhänger de Maistres wissen es gut. Sie weisen hin auf diesen Zeitpunkt; sie weisen aber hin auf diesen Zeitpunkt als den, in welchem die Menschheit vergessen hat, was der Quell, der eigentliche Quell der göttlichen Wahrheit ist. Die Anhänger de Maistres sagen so: Durch den bloßen Gebrauch des schattenhaften Verstandes ist die Menschheit in eine Lage gekommen, in der das Verbindungsband zwischen ihr und dem Quell der ewigen Wahrheit zerrissen ist, und die Vorsehung ist seit jener Zeit der Menschheit nicht mehr die Gnade schuldig, sondern nurmehr die Gerechtigkeit, und diese Gerechtigkeit wird erscheinen am Tage des Gerichts.
[ 6 ] So says this worldview, whose foremost representative is de Maistre. All of humanity falls into two categories: those who represent the Kingdom of God and those who represent the Kingdom of the World. And the adherents of this worldview look upon the population of the earth and distinguish those whom they say belong to the Kingdom of God. These are the people who still believe in the ancient truths that, in essence, disappeared in their true form with the beginning of the 15th century, and which can still be recognized in their finest echoes in the teachings of Augustine, who also distinguishes between those people who are predestined for salvation and those who are predestined for damnation. When one encounters a person in this world—so say the followers of de Maistre—that person belongs either to the Kingdom of God or to the Kingdom of the World. These people are mixed only in appearance. In the eyes of the spirit world, they are strictly separated from one another, and one can distinguish them from one another. In ancient times, people who belonged to the kingdom of the world indulged in superstition—that is, they formed false images of the divine; since the beginning of the 15th century, they have clung to unbelief. — So say these people. What the majority of the European population has failed to realize—that a new era truly dawned with the beginning of the 15th century—the followers of de Maistre know well. They point to this moment; but they point to it as the moment when humanity forgot what the source—the true source—of divine truth is. De Maistre’s followers say this: Through the mere use of the shadow-like intellect, humanity has come into a situation in which the bond between it and the source of eternal truth has been severed, and since that time, Providence no longer owes humanity grace, but only justice, and this justice will appear on the Day of Judgment.
[ 7 ] Es ist, wenn man so etwas erzählt, wie wenn man den Leuten Märchen erzählen wollte; und dennoch, es gibt die Menschen in Europa, welche an dieser Anschauung, daß mit dem Beginne des 15. Jahrhunderts die göttliche Weltenregierung eine ganz andere Stellung bekommen hat zu dem Erdenmenschen, welche an diesem Satze ebenso hängen wie die modernen Naturforscher an dem Gesetz der Schwere oder so etwas. Trotzdem das Vorhandensein dieser Lebensauffassung etwas Urbedeutsames ist gerade für die Gegenwart, wollen die Menschen der Gegenwart nicht hinschauen auf so etwas. Den stärksten Abfall von der uralten Wahrheit sieht de Maistre in der Französischen Revolution. Er betrachtet sie nicht so, wie wir sie betrachtet haben, als das abstrakte Aufflattern desjenigen, was den Menschen zur Bewußtseinsseele bringen soll, sondern er betrachtet sie als das stärkste Hineinfallen in den Unglauben, als das Schlimmste, was der neueren Menschheit hat passieren können. Und insbesondere bedeutet ihm die Französische Revolution eben dieses, daß es nun ganz besiegelt ist, daß die göttliche Weltregierung keine Verpflichtung hat, dem Menschen noch irgendwelche Gnade zukommen zu lassen, sondern lediglich die Gerechtigkeit, die sich äußern wird, wenn der Tag des Gerichtes kommen wird. Und schon vorherbestimmt — so nimmt man an in diesen Kreisen — sind diejenigen Menschen, die verfallen müssen den Untergangsmächten, und schon signiert sind diejenigen Menschen, die die Kinder des Reiches Gottes sind, die bestimmt sind, sich zu retten, weil sie noch festhalten an dem, was als uralte Weisheit seinen besonderen Glanz im 4. nachchristlichen Jahrhundert gehabt hat.
[ 7 ] When one speaks of such things, it is as if one were trying to tell people fairy tales; and yet, there are people in Europe who hold fast to this view—that with the beginning of the 15th century, divine world governance assumed an entirely different relationship to human beings on Earth—and who cling to this notion just as firmly as modern natural scientists cling to the law of gravity or something of that sort. Although the existence of this worldview is of fundamental importance, especially for the present day, people today do not want to look at such things. De Maistre sees the greatest departure from this ancient truth in the French Revolution. He does not view it, as we have, as the abstract fluttering of that which is meant to lead humanity to the soul of consciousness, but rather as the most profound descent into unbelief—the worst thing that could have befallen modern humanity. And for him, in particular, the French Revolution signifies precisely this: that it is now completely sealed that the divine world government has no obligation to bestow any grace upon humanity, but only justice, which will be manifested when the Day of Judgment comes. And it is already predetermined—so it is assumed in these circles—which people are destined to fall prey to the forces of destruction, and which people are already marked as the children of the Kingdom of God, destined to be saved because they still hold fast to what, as ancient wisdom, had its particular splendor in the 4th century A.D.
[ 8 ] Ein solcher Impuls geht schon dutch die Schrift, die de Maistre 1796 geschrieben hat, als er noch im Piemont war: «Betrachtungen über Frankreich.» Schon da hält er Frankreich, dem Frankreich der Revolution, das Sündenregister vor, schon da verweist er auf die Untergründe des Romanismus, der noch das, was aus alten Zeiten hergekommen ist, in sich birgt. Besonders stark aber tritt das in den späteren Schriften de Maistres hervor, und diese Schriften hängen ja zusammen mit der ganzen welthistorischen Sendung, die de Maistre sich zugeschrieben hat.
[ 8 ] Such an impulse is already evident in the work de Maistre wrote in 1796, while he was still in Piedmont: “Reflections on France.” Even then, he was holding up a list of sins to France—the France of the Revolution—and even then he was pointing to the underlying currents of Romanism, which still harbors within itself what has come down from ancient times. This, however, becomes particularly evident in de Maistre’s later writings, and these writings are, of course, connected to the entire mission in world history that de Maistre attributed to himself.
[ 9 ] Er suchte sich ja zu dem Schauplatz seines Wirkens Petersburg aus; von Petersburg gingen dann auch seine späteren Schriften aus. De Maistre hatte den grandiosen Gedanken, anzuknüpfen an das Russentum, namentlich an das, was von uralten Zeiten her von Asien herüberlebte in der orthodox-katholischen russischen Religion, und von da aus wollte er die Verbindung schlagen herüber zum Romanismus. Er wollte die große Fusion zustandebringen zwischen dem, was in der orientalischen Denkungsweise lebt bis ins Russentum herein, und dem, was von Rom ausgeht. Schon beseelt von dieser Anschauung ist die Schrift, die er 1810 von Petersburg aus geschrieben hat: «Versuch über den schöpferischen Urgrund der Staatsverfassungen.» Und an dieser Schrift sieht man schon, wie de Maistre zurückgeht auf dasjenige, was das Christentum in bezug auf seine metaphysische Ansicht war vor der scholastischen Zeit, was es war in den ersten Jahrhunderten, aber so war, daß es von Rom akzeptiert worden ist. Römisches, katholisches Christentum wollte er als reale Macht; aber er wies doch in gewissem Sinne zurück, was schon das Mittelalter gewissermaßen als eine Neuerung dadurch gebracht hat, daß es auf Aristoteles gefußt hat. Aristoteles wollte er in einem gewissen Sinne ausschalten; er war ihm schon die Vorbereitung zu dem, was dann seit dem 15. Jahrhundert als die moderne Verstandesfähigkeit heraufgezogen ist. Er wollte durch andere Kräfte des Menschen als durch Logizismus den Zusammenhang mit der Geistigkeit erreichen.
[ 9 ] He chose St. Petersburg as the setting for his work; his later writings also originated in St. Petersburg. De Maistre had the magnificent idea of building upon Russian culture—specifically, upon that which had survived from ancient times, having come from Asia, within the Orthodox-Catholic Russian religion—and from there he sought to forge a connection with Roman Catholicism. He sought to bring about a great fusion between what lives on in the Eastern way of thinking—extending all the way into Russian culture—and what emanates from Rome. Already inspired by this perspective is the treatise he wrote from St. Petersburg in 1810: “Essay on the Creative Source of Constitutional Systems.” And in this treatise, one can already see how de Maistre returns to what Christianity was, in terms of its metaphysical perspective, before the Scholastic period—what it was in the early centuries, but in a form that had been accepted by Rome. He wanted Roman Catholic Christianity to be a real power; yet, in a certain sense, he rejected what the Middle Ages had, in a way, introduced as an innovation by basing itself on Aristotle. In a certain sense, he wanted to sideline Aristotle; for him, Aristotle was already the precursor to what emerged in the 15th century as modern rationality. He sought to achieve a connection with spirituality through human faculties other than logical reasoning.
[ 10 ] Aber besonders stark bewegt sich dann jene Schrift in dem Fahrwasser dieser Lebensauffassung, die er im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts geschrieben hat: «Über den Papst», eine Schrift, von der man sagen möchte, daß sie Klassizität atmet in der Art ihrer Abfassung, die sozusagen den besten Zeiten der französischen Kultur unter Ludwig XIV. angehört und die zugleich so eindringlich wirkt, wie nur irgendeine inspirierte Schrift. Es wird der Papst hingestellt und es ist wichtig, daß das von Petersburg aus gesagt wird — als der rechtmäßige Fürst der modernen Zivilisation. Er wird hingestellt so, daß man zu unterscheiden habe zwischen dem Zeitlichen, dem, was durch einzelne Päpste an Verderblichem in die Welt gekommen ist, was anfechtbar ist bei den verschiedenen Päpsten, und dem ewigen Prinzip des römischen Papsttums. Und es wird gewissermaßen in dem Papst hingestellt die Inkarnation desjenigen, was als der Geist der Erde auf dieser Erde zu herrschen hat. Man möchte sagen: All die Wärme, welche lebt in dieser Schrift über den Papst, sie ist das Aufleuchten von Ormuzd, das geradezu den Ahura-Mazdao selber inkarniert sieht in dem römischen Papste und was daher verlangt, daß die romanisch-katholische Kirche in ihrer Fusion mit alldem, was sich vom Orient herüber nach Rußland gelebt hat — denn das steht doch im Hintergrunde —, herrschen wird und hinwegfegt alles das, was herübergebracht hat die Verstandeskultur seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts.
[ 10 ] But the work he wrote in the second decade of the 19th century is particularly strongly influenced by this view of life: “On the Pope,” a work one might say exudes classicism in its style of composition—a style that belongs, so to speak, to the golden age of French culture under Louis XIV—and which at the same time has an impact as powerful as any inspired work. The Pope is presented—and it is important that this be said from St. Petersburg—as the rightful prince of modern civilization. He is presented in such a way that one must distinguish between the temporal—that which individual popes have brought into the world that is perishable, that which is open to criticism in the various popes—and the eternal principle of the Roman papacy. And, in a sense, the Pope is presented as the incarnation of that which, as the Spirit of the Earth, is to reign upon this Earth. One might say: All the warmth that lives in this writing about the Pope is the radiance of Ormuzd, which sees Ahura Mazda himself incarnated in the Roman Pope and therefore demands that the Roman Catholic Church, in its fusion with all that has been lived from the East over to Russia—for that is, after all, in the background— will reign supreme and sweep away everything that intellectual culture has brought over since the beginning of the 15th century.
[ 11 ] In dieser Richtung hat de Maistre eigentlich genial gewirkt. Im Jahre 1816 ist von ihm eine Übersetzung Plutarchs erschienen, durch die er zeigen wollte, welche Macht das Christentum hatte, das, wie er meint, sich in die Abhandlungen des Plutarch, der ja noch heidnisch gesinnt ist, dennoch als Gedankenform hineingeschlichen hat. Und dann erscheint als das Letzte, was von de Maistre herrührt, wiederum von Petersburg ausgehend, die «Abendstunden zu St. Petersburg», in zwei Bänden, in denen erstens alles das besonders stark hervortritt, was ich schon charakterisiert habe, aber dann noch ganz besonders hervortritt der radikale Kampf des romanischen Katholizismus gegen dasjenige, was auf den Britischen Inseln auftritt als sein Widerpart.
[ 11 ] In this regard, de Maistre was truly a genius. In 1816, he published a translation of Plutarch, through which he sought to demonstrate the power of Christianity, which, in his view, had nevertheless crept into the writings of Plutarch—who, after all, was still of a pagan mindset—as a form of thought. And then, as the last work to come from de Maistre—again originating in St. Petersburg—appeared Evening Hours in St. Petersburg, in two volumes, in which, first of all, everything I have already characterized stands out particularly strongly, but then the radical struggle of Roman Catholicism against that which appears in the British Isles as its adversary stands out even more distinctly.
[ 12 ] Sehen wir auf der einen Seite, wie sich nach einer gewissen Seite hin kristallisiert in alledem der romanische Katholizismus, sehen wir, was sich anknüpft an Persönlichkeiten wie Ignatius von Loyola, Alfonso di Liguori, Franz Xaverius und so weiter an romanischem Katholizismus, verbinden wir das mit dem genialen Kopf de Maistres, sehen wir auf alles das hin, was da lebt, dann sehen wir da, ich möchte sagen, das veraltete, das zurückgebliebene Ormuzdlicht. Und wir sehen auf der anderen Seite dasjenige, was de Maistre aufgehen sieht auf den Britischen Inseln und was er nun scharf und mit beißender Lauge seines durchdringenden Geistes bekämpft. Es ist einer der grandiosesten Geisteskämpfe, die jemals stattgefunden haben, dieser Kampf de Maistres gegen das eigentliche Wesen des Angelsächsischen. Er nimmt sich da besonders aufs Korn die Philosophenpersönlichkeit des Locke und sieht in Locke geradezu die Inkarnation desjenigen Geistes, der die Menschheit in den Niedergang hineinführt. Geistvoll bis zum Exzeß wird die Philosophie von Locke bekämpft. Man muß nur bedenken, was diese Philosophie für eine Bedeutung gehabt hat. Man muß im Hintergrunde sehen auf der einen Seite die romanischen Einweihungsprinzipien, die wie ein fortgesetzter Ormuzddienst sich ausleben; man muß alles dasjenige sehen, was dieser Seite zugeflossen ist durch einen Ignaz von Loyola, durch einen Bossuet, und was dann in grandioser Weise durch de Maistre geflossen ist. Auf der anderen Seite muß man im Gegensatze zu alledem, was seinen Mittelpunkt hat im römischen Katholizismus in Rom selber, was aber durchaus auf Einweihung fußt, was durchaus, ich möchte sagen, die neueste Phase der Ormuzdinitiation ist, alle die Geheimgesellschaften sehen, die sich von Schottland herunter und dutch England ausbreiten, und von denen ein Ausdruck dann dasjenige ist, was englische Philosophie und Politik und so weiter ist, wie ich es zu einer anderen Zeit ja hier dargestellt habe von einem gewissen Gesichtspunkte aus. De Maistre ist ebensogut unterrichtet über das, was ja aus einem ahrimanischen Einweihungsprinzip sich geltend macht, wie erunterrichtet ist über das, was er als die Ormuzdinitiation in der neuen Form geltend machen will für die europäische Zivilisation. De Maistre weiß diese Dinge alle abzuschätzen; er ist geistreich genug, sie auch esoterisch zu treffen, indem er den Philosophen Locke, der gewissermaßen ein Kind, ein äußerliches, exoterisches Kind ist dieser anderen, ahrimanischen Initiation, aufs Korn nimmt. Er nimmt damit ja eine wichtige Persönlichkeit aufs Korn, diejenige Persönlichkeit, die mit jenem epochemachenden Versuch «Über den menschlichen Verstand» aufgetreten ist, der dann seinen großen Einfluß hatte auf das französische Denken. Locke wurde ja von Voltaire vergöttert und hatte einen so großen Einfluß, daß Frau von Sévigné von einem italienischen Schriftsteller, der Locke für Italien schriftstellerisch zurechtrückte, sagte, jener Schriftsteller hätte am liebsten in jeder Fleischbrühe die Floskeln des Lockes gegessen.
[ 12 ] If, on the one hand, we see how Roman Catholicism crystallizes in all of this in a certain direction—if we look at what connects figures such as Ignatius of Loyola, Alfonso di Liguori, Francis Xavier, and so on—and connect that to de Maistre’s brilliant mind, and look at everything that is alive there—then we see there, I would say, the outdated, backward light of Ormuzd. And on the other hand, we see what de Maistre observes emerging in the British Isles—and what he now combats sharply and with the caustic acid of his penetrating intellect. It is one of the most magnificent intellectual battles that has ever taken place—this battle waged by de Maistre against the very essence of the Anglo-Saxon spirit. He takes particular aim at the philosophical figure of Locke and sees in Locke nothing less than the incarnation of the very spirit that is leading humanity into decline. Locke’s philosophy is combated with intellectual fervor bordering on excess. One need only consider the significance this philosophy has held. One must see in the background, on the one hand, the Romanic principles of initiation, which play out like a continuous service to Ormuzd; one must see all that has flowed into this side through an Ignatius of Loyola, through a Bossuet, and what then flowed in a magnificent way through de Maistre. On the other hand, one must see—in contrast to all that has its center in Roman Catholicism in Rome itself, yet is thoroughly based on initiation, and is, I might say, is the latest phase of the Ormuzd initiation—one must look at all the secret societies spreading down from Scotland and throughout England, and one expression of which is what constitutes English philosophy and politics and so on, as I have indeed described here on another occasion from a certain point of view. De Maistre is just as well informed about what asserts itself through an Ahrimanic principle of initiation as he is about what he wishes to assert as the Ormuzd initiation in its new form for European civilization. De Maistre knows how to assess all these things; he is witty enough to address them esoterically as well, by taking aim at the philosopher Locke, who is, in a sense, a child—an external, exoteric child—of this other, Ahrimanic initiation. In doing so, he takes aim at an important figure—the very figure who emerged with that epoch-making work An Essay Concerning Human Understanding, which went on to exert a great influence on French thought. Locke was, after all, idolized by Voltaire and had such a great influence that Madame de Sévigné said of an Italian writer who adapted Locke’s works for an Italian audience that the writer would have loved to eat Locke’s platitudes in every bowl of meat broth.
[ 13 ] Nun nahm de Maistre den Locke auch unter die Lupe und sagte: Es ist unmöglich, daß zum Beispiel Voltaire, daß die anderen Franzosen diesen Locke auch nur gelesen haben können! — Und er verbreitet sich in seinen «Abendunterhaltungen zu St. Petersburg» ausführlich darüber, wie Schriftsteller eigentlich zu Weltruhm kommen. Er zeigt, wie es durchaus möglich ist, daß Voltaire den Locke überhaupt gar nicht gelesen hat; er könne ihn eigentlich nicht gelesen haben, er würde sonst geistreich genug gewesen sein, ihn nicht zu verteidigen, wie er es tut.
[ 13 ] De Maistre then took a closer look at Locke and said: “It is impossible that, for example, Voltaire—or the other Frenchmen—could even have read this Locke!” — And in his Evening Conversations in St. Petersburg, he elaborates at length on how writers actually achieve world fame. He shows how it is entirely possible that Voltaire never read Locke at all; in fact, he could not have read him, for otherwise he would have been clever enough not to defend him as he does.
[ 14 ] Trotzdem de Maistre in Voltaire geradezu einen Teufel sieht, wird er ihm doch gerecht, indem er das von ihm sagt. Und um dies zu belegen, gibt er ganze Abhandlungen darüber, wie geschrieben wird, wie gesprochen wird in der Welt über Leute wie Locke, die als große Menschen angesehen werden, ohne daß man sich primär überhaupt um sie in Wirklichkeit kümmert und sie eigentlich nur ganz sekundär aus anderen Quellen kennt. Wie wenn die Menschheit in Irrtum eingekerkert worden wäre, so wirkte Locke auf diese Menschen, und die ganze moderne Denkweise, die dann nach der Anschauung de Maistres zu dem Unglück der Französischen Revolution geführt hat, die geht eigentlich von Locke aus, das heißt, Locke ist der Exponent, das Symptom, das historische Symptom dafür. Von da aus, wovon Locke ausgegangen ist, beherrscht diese Denkweise die Welt. De Maistre nimmt ihn unter die Lupe, diesen Locke, er sagt, eigentlich habe es wenig Schriftsteller gegeben, die einen so absoluten Mangel an Stilgefühl gehabt haben wie Locke, und zeigt das im einzelnen. Er sucht im einzelnen zu beweisen, daß das, was Locke sagt, so trivial, so selbstverständlich ist, daß man eigentlich überhaupt damit nicht zu rechnen habe, oder daß es unnötig ist, sich damit überhaupt in Gedanken zu befassen. Er sagt: Voltaire sage, Locke habe immer definiert, alles klar definiert; aber, sagt de Maistre, was sind diese Definitionen von Locke im Grunde? — Nichts weniger als Wahrheiten, «quatschige Tautologien», wenn ich ein modernes Wort gebrauchen würde, und lächerlich. Die ganze Schreiberei des Locke sei eine Lächerlichkeit ohne Stil, ohne Genie, voller Tautologien, voller Plattheiten.
[ 14 ] Even though de Maistre sees Voltaire as nothing short of a devil, he does him justice by saying this about him. And to prove this, he devotes entire treatises to how people in the world write and speak about figures like Locke—who are regarded as great men—without actually caring about them in the first place and knowing them only secondhand from other sources. As if humanity had been imprisoned in error—that is the effect Locke had on these people—and the entire modern way of thinking, which, according to de Maistre’s view, led to the misfortune of the French Revolution, actually stems from Locke; that is to say, Locke is the exponent, the symptom—the historical symptom—of it. From the point where Locke began, this way of thinking has dominated the world. De Maistre scrutinizes Locke, saying that there have actually been few writers who possessed such an absolute lack of stylistic sensibility as Locke, and he demonstrates this in detail. He seeks to prove in detail that what Locke says is so trivial, so self-evident, that one really shouldn’t even have to take it into account, or that it is unnecessary to give it any thought at all. He says: Voltaire claims that Locke always defined things, defined everything clearly; but, says de Maistre, what are these definitions of Locke’s, really? — Nothing less than truths, “nonsensical tautologies,” if I were to use a modern term, and ridiculous. Locke’s entire body of writing is a farce without style, without genius, full of tautologies, full of platitudes.
[ 15 ] So charakterisiert de Maistre dasjenige, was das Wertvollste geworden ist für die moderne Menschheit: daß diese moderne Menschheit Größe sieht in der Plattheit, in der Gemeinverständlichkeit, in der Genielosigkeit, in der Stillosigkeit, in dem, was auf der Straße zu finden ist, sich aber als Philosophie ausstaffiert.
[ 15 ] This is how de Maistre characterizes what has become most valuable to modern humanity: that modern humanity sees greatness in banality, in commonplace ideas, in the absence of genius, in a lack of style—in what can be found on the street—yet presents itself as philosophy.
[ 16 ] Dabei ist de Maistre wirklich ein Mensch, der überall auf die tieferen geistigen Prinzipien, auf das geistig Wesenhafte sieht. Man kann solche Dinge, wie sie da vorliegen, dem heutigen Menschen eigentlich nur sehr schwer verständlich machen; denn die Art und Weise, wie eine solche Persönlichkeit, wie de Maistre, denkt, liegt dem heutigen Menschen, der ganz an den schattenhaften Verstand gewöhnt ist, eigentlich fern. De Maistre sieht nicht den einzelnen Menschen bloß, de Maistre' sieht das geistige Wesen, das durch den einzelnen Menschen wirkt. Was dieser Locke geschrieben hat, ist im Sinne de Maistres eben so zu charakterisieren, wie ich es Ihnen jetzt mitgeteilt habe. Nur sagt es de Maistre mit einer außerordentlichen Geistreichigkeit, Genialität. Aber er sagt zugleich: Wenn ich nun wiederum diesen Locke als Person betrachte, so war er doch ein ganz anständiger Mensch; man kann gar nichts gegen ihn haben als Person. Er ist der Verderber der europäischen Menschheit des Westens, aber er ist ein anständiger Mensch, und würde er heute geboren und sehen müssen, wie die Menschen diese Trivialität, nachdem er sie selber kennengelernt hat nach seinem Tode, anwenden, so würde er bittere Tränen darüber weinen, daß die Menschen auf seine Gemeinverständlichkeit, auf seine Plattheit in dieser Weise hereingefallen sind.
[ 16 ] Yet de Maistre is truly a person who looks everywhere for the deeper spiritual principles, for the spiritual essence. It is actually very difficult to make such things, as they are presented here, comprehensible to people today; for the way in which a personality such as de Maistre thinks is actually quite foreign to people today, who are entirely accustomed to the shadowy intellect. De Maistre does not merely see the individual human being; de Maistre sees the spiritual essence that works through the individual human being. What Locke wrote can be characterized in de Maistre’s sense exactly as I have just explained to you. Only de Maistre expresses it with extraordinary wit and genius. But he also says: When I consider Locke as a person, he was, after all, a perfectly decent man; one can have nothing against him as a person. He is the corrupter of Western European humanity, but he is a decent person, and if he were born today and had to witness how people apply this triviality—which he himself came to know after his death—he would weep bitter tears over the fact that people have fallen for his banality and his shallowness in this way.
[ 17 ] All das sagt de Maistre mit einer riesigen Kraft, mit einleuchtender Stärke. Es lebt in ihm der Impuls, auf diese Weise totzuschlagen, was ihm als der eigentliche Widerpart desjenigen erscheint, was römischer Katholizismus ist, was insbesondere drüben über dem Kanal nach seiner Anschauung lebt. Eine Stelle aus den «Petersburger Abendunterhaltungen» .möchte ich Ihnen wörtlich vorlesen, wo er über die nach seiner Ansicht unglückselige Wirksamkeit des Locke in der Politik spricht: «Diese furchtbaren Keime», sagt er, «wären unter dem Eise seines Stils vielleicht nicht zur Zeitigung gekommen; in dem heißen Schlamme von Paris belebt, haben sie das Ungeheuer der Revolution erzeugt, welches Europa verschlungen hat.» Und nachdem er solche Dinge gegen den Geist sagt, der durch Locke erschienen ist, wendet er sich wiederum zu Locke als Person. Das ist etwas, was man den Menschen der heutigen Zeit so schwer beibringen kann, die die äußere Persönlichkeit mit dem geistigen Prinzip, das sich durch den Menschen ausspricht, immerfort verwechseln und als Einheitliches anschauen. De Maistre unterscheidet immer das, was sich unter der eigentlichen Geistigkeit offenbart, von dem, was der äußere Mensch ist. Wiederum wendet er sich zu der äußeren Persönlichkeit und sagt: Er ist eigentlich ja ein Mann, der alle möglichen Tugenden besessen hat, aber er hat sie ungefähr so besessen, wie, nach Swift, jener Tanzmieister, der so ausgezeichnet war in allen Künsten des Tanzes und bloß den einen Fehler hatte: daß er hinkte. — So habe Locke alle Tugenden besessen. Er sieht ihn geradezu an als eine Inkarnation des bösen Prinzips — das ist nicht meine Redensart, sondern diesen Ausdruck gebraucht de Maistre selbst —, das durch Locke spricht und das übersinnlich waltet seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts. Man bekommt schon einigen Respekt vor der eindringlichen Geistigkeit, die in diesem de Maistre lebte. Aber man muß doch auch wissen, daß es wirklich Menschen gibt, die heute wieder an Macht gewinnen, die heute daran sind, ihren Einfluß über die europäische Zivilisation sich zurückzuerobern und die durchaus inspiriert sind von jener Geistigkeit, die de Maistre auf der höchsten Höhe dargestellt hat.
[ 17 ] De Maistre expresses all this with tremendous power and compelling force. He is driven by the impulse to strike down in this way what he sees as the true adversary of Roman Catholicism—which, in his view, thrives especially across the Channel. I would like to read to you verbatim a passage from the Petersburg Evening Conversations in which he speaks of what he considers to be Locke’s unfortunate influence on politics: “These terrible seeds,” he says, “might not have come to fruition under the ice of his style; but, brought to life in the hot mud of Paris, they have spawned the monster of the Revolution, which has devoured Europe.” And after saying such things against the spirit that emerged through Locke, he turns once more to Locke as a person. This is something so difficult to convey to people of our time, who constantly confuse the outer personality with the spiritual principle that expresses itself through the person and regard them as a single entity. De Maistre always distinguishes between what is revealed in true spirituality and what the outer person is. Once again, he turns to the outer personality and says: He was, in fact, a man who possessed all manner of virtues, but he possessed them in much the same way as, according to Swift, that master of dance who was so excellent in all the arts of dance and had only one flaw: that he limped. — So Locke possessed all the virtues. He regards him quite literally as an incarnation of the evil principle—that is not my phrase, but an expression used by de Maistre himself—which speaks through Locke and has reigned supernaturally since the beginning of the 15th century. One cannot help but feel a certain respect for the penetrating spirituality that lived within de Maistre. But one must also realize that there are indeed people today who are regaining power, who are in the process of reclaiming their influence over European civilization, and who are thoroughly inspired by that very spirituality which de Maistre portrayed at its highest level.
[ 18 ] Dieser de Maistre hatte noch etwas in sich von jenen älteren instinktiven Einsichten in den Zusammenhang von Welt und Mensch. Das geht insbesondere aus jener Abhandlung hervor, die er über das Opfer und über den Opferkultus geschrieben hat. Es lebte so etwas in ihm wie ein Bewußtsein davon, daß dasjenige, was an den physischen Leib geknüpft ist in bezug auf die Bewußtseinsseele, sich selbständig im Menschen geltend machen muß und daß es verkörpert ist im Blute. Und de Maistre sah im Grunde genommen die Göttlichkeit in der Menschenentwickelung nur vorhanden so bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert. Den fortwirkenden Christus, den wollte er nicht zugeben. Auslöschen wollte er vor allen Dingen alles das, was seit dem Beginne des 15. Jahrhunderts da war; zurück wollte er in die alten Zeiten, und da bekam die Vorstellung von dem Christus, die er hatte, etwas von der alten Jahve-Art, überhaupt etwas von der Art alter heidnischer Götter; er ging ja zurück bis zum Ormuzdkultus im Grunde. Und von diesem Gesichtspunkte aus sah er ein, wie eigentlich das Göttliche nur jenseits der menschlichen Bewußtseinsseele zu suchen ist, also auch jenseits des Blutes. Aus solchen tiefen Untergründen einer Weltanschauung heraus spricht es de Maistre aus, daß die Götter — also die Götter, von denen er redet — eine gewisse Abneigung haben gegen das Blut, und durch das Blut, durch das Blutsopfer erst versöhnt werden müssen. Das Blut muß sich zum Opfer darbringen.
[ 18 ] This de Maistre still possessed something of those older, instinctive insights into the relationship between the world and humankind. This is particularly evident in the treatise he wrote on sacrifice and the cult of sacrifice. He harbored something akin to an awareness that whatever is linked to the physical body in relation to the conscious soul must assert itself independently within the human being and that it is embodied in the blood. And de Maistre essentially saw the divine in human development as having existed only up to the 4th century A.D. He refused to acknowledge the Christ who continues to work. Above all, he wanted to eradicate everything that had existed since the beginning of the 15th century; he wanted to return to ancient times, and there the conception of Christ that he held took on something of the old Yahweh-like character, indeed something of the nature of ancient pagan gods; in essence, he went all the way back to the Ormuzd cult. And from this perspective, he realized that the divine can actually be found only beyond the human conscious soul—and thus also beyond the blood. Drawing from such deep foundations of a worldview, de Maistre states that the gods—that is, the gods of whom he speaks—have a certain aversion to blood and must first be reconciled through blood, through the blood sacrifice. Blood must offer itself as a sacrifice.
[ 19 ] Das ist wiederum etwas, worüber selbstverständlich der so furchtbar aufgeklärte heutige Mensch lacht, wenn man es ihm sagt. Das aber ist etwas, was auch übergegangen ist von de Maistre auf die, die seine Anhänger sind und die immerhin einen einst zu nehmenden Teil der Menschheit bilden, die aber auch innig zusammenhängen mit alledem, was nun heute ausgeht vom romanischen Kirchentum. Man darf nicht vergessen, daß man gerade in de Maistre den reinsten und genialsten Repräsentanten vor sich hat desjenigen, was da aus dem Romanismus heraus ins Franzosentum hineingegangen ist, was im Franzosentum auch in einer, man möchte sagen, genialen, aber volkstümlich-genialen Form zum Ausdruck gekommen ist. Was da lebt im Franzosentum, das ist dasjenige, was immerzu bewirkt hat, daß im Laufe des ganzen 19. Jahrhunderts durch alles, was in der französischen Politik lebte, der Klerikalismus eine bedeutsame Rolle gespielt hat. Hart aneinander stießen in Frankreich die abstrakten Impulse von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit immer mit dem, was da als römischer Katholizismus lebte, und man muß eigentlich tief fühlen, was in solch einem Menschen wie Gambetta lebte, dem sich in einem entscheidungsvollen Angenblicke der tiefe Seufzer entrang: «Le cléricalisme, voilà l’ennemi!» Er fühlte diesen Klerikalismus, der heraufpulsierte durch alles das, was die soziale Experimentierkunst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war, was in Napoleon III. lebte, womit selbst die Kommune zu kämpfen hatte, was aber sich bis in die späteren Zeiten hinauflebte, was lebte im Boulangismus in den achtziger Jahren, was lebte in den Kämpfen, die sich um die Persönlichkeit des Dreyfus abspielten, was heute noch lebt. Es lebt da eben dasjenige, was in einem innerlichen, geistigen, urradikalen Gegensatz steht zu alledem, was jenseits des Kanals ist und was im Grunde genommen verkörpert ist in dem, was zurückgeblieben ist von anderem, was zurückgeblieben ist in den verschiedenen Freimaurerorden, -logen. Haben wir auf der einen Seite den eingeweihten römischen Katholizismus, so haben wir auf der anderen Seite diejenigen geheimgesellschaftlichen Strömungen, die ich hier von einem anderen Gesichtspunkte aus schon charakterisiert habe, und die die ahrimanische Strömung darstellen. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen der Art, wie sich die moderne Frage der individuellen Geltung des einzelnen Menschen, sagen wir, durch die Wahlen zu dem Parlament in Frankreich auslebt, und der Art und Weise, wie sie sich in England drüben auslebt. In Frankreich geht alles aus einer gewissen Theorie hervor, aus gewissen Ideologien. In England drüben geht alles aus den unmittelbar praktischen Verhältnissen des Handels- und Industrielebens hervor, das in Zusammenstoß kommt, wie ich es gestern dargelegt habe, mit den alten patriarchalischen Verhältnissen, die sich insbesondere im Großgrundbesitzerleben ausgestaltet haben. Man sehe hin auf die Art und Weise, wie sich in Frankreich die Dinge abspielen. Man hat eigentlich überall das, was man geistige Kämpfe nennt. Man kämpft um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, man kämpft um die Abgliederung der Schule von der Kirche, man kämpft, um die Kirche zurückzudrängen. Man vermag sie aber nicht zurückzudrängen, weil sie in den Untergründen des Seelendaseins lebt. Aber es spielt sich alles ab, ich möchte sagen, auf dem Gebiete einer gewissen Dialektik, einer gewissen Diskussion.
[ 19 ] This, in turn, is something that today’s so-called “enlightened” people naturally laugh at when it is pointed out to them. But this is something that has also been passed down from de Maistre to his followers—who, after all, constitute a significant portion of humanity—and who are also intimately connected to everything that now emanates from Roman Catholicism. One must not forget that in de Maistre, in particular, we have before us the purest and most brilliant representative of that which has passed from Romanism into Frenchness—which has also found expression in Frenchness in a form that one might call brilliant, yet a folk-like brilliance. What lives on in French culture is precisely what has consistently ensured that, throughout the entire 19th century, clericalism played a significant role in everything that shaped French politics. In France, the abstract ideals of liberty, equality, and fraternity were always in sharp conflict with what existed there as Roman Catholicism, and one must truly feel deeply what was alive in a man like Gambetta, from whom, at a decisive moment, a deep sigh escaped: “Le cléricalisme, voilà l’ennemi!” He sensed this clericalism, which pulsed through everything that constituted the art of social experimentation in the first half of the 19th century, which lived on in Napoleon III , which even the Commune had to contend with, but which persisted well into later times—it lived on in Boulangism in the 1880s, in the struggles surrounding the figure of Dreyfus, and it still lives on today. What lives there is precisely that which stands in an inner, spiritual, and fundamental opposition to everything that lies across the Channel—and which is, in essence, embodied in what remains of other traditions, in what has been preserved within the various Masonic orders and lodges. If, on the one hand, we have initiated Roman Catholicism, then on the other hand we have those secret-society currents that I have already characterized here from a different perspective, and which represent the Ahrimanic current. There is a vast difference between the way the modern question of the individual’s personal standing—let us say, through elections to the French Parliament—manifests itself, and the way it manifests itself over in England. In France, everything stems from a certain theory, from certain ideologies. Over in England, everything stems from the immediate practical conditions of commercial and industrial life, which, as I explained yesterday, comes into conflict with the old patriarchal conditions that have taken shape particularly in the lives of large landowners. Consider the way things play out in France. Everywhere, in fact, there are what are called spiritual struggles. People are fighting for liberty, equality, and fraternity; they are fighting for the separation of school and church; they are fighting to push back against the church. But they are unable to push it back because it lives in the depths of the soul. Yet it all takes place, I would say, within the realm of a certain dialectic, a certain debate.
[ 20 ] In England drüben spielt sich das ab als Machtfrage. Wir haben da eine gewisse innere Strömung, die insbesondere der anglo-amerikanischen Bevölkerung angehört. Da sagten sich gewisse Leute — ich habe das oft dargestellt —, als die Mitte des 19. Jahrhunderts herannahte: Es geht nicht mehr anders, es müssen die Menschen hingewiesen werden darauf, daß es eine geistige Welt gibt. Mit dem bloßen schattenhaften Verstand geht es nicht. — Aber man konnte sich nicht dazu entschließen, diese Hinneigung zum Geistigen auf eine andere Weise der Welt beizubringen, als durch etwas, was ein «Übermaterialismus» ist, nämlich durch den Spiritismus. Und der Spiritismus, der eine größere Macht wiederum hat, als man glaubt, findet von da seinen Ausgang. Der Spiritismus, der gewissermaßen darauf ausgeht, den Geist äußerlich zu ergreifen, wie man die Materie greift, der eben ein Übermaterialismus ist, ist materialistischer als der Materialismus selber. Locke pflanzt sich fort, möchte man sagen, in diesem Übermaterialismus. Und was da gewissermaßen im inneren Gebiete der modernen Kultutentwickelung lebt, es drückt sich äußerlich aus. Es ist durchaus immer wieder dieselbe Erscheinung. Wir haben ein Hinneigen zu derjenigen Geistesströmung, die de Maistre so radikal bekämpft in den vierziger Jahren drüben jenseits des Kanals: alles soll mit materiellen Entitäten begriffen werden. Wie Locke im Grunde genommen auf den Verstand so hinwies, daß er dem Verstand seine Geistigkeit nahm, daß er gerade das Geistigste im Menschen dazu benützte, um die Geistigkeit im Menschen zu verleugnen, ja, den Menschen nur hinzuweisen auf die Materialität, so wies man jetzt im 19. Jahrhundert auf den Geist und wollte ihn zeigen durch allerlei materielle Manifestationen. Den Geist wollte man dutch Materialismus der Menschheit begreiflich machen. Aber dasjenige, was da lebte in den Eingeweihten der verschiedenen Brüderschaften, das ging über in das äußerliche soziale, politische Leben.
[ 20 ] Over in England, this is playing out as a question of power. There is a certain internal current there that is particularly prevalent among the Anglo-American population. As the mid-19th century approached, certain people—as I have often described—said to themselves: There is no other way; people must be made aware that a spiritual world exists. Relying solely on the shadowy intellect is not enough. — But they could not bring themselves to convey this inclination toward the spiritual to the world in any other way than through what is “super-materialism,” namely, through spiritualism. And spiritualism—which, in turn, wields greater power than is commonly believed—takes its origin there. Spiritualism, which, in a sense, aims to grasp the spirit externally, just as one grasps matter—and which is, in fact, a form of “super-materialism”—is more materialistic than materialism itself. One might say that Locke lives on in this super-materialism. And what, in a sense, lives within the inner realm of modern cultural development expresses itself outwardly. It is, in fact, always the same phenomenon. We have a tendency toward that intellectual current which de Maistre so radically opposed in the 1840s across the Channel: everything is to be understood in terms of material entities. Just as Locke, in essence, pointed to the intellect in such a way that he stripped it of its spirituality—using precisely the most spiritual aspect of the human being to deny the spirituality within humanity, indeed, to direct people’s attention solely to materiality—so, in the nineteenth century, people pointed to the spirit and sought to demonstrate it through all manner of material manifestations. They sought to make the spirit comprehensible to humanity through materialism. But what lived within the initiates of the various brotherhoods found its way into external social and political life.
[ 21 ] Und man möchte sagen: Der Baumwollhändler Cobden und der Quäker Bright, indem sie für die Abschaffung der Kornzölle 1846 kämpften und sie auch durchsetzten, sie waren im politischen Leben ebenso die äußeren Agenten dieser inneren Geistesströmung, wie es die beiden blindesten Hühnchen waren, die in der Politik jemals dagewesen sind: Asguith und Grey im Jahre 1914. Gewiß waren Cobden und Bright nicht so blinde Hühnchen wie Asquith und Grey; aber es ist im Grunde genommen dasselbe Hingestelltsein vor die Welt in den äußeren Erscheinungen wie 1846 die Abschaffung der Kornzölle, wo die Industrie siegte über das alte patriarchalische System, nur in einer neuen Etappe, ich habe Ihnen die anderen Etappen, die vorangegangen sind, gestern aufgezählt. Und nun sehen wir, ich möchte sagen, Etappe auf Etappe kommen. Wir sehen die Arbeiter sich organisieren. Wir sehen, wie dann die Whigs eigentlich immer mehr und mehr die Partei der Industrie werden, die Tories die Partei der Grundbesitzer, das heißt des alten patriarchalischen Wesens.. Wir sehen, wie das aber nicht mehr widerstehen kann dem, was da so hart zusammengestoßen ist in der Weise, wie ich es gestern charakterisiert habe: das alte patriarchalische Wesen mit dem, was als moderne Technik, moderner Industrialismus sich mit einem Ruck hineingeschoben hat, so daß Jahrhunderte, ja Jahrtausende übersprungen worden sind und die Geistesverfassung, in der England bis ins 19. Jahrhundert herein war, die zurückgeht bis in vorchristliche Zeiten, einfach sich zusammengeschlossen hat mit dem, was in einer neueren Zeit geworden war.
[ 21 ] And one might say: The cotton merchant Cobden and the Quaker Bright, by fighting for the abolition of grain tariffs in 1846 and actually achieving it, were in political life just as much the outward agents of this inner spiritual current as were the two most blind fools ever to have existed in politics: Asquith and Grey in 1914. Certainly, Cobden and Bright were not as blind as Asquith and Grey; but fundamentally, it is the same presentation to the world in outward appearances as the abolition of the corn laws in 1846, when industry triumphed over the old patriarchal system—only at a new stage; I listed the other stages that preceded it for you yesterday. And now we see, I might say, one stage following another. We see the workers organizing. We see how the Whigs then increasingly become the party of industry, while the Tories become the party of the landowners—that is, of the old patriarchal order. We see, however, how this can no longer withstand the fierce clash I described yesterday: the old patriarchal order with what, in the form of modern technology and modern industrialism, had burst in with a sudden jolt, so that centuries—indeed, millennia—were leaped over, and the mindset in which England had remained until well into the 19th century—a mindset dating back to pre-Christian times—simply merged with what had emerged in more recent times.
[ 22 ] Wir sehen dann, wie immer mehr und mehr das Wahlrecht ausgedehnt wird, wie die Tories sich zu Hilfe rufen einen Mann, der ganz gewiß vor ganz kurzer Zeit noch nicht zu ihnen gerechnet worden wäre: Disraeli, Lord Beaconsfield, der ja jüdischer Abkunft war, ein Outsider. Wir sehen, wie endlich das Oberhaus nurmehr zu einem Schatten wird, und das Jahr 1914 herankommt, wo ein ganz neues England heraufzieht. Man wird dieses Heraufkommen des neuen England in späteren Geschichtsschreibungen erst in der richtigen Weise beurteilen können.
[ 22 ] We then see how the right to vote is extended more and more, how the Tories call upon a man who, quite certainly, would not have been counted among them just a short time ago: Disraeli, Lord Beaconsfield, who was, after all, of Jewish descent—an outsider. We see how the House of Lords finally becomes nothing more than a shadow, and the year 1914 approaches, when a whole new England emerges. Only in later historical accounts will it be possible to properly assess the emergence of this new England.
[ 23 ] Sehen Sie, so gehen die großen Vorgänge in der Entwickelung des 19. Jahrhunderts ihren Gang. Da sehen wir dann die einzelnen Momente heraufleuchten, welche hinweisen darauf, welch wichtiger Punkt in der Menschheitsentwickelung eigentlich herangekommen ist. Aber nur die erleuchtetsten Geister, möchte ich sagen, können einsehen, welches die wichtigsten Lichtblitze sind. Ich habe oftmals auf eine Erscheinung aufmerksam gemacht, die für das Verständnis der Entwickelung im 19. Jahrhundert im allerhöchsten Grade wichtig ist. Ich habe aufmerksam gemacht auf denjenigen Moment, der sich abspielt im Goethehaus in Weimar, wo Eckermann, nachdem er von der Juli-Revolution in Frankreich gehört hat, bei Goethe erscheint, und Goethe zu ihm sagte: «Es ist in Paris Ungeheures geschehen, alles steht in Flammen!» Selbstverständlich glaubte Eckermann, Goethe rede von der Juli-Revolution. Die interessierte Goethe gar nicht, vielmehr sagte er: «Das meine ich nicht, das ist es nicht, was mich interessiert; aber in der Akademie in Paris ist der große Streit zwischen Cuvier und Geoffroy de Saint-Hilaire ausgebrochen darüber, ob die einzelnen Typen der Tiere selbständig sind, oder ob die einzelnen Typen so zu betrachten sind, daß sie ineinander übergehen.» — Cuvier behauptete das eine, daß man es mit festen, starren Typen zu tun habe, die nicht ineinander übergehen können. — Geoffroy sagte, daß man den Typus als fließend betrachten müsse, das eine in das andere übergehend. Das war für Goethe das eigentliche Weltereignis der neueren Zeit!
[ 23 ] You see, this is how the great processes in the development of the 19th century unfold. There we see the individual moments flash into view, indicating just how significant a point in human development has actually been reached. But only the most enlightened minds, I would say, can discern which are the most significant flashes of insight. I have often drawn attention to a phenomenon that is of the utmost importance for understanding the development of the 19th century. I have drawn attention to the moment that took place at Goethe’s house in Weimar, where Eckermann, after hearing about the July Revolution in France, appeared before Goethe, and Goethe said to him: “Something monstrous has happened in Paris; everything is in flames!” Naturally, Eckermann believed Goethe was speaking of the July Revolution. That did not interest Goethe at all; rather, he said: “That is not what I mean; that is not what interests me. But at the Academy in Paris, a great dispute has broken out between Cuvier and Geoffroy de Saint-Hilaire over whether the individual types of animals are distinct, or whether they should be regarded as merging into one another.” — Cuvier asserted the former, that we are dealing with fixed, rigid types that cannot merge into one another. — Geoffroy said that the type must be regarded as fluid, one merging into the other. For Goethe, this was the true world event of modern times!
[ 24 ] In der Tat, das war es auch. Goethe hatte also ungeheuer tief, ungeheuer lebhaft gefühlt. Denn was war es denn, was Geoffroy de Saint-Hilaire geltend machte gegen Cuvier? — Er ahnte, daß wenn der Mensch hineinschaut in sein Inneres, er diesen schattenhaften Verstand beleben kann; daß dieser schattenhafte Verstand nicht bloß Logik ist, die sich passiv über die äußere Welt hermacht, sondern daß sie etwas wie die lebendige Wahrheit in sich selber über die Dinge in dieser Welt finden kann. — Das Geltendmachen des lebendigen Verstandes, das ahnte Goethe empfindend in dem, was in Geoffroy de Saint-Hilaire lebte, was eben, ich möchte sagen, in der geheimen Entwickelung der modernen Menschheit sich herauflebte und in der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt hatte. Und Goethe ahnte damals wirklich etwas schr Bedeutsames.
[ 24 ] Indeed, that was exactly it. Goethe had thus felt with immense depth and immense vividness. For what was it, after all, that Geoffroy de Saint-Hilaire argued against Cuvier? — He sensed that when a person looks within, they can enliven this shadowy intellect; that this shadowy intellect is not merely logic passively applying itself to the external world, but that it can find within itself something like the living truth about the things in this world. — Goethe intuitively sensed this assertion of the living intellect in what lived within Geoffroy de Saint-Hilaire—something that, I would say, was emerging in the secret development of modern humanity and reached its peak in the mid-19th century. And Goethe truly sensed something of great significance back then.
[ 25 ] Cuvier, der grundgelehrte große Forscher, behauptete, man müsse die einzelnen Arten unterscheiden, sie nebeneinander stellen. Man könne nicht eine in die andere überführen, am wenigsten zum Beispiel den Vogeltypus in den Säugetiertypus und so weiter. Geoffroy de Saint-Hilaire behauptete, man könne den einen Typus in den anderen überführen.
[ 25 ] Cuvier, the highly learned great researcher, asserted that one must distinguish between individual species and place them side by side. One cannot transform one into the other—least of all, for example, the bird type into the mammal type, and so on. Geoffroy de Saint-Hilaire claimed that one type could be transformed into another.
[ 26 ] Was stand sich da gegenüber? Gewöhnliche Wahrheit und höherer Irrtum? — O nein, so ist die Sache nicht. Man kann das, was Cuvier behauptete, mit der gewöhnlichen abstrakten Logik, mit dem Schattenverstand ebensogut beweisen, wie man beweisen kann, was Geoffroy de Saint-Hilaire behauptet hat. Auf Grundlage des gewöhnlichen Verstandes, der heute noch in unserer Wissenschaft herrscht, ist diese Frage nicht zu entscheiden. Daher hat sie sich auch immer wiederum aufgebaut und daher sehen wir, wie 1830 in Paris gegenübersteht Geoffroy de Saint-Hilaire dem Cuvier, wir sehen, wie in einer anderen Art Weismann und die anderen gegenüberstehen Haeckel; auf dem Wege dieser äußeren Wissenschaft sind diese Fragen nicht zu entscheiden. Da treibt dasjenige, was schattenhafter Verstand geworden ist seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts, was de Maistre so verachtete, das treibt dahin, die Geistigkeit selber aufzuheben.
[ 26 ] What stood in opposition to one another? Ordinary truth and higher error? — Oh no, that is not the case. One can prove what Cuvier claimed just as well with ordinary abstract logic—with the “shadow mind”—as one can prove what Geoffroy de Saint-Hilaire claimed. On the basis of ordinary reason, which still prevails in our science today, this question cannot be resolved. That is why it has repeatedly resurfaced, and that is why we see, as in Paris in 1830, Geoffroy de Saint-Hilaire standing opposed to Cuvier; we see, in a different way, Weismann and the others standing opposed to Haeckel; these questions cannot be resolved by the methods of this external science. What has become a shadowy form of reason since the beginning of the 15th century—what de Maistre so despised—is driving us toward the abolition of spirituality itself.
[ 27 ] De Maistre hat hingewiesen auf Rom, sogar darauf, daß der Papst — abgesehen von den zeitlich vorübergehenden päpstlichen Persönlichkeiten — in Rom sitzt als die Inkarnation desjenigen, was berufen ist, die moderne Zivilisation zu beherrschen. Der Schlußpunkt ist zu diesen de Maistreschen Ausführungen gesetzt worden im Jahre 1870, als das Infallibilitätsdogma verkündet worden ist, als die Infallibilität des Papstes erklärt worden ist. Da ist durch den veralteten Ormuzddienst dasjenige heruntergeholt worden, was in geistigen Höhen gesucht werden soll, in die Person des römischen Papstes. Da ist verirdischte Materie geworden, was als Geistigkeit angesehen werden soll; da ist die Kirche zum äußeren Staat gemacht worden, nachdem es der Kirche schon lange gelungen ist, die äußeren Staaten derjenigen Form anzupassen, die sie selber angenommen hat, als sie zur Staatsreligion geworden ist unter Konstantin.
[ 27 ] De Maistre pointed to Rome, even noting that the Pope—setting aside the temporary, transient papal figures—resides in Rome as the incarnation of that which is destined to dominate modern civilization. The final chapter in these de Maistrean reflections was written in 1870, when the dogma of infallibility was proclaimed, when the infallibility of the Pope was declared. Through the archaic cult of Ormuzd, that which ought to be sought in spiritual heights was brought down into the person of the Roman Pope. What should be regarded as spirituality has thus become materialized matter; the Church has been transformed into an external state, after having long since succeeded in adapting external states to the form it itself assumed when it became the state religion under Constantine.
[ 28 ] Da haben wir in dem Romanismus einerseits das, was zum modernen Staate wird, indem sich das Rechtsprinzip selber aufbäumt und gewissermaßen seine eigene Polarität hervorruft in der Französischen Revolution; auf der anderen Seite haben wir den veralteten Ormuzddienst. Dann haben wir das, was aus dem Wirtschaftsleben heraus entsteht, denn alle die Maßnahmen, die jenseits des Kanals getroffen worden sind, entspringen dem Wirtschaftsleben. Wir haben in de Maistre die letzte große Persönlichkeit, welche in die juristische Staatsform hineinprägen will die Geistigkeit, welche hinuntertragen will die Geistigkeit in die irdische Materialität. Das ist es, wogegen anthroposophisch orientierte Geistesanschauung sich wenden muß. Sie will einsetzen die übersinnliche Geistigkeit, sie will zu dem, was dasteht als der verlängerte Ormuzddienst, als der ahrimanische Dienst, hinzusetzen dasjenige, was das Gleichgewicht bringt, sie will den Geist selber zum Erdenregiment machen.
[ 28 ] On the one hand, in Romanism, we have what becomes the modern state, as the principle of law itself rises up and, in a sense, gives rise to its own polarity in the French Revolution; on the other hand, we have the outdated service to Ormuzd. Then we have what emerges from economic life, for all the measures taken across the Channel stem from economic life. In de Maistre, we have the last great figure who sought to imprint spirituality upon the legal form of the state—to carry that spirituality down into earthly materiality. This is what an anthroposophically oriented view of the spirit must oppose. It seeks to introduce the supersensible spiritual realm; it seeks to counter what stands as the extended Ormuzd service—the Ahrimanic service—with that which brings balance; it seeks to make the Spirit itself the ruler of the earth.
[ 29 ] Das kann nicht anders gemacht werden, als daß, wenn man auf der einen Seite das Irdische geprägt hat in die Staatsrechtsform, auf der anderen Seite in die Wirtschaftsform, man daneben das Geistesleben so aufrichtet, daß dieses Geistesleben nicht den Glauben an einen irdisch gewordenen Gott einsetzt, sondern die Regierung dutch den Geist selbst, der hereinfließt mit jedem neuen Menschen, der sich auf der Erde verkörpert, das freie Geistesleben, das den Geist ergreifen will, der über dem Irdischen steht.
[ 29 ] This cannot be done any other way than by, on the one hand, shaping the earthly realm into the form of constitutional law and, on the other hand, into the economic form, one must also establish spiritual life in such a way that this spiritual life does not involve belief in a God who has become earthly, but rather the governance through the Spirit itself—which flows in with every new human being who incarnates on Earth—the free spiritual life that seeks to grasp the Spirit who stands above the earthly realm.
[ 30 ] Wiederum soll geltend gemacht werden, was man nennen könnte die Ausgießung des Geistes.
[ 30 ] Once again, what might be called the outpouring of the Spirit is to be asserted.
[ 31 ] Im Jahre 869, auf dem allgemeinen ökumenischen Konzil, wurde die Anschauung von dem Geiste hinuntergedämpft, um die Menschen nicht mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts zu der Anerkennung des Geistes kommen zu lassen, der vom Himmel aus die Erde regiert, um de Maistre möglich zu machen noch im 19. Jahrhundert.
[ 31 ] In the year 869, at the General Ecumenical Council, the concept of the Spirit was suppressed so that people would not, by the beginning of the 15th century, come to recognize the Spirit who governs the earth from heaven, thereby making de Maistre possible even in the 19th century.
[ 32 ] Das aber ist es, daß wir appellieren müssen von dem irdisch verkörpert geglaubten Geist, von der in einer irdischen Kirche fortlebenden Christwesenheit an die geistige Wesenheit, die allerdings mit der Erde verbunden ist, die aber im Geiste erkannt und geschaut werden muß. Weil aber alles, was vom Menschen erlangt werden muß innerhalb des Irdischen, in der sozialen Ordnung errungen werden muß, kann es nicht anders geschehen, als wenn man allein das freie Recht des Geistes anerkennt, das mit jedem neuen Menschenleben heruntersteigt, um sich den physischen Leib zu verschaffen, das niemals souverän werden kann in einer irdischen Persönlichkeit, das lebt in einer überirdischen Wesenheit.
[ 32 ] But this is precisely the point: we must turn from the Spirit believed to be embodied on earth, from the Christian presence that lives on in an earthly church, to the spiritual essence that is indeed connected to the earth but must be recognized and perceived in the Spirit. However, since everything that must be attained by human beings within the earthly realm must be achieved within the social order, this can only happen if one recognizes solely the free right of the spirit—which descends with every new human life to acquire a physical body, which can never become sovereign within an earthly personality, and which lives in a super-earthly being.
[ 33 ] Das Statuieren des Infallibilitätsdogmas ist ein Abfallen von der Geistigkeit; der letzte Schlußpunkt dessen, was mit dem allgemeinen ökumenischen Konzil von 869 gewollt war, war vollzogen. Es muß zurückgegangen werden zu der Anerkennung, zu dem Glauben, zu der Erkenntnis von dem Geiste. Das kann aber nur geschehen, wenn sich unsere soziale Ordnung mit jener Struktur durchzieht, die möglich macht das freie Geistesleben neben jenen anderen Dingen, die erdgebunden sind als Staatsleben, als Wirtschaftsleben.
[ 33 ] The establishment of the dogma of infallibility represents a departure from spirituality; the final culmination of what was intended by the General Ecumenical Council of 869 had been accomplished. We must return to the recognition, the faith, and the knowledge of the Spirit. But this can only happen if our social order is permeated by a structure that makes it possible for a free spiritual life to exist alongside those other things that are earthbound, such as political life and economic life.
[ 34 ] So stellt sich dasjenige, was der Mensch heute verstehen muß, in den Gang der Zivilisation hinein. So muß man es darinnen fühlen. Und wenn man es nicht so darinnen fühlt, dann kann man doch nicht an den Nerv desjenigen kommen, was sich eigentlich aussprechen will in der «Dreigliederung des sozialen Organismus», was wirken will zum Heile der Zivilisation, die sonst in der von Spengler geschilderten Weise in den Niedergang verfallen muß.
[ 34 ] This is how what human beings must understand today fits into the course of civilization. This is how one must feel it within that context. And if one does not feel it in this way, then one cannot get to the heart of what the “Threefold Social Order” actually seeks to express—what seeks to work for the healing of civilization, which otherwise must fall into decline in the manner described by Spengler.
