Human Questions and Cosmic Answers
GA 213
7 July 1922, Dornach
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Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL
Sechster Vortrag
Sixth Lecture
[ 1 ] Ich möchte einiges, das ich in den nächsten Tagen hier vorbringen werde, heute einleiten, indem ich anknüpfe an Leben und Lehre einer Persönlichkeit, über die ich schon hie und da in den Vorträgen gesprochen habe, und die ich auch ausführlicher behandelt habe im dritten Kapitel meiner Schrift «Von Seelenrätseln». Ich werde über diese Persönlichkeit, Franz Brentano, als einem der repräsentativen Geister aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, manches zu sagen haben, aus Gründen, die sich ergeben werden, wenn wit in unseren Betrachtungen weiterschreiten werden. Einige Andeutungen finden sich auch in der Zeitschrift «Das Goetheanum». Ich knüpfe aus dem Grunde heute ganz besonders an die Lehre und an das Leben Brentanos an, weil dazu ein äußerer Anlaß ist, nämlich das Erscheinen des ersten Bandes aus dem Nachlaß Franz Brentanos, der eines der wichtigsten Kapitel der Weltanschauung umfaßt, nämlich die Lehre Jesu in der Beleuchtung eben von Franz Brentano.
[ 1 ] I would like to introduce some of the points I will be presenting here over the next few days by referring to the life and teachings of a figure whom I have already mentioned here and there in my lectures, and whom I have also discussed in greater detail in the third chapter of my work *On the Mysteries of the Soul*. I will have much to say about this figure, Franz Brentano, as one of the leading thinkers of the second half of the 19th century, for reasons that will become clear as we proceed with our reflections. Some hints can also be found in the journal *Das Goetheanum*. I am focusing particularly on Brentano’s teachings and life today because there is an external occasion for doing so, namely the publication of the first volume from Franz Brentano’s posthumous writings, which encompasses one of the most important chapters of his worldview—namely, the teachings of Jesus as illuminated by Franz Brentano himself.
[ 2 ] Franz Brentano ist im Jahre 1917 in Zürich als neunundsiebzigjähriger Philosoph gestorben. Es war damit ein philosophisches Leben abgeschlossen, das zweifellos zu den allerinteressantesten der Geschichte und vor allen Dingen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gehört. Nicht nur lebte in Franz Brentano ein philosophischer Lehrer, sondern es lebte in ihm eine philosophische Persönlichkeit, eine Persönlichkeit, bei der philosophisches Streben aus dem ganzen Umfang und der ganzen Tiefe der Persönlichkeit hervorging.
[ 2 ] Franz Brentano died in Zurich in 1917 at the age of seventy-nine. This marked the end of a philosophical life that undoubtedly ranks among the most fascinating in history, and above all in the second half of the 19th century. Franz Brentano was not only a philosophical teacher, but also a philosophical personality—a personality in whom philosophical inquiry sprang from the full breadth and depth of his being.
[ 3 ] Der Philosoph Brentano stammt aus der Familie, zu der Clemens Brentano, der deutsche Romantiker, gehört, der der Oheim des Philosophen Franz Brentano war. Und Clemens Brentano gehört jener Familie an, die durch Sophie La Roche und durch Maximiliane BrenZano mit Goethe befreundet war, und die zwei, im Beginne des 19. Jahrhunderts ja vielfach miteinander zusammenhängende Geistesströmungen auch ganz unmittelbar, ich möchte sagen, als Familie vereinte: Das war der Katholizismus auf der einen Seite — wir haben es in der Familie Brentano mit einer gut katholischen Familie zu tun — und der romantische Sinn auf der anderen Seite. Clemens Brentano hat ja wirklich schönste der deutschen romantischen Dichtungen geschaffen, und er war, aus der romantischen Atmosphäre des deutschen Geisteslebens heraus, ein außerordentlich bedeutender Märchenerzähler. Man möchte sagen, bei den deutschen Romantikern wandelten sich, indem sie erzählten, die deutschen Märchen so, daß wirklich ein Licht aus der geistigen Welt auf diejenigen strahlte, denen gerade von solcher Seite Märchen erzählt wurden. Und unser Philosoph Franz Brentano hörte noch als ganz kleines Kind Märchen erzählen von Clemens Brentano, seinem Oheim.
[ 3 ] The philosopher Brentano comes from the same family as Clemens Brentano, the German Romantic writer, who was the uncle of the philosopher Franz Brentano. And Clemens Brentano belonged to the family that was friends with Goethe through Sophie La Roche and Maximiliane BrenZano, and that family directly united—I would say—as a family the two intellectual currents that were so closely intertwined at the beginning of the 19th century: On the one hand, there was Catholicism—the Brentano family was, after all, a devoutly Catholic family—and, on the other hand, the Romantic spirit. Clemens Brentano indeed created some of the most beautiful works of German Romantic poetry, and, emerging from the Romantic atmosphere of German intellectual life, he was an extraordinarily significant storyteller of fairy tales. One might say that, through the storytelling of the German Romantics, German fairy tales were transformed in such a way that a light from the spiritual world truly shone upon those to whom fairy tales were told from that very perspective. And our philosopher Franz Brentano, even as a very small child, heard fairy tales told by Clemens Brentano, his uncle.
[ 4 ] Für uns kommen hier zwei Momente in Betracht. Das eine ist, daß aus dieser Atmosphäre heraus im geistigen Sinn Franz Brentano erwächst. 1838 ist er geboren. 1842 ist Clemens Brentano gestorben. Und auf der anderen Seite kommt für uns in Betracht, daß dieser aus katholischem Romantizismus herausgewachsene Franz Brentano hineinwächst in die strengste naturwissenschaftliche Auffassung, welche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem Geistesleben der neueren Zivilisation geherrscht hat. Franz Brentano wächst so heran, daß wirklich schon als Kind frommer Sinn in seine Seele einzieht. Das religiöse Element ist ihm wie etwas selbstverständlich aus der Seele Herauskommendes. Und nicht als etwas Äußerliches zieht der Katholizismus in seine Seele ein, sondern als etwas, was Wesen und Weben dieser Seele ausmacht. Mit voller Innerlichkeit ergreift der Knabe Franz Brentano die katholische Frömmigkeit und wächst in sie hinein. Er hat in sich erweckt, heranerzogen durch den Romantizismus, einen mächtigen Hochsinn für das Geistige. Während in den Romantikern vom Schlage Clemens Brentanos das Geistige in der Phantasieform lebte, während sich solch ein Genius wie Clemens Brentano wenig an die Regeln der Logik hielt und im Fluge, aber im Fluge der Phantasie, die geistige Welt zu erringen und in ihr zu leben strebte, verwandelte sich dieser durchaus auch bei Franz Brentano entwickelte Hochsinn für das geistige Leben in eine besondere Begabung für die Ausgestaltung von strengen Begriffen.
[ 4 ] For us, two points are worth considering here. The first is that Franz Brentano emerged, in a spiritual sense, from this atmosphere. He was born in 1838. Clemens Brentano died in 1842. On the other hand, we must also consider that Franz Brentano, who emerged from Catholic Romanticism, came to embrace the most rigorous scientific worldview that prevailed in the intellectual life of modern civilization during the second half of the 19th century. Franz Brentano developed in such a way that a devout spirit truly took root in his soul even as a child. The religious element is for him something that arises naturally from his soul. And Catholicism does not enter his soul as something external, but as something that constitutes the very essence and fabric of that soul. With deep inner feeling, the boy Franz Brentano embraces Catholic piety and grows into it. Nurtured by Romanticism, he had awakened within himself a powerful, lofty sense of the spiritual. While among Romantics of Clemens Brentano’s caliber the spiritual lived in the form of fantasy, and while a genius such as Clemens Brentano paid little heed to the rules of logic and, in the flight but in the flight of the imagination, to grasp the spiritual world and live within it, this lofty sense for spiritual life—which was also fully developed in Franz Brentano—transformed into a special gift for the articulation of rigorous concepts.
[ 5 ] Dazu hatte mitgewirkt, daß es aus dem Katholizismus heraus für Franz Brentano gewissermaßen selbstverständlich war, daß er philosophisch-theologische Studien zu den seinigen machte. Und seine feine Geistigkeit hatte ihn frühzeitig eindringen lassen in das Gedankengewebe des Aristoteles und dann auch in die strenge Begriftsschulung der mittelalterlichen Scholastik. In dieser mittelalterlichen Scholastik lebte ja auch, wie ich schon einmal hier ausführlicher dargestellt habe, der Aristotelismus weiter. Und man möchte sagen: Während Franz Brentano die Veranlagung zum Hochflug ins Geistige blieb, konnte er nicht unbekümmert um die logischen Kräfte der menschlichen Seele, etwa nach der Art des Clemens Brentano, sich entwickeln, sondern er bildete gerade die strengste Logik aus, und gelangte nur auf dem Wege strengster Logik zu seiner Begriffsgestaltung. Aber so bedeutend sich die Fähigkeiten Franz Brentanos in bezug auf logische Schulung, in bezug auf Theologisch-Philosophisches entwickelten, so war eigentlich in seiner frühen Jugend seine im echt katholischen Sinn gehaltene Frömmigkeit noch größer.
[ 5 ] This was partly due to the fact that, coming from a Catholic background, it was, so to speak, a matter of course for Franz Brentano to pursue philosophical-theological studies as his own. And his refined intellect had enabled him to penetrate early on into the fabric of Aristotle’s thought and then also into the rigorous conceptual training of medieval scholasticism. As I have already described in more detail here, Aristotelianism continued to live on in this medieval scholasticism. And one might say: While Franz Brentano retained the predisposition for soaring into the spiritual realm, he could not develop, unconcerned with the logical faculties of the human soul—as, for example, Clemens Brentano did—but rather he cultivated the strictest logic and arrived at his conceptual framework solely through the path of the strictest logic. But as significant as Franz Brentano’s abilities were in terms of his logical training and his theological-philosophical development, his piety—held in the true Catholic sense—was actually even greater in his early youth.
[ 6 ] Es ist ja etwas Bigentümliches um die moderne scholastische Schulung, wie sie gerade eben Franz Brentano aus seinem Katholizismus heraus recht durchmachen konnte. Man muß immer wieder sagen: Die wirklich strenge Logik, nicht jene obenhin huschende Logik, die heute in der Alltagsbildung enthalten ist und auch die Wissenschaft beherrscht, sondern was wirklich strenge Logik ist, die mit dem ganzen Menschen, nicht bloß mit dem menschlichen Kopf zusammenhängt, die geht schon aus der Scholastik hervor. Die Scholastik ist im höchsten Grade die Kunst der logischen Begriffsbildung. Nur wurde diese Scholastik eben im Mittelalter und auch im Katholizismus bis heute lediglich dazu verwendet, die katholische Offenbarungslehre zu stützen, in dem Sinne, wie ich das einmal dargestellt habe, indem ich den 'Thomismus auseinandersetzte.
[ 6 ] There is, after all, something peculiar about modern scholastic education, as Franz Brentano was just able to fully undergo it from within his Catholicism. One must say time and again: truly rigorous logic—not that superficial, hasty logic found in today’s everyday education and which also dominates science, but what truly rigorous logic is, the kind that involves the whole human being, not merely the human mind—this logic already emerges from Scholasticism. Scholasticism is, to the highest degree, the art of logical conceptualization. However, in the Middle Ages and within Catholicism to this day, this scholasticism has been used solely to support Catholic doctrine of revelation, in the sense that I once described when I analyzed “Thomism.”
[ 7 ] Bei einem solchen Geist, wie Franz Brentano es war, entwickelte sich gerade aus katholischer Frömmigkeit und aus der strengen Schulung der Scholastik heraus eine ganz spezifische Geistigkeit. Die Möglichkeit entwickelte sich bei ihm, das Sein einer geistigen Welt einfach selbstverständlich zu finden. Indem er sich in den Katholizismus und in die scholastische Theologie einlebte, lebte er ja in der Geistigkeit, und er konnte gar nicht anders, als in der Geistigkeit leben. Und diese Geistigkeit erfaßte er eben, indem er sie sich in strenger Logik ausgestaltete. Er war wirklich ein wahrer Katholik. In so strengem Sinne war er Katholik, daß er, trotzdem er in sich die strengste Logik ausbildete, nie sich gestattet haben würde, bis zu einem bestimmten Punkte in seinem Leben, an der katholischen Offenbarungslehre auch nur Kritik zu üben.
[ 7 ] In a mind such as Franz Brentano’s, a very specific spiritual outlook developed precisely out of Catholic piety and the rigorous training of Scholasticism. He developed the ability to take the existence of a spiritual world for granted. By immersing himself in Catholicism and scholastic theology, he lived within that spirituality, and he could not help but live within it. And he grasped this spirituality precisely by elaborating it through rigorous logic. He was truly a genuine Catholic. He was a Catholic in such a strict sense that, even though he cultivated the strictest logic within himself, he would never have allowed himself, up to a certain point in his life, to even voice criticism of Catholic doctrine regarding revelation.
[ 8 ] Ich bitte, stellen Sie sich nur einmal einen Menschen in seiner ganzen menschlichen Tiefe vor, in dem die strengste Logik lebt, die bei so vielen neuzeitlichen Geistern die abfälligste Kritik an der katholischen Offenbarungslehre geübt hat. Das setzte in ihm starke Zweifel fest, die er aber alle ins Unterbewußte hinunterdrängte, die er nirgends in das Bewußtsein heraufkommen ließ; denn in dem Augenblick, wo sie im Bewußtsein auftraten, drängte er sie hinunter. Er sagte sich: Die katholische Offenbarungslehre ist ein geschlossenes System und zeigt sehr klar, daß sie aus den geistigen Welten selber, wenn auch auf den mannigfaltigsten Umwegen, wohl auch durch Menschen, auf die Erde gekommen ist. Sie zeigt ihre eigene Wahrheit, und man muß immer voraussetzen, wenn sich Zweifel geltend machen, daß man als einzelner Mensch doch jedenfalls irren kann gegenüber dem, was als allumfassendes System von einer solchen altehrwürdigen Größe auftritt, wie es der Katholizismus ist. — Da zu den Lehren des Katholizismus dieses gehört, daß über die Wahrheit der Dogmen immer nur die Konzilien haben sprechen können, so durfte Franz Brentano in seiner Seelenverfassung sich niemals gestatten, wenn irgendwie ein Zweifel aus dem Unbewußten auftauchen wollte, diesen Zweifel wirklich gegenüber der Offenbarungslehre geltend zu machen. Er drängte alles zurück, er sagte sich einfach: Es ist unmöglich, solch einen Zweifel wirklich anzunehmen. Aber die Zweifel wühlten eben im Gefühl, in der Empfindung, im Unbewußten ganz furchtbar in seiner Seele. Er machte es nicht etwa wie die Aufklärer des 18. und 19. Jahrhunderts, indem er sich diesem Zweifel hingab, sondern er drängte solchen Zweifel immer wiederum als etwas Verbotenes hinunter.
[ 8 ] I ask you to imagine, just for a moment, a person in all his human depth, within whom dwells the strictest logic—the very logic that has led so many modern thinkers to level the most scathing criticism at the Catholic doctrine of revelation. This planted strong doubts within him, but he suppressed them all into his subconscious, never allowing them to rise to the surface of his consciousness; for the moment they appeared in his consciousness, he pushed them back down. He told himself: The Catholic doctrine of revelation is a coherent system and demonstrates very clearly that it has come to Earth from the spiritual worlds themselves—albeit via the most diverse detours, and likely also through human beings. It demonstrates its own truth, and one must always assume, when doubts arise, that as an individual one can certainly be mistaken in the face of what appears as an all-encompassing system of such time-honored grandeur as Catholicism. — Since one of the teachings of Catholicism is that only the councils have ever been authorized to speak on the truth of the dogmas, Franz Brentano, given his state of mind, could never allow himself—if any doubt were to surface from the unconscious—to actually raise that doubt against the doctrine of revelation. He pushed everything aside; he simply told himself: It is impossible to truly accept such a doubt. But the doubts gnawed terribly at his soul—in his feelings, in his sensibilities, in his unconscious. He did not, as the Enlightenment thinkers of the 18th and 19th centuries did, surrender to this doubt; rather, he repeatedly suppressed such doubts as something forbidden.
[ 9 ] Da kam ein Ereignis, das einen mächtigen Umschwung in seiner Seele bewirkte. Brentano ist 1838 geboren. Er ist in den sechziger Jahren zum katholischen Priester geweiht worden, ist dann auch als katholischer Priester, aber in der Seelenverfassung, die ich Ihnen eben geschildert habe, Professor der Philosophie an der Universität in Würzburg geworden. Und so traf ihn die Bewegung für das Infallibilitätsdogma, für das Unfehlbarkeitsdogma, die gegen Ende der sechziger Jahre entfaltet wurde. 1870 sollte ja dieses Dogma erklärt werden. Als ein ausgezeichneter Theologe und frommer Katholik bekam Franz Brentano damals — er war ja noch ein verhältnismäßig junger Mann — von dem berühmten Bischof Kezteler den Auftrag, über das Unfehlbarkeitsdogma zu sagen, was vom Standpunkte der katholischen Theologie aus zu sagen ist.
[ 9 ] Then an event occurred that brought about a profound change in his soul. Brentano was born in 1838. He was ordained a Catholic priest in the 1860s and then, while serving as a Catholic priest but in the state of mind I have just described to you, became a professor of philosophy at the University of Würzburg. And so he was caught up in the movement for the dogma of infallibility, which unfolded toward the end of the 1860s. This dogma was to be proclaimed in 1870. As an outstanding theologian and devout Catholic, Franz Brentano—who was still a relatively young man at the time—was commissioned by the famous Bishop Kezteler to articulate what needed to be said about the dogma of infallibility from the standpoint of Catholic theology.
[ 10 ] Ich will zunächst die Folge der äußeren Ereignisse schildern. Ketteler gehörte zu denjenigen deutschen Bischöfen, die sich ganz mächtig auflehnten gegen die Festsetzung des Infallibilitätsdogmas. Er ließ sich eine Denkschrift von Franz Brentano ausarbeiten, die eben von Ketteler dann auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgebracht werden sollte, um von seiten der deutschen Bischöfe zu beschließen, daß man sich nicht der Festsetzung des Infallibilitätsdogmas anschließe. Ketteler hat auch die Brentanosche Denkschrift, die gegen das Dogma von der Infallibilität gerichtet war, vollinhaltlich auf der Bischofsversammlung in Fulda vorgetragen. Das ist das Äußere, zu dem nur noch hinzuzufügen wäre, daß ja die deutschen Bischöfe dann umgefallen sind, daß sie, als sie in Rom versammelt waren und das Infallibilitätsdogma nun erklärt werden sollte, zuletzt sich eben doch unterworfen und dem Unfehlbarkeitsdogma zugestimmt haben. So hat also Franz Brentano dieses Dogma im negativen Sinne als nichtkatholische Lehre für den Bischof Ketteler kritisiert. Und dann ist das Infallibilitätsdogma erklärt worden.
[ 10 ] I will first describe the sequence of external events. Ketteler was among those German bishops who strongly opposed the establishment of the dogma of infallibility. He had Franz Brentano draft a memorandum, which Ketteler himself was then to present at the bishops’ assembly in Fulda, with the aim of securing a resolution from the German bishops that they would not endorse the establishment of the dogma of infallibility. Ketteler also presented the full text of Brentano’s memorandum, which was directed against the dogma of infallibility, at the bishops’ assembly in Fulda. That is the external account, to which it need only be added that the German bishops ultimately changed their minds; when they were gathered in Rome and the dogma of infallibility was about to be proclaimed, they ultimately submitted and agreed to the dogma of infallibility. Thus, Franz Brentano criticized this dogma in a negative sense as a non-Catholic doctrine for Bishop Ketteler. And then the dogma of infallibility was proclaimed.
[ 11 ] In welcher Lage war Franz Brentano als ausgezeichneter Theologe und als frommer Katholik? Er hätte sich nie gestattet, ein Dogma, in das er schon hineingewachsen war, zu kritisieren. Aber als ihn der Bischof Ketteler aufforderte, das Infallibilitätsdogma zu kritisieren, war es noch nicht Dogma, sollte erst eines werden. Da gestattete er sich, dieses werdende Dogma mit seinem Intellekt anzugreifen. Es war ja auch durchaus im Sinne des Bischofs Ketteler, der ja zunächst auch gegen das Infallibilitätsdogma war. Also niemals würde Franz Brentano aus seiner damaligen Stimmung heraus, Ende der sechziger Jahre, ein bestehendes Dogma angefochten haben. Aber die Infallibilität war noch kein Dogma, und so kritisierte er sie mit einem ungeheuren Scharfsinn. Denn, was dazumal auf der Bischofsversammlung in Fulda von Ketteler vorgebracht worden ist, das war eben die Brentanosche Denkschrift.
[ 11 ] What was Franz Brentano’s position as an outstanding theologian and a devout Catholic? He would never have allowed himself to criticize a dogma into which he had already been raised. But when Bishop Ketteler asked him to criticize the dogma of infallibility, it was not yet a dogma; it was only about to become one. So he allowed himself to challenge this emerging dogma with his intellect. This was, after all, entirely in line with Bishop Ketteler’s views, since he, too, had initially been opposed to the dogma of infallibility. So Franz Brentano would never, given his state of mind at that time—in the late 1860s—have challenged an existing dogma. But infallibility was not yet a dogma, and so he criticized it with tremendous acuity. For what Ketteler had presented at the bishops’ assembly in Fulda at that time was precisely Brentano’s memorandum.
[ 12 ] Nun wurde aber die Infallibilität rechtmäßiges katholisches Dogma. Sie sehen, nicht eine Verstandesüberlegung allein, sondern das Zusammengewachsensein mit einem der wichtigsten Ereignisse des neueren Katholizismus war ein entscheidender Wendepunkt für Franz Brentano. Was vielleicht durch einen bloßen Intellektschritt gar nicht eingetreten wäre: Der Abfall von der Kirche, das hat sich im Zusammenhang mit den Ereignissen für ihn vollzogen. Er war der bedeutendste Kritiker des Unfehlbarkeitsdogmas und mußte sich dazumal fragen: War der rechtgläubige Christ Franz Brentano, der durchaus aus den Tiefen des katholischen Bewußtseins heraus vor dem Jahre 1870 das Unfehlbarkeitsdogma kritisiert hatte, noch Katholik, als nach 1870 das Infallibilitätsdogma nun ein rechtmäßiges Dogma geworden war? Sie sehen, Tatsachen sind hier, die stärker in das Leben der Menschen hineinspielen, als ein in den meisten Fällen ja wertloser intellektueller Entschluß es vermag. Und so konnte ein in seinem Gewissen so gerader, so lebendiger Mensch wie Franz Brentano nicht anders, als aus der Kirche austreten. Man muß nur den ganzen Zusammenhang nehmen, dann wird man sehen, wie tief eigentlich Franz Brentano mit einer gewissen Seite des Geisteslebens der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammengewachsen war.
[ 12 ] But now infallibility had become legitimate Catholic dogma. As you can see, it was not merely a rational consideration, but rather its intertwining with one of the most significant events in modern Catholicism that marked a decisive turning point for Franz Brentano. What might never have occurred through a mere intellectual step: his departure from the Church took place for him in connection with these events. He was the most prominent critic of the dogma of infallibility and had to ask himself at the time: Was Franz Brentano—the orthodox Christian who, drawing deeply from the depths of Catholic consciousness, had criticized the dogma of infallibility before 1870—still a Catholic after 1870, when the dogma of infallibility had now become a legitimate dogma? You see, there are facts here that play a greater role in people’s lives than an intellectual decision—which in most cases is, after all, worthless—ever could. And so a man as upright and vibrant in his conscience as Franz Brentano could do nothing other than leave the Church. One need only consider the entire context to see how deeply Franz Brentano had actually become intertwined with a certain aspect of intellectual life in the second half of the 19th century.
[ 13 ] So stand Franz Brentano da als Philosoph, gewissermaßen herausgeworfen aus seiner katholischen Laufbahn. Er hatte eine ganz andere Schulung als die anderen Philosophen des 19. Jahrhunderts; denn diejenige Schulung, die er hatte, macht sich sonst, bei den außerkirchlichen Philosophen, nicht geltend. Aber jetzt war er in die Reihe der außerkirchlichen Philosophen eingereiht. Dabei hatte nun die naturwissenschaftliche Denkungsart des 19. Jahrhunderts auf ihn den denkbar stärksten Eindruck gemacht. Diese naturwissenschaftliche Denkungsart war ja seit der Mitte des 19. Jahrhunderts tonangebend geworden für das ganze Wissenschaftsleben. Und als sich Franz Brentano in Würzburg habilitierte, da tat er das mit der These: «In der Philosophie können keine anderen methodischen Grundsätze herrschen, als in der wahren Naturwissenschaft.» Die Naturwissenschaft hat einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht in ihrer Methode, daß er nicht anders konnte, als sagen: Die Philosophie muß sich derselben Methoden bedienen wie die Naturwissenschaft, wenn sie eine wirkliche Wissenschaft sein will.
[ 13 ] Thus Franz Brentano stood there as a philosopher, in a sense cast out of his Catholic career. His education was quite different from that of the other philosophers of the 19th century; for the kind of education he had received is not otherwise evident among non-Catholic philosophers. But now he had been placed among the ranks of non-Catholic philosophers. At the same time, the scientific way of thinking of the 19th century had made the strongest possible impression on him. This scientific way of thinking had, after all, set the tone for the entire scientific world since the mid-19th century. And when Franz Brentano earned his habilitation in Würzburg, he did so with the thesis: “In philosophy, no methodological principles other than those of true natural science can prevail.” Natural science had made such a profound impression on him with its method that he could not help but say: Philosophy must employ the same methods as natural science if it is to be a true science.
[ 14 ] Es ist wirklich nicht leicht, den seelischen Knäuel aufzulösen, in den Franz Brentano in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts verstrickt war. Betrachten wir nur einmal ganz objektiv, was da eigentlich vorlag. Ein Mensch, der vielleicht einer der besten Kenner des Thomismus und des Aristotelismus in seiner Zeit war, ein ungeheuer scharfer Denker und Begriffsgestalter auf der einen Seite, aber das alles aus der katholischen Lehre heraus; auf der anderen Seite ein Mann, dem die naturwissenschaftliche Methode ungeheuer imponiert. Wie ist das möglich? Ja, es ist durchaus möglich, und zwar aus dem folgenden Grunde. Nehmen Sie einmal den Sinn der mittelalterlichen Scholastik. Die mittelalterliche Scholastik ist eine für das Geistige nach scholastischen Begriffen arbeitende Wissenschaft, jedoch eine Wissenschaft, die sich selber befiehlt, nur etwas über die äußere Sinneswelt, und dann noch einige Erkenntnisse, die sich durch Schlüsse aus der Sinneswelt ergeben, zu wissen, während alles Übersinnliche der Offenbarung überlassen wird, an die sich die intellektuelle Erkenntnis nicht heranwagen soll.
[ 14 ] It is truly no easy task to untangle the emotional knot in which Franz Brentano found himself entangled in the 1860s. Let us just take a completely objective look at what was actually going on there. On the one hand, a man who was perhaps one of the greatest authorities on Thomism and Aristotelianism of his time—an extraordinarily sharp thinker and conceptualizer—but all of this grounded in Catholic doctrine; on the other hand, a man who was immensely impressed by the scientific method. How is that possible? Yes, it is entirely possible, and for the following reason. Consider the nature of medieval scholasticism. Medieval scholasticism is a science that works with the spiritual realm according to scholastic concepts, yet it is a science that limits itself to knowing only about the external sensory world—and even then, only certain insights derived through reasoning from that sensory world—while everything supernatural is left to revelation, which intellectual knowledge is not supposed to venture to approach.
[ 15 ] Wir haben bei der mittelalterlichen Scholastik also streng geschieden: Das Reich der Sinneserkenntnis mit einigen Schlußfolgerungen, wie zum Beispiel das Dasein Gottes oder anderen ähnlichen Schlußfolgerungen; die gehören der menschlichen Erkenntnis an. Dagegen die eigentlichen Mysterien, die Inhalte der übersinnlichen Welt kann man nur durch Offenbarung gewinnen, das heißt durch dasjenige, was die Kirche aufbewahrt hat aus den Offenbarungen von den übersinnlichen Welten, die zu verschiedensten Zeiten auf eine nach Ansicht der Kirche rechtmäßige Weise zu den Menschen gekommen sind.
[ 15 ] In medieval scholasticism, therefore, a strict distinction was made: the realm of sensory knowledge, including certain conclusions—such as the existence of God or other similar conclusions—which belong to human knowledge. In contrast, the true mysteries—the contents of the supersensible world—can only be attained through revelation, that is, through what the Church has preserved from the revelations of the supersensible worlds, which have come to humankind at various times in a manner the Church considers legitimate.


[ 16 ] Das aber war ja schon die Vorbereitung zu der modernen wissenschaftlichen Ansicht. Diese moderne Naturwissenschaft will ja auch nur Sinneserkenntnis und höchstens einige Schlüsse aus der Sinneserkenntnis ziehen. Diese moderne Naturwissenschaft weiß gar nicht, daß sie die Fortsetzung der Scholastik ist, nur daß gewisse radikale Geister es etwas anders gemacht haben als die Scholastiker. Versinnlichen wir uns das schematisch. Der Scholastiker sagt sich: Mit dem Intellekt und mit der gewöhnlichen Wissenschaft erlange ich die Kenntnis der gewöhnlichen Sinneswelt und einiger Schlüsse, die sich aus ihr ergeben (gelb); dann ist eine Grenze, hinter welcher die übersinnliche Welt liegt, in die man nicht eindringen kann (rot). Nicht anders die moderne Naturwissenschaft! Diese sagt: Mit den menschlichen Erkenntnissen dringt man in die sinnliche Welt ein und kann einige Schlüsse ziehen, die aus dieser Erkenntnis folgen. Die Scholastiker sagten: Darüber liegt die übersinnliche Welt, die man dutch Offenbarung erkennen muß. Radikale Geister der modernen Welt sagten: Man kann nur die sinnliche Welt erkennen, die übersinnliche lassen wir weg, die gibt es ja gar nicht, oder mindestens kann man sie nicht erkennen. Dadurch wurden sie Agnostiker. Das, was in der Scholastik in bezug auf die Erkenntnisse der sinnlichen Welt und einiger Schlüsse daraus gang und gäbe war, das setzte sich eben nur fort in der modernen naturwissenschaftlichen Gesinnung, so daß gerade ein Geist, der so ernst seine ganze Jugend hindurch die scholastische Schulung in sich aufgenommen hatte, in der modernen naturwissenschaftlichen Methode nichts anderes zu sehen brauchte als die Fortsetzung der scholastischen Anschauungen. Dafür war aber bei ihm, weil er nun auch ein frommer Katholik war, die geistige Welt wiederum eine Selbstverständlichkeit. So daß Franz Brentano eigentlich nur konsequenter war als hundert und aberhundert andere, sowohl auf katholischer als auch auf nichtkatholischer Seite.
[ 16 ] But that was, after all, already the groundwork for the modern scientific view. This modern natural science, too, seeks only sensory knowledge and, at most, to draw some conclusions from that sensory knowledge. This modern natural science is completely unaware that it is the continuation of Scholasticism; it is just that certain radical minds have approached it somewhat differently than the Scholastics did. Let us visualize this schematically. The Scholastic says to himself: Through the intellect and ordinary science, I gain knowledge of the ordinary sensory world and of certain conclusions that arise from it (yellow); then there is a boundary beyond which lies the supersensible world, into which one cannot penetrate (red). Modern natural science is no different! It says: Through human knowledge, one penetrates the sensory world and can draw certain conclusions that follow from this knowledge. The Scholastics said: Beyond that lies the supersensible world, which must be known through revelation. Radical thinkers of the modern world said: One can only know the sensory world; we set aside the supersensible world, for it does not even exist—or at least cannot be known. Thus they became agnostics. What was common practice in Scholasticism with regard to knowledge of the sensory world and certain conclusions drawn from it simply continued in the modern scientific mindset, so that a mind which had so earnestly absorbed Scholastic training throughout his entire youth needed to see nothing else in the modern scientific method but the continuation of Scholastic views. However, because he was also a devout Catholic, the spiritual world was, in turn, a matter of course for him. Thus, Franz Brentano was actually only more consistent than hundreds upon hundreds of others, both on the Catholic and non-Catholic sides.
[ 17 ] So wendete sich Brentano also der naturwissenschaftlichen Methode zu. Diese naturwissenschaftliche Methode aber muß sich entweder ihrer Grenzen bewußt werden, oder aber den Agnostizismus oder das Nichtvorhandensein der übersinnlichen Welt erklären. Wenn man nun dennoch die übersinnliche Welt als ein Selbstverständliches empfindet, aber nicht mehr an der Wahrheit der Oflenbarung — weil nicht mehr an der Wahrheit der Kirche — festhalten kann, wie es bei Franz Brentano der Fall war, dann ist man in einer besonderen Lage.
[ 17 ] Brentano thus turned to the scientific method. This scientific method, however, must either become aware of its own limitations or else declare agnosticism or the nonexistence of the supersensible world. If, however, one still takes the supernatural world for granted but can no longer hold fast to the truth of revelation—because one no longer believes in the truth of the Church—as was the case with Franz Brentano, then one finds oneself in a unique situation.
[ 18 ] Ein oberflächlicher Geist kommt da leicht zurecht. Der leugnet entweder die übersinnliche Welt ab, oder er kümmert sich nicht darum. Das konnte Franz Brentano nicht. Aber er konnte gerade wegen seiner streng scholastischen Schulung die These aussprechen: Die wahre Philosophie darf sich keiner anderen Methoden bedienen als derjenigen der wahren Naturwissenschaft.
[ 18 ] A superficial mind has no trouble with this. It either denies the supernatural world or simply ignores it. Franz Brentano could not do that. But it was precisely because of his rigorous scholastic training that he was able to state the following thesis: True philosophy must employ no methods other than those of true natural science.
[ 19 ] Nun wissen Sie ja alle: Wer, trotzdem er ja sagt zur naturwissenschaftlichen Methodik, noch auf erkenntnismäßige Weise zu einer geistigen Welt kommen will, der muß aufsteigen von der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methodik zu dem, was ich exaktes Hellsehen oder exaktes Schauen nenne, was entwickelt wird an übersinnlichen Fähigkeiten nach den Methoden, die ich in meinen Büchern geschildert habe. Vor der Entwickelung dieses Schauens, vor der Entwickelung jeder Art einer Methodik, die über das Naturwissenschaftliche hinausgeht und die doch erkenntnismäßig sein soll, schauderte aber Franz Brentano zurück. Da wirkte in ihm die Stimmung, die er als Katholik gegenüber der Offenbarung hatte. In die Offenbarung ließ man die Wissenschaft nicht hinein. Dadurch konnte er eine naturwissenschaftliche Methode verstehen, die sich nur auf die Sinneswelt beschränkt; aber gerade wenn man damit Ernst macht, muß man die übersinnlichen Fähigkeiten entwickeln. Davor schreckte er zurück.
[ 19 ] Now, as you all know: Anyone who, despite affirming the scientific method, still wishes to arrive at a spiritual world through a cognitive process must rise from the ordinary scientific method to what I call exact clairvoyance or exact insight—which is developed through supersensible abilities using the methods I have described in my books. However, Franz Brentano recoiled from the development of this insight, from the development of any kind of methodology that goes beyond the natural sciences and yet is intended to be based on knowledge. This was due to the attitude he held, as a Catholic, toward revelation. Science was not allowed to enter into revelation. Consequently, he could understand a scientific method limited solely to the sensory world; but precisely when one takes this method seriously, one must develop the supersensory faculties. He shied away from this.
[ 20 ] In dieser Stimmung wurde Franz Brentano eben Philosoph, nun nicht mehr theologisierender, sondern einfacher Philosoph. Man kann sagen: Solch eine Persönlichkeit, bei der man alle Stürme und Kämpfe, die sich im Geistesleben der Zeit finden, sehr deutlich ausgeprägt findet, und bei der man sich doch zuletzt sagen muß: sie wurde nicht Sieger in der eigenen Seele —, eine solche Persönlichkeit ist natürlich oftmals viel bedeutender und viel interessanter als andere, die auf eine leichte Weise, in leichtgeschürzten Begriffen mit allem möglichen gleich fertig werden.
[ 20 ] It was in this spirit that Franz Brentano became a philosopher—no longer a theologian, but simply a philosopher. One might say: Such a personality—in whom all the storms and struggles found in the intellectual life of the time are very clearly evident, and yet about whom one must ultimately conclude that he did not emerge victorious within his own soul—such a personality is, of course, often far more significant and far more interesting than others who, with ease and in simplistic terms, manage to deal with all manner of things.
[ 21 ] In dieser Seelenverfassung wurde nun Franz Brentano nach Wien berufen, nach jenem Österreich, von dem ich Ihnen ja hier einmal neulich gesprochen habe. Ich habe Ihnen seine eigentümliche Geistigkeit charakterisiert, und Sie werden, wenn Sie das im Gedächtnis nachempfinden, was ich damals über Österreich gesagt habe, wohl verstehen, daß ein so gearteter Philosoph gerade in Wien einen großen Eindruck machen konnte. Und den machte Brentano auch. Er war schon in der äußeren Erscheinung als Persönlichkeit außerordentlich interessant. Er hatte einen sehr durchgeistigten Kopf, geistsprühende Augen, die wahrscheinlich etwas Ähnliches im Blicke hatten wie die Augen des Romantikers Clemens Brentano. Franz Brentano war dadurch eigentlich auffällig interessant in seiner Persönlichkeit, daß, wenn man ihn so gehen sah, wenn er zum Beispiel das Podium, das Rednerpult bestieg, er eigentlich immer etwas an sich hatte, wie wenn er in seinen physischen Leib nicht ganz hineingeschlüpft wäre. Es hatte fast jede Bewegung, sowohl das Gehen wie das Bewegen der Arme, das Mienenspiel, die Formung der Worte selbst, all das hatte im Grunde genommen etwas Unnatürliches. Man hatte immer das Gefühl: da schlenkert etwas mit dem physischen Leibe, wie wenn man mit Kleidern schlenkert. Und dennoch machte das Ganze einen außerordentlich sympathischen und vergeistigten Eindruck. Man konnte sich gar nicht des Gefühles erwehren, daß es dieser Persönlichkeit mit dem immer ernsten Tonfall, mit dem fortwährenden Streben, in der strengsten Weise die Begriffe zu gestalten, die aber wiederum den Eindruck machte, als wenn sie in ihrem Denken nicht im Kopf, sondern ein wenig über dem Kopf gelebt hätte, im Grunde genommen ganz natürlich war, sich in ihrem physischen Leibe so zu fühlen wie in einem Anzug, der einem nicht ganz angepaßt ist, der einem zu groß oder zu klein, wir können sagen, zu groß ist. Und manches, was man bei einem anderen in den Bewegungen kokett gefunden haben würde, war bei Franz Brentano interessant.
[ 21 ] It was in this state of mind that Franz Brentano was summoned to Vienna—to that Austria of which I spoke to you here not long ago. I have described his unique intellectual character to you, and if you recall what I said about Austria at that time, you will surely understand that a philosopher of this caliber could make a great impression precisely in Vienna. And that is exactly what Brentano did. Even in his outward appearance, he was an extraordinarily fascinating figure. He had a very intellectual-looking head and eyes that sparkled with intelligence, which probably had a similar gleam to them as the eyes of the Romantic poet Clemens Brentano. What made Franz Brentano’s personality particularly striking was that, when one saw him walking—for example, as he ascended the podium or the lectern—he always seemed to have a certain quality about him, as if he hadn’t quite slipped into his physical body. Almost every movement—whether walking, moving his arms, his facial expressions, or the very way he formed his words—had, at its core, something unnatural about it. One always had the feeling that something was swaying with his physical body, as if one were swaying in one’s clothes. And yet the whole effect made an extraordinarily sympathetic and spiritual impression. One could not help but feel that for this personality—with her consistently serious tone of voice and her constant striving to articulate concepts in the strictest manner, yet who, in turn, gave the impression of thinking not in her head but slightly above it— was, at the very core, quite natural—to feel in her physical body as if in a suit that did not quite fit, that was too big or too small—we might say, too big. And many things that one might have found coquettish in another person’s movements were interesting in Franz Brentano.
[ 22 ] Franz Brentano bemühte sich, überall die naturwissenschaftliche Methodik zur Geltung zu bringen. Wenn er geistige Probleme behandelte, so behandelte er sie in einer Gesinnung, die eingegeben war von der naturwissenschaftlichen Methodik. Aber ich möchte sagen: Der Theologe war noch da im Tonfall. Es war schon ein großer Unterschied, etwa die naturwissenschaftliche Methode von irgendeinem gewöhnlichen Naturforscher handhaben zu hören, und von diesem aus der Theologie herausgewachsenen Philosophen.
[ 22 ] Franz Brentano strove to apply the scientific method in every area. When he addressed intellectual problems, he did so with an attitude inspired by the scientific method. But I would like to say: The theologian was still present in his tone. There was indeed a great difference between, for example, hearing the scientific method applied by some ordinary natural scientist and hearing it applied by this philosopher who had grown out of theology.
[ 23 ] Es ist für diejenigen, die einen Begriff hatten von Franz Brentano, ganz natürlich gewesen, daß er, als er 1874 nach Wien kam, zunächst im gewissen Sinne der Liebling der Wiener Gesellschaft wurde, das heißt derjenigen Gesellschaft, die solche berühmte Persönlichkeiten, wie Franz Brentano damals eine war, ganz besonders liebten. Insbesondere die Frauen — denn die Männer dieser Gesellschaft beschäftigten sich ja gerade in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts weniger mit der Bildung — hatten ihren besonderen Geschmack an Franz Brentano, denn man konnte von ihm immer Geistreiches hören. Er war einem überlegen und doch wiederum war er einem nicht ganz überlegen; man war ihm doch wiederum selber auch überlegen. Wenn er kam, zog er seinen Überrock ungeschickt aus. Da konnte man ihm so gut helfen, und man konnte sich so über gewisse Seiten seines Wesens überlegen fühlen, wenn man ihm helfen konnte, wenn man ihn zum Beispiel stützen konnte, damit er nicht über die Türschwelle fiel und dergleichen, oder wenn er nicht gleich den Löffel fand, oder wenn er, was er besonders gern tat, das Fleisch so lange nach der einen und nach der anderen Seite schnitt, bis es nicht mehr einzelne Stücke waren, sondern etwas, was man in manchen Gegenden Deutschlands einen Knatsch nennt. Man konnte sich also zugleich überlegen fühlen und dennoch wiederum so etwas wie die Offenbarung einer geistigen Welt durch ihn hereinscheinen sehen.
[ 23 ] For those who were familiar with Franz Brentano, it was only natural that, when he arrived in Vienna in 1874, he initially became, in a certain sense, the darling of Viennese society—that is, of the segment of society that held such famous figures, as Franz Brentano was at the time, in particularly high regard. Women in particular—since the men in this circle were, after all, less concerned with education, especially in the 1870s—had a special fondness for Franz Brentano, for one could always hear witty remarks from him. He was superior to one, and yet, at the same time, he was not entirely superior; one was, in turn, also superior to him. When he arrived, he would clumsily take off his overcoat. That made it so easy to help him, and one could feel so superior regarding certain aspects of his nature when one was able to help him—for example, by supporting him so he wouldn’t trip over the threshold and the like, or when he couldn’t find his spoon right away, or when, as he particularly liked to do, cut the meat back and forth from one side to the other until it was no longer individual pieces but something that in some parts of Germany is called a “Knatsch.” So one could feel superior at the same time and yet, at the same time, see something like the revelation of a spiritual world shining through him.
[ 24 ] Das hat dann ein Dichter, der ja manchmal außerordentlich geistreich, aber eigentlich niemals sehr empfänglich für die Tiefen der menschlichen Wesenheit war, das hat dann Adolf Wilbrandt versucht, in einer etwas schnöden Weise in seinem «Gast vom Abendstern» zu verhöhnen. Diese Novelle wurde in Wien überall als eine Verhöhnung Franz Brentanos angesehen, aber sie ist es wirklich nur in dem Sinne, wie ich das eben jetzt charakterisiert habe.
[ 24 ] A poet—who was indeed sometimes extraordinarily witty, but who was actually never very receptive to the depths of human nature—Adolf Wilbrandt, attempted to mock this in a somewhat contemptuous manner in his “Gast vom Abendstern.” This novella was widely regarded in Vienna as a mockery of Franz Brentano, but it is really only so in the sense I have just described.
[ 25 ] Nun, damals, als Franz Brentano in der charakterisierten Seelenverfassung seine Wiener Vorträge hielt, hatte er einen ungeheuren Zulauf für die damaligen Zeitverhältnisse. Man muß bedenken, daß die Philosophie dazumal keine sehr angesehene Sache war. Franz Brentano aber hatte schon in Würzburg als außerordentlicher Professor einen großen Zulauf, und zwar in demselben Hörsaal, an dessen Tür die Studenten nach dem ersten Vortrag seines Vorgängers — später waren sie nicht mehr hingegangen — «Schwefelbude» geschrieben hatten. In diesem selben Auditorium Maximum las Franz Brentano über Philosophie, und der Hörsaal füllte sich bald. Und so waren auch die Hörsäle, die er in Wien zum Vortragen hatte, immer voll.
[ 25 ] Well, back then, when Franz Brentano was giving his Vienna lectures in the state of mind described above, he attracted an enormous following by the standards of the time. One must bear in mind that philosophy was not a very prestigious field back then. Franz Brentano, however, had already attracted a large following in Würzburg as an associate professor—in the very same lecture hall on whose door the students had written “sulfur shack” after his predecessor’s first lecture (they had not attended any subsequent lectures). In that very same Auditorium Maximum, Franz Brentano lectured on philosophy, and the lecture hall soon filled up. And so, too, the lecture halls where he lectured in Vienna were always full.
[ 26 ] Nun gehörte zu seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten seine «Psychologie». Er hatte sich vorgenommen, mit wissenschaftlicher Methode eine Psychologie zu schreiben. Sie war auf vier oder fünf Bände berechnet. Im Frühling 1874 erschien der erste Band. Für den Herbst hatte er den zweiten versprochen, und so sollte es weitergehen. Mit naturwissenschaftlicher Methode, im strengsten Sinne des Wortes, hatte er sich darangemacht, zu untersuchen — so wie man untersucht, ob ein Metall sich erwärmt oder abkühlt, oder ob die Wärme von einem Metall nach dem anderen geleitet wird —, wie die eine Vorstellung sich an die andere reiht, wie die eine und die andere Vorstellung sich entsprechen, kurz, alle die kleineren Verhältnisse des Seelenlebens. Weiter kam er nicht. Aber er sagte schon im ersten Band: Wissenschaft muß man auch für die Seelenkunde, für die Psychologie haben. Wenn man aber diese Wissenschaftlichkeit damit erkaufen müßte, daß die moderne Seelenkunde nichts zu sagen wüßte über das Schicksal des besseren Teiles der menschlichen Wesenheit, wenn der Leib den Elementen der Erde übergeben wird, dann wäre wirklich für diese Wissenschaftlichkeit etwas durchaus Wertvolles dahingegeben. Für Brentano — bei dem ihm selbstverständlichen Darinnenleben im Geistigen, das er aber natürlich nach naturwissenschaftlicher Methode nicht beweisen konnte — war dieses Geistige keineswegs etwas, das er nicht als einen Gegenstand der Erkenntnis ansehen wollte. Er wollte durchaus in die geistige Welt hinaufdringen mit der Erkenntnis, aber er wollte auch wiederum bei der Naturwissenschaft verbleiben.
[ 26 ] One of his earliest literary works was his *Psychology*. He had set out to write a work on psychology using the scientific method. It was intended to span four or five volumes. The first volume was published in the spring of 1874. He had promised the second for the fall, and the series was to continue in this manner. Using the scientific method, in the strictest sense of the word, he had set out to investigate—just as one investigates whether a metal heats up or cools down, or whether heat is conducted from one metal to another—how one idea follows another, how one idea corresponds to another; in short, all the finer aspects of mental life. He got no further than that. But he already stated in the first volume: Science is also necessary for the study of the soul, for psychology. However, if this scientific rigor were to come at the cost of modern psychology having nothing to say about the fate of the better part of the human being once the body is surrendered to the elements of the earth, then something of immense value would indeed be sacrificed for the sake of this scientific rigor. For Brentano—for whom an inner life in the spiritual realm was self-evident, though he naturally could not prove it using the methods of the natural sciences—this spiritual realm was by no means something he was unwilling to regard as an object of knowledge. He certainly wanted to penetrate the spiritual world through knowledge, but he also wanted to remain within the realm of the natural sciences.
[ 27 ] Und so ist denn dieser erste Band das einzige geblieben, was von Brentanos «Psychologie» erschienen ist. Er war ein zu wahrer, innerlich wissenschaftlich gewissenhafter Mensch, als daß er weitergeschrieben hätte im Sinne eines bloßen Formalismus. Das hätte er natürlich leicht können, und solche Psychologien, wie die der anderen, hätte er immer noch zustande bringen können. Aber wenn Brentano eine Psychologie hätte weiterschreiben sollen, so hätte sie wahr sein müssen auf jeder Seite, wie der erste Band, wahr, selbstverständlich innerhalb derjenigen Grenze, innerhalb der der Mensch zu Wahrheiten vordringen kann. Aber Franz Brentano wollte naturwissenschaftlich bleiben. Das ergab keine Fortsetzung ins Seelische hinein. Das Seelische etwa zu leugnen, wie es diejenigen Psychologen gemacht haben, die «Seelenkunden ohne Seele» geschrieben haben, das konnte er auch nicht. Er konnte eben nur verstummen. Und so schrieb er zu seinem ersten Band keinen zweiten, noch weniger die folgenden Bände dazu.
[ 27 ] And so this first volume remains the only part of Brentano’s *Psychology* that was ever published. He was too truthful a man, too scientifically conscientious at heart, to have continued writing in the spirit of mere formalism. Of course, he could easily have done so, and he could still have produced works of psychology like those of others. But if Brentano were to have continued writing a psychology, it would have had to be true on every page, just like the first volume—true, of course, within the limits within which human beings can arrive at truths. But Franz Brentano wanted to remain within the realm of the natural sciences. That left no room for a continuation into the realm of the psyche. Nor could he deny the psychological realm, as those psychologists did who wrote “treatises on the soul without a soul.” He could simply do nothing but fall silent. And so he wrote no second volume to accompany his first, much less the subsequent volumes.
[ 28 ] Die Brentano-Schüler haben es mir übelgenommen, daß ich diesen Tatbestand geltend gemacht habe in dem dritten Kapitel meines Buches «Von Seelenrätseln», weil sie selber geneigt sind, die Sache viel oberflächlicher zu erklären. Aber selbst wenn man sich entschließen würde, zu sagen: Nun, vielleicht wissen es die Brentano-Schüler besser, daß dies nicht der Grund war, aus dem Brentanoschen Nachlaß oder dadurch, daß sie ihm nahegestanden haben, so beweist der erste Band aus dem Nachlasse Franz Brentanos, der von dem BrentanoSchüler Alfred Kastil in ausgezeichneter Weise herausgegeben und eingeleitet ist, doch wiederum dieselbe Seelenstimmung bei Franz Brentano, welche ihn abgehalten hat, zu dem ersten Bande seiner Psychologie einen folgenden hinzuzufügen. In diesem ersten Bande des Brentanoschen Nachlasses ist im ersten Kapitel enthalten: «Die Sittenlehre Jesu nach den Evangelien», durchaus schon geschrieben nach seinem Kirchenaustritt, lange nach seinem Kirchenaustritt. Im strengsten Sinne wollte er nichts gelten lassen, was nicht mit streng naturwissenschaftlicher Gesinnung vereinbar ist. Das zweite Kapitel ist: «Die Lehre Jesu von Gott und Welt und von der eigenen Person Jesu und Sendung nach den Evangelien.» Das dritte Kapitel ist besonders ausführlich und ist eine Kritik der Pascalschen Gedanken zur Apologie des christlichen Glaubens. Dann, nach einem kurzen Einschiebsel über Nietzsche als Nachahmer Jesu, folgt noch als Anhang: Die Glaubenswahrheit in kurzer Darstellung ihres wesentlichen Inhaltes.
[ 28 ] The Brentano students took offense at my pointing out this fact in the third chapter of my book *On the Mysteries of the Soul*, because they themselves are inclined to explain the matter in a much more superficial way. But even if one were to say, “Well, perhaps the Brentano scholars know better—that this was not the reason, based on Brentano’s posthumous papers or their close association with him”—the first volume of Franz Brentano’s posthumous papers, excellently edited and introduced by the Brentano scholar Alfred Kastil, demonstrates once again the same state of mind in Franz Brentano that prevented him from adding a second volume to the first volume of his *Psychology*. This first volume of Brentano’s posthumous writings contains, in its first chapter, “The Moral Teaching of Jesus According to the Gospels,” written well after his departure from the Church—long after his departure from the Church. In the strictest sense, he would accept nothing that was not compatible with a strictly scientific mindset. The second chapter is: “Jesus’ Teaching on God and the World, and on Jesus’ Own Person and Mission According to the Gospels.” The third chapter is particularly detailed and constitutes a critique of Pascal’s ideas on the defense of the Christian faith. Then, following a brief digression on Nietzsche as an imitator of Jesus, comes an appendix: “The Truth of Faith: A Brief Exposition of Its Essential Content.”
[ 29 ] Es ist ungeheuer ergreifend, dieses Büchelchen über die Lehre Jesu von Franz Brentano vor sich zu haben, nachdem von allen möglichen Standpunkten im 19. Jahrhundert, von orthodoxen, halborthodoxen, freigeistigen, freisinnigen Standpunkten, von vollständig atheistischen Standpunkten aus über Jesus und seine Lehren geschrieben und gesprochen worden ist, wobei alles zu Hilfe genommen wurde, zum Beispiel von David Friedrich Strauß, was an Mythenkunde und so weiter da ist. Es ist ergreifend, zu sehen, wie der aus der Kirche ausgetretene, ausgezeichnete Philosoph Franz Brentano, nur sich stützend auf die Lehre der Evangelien selber, in seiner Art die Sittenlehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung charakterisiert, dann die Lehre Jesu von Gott, der Welt und Jesu eigener Sendung, dann die ganze Bedeutung der kirchlichen Dogmenlehre und der Kirchenverwaltung, der Bedeutung der Kirche, wie sie, apologetisch von Pascal geschildert, vorliegt. Es ist ergreifend, wie da wiederum Franz Brentano in einer eindringlichen Weise als scharfsinniger Gegner Pascals auftritt und sich nun über den Katholizismus als solchen ausspricht. Es ist deshalb ergreifend, weil wir hier den Brentano seiner Jugend vor uns haben mit all der Frömmigkeit, mit all der großen Fähigkeit, sich selbstverständlich in das Geistige hineinzuleben, und doch auch wiederum den Mann der strengsten naturwissenschaftlichen Gesinnung, der Gesinnung, die aus der naturwissenschaftlichen Methodik herauswächst, den Mann, dem zum Beispiel der sogenannte Modernismus natürlich nicht imponieren konnte, weil Brentano ein tiefer Geist ist und der Modernismus, auch der katholische Modernismus, etwas Seichtes ist. Er hat sich also, trotzdem er von der Kirche abgefallen war, nicht etwa irgendwie anerkennend über den Modernismus ausgesprochen.
[ 29 ] It is incredibly moving to have this little book by Franz Brentano on the teachings of Jesus in front of me, given that in the 19th century, people wrote and spoke about Jesus and his teachings from every conceivable perspective—orthodox, semi-orthodox, free-thinking, liberal, and even completely atheistic—drawing on everything available, such as the work of David Friedrich Strauss in the field of mythology and so on. It is moving to see how the distinguished philosopher Franz Brentano—who had left the Church—relying solely on the teachings of the Gospels themselves, characterizes in his own way Jesus’ moral teachings and their enduring significance; then Jesus’ teaching about God, the world, and Jesus’ own mission; then the full significance of ecclesiastical dogma and church administration; and the significance of the Church as described apologetically by Pascal. It is moving to see how Franz Brentano, in turn, emerges in a forceful manner as a shrewd opponent of Pascal and now speaks out against Catholicism as such. It is moving because here we have before us the Brentano of his youth, with all his piety, with all his great ability to immerse himself naturally in the spiritual realm, and yet also the man of the strictest scientific mindset—a mindset that grows out of scientific methodology—the man whom, for example, so-called modernism naturally could not impress, because Brentano is a profound thinker and modernism, even Catholic modernism, is something shallow. Thus, even though he had fallen away from the Church, he did not speak of Modernism in any approving terms.
[ 30 ] Es war ja im 19. Jahrhundert von Geistern, die glaubten, auf naturwissenschaftlichem Boden zu stehen, wie David Friedrich Strauß, im strengsten Sinne des Wortes die Frage gestellt worden: Sind wir noch Christen? Glauben wir noch an einen Gott? — Diese zwei Fragen hat David Friedrich Strauß, haben auch unzählige andere gestellt und verneint. Sie hatten eben nicht jene tiefe Schulung des Brentano. Ihr Erkenntnisleben war daher auch weniger tragisch. Sie kämpften weniger um die naturwissenschaftliche Methode, denn es wurde ihnen aus einer gewissen Oberflächlichkeit leichter, sich ihr hinzugeben, als Franz Brentano, dem es schwer wurde, aus seiner Tiefe heraus. Dennoch hielt er diese naturwissenschaftliche Methode eben für absolut durch die Zeit geboten.
[ 30 ] In the 19th century, thinkers who believed they were standing on scientific ground—such as David Friedrich Strauss—had, in the strictest sense of the word, posed the question: Are we still Christians? Do we still believe in a God? — David Friedrich Strauss, along with countless others, asked these two questions and answered them in the negative. They simply lacked Brentano’s profound training. Their intellectual lives were therefore less tragic. They struggled less with the scientific method, for a certain superficiality made it easier for them to embrace it than it was for Franz Brentano, who found it difficult to do so from his depth of thought. Nevertheless, he considered this scientific method to be absolutely dictated by the times.
[ 31 ] Ich stelle Ihnen dieses dar, weil ich glaube, daß man an dem Beispiel dieser Persönlichkeit, wenn man die reinen Tatsachen ihres inneren und äußeren Lebens nimmt, einen anschaulicheren Einblick in das Weben und Wesen der Zivilisation in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewinnen kann, als wenn ich das ganze nur abstrakt darstellen würde. Franz Brentanos Seelenverfassung ist so, daß man sagen muß, wenn man ihn zunächst als Psychologen ins Auge faßt: Alles, was an Fähigkeiten in diesem Manne ist, tendiert eigentlich dahin, übersinnliche Erkenntnis zu entwickeln, damit das Seelische angeschaut werden kann. Hätte Brentano auch nur den zweiten Band seiner «Psychologie» schreiben wollen, so hätte er zur imaginativen Erkenntnis kommen müssen, und dann zur inspirierten und so weiter. Das wollte er nicht. Weil er das nicht wollte, unterließ er es gewissenhaft, den zweiten und den dritten Band zu schreiben. Er ist in gewisser Beziehung dennoch ein Opfer der naturwissenschaftlichen Methode geworden, ein ehrliches, gewissenhaftes Opfer. Und gerade so, wie nur übersinnliche Erkenntnis in dem Sinne, wie ich sie zum Beispiel beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», zum wirklichen Seelenwesen vordringen kann, so kann auch nur solche übersinnliche Erkenntnis von dem, was die Naturwissenschaft bietet, zu demjenigen, was als allwaltende und webende geistige Welt vorhanden ist, vordringen.
[ 31 ] I am presenting this to you because I believe that, by examining the example of this individual—taking only the bare facts of his inner and outer life—one can gain a more vivid insight into the fabric and essence of civilization in the second half of the 19th century than if I were to describe the whole thing merely in abstract terms. Franz Brentano’s mental disposition is such that, when one first considers him as a psychologist, one must say: All of this man’s abilities actually tend toward developing supersensible knowledge so that the spiritual realm can be contemplated. Had Brentano wished to write even just the second volume of his *Psychology*, he would have had to arrive at imaginative knowledge, and then at inspired knowledge, and so on. He did not want that. Because he did not want that, he conscientiously refrained from writing the second and third volumes. In a certain sense, however, he has become a victim of the scientific method—an honest, conscientious victim. And just as only supersensible knowledge—in the sense I have described, for example, in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—can penetrate to the true essence of the soul, so too can only such supersensible knowledge advance from what natural science offers to that which exists as the all-pervading and weaving spiritual world.
[ 32 ] Rein naturwissenschaftliche Astronomie weiß von Himmelskörpern, die da draußen im Raume schweben. Sie analysiert höchstens mit der Spektralanalyse die Natur des Lichtes dieser Himmelskörper. Aber das alles sind ihr im Raume schwebende Kugeln. Das alles ist geistlos. Und geistlos ist der Inhalt der Zoologie, der Inhalt der Biologie, der Botanik, der Mineralienlehre. Die Naturwissenschaft muß vermöge ihrer Methode das Geistlose herausschälen und den Geist unberücksichtigt lassen. Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne muß wiederum hinführen zum Geiste. Die übersinnliche Erkenntnis, nicht nur in der Psychologie, sondern auch in der Welt überhaupt, führt zur Geistigkeit hin.
[ 32 ] Purely scientific astronomy deals with celestial bodies floating out there in space. At most, it uses spectral analysis to analyze the nature of the light emitted by these celestial bodies. But to it, these are all merely spheres floating in space. All of this is devoid of spirit. And the content of zoology, biology, botany, and mineralogy is equally devoid of spirit. By virtue of its method, natural science must strip away the spiritless and leave the spirit out of consideration. Spiritual science in the anthroposophical sense, on the other hand, must lead back to the spirit. Supersensible knowledge—not only in psychology but also in the world at large—leads toward spirituality.
[ 33 ] So wie Brentano nicht hat zum Seelenwesen herankommen können mit seiner streng naturwissenschaftlichen Gesinnung in seiner «Psychologie», ebensowenig konnte er an das Mysterium von Golgatha wirklich herankommen, als er die katholische Dogmatik verlassen hatte. Wie kann man an das Mysterium von Golgatha herankommen ? Nur wenn man erfassen kann, daß die Welt durchwoben ist von einem übersinnlichen Geistigen. In diesem Übersinnlich-Geistigen ist eine Wesenheit, wie ich es Ihnen oftmals geschildert habe, der Christus, der als Christus-Wesenheit in dem Leib des Jesus von Nazareth lebte, als das Mysterium von Golgatha sich abspielte. Ohne eine Geisteswissenschaft kommt man zu keinem anderen Verständnis als zu dem von der Persönlichkeit Jesu. Wie der göttliche Christus in dem Jesus gelebt hat, das kann nur anthroposophische Geisteswissenschaft geben. Die wollte Franz Brentano nicht.
[ 33 ] Just as Brentano was unable to grasp the nature of the soul with his strictly scientific mindset in his *Psychology*, he was equally unable to truly grasp the Mystery of Golgotha once he had abandoned Catholic dogma. How can one approach the Mystery of Golgotha? Only by grasping that the world is interwoven with a supersensible spiritual realm. Within this supersensible spiritual realm is a being—as I have often described to you—Christ, who lived as the Christ-being in the body of Jesus of Nazareth when the Mystery of Golgotha unfolded. Without spiritual science, one can arrive at no understanding other than that of the personality of Jesus. Only anthroposophical spiritual science can reveal how the divine Christ lived within Jesus. Franz Brentano did not want this.
[ 34 ] Aber so viel bewahrte er sich noch aus seinem katholischen Bewußtsein heraus, daß der Jesus eine zentrale Bedeutung hat in der ganzen Erdenentwickelung. Das war ihm klar. Wie ihm klar war, daß die Seele unsterblich ist, er aber diese Unsterblichkeit erkenntnismäßig nicht finden konnte, so war ihm klar, daß der Jesus den Mittelpunkt der irdischen Entwickelung bildet. Aber er konnte den Übergang vom Jesus zum Christus nicht finden. Und so sehen wir, daß er gefühlsmäßig, willensmäßig in ungeheuer starker Weise ergriffen ist von der Bedeutung der Persönlichkeit Jesu und der Lehre Jesu. Nehmen Sie Sätze wie diesen: «Nicht überwunden» — wie etwa David Friedrich Strauß meint —, «wenn man sie harmonisch deutet und auf ihre wesentlichen Züge achtet, ist die Lehre Jesu in der Geschichte, sondern in ihrer Vollkommenheit im Leben noch immer nicht erreicht. Es wird wegen der menschlichen Schwäche ihr noch harte Kämpfe kosten, den vollen Sieg zu erringen, aber wegen ihrer inneren Kraft unmöglich sein, daß sie jemals untergeht. Das Gewissen wird allezeit für das, was sie von Wahrheit und heiliger Schönheit enthält, Zeugnis geben, ja hat es schon in der vorchristlichen Zeit bei Heiden wie Juden und im asiatischen Orient, wie im europäischen Okzident getan, so daß die Sittenlehre Jesu nicht sowohl dadurch einen mächtigen Fortschritt bezeichnet, daß sie ganz neue Gebote verkündete, als dadurch, daß Jesus sie durch das unvergleichliche Beispiel, welches er in seinem Leben und Tode gab, in einer Weise veranschaulichte, die erst die Möglichkeit so erhabener Tugend voll begreiflich machte und so mit einem höheren Mut beseelend zur Nachahmung fortriß. Für immer wird dies Beispiel vorleuchten und keine Weissagung ist sicherer, als wenn man in diesem Sinne sagt: Jesus und kein Ende.» So der aus der Kirche ausgetretene Philosoph, der ausgezeichnete Theologe Franz Brentano, der von dem Jesus zum Christus nur nicht kommen konnte wegen seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung!
[ 34 ] But he still retained enough of his Catholic consciousness to realize that Jesus plays a central role in the entire development of the Earth. That much was clear to him. Just as it was clear to him that the soul is immortal—even though he could not intellectually grasp this immortality—so it was clear to him that Jesus forms the center of earthly evolution. But he could not find the transition from Jesus to Christ. And so we see that, on an emotional and volitional level, he is profoundly moved by the significance of the personality of Jesus and the teachings of Jesus. Take statements like this one: “Not overcome”—as David Friedrich Strauss, for example, suggests—“if one interprets them harmoniously and pays attention to their essential features, the teaching of Jesus has not yet been fully realized in history, nor in its perfection in life. Because of human weakness, it will still cost them hard struggles to achieve complete victory, but because of its inner strength, it is impossible for it ever to perish. Conscience will always bear witness to what it contains of truth and sacred beauty; indeed, it has already done so in pre-Christian times among pagans as well as Jews, and in the Asian East as well as in the European West, so that Jesus’ moral teaching marks a powerful advance not so much by proclaiming entirely new commandments as by the fact that Jesus illustrated them through the incomparable example he set in his life and death—in a way that first made the possibility of such sublime virtue fully comprehensible and thus, inspiring with a higher courage, impelled people to imitate him. This example will shine forth forever, and no prophecy is more certain than to say in this sense: “Jesus and no end.” So says the philosopher who left the Church, the distinguished theologian Franz Brentano, who—due to his scientific mindset—simply could not make the leap from Jesus to Christ!
[ 35 ] Vergleichen Sie diese schönen Worte über Jesus als den Mittelpunkt der Erdenentwickelung mit vielem, was von Theologen geschrieben ist, die in der Kirche geblieben sind, und bilden Sie sich ein Urteil darüber. Bilden Sie sich aber auch ein Urteil darüber, was es bedeutet, wenn eine Persönlichkeit von der Seelenverfassung, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, über die Weltanschauung Jesu das Folgende sagt: «Die Weltanschauung Jesu war also nicht bloß geozentrisch,» das heißt, nicht bloß auf die Erde hingeordnet, «sondern auch christozentrisch, und zwar in solcher Weise, daß um die Person des einen Menschen Jesus sich nicht bloß die ganze Erdgeschichte, sondern auch die der reinen Geister, der guten wie der bösen, ordnet und in jeder Hinsicht nur durch die Zweckbeziehung zu ihm ihr Verständnis findet. Die Welt ist nicht bloß in Rücksicht auf den einen allwaltenden Gott, sondern auch in Rücksicht auf diejenige Kreatur, die vor allen anderen sein Ebenbild ist, eine Monarchie zu nennen.»
[ 35 ] Compare these beautiful words about Jesus as the center of Earth’s evolution with much of what has been written by theologians who have remained within the Church, and form your own judgment about it. But also form your own judgment about what it means when a person with the spiritual disposition I have described to you says the following about Jesus’ worldview: “Jesus’ worldview was therefore not merely geocentric”—that is, not merely centered on the Earth—“but also Christocentric, and in such a way that not only the entire history of the Earth but also that of the pure spirits, both good and evil, is ordered around the person of Jesus, the one human being, and finds its meaning in every respect solely through its purposeful relationship to him. The world can be called a monarchy not only in relation to the one almighty God, but also in relation to that creature who, above all others, is made in His image.”
[ 36 ] So naht sich Franz Brentano der Persönlichkeit Jesu. — Aber dennoch, er kommt von dieser Persönlichkeit Jesu, von der er sagt, daß ihre Weltanschauung nicht bloß eine geozentrische, sondern eine christozentrische ist, von der er sagt, daß sich nach ihr richten nicht nur die Menschen auf der Erde, sondern auch höhere Geister, sowohl die guten wie die bösen, er kommt von der Persönlichkeit Jesu nicht zu der Wesenheit des Christus.
[ 36 ] This is how Franz Brentano approaches the personality of Jesus. — And yet, starting from this personality of Jesus—of whom he says that his worldview is not merely geocentric but Christocentric, and that not only human beings on earth but also higher spirits, both good and evil, are guided by it—he does not proceed from the personality of Jesus to the essence of Christ.
[ 37 ] Und so klafft ein furchtbarer Widerspruch in ihm. Denn wohl fragt er sich: Wie steht es um diesen Menschen Jesus, um den sich die ganze Menschengeschichte dreht? — Es ist aber keine Idee in Franz Brentano, die in eine solche Realität auslaufen würde, daß der Christus in dem Jesus wirklich erfaßt werden könnte. Denn nur derjenige, der den Christus in dem Jesus erfaßt, kann ja daran denken, ihn in einer solchen Art zum Mittelpunkt zu machen.
[ 37 ] And so a terrible contradiction rages within him. For he surely asks himself: What is the truth about this man Jesus, around whom the entire history of humanity revolves? — Yet there is no idea in Franz Brentano that would lead to such a reality that Christ could truly be grasped in Jesus. For only the one who grasps Christ in Jesus can even conceive of making him the center in such a way.
[ 38 ] Auch hier, trotzdem er aus religiösen Gründen heraus es wenigstens zu einem schriftstellerischen Abschluß gebracht hat, den er dann aber nicht selbst mehr veröffentlicht hat, sondern den erst seine Schüler veröffentlicht haben, auch hier ist Franz Brentano nicht zum Ende des Strebens gekommen, obwohl er sozusagen unmittelbar an dem ’Tore stand, das er nur hätte aufzumachen brauchen, um zur Unsterblichkeit der Seele und auch zum Begreifen des Mysteriums von Golgatha zu kommen. Deshalb ist es ein so ungeheuer interessantes Dokument, dieses Büchelchen von Franz Brentano «Die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung», denn von dieser bleibenden Bedeutung hatte Franz Brentano wohl eine Vorstellung. Noch einmal, nachdem er die Lehre Jesu und ihre bleibende Bedeutung dargestellt hat als zweites Kapitel, noch einmal frägt er: Sind wir noch Christen? Die Antwort wird davon abhängen — sagt er —, in welchem Sinne die Frage gestellt ist. — Und dann aber, nachdem er es eigentlich auf die moderne Bildung schiebt, daß eine wirkliche Christus-Idee nicht entstehen kann, sagt er noch einmal: «Vielleicht wird einer die hier von mir ausgesprochenen Hoffnungen eitel nennen, weil der mächtige Einfluß, den Jesu Lehre und Beispiel auf die Menschheit geübt, wesentlich damit zusammenhänge, daß man ihm eine göttliche Natur zugeschrieben und so zu einem Glauben sich bekannt habe, an dem, nach meinem eigenen Zugeständnis, die Vorgeschrittensten schon heute nicht mehr festhalten.» Da kommt er, ich möchte sagen, ins Unklare hinein.
[ 38 ] Here, too, even though, for religious reasons, he at least brought it to a literary conclusion—which he then did not publish himself, but which was first published by his students—even here, Franz Brentano did not reach the end of his quest, even though he stood, so to speak, directly at the “gate” that he need only have opened to arrive at the immortality of the soul and also to grasp the mystery of Golgotha. That is why this little book by Franz Brentano, *The Teaching of Jesus and Its Enduring Significance*, is such an immensely interesting document, for Franz Brentano certainly had a conception of this enduring significance. Once again, after presenting the teachings of Jesus and their enduring significance in the second chapter, he asks: Are we still Christians? The answer, he says, will depend on the sense in which the question is posed. — And then, after essentially attributing the inability to develop a true idea of Christ to modern education, he says once more: “Perhaps someone will call the hopes I have expressed here vain, because the powerful influence that Jesus’ teaching and example have exerted on humanity is essentially connected to the fact that a divine nature was attributed to him and that people thus professed a faith which, by my own admission, even the most advanced among us no longer hold to today.” Here, I would say, he enters into a realm of obscurity.
[ 39 ] «Diese aber übersehen, daß die Möglichkeit solchen Einflusses so wenig erst mit dem Glauben an die Gottheit Jesu beginnt, daß vielmehr gerade der Blick auf sein Beispiel, wie es in der Erzählung der Evangelien uns vorliegt, eines der kräftigsten Motive gewesen ist, die zum Glauben an das göttlich Überragende seiner Person geführt haben. Kein anderes... das ihm zur Seite gestellt werden könnte, und je mehr diese Jahrhunderte zu Jahrtausenden anwachsen, um so mehr wird dadurch etwas gegeben sein, was es auszeichnet und uns bei der eigenen Lebensführung vorleuchten läßt.»
[ 39 ] “But they overlook the fact that the possibility of such influence does not begin with belief in the divinity of Jesus; rather, it is precisely the view of his example, as presented to us in the Gospel accounts, that has been one of the most powerful motives leading to faith in the divinely transcendent nature of his person. No other... could be set alongside him, and the more these centuries grow into millennia, the more this will provide something that distinguishes him and serves as a guiding light for us in our own lives.”
[ 40 ] Sie fühlen wiederum, wie nahe Franz Brentano an das Tor zur übersinnlichen Welt herangekommen ist, und wie er zurückgehalten worden ist durch die mächtigste Führerin der neueren Zivilisation, durch die naturwissenschaftliche Methodik, durch die naturwissenschaftliche Gesinnung.
[ 40 ] Once again, they sense how close Franz Brentano came to the gateway to the supersensible world, and how he was held back by the most powerful guiding force of modern civilization—the scientific method and the scientific mindset.
[ 41 ] Und so darf man auch nach dieser Veröffentlichung aus Brentanos Nachlaß wohl sagen, was man auch nach seinen zu seinen Lebzeiten gedruckten Schriften sagen mußte: Franz Brentano steht da wie ein Geist aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der mit jeder Phase seines Seelenlebens hingetrieben wird zu der Erfassung der übersinnlichen Welt, der aber sich diese Erfassung der übersinnlichen Welt durch die Naturwissenschaft hat verbieten lassen, wie er sich seinerzeit hat verbieten lassen die Kritik des Dogmas durch dieses Dogma selbst. So steht gerade Franz Brentano durch das, was er sich nicht hat erringen können, als eine leuchtende Persönlichkeit, als eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor uns und lehrt uns vielleicht wie wenige andere erkennen, wie eigentlich das geistige Erbe des 19. Jahrhunderts, das in das 20. Jahrhundert hineingekommen ist, sich in seinen Wirkungen auf die Menschheitsentwickelung überhaupt verhält.
[ 41 ] And so, even after the publication of these works from Brentano’s estate, one can still say what one had to say about his writings published during his lifetime: Franz Brentano stands before us like a spirit from the second half of the 19th century, driven in every phase of his inner life toward an understanding of the supersensible world, yet one who allowed natural science to forbid him this understanding of the supersensible world, just as he had allowed the dogma itself to forbid him the critique of that very dogma in his own time. Thus, precisely because of what he was unable to achieve, Franz Brentano stands before us as a luminous figure, one of the most significant figures of the second half of the 19th century, and teaches us—perhaps as few others have—to recognize how the intellectual legacy of the 19th century, which carried over into the 20th century, actually relates to the development of humanity as a whole.

