Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
1 January 1922, Dornach
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Old and New Methods of Initiation, tr. Collis
1. Neujahrsbetrachtung
Lecture I
[ 1 ] Meine sehr verehrten Anwesenden, meine lieben Freunde! Gestern habe ich von der Initiationswissenschaft nach verschiedenen Richtungen hin gesprochen. Heute will ich einiges charakterisieren, was in einem gewissen Sinne zu den gegenwärtigen Ausdrucksformen der Initiationswissenschaft gehört. Wenn wir in der Gegenwart in bezug auf alles Zivilisationsleben einen tiefen Riß wahrnehmen müssen und als Menschen der Gegenwart, wenn wir ein volles Bewußtsein entwickeln, mit einem gewissen tragischen Gefühl diesen tiefen Riß mit seinen chaotischen Wirkungen in der Welt empfinden müssen, so drückt sich nach einer gewissen Seite hin dieser Riß wohl dadurch ganz besonders aus, daß der heutige Mensch keine Vermittelung erkennen kann zu derjenigen Welt, zu der er aufschauen muß, wenn er seinen eigentlichen Menschenwert und seine eigentliche menschliche . Würde ins Auge faßt: zu der moralischen Welt, zu der Welt auch, welche die religiösen Empfindungen und die religiösen Versenkungen und Erhebungen der Menschenseele bringt.
[ 1 ] Yesterday 1 See lecture of 31 December 1921 in Rudolf Steiner, The Rediscovery of Spiritual Reality in Nature and in Man. English text available in typescript only. I spoke about initiation science. Today 2 Rudolf Steiner, Soul Economy and Waldorf Education, Rudolf Steiner Press London and Anthroposophic Press New York, 1986. I shall describe some aspects of what nowadays gives expression to initiation science. A profound breach now runs through the whole of civilization, a breach which brings much chaos to the world and which people who are fully aware cannot but experience with a sense of tragedy. One expression of this breach is the fact that human beings, when considering human dignity and their worth as human beings, can no longer find any connection with a world to which they look up—that world which gives the human soul religious feelings both profound and uplifting—namely, the world of moral values.
[ 2 ] Auf der andern Seite schaut der Mensch zu demjenigen, was das Naturdasein ausmacht, zu dem er ja auch gehört. Das Naturdasein stellte sich im Laufe der letzten Jahrhunderte so vor die menschliche Seele hin, daß es gewissermaßen alle Realität, alles wirkliche Sein verschlungen hat. Das Naturdasein mit seinen gegenüber dem Moralischen gleichgültigen Gesetzen läuft ab in äußerlicher Notwendigkeit, und der Mensch ist seinem alltäglichen Dasein nach in diese Notwendigkeit eingespannt. Wie man auch Anfang und Ende dieser Notwendigkeit begrenzt, es ist unmöglich, daß der Mensch, wenn er sich selbst innerhalb dieser Notwendigkeit empfindet, zu seinem eigentlichen Menschlichen kommt. Er muß vom Naturdasein aufblicken zu dem moralischen Welteninhalte. Er muß die moralischen Welteninhalte auffassen als dasjenige, was sein soll, was von ihm als Ideal betrachtet werden soll. Aber keine Erkenntnis von der heutigen Art zeigt ihm, wie die moralischen Ideale etwa einlaufen können in die Naturgesetze und das Notwendige in den Dienst des Moralischen gestellt werden kann.
[ 2 ] People look instead to the world of nature, to which, of course, they also belong. During the course of recent centuries the world of nature has come to appear before the human soul in such a way that it has absorbed the whole of reality, has absorbed every aspect of actual existence. The world of nature, with its laws which are indifferent to moral values, runs its course in accordance with external necessity, and in their everyday life human beings, too, are tied up in this necessity. However the bounds of this necessity are defined, if human beings feel themselves enclosed within such bounds, it is impossible for them to discover what it is that makes them human. Human beings have to look up from the world of nature to the world of moral values. We have to see the content of this moral world as something which ought to be, something which is the ideal. Yet no knowledge which is current today is capable of showing us how moral ideals can flow into the laws of nature and how necessity can be made to serve moral values.
[ 3 ] Für den heutigen Menschen zerfällt einmal die Welt in diese zwei für das Gegenwartsbewußtsein unvereinbaren Glieder: die moralische Welt und die materielle Welt. Der Mensch schaut hin auf Geburt und Tod, findet von ihnen eingesäumt dasjenige Dasein, von dem ihm allein die heute anerkannte Erkenntnis sprechen will. Der Mensch muß andererseits aufblicken zu einer Welt, die sich über Geburt und Tod erhebt, die gegenüber der stetig wandelbaren, eigentlichen materiellen Welt, eine ewige Bedeutung hat, und er muß verbunden denken sein seelisches Sein mit dieser ewigen Bedeutung der moralischen Welt. Aber die platonische Weltanschauung, welche noch den letzten Rest des Orientalismus enthalten hat, dahingehend, daß die äußere Sinneswelt ein Schein, eine Illusion ist, und die Ideenwelt die wahre, die wirkliche Welt ist, diese platonische Weltanschauung findet für den heutigen Menschen, wenn er im Gegenwartsbewußtsein stehenbleibt, keine Antwort.
[ 3 ] We have to admit that today's world is divided into two parts which, for modern consciousness, are incompatible: the moral world and the material world. People see birth and death as the boundaries which encompass the only existence recognized by present-day knowledge. On the other hand they have to look up to a world which lies above birth and death, a world which is eternally meaningful, unlike the endlessly changing material world; and they have to think of their soul life as being linked with the eternal meaning of that world of moral values. The Platonic view of the world, containing as it did the last remnants of orientalism, saw the external world perceptible to the senses as a semblance, an illusion, and the world of ideas as the true, real world. But for modern human beings, if they remain within the confines of present-day consciousness, this Platonic world view has no answers.
[ 4 ] Hinstellen will sich die Initiationswissenschaft wiederum in die menschliche Zivilisation, will die Menschen wiederum darauf hinweisen, daß hinter derjenigen Welt, welche die Sinne wahrnehmen, eine geistige Welt steht, daß in dieser geistigen Welt, zu der der Mensch aufschaut als zu der moralischen, eine mächtige, eine kraftvolle, eine reale Welt steht. Die Initiationswissenschaft muß gewissermaßen dem Naturdasein die angemaßte absolute Realität wegnehmen und der moralischen Welt wiederum Realität geben. Das kann sie nur, wenn sie zu andern Ausdrucksmitteln greift als diejenigen sind, die aus dem Umfange der heutigen Sprachen, aus dem Umfange der heutigen Ideen- und Begriffswelt gegeben sind.
[ 4 ] But now initiation science wants to enter once again into human civilization and show us that behind the world perceived by our senses there stands a spiritual world, a mighty world, powerful and real, a world of moral values to which we may turn. It is the task of initiation science to take away from natural existence the absolute reality it assumes for itself and to give reality back once more to the world of moral values. It can only do so by using means of expression different from those given by today's language, today's world of ideas and concepts.
[ 5 ] Es erscheint die Sprache der Initiationswissenschaft dem Menschen der Gegenwart noch als etwas Fremdes, als etwas Illusorisches, weil er nicht ahnt, daß hinter den Ausdrucksformen reale Kräfte stehen und daß der Mensch, ob er sich nun der äußeren Lautsprache oder einer gestalteten Sprache bedient, eben immer genötigt ist, in der Sprache nicht einen vollständig adäquaten Ausdruck zu haben von dem, was er schaut, was er wahrnimmt. Was ist denn schließlich das Wort «Mensch», wenn wir seinen Lautinhalt nehmen, gegenüber dem reichen Inhalte, der sich uns darbietet an Geistigem, Seelischem und Leiblichem, wenn wir einem wirklichen Menschen gegenüberstehen! So auch stürmt, flutet und wirkt in mannigfaltiger Weise eine hinter der Sinneswelt und in der moralischen Welt lebende übersinnliche Welt in der Initiationswissenschaft. Und diese Initiationswissenschaft muß mannigfaltige Ausdrucksformen wählen, um dasjenige auszudrücken, was allerdings viel reicher erscheint als es die Ausdrucksmittel geben können.
[ 5 ] The language of initiation science still seems strange, even illusory, to people today because they have no inkling that real forces stand behind the expressions used, nor that, whatever kind of speech is used—whether ordinary everyday speech or speech formation—language cannot give full and adequate expression to what is seen and perceived. What, after all, do the words ‘human being’ signify, when only the speech sounds are considered, compared with the abundant richness of spirit, soul and body of an actual human being standing before us! In just such a way in initiation science a spiritual world—behind the world of the senses—living in the world of moral values, storms and flows, working in manifold ways. This initiation science has to select all manner of ways of expressing what, despite everything, will be far richer in its manifestation than any possible means of expression.
[ 6 ] Für den Menschen selbst in seinem unmittelbaren Dasein möchte ich von einigen solchen Ausdrucksmitteln heute sprechen, von Ausdrucksmitteln, die ja schon in diesen Tagen hier von der einen oder der andern Seite genannt worden sind und die denjenigen von Ihnen gut bekannt sind, die sich längere Zeit mit der anthroposophischen Geisteswissenschaft befaßt haben.
[ 6 ] Today I should like to speak about certain expressions of this kind with regard to man's immediate existence, expressions which have been discussed here in one connection or another over the last few days and which are well known to those of you who have concerned yourselves over a period of time with anthroposophical spiritual science.
[ 7 ] Man sagt mit Recht und auch mit Unrecht, das eigentliche wahre Wesen des Menschen entziehe sich der Erkenntnis. Man kann das auch in einem gewissen Sinne sagen, aber nicht in dem Sinne, wie es in der Gegenwart sehr häufig gesagt wird. Das eigentliche Wesen des Menschen enthüllt sich für die Initiationswissenschaft allerdings so, daß man es in unmittelbarer Weise nicht in Definitionen, in Beschreibungen, in Erklärungen fassen kann. Wenn ich mich eines Vergleiches bedienen darf, so ist es für das Erfassen des menschlichen Wesens so, wie wenn man bei einem Waagebalken den Punkt, um den er sich dreht, zeichnen wollte. Man kann ihn nicht zeichnen. Ich kann das linke und das rechte Stück des Waagebalkens zeichnen, ich kann aber nicht den Punkt zeichnen, um den sich der Waagebalken drehen wird. Der ist etwas, was bestimmt ist dadurch, daß eben der linke Waagebalken von links nach rechts bis zu diesem Punkte geht und bei diesem Punkt der rechte Waagebalken beginnt und von ihm weitergeht.
[ 7 ] It is both right and wrong to say that the true being of man is beyond understanding. It is right in a certain sense, but not in the sense frequently meant nowadays. Yet the true being of man is indeed revealed to initiation science in a way which defies direct definitions, descriptions or explanations. To make use of a comparison I might say that defining the being of man is like trying to draw a picture of the fulcrum of a beam. It cannot be drawn. You can draw the left-hand and the right-hand portions of the beam but not the fulcrum upon which it turns. The fulcrum is the point at which the right-hand and the left-hand portions of the beam begin.
[ 8 ] In einer ähnlichen Weise läßt sich nicht in adäquaten Begriffen und Ideen das menschliche tiefste Wesen fassen. Aber es läßt sich fassen, wenn man zu schauen versucht die Abirrungen von diesem Wesen. Das menschliche Wesen stellt gewissermaßen einen Gleichgewichtszustand dar zwischen einer Abweichung, die nach der einen Seite fortwährend gehen will und einer solchen, die nach der andern Seite fortwährend gehen will. Der Mensch ist, so wie er im Leben dasteht, im irdischen Dasein fortwährend zwei Gefahren ausgesetzt: dem Abirren nach der einen oder nach der andern Seite — wie wir es mit technischen Ausdrücken nennen können —, nach der luziferischen und der ahrimanischen Seite.
[ 8 ] In a similar way the profoundest element of the human being cannot be encompassed by adequate concepts and ideas. But it can be grasped by endeavouring to look at deviations from the true human being. The being of man represents the state of balance poised between deviations that constantly want to go off in opposite directions. Human beings throughout their life are permanently beset by two dangers: deviation in one of two directions, the luciferic or the ahrimanic.3 Regarding luciferic and ahrimanic beings, see the chapter ‘Man and the Evolution of the World’ in Rudolf Steiner, Occult Science—An Outline, Rudolf Steiner Press, London 1979.
[ 9 ] Im gewöhnlichen Dasein ist zunächst für den Menschen sein Gleichgewichtszustand dadurch hervorgebracht, daß sein ganzes, volles Wesen nur zu einem Teil in die Leibesgestalt eingespannt ist, und daß diese Leibesgestalt im ganzen Weltenzusammenhange nicht er im Gleichgewichtszustande zu erhalten braucht, sondern daß geistige Wesenheiten, die hinter ihm stehen, diesen Gleichgewichtszustand bewirken. So nimmt der Mensch im gewöhnlichen Erdendasein heute für das gewöhnliche Bewußtsein die beiden Gefahren nicht wahr, durch die er nach der einen oder nach der andern Seite, nach der luziferischen oder nach der ahrimanischen Seite, von seinem Gleichgewichtszustande abweichen kann. Das ist gerade das Eigentümliche der Initiationswissenschaft, daß man sich wie auf einem hohen Felsen fühlt als Mensch, wenn man beginnt, die Welt in ihrer Wesenheit zu durchschauen, auf einem hohen Felsen, links und rechts Abgrund. Der Abgrund ist immer da, aber für das gewöhnliche Leben sieht der Mensch den Abgrund beziehungsweise die beiden Abgründe nicht. Will er sich vollständig kennenlernen, so muß er die Abgründe wahrnehmen, muß er wenigstens von den Abgründen wissen lernen. Nach der einen Seite wird der Mensch nach dem Luziferischen, nach der andern Seite von dem Ahrimanischen gezogen. Und man kann das Ahrimanische und das Luziferische charakterisieren, indem man den Menschen nach Leib, Seele und Geist betrachtet.
[ 9 ] In ordinary life our state of balance is maintained because only a part of our total, our full being, is harnessed to our bodily form, and because it is not we who hold this bodily form in a state of balance within the world as a whole, but spiritual beings who stand behind us. Thus, in ordinary consciousness, we are on the whole unaware of the two dangers which can cause us to deviate from our state of balance towards one side or the other, towards the luciferic or the ahrimanic side. This is what is characteristic of initiation science. When we begin to comprehend the world in its true nature we feel as though we were standing on a high rock with one abyss on our right and another on our left. The abyss is ever-present, but in ordinary life we do not see this abyss, or rather these two abysses. To learn to know ourselves fully we have to perceive these abysses, or at least we have to learn about them. We are drawn in one direction towards Lucifer and in the other towards Ahriman. And the ahrimanic and the luciferic aspects can be characterized in relation to the body, the soul and the spirit.
[ 10 ] Nehmen wir zunächst eine Betrachtung, die vom Gesichtspunkte des leiblichen Wesens des Menschen ausgeht. Dieses leibliche Wesen des Menschen ist nur äußerlich scheinbar für die Sinneswahrnehmung ein Einheitliches. In Wahrheit ist der Mensch fortwährend eingespannt zwischen den Kräften, die ihn verjüngen und den Kräften, die ihn greisenhaft machen, zwischen den Kräften der Geburt und den Kräften des "Todes. In keinem einzigen Augenblicke des Lebens ist in unserem Leib bloß die eine Art von Kräften vorhanden; immer sind sie beide da.
[ 10 ] Let us start from the point of view of man's physical being. This physical being, which the senses perceive as a unit, is in fact only seemingly so. Actually we are forever in tension between the forces which make us young and those which make us old, between the forces of birth and the forces of death. Not for a single moment throughout our life is only one of these forces present; always both are there.


[ 11 ] Wenn wir Kind sind, meinetwillen ganz kleines Kind, so überwiegen in uns die jungmachenden, die luziferischen Kräfte; aber tief zurückgezogen sind in der menschlichen Natur auch schon die greisenhaften Kräfte, diejenigen Kräfte, die zuletzt das Verkalken, das Sklerotisieren des Leibes hervorrufen, diejenigen Kräfte, die uns dann zum Tode führen. Und beide Arten von Kräften müssen im menschlichen Leibe sein. Durch die luziferischen Kräfte, die in ihm sind, hat er eine fortwährende Möglichkeit, ich möchte sagen nach dem Phosphorischen hin, nach der Wärme hin sich zu entwickeln. Im extremen Fall, im Krankheitsfall, wirken diese Kräfte so, daß der Mensch in das Fieber, in die Pleuritis hineinkommt, in entzündliche Zustände. Aber diese Neigung für Fieber, für entzündliche Zustände ist immer in ihm. Sie wird nur in Schach gehalten, im Gleichgewichte gehalten durch die andern Kräfte, die ihn verfestigen wollen, die ihn verkalken, die ihn mineralisieren. Und darinnen besteht das Wesen des Menschen, daß ein Gleichgewichtszustand da ist zwischen diesen beiden polarisch einander entgegengesetzten Kräftearten.
[ 11 ] When we are small, perhaps tiny, children, the youthful, luciferic forces predominate. But even then, deep down, are the ageing forces, the forces which eventually lead to the sclerosis of our body and, in the end, to death. It is necessary for both kinds of force to exist in the human body. Through the luciferic forces there is always a possibility of inclining towards, let me say, the phosphoric side, towards warmth. In the extreme situation of an illness this manifests in a fever, such as a pleuritic condition, a state of inflammation. This inclination towards fever and inflammation is ever-present and is only held in check or in balance by those other forces which want to lead towards solidified, sclerotic, mineral states. The nature of the human being arises from the state of balance between these two polar-opposite forces.
[ 12 ] Man wird eine gültige Physiologie, eine gültige Biologie erst dann haben, wenn man jedes einzelne Organ des Menschen und den ganzen Menschen so betrachtet, daß Herz, Lunge, Leber und so weiter polarische Gegensätze in sich enthalten, daß sie hintendieren auf der einen Seite zur Auflösung in die Wärme, auf der andern Seite zur Verfestigung im Mineralischen. Man wird auch das Funktionieren der Organe erst richtig verstehen, wenn man den ganzen Menschen und wiederum jedes einzelne Organ von diesem Gesichtspunkte aus zu betrachten vermag. Die Gesundheits- und Krankheitslehre des Menschen wird erst auf einen gesunden Boden gestellt werden können, wenn diese Polaritäten im physischen Menschen überall werden gesehen werden können. Man wird dann zum Beispiel wissen, daß im Menschen, wenn er dem Zahnwechsel unterliegt um das siebente Jahr herum, nach der Kopfseite hin die ahrimanischen Kräfte wirksam werden; daß, wenn der Mensch bei der Geschlechtsreife seine physische Natur nach der Wärmeseite hin entwickelt, daß dann die luziferischen Kräfte tätig sind und daß der Mensch eigentlich in seinem rhythmischen Wesen fortwährend hin und her Pendelschläge ausführt, auch in physischer Beziehung, zwischen dem luziferischen und dem ahrimanischen Wesen. Erst wenn man lernen wird, ohne Aberglauben, so mit wissenschaftlicher Exaktheit von dem Luziferischen und Ahrimanischen in der menschlichen Natur zu sprechen, wie man heute ohne Aberglauben, ohne Mystik von positivem und negativem Magnetismus spricht, von positiver und negativer Elektrizität, von Licht und Finsternis spricht, erst dann wird man in der Lage sein, eine solche Erkenntnis vom Menschen zu gewinnen, welche gewachsen ist der abstrakten Erkenntnis von der unorganischen Natur, die wir uns errungen haben im Laufe der letzten Jahrhunderte.
[ 12 ] Valid sciences of human physiology and biology will only be possible when the whole human body and each of its separate organs, such as heart, lungs, liver, are seen to encompass polar opposites which incline them on the one hand towards dissolution into warmth and, on the other hand, towards consolidation into the mineral state. The way the organs function will only be properly understood once the whole human being, as well as each separate organ, are seen in this light. The science of human health and sickness will only find a footing on healthy ground once these polarities in the physical human being are able to be seen everywhere. Then it will be known, for instance, that at the change of teeth, around the seventh year, ahrimanic forces are setting to work in the head region; or that when the physical body starts to develop towards the warmth pole at puberty, this means that luciferic forces are at work; that in the rhythmical nature of the human being there are constant swings of the pendulum, physically too, between the luciferic and the ahrimanic aspect. Until we learn to speak thus, without any superstition, but with scientific exactness, about the luciferic and ahrimanic influences upon human nature—just as today we speak without superstition or mysticism about positive and negative magnetism, about positive and negative electricity, about light and darkness—we shall not be in a position to gain knowledge of the human being which can stand up to the abstract knowledge of inorganic nature that we have achieved during the course of recent centuries.
[ 13 ] In abstrakter Art sprechen auch heute schon viele von allerlei Polaritäten im Menschen. Es gibt mystisch-nebulose Veröffentlichungen, Publikationen, die allerlei Positives und Negatives in den Menschen hineinbringen. Sie scheuen sich davor, den Aufstieg zu vollführen zu einem viel Konkreteren, Geistigeren, aber geistig wirklich Konkreten, und reden daher ebenso abstrakt von dem Menschlichen in seiner Polarität, von Positivem und Negativem, wie sie in der unorganischen Natur von der Polarität sprechen. Erst das kann Wissenschaft vom Menschen sein, das Aufsteigen von den armen Begriffen des Positiven und Negativen, von den armen Begriffen der Polarität, wie wir sie in der unorganischen Natur finden, zu den erfüllten Begriffen des Luziferischen und Ahrimanischen im Menschen.
[ 13 ] In an abstract way many people already speak about all kinds of polarities in the human being. Mystical, nebulous publications discuss all kinds of positive and negative influences in man. They shy away from ascending to a much more concrete, more spiritual, but spiritually entirely concrete plane, and so they speak in a manner about the human being's positive and negative polarities which is just as abstract as that in which they discuss polarities in inorganic nature. Real knowledge of the human being can only come about if we rise above the poverty-stricken concepts of positive and negative, the poverty-stricken concepts of polarity as found in inorganic nature, and ascend to the meaningful concepts of luciferic and ahrimanic influences in man.
[ 14 ] Wenn wir zu dem Seelischen gehen, das sich als das zweite Glied im höheren Sinne der menschlichen Wesenheit entfaltet, dann sehen wir das Ahrimanische wirksam in allem, was die Menschenseele nach dem rein verstandesmäßig-intellektuell Gesetzmäßigen hintreibt. Unsere Naturwissenschaft ist heute fast ganz ahrimanisch. Der Mensch streift, indem er nach dem ahrimanisch Seelischen sich hinentwickelt, alles ab, was die Begriffe, die Ideen mit Wärme durchglüht; er gibt sich nur dem hin, was die Begriffe, die Ideen eiskalt und trocken macht, und er fühlt sich dann ganz besonders im heutigen wissenschaftlichen Denken befriedigt, wenn er also ahrimanisch ist, wenn er sich in trockenen und kalten Begriffen bewegt, wenn er alles, was Welterklärung ist, so machen kann, daß es nach dem Muster gestaltet ist, wie man die unorganische, die leblose Natur erkennt. Und indem die Seele mit dem Moralischen sich durchdringt, erscheint in ihr das Ahrimanische in alledem, was hinneigt zu dem Pedantischen, zu dem Steifen, zu dem Philiströsen auf der einen Seite; dann aber auch wiederum zu dem Freien, zu dem Unabhängigen, zu dem, was die vollen Früchte des materiellen Daseins aus diesem materiellen Dasein herausziehen will, was sich ganz dadurch vollkommen machen will, daß es das materielle Dasein durchdringt.
[ 14 ] Turning now to the soul element, in a higher sense the second element of man's being, we find the ahrimanic influence at work in everything that drives the soul towards purely intellectual rigid laws. Our natural science today is almost totally ahrimanic. As we develop towards ahrimanic soul elements, we discard anything that might fill our concepts and ideas with warmth. We submit only to whatever makes concepts and ideas ice-cold and dry as dust. So we feel especially satisfied in today's scientific thinking when we are ahrimanic, when we handle dry, cold concepts, when we can make every explanation of the world conform to the pattern we have established for inorganic, lifeless nature. Also, when we imbue our soul with moral issues, the ahrimanic influence is found in everything that tends towards what is pedantic, stiff, philistine on the one hand; but also in what tends towards freedom, towards independence, towards everything that strives to extract the fruits of material existence from this material existence and wants to become perfect by filling material existence.
[ 15 ] Es erscheint eigentlich sowohl das Ahrimanische wie das Luziferische immer von zwei Seiten. Auf der einen Seite stellt es etwas dar, was ein Abweg ist. Das Ahrimanische stellt als einen Abweg das Pedantische dar, das Philiströse, das einseitig Verstandesmäßige. Es stellt auf der andern Seite eben dasjenige dar, was durchaus in einer notwendigen Entwickelungslinie des Menschen nach vorwärts liegt, was den Willen zur Befreiung, den Willen zum Benützen des materiellen Daseins, zur Menschenbefreiung und so weiter entwickelt.
[ 15 ] Both ahrimanic and luciferic influences nearly always display two sides. In the ahrimanic direction, one of these—the pedantic, the philistine, the one-sidedly intellectual aspect—leads us astray. But on the other side there is also something that lies in mankind's necessary line of evolution, something which develops a will for freedom, a will to make use of material existence, to free the human being and so on.
[ 16 ] Das Luziferische in der menschlichen Seele stellt alles dasjenige dar, wodurch der Mensch nach oben gewissermaßen über sich hinaus will. Er kann dadurch ins nebulos Mystische geraten. Er kann dadurch in Regionen geraten, in denen ihm alles Denken über das Materielle unvornehm, niedrig erscheint, so daß er verleitet, verführt wird dazu, dieses materielle Dasein ganz zu verachten und sich nur zu ergehen in dem, was über dem Materiellen liegt, in alledem, was den Menschen dazu verführt, Flügel haben zu wollen, um über sein Erdendasein wenigstens mit der Seele hinauszukommen. Das stellt ihm seelisch das Luziferische dar. Neben dem Ahrimanischen, der nüchternen, trockenen, kalten Wissenschaft, tritt die schwüle Mystik auf, tritt auf dasjenige, was in religiösen Bekenntnissen asketische Erdenverachtung und so weiter wird.
[ 16 ] The luciferic influence in the human soul is found in everything that makes us desire to fly upwards out of ourselves. This can create nebulous, mystical attitudes which lead us to regions where any thought of the material world seems ignoble and inferior. Thus we are led astray, misled into despising material existence entirely and into wanting instead to indulge in whatever lies above the material world, into wanting wings on which to soar above earthly existence, at least in our soul. This is how the luciferic aspect works on our soul. To the ahrimanic aspect of dull, dry, cold science is added a sultry mysticism of the kind that in religions leads to an ascetic disdain for the earth, and so on.
[ 17 ] Indem man das Ahrimanische und das Luziferische der Seele charakterisiert, sieht man, wie auch das menschliche Seelische in einem Gleichgewichtszustande sein muß zwischen zwei polarischen Gegensätzen. Man kann sagen, auch das Luziferische zeigt die Möglichkeit eines Irrweges, aber auch die Möglichkeit einer notwendigen Fortentwickelung des richtigen menschlichen Wesens. Der Abweg ist die verschwommene, verschwimmelnde, nebulos werdende Mystik, welche alle klaren Begriffe in ein unbestimmtes, nebelhaftes Helldunkel zerflattert und dadurch den Menschen über sich selber hinausführen will. Dasjenige aber, was nicht nur ein berechtigtes, sondern geradezu im notwendigen Fortschritt der Menschheit liegendes luziferisches Wirken ist, das zeigt sich dann, wenn der Mensch so schafft, daß er nicht das materielle Dasein mit den heute realen Lebensprinzipien durchdringt, um die Impulse dieses materiellen Daseins voll auszunützen, wie das im Ahrimanischen der Fall ist, sondern wenn er das materielle Dasein bis zur Scheinhaftigkeit ablähmt und es in dieser Scheinhaftigkeit benützt, um ein Übersinnliches darzustellen, um etwas darzustellen, was geistig wirklich ist, aber in dieser geistigen Wirklichkeit nicht auch sinnlich wirklich sein kann durch das bloße Naturdasein.
[ 17 ] This description of the ahrimanic and luciferic aspects of soul life shows us that the human soul, too, has to find a balance between polar opposites. Like the ahrimanic, the luciferic aspect also reveals possibilities for deviation and, at the same time, possibilities for the necessary further evolution of the proper being of man. The deviation is a blurred, hazy, nebulous mysticism that allows any clear concepts to flutter away into an indeterminate, misty flickering of clarity and obscurity with the purpose of leading us up and away from ourselves. On the other hand, a luciferic influence which is entirely justifiable, and is indeed a part of mankind's necessary progress, is made manifest when we fill material existence with today's genuine life principles, not in order to make exhaustive use of the impulses of this material existence—as is the case with ahrimanic influences—but in order to paralyse material existence into becoming a semblance which can then be used in order to describe a super-sensible realm, in order to describe something that is spiritually real, and yet—in this spiritual reality—cannot also be real in the world of the senses merely through natural existence.
[ 18 ] Die luziferischen Kräfte geben so dem Menschen die Möglichkeit, im sinnlichen Scheinesdasein das Geistige auszudrücken. Und das ist das Bestreben aller Kunst, aller Schönheit. Luzifer wird damit auch der Protektor der Schönheit, des Künstlerischen. Und wenn der Mensch nun sucht das richtige Gleichgewicht zwischen dem Luziferischen und Ahrimanischen, dann darf er in dieses Gleichgewicht hineinwirken lassen in der Form der Schönheit das Künstlerische, das Luziferische. Es kommt nicht darauf an, daß man in einseitiger Weise sagt, der Mensch müsse sich vor dem Ahrimanischen, vor dem Luziferischen hüten. Es handelt sich darum, daß der Mensch die richtige Stellung zu dem Ahrimanischen, zu dem Luziferischen finde, daß er zwischen beiden immer seinen Gleichgewichtszustand behält. Behält er diesen Gleichgewichtszustand, dann darf das Luziferische ins Leben hereinscheinen in Form der Schönheit, in Form des Künstlerischen, indem dadurch in das Leben ein Unwirkliches hereingezaubert wird, das aber durch des Menschen Kraft selber in eine Scheinwirklichkeit umgewandelt wird.
[ 18 ] Luciferic forces endow human beings with the possibility of expressing the spirit in the semblance of sense-perceptible existence. It is for this that all art and all beauty are striving. Lucifer is the guardian of beauty and art. So in seeking the right balance between luciferic and ahrimanic influences we may allow art—Lucifer—in the form of beauty, to work upon this balance. There is no question of saying that human beings must guard against ahrimanic and luciferic influences. What matters is for human beings to find the right attitude towards ahrimanic and luciferic influences, maintaining always a balance between the two. Provided this balance is maintained, luciferic influences may be permitted to shine into life in the form of beauty, in the form of art. Thus something unreal is brought into life as if by magic, something which has been transformed into a semblance of reality by the effort of human beings themselves.
[ 19 ] Die luziferischen Kräfte streben, in das gegenwärtige Dasein dasjenige hereinzutragen, was im Weltendasein längst vergangen ist, was daher im gegenwärtigen Dasein nach den Daseinsgesetzen nicht wirklich sein kann. Wenn der Mensch das kosmisch Konservative verfolgt, wenn er das, was für Vorzeiten richtige Daseinsgestaltungen waren, in die Gegenwart hereinstellen will, dann verfällt er in falscher Weise dem Luziferischen. Wenn er also zum Beispiel jene Anschauung der Welt, welche in verschwommenen Bildern lebt, die nur in alten kosmischen Zeitaltern voll berechtigt waren, wenn er alles ineinander verschwimmen läßt, was in seiner Seele lebt, dann ergibt er sich in falscher Weise dem luziferischen Dasein. Wenn er dem äußerlichen materiellen Dasein eine solche Gestalt gibt, daß es etwas ausdrückt, was es durch seine eigenen Naturgesetze nicht ausdrücken kann — der Marmor kann nur die mineralogischen Gesetze ausdrücken —, wenn der Mensch dem Marmor aufzwingt dasjenige, was dieser durch die eigene Naturkraft des Marmors niemals ausdrücken kann, dann entsteht die plastische Kunst. Dann wird dasjenige, was in einem solchen Sinnlichen keine Wirklichkeit sein kann, dann wird Unwirklichkeit in das Dasein hereingezaubert. Und das ist ja gerade das Bestreben Luzifers, daß er den Menschen von der Wirklichkeit, in der er sich nun einmal befindet zwischen Geburt und Tod, hinwegführen will zu einer Wirklichkeit, die allerdings für andere Zeitalter direkte Wirklichkeit war, die aber für dieses Zeitalter nicht die rechte Wirklichkeit sein kann.
[ 19 ] It is the endeavour of luciferic forces to bring into present-day life something that has long been overtaken by world existence, something that the laws of existence cannot allow to be real in present-day life. If human beings follow a course of cosmic conservation, if they want to bring into the present certain forms of existence which were right and proper in earlier times, then they fall in the wrong way under the influence of the luciferic aspect. If, for instance, they bring in a view of the world that lives only in vague pictures such as were justifiable in ancient cosmic ages, if they allow everything living in their soul to become blurred and mingled, they are giving themselves up in the wrong way to luciferic existence. But if they give to external existence a form which expresses something it could not express by its own laws alone—marble can only express the laws of the mineral world—if they force marble to express something it would never be able to express by means of its own natural forces, the result is the art of sculpture; then, something which cannot be a reality in a sense-perceptible situation of this kind, something unreal, is brought as if, by magic into real existence. This is what Lucifer is striving to achieve. He strives to lead human beings away from the reality in which they find themselves between birth and death into a reality which was indeed reality in earlier times but which cannot be genuine reality for the present day.
[ 20 ] Wenn man den Menschen nun geistig ins Auge faßt, dann kann auch für das Geistige das Luziferische und das Ahrimanische in Anspruch genommen werden. Es äußert sich hier für das Erdendasein zunächst das menschliche Wesen in geistiger Beziehung durch die Wechselzustände zwischen Wachen und Schlafen. Im Wachzustande sind wir mit unserem geistigen Teil ganz dem Materiellen hingegeben. Man muß in dieser Beziehung folgendes sagen: Wenn der Mensch einschläft, so ist er vom Einschlafen bis zum Aufwachen in einem Zustande, den man als geistig-seelisches Dasein bezeichnen kann. Der Mensch geht mit seinem geistig-seelischen Dasein beim Einschlafen aus dem physischen und ätherischen Leibe heraus und taucht wiederum unter in den physischen und ätherischen Leib mit seinem Geistig-Seelischen beim Aufwachen. So trägt der Mensch gewissermaßen im Schlafzustande seinen geistig-seelischen Zustand in sich; aber den seelischen Zustand, den behält er beim Aufwachen fast ganz als seelisches Leben zurück. Nur mit dem Geiste taucht er vollständig auch in den Leib unter. So daß wir im Wachen mit unserem Geiste in der Periode der heutigen Menschheitsentwickelung eben ganz Leib werden, in das Leibliche untertauchen, wenigstens bis zu einem hohen Grade. Da verfallen wir dann aus einem Dasein, wie wir es eben im Schlafe haben, in das Dasein des wachen Zustandes. Wir werden herübergetragen aus dem einen Zustand in den andern. Und diesen Übergang den bewirken Kräfte, die wir zu den ahrimanischen zu zählen haben.
[ 20 ] Now let us look at the spiritual aspect of the human being. We find that here, too, both luciferic and ahrimanic influences are called upon. In life here on earth the being of man expresses itself in the first instance in the alternating states of waking and sleeping. In the waking state the spiritual part of our being is fully given over to the material world. The following must be said in this connection: In sleep, from the moment of going to sleep to the moment of waking up, we find ourselves in a spirit-soul existence. On going to sleep we depart with our spirit-soul existence from our physical and etheric bodies, and on waking up we enter with our spirit and soul once again into our physical and etheric bodies. In sleep, you could say, we bear our state of soul-spirit within us; but on waking up we keep back our soul state almost entirely in the form of our soul life. Only with our spirit do we plunge fully into our body. So in the waking state in the present phase of human evolution we become with our spirit entirely body, we plunge into our body, at least to a very high degree. From the existence of our sleeping state we fall into that of our waking state. We are carried over from one state to the other. This is brought about by forces which we have to count among the ahrimanic forces.
[ 21 ] Wenn wir den Menschen in bezug auf sein Geistiges betrachten, das heißt in bezug auf jenen Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen, der ja für das physische Erdendasein das Geistige des Menschen offenbart, so müssen wir sagen, beim Aufwachen wirkt am meisten das Ahrimanische; umgekehrt beim Einschlafen wirkt am meisten das Luziferische. Der Mensch wird aus dem Untergetauchtsein in das Physisch-Leibliche in den freien geistig-seelischen Zustand hinübergetragen. Er wird in einen Zustand hinübergetragen, in dem er nicht mehr in ahrimanischen Begriffen denkt, sondern nur in den Bildern, welche die scharfen, ahrimanischen Begriffskonturen auflösen, welche alles verweben und verschwimmen lassen. Er wird in einen Zustand versetzt, wo dieses In-Bildern-Verschwimmen das Normale ist. Kurz, wir können sagen: Es trägt uns von dem Schlafzustande in den Wachzustand hinein in berechtigter Weise das Ahrimanische, es trägt uns aus dem Wachzustand in den Schlafzustand hinein in berechtigter Weise das Luziferische.
[ 21 ] Looking at the spiritual aspect of the human being, that is, at the alternation between waking and sleeping, which is what reveals our spiritual aspect in physical, earthly existence, we find that in waking up the ahrimanic element is most at work, while falling asleep is brought about chiefly by the luciferic element. From being entirely enveloped in our physical body, we are carried across into the free soul-spirit state. We are carried over into a state in which we no longer think in ahrimanic concepts but solely in pictures which dissolve sharp ahrimanic conceptual contours, allowing everything to interweave and become blurred. We are placed in a state in which to interweave in pictures is normal. In brief we can say: The ahrimanic element carries us, quite properly, from the sleeping to the waking state, and the luciferic element carries us, equally properly, from the waking state into the sleeping state.
[ 22 ] Abwege entstehen erst dann, wenn in den Wachzustand zu wenig hineingetragen wird von dem luziferischen Impuls, so daß während des Wachzustandes zu stark der ahrimanische Impuls wirkt. Dann wird der ahrimanische Impuls den Menschen zu stark in das Leibliche hinunterdrücken, wird ihn nicht stehenlassen bei den seelischen Empfindungen von Gut und Böse, bei den moralischen Impulsen. Er wird ihn hinuntertauchen in das Emotionelle, in das Leidenschaftliche. Er wird ihn hinuntertauchen in das Instinktleben, in das Animalische. Er wird den Menschen seinem Ich nach zu gründlich mit dem Leiblichen vereinigen.
[ 22 ] Deviations occur when too little of the luciferic impulse is carried over into the waking state, making the ahrimanic impulse stronger than it should be in the waking state. If this happens, the ahrimanic impulse presses the human being down too strongly into his physical body, preventing him from remaining in the realm of the soul sentiments of good and evil, the realm of moral impulses. He is pushed down into the realm of emotions and passions. He is submerged in the life of animal instinct. His ego is made to enter too thoroughly into the bodily aspect.
[ 23 ] Und wiederum: Wenn das Luziferische in unberechtigter Weise im Menschen wirkt, so wird der Mensch zu viel von seinem Wachleben in das Schlafleben hineintragen. Es werden im Schlafesleben Träume auftauchen, die zu viel Reminiszenzen an das Tagesleben sind. Diese werden wiederum zurückwirken auf das Wachleben und dieses in eine ungesunde Mystik hineintreiben. Man sieht, überall ist es im Leben so, daß der Gleichgewichtszustand des Menschen durch die beiden Polaritäten, durch das Luziferische und das Ahrimanische, hervorgebracht werden muß, daß aber Abirrungen stattfinden können. Man wird erst eine Leibeslehre — wie ich schon angedeutet habe — mit einer richtigen Gesundheits- und Krankheitslehre haben, wenn man überall diese Polarität im Leibesleben finden kann. Man wird erst eine Psychologie haben, wenn man in der Lage sein wird, im Seelischen diese Polarität zu sehen.
[ 23 ] Conversely, when the luciferic impulse works in an unjustified way in the human being it means that he carries too much of his waking life into his sleeping life. Dreams rise up in sleep which are too reminiscent of waking life. These work back into waking life and push it into an unhealthy kind of mysticism. So you see, in every aspect of life a state of balance must be brought about in the human being by the two polarities, by the luciferic and the ahrimanic elements. Yet deviations an occur. As I have said, a proper physiology of the body, with a proper knowledge of health and sickness, will only be possible when we have learnt to find this polarity in every aspect of bodily life. Similarly, a valid psychology will only be possible when we are in a position to discover this polarity in the soul.
[ 24 ] Man redet heute in denjenigen Wissenschaften, die man als Psychologie, als Seelenkunde ansieht, in chaotischer Weise herum von Denken, Fühlen und Wollen. Im Seelenleben fließen auch Denken, Fühlen und Wollen ineinander über. Wir können noch so reine Gedanken fassen —, indem wir die Gedanken verbinden und trennen, wirkt der Wille in den Gedanken. Und selbst, wenn wir nur instinktive Bewegungen ausführen, so wirken unsere Gedankenimpulse doch in die Willensbetätigung hinein. Nirgends sind im Seelenleben getrennt Denken, Fühlen und Wollen, überall wirken sie ineinander. Und wenn man sie in der heute gewohnten Weise trennt, so ist die Trennung eine abstrakte Trennung, so ist da das Sprechen von Denken, Fühlen und Wollen nur in drei Abstraktionen bestehend. Was wir da Denken, Fühlen und Wollen nennen, wir können es unterscheiden, wir können es als abstrakte Begriffe hinstellen, aber als solche abstrakte Begriffe mag es uns dienen für unsere unterscheidende Erkenntnis; ein richtiges Bild der Wirklichkeit gibt es uns nicht.
[ 24 ] Nowadays, in the sciences that are regarded as psychology—the science of the soul—all sorts of chaotic things are said about thinking, feeling and willing. In the life of the soul thinking, feeling and willing also flow into one another. However pure our thoughts may be, as we link them together and take them apart we are using our will in our thoughts. And even in movements which are purely instinctive our thought impulses work into our will activity. Thinking, feeling and willing are nowhere separate in our soul life; everywhere they work into one another. If, as is the custom today, they are separated out, this is merely an abstract separation; to speak of thinking, feeling and willing is then merely to speak of three abstractions. Certainly we can distinguish between what we call thinking, feeling and willing, and as abstract concepts they may help us to build up our knowledge of what each one is; but this by no means gives us a true picture of reality.
[ 25 ] Ein richtiges Bild der Wirklichkeit bekommen wir nur, wenn wir in jedes Denken das Fühlen und Wollen auch hineinschauen, in jedes Fühlen das Denken und Wollen, in jedes Wollen das Denken und Fühlen. Damit wir aber dann doch statt dieses abstrakten Denkens, Fühlens und Wollens das konkrete Leben und Wogen des Seelischen durchschauen, müssen wir uns vergegenwärtigen, wie das Seelenleben nach der einen Polarität hin ausschlägt und nach der andern Polarität, wie es hinschlägt nach der ahrimanischen Polarität und da in Gedanken sich auslebt. In diesen Gedanken mögen nun Willensimpulse so viel als möglich sein. Lernen wir erkennen auf einer höheren Stufe des Erkennens die besondere Eigenart des Ahrimanischen, dann fühlen wir die Polarität des Denkens in der Seele; sehen wir nach der andern Seite die Seele ausschlagen, nach dem Wollen, dann mögen noch so viele Denkinhalte in den Willensbetätigungen sein —, wenn wir den luziferischen Charakter des Wollens erfassen, dann haben wir die lebendige Natur des Wollens in der Seele begriffen. Es muß sich in uns verwandeln dasjenige, was Abstraktionen sind, Begriffe sind, Ideen sind, in lebendige Anschauung. Diese gewinnen wir aber nicht, wenn wir uns nicht entschließen, aufzusteigen zu so etwas, wie es die Anschauungen des Luziferischen und Ahrimanischen sind.
[ 25 ] We gain a true picture of reality only if we see feeling and willing in every thought, thinking and willing in every feeling and thinking and feeling in every act of will. In order to see—in place of that abstract thinking, feeling and willing—our concrete living and surging soul life, we must also picture to ourselves how our soul life is deflected to one polarity or the other—for instance, how it is deflected to the ahrimanic polarity and there lives in thoughts. However many will impulses there may be in these thoughts, if we learn to recognize, at a higher level of knowledge, the special characteristics of the ahrimanic element, then we can feel the polarity of thinking in the soul. And if we see the soul deflected in the other direction, towards the will, then—however much thought content there may be in this will activity—if we have grasped the luciferic nature of the will, we shall have understood the living nature of the will in our soul life. All abstractions, concepts, ideas in us must be transformed into living vision. This we will not achieve unless we resolve to ascend to a view of the luciferic and the ahrimanic elements.
[ 26 ] Auch gegenüber dem geschichtlichen Leben der Menschheit bringen wir nur Wirklichkeit in unser Vorstellen hinein, wenn wir in den einzelnen Geschichtsperioden das Walten und Wogen des Luziferischen und Ahrimanischen wahrzunehmen in der Lage sind. Betrachten wir die Geschichtsperiode, sagen wir, von Augustinus bis in die Zeit des endenden Mittelalters, der aufsteigenden Neuzeit, bis zum 15. Jahrhundert hin, betrachten wir sie, wie der Mensch vorzugsweise im äußeren Leben jene Impulse wirksam sein läßt, die aus seinem tiefsten Inneren, aus dem emotionellen Leben herkommen, betrachten wir, wie der Mensch in dieser Zeit selbst das äußere staatlich-soziale Leben so gestalten will, wie er den im Inneren erkannten göttlichen Impuls glaubt wahrnehmen zu können: Wir fühlen deutlich das luziferische Walten in diesem Geschichtsabschnitt.
[ 26 ] As regards the life of mankind through history, too, the pictures we form are only real if we are capable of perceiving the working and surging of the luciferic and ahrimanic elements in the different periods of history. Let us look, for instance, at the period of history which starts with Augustine4 Aurelius Augustinus 354-430, Bishop of Hippo in North Africa. and reaches to the end of the Middle Ages and the beginning of modern times, the fifteenth century. Let us look at this period and see how in external life people preferred to allow impulses to work which came from their deepest inner being, out of their emotional life; let us see how people during this period wanted to shape even the external life of society and the state in accordance with what they believed they could discern of the divine impulses within themselves. We feel quite clearly that the luciferic impulse was at work in this period of history.
[ 27 ] Und wenn wir heraufgehen in die neuere Zeit, wenn wir sehen, wie der Mensch den Blick nach außen richtet auf das Mechanisch-Physikalische der Welt, das adäquat nur in der richtigen Weise erfaßt werden kann durch das Denken, durch den Umgang mit der äußeren Welt, so sehen wir deutlich walten das Ahrimanische in diesem Zeitraume. Das darf uns aber nicht bloß zu der Aussage nötigen, die Zeit von Augustinus bis zu Galilei wäre luziferisch, die Zeit von Galilei bis zu uns wäre ahrimanisch. Das wäre wiederum selber ein ahrimanisches Urteil, das wäre ein selber intellektualistisches Auslegen. Will man von einem solchen intellektualistischen Auslegen in ein Lebendiges hineinkommen, in ein miterlebendes Erkennen des Daseins, in das der Mensch hineingestellt ist, dann muß man das Ausdrucksmittel anders wenden. Dann muß man sagen: In der Zeit von Augustinus bis zu Galilei hatte der Mensch, um seinen Gleichgewichtszustand anzustreben, sich gegen das Luziferische zu wehren. In der neueren Zeit hat der Mensch, um seinen Gleichgewichtszustand anzustreben, sich gegen das Ahrimanische zu wehren.
[ 27 ] Now go to more recent times and see how people turn and look outwards towards the mechanical and physical aspects of the world which can only be adequately comprehended in the right way by thinking and by contact with the external world. It is obvious that the ahrimanic element is at work in this period. Yet this must not tempt us to declare the period from Augustine to Galileo to be luciferic and the period from Galileo to the present time to be ahrimanic. This would in turn be an ahrimanic judgement, an intellectualistic interpretation. If we want to make the transition from an intellectualistic to a living interpretation, to a recognition of life as an experience in which we share, of which we are a part, then we shall have to express ourselves differently. We shall have to say: During the period from Augustine to Galileo, human beings had to resist the luciferic element in their striving for balance. And in more recent times human beings have to resist the ahrimanic element in their striving for balance.
[ 28 ] Es kommt nicht nur darauf an — das muß immer klarer und klarer eingesehen werden —, daß wir in unserer fortschreitenden Zivilisation das oder jenes sagen, sondern es kommt darauf an, daß wir entscheiden können, ob gegenüber einer Situation das oder jenes gesagt werden kann. Es mag noch so wahr sein im abstrakten Sinne, daß das Mittelalter luziferisch, die neuere Zeit ahrimanisch ist; diese abstrakte Wahrheit hat keine wirkliche Impulsivität. Die wirkliche Impulsivität tritt auf, wenn wir sagen: Der Mensch konnte sich aufrechterhalten im Mittelalter durch den Kampf gegen das Luziferische, der Mensch kann sich aufrechterhalten in der Neuzeit durch den Kampf gegen das Ahrimanische. Wahr sein kann auch im äußeren abstrakten Sinne das, was gegenüber der Wirklichkeit lediglich Phrase ist: Richtig wirklich im Vorstellungsleben ist nur dasjenige, was in bezug auf die Situation des Menschendaseins, auf die es ankommt, wirklich innerlich vorhanden ist. Wovor sich der moderne Mensch am meisten zu hüten hat, das ist das Fallen in die Phrase. Man erlebt es immer wieder und wiederum, daß Menschen, die dann schon glauben, im anthroposophischen Leben drinnenzustehen, sagen, dieser oder jener habe etwas gesagt, was ganz mit dem Anthroposophischen übereinstimme. — Auf das äußere Zustimmen in Worten kommt es nicht an, sondern auf den Geist, auf den lebendigen Geist, auf den lebendigen, wirklichen Zusammenhang, in dem etwas drinnen steht. Wenn wir heute bloß auf den äußerlich logischen Inhalt der menschlichen Aussage sehen, so entgehen wir der Gefahr der Phrase nicht.
[ 28 ] We must understand ever more clearly that in our civilization as it progresses it is not a matter of whether we say one thing or another. What matters is being able to decide, in a given situation, whether one thing or another can be said. However true it may be to say, in an abstract way, that the Middle Ages were luciferic and more recent times ahrimanic, what matters is that this abstract truth bears no real impulse. The real impulse comes into play when we say: In the Middle Ages human beings maintained their uprightness by combating the luciferic element; in modern times they maintain their uprightness by combating the ahrimanic element. In an external, abstract sense something that is in reality no more than an empty phrase can be perfectly true. But as regards the particular situation of human existence in question, a thing that is real in our life of ideas can only be something that is actually inwardly present. What people today must avoid more than anything else is to fall into empty phrases. Again and again we come across situations in which people who believe themselves to be standing in anthroposophical life say: So-and-so said something which was in perfect agreement with Anthroposophy. We are not concerned with an outward agreement in words alone. What matters is the spirit, the living spirit, the living reality within which something stands. If we concern ourselves solely with the external, logical content of what people say today, we do not avoid the danger of the empty phrase.
[ 29 ] Ich habe in der letzten Zeit ein paarmal vor diesem oder jenem Kreise meiner Zuhörer ein eklatantes Beispiel angeführt, wie an sich ganz richtige Sachen, die gesagt werden, sich merkwürdig ausnehmen vor dem Wirklichkeitssinn. Ich habe das Beispiel angeführt, daß 1884 der Fürst Bismarck im deutschen Reichstag, als er die sozialdemokratische Gefahr herannahen fühlte, einen merkwürdigen Ausspruch tat. Er wollte die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung davon ablenken, den sozialdemokratischen radikalen Führern zu folgen, und aus diesem Impuls heraus sagte Bismarck, es stehe jedem Menschen das Recht auf Arbeit zu. «Gestehen Sie jedem Menschen das Recht auf Arbeit zu, verschaffen Sie ihm von Staats wegen Arbeit, solange er arbeiten kann, versorgen Sie ihn» — so sprach er, der deutsche Reichskanzler —, «versorgen Sie ihn, wenn er alt geworden ist und nicht mehr arbeiten kann und in Krankheitsfällen mit dem, was er zum Leben nötig hat, und Sie werden sehen, daß die breiten Scharen der Arbeitermassen fortstürmen von den Versprechungen der Arbeiterführer.»— 1884 hat der Fürst Bismarck diesen Satz im Deutschen Reichstag gesagt.
[ 29 ] In one circle or another recently I have a number of times given a striking example of how strangely certain statements, which are perfectly correct in themselves, appear when illuminated by a sense for reality. In 1884, in the German Reichstag, Bismarck made a remarkable statement when he felt threatened by the approach of social democracy.5 in a speech on 9 May 1884, ‘I recognize unconditionally the right to work and will defend this so long as I occupy my present position. In doing so, I stand, not on the soil of socialism but on the soil of the Prussian constitution.’ Quoted in Gide and Rist Geschichte der volkswirt schaftlichen Lehrmeinungen, Jena 1921. He wanted to dissuade the majority of the working population from following their radical social-democratic leaders, and this is what spurred him to say: Every individual has the right to work; grant to every individual the right to work, let the state find work for everybody, provide everybody with what they need in order to live—thus spoke the German Chancellor—when they are old and can no longer work, or when they are ill, and you will see that the broad masses of the workers will turn tail on the promises of their leaders. This is what Prince Bismarck said in the German Reichstag in 1884.
[ 30 ] Kurioserweise kann man etwas zurückgehen, fast ein Jahrhundert zurückgehen, und ein anderer hat, man kann fast sagen wörtlich, denselben Satz ausgesprochen, hat ausgesprochen den Satz: «Es ist Menschenpflicht, jedem das Recht auf Arbeit zuzugestehen, ihm von Staats wegen Arbeit zu verschaffen, solange er arbeiten kann, ihn von Staats wegen zu versorgen, wenn er krank oder invalide ist und nicht mehr arbeiten kann.» — Und dieser andere, das war Robespierre. 1792 hat er diesen Satz seinem «Menschenrechte» einverleibt. Merkwürdig, wörtlich genau dasselbe sagten der radikale Robespierre 1792 und der Fürst Bismarck, der ganz gewiß kein Robespierre sein wollte, 1884 im Deutschen Reichstag. Sie sehen, zwei Leute können genau dasselbe sagen und es ist nicht dasselbe. Und kurioserweise berief sich dazumal 1884 der Fürst Bismarck darauf, daß das Recht auf Arbeit jedem im preußischen Lande befindlichen Arbeiter garantiert sei, denn das sei 1794 im Preußischen Landrechte enthalten. Kurioserweise also sagt der Fürst Bismarck nicht nur dasselbe, sondern er sagt, was Robespierre forderte, stehe im Preußischen Landrecht. Aber die Wirklichkeit verläuft so, daß dazumal diese Worte von Bismarck nur ausgesprochen wurden, weil er herannahen fühlte eine Gefahr, welche gerade dadurch entsteht, daß das eben nicht da ist, was da wortwörtlich im Preußischen Landrecht steht.
[ 30 ] Curiously enough, if you go back almost a hundred years you find that another political figure said the same, almost verbatim: It is our human duty to grant every individual the right to work, to let the state find work for all, so long as they can work, and for the state to care for them when they are ill and can no longer work. In 1793 Robespierre6 Maximilien Francois Marie Isidore de Robespierre, 1758-1794. From 1793 a leading member of the Committee of Public Safety. Guillotined in 1794. wanted to incorporate this sentence in the democratic constitution. Is it not remarkable that in 1793 the revolutionary Robespierre and in 1884 Prince Bismarck—who certainly had no wish to be another Robespierre—said exactly the same thing. Two people can say exactly the same, yet it is not the same. Curiously, too, Bismarck referred in 1884 to the fact that every worker in the state of Prussia was guaranteed the right to work, since this was laid down in the Prussian constitution of 1794. So Bismarck not only says the same, but he says that what Robespierre demanded was laid down in the Prussian constitution. The real situation, however, was as follows: Bismarck only spoke those words because he felt the approach of a threat which arose from the very fact that what stood word for word in the Prussian constitution was actually not the case at all.
[ 31 ] Ich führe dieses Beispiel an, nicht weil es ein politisches ist, sondern aus dem Grunde, weil es gerade eklatant zeigt: Zwei Menschen können ganz genau wörtlich dasselbe sagen, und doch entspricht es einer entgegengesetzten Wirklichkeit. Ich möchte dadurch darauf aufmerksam machen, daß wir in eine Zeit eintreten müssen, wo es uns weniger auf den Wortlaut ankommt und mehr auf das Erleben der Wirklichkeit. Sonst verfallen wir gerade in dem Gebiete des geistigen Lebens in die Phrase, die eine so große Rolle spielt in unserem gegenwärtigen geistigen Dasein. Gerade dieser Übergang von dem bloß inhaltlich Richtigen zu dem lebendig erlebten Wahren, dieser Übergang soll bewirkt werden durch das Eintreten der Initiationswissenschaft, die vom bloß logischen Inhalt zu dem Erleben der geistigen Welt geht, in die Zivilisation der Menschheit. Und derjenige, der richtig die äußeren Symptome des geschichtlichen Werdens in der Gegenwart für die nächste Zukunft hinein betrachtet, der wird sich aus diesen Symptomen heraus ein Gefühl und eine Empfindung für den berechtigten, für den notwendigen Eintritt der Initiationswissenschaft in die Weltzivilisation erringen können. Das, meine verehrten Anwesenden, meine lieben Freunde, wollte ich heute noch als eine Art Neujahrsbetrachtung vor Ihre Seele hinstellen.
[ 31 ] I quote this example not because it is political but because it is a striking demonstration of how two people can say the same thing, word for word, even though the reality in each case is the opposite. Thus I want to make you aware that it is time for us to enter upon an age when what matters, rather than the actual words, is our experience of reality. If we fail in this, then in the realm of spiritual life we shall fall into empty phrases which play such a major role in the spiritual life of today. And this transition from mere correctness of content to truth livingly experienced is to be brought about through the entry of initiation science into human civilization, initiation science which progresses from mere logical content to the experience of the spiritual world. Those who view correctly the external symptoms of historical development in the present and on into the near future will succeed, out of these symptoms, in achieving a feeling, a sense, for the justified and necessary entry of initiation science into world civilization. This is what I wanted to place before your souls today by way of a New Year's contemplation.
[ 32 ] Der nächste Abendvortrag wird am Samstag um 8 Uhr stattfinden.
[ 32 ] Not translated

