Human Questions and Cosmic Answers
GA 213
8 July 1922, Dornach
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Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Ich habe in einer etwas ausführlicheren Weise von Franz Brentano gesprochen aus dem Grunde, weil ja unmittelbar die Tatsache vorliegt, daß das erste Werk dieses bedeutenden Philosophen, das die Schüler aus seinem Nachlasse veröffentlichten, ein Werk über das Leben Jesu, die Lehre Jesu war. Das gab den äußeren Anknüpfungspunkt. Aber ich wollte gerade mit der Darstellung dieses Philosophenlebens doch noch etwas 'Tieferes. Ich wollte an einem Menschen, der nicht bloß mit seinem Intellekt, nicht bloß mit seiner Wissenschaft, sondern der wirklich als ganzer Mensch ein Wahrheitssucher war, zeigen, wie eine so geartete Persönlichkeit sich in das geistige Leben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hineinstellen mußte.
[ 1 ] I have spoken about Franz Brentano in somewhat greater detail because of the fact that the first work by this important philosopher—published by his students from his posthumous papers—was a work on the life and teachings of Jesus. That provided the outward point of reference. But in presenting this philosopher’s life, I wanted to convey something even “deeper.” I wanted to use the example of a person who was a seeker of truth not merely with his intellect or his scholarship, but truly as a whole human being, to show how a personality of this kind had to position himself within the intellectual life of the second half of the 19th century.
[ 2 ] Franz Brentano ist 1838 geboren, er war also gerade in der Zeit Student, in welcher die naturwissenschaftliche Gesinnung innerhalb der modernen Zivilisation heraufkam, und Franz Brentano war Student, indem er durchaus frommer Katholik war, wie Sie gesehen haben, der als frommer Katholik festhielt an der geistigen Welt, allerdings nur so, wie das eben aus der katholischen Religionspraxis und der katholischen "Theologie heraus möglich ist. Dabei ist dieser Mensch, der also auf diese Art hineingewachsen ist in ein gewisses selbstverständliches Erfassen der geistigen Welt, der Seelenunsterblichkeit, des Daseins Gottes und so weiter, als Wissenschafter, und zwar als der denkbar gewissenhafteste Wissenschafter hereingewachsen in die Zeit, in der wissenschaftliches Denken alles war. So daß man mehr als bei irgendeiner anderen Persönlichkeit das Gefühl haben muß, wenn man gerade Franz Brentano kennt: In ihm hat man einen Menschen von tiefer Geistigkeit, der aber gegenüber der naturwissenschaftlichen Gesinnung des 19. Jahrhunderts mit seiner Geistigkeit nicht aufkam, nicht durchdringen konnte bis zu einer wirklichen Erfassung des geistigen Lebens. Ich kenne eigentlich keine Persönlichkeit der neueren Zeit, an der so charakteristisch die Notwendigkeit der anthroposophischen Weltauffassung hervortritt. Man möchte überall bei Franz Brentano sagen: Eigentlich brauchte er nur ein, zwei Schritte weiterzugehen, und er war bei der Anthroposophie. Er kam nicht zu ihr, weil er sich eben in dem, was naturwissenschaftlich gang und gäbe war, halten wollte. Franz Brentano machte gerade durch das, was ich gestern als das Charakteristische seiner Persönlichkeit auch im Äußeren darstellte, durch das Würdevolle seines Auftretens, durch den Ernst, der in allem vorhanden war, was er nur aussprach, schon den Eindruck, als ob er eine Art Führerpersönlichkeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätte werden können.
[ 2 ] Franz Brentano was born in 1838, so he was a student precisely during the period when the scientific mindset was emerging within modern civilization, and Franz Brentano was a student who, as you have seen, was a devout Catholic who, as a devout Catholic, held fast to the spiritual world—though only in the way that is possible within Catholic religious practice and Catholic “theology.” Yet this man, who had thus grown up with a certain intuitive understanding of the spiritual world—the immortality of the soul, the existence of God, and so on—emerged as a scientist—indeed, as the most conscientious scientist imaginable—into an era in which scientific thinking was everything. So that, more than with any other figure—especially if one is familiar with Franz Brentano—one cannot help but feel: Here is a man of profound spirituality who, however, was unable to hold his own against the 19th-century scientific mindset with his spirituality, unable to penetrate to a true grasp of spiritual life. I actually know of no other figure of modern times in whom the necessity of the anthroposophical worldview stands out so characteristically. One is tempted to say at every turn regarding Franz Brentano: “Actually, he only needed to take one or two more steps, and he would have arrived at anthroposophy.” He did not arrive at it because he simply wanted to remain within the confines of what was standard practice in the natural sciences. Precisely through what I described yesterday as the defining characteristics of his personality—even in his outward appearance—through the dignity of his demeanor, and through the seriousness present in everything he said, Franz Brentano already gave the impression that he could have become a kind of leading figure in the second half of the 19th century.
[ 3 ] Sie werden nun mit Recht sagen: Aber wie kommt es denn eigentlich, daß diese Persönlichkeit in weitesten Kreisen ganz unbekannt geblieben ist? Franz Brentano ist eigentlich nur in einem engeren Schülerkreis bekanntgeworden. Alle diese Schüler sind Menschen, die die tiefgehendsten Anregungen von ihm erfahren haben. Man sieht das noch dem Wirken derjenigen an, die nun wiederum die Schüler jener Schüler sind, denn die sind es ja eigentlich, die heute noch da sind. Auf einen engeren Kreis hat Franz Brentano einen bedeutenden Eindruck gemacht. Und ganz gewiß sind in diesem Schülerkreise die meisten ihm gegenüber so gesinnt, daß sie ihn als einen der anregendsten, bedeutendsten Menschen für lange Jahrhunderte empfinden.
[ 3 ] You will now rightly ask: But how is it, then, that this figure has remained completely unknown to the wider public? Franz Brentano actually became known only within a small circle of students. All of these students are people who received the most profound inspiration from him. This is still evident in the work of those who are, in turn, the students of those students, for it is they who are still with us today. Franz Brentano made a significant impression on a small circle of students. And certainly, within this circle, most hold him in such high regard that they consider him one of the most inspiring and significant figures in centuries.
[ 4 ] Nun ist aber gerade der Umstand, daß Brentano in weitesten Kreisen doch wiederum unbekannt geblieben ist, charakteristisch für die ganze Zivilisationsentwickelung des 19. Jahrhunderts. Man könnte ja manche Persönlichkeiten anführen, die nach der einen oder nach der anderen Richtung auch Repräsentanten des geistigen Lebens im 19. Jahrhundert sind. Aber eine so signifikante, eine so bezeichnende Persönlichkeit wie Franz Brentano kann man eigentlich nicht finden, wenn man noch so sehr sucht. Deshalb möchte ich sagen: Gerade an Franz Brentano zeigt es sich, daß die Naturwissenschaft zwar in der Gestalt, die sie im 19. Jahrhundert angenommen hat, sich eine große Autorität verschaffen kann, daß sie aber trotz dieser großen Autorität geistige Führerschaft innerhalb des Ganzen der Kultur nicht ausüben kann. Dazu muß Naturwissenschaft erst zur Geisteswissenschaft heraufgebildet werden; dann hat sie alles das in sich, was wirklich mit der Geisteswissenschaft zusammen eine gewisse Führerschaft für das geistige Leben der Menschheit antreten kann.
[ 4 ] Yet it is precisely the fact that Brentano remained unknown to the broadest circles that is characteristic of the entire development of 19th-century civilization. One could, of course, cite many figures who, in one way or another, are also representatives of intellectual life in the 19th century. But one cannot really find a figure as significant, as emblematic, as Franz Brentano, no matter how hard one searches. That is why I would like to say: It is precisely in Franz Brentano that it becomes evident that, while the natural sciences—in the form they took in the 19th century—can establish great authority for themselves, they cannot, despite this great authority, exercise intellectual leadership within the broader context of culture. To achieve this, the natural sciences must first be elevated to the level of the humanities; only then will they possess everything necessary to, together with the humanities, assume a certain leadership role in the intellectual life of humanity.
[ 5 ] Um das einzusehen, müssen wir uns heute ein wenig an eine größere Perspektive halten. Wenn wir in die ältesten Zeiten der Menschheit zurückblicken, so wissen wir ja, daß da überall als allgemeine menschliche Fähigkeit eine Art traumhaften Hellsehens vorhanden war, daß zu diesem traumhaften Hellsehen die Eingeweihten, die Initiierten der Mysterien, die höhere übersinnliche Erkenntnis, aber auch die Erkenntnisse über die Sinneswelt dazugefügt haben.
[ 5 ] To understand this, we need to take a broader perspective today. If we look back to the earliest times of humanity, we know that a kind of dreamlike clairvoyance existed everywhere as a general human ability, and that to this dreamlike clairvoyance the initiates of the mysteries added higher supersensory knowledge as well as insights into the sensory world.
[ 6 ] Wenn wir zurückgehen würden in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung, so würden wir keinen Unterschied finden in der Behandlung, ob es sich um Physisches oder um Übersinnliches handelt. Von den Mysterienschulen, die im Grunde genommen zugleich Kirchen und Kunstanstalten waren, ist alles Geistesleben ausgegangen. Aber dieses Geistesleben hat in alten Zeiten im tiefsten Sinne alles menschliche Leben überhaupt beeinflußt, auch das staatliche, auch das wirtschaftliche Leben. Diejenigen, die im staatlichen Leben tätig waren, haben sich ihre Ratschläge bei den Mysterienpriestern geholt, aber auch diejenigen, die im Wirtschaftsleben irgendwie Impulse haben geben wollen, und eine Trennung zwischen dem religiösen und dem wissenschaftlichen Elemente hat es eigentlich in jenen alten Zeiten nicht gegeben. Die Führer des religiösen Lebens waren die Führer des geistigen Lebens überhaupt und waren auch die tonangebenden Leute in den Wissenschaften. Aber immer mehr und mehr hat sich die Entwickelung der Menschheit so gestaltet, daß diejenigen Strömungen des menschlichen Lebens, die ursprünglich eine Einheit bildeten, sich getrennt haben. Die Religion hat sich von der Wissenschaft, von der Kunst abgesondert.
[ 6 ] If we were to go back to the very earliest times of human development, we would find no distinction in how the physical and the supersensible were treated. All spiritual life originated in the mystery schools, which were, in essence, both churches and institutions of art. But in ancient times, this spiritual life influenced all human life in the deepest sense—including political and economic life. Those active in political life sought counsel from the mystery priests, as did those who wished to provide impetus to economic life in some way; and in those ancient times, there was actually no separation between the religious and scientific elements. The leaders of religious life were the leaders of spiritual life in general and were also the leading figures in the sciences. But more and more, the development of humanity has taken such a course that those currents of human life which originally formed a unity have become separated. Religion has become separated from science and from art.
[ 7 ] Das hat sich nur langsam und allmählich vollzogen. Wenn wir nach Griechenland zurückschauen, so finden wir noch, daß es da nicht eine Naturwissenschaft in unserem Stil gegeben hat und daneben etwa eine Philosophie; sondern die griechische Philosophie sprach auch über Naturwissenschaft, und eine getrennte Naturwissenschaft gab es nicht. Aber indem die Philosophie in Griechenland als etwas Selbständiges auftrat, hatte sich schon das eigentlich religiöse Element von dieser Philosophie abgesondert. Man holte zwar auch noch aus den Mysterien die Wahrheiten über das Tiefste; allein man kritisierte schon das, was die Mysterien gaben in Griechenland, namentlich im späteren Griechenland, von dem Standpunkte der philosophischen Vernunft aus. Aber die religiöse Offenbarung pflanzte sich doch fort, und auch als das Mysterium von Golgatha auftrat, war es im wesentlichen die religiöse Offenbarung, welche sich anschickte, dieses Mysterium zu verstehen. Was auch noch in den ersten Jahrhunderten innerhalb der europäischen Zivilisation an verständiger Theologie vorhanden war, davon machen sich ja die Menschen heute keine rechte Vorstellung mehr; sie nennen es abfällig «Gnosis» und dergleichen. Aber in dieser Gnosis war ein weitgehendes geistiges Verständnis vorhanden, und man hatte durchaus das Bewußtsein: Man muß die geistigen Angelegenheiten ebenso verstehen, wie man heute meinetwillen die Schwerkraft oder die Erscheinungen des Lichtes oder irgend etwas anderes physikalisch versteht. Man hatte nicht das Bewußtsein, daß es eine Wissenschaft abgetrennt vom religiösen Leben gibt. Auch auf christlichem Boden war das durchaus die Gesinnung der ersten Kirchenväter, der ersten großen Lehrer des Christentums, daß sie das Wissen als etwas Einheitliches behandelt haben. Gewiß, die griechische Absonderung des religiösen Lebens war schon da, aber man stellte in die Behandlung aller geistigen Angelegenheiten sowohl die Betrachtung des Religiösen wie die vernünftigen Betrachtungen des bloß Physikalischen hinein. Das wurde erst im Mittelalter anders. Im Mittelalter entstand die Scholastik, die nun eine strenge Trennung machte — ich habe gestern schon darauf hingewiesen — zwischen menschlicher Wissenschaft und dem, was eigentliches Wissen vom Geistigen ist. Dieses konnte nicht durch Anwendung von selbständigen menschlichen Erkenntniskräften errungen werden, das konnte nur durch Offenbarung, durch die Annahme der Offenbarungen errungen werden. Und immer mehr und mehr war es dazu gekommen, daß man sich sagte: Die höchsten Wahrheiten kann der Mensch durch seine eigene Erkenntniskraft nicht durchdringen, die muß er hinnehmen, so wie sie von der Kirche als Offenbarung geliefert werden. Die menschliche Wissenschaft kann sich nur über das, was die Sinne geben, ausbreiten und einige Schlüsse ziehen aus dem, was die Sinne als Wahrheiten geben, wie ich schon gestern sagte.
[ 7 ] This process took place only slowly and gradually. If we look back at Greece, we find that there was not a natural science in our sense alongside, say, a philosophy; rather, Greek philosophy also dealt with natural science, and there was no separate natural science. But as philosophy emerged in Greece as something independent, the truly religious element had already separated itself from this philosophy. Although truths about the deepest realities were still drawn from the mysteries, what the mysteries offered in Greece—particularly in later Greece—was already being criticized from the standpoint of philosophical reason. Yet religious revelation continued to take root, and even when the Mystery of Golgotha appeared, it was essentially religious revelation that set out to understand this Mystery. People today no longer have a true conception of what sensible theology still existed within European civilization during the early centuries; they disparagingly call it “Gnosis” and the like. But within this Gnosis there was a profound spiritual understanding, and people were fully aware that one must understand spiritual matters just as one today, for my sake, understands gravity or the phenomena of light or any other physical phenomenon. They did not have the awareness that there is a science separate from religious life. Even within Christianity, this was certainly the attitude of the early Church Fathers, the first great teachers of Christianity, who treated knowledge as a unified whole. Certainly, the Greek separation of religious life was already present, but in their treatment of all spiritual matters, they included both religious contemplation and rational considerations of the purely physical. This only changed in the Middle Ages. The Middle Ages saw the emergence of Scholasticism, which now made a strict distinction—as I already pointed out yesterday—between human science and what constitutes true knowledge of the spiritual. This could not be attained through the application of independent human powers of cognition; it could only be attained through revelation, through the acceptance of revelations. And it had come to the point, more and more, where people said to themselves: Human beings cannot penetrate the highest truths through their own powers of cognition; they must accept them as they are provided by the Church as revelation. Human science can only extend itself beyond what the senses provide and draw certain conclusions from what the senses present as truths, as I already said yesterday.
[ 8 ] So trennte man streng eine sich über die Sinneswelt ausbreitende Wissenschaft und dasjenige, was Inhalt der Offenbarung war. Nun sind ja für die Entwickelung der neueren Menschheit in vieler Beziehung die letzten drei bis fünf Jahrhunderte außerordentlich bedeutsam geworden. Wenn man einem Menschen jener älteren Zeiten, wo Religion und Wissenschaft eines war, davon gesprochen hätte, daß die Religion nicht auf einem Erkennen des Menschen beruhte, so hätte er das als einen Unsinn angesehen; denn alle Religionen sind ursprünglich aus dem menschlichen Erkennen gekommen. Nur hat man gesagt: Wenn der Mensch sich auf sein Bewußtsein beschränkt, wie es ihm für den Alltag gegeben ist, dann gelangt er nicht zu den höchsten Wahrheiten, man muß dieses Bewußtsein erst zu einer höheren Stufe emporheben. Von dem alten Standpunkte aus sagte man gerade so, wie man heute gezwungen ist zu sagen, etwa gemäß dem, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und im zweiten Teile meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» dargestellt habe: daß der Mensch durch besondere Behandlung seiner Seelenfähigkeiten aufsteigen muß, um die höheren Erkenntnisse zu erringen. — So sagte man das auch in alten Zeiten. Man war sich bewußt: Mit dem gewöhnlichen Bewußtsein kann man nur dasjenige erkennen, was sich um den Menschen herum ausbreitet; aber man kann dieses Bewußtsein weiter ausbilden und kann so zu übersinnlichen Wahrheiten kommen. Also in jenen alten Zeiten hätte man nicht davon gesprochen, daß irgendwo ohne Zutun des Menschen eine Offenbarung an ihn herangekommen wäre. Das hätte man als einen Unsinn empfunden. Und so stammen auch alle Dogmen, die in den verschiedenen kirchlichen Lehren enthalten sind, doch ursprünglich von solchen Initiationswahrheiten her. Heute sagt der Mensch leicht: Dogmen wie die Trinität oder wie die Inkarnation, die müssen geoffenbart sein, an die kann man nicht mit den menschlichen Erkenntnisfähigkeiten herankommen. Aber sie sind ursprünglich doch aus den menschlichen Erkenntnisfähigkeiten heraus entstanden.
[ 8 ] Thus, a strict distinction was made between a science that encompassed the sensory world and the content of revelation. Now, in many respects, the last three to five centuries have become extraordinarily significant for the development of modern humanity. If one had told a person from those earlier times, when religion and science were one and the same, that religion was not based on human knowledge, he would have regarded that as nonsense; for all religions originally arose from human knowledge. However, it was said: If a person limits himself to his consciousness as it is given to him in everyday life, then he cannot attain the highest truths; one must first elevate this consciousness to a higher level. From the old point of view, people said exactly what we are compelled to say today—roughly in accordance with what I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* and in the second part of my *Outline of Esoteric Science*—namely, that human beings must ascend through the special cultivation of their soul faculties in order to attain higher knowledge. — That is how it was expressed in ancient times as well. People were aware that with ordinary consciousness one can perceive only what lies around the human being; but one can further develop this consciousness and thus attain supersensible truths. So in those ancient times, no one would have spoken of a revelation coming to a person from somewhere without any effort on their part. That would have been regarded as nonsense. And so all the dogmas contained in the various church teachings do, after all, originally stem from such initiatory truths. Today, people are quick to say: Dogmas such as the Trinity or the Incarnation must have been revealed; they cannot be reached through human powers of cognition. But they did, after all, originally arise from human powers of cognition.
[ 9 ] Und im Mittelalter war es so, daß die Menschen übergegangen waren zu einem stärkeren Gebrauch ihres Intellektes. Das ist zum Beispiel gerade bei der Scholastik das Charakteristische, daß der Intellekt in großartigem Sinne gebraucht worden ist, aber nur auf die sinnliche Welt angewendet wurde, und daß man in diesem Entwickelungsstadium der Menschheit sich nicht mehr fähig fühlte, höhere Erkenntniskräfte zu entwickeln, mindestens in den Kreisen nicht, in denen sich die alten Dogmen als Offenbarungslehre fortgepflanzt hatten. Da lehnte man es ab, dem Menschen durch höhere Erkenntnisfähigkeiten zur übersinnlichen Welt hin den Weg zu bahnen. So übernahm man das, was in alten Zeiten gar wohl durch eine wirkliche menschliche Erkenntnis errungen worden war, durch Tradition, durch geschichtliche Überlieferung und sagte, man dürfe es eben nicht mit menschlicher Wissenschaft untersuchen.
[ 9 ] And in the Middle Ages, people had begun to make greater use of their intellect. This is, for example, a defining characteristic of Scholasticism: that the intellect was employed in a magnificent way, but was applied only to the sensory world, and that at this stage of human development, people no longer felt capable of developing higher powers of cognition—at least not in those circles where the old dogmas had been perpetuated as revelatory doctrine. Thus, they refused to pave the way for human beings to the supersensible world through higher powers of cognition. So they adopted what had indeed been attained in ancient times through genuine human cognition—through tradition and historical transmission—and declared that it simply could not be investigated by human science.
[ 10 ] In diese Stellung zur Erkenntnis hatte man sich allmählich hineingefunden. Man gewöhnte sich nach und nach, das Glauben zu nennen, was einstmals ein Wissen war, zu dem man sich aber nicht mehr emporwagte; und Wissen nannte man nur dasjenige, was eben durch menschliche Erkenntnisfähigkeiten für die sinnliche Welt gewonnen wird. Diese Lehre hatte sich insbesondere innerhalb des Katholizismus immer stärker und stärker herausgebildet. Aber wie ich Ihnen schon gestern sagte: Im Grunde ist alle moderne naturwissenschaftliche Gesinnung auch nichts anderes als ein Kind dieser Scholastik. Man ist nur dabei stehengeblieben, zu sagen, der menschliche Intellekt könne eben nur über die Natur Kenntnisse erlangen, und kümmerte sich nicht um die übersinnlichen Erkenntnisse. Man sagte, diese könne der Mensch nicht durch seine Fähigkeiten erringen. Aber man überließ es dann dem Glauben, die alten Erkenntnisse als überlieferte Dogmen anzunehmen oder auch nicht.
[ 10 ] People had gradually come to accept this view of knowledge. Little by little, they grew accustomed to calling “faith” what had once been “knowledge”—but which they no longer dared to claim as such—and they called “knowledge” only that which is gained about the sensory world through human cognitive faculties. This doctrine had become increasingly established, particularly within Catholicism. But as I told you yesterday: Fundamentally, the entire modern scientific mindset is nothing other than a product of this scholasticism. People have simply stopped at asserting that the human intellect can only acquire knowledge about nature, and have paid no attention to supersensory knowledge. It was said that human beings could not attain such knowledge through their own faculties. But it was then left to faith to decide whether or not to accept the ancient teachings as traditional dogmas.
[ 11 ] Nachdem schon das 18. Jahrhundert vorangegangen war in der Proklamierung der bloß sinnlichen Erkenntnis und dessen, was man durch Vernunftschlüsse aus ihr gewinnen kann, bildete sich besonders im 19. Jahrhundert die Tendenz heraus, eigentlich nur das als Wissenschaft gelten zu lassen, was sich auf diese Art durch Anwendung der menschlichen Fähigkeiten auf die sinnliche Welt gewinnen läßt. Und in dieser Beziehung hat ja das 19. Jahrhundert ungeheuer viel geleistet, und es wird auch jetzt noch fortwährend durch Anwendung der naturwissenschaftlichen Methoden Großes auf dem Gebiete der naturwissenschaftlichen Forschung geleistet.
[ 11 ] Since the 18th century had already led the way in proclaiming purely sensory knowledge and what can be derived from it through rational inferences, a tendency emerged—particularly in the 19th century—to regard as science only that which can be obtained in this way by applying human faculties to the sensory world. And in this regard, the 19th century achieved an immense amount, and even now, great advances continue to be made in the field of scientific research through the application of scientific methods.
[ 12 ] Ich möchte sagen, der letzte öffentlich hervorgetretene Aufstieg in die geistige Welt wurde um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert von jener Bewegung versucht, die man den deutschen Idealismus nennt. Diesem deutschen Idealismus war ja ein Philosoph wie Kart vorangegangen, der nun auch philosophisch die Trennung zwischen Wissen und Glauben aussprechen wollte. Dann waren jene energischen Denker gekommen, Fichte, Schelling, Flegel, und diese stehen da, Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, wie letzte gewaltige Pfeiler, weil sie noch mit der menschlichen Erkenntnisfähigkeit haben weitergehen wollen als bloß bis zur Sinneserkenntnis und dem, was sich aus ihr erschließen läßt.
[ 12 ] I would like to say that the last public attempt to ascend into the spiritual world was made around the turn of the 18th to the 19th century by the movement known as German Idealism. This German Idealism had, of course, been preceded by a philosopher like Kart, who now also sought to articulate, philosophically, the separation between knowledge and faith. Then came those energetic thinkers—Fichte, Schelling, and Flegel—and they stand there, at the end of the 18th and the beginning of the 19th centuries, like the last mighty pillars, because they still wanted to go further with human cognitive capacity than merely to sensory perception and what can be deduced from it.
[ 13 ] Fichte, Schelling und Hegel sind voneinander sehr verschieden. Fichte ging von dem menschlichen Ich aus, entwickelte eine ungeheure Kraft gerade in der Erfassung des menschlichen Ich, und suchte vom menschlichen Ich aus erkenntnismäßig sich die Welt zu erobern. Schelling entwickelte eine Art phantasievollen Aufbauens einer Weltanschauung. Dieser Aufschwung in einem phantasievollen Gedankenaufbauen führte ihn sogar bis nahe an das Verständnis der Mysterien. Hegel glaubte an den Gedanken selber, und er glaubte, daß im Gedanken, den der Mensch erfassen kann, unmittelbar das Ewige lebt. Es ist ein schöner Gedanke, wenn Hegel sagte, er wolle den Geist erkennen und ihn erobern vom Gesichtspunkte des Gedankens aus. Allein, so recht Geschmack an Hegel kann doch nur derjenige finden, der das allgemeine Streben bei Hegel auffaßt, dieses Streben nach dem Geiste hin. Denn wenn man Hegel liest — die meisten Menschen hören ja bald zu lesen auf —, so ist er, wenn er seine Gedanken anführt, trotzdem er an die Geistigkeit des Gedankens glaubt, doch ein furchtbar abstrakter Geist. Und es ist schon so, daß, obzwar der Impuls, der in Hegel nach dem Geiste hin lebte, ein ungeheuer starker war, Hegel der Menschheit doch nichts anderes übergeben hat als ein Inventar von abstrakten Begriffen.
[ 13 ] Fichte, Schelling, and Hegel are very different from one another. Fichte took the human “I” as his starting point, developed an immense power precisely in his grasp of the human “I,” and sought to conquer the world epistemologically from the perspective of the human “I.” Schelling developed a kind of imaginative construction of a worldview. This surge in imaginative conceptual construction even brought him close to an understanding of the mysteries. Hegel believed in thought itself, and he believed that the eternal lives directly within the thought that human beings can grasp. It is a beautiful thought when Hegel said he wanted to recognize the Spirit and conquer it from the standpoint of thought. However, only those who grasp Hegel’s overarching aspiration—this striving toward the Spirit—can truly appreciate him. For when one reads Hegel—though most people soon stop reading him—he is, when he sets forth his ideas, a terribly abstract mind, despite his belief in the spiritual nature of thought. And it is indeed true that, although the impulse toward the Spirit that lived within Hegel was an immensely powerful one, Hegel left humanity nothing more than an inventory of abstract concepts.
[ 14 ] Warum war das? Es ist ja etwas ungeheuer Tragisches, daß diese kernigen, gewaltigen Denker, Fichte, Schelling, Hegel, doch eigentlich nicht bis zur Geistigkeit vordrangen.
[ 14 ] Why was that? It is, after all, something incredibly tragic that these robust, formidable thinkers—Fichte, Schelling, Hegel—did not actually penetrate to the realm of the spiritual.
[ 15 ] Das liegt daran, daß in der allgemeinen Zivilisation eben die Menschheit dazumal noch nicht reif war, die Tore in die geistige Welt wirklich zu öffnen. Fichte, Schelling und Hegel kamen eben bloß bis zum Gedanken. Aber was ist der Gedanke, der im Menschen im gewöhnlichen Bewußtsein lebt?
[ 15 ] This is because, in civilization as a whole, humanity at that time was not yet ready to truly open the gates to the spiritual world. Fichte, Schelling, and Hegel merely got as far as the idea. But what is the idea that lives within a person in ordinary consciousness?
[ 16 ] Erinnern Sie sich an das, was ich vor einiger Zeit ausgesprochen habe. Wenn wir das Leben eines Menschen von der Geburt bis zum Tode verfolgen, so haben wir den Menschen vor uns als lebendes Wesen; Seele und Geist durchwärmen und durchleuchten das, was als physisches Wesen vor uns steht. Wenn der Mensch für die physische Welt gestorben ist, dann haben wir in der physischen Welt den Leichnam. Wir begraben oder verbrennen diesen Leichnam. Denken Sie nur, welch ein gewaltiger Unterschied besteht für ein unbefangenes menschliches Betrachten des Lebens zwischen einem voll lebendigen Menschen und einem Leichnam. Fassen Sie diesen Unterschied nur einmal mit Ihrem Herzen auf, dann werden Sie nachfühlen können, was der Geisteswissenschafter sagen muß in bezug auf eine andere Phase des Lebens, wenn man den Menschen betrachtet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wie er als seelisch-geistiges Wesen in einer seelisch-geistigen Welt ist, wie er sich da entwickelt, wie er, während man hier auf der Erde alt wird, in der geistigen Welt immer jünger und jünger wird bis zu dem Momente hin, wo man den Weg herunterfindet zu einer physischen Verkörperung. Was da im Menschen lebt, das kann man ebenso mit den höheren geistigen Kräften auffassen, wie man dasjenige, was in einem physischen Menschen lebt, auffassen kann. Und dann kann man sich fragen: Was ist denn von dem geblieben, wenn der Mensch nun geboren worden ist, was sich der Anschauung dargestellt hat in der geistigen Welt droben, bevor das Seelisch-Geistige heruntergestiegen ist? Da ist geblieben das im Menschen — wahrnehmbar —, was seine Gedanken sind. Aber diese Gedanken, die dann der Mensch hier auf der Erde durch den physischen Leib in sich trägt, die sind der Leichnam derjenigen Gedanken, die dem Menschen zukommen, wenn er zwischen dem Tod und einer neuen Geburt eben in der geistigen und in der seelischen Welt lebt. Die abstrakten Gedanken, die wir hier haben, sind gegenüber dem Lebendigen, das im Menschen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt ist, durchaus ein Leichnam, gerade so, wie es der Leichnam im Physischen gegenüber dem lebendigen Menschen ist, bevor er für die physische Welt gestorben ist.
[ 16 ] Remember what I said some time ago. When we trace a person’s life from birth to death, we see that person before us as a living being; the soul and spirit warm and illuminate what stands before us as a physical being. When a person has died to the physical world, what remains in the physical world is the corpse. We bury or cremate this corpse. Just think what an enormous difference there is, from an unbiased human perspective on life, between a fully living person and a corpse. Take this difference to heart just once, and you will be able to appreciate what the spiritual scientist must say regarding another phase of life—when we consider the human being between death and a new birth, how he exists as a soul- -spiritual being in a soul-spiritual world, how he develops there, how—while one grows old here on Earth—he becomes younger and younger in the spiritual world until the moment when he finds his way down to a physical incarnation. What lives within the human being there can be perceived just as clearly with the higher spiritual powers as that which lives within a physical human being. And then one may ask: What remains of what was revealed to the human being’s perception in the spiritual world above before the soul-spiritual aspect descended, once the human being has been born? What remains in the human being—and is perceptible—are their thoughts. But these thoughts, which the human being then carries within themselves here on Earth through the physical body, are the corpse of those thoughts that come to the human being when they live in the spiritual and soul worlds between death and a new birth. The abstract thoughts we have here are, in comparison to the living reality that exists within a human being between death and a new birth, truly a corpse—just as the physical corpse is in comparison to the living human being before he or she has died to the physical world.
[ 17 ] Wer nicht den Aufschwung vollziehen will zu der Belebung der abstrakten Gedanken, der läßt mit der gewöhnlichen Gedankenwelt nichts anderes in sich leben als den Leichnam dessen, was in ihm war, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist. Und nur dieser Leichnam der Gedanken lebte in Fichte, Schelling und Hegel, so großartig auch diese Gedanken sind. Man möchte sagen: In alten Zeiten, als noch Religion, Wissenschaft und Kunst eines war, da lebte in den irdischen Gedanken noch etwas fort von dem Lebendigen, das dem Menschen eignet in der geistigen Welt. Sogar noch bei Plaio kann man in seinem Ideenschwung wahrnehmen, wie etwas Überirdisches fortlebte in ihm. Das wird immer weniger und weniger. Die Menschen behalten die Kunde über das Überirdische als Offenbarung. Aber der Mensch hätte ja sonst nicht frei werden können, er hätte die Freiheit nicht entwickeln können. Der Mensch kommt immer mehr dazu, in seinem Denken nichts anderes zu haben als den Leichnam seines vorgeburtlichen inneren Lebens. Und so wie man manchmal bei gewissen Menschen, wenn sie gestorben sind, in dem Leichnam für einige Tage noch eine ungeheure Frische findet, so war es bei den Leichnam-Gedanken von Fichte, Schelling und Hegel: Sie waren frisch, aber sie waren dennoch eben jene Leichen des Übersinnlichen, von denen eine wirkliche Geisteswissenschaft sprechen muß.
[ 17 ] Whoever does not wish to make the leap toward the revitalization of abstract thought allows nothing else to live within himself through the ordinary world of thought but the corpse of what was within him before he descended to earth. And only this corpse of thought lived on in Fichte, Schelling, and Hegel, however magnificent those thoughts may be. One might say: In ancient times, when religion, science, and art were still one, something of the living essence that belongs to human beings in the spiritual world still lived on in earthly thought. Even in Plato, one can perceive in the sweep of his ideas how something supernatural lived on within him. This is becoming less and less common. People retain knowledge of the supernatural as revelation. But otherwise, human beings could not have become free; they could not have developed freedom. Human beings are increasingly coming to have nothing in their thinking but the corpse of their prenatal inner life. And just as one sometimes finds, in the case of certain people after they have died, an immense freshness still present in the corpse for a few days, so it was with the “corpse-thoughts” of Fichte, Schelling, and Hegel: they were fresh, but they were nevertheless precisely those corpses of the supersensible of which a true spiritual science must speak.
[ 18 ] Aber ich frage Sie nun: Glauben Sie, daß uns jemals ein menschlicher Leichnam in der Welt begegnen könnte, wenn es nicht auch lebendige Menschen geben würde? Wer einem menschlichen Leichnam begegnet, weiß, daß dieser Leichnam einmal gelebt hat. Und so wird einer, der wirklich unbefangen unser Denken, unser abstraktes, unser totes, unser Leichnam-Denken betrachtet, darauf kommen, daß das auch einmal gelebt hat, nämlich bevor der Mensch heruntergestiegen ist in einen physischen Leib.
[ 18 ] But now I ask you: Do you believe that we could ever encounter a human corpse in this world if there were no living people as well? Anyone who encounters a human corpse knows that this corpse once lived. And so, anyone who truly and impartially observes our thinking—our abstract, our dead, our “corpse-like” thinking—will come to realize that it, too, once lived, namely before the human being descended into a physical body.
[ 19 ] Aber auch diese Erkenntnis war dem Menschen schon verlorengegangen, und so waren die Menschen Erleber des toten Denkens, und alles, was ihnen vom lebendigen Denken zukam, verehrten sie als Offenbarung, wenn sie überhaupt noch einen Wert darauf legten. Das war insbesondere auch erhärtet worden durch die großen naturwissenschaftlichen Fortschritte, die ja dann in derjenigen Zeit kamen, von der ich Ihnen schon gesprochen habe, in der Franz Brentano jung war.
[ 19 ] But even this insight had already been lost to humanity, and so people were merely the recipients of dead thought; and whatever came to them from living thought, they revered as revelation—if they attached any value to it at all. This had been reinforced in particular by the great advances in the natural sciences that occurred during the period I have already mentioned to you, when Franz Brentano was young.
[ 20 ] Zu mancherlei Eigentümlichkeiten Franz Brentanos muß ich heute noch zwei hinzufügen. Gestern wollte ich mehr die Persönlichkeit charakterisieren, heute will ich mehr auf die Zeitentwickelung hinweisen. Daher muß die heutige Betrachtung etwas allgemeiner sein.
[ 20 ] I must add two more points today regarding some of Franz Brentano’s peculiarities. Yesterday I sought to characterize his personality; today I wish to focus more on the historical development. Therefore, today’s discussion must be somewhat more general.
[ 21 ] Neben all den Eigenschaften, die ich Ihnen gestern von diesem aus dem Katholizismus herausgewachsenen, dann aber zum allgemeinen Philosophen gewordenen Franz Brentano angeführt habe, war ihm eine ungeheure Antipathie gegenüber Fichte, Schelling und Hegel eigen. Er hat nicht so geschimpft, wie Schopenhauer über Fichte, Schelling und Hegel geschimpft hat, weil er wohl eine bessere Erziehung hatte; aber harte Worte, die nur eben vornehmer ausgesprochen wurden — nicht in dem manchmal wirklich abscheulichen Schopenhauerschen Ton —, harte Worte über Fichte, Schelling und Hegelhat Franz Brentano schon auch ausgesprochen. Nur muß man einsehen, daß ein Mensch, der aus dem Katholizismus zu einer neuen Anschauung herauswächst, im Grunde genommen gar nicht anders zu Fichte, Schelling und Hegel stehen kann, als Franz Brentano gestanden hat. Was etwa für Hegel höchste menschliche Erkenntniskraft, das Denken, ist, das will man ja, wenn man aus der Scholastik herausgewachsen ist, nur auf die Sinnenwelt angewandt wissen, und da ist einem dieses Denken nur ein Hilfsmittel.
[ 21 ] In addition to all the characteristics I mentioned to you yesterday regarding Franz Brentano—who emerged from Catholicism but later became a philosopher in the general sense—he was marked by an immense antipathy toward Fichte, Schelling, and Hegel. He did not rail against them as Schopenhauer railed against Fichte, Schelling, and Hegel—perhaps because he had a better upbringing—but Franz Brentano did indeed utter harsh words about Fichte, Schelling, and Hegel, albeit expressed in a more refined manner—not in Schopenhauer’s sometimes truly abhorrent tone. One must simply recognize, however, that a person who grows out of Catholicism into a new worldview cannot, fundamentally speaking, take any other stance toward Fichte, Schelling, and Hegel than the one Franz Brentano took. For example, what Hegel regards as the highest human faculty of cognition—thinking—is something that, once one has outgrown scholasticism, one wishes to see applied only to the sensory world, and in that context, this thinking is merely a tool.
[ 22 ] Denken Sie doch nur einmal: Man kommt mit diesem Denkleichnam an die Sinnenwelt heran, man erfaßt zunächst die leblose Natur. Die lebendige Natur kann man ohnedies nicht mit diesem Denken erfassen. Für die leblose Natur ist dieser Denkleichnam gerade recht. Aber Hegel wollte die ganze Welt mit all ihren Geheimnissen mit diesem Denkleichnam umfassen. Sie finden daher irgendwelche Lehre über Unsterblichkeit oder Gott bei Hegel nicht, sondern was Sie finden, ist etwas, was Ihnen eigentlich auch schon ganz merkwürdig erscheinen wird.
[ 22 ] Just think about it for a moment: With this “corpse of thought,” one approaches the sensory world; one first grasps inanimate nature. In any case, one cannot grasp living nature with this “carcass of thought.” For inanimate nature, this “carcass of thought” is just right. But Hegel wanted to encompass the entire world, with all its mysteries, using this “carcass of thought.” Therefore, you will not find any doctrine of immortality or God in Hegel; rather, what you will find is something that will actually strike you as quite strange.
[ 23 ] Hegel teilt sein System in drei Teile:
[ 23 ] Hegel divides his system into three parts:
[ 24 ] Logik, Naturphilosophie, Lehre vom Geist = Kunst, Religion, Wissenschaft
[ 24 ] Logic, philosophy of nature, philosophy of mind = art, religion, science
[ 25 ] Die Logik ist ein Inventar sämtlicher Begriffe, die der Mensch entwickeln kann, aber nur derjenigen Begriffe, die abstrakt sind. Diese Logik beginnt beim Sein, geht zum Nichts, zum Werden. Ich weiß schon, daß, wenn ich die ganze Liste anführen würde, Sie aus der Haut fahren würden, weil Sie in all diesen Dingen nichts finden würden von dem, was Sie eigentlich suchen. Und Hegel sagt dennoch: Das, was da im Menschen wieder auftaucht, wenn er Sein, Nichts, Werden, Dasein und so weiter als abstrakte Begriffe entwickelt, das ist der Gott vor der Erschaffung der Welt.
[ 25 ] Logic is an inventory of all the concepts that human beings can develop, but only those concepts that are abstract. This logic begins with Being, moves on to Nothingness, and then to Becoming. I already know that if I were to list them all, you would be beside yourself, because you would find nothing in all these things that you are actually looking for. And yet Hegel says: What reemerges in human beings when they develop Being, Nothing, Becoming, Existence, and so on as abstract concepts—that is God before the creation of the world.
[ 26 ] Nehmen Sie die Hegelsche Logik, es sind lauter abstrakte Begriffe vom Anfang bis zum Ende, denn der letzte Begriff ist der des Zweckes. Mit dem können Sie auch noch nicht viel anfangen. Von irgendeiner Seelenunsterblichkeit, von einem Dasein Gottes in dem Sinne, wie Sie es als berechtigt anerkennen, ist gar nichts da, sondern ein Inventar von lauter abstrakten Begriffen. Aber denken Sie sich diese abstrakten Begriffe nun als vorhanden, bevor es eine Natur gibt, bevor es Menschen gab und so weiter. Das ist der Gott vor der Erschaffung der Welt, sagt Hegel. Die Logik ist der Gott vor der Erschaffung der Welt. Und diese Logik hat dann die Natur erschaffen und ist in der Natur zum Bewußtsein ihrer selbst gekommen.
[ 26 ] Take Hegel’s logic: it consists entirely of abstract concepts from beginning to end, for the final concept is that of purpose. You can’t really make much of that yet either. There’s absolutely nothing there about the immortality of the soul or the existence of God in the sense that you would recognize as valid—just a collection of nothing but abstract concepts. But now imagine these abstract concepts as existing before nature existed, before humans existed, and so on. That is God before the creation of the world, says Hegel. Logic is God before the creation of the world. And this logic then created nature and came to self-consciousness within nature.
[ 27 ] Also zuerst die Logik, die, nach Hegel, der Gott vor der Erschaffung der Welt ist. Dann geht sie in ihr Anderssein über und kommt zu sich selbst, zu ihrem Selbstbewußtsein; da wird sie der Menschengeist. Und das ganze System schließt dann als Höchstes mit Kunst, Religion und Wissenschaft. Das sind die drei höchsten Ausgestaltungen des Geistes. So daß also in Religion, Kunst und Wissenschaft der Gott eben innerhalb der Erde weiterlebt. Nichts anderes, als was auf der Erde im gewöhnlichen Erleben ist, registriert Hegel. Er kündet also eigentlich nur den Geist, der gestorben ist, nicht den lebenden Geist.
[ 27 ] So first there is logic, which, according to Hegel, is God before the creation of the world. Then it transitions into its otherness and comes to itself, to its self-consciousness; there it becomes the human spirit. And the entire system then culminates, at its highest point, in art, religion, and science. These are the three highest manifestations of the Spirit. Thus, in religion, art, and science, God continues to live right here on earth. Hegel records nothing other than what is found on earth in ordinary experience. So he is actually proclaiming only the Spirit that has died, not the living Spirit.
[ 28 ] Das muß abgelehnt werden von solchen Menschen, die nun im neuzeitlichen Sinne Wissenschaft suchen, aus naturwissenschaftlicher Erziehung heraus. Es muß deshalb abgelehnt werden, weil, wenn man mit den toten Begriffen in die Natur hinausdringt, die Sache ja doch nicht so geht, daß man bei den Abstraktionen bleibt. Selbst wenn Sie noch so schlecht botanisch erzogen werden, so daß Sie sich alle schönen Blumen in die Zahl der Staubgefäße, in die Beschreibung des Samens, des Fruchtknotens und so weiter verwandeln, selbst wenn Sie noch so abstrakte Begriffe im Kopfe haben und dann mit der Botanisiertrommel hinausgehen und nichts anderes zurückbringen als abstrakte Begriffe, so sind wenigstens die welken Blumen noch da, und die sind noch immer konkreter als die abstraktesten Begriffe. Und wenn Sie als Chemiker im Laboratorium stehen, ja, Sie mögen noch so viel von allerlei Atomprozessen und dergleichen phantasieren, immerhin können Sie doch nicht umhin, was in der Retorte vorgeht, auch zu beschreiben, wenn Sie eine bestimmte Substanz drinnen haben und darunter die Lampe, die diese Substanz zum Verdunsten, Schmelzen und so weiter bringt. Sie müssen irgend etwas, was eine Sache ist, doch noch beschreiben. Und schließlich, wenn in der Optik Ihnen die Physiker auch aufzeichnen, wie die Lichtstrahlen sich brechen, und alles das beschreiben, was die Lichtstrahlen nach der Ansicht der Physiker noch tun, so werden Sie doch immer wieder, wenn jene schöne Zeichnung gemacht wird, die zeigt, wie die Lichtstrahlen durch ein Prisma gehen, abgelenkt werden in verschiedener Weise, Sie werden doch immer wieder an die Farben noch erinnert werden. Und wenn auch in der physikalischen Farbenerklärung alle Farbe schon längst ausgedunstet ist, Sie werden doch immer noch an die Farben erinnert. Aber wenn man mit dem ganz abstrakten Begriffssystem, mit der ganz abstrakten Logik das Geistige erfassen will, so bleibt einem eben nichts übrig als die abstrakte Logik. Das konnte ein Mensch wie Franz Brentano nicht als eine wirkliche Beschreibung des Geistes annehmen, übrigens auch die anderen Scholastiker nicht, denn die haben sie wenigstens noch traditionell als Offenbarung. Daher stand Brentano als Student in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem wirklich schier unbezähmbaren Wahrheits- und Wissensdrang, mit einer inneren wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit sondergleichen so in seiner Zeit darinnen, daß er von denen, die noch die letzten Philosophengrößen der neueren Zivilisation waren, nichts empfangen konnte. Nur von der strengen naturwissenschaftlichen Methode konnte er etwas halten. Im Herzen trug er, was ihm der Katholizismus mit seiner Theologie gegeben hatte. Das alles brachte er aber nicht zu einer neuen Erfassung des Geistigen.
[ 28 ] This must be rejected by those who now seek science in the modern sense, based on a scientific education. It must be rejected because, when one ventures out into nature with these dead concepts, things do not, after all, work in such a way that one can remain confined to abstractions. Even if your botanical education is so poor that you reduce all the beautiful flowers to a count of stamens, a description of the seed, the ovary, and so on—even if you have such abstract concepts in your head and then go out with your botanical collection bag and bring back nothing but abstract concepts—at least the wilted flowers are still there, and they are still more concrete than even the most abstract concepts. And when you stand in the laboratory as a chemist—yes, no matter how much you might fantasize about all sorts of atomic processes and the like—you still cannot help but describe what is happening in the retort when you have a specific substance inside it and the lamp below it that causes that substance to evaporate, melt, and so on. You must still describe something that is a tangible thing. And finally, when physicists in the field of optics draw for you how light rays refract and describe everything that, in the physicists’ view, the light rays still do, you will still, time and again—when that beautiful drawing is made showing how light rays pass through a prism and are deflected in various ways—be reminded of the colors. And even though all color has long since evaporated from the physical explanation of color, you will still be reminded of the colors. But if one attempts to grasp the spiritual realm using a purely abstract conceptual system and purely abstract logic, one is left with nothing but that abstract logic. A man like Franz Brentano could not accept this as a true description of the spirit—nor, for that matter, could the other scholastics, for they at least still regarded it traditionally as revelation. Thus, as a student in the mid-19th century, Brentano—with a truly unbridled thirst for truth and knowledge and an unparalleled inner scientific rigor—was so deeply immersed in his own time that he could receive nothing from those who were still the last great philosophers of modern civilization. He could only value the strict scientific method. In his heart, he carried what Catholicism, with its theology, had given him. Yet he did not bring all of this to bear in a new understanding of the spiritual.
[ 29 ] Aber gerade dabei ist anziehend, wie unendlich wahrhaftig dieser Mensch war. Denn — und damit komme ich auf das andere, das ich anführte — wenn wir den Menschen betrachten, wie er hereingeboren wird in die physische Welt, wie er die ersten zappelnden Bewegungen als Kind macht, wie wir in den ersten zappelnden Kindesbewegungen in ungeschickter Art die Entfaltung dessen sehen, was ungeheuer weise war, bevor es heruntergestiegen ist in die physische Welt, dann sagen wir uns, wenn wir Geisteswissenschaft richtig verstehen: Wir sehen, wie der kindliche Hauptesorganismus geboren wird. In ihm haben wir ein Abbild des Kosmos. Nur an der Schädelbasis stemmen sich gewissermaßen die irdischen Kräfte entgegen. Wenn die Schädelbasis ebenso abgerundet wäre, wie der Kopf nach oben abgerundet ist, so wäre das Haupt durchaus ein Abbild des Kosmos. Das bringt der Mensch mit. Das Haupt können wir durchaus, wenn wir es als physischen Leib betrachten, als ein Abbild des Kosmos ansehen. Das ist es wirklich.
[ 29 ] But what is particularly compelling here is just how infinitely genuine this person was. For—and this brings me to the other point I mentioned—when we observe a human being as he is born into the physical world, as he makes his first wriggling movements as a child, and as we see in those first clumsy movements the unfolding of what was immensely wise before it descended into the physical world, then, if we understand spiritual science correctly, we say to ourselves: We see how the child’s head organism is born. In it we have an image of the cosmos. Only at the base of the skull do the earthly forces, so to speak, exert their counterforce. If the base of the skull were just as rounded as the top of the head is rounded, then the head would indeed be an image of the cosmos. This is what the human being brings with them. We can certainly regard the head—when we consider it as a physical body—as a reflection of the cosmos. That is truly what it is.


[ 30 ] Man hat es mir übelgenommen, daß ich auch öffentlich eine wichtige Tatsache erwähnt habe, aber ohne daß solche Tatsachen erwähnt werden, kann man eigentlich nicht an die Weltzusammenhänge kommen: Ich habe öffentlich dargestellt, wie im menschlichen Gehirn eine gewisse Anordnung der Furchenbildung ist, gewisse Zentren sind und so weiter. Auch bis in diese kleinsten Einzelheiten ist dieses menschliche Gehirn ein Abbild des Sternenhimmels für den Zeitpunkt, da der Mensch geboren ist. Im Haupte sehen wir ein Abbild des Kosmos, den wir äußerlich sinnlich auch sehen, wenn auch die meisten Menschen sein Geistiges nicht wahrnehmen. Im Brustorganismus, in dem, was hauptsächlich dem rhythmischen System zugrunde liegt, sehen wit, wie die Rundung des Kosmos zwar durch die Anpassung an die Erde schon etwas überwunden ist, aber wer den Brustorganismus mit seiner eigentümlichen Bildung des Rückgrates mit den Rippen verfolgt und sieht, wie dieser Brustorganismus in der Atmung mit dem Kosmos zusammenhängt, der kann, wenn auch schon sehr verändert, in dem Brust-, in dem rhythmischen Organismus doch noch etwas wie ein Nachbild des Kosmos sehen. Nicht aber mehr in dem Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus. Da können Sie unmöglich etwas sehen, was dem Kosmos nachgebildet ist. Nun hängt die Kopfbildung mit dem Denken zusammen, der Brustorganismus, der rhythmische Organismus mit dem Fühlen, und der Stoffwechsel-GliedmaBenorganismus mit dem Wollen.
[ 30 ] People took offense at my publicly mentioning an important fact, but without mentioning such facts, one cannot truly grasp the interconnections of the world: I have publicly described how the human brain has a certain arrangement of sulci, certain centers, and so on. Even down to these smallest details, the human brain is a reflection of the starry sky at the moment of a person’s birth. Essentially, we see a reflection of the cosmos that we also perceive externally through our senses, even though most people do not perceive its spiritual aspect. In the chest organism—which primarily underlies the rhythmic system—we see how the curvature of the cosmos is already somewhat overcome through adaptation to the Earth, but anyone who observes the chest organism with its distinctive formation of the spine and ribs, and sees how this chest organism is connected to the cosmos through breathing, can still perceive—albeit in a greatly altered form—something like an afterimage of the cosmos in the chest, in the rhythmic organism. But not in the metabolic-limb organism. There you cannot possibly see anything that is modeled after the cosmos. Now, the formation of the head is connected to thinking, the thoracic organism—the rhythmic organism—to feeling, and the metabolic-limb organism to willing.


[ 31 ] Warum ist denn gerade der Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus, der eigentlich das Irdischste an dem Menschen darstellt, der Träger des Wollens? Das hängt so zusammen: Im menschlichen Haupte haben wir ein sehr getreues Abbild des Kosmos. Da ist das Seelisch-Geistige in den Kopf ausgeflossen, in die Bildungskräfte hineingeflossen. Man möchte sagen: Der Mensch hat gelernt, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, von den kosmischen Kräften, und hat sein Haupt darnach gebildet. Ein wenig bildet er noch den Brustorganismus darnach, aber gar nicht mehr den Gliedmaßenorganismus. In diesem ist das Wollen. So daß, wenn man den menschlichen äußeren Organismus ansieht, das Denken dem Haupte zugeordnet werden muß, das Fühlen dem mittleren Menschen und das Wollen dem Stoffwechsel-Gliedmaßenorganismus. In dem, was wirklich das Niedrigste ist, der Stoffwechsel und die Gliedmaßen, erhält sich aber auch das Geistige am besten, so daß wir in unserem Denken nur einen Leichnam dessen haben, was wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind. In unserem Fühlen haben wir schon etwas mehr, aber das Fühlen bleibt ja auch traumhaft, wie Sie wissen, und das Wollen, das übersieht man mit dem gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht mehr. Das Wollen bleibt ganz im Unbewußten, aber da drinnen ist noch am meisten Lebendiges von dem, was wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind auf die Erde. Wenn wir als Kind heranentwickelt werden, ist im Wollen am meisten von unserer unsterblichen Seele. Nun, die meisten Menschen machen sich nicht viele Skrupel, sie sagen: Der Mensch hat in sich die drei Seelenkräfte, das Denken, das Fühlen und das Wollen. Sie wissen ja, diese drei Seelentätigkeiten werden aufgezählt, so wie wenn sie für das gewöhnliche Bewußtsein vorhanden wären, während wir erst in der Anthroposophie darauf aufmerksam machen müssen: Eigentlich hat man ja nur das Denken als etwas vollständig Waches. Das Fühlen ist schon so, wie die Träume im Menschen, und von dem Wollen weiß der Mensch überhaupt nichts. Ich muß immer wieder betonen: Wenn wir auch nur einen Arm heben wollen — wie der Gedanke: «Ich hebe den Arm», hineinströmt in den Organismus und zum Wollen wird, so daß dann die Armhebung wirklich stattfindet, davon weiß der Mensch nichts, das verschläft er im wachen Zustand ebenso, wie er sonst die Dinge verschläft vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Statt daß also die Menschen sagen: Wir haben in uns das wache Denken, das träumende Fühlen, das schlafende Wollen —, sagen sie: Wir haben Denken, Fühlen und Wollen, die ganz gleichbedeutend nebeneinander liegen sollen.
[ 31 ] Why is it that the metabolic-limb organism—which actually represents the most earthly aspect of the human being—is the bearer of the will? The connection is as follows: In the human head, we have a very faithful reflection of the cosmos. The soul-spiritual has flowed into the head, into the formative forces. One might say: Before descending to Earth, the human being learned from the cosmic forces and formed his head accordingly. To a small extent, he still forms the chest organism accordingly, but no longer the limb organism at all. It is in the limb organism that volition resides. So that, when one looks at the human external organism, thinking must be assigned to the head, feeling to the middle part of the human being, and willing to the metabolic-limb organism. Yet it is in what is truly the lowest—the metabolism and the limbs—that the spiritual is best preserved, so that in our thinking we have only a corpse of what we were before we descended. In our feeling we already have a little more, but feeling, as you know, remains dreamlike, and as for willing—that is completely overlooked by ordinary consciousness. Will remains entirely in the unconscious, but within it lies the most life-giving aspect of what we were before we descended to Earth. As we develop as children, it is in the will that the greatest part of our immortal soul resides. Now, most people do not give this much thought; they say: Human beings possess within themselves the three soul forces—thinking, feeling, and willing. You know, these three soul activities are listed as if they were present in ordinary consciousness, whereas in anthroposophy we must first point out: In reality, only thinking is something that is fully awake. Feeling is already like the dreams within a person, and a person knows absolutely nothing about the will. I must emphasize again and again: Even when we want to raise just one arm—as the thought “I am raising my arm” flows into the organism and becomes a volition, so that the raising of the arm actually takes place—the human being knows nothing of this; they sleep through it in the waking state just as they otherwise sleep through everything from falling asleep to waking up. So instead of people saying, “We have within us waking thinking, dreaming feeling, and sleeping willing,” they say, “We have thinking, feeling, and willing, which are supposed to exist side by side as entirely equivalent.”
[ 32 ] Nun stellen Sie sich einen Menschen vor, der ein unendliches Wahrheitsgefühl hat, und der mit der modernen Naturwissenschaft geht, also nur das Denken anwendet. Der moderne Naturforscher, ob er nun mikroskopiert, ob er mit dem Teleskop sich den Kosmos anschaut, oder ob er mit dem Spektralapparat Astrophysik treibt, er wendet sich immer nur an das bewußte Denken. Daher wurde es auch für Franz Brentano wie ein Axiom, daß alles Unbewußte abgewiesen werden mußte. Er wollte nur bei dem gewöhnlichen bewußten Denken bleiben, und für das wollte er nicht höhere Erkenntnisfähigkeiten ausbilden. Was könnten wir eigentlich von einem solchen Menschen erwarten, wenn er von der Seele spricht, wenn er als Psychologe sprechen will? Man könnte eigentlich erwarten, wenn er sich nur an das Bewußte hält, daß er in der Psychologie von dem Wollen gar nicht spricht. Man könnte erwarten, daß er das Wollen ganz ausstreicht, dem Fühlen gegenüber recht unsicher wird, und eigentlich nur das Denken richtig behandelt.
[ 32 ] Now imagine a person who has an infinite sense of truth and who follows modern natural science—that is, who relies solely on reason. The modern natural scientist—whether examining specimens under a microscope, observing the cosmos through a telescope, or conducting astrophysics with a spectrometer—always relies solely on conscious thought. Consequently, it became an axiom for Franz Brentano that everything unconscious had to be rejected. He wanted to stick solely to ordinary conscious thinking, and for that purpose he did not wish to develop higher cognitive faculties. What could we actually expect from such a person when he speaks of the soul, when he seeks to speak as a psychologist? One might actually expect—if he adheres solely to the conscious—that he would not speak of volition at all in psychology. One might expect him to omit volition entirely, to become quite uncertain regarding feeling, and to treat only thinking properly.
[ 33 ] Darauf sind andere, oberflächlichere Geister nicht gekommen. Franz Brentanos Psychologie teilt die Seelenfähigkeiten nicht in Denken, Fühlen und Wollen ein, sondern in Vorstellen, Urteilen und in die Phänomene von Liebe und Haß, das heißt in die Phänomene von Sympathie und Antipathie, das heißt des Fühlens. Wollen finden Sie überhaupt nicht bei ihm. Das richtige aktive Wollen fehlt in der Brentanoschen Psychologie, weil er eben grundehrlicher Wahrheitssucher war, und sich eigentlich hat sagen müssen: Das Wollen finde ich eben nicht.
[ 33 ] Other, more superficial minds did not come to this conclusion. Franz Brentano’s psychology does not divide the faculties of the soul into thinking, feeling, and willing, but rather into imagining, judging, and the phenomena of love and hate—that is, into the phenomena of sympathy and antipathy, or, in other words, of feeling. You will find no concept of volition in his work at all. True active volition is absent from Brentano’s psychology because he was, after all, a fundamentally honest seeker of truth, and he must have had to admit to himself: “I simply cannot find volition.”
[ 34 ] Es hat wiederum etwas ungeheuer Ergreifendes, zu sehen, wie unendlich aufrichtig und ehrlich diese Persönlichkeit eigentlich ist. Es fehlt das Wollen in Brentanos Psychologie, denn das Urteilen und Vorstellen trennt er, damit er nun auch drei Glieder des Seelenlebens hat; aber Urteilen und Vorstellen fällt ja zusammen in bezug auf die Seelenfähigkeit, so daß er eigentlich nur zwei hat.
[ 34 ] There is, once again, something incredibly moving about seeing just how infinitely sincere and honest this person actually is. There is a lack of volition in Brentano’s psychology, for he separates judgment and imagination, thereby establishing three elements of mental life; but judgment and imagination are, in fact, one and the same in terms of mental capacity, so that he actually has only two.
[ 35 ] Nun denken Sie an die Folge dessen, was da bei Brentano auftritt. Was hat er denn in Realität ich? im Menschen? Dadurch, daß er moderner Naturwissenschafter geworden ist und auf nichts etwas gegeben hat, was sich nicht dem bewußten Denken darbietet nach der naturwissenschaftlichen Methode, dadurch schaltet er aus der menschlichen Seele das Wollen aus. Und was schaltet er damit aus? Gerade dasjenige, was wir als Lebendes aus unserem Zustande, bevor wir heruntersteigen in einen physischen Leib, mitbringen.
[ 35 ] Now consider the consequences of what is happening with Brentano. What does he actually have in reality? In human beings? By becoming a modern natural scientist and attaching no value to anything that does not present itself to conscious thought according to the scientific method, he thereby eliminates volition from the human soul. And what does he thereby eliminate? Precisely that which we bring with us as a living entity from our state before we descend into a physical body.
[ 36 ] Brentano war vor eine Wissenschaft gestellt, die ihm gerade das Ewige in der Seele ausschaltete. Die anderen Psychologen haben das nicht empfunden. Er hat es empfunden, und deshalb ergab sich für ihn der ungeheure Abgrund zwischen dem, was ihm einstmals Offenbarungslehre war, die ihm von dem Ewigen der Menschenseele sprach, und dem, was er nach seiner naturwissenschaftlichen Methode allein finden konnte, was ihm sogar das Wollen und damit das Ewige aus der Menschenseele wegstrich.
[ 36 ] Brentano was confronted with a science that effectively eliminated the eternal aspect of the soul for him. The other psychologists did not feel this. He did feel it, and that is why an immense chasm opened up for him between what had once been his doctrine of revelation—which spoke to him of the eternal in the human soul—and what he could discover solely through his scientific method, which even stripped away the will—and with it, the eternal—from the human soul.
[ 37 ] So ist Brentano schon eine Persönlichkeit, die charakteristisch ist für alles das, was das 19. Jahrhundert dem Menschen eben nicht geben konnte. Denn die Tore nach der geistigen Welt mußten geöffnet werden. Und das ist der Grund, warum ich Ihnen gerade von Franz Brentano gesprochen habe, der 1917 in Zürich gestorben ist, weil ich in ihm den charakteristischsten aller derjenigen Philosophen des 19. Jahrhunderts sehe, die schon ein ernstes Wahrheitsstreben hatten, die aber festgehalten wurden durch die Fesseln der naturwissenschaftlichen Gesinnung, die nicht herauf wollten zu einer geistigen Erfassung der Welt, dabei aber überall zeigen, daß die Zeit herangekommen ist, wo man diese geistige Auffassung braucht. Was ist denn schließlich der Unterschied zwischen dem, was nun Geisteswissenschaft im anthroposophischen Sinne wirklich will, und dem tragischen Streben eines solchen Menschen, wie Franz Brentano einer war? Daß Franz Brentano mit ungeheurem Scharfsinn überall die Begriffe herangetragen hat, die man eben aus dem gewöhnlichen Bewußtsein heraus bekommen kann, und gesagt hat: Da muß man stehenbleiben. — Aber die Erkenntnis ist nicht vollendet; vergeblich strebt man so nach einer wirklichen Erkenntnis. Niemals aber hat er sich damit zufrieden gegeben, immer wieder wollte er heraus. Sein Naturwissenschaftliches ließ ihn nur nicht herauskommen. Und das ist bis zu seinem Tode so geblieben. Man möchte sagen: Geisteswissenschaft mußte dort anfangen, wo Brentano aufgehört hatte, mußte den Schritt wagen, von dem gewöhnlichen Bewußtsein in das höhere Bewußtsein hineinzukommen. Deshalb ist er so außerordentlich interessant, eben der interessanteste Philosoph von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn an ihm war wirklich das Wahrheitsstreben etwas Persönliches. Man muß schon sagen: Will man an einem Symptom studieren, was ein Mensch erleben mußte an der Wissenschaftsentwickelung, an der geistigen Entwickelung in der neuesten Zeit, so kann man diesen Neffen des Clemens Brentano, den Philosophen Franz Brentano ins Auge fassen. Er ist charakteristisch für alles, was man als Mensch suchen muß und mit der gewöhnlichen naturwissenschaftlichen Methode eben nicht finden kann. Er ist charakteristisch dafür, weil man hinausgehen muß über das, was er mit so ehrlichem Wahrheitssinn angestrebt hat. Je genauer man ihn betrachtet, bis in seine Gliederungen der Psychologie hinein, desto mehr fällt einem dieses auf. Gerade er ist einer derjenigen Geister, die zeigen: Die Menschheit braucht wiederum ein Geistesleben, das in alles eingreifen kann. Von der Naturwissenschaft kann es nicht kommen. Aber diese Naturwissenschaft ist überhaupt das Schicksal der neueren Zeit, wie sie das Schicksal Brentanos geworden ist. Denn wie der richtige moderne Faust des 19. Jahrhunderts sitzt dieser Brentano zuerst in Würzburg, dann in Wien, dann in Florenz, dann in Zürich, und ringt mit den größten Problemen der Menschheit. Er gesteht sich zwar nicht, «daß wir nichts wissen können», aber müßte es sich eigentlich gestehen, wenn er sich seine eigene Methode voll bewußt machen würde. Eigentlich müßte er sich sagen: Die Naturwissenschaft ist das, was mich hindert, den Weg in die geistige Welt hinein zu unternehmen.
[ 37 ] Thus, Brentano is already a figure who epitomizes everything that the 19th century simply could not offer humanity. For the gates to the spiritual world had to be opened. And that is why I have just spoken to you about Franz Brentano, who died in Zurich in 1917—because I see in him the most characteristic of all those 19th-century philosophers who already possessed a serious quest for truth, but who were held back by the shackles of a natural-scientific mindset that refused to rise to a spiritual understanding of the world, yet who demonstrate everywhere that the time has come when this spiritual understanding is needed. What, then, is ultimately the difference between what spiritual science in the anthroposophical sense truly aims for, and the tragic striving of a man such as Franz Brentano? That Franz Brentano, with immense acumen, brought forth everywhere the concepts that can be derived from ordinary consciousness, and said: “One must stop there.” — But knowledge is not complete; one strives in vain for true knowledge in this way. Yet he was never satisfied with this; time and again he wanted to break free. His natural science simply prevented him from doing so. And that remained the case until his death. One might say: The science of the spirit had to begin where Brentano had left off; it had to take the leap from ordinary consciousness into higher consciousness. That is why he is so extraordinarily interesting—indeed, the most interesting philosopher of the second half of the 19th century—for in his case, the quest for truth was truly a personal matter. One must certainly say: If one wishes to study, through a single symptom, what a human being had to experience in the development of science and in intellectual development in recent times, then one can turn one’s attention to this nephew of Clemens Brentano, the philosopher Franz Brentano. He is characteristic of everything that one must seek as a human being and that one simply cannot find using the ordinary scientific method. He is characteristic of this because one must go beyond what he strove for with such an honest sense of truth. The more closely one examines him—right down to the structure of his psychological theories—the more this becomes apparent. He, in particular, is one of those minds who demonstrate that humanity once again needs a spiritual life capable of permeating everything. This cannot come from the natural sciences. But this natural science is, in fact, the fate of the modern era, just as it became Brentano’s fate. For, like the true modern Faust of the nineteenth century, Brentano first resided in Würzburg, then in Vienna, then in Florence, then in Zurich, wrestling with humanity’s greatest problems. He does not admit to himself, “that we can know nothing,” but he would actually have to admit it if he were fully aware of his own method. In fact, he would have to say to himself: Natural science is what prevents me from embarking on the path into the spiritual world.
[ 38 ] Aber diese Naturwissenschaft spricht eben eine starke autoritative Sprache. Und so ist es ja auch heute im öffentlichen Leben. Die Naturwissenschaft selbst kann den Menschen das nicht bieten, was sie brauchen für ihre Seele. Die größten Errungenschaften des 19. Jahrhunderts und die des 20. Jahrhunderts konnten den Menschen nicht geben, was eine Art führendes Geistiges darstellte. Und ein starkes Hindernis ist diese naturwissenschaftliche Gesinnung durch ihre mächtige Autorität, denn überall, wo Anthroposophie auftritt, stellt sich ihr die Naturwissenschaft zunächst entgegen, und obzwar die Naturwissenschaft selber dem Menschen nichts geben kann, frägt man doch bei der Anthroposophie: Stimmt die Naturwissenschaft mit ihr überein? — weil auch diejenigen Menschen, die gar nicht viel von der Naturwissenschaft wissen, heute das autoritative Gefühl haben, die Naturwissenschaft hat recht, und wenn die sagt, daß Anthroposophie ein Unding ist, dann muß es stimmen. — Die Leute brauchen, wie gesagt, gar nicht viel von der Naturwissenschaft zu wissen, denn was wissen schließlich die monistischen Redner viel von Naturwissenschaft? Sie haben ja in der Regel dasjenige von der Naturwissenschaft an allgemeinen Dingen im Kopfe, was vor drei Jahrzehnten gegolten hat! Aber sie tun so, als ob sie aus dem vollen Geist der gegenwärtigen Naturwissenschaft heraus reden würden. Daher gilt das für viele Menschen als Autorität.
[ 38 ] But this natural science speaks in a strong, authoritative voice. And that is indeed the case in public life today as well. Natural science itself cannot offer people what they need for their souls. The greatest achievements of the 19th century and those of the 20th century could not give people what constituted a kind of guiding spiritual force. And this scientific mindset, with its powerful authority, is a major obstacle; for wherever anthroposophy appears, science initially opposes it, and even though science itself cannot give people anything, people still ask of anthroposophy: Does it agree with science? — because even those people who do not know much about natural science today have the authoritative feeling that natural science is right, and if it says that anthroposophy is nonsense, then it must be true. — As I said, people don’t need to know much about natural science at all, for what do the monistic speakers really know about natural science? As a rule, they have in their minds only the general notions of natural science that were accepted three decades ago! Yet they act as if they were speaking from the very heart of contemporary natural science. That is why this is regarded as authoritative by many people.
[ 39 ] Man kann schon auch an dem inneren Schicksal Brentanos das äußere Schicksal, jetzt nicht das innere, aber das äußere Schicksal der anthroposophischen Weltanschauung sehen.
[ 39 ] One can indeed see in Brentano’s inner destiny the outer destiny—not the inner, but the outer destiny—of the anthroposophical worldview.



