Old and New Initiation Methods
Drama and Poetry in the Shift
of Consciousness in the Modern Era
GA 210
8 January 1922, Dornach
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Old and New Initiation Methods, tr. SOL
3. Die Entwicklung des religiösen Lebens in den nachatlantischen Kulturen
3. The Development of Religious Life in Post-Atlantic Cultures
[ 1 ] Wir wollen heute von einem andern Gesichtspunkte aus, als das gestern geschah, die Differenzierung innerhalb der Menschheit betrachten, und zwar heute von einem historischen Gesichtspunkte aus. Wir wollen einmal mit dem ausgesprochenen Ziel, das Verständnis für die Gegenwart zu fördern, die menschliche Entwickelung von dem Zeitpunkte an betrachten, unmittelbar nachdem die atlantische Katastrophe vorüber war. Wenn wir innerhalb der menschlichen Evolution überhaupt von Zivilisationsentwickelung sprechen, haben wir dann die erste maßgebliche Entwickelungsperiode dieser Art zu suchen in der alten indischen Kulturepoche. Und da finden Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» von einem gewissen Gesichtspunkte aus eine Charakteristik dieser besonderen Kulturart, welche die des uralten Indiens war, jener Kulturart, von der in den mit Recht bewunderten Veden und in der mit Recht bewunderten altindischen Philosophie nur noch Nachklänge vorhanden sind, denn es gibt keine geschriebenen Urkunden aus dem, was in dieser Beziehung als indische Kultur genannt wird. Wenn wir unsere heutigen Worte gebrauchen, so müssen wir diese uralt indische Kultur bezeichnen als eine im eminentesten Sinne religiöse Kultur. Aber wir werden dann trotzdem mit dieser Bezeichnung nur das Richtige treffen, wenn wir uns über das, was eigentlich gemeint ist, mehr aussprechen.
[ 1 ] Today we want to examine the differentiation within humanity from a different perspective than we did yesterday—specifically, from a historical perspective. With the express aim of fostering an understanding of the present, let us examine human development beginning immediately after the Atlantean catastrophe had passed. When we speak of the development of civilization within human evolution, we must look to the ancient Indian cultural epoch for the first significant period of development of this kind. And there, in my Outline of Esoteric Science, you will find—from a certain perspective—a characterization of this particular cultural form, which was that of ancient India, the cultural form of which only echoes remain in the rightly admired Vedas and in the rightly admired ancient Indian philosophy, for there are no written records from what is referred to in this context as Indian culture. If we use our modern terminology, we must describe this ancient Indian culture as a religious culture in the most eminent sense. But we will still only be accurate with this designation if we elaborate further on what is actually meant.
[ 2 ] Das religiöse Element dieser uralt indischen Kultur war ein solches, daß es zu gleicher Zeit alles umfaßt hat, was wir von unserem heutigen Gesichtspunkte aus in Wissenschaft und Kunst anerkennen. Das gesamte Geistesleben des vollen Menschen wurde umfaßt von dieser Kultur, die wir, weil es trotzdem die treffendste Bezeichnung ist, als eine religiöse Kultur bezeichnen müssen. Diese religiöse Kultur erzeugt in den Menschen das Gefühl, daß sie in den Tiefen ihres Wesens verbunden sind mit einer göttlich-geistigen Welt. Und dieses Gefühl wurde in einer so intensiven Weise ausgebildet, daß das ganze Leben eigentlich durchleuchtet war von ihm, daß die helleren Bewußtseinszustände des Menschen, die unsere Wachzustände vorbereiteten, und auch seine traumhaften Zustände, die sich dann in unser chaotisches Traum- oder Schlafleben in der weiteren Evolution verloren haben, daß diese beiderlei Zustände durchzogen waren von diesem intensiven Bewußtsein der Verbindung des Menschlichen mit einem Göttlich-Geistigen.
[ 2 ] The religious element of this ancient Indian culture was such that it simultaneously encompassed everything we recognize today, from our current perspective, in science and art. The entire spiritual life of the whole human being was encompassed by this culture, which we must describe as a religious culture—because, despite everything, it is the most accurate term. This religious culture instills in people the feeling that they are connected, in the depths of their being, to a divine-spiritual world. And this feeling was developed so intensely that it actually permeated their entire lives, so that the brighter states of human consciousness—which prepared us for our waking states— as well as their dreamlike states—which were later lost in our chaotic dream or sleep life as evolution progressed—were permeated by this intense awareness of the connection between the human and the divine-spiritual.
[ 3 ] Aber wir dürfen nur diese allgemeine Charakteristik des Religiösen von unseren Begriffen hernehmen. Denn unsere Begriffe verführen uns zu stark dazu, das Religiöse als etwas Allgemeines, als etwas von dem übrigen Leben in einer gewissen Weise abstrakt Ferneliegendes zu betrachten. Bei denjenigen Menschen, von denen wir hier sprechen, war das Religiöse so, daß sie in den Inhalten, die sie mit dem Religiösen verbanden, zu gleicher Zeit ganz bestimmte Bilder, also ein bildhaftes Wissen hatten von dem Wesen des Menschen, und daß sie ein ausgebreitetes bildhaftes Wissen hatten von dem Bau des Weltenalls.
[ 3 ] But we must limit ourselves to this general characterization of the religious in our concepts. For our concepts are too strong a temptation to view the religious as something general, as something that is, in a certain sense, abstractly removed from the rest of life. For the people we are discussing here, the religious was such that, in the concepts they associated with it, they simultaneously possessed very specific images—that is, an imagery-based knowledge—of the nature of human beings, and they possessed an extensive imagery-based knowledge of the structure of the universe.
[ 4 ] Wir müssen uns allerdings vorstellen, daß dasjenige, was in der Weltanschauung dieser Menschen an bildhaftem Wissen von dem Bau des Weltenalls lebte, sich in keiner Weise vergleichen läßt mit dem, was wir etwa heute in unseren astronomischen oder astrophysischen Kenntnissen haben. In diesen astronomischen und astrophysischen Kenntnissen haben wir eine Art Mechanismus des Weltenalls. Die alte indische Bevölkerung hatte ein Weltenall, das in den bildhaften Vorstellungen dieser Menschen bewohnt war von göttlich-geistigen Wesenheiten. Von irgendwelchen in äußerlichen, bloß mechanischen Formeln auszusprechenden Beziehungen von Gestirnen und von Bewegungen von Gestirnen in unserem Sinne konnte eigentlich noch nicht die Rede sein. Wenn diese Menschen aufblickten zum gestirnten Himmel, dann war es ja für sie so, daß sie in den äußeren Sternkonstellationen und Sternbewegungen nur etwas sahen, was ihnen in ihrem bildhaften Bewußtsein gut bekannt war, was sie schauten. Es war etwa so, daß man die Sache in der folgenden Art charakterisieren kann:
[ 4 ] We must, however, realize that the pictorial knowledge of the structure of the universe that existed in these people’s worldview cannot in any way be compared to what we have today in our astronomical or astrophysical knowledge. In this astronomical and astrophysical knowledge, we have a kind of mechanism of the universe. The ancient Indian people had a universe that, in their imaginative conceptions, was inhabited by divine-spiritual beings. There could not yet really be any talk of relationships between celestial bodies or their movements—as we understand them—that could be expressed in external, purely mechanical formulas. When these people looked up at the starry sky, they saw in the external constellations and movements of the stars only what was well known to them in their pictorial consciousness—what they were actually observing. It was something that could be characterized in the following way:
[ 5 ] Nehmen wir an, wir haben irgendwo eine reichbelebte Szene gesehen, in der Menschen sich getummelt haben, in der Menschen allerlei verrichtet haben. Wir waren etwa Teilnehmer irgendeines Festes, bei dem man mancherlei vollbracht hat. Wir gehen nach Hause. Am nächsten Tag bekommen wir eine Zeitung mit einem Bericht über dieses Fest, das wir selbst gesehen haben. Wir lassen unseren Blick fallen auf die toten Buchstaben, deren Bedeutung wir allerdings kennen, und die, wenn wir sie lesend verbinden, uns einen schwachen, abgeblaßten Begriff geben von dem, was wir in aller Lebendigkeit am vorhergehenden Tage erlebt haben. So etwa war das, was in dieser uralten indischen Zeit von den Menschen in ihrem instiktiven Schauen erfaßt worden war, und im Verhältnis dazu dasjenige, was sie in den Sternkonstellationen und Sternbewegungen sahen. Diese Sternkonstellationen und Sternbewegungen waren eben nur Schriftzeichen, man könnte sagen blasse Schriftzeichen. Und wenn sie diese Schriftzeichen etwa, sagen wir nur abgemalt hätten und auf Papier gehabt hätten, so würden sie das durchaus als eine bloße Schrift über die Wirklichkeit empfunden haben.
[ 5 ] Let’s suppose we’ve seen a bustling scene somewhere, where people were milling about and doing all sorts of things. We were, for example, participants in some kind of festival where all manner of activities took place. We go home. The next day, we pick up a newspaper with a report on this festival that we ourselves witnessed. We let our gaze fall upon the lifeless letters, whose meaning we do know, and which, when we connect them as we read, give us a faint, pale notion of what we experienced in all its liveliness the day before. That is roughly what people in those ancient Indian times perceived through their instinctive vision, and, in relation to that, what they saw in the constellations and the movements of the stars. These constellations and movements of the stars were merely written characters—one might say, pale written characters. And if they had, say, merely copied these symbols and had them on paper, they would certainly have perceived them as nothing more than a mere written record of reality.
[ 6 ] Was für das Schauen dieser Menschen hinter diesen Schriftzeichen war, für das entwickelten sie nicht nur eine vorstellungsgemäße Erkenntnis, sondern zu gleicher Zeit ein liebendes Gefühl. Sie konnten das, was sie da in Bildern über das Weltenall erfaßten, nicht etwa bloß mit gleichgültigen Vorstellungen aufnehmen, sondern sie entwickelten dafür ein lebendiges Gefühl. Und zu gleicher Zeit entwickelten sie dafür etwas, was man nennen könnte ein ständiges Empfinden, daß alles, was sie taten, auch die kompliziertesten Handlungen, ein Ausdruck des vom göttlich-geistigen Wesen erfüllten Kosmos waren. Der Mensch fühlte seine Glieder durchdrungen von diesem göttlich-geistigen kosmischen Wesen. Er fühlte seinen Verstand durchdrungen von diesem göttlich-geistigen Wesen, seinen Mut und seinen Willen. So daß der Mensch eben auch sagen konnte, wenn er von seinen eigenen Handlungen sprach: Göttlich-geistige Wesen tun das. - Und da in jenen alten Zeiten die Menschen sehr wohl wußten, daß unter diesen göttlich-geistigen Wesen auch Luzifer und Ahriman sind, so waren sie sich eben auch bewußt, daß, indem Göttlich-Geistiges in ihnen waltete, sie auch das Böse neben dem Guten tun konnten. [Während der folgenden Seiten wird an die Tafel geschrieben. Siehe dazu das Schema am Ende des Vortrages.]
[ 6 ] As for what these people saw behind these written symbols, they developed not only an intellectual understanding but, at the same time, a loving feeling. They were not able to take in what they perceived there in images of the universe merely with indifferent ideas, but instead developed a living feeling for it. And at the same time, they developed what one might call a constant sense that everything they did—even the most complex actions—was an expression of the cosmos filled with the divine-spiritual being. Human beings felt their limbs permeated by this divine-spiritual cosmic being. They felt their intellect permeated by this divine-spiritual being, as well as their courage and their will. So that when speaking of their own actions, human beings could indeed say: Divine-spiritual beings are doing this. - And since in those ancient times people knew very well that among these divine-spiritual beings were also Lucifer and Ahriman, they were likewise aware that, because the divine-spiritual reigned within them, they could also do evil alongside good. [During the following pages, notes are written on the blackboard. See the diagram at the end of the lecture.]
[ 7 ] Ich möchte mit dieser Auseinandersetzung eine Vorstellung davon hervorrufen, wie den ganzen Menschen erfüllend und den ganzen Menschen in Zusammenhang bringend mit der Fülle des Kosmos diese kosmische Religion beschaffen war, die eine kosmische Weisheit, aber auch zu gleicher Zeit eine den Menschen offenbarende Weisheit war. Und gerade darin besteht der Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit, daß nun vor allen Dingen zunächst das allerintensivste religiöse Gefühl abblaßte. Gewiß, Religion blieb für alle späteren Zeiten, aber die Intensität des religiösen Lebens, wie es in diesen ersten indischen Zeiten vorhanden war, die blaßte ab. Vor allen Dingen blaßte zuerst die Empfindung ab für das Darinnenstehen mit seinen Handlungen, mit seinen Willensimpulsen, im Bereich der göttlich-geistigen Wesenheiten. Nicht etwa, als ob der Mensch in der urpersischen Zeit, also in der zweiten nachatlantischen Kulturperiode, dieses Gefühl des Darinnenstehens gar nicht mehr gehabt hätte. Er hat es gehabt, nur abgeblaßt war es. In der ersten Zeit der nachatlantischen Kulturentwickelung war dieses Gefühl etwas Selbstverständliches. In der zweiten nachatlantischen Kulturblüte, in der urpersischen Zeit, blaßte eben das tiefste, das intensivste Religiöse ab, und der Mensch mußte schon beginnen, aus sich heraus etwas zu entwickeln, um in einer mehr aktiven Weise, als das zunächst der Fall war, seine Verbindung mit dem kosmisch Göttlich-Geistigen zu erfassen. So daß man sagen könnte: In der ersten nachatlantischen Zeit hatte man die intensivste Religion, und man hatte in der zweiten nachatlantischen Zeit eine abgeblaßte Religion, aber der Mensch mußte innerlich aktiv etwas entwickeln, was ihn wieder verbindet mit den kosmisch-geistig-seelischen Wesenheiten.
[ 7 ] With this discussion, I would like to convey an idea of how this cosmic religion—which was a cosmic wisdom, but at the same time a wisdom revealed to humankind—was capable of fulfilling the whole person and connecting the whole person to the fullness of the cosmos. And it is precisely in this that the progress in human development lies: that, first and foremost, the most intense religious feeling began to fade. Certainly, religion remained for all subsequent ages, but the intensity of religious life, as it existed in those early Indian times, began to fade. Above all, the feeling of being intimately connected—through one’s actions and impulses of will—with the realm of the divine-spiritual beings began to fade. Not that human beings in the Proto-Persian era—that is, in the second post-Atlantean cultural period—no longer had this feeling of connection at all. They did have it; it had simply faded. In the early period of post-Atlantean cultural development, this sense was something taken for granted. In the second post-Atlantean cultural flowering—the ancient Persian period—it was precisely the deepest, most intense form of religiosity that faded, and human beings had to begin developing something from within themselves in order to grasp their connection with the cosmic divine-spiritual in a more active way than had initially been the case. So one could say: In the first post-Atlantean period, religion was at its most intense, and in the second post-Atlantean period, religion had faded, but human beings had to actively develop something within themselves that would reconnect them with the cosmic, spiritual, and soul-related beings.
[ 8 ] Wenn wir heute ein Wort dafür anwenden wollen, so können wir aus dem Bereich der Worte, die uns bekannt sind, ein Wort wählen, das allerdings erst später geprägt worden ist. Aber wir nehmen es eben doch aus einer Zeit, in der man noch ein Bewußtsein von dem hatte, was eigentlich einmal in Urzeiten in der Menschheitsentwickelung vorhanden war. Wenn der Urinder hinaufschaute zum Himmel, dann empfand er überall einzelne Wesenheiten, diese oder jene göttlich-geistigen Wesenheiten nebeneinander, sozusagen eine Bevölkerung von göttlich-geistigen Wesenheiten. Das war abgeblaßt und, man möchte sagen was individualisiert war, was als einzelne göttlich-geistige Wesenheiten da war, das blaßte so ab, daß es im allgemeinen wie ein geistiger Kosmos war. Man könnte es sich auch unter dem folgenden Bilde vorstellen: Denken Sie sich einmal, Sie sehen meinetwillen einen Vogelschwarm ganz in der Nähe. Sie sehen einzelne Vögel. Diese entfernen sich immer weiter und weiter, und es wird eine schwarze Masse, es wird ein einheitliches Gebilde. So wurde der göttlich-geistige Kosmos, indem sich die Menschen von ihm geistig entfernten, ein einheitliches, in sich verschwommenes Gebilde.
[ 8 ] If we want to use a word for this today, we can choose one from the range of words familiar to us—a word that was, however, coined only later. But we are still drawing it from a time when people still had an awareness of what actually existed in the primeval ages of human development. When the primordial human looked up at the sky, he perceived individual beings everywhere—this or that divine-spiritual being side by side—a population of divine-spiritual beings, so to speak. This had faded, and—one might say—what had been individualized, what had existed as individual divine-spiritual beings, had faded to such an extent that, in general, it appeared as a spiritual cosmos. One could also imagine it using the following image: Imagine, for my sake, that you see a flock of birds very close by. You see individual birds. These move farther and farther away, and it becomes a black mass, a unified entity. In this way, as people distanced themselves spiritually from it, the divine-spiritual cosmos became a unified, internally blurred entity.
[ 9 ] Noch die Griechen hatten gewissermaßen ein Nachgefühl davon, daß so etwas eben doch der menschlichen Betrachtung einmal zugrunde gelegen hatte. Daher nahmen sie in ihre Sprache herein das Wort «Sophia». Was als ein göttlich-geistiger Kosmos vorhanden war, das ergoß sich einst in den Menschen selbstverständlich, nahm der Mensch selbstverständlich hin. Dem, was jetzt, man möchte sagen, unter geistiger Entfernung in dieser Vereinheitlichung gesehen wurde, dem mußte man etwas von innen entgegenbringen. Und das bezeichneten dann die Griechen, die noch ein Gefühl davon hatten, mit dem: Ich liebe = philo.— So daß man sagen kann, in dieser zweiten nachatlantischen Periode, in der urpersischen Periode, war bei den Eingeweihten an der Stelle des alten ungeteilten Religiösen eine Zweiheit vorhanden: Philosophie, Religion. Die Philosophie hatte man sich errungen. Die Religion war das Überlieferte, aber das in der Überlieferung abgeblaßt Gewordene.
[ 9 ] Even the Greeks still had, in a sense, a lingering sense that something like this had once indeed formed the basis of human perception. That is why they incorporated the word “Sophia” into their language. What existed as a divine-spiritual cosmos once flowed into human beings as a matter of course; human beings accepted it as a matter of course. To what was now—one might say—perceived as a spiritual distance within this unification, one had to respond with something from within. And the Greeks, who still had a sense of this, expressed it as: I love = philo. — So one can say that in this second post-Atlantean period, the primordial Persian period, a duality existed among the initiates in place of the old, undivided religious life: philosophy and religion. Philosophy had been earned. Religion was what had been handed down, but it had become diluted in the process of transmission.
[ 10 ] Wenn wir weiter vorrücken zu der dritten nachatlantischen Periode, so kommen wir zu einem weiteren Abblassen des Religiösen. Wir kommen aber auch zu einem Abblassen der Philosophie, und wir müssen uns den konkret-realen Vorgang in der folgenden Weise vorstellen: Während in der urpersischen Zeit durchaus dieses Einheitsgebilde der kosmischen Wesenheiten vorhanden war und empfunden wurde als das den Weltenraum durchziehende Licht, das Urlicht, die Ur-Aura, Ahura Mazdao, kamen jetzt die Menschen, indem sie sich noch weiter entfernten von dieser Anschauung, dazu, schon in einer gewissen Weise den Gang der Sterne, die Konstellation der Sterne mehr in Betracht zu ziehen, nicht mehr in erster Linie zu empfinden das wesenhafte Göttlich-Geistige dahinter, sondern mehr zu empfinden die Schrift. Und daraus entstand dann etwas, was wir in der chaldäischen Weisheit, in der ägyptischen Weisheit, in zwei verschiedenen Formen haben. Es entstand dasjenige, was in sich schloß eine Erkenntnis über die Sternkonstellation, über die Sternbewegungen. Aber die innere Aktivität des Menschen war noch bedeutsamer geworden. Der Mensch mußte jetzt seine Liebe nicht nur verbinden mit dieser göttlichen Sophia, die als das Urlicht die Welt durchglänzte, sondern der Mensch mußte verbinden sein eigenes Schicksal, seine eigene Stellung in der Welt mit dem, was da in einer Weltenschrift durch die Sternkonstellation und durch die Sternbewegungen zu schauen war innerhalb des Kosmos. Und dasjenige, was jetzt neu errungen wurde, war daher eine Kosmo-Sophia. Diese Kosmosophie enthielt zwar noch durchaus den Hinweis auf die göttlich-geistigen Wesenheiten, aber man sah schon mehr das, was nur der kosmische Schriftausdruck für die Taten dieser Wesenheit ist. Und daneben blieb eben wiederum abgeblaßt das, was Philosophie und was Religion war.
[ 10 ] As we move on to the third post-Atlantean period, we see a further waning of religious sentiment. But we also encounter a waning of philosophy, and we must imagine the concrete, real process in the following way: While in the primordial Persian era this unified structure of cosmic entities certainly existed and was perceived as the light permeating the cosmos—the primordial light, the primordial aura— Ahura Mazdao, as people moved even further away from this view, they began, in a certain sense, to take the course of the stars and the constellations into account more, no longer perceiving first and foremost the essential divine-spiritual reality behind them, but rather perceiving the written word. And from this arose something that we find in two different forms in Chaldean wisdom and Egyptian wisdom. What emerged encompassed a knowledge of the constellations and the movements of the stars. But the inner activity of the human being had become even more significant. Human beings now had to connect not only their love with this divine Sophia, who shone through the world as the primal light, but they also had to connect their own destiny, their own place in the world, with what could be seen within the cosmos as a “world script” through the constellations and the movements of the stars. And what was now newly attained was therefore a Cosmo-Sophia. This Cosmosophy certainly still contained references to the divine-spiritual beings, but people already saw more of what is merely the cosmic expression of the deeds of these beings. And alongside this, what was philosophy and what was religion once again paled in comparison.
[ 11 ] Wenn wir dies verstehen wollen, dann müssen wir uns eben klar sein darüber, daß das, was wir heute noch Philosophie nennen, natürlich nur ein ganz schwaches, abgeblaßtes Schattenbild ist von dem, was etwa in den Mysterien der dritten nachatlantischen Epoche noch als etwas Lebendigeres empfunden wurde, was dann die Griechen in einer weiteren Abblassung Philosophie genannt haben. Wenn wir aber die dritte nachatlantische Epoche betrachten, so sehen wir überall in deren Kultur diese drei Glieder des menschlichen Geisteswesens ausgesprochen: eine Kosmosophie, eine Philosophie, eine Religion. Und wir bekommen nur die rechten Vorstellungen davon, wenn wir uns zu sagen wissen, daß bis in diesen Zeitpunkt hinein die Menschen so lebten, daß sie eigentlich mit ihrer Seele mehr außer dem Irdischen als im Irdischen lebten. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus zum Beispiel die ägyptische Kultur betrachten — bei der chaldäischen war es noch ausgesprochener —, so sehen wir sie nur in richtiger Weise, wenn wir uns sagen: Ja, diejenigen Menschen, die überhaupt Anteil hatten an dieser Kultur, die verfolgten mit innigem Anteil, wenn der Abend herankam, die Konstellation der Gestirne. Sie erwarteten zum Beispiel gewisse Erscheinungen des Sirius, sie sahen sich die Planetenkonstellationen an, und sie bezogen das, was sie da anschauen konnten, darauf, wie ihnen der Nil dasjenige gab, was sie zu ihrem irdischen Leben brauchten. Aber sie sprachen eigentlich nicht in erster Linie von dem Irdischen. Dieses Irdische war ihnen ein Feld ihrer Arbeit. Aber wenn sie über das Feld sprachen, das sie bearbeiteten, so sprachen sie eigentlich so darüber, daß sie es anschauten als in Beziehung stehend zu dem Außerirdischen. Und sie bezeichneten die verschiedenen Gestaltungen, welche der von ihnen bewohnte Erdenfleck im Laufe der Jahreszeiten annahm, nach dem, wie die Gestirne sich in diesen aufeinanderfolgenden Jahreszeiten offenbarten. Sie beurteilten die Erde nach dem Himmel. Der Tag war ihnen etwas, das ihnen vom seelischen Standpunkte aus eigentlich Dunkelheit entgegenbrachte. Und Helligkeit kam in diese Dunkelheit hinein, wenn sie das, was der Tag brachte, deuten konnten aus dem, was sie erschauen konnten in der Nacht am gestirnten Himmel.
[ 11 ] If we want to understand this, we must be clear that what we still call philosophy today is, of course, only a very faint, faded shadow of what was still experienced as something more alive in the mysteries of the third post-Atlantean epoch—something that the Greeks, in a further fading, called philosophy. But when we look at the third post-Atlantean epoch, we see these three aspects of the human spiritual being clearly expressed throughout its culture: a cosmosophy, a philosophy, and a religion. And we can only form the right ideas about this if we realize that, up until this point in time, people lived in such a way that, with their souls, they actually lived more outside the earthly realm than within it. If we view Egyptian culture, for example, from this perspective—and this was even more pronounced in Chaldean culture—we can only understand it correctly if we say to ourselves: Yes, those people who were at all involved in this culture followed the constellations with deep interest as evening approached. For example, they awaited certain appearances of Sirius; they observed the planetary constellations; and they related what they could observe there to how the Nile provided them with what they needed for their earthly life. But they did not, in fact, speak primarily of earthly matters. The earthly realm was for them a field of work. But when they spoke of the field they were cultivating, they actually spoke of it in such a way that they viewed it as related to the non-earthly realm. And they named the various forms that the patch of earth they inhabited took on over the course of the seasons according to how the stars revealed themselves in these successive seasons. They judged the earth by the heavens. To them, the day was something that, from a spiritual standpoint, actually brought darkness. And light entered this darkness when they were able to interpret what the day brought based on what they could see in the starry sky at night.
[ 12 ] Was die Leute in der damaligen Zeit empfanden, würde man etwa so aussprechen:
[ 12 ] What people felt at that time could be expressed something like this:
O dunkel ist der Erde Antlitz
Wenn die Sonne blendend dunkel:
Doch hell wird mir mein Tagefeld
Wenn die Seele es beleuchtet durch Sternenweisheit
Oh, how dark is the face of the earth
When the sun is blindingly dark:
Yet my day becomes bright
When the soul illuminates it with the wisdom of the stars
[ 13 ] Wenn man einen solchen Satz aufschreibt, so kann man in ihm empfinden, wie eigentlich die Gefühlswelt dieser dritten nachatlantischen Periode war. Und man bekommt vielleicht gerade von einer solchen Betrachtung aus ein Gefühl davon, wie diejenigen Menschen, die noch darinnenstanden in den Nachklängen eines solchen Empfindens, zu den späteren Griechen, zu den Angehörigen der vierten nachatlantischen Kulturperiode sagen konnten: Eure Anschauung der Welt, euer ganzes Leben ist kindlich, denn ihr wißt eigentlich nur noch etwas von der Erde. Eure Vorfahren in alten Zeiten haben gewußt, die Erde mit dem Licht des Himmels zu beleuchten, ihr aber lebt im Dunkel der Erde.
[ 13 ] When one writes down a sentence like this, one can sense in it what the emotional world of this third post-Atlantean period was actually like. And perhaps it is precisely from such a perspective that one can get a sense of how those people, who were still immersed in the lingering echoes of such a sensibility, could say to the later Greeks, to the members of the fourth post-Atlantean cultural period: “Your view of the world, your whole life, is childish, for you really know nothing but the earth. Your ancestors in ancient times knew how to illuminate the earth with the light of the heavens, but you live in the darkness of the earth.
[ 14 ] Allerdings empfanden die Griechen schon dieses Dunkel der Erde als hell. Die Griechen hatten schon durchaus die Tendenz, die Kosmosophie allmählich zu überwinden und sie zu verwandeln. Und indem alles das, was von den Himmelsweiten hereinschaute, noch weiter abgeblaßt wurde, hatten sie schon die Kosmosophie in eine Geosophie verwandelt. Und die Kosmosophie war für sie eigentlich nur eine Tradition. Sie war für sie etwas, was sie lernen konnten, wenn sie zurückblickten zu denen, die ihnen das Entsprechende überlassen hatten.
[ 14 ] However, the Greeks already perceived this darkness of the earth as light. The Greeks already had a definite tendency to gradually transcend cosmosophy and transform it. And as everything that looked in from the vastness of the heavens was further dimmed, they had already transformed cosmosophy into geosophy. And for them, cosmosophy was really just a tradition. For them, it was something they could learn by looking back to those who had bequeathed it to them.
[ 15 ] So etwa stand Pythagoras, man möchte sagen an der Schwelle des vierten nachatlantischen Zeitalters, indem er herumzog bei den Ägyptern, Chaldäern und weiter hinein nach Asien, um da aufzunehmen, was diese Menschen noch ihm überliefern konnten von der Weisheit, die ihre Urväter in den Mysterien als ihre Kosmosophie, als ihre Philosophie, als ihre Religion gehabt hatten. Und dasjenige, was dann noch verstanden werden konnte, war dann eben Kosmosophie, Philosophie, Religion.
[ 15 ] Pythagoras, one might say, stood on the threshold of the fourth post-Atlantean epoch as he traveled among the Egyptians, the Chaldeans, and further into Asia to absorb what these people could still pass on to him of the wisdom that their forefathers had held in the mysteries as their cosmosophy, as their philosophy, as their religion. And what could still be understood at that time was precisely cosmosophy, philosophy, and religion.
[ 16 ] Nur war diese Geosophie der Griechen — das beachtet man heute viel zu wenig — doch noch in bezug auf das Irdische ein solches Wissen, eine solche Weisheit, daß der Mensch wirklich sich verbunden fühlte mit der Erde, und daß dieses Verbundensein mit der Erde einen durchaus seelischen Charakter hatte. Bei dem gebildeten Griechen hatte das Verbundensein mit der Erde einen seelischen Charakter. Die besondere Art, welche die Griechen hatten, Quellen zu beleben mit Nymphen, den Olymp zu beleben mit den Göttern — kurz, alles das als eine Lebensanschauung auszubilden, was nicht auf eine Geologie hinweist, wo man nur mit Begriffen die Erde umspannt, sondern auf eine Geosophie, wo eben Wesenhaftes in der Erde erlebend erkannt und erkennend erlebt wird — das war etwas, was die heutige Menschheit nur noch in der Abstraktion kennt, was aber noch durchaus lebendig war bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert herein.
[ 16 ] However—and this is something we pay far too little attention to today—the Greeks’ geosophy was, with regard to the earthly realm, such knowledge and such wisdom that human beings truly felt connected to the earth, and that this connection to the earth had a thoroughly spiritual character. For the educated Greek, this connection to the earth had a spiritual character. The unique way in which the Greeks animated springs with nymphs and Mount Olympus with the gods—in short, to develop all of this into a worldview that does not point to a geology in which the Earth is merely encompassed by concepts, but rather to a geosophy in which the essential nature of the Earth is both experienced and recognized—this was something that modern humanity knows only in the abstract, but which was still very much alive well into the fourth century A.D.
[ 17 ] Bis in das vierte nachchristliche Jahrhundert herein hatte man noch etwas von einer solchen Geosophie. Und auch von dieser Geosophie blieb noch einiges in der Tradition erhalten. Was wir bei Scotus Eriugena finden zum Beispiel, der von der irischen Insel und deren Mysterien das mitgebracht hatte, was er dann in seiner Schrift «Über die Teilung der Natur» zum Ausdrucke gebracht hat, das kann nur verstanden werden, wenn man das, was sich als das Ergebnis einer solchen Tradition ergibt, aus einer Geosophie heraus auffaßt. Denn in der fünften nachatlantischen Periode, die sich dann vorbereitete und die mit dem 15. Jahrhundert heraufkam, blaßte auch diese Geosophie ab, und was jetzt kam, das war, daß der Mensch eigentlich verloren hatte das innerliche Miterleben mit dem Weltenall. Geosophie verwandelte sich, möchte man sagen, in Geologie. Das ist im weitesten Sinne zu fassen, nicht nur wie die heutige Schulphilosophie das meint. Kosmosophie verwandelte sich in Kosmologie; Philosophie behielt man bei, machte aber ein abstraktes Wesen daraus, das eigentlich in Wahrheit Philologie genannt werden müßte, wenn nicht der Name schon in Anspruch genommen wäre von etwas noch viel Greulicherem, als man in der Philosophie haben möchte.
[ 17 ] Well into the fourth century A.D., traces of such a geosophy could still be found. And some elements of this geosophy were also preserved in tradition. What we find in Scotus Eriugena, for example—who brought back from the island of Ireland and its mysteries what he then expressed in his treatise On the Division of Nature—can only be understood if one interprets what emerges as the result of such a tradition from the perspective of geosophy. For in the fifth post-Atlantean period, which was then in preparation and which dawned with the 15th century, this geosophy also faded away, and what followed was that human beings had, in effect, lost their inner experience of the universe. Geosophy, one might say, transformed into geology. This is to be understood in the broadest sense, not merely as today’s academic philosophy intends it. Cosmosophy transformed into cosmology; philosophy was retained, but turned into an abstract entity that, in truth, ought to be called philology, were it not for the fact that the name is already claimed by something far more abhorrent than one would wish to find in philosophy.
[ 18 ] Es blieb dasjenige übrig, was Religion ist, was schon ganz abseits steht von der eigentlichen Erkenntnis, was im Grunde genommen von dem Menschen nur noch aus den Traditionen angenommen wird. Denn religionsschöpferische Naturen treten in dieser fünften nachatlantischen Periode nicht mehr im allgemeinen Zivilisationsleben auf. Betrachten Sie alles, was da kam: religionsschöpferische Naturen im eigentlichen Sinne des Wortes waren nicht mehr da. Aber das hat ja auch seine Berechtigung. In den Zeiträumen vorher, in der ersten, zweiten, dritten, vierten nachatlantischen Periode gab es immer religiös schöpferische Naturen, religionsschöpferische Persönlichkeiten, denn es konnte noch immer etwas hereingeholt werden aus dem Kosmos, oder wenigstens konnte noch etwas heraufgeholt werden aus der Erde. Und in den griechischen Mysterien, in denjenigen Mysterien, die man im Gegensatze zu den Himmelsmysterien die chthonischen Mysterien nennt, die aus den Tiefen der Erde heraufholten ihre Inspiration auf die verschiedenste Weise, in diesen Mysterien kam vorzugsweise die Geosophie zustande.
[ 18 ] What remained was that which constitutes religion—something that stands entirely apart from true knowledge, something that, in essence, is accepted by people solely on the basis of tradition. For in this fifth post-Atlantean period, those with a nature capable of creating religion no longer appear in the general life of civilization. Consider everything that has come to pass: religiously creative personalities in the true sense of the word were no longer present. But there is, of course, a reason for this. In the preceding periods—the first, second, third, and fourth post-Atlantean periods—there were always religiously creative individuals, religiously creative personalities, for it was still possible to draw something in from the cosmos, or at least to draw something up from the earth. And in the Greek mysteries—those mysteries which, in contrast to the celestial mysteries, are called the chthonic mysteries, which drew their inspiration from the depths of the earth in the most varied ways—it was in these mysteries that geosophy came into being above all.
[ 19 ] Mit dem Hineingehen in die fünfte nachatlantische Periode und dann mit dem Darinnenstehen in diesem Zeitabschnitt wurde der Mensch auf sich selbst zurückgewiesen. Er brachte die «Logie», er brachte dasjenige, was nun aus ihm selbst herauskommt, zum Vorschein, zur Offenbarung. Und so wird die Welterkenntnis eine Welt der abstrakten, der logischen Begriffe, eine Welt der abstrakten Ideen. In dieser Welt der abstrakten Ideen lebt der Mensch seit dem 15. Jahrhundert. Mit dieser Welt der abstrakten Ideen, die er dann zusammenrechnet in die Naturgesetze, sucht er jetzt von sich aus dasjenige zu erfassen, was dem früheren Menschen sich geoffenbart hat. Daß es in dieser Periode nicht mehr religionsschöpferische Naturen gibt, hat eine gewisse Berechtigung, denn es fällt in den vierten nachatlantischen Zeitraum das Mysterium von Golgatha, und dieses Mysterium von Golgatha gibt die letzte Synthesis des religiösen Lebens. Das gibt diejenige Religion, die der Abschluß der irdischen Religionsströmungen und -strebungen sein sollte. Und in religiöser Beziehung können eigentlich alle folgenden Zeiten nur auf dieses Mysterium von Golgatha zurück weisen.
[ 19 ] As humanity entered the fifth post-Atlantean period and then found itself within this era, it was cast back upon itself. It brought “logic”—that which now emerges from within itself—to light, to revelation. And so the understanding of the world becomes a world of abstract, logical concepts—a world of abstract ideas. Human beings have lived in this world of abstract ideas since the 15th century. Through this world of abstract ideas, which they then synthesize into the laws of nature, they now seek of their own accord to grasp what had previously been revealed to earlier generations. The fact that there are no longer any religiously creative personalities in this period is to some extent justified, for the Mystery of Golgotha falls within the fourth post-Atlantean epoch, and this Mystery of Golgotha provides the final synthesis of religious life. It provides the religion that was to be the culmination of earthly religious currents and aspirations. And in religious terms, all subsequent eras can, in fact, only point back to this Mystery of Golgotha.
[ 20 ] Indem also gesagt wird, daß seit der fünften nachatlantischen Kulturzeit nicht eigentlich mehr religiös produktive Naturen auftreten können, wird damit nicht etwas Tadelndes, etwas Kritisches gegenüber der Geschichtsentwickelung gesagt, sondern es wird etwas gesagt, was gerade etwas Positives ist, weil es sich durch das Auftreten des Mysteriums von Golgatha rechtfertigen läßt.
[ 20 ] Thus, when it is said that, since the fifth post-Atlantean cultural epoch, truly religiously productive personalities can no longer emerge, this is not meant as a reproach or a criticism of historical development; rather, it is a statement that is, in fact, positive, because it can be justified by the emergence of the Mystery of Golgotha.
[ 21 ] So können wir uns den Gang der Menschheitsentwickelung in Bezug auf die geistigen Strömungen und die geistigen Bestrebungen vor Augen stellen. So können wir sehen, wie es dazu gekommen ist, daß wir heute drinnenstehen in dem, was im Grunde genommen nicht mehr einen Zusammenhang mit der Umwelt hat, sondern was etwas aus dem Menschen Herausgesponnenes ist, aber etwas, in dem der Mensch doch produktiv ist und immer mehr produktiv werden muß. Denn indem er dieses Abstrakte weiter ausbildet, wird er eben durch Imagination wiederum zu einer Art Geosophie und Kosmosophie aufrücken. Er wird durch die Inspiration die Kosmosophie vertiefen und zu einer wahren Philosophie aufrücken, und er wird dann durch Intuition die Philosophie vertiefen und zu einer wirklich religiösen Weltauffassung, die nun auch mit der Erkenntnis wiederum eins sein kann, vorrücken können.
[ 21 ] In this way, we can visualize the course of human development in terms of spiritual currents and spiritual aspirations. In this way, we can see how it has come to be that today we find ourselves immersed in something that, fundamentally speaking, no longer has any connection to the external world, but is rather something spun out of the human being—yet something in which the human being is nevertheless productive and must become ever more productive. For as the human being continues to develop this abstract realm, he will, through imagination, advance once more toward a kind of geosophy and cosmosophy. Through inspiration, humanity will deepen cosmosophy and advance toward a true philosophy, and through intuition, humanity will then deepen philosophy and advance toward a truly religious worldview that can now once again be one with knowledge.
[ 22 ] Man möchte sagen, daß wir eigentlich heute erst im Allerelementarsten dieses Fortschrittes stecken. Selbst mit dem, was wir nun heute schon fassen können als eine Wiedergabe von geistigen Offenbarungen, die ja seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aus der geistigen Welt in die irdische hereinleuchten und in dieser Idee aufgefaßt und empfangen werden konnten, selbst damit stehen wir eigentlich im Anfange, in einem Anfange, der einem ein Bild aufdrängt, welches charakteristisch sein kann für die Auffassung, die heute von der äußeren, ganz abstrakten Kultur den ersten konkreten Äußerungen und Mitteilungen aus der geistigen Welt entgegengebracht wird. Wenn man heute über die geistige Welt spricht, und die anerkannte Erkenntnis hört das in ihren Vertretern, dann wird diesen Auseinandersetzungen über die geistige Welt eine solche Art des Verständnisses entgegengebracht, die man natürlich ein Unverständnis nennen muß. Denn was da entgegengebracht wird, läßt sich vergleichen mit dem Folgenden:
[ 22 ] One might say that today we are actually still only at the very most elementary stage of this progress. Even with what we can already grasp today as a rendering of spiritual revelations—which, after all, have been shining into the earthly world from the spiritual world since the last third of the 19th century and have been able to be conceived and received in this way— even with that, we are actually only at the very beginning—a beginning that conjures up an image that may be characteristic of the attitude with which today’s external, entirely abstract culture meets the first concrete expressions and communications from the spiritual world. When people speak of the spiritual world today—and mainstream scholarship, as expressed by its representatives, hears this—these discussions about the spiritual world are met with a kind of understanding that one must naturally call a lack of understanding. For what is expressed in response can be compared to the following:
[ 23 ] Nehmen wir an, ich würde einen Satz hier aufschreiben, und derjenige, der dann das Stückchen Papier bekommt, würde, um zu einem Verständnis dessen zukommen, was ihm da gegeben worden ist, die Tinte analysieren. So etwa ist es, wenn unsere Zeitgenossen über Anthroposophie schreiben, wie wenn jemand, der einen Brief bekommt, die Tinte analysiert. Diesen Eindruck hat man immer. Dieses Bild kann einem eben naheliegen, wenn man ausgegangen ist von einer Betrachtung, daß ja selbst die Sternkonstellation und die Sternbewegung für die erste Menschheitsentwickelung in der nachatlantischen Periode nur etwas wie ein Schriftausdruck waren für das, was sie als die geistige Bevölkerung, möchte ich sagen, des Kosmos erlebte.
[ 23 ] Let’s suppose I were to write a sentence here, and the person who then received that piece of paper would analyze the ink in order to understand what had been given to them. That is roughly what happens when our contemporaries write about anthroposophy—it is as if someone who receives a letter were to analyze the ink. One always gets this impression. This image may well come to mind if one starts from the observation that even the constellations and the movements of the stars were, for the early development of humanity in the post-Atlantean period, merely something like a written expression of what they experienced as, I would say, the spiritual population of the cosmos.
[ 24 ] Man stellt heute solche Dinge vor eine gewisse Zahl von Menschen hin, um doch ein Gefühl dafür hervorzurufen, daß dasjenige, was als Anthroposophie auftritt, nicht aus irgendwelchen phantastischen Untergründen geschöpft ist, sondern daß es geschöpft ist aus wirklichen Erkenntnisquellen, und daher sich als tauglich erweist, die Menschheit der Erde nach ihrer Wesenheit zu erkennen. Anthroposophie ist tauglich, Licht zu verbreiten über die Menschheitsdifferenzierung in unserer Gegenwart vom Westen durch die Mitte zum Osten hin, wie wir das gestern versucht haben. Sie ist aber auch tauglich, über diejenigen Differenzierungen Licht zu verbreiten, die im Laufe der Zeiten in der Menschheitsevolution aufgetreten sind. Und eigentlich erst dadurch, daß man alles das, was man über die Differenzierung der Erdengebiete in der Gegenwart wissen kann, mit dem verbindet, was man darüber wissen kann, wie das alles geworden ist, erst dadurch gewinnt man ein Verständnis dessen, was an Menschen heute lebt hier auf dem Erdenrund.
[ 24 ] Today, such things are presented to a certain number of people in order to evoke a sense that what appears as anthroposophy is not drawn from some fantastical sources, but rather from real sources of knowledge, and therefore proves capable of recognizing humanity on Earth according to its true nature. Anthroposophy is capable of shedding light on the differentiation of humanity in our present time—from the West through the center to the East—as we attempted to do yesterday. But it is also capable of shedding light on those differentiations that have arisen in the course of human evolution over the ages. And it is only by connecting everything we can know about the differentiation of the Earth’s regions in the present with what we can know about how all this came to be—only through this—that we gain an understanding of what lives in people today here on the Earth.
[ 25 ] Traditionen des Alten haben sich immer erhalten, auf dem einen Erdengebiete mehr, auf dem andern weniger. Auch nach diesen Traditionen unterscheiden sich die Völker des Erdballs. Wenn wir nach dem Osten hinüberblicken, finden wir ja, wie in der späteren Zeit — aufgezeichnet worden ist dasjenige, was unaufgezeichnet vorhanden war in der ersten nachatlantischen Kulturepoche, wie es uns entgegenglänzt in den Veden, in der Vedantaphilosophie, wie uns seine Innigkeit berührt in der echten Jogaphilosophie. Und wenn wir das alles auf uns wirken lassen vom Bewußtsein der Gegenwart aus, dann bekommen wir ein Gefühl: In diese Dinge muß man sich vertiefen, immer mehr und mehr vertiefen, dann fühlt man selbst in den Schriftwerken noch etwas leben von dem, was in den Urzeiten vorhanden war. Aber man möchte sagen: daß die morgenländische Welt noch innerhalb dieses lebendigen Nachklanges seiner Urweltweisheit lebt, das macht diese morgenländische Welt auch ungeeignet, neue Ansätze zu empfangen.
[ 25 ] The traditions of antiquity have always been preserved, to a greater extent in some parts of the world and to a lesser extent in others. The peoples of the globe also differ according to these traditions. When we look toward the East, we find—as has been recorded in later times—that which existed unrecorded in the first post-Atlantean cultural epoch, as it shines forth before us in the Vedas, in Vedanta philosophy, and as its depth touches us in authentic yoga philosophy. And when we allow all of this to sink in from the perspective of our present consciousness, we gain a sense that we must delve into these things—delve deeper and deeper—so that we ourselves can feel, even in the written texts, something still alive from what existed in primeval times. But one might say: the fact that the Eastern world still lives within this living echo of its primordial wisdom also makes this Eastern world unsuited to receiving new approaches.
[ 26 ] Die westliche Welt hat weniger Traditionen. Höchstens in den Aufzeichnungen gewisser Geheimorden hat sie Traditionen aus der dritten nachatlantischen Kulturepoche, aus der Zeit der Kosmosophie, aber Traditionen, die nicht mehr verstanden werden, sondern in unverstandenen Symbolen vor die Menschheit hingebracht werden. Aber in diesem Westen ist zu gleicher Zeit vorhanden eine elementarische Kraft, neue Entwickelungsimpulse zur Entfaltung zu bringen.
[ 26 ] The Western world has fewer traditions. At most, in the records of certain secret orders, it has traditions from the third post-Atlantean cultural epoch, from the time of cosmosophy—but these are traditions that are no longer understood, instead being presented to humanity in the form of symbols that are not comprehended. Yet at the same time, there exists in the West an elemental force capable of bringing new impulses of development to fruition.
[ 27 ] So daß man sagen könnte: Es waren einstmals die Urimpulse da. Sie entwickelten sich, indem sie immer schwächer und schwächer wurden, bis gegen den vierten nachatlantischen Zeitraum hin, wo sie sich gewissermaßen in sich selbst verloren in dem eigentümlichen griechischen Kulturleben. Und heraus entwickelte sich dann, mit der Hinweisung auf ein Neues, die abstrakte, die prosaische Nüchternheit des Römertums (es wird gezeichnet). Das aber muß wiederum aufnehmen Geistigkeit und muß wiederum, indem es mächtiger und mächtiger wird, von innerlicher Geistigkeit durchdrungen werden. Und wir bekommen auf diese Weise dann, ich möchte sagen, symbolisch das, was wir als die wirbelnde Bewegung der Menschheitsimpulse durch die Zeitenfolge hindurch bezeichnen können.
[ 27 ] So one could say: The primordial impulses once existed. They evolved as they grew weaker and weaker, until around the fourth post-Atlantean epoch, when they were, so to speak, lost within themselves in the distinctive Greek cultural life. And out of this, pointing toward something new, emerged the abstract, prosaic sobriety of Roman culture (it is depicted). But this, in turn, must take up spirituality again and, as it becomes more and more powerful, must be permeated by inner spirituality. And in this way we then obtain, I would say, symbolically, what we can describe as the swirling movement of humanity’s impulses through the succession of ages.
[ 28 ] Solch eine Figur war ja immer eine Art Symbolum für Wichtigstes im Weltenall; und das ist sie auch. Wenn man schon von einer atomistischen Welt spricht, so muß man auch diese nicht so abstrakt vorstellen, wie das heute vielfach der Fall ist, sondern unter dem Bilde dieses Wirbels, was auch oftmals getan worden ist. Aber auch im Größten muß man diese Wirbelbewegung sehen. Und wir haben sie heute, wie ich glaube, in einer ganz selbstverständlich elementaren Weise aus einer konkreten Betrachtung des Ganges der menschheitlichen Geistesentwickelung heraus gewonnen.
[ 28 ] Such a figure has always been a kind of symbol for what is most important in the universe; and that is indeed what it is. Even when speaking of an atomistic world, one need not conceive of it as abstractly as is often the case today, but rather in terms of this vortex—as has often been done. But even on the grandest scale, one must perceive this vortex-like movement. And today, I believe, we have derived it in a quite natural and elementary way from a concrete examination of the course of humanity’s spiritual development.
[ 29 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute vorbringen wollte.
[ 29 ] That is what I wanted to share with you today.
[ 30 ] Da ich wiederum vor einer Reise stehe, werden längere Zeit jetzt hier keine Vorträge sein. Die nächsten Vorträge werde ich Ihnen, meine lieben Freunde, wiederum ankündigen lassen.
[ 30 ] Since I am about to go on another trip, there will be no lectures here for quite some time. I will let you, my dear friends, know when the next lectures will be held.



