Anthroposophie als Kosmosophie
Erster Teil
Wesenszüge des Menschen im irdischen und kosmischen Bereich
GA 205
6 November 1921, Dornach
Zwanzigster Vortrag
[ 1 ] Wir haben verfolgt, wie sich die Gestaltung des Menschen, wie sich die Lebensgestaltung, das Seelische und das Geistige zum Kosmos verhalten. Und wenn wir zurückblicken auf die verschiedenen Teile der Betrachtungen der letzten Zeit, so können wir gewissermaßen als eine Art Extrakt aus alldem heute etwa uns folgendes vor unsere Seele stellen. Wir können sagen: In den tiefen Untergründen der menschlichen Wesenheit ruht zunächst das Wollen. Das Wollen (siehe Schema Seite 166) ist ja in mehrfacher Beziehung — wenn ich mich so ausdrükken darf — das geheimnisvollste Element der menschlichen Wesenheit. Wenn wir das Moralische betrachten, so muß uns auffallen, wie aus dem Moralischen herauf, aber wie aus unergründlichen Tiefen, unsere Lebensverirrungen stammen, unsere Neigungen, die oftmals durchaus weltenfeindlich sind; wie alles das, was in Gewissensbissen oder in Selbstvorwürfen vorstellungsgemäß vor unsere Seele treten kann, aus dem Untergrunde des Wollens heraufströmt.
[ 2 ] Wir wissen ja auch, daß dieses Wollen aus dem Grunde geheimnisvoll ist, weil in vieler Beziehung in unserem Wollen ein höchst unbestimmtes Element lebt, das wir wenig in unserer Gewalt haben, ein instinktives Element, ein Element, das uns hin- und hertreibt auf den Wogen des Lebens, ohne daß wir immer sagen können, wir seien mit unseren bewußten Impulsen bei diesem Hinundhertreiben auch dabei. In anderer Beziehung, in der Beziehung auf die Erkenntnis, haben wir ja immer betonen müssen, wie das eigentliche Wesen des Willensimpulses im Grunde so außerhalb des menschlichen Bewußtseins liegt wie das, was der Mensch im Tiefschlaf erlebt, im traumlosen Schlaf. So daß auch in dieser Beziehung das Wollen als ein unbestimmtes, geheimnisvolles Element in unsere menschliche Wesenheit einergossen ist.
[ 3 ] Aber wenn wir den Menschen in bezug auf seine Geistigkeit betrachten, so können wir ja nicht diese Geistigkeit etwa so auffassen, daß der Mensch ihrer nur teilhaftig sei etwa im Wachen oder im bewußten Vorstellen, sondern er ist ihrer auch teilhaftig, der Geistigkeit, im Schlafe und auch in jenem Teile seines Wesens, in dem das Wollen einergossen ist, wo es also, wenn ich so sagen darf, ebenso zugeht wie in bezug auf die Erlebnisse des Tiefschlafes. Wir können uns daher vorstellen, daß der Geist eben auch im schlafenden Wesen gegenwärtig ist.
[ 4 ] Und gerade mit Bezug auf das Wollen können wir ja ein Zweifaches unterscheiden. Wir können zunächst dasjenige Wollen vor unsere Seele hinstellen, das uns zum Betätigen anleitet, impulsiert vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wenn wir nicht gerade Faulpelze sind. Wir können gewiß in das Wesen dieses Wollens nicht hineinschauen, aber die Wirkungen dieses Wollens, sie treten uns, weil wir sie ja vorstellen können, in unser Bewußtsein ein. Wir wissen nicht, wie unser Willensimpuls wirkt, wenn wir gehen, aber wir sehen uns im Gehen vorwärtsschreiten. Wir stellen die Wirkung unseres Wollens vor und haben daher wachend ein vorstellungsgemäßes Bewußtsein von den Wirkungen unseres Wollens. Das ist die eine Seite des Wollens.
[ 5 ] Es gibt eine andere Seite des Wollens. Das Wollen ist auch in uns tätig, während wir schlafen. Während wir schlafen, finden innere Vorgänge ja auch statt, und diese inneren Vorgänge sind durchaus auch eine Wirkung des Willens, nur nehmen wir sie nicht wahr, weil wir eben im schlafenden Zustand sind. Aber es wird immerhin, geradeso wie während der Nacht auch die Sonne scheint, nämlich für die andere Hälfte der Erde, die wir nicht bewohnen, so wird auch unsere menschliche Wesenheit während unseres Schlafens vom Wollen durchströmt, nur daß dieses Wollen sich unserem Bewußtsein entzieht.
[ 6 ] So daß wir unterscheiden können in unserem menschlichen Sein zwischen zwei Arten des Wollens, einem innerlichen Wollen und einem äußerlichen Wollen. Und wir können sagen: Das äußerliche Wollen, es erscheint uns in seinen Wirkungen, wenn wir wachend sind. Das innerliche Wollen erscheint in seinen Wirkungen, wenn wir schlafend sind. — Es erscheint uns eigentlich nicht, aber wir können eben doch sagen: Es offenbart sich, oder es erscheint uns nachher, wenn wir zurückblicken, für den schlafenden Zustand.
[ 7 ] Nun ist gewissermaßen in den Meerestiefen der Seele das Wollen vorhanden. Es schlägt in Wellen herauf. Aber schon dadurch, daß wir das Wollen konstatieren müssen für den Schlafzustand, also für denjenigen Zustand, in dem unser Körperlich-Leibliches in der bloßen organischen Tätigkeit ist, weder seelisch durchströmt ist, noch geistig durchleuchtet ist, müssen wir sagen: Das Wollen als solches hat es zu tun mit der organischen Tätigkeit. Das schlafende Wollen hat es zu tun mit der organischen Tätigkeit, indem organische, also Lebensprozesse in uns stattfinden, die im wesentlichen mit dem Wollen zusammenhängen. Aber auch wenn wir wachend tätig sind, also unser Wollen im Fluß ist, finden solche Lebensprozesse statt. Das Wollen äußert sich ja in innerlichen Stoffwechselprozessen, so daß wir auch da verweisen können auf die organische Tätigkeit.
[ 8 ] Nun schlägt herauf, ich möchte sagen, aus dieser Wollensmeerestiefe des menschlichen Wesens, schlägt herauf wellenartig das, was sich im Fühlen offenbart. Wir wissen ja, daß das Fühlen (siehe Schema Seite 166) zwar noch immer eine sehr dumpfe Betätigung des menschlichen Wesens ist, daß das Fühlen in einer gewissen Beziehung für das Bewußtsein nur diejenige Intensität hat, die der Traum hat. Aber immerhin, es ist heller als das Wollen. Es schlägt in die Helligkeit herauf, was in den Meerestiefen des menschlichen Wesens ist. Der Mensch erhellt sich in seinem Fühlen. Und indem er sich erhellt, steigen die zwei Pole des Wollens herauf in das intensivere Bewußtsein, und es äußert sich sowohl das innerliche Wollen wie das äußerliche Wollen, indem beide heraufschlagen können in das Bewußtsein.
[ 9 ] Und so unterscheiden wir auch zweierlei Arten des Fühlens. Wie wir zweierlei Arten des Wollens, ein innerliches Wollen im schlafenden Zustand, ein äußerliches Wollen im wachenden Zustand unterscheiden, so unterscheiden wir ein Fühlen, das heraufschlägt aus dem Wollen und das verwandt ist dem schlafenden Zustande des Menschen. Das ist dasjenige Fühlen, das sich vorzugsweise in den Antipathien auslebt, die der Mensch im weitesten Umfange entwickelt; also in den Antipathien, im Antipathischen äußert sich das zur Antipathie neigende Fühlen (siehe Schema Seite 166), währenddem dasjenige Wollen, das sich äußerlich betätigt, das den Menschen also in die äußere Welt führt, wenn es heraufschlägt in das Fühlen, uns in sympathischer Weise zusammenbringt mit der äußeren Welt, sich in all den Gefühlserlebnissen äußert, die die sympathischen sind: das sympathisierende Fühlen, das mit der Welt sympathisierende Fühlen (siehe Schema Seite 166). Und indem wir uns diese Region vor die Seele stellen, haben wir in diesem traumhaften Erleben des Fühlens, das sich in Sympathie und Antipathie äußert, in jenen Sympathien und Antipathien, die bis zum Schönen heraufdringen, bis zu den Sympathien und Antipathien, die wir mit den Formen des Lebens haben, mit den Kunstformen oder auch mit den Naturformen, von diesen Sympathien und Antipathien bis zu den Sympathien und Antipathien, die wir in mehr organischer Weise, sagen wir, durch unser Geruchs- oder Geschmacksorgan beim Geruchs- oder Geschmacksekel oder beim Geruchs- oder Geschmackswahrnehmen, -wohlbefinden, -wohlempfinden haben — in allem diesem Weben haben wir nun die eigentliche seelische Tätigkeit. Das Wollen also offenbart sich in der organischen Tätigkeit, das Fühlen offenbart sich in der seelischen Tätigkeit (siehe Schema Seite 166).
[ 10 ] Wir können das Seelenleben von diesem Gesichtspunkte aus studieren und bekommen außerordentlich Aufschlußreiches. Wir sehen, daß das Wachen uns aufruft zur Sympathie mit der Umwelt. Unsere Antipathien kommen eigentlich aus unbewußteren Zuständen. Sie dringen herauf aus dem schlafenden Wollen. Es ist so, wie wenn unsere Sympathien mehr an der Oberfläche wären und als wenn sie aus unbestimmten Tiefen durchdrungen würden von den Antipathien. Die Antipathien sind abweisend. Durch die Antipathien entfernen wir uns die Umwelt, machen uns einsam, schließen uns in uns ab. Der Egoismus, den der Mensch entwickelt, hat namentlich innerlich aufsteigende Antipathien zur Voraussetzung. Je egoistischer ein Mensch ist, desto mehr ist das Element des Antipathischen in ihm wirksam. Er will sich abschließen. Er will sich möglichst in sich fühlen.
[ 11 ] Im normalen Leben merken wir nicht, wie Sympathien und Antipathien ineinanderspielen im eigentlich seelischen Leben. Wir merken aber dieses Ineinanderspielen von Sympathien und Antipathien, wenn die Verbindung mit der Außenwelt anormal wird und wenn wir das Abwehren, das Antipathisieren, das aus dem Schlafe stammt, ebenfalls anormal entwickeln. Das ist dann der Fall, wenn zum Beispiel das Atmen sich nicht in richtiger Weise einstellt beim Schlafe und wir unter Alpdruck leiden. Dieser Alpdruck wird seelisch im wesentlichen erlebt als ein antipathisierendes Abwehren dessen, was in uns hereindringen will, was uns nur in mangelhafter Weise unsere Egoität erleben läßt.
[ 12 ] Wir sehen da in tiefe Geheimnisse des menschlichen Erlebens hinein. Wenn der Mensch die antipathischen Gefühle, das antipathische Wesen ganz besonders stark ausbildet, so daß es auch in sein Wachleben hereinspielt, dann geschieht es, daß er sich ganz mit Antipathie durchdringt und daß dann dieses antipathisierende Wesen seinen astralischen Leib ergreift. Dann wird sein astralischer Leib vom antipathisierenden Wesen durchströmt. Er strömt sie vor sich selber aus, ich möchte sagen, wie eine anormale Aura strömt er vor sich selber hin die Antipathie. Und da kann es ihm passieren, daß er Menschen, zu denen er sich sonst neutral verhält, ja sogar Menschen, die er sonst liebt, antipathisch empfindet, Menschen, mit denen er im Leben bekannt war, antipathisch empfindet. Alle Arten des Verfolgungswahnes treten durch diese Verhältnisse auf. Wenn man antipathische Empfindungen erlebt, die nicht durch die äußeren Verhältnisse erklärbar sind, so rührt das von den überquellenden Antipathien in der Seele her, das heißt von einer abnormen Ausbildung des einen Poles im seelischen Leben, der aus dem Schlafe heraufstößt.
[ 13 ] Wenn also dieses antipathisierende Wesen überhand nimmt, dann wird der Mensch ein Weltenhasser. Dieser Weltenhaß kann sich sehr, sehr steigern. Alle Erziehung und alles soziale Zusammenwirken sollte darauf hingehen, die Menschen nicht zu solchen Menschenhassern werden zu lassen. Aber denken Sie sich, wenn schon das, was da heraufschlägt aus den Meerestiefen des menschlichen Wesens, den Menschen, wenn es überhand nimmt, in eine starke Egoität bringen kann — und alle Arten des Verfolgungswahnes sind ja eine übersprudelnde Egoität, ein übersprudelnder Egoismus —, wenn schon das, was da heraufschlägt, so sein kann: wie muß erst das innerliche schlafende Wollen sein, dasjenige Wollen, das uns eine gütige Schöpfung zudeckt durch den Schlaf! Wir lernen ja gar nicht erkennen, wie unser ganzer Organismus, wie unsere Glieder durchzogen sind von diesem innerlichen schlafenden Wollen. Höchstens daß bei manchen Menschen einmal durch ganz absonderliche Träume etwas heraufdringt in das Bewußtsein von dem, was in jenem Wollen lebt, das unseren Organismus herstellt, wenn wir im schlafenden Zustande sind. Was da in diesem Wollen lebt — ich habe es schon von einer anderen Seite her bei früheren Vorträgen charakterisiert —, das ist etwas, was mit Recht für das gewöhnliche Bewußtsein jenseits der Schwelle liegt. Wer es kennenlernt, lernt alles das im Menschen kennen, was im äußersten Maß den Menschen zur Schlechtigkeit bringen kann. Und es ist das tiefe Geheimnis des Lebens, daß wir den Ausgleich unserer organischen Tätigkeit haben durch diejenigen Kräfte, die, wenn sie den Menschen im bewußten Leben beherrschen würden, ihn zum Verbrecher und Bösewicht machen würden.
[ 14 ] Nichts in der Welt ist an sich böse oder gut. Das, was, wenn es ins bewußte Leben hereinstößt, radikal böse ist, das ist, am richtigen Orte verwendet, nämlich während unseres schlafenden Zustandes als die organische Tätigkeit regulierend verwendet, das ist ja der Ausgleich für die verbrauchten Lebenskräfte. Fragen Sie nach dem Wesen jener Kräfte, die ausgleichend wirken für die verbrauchten Lebenskräfte, dann müssen Sie sagen: Es ist das Böse. Das Böse hat seine Aufgabe. Hier hat es seine Aufgabe. Und wenn die Menschen durch eine geistige Schulung dieses ansichtig werden — ich habe es, wie gesagt, schon von einer anderen Seite vor kurzem auch hier einmal charakterisiert —, dann ist es das, dem gegenüber auch ältere Geistesforscher gesagt haben: In seiner eigentlichen Wesenheit darf es nicht charakterisiert werden, denn sündhaft ist der Mund, der es ausspricht, sündhaft ist das Ohr, das es hört. — Aber der Mensch muß wissen, daß das Leben ein gefährlicher Prozeß ist für den Menschen, und daß in den Untergründen des Lebens als eine Kraft, die notwendig gebraucht wird, eben durchaus das Böse vorhanden ist.
[ 15 ] Nun schlagen die Wellen aber weiter herauf auch in das Vorstellen (siehe Schema Seite 166). Und wenn das innerlich schlafende Wollen aufhellt im Fühlen, heraufschlägt in das Vorstellen, dann wird es zwar hell, aber es wird zu gleicher Zeit qualitativ abgestumpft, es wird verabstrahiert. Das antipathische Fühlen hat noch eine gewisse lebendige Intensität im menschlichen Erleben. Wenn es heraufschlägt in das Vorstellen, dann lebt es in alledem, was im Menschen verneinende Urteile sind, abweisende, verneinende Urteile (siehe Schema Seite 166). Alles das, was wir im Leben urteilsgemäß negieren, alles, was der Logiker verneinende Urteile nennt, das ist das Heraufschlagen des antipathischen Fühlens beziehungsweise des schlafenden Wollens in das Vorstellungsleben.
[ 16 ] Und wenn das sympathische Fühlen, das urständet im äußerlichen Wollen, im wachenden Wollen, wenn das sympathische Fühlen heraufschlägt in das Vorstellen, bekommen wir die bejahenden Urteile. Wir kommen zu dem, was, wie Sie sehen, nur in abstrakter Bildhaftigkeit im Menschen lebt. Im Fühlen haben wir noch etwas, indem wir Antipathien und Sympathien entwickeln, was intensives Leben ist. Im Urteilen, das im Vorstellen abläuft, sind wir gewissermaßen stillstehende, ruhige Betrachter der Welt. Wir bejahen und verneinen. Wir bringen es nicht bis zur intensiven Antipathie, wir verneinen bloß. Es ist ein abstrakter Vorgang. Wir echauffieren uns nicht bis zur Antipathie, wir sagen bloß: Nein. — Ebenso echauffieren wir uns nicht bis zur Sympathie, wir sagen: Ja. — Was bleibt, ist in kontemplativer Ruhe. Wir sind erhaben über unser Verhältnis zur Außenwelt, bis zum abstrakten Urteil erhaben.
[ 17 ] Das ist also nur eine bildhafte Tätigkeit. Wir können sagen, gerade in dem Sinne dessen, was wir gestern kennengelernt haben: Hier (siehe Schema Seite 166) ist unsere geistige Tätigkeit, aber es schlägt Wollen, Fühlen und Urteilen oder Vorstellen weiter herauf bis in die Sinnessphäre. Und indem dies in die Sinnessphäre heraufschlägt, bis in die Sinne also heraufschlägt das verneinende Urteil, was wird es denn da? Es wird das, wo man nichts wahrnimmt, also — wenn wir es uns durch das auffälligste Wahrnehmen, das Sehen, repräsentieren, können wir sagen, wo wir nichts sehen, wo wir die Finsternis erleben —: Erleben der Finsternis. Das bejahende Urteil dagegen ist das Erleben des Lichtes (siehe Schema). Natürlich könnten wir ebenso von dem Erleben der Stummbheit, von dem Erleben des Tones oder des Lautes sprechen. Für alle zwölf Sinne könnten wir das aussprechen, was wir hier durch Licht und Finsternis charakterisieren.
[ 18 ] Und wenn wir uns jetzt fragen: Was ist denn das für eine Tätigkeit, die entspricht dieser Sinnessphäre? Wir haben gefunden die Organtätigkeit, seelische Tätigkeit, die geistige Tätigkeit. Die geistige Tätigkeit ist schon eine ganz bildhafte Tätigkeit nur, aber sie ist in der Bildhaftigkeit noch unsere Tätigkeit. Was sich dagegen zwischen den Sinnen und der Außenwelt abspielt, das ist eigentlich nicht mehr unsere Tätigkeit, da spielt die Welt in uns herein. Wir können ja wirklich schematisch das Auge so zeichnen, daß wir es in einer gewissen Weise als ein selbständiges Wesen haben, und was sich im Auge abspielt, das ist das Hereindringen der Außenwelt wie durch einen Golf in den Organismus herein. Da sind wir nicht mehr mit unserer eigenen Tätigkeit in der Welt drinnenstehend, da stehen wir in der Welt drinnen so, daß wir sagen können: Es ist die göttliche Tätigkeit. Diese göttliche Tätigkeit, sie durchwebt unsere Umwelt, welche als Finsternis hinneigt zum verneinenden Urteil, als Licht hinneigt zum bejahenden Urteil. Diese göttliche Tätigkeit in ihrem Wirken auf den Menschen in seinem Verhältnis zur Welt, die empfand besonders die Weisheit des zweiten nachatlantischen Zeitraumes sehr stark, erlebte sie sehr stark: Gott im Lichte, Gott in der Finsternis. Gott im Lichte: das Göttliche mit luziferischer Färbung; Gott in der Finsternis: das Göttliche mit ahrimanischer Färbung. So erlebte die persische Kultur die Außenwelt. Und die Sonne war der Repräsentant dieser Außenwelt — Sonne als göttliche Lichtquelle: zweite nachatlantische Zeit.
[ 19 ] Dagegen erlebte man mehr diejenige Sphäre, die zwischen dem Urteilen und Fühlen ist, in der dritten nachatlantischen Kultur, der ägyptisch-chaldäischen. Da hatte man nicht so das Erleben, daß man das Göttliche draußen erlebte in Licht und Finsternis; da hatte man das Erleben, daß man das Göttliche erlebte im Zusammenstoßen des Vorstellens mit dem Fühlen. So sind nämlich eigentlich die Götterwirkungen bei den Ägyptern und Chaldäern, daß der Mensch hineingoß in sein Urteil: in die Verneinung etwas von seinen Antipathien, in das Bejahen etwas von seinen Sympathien. Und nur wenn wir lesen können, was an bildhaften oder sonstigen Dokumenten aus der ägyptisch-chaldäischen Zeit vorhanden ist, so kommen wir darauf, wie ja alles herausgestaltet worden ist aus sympathisierender Bejahung, antipathisierender Verneinung. Sie können es noch den ägyptischen Grab- und anderen Figuren anfühlen, daß in ihnen etwas liegt, das künstlerisch gebildet worden ist mit dem sympathisierenden Bejahen und dem antipathisierenden Verneinen. Man kann keine Sphinxe schaffen, ohne daß man hereinbringt, was sympathisierendes und antipathisierendes Ideenleben hat. Da empfand man nicht bloß Licht und Finsternis, da empfand man etwas, was etwas hat von dem Lebendigen, was man im Sympathisieren und Antipathisieren hat. Man empfand die Sonne als göttliche Lebensquelle.
[ 19 ] Und kommen wir in die griechisch-lateinische Zeit, da war dem Menschen das unmittelbare Zusammensein mit der Außenwelt schon in hohem Grade abhandengekommen. Ich habe in meinen «Rätseln der Philosophie» dargestellt, wie der Mensch zwar noch die Gedanken so fühlte, wie wir heute die Sinnesempfindungen fühlen, aber er näherte sich doch schon demjenigen Zustand, in dem wir heute leben, wo wir im Grunde genommen durch die Ausbildung des Ich keinen rechten Zusammenhang mehr mit der Außenwelt haben, wo wir mit dem Ich eigentlich schon im Leibe schlafen, wo wir uns hinüberneigen zum Schlafenden. Noch nicht so stark war es beim Griechen, aber es war schon in einer gewissen Weise vorhanden. Das griechische Wesen kann nur verstanden werden, wenn man sich klar darüber ist, daß der Griechesich schon sehr stark in seine Leibhaftigkeit eingelebthatte, noch nicht so stark wie wir, aber schon sehr stark sich eingelebt hatte. Die alten Perser hatten sich nicht sehr stark in ihre Leiblichkeit eingelebt. Sie glaubten eigentlich nicht, daß sie so richtig in ihrer Leiblichkeit innerhalb ihrer Haut lebten, namentlich wenn sie Weise waren, sondern sie glaubten, daß sie auf den Wellen des Lichtes eigentlich das ganze Universum durchwoben, durchwellten. Der Grieche war schon ganz so, daß er eigentlich in seinem Leibe drinnen mit diesem Weltenwesen schlief. Wenn wir im wirklichen Schlafe sind, sind wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib draußen; aber unser Wachen ist gegenüber dem persischen Wachen wiederum ein Schlafen. Das persische Wachen, sagen wir das persische Erwachen — das urpersische natürlich, das ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» charakterisiere —, das war wie ein Hereintreten in die menschlichen Sinne, aber zu gleicher Zeit wie ein Hereindringen des Lichtes selber.
[ 21 ] Wir fühlen nichts mehr davon, daß wir das Licht mit dem Erwachen in unsere Augen hereinbringen. Für uns ist das Licht schattenhaft draußen. Das alles bewirkte, daß die Griechen die Sonne auch nicht mehr als eigentlichen Lebensquell wahrnehmen konnten, sondern daß die Griechen die Sonne wahrnahmen wie etwas, was sie innerlich durchdringt. Und sie fühlten dasjenige Element, wo die Sonne innerlich lebt im Menschen, das fühlten sie als das Element des Eros, als das Element der Liebe. Eros, das Sonnenhafte im Menschen, das war es, was in dem eigentlichen griechischen inneren Erleben war; darum: die Sonne als göttliche Liebesquelle.
[ 22 ] Und dann trat etwa vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab, das ich überhaupt in seinem eigentümlichen Charakter nach den verschiedensten Seiten charakterisiert habe, das Zeitalter ein, wo die Sonne überhaupt nicht mehr anders empfunden wird denn als eine physische Nebelkugel draußen im Raume, wo die Sonne eigentlich für den Menschen verfinstert ist. Der Perser empfand die Sonne wirklich als den Reflektor des den Raum durchwogenden und durchwuchtenden Lichtes. Der Ägypter und Chaldäer empfand die Sonne als das das Universum durchwellende und durchpulsende Leben. Der Grieche empfand die Sonne als das, was dem organischen Wesen Liebe einträufelte, was den Eros durch die Wellen des Empfindens leitet. Indem es immer weiter und weiter in den Menschen hineinstieg, dieses Sonnenerleben, verschwand es in seinen Untergründen, in die Meerestiefe der Seele hinein. In den Meerestiefen der Seele trägt heute der Mensch das Sonnenhafte. Er soll es nicht erreichen, weil der Hüter der Schwelle davorsteht, weil es unten ist in jenen Untergründen, von denen die alten Mysterienlehren gesagt haben, man soll es nicht aussprechen, weil gerade sündhaft ist der Mund, der es ausspricht, wie das Ohr sündhaft ist, das es hört. Und da gab es denn im 4. Jahrhundert Schulen, welche hauptsächlich lehrten für die weitere Verbreitung des Christentums: Das Sonnengeheimnis darf nicht ausgesprochen werden; es muß eine Zivilisation kommen, welche das Sonnengeheimnis nicht kennt.
[ 23 ] Hinter alldem, was äußerlich in der Welt geschieht, stehen ja die innerlichen, ich möchte sagen, aus dem Universum heraus lehrenden Kräfte. Ein Werkzeug solcher lehrenden Kräfte war der römische Kaiser Konstantin. Unter ihm hat das Christentum diejenige Form angenommen, die die Sonne verleugnet.
[ 24 ] Dann war noch einer da, der allerdings die Entwickelung der Zeit weniger in Betracht gezogen hat als seinen Enthusiasmus für das, was er noch von seinen Mysterienlehrern gelernt hat als den letzten Überrest der alten, instinktiven Weisheit: das war Julian Apostata. Und Julian Apostata ist aus dem Grunde von Mörderhand gefallen, weil er bestrebt war, das dreifache Sonnengeheimnis als alte Tradition zu überliefern. Die Welt wollte mit dem nicht mitgehen.
[ 25 ] Heute muß man allerdings erkennen, daß die alte instinktive Weisheit ein Wiederaufleben haben muß in der bewußten Weisheit, daß alles das aus dem Bewußten wieder heraufgehoben werden muß, was sich hinuntergesenkt hat in das Unterbewußte, in die bloße organische Tätigkeit oder auch in die unterorganische Tätigkeit. Wir müssen wiederum das Sonnengeheimnis finden.
[ 26 ] Aber so wie beim Abhandenkommen des Sonnengeheimnisses demjenigen, der es noch der Welt verkünden wollte, dem Julian Apostata, die furchtbarsten Feinde erwachsen sind, die ihn dann ja auch getötet haben, so sind diese Feinde wiederum gegenüber dem neuen Sonnengeheimnis da, das eben durch die Geisteswissenschaft in die Welt treten muß. Wir leben jetzt im anderen Pol der geschichtlichen Entwickelung. Damals, im 4. nachchristlichen Jahrhundert, war der Niedergang. Jetzt brauchen wir den Aufgang.
[ 27 ] In dieser Beziehung sind das schon zwei Symbole der geschichtlichen Entwickelung, Konstantin und Julian Apostata. Julian Apostata, der steht gewissermaßen auf den Trümmern der alten Zeit, möchte aber noch aus diesen Trümmern die Formen der alten Weisheit wiederum aufbauen. Julian Apostata möchte jene alten Denkmäler der Menschheit dalassen, die das zunächst materialistische Form annehmende, in der Konstantinischen Zeit materialistische Form annehmende Christentum zerstört hat. Unzähliges wurde zerstört, Unzähliges an Kunstdenkmälern, Unzähliges an Weisheitsdenkmälern, an Schrifttum. Gerade das wurde alles zerstört, was in irgendeiner Weise geeignet war, den Menschen erraten zu lassen das alte Sonnengeheimnis.
[ 28 ] Es ist wahr, die Menschen mußten durchgehen, um zur Freiheit zu kommen, durch den Glauben, daß da draußen ein Gasball durch die Welt wandle, während die Physiker sehr erstaunt sein würden, wenn sie dorthin wandern könnten und gar keinen Gasball, sondern im Gegenteil einen Hohlraum, ja weniger als einen Raum finden würden, und entdecken würden, was die Sonne ist: daß die Sonne nicht da draußen ein leuchtender Gasball ist, der Licht ausstrahlt — Unsinn ist das! —, sondern daß das zunächst ein bloßer Reflektor ist, der nicht Licht ausstrahlen kann, höchstens zurückwerfen kann. Dann aber haben wir in Wirklichkeit geistig Licht ausstrahlend Saturn, Jupiter, Mars, Merkur, Venus, Mond. Und während es physisch so erscheint, als ob die Sonne denen allen Licht gäbe, strahlen die eigentlich alle gegen die Sonne das Licht, und die Sonne ist der Reflektor. So ist es physisch. So haben es aus instinktivem Erkennen die Alten, die Urperser noch erkannt und haben in diesem Sinne die Sonne als die irdische Lichtquelle anerkannt, aber eigentlich nicht als die Lichtquelle, sondern als den Lichtreflektor. Dann wurde sie der zurückstrahlende Lebensreflektor und der zurückstrahlende Liebesreflektor.
[ 29 ] Diese Anschauung wollte Julian Apostata geltend machen, und er ist aus dem Wege geräumt worden. Die Menschen mußten eben durchgehen, um zur Freiheit zu kommen, durch den Aberglauben von dem im Raum vorhandenen Gasball, der Licht ausstrahlt, welchen Aberglauben wir ja heute in allen Physikbüchern als eine absolute Wahrheit hingestellt finden. Wir müssen wiederum durchdringen zu dem, was wahr ist in dieser Sache.
[ 30 ] In dieser Beziehung sind eben durchaus Konstantin und Julian Apostata wie zwei Symbole. Julian Apostata möchte die alten Denkmäler der Welt erhalten, aus denen gewissermaßen noch das wirkliche Sonnengeheimnis an den Menschen herandringen könnte. Eine Apollo-, eine Sonnengestalt war der Christus in den ersten Jahrhunderten noch.
[ 31 ] Dieses Sonnengeheimnis, es wurde empfunden als das größte geistige Kleinod der Menschheit. Und es wurde symbolisiert durch dasjenige, was man das Palladium nannte. In Troja soll es einst gewesen sein, und die Mysterienpriester in Troja drüben sollen in diesem Palladium dasjenige gesehen haben, an dem sie gewissermaßen sakramental kulturell, kultusartig den Leuten enthüllt haben, was das Sonnenwesen ist. Dann wurde es nach Rom gebracht, und es war ein Geheimnis der in Rom Eingeweihten, daß Rom das Palladium bewahrt. Rom bewahrte das Palladium. Und im Grunde genommen haben die eingeweihten Priester der Römer und noch die ersten Kaiser der Römer, namentlich noch Augustus, durchaus aus dem Bewußtsein heraus gearbeitet in der Welt, gewirkt in der Welt, daß in Rom das größte Kleinod der Welt repräsentiert ist, wenigstens äußerlich-symbolisch, indem in dem geschätztesten römischen Tempel unter der Grundmauer das Palladium war, das nur diejenigen kannten, die von den größten Geheimnissen des römischen Daseins wußten. Aber auf geistige Art war es denen bekanntgeworden, die das Christentum der Welt zu bringen hatten. Und aus der Erkenntnis, daß Rom den Palladiumschatz bewahrt, ging der Zug der ersten Christen nach Rom. Es war durchaus etwas Spirituelles darinnen.
[ 32 ] Aber als unter Konstantin das Christentum verweltlicht ist, wurde von Rom das Palladium weggenommen. Konstantin gründete Konstantinopel, und unter derjenigen Säule, die er dort sich selber errichten ließ, ließ er in den Boden hineinsenken das Palladium. Und das römische Christentum hat sich ferner so entwickelt, daß ihm das Wissen vom Sonnengeheimnis gerade durch denjenigen Kaiser weggenommen worden war, welcher das Christentum äußerlich in seinen Formen, in seinem starren Mechanismus in Rom festgelegt hatte. In der äußerlichen, weltlichen Befestigung des Christentums durch Konstantin ist dem Christentum die Weisheit von der Welt verlorengegangen, was auch äußerlich zum Ausdrucke kommt in dem Überführen des Palladiums nach Konstantinopel.
[ 33 ] Namentlich in gewissen Teilen der slawischen Welt — die Leute deuten sich das ja alles in ihrem Sinne — herrscht, herrschte bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts herein der Glaube, daß das Palladium von Konstantinopel in nicht zu ferner Zukunft nach einer anderen, und wie man glaubte in der slawischen Welt, nach einer slawischen Stadt verbracht werden wird.
[ 34 ] Jedenfalls wartet das Palladium darauf — nehmen Sie jetzt den Vorgang symbolisch äußerlich, aber das Wichtigere ist das Innere dabei —, daß aus dem schon auf dieses Palladium verfinsternd wirkenden Konstantinopel hervorgeht diejenige Lokalität, oder daß das Palladium wandert nach derjenigen Lokalität, die durch sich dieses Palladium völlig verfinstern würde. Ja, das Palladium wird nach dem Osten gebracht, wo die Dekadenz der alten Weisheit lebt, aber eben der Verfinsterung entgegenlebt. Und alles hängt in der weiteren Weltenentwickelung davon ab, daß ebenso, wie die Sonne ein Reflektor ist von dem Lichte, das ihr aus dem Universum gegeben wird, das Palladiumkleinod beleuchtet werde von einer Weisheit, die aus dem Schatze der Erkenntnis des Westens gefunden wird. Das Palladium, das alte Erbstück, das aus Troja nach Rom, von Rom nach Konstantinopel gebracht worden ist, das noch weiter in die Finsternis des Ostens gebracht werden soll, das Palladium, das Sonnenkleinod, es muß warten, bis man es geistig im Westen aus dem dunklen, finsteren Schatze der bloßen Naturerkenntnis heraus erlöst. So hängt mit den heiligsten Traditionen eigentlich der europäischen Entwickelung zusammen, was als Aufgabe für die Zukunft dasteht.
[ 35 ] So berühren sich heute noch lebendige Sagen, die man finden kann bei denjenigen, die in solche Dinge eingeweiht sind — und das sind zuweilen recht einfache, schlichte Menschen, die in der Welt herumgehen —, so berühren sich solche Sagen wie diese von der Überführung des trojanischen Palladiums noch Rom, von der Überführung des Palladiums, des Kleinodes der Weisheit, als das römische Christentum äußerlich, verweltlicht wurde, nach Konstantinopel, und von der zukünftigen Überführung nach dem Osten, wenn der Osten völlig entblößt sein wird von der alten Weisheit, völlig in die Dekadenz übergegangen sein wird, und von der Notwendigkeit, daß dieses Sonnenkleinod aus dem Westen ein neues Licht empfangen könne.
[ 36 ] Die Sonne ist verschwunden in die Untergründe der Menschheit. Wir müssen durch geisteswissenschaftliche Entwickelung die Sonne wieder finden. Die Menschheit muß diese Sonne wieder finden, sonst verschwindet das Palladium in der Finsternis des Ostens. Heute ist es Sünde, wenn so etwas, was unrichtig ist, ausgesprochen wird, Sünde ist es, das Wort auszusprechen: Ex oriente lux. — Nicht mehr kann das Licht aus dem Osten kommen. Der Osten ist in der Dekadenz. Aber er wartet — denn er wird das Kleinod, das Sonnenkleinod, wenn auch in der Finsternis, haben —, er wartet auf das Licht des Westens. Heute wandern die Menschen noch tief in der Finsternis, arrangieren Zusammenkünfte in der Finsternis, schauen hin — nach Washington. Aber erst diejenigen Washingtons werden Heil bringen, die aus dem Tone der geistigen Welt heraus so sprechen, daß sie nicht bloß die freien Wirtschaftstore für China, nicht bloß die Finsternis suchen, die das Palladium umgibt. Erst diejenigen Konferenzen werden Heil bringen, die im Westen so gehalten werden, daß man von dort will Licht hintragen, damit das Palladium wieder aufglänze. Denn wie ein fluoreszierender Körper ist das Palladium finster an sich; wird es von Licht durchströmt, dann leuchtet es auf. So wird es mit der Weisheit des Ostens sein: finster an sich, aufleuchten wird sie, fluoreszieren wird sie, wenn sie von der Weisheit des Westens, von dem geistigen Lichte des Westens durchdrungen wird.
[ 37 ] Heute aber sieht man das im Westen noch nicht ein. Erst wenn man ins helle Licht des Bewußtseins die Palladiumsage rücken wird, erst wenn man wiederum das richtige Mitleiden empfinden wird mit so jemandem wie Julian Apostata, der übersehen wollte das Zeitalter, in dem in Finsternis das Licht der Freiheit keimen konnte, der die alte instinktive Weisheit bewahren wollte und deshalb zugrunde gehen mußte, erst wenn man einsehen wird, daß Konstantin, indem er den Römern das äußerliche Christentum gegeben hat, ihnen die Weisheit, das Licht genommen hat und das Christentum in die Finsternis geschickt hat, erst wenn man einsieht, daß aus der modernen Naturerkenntnis heraus das Licht gesucht werden muß, das das Palladium wiederum zum Erglänzen bringt, erst dann wird ein wichtiges Stück Weltgeschichte erfüllt. Erst dann wird dasjenige, was westlich geworden ist in dem Momente, wo die Griechen 'Troja verbrannt haben, das Palladium, in dem heute noch vorhanden ist das Licht, das aus Troja geflammt hat, wiederum west-östlich werden. Aber es ist in der Finsternis. Es muß hervorgeholt werden. Das Palladium muß beleuchtet werden.
[ 38 ] Wir können Enthusiasmus herausholen aus dem geschichtlichen Werden, wenn wir das Herz auf dem rechten Flecke haben. Und wenn wir dieses Herz auf dem rechten Flecke haben in dem Sinne, wie ich das heute ausgesprochen habe, dann werden wir auch die richtigen Empfindungen gegenüber jenen Impulsen finden können, die die rechten Impulse der Geisteswissenschaft sein sollen.
[ 39 ] Freitag werde ich dann hier den nächsten Vortrag halten, von solchen Dingen weiter sprechen.
