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Human Questions and Cosmic Answers
GA 213

7 July 1922, Dornach

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Menschenfragen und Weltenantworten
  1. Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL

Sechster Vortrag

Sechster Vortrag

[ 1 ] Ich möchte einiges, das ich in den nächsten Tagen hier vorbringen werde, heute einleiten, indem ich anknüpfe an Leben und Lehre einer Persönlichkeit, über die ich schon hie und da in den Vorträgen gesprochen habe, und die ich auch ausführlicher behandelt habe im dritten Kapitel meiner Schrift «Von Seelenrätseln». Ich werde über diese Persönlichkeit, Franz Brentano, als einem der repräsentativen Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, manches zu sagen haben, aus Gründen, die sich ergeben werden, wenn wit in unseren Betrachtungen weiterschreiten werden. Einige Andeutungen finden sich auch in der Zeitschrift «Das Goetheanum». Ich knüpfe aus dem Grunde heute ganz besonders an die Lehre und an das Leben Brentanos an, weil dazu ein äußerer Anlaß ist, nämlich das Erscheinen des ersten Bandes aus dem Nachlaß Franz Brentanos, der eines der wichtigsten Kapitel der Weltanschauung umfaßt, nämlich die Lehre Jesu in der Beleuchtung eben von Franz Brentano.

[ 1 ] Ich möchte einiges, das ich in den nächsten Tagen hier vorbringen werde, heute einleiten, indem ich anknüpfe an Leben und Lehre einer Persönlichkeit, über die ich schon hie und da in den Vorträgen gesprochen habe, und die ich auch ausführlicher behandelt habe im dritten Kapitel meiner Schrift «Von Seelenrätseln». Ich werde über diese Persönlichkeit, Franz Brentano, als einem der repräsentativen Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, manches zu sagen haben, aus Gründen, die sich ergeben werden, wenn wit in unseren Betrachtungen weiterschreiten werden. Einige Andeutungen finden sich auch in der Zeitschrift «Das Goetheanum». Ich knüpfe aus dem Grunde heute ganz besonders an die Lehre und an das Leben Brentanos an, weil dazu ein äußerer Anlaß ist, nämlich das Erscheinen des ersten Bandes aus dem Nachlaß Franz Brentanos, der eines der wichtigsten Kapitel der Weltanschauung umfaßt, nämlich die Lehre Jesu in der Beleuchtung eben von Franz Brentano.

[ 2 ] Franz Brentano ist im Jahre 1917 in Zürich als neunundsiebzigjähriger Philosoph gestorben. Es war damit ein philosophisches Leben abgeschlossen, das zweifellos zu den allerinteressantesten der Geschichte und vor allen Dingen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört. Nicht nur lebte in Franz Brentano ein philosophischer Lehrer, sondern es lebte in ihm eine philosophische Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, bei der philosophisches Streben aus dem ganzen Umfang und der ganzen Tiefe der Persönlichkeit hervorging.

[ 2 ] Franz Brentano ist im Jahre 1917 in Zürich als neunundsiebzigjähriger Philosoph gestorben. Es war damit ein philosophisches Leben abgeschlossen, das zweifellos zu den allerinteressantesten der Geschichte und vor allen Dingen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört. Nicht nur lebte in Franz Brentano ein philosophischer Lehrer, sondern es lebte in ihm eine philosophische Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, bei der philosophisches Streben aus dem ganzen Umfang und der ganzen Tiefe der Persönlichkeit hervorging.

[ 3 ] Der Philosoph Brentano stammt aus der Familie, zu der Clemens Brentano, der deutsche Romantiker, gehört, der der Oheim des Philosophen Franz Brentano war. Und Clemens Brentano gehört jener Familie an, die durch Sophie La Roche und durch Maximiliane BrenZano mit Goethe befreundet war, und die zwei, im Beginne des 19. Jahrhunderts ja vielfach miteinander zusammenhängende Geistesströmungen auch ganz unmittelbar, ich möchte sagen, als Familie vereinte: Das war der Katholizismus auf der einen Seite — wir haben es in der Familie Brentano mit einer gut katholischen Familie zu tun — und der romantische Sinn auf der anderen Seite. Clemens Brentano hat ja wirklich schönste der deutschen romantischen Dichtungen geschaffen, und er war, aus der romantischen Atmosphäre des deutschen Geisteslebens heraus, ein außerordentlich bedeutender Märchenerzähler. Man möchte sagen, bei den deutschen Romantikern wandelten sich, indem sie erzählten, die deutschen Märchen so, daß wirklich ein Licht aus der geistigen Welt auf diejenigen strahlte, denen gerade von solcher Seite Märchen erzählt wurden. Und unser Philosoph Franz Brentano hörte noch als ganz kleines Kind Märchen erzählen von Clemens Brentano, seinem Oheim.

[ 3 ] Der Philosoph Brentano stammt aus der Familie, zu der Clemens Brentano, der deutsche Romantiker, gehört, der der Oheim des Philosophen Franz Brentano war. Und Clemens Brentano gehört jener Familie an, die durch Sophie La Roche und durch Maximiliane BrenZano mit Goethe befreundet war, und die zwei, im Beginne des 19. Jahrhunderts ja vielfach miteinander zusammenhängende Geistesströmungen auch ganz unmittelbar, ich möchte sagen, als Familie vereinte: Das war der Katholizismus auf der einen Seite — wir haben es in der Familie Brentano mit einer gut katholischen Familie zu tun — und der romantische Sinn auf der anderen Seite. Clemens Brentano hat ja wirklich schönste der deutschen romantischen Dichtungen geschaffen, und er war, aus der romantischen Atmosphäre des deutschen Geisteslebens heraus, ein außerordentlich bedeutender Märchenerzähler. Man möchte sagen, bei den deutschen Romantikern wandelten sich, indem sie erzählten, die deutschen Märchen so, daß wirklich ein Licht aus der geistigen Welt auf diejenigen strahlte, denen gerade von solcher Seite Märchen erzählt wurden. Und unser Philosoph Franz Brentano hörte noch als ganz kleines Kind Märchen erzählen von Clemens Brentano, seinem Oheim.

[ 4 ] Für uns kommen hier zwei Momente in Betracht. Das eine ist, daß aus dieser Atmosphäre heraus im geistigen Sinn Franz Brentano erwächst. 1838 ist er geboren. 1842 ist Clemens Brentano gestorben. Und auf der anderen Seite kommt für uns in Betracht, daß dieser aus katholischem Romantizismus herausgewachsene Franz Brentano hineinwächst in die strengste naturwissenschaftliche Auffassung, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem Geistesleben der neueren Zivilisation geherrscht hat. Franz Brentano wächst so heran, daß wirklich schon als Kind frommer Sinn in seine Seele einzieht. Das religiöse Element ist ihm wie etwas selbstverständlich aus der Seele Herauskommendes. Und nicht als etwas Äußerliches zieht der Katholizismus in seine Seele ein, sondern als etwas, was Wesen und Weben dieser Seele ausmacht. Mit voller Innerlichkeit ergreift der Knabe Franz Brentano die katholische Frömmigkeit und wächst in sie hinein. Er hat in sich erweckt, heranerzogen durch den Romantizismus, einen mächtigen Hochsinn für das Geistige. Während in den Romantikern vom Schlage Clemens Brentanos das Geistige in der Phantasieform lebte, während sich solch ein Genius wie Clemens Brentano wenig an die Regeln der Logik hielt und im Fluge, aber im Fluge der Phantasie, die geistige Welt zu erringen und in ihr zu leben strebte, verwandelte sich dieser durchaus auch bei Franz Brentano entwickelte Hochsinn für das geistige Leben in eine besondere Begabung für die Ausgestaltung von strengen Begriffen.

[ 4 ] Für uns kommen hier zwei Momente in Betracht. Das eine ist, daß aus dieser Atmosphäre heraus im geistigen Sinn Franz Brentano erwächst. 1838 ist er geboren. 1842 ist Clemens Brentano gestorben. Und auf der anderen Seite kommt für uns in Betracht, daß dieser aus katholischem Romantizismus herausgewachsene Franz Brentano hineinwächst in die strengste naturwissenschaftliche Auffassung, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem Geistesleben der neueren Zivilisation geherrscht hat. Franz Brentano wächst so heran, daß wirklich schon als Kind frommer Sinn in seine Seele einzieht. Das religiöse Element ist ihm wie etwas selbstverständlich aus der Seele Herauskommendes. Und nicht als etwas Äußerliches zieht der Katholizismus in seine Seele ein, sondern als etwas, was Wesen und Weben dieser Seele ausmacht. Mit voller Innerlichkeit ergreift der Knabe Franz Brentano die katholische Frömmigkeit und wächst in sie hinein. Er hat in sich erweckt, heranerzogen durch den Romantizismus, einen mächtigen Hochsinn für das Geistige. Während in den Romantikern vom Schlage Clemens Brentanos das Geistige in der Phantasieform lebte, während sich solch ein Genius wie Clemens Brentano wenig an die Regeln der Logik hielt und im Fluge, aber im Fluge der Phantasie, die geistige Welt zu erringen und in ihr zu leben strebte, verwandelte sich dieser durchaus auch bei Franz Brentano entwickelte Hochsinn für das geistige Leben in eine besondere Begabung für die Ausgestaltung von strengen Begriffen.

[ 5 ] Dazu hatte mitgewirkt, daß es aus dem Katholizismus heraus für Franz Brentano gewissermaßen selbstverständlich war, daß er philosophisch-theologische Studien zu den seinigen machte. Und seine feine Geistigkeit hatte ihn frühzeitig eindringen lassen in das Gedankengewebe des Aristoteles und dann auch in die strenge Begriftsschulung der mittelalterlichen Scholastik. In dieser mittelalterlichen Scholastik lebte ja auch, wie ich schon einmal hier ausführlicher dargestellt habe, der Aristotelismus weiter. Und man möchte sagen: Während Franz Brentano die Veranlagung zum Hochflug ins Geistige blieb, konnte er nicht unbekümmert um die logischen Kräfte der menschlichen Seele, etwa nach der Art des Clemens Brentano, sich entwickeln, sondern er bildete gerade die strengste Logik aus, und gelangte nur auf dem Wege strengster Logik zu seiner Begriffsgestaltung. Aber so bedeutend sich die Fähigkeiten Franz Brentanos in bezug auf logische Schulung, in bezug auf Theologisch-Philosophisches entwickelten, so war eigentlich in seiner frühen Jugend seine im echt katholischen Sinn gehaltene Frömmigkeit noch größer.

[ 5 ] Dazu hatte mitgewirkt, daß es aus dem Katholizismus heraus für Franz Brentano gewissermaßen selbstverständlich war, daß er philosophisch-theologische Studien zu den seinigen machte. Und seine feine Geistigkeit hatte ihn frühzeitig eindringen lassen in das Gedankengewebe des Aristoteles und dann auch in die strenge Begriftsschulung der mittelalterlichen Scholastik. In dieser mittelalterlichen Scholastik lebte ja auch, wie ich schon einmal hier ausführlicher dargestellt habe, der Aristotelismus weiter. Und man möchte sagen: Während Franz Brentano die Veranlagung zum Hochflug ins Geistige blieb, konnte er nicht unbekümmert um die logischen Kräfte der menschlichen Seele, etwa nach der Art des Clemens Brentano, sich entwickeln, sondern er bildete gerade die strengste Logik aus, und gelangte nur auf dem Wege strengster Logik zu seiner Begriffsgestaltung. Aber so bedeutend sich die Fähigkeiten Franz Brentanos in bezug auf logische Schulung, in bezug auf Theologisch-Philosophisches entwickelten, so war eigentlich in seiner frühen Jugend seine im echt katholischen Sinn gehaltene Frömmigkeit noch größer.

[ 6 ] Es ist ja etwas Bigentümliches um die moderne scholastische Schulung, wie sie gerade eben Franz Brentano aus seinem Katholizismus heraus recht durchmachen konnte. Man muß immer wieder sagen: Die wirklich strenge Logik, nicht jene obenhin huschende Logik, die heute in der Alltagsbildung enthalten ist und auch die Wissenschaft beherrscht, sondern was wirklich strenge Logik ist, die mit dem ganzen Menschen, nicht bloß mit dem menschlichen Kopf zusammenhängt, die geht schon aus der Scholastik hervor. Die Scholastik ist im höchsten Grade die Kunst der logischen Begriffsbildung. Nur wurde diese Scholastik eben im Mittelalter und auch im Katholizismus bis heute lediglich dazu verwendet, die katholische Offenbarungslehre zu stützen, in dem Sinne, wie ich das einmal dargestellt habe, indem ich den 'Thomismus auseinandersetzte.

[ 6 ] Es ist ja etwas Bigentümliches um die moderne scholastische Schulung, wie sie gerade eben Franz Brentano aus seinem Katholizismus heraus recht durchmachen konnte. Man muß immer wieder sagen: Die wirklich strenge Logik, nicht jene obenhin huschende Logik, die heute in der Alltagsbildung enthalten ist und auch die Wissenschaft beherrscht, sondern was wirklich strenge Logik ist, die mit dem ganzen Menschen, nicht bloß mit dem menschlichen Kopf zusammenhängt, die geht schon aus der Scholastik hervor. Die Scholastik ist im höchsten Grade die Kunst der logischen Begriffsbildung. Nur wurde diese Scholastik eben im Mittelalter und auch im Katholizismus bis heute lediglich dazu verwendet, die katholische Offenbarungslehre zu stützen, in dem Sinne, wie ich das einmal dargestellt habe, indem ich den 'Thomismus auseinandersetzte.

[ 7 ] Bei einem solchen Geist, wie Franz Brentano es war, entwickelte sich gerade aus katholischer Frömmigkeit und aus der strengen Schulung der Scholastik heraus eine ganz spezifische Geistigkeit. Die Möglichkeit entwickelte sich bei ihm, das Sein einer geistigen Welt einfach selbstverständlich zu finden. Indem er sich in den Katholizismus und in die scholastische Theologie einlebte, lebte er ja in der Geistigkeit, und er konnte gar nicht anders, als in der Geistigkeit leben. Und diese Geistigkeit erfaßte er eben, indem er sie sich in strenger Logik ausgestaltete. Er war wirklich ein wahrer Katholik. In so strengem Sinne war er Katholik, daß er, trotzdem er in sich die strengste Logik ausbildete, nie sich gestattet haben würde, bis zu einem bestimmten Punkte in seinem Leben, an der katholischen Offenbarungslehre auch nur Kritik zu üben.

[ 7 ] Bei einem solchen Geist, wie Franz Brentano es war, entwickelte sich gerade aus katholischer Frömmigkeit und aus der strengen Schulung der Scholastik heraus eine ganz spezifische Geistigkeit. Die Möglichkeit entwickelte sich bei ihm, das Sein einer geistigen Welt einfach selbstverständlich zu finden. Indem er sich in den Katholizismus und in die scholastische Theologie einlebte, lebte er ja in der Geistigkeit, und er konnte gar nicht anders, als in der Geistigkeit leben. Und diese Geistigkeit erfaßte er eben, indem er sie sich in strenger Logik ausgestaltete. Er war wirklich ein wahrer Katholik. In so strengem Sinne war er Katholik, daß er, trotzdem er in sich die strengste Logik ausbildete, nie sich gestattet haben würde, bis zu einem bestimmten Punkte in seinem Leben, an der katholischen Offenbarungslehre auch nur Kritik zu üben.

[ 8 ] Ich bitte, stellen Sie sich nur einmal einen Menschen in seiner ganzen menschlichen Tiefe vor, in dem die strengste Logik lebt, die bei so vielen neuzeitlichen Geistern die abfälligste Kritik an der katholischen Offenbarungslehre geübt hat. Das setzte in ihm starke Zweifel fest, die er aber alle ins Unterbewußte hinunterdrängte, die er nirgends in das Bewußtsein heraufkommen ließ; denn in dem Augenblick, wo sie im Bewußtsein auftraten, drängte er sie hinunter. Er sagte sich: Die katholische Offenbarungslehre ist ein geschlossenes System und zeigt sehr klar, daß sie aus den geistigen Welten selber, wenn auch auf den mannigfaltigsten Umwegen, wohl auch durch Menschen, auf die Erde gekommen ist. Sie zeigt ihre eigene Wahrheit, und man muß immer voraussetzen, wenn sich Zweifel geltend machen, daß man als einzelner Mensch doch jedenfalls irren kann gegenüber dem, was als allumfassendes System von einer solchen altehrwürdigen Größe auftritt, wie es der Katholizismus ist. — Da zu den Lehren des Katholizismus dieses gehört, daß über die Wahrheit der Dogmen immer nur die Konzilien haben sprechen können, so durfte Franz Brentano in seiner Seelenverfassung sich niemals gestatten, wenn irgendwie ein Zweifel aus dem Unbewußten auftauchen wollte, diesen Zweifel wirklich gegenüber der Offenbarungslehre geltend zu machen. Er drängte alles zurück, er sagte sich einfach: Es ist unmöglich, solch einen Zweifel wirklich anzunehmen. Aber die Zweifel wühlten eben im Gefühl, in der Empfindung, im Unbewußten ganz furchtbar in seiner Seele. Er machte es nicht etwa wie die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, indem er sich diesem Zweifel hingab, sondern er drängte solchen Zweifel immer wiederum als etwas Verbotenes hinunter.

[ 8 ] Ich bitte, stellen Sie sich nur einmal einen Menschen in seiner ganzen menschlichen Tiefe vor, in dem die strengste Logik lebt, die bei so vielen neuzeitlichen Geistern die abfälligste Kritik an der katholischen Offenbarungslehre geübt hat. Das setzte in ihm starke Zweifel fest, die er aber alle ins Unterbewußte hinunterdrängte, die er nirgends in das Bewußtsein heraufkommen ließ; denn in dem Augenblick, wo sie im Bewußtsein auftraten, drängte er sie hinunter. Er sagte sich: Die katholische Offenbarungslehre ist ein geschlossenes System und zeigt sehr klar, daß sie aus den geistigen Welten selber, wenn auch auf den mannigfaltigsten Umwegen, wohl auch durch Menschen, auf die Erde gekommen ist. Sie zeigt ihre eigene Wahrheit, und man muß immer voraussetzen, wenn sich Zweifel geltend machen, daß man als einzelner Mensch doch jedenfalls irren kann gegenüber dem, was als allumfassendes System von einer solchen altehrwürdigen Größe auftritt, wie es der Katholizismus ist. — Da zu den Lehren des Katholizismus dieses gehört, daß über die Wahrheit der Dogmen immer nur die Konzilien haben sprechen können, so durfte Franz Brentano in seiner Seelenverfassung sich niemals gestatten, wenn irgendwie ein Zweifel aus dem Unbewußten auftauchen wollte, diesen Zweifel wirklich gegenüber der Offenbarungslehre geltend zu machen. Er drängte alles zurück, er sagte sich einfach: Es ist unmöglich, solch einen Zweifel wirklich anzunehmen. Aber die Zweifel wühlten eben im Gefühl, in der Empfindung, im Unbewußten ganz furchtbar in seiner Seele. Er machte es nicht etwa wie die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, indem er sich diesem Zweifel hingab, sondern er drängte solchen Zweifel immer wiederum als etwas Verbotenes hinunter.

[ 9 ] Da kam ein Ereignis, das einen mächtigen Umschwung in seiner Seele bewirkte. Brentano ist 1838 geboren. Er ist in den sechziger Jahren zum katholischen Priester geweiht worden, ist dann auch als katholischer Priester, aber in der Seelenverfassung, die ich Ihnen eben geschildert habe, Professor der Philosophie an der Universität in Würzburg geworden. Und so traf ihn die Bewegung für das Infallibilitätsdogma, für das Unfehlbarkeitsdogma, die gegen Ende der sechziger Jahre entfaltet wurde. 1870 sollte ja dieses Dogma erklärt werden. Als ein ausgezeichneter Theologe und frommer Katholik bekam Franz Brentano damals — er war ja noch ein verhältnismäßig junger Mann — von dem berühmten Bischof Kezteler den Auftrag, über das Unfehlbarkeitsdogma zu sagen, was vom Standpunkte der katholischen Theologie aus zu sagen ist.

[ 9 ] Da kam ein Ereignis, das einen mächtigen Umschwung in seiner Seele bewirkte. Brentano ist 1838 geboren. Er ist in den sechziger Jahren zum katholischen Priester geweiht worden, ist dann auch als katholischer Priester, aber in der Seelenverfassung, die ich Ihnen eben geschildert habe, Professor der Philosophie an der Universität in Würzburg geworden. Und so traf ihn die Bewegung für das Infallibilitätsdogma, für das Unfehlbarkeitsdogma, die gegen Ende der sechziger Jahre entfaltet wurde. 1870 sollte ja dieses Dogma erklärt werden. Als ein ausgezeichneter Theologe und frommer Katholik bekam Franz Brentano damals — er war ja noch ein verhältnismäßig junger Mann — von dem berühmten Bischof Kezteler den Auftrag, über das Unfehlbarkeitsdogma zu sagen, was vom Standpunkte der katholischen Theologie aus zu sagen ist.

[ 10 ] Ich will zunächst die Folge der äußeren Ereignisse schildern. Ketteler gehörte zu denjenigen deutschen Bischöfen, die sich ganz mächtig auflehnten gegen die Festsetzung des Infallibilitätsdogmas. Er ließ sich eine Denkschrift von Franz Brentano ausarbeiten, die eben von Ketteler dann auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgebracht werden sollte, um von seiten der deutschen Bischöfe zu beschließen, daß man sich nicht der Festsetzung des Infallibilitätsdogmas anschließe. Ketteler hat auch die Brentanosche Denkschrift, die gegen das Dogma von der Infallibilität gerichtet war, vollinhaltlich auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgetragen. Das ist das Äußere, zu dem nur noch hinzuzufügen wäre, daß ja die deutschen Bischöfe dann umgefallen sind, daß sie, als sie in Rom versammelt waren und das Infallibilitätsdogma nun erklärt werden sollte, zuletzt sich eben doch unterworfen und dem Unfehlbarkeitsdogma zugestimmt haben. So hat also Franz Brentano dieses Dogma im negativen Sinne als nichtkatholische Lehre für den Bischof Ketteler kritisiert. Und dann ist das Infallibilitätsdogma erklärt worden.

[ 10 ] Ich will zunächst die Folge der äußeren Ereignisse schildern. Ketteler gehörte zu denjenigen deutschen Bischöfen, die sich ganz mächtig auflehnten gegen die Festsetzung des Infallibilitätsdogmas. Er ließ sich eine Denkschrift von Franz Brentano ausarbeiten, die eben von Ketteler dann auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgebracht werden sollte, um von seiten der deutschen Bischöfe zu beschließen, daß man sich nicht der Festsetzung des Infallibilitätsdogmas anschließe. Ketteler hat auch die Brentanosche Denkschrift, die gegen das Dogma von der Infallibilität gerichtet war, vollinhaltlich auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgetragen. Das ist das Äußere, zu dem nur noch hinzuzufügen wäre, daß ja die deutschen Bischöfe dann umgefallen sind, daß sie, als sie in Rom versammelt waren und das Infallibilitätsdogma nun erklärt werden sollte, zuletzt sich eben doch unterworfen und dem Unfehlbarkeitsdogma zugestimmt haben. So hat also Franz Brentano dieses Dogma im negativen Sinne als nichtkatholische Lehre für den Bischof Ketteler kritisiert. Und dann ist das Infallibilitätsdogma erklärt worden.

[ 11 ] In welcher Lage war Franz Brentano als ausgezeichneter Theologe und als frommer Katholik? Er hätte sich nie gestattet, ein Dogma, in das er schon hineingewachsen war, zu kritisieren. Aber als ihn der Bischof Ketteler aufforderte, das Infallibilitätsdogma zu kritisieren, war es noch nicht Dogma, sollte erst eines werden. Da gestattete er sich, dieses werdende Dogma mit seinem Intellekt anzugreifen. Es war ja auch durchaus im Sinne des Bischofs Ketteler, der ja zunächst auch gegen das Infallibilitätsdogma war. Also niemals würde Franz Brentano aus seiner damaligen Stimmung heraus, Ende der sechziger Jahre, ein bestehendes Dogma angefochten haben. Aber die Infallibilität war noch kein Dogma, und so kritisierte er sie mit einem ungeheuren Scharfsinn. Denn, was dazumal auf der Bischofsversammlung in Fulda von Ketteler vorgebracht worden ist, das war eben die Brentanosche Denkschrift.

[ 11 ] In welcher Lage war Franz Brentano als ausgezeichneter Theologe und als frommer Katholik? Er hätte sich nie gestattet, ein Dogma, in das er schon hineingewachsen war, zu kritisieren. Aber als ihn der Bischof Ketteler aufforderte, das Infallibilitätsdogma zu kritisieren, war es noch nicht Dogma, sollte erst eines werden. Da gestattete er sich, dieses werdende Dogma mit seinem Intellekt anzugreifen. Es war ja auch durchaus im Sinne des Bischofs Ketteler, der ja zunächst auch gegen das Infallibilitätsdogma war. Also niemals würde Franz Brentano aus seiner damaligen Stimmung heraus, Ende der sechziger Jahre, ein bestehendes Dogma angefochten haben. Aber die Infallibilität war noch kein Dogma, und so kritisierte er sie mit einem ungeheuren Scharfsinn. Denn, was dazumal auf der Bischofsversammlung in Fulda von Ketteler vorgebracht worden ist, das war eben die Brentanosche Denkschrift.

[ 12 ] Nun wurde aber die Infallibilität rechtmäßiges katholisches Dogma. Sie sehen, nicht eine Verstandesüberlegung allein, sondern das Zusammengewachsensein mit einem der wichtigsten Ereignisse des neueren Katholizismus war ein entscheidender Wendepunkt für Franz Brentano. Was vielleicht durch einen bloßen Intellektschritt gar nicht eingetreten wäre: Der Abfall von der Kirche, das hat sich im Zusammenhang mit den Ereignissen für ihn vollzogen. Er war der bedeutendste Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas und mußte sich dazumal fragen: War der rechtgläubige Christ Franz Brentano, der durchaus aus den Tiefen des katholischen Bewußtseins heraus vor dem Jahre 1870 das Unfehlbarkeitsdogma kritisiert hatte, noch Katholik, als nach 1870 das Infallibilitätsdogma nun ein rechtmäßiges Dogma geworden war? Sie sehen, Tatsachen sind hier, die stärker in das Leben der Menschen hineinspielen, als ein in den meisten Fällen ja wertloser intellektueller Entschluß es vermag. Und so konnte ein in seinem Gewissen so gerader, so lebendiger Mensch wie Franz Brentano nicht anders, als aus der Kirche austreten. Man muß nur den ganzen Zusammenhang nehmen, dann wird man sehen, wie tief eigentlich Franz Brentano mit einer gewissen Seite des Geisteslebens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengewachsen war.

[ 12 ] Nun wurde aber die Infallibilität rechtmäßiges katholisches Dogma. Sie sehen, nicht eine Verstandesüberlegung allein, sondern das Zusammengewachsensein mit einem der wichtigsten Ereignisse des neueren Katholizismus war ein entscheidender Wendepunkt für Franz Brentano. Was vielleicht durch einen bloßen Intellektschritt gar nicht eingetreten wäre: Der Abfall von der Kirche, das hat sich im Zusammenhang mit den Ereignissen für ihn vollzogen. Er war der bedeutendste Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas und mußte sich dazumal fragen: War der rechtgläubige Christ Franz Brentano, der durchaus aus den Tiefen des katholischen Bewußtseins heraus vor dem Jahre 1870 das Unfehlbarkeitsdogma kritisiert hatte, noch Katholik, als nach 1870 das Infallibilitätsdogma nun ein rechtmäßiges Dogma geworden war? Sie sehen, Tatsachen sind hier, die stärker in das Leben der Menschen hineinspielen, als ein in den meisten Fällen ja wertloser intellektueller Entschluß es vermag. Und so konnte ein in seinem Gewissen so gerader, so lebendiger Mensch wie Franz Brentano nicht anders, als aus der Kirche austreten. Man muß nur den ganzen Zusammenhang nehmen, dann wird man sehen, wie tief eigentlich Franz Brentano mit einer gewissen Seite des Geisteslebens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengewachsen war.

[ 13 ] So stand Franz Brentano da als Philosoph, gewissermaßen herausgeworfen aus seiner katholischen Laufbahn. Er hatte eine ganz andere Schulung als die anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts; denn diejenige Schulung, die er hatte, macht sich sonst, bei den außerkirchlichen Philosophen, nicht geltend. Aber jetzt war er in die Reihe der außerkirchlichen Philosophen eingereiht. Dabei hatte nun die naturwissenschaftliche Denkungsart des 19. Jahrhunderts auf ihn den denkbar stärksten Eindruck gemacht. Diese naturwissenschaftliche Denkungsart war ja seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend geworden für das ganze Wissenschaftsleben. Und als sich Franz Brentano in Würzburg habilitierte, da tat er das mit der These: «In der Philosophie können keine anderen methodischen Grundsätze herrschen, als in der wahren Naturwissenschaft.» Die Naturwissenschaft hat einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht in ihrer Methode, daß er nicht anders konnte, als sagen: Die Philosophie muß sich derselben Methoden bedienen wie die Naturwissenschaft, wenn sie eine wirkliche Wissenschaft sein will.

[ 13 ] So stand Franz Brentano da als Philosoph, gewissermaßen herausgeworfen aus seiner katholischen Laufbahn. Er hatte eine ganz andere Schulung als die anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts; denn diejenige Schulung, die er hatte, macht sich sonst, bei den außerkirchlichen Philosophen, nicht geltend. Aber jetzt war er in die Reihe der außerkirchlichen Philosophen eingereiht. Dabei hatte nun die naturwissenschaftliche Denkungsart des 19. Jahrhunderts auf ihn den denkbar stärksten Eindruck gemacht. Diese naturwissenschaftliche Denkungsart war ja seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend geworden für das ganze Wissenschaftsleben. Und als sich Franz Brentano in Würzburg habilitierte, da tat er das mit der These: «In der Philosophie können keine anderen methodischen Grundsätze herrschen, als in der wahren Naturwissenschaft.» Die Naturwissenschaft hat einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht in ihrer Methode, daß er nicht anders konnte, als sagen: Die Philosophie muß sich derselben Methoden bedienen wie die Naturwissenschaft, wenn sie eine wirkliche Wissenschaft sein will.

[ 14 ] Es ist wirklich nicht leicht, den seelischen Knäuel aufzulösen, in den Franz Brentano in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verstrickt war. Betrachten wir nur einmal ganz objektiv, was da eigentlich vorlag. Ein Mensch, der vielleicht einer der besten Kenner des Thomismus und des Aristotelismus in seiner Zeit war, ein ungeheuer scharfer Denker und Begriffsgestalter auf der einen Seite, aber das alles aus der katholischen Lehre heraus; auf der anderen Seite ein Mann, dem die naturwissenschaftliche Methode ungeheuer imponiert. Wie ist das möglich? Ja, es ist durchaus möglich, und zwar aus dem folgenden Grunde. Nehmen Sie einmal den Sinn der mittelalterlichen Scholastik. Die mittelalterliche Scholastik ist eine für das Geistige nach scholastischen Begriffen arbeitende Wissenschaft, jedoch eine Wissenschaft, die sich selber befiehlt, nur etwas über die äußere Sinneswelt, und dann noch einige Erkenntnisse, die sich durch Schlüsse aus der Sinneswelt ergeben, zu wissen, während alles Übersinnliche der Offenbarung überlassen wird, an die sich die intellektuelle Erkenntnis nicht heranwagen soll.

[ 14 ] Es ist wirklich nicht leicht, den seelischen Knäuel aufzulösen, in den Franz Brentano in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verstrickt war. Betrachten wir nur einmal ganz objektiv, was da eigentlich vorlag. Ein Mensch, der vielleicht einer der besten Kenner des Thomismus und des Aristotelismus in seiner Zeit war, ein ungeheuer scharfer Denker und Begriffsgestalter auf der einen Seite, aber das alles aus der katholischen Lehre heraus; auf der anderen Seite ein Mann, dem die naturwissenschaftliche Methode ungeheuer imponiert. Wie ist das möglich? Ja, es ist durchaus möglich, und zwar aus dem folgenden Grunde. Nehmen Sie einmal den Sinn der mittelalterlichen Scholastik. Die mittelalterliche Scholastik ist eine für das Geistige nach scholastischen Begriffen arbeitende Wissenschaft, jedoch eine Wissenschaft, die sich selber befiehlt, nur etwas über die äußere Sinneswelt, und dann noch einige Erkenntnisse, die sich durch Schlüsse aus der Sinneswelt ergeben, zu wissen, während alles Übersinnliche der Offenbarung überlassen wird, an die sich die intellektuelle Erkenntnis nicht heranwagen soll.

[ 15 ] Wir haben bei der mittelalterlichen Scholastik also streng geschieden: Das Reich der Sinneserkenntnis mit einigen Schlußfolgerungen, wie zum Beispiel das Dasein Gottes oder anderen ähnlichen Schlußfolgerungen; die gehören der menschlichen Erkenntnis an. Dagegen die eigentlichen Mysterien, die Inhalte der übersinnlichen Welt kann man nur durch Offenbarung gewinnen, das heißt durch dasjenige, was die Kirche aufbewahrt hat aus den Offenbarungen von den übersinnlichen Welten, die zu verschiedensten Zeiten auf eine nach Ansicht der Kirche rechtmäßige Weise zu den Menschen gekommen sind.

[ 15 ] Wir haben bei der mittelalterlichen Scholastik also streng geschieden: Das Reich der Sinneserkenntnis mit einigen Schlußfolgerungen, wie zum Beispiel das Dasein Gottes oder anderen ähnlichen Schlußfolgerungen; die gehören der menschlichen Erkenntnis an. Dagegen die eigentlichen Mysterien, die Inhalte der übersinnlichen Welt kann man nur durch Offenbarung gewinnen, das heißt durch dasjenige, was die Kirche aufbewahrt hat aus den Offenbarungen von den übersinnlichen Welten, die zu verschiedensten Zeiten auf eine nach Ansicht der Kirche rechtmäßige Weise zu den Menschen gekommen sind.

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[ 16 ] Das aber war ja schon die Vorbereitung zu der modernen wissenschaftlichen Ansicht. Diese moderne Naturwissenschaft will ja auch nur Sinneserkenntnis und höchstens einige Schlüsse aus der Sinneserkenntnis ziehen. Diese moderne Naturwissenschaft weiß gar nicht, daß sie die Fortsetzung der Scholastik ist, nur daß gewisse radikale Geister es etwas anders gemacht haben als die Scholastiker. Versinnlichen wir uns das schematisch. Der Scholastiker sagt sich: Mit dem Intellekt und mit der gewöhnlichen Wissenschaft erlange ich die Kenntnis der gewöhnlichen Sinneswelt und einiger Schlüsse, die sich aus ihr ergeben (gelb); dann ist eine Grenze, hinter welcher die übersinnliche Welt liegt, in die man nicht eindringen kann (rot). Nicht anders die moderne Naturwissenschaft! Diese sagt: Mit den menschlichen Erkenntnissen dringt man in die sinnliche Welt ein und kann einige Schlüsse ziehen, die aus dieser Erkenntnis folgen. Die Scholastiker sagten: Darüber liegt die übersinnliche Welt, die man dutch Offenbarung erkennen muß. Radikale Geister der modernen Welt sagten: Man kann nur die sinnliche Welt erkennen, die übersinnliche lassen wir weg, die gibt es ja gar nicht, oder mindestens kann man sie nicht erkennen. Dadurch wurden sie Agnostiker. Das, was in der Scholastik in bezug auf die Erkenntnisse der sinnlichen Welt und einiger Schlüsse daraus gang und gäbe war, das setzte sich eben nur fort in der modernen naturwissenschaftlichen Gesinnung, so daß gerade ein Geist, der so ernst seine ganze Jugend hindurch die scholastische Schulung in sich aufgenommen hatte, in der modernen naturwissenschaftlichen Methode nichts anderes zu sehen brauchte als die Fortsetzung der scholastischen Anschauungen. Dafür war aber bei ihm, weil er nun auch ein frommer Katholik war, die geistige Welt wiederum eine Selbstverständlichkeit. So daß Franz Brentano eigentlich nur konsequenter war als hundert und aberhundert andere, sowohl auf katholischer als auch auf nichtkatholischer Seite.

[ 16 ] Das aber war ja schon die Vorbereitung zu der modernen wissenschaftlichen Ansicht. Diese moderne Naturwissenschaft will ja auch nur Sinneserkenntnis und höchstens einige Schlüsse aus der Sinneserkenntnis ziehen. Diese moderne Naturwissenschaft weiß gar nicht, daß sie die Fortsetzung der Scholastik ist, nur daß gewisse radikale Geister es etwas anders gemacht haben als die Scholastiker. Versinnlichen wir uns das schematisch. Der Scholastiker sagt sich: Mit dem Intellekt und mit der gewöhnlichen Wissenschaft erlange ich die Kenntnis der gewöhnlichen Sinneswelt und einiger Schlüsse, die sich aus ihr ergeben (gelb); dann ist eine Grenze, hinter welcher die übersinnliche Welt liegt, in die man nicht eindringen kann (rot). Nicht anders die moderne Naturwissenschaft! Diese sagt: Mit den menschlichen Erkenntnissen dringt man in die sinnliche Welt ein und kann einige Schlüsse ziehen, die aus dieser Erkenntnis folgen. Die Scholastiker sagten: Darüber liegt die übersinnliche Welt, die man dutch Offenbarung erkennen muß. Radikale Geister der modernen Welt sagten: Man kann nur die sinnliche Welt erkennen, die übersinnliche lassen wir weg, die gibt es ja gar nicht, oder mindestens kann man sie nicht erkennen. Dadurch wurden sie Agnostiker. Das, was in der Scholastik in bezug auf die Erkenntnisse der sinnlichen Welt und einiger Schlüsse daraus gang und gäbe war, das setzte sich eben nur fort in der modernen naturwissenschaftlichen Gesinnung, so daß gerade ein Geist, der so ernst seine ganze Jugend hindurch die scholastische Schulung in sich aufgenommen hatte, in der modernen naturwissenschaftlichen Methode nichts anderes zu sehen brauchte als die Fortsetzung der scholastischen Anschauungen. Dafür war aber bei ihm, weil er nun auch ein frommer Katholik war, die geistige Welt wiederum eine Selbstverständlichkeit. So daß Franz Brentano eigentlich nur konsequenter war als hundert und aberhundert andere, sowohl auf katholischer als auch auf nichtkatholischer Seite.

[ 17 ] So wendete sich Brentano also der naturwissenschaftlichen Methode zu. Diese naturwissenschaftliche Methode aber muß sich entweder ihrer Grenzen bewußt werden, oder aber den Agnostizismus oder das Nichtvorhandensein der übersinnlichen Welt erklären. Wenn man nun dennoch die übersinnliche Welt als ein Selbstverständliches empfindet, aber nicht mehr an der Wahrheit der Oflenbarung — weil nicht mehr an der Wahrheit der Kirche — festhalten kann, wie es bei Franz Brentano der Fall war, dann ist man in einer besonderen Lage.

[ 17 ] So wendete sich Brentano also der naturwissenschaftlichen Methode zu. Diese naturwissenschaftliche Methode aber muß sich entweder ihrer Grenzen bewußt werden, oder aber den Agnostizismus oder das Nichtvorhandensein der übersinnlichen Welt erklären. Wenn man nun dennoch die übersinnliche Welt als ein Selbstverständliches empfindet, aber nicht mehr an der Wahrheit der Oflenbarung — weil nicht mehr an der Wahrheit der Kirche — festhalten kann, wie es bei Franz Brentano der Fall war, dann ist man in einer besonderen Lage.

[ 18 ] Ein oberflächlicher Geist kommt da leicht zurecht. Der leugnet entweder die übersinnliche Welt ab, oder er kümmert sich nicht darum. Das konnte Franz Brentano nicht. Aber er konnte gerade wegen seiner streng scholastischen Schulung die These aussprechen: Die wahre Philosophie darf sich keiner anderen Methoden bedienen als derjenigen der wahren Naturwissenschaft.

[ 18 ] Ein oberflächlicher Geist kommt da leicht zurecht. Der leugnet entweder die übersinnliche Welt ab, oder er kümmert sich nicht darum. Das konnte Franz Brentano nicht. Aber er konnte gerade wegen seiner streng scholastischen Schulung die These aussprechen: Die wahre Philosophie darf sich keiner anderen Methoden bedienen als derjenigen der wahren Naturwissenschaft.

[ 19 ] Nun wissen Sie ja alle: Wer, trotzdem er ja sagt zur naturwissenschaftlichen Methodik, noch auf erkenntnismäßige Weise zu einer geistigen Welt kommen will, der muß aufsteigen von der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methodik zu dem, was ich exaktes Hellsehen oder exaktes Schauen nenne, was entwickelt wird an übersinnlichen Fähigkeiten nach den Methoden, die ich in meinen Büchern geschildert habe. Vor der Entwickelung dieses Schauens, vor der Entwickelung jeder Art einer Methodik, die über das Naturwissenschaftliche hinausgeht und die doch erkenntnismäßig sein soll, schauderte aber Franz Brentano zurück. Da wirkte in ihm die Stimmung, die er als Katholik gegenüber der Offenbarung hatte. In die Offenbarung ließ man die Wissenschaft nicht hinein. Dadurch konnte er eine naturwissenschaftliche Methode verstehen, die sich nur auf die Sinneswelt beschränkt; aber gerade wenn man damit Ernst macht, muß man die übersinnlichen Fähigkeiten entwickeln. Davor schreckte er zurück.

[ 19 ] Nun wissen Sie ja alle: Wer, trotzdem er ja sagt zur naturwissenschaftlichen Methodik, noch auf erkenntnismäßige Weise zu einer geistigen Welt kommen will, der muß aufsteigen von der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methodik zu dem, was ich exaktes Hellsehen oder exaktes Schauen nenne, was entwickelt wird an übersinnlichen Fähigkeiten nach den Methoden, die ich in meinen Büchern geschildert habe. Vor der Entwickelung dieses Schauens, vor der Entwickelung jeder Art einer Methodik, die über das Naturwissenschaftliche hinausgeht und die doch erkenntnismäßig sein soll, schauderte aber Franz Brentano zurück. Da wirkte in ihm die Stimmung, die er als Katholik gegenüber der Offenbarung hatte. In die Offenbarung ließ man die Wissenschaft nicht hinein. Dadurch konnte er eine naturwissenschaftliche Methode verstehen, die sich nur auf die Sinneswelt beschränkt; aber gerade wenn man damit Ernst macht, muß man die übersinnlichen Fähigkeiten entwickeln. Davor schreckte er zurück.

[ 20 ] In dieser Stimmung wurde Franz Brentano eben Philosoph, nun nicht mehr theologisierender, sondern einfacher Philosoph. Man kann sagen: Solch eine Persönlichkeit, bei der man alle Stürme und Kämpfe, die sich im Geistesleben der Zeit finden, sehr deutlich ausgeprägt findet, und bei der man sich doch zuletzt sagen muß: sie wurde nicht Sieger in der eigenen Seele —, eine solche Persönlichkeit ist natürlich oftmals viel bedeutender und viel interessanter als andere, die auf eine leichte Weise, in leichtgeschürzten Begriffen mit allem möglichen gleich fertig werden.

[ 20 ] In dieser Stimmung wurde Franz Brentano eben Philosoph, nun nicht mehr theologisierender, sondern einfacher Philosoph. Man kann sagen: Solch eine Persönlichkeit, bei der man alle Stürme und Kämpfe, die sich im Geistesleben der Zeit finden, sehr deutlich ausgeprägt findet, und bei der man sich doch zuletzt sagen muß: sie wurde nicht Sieger in der eigenen Seele —, eine solche Persönlichkeit ist natürlich oftmals viel bedeutender und viel interessanter als andere, die auf eine leichte Weise, in leichtgeschürzten Begriffen mit allem möglichen gleich fertig werden.

[ 21 ] In dieser Seelenverfassung wurde nun Franz Brentano nach Wien berufen, nach jenem Österreich, von dem ich Ihnen ja hier einmal neulich gesprochen habe. Ich habe Ihnen seine eigentümliche Geistigkeit charakterisiert, und Sie werden, wenn Sie das im Gedächtnis nachempfinden, was ich damals über Österreich gesagt habe, wohl verstehen, daß ein so gearteter Philosoph gerade in Wien einen großen Eindruck machen konnte. Und den machte Brentano auch. Er war schon in der äußeren Erscheinung als Persönlichkeit außerordentlich interessant. Er hatte einen sehr durchgeistigten Kopf, geistsprühende Augen, die wahrscheinlich etwas Ähnliches im Blicke hatten wie die Augen des Romantikers Clemens Brentano. Franz Brentano war dadurch eigentlich auffällig interessant in seiner Persönlichkeit, daß, wenn man ihn so gehen sah, wenn er zum Beispiel das Podium, das Rednerpult bestieg, er eigentlich immer etwas an sich hatte, wie wenn er in seinen physischen Leib nicht ganz hineingeschlüpft wäre. Es hatte fast jede Bewegung, sowohl das Gehen wie das Bewegen der Arme, das Mienenspiel, die Formung der Worte selbst, all das hatte im Grunde genommen etwas Unnatürliches. Man hatte immer das Gefühl: da schlenkert etwas mit dem physischen Leibe, wie wenn man mit Kleidern schlenkert. Und dennoch machte das Ganze einen außerordentlich sympathischen und vergeistigten Eindruck. Man konnte sich gar nicht des Gefühles erwehren, daß es dieser Persönlichkeit mit dem immer ernsten Tonfall, mit dem fortwährenden Streben, in der strengsten Weise die Begriffe zu gestalten, die aber wiederum den Eindruck machte, als wenn sie in ihrem Denken nicht im Kopf, sondern ein wenig über dem Kopf gelebt hätte, im Grunde genommen ganz natürlich war, sich in ihrem physischen Leibe so zu fühlen wie in einem Anzug, der einem nicht ganz angepaßt ist, der einem zu groß oder zu klein, wir können sagen, zu groß ist. Und manches, was man bei einem anderen in den Bewegungen kokett gefunden haben würde, war bei Franz Brentano interessant.

[ 21 ] In dieser Seelenverfassung wurde nun Franz Brentano nach Wien berufen, nach jenem Österreich, von dem ich Ihnen ja hier einmal neulich gesprochen habe. Ich habe Ihnen seine eigentümliche Geistigkeit charakterisiert, und Sie werden, wenn Sie das im Gedächtnis nachempfinden, was ich damals über Österreich gesagt habe, wohl verstehen, daß ein so gearteter Philosoph gerade in Wien einen großen Eindruck machen konnte. Und den machte Brentano auch. Er war schon in der äußeren Erscheinung als Persönlichkeit außerordentlich interessant. Er hatte einen sehr durchgeistigten Kopf, geistsprühende Augen, die wahrscheinlich etwas Ähnliches im Blicke hatten wie die Augen des Romantikers Clemens Brentano. Franz Brentano war dadurch eigentlich auffällig interessant in seiner Persönlichkeit, daß, wenn man ihn so gehen sah, wenn er zum Beispiel das Podium, das Rednerpult bestieg, er eigentlich immer etwas an sich hatte, wie wenn er in seinen physischen Leib nicht ganz hineingeschlüpft wäre. Es hatte fast jede Bewegung, sowohl das Gehen wie das Bewegen der Arme, das Mienenspiel, die Formung der Worte selbst, all das hatte im Grunde genommen etwas Unnatürliches. Man hatte immer das Gefühl: da schlenkert etwas mit dem physischen Leibe, wie wenn man mit Kleidern schlenkert. Und dennoch machte das Ganze einen außerordentlich sympathischen und vergeistigten Eindruck. Man konnte sich gar nicht des Gefühles erwehren, daß es dieser Persönlichkeit mit dem immer ernsten Tonfall, mit dem fortwährenden Streben, in der strengsten Weise die Begriffe zu gestalten, die aber wiederum den Eindruck machte, als wenn sie in ihrem Denken nicht im Kopf, sondern ein wenig über dem Kopf gelebt hätte, im Grunde genommen ganz natürlich war, sich in ihrem physischen Leibe so zu fühlen wie in einem Anzug, der einem nicht ganz angepaßt ist, der einem zu groß oder zu klein, wir können sagen, zu groß ist. Und manches, was man bei einem anderen in den Bewegungen kokett gefunden haben würde, war bei Franz Brentano interessant.

[ 22 ] Franz Brentano bemühte sich, überall die naturwissenschaftliche Methodik zur Geltung zu bringen. Wenn er geistige Probleme behandelte, so behandelte er sie in einer Gesinnung, die eingegeben war von der naturwissenschaftlichen Methodik. Aber ich möchte sagen: Der Theologe war noch da im Tonfall. Es war schon ein großer Unterschied, etwa die naturwissenschaftliche Methode von irgendeinem gewöhnlichen Naturforscher handhaben zu hören, und von diesem aus der Theologie herausgewachsenen Philosophen.

[ 22 ] Franz Brentano bemühte sich, überall die naturwissenschaftliche Methodik zur Geltung zu bringen. Wenn er geistige Probleme behandelte, so behandelte er sie in einer Gesinnung, die eingegeben war von der naturwissenschaftlichen Methodik. Aber ich möchte sagen: Der Theologe war noch da im Tonfall. Es war schon ein großer Unterschied, etwa die naturwissenschaftliche Methode von irgendeinem gewöhnlichen Naturforscher handhaben zu hören, und von diesem aus der Theologie herausgewachsenen Philosophen.

[ 23 ] Es ist für diejenigen, die einen Begriff hatten von Franz Brentano, ganz natürlich gewesen, daß er, als er 1874 nach Wien kam, zunächst im gewissen Sinne der Liebling der Wiener Gesellschaft wurde, das heißt derjenigen Gesellschaft, die solche berühmte Persönlichkeiten, wie Franz Brentano damals eine war, ganz besonders liebten. Insbesondere die Frauen — denn die Männer dieser Gesellschaft beschäftigten sich ja gerade in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts weniger mit der Bildung — hatten ihren besonderen Geschmack an Franz Brentano, denn man konnte von ihm immer Geistreiches hören. Er war einem überlegen und doch wiederum war er einem nicht ganz überlegen; man war ihm doch wiederum selber auch überlegen. Wenn er kam, zog er seinen Überrock ungeschickt aus. Da konnte man ihm so gut helfen, und man konnte sich so über gewisse Seiten seines Wesens überlegen fühlen, wenn man ihm helfen konnte, wenn man ihn zum Beispiel stützen konnte, damit er nicht über die Türschwelle fiel und dergleichen, oder wenn er nicht gleich den Löffel fand, oder wenn er, was er besonders gern tat, das Fleisch so lange nach der einen und nach der anderen Seite schnitt, bis es nicht mehr einzelne Stücke waren, sondern etwas, was man in manchen Gegenden Deutschlands einen Knatsch nennt. Man konnte sich also zugleich überlegen fühlen und dennoch wiederum so etwas wie die Offenbarung einer geistigen Welt durch ihn hereinscheinen sehen.

[ 23 ] Es ist für diejenigen, die einen Begriff hatten von Franz Brentano, ganz natürlich gewesen, daß er, als er 1874 nach Wien kam, zunächst im gewissen Sinne der Liebling der Wiener Gesellschaft wurde, das heißt derjenigen Gesellschaft, die solche berühmte Persönlichkeiten, wie Franz Brentano damals eine war, ganz besonders liebten. Insbesondere die Frauen — denn die Männer dieser Gesellschaft beschäftigten sich ja gerade in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts weniger mit der Bildung — hatten ihren besonderen Geschmack an Franz Brentano, denn man konnte von ihm immer Geistreiches hören. Er war einem überlegen und doch wiederum war er einem nicht ganz überlegen; man war ihm doch wiederum selber auch überlegen. Wenn er kam, zog er seinen Überrock ungeschickt aus. Da konnte man ihm so gut helfen, und man konnte sich so über gewisse Seiten seines Wesens überlegen fühlen, wenn man ihm helfen konnte, wenn man ihn zum Beispiel stützen konnte, damit er nicht über die Türschwelle fiel und dergleichen, oder wenn er nicht gleich den Löffel fand, oder wenn er, was er besonders gern tat, das Fleisch so lange nach der einen und nach der anderen Seite schnitt, bis es nicht mehr einzelne Stücke waren, sondern etwas, was man in manchen Gegenden Deutschlands einen Knatsch nennt. Man konnte sich also zugleich überlegen fühlen und dennoch wiederum so etwas wie die Offenbarung einer geistigen Welt durch ihn hereinscheinen sehen.

[ 24 ] Das hat dann ein Dichter, der ja manchmal außerordentlich geistreich, aber eigentlich niemals sehr empfänglich für die Tiefen der menschlichen Wesenheit war, das hat dann Adolf Wilbrandt versucht, in einer etwas schnöden Weise in seinem «Gast vom Abendstern» zu verhöhnen. Diese Novelle wurde in Wien überall als eine Verhöhnung Franz Brentanos angesehen, aber sie ist es wirklich nur in dem Sinne, wie ich das eben jetzt charakterisiert habe.

[ 24 ] Das hat dann ein Dichter, der ja manchmal außerordentlich geistreich, aber eigentlich niemals sehr empfänglich für die Tiefen der menschlichen Wesenheit war, das hat dann Adolf Wilbrandt versucht, in einer etwas schnöden Weise in seinem «Gast vom Abendstern» zu verhöhnen. Diese Novelle wurde in Wien überall als eine Verhöhnung Franz Brentanos angesehen, aber sie ist es wirklich nur in dem Sinne, wie ich das eben jetzt charakterisiert habe.

[ 25 ] Nun, damals, als Franz Brentano in der charakterisierten Seelenverfassung seine Wiener Vorträge hielt, hatte er einen ungeheuren Zulauf für die damaligen Zeitverhältnisse. Man muß bedenken, daß die Philosophie dazumal keine sehr angesehene Sache war. Franz Brentano aber hatte schon in Würzburg als außerordentlicher Professor einen großen Zulauf, und zwar in demselben Hörsaal, an dessen Tür die Studenten nach dem ersten Vortrag seines Vorgängers — später waren sie nicht mehr hingegangen — «Schwefelbude» geschrieben hatten. In diesem selben Auditorium Maximum las Franz Brentano über Philosophie, und der Hörsaal füllte sich bald. Und so waren auch die Hörsäle, die er in Wien zum Vortragen hatte, immer voll.

[ 25 ] Nun, damals, als Franz Brentano in der charakterisierten Seelenverfassung seine Wiener Vorträge hielt, hatte er einen ungeheuren Zulauf für die damaligen Zeitverhältnisse. Man muß bedenken, daß die Philosophie dazumal keine sehr angesehene Sache war. Franz Brentano aber hatte schon in Würzburg als außerordentlicher Professor einen großen Zulauf, und zwar in demselben Hörsaal, an dessen Tür die Studenten nach dem ersten Vortrag seines Vorgängers — später waren sie nicht mehr hingegangen — «Schwefelbude» geschrieben hatten. In diesem selben Auditorium Maximum las Franz Brentano über Philosophie, und der Hörsaal füllte sich bald. Und so waren auch die Hörsäle, die er in Wien zum Vortragen hatte, immer voll.

[ 26 ] Nun gehörte zu seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten seine «Psychologie». Er hatte sich vorgenommen, mit wissenschaftlicher Methode eine Psychologie zu schreiben. Sie war auf vier oder fünf Bände berechnet. Im Frühling 1874 erschien der erste Band. Für den Herbst hatte er den zweiten versprochen, und so sollte es weitergehen. Mit naturwissenschaftlicher Methode, im strengsten Sinne des Wortes, hatte er sich darangemacht, zu untersuchen — so wie man untersucht, ob ein Metall sich erwärmt oder abkühlt, oder ob die Wärme von einem Metall nach dem anderen geleitet wird —, wie die eine Vorstellung sich an die andere reiht, wie die eine und die andere Vorstellung sich entsprechen, kurz, alle die kleineren Verhältnisse des Seelenlebens. Weiter kam er nicht. Aber er sagte schon im ersten Band: Wissenschaft muß man auch für die Seelenkunde, für die Psychologie haben. Wenn man aber diese Wissenschaftlichkeit damit erkaufen müßte, daß die moderne Seelenkunde nichts zu sagen wüßte über das Schicksal des besseren Teiles der menschlichen Wesenheit, wenn der Leib den Elementen der Erde übergeben wird, dann wäre wirklich für diese Wissenschaftlichkeit etwas durchaus Wertvolles dahingegeben. Für Brentano — bei dem ihm selbstverständlichen Darinnenleben im Geistigen, das er aber natürlich nach naturwissenschaftlicher Methode nicht beweisen konnte — war dieses Geistige keineswegs etwas, das er nicht als einen Gegenstand der Erkenntnis ansehen wollte. Er wollte durchaus in die geistige Welt hinaufdringen mit der Erkenntnis, aber er wollte auch wiederum bei der Naturwissenschaft verbleiben.

[ 26 ] Nun gehörte zu seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten seine «Psychologie». Er hatte sich vorgenommen, mit wissenschaftlicher Methode eine Psychologie zu schreiben. Sie war auf vier oder fünf Bände berechnet. Im Frühling 1874 erschien der erste Band. Für den Herbst hatte er den zweiten versprochen, und so sollte es weitergehen. Mit naturwissenschaftlicher Methode, im strengsten Sinne des Wortes, hatte er sich darangemacht, zu untersuchen — so wie man untersucht, ob ein Metall sich erwärmt oder abkühlt, oder ob die Wärme von einem Metall nach dem anderen geleitet wird —, wie die eine Vorstellung sich an die andere reiht, wie die eine und die andere Vorstellung sich entsprechen, kurz, alle die kleineren Verhältnisse des Seelenlebens. Weiter kam er nicht. Aber er sagte schon im ersten Band: Wissenschaft muß man auch für die Seelenkunde, für die Psychologie haben. Wenn man aber diese Wissenschaftlichkeit damit erkaufen müßte, daß die moderne Seelenkunde nichts zu sagen wüßte über das Schicksal des besseren Teiles der menschlichen Wesenheit, wenn der Leib den Elementen der Erde übergeben wird, dann wäre wirklich für diese Wissenschaftlichkeit etwas durchaus Wertvolles dahingegeben. Für Brentano — bei dem ihm selbstverständlichen Darinnenleben im Geistigen, das er aber natürlich nach naturwissenschaftlicher Methode nicht beweisen konnte — war dieses Geistige keineswegs etwas, das er nicht als einen Gegenstand der Erkenntnis ansehen wollte. Er wollte durchaus in die geistige Welt hinaufdringen mit der Erkenntnis, aber er wollte auch wiederum bei der Naturwissenschaft verbleiben.

[ 27 ] Und so ist denn dieser erste Band das einzige geblieben, was von Brentanos «Psychologie» erschienen ist. Er war ein zu wahrer, innerlich wissenschaftlich gewissenhafter Mensch, als daß er weitergeschrieben hätte im Sinne eines bloßen Formalismus. Das hätte er natürlich leicht können, und solche Psychologien, wie die der anderen, hätte er immer noch zustande bringen können. Aber wenn Brentano eine Psychologie hätte weiterschreiben sollen, so hätte sie wahr sein müssen auf jeder Seite, wie der erste Band, wahr, selbstverständlich innerhalb derjenigen Grenze, innerhalb der der Mensch zu Wahrheiten vordringen kann. Aber Franz Brentano wollte naturwissenschaftlich bleiben. Das ergab keine Fortsetzung ins Seelische hinein. Das Seelische etwa zu leugnen, wie es diejenigen Psychologen gemacht haben, die «Seelenkunden ohne Seele» geschrieben haben, das konnte er auch nicht. Er konnte eben nur verstummen. Und so schrieb er zu seinem ersten Band keinen zweiten, noch weniger die folgenden Bände dazu.

[ 27 ] Und so ist denn dieser erste Band das einzige geblieben, was von Brentanos «Psychologie» erschienen ist. Er war ein zu wahrer, innerlich wissenschaftlich gewissenhafter Mensch, als daß er weitergeschrieben hätte im Sinne eines bloßen Formalismus. Das hätte er natürlich leicht können, und solche Psychologien, wie die der anderen, hätte er immer noch zustande bringen können. Aber wenn Brentano eine Psychologie hätte weiterschreiben sollen, so hätte sie wahr sein müssen auf jeder Seite, wie der erste Band, wahr, selbstverständlich innerhalb derjenigen Grenze, innerhalb der der Mensch zu Wahrheiten vordringen kann. Aber Franz Brentano wollte naturwissenschaftlich bleiben. Das ergab keine Fortsetzung ins Seelische hinein. Das Seelische etwa zu leugnen, wie es diejenigen Psychologen gemacht haben, die «Seelenkunden ohne Seele» geschrieben haben, das konnte er auch nicht. Er konnte eben nur verstummen. Und so schrieb er zu seinem ersten Band keinen zweiten, noch weniger die folgenden Bände dazu.

[ 28 ] Die Brentano-Schüler haben es mir übelgenommen, daß ich diesen Tatbestand geltend gemacht habe in dem dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln», weil sie selber geneigt sind, die Sache viel oberflächlicher zu erklären. Aber selbst wenn man sich entschließen würde, zu sagen: Nun, vielleicht wissen es die Brentano-Schüler besser, daß dies nicht der Grund war, aus dem Brentanoschen Nachlaß oder dadurch, daß sie ihm nahegestanden haben, so beweist der erste Band aus dem Nachlasse Franz Brentanos, der von dem BrentanoSchüler Alfred Kastil in ausgezeichneter Weise herausgegeben und eingeleitet ist, doch wiederum dieselbe Seelenstimmung bei Franz Brentano, welche ihn abgehalten hat, zu dem ersten Bande seiner Psychologie einen folgenden hinzuzufügen. In diesem ersten Bande des Brentanoschen Nachlasses ist im ersten Kapitel enthalten: «Die Sittenlehre Jesu nach den Evangelien», durchaus schon geschrieben nach seinem Kirchenaustritt, lange nach seinem Kirchenaustritt. Im strengsten Sinne wollte er nichts gelten lassen, was nicht mit streng naturwissenschaftlicher Gesinnung vereinbar ist. Das zweite Kapitel ist: «Die Lehre Jesu von Gott und Welt und von der eigenen Person Jesu und Sendung nach den Evangelien.» Das dritte Kapitel ist besonders ausführlich und ist eine Kritik der Pascalschen Gedanken zur Apologie des christlichen Glaubens. Dann, nach einem kurzen Einschiebsel über Nietzsche als Nachahmer Jesu, folgt noch als Anhang: Die Glaubenswahrheit in kurzer Darstellung ihres wesentlichen Inhaltes.

[ 28 ] Die Brentano-Schüler haben es mir übelgenommen, daß ich diesen Tatbestand geltend gemacht habe in dem dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln», weil sie selber geneigt sind, die Sache viel oberflächlicher zu erklären. Aber selbst wenn man sich entschließen würde, zu sagen: Nun, vielleicht wissen es die Brentano-Schüler besser, daß dies nicht der Grund war, aus dem Brentanoschen Nachlaß oder dadurch, daß sie ihm nahegestanden haben, so beweist der erste Band aus dem Nachlasse Franz Brentanos, der von dem BrentanoSchüler Alfred Kastil in ausgezeichneter Weise herausgegeben und eingeleitet ist, doch wiederum dieselbe Seelenstimmung bei Franz Brentano, welche ihn abgehalten hat, zu dem ersten Bande seiner Psychologie einen folgenden hinzuzufügen. In diesem ersten Bande des Brentanoschen Nachlasses ist im ersten Kapitel enthalten: «Die Sittenlehre Jesu nach den Evangelien», durchaus schon geschrieben nach seinem Kirchenaustritt, lange nach seinem Kirchenaustritt. Im strengsten Sinne wollte er nichts gelten lassen, was nicht mit streng naturwissenschaftlicher Gesinnung vereinbar ist. Das zweite Kapitel ist: «Die Lehre Jesu von Gott und Welt und von der eigenen Person Jesu und Sendung nach den Evangelien.» Das dritte Kapitel ist besonders ausführlich und ist eine Kritik der Pascalschen Gedanken zur Apologie des christlichen Glaubens. Dann, nach einem kurzen Einschiebsel über Nietzsche als Nachahmer Jesu, folgt noch als Anhang: Die Glaubenswahrheit in kurzer Darstellung ihres wesentlichen Inhaltes.

[ 29 ] Es ist ungeheuer ergreifend, dieses Büchelchen über die Lehre Jesu von Franz Brentano vor sich zu haben, nachdem von allen möglichen Standpunkten im 19. Jahrhundert, von orthodoxen, halborthodoxen, freigeistigen, freisinnigen Standpunkten, von vollständig atheistischen Standpunkten aus über Jesus und seine Lehren geschrieben und gesprochen worden ist, wobei alles zu Hilfe genommen wurde, zum Beispiel von David Friedrich Strauß, was an Mythenkunde und so weiter da ist. Es ist ergreifend, zu sehen, wie der aus der Kirche ausgetretene, ausgezeichnete Philosoph Franz Brentano, nur sich stützend auf die Lehre der Evangelien selber, in seiner Art die Sittenlehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung charakterisiert, dann die Lehre Jesu von Gott, der Welt und Jesu eigener Sendung, dann die ganze Bedeutung der kirchlichen Dogmenlehre und der Kirchenverwaltung, der Bedeutung der Kirche, wie sie, apologetisch von Pascal geschildert, vorliegt. Es ist ergreifend, wie da wiederum Franz Brentano in einer eindringlichen Weise als scharfsinniger Gegner Pascals auftritt und sich nun über den Katholizismus als solchen ausspricht. Es ist deshalb ergreifend, weil wir hier den Brentano seiner Jugend vor uns haben mit all der Frömmigkeit, mit all der großen Fähigkeit, sich selbstverständlich in das Geistige hineinzuleben, und doch auch wiederum den Mann der strengsten naturwissenschaftlichen Gesinnung, der Gesinnung, die aus der naturwissenschaftlichen Methodik herauswächst, den Mann, dem zum Beispiel der sogenannte Modernismus natürlich nicht imponieren konnte, weil Brentano ein tiefer Geist ist und der Modernismus, auch der katholische Modernismus, etwas Seichtes ist. Er hat sich also, trotzdem er von der Kirche abgefallen war, nicht etwa irgendwie anerkennend über den Modernismus ausgesprochen.

[ 29 ] Es ist ungeheuer ergreifend, dieses Büchelchen über die Lehre Jesu von Franz Brentano vor sich zu haben, nachdem von allen möglichen Standpunkten im 19. Jahrhundert, von orthodoxen, halborthodoxen, freigeistigen, freisinnigen Standpunkten, von vollständig atheistischen Standpunkten aus über Jesus und seine Lehren geschrieben und gesprochen worden ist, wobei alles zu Hilfe genommen wurde, zum Beispiel von David Friedrich Strauß, was an Mythenkunde und so weiter da ist. Es ist ergreifend, zu sehen, wie der aus der Kirche ausgetretene, ausgezeichnete Philosoph Franz Brentano, nur sich stützend auf die Lehre der Evangelien selber, in seiner Art die Sittenlehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung charakterisiert, dann die Lehre Jesu von Gott, der Welt und Jesu eigener Sendung, dann die ganze Bedeutung der kirchlichen Dogmenlehre und der Kirchenverwaltung, der Bedeutung der Kirche, wie sie, apologetisch von Pascal geschildert, vorliegt. Es ist ergreifend, wie da wiederum Franz Brentano in einer eindringlichen Weise als scharfsinniger Gegner Pascals auftritt und sich nun über den Katholizismus als solchen ausspricht. Es ist deshalb ergreifend, weil wir hier den Brentano seiner Jugend vor uns haben mit all der Frömmigkeit, mit all der großen Fähigkeit, sich selbstverständlich in das Geistige hineinzuleben, und doch auch wiederum den Mann der strengsten naturwissenschaftlichen Gesinnung, der Gesinnung, die aus der naturwissenschaftlichen Methodik herauswächst, den Mann, dem zum Beispiel der sogenannte Modernismus natürlich nicht imponieren konnte, weil Brentano ein tiefer Geist ist und der Modernismus, auch der katholische Modernismus, etwas Seichtes ist. Er hat sich also, trotzdem er von der Kirche abgefallen war, nicht etwa irgendwie anerkennend über den Modernismus ausgesprochen.

[ 30 ] Es war ja im 19. Jahrhundert von Geistern, die glaubten, auf naturwissenschaftlichem Boden zu stehen, wie David Friedrich Strauß, im strengsten Sinne des Wortes die Frage gestellt worden: Sind wir noch Christen? Glauben wir noch an einen Gott? — Diese zwei Fragen hat David Friedrich Strauß, haben auch unzählige andere gestellt und verneint. Sie hatten eben nicht jene tiefe Schulung des Brentano. Ihr Erkenntnisleben war daher auch weniger tragisch. Sie kämpften weniger um die naturwissenschaftliche Methode, denn es wurde ihnen aus einer gewissen Oberflächlichkeit leichter, sich ihr hinzugeben, als Franz Brentano, dem es schwer wurde, aus seiner Tiefe heraus. Dennoch hielt er diese naturwissenschaftliche Methode eben für absolut durch die Zeit geboten.

[ 30 ] Es war ja im 19. Jahrhundert von Geistern, die glaubten, auf naturwissenschaftlichem Boden zu stehen, wie David Friedrich Strauß, im strengsten Sinne des Wortes die Frage gestellt worden: Sind wir noch Christen? Glauben wir noch an einen Gott? — Diese zwei Fragen hat David Friedrich Strauß, haben auch unzählige andere gestellt und verneint. Sie hatten eben nicht jene tiefe Schulung des Brentano. Ihr Erkenntnisleben war daher auch weniger tragisch. Sie kämpften weniger um die naturwissenschaftliche Methode, denn es wurde ihnen aus einer gewissen Oberflächlichkeit leichter, sich ihr hinzugeben, als Franz Brentano, dem es schwer wurde, aus seiner Tiefe heraus. Dennoch hielt er diese naturwissenschaftliche Methode eben für absolut durch die Zeit geboten.

[ 31 ] Ich stelle Ihnen dieses dar, weil ich glaube, daß man an dem Beispiel dieser Persönlichkeit, wenn man die reinen Tatsachen ihres inneren und äußeren Lebens nimmt, einen anschaulicheren Einblick in das Weben und Wesen der Zivilisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewinnen kann, als wenn ich das ganze nur abstrakt darstellen würde. Franz Brentanos Seelenverfassung ist so, daß man sagen muß, wenn man ihn zunächst als Psychologen ins Auge faßt: Alles, was an Fähigkeiten in diesem Manne ist, tendiert eigentlich dahin, übersinnliche Erkenntnis zu entwickeln, damit das Seelische angeschaut werden kann. Hätte Brentano auch nur den zweiten Band seiner «Psychologie» schreiben wollen, so hätte er zur imaginativen Erkenntnis kommen müssen, und dann zur inspirierten und so weiter. Das wollte er nicht. Weil er das nicht wollte, unterließ er es gewissenhaft, den zweiten und den dritten Band zu schreiben. Er ist in gewisser Beziehung dennoch ein Opfer der naturwissenschaftlichen Methode geworden, ein ehrliches, gewissenhaftes Opfer. Und gerade so, wie nur übersinnliche Erkenntnis in dem Sinne, wie ich sie zum Beispiel beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zum wirklichen Seelenwesen vordringen kann, so kann auch nur solche übersinnliche Erkenntnis von dem, was die Naturwissenschaft bietet, zu demjenigen, was als allwaltende und webende geistige Welt vorhanden ist, vordringen.

[ 31 ] Ich stelle Ihnen dieses dar, weil ich glaube, daß man an dem Beispiel dieser Persönlichkeit, wenn man die reinen Tatsachen ihres inneren und äußeren Lebens nimmt, einen anschaulicheren Einblick in das Weben und Wesen der Zivilisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewinnen kann, als wenn ich das ganze nur abstrakt darstellen würde. Franz Brentanos Seelenverfassung ist so, daß man sagen muß, wenn man ihn zunächst als Psychologen ins Auge faßt: Alles, was an Fähigkeiten in diesem Manne ist, tendiert eigentlich dahin, übersinnliche Erkenntnis zu entwickeln, damit das Seelische angeschaut werden kann. Hätte Brentano auch nur den zweiten Band seiner «Psychologie» schreiben wollen, so hätte er zur imaginativen Erkenntnis kommen müssen, und dann zur inspirierten und so weiter. Das wollte er nicht. Weil er das nicht wollte, unterließ er es gewissenhaft, den zweiten und den dritten Band zu schreiben. Er ist in gewisser Beziehung dennoch ein Opfer der naturwissenschaftlichen Methode geworden, ein ehrliches, gewissenhaftes Opfer. Und gerade so, wie nur übersinnliche Erkenntnis in dem Sinne, wie ich sie zum Beispiel beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zum wirklichen Seelenwesen vordringen kann, so kann auch nur solche übersinnliche Erkenntnis von dem, was die Naturwissenschaft bietet, zu demjenigen, was als allwaltende und webende geistige Welt vorhanden ist, vordringen.

[ 32 ] Rein naturwissenschaftliche Astronomie weiß von Himmelskörpern, die da draußen im Raume schweben. Sie analysiert höchstens mit der Spektralanalyse die Natur des Lichtes dieser Himmelskörper. Aber das alles sind ihr im Raume schwebende Kugeln. Das alles ist geistlos. Und geistlos ist der Inhalt der Zoologie, der Inhalt der Biologie, der Botanik, der Mineralienlehre. Die Naturwissenschaft muß vermöge ihrer Methode das Geistlose herausschälen und den Geist unberücksichtigt lassen. Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne muß wiederum hinführen zum Geiste. Die übersinnliche Erkenntnis, nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Welt überhaupt, führt zur Geistigkeit hin.

[ 32 ] Rein naturwissenschaftliche Astronomie weiß von Himmelskörpern, die da draußen im Raume schweben. Sie analysiert höchstens mit der Spektralanalyse die Natur des Lichtes dieser Himmelskörper. Aber das alles sind ihr im Raume schwebende Kugeln. Das alles ist geistlos. Und geistlos ist der Inhalt der Zoologie, der Inhalt der Biologie, der Botanik, der Mineralienlehre. Die Naturwissenschaft muß vermöge ihrer Methode das Geistlose herausschälen und den Geist unberücksichtigt lassen. Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne muß wiederum hinführen zum Geiste. Die übersinnliche Erkenntnis, nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Welt überhaupt, führt zur Geistigkeit hin.

[ 33 ] So wie Brentano nicht hat zum Seelenwesen herankommen können mit seiner streng naturwissenschaftlichen Gesinnung in seiner «Psychologie», ebensowenig konnte er an das Mysterium von Golgatha wirklich herankommen, als er die katholische Dogmatik verlassen hatte. Wie kann man an das Mysterium von Golgatha herankommen ? Nur wenn man erfassen kann, daß die Welt durchwoben ist von einem übersinnlichen Geistigen. In diesem Übersinnlich-Geistigen ist eine Wesenheit, wie ich es Ihnen oftmals geschildert habe, der Christus, der als Christus-Wesenheit in dem Leib des Jesus von Nazareth lebte, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte. Ohne eine Geisteswissenschaft kommt man zu keinem anderen Verständnis als zu dem von der Persönlichkeit Jesu. Wie der göttliche Christus in dem Jesus gelebt hat, das kann nur anthroposophische Geisteswissenschaft geben. Die wollte Franz Brentano nicht.

[ 33 ] So wie Brentano nicht hat zum Seelenwesen herankommen können mit seiner streng naturwissenschaftlichen Gesinnung in seiner «Psychologie», ebensowenig konnte er an das Mysterium von Golgatha wirklich herankommen, als er die katholische Dogmatik verlassen hatte. Wie kann man an das Mysterium von Golgatha herankommen ? Nur wenn man erfassen kann, daß die Welt durchwoben ist von einem übersinnlichen Geistigen. In diesem Übersinnlich-Geistigen ist eine Wesenheit, wie ich es Ihnen oftmals geschildert habe, der Christus, der als Christus-Wesenheit in dem Leib des Jesus von Nazareth lebte, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte. Ohne eine Geisteswissenschaft kommt man zu keinem anderen Verständnis als zu dem von der Persönlichkeit Jesu. Wie der göttliche Christus in dem Jesus gelebt hat, das kann nur anthroposophische Geisteswissenschaft geben. Die wollte Franz Brentano nicht.

[ 34 ] Aber so viel bewahrte er sich noch aus seinem katholischen Bewußtsein heraus, daß der Jesus eine zentrale Bedeutung hat in der ganzen Erdenentwickelung. Das war ihm klar. Wie ihm klar war, daß die Seele unsterblich ist, er aber diese Unsterblichkeit erkenntnismäßig nicht finden konnte, so war ihm klar, daß der Jesus den Mittelpunkt der irdischen Entwickelung bildet. Aber er konnte den Übergang vom Jesus zum Christus nicht finden. Und so sehen wir, daß er gefühlsmäßig, willensmäßig in ungeheuer starker Weise ergriffen ist von der Bedeutung der Persönlichkeit Jesu und der Lehre Jesu. Nehmen Sie Sätze wie diesen: «Nicht überwunden» — wie etwa David Friedrich Strauß meint —, «wenn man sie harmonisch deutet und auf ihre wesentlichen Züge achtet, ist die Lehre Jesu in der Geschichte, sondern in ihrer Vollkommenheit im Leben noch immer nicht erreicht. Es wird wegen der menschlichen Schwäche ihr noch harte Kämpfe kosten, den vollen Sieg zu erringen, aber wegen ihrer inneren Kraft unmöglich sein, daß sie jemals untergeht. Das Gewissen wird allezeit für das, was sie von Wahrheit und heiliger Schönheit enthält, Zeugnis geben, ja hat es schon in der vorchristlichen Zeit bei Heiden wie Juden und im asiatischen Orient, wie im europäischen Okzident getan, so daß die Sittenlehre Jesu nicht sowohl dadurch einen mächtigen Fortschritt bezeichnet, daß sie ganz neue Gebote verkündete, als dadurch, daß Jesus sie durch das unvergleichliche Beispiel, welches er in seinem Leben und Tode gab, in einer Weise veranschaulichte, die erst die Möglichkeit so erhabener Tugend voll begreiflich machte und so mit einem höheren Mut beseelend zur Nachahmung fortriß. Für immer wird dies Beispiel vorleuchten und keine Weissagung ist sicherer, als wenn man in diesem Sinne sagt: Jesus und kein Ende.» So der aus der Kirche ausgetretene Philosoph, der ausgezeichnete Theologe Franz Brentano, der von dem Jesus zum Christus nur nicht kommen konnte wegen seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung!

[ 34 ] Aber so viel bewahrte er sich noch aus seinem katholischen Bewußtsein heraus, daß der Jesus eine zentrale Bedeutung hat in der ganzen Erdenentwickelung. Das war ihm klar. Wie ihm klar war, daß die Seele unsterblich ist, er aber diese Unsterblichkeit erkenntnismäßig nicht finden konnte, so war ihm klar, daß der Jesus den Mittelpunkt der irdischen Entwickelung bildet. Aber er konnte den Übergang vom Jesus zum Christus nicht finden. Und so sehen wir, daß er gefühlsmäßig, willensmäßig in ungeheuer starker Weise ergriffen ist von der Bedeutung der Persönlichkeit Jesu und der Lehre Jesu. Nehmen Sie Sätze wie diesen: «Nicht überwunden» — wie etwa David Friedrich Strauß meint —, «wenn man sie harmonisch deutet und auf ihre wesentlichen Züge achtet, ist die Lehre Jesu in der Geschichte, sondern in ihrer Vollkommenheit im Leben noch immer nicht erreicht. Es wird wegen der menschlichen Schwäche ihr noch harte Kämpfe kosten, den vollen Sieg zu erringen, aber wegen ihrer inneren Kraft unmöglich sein, daß sie jemals untergeht. Das Gewissen wird allezeit für das, was sie von Wahrheit und heiliger Schönheit enthält, Zeugnis geben, ja hat es schon in der vorchristlichen Zeit bei Heiden wie Juden und im asiatischen Orient, wie im europäischen Okzident getan, so daß die Sittenlehre Jesu nicht sowohl dadurch einen mächtigen Fortschritt bezeichnet, daß sie ganz neue Gebote verkündete, als dadurch, daß Jesus sie durch das unvergleichliche Beispiel, welches er in seinem Leben und Tode gab, in einer Weise veranschaulichte, die erst die Möglichkeit so erhabener Tugend voll begreiflich machte und so mit einem höheren Mut beseelend zur Nachahmung fortriß. Für immer wird dies Beispiel vorleuchten und keine Weissagung ist sicherer, als wenn man in diesem Sinne sagt: Jesus und kein Ende.» So der aus der Kirche ausgetretene Philosoph, der ausgezeichnete Theologe Franz Brentano, der von dem Jesus zum Christus nur nicht kommen konnte wegen seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung!

[ 35 ] Vergleichen Sie diese schönen Worte über Jesus als den Mittelpunkt der Erdenentwickelung mit vielem, was von Theologen geschrieben ist, die in der Kirche geblieben sind, und bilden Sie sich ein Urteil darüber. Bilden Sie sich aber auch ein Urteil darüber, was es bedeutet, wenn eine Persönlichkeit von der Seelenverfassung, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, über die Weltanschauung Jesu das Folgende sagt: «Die Weltanschauung Jesu war also nicht bloß geozentrisch,» das heißt, nicht bloß auf die Erde hingeordnet, «sondern auch christozentrisch, und zwar in solcher Weise, daß um die Person des einen Menschen Jesus sich nicht bloß die ganze Erdgeschichte, sondern auch die der reinen Geister, der guten wie der bösen, ordnet und in jeder Hinsicht nur durch die Zweckbeziehung zu ihm ihr Verständnis findet. Die Welt ist nicht bloß in Rücksicht auf den einen allwaltenden Gott, sondern auch in Rücksicht auf diejenige Kreatur, die vor allen anderen sein Ebenbild ist, eine Monarchie zu nennen.»

[ 35 ] Vergleichen Sie diese schönen Worte über Jesus als den Mittelpunkt der Erdenentwickelung mit vielem, was von Theologen geschrieben ist, die in der Kirche geblieben sind, und bilden Sie sich ein Urteil darüber. Bilden Sie sich aber auch ein Urteil darüber, was es bedeutet, wenn eine Persönlichkeit von der Seelenverfassung, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, über die Weltanschauung Jesu das Folgende sagt: «Die Weltanschauung Jesu war also nicht bloß geozentrisch,» das heißt, nicht bloß auf die Erde hingeordnet, «sondern auch christozentrisch, und zwar in solcher Weise, daß um die Person des einen Menschen Jesus sich nicht bloß die ganze Erdgeschichte, sondern auch die der reinen Geister, der guten wie der bösen, ordnet und in jeder Hinsicht nur durch die Zweckbeziehung zu ihm ihr Verständnis findet. Die Welt ist nicht bloß in Rücksicht auf den einen allwaltenden Gott, sondern auch in Rücksicht auf diejenige Kreatur, die vor allen anderen sein Ebenbild ist, eine Monarchie zu nennen.»

[ 36 ] So naht sich Franz Brentano der Persönlichkeit Jesu. — Aber dennoch, er kommt von dieser Persönlichkeit Jesu, von der er sagt, daß ihre Weltanschauung nicht bloß eine geozentrische, sondern eine christozentrische ist, von der er sagt, daß sich nach ihr richten nicht nur die Menschen auf der Erde, sondern auch höhere Geister, sowohl die guten wie die bösen, er kommt von der Persönlichkeit Jesu nicht zu der Wesenheit des Christus.

[ 36 ] So naht sich Franz Brentano der Persönlichkeit Jesu. — Aber dennoch, er kommt von dieser Persönlichkeit Jesu, von der er sagt, daß ihre Weltanschauung nicht bloß eine geozentrische, sondern eine christozentrische ist, von der er sagt, daß sich nach ihr richten nicht nur die Menschen auf der Erde, sondern auch höhere Geister, sowohl die guten wie die bösen, er kommt von der Persönlichkeit Jesu nicht zu der Wesenheit des Christus.

[ 37 ] Und so klafft ein furchtbarer Widerspruch in ihm. Denn wohl fragt er sich: Wie steht es um diesen Menschen Jesus, um den sich die ganze Menschengeschichte dreht? — Es ist aber keine Idee in Franz Brentano, die in eine solche Realität auslaufen würde, daß der Christus in dem Jesus wirklich erfaßt werden könnte. Denn nur derjenige, der den Christus in dem Jesus erfaßt, kann ja daran denken, ihn in einer solchen Art zum Mittelpunkt zu machen.

[ 37 ] Und so klafft ein furchtbarer Widerspruch in ihm. Denn wohl fragt er sich: Wie steht es um diesen Menschen Jesus, um den sich die ganze Menschengeschichte dreht? — Es ist aber keine Idee in Franz Brentano, die in eine solche Realität auslaufen würde, daß der Christus in dem Jesus wirklich erfaßt werden könnte. Denn nur derjenige, der den Christus in dem Jesus erfaßt, kann ja daran denken, ihn in einer solchen Art zum Mittelpunkt zu machen.

[ 38 ] Auch hier, trotzdem er aus religiösen Gründen heraus es wenigstens zu einem schriftstellerischen Abschluß gebracht hat, den er dann aber nicht selbst mehr veröffentlicht hat, sondern den erst seine Schüler veröffentlicht haben, auch hier ist Franz Brentano nicht zum Ende des Strebens gekommen, obwohl er sozusagen unmittelbar an dem ’Tore stand, das er nur hätte aufzumachen brauchen, um zur Unsterblichkeit der Seele und auch zum Begreifen des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Deshalb ist es ein so ungeheuer interessantes Dokument, dieses Büchelchen von Franz Brentano «Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung», denn von dieser bleibenden Bedeutung hatte Franz Brentano wohl eine Vorstellung. Noch einmal, nachdem er die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung dargestellt hat als zweites Kapitel, noch einmal frägt er: Sind wir noch Christen? Die Antwort wird davon abhängen — sagt er —, in welchem Sinne die Frage gestellt ist. — Und dann aber, nachdem er es eigentlich auf die moderne Bildung schiebt, daß eine wirkliche Christus-Idee nicht entstehen kann, sagt er noch einmal: «Vielleicht wird einer die hier von mir ausgesprochenen Hoffnungen eitel nennen, weil der mächtige Einfluß, den Jesu Lehre und Beispiel auf die Menschheit geübt, wesentlich damit zusammenhänge, daß man ihm eine göttliche Natur zugeschrieben und so zu einem Glauben sich bekannt habe, an dem, nach meinem eigenen Zugeständnis, die Vorgeschrittensten schon heute nicht mehr festhalten.» Da kommt er, ich möchte sagen, ins Unklare hinein.

[ 38 ] Auch hier, trotzdem er aus religiösen Gründen heraus es wenigstens zu einem schriftstellerischen Abschluß gebracht hat, den er dann aber nicht selbst mehr veröffentlicht hat, sondern den erst seine Schüler veröffentlicht haben, auch hier ist Franz Brentano nicht zum Ende des Strebens gekommen, obwohl er sozusagen unmittelbar an dem ’Tore stand, das er nur hätte aufzumachen brauchen, um zur Unsterblichkeit der Seele und auch zum Begreifen des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Deshalb ist es ein so ungeheuer interessantes Dokument, dieses Büchelchen von Franz Brentano «Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung», denn von dieser bleibenden Bedeutung hatte Franz Brentano wohl eine Vorstellung. Noch einmal, nachdem er die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung dargestellt hat als zweites Kapitel, noch einmal frägt er: Sind wir noch Christen? Die Antwort wird davon abhängen — sagt er —, in welchem Sinne die Frage gestellt ist. — Und dann aber, nachdem er es eigentlich auf die moderne Bildung schiebt, daß eine wirkliche Christus-Idee nicht entstehen kann, sagt er noch einmal: «Vielleicht wird einer die hier von mir ausgesprochenen Hoffnungen eitel nennen, weil der mächtige Einfluß, den Jesu Lehre und Beispiel auf die Menschheit geübt, wesentlich damit zusammenhänge, daß man ihm eine göttliche Natur zugeschrieben und so zu einem Glauben sich bekannt habe, an dem, nach meinem eigenen Zugeständnis, die Vorgeschrittensten schon heute nicht mehr festhalten.» Da kommt er, ich möchte sagen, ins Unklare hinein.

[ 39 ] «Diese aber übersehen, daß die Möglichkeit solchen Einflusses so wenig erst mit dem Glauben an die Gottheit Jesu beginnt, daß vielmehr gerade der Blick auf sein Beispiel, wie es in der Erzählung der Evangelien uns vorliegt, eines der kräftigsten Motive gewesen ist, die zum Glauben an das göttlich Überragende seiner Person geführt haben. Kein anderes... das ihm zur Seite gestellt werden könnte, und je mehr diese Jahrhunderte zu Jahrtausenden anwachsen, um so mehr wird dadurch etwas gegeben sein, was es auszeichnet und uns bei der eigenen Lebensführung vorleuchten läßt.»

[ 39 ] «Diese aber übersehen, daß die Möglichkeit solchen Einflusses so wenig erst mit dem Glauben an die Gottheit Jesu beginnt, daß vielmehr gerade der Blick auf sein Beispiel, wie es in der Erzählung der Evangelien uns vorliegt, eines der kräftigsten Motive gewesen ist, die zum Glauben an das göttlich Überragende seiner Person geführt haben. Kein anderes... das ihm zur Seite gestellt werden könnte, und je mehr diese Jahrhunderte zu Jahrtausenden anwachsen, um so mehr wird dadurch etwas gegeben sein, was es auszeichnet und uns bei der eigenen Lebensführung vorleuchten läßt.»

[ 40 ] Sie fühlen wiederum, wie nahe Franz Brentano an das Tor zur übersinnlichen Welt herangekommen ist, und wie er zurückgehalten worden ist durch die mächtigste Führerin der neueren Zivilisation, durch die naturwissenschaftliche Methodik, durch die naturwissenschaftliche Gesinnung.

[ 40 ] Sie fühlen wiederum, wie nahe Franz Brentano an das Tor zur übersinnlichen Welt herangekommen ist, und wie er zurückgehalten worden ist durch die mächtigste Führerin der neueren Zivilisation, durch die naturwissenschaftliche Methodik, durch die naturwissenschaftliche Gesinnung.

[ 41 ] Und so darf man auch nach dieser Veröffentlichung aus Brentanos Nachlaß wohl sagen, was man auch nach seinen zu seinen Lebzeiten gedruckten Schriften sagen mußte: Franz Brentano steht da wie ein Geist aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der mit jeder Phase seines Seelenlebens hingetrieben wird zu der Erfassung der übersinnlichen Welt, der aber sich diese Erfassung der übersinnlichen Welt durch die Naturwissenschaft hat verbieten lassen, wie er sich seinerzeit hat verbieten lassen die Kritik des Dogmas durch dieses Dogma selbst. So steht gerade Franz Brentano durch das, was er sich nicht hat erringen können, als eine leuchtende Persönlichkeit, als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor uns und lehrt uns vielleicht wie wenige andere erkennen, wie eigentlich das geistige Erbe des 19. Jahrhunderts, das in das 20. Jahrhundert hineingekommen ist, sich in seinen Wirkungen auf die Menschheitsentwickelung überhaupt verhält.

[ 41 ] Und so darf man auch nach dieser Veröffentlichung aus Brentanos Nachlaß wohl sagen, was man auch nach seinen zu seinen Lebzeiten gedruckten Schriften sagen mußte: Franz Brentano steht da wie ein Geist aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der mit jeder Phase seines Seelenlebens hingetrieben wird zu der Erfassung der übersinnlichen Welt, der aber sich diese Erfassung der übersinnlichen Welt durch die Naturwissenschaft hat verbieten lassen, wie er sich seinerzeit hat verbieten lassen die Kritik des Dogmas durch dieses Dogma selbst. So steht gerade Franz Brentano durch das, was er sich nicht hat erringen können, als eine leuchtende Persönlichkeit, als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor uns und lehrt uns vielleicht wie wenige andere erkennen, wie eigentlich das geistige Erbe des 19. Jahrhunderts, das in das 20. Jahrhundert hineingekommen ist, sich in seinen Wirkungen auf die Menschheitsentwickelung überhaupt verhält.